Jorans große Stunde von Visitor
Jorans große Stunde von Visitor

 

IDUSA und Joran waren auf einem ganz normalen Patrouillenflug, wenn man in der Situation überhaupt von Normalität ausgehen konnte, in der sich die Tindaraner und die Föderation jetzt befanden. Kürzlich hatte eine Spezies namens Acu Kontakt mit der Föderation gesucht. Aber ein Bericht der Eclypse, die ihnen schon einmal begegnet war, bezeichnete die Acu als nicht sonderlich ehrlich. In jenem Bericht wurde eine zweite Spezies namens Cari erwähnt, die von den Acu aus wirtschaftlichen Gründen, wie Huxleys Crew herausgefunden hatte, überfallen worden war. Die Acu hatten zwar beteuert, den Cari nur die Freiheit geben zu wollen, indem sie ihre Diktatorin einfach getötet hatten, aber, da dies nur ein Vorwand war, hatte Huxley ihnen rasch den Rücken gekehrt. Präsidentin Bushaba, das Staatsoberhaupt der Acu, hatte ihn sogar frecherweise als Waffenbruder bezeichnet. Der Föderation, also auch Huxley, wäre nie eingefallen, sich derart in die politische Entwicklung einer fremden Spezies einzumischen, auch wenn diese unter diktatorischer Regierung stand.

„Ich registriere ein fremdes kleines Schiff, das einen Notruf absetzt. Es ist ein Schiff der Cari.“, meldete IDUSA. „Es muss gerade aus der interdimensionalen Schicht gekommen sein.“ „Stell durch!“, befahl Joran. „Ich bin Arkilesh.“, meldete sich eine junge fast kindliche Stimme vom anderen Ende der Verbindung. Jetzt sah Joran auch das dazugehörige Gesicht. Er schrak zusammen. Der Junge war noch ein halbes Kind! Joran hatte aus den drei Worten, die der Junge gesagt hatte, bereits hören können, dass er große Angst haben musste. Außerdem sah der Vendar gut, dass etwas mit seinem Schiff nicht in Ordnung war. Der Warpkern drohte zu brechen! Das konnte Joran anhand der Werte feststellen, die IDUSA ihm durchstellte. „Halte aus, Arkilesh.“, sagte Joran. „Ich werde dich an Bord meines Schiffes beamen.“ „Nein!“, rief Arkilesh, als hätte Joran etwas gesagt, das sein Leben gefährden würde. „Nicht beamen! Nicht erfassen! Ich habe eine Bombe im Körper, die sofort hoch geht, wenn man mich beamen will. Zumindest, wenn man mich normal mit den Sensoren eines Transporters erfasst. Hilfe! Ich will nicht sterben! Ich sollte einen Anschlag … Oh, ich habe solche Angst!“ „Wenn ich die Bombe erfasse, wird sie erst recht hoch gehen.“, mischte sich IDUSA ein. „Der Zünder reagiert offensichtlich direkt auf Sensorstrahlung.“

Joran überlegte. Es gab jetzt nur noch eine, die in dieser Situation helfen konnte. „Verbinde mich mit Jenna MC’Knight!“, befahl er dem Schiff. „Wie Sie wünschen.“, sagte IDUSA und schaltete die Verbindung. „Was gibt es, Joran?“, ließ sich die freundliche Stimme der hoch intelligenten Technikerin vernehmen. „Telshanach, ich habe hier einen Cari-Jungen auf einem beschädigten Schiff, den ich nicht retten kann, weil er eine Bombe im Körper hat, die bei Kontakt mit Sensorstrahlung sofort explodiert. IDUSA kann sie also auch nicht entfernen. Hilf mir! Rasch!“

Jenna überlegte und ließ sich seine Sätze erneut durch den Kopf gehen, bevor sie sagte: „Wenn du die Bombe nicht aus dem Körper beamen kannst, dann musst du den Körper eben um die Bombe herum entfernen. Hör mir jetzt genau zu, Telshan. Ich sage dir jetzt Dinge, die du im Transportermenü verändern musst. Stell die Sensoren auf die Erfassung von reiner Biomaterie ein. Dann schaltest du Puffer zwei und drei so, dass sein Körper in zwei Hälften erfasst wird. Lass IDUSA ihn jetzt dematerialisieren.“ „Die obere und die untere Hälfte seines Körpers sind getrennt in IDUSAs Puffern, Telshanach.“, vermeldete Joran seinen ersten Teilerfolg. „Was mache ich jetzt?“ „Entscheide dich für einen Puffer, in den du die andere Hälfte leitest. Dann rematerialisieren.“, sagte Jenna.

Joran atmete auf, nachdem er einen gesunden Arkilesh neben sich stehen sah. Beide sahen nur noch eine riesige Explosion, die das Ende des fremden Schiffes ankündigte. Weder Joran, Arkilesh, oder IDUSA konnten zuverlässig sagen, ob das an dem Warpkernbruch oder an der Bombe gelegen hatte.

Joran half dem Jungen auf den Copilotensitz. „Setz dich, Arkilesh.“, tröstete er. „Ich bringe dich jetzt zu unserer Station und dort wirst du Agent Maron erst mal alles erzählen.“ „OK.“, sagte Arkilesh und tastete sich nervös ab. „Wo ist die Bombe?“, fragte er dann alarmiert. „Wir haben dich quasi von der Bombe entfernt, weil wir die Bombe ja nicht von dir entfernen konnten.“, erklärte Joran. Arkilesh staunte.

Zirell hatte Maron als ihren ersten Offizier ebenfalls über die Vorgänge informiert. „Ich kenne den Konflikt.“, sagte Maron. „Die Acu haben den Cari auf einen Schlag all ihre Struktur genommen. Verstehst du, Zirell, vor dem Angriff der Acu hat die Diktatorin der Cari, die sie als große Mutter bezeichnet haben, alles und jedes für sie entschieden. Sogar, was mittags auf den Tisch kommt, nur um ein Beispiel zu nennen. Plötzlich sollten die Cari nun frei entscheiden können. Aber sie wussten ja gar nicht, wie das geht. Schon gar nicht konnte man von ihnen eine freie politische Entscheidung erwarten, was die Acu aber damals getan haben. Nur die Cari haben diese Wahl regelrecht so lange bestreikt, bis die Eclypse, deren Besatzung sie vertrauten, zurückgekehrt war und die Überwachung der Wahl übernommen hatte. Für die Acu war das ein Stoß ins Herz. Fühlten sie sich doch als die Befreier.“ „Kann ich mir vorstellen.“, lächelte Zirell. „Wenn mich einer von einem Tag auf den Anderen aus meinem gewohnten Leben reißen würde, hätte ich auch Angst. Womit hat sich die Eclypse-Crew das Vertrauen der Cari damals eigentlich verdient? IDUSA, zeig mir den Bericht!“ Auf das Wort verdient hatte Zirell eine besondere Betonung gelegt.

Joran musste den gleichen Gedanken gehabt haben. Jedenfalls studierte er ebenfalls den genannten Bericht. Auch ihm war klar, dass Arkilesh nur aus reiner Angst gehandelt hatte, Als er sich den Terroristen anschloss. IDUSA hatte sich selbst zur Station geflogen.

„Wir wollen, dass die Acu gehen.“, sagte Arkilesh, als ihn Maron bezüglich des Motivs des vereitelten Anschlages vernommen hatte. „Wir haben Angst vor ihnen und vor dem, was sie Freiheit nennen. Wir wissen ja gar nicht, wie man eine freie Entscheidung trifft. Damit haben sie uns allein gelassen. Sie haben sich nicht mehr um uns gekümmert, obwohl sie es damals versprochen hatten.“ „Angst nährt Hass.“, sagte Maron verständig und legte Arkilesh väterlich die Hand auf die Schulter. „Irgendwie verständlich, dass terroristische Gruppen unter diesen Umständen einen solchen Zulauf bekommen.“ „Bitte lasst Arkilesh bei mir und Jenna wohnen.“, wandte sich Joran an Zirell und Maron. „Ich will versuchen, ihm ohne Angst beizubringen, wie man eine freie Entscheidung trifft.“ „Und wir reden mit den Acu.“, sagte Maron. „Ich habe gehört, mit Orabam, Bushabas Nachfolger, kann man reden. Der findet nicht alles gut, was seine Vorgängerin verzapft hat.“ „Du wirst es aber vielleicht recht schlau anfangen müssen, damit Orabam uns zuhört.“, stellte Zirell fest. „Das mache ich schon.“, sagte Maron. „Ich bin Demetaner.“ Zirell zog skeptisch die Augenbrauen hoch. Maron war nicht gerade der Vorzeigedemetaner. Seine Hinterlist ließ manchmal sehr zu wünschen übrig. Aber auch Joran war als nicht sehr freundlich gegenüber dem eigenen Geschlecht bekannt. Jedoch hoffte Zirell sehr, dass beide dieses Mal über ihren eigenen Schatten springen würden. Deshalb hielt sie sich auch raus und überließ die Leitung dieser „Mission“ ihrem ersten Offizier.

Joran und Arkilesh waren nicht sofort in Jennas und Jorans Quartier, sondern zunächst in einen der Aufenthaltsräume gegangen. Hier vermutete Joran Shannon, die gleich zu einem Versuchsobjekt werden würde. Der Vendar kannte genau die Essenszeiten der blonden Irin und er wusste auch genau, was sie dann aß. Für ihn sah diese Pampe aus Kartoffeln, Kohl und Fleisch zum Fürchten aus und er dachte, dass er Arkilesh damit vielleicht etwas nahe bringen konnte.

Sie setzten sich zu Shannon an den Tisch, der Joran sogleich alles erklärte. „OK, Grizzly.“, sagte die blonde Irin und schob Arkilesh den Teller hin. „Riech mal.“, sagte sie dann genießerisch. „Hmmmm!“

Arkilesh gab ein auf Ekel deutendes Geräusch von sich, entschuldigte sich aber sofort wieder. „Berichte uns einfach, was du fühlst.“, sagte Joran freundlich. „Mir dreht sich davon der Magen um.“, sagte Arkilesh mit verzogenem Gesicht. „Und, ist dir das Gefühl angenehm?“, fragte Joran weiter. „Nein.“, sagte der Junge. „Ich möchte lieber etwas Anderes.“

Joran schaltete lächelnd den Replikator am Tisch in den grafischen Modus um, und bald entschied sich Arkilesh für ein Gericht, dessen Bild ihm angenehmer war. „Ich gratuliere dir!“, lachte Joran und klopfte ihm auf die Schulter. „Du hast gerade deine erste freie Entscheidung getroffen.“ „Ja!“, freute sich Arkilesh. „Jetzt weiß ich ja auch, wie es geht. Die Frau, die das damals von Agent Sedrin von der Eclypse gelernt hatte, haben die Acu leider ins Gefängnis geworfen, weil sie damals auch beinahe einen Anschlag …“ „Ich weiß.“, sagte Joran. „Komm, wir gehen zu Anführerin Zirell und berichten ihr über deinen Erfolg.“

Auch Maron hatte einen Erfolg verbucht. Orabam war bereit, mit den Tindaranern zu reden und auf die Station zu kommen. Jetzt saß er mit Zirell und Maron im Beobachtungsraum. Von hier hatten sie über Jorans Sprechgerät einen direkten Einblick in das soeben Geschehene. „Ihr Joran wäre ein guter Therapeut.“, gab Orabam zu. „Aber auch Sie, Agent Maron, haben mich ziemlich bei meiner Ehre gepackt. Das mit dem wieder gewählt werden wollen, das Sie mir am SITCH an den Kopf geworfen haben, zieht bei jedem Politiker. Der Junge könnte fortführen, was in seiner Heimat von der Frau, die wir dummerweise eingesperrt haben, begonnen wurde. Sie und er wären gute Multiplikatoren. Wir waren Narren. Wir dachten nicht, dass man Angst vor der Freiheit haben könnte. Aber, wenn man sie nicht kennt, kann das schon sein. Viele fürchten Dinge, die sie nicht kennen. Bushaba hat das falsch angefasst, aber sie hatte ja auch andere Interessen. Ich habe gelernt, dass man das vorsichtig anfangen muss und nicht mit dem Holzhammer.“ Zirell und Maron nickten beifällig.

An diesem Abend ging Zirell mit einem guten Gefühl schlafen. Sie beglückwünschte sich innerlich auf Tindaranisch zu dem Ausgang der Mission und zu ihrer Auswahl derer, die sie bestritten hatten. Maron und Joran hatten das Universum tatsächlich von einer großen Quelle des Terrors, wie es die Acu vor der Wende von Orabam bezeichnet hatten, befreit und das ohne Waffen! Zufrieden schlief sie ein.

Anmerkung: Das C in Acu wird als scharfer S-Laut gesprochen wie zum Beispiel in Chance oder Balance.

ENDE

 



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