Redshirt Flexy 25 von Azur
Krieg der Käse von Azur

Ich bin´s wieder, Flexy.


Eines Tages erzählte uns John mit Stolz, dass er ein Praktikum in der Wissenschaftsabteilung machen dürfte und sogar zum Abschluss ein eigenes Experiment aufgetragen bekommen hätte. Das Thema: eine Kultur anlegen.


"Und ich habe auch schon eine brillante Idee...", sagte John, als er, Tr`Vak, Soleta und ich beim abendlichen Rommé-Abend saßen. "Ich werde Käsekulturen anlegen."


"Käse? Also eine Herausforderung ist das nicht.", meinte Tr´Vak. - "Kein gewöhnlicher Käse. Ich habe bereits Genmaterial von meinen intelligenten Zähnen entnommen und werde dieses Genmaterial mit den Käsekulturen kreuzen."


"Sprechender Käse? John, meinst du nicht, dass Zähne, die den ganzen Tag reden, nicht schon genug sind?" Tr`Vak verzog das Gesicht. - "Na, ja, dann nehme ich eben Gagh.", stichelte John. - "Ich erschlag dich.", knurrte der Klingone. "Mit Gagh diskutiert man nicht, Gagh isst man."


Und so kam es, dass John sein Experiment mit Käse durchführte. Einige Tage lang sahen und hörten wir ihn nicht, was uns Sorgen bereitete.


"Hoffentlich ist ihm nichts passiert.", meinte Tr`Vak. - "Ich bezweifele, dass von Käse eine lebensbedrohliche Gefahr ausgeht.", sagte Soleta. - "Trotzdem hätte er sich bei uns melden können. Ich finde, wir sollten ihn einmal besuchen."


Der Bordcomputer teilte uns mit, dass John sich auf der Krankenstation befand, was unsere Sorge noch vergrößerte. Dr. T.Enor empfing uns. "Ihr bekommt zehn Minuten, nicht mehr. Er muss sich ausruhen..."- "Was hat er denn?" - "Magen-Darm-Infektion.", erwiderte der Arzt. - "Was? Aber…" - "Lasst es ihn selbst erzählen..."


John sah wirklich schlecht aus. Er war kreidebleich und tiefe Ringen lagen unter den Augen. Sein Gesicht wirkte um 20 Jahre gealtert. Eine silberne Schüssel stand in Griffweite, in der schon ein gewisser Mageninhalt unappetitlich herum schwamm.


"John...was ist denn passiert?", fragte Tr´Vak.


John zögerte. "Das würdet ihr mich nicht glauben.", sagte er dann. - "Das können wir erst entscheiden, wenn du uns erzählst, was wir nicht glauben würden.", erwiderte Soleta.


John rang mit sich. "Der Käse!", platzte es dann unvermittelt heraus. "Es war der verdammte Käse!"


Wir sahen uns verständnislos an.


"Das Experiment hat dich überlastet...", fing Tr´Vak an.


"Nein...ich weiß, wovon ich rede...ihr wisst doch, dass ich die Käsekulturen mit dem Genmaterial meiner intelligenten Zähnespezies gekreuzt habe. Zunächst passierte gar nichts. Meine Käsekulturen entwickelten sich zufriedenstellend. Das änderte sich, als ich eines Morgens in das Labor kam..."


***


John blieb stehen. Hatte er gerade Stimmen gehört? Der Offizier sah sich nach rechts und links um, aber der breite Flur vor dem Labor war leer. Er war allein. John horchte angestrengt.


"Blödmann!"


Da! Da war es wieder. Also doch, dachte John. Es war eine feine Stimme und sie kam - aus dem Labor? Jetzt wurde das Gemurmel lauter, es gesellten sich mindestens vier weitere Stimmen hinzu. John erkannte einen italienischen und französischen Akzent. Er biss sich auf die Finger. Sollte möglicherweise dorthin ein Streit unter seinen Kollegen ausgebrochen sein?


"Computer, Analyse. Wie viele Personen halten sich in dem Labor auf?" - "Keine Person feststellbar. Es befindet sich niemand in dem Labor."


John zuckte zurück. "Aber ich...habe doch Stimmen gehört...Computer, Analyse. Konnte ein Eindringling festgestellt werden?" - "Negativ. Keine fremde Lebensform ist in das Schiff eingedrungen."


Der Ensign schauderte. Etwas war in dem Labor. Und der Computer erkannte es offenbar nicht. John überlegte einen kurzen Moment, ob er den Captain informieren sollte, unterließ es aber dann. Was hätte er auch erzählen sollen? Dass es Geister an Bord der Hippo gab?


Einen Moment lang überlegte John, zumindest seine Freunde zu informieren, aber auch das verwarf er. Wenn dort drin eine Bedrohung war, dann durfte er keine unnötigen Opfer riskieren.


John gab sich einen Ruck und trat in das abgedunkelte Labor. Sofort verstummte das Getuschel und wich einer beunruhigenden Stille. "Computer...Licht!"


Es wurde hell im Raum. John sah sich um. Alles wirkte wie immer. Und der Computer hatte recht: es war niemand außer ihm im Raum. Langsam schlich John herum, lugte in jede Ecke. Schließlich fasste er sich ein Herz: "Hallo? Ist hier jemand?"


Es blieb still.


"Hören Sie...ich habe Sie reden hören...Sie brauchen keine Angst zu haben, ich werde Ihnen bestimmt nichts tun."


"Das wissen wir."


Fünffach hatte es ihm geantwortet. Wie von der Tarantel gestochen fuhr John herum. Aber er konnte niemanden sehen.


„Wo…wo sind Sie?“ – „Hier. Hier drüben.“


John folgte den Stimmen. Sie endeten vor dem Tisch, auf dem er seinen experimentellen Glaskasten mit den fünf Käsekulturen aufgebaut hatte.


„Ich sehe Sie nicht.“ – „Na, wir sind doch direkt vor dir. In dem Glaskasten. Sieh hinein.“


John glaubte sich verhört zu haben. Er blickte die Käsekulturen an. Hatten sie sich etwa bewegt?


„Das…das kann doch nicht sein…“


Tatsächlich bewegten sich die fünf kleinen Käselaiber von der Mitte des Glaskastens aus zum Rand und bauten sich nebeneinander auf. „Guten Tag, Meister.“


„Ich…das muss ein Traum sein…“, stammelte John. „Ihr könnt doch nicht…“ – „Reden?“ Der Gouda kicherte. „Aber natürlich können wir das. Schon vergessen, dass du uns mit Genmaterial einer intelligenten Spezies gekreuzt hast?“ – „Es ist gut, dass du da bist, Meister.“, fuhr der Kochkäse fort. „Wir können uns nämlich derzeit nicht einigen, wer von uns der Anführer sein soll.“


„Der Anführer?“, fragte John verwirrt. – „Ja. Schließlich brauchen wir einen, der für uns alle spricht, wenn du und wir zusammen den Erstkontakt mit der Schiffsbesatzung vornehmen.“


„Öh….“, machte John. „Moment…“


„Also, es ist natürlich klar, dass nur ich für diesen Posten in Frage komme.“, sagte der Camembert. „Schließlich haben wir Franzosen die Revolution erfunden und Einigkeit und Brüderlichkeit und Freiheit in die Welt gebracht, n´est-ce pas?“


„Oh Gott, doch nicht schon wieder die alte Kamelle.“, sagte der Parmesan. „Ihr Franzosen bildet euch verdammt viel auf eure Revolution ein, was?“


„Qui. Wir sind eine Grand Nation. Wir haben viele große Redner herausgebracht.“


„Ja, und nicht zu vergessen, Käse mit blauen Flecken.“, ätzte der Kochkäse.


„Et alors? Moi ist ein sehr beliebter Käse, der als Delikatesse überall auf der Welt gilt. Wir Franzosen stinken wenigstens nicht…“


„Willst du sagen, dass ich stinke, du französischer Prolet?“, tobte der Kochkäse. „Ich rieche vielleicht etwas anders wegen meiner Sauermilch. Aber kein Käse, der schimmelt, erzählt mir, dass ich nicht gemocht würde!“


„Mein Schimmel ist Gold wert.“, ereiferte sich de Camembert. „Und was willst du überhaupt, Parmesan? Du bist ja nicht mal mehr ein richtiger Käse. Du bist…Käseunfall.“


„Du vergisst wohl, dass keine italienische Pizza ohne mich auskommt!“, zischte der Parmesan.


„Was schon schlimm genug ist in meinen Augen.“ Jetzt schaltete sich der Mozarella ein. „Ich war sowieso immer der Ansicht, dass, wenn ich auf einer Pizza liege, das vollkommen ausreichend ist. Ich bin schließlich aus Büffelmilch hergestellt – da verschandelt mich so einer wie du nur! Und da keiner von euch eine derart teure Zutat hat wie ich, ist es natürlich klar, dass ich der Sprecher sein werde.“


„Ein Mafiosi als Sprecher?“, ereiferte sich der Gouda. „Da folge ich lieber einer Tulpe nach als dir!


„Mach doch. Tulpen habt ihr ja genug in den Niederlanden. Und Gras. Wie viel am Tag schnupfst du denn davon?“,  gab der Mozarella zurück.


Der Kochkäse brach in Gelächter aus.


„Halt den Mund, Stinker. Tanz lieber den Schuhplattler für uns, das könnt ihr Deutschen ja am Besten.“, fuhr der Gouda ihn an.


„Tja…wenigstens können wir überhaupt tanzen. Ihr in euren komischen Holzpantoffeln würdet sowieso schon nach drei Zentimetern umfallen.“


„Da hat er recht…“, kicherte Camembert.


„Du solltest nicht zu sehr kichern, sonst fällt dir noch das künstliche Puder ab, das du aufgetragen hast.“


„Puder verdeckt wenigstens die hässlichen Löcher…“


„Jungs…“, fing John an. Aber die Käsesorten hörten nicht auf ihn. Der Krieg der Käse war in vollem Gange. Die Laibe beleidigten sich auf das Übelste, zankten und keiften. Es fehlte nicht mehr viel, da würden sie übereinander herfallen…


„Computer, W-Programm 4 abfahren…Nager…Objekt 4 a.“, rief John. – „Bestätigt.“


Etwas flackerte im Glaskasten – und ein kleines graues Tier mit dunklen Stupsaugen und langem Schwanz erschien.


Sofort wurde es still. Dann durchbrach ein Schrei des Entsetzens die Stille: „EINE MAUS!“


Panik brach unter den Käsesorten aus. Wild stoben sie vor der herumschnüffelnden Maus auseinander.


„John…Meister…rette uns!“, jammerten die Stimmchen. John ließ sich Zeit. „Werdet ihr auch schön brav sein und tun, was ich euch sage?“ – „Ja, Meister….bitte…Hilfe!“


John hielt beide Hände in den Glaskasten. „Springt schnell auf. Ich bringe euch in Sicherheit.“ Die fünf Käsesorten hüpften eilig auf die Handinnenflächen. John hob sie aus dem Glaskasten heraus und setzte sie in einem topfähnlichen Gefäß ab. „Hier seid ihr sicher.“, sagte er. „Ich schließe den Deckel, dann sieht euch die Maus nicht.“


***


„Also habe ich den Deckel geschlossen.“, sagte John. – „Und weiter?“, wollte Soleta wissen. – „Na ja…“ John wirkte verlegen. „Ich hatte auf einmal einen solchen Hunger...ich hatte noch kein Frühstück gehabt, wisst ihr…“ – „Oh John…“ – „Also habe ich mir ein leckeres Käsefondue gemacht und alles aufgegessen. Das war wohl…etwas zuviel für meinen Magen. Tja, und jetzt liege ich hier.“ – „Ich hoffe, dass du deine Lektion gelernt hast, mein Freund.“, meinte Tr´Vak ernst.


John nickte. „Das habe ich. Mit Käse redet man nicht. Käse isst man.“



Diese Geschichte wurde archiviert am http://www.sf-ecke.de/stories/viewstory.php?sid=184