Das Tor zum Himmel von Visitor
Kapitel 18 - Vorläufiges Aufatmen von Visitor

Cupernica und Scotty waren im Arbeitszimmer der Ärztin eingetroffen und hatten sich dort gesetzt. „Hätte ich von meiner Betsy nicht erwartet, dass sie so reagiert.“, sagte der immer noch extrem geplättete Scotty. „Ich habe es Ihnen ja bereits erklärt, Techniker.“, sagte die Androidin ruhig. „Ich weiß.“, sagte Scotty. „Die Sache mit der Wut und so. Aber ich hätte gerade von diesem unschuldigen süßen Ding nicht …“ „Sie werden sich damit abfinden müssen, Techniker, dass sie nicht mehr das Unschuldslamm ist, als das Sie sie kennen gelernt haben. Ich schiebe das nicht zuletzt auf die Tatsache, dass sie sogar ihre Angst vor Telepathie besiegt hat. Damit geht bei den Meisten auch eine große Angst vor Sytania einher, da diese Telepathin ist. Aber der Allrounder dürfte ihr hiermit gezeigt haben, dass sie sie auf der Rechnung haben muss, obwohl sie in Sytanias Augen nur eine Sterbliche ist. Sie dürfen nicht vergessen, dass …“ „Ja, ja, ja.“, sagte Scotty etwas gelangweilt. „Dass ihr Androiden immer aus allem gleich ein Referat machen müsst.“

Sedrin betrat den Türrahmen. „Sie haben vergessen abzusperren, Scientist.“, bemerkte die Agentin. „Das habe ich nicht vergessen.“, entgegnete Cupernica. „Ihnen, verehrter Agent, sollte klar sein, dass Androiden nicht vergessen können, außer, sie werden technisch manipuliert.“ „Soll das etwa heißen, Sie haben mit Absicht die Tür offen gelassen?“, fragte Sedrin. „Das ist korrekt.“, antwortete Cupernica. „Sie dürfen ruhig mitbekommen, was Scotty und ich miteinander besprochen haben. Schließlich sind Sie und Agent Alesia mit seiner Bewachung betraut.“

Scotty stand auf. „Es geht schon wieder, Cupernica.“, sagte er. „Ich glaube, ich kann den lieben Agent wieder in unsere Unterkunft begleiten. Oder spricht medizinisch etwas dagegen?“ „Nein.“, antwortete sie knapp. Scotty stellte sich neben Sedrin und sagte: „Gehen wir.“

Ginalla und Kamurus waren Atauras Schiff gefolgt. Die junge Genesianerin hatte sie bis ins heimatliche Sonnensystem geführt. „Wenn du der obersten Prätora entgegentrittst, würde ich aufpassen, was ich sage.“, äußerte das selbstständig denkende Schiff seine Besorgnis. „Du machst dir ja richtig Sorgen.“, grinste die Celsianerin. „Das tue ich tatsächlich.“, gab Kamurus zu. „Weil ich genau weiß, was deine Spezies für ein lockeres Mundwerk hat. Ein falsches Wort und …“ „Es wird nichts passieren, kapiert!“, sagte Ginalla mit Verärgerung in der Stimme. „Denk dran, was ich dir gesagt habe, wenn du nicht tust, was ich gesagt habe.“ „Schon gut.“, versuchte das Schiff sie zu beschwichtigen. „Ich bin ja nur um deine Sicherheit besorgt. Das sind wir im Allgemeinen alle. Alice bildete da wohl die große Ausnahme. Sie war sehr egoistisch und hat unseren Ruf weit über unsere Dimension hinaus völlig ruiniert. Dass sensible Schiffe wie Sharie davon einen Knacks bekommen haben, war vorauszusehen. Als ich die Dimension verließ, um mir einen Piloten zu suchen, mit dem ich meine Erfahrungen erweitern kann, wollte sie mich erst begleiten, aber ich habe nein gesagt. Sie hat das Alice-Trauma immer noch nicht ganz überwunden und hält sich für schuldig. Falsche Freunde könnten das ausnutzen und …“ „Was du mit fnem anderen Schiff hast, interessiert mich nicht!“, raunzte Ginalla. „Sag mir lieber, was die Genesianer machen.“

„Sie scheinen uns bisher zu ignorieren.“, stellte Kamurus fest, nachdem er die Gegend nach den Signaturen aktivierter genesianischer Waffen gescannt hatte. „Ich gehe davon aus, dass Ataura uns angemeldet hat.“ „Glaube ich auch.“, erwiderte Ginalla.

Kamurus empfing ein Rufsignal. „Ataura ruft uns.“, meldete er. „Stell durch!“, befahl Ginalla. Er projizierte ihr das Bild einer Sprechkonsole vor ihr geistiges Auge und wartete ab, bis sie darauf sozusagen den Sendeknopf gedrückt hatte. Dann übertrug er alles, was sie sagte, über das Mikrofon im Cockpit. „Was is’ los, Ataura?“, fragte Ginalla gewohnt flapsig. „Wir kommen in Kürze bei Genesia Prime an, Celsianerin.“, erklärte der genesianische Teenager. „Trifft sich gut.“, flapste Ginalla zurück. „Ich übermittle dir jetzt Koordinaten.“, sagte Ataura. „Dort soll dein Schiff dich herunter beamen. Wir werden dort auf meine Mutter treffen. Sie wird uns begleiten.“ „OK.“, sagte Ginalla. „Dann sag deiner Mutter, ich freue mich schon.“ Sie befahl Kamurus per Gedankenbefehl, das Gespräch zu beenden.

„Was hatte deine letzte Äußerung zu bedeuten?“, erkundigte sich das Schiff. „Nenn es einen Anflug von Diplomatie.“, scherzte Ginalla. „Wollte halt einfach nur mal was Nettes sagen. Du beschwerst dich doch immer, dass ich mich daneben benehmen könnte. Damit wollte ich dir nur beweisen, dass ich auch anders kann. Aber wenn du mir nicht glaubst, dann aktivier doch deine Sonde, die du mir eingepflanzt hast. Sag ihr, sie soll dir alles übermitteln, was auf dem Planeten passiert.“ „Das hätte ich ohnehin getan.“, antwortete er. „Es ist mir einfach sicherer so. Du magst dir jetzt extreme Mühe gegeben haben, aber ich kenne dich und weiß, dass dies nur temporär war. Wenn dir etwas gegen den Strich geht, dann kannst du auch ganz anders. Leider könnte das bei den Genesianern nicht sehr gut ankommen, also pass bitte auf, was du sagst. Die Sonde übermittelt mir übrigens auch, was du denkst. Wenn ich deine Reaktionstabelle geladen habe, kann ich über sie auch so mit dir kommunizieren.“ „Schon gut.“, sagte Ginalla genervt. „Und jetzt hör endlich auf, dir Sorgen zu machen. Du machst aus einer Mücke einen Elefanten.“ „Da irrst du dich.“, sagte Kamurus. „Wie ich die Situation einschätze, gibt es dort bereits einen Elefanten, den du noch für eine Mücke hältst.“ „Hey!“, sagte Ginalla unwirsch. „Vertraust du mir so wenig?“

Erneut gab es einen SITCH von dem genesianischen Schiff. „Ataura ruft uns erneut.“, meldete Kamurus. „Was will sie denn jetzt?“, fragte Ginalla, deren Laune sich nicht gebessert hatte. „Aber von mir aus, gib sie her.“

Wieder erfolgte das gleiche Procedere wie zuvor. „Was is’, Kleene.“, meinte Ginalla locker. „Sind die Koordinaten angekommen, Celsianerin?“, fragte Ataura. „So sicher wie das Amen in der Kirche.“, erwiderte Ginalla. „Dann komm bitte her. Wir warten dort auf dich.“

Ginalla stand auf. „Also dann.“, sagte sie. „Beam mich runter!“ Sie legte ihren Neurokoppler in die dafür vorgesehene Mulde auf der Konsole. „Wie du willst.“, sagte das Schiff jetzt über den Bordlautsprecher. „Aber pass auf, was du tust. Beim kleinsten Anzeichen von Problemen hole ich dich zurück.“ „Es wird keine Probleme geben.“, versicherte Ginalla. „Und das werde ich dir beweisen. Und jetzt mach!“

Das Schiff hatte Ginalla auf eine Waldlichtung gebeamt. Die Luft roch nach den Blüten der umherstehenden Bäume, was kein Wunder war, denn auf der Nordhalbkugel der genesianischen Heimatwelt war es gerade Frühling geworden. Ginalla bewunderte die Baumriesen, die wie eine Gruppe Wartender um sie herum zu stehen schienen. Sie bildete sich sogar ein, dass einer warnend einen Ast als moralischen Zeigefinger erhoben hatte. Wenn sie geahnt hätte, wie Recht sie damit noch haben sollte, wäre sie sicher vorsichtiger gewesen. So aber wischte sie den Umstand, dass ihr Verstand ihr diesen Streich spielte, nur beiseite. „Kamurus’ Sorge scheint auf dich abzufärben.“, sagte sie leise zu sich. „Aber das ist überhaupt nicht gut. Nimmt dir total den Spaß am Leben. Also lass den Scheiß.“

Von Westen näherten sich zwei Genesianerinnen. Die Jüngere der Beiden erkannte Ginalla. Es musste Ataura sein. Allerdings wurde sie jetzt von einer älteren Kriegerin begleitet. Die Ältere trug einen ähnlichen Brustpanzer wie Ataura. Allerdings zierte ihren Hals ein breiter Kragen mit Perlen, die in einem komplizierten System alle Kriegerinnen ihres Clans darstellten. Die Anordnung der Perlen wies sie als oberste Prätora ihres Clans aus. Außerdem war sie etwa 1,80 m groß und hatte schulterlanges braunes Haar.

Die Kriegerinnen bewegten sich auf Ginalla zu, der langsam extrem mulmig wurde. Beide hatten ihre Waffen dabei. Das konnte die Celsianerin sehen. Außerdem war sie sich nicht sicher, ob die Beiden ausreichend Englisch verstanden. Hilf mir, Kamurus., dachte sie. Sie hoffte, wenn das Schiff nur annähernd die Wahrheit über die Sache mit der Sonde gesagt hatte, musste er ihr eigentlich auch Genesianisch vorsagen können. Was sind denn das für Töne?, gab das Schiff auf gleichem Weg zurück. Ich dachte, du kommst so gut allein zurecht? Hör auf!, erwiderte Ginalla. Oh, Mann! Mir rutscht das Herz in die Hose und du spielst die beleidigte Leberwurst. Ich gebe ja zu, dass du Recht gehabt hast. So ganz ohne Hilfe läuft das nicht. Also, ich wäre dir dankbar, wenn du mir etwas vorsagen könntest. Also gut., lenkte Kamurus ein. Aber dein Herz sitzt meiner Untersuchung zur Folge immer noch da, wo es soll. Sollte sich dies ändern, werde ich es an seinen Platz zurückbeamen, damit du mir ja am Leben bleibst. Scherzkeks., dachte Ginalla und grinste.

Die Frauen standen sich jetzt direkt gegenüber. Kamurus projizierte Ginalla über die Sonde das Bild einer grüßenden Kriegerin. Leider übertrieb die Celsianerin die Bewegungen beim Nachmachen derart, dass sie hinten über fiel. Ataura und die Fremde lachten schallend. Bei diesem Lachen kräuselten sich Ginallas Haare. Sie hatte schon klingonische Krieger lachen hören, aber sie hatte nicht gedacht, dass Genesianerinnen es genau so bedrohlich konnten.

„Hilf deiner neuen Freundin auf!“, befahl die Fremde in Englisch, was Ginalla sehr erleichterte. Anscheinend wollte sie, dass von Anfang an klar war, dass es hier zu keinen Verständigungsproblemen kommen würde. „Ja, Mutter.“, sagte das genesianische Mädchen und stellte die immer noch verdutzte Ginalla auf ihre Beine.

„Ich bin Cyrade, Prätora des Clans der Artash.“, stellte sich jetzt die Fremde vor, nachdem sie Ginalla eingehend gemustert hatte. „Ginalla.“, sagte diese. „Angenehm. Ich bin hier, weil …“ „Ich weiß schon Bescheid.“, schnitt ihr Cyrade das Wort ab. „Du bist eine Forscherin mit Leib und Seele. Zumindest hat mir meine Tochter dies berichtet. Aber forscht nicht die Sternenflotte genug?“

Ginalla bemerkte, dass ihr Alibi stark ins Schwanken kam. „Ach die.“, sagte sie abfällig. „Die können doch nichts Anderes, als trockene Berichte schreiben, die sowieso kein Schwanz versteht. Außerdem, wo bleibt da der Spaß?! Ne. Das mach ich lieber selbst.“ „Wir werden dein Belang der obersten Prätora vortragen.“, sagte Cyrade. „Shashana soll entscheiden. Einen solchen Fall gab es noch nie. Komm!“ Cyrade und Ataura nahmen Ginalla in die Mitte und die drei Frauen gingen den Waldweg entlang.

Shimar hatte mit N’Caras Familie gefeiert, dass sie endlich ihre Probleme überwunden hatte. Er hatte sich mehrere saurianische Brandies gegönnt. Aber das war nicht weiter schlimm, denn er würde ohnehin noch etwas bleiben müssen. Die Sonne des genesianischen Sonnensystems dachte gar nicht daran, ihre hohe Aktivität zu drosseln. Zumindest nicht laut dem Wetterbericht, den ihm der Professor immer wieder zeigte. Shimar hatte außerdem Tamins Vorschlag angenommen, noch zu N’Caras Spiel zu bleiben. Anscheinend sollte Tamin mit seiner Prognose wirklich Recht behalten und dann wäre dies die einzige Beschäftigung, die Shimar hätte, solange er sozusagen auf dem lithianischen Heimatplaneten festsaß.

Er hatte sich einen Schlafsack repliziert und sich in IDUSAs Nähe zum Schlafen auf die Wiese niedergelegt. Es war für ihn besser so. Er kannte sein Schiff und wusste, sie würde ihn nach der Sache mit der angeblichen seismischen Aktivität nicht aus den Augen lassen wollen. Immer wieder in solchen oder auch anderen Situationen hatte sie ihm in Erinnerung gerufen, dass sie ein Beschützerschiff sei, das unter allen Umständen auf ihren Piloten aufpassen müsse. Davon, das wusste Shimar, würde sie niemals abzubringen sein!

In dieser Nacht schien der Mond über Shimars Schlafstätte sehr hell zu sein, als wolle er ihn vor etwas warnen. Dem Tindaraner kamen die alten Geschichten seiner Großeltern in Erinnerung, in denen es geheißen hatte, dass der Mond als Sinnbild des Göttervaters Absolus immer eine schützende Hand über die halten würde, die in der Nacht wandelten. Auch würde er jede Nacht wiederkehren, um sich anzusehen, was seine Töchter, Tindara und die beiden Sonnen Lucia und Helia, so trieben. Was willst du mir sagen?, dachte Shimar.

Eine kleine Gestalt näherte sich seinem Schlafplatz. Eine Gestalt, die er gut kannte. „Schläfst du schon?“, flüsterte sie. Shimar drehte sich um. „Hey, N’Cara.“, staunte er. „Solltest du nicht längst im Bett liegen?“ „Normalerweise schon.“, gab die Jugendliche zu. „Aber ich kann einfach nicht schlafen. Vielleicht habe ich einfach Lampenfieber wegen morgen. Hoffentlich klappt alles.“ „Das wird schon.“, versuchte Shimar, in ihr Zuversicht zu wecken. „Ich habe Jean-Luc und dich gesehen. Meiner Ansicht nach sitzt alles und dein demetanischer Trainer war doch auch sehr zufrieden mit euch zweien.“ „Pfui schäm dich!“, grinste N’Cara. „Hast du etwa seine Gedanken gelesen?“ „Brauchte ich nicht.“, stieg Shimar in ihren Scherz ein. „Sein Gesicht sprach Bände.“ „Echt?“, fragte N’Cara, die nicht recht glauben konnte, was er ihr gerade gesagt hatte. „Das hat er mir gegenüber aber nicht wirklich gezeigt. Iron meinte, es sei schon alles sehr viel besser geworden, aber …“ „Du bist seine Schülerin.“, erklärte Shimar. „Vielleicht wollte er dich auch nur anstacheln, damit du auf diesem Weg weiter gehst. Meine Ausbilder waren da teilweise nicht anders gewesen.“ „Kapiert.“, sagte sie und begann ein mitgebrachtes Bündel zu entrollen. „Was wird denn das?“, lachte Shimar. „Na was wohl?“, fragte N’Cara naseweiß. „Ich campiere neben dir. In meinem Bett kann ich noch lange genug schlafen, wenn du weg bist. Aber deine Anwesenheit ist was Seltenes. Das will ich bis zum Schluss genießen.“

Sie legte ihren Schlafsack rechts neben den von Shimar. „Hoffentlich denken deine Eltern nichts Ungehöriges von mir.“, äußerte der Tindaraner seine Bedenken. „I wo.“, sagte N’Cara. „Die denken, ich wäre brav in meinem Zimmer. Ich habe meine Decke ausgestopft. Außerdem fungiert deine IDUSA doch sicher gern als Anstandsdame.“ „Klar.“, scherzte Shimar. „Wenn ich dir zu nahe trete, geht sie mit dem Phaser dazwischen.“

Shimar nahm das unverwechselbare Signal seines Sprechgerätes wahr. „Entschuldige.“, sagte er zu N’Cara und kramte es unter seinen Kleidungsstücken hervor. Im Moment hatte er nur eine leichte Nachtuniform an.

„Ich hatte einen Witz gemacht, IDUSA.“, erklärte er dem Schiff, nachdem er die Sendetaste gedrückt hatte. „Es geht gar nicht um die Situation zwischen Ihnen und dem Mädchen.“, erwiderte das Schiff. „Ich muss Sie bitten, kurz an Bord zu kommen. Ich habe Agent Maron in der Leitung und es wäre wohl nicht so gut, würde die Kleine alles mitbekommen. Sie könnten zwar den Ohrhörer benutzen, aber aus Ihren Antworten könnte sie doch einiges schließen und das gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Meine Hülle ist schalldicht und …“ „OK.“, sagte Shimar. „Ich komme. Öffne die Luke!“

Er stand auf und ging um das Schiff herum zur Einstiegsluke ins Cockpit, die ihm IDUSA mit Hilfe eines Lichtes zeigte.

„Gib ihn her, den Agent.“, sagte Shimar, nachdem er im Pilotensitz Platz genommen und den Neurokoppler aufgesetzt hatte. „Augenblick.“, sagte das Schiff und stellte die Verbindung her.

Maron sah sehr wohl, in welchem Aufzug Shimar war. Aber der Demetaner konnte sich denken, dass es dort, wo er sich jetzt aufhielt, vielleicht auch schon Nacht sein könnte. „Hast dich schon bettfein gemacht.“, erkundigte sich der erste Offizier. „Stimmt.“, erwiderte Shimar und machte ein Gesicht wie ein ertappter Schuljunge. „Ist ja nicht schlimm.“, sagte Maron, der sich heute – zumindest empfand es Shimar so – sehr großzügig zeigte, was seinen kleinen Fauxpas in der Kleiderordnung anging. Die Demetaner waren zwar im Allgemeinen als sehr verständnisvoll bekannt, das wusste Shimar, aber heute kam es ihm vor, als würde Maron mit Absicht über einiges hinwegsehen.

„Ich wollte dir auch nur sagen, dass Zirell und ich sehr stolz auf dich sind.“, fügte Maron hinzu. „Wovon redest du?“, tat Shimar unwissend. „Von der Tatsache, dass du Hestias Angebot abgelehnt hast.“, sagte Maron. „Dadurch hast du ihr gezeigt, dass du dich nicht auf den Krieg zwischen ihr und ihrer Schwester einlässt und die Ausbeutung ihres Volkes nicht unterstützt. Wenn du das Angebot angenommen hättest, hätte das wiederum Alegria erfahren und dann hätte sie ihr Volk noch mehr ausgebeutet, um diese celsianische Zivilistin besser bezahlen zu können, als Hestia dich bezahlt hätte. Darauf hätte wiederum Hestia …“ „Klar.“, ging Shimar per Break-Taste dazwischen. Es war zwar eigentlich nicht seine Art, einen Vorgesetzten einfach zu unterbrechen, aber wenn er etwas verstanden hatte, musste man ihm es nicht zwei mal erklären. „Ich finde es total merkwürdig, dass die Prinzessinnen glauben, der Eine oder die Andere würde das Tor zum Himmel eher finden, wenn man ihnen Vermögen in den Rachen schmeißt. Dabei kommt es doch eher auf den richtigen Hinweis an.“, äußerte Shimar. „Sie sind so aufgewachsen.“, erklärte Maron. „Wer in einem System aufwächst, in dem demjenigen alles ermöglicht wird, der viel hat, zieht solche Schlüsse. Das ist ganz logisch.“ „Wenn du meine ehrliche Meinung hören willst, ist das nicht nur ganz logisch, sondern auch ganz pervers.“, entgegnete der junge Tindaraner. „Da magst du Recht haben.“, sagte Maron. „Aber auch viele Gesellschaften in der Föderation entstammen solchen Kulturen, haben sich aber zum Glück heute anders entwickelt.“ „Auf Tindara gab es auch einmal so ein Kapitel.“, gab Shimar zu. „Auf Demeta auch.“, sagte Maron. „Aber das ist ja lange her.“

Maron nahm eines der Röhrchen, das er mit in sein Quartier genommen hatte, in die Hand und hielt es vor die Kamera des Sprechgerätes. „Weiß Hestia, wie IDUSA und du sie genarrt habt?“, fragte er. „Nein.“, entgegnete Shimar. „Sie glaubt wohl bis heute, ich hätte mir den Bauch vollgeschlagen.“ „Das soll sie ruhig noch eine weitere Weile glauben.“, entgegnete Maron, der nicht verhehlte, dass ihm IDUSAs kleine hinterlistige „Zaubereinlage“ mit Traktorstrahl und Transporter sehr gefallen hatte.

Der Demetaner sah auf die Uhr und dann wieder auf den virtuellen Schirm vor seinem geistigen Auge. Auch Maron hatte einen Neurokoppler auf. „Du sagst, es sei bei dir schon Nacht.“, fasste er zusammen. „Wo bist du?“ „Auf der lithianischen Heimatwelt.“, antwortete der Patrouillenflieger. „IDUSA und ich gehen einem Hinweis aus Brakos Aufzeichnungen nach.“ „Interessant.“, bemerkte der demetanische Kriminalist. „Ich wette, Ginalla ist nicht im Besitz dieser Aufzeichnungen.“ „Nein.“, sagte Shimar. „Aber sie geht einem anderen Hinweis nach. Zumindest vermuten IDUSA und ich das. Sie hat Ginallas Kurs in Richtung Genesia Prime extrapoliert. Dort wird uns der Hinweis, dem wir nachgehen, auch irgendwann hinführen. Aber im Moment soll die genesianische Sonne sehr aktiv sein und das bekommt keinem System.“ „Und warum ist dann Ginalla dort hin geflogen?“, verhörte ihn Maron. „Das weiß ich nicht. Aber sie ist Celsianerin. Vielleicht kann sie die Systeme ihres Schiffes besser reparieren. Was weiß ich.“, sagte Shimar unwirsch, dem erst jetzt aufgefallen war, dass hier etwas nicht stimmte. „Ich werde wegen der Sonne recherchieren.“, sagte Maron. „Ich glaube, einer von euch Beiden ist gründlich verladen worden.“ Er beendete das Gespräch.

Shimar bemerkte N’Cara, die ihr Ohr an IDUSAs Hülle gedrückt hatte, als er wieder ausgestiegen war. „Der Lauscher an der Wand.“, schmunzelte er. „Oder willst du mir weismachen, du wolltest mit IDUSA schmusen?“ „Nein.“, erwiderte sie lächelnd. Dann gingen beide zu den Schlafsäcken zurück.

„Mit wem hast du da drin geredet?“, wollte N’Cara wissen. „Mit niemandem Besonderen.“, sagte Shimar. „Das waren nur meine Vorgesetzten. Ich habe die Meldezeit vertorft.“

Er hoffte inständig, sie würde nicht merken, dass er sie belogen hatte. Dass er ihren Vater eben dessen verdächtigte, wollte er ihr nicht sagen, um das zarte werdende Band ihrer Freundschaft nicht schon im Keim zu zerstören.

Scotty und Sedrin hatten den Freeway verlassen und waren auf die Straße eingebogen, die sie wieder zum Gebäude der Akademie führte. „Haben Sie das Auftreten Ihrer Frau jetzt einigermaßen verschmerzt, Techniker?“, wollte die Agentin wissen. „Es geht, Agent.“, gab Scotty zu. „Leider habe ich immer noch ein Problem mit der Tatsache, dass ich Betsy anscheinend doch nicht so gut kenne, wie ich geglaubt habe. Sie kann wohl doch ganz schön mutig sein, wenn man sie lässt.“ „Der Allrounder ist bei Weitem nicht das stille Wasser, für das sie alle halten, Techniker.“, sagte Sedrin und ihr Gesicht verriet, dass sie Scotty wohl sehr belehren wollte. „Sie schauen mich an wie eine Vorgesetzte ihren Untergebenen, der sich gerade einen Fehltritt geleistet hat.“, bemerkte Scotty. „Aber wenn man unsere Ränge betrachtet, sind Sie das ja auch.“ „Ich habe im Laufe meiner Tätigkeit bei der Sternenflotte gemerkt.“, erwiderte Sedrin, „Dass gerade die stillen Gewässer die sind, in denen Sytania mit Vorliebe ertrinkt, weil sie diese einfach immer wieder gewaltig unterschätzt. Ihre Frau weiß das sehr genau.“

Sie parkte den Jeep vor dem Haus. „Da wären wir.“, sagte sie, während Scotty und sie ausstiegen. „Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Techniker!“, rief sie ihm noch zu, bevor sie in die andere Richtung davon ging.

Scotty betrat das Haus und ging dann weiter in seine und Kings gemeinsame Wohnung. Er dachte ständig über Sedrins Äußerung nach. Sollte er mich wirklich so unterschätzt haben?

King saß im dunklen Zimmer über seinem falschen Lebenslauf. Alesias Rat befolgend war er gerade dabei, ihn auswendig zu lernen. Da er als Miray nur sehr wenig Licht benötigte, war das für ihn kein Problem.

„Ist das dunkel hier.“, beschwerte sich Scotty, als er das gemeinsame Wohnzimmer betrat und fast über einen von Kings Schuhen gestolpert wäre. „Computer, Licht!“

Scottys Befehl ausführend schaltete der Rechner das Licht sofort mit voller Stärke ein, was für die Augen eines Terraners nichts Ungewöhnliches war. King aber machte ein Schmerz verzerrtes Gesicht und gab einen ebensolchen Laut von sich. „Was soll das?!“, fragte er verärgert. „Das Gleiche könnte ich dich fragen!“, erwiderte Scotty verärgert, der Kings Äußerung irgendwie nicht nachvollziehen konnte. „Warum stellst du dich an wegen ein bisschen Licht?“ „Weil ich …“, setzte King an, erinnerte sich aber gleich wieder an die Vereinbarung zwischen sich und dem Geheimdienst, nach der er nicht sagen durfte, wo er wirklich her kam. „Weil du was?“, bohrte Scotty nach. „Weil ich die verdammte Vampirkrankheit habe!“, ärgerte sich King.

Scotty wusste, worauf er hinaus wollte. Als Vampirkrankheit war im Volksmund eine extreme Empfindlichkeit gegen Sonnenlicht bekannt, die ihre Opfer zwang, sich höchstens bei Nacht aus dem Haus zu begeben. „Ach so.“, meinte Scotty. „Dann entschuldige bitte.“ „Schon gut.“, sagte King, dessen Augen sich inzwischen an das Licht gewöhnt haben mussten, denn King sah ihn jetzt ganz normal an, ohne dass man eine Verengung in seinen Pupillen sehen konnte. Dies machte Scotty stutzig, denn bei der Vampirkrankheit gewöhnten sich die Patienten seines Wissens nicht an Licht. Es gab nur einen Grund, aus dem sich King jetzt so verhielt. Er musste kein Terraner sein. Wahrscheinlich hatte er gegenüber Scotty nur behauptet, aus New York zu stammen. Scotty würde sein Leben dafür verwetten, dass sein Gegenüber ein Außerirdischer war. Wahrscheinlich sogar ein Miray. Die waren seines Wissens nach die Einzigen, die sich nur langsam an die normale Lichtstärke gewöhnten. Aber er würde ihn damit noch nicht konfrontieren. Dafür wusste er noch zu wenig. Außerdem wusste er nicht, wie die Agentinnen darauf reagieren würden, wenn er durchblicken ließe, dass er Kings Geheimnis kannte. Vielleicht würden sie …

King legte das Pad beiseite. „Das lerne ich nie!“, stöhnte er. „Man soll niemals nie sagen.“, ermunterte ihn Scotty und nahm das Pad an sich. „Vielleicht kann ich dir ja helfen.“ Er wollte auf jeden Fall wieder gut machen, was er gerade eben verbockt hatte. King nickte.

Scotty setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch. „Dann wollen wir doch mal kieken.“, sagte er und vertiefte sich in den Inhalt des Bildschirms. „Ich geb’ dir das Ding gleich wieder.“, sagte er. „Dann gehst du am Besten in eine stille Ecke im Schlafzimmer und versuchst noch einmal, ähm, sagen wir, deine persönlichen Daten zu lernen. Wenn du das hingekriegt hast, gibst du mir per Sprechanlage ein Zeichen und dann rufe ich dich rein. Ich bin dann der Typ von der Frachtfirma.“ Er schob King das Pad wieder hin. „Gut.“, sagte dieser. „Ich wollte wohl zu viel auf einmal lernen. Entschuldige mich jetzt bitte.“

Er ging aus dem Wohn- ins Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich. Dann vertiefte er sich in die Daten. Aber lernen konnte er nicht wirklich. Die Tatsache, dass Scotty eventuell herausgefunden hatte, woher er wirklich kam, war ihm im Weg. King konnte sich an fünf Fingern abzählen, dass der intelligente Terraner ihm die Lüge mit der Vampirkrankheit nicht abgenommen hatte und sicher zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen war. Er würde mit den Agentinnen darüber reden müssen.

Quälende Minuten wartete Scotty im Wohnzimmer auf ein Zeichen von King. Er dachte sich schon, dass etwas nicht stimmte. Deshalb beschloss er dann doch, hinüber zu gehen. „Alles OK, Kumpel?“, fragte er mitfühlend. „Nein.“, gab King zu und legte das Pad beiseite. „Was is’nn.“, meinte Scotty flapsig und sah ihn mild an. „Ich weiß, dass du weißt, wer ich bin.“, konfrontierte ihn King. „Ich kann mir denken, dass du mir das mit der Vampirkrankheit nicht abgenommen hast. Dafür hast du meine Augen zu intensiv beobachtet. Du hast gesehen, dass sie sich nach und nach an das Licht gewöhnt haben. Bei Patienten der Vampirkrankheit tun sie das nicht.“ „Stimmt.“, sagte Scotty fest. „Aber bei Miray!“

King erschrak. „Also.“, sagte Scotty. „Ich weiß ja nicht, was die Agentinnen mit dir vorhaben, aber eins weiß ich genau. Du bist einer, der viel weiß über die Sache mit Miray und der wenigstens für die Prinzessinnen gearbeitet hat. Sonst …“ „Ich bin ihr verschollener Bruder, verdammt!“, schrie King. „Ich bin Hadrian von Miray, jüngster Sohn von König Brako und Königin Diomira. Ich bin ins Exil gegangen, weil ich die ewigen Streitereien meiner Schwestern satt hatte. Außerdem habe ich die Vermutung, meine Schwestern manövrieren uns noch in einen gewaltigen interdimensionären Krieg, wenn es so weiter geht. Deshalb habe ich …“

Scotty schlug die Hände über dem Kopf zusammen: „Ach du Scheiße!“ „Genau.“, sagte King. „Und die ist ganz schön am Dampfen, wenn wir nichts tun. Deshalb soll ich …“ „Schon klar.“, sagte Scotty. „Aber jetzt, wo du dich ausgekotzt hast, sollte dir das Lernen doch leichter fallen. Versuchs noch mal.“ Er verließ das Zimmer.



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