Beziehungen von Don Ralf
Beziehungen von Don Ralf

Es war 9 Uhr und sie wusste nicht wo sie war, dass sie wusste wie spät es war, lag nicht daran, dass sie eine Uhr oder ein Handy da hatte, nein, sie lag direkt unter einer Riesenuhr in einem Bahnhof. 9 Uhr, ich muss los, dachte sie sich, aber wohin? Was wollte sie denn überhaupt? Sie hatte alles vergessen, oder hatte sie es nie gewusst? Sie schaute sich um, niemand da, oder sah sie nur Niemanden? Naja was solls, ich muss los, dachte sie sich, und stand auf. Irgendwie tat ihr alles weh, muss wohl an dieser Bank liegen. Sie ging hoch in den Empfangsbereich des Bahnhofs und stellte fest, dass sie sich überhaupt nicht auskannte. Wo bin ich?, dachte sie sich, und ging nach draußen. Wo war ich gestern? Was ist passiert?, da fiel ihr ein, dass sie sich am Vortag mit ihrem Freund gestritten hatte. Richtig, ich habe mich mit ihm gestritten und bin dann in die nächste Stadt gefahren, mit dem Zug. Mmh, war wohl eher die nächste Kneipe, wenn ich meinen Kopf so merke, tut ziemlich weh. Muss gestern ganz schön viel gewesen sein, was ich getrunken habe, und nach einem Blick in ihre Geldbörse fiel ihr auf, dass sie auch ihr ganzes Geld ausgegeben hatte, und dann fiel ihr alles wieder ein: sie hatte den falschen Zug erwischt und war in die falsche Richtung gefahren. Aber egal, ich muss jetzt wieder nach Hause, auch wenn sie von dem Arschloch von Mann nichts mehr wissen wollte. Aber eigentlich musste sie ja auf Arbeit sein, denn es war Mittwoch, sofern sie nicht nur eine Nacht dort geshlafen hatte. Allerdings, dachte sie mit einem Lächeln, so viel habe ich nun doch nicht getrunken. Sie griff in ihre Handtasche und suchte ihr Handy, aber es war keins da, hatte sie wohl zu Hause vergessen, schließlich war sie ja auch rausgerannt. Er lag schließlich mit einer Anderen im Bett, und dann auch noch behaupten, ich sei schuld! So ein Arschloch. Der ist sowieso keinen Gedanken mehr wert, ich sollte lieber bei der Arbeit Bescheid sagen das ich nicht komme, dachte sie sich. Sie suchte nun eine Telefonzelle, allerdings in der heutigen Welt wer braucht da noch eine Telefonzelle, wo jeder doch ein Handy hat? Nachdem sie nun geschätzt eine Stunde durch die Stadt geirrt war, hatte sie nun eine gefunden, aber Kleingeld hatte sie nun trotzdem nicht. Soll ich jetzt vorbeigehende Leute nach etwas Kleingeld fragen? So wie ich aussehe denken die doch ich bin ein Penner und brauche nur was für meinen nächsten Rausch. Nun denn, muss ich es halt versuchen, vielleicht gibt mir jemand etwas. Nachdem sie ein paar Leute gefragt hatte, hatte sie einen Euro zusammen. Nun denn ich muss mich jetzt bei meiner Firma melden. Sie nahm den Hörer und hob ab, wählte die Nummer, es klingelte. „Software Solution Kringe, Frau Krahn am Apparat.“ Zum Glück eine vertraute Stimme. „Hallo Sabine, wie geht’s dir? Hier ist Chrissi.“ Ein langes Schweigen folgte. „Hallo, bist du noch dran?“ „Ja, entschuldigen Sie, wer sind Sie?“ „Hier ist Christin, Christin Schweiger.“ Wieder ein langes Schweigen. „Ich kenne keine Christin Schweiger.“ Sie überlegte: „Sabine, willst du mich veräppeln?“ „Nein, ich kenne Sie nicht, ich weiß auch nicht, was Sie von mir wollen.“ „Entschuldige mal, ich arbeite seit 5 Jahren mit dir in dieser Firma.“ „Geht es Ihnen gut? Meine Arbeitskollegin sitzt bei mir und die heißt Heike.“ Erschrocken legte sie auf. Heike, dachte sie, der Name kommt mir bekannt vor, achja dieses Dreckstück von Hure, die gestern mit meinem Freund … Exfreund im Bett lag, hieß Heike. Sie verstand nun gar nichts mehr. Wo bin ich denn, was mach ich hier? Hilfe!!!!!!

In dem Moment wachte sie auf, sie lag in einem Bett. Alles nur ein Traum, Gott sei Dank! Sie guckte neben sich und sah ihren Freund da liegen, noch alles in Ordnung es ist nichts gewesen es war nur ein Traum. Erleichterung machte sich breit und sie legte sich entspannt in die Arme ihres Freundes. Einschlafen konnte sie nicht mehr. Sie stand auf und ging ins Bad. Die Sonne schien auf ihr Bett. Was ein schöner Morgen, dachte sie. Sie guckte in den Spiegel und lächelte. Was ein schlimmer Traum. Sie zog sich aus, ging in die Dusche. Nachdem sie aus dem Bad rauskam, war sie bereits angezogen und hatte sich geschminkt, also so wie jeden Morgen. Ihr Freund war immer noch im Bett, er hatte ja Urlaub, beneidenswert, dachte sie sich, gab ihm einen Kuss zum Abschied und ging raus. Im Flur begegnete sie ihrer Nachbarin mit ihrem Kind. „Guten Morgen!“, sagte sie mit freundlicher Laune, denn nach dem Traum konnte sie gar nichts mehr schocken an diesem Tag. Allerdings erwiderte die Nachbarin, die übrigens Heike hieß, dies nur mit einem knurrigen „Guten Morgen“. Die Arme, dachte sie nur, wurde als sie hoch schwanger war von ihrem Freund sitzen gelassen. Sie stieg in ihr Auto. Auch wenn sie viel Geld bei ihrer Firma verdiente, hing sie doch an ihrem kleinen alten Auto, hatte es sie doch ihr halbes Leben begleitet, angefangen beim Abitur über das Studium, bis hin zur ersten Arbeitsstelle. Sie musste plötzlich wieder an ihre Mutter denken, hatte sie doch den Wagen ausgesucht und ihr den zusammen mit ihrem Vater geschenkt, und das zum achtzehnten Geburtstag.

Sie dachte nach. Welcher Tag ist heute? Der 23.07.09. Jetzt ist es bereits 10 Jahre her, dass sie ihre Eltern verloren hatte. Heute ist ihr Todestag, dachte sie. Plötzlich war all diese gute Laune weg. Ich muss noch zum Grab heute. Nun kamen ihr wieder die Bilder, die in der Zeitung waren, in den Sinn, das kaputte Auto ihrer Eltern mit der Überschrift: „Betrunkener jugendlicher Fahrer rast Ehepaar zu Tode.“ „Guten Morgen, wie geht’s?“, hörte sie. „Hallo, junge Dame!“ Da bemerkte sie, dass er sie meinte. Sie sah auf und sah einen hübschen jungen Mann vor sich. In Gedanken vertieft hatte sie einfach am Straßenrand angehalten und versperrte eben diesem Mann den Weg. Sie starte ihn an. Nach einer Weile sagte er: „Wenn Sie mir schon den Weg versperren, sagen Sie mir wenigstens, wie Sie heißen, damit ich meinem Chef sagen kann, wer daran schuld ist, dass ich zu spät komme.“ „Entschuldigen Sie, ich war in Gedanken.“ „Das habe ich bemerkt.“ Er starrte nun ebenfalls zurück. „Also was ist?“ „Was haben Sie nochmal gesagt?“ „Ich würde gerne ihren Namen wissen.“, sagte er mit einem Lächeln. „Ähm… ich heiße Christin.“, stammelte sie raus, „also meine Freunde sagen Chrissi zu mir.“ „Wie soll ich Sie denn nun nennen?“ „Also, ja sagen Sie doch einfach Chrissi zu mir.“ Sie blickte auf die Uhr und stellte fest, wenn sie nicht bald wieder losfahren würde, würde auch sie zu spät kommen und außerdem warum flirtete sie hier mit diesem durchaus gut aussehendem Mann? Sie hatte doch einen Freund und als ihr das klar wurde, verabschiedete sie sich mit dem kurzen Satz: „Entschuldigen Sie, aber ich muss jetzt los. Einen schönen Tag noch wünsch ich Ihnen.“, und fuhr los. Nach ein paar Metern bemerkte sie, dass sie gar nicht nach dem Namen des jungen Mannes gefragt hatte. Sie musste lächeln. Ich hätte ihn auch eher angebrüllt wenn er vor mir gestanden hätte und mir den Weg versperrt hätte. Sie blickte auf die Uhr. Fünf vor 10! In 10, in 5 Minuten musste sie auf Arbeit sein, wie sollte sie das nur schaffen? Als sie dann um zwanzig nach zehn in ihrem Büro saß, kam ihre Arbeitskollegin vorbei. „Guten Morgen, Sabine wie geht’s dir heute?“ Darauf  sagte sie ohne nachzudenken: „Gut und dir?“ „Auch gut.“, war die Antwort.

„Aber bist du dir wirklich sicher, dass es dir gut geht?“ „Ja, wieso?“, erwiderte sie. „Na ja du sitzt auf meinem Platz.“ „Achso Entschuldigung.“, sagte sie mit einem Lächeln. „Aber ja, mir geht’s gut, ist heute nur irgendwie alles durcheinander, hatte schon so einen schrägen Traum und heute ist der Todestag meiner Eltern, zudem habe ich noch die Bekanntschaft mit einem sehr smarten jungen Mann gemacht.“ „Vielleicht solltest du dir heute mal einen Tag Urlaub nehmen?“, sagte Sabine. „Vielleicht hast du ja Recht, nur der Chef wird mir wohl keinen Urlaub geben, denn morgen muss das Angebot raus und du weißt genauso gut wie ich, wie wichtig das für uns ist, immerhin stehen wir kurz vor der Pleite.“ „Ja, da sagst du was.“, sagte Sabine. Also machten sich beide wieder an die Arbeit. Um kurz vor vier hatte sie endlich das Angebot raus. Fertig, dachte sie, nur noch schnell abschicken und dann in den Feierabend. Kurz nachdem sie das Angebot abgeschickt hatte, klingelte ihr Telefon. Ihr Chef war dran, sie sollte noch bei ihm im Büro vorbeischauen um über den neuen Auftrag zu sprechen.

Sie klopfte an der Tür und ging hinein. Ihr Chef grinste sie mit breitem Gesicht an. „Glückwunsch Christin, wir haben den Job.“ „Wie? Welchen Job?“ „Na ja dein Angebot, das du geschrieben hast, hat sie wohl überzeugt.“ „Aber wie haben die sich denn so schnell entschieden?“ „Nun ja sie wollen eine schnelle Lösung für ihr Problem und es muss jetzt gehandelt werden.“ „Ja gut, wenn du das sagst.“ „Ich würde jetzt gerne los, ich muss noch bei dem Grab meiner Eltern vorbei, heute ist ihr Todestag.“

„Ok, Christin, alles Weitere besprechen wir morgen dann. Tschüss.“

Sie fuhr noch schnell bei einer Gärtnerei vorbei, die ihr allerdings noch nie aufgefallen war und hielt dann auch gleich an. Sie ging durch die Verkaufshalle und sah sich einige Blumen an, suchte sich eine aus, und ging zur Kasse. „Hallo, junge Dame, also ich meine Christin.“ Sie hatte sich nur darauf konzentriert ihr Geld aus dem Portemonnaie zu suchen und wunderte sich nun, wer sie da kannte. Sie sah auf und sah in das gleiche, lächelnde Gesicht wie heute Morgen. „Ach, hallo, ähm… verzeihen Sie, ich kenne Ihren Namen nicht mehr.“ „Wie sollten Sie auch? Sie haben ja gar nicht danach gefragt.“ „Entschuldigen Sie, ich war in Eile.“ „Das habe ich gemerkt. Also ich heiße Mirko, falls sie es nun wissen wollen. Haben Sie heute Abend schon was vor?“ Sie wollte erst ja sagen und da fiel ihr ein, dass ihr Freund ja heute Abend bei der Pokerrunde sei und sie eigentlich nichts vor hatte. „Nein.“, sagte sie. „Würden Sie denn gerne mit mir essen gehen? Wissen Sie wenn man hier den ganzen Tag an der Kasse sitzt und die ganzen Pärchen vorbeigehen sieht, hat man keine Lust, auch noch abends alleine essen zu gehen.“ „Ok, gerne.“, sagte sie, schließlich wolle sie auch nicht mehr hintern Herd heute, also könne sie auch ruhig mit ihm essen gehen. Schließlich könnte da auch nichts passieren, es würden ja sonst alle zusehen. Sie musste lachen bei dem Gedanken in der Öffentlichkeit Sex zu haben. Ihren Freund kriege sie ja nicht einmal zum Sex in der Küche oder im Wohnzimmer, und von draußen mal ganz zu schweigen. Wann hatte sie das letzte mal überhaupt Sex gehabt? Vor zwei oder drei Monaten. „Ok, also um acht, sagen wir beim Italiener in der Stadt.“ „Ja von mir aus.“

Sie bezahlte die Blumen, ging nach draußen, setzte sich in ihr Auto und fuhr zum Friedhof.

Als sie um sechs wieder nach Hause kam, ging sie erstmal duschen. Nachdem sie nun eine geschlagene halbe Stunde für das Aussuchen ihrer Kleidung brauchte, dachte sie nochmal nach. Warum suche ich eigentlich so lange? Ich bin bereits über 35, seit 10 Jahren mit meinem Freund zusammen, habe ne nette Bekanntschaft gemacht, mit der ich mich heute treffen werde und verhalte mich wie eine pupertäre 16 jährige vor ihrem ersten Date. Vielleicht sollte ich doch nicht hingehen und mich so auch einfach nicht in Versuchung führen? Oder bin ich mit meiner jetzigen Situation unglücklich? Liebe ich ihn noch?

 

ENDE

 



Diese Geschichte wurde archiviert am http://www.sf-ecke.de/stories/viewstory.php?sid=128