Das Tor zum Himmel von Visitor

1. Kapitel 1 - Eine fesselnde Begegnung von Visitor

2. Kapitel 2 - Befehle ohne Sinn? von Visitor

3. Kapitel 3 - Das Puzzle wächst zusammen von Visitor

4. Kapitel 4 - Scottys Visionen von Visitor

5. Kapitel 5 - Größenwahn von Visitor

6. Kapitel 6 - Dunkle Gewissheit von Visitor

7. Kapitel 7 - Folgenreiche Rettung von Visitor

8. Kapitel 8 - Tricks und Tücken von Visitor

9. Kapitel 9 - Wegweisende Erlaubnis von Visitor

10. Kapitel 10 - Desaster auf Khitomer von Visitor

11. Kapitel 11 - Geheimpläne von Visitor

12. Kapitel 12 - Geheime Vorbereitungen von Visitor

13. Kapitel 13 - Antrittsbesuch von Visitor

14. Kapitel 14 - Von Prinzen und „Bauern“ von Visitor

15. Kapitel 15 - Ein entscheidender Hinweis von Visitor

16. Kapitel 16 - Ereignisreiche Zeiten von Visitor

17. Kapitel 17 - Moral, Erklärung und Freundschaft von Visitor

18. Kapitel 18 - Vorläufiges Aufatmen von Visitor

19. Kapitel 19 - Hass und seine Folgen von Visitor

20. Kapitel 20 - Noch mehr Ungereimtheiten von Visitor

21. Kapitel 21 - Notfälle und -lösungen von Visitor

22. Kapitel 22 - Ginallas Fehler von Visitor

23. Kapitel 23 - Ein kleiner Fortschritt von Visitor

24. Kapitel 24 - Neid von Visitor

25. Kapitel 25 - Krieg von Visitor

26. Kapitel 26 - Tarn- und Täuschung von Visitor

27. Kapitel 27 - Ein verwegener Rettungsplan von Visitor

28. Kapitel 28 - Ganz neue Erkenntnisse von Visitor

29. Kapitel 29 - Eine aufschlussreiche Entdeckung von Visitor

30. Kapitel 30 - Und langsam wird ein Schuh draus von Visitor

31. Kapitel 31 - Im Watt liegt die Wahrheit von Visitor

32. Kapitel 32 - Ein Urteil der Götter von Visitor

33. Kapitel 33 - Eine genesianische Blamage von Visitor

34. Kapitel 34 - Befreiung wider Willen von Visitor

35. Kapitel 35 - Experimente von Visitor

36. Kapitel 36 - Unbequeme Tatsachen von Visitor

37. Kapitel 37 - Neue Schwierigkeiten von Visitor

38. Kapitel 38 - Ginallas Läuterung von Visitor

39. Kapitel 39 - gebogene Regeln von Visitor

40. Kapitel 40 - Gewagte Thesen von Visitor

41. Kapitel 41 - Signale der Hoffnung von Visitor

42. Kapitel 42 - Sytania gibt nicht auf von Visitor

43. Kapitel 43 - Vertrauensbeweise von Visitor

44. Kapitel 44 - Von Träumen und Laborversuchen von Visitor

45. Kapitel 45 - Überrumpelungstaktik von Visitor

46. Kapitel 46 - Traumhafte Nachrichten von Visitor

47. Kapitel 47 - Der endgültige Beweis von Visitor

48. Kapitel 48 - Heilsame Begebenheiten von Visitor

49. Kapitel 49 - Ein festlicher Abschluss von Visitor

Kapitel 1 - Eine fesselnde Begegnung von Visitor

Mit einer merkwürdigen Vorahnung stapfte Shimar durch den Schnee. Er kannte die tindaranischen Winter natürlich, aber dieser Winter sollte für ihn etwas ganz Besonderes werden. Das spürte der Telepath schon jetzt. Oft hatten ihn ja seine Fähigkeiten nicht enttäuscht, aber er dachte bei sich, dass es vielleicht nur eine Art seiner Seele sei, sich gegen die inzwischen während seines Heimaturlaubes aufgekommene Langeweile zu wehren.

Er blieb stehen und atmete aus, bevor er konzentriert auf eine sich in der Ferne befindende Tür zu sehen begann. Eine solche Fokussierung hatte ihm bereits des Öfteren geholfen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

So sehr Shimar es auch versuchte, das merkwürdige Gefühl wollte einfach nicht weichen! Auch einen Grund dafür vermochte er telepathisch nicht zu finden, obwohl er seine seherischen Fühler bis ans Limit ausstreckte.

Die Tür, die er sich als Konzentrationspunkt ausgesucht hatte, gehörte zu einer Bar, die in seinem Heimatdorf dafür bekannt war, schräge Vögel aus jeder Ecke des tindaranischen Universums anzuziehen. Shimar hatte sich in Mitten der schillernden Gestalten oft nie sehr wohl gefühlt. Er hatte mir gegenüber aber des Öfteren gescherzt, dass ich diese Kneipe wohl zu meinem Zuhause erklären könnte. „Na komm schon!“, motivierte er sich hinzugehen. „Jetzt aber auf! Schlimmer kann’s ja nicht werden.“

Er betrat den Gastraum. Hier reihten sich eine Vielzahl runder Tische aneinander, die in u-förmiger Weise aufgestellt waren. Um diese weißen Tischchen schmiegten sich mit rotem Stoff bezogene Bänke, die sich jeweils zur Raummitte hin öffneten, um einen Eintritt in den jeweiligen Kreis zu ermöglichen. An der dem Ausgang gegenüberliegenden Wand befand sich die Theke mit einem der auch auf den Tischen befindlichen Tischreplikatoren. Der Barmann, ein dickbäuchiger Tindaraner mit schwarzen kurzen Haaren, war eigentlich mehr als Helfer bei deren Bedienung oder als Zuhörer gefragt. Shimar musste lächeln, denn er kannte diesen Mann gut. Es war noch nicht sehr lange her gewesen, da hatte er ihm in der Schule ziemlich die Leviten lesen müssen, denn er war, bevor er hier anfing, Shimars Lehrer gewesen. Shimar war nicht immer der eifrige Schüler gewesen, als den ihn seine Fluglehrer bei den tindaranischen Streitkräften kennen lernen sollten. Im Punkto Streiche war er bei seinen Klassenkameraden immer vorn dabei gewesen.

Der alte Tindaraner lächelte Shimar durch den Raum zu, während sich dieser entschlossen der Theke näherte. „Lange nicht gesehen, Junge, was?“, hörte Shimar bald die tiefe und etwas krächzende Stimme seines alten Lehrers. „Das stimmt, Kibar.“, gab der junge Patrouillenpilot unumwunden zu. „Aber die Terraner haben ein interessantes Sprichwort. Sie sagen, man sehe sich immer zwei mal im Leben.“ Bei dem Wort Terraner musste er bis über beide Ohren grinsen. „Dann stimmt es also doch.“, feixte Kibar. „Was stimmt?“, fragte Shimar breit, während er versuchte, seine Mundwinkel wieder unter Kontrolle zu bringen. „Tu nicht so.“, zog Kibar die Schlinge enger. „Es gibt ein Gerücht, nach dem so eine Sternenflottistin dir ganz gehörig dein Herz gemopst und deinen Kopf verdreht hat. Wie war der Name doch gleich? Petty, Betty, Hetty …“ „Betsy, verdammt noch mal!“, schrie der sichtlich Ertappte durch den ganzen Raum. „Sie heißt Betsy!“ Shimar hasste es, wenn man sich nur halbherzig informierte. Wenn schon Gerüchte, dann aber bitteschön auch richtig! Gleichzeitig musste er stutzen. Auf dieselbe Weise hatte Kibar ihn schon damals dazu gebracht, seine Streiche schlussendlich doch zuzugeben. „Du hast mich mal wieder.“, resignierte er. „Na.“, lachte Kibar. „Deine Sternenflottenoffizierin muss ja echt toll sein.“ „Oh, ja.“, bestätigte Shimar. „Das ist sie.“ Er ließ sich auf einen der schwarzen Barhocker sinken.

Ginalla war im Anmarsch! Die Aussteigerin hatte sich aus ihrer celsianischen Heimat aufgemacht, um, wie sie selbst sagte, den Weltraum unsicher zu machen. Von einem kleinen Schiff im Orbit hatte sie sich auf die tindaranische Oberfläche gebeamt. Jetzt führte sie ihr Weg in die gleiche Kneipe. Immer wieder spielte Ginalla mit ihren langen schwarzen Haaren, die sie lässig über ihre Schultern geworfen hatte. „Heute passiert es.“, flüsterte sie in freudiger Erwartung. „Heute finde ich den richtigen Kontrahenten.“

Sie fasste in eine Tasche ihres langen Mantels, der wie ihr Kleid auch aus einem kompliziert durch Knoten verknüpften Gewebe aus Schnüren bestand, das aber keine unerwünschten Blicke oder das Eindringen von Kälte zuließ. Ihre kleine aber dennoch kräftige Hand förderte ein Sprechgerät zu Tage. Ginalla gab ein Rufzeichen ein. Bald meldete sich eine verhältnismäßig warme Männerstimme im Lautsprecher. „Was gibt es, Ginalla?“, fragte die Stimme. „Instruktionen gibt es, Kamurus.“, erwiderte Ginalla. „Halte die Umlaufbahn. Ich werde dir Bescheid geben, wenn ich etwas Neues weiß.“ „Wie du wünschst.“, gab die Stimme zurück.

Ginalla steckte das Gerät wieder ein und betrat die Kneipe. Dabei machten die Stiefel der etwa 1,70 m messenden Celsianerin auf dem Fliesenboden kaum ein Geräusch. Das kam daher, weil ihre Sohlen aus einem Material bestanden, das extrem widerstandsfähigem Kork ähnelte. Der Rest der Stiefel bestand aus weißem zum blauen Kleid und Mantel passendem Flechtwerk, das, wie alles andere auch, aus festen Schnüren bestand.

Ginalla kümmerte sich nicht um die anderen Gäste, die sich jetzt langsam – es war Abend geworden – in der Bar eingefunden hatten. Zielstrebig bewegte sie sich auf Shimar zu, als hätte sie ihn schon vorher irgendwie ausmachen können.

Sie stellte sich vor ihn, als wollte sie, dass er sie von oben bis unten mustern konnte. Das Gleiche tat sie nämlich auch bei ihm. Ihr war seine lockere Zivilkleidung aufgefallen, die er verhältnismäßig lässig und so weit es das Wetter zuließ aufgeknöpft trug. „Keine Uniform?“, fragte sie mit fast enttäuschtem Tonfall. „Moment mal.“, entgegnete Shimar und stand auf. „Kennen wir uns?“ Er sah Ginalla ihre flapsige Art aufgrund ihrer celsianischen Herkunft zwar nach, dennoch hatte er ein merkwürdiges Gefühl bei der Tatsache, wie salopp sie mit ihm umging.

Ginallas Augen scannten den Raum, als würde sie nach etwas Bestimmtem suchen. Dann sagte sie: „Tschuldigung. Also, ich bin Ginalla und du bist Shimar, richtig?“ Shimars Verwirrung wurde immer größer. Woher hatte sie all diese Informationen? Eine Frau, die er nicht kannte, kannte ihn dafür anscheinend um so besser. Was war hier los?

Auf einem Planeten im Miray-System stiegen zwei junge Frauen einem großen Tross voran einen Hügel hinauf. Beide waren von schlanker Statur, groß und dunkelhaarig und trugen lange wallende schwarze Kleider. Ihre Köpfe wurden von zwei silbernen Krönchen geziert, die beide als Prinzessinnen auswiesen. Außerdem trugen sie schwarze Schnabelschuhe. Alegria, die Ältere, hielt ständig Abstand zu ihrer jüngeren Schwester Hestia, als wollte sie deutlich machen, dass sie auf keinen Fall mit ihr den gleichen Weg oder auch nur irgendetwas teilen wollte. Die Schwestern waren sich nämlich seit jeher spinnefeind. Nur der Tod des gemeinsamen Vaters, König Brako von Miray Prime, zwang sie, von Amtswegen gemeinsam an der Beerdigung Teil zu nehmen. Wie automatisiert ließen beide die rituellen Handlungen geschehen. Sie waren mit etwas ganz Anderem beschäftigt. Sie beschäftigte nur ihr Erbe. Dieser Umstand hatte schon die Gemahlin König Brakos, Königin Diomira, ins Grab gebracht. Im Volk erzählte man sich, Diomira sei an gebrochenem Herzen gestorben, weil sie es nicht ertragen habe, wie ihre Töchter miteinander umgingen.

Wie es auf Miray üblich war, hatte ein Diener das Testament des Königs am Tag der Beisetzung bereits verlesen und darin hatte gestanden, dass die Prinzessin die neue Herrscherin werden soll, die das Tor zum Himmel fände oder finden lasse. Die Suche sollte nach dem Ty-Nu-Lin-Ritus verlaufen. Gern hatten sich die Schwestern damit einverstanden erklärt. Allerdings hatte jede im Stillen nach dem Tor gegiert, ohne zu wissen, worum es sich dabei handeln sollte. Der Ty-Nu-Lin-Ritus besagte, dass eine der Schwestern jemanden finden musste, der diese Suche für sie übernehmen würde. Derjenige musste sich dann einen Gegner suchen. Alegrias Wahl war auf Ginalla gefallen, die gerade auf dem Planeten war und der die Prinzessin eine große Belohnung versprochen hatte. Als Weltraumvagabundin kam Ginalla dieser Umstand gerade recht.

Auf der Granger hatte die Nachtschicht begonnen. Ich saß auf meinem Platz auf der Brücke und sah dem Schiff beim Dahingleiten zu. Mehr konnte ich nicht tun. Zwar war es meine Aufgabe, die Granger zu fliegen, aber der Weltraum war ruhig und es gab keine Anomalien, denen wir ausweichen hätten müssen. Schiffe, die wir aus gefährlichen Situationen retten mussten, waren auch weit und breit keine in Sicht.

Ich aktivierte den Autopiloten und widmete mich einer SITCH-Mail, die ich von Data bekommen hatte. Er hatte mir aber nur die akustische Version geschickt, die er dem Computer diktiert hatte. Da diese auch eine Aufzeichnung seiner Stimme enthielt, fand er das wohl authentischer. Natürlich hätte mir der Computer die schriftliche Form auch vorlesen können, aber so war es für mich völlig OK. Ich amüsierte mich nur über den Umstand, dass Data jede Mail förmlich mit den Worten: „Sehr geehrter Allrounder“, begann, obwohl wir uns schon so lange kannten und gute Nachbarn waren. Aber das musste ich einem Androiden wohl nachsehen. Merkwürdig an der Sache war auch, dass mich Data in diesem Und-Täglich-Grüßt-Der-Nachbar-Ritual ständig über das Wachstum seiner Orchideen auf die Kommastelle genau informierte. Dabei war das Gärtnern eigentlich nie mein Thema gewesen. Data aber tat das nur, weil Kipana, die ich sehr mochte, damals – zumindest seiner Meinung nach – einen entscheidenden Teil dazu beigetragen hatte.

Kang, der sich mit mir die Schicht teilte und am Waffenpult, seinem Arbeitsplatz, saß, hatte mein grinsendes Gesicht durchaus gesehen. „Worüber amüsieren Sie sich, Ma'am?“, fragte der Klingone, der einen Rang unter mir stand. Ich zog den Ohrstöpsel aus der Konsole und befahl dem Computer, die Mail von Anfang an abzuspielen. „Sehr geehrter Allrounder.“, begann Datas Stimme. „Es würde mich freuen, könnte ich Freude empfinden, Ihnen mitteilen zu können, dass meine Orchideen seit gestern einen Wachstumsfortschritt von 0,339 cm gemacht haben. Ich führe dies auf die gesunde Zusammensetzung von Kipanas Hinterlassenschaft zurück. Bitte richten Sie ihr dies aus, wenn Sie sie das nächste Mal sehen. Könnte ich Stolz empfinden, so wäre ich sicher stolz auf sie. Bitte sagen Sie ihr auch, dass sie jederzeit willkommen ist, um den erfolgreichen Düngevorgang zu wiederholen. Eine erfolgreiche Methode sollte man weiter nutzen. Bitte beantworten Sie mir doch noch die Frage, wer Mr. Hupatz ist. In Ihrer letzten Antwort erwähnten Sie, dass andere Lebensformen Kipanas Tun nicht erfreut hätte, weil ihre Hinterlassenschaft stinke wie Hupatz. Ich habe aus Ihrem Tonfall entnommen, dass Sie Mr. Hupatz wohl auch nicht sehr mögen, wenn er so stinkt. Deshalb sollte ich wohl von einem Kennenlernen absehen. Gruß von Ihrem Nachbarn und Freund Data.“

Kang stand auf und klopfte sich auf die Schenkel vor Lachen. Dann aber stutzte er. „Ich frage mich allerdings das Gleiche wie Mr. Data. Wer ist Hupatz?“ „Oops!“, rief ich aus, die ich erst jetzt gemerkt hatte, dass mir da wohl ein deutsches Wort in eine englische Mail gerutscht war. „Hupatz ist keine Person, Warrior.“, erklärte ich. „In meiner Heimat sagt man nur: Das stinkt wie Hupatz, wenn etwas besonders streng riecht. Was Hupatz eigentlich ist, weiß ich auch nicht. Aber das sagt man halt so.“ Der Klingone nickte verständig. „Da habe ich wieder was gelernt.“ Er sah mich stolz an.

Zirell und Maron hatten sich in einem Turbolift auf der tindaranischen Station getroffen. „Wo wir schon mal zusammen zur Arbeit fahren, Zirell.“, begann der vollschlanke Demetaner. „Kann ich dich ja auch gleich über die Ergebnisse meiner Ermittlungen informieren, was den merkwürdigen Hackerangriff auf den Hauptrechner der tindaranischen Streitkräfte angeht.“ Die zierliche Tindaranerin, die mit dem Gesicht zur Konsole gestanden hatte, drehte sich um und antwortete: „Ich bin gespannt.“

Sie waren auf Ebene eins angekommen, auf der sich die Kommandozentrale befand. Nebeneinander stiegen sie aus dem Lift und gingen den kurzen Gang entlang, der sie bald zum Kontrollraum führte. Hier setzten sie sich an ihre Arbeitskonsolen und Zirell ließ sich von Joran, der die Nachtschicht geführt hatte, einen kurzen Abriss geben, der aber mit dem Satz: „Keine besonderen Vorkommnisse, Anführerin Zirell.“, abgefertigt war. Zirell winkte dem Vendar zum Gehen. Befehlsgemäß verließ Joran den Raum.

„Jetzt sind wir unter uns.“, wandte sich die Tindaranerin an ihren demetanischen ersten Offizier, nachdem die IDUSA-Einheit der Station die Tür hinter Joran verschlossen hatte. „Das ist auch besser so.“, atmete Maron auf. „Obwohl ich mir wünschte, Joran könnte zu diesem Geschehen etwas sagen.“ „Spann mich nicht länger so auf die Folter!“, drängte Zirell. „Was ist denn los?“ „Ich weiß noch nicht viel, Zirell.“, erwiderte Maron in beschwichtigendem Ton. „Aber was ich weiß, lässt mich dich fragen, ob du Mc’Knight entbehren kannst. Sie sollte sich das Ganze vor Ort ansehen. Außerdem sollte sie mir bei den Vernehmungen der Techniker assistieren. Mit ihrer Hilfe werde ich sicher herauskriegen, was hier passiert ist.“ „Natürlich kannst du Jenna mitnehmen.“, sagte Zirell, der immer noch nicht klar war, womit ihr erster Offizier so hinter dem Berg hielt. „Was sollte deine Andeutung mit Joran?“, bohrte sie nach. „OK, pass auf.“, begann Maron und machte eine erneute Denkpause. „Die Signatur des Signals, das benutzt wurde, entspricht keinem bekannten Muster. Es scheint extradimensionären Ursprungs zu sein. Ich dachte nur, weil Joran während seines Dienstes bei Sytania so viel herumgekommen ist …“ „Glaubst du, Sytania würde sich so eines primitiven Mittels wie eines Hackerangriffes bedienen?“, unterbrach seine Vorgesetzte ihn. „Um von sich als der Schuldigen abzulenken, halte ich dies durchaus für möglich.“, verteidigte sich der demetanische Agent. Die Tindaranerin grinste nur abfällig: „Du weißt doch, dass so etwas für Sytania viel zu langwierig wäre. Das würde sie nie tun. Sie will den schnellen Erfolg und nicht lange warten müssen.“ „Das weiß ich, Zirell.“, argumentierte Maron. „Aber das ist ihr auch schon oft zum Verhängnis geworden. Vielleicht hat sie ja daraus gelernt.“ „Aber das passt so überhaupt nicht in ihr psychologisches Profil.“, widersprach Zirell.

Plötzlich lud IDUSA beide Reaktionstabellen in den Simulator im Raum und begann: „Sie zwei können sich hier weiter und weiter die Köpfe über ungelegte Eier, wie man auf Terra sagt, heiß reden. Ohne empirische Daten wird dabei nichts herauskommen. Ich schlage vor, dass zunächst weiter ermittelt wird und Sie, Agent Maron, tatsächlich auf die Hilfe von Techniker Mc’Knight und Joran zurückgreifen. Anderenfalls wird Ihre Diskussion nie zu einem Ende kommen und das wäre, wenn man Ihre Aufgabe, das Führen dieser Basis, betrachtete, sicher nicht sehr effizient.“ Zirell überlegte eine Weile und lenkte dann ein: „Du hast Recht, IDUSA. Also, Maron, du solltest tatsächlich Joran vernehmen und dann sollten Jenna, er und du mit IDUSA nach Tindara fliegen und die Truppen in der technischen Garnison vernehmen. Jenna und Joran sollten aber bei jeder Vernehmung, die du führst, anwesend sein. Sonst entgeht euch möglicherweise noch der entscheidende Hinweis. Ich werde Shannon Bescheid geben. Sie soll das Shuttle warten.“

Der Einwand des Stationsrechners hatte Zirell nicht wirklich gestört. Da die tindaranische Rechtsprechung künstliche Lebensformen den natürlichen gleich setzte und Zirell mit diesem Grundgedanken aufgewachsen war, hatte sie dies sogar sehr begrüßt. Auch die Reaktion ihres ersten Offiziers hatte sie überrascht. Sie war davon ausgegangen, dass Maron nach den Ingenieurinnen geschrien hätte, um IDUSA zurechtstutzen zu lassen. Aber das war zu ihrer positiven Überraschung ausgeblieben. „Du machst Fortschritte.“, lächelte sie ihm noch zu, bevor er den Raum in Richtung der technischen Kapsel verließ. Auf dem Weg würde er, wenn dieser wach sei, bei Joran vorbei schauen.

Alegria und Hestia hatten sich im Park des väterlichen Schlosses getroffen. Hier würden sie nun, wie es der Ty-Nu-Lin-Ritus verlangte, über das Erreichte miteinander sprechen. „Nun, wie sieht es aus, Schwester?“, fragte Hestia. „Hat deine Pilotin schon einen würdigen Gegner für sich gefunden?“ Alegria stellte sich mit erhobenem Kopf und stolzer Brust vor ihrer Schwester auf und sagte: „Merke dir, Hestia, Ginalla ist auf einem guten Weg. Sie hat ein sehr gutes Schiff. Sie wird das Tor schon finden, egal, wer gegen sie antreten wird.“ „Sei dir nicht so sicher!“, rief Hestia voller Empörung. „Soviel ich weiß, liebt deine Ginalla Herausforderungen. Sie wird sich schon einen Gegner suchen, der meiner würdig und ihr wirklich ein Gegner ist.“ „Wir werden sehen.“, gab Alegria zurück. „Jedenfalls werde ich nicht mehr mit dir unter einem Dach geschweige denn auf einem Planeten wohnen, solange das hier dauert. Wenn Ginalla zurückkehrt, wird sie mich und meinen Hofstaat nach Miray zwei bringen in unser Sommerschloss, welches ich gerade zu meinem eigenen Palast erklärt habe. Für dich, Schwester, ist es eine verbotene Zone!“ Damit drehte sie sich fort und ging.

Shimar war die ganze Sache etwas unheimlich geworden. Ihm waren die Celsianer eigentlich nicht als Telepathen bekannt. Dennoch schien diese Celsianerin irgendwelche Quellen zu haben, die ihm verborgen blieben. Seine Versuche, etwas in ihrem Geist zu lesen, was ihm helfen konnte, waren fehlgeschlagen. Er kriegte einfach keine Verbindung zustande. „Geht nich’, he?“, grinste Ginalla auf die bekannt flapsige celsianische Art, denn ihr war dank eines ausgeprägten logischen Denkvermögens sehr wohl bekannt, was er versuchte. „Ja ja. Man kann eben keine Verbindung zu einem Empfänger kriegen, der offline ist. Wenn der zellare Peptidsenker nur nicht wär’.“ Sie zog demonstrativ einen Hypor aus ihrer Tasche. „Ganz schön hinterlistig, Ms. Ginalla.“, gab Shimar zu. „Aber woher wissen Sie dann, wer ich bin?“ Shimar war durchaus klar, dass man sich in der Sternenflotte und in der Föderation im Allgemeinen siezte, was auf Tindara nicht üblich war, weshalb es für ihn eine ungewohnte Situation darstellte. „Wow.“, machte Ginalla und stand von dem Stuhl auf, auf den sie sich gesetzt hatte. „Langsam, Shimar. Wir sind auf deinem Planeten, also werde ich mich deinen Sitten anpassen. Duzen wir uns doch einfach und eine Miss bin ich schon gar nicht. So nennt man höchstens eine Lady, aber ich bin keine.“ Zur Demonstration leerte sie ihr Glas in einem Zug und warf es hinter sich an die Wand. Dann stieß sie laut auf und meinte, sich den Mund leckend: „Geiles Gebräu.“ „Ich sehe schon.“, entgegnete Shimar, der durch ihr Benehmen ganz schön ins Schwimmen gekommen war. „Wir werden eine Menge Spaß haben bei dem, wozu du mich auch immer brauchst.“ „Das is’n Wort.“, antwortete Ginalla und klatschte ihm mit ihrer linken Hand auf die rechte Schulter. „Wozu ich dich brauche, klären wir aber woanders.“, sagte sie dann und zog ihr Sprechgerät: „Kamurus, zwei zum Beamen, aber zack-zack!“

Sie fanden sich an Bord eines seltsamen Schiffes wieder. Zumindest empfand dies Shimar so. Aber irgendwie war ihm die Bauweise solcher Schiffe auch aus vorherigen Berichten bekannt. Wenn er sich nur genauer erinnern könnte!

Ginalla zog einen Neurokoppler aus ihrer Tasche und einen zweiten aus einem Fach unter der Steuereinheit. Dann schloss sie beide Geräte an und gab Shimar eines mit den Worten: „Schön aufsetzen.“ Vertrauensvoll folgte der Tindaraner ihrer Anweisung. Bald bemerkte er, dass das Schiff ihn zu untersuchen schien, um eine Reaktionstabelle von ihm zu erstellen. Wenige Sekunden später erschien vor seinem geistigen Auge das Bild eines verwegen dreinschauenden älteren Mannes mit Backenbart. Irgendwie hatte dieser Kerl Ähnlichkeit mit einem Raumpiraten. „Hi.“, lächelte Shimar ihm zu. „Hi.“, gab er zurück. „Ich bin Kamurus.“ „Shimar. Angenehm.“, gab Shimar nun sichtlich verwirrt zurück. Er hatte längst erkannt, dass die Simulation wohl eine Bedienhilfe für diesen Schiffsrechner sein musste, ähnlich wie es bei tindaranischer Technologie der Fall war. „Du bist keine IDUSA-Einheit.“, stellte er fest. „Nein, bin ich nicht.“, antwortete die Simulation. „Ich stamme aus einer Dimension, deren Zugänge aus Partikelfontänen bestehen. Ginalla hat mich aufgelesen, als ich vor einer Station auftauchte, auf der sie gerade zufällig war. Aber ich glaube, den Rest sollte sie Ihnen lieber selbst erzählen.“ Er löschte Shimars Tabelle.

Ginalla hatte alles mitbekommen. „Er ist sehr kontaktfreudig.“, grinste sie. „Das hat man gemerkt.“, antwortete Shimar. „Er kommt also wirklich aus dieser Dimension, in der es eine ganze Rasse von selbstständig denkenden Raumschiffen gibt?“, versicherte sich der junge Patrouillenflieger bei seinem Gegenüber. „Hat er dir doch gerade selbst erklärt.“, schnippte Ginalla zurück. „Er kommt aus der gleichen Dimension wie Alice oder Sharie. Die Namen sollten dir aus dem Geschichtsunterricht etwas sagen.“

Shimar fiel jetzt alles wieder ein. Mit Alice verband die Sternenflotte keine so guten Erinnerungen, Aber Sharie hatte damals von der Scientiffica deren Autopilotprogramm erhalten, damit sich die Schiffe gegen die Widersacherin der Scientiffica-Crew wehren konnten, die vorhatte, die Dimension zu erobern, um sich die Technologie der Schiffe zu eigen zu machen.

„Jetzt weiß ich Bescheid.“, erklärte Shimar mit ordentlich Überzeugung in der Stimme. „Aber was soll ich dabei?“

Ginalla drehte sich Richtung Konsole: „Kamurus, zeig’s ihm!“ Wie befohlen lud das Schiff Shimars Tabelle erneut und zeigte ihm ein Bild, das Shimar an ein mittelalterliches Königsschloss erinnerte. „Wo ist das, Kamurus?“, fragte Shimar den Schiffsrechner. „Das Schloss steht auf Miray Prime.“, antwortete dieser wahrheitsgemäß. „Die Miray haben ein Feudalsystem, trotzdem sind sie warpfähig.“ „Nun ja.“, erwiderte Shimar, nachdem Kamurus eine Pause gemacht hatte. „Das Eine schließt das Andere ja nicht aus. Man muss nicht demokratisch regiert werden, um technologisch fortschrittlich zu sein.“ „Korrekt.“, antwortete Kamurus. „Aber was ist jetzt eigentlich los?“, drängte Shimar weiter. Kamurus wollte weiter berichten, aber Ginalla winkte ab: „Lass mich!“

Sie nahm den Neurokoppler ab und drehte sich jetzt zu Shimar. „Also.“, begann die Celsianerin, nachdem sie sich zurückgelehnt hatte. „König Brako hat das Zeitliche gesegnet. Er hat zwei total streitsüchtige Töchter. Die würden sich glaube ich sogar noch um die Luft zum Atmen streiten, wenn davon nicht für beide genug da wäre. Die streiten sich um alles und nichts. Sogar um jedes Staubkorn. Kannst du mir folgen?“ „Kann ich.“, antwortete Shimar zuversichtlich. „Aber wie passen du und ich da rein?“ „Kamurus und ich waren zufällig auf Miray, als es ums Erbe ging. Die Miray haben einen alten Ritus. Er heißt Ty-Nu-Lin-Ritus. Zwei, die sich streiten, beauftragen wieder zwei, die, wie in diesem Fall, nach dem Objekt der Begierde suchen. Allerdings muss der Erstbeauftragte sich seinen Gegner selbst suchen und dann klären, ob die zweite Streitpartei mit der Wahl einverstanden ist. Ich arbeite für Alegria, die ältere Prinzessin. Du würdest dann für ihre jüngere Schwester Hestia arbeiten. Wir müssen das Tor zum Himmel finden. Der König wollte, dass die Prinzessin den Thron erhält, die es zuerst findet oder finden lässt. Der Ritus verlangt außerdem, dass wir uns jeden Tag grob über das Erreichte austauschen müssen.“ „Das kann ich nicht selbst entscheiden.“, meinte Shimar. „Ich muss darüber zuerst mit meinem Commander reden. Wenn sie nein sagt, darf ich es nicht.“ „Wie du meinst, Soldat.“, grinste Ginalla. „Obwohl ich mir sehr wünschen würde, dass sie ja sagt. Dich als Herausforderer zu haben, verschafft mir nämlich einen ziemlichen Kick.“ Sie leckte sich lasziv die Lippen. Dann sagte sie zu Kamurus: „Beame ihn auf die Oberfläche zurück. Er hat noch was zu erledigen.“

Commander Kissara saß in ihrem Bereitschaftsraum, als ich Präsidentin Nugura zu ihr durchstellte. „Was gibt es, Madam President?“, fragte die Thundarianerin unsere gemeinsame Oberbefehlshaberin. „Die Miray-Krise.“, kam die Präsidentin der Föderation ohne Umschweife zur Sache. „Ich bedaure König Brakos Tod. Er hat seine Töchter zumindest noch halbwegs im Zaum gehalten, aber jetzt, nach seinem Tod, sind die Prinzessinnen wie von Sinnen. Alegria hat sich auf Miray zwei im Sommerschloss ihres Vaters eingerichtet und einen eigenen Staat ausgerufen. Das wäre ja nicht so schlimm, wenn sie nicht im gleichen Atemzug ihrer Schwester Hestia den Krieg erklärt hätte. Kissara, Sie wissen, dass eine der wichtigsten Frachtruten der Föderation durch das Miray-System führt. Ihre Aufgabe wird es sein, die Frachter zu eskortieren. Mit einem großen Föderationsschiff an ihrer Seite fühlen sich die Piloten, denke ich, viel sicherer. Wir werden alle diplomatischen Kanäle nutzen, um diese Krise so schnell wie möglich beizulegen. Keine der Prinzessinnen wird es wagen, die Granger angreifen zu lassen, denn dann würde sie einen Krieg mit der Föderation riskieren. Ihr Befehl, Kissara, lautet also, gemeinsam mit der Electronica und der Niagara am Rand des Miray-Systems Position zu beziehen und dort auf die Frachter zu warten. Sprechen Sie sich mit Time und Cinia ab, wer wann wen begleitet. Viel Glück, Commander.“ Sie drückte die 88-Taste und ihr Gesicht verschwand von Kissaras Sichtschirm.

Shannon hatte IDUSA gewartet und stand nun an deren Einstiegsluke, wo sie Jenna, Joran und Maron erwartete. Die drei wollten mit dem Schiff nach Tindara aufbrechen, um dort noch einmal die Soldaten in der technischen Garnison zu vernehmen. Vielleicht war Maron bei seiner ersten Vernehmung ja etwas entgangen, worauf ihn Jenna oder Joran noch hinweisen konnten.

Shannon grinste, als sich die Tür zur Kapsel öffnete und die drei erwähnten Personen eintraten. „Na, Jenn’.“, flapste sie ihrer Vorgesetzten zu. „Der tindaranische Geheimdienst glaubt wohl, Sie könnten einen Namen für einen Angreifer aus ihrem genialen Hut zaubern und Maron dann präsentieren. Ich glaube kaum, dass die CIA in meinem Schmöker mal auf diese Art von Hilfe durch Major Carter zurückgegriffen hat.“ „Dann sollten Sie das Buch noch einmal intensiver lesen.“, konterte Jenna, die zwar keinen Schimmer von dessen Inhalt hatte, allerdings genau wusste, wie sie ihre Assistentin plätten konnte. Natürlich wusste sie, dass Shannon nur einen Witz gemacht hatte, aber das hatte sie ja auch getan.

Maron und Joran waren bereits in IDUSAs Cockpit gestiegen. „Beeile dich bitte, Telshanach!“, rief Joran Jenna zu. „Ich möchte nicht, dass man zu lange auf uns warten muss.“ „Ich komme schon.“, summte Jenna zurück und folgte den Männern. „Du weißt doch, Grizzly.“, flapste Shannon noch hinterher. „Wir Frauen brauchen immer etwas länger, bis die Frisur sitzt.“ Joran grinste ihr breit zu, während sich die Einstiegsluke schloss. Er wusste genau, dass seine Freundin auf so etwas nie großen Wert legte.

Kapitel 2 - Befehle ohne Sinn? von Visitor

Schlecht gelaunt hatte Kissara die Brücke betreten. Sie konnte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, für ein paar Frachtpiloten Kindermädchen zu spielen. Warum leitete man die Frachter nicht einfach um, wenn es doch in dieser Region jetzt so gefährlich war? Statt dessen sollten das erste bis dritte Flaggschiff der Föderation sie durch eine Zone begleiten, die vielleicht sogar vermint sein konnte. Kissara hatte alle Daten über die vorangegangenen Streits der Prinzessinnen gesammelt und war zu dem Schluss gekommen, dass sie sich wohl gegenseitig nichts schenken würden. Allerdings hatten sie sich damals nur gestritten und jetzt herrschte zwischen ihnen echter Krieg. Krieg, den sie wohl mit allen Mitteln führen würden, wie Kissara sie einschätzte. Und jetzt sollten drei Forschungsschiffe die Frachter beschützen. Kissara fragte sich, ob das Beordern von Kriegsschiffen in diesen Sektor nicht mehr Erfolg versprechen würde.

Sie setzte sich auf den Rand ihres Kommandosessels, als wolle sie gleich wieder aufstehen. Dann schnippte sie mir zu: „Allrounder, Kurs ins Miray-System setzen! Kang, unter vier Augen in meinem Raum! Mikel, Sie haben die Brücke!“

Ich nickte und gab den entsprechenden Kurs ein, Kang loggte sich aus dem Waffenpult aus und stand auf, um mit ihr die Brücke wieder zu verlassen und Mikel rückte auf den Kommandosessel auf. „Was hat sie?“, sprach mich Mikel auf Deutsch, unserer gemeinsamen Muttersprache, an. „Ich weiß es nicht, Mikel.“, gab ich in gleicher Weise zurück. „Das hat erst angefangen, nachdem ich Nugura zu ihr durchgestellt hatte. Der Spionageoffizier machte eine fragende Kopfbewegung und zuckte mit den Schultern.

IDUSA war in die Umlaufbahn von Tindara geschwenkt. Hier hatte sie Jenna und Maron von Bord gebeamt. Joran würde über Marons Sprechgerät alles mitbekommen.

Schnellen Schrittes ging man die Straße zur Garnison, in der der Hauptrechner des tindaranischen Militärs stand, entlang. Maron ging rechts neben Jenna und wurde nicht müde, die brünette Halbschottin anzusehen. Dabei wich sein Blick fast nie von der kleinen Hautfalte über ihrem rechten Auge, die sich immer dann kraus zog, wenn sie nachdachte. Jetzt dachte sie wieder sehr intensiv. Das konnte er an der krausen Falte sehr gut sehen. „Sie werden noch einmal über ein Staubkorn stolpern, Agent.“, redete Jenna ihrem Vorgesetzten ins Gewissen. „Sie meinen wohl, Mc’Knight, ich sollte besser auf die Straße achten.“, vergewisserte sich Maron. „Genau davon rede ich.“, sagte die Cheftechnikerin.

Einige weitere Minuten verstrichen, ohne dass sich an der Situation großartig etwas änderte. Dann fragte Maron: „Worüber denken Sie nach, Mc’Knight?“ „Ich denke nicht, dass es gut wäre, wenn Sie das jetzt schon erführen, Sir.“, erwiderte Jenna. „Es könnte bei Ihnen eine vorgefertigte Meinung oder einen anderen Umgang mit eventuellen Zeugen auslösen.“ „Na schön, Techniker.“, sagte Maron. „Dann muss ich wohl abwarten. Aber ich weiß ja, dass Sie mich früher oder später an Ihren genialen Gedanken Teil haben lassen.“

Sie betraten den Vorraum zu einer Schleuse. Eine Warnlampe machte sie auf das Vorhandensein eines Kraftfeldes aufmerksam. Wenige Sekunden danach erschien das Gesicht eines jungen Tindaraners auf einem Bildschirm an der Konsole, die sich genau vor ihnen befand. „Geheimdienst der tindaranischen Streitkräfte, Agent Maron.“, identifizierte sich selbiger. „Dies ist Techniker Jenna Mc’Knight. Sie ist als Expertin autorisiert.“ Beide legten ihre rechte Hand auf einen Sensor unter der Konsole. „Identifikation positiv.“, sagte eine nüchterne aber den Beiden im Prinzip sehr gut bekannte Computerstimme. „IDUSA, Kraftfeld deaktivieren!“, befahl der Tindaraner. Die Warnlampe erlosch und das Kraftfeld wurde heruntergelassen. Dann betraten Maron und Jenna das Gelände der Garnison. Hier sah es sehr schlicht aus. Es gab eine große Rasenfläche, die beide überqueren mussten, um zum Haupteingang des Gebäudes zu kommen. Hier wurden sie bereits von einer streng dreinschauenden Tindaranerin erwartet. „Agent Maron, ich bin Chief-Techniker Daravell. Bitte folgen Sie mir. Es gibt eine weitere Zeugin für den Hackerangriff, die sich erst jetzt gemeldet hat. Sie möchte aber in ihrem Quartier vernommen werden.“ Maron und Jenna folgten Daravell, die sich als Kommandantin der Garnison vorstellte. Ihr Weg führte sie zu einem Turbolift, der alle drei in die Wohnkapsel brachte. Hier führte die Tindaranerin sie zackigen Schrittes zu einer Tür, deren Sprechanlage sie sogleich betätigte. „Samell, der Agent ist da, um mit dir zu sprechen.“, sagte sie knapp ins Mikrofon, nachdem eine unsichere Teenagerstimme von drinnen auf das Standardsignal geantwortet hatte. „Ich werde euch zwei jetzt mit ihr allein lassen.“, sagte Daravell und marschierte davon.

Einige Sekunden danach öffnete sich die Tür und eine zierliche Tindaranerin von 1,20 m Größe, dürrer Statur und mit schwarzen langen Haaren bat sie herein. „Bitte verzeiht die Unordnung.“, bat sie und zeigte auf einen Haufen Kleidung, der in der Ecke lag. „Ist schon gut, Samell.“, tröstete Maron, bevor er sich neben die Kleine auf das Bett setzte. Jenna nahm sich einen Stuhl und setzte sich etwas abseits hin. Ihre Anwesenheit sollte nicht störend wirken.

Maron zog ein Pad und lud das übliche Formular für Vernehmungen in dessen entsprechendes Arbeitsprogramm. „OK.“, sagte er dann. „Das ist sicher deine erste Vernehmung durch einen Geheimagenten, nicht wahr?“, näherte er sich freundschaftlich. Samell nickte verschüchtert. „Du brauchst keine Angst zu haben.“, tröstete Maron. „Ich werde dich nicht beißen und ins Gefängnis musst du auch nicht. Nur lügen darfst du nicht. Wenn du etwas nicht weißt, dann sagst du das einfach und wenn du zu etwas nichts sagen willst, ist das auch OK. Nur, wenn du schon angefangen hast, über eine Sache zu berichten, musst du diesen Bericht auch zu Ende führen, ohne etwas zu verschweigen oder zu lügen.“ Samell nickte. „Gut.“, erwiderte Maron und nahm das Pad, das er zunächst weggelegt hatte, wieder an sich. „Fangen wir mit was ganz Leichtem an. Du heißt Samell, ist das richtig?“ „Ja, Agent.“, antwortete Samell. „Genauer, technische Auszubildende im ersten Jahr Samell. Die Namen meiner Eltern sind Nyell und Damar. Ich wurde bei zentraler Allzeit 335.0510,1015 in der Hauptstadt abgespalten, pardon, geboren.“ „Schon gut.“, lächelte Maron, dem durchaus bekannt war, wie die Tindaraner sich fortpflanzten. „Ich wollte ja nur Rücksicht nehmen auf Mitglieder von Spezies, deren Nachwuchs im Körperinneren…“ „Ist doch OK, Samell.“, entgegnete Maron. „Du scheinst sehr rücksichtsvoll und sehr genau zu sein, nicht wahr?“ Sie nickte. „Wenn das so ist, dann kannst du doch bestimmt auch sehr genau über die Vorkommnisse bei dem Hackerangriff berichten, was?“ „Das kann ich.“, sagte Samell mit ängstlicher Stimme. „Aber ihr müsst mir versprechen, dass ich keinen Ärger kriege.“ „Warum solltest du welchen bekommen?“, fragte Maron. „Du hast doch nichts gemacht.“ „Das ist es ja gerade.“, antwortete Samell. „Komm.“, versuchte Maron sie zu beruhigen. „Jetzt atmest du erst mal tief durch und dann erzählst du uns genau, was du mitbekommen hast.“

Samell holte tief Luft und begann: „Ich hatte Wache im Hauptkontrollraum, als die IDUSA-Einheit mir den Versuch eines Zugriffes von außen meldete. Ich habe ihr sofort befohlen, den Nutzer zu identifizieren, aber das konnte sie nicht. Aber da war es auch schon zu spät. Derjenige hatte sich längst ins System geschmuggelt und ich konnte nur noch beobachten, was geschah.“
Sie machte eine Pause und Maron hakte nach: „Und was ist geschehen?“ „Ich habe gesehen, dass der fremde Rechner Zugriff auf die Personalakten genommen hat und sich eine herunter geladen hat. Es war die von Shimar.“ Maron stutzte. „Wenn du mir jetzt noch seine Dienstnummer sagst, fresse ich einen Besen. Es gibt sicher mehrere Soldaten bei den tindaranischen Streitkräften, die Shimar heißen, aber keine Dienstnummer ist gleich.“ „S539127.“, fuhr Samell fort. „Ach du Schreck!“, rief Maron aus. „Das ist tatsächlich unser Shimar!“ „Könntest du mir das Schema des fremden Signals zeigen?“, mischte sich Jenna ein. „Sicher.“, sagte Samell, die inzwischen Vertrauen zu Maron und Jenna gewonnen hatte. „Bitte kommt mit.“

Sie führte Jenna und Maron in den Kontrollraum, wo sie das Schema des Signals noch einmal durch die IDUSA-Einheit aufrufen ließ. Maron sah seine Untergebene fragend an. „So kann ich dazu nichts sagen, Agent.“, gab Jenna zu. „Aber wenn wir auf der Station sind, könnte ich das Schema an das Sternenflottenarchiv senden. Vielleicht kann es dort identifiziert werden.“ Auf Jennas Geheiß zog Samell die Datei auf einen Datenkristall. „Dich trifft keine Schuld.“, rief Maron ihr noch einmal in Erinnerung. „Den Fehler haben deine Vorgesetzten gemacht. Man betraut doch keinen Auszubildenden im ersten Jahr mit einer selbstständigen Wache.“ Er gab einen verächtlichen Laut von sich. Dann wandte er sich an Jenna: „Gehen wir, Mc’Knight.“

Shimar hatte sich in seinen Jeep gesetzt und war bis zur Einmündung der Hauptgeschäftsstraße in die, in der er wohnte, gefahren. Hier hatte er den Jeep rechts am Straßenrand geparkt, den Antrieb deaktiviert und hatte sich zum Nachdenken auf die Rückbank zurückgezogen. Es würde ein gewaltiges Stück Arbeit werden, seinen Commander von der Notwendigkeit der Mission zu überzeugen. Er wusste, Zirell würde sich nicht unbedingt einverstanden erklären, da es ja theoretisch bedeutete, dass er sich auf eine Seite stellen würde, was die Neutralität der Tindaraner in Frage stellen würde. Wie die Föderation auch würden sie sich ja nie in Belange anderer Gesellschaften mischen, um deren Entwicklung nicht zu gefährden. Deshalb hatte Nugura ja auch eine politische Beziehung zur Zusammenkunft begonnen, weil die politischen Ziele in sofern kompatibel waren. Wenn Tindara davon jetzt abweichen würde, wäre Nugura sicherlich enttäuscht. Dazu konnte er es auf gar keinen Fall kommen lassen.

Gegen seinen Willen formte sich in seinem Geist ein Bild. Er sah einen tindaranischen Offizier mit ordentlicher Uniform im Ringkampf mit einem locker gekleideten Abenteurer. Beide hatten Ähnlichkeit mit ihm selbst. Dieses Bild störte seine Diskussion mit sich selbst gewaltig! Natürlich wusste Shimar, dass es nur eine Manifestation derselben war, aber trotzdem wünschte er sich, es würde endlich aus seinem Kopf verschwinden. Er konnte nicht verstehen, warum es da war und was es ihm helfen sollte. Er wusste von der Sache mit Miss Blümchenkleid und Miss Faltenrock, die ich ihm damals erzählt hatte. Sicher ging es ihm jetzt genau so.

„Verdammt noch mal!“, zischte er nach einem weiteren erfolglosen Versuch, sich des Bildes zu entledigen. „Das wird heute nichts mehr.“ Er stieg wieder auf den Fahrersitz um und setzte den Jeep in Bewegung.

Shimar wusste genau, wer ihm das eingebrockt hatte. Jetzt würde er auf jeden Fall versuchen, diese Person zu erreichen. Wenn Ginalla schon so etwas von ihm wollte, dann sollte sie sich auch an der Lösung des Problems beteiligen. Zum Glück hatte er gesehen, welches Rufzeichen sie in ihr Handsprechgerät eingegeben hatte.

Die warme und freundliche tiefe Computerstimme Kamurus’ beantwortete den Ruf. „Stell mich zu deiner Pilotin durch!“, befahl Shimar mit durchsetzungswilligem Ton. „Versteh mich nicht falsch, es ist nichts gegen dich, aber Ginalla hat mich davor eine schier unlösbare Aufgabe gestellt.“ „Gib schon her.“, hörte Shimar jetzt Ginallas hohe und freche Stimme im Hintergrund. Dann etwas lauter: „Was is’?“ „Ich weiß nicht, wie ich die Sache meinem Commander beibringen soll. Sie wird mir die Ohren lang ziehen, wenn ich von so etwas auch nur rede. Du darfst nicht vergessen, dass ich einer bestimmten militärischen Ordnung unterstehe, die …“ „Wohl’n Schisser, wa?“, grinste Ginalla zurück. „Du meinst wohl, ich sollte mir einen Raumpiraten oder so jemanden suchen. Aber nein, ich will dich! Mit deiner zukünftigen Auftraggeberin, Prinzessin Hestia, habe ich auch schon gesprochen. Dein guter Ruf eilt dir voraus, mein Bester. Sie will dich auch unbedingt. Sie glaubt, du und dein Schiff, ihr könntet das Tor vor Kamurus und mir finden. Was glaubst du wohl, wird sie von dir denken, wenn du schon vorher kneifst. Aus der Nummer kommst du nicht mehr raus.“ „Ich kneife nicht.“, versuchte Shimar sich zu rechtfertigen. „Ach was. Laber Rhabarber.“, lachte Ginalla. „Hör mal zu, Soldat. Man kann nicht über eine Sache urteilen, die man nicht versucht hat.“ Damit beendete sie die Verbindung.

Shimar saß da wie vom Donner gerührt. Das durfte doch nicht wahr sein! Wie konnte sie ihn so abkanzeln? Immer noch spürte er ganz genau, wie die beiden Teile von ihm um die Vorherrschaft kämpften. Der Abenteurer in ihm wollte sich auf die Suche nach dem Tor im Auftrag von Prinzessin Hestia und im Wettstreit mit Ginalla einlassen. Aber der Offizier der tindaranischen Streitkräfte, der an politische Sachzwänge gebunden war, war dagegen. Shimar saß wie ein Zuschauer in der Ecke. Aber er war kein normaler Zuschauer. Er fühlte sich an Händen und Füßen gefesselt und somit unfähig, diesen Kampf zwischen den Beiden zu beenden. Jemand würde für ihn die Fesseln durchschneiden müssen. Jemand, die eine solche Erfahrung auch schon gemacht hatte und die damals sehr souverän damit umgegangen war.

Er tippte mein Rufzeichen, das er auswendig gelernt hatte, ins Sprechgerät, nachdem er diesem befohlen hatte, eine Verbindung über das Interdimensionsrelais aufzubauen. Leider traf er aber dort nur auf Scotty, der das Homesitting während meiner Abwesenheit übernommen hatte. „Was ’ne freudige Überraschung.“, grinste ihm der Schotte entgegen, als er Shimars Gesicht auf dem Display ansichtig wurde. „Mein Nebenbuhler beehrt mich mit einem SITCH.“ „Was machst du in Betsys Haus, Montgommery?“ „Ich pass’ drauf auf. Was’n sonst.“, schnodderte Scotty zurück. „Deine Freundin, also meine Frau, ist auf Mission und weiß davon nix. Ich will s’e überraschen, wenn s’e wieder da is’. Eigentlich hatte s’e Data, den alten Knaben, dazu vergattert, aber mit dem hab’ ich mich mal eben kurzgeschlossen. Davon weiß aber Betsy nix. Und Data, der hält dicht wie ’ne frisch eingebaute Dilithiumkammer beim Jungfernflug. Aber nun mal raus damit. Was hast d’e auf deinem kleinen tindaranischen Herzen?“

Shimar wollte gerade ansetzen, aber da war das verdammte Bild wieder. Es störte ihn derart in seiner Konzentration, dass er nur stammeln konnte: „Also, ich ääähhh das ist hm …“

Scotty drückte die Break-Taste und ging dazwischen: „Nun atme erst mal tief durch und dann schmeiß mir den Kram vor die Füße. Du brauchst keine Rücksicht auf Verluste zu nehmen und schon gar nicht auf den alten Scotty. Is’ was mit Betsy? Hast du Informationen von der Granger, die mir ihr Commander noch nicht gegeben hat? Aber das ist eigentlich nicht Kissaras Art.“ „Es geht nicht um Betsy.“, sagte Shimar schließlich. „Herzlichen Glückwunsch! Es ist ein vollständiger Satz!“, feixte Scotty ins Mikrofon. „Jetzt weißt du ja wie’s geht. Also, weiter so, mein Junge, weiter so!“

Shimar wurde klar, dass Scotty normalerweise auf Celsius wohnte. Vielleicht kannte er ja sogar die, die ihn jetzt so in Schwierigkeiten gebracht hatte. „Was sagt dir Ginalla?“, fragte er. „Ach du Scheiße!“, gab Scotty zurück. „Ich kenne eine Ginalla, die Celsius vor fünf Jahren den Rücken mit unbekanntem Ziel gekehrt hat. Sie wollte als Raumvagabundin durchs All ziehen.“

Shimar beschrieb Scotty die Ginalla, der er begegnet war. „Ja, das ist sie.“, meinte Scotty bedient. „In ihrer Sucht nach Abenteuer denkt sie manchmal nich’ von zwölf bis Mittag. Wäre echt gut, wenn jemand auf sie aufpassen könnte, so gern wie die mit dem Feuer spielt.“

Shimar berichtete jetzt vollständig, was er bezüglich Ginalla erlebt hatte. „Oh, Mann!“, sagte Scotty. „Wäre echt gut, wenn du da mitmachen würdest. Dann könntest du ihr ein bisschen auf die Finger schauen. Du musst versuchen, deinen Commander zu überzeugen, dir das OK zu geben. Anderenfalls könnte Ginalla vielleicht Dinge tun, die wir alle später sehr bereuen. Sie ist Zivilistin und hat nicht das Wissen, das wir haben. Du kennst doch Sytania. Die wartet nur auf solche Naivchen. Ich weiß, Ginalla kommt dir nicht naiv vor, aber sie hat kein Militärwissen und Sytania könnte das eiskalt ausnutzen.“ Shimar erschauerte: „Danke, Scotty.“ Dann beendete er das Gespräch. Er wusste genau, was er jetzt zu tun hatte.

Wie Recht Scotty mit seinem Bauchgefühl noch haben sollte, würde sich zur gleichen Zeit im Dunklen Imperium sehr intensiv ankündigen. Sytania saß gemeinsam mit Moggador, ihrem Kammerdiener und Telzan, ihrem obersten Vendar, in ihrem Palast. Vor Ihnen auf einem marmornen Tisch stand ein Kontaktkelch. Sytania und Telzan hielten Moggador jeweils an der rechten und der linken Hand und hatten die jeweils andere auf den Fuß des Kelches gelegt. Hier sahen nun alle drei, was sich auf Miray abspielte. „Es entwickelt sich alles zu meiner vollen Zufriedenheit.“, stellte die Königstochter fest. „Die zwei Prinzessinnen streiten so vortrefflich, dass sie bald reif sein müssten für meinen Plan.“ Sie setzte ein gemeines Grinsen auf. „Und was ist Euer Plan, Milady?“, wollte Telzan wissen. „Ich habe immer noch nicht von der Eroberung der Dimension Astra Abstand genommen, die bei der Föderation Weltraum heißt.“, erklärte Sytania. „Aber wie soll Euch der Streit der Prinzessinnen dabei helfen?“, fragte Moggador, der in Telzans Augen schon etwas begriffsstutzig schien. Sytania gab einen Seufzer von sich und befahl: „Telzan, erkläre du es ihm!“ „Gib Acht.“, begann Telzan laut und murmelte dann leise in seinen Bart: „Du Sohn eines einfältigen Rindviehs und einer Ziege.“ Dann fuhr er in normaler Lautstärke fort: „Was Milady sagen will ist, dass sie einer der Prinzessinnen helfen wird, allen zu beweisen , dass gerade sie das Tor zum Himmel finden lassen hat. Wenn dann der Thron von Miray an diese Prinzessin gefallen ist, dann wird sie quasi unsere Marionettenregierung und schon haben wir einen Brückenkopf in Astra. Wenn uns dieser Schachzug erst mal gelungen ist, dann ist die restliche Eroberung ein Kinderspiel.“ „Aber wie wollt Ihr dafür garantieren, dass die Prinzessin uns den Thron auch wirklich überschreibt?“, fragte Moggador weiter. Telzan bekam einen roten Kopf. „Zügle deine Wut!“, ermahnte ihn Sytania. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber sein Einwand ist gerechtfertigt. Natürlich will ich die bleiben, die diktiert, zu welchen Bedingungen der Vertrag zu Stande kommt. Das bedeutet, ich werde noch warten. Ich werde so lange warten, bis sie verzweifelt genug sind. Dann wird Prinzessin Alegria eines Nachts von der lieben netten Sytania träumen, die ihr anbieten wird, ihr zu helfen. Allerdings werde ich zur Bedingung machen, dass sie mir danach den mirayanischen Thron überschreiben muss. Sonst kann sie meine Hilfe in den Wind schreiben.“ Sie ließ ihr hexenartiges Lachen erklingen. „Warum habt Ihr gerade Alegria gewählt?“, wollte Moggador wissen. „Weil für sie eine naive kleine Celsianerin arbeitet, die mich nicht kennt. Sie weiß nicht wer ich bin und was für Pläne ich habe. Hätte ich mich für Hestia entschieden, dann würde ich Gefahr laufen, dass dieser verdammte Tindaraner Shimar mich erkennt. Er wird sich nämlich doch dazu entschließen, sich unter allen Umständen das OK von Zirell zu holen. Daran ist dieser verdammte Scotty schuld. Hätte er ihm das bloß nicht eingeredet, dass ich mich unter Umständen einmischen könnte. Aber das macht gar nichts. Darauf können wir immer noch reagieren.“ „Milady sind so weise.“, grinste Telzan und Moggador nickte beifällig.

Kapitel 3 - Das Puzzle wächst zusammen von Visitor

Kang und Kissara saßen in Kissaras Bereitschaftsraum über einigen Sternenkarten, auf denen das Miray-System in all seinen Fassetten dargestellt wurde. Es gab eine wissenschaftliche Karte mit sämtlichen Riesen- und Zwergsternen in der Nähe, Raumriffen und vielen anderen Details, eine Kriegskarte mit Demarkationslinien und dergleichen, eine Frachtflugkarte mit den drei wichtigsten Routen usw.

Die Blicke der Thundarianerin und des Klingonen gingen ständig zwischen diesen Karten hin und her, ohne dass es auch nur den geringsten Hinweis darauf gab, warum Nugura kein viertes Schiff geschickt hatte, das die vierte Himmelsrichtung abdeckte, oder auch darauf, warum die Aufgabe drei Forscher übernehmen sollten, die in einer echten Kampfsituation einem Verband aus Kriegsschiffen hoffnungslos unterlegen waren. Kissara fand, dass Nugura sich nicht unbedingt auf diplomatische Immunität oder dergleichen verlassen sollte. Sie hatte wie gesagt den Streit und das Verhalten der Prinzessinnen lange genug studiert, um zu wissen, dass sie, wenn sie sich nur gegenseitig stark genug provoziert hätten, auf alles schießen würden, was einen Fuß ins Miray-System setzen würde.

Kissara wandte sich von der Konsole ab und dem Replikator zu. „Wir sollten erst mal etwas trinken, Mr. Kang.“, sagte sie und replizierte ihrem Gast ein Glas Blutwein und für sich eines mit Mikrid, einem auf Geflügelfont basierenden Getränk, das mit allerlei Gewürzen angereichert war und geruchlich an die arabische Küche erinnerte. Auf Thundara hatte es ungefähr den Stellenwert wie bei uns ein wohlschmeckender Tee zur Entspannung. Kissara hatte mich einmal auf meine Bitte an ihrem Glas riechen lassen, aber ich hatte mich damals nicht recht an diesen für Terraner doch sehr befremdlichen Geschmack getraut.

Langsam aber bestimmt schob Kang sein Glas weg. „Tut mir leid, Commander, aber ich werde im Dienst keinen Alkohol trinken. Schließlich muss ich als Ihr Stratege und Waffenoffizier einen klaren Kopf behalten, wenn wir dieses Problem besprechen.“ „Es ist ein Glas, Kang.“, lächelte Kissara. „Außerdem ist es Synthehol. Da kann gar nichts …“

Unwillkürlich begann sie plötzlich zu schnurren und ihr Grinsen wurde immer breiter, denn sie hatte bemerkt, dass Kang wohl mit dem Inhalt ihres Glases liebäugelte. Den Grund hierfür konnte sie sich denken. Das Getränk basierte schließlich auf Fleischbrühe. Fleisch erinnerte wohl jeden Klingonen an die Jagd und so war es nicht weit hergeholt. Mit einem weiteren Schnurren schob sie Kang ihr Glas zu und replizierte sich selbst das Gleiche noch einmal. An Ihrem Verhalten fand der Klingone nichts Ungewöhnliches. Er wusste schon lange, dass seine Vorgesetzte schnurren konnte.

Kang nahm einen großen Schluck aus dem Glas und leckte sich den Mund. „Ihnen scheint es wohl zu schmecken.“, stellte Kissara zufrieden fest. Kang gab nur einen wohligen Seufzer von sich. Dann sagte er: „Und es beflügelt den Geist!“, sprang auf und zeigte mit seinem großen haarigen Zeigefinger der rechten Hand auf die Frachtkarte. „Ich denke, es gibt nur eine Erklärung dafür. Nugura hat Kenntnisse, die sie uns verheimlichen muss, damit irgendein Plan funktionieren kann, den sie wahrscheinlich noch zu Brakos Lebzeiten mit ihm geschmiedet hat. Vielleicht hat die Präsidentin auch nähere Kenntnisse über sein Testament, das ja immer noch im Dunkeln liegt. Niemand weiß wo es ist und es ist nur bekannt, dass die Prinzessinnen ihren Streit ums Erbe nach dem Ty-Nu-Lin-Ritus lösen sollen. Mehr ist nicht bekannt, wie Sie wissen, Commander. Wir sollten also das Spiel mitmachen, bis wir etwas Genaueres wissen.“

Kissara strahlte ihn an: „Aber natürlich, Warrior! Schließlich hat Nugura zu Lebzeiten von Brako Verhandlungen mit den Miray geführt. Das ursprüngliche Ziel war ja, den Planeten in die Föderation zu holen. Mit dem plötzlichen Tod des Königs hatte ja niemand gerechnet. Jetzt droht das Staatsgefüge zwar auseinander zu brechen, aber trotzdem kann es sein, dass Nugura eingeweiht ist und es einen Plan gibt und den sollten wir mit ausführen.“

Sie drehte sich der Sprechanlage zu und gab das Rufzeichen meines Arbeitsplatzes ein. „Betsy, wie weit noch bis ins Miray-System?“ Ich konsultierte mein Hilfsprogramm und antwortete: „Bei Warp vier noch sechs Stunden, Commander.“ „Erhöhen Sie auf Warp sieben!“, befahl sie und ich führte ihren Befehl bereitwillig aus. Ich hatte so eine Ahnung, dass etwas im Busch war.

Jenna und Joran saßen in ihrem Quartier und Jenna war immer noch mit dem Schema beschäftigt. Es ließ sie sogar während ihrer Freizeit nicht ruhen. Joran stand von seinem Sessel auf und trat hinter seine Freundin, um ihr seine weichen pelzigen Hände auf die Schultern zu legen. „Bitte hör doch für heute auf, Telshanach.“, bat er. „Es ist spät und deine Augen fallen dir ja schon zu.“ „Nur noch dieser eine Versuch, Telshan.“, flüsterte Jenna zurück.

Erneut ließ sie IDUSA eine Verbindung mit dem Archiv schalten. Aber auch dieses Mal kam eine negative Antwort. „Der Sternenflottencomputer kann das verdammte Schema einfach nicht zuordnen.“, seufzte Jenna. „Dabei war ich mir so sicher, dass es so etwas in der Vergangenheit sicher schon mal gegeben hat.“

Joran löste seine Hände von ihr und begann, etwas vor ihr auf den Tisch zu zeichnen. „Wenn du ein Signal aus der Vergangenheit suchst, Telshanach.“, begann er. Dann solltest du auch eine entsprechende Trägeramplitude zu Grunde legen. Damals arbeiteten sie noch mit Funk, das ist erheblich langsamer weil es auf tieferen Frequenzen operierte als SITCH. Eine Trägerwelle sah damals ungefähr so aus. Wenn du das …“ „Warte!“, rief Jenna, holte ihren Erfasser und fotografierte Jorans Bewegungen ab. Dann befahl sie über die Sprechverbindung mit dem Sternenflottenarchiv: „Computer, Trägeramplitude aus dem Signal filtern und durch das eingehende Datenmaterial ersetzen. Neue Suche starten.“ Sie hatte ihren Erfasser an die Konsole angeschlossen und überspielte nun das Bild. Die Meldung des Computers klang wie Musik in ihren Ohren: „Übereinstimmung gefunden.“ Den daraufhin auf dem Schirm erschienenen Bericht zog sie auf einen Datenkristall und umarmte Joran stürmisch bevor sie sagte: „Wir gehen auf der Stelle zu Maron!“

Jenna und Joran verließen im Laufschritt ihr Quartier und machten sich in Richtung dessen des ersten Offiziers auf. Joran hatte ein extrem gutes Gedächtnis für Gewohnheiten und wusste so genau, dass Maron wohl gerade noch auf sein würde. Wenn sie allerdings später kämen, würde er sich vielleicht schon bettfertig gemacht haben. Aber die Frage hiernach würde ein einfaches Gespräch an der Sprechanlage beantworten.

Sie waren angekommen. Immer noch fand Jenna es höchst merkwürdig, dass es keinen Hinweis auf Allrounder Tchey Nerans Erfahrungen mit Sharie in der Datenbank der Sternenflotte gab, aber sie dachte sich, dass Maron vielleicht auch das beantworten könnte.

Joran betätigte die Sprechanlage. Es dauerte eine Weile, bis er Antwort bekam. Im Display konnte der Vendar ein müdes demetanisches Gesicht erkennen. „Was ist denn heute noch?“, fragte ein schläfriger Maron, der entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten an diesem Abend früher ins Bett gegangen sein musste und wohl gerade wieder aufgestanden war. „Jenna Mc’Knight und ich haben herausgefunden, von was für einer Art Schiff das Signal kam, das den Hackerangriff gestartet hat.“, erklärte Joran. „Ihr habt was?!“

Der demetanische Agent schob seine Hand durch die sich öffnende Tür, nachdem er IDUSA per Touchscreen bedeutet hatte, diese zu öffnen. Dann zog er Jenna, deren Ärmel er greifen konnte, mit sich hindurch. Joran folgte ziemlich verdattert. „Ich wusste, Sie werden das rauskriegen, Mc’Knight.“, sagte der Spionageoffizier erleichtert. „Das war nicht mein Verdienst.“, schob Jenna die Lorbeeren von sich. „Eigentlich war es Joran.“

Ohne sie weiter zu befragen sah Maron Joran erwartungsvoll an. Dieser aber schwieg. „Willst du mir nicht etwas erklären?“, hakte Maron schließlich nach. „Ich habe gar nichts getan, Vertreter meiner Anführerin.“, tat Joran bescheiden.

Wieder ließ Maron einige Sekunden verstreichen, ohne sich weiter in das Gespräch einzumischen oder es zu steuern. Wahrscheinlich dachte er, dass die Situation irgendwann für sein Gegenüber so unerträglich gespannt werden würde, dass derjenige sich von selbst erleichtern wollte. In seinen Verhören hatte er damit schon oft Erfolg gehabt.

Ab und zu warf der Agent einen kurzen Blick auf sein Handsprechgerät. „Je später der Abend …“, murmelte er vor sich hin. „Du musst dich nicht schämen.“, flüsterte Jenna Joran auf Vendarisch, das sie lernte, ins Ohr. „Ich schäme mich nicht, Telshanach.“, kam es in Englisch zurück. Joran hatte seine Muttersprache schon so lange nicht mehr gesprochen, dass es ihm bereits in Fleisch und Blut übergegangen war, entweder Tindaranisch oder Englisch mit seinen Gesprächspartnern zu sprechen. Auch wenn dies kleine Fehler beinhaltete. Im gleichen Moment bemerkte er dies aber und sagte: „Ich weiß, dass du mir helfen wolltest, Telshanach, aber jetzt habe ich dir das wohl gründlich verschweint.“ „Du meinst versaut.“, meinte Maron zur Korrektur. „Ich wollte es vornehm ausdrücken.“, redete sich Joran heraus. „Das finde ich ja sehr löblich, aber das Problem ist, dass dich niemand verstanden hätte, der dich nicht kennt.“, erwiderte Maron. „Aber ich kenne dich und weiß, dass du das nur machst, wenn du verlegen bist und verlegen bist du hauptsächlich dann, wenn dir etwas gelungen ist, was man eigentlich jemandem anders zugetraut hätte. Also, was ist da zwischen euch passiert, he?“ „Es war nur so, Maron El Demeta, dass ich angeregt hatte, es mal mit einer anderen Trägeramplitude zu versuchen, weil du und meine Telshanach zur Verifizierung nach einem Signal aus der Vergangenheit gesucht habt. Als wir das dann gemacht hatten, sind wir fündig geworden.“ Er piekte Jenna sanft in die Seite: „Dein Stichwort, Telshanach.“

Sie schob ihm ihr Arbeitspad hin, nachdem sie es aus der Tasche geholt und den alten Bericht der Voyager aufgerufen hatte. Maron überflog das Material kurz und meinte dann: „Daher weht also der Wind. Das Signal könnte also wirklich von so einem Schiff gekommen sein.“ „Anscheinend ja, Sir.“, sagte Jenna etwas unsicher.

Maron setzte sich auf das Sofa und deutete auf Jenna und den Platz neben sich. „Setzen Sie sich, Mc’Knight.“, sagte er dann leise und fast väterlich zur Bestätigung seines Befehls. Ohne Argwohn tat Jenna, was er gesagt hatte. Dann drehte sich der Demetaner zu seiner terranischen Untergebenen um, legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte: „Was irritiert Sie, Mc’Knight?“ „Die Scientiffica hat doch auch Erfahrungen mit solchen Schiffen, Agent. Warum kann ich darüber nichts im Archiv finden? Die haben schon mit SITCH operiert. Also, warum …“ „Edvins musste ihre Berichte damals geheim halten.“, erklärte Maron. „Sie durfte ihre Position und ihre Mission niemandem verraten. Die Gründe seien heute dahingestellt.“ „Verstehe.“, meinte Jenna.

Joran begann sich am Kopf zu kratzen. dann setzte er an: „Meinst du, Maron El Demeta, dass das Schiff das wusste, als es den Rechner knackte? Glaubst du, dass es ahnte, wie schwierig es sein würde, ihm draufzukommen?“ „Entweder das Schiff oder sein Pilot oder beide.“, bestätigte der Demetaner die Theorie des Vendar. „Das halte ich durchaus für möglich. Aber warum wollten die Shimars Dienstakte?“

Wieder vergingen einige Minuten, in denen der Spionageoffizier überlegend den Kopf in die Hände legte. „Ich glaube, das werden die weiteren Ermittlungen zeigen müssen, Sir.“, sagte Jenna. „Ich glaube außerdem, dass wir heute nicht mehr sonderlich weit kommen. Es ist spät und wir brauchen alle unseren Schlaf.“ Sie nahm Joran bei der Hand: „Komm, Telshan. Lassen wir den armen Maron jetzt in aller Ruhe schlafen, ja? Sonst ist er morgen unausstehlich und einen unausstehlichen Vorgesetzten wünscht sich, glaube ich, niemand.“ Maron räusperte sich. „Das habe ich sehr wohl gehört, Mc’Knight.“, grinste er. „Du wirst Recht haben, Telshanach.“, sagte Joran zärtlich und stand auf, um mit ihr zu gehen.

Shimar stand vor dem ausgeschalteten stationären Sprechgerät in seinem Haus und übte eine Art Rede, mit der er versuchen wollte, Zirell von der Notwendigkeit der Mission zu überzeugen. Immer wieder spielten sich in seinem Kopf die Szenen zwischen Ginalla und ihm und die zwischen Scotty und ihm ab. Er wusste nicht, woher dieser Terraner die Gewissheit nahm, mit der er die Sache mit Sytania vorgetragen hatte. Aber dafür musste es einen Grund geben. Einen, den er noch nicht kannte, aber den es noch galt herauszufinden. Aber jetzt galt es auch erst mal, Zirell zu überzeugen.

Zwei kurze schrille Pieptöne vom Hausrechner ließen ihn innehalten und sich zu dessen Display drehen. Hier las Shimar, dass das Frachttransportsystem gerade etwas für ihn registriert hatte.

Er ging in den Keller, wo sich eine kleine Transporterstation befand, die mit dem Frachtkoordinationssystem verbunden war. Er gab nach Aufforderung eine Clearence in die Konsole ein. Dann materialisierte sich eine der üblichen Frachtkapseln vor ihm.

Er nahm sie in die Hand. Schwer war sie nicht. Ihrem Gewicht nach konnte sie höchstens einen oder zwei Datenkristalle oder sonst etwas Kleines beinhalten. „IDUSA.“, wendete er sich in üblicher Weise an den Rechner. „Wer ist der Absender?“ „Ginalla und Kamurus.“, las die Computerstimme die Kennung vor. „Na gut.“, meinte Shimar. „Schauen wir mal.“

Er schob den Deckel der Kapsel zurück. Sein Blick fiel auf einen merkwürdigen zerbrechlich wirkenden Gegenstand. „Was soll ich denn damit?“, fragte er sich halblaut, denn er konnte diesen merkwürdigen Kegel beim besten Willen nicht einordnen.

Er sah noch einmal in die Kapsel und fand einen Datenkristall, den er sofort in das eilig herbeigeholte Pad legte. Das grinsende Gesicht Ginallas erschien auf dessen Display. „Hi.“, begann ihre Stimme. „Das Ding, das ich dir geschickt habe, ist der Ty-Nu-Lin-Kegel. Wenn du das OK von deinem Commander hast, kommst du in Kibars Kneipe. Hier werde ich auf dich warten. Du schmeißt mir das Ding vor die Füße und sagst: Ty-Nu-Lin. Dabei wird es zerbrechen, aber das ist gewollt. Es zeigt, dass du die Herausforderung angenommen hast. Dann, nur dann, informiere ich dich über den Rest. Enttäuschf mich nicht, Soldat. Enttäuschf mich nicht.“ Die Nachricht endete.

Kissara hatte die Brücke betreten. Noch bevor sie sich auf ihren Kommandosessel gesetzt hatte, befahl sie: „Betsy, verbinden Sie mich sofort mit Präsidentin Nugura. Ich möchte endlich wissen, was hier gespielt wird.“ Ich drehte mich irritiert nach ihr um. „Ich wusste gar nicht, dass hier überhaupt etwas gespielt wird, Commander.“, gab ich unwissend zurück. Sie wollte etwas sagen, nahm sich dann aber selbst zurück und meinte nur: „Ach, Sie waren ja nicht dabei. Also gut. Hören Sie zu.“

Sie berichtete detailliert von ihrem Gespräch mit Nugura und von der nachfolgenden Unterredung mit Kang. „Der Warrior und ich denken, dass Nugura Kenntnisse hat, die sie uns bis jetzt verschwiegen hat. Wenn diese Mission allerdings gelingen soll, sind wir auf jede Information angewiesen.“ „Verstehe.“, erwiderte ich und gab Nuguras Rufzeichen ein.

Während ich auf den Aufbau der Verbindung wartete, dachte ich auch über unsere Situation nach. Drei Forscher wurden in ein Kriegsgebiet entsannt, um für Frachterpiloten Babysitter zu spielen. Außerdem war eine Himmelsrichtung, aus der auch Schiffe kommen konnten, nicht abgedeckt. Welches Ziel verfolgte das Oberkommando mit einer solchen Strategie? Hatte Kang Recht? Verfügte die Präsidentin über brisante Informationen in Sachen Miray, die sie uns nicht geben konnte oder wollte?

Saron, Nuguras Sekretär, beantwortete den Ruf. „Büro der Präsidentin der Föderation der vereinten Planeten, Sekretär Saron.“, meldete er sich freundlich. „Hier ist Allrounder Betsy von der USS Granger.“, gab ich mich und das Schiff vorschriftsmäßig zu erkennen. „Commander Kissara würde gern mit Präsidentin Nugura sprechen.“ „Einen Augenblick bitte, Allrounder.“, sagte Saron und legte mich kurz in die Warteschleife. Wenig später hörte ich die Stimme der Präsidentin. „Hier ist Präsidentin Nugura. Sie können mich jetzt zu Ihrem Commander durchstellen, obwohl ich mich frage, was es da noch zu besprechen gibt.“ „Ich verbinde, Madam President.“, sagte ich, schaltete das Sprechgerät per Menü auf interne Kommunikation um und gab Kissaras Rufzeichen ein, um dann selbst per 88-Taste aus der Leitung zu verschwinden.

„Was gibt es, Kissara?“, fragte Nugura etwas genervt. „Hatte ich mich nicht eindeutig genug ausgedrückt?“ „Meines Erachtens nicht, Madam President.“, gab Kissara zurück. „Ich kommandiere nur einen Forscher und Sie schicken mich in ein potentielles Kriegsgebiet. Ich denke, wenn wir uns schon nicht mit Waffen gut genug schützen können, dann sollten wir zumindest damit im Vorteil sein, was ein friedliches Forschungsschiff am Besten aufnehmen kann, durch Informationen. Also, Nugura, was wissen Sie über Brakos Testament?“

Nugura wurde blass. „Das habe ich nicht herausgefunden.“, setzte Kissara ihr weiter zu. „Da können Sie sich bei meinem Waffenoffizier bedanken. Ich habe mit Warrior Kang über die Sache sprechen müssen. In erster Linie bin ich meiner Crew und deren Schutz verpflichtet. Wenn wir schon ein Selbstmordkommando ausführen, dann möchte ich auch wissen warum.“ „Ich kann Ihnen nicht viel sagen, Kissara.“, gab die Präsidentin zurück. „Dafür habe ich selbst noch zu wenig Informationen. König Brako hat sein Testament in Alt-Miray verfasst. Der Universalübersetzer hat damit so seine Schwierigkeiten. Es wird noch etwas dauern, bis ich selbst alles weiß. Aber bis dahin kann ich Ihnen nur sagen, dass Brako mich gebeten hat, dafür zu sorgen, dass sein letzter Wille ausgeführt wird. Das letzte Gespräch vor seinem Tod fand auf Space Force One statt. Es gibt eine Aufzeichnung. Ich lasse sie Ihnen zukommen. Sie sind übrigens nicht die Erste, die anfragt. Time und Cinia haben die Aufzeichnung auch schon.“ Sie beendete das Gespräch.

Nugura hatte sich in ihr Büro zurückgezogen und befasste sich mit einem Datenkristall, den ihr Saron auf den Schreibtisch gelegt hatte. Mit dem Inhalt ihres Bildschirms konnte sie aber nicht wirklich etwas anfangen. Sie zog den Kristall aus dem Laufwerk und öffnete die Zwischentür zu Sarons Arbeitsraum. „Hatte ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollten das Dokument durch den Universalübersetzer schicken?“, sagte sie ernst. „Doch, Madam President, das haben Sie.“, gab Saron kleinlaut zurück. „Und ich habe das auch getan. Er hat sich nur mit dem Miray-Wort für Himmel extrem schwer getan. Er schlägt zwei Begriffe vor, die den atmosphärischen Himmel oder auch den religiösen Himmel beschreiben könnten. Aus dem Zusammenhang ist mir nicht klar gewesen, welcher Begriff gemeint ist. Ich habe ihm gesagt, er soll beide mit einem Schrägstrich verwenden. Ich verstehe nicht, warum ich jeden Tag mit der Übersetzung von vorn anfangen muss.“ „Führen Sie es mal vor.“, sagte Nugura verständig und setzte sich neben ihn auf einen Stuhl.

Saron schob den Datenkristall ins Laufwerk seiner Arbeitskonsole und sprach ins Computermikrofon: „Computer, das auf dem Datenkristall in Laufwerk A befindliche Dokument von Alt-Miray ins Englische übersetzen.“ Es gab ein kurzes Signal und der Rechner begann mit der Ausführung des Befehls. Allerdings stockte dies nach einer Weile und er meldete: „Es wurden mehrere Begriffe für das Wort Selatme gefunden. Bitte definieren Sie, welcher verwendet werden soll, oder definieren Sie den Begriff neu.“ „Hier haben Sie dann wohl die Sache mit dem Schrägstrich gemacht, Saron, was?“, fragte Nugura. Saron nickte. „Dann machen Sie es jetzt genau so.“, erwiderte Nugura. „Wir wollen das Ergebnis ja nicht verfälschen.“ Saron gab in das Feld für Neudefinitionen „sky/heaven“ ein und klickte den Menüpunkt zum Fortfahren an. Ohne weitere Zwischenfälle konnte das Dokument weiter übersetzt werden. „Das habe ich gestern genau so gemacht.“, erklärte Saron. „Und heute ist die Übersetzung einfach nicht mehr da.“, fügte Nugura hinzu. „So ist es, Madam President.“, bestätigte Saron. „Ich schlage vor, wir holen die Techniker.“, meinte Nugura dann. „Ich schätze, irgendwas stimmt mit dem Computer nicht. Sie haben mir ja jetzt bewiesen, dass es nicht Ihre Schuld war.“

Wenige Minuten später betrat ein etwas untersetzter Celsianer mit schwarzem Schnurrbart, ebensolchen Haaren und lässiger Kleidung das Büro. Unter seinem Arm hatte er eine Arbeitstasche. „Ich bin Sendor.“, stellte er sich flapsig bei Saron vor. „Ich komme von den Netzwerkern. Nun mal raus mit der Sprache. Sie haben doch nicht schon wieder Kaffee über Ihre Konsole gekippt.“ Saron musste schmunzeln. Er kannte den Humor der Celsianer nur zu gut. „Ja nun.“, sagte Sendor und spielte nervös mit dem Verschluss seiner Tasche. „Ich hab meine Zeit auch nicht gestohlen.“ „Die Sache ist die.“, begann Saron. „Immer, wenn ich ein bestimmtes Dokument durch den Übersetzer schicke, ist es am nächsten Tag nicht mehr übersetzt.“ „Komisch.“, brummte Sendor. „Aber wir schauen mal. Stücken S’e ma’n Rutsch.“

Er schob Saron samt Arbeitsstuhl zur Seite und stellte sich vor die Konsole. Saron verstand nicht wirklich, was der Netzwerker nach erneuter Anmeldung mit seinem eigenen Passwort und dem Aufrufen der technischen Menüs tat, aber er vertraute ihm. „Wurde vor Kurzem ein Programm installiert?“, fragte Sendor plötzlich mit leicht alarmierter Stimme. „Ja.“, antwortete Saron. „Als ich das Testament des Miray-Königs übersetzen sollte, hat es eine Meldung gegeben, die besagt hat, dass ein Spezialprogramm installiert werden müsste, damit der Rechner das Dokument lesen könnte.“ „Oh, ha.“, meinte Sendor. „Und da haben Sie prompt ja gesagt. Ich sage Ihnen was, Junge. Es gibt zwei Dinge im Leben, bei denen man mit einem Ja mächtig ins Klo greifen kann. Beim Computer und beim Heiraten. Die Meldung war ’ne verdammte Falle! Es hätte kein Spezialprogramm gebraucht. Unser Betriebssystem hätte sich auch so prima mit dem Dokument arrangiert. Jetzt ha’m wir uns ’n hübsches kleines Virus eingefangen. Ich führ’s Ihnen mal vor. Stellen wir einfach mal die Zeit auf 00:15 Uhr. So. Seh’n S’e, weg ist die Datei. Das Einzige, was ich im Moment machen kann ist, dafür zu sorgen, dass es für Ihre Konsole niemals 00:00 Uhr wird. Dafür muss ich sie von der Netzzeit entkoppeln und ein Programm schreiben, das sie jedes Mal um 23:59 Uhr auf 01:00 Uhr springen lässt. Dann müssen Sie Daten und Uhrzeiten halt manuell eingeben, bis wir einen Killer für das Virus geschrieben haben.“ Nugura, die alles mitbekommen hatte, nickte zustimmend. „Dann behandeln Sie meinen Rechner aber besser gleich mit.“, sagte sie dann. „Der war nämlich in Kontakt mit dem Datenkristall.“ „Hätte ich eh gemacht.“, flapste Sendor zurück und begann seine Arbeit.

Ein weinroter Jeep, der wie eine durchschnittliche Familienkutsche aussah, fuhr gerade am Ortsausgangsschild von Little Federation vorbei. Am Steuer saß eine mit der Uniform eines Star Fleet Agent bekleidete Demetanerin. Auf der offenen Landstraße beschleunigte sie den Jeep auf die zugelassene Geschwindigkeit. Sie wusste, weit würde sie nicht mehr fahren müssen. Nur was dann auf sie zukommen würde, wusste sie noch nicht. Würde alles so laufen, wie es Chief-Agent Tamara und sie geplant hatten, oder würde etwas Unvorhergesehenes ihre Pläne durchkreuzen?

Sie bog auf einen sehr unwegsamen Feldweg ab, nachdem sie den Antrieb des Jeeps entsprechend umgeschaltet hatte. Am Ende des Weges stand ein freistehendes Haus. Auf der Wiese vor diesem brachte sie das Fahrzeug zum Stehen und stieg aus, um auf die vordere Tür zuzugehen. Im Display der Türsprechanlage, das etwa mit den heutigen Klingelschildern zu vergleichen ist, las sie: „Andrew King“.

Sie betätigte die Anlage drei mal und lehnte sich dann abwartend an die Wand. Kurz darauf kam ein etwa 1,90 m messender hagerer und durchschnittlich gekleideter Mann aus der Tür. Sie bemerkte ihn zunächst nicht, denn sie war mit einer Art Checkliste beschäftigt, die sie in einem Pad in ihrer Hand hatte und immer wieder durchlas.

„Agent?“ Der Fremde hatte sie angesprochen. „Nicht so laut.“, zischte sie und deutete auf die Tür. Er verstand und bat sie hinein. Beide setzten sich auf das blaue Sofa im Wohnzimmer. Sie musterte ihn, als wolle sie etwas überprüfen. Dann legte sie das Pad endlich aus der Hand und stellte sich vor: „Ich bin Agent Sedrin Taleris-Huxley. Es ist so weit. Ab heute beginnt Ihre Ausbildung. Ich bin gekommen, um Sie nach Washington zu überstellen, wo Sie zunächst in einer Einrichtung der Sternenflottenakademie fit gemacht werden. Ich werde die meiste Zeit bei Ihnen sein. Ich kümmere mich auch um die Feinheiten, Benehmen und so weiter. Bitte begleiten Sie mich jetzt, Mr. King. Wir haben keine Zeit!“ In ihre letzten beiden Sätze hatte sie viel Nachdruck gelegt.

Der Mann ließ nur erleichtert die Luft hörbar aus seinen Lungen entweichen, bevor er aufstand, um ihr zu folgen. Beim Jeep angekommen öffnete sie mit einer Fernsteuerung die Türen zur Fahrerseite und zum Fond und deutete nach hinten. „Schon gut.“, lächelte der Fremde und machte es sich auf der Rückbank bequem. Sie stieg vorn ein und beorderte noch im Einsteigen den Bordcomputer: „Verdunkeln.“ Aus den Seitenfenstern der Rückfront des Jeeps fuhren schwarze Scheiben empor, die sich vor die eigentlichen Scheiben schoben. Dann startete sie den Antrieb. Bald waren sie auf dem Freeway nach Washington unterwegs. „Es wird schwierig werden, mich in eine Klasse zu integrieren.“, wendete sich der Fremde an sie. „Ach I wo.“, sagte sie. „Das ist nur für die offiziellen Behörden, falls jemand fragt. Wir werden weiterhin Ihre Papiere fälschen müssen. Aber das sollten Sie ja mittlerweile gewohnt sein, Hoheit.“ „Sicher.“, erwiderte er kleinlaut. „Aber langsam wird mir die Geschichte etwas heiß.“

Sie stoppte den Jeep auf dem Standstreifen, stieg aus und öffnete die hintere Tür, um im nächsten Moment mit ernstem Gesicht seine Schultern zu fassen und zu sagen: „Ihr könnt jetzt nicht mehr abspringen. Dafür ist es zu spät. Euer Vater stand nicht umsonst mit Euch noch so lange in Kontakt, wie Ihr Exil auf der Erde beantragt hattet. Damals hattet Ihr versprochen, alles zu tun, um zu verhindern, dass es auf Miray zu einem Bürgerkrieg kommt und dass überhaupt irgendwelche Gefahren von Euren Schwestern ausgehen könnten. Ihr sagtet uns damals, Eure Schwestern könnten die ganze bekannte Galaxis in einen Krieg miteinander und gegeneinander versetzen. So hassten sie sich. Wenn eine jemanden gefunden habe, der für sie arbeite, dann würde die Andere nicht zögern, dessen Intimfeind …“ Der Mann nickte verständig. „Ich frage mich nur, ob ich das alles auch auf die Reihe kriege, Agentin Taleris-Huxley.“ Sedrin hatte, um seine Antwort, die er ihr in Miray gegeben hatte, zu verstehen, den Universalübersetzer ihres Pads bemühen müssen. Dabei war ihr aufgefallen, dass die Sprache wohl dem Deutschen sehr ähnlich sein musste, zumindest, wenn man sich die Struktur mancher Worte ansah.

Ihre Irritation war aber nur von kurzer Dauer, denn im nächsten Augenblick sagte sie mit dem Brustton der Überzeugung: „Glaubt mir, wenn ich mit Euch fertig bin, habt Ihr es auf der Reihe.“ Dann stieg sie wieder vorn in den Jeep und es ging weiter. Sie vergaß allerdings nicht zu erwähnen: „Als gebürtige Demetanerin möchte ich aber weiterhin als Agent Sedrin von ihnen angesprochen werden.“ King atmete auf. Er wusste, sie hatte seinen kleinen Hinweis verstanden.

Kapitel 4 - Scottys Visionen von Visitor

Die eigene Courage war Scotty unheimlich geworden. Warum wusste er so viel über das Vorgehen Sytanias? Warum war ihm in dem Moment klar gewesen, dass sie so handeln würde und nicht anders?

Er verließ mein Haus und ging völlig aufgelöst zum Nachbargrundstück hinüber, wo er auf Data traf. „Is’ Ihre Frau da, alter Knabe?“, fragte Scotty aufgeregt. „Cupernica ist in ihrer Praxis.“, antwortete der Androide. Scotty spürte, wie seine Knie weich wurden. „Bitte holen Sie Cupernica her.“, konnte er noch flüstern. „Ich fürchte, bis da hin schaff’ ich’s nich.“ Er fiel hin.

Sachlich wie immer lud Data Scotty auf seine Schulter und ging mit ihm ums Haus. Oxilon, Cupernicas Assistent, staunte sehr, als er des seltsamen Bildes ansichtig wurde. „Seit wann lesen Sie denn die Patienten auf der Straße auf?“, wollte der Talaxianer wissen. „Seit sie mir einfach vor die Füße fallen.“, erklärte Data, der seine Frau inzwischen per F-14-Code informiert hatte. Cupernicas Antwort war unmissverständlich gewesen: „Bring ihn sofort in Behandlungsraum 1. Ich kümmere mich darum.“

Data ging mit dem immer noch leblos über seiner Schulter hängenden Scotty bis in das genannte Zimmer durch, welches im gleichen Moment auch Cupernica betrat. Noch in der Tür rief sie Oxilon zu: „Sagen Sie den leichten Fällen, sie können nach Hause gehen, Mr. Oxilon. Wir haben einen Notfall!“

In diesem Augenblick kam Scotty wieder zu sich. „Wo bin ich?“, fragte er benommen. „Sie sind in meiner Praxis.“, antwortete Cupernica. Scotty wollte sich aufsetzen, aber sie schob ihn in Rückenlage zurück. „Bleiben Sie liegen. Sie hatten einen Kreislaufzusammenbruch. Den Adrenalinwerten in Ihrem Blut nach haben Sie sich gerade über etwas sehr stark aufgeregt.“

Scottys Gesicht versteinerte kurz und dann brach er in Tränen aus. Cupernica, die sein Verhalten ungewöhnlich fand, sah ihn fragend an. „Wie können Sie mich überhaupt noch behandeln, Scientist. Ich bin ein Verräter. Ja, ich muss ein Verräter sein! Anders lässt sich bestimmt nicht erklären, warum ich über Sytanias Handlungen Bescheid weiß.“

Cupernica drehte sich kurz zur Tür und rief: „Mr. Oxilon, 20 Rollen Zellstoff bitte!“ Dann drehte sie sich dem inzwischen immer verzweifelter werdenden Scotty zu: „Jetzt erzählen Sie mal. Vielleicht gibt es für das Ganze ja eine ganz andere logische Erklärung.“ Sie steuerte Data auf seiner persönlichen Interlinkfrequenz an und übermittelte ihm: Bleib bitte hier. Die Anwesenheit eines Freundes könnte ihm sehr helfen. Data gab zurück: Verstanden.

Cupernica setzte sich an das Fußende des Behandlungstisches und sah Scotty auffordernd an. „Ich habe mit Shimar gesprochen.“, flüsterte dieser. „Plötzlich wusste ich genau, dass Sytania sich einmischen wird und auch wie sie es machen wird. Sie wissen schon, die Miray-Sache. Dass ich so in ihre Pläne eingeweiht bin, kann doch nur heißen, dass ich mit ihr zusammenarbeite. Ich bin ein Kollaborateur, jawohl. Das bin ich. Und so einen behandeln Sie noch. An Ihnen muss ’ne Florence Nightingale verloren gegangen sein.“

Cupernica scannte den verzweifelten Scotty erneut. Dann sagte sie: „Ich kann Sie beruhigen, muss Sie aber gleichzeitig auch enttäuschen. Ein Verräter sind Sie mit Sicherheit nicht und ich habe keinen Anhalt dafür, dass Sie aktuell in telepathischem Kontakt mit Sytania waren. Also können Sie auch nicht mit ihr zusammengearbeitet haben.“ „Aber woher habe ich dann die Informationen?“, fragte Scotty, nachdem er sich einigermaßen gefasst hatte. „Zu dem Thema habe ich eine ganz andere Theorie.“, beruhigte ihn Cupernica. „Damals, als sich Ihre Unterbewusstsein begegnet sind, könnte es geschehen sein, dass Sytania unaufmerksam war und ungewollt ihre Denkmuster auf Sie übertragen hat. Ich gehe davon aus, dass es in dem Gespräch mit Shimar einen Schlüsselreiz gegeben hat, der es ausgelöst hat. Deshalb haben Sie gedacht wie Sytania denken würde. Aber das könnte uns noch einen Vorteil verschaffen. Gibt es von dem Gespräch eine Aufzeichnung?“ „Betsys Sprechgerät zeichnet alle Gespräche auf, die mit ihm geführt werden. Sie hat es so eingestellt, falls es mal um wichtige Daten geht.“, antwortete Scotty. „Gut.“, sagte Cupernica und fügte hinzu, nachdem sie ihm eine Spritze gegeben hatte: „Das wird ihrem Kreislauf und Ihnen wieder auf die Beine helfen. Dann gehen Sie mit meinem Mann in Allrounder Betsys Haus zurück und holen die Aufzeichnung. Ich habe ein Experiment mit ihnen vor.“ „In Ordnung.“, nickte Scotty und schlief erschöpft ein.

Cupernica gab Data ein Zeichen, auf das beide die Praxis verließen, allerdings nicht, ohne vorher die Raumüberwachung der Sprechanlage zu aktivieren und auf das Terminal im Wohnzimmer zu schalten. „Wir sind uns doch darüber einig, dass die Information über Scottys Verzweiflung einen gewissen deutschen Allrounder nie erreichen wird.“, schärfte Cupernica Data ein. „Da kannst du sicher sein.“, gab er zurück. „Davon, dass Sytania sich einmischen wird, wird sie früh genug erfahren. Wenn sie dann noch Scottys Verzweiflung im Hinterkopf hat, wird sie vielleicht unfähig sein, ihren Dienst zu verrichten. Das kann Commander Kissara sicher nicht gebrauchen.“

Per Lautsprecher wurden die Androiden darauf aufmerksam, dass Scotty erwacht sein musste. „Da regt sich was.“, stellte Data fest. „Bestätigt.“, erwiderte Cupernica. „Lass uns gehen.“

Wir hatten die uns zugewiesenen Koordinaten erreicht. Kissara hatte uns alle im Konferenzraum versammelt. Inzwischen war nämlich auch die Aufzeichnung von Nuguras Raumjacht eingetroffen. „Ich möchte die Meinung von Ihnen allen hierzu hören.“, begründete Kissara. „Vielleicht fällt jemandem etwas auf. Die Situation ist sehr undurchsichtig. Mir ist immer noch völlig unverständlich, warum wir tun sollen, was wir tun sollen. Nugura hat sehr seltsam auf die Vermutung mit dem Testament reagiert. Aber vielleicht wird ja einiges aus der Aufzeichnung deutlich. Computer, Aufzeichnung abfahren.“

Die Aufzeichnung begann mit der Ankunft von König Brako und seiner Delegation. Laut Kang, der mir alle optischen Informationen ins Ohr flüsterte und der auch Mikel entsprechend informierte, sah der König sehr krank aus. Das wurde allerdings auch wenig später ohne Kangs Erklärung deutlich, denn ich hörte ein Geräusch, das mich denken ließ, dass der König gerade zusammengebrochen war. Ich war es in meinem Heimatjahrhundert gewohnt gewesen, Fernsehfilmen auch ohne sehende Hilfe zu folgen und mir nur anhand der Geräusche und Dialoge mein eigenes Bild zu machen.

Die Mediziner schafften den König in einen Raum auf der Krankenstation von Space Force One. „Ich weiß, dass es mit mir zu Ende geht.“, flüsterte Brako schwach. „Bitte lassen Sie Präsidentin Nugura zu mir kommen. Es war alles so geplant. Ich muss mit ihr reden. Sie soll ihren Sekretär mitbringen.“

Ein junger Medical Assistant wuselte aus der Tür und kam wenig später mit Nugura und Saron zurück. „Ich bin hier, Majestät.“, sagte Nugura und legte dem König fast freundschaftlich ihre Hand auf die Stirn. „Sagen Sie den Medizinern, sie sollen den Raum verlassen, Nugura. Tun können sie ohnehin nichts mehr.“

Nugura deutete auf ihren aldanischen Leibarzt und dessen Assistentin und dann auf die Tür. Dann sagte sie noch: „Ich werde Sie rufen, falls ich Sie brauche.“ „In Ordnung, Madam President.“, sagten beide und verließen den Raum.

„Nun sind wir also allein.“, sagte Brako, nachdem sich die Tür geschlossen hatte. „Das sind wir.“, bestätigte die Präsidentin. „Bitte, Mr. Saron, kommen Sie näher. Ich möchte Ihnen mein Testament diktieren. Ihnen und niemandem anders. Ich hoffe, die Energiezellen Ihres Pads sind gut geladen.“

Nuguras Sekretär sah seine Vorgesetzte fragend an. „Nur zu, Saron!“, sagte Nugura energisch. „Einen König lässt man nicht warten.“

Saron bereitete sein Arbeitspad vor und schlich sich leise in Richtung des Sterbebettes des Königs. „Majestät, wir sollten eine Stimmaufzeichnung anfertigen, damit das Testament auch authentisch ist. Wenn ich einfach schreibe, was Ihr sagt, könnte man uns vielleicht später eine Manipulation vorwerfen.“, erklärte Saron und hielt dem König das Pad direkt vor den Mund. „Sie sind sehr schlau, Saron.“, lobte Brako. „Ich bin sicher, Sie haben nicht zuletzt an meine Töchter gedacht.“ „An die dachte ich zu allererst, Majestät.“, gab Saron zu. „Dann sind wir ja einer Meinung.“, lächelte Brako.

Er setzte sich schwerfällig auf und sagte: „Es geht los.“ Saron aktivierte den Aufnahmemodus des Pads. Die Kenntnisse des demetanischen Sekretärs in Miray waren nicht sehr gut, weshalb er nicht merkte, dass das Testament nur aus dem Satz bestand: „All meine Güter, mein Thron und die Herrschaft über den Planeten Miray sollen derjenigen meiner Töchter gehören, die nach dem Ty-Nu-Lin-Ritus das Tor zum Himmel findet.“

Saron schien nicht recht zu wissen, wie er mit der Situation umgehen sollte. Er stellte das Pad zunächst auf Pause und sah den König fragend an. Obwohl er nichts verstanden hatte, schien ihm der Inhalt des Testamentes etwas wenig. „Spielen Sie es noch einmal ab.“, bat Brako mit immer leiser werdender Stimme. „Sofort, Majestät.“, gab Saron zurück und ließ die Aufzeichnung ablaufen. Im Gesicht des Königs konnte man gut eine große Zufriedenheit ablesen. „Das war alles.“, sagte Brako zufrieden. „Ja, das war alles.“ Dann holte er tief Luft, fiel in die Kissen zurück und schloss die Augen. Noch einmal senkte sich sein Brustkorb und dann war alles still. „Ich werde die Mediziner rufen, Madam President.“, wendete sich Saron an seine Vorgesetzte. „Tun Sie das.“, antwortete Nugura und der Demetaner glaubte, eine gewisse Gleichmut in ihrer Stimme feststellen zu können. „Allerdings werden die wohl nichts Anderes feststellen als wir auch. Der König ist tot. Er hatte alles so geplant, Mr. Saron. Alles so geplant. Wenn sein Ende nahen würde, wollte er auf meine Raumjacht kommen und hier sterben. Auch das in Ihren Augen vielleicht merkwürdig anmutende Testament gehörte zu seinem Plan. Beim letzten Gipfeltreffen gab er mir außerdem Informationen, von denen ich erst dann Gebrauch machen sollte, wenn er tot sei. Sie wissen, dass Brako die Föderation gebeten hatte, zwischen seinen Töchtern zu vermitteln. Das werden wir auch tun, nur ein bisschen anders als sonst. Fertigen Sie von dem Testament eine Kopie an. Die bleibt bei uns. Die Prinzessinnen erhalten selbstverständlich das Original.“ Hier endete die Aufzeichnung.

„Das ist der Beweis!“, skandierte Mikel. „Jetzt wissen wir, dass Nugura mit in der Sache steckt. Aber viel Neues haben wir ja nicht erfahren.“ „Abwarten, Agent.“, beschwichtigte Kissara ihn. „Ich bin sicher, wenn wir den Plan weiter ausführen, den Nugura und Brako geschmiedet haben, dann werden wir noch sehr viele schöne neue Puzzleteile für Ihre Ermittlungen finden. Und jetzt jeder auf seine Station. Der nächste Frachter kommt bestimmt! Das ist ein Befehl!“

Sendor und Saron hatten sich im Turbolift getroffen und der Celsianer hatte den Demetaner nachdenklich angesehen. „Was beschäftigt Sie, Sendor?“, fragte Saron Anteil nehmend. „Mich würde echt mal interessieren, woher der Rechner das Virus haben könnte. Soweit ich weiß, sollten Sie doch eine Kopie des Testamentes anfertigen, oder? Ich glaube, dass ein Virus zu schreiben Ihre Kenntnisse weithin übersteigt.“ „Da haben Sie Recht, Sendor.“, gab Saron zu. Dann wendete er sich an den Computer: „Turbolift halt!“ Das Summen des Antriebs verstummte und der Lift kam mit einem kleinen sanften Ruck zum Stehen. Saron stellte sich Sendor jetzt direkt gegenüber und begann: „Ich musste auch auf dem Schiff Bescheid sagen, mit dem der König zu unserem geheimen Treffpunkt gebracht worden war. Am SITCH sagte mir der Kommandant, dass sein technischer Offizier das Kopieren übernehmen würde. Ich hatte ihm zwar gesagt, dass ich dazu Befehl von Nugura hätte, aber er ist nicht darauf eingegangen. Wenig später war der Kristall, der bis dahin auf meinem Schreibtisch gelegen hatte, spurlos verschwunden, um dann plötzlich wieder aufzutauchen.“ „Die werden den Kristall einfach weggebeamt haben.“, lachte Sendor. „Wenn nicht gerade die Schilde von Space Force One oben waren, konnten Sie dagegen nichts tun. Aber der Techniker könnte durchaus ein Virus geschrieben und in der Kopie versteckt haben.“ „Sollten wir Nugura das alles sagen?“, fragte Saron unsicher. „Du liebe Güte!“, rief Sendor aus. „Sie wollen mir doch nicht ernsthaft erzählen, Nugura weiß nichts von der Sache mit dem kleinen Zaubertrick der Miray.“ „Doch.“, bestätigte Saron. „Bis Sie mich auf die Sache mit dem Transporter aufmerksam gemacht haben, wusste ich ja selbst nicht genau, was da geschehen war. Ich wollte Nugura nicht mit Dingen behelligen, die vielleicht gar nicht stattgefunden haben. Ich war ja selbst nicht sicher, was da passiert war.“ „Aber jetzt.“, meinte Sendor und legte Saron die Hand auf die Schulter. „Sie sollten Nugura alles sagen. Vielleicht bringt das ja auch Licht ins Dunkel.“ Saron nickte und befahl dem Computer, den Lift weiter fahren zu lassen.

Data und Cupernica hatten erneut das Behandlungszimmer betreten. Scotty setzte sich auf, als er ihrer ansichtig wurde. „Was für’n mieser Tag.“, brummte er. „Mann, hab ich einen Schädel.“ „Verständlich.“, pflichtete Cupernica bei und gab ihm eine Spritze gegen seine Kopfschmerzen. „Angesichts der Tatsache, dass Sie sich als Verräter gefühlt haben und der daraus entstehenden psychischen Ausnahmesituation ist ihr momentaner Zustand nur logisch.“, erklärte Data.

Scotty drehte sich um. „Was ist das nun für ein Experiment, das Sie mit mir vorhaben, Cupernica?“, wollte er wissen. „Langsam, Techniker Scott.“, beschwichtigte sie seinen Tatendrang. „Sie sollten noch eine Weile liegen bleiben, bis sich Ihr Kreislauf vollständig erholt hat. Dann gehen Data und Sie die Aufzeichnung holen. Ich werde in der Zwischenzeit den Geheimdienst verständigen. Sie werden wahrscheinlich jemanden schicken, der bei dem Experiment dabei sein wird. Immerhin haben Sie Informationen über Staatsfeind Nummer eins.“ Sie winkte Data und beide gingen.

„Diese Informationen müssen sofort zum Agent.“, sagte Cupernica und gab das direkte Rufzeichen von Agent Sedrins Büro in ihr heimatliches Sprechgerät ein. Statt ihrer meldete sich aber nur Mr. Peters, ihr neuer fester Partner. Er hatte Cupernica inzwischen angeboten, ihn Karl zu nennen. „Wo ist Ihre Partnerin, Karl?“, fragte Cupernica. „Es ist sehr wichtig, dass ich mit ihr spreche. Es geht um Sytania.“ „Wo sie ist, darf ich Ihnen nicht sagen, Cupernica.“, gab er zurück. „Aber ich kann ihr eine Nachricht zukommen lassen.“ „Sagen Sie ihr, es gehe um Techniker Scott.“, insistierte Cupernica. „Er hat Informationen aus erster Quelle über einen geplanten Angriff Sytanias. Es wäre gut, wenn ein vom Geheimdienst beauftragter Mediziner mein Experiment mit Techniker Scott überwachen würde.“ „Ich richte es aus.“, sagte Peters und beendete das Gespräch.

Sedrin und King hatten inzwischen das Gebäude erreicht, das Kings zukünftige Ausbildungsstätte werden sollte. „Da wären wir, Andrew.“, sagte Sedrin, nachdem sie den Jeep geparkt und die Verdunklung aufgehoben hatte.

Langsam stieg King aus dem Font des Jeeps. Er musste sich zunächst wieder an Tageslicht gewöhnen, denn die Verdunklung hatte auf der langen Fahrt seinen Augen doch zugesetzt. Außerdem reagierten die Augen eines Miray doch langsamer, was die Umgewöhnung von dunkel auf hell und umgekehrt anging. Sedrin reichte ihm mit verständiger Miene ein Taschentuch. Sie wusste, durch den plötzlichen Lichteinfall würden seine Augen zu tränen beginnen.

„Wenn Sie so weit sind, sagen Sie mir einfach Bescheid.“, bot sie an. King nickte. Dann hob er langsam den Kopf und las ein Schild über der Eingangstür. „Flugschule der Sternenflottenakademie?“, fragte er laut. „Ich soll also lernen, ein Schiff zu fliegen.“ „Nicht nur das.“, sagte Sedrin. „Aber über alles Andere reden wir noch. Der Name ist auch nur Tarnung. Eigentlich bereitet der Geheimdienst hier Leute wie Sie auf getarnte Operationen vor.“ „Alles klar.“, antwortete King und stand vom Sitz auf, auf dessen Kante er noch gesessen hatte: „Gehen wir, meine Beste.“

Sie betraten das Gebäude. Noch im Eingang sah Sedrin, wie ihr jemand aus dem Pförtnerhäuschen aufgeregt zuwinkte. Sie sah sich kurz im Flur um und ihr Blick fiel auf eine junge auf einer Bank sitzende Platonierin. „Alesia, übernimm ihn bitte kurz!“, schnippte die Demetanerin der jungen Frau zu und ging selbst in Richtung Pförtnerhäuschen. Der Pförtner, Ein Klingone höheren Alters, bat sie hinein. „Ich habe eine Nachricht für Sie, Agent.“, sagte er und hielt ihr ein Pad unter die Nase. Eilig las Sedrin den Inhalt des Bildschirms durch. „Ach du meine Güte!“, rief sie aus und überlegte kurz. Dann flitzte sie aus der Tür und rief ihrer Kollegin noch zu: „Fang schon mal an mit ihm! Ich muss weg!“ Sie sprang in den Jeep und ab ging’s. Sedrin wusste, wenn es um Sytania ging, war sie die Beste auf dem Gebiet.

Gott sei Dank war der Feierabendverkehr nicht so dicht, so dass sie gut durch kam und wenig später wieder vor dem Geheimdienstgebäude in Little Federation parkte. Hier war in der Zwischenzeit auch Agent-Scientist Mahony eingetroffen, die, wie ihr Rang es bereits ausdrückte, eine ausschließlich vom Geheimdienst beschäftigte Medizinerin war. Sedrin winkte die schwarzhaarige mit ca. 1,70 m für eine Terranerin doch überdurchschnittlich große Frau auf den Beifahrersitz. „Ihr Partner und der Chief-Agent sind von der schnellen Truppe.“, erklärte Mahony ihre prompte Anwesenheit. Dabei fiel Sedrin auf, dass ihr Gegenüber einen starken irischen Akzent aufwies. „Ich weiß.“, sagte sie dann. „Wenn Tamara hört, dass es um Sytania geht, fackelt sie nicht lang.“

Sie hielten vor Cupernicas und Datas Haus an. „Wir nehmen den Privatparkplatz.“, flüsterte Sedrin ihrer Mitfahrerin zu. „Sie wissen ja sicher auch, wie es in einer Kleinstadt ist.“ „Oh, ja.“, bestätigte Mahony und betrat mit Sedrin das Haus. „Ich bin selbst in einer Kleinstadt aufgewachsen, weiß also Bescheid.“

Sie kamen gerade rechtzeitig an. Scotty und Data hatten auf einem von Cupernica verordneten Spaziergang auch gleich die Aufzeichnung geholt, um die es ging. „Dann sind ja alle versammelt.“, sagte Cupernica. „Ich schlage vor, wir machen das Experiment im Wohnzimmer. Scotty, Sie werden nicht wissen, wann die Aufzeichnung abgespielt wird. Sie dürfen sie nicht erwarten, denn das könnte auch auf das genaue Gegenteil hinauslaufen. Sie könnten dann so verkrampft sein, dass gar nichts passiert.“

Scottys Blick fiel auf Mahony. „Wer ist das.”, fragte er. „Das ist Agent-Scientist Kathryn Mahony.“, stellte Sedrin ihre Kollegin vor. „Sie wird das Experiment begutachten, damit uns später keiner Schmus vorwerfen kann.

Scotty, der inzwischen von mir ein bisschen Deutsch gelernt hatte, dachte: Hacksly und Makkaroni. Fehlt nur noch Sahne und Käse und wir haben einen prima italienischen Auflauf. Dann sagte er: „Dann mal los, Ladies!“

Kapitel 5 - Größenwahn von Visitor

Ginalla hatte Alegria abgeholt und war mit ihr wunschgemäß nach Miray zwei geflogen. „Schaut mal aus dem Fenster.“, schlug sie ihrer Auftraggeberin vor. Alegria ließ ihren Blick schweifen und flüsterte dann pathetisch: „Alegrien.“, Ginalla, die glaubte, etwas nicht richtig verstanden zu haben, fragte unsicher: „Was?“ „So werde ich meinen Staat nennen, Alegrien.“ „Was soll das heißen?“, fragte die Celsianerin, die über die Ränkespiele ihrer Auftraggeberin und deren Schwester wenig wusste.

Bevor Alegria allerdings erklären konnte, löschte Kamurus ihre Reaktionstabelle aus dem Simulator im Cockpit. Jetzt war er quasi – zumindest aus seiner Sicht – mit seiner Pilotin allein. „Ich habe die starke Befürchtung, dass wir hier einen beginnenden Krieg unterstützen, wenn wir uns weiter hierauf einlassen, Ginalla.“, redete ihr das Schiff ins Gewissen. „Ach was.“, entgegnete Ginalla. „Wir finden für sie das Tor zum Himmel, holen unsere Bezahlung ab und dann kann s’e uns mal gern haben. Hast du ehrlich geglaubt, ich lasse mich noch für Kriegshandlungen einspannen?“ „Nein.“, erwiderte Kamurus. „Ich sorge mich nur um die politische Entwicklung. Wenn Alegria ihren eigenen Staat ausruft und dann vielleicht …“ „Schnickschnack!“, würgte sie ihn ab. „Die Beiden spielen nur Theater. Du glaubst doch wohl nicht wirklich, dass sie Krieg führen werden.“ „Wenn du da so sicher bist?“, fragte Kamurus. „Ja, Kamurus, ich bin sicher!“, gab Ginalla überzeugt zurück. „Du bist eben eine künstliche Intelligenz. Du verstehst vieles nicht, was eigentlich nicht so gemeint ist.“ „Aber dafür habe ich jetzt ja dich.“, stellte Kamurus fest. „So is’ es.“, entgegnete Ginalla.

„Worum ging es zwischen euch?“, erkundigte sich Alegria, die zwar nicht Kamurus’ Worte, wohl aber die von Ginalla mitbekommen hatte. „Nichts Besonderes.“, spielte Ginalla die Sorgen ihres Schiffes herunter. „Er versteht nur keine Bluffs. Er nimmt das alles für bare Münze, was Ihr gesagt habt über Eure Schwester, Euren eigenen Staat und so. Er meint, es könnte vielleicht doch Krieg geben.“ „Richte ihm aus, solange du und er das Tor vor Shimar und seinem Schiff finden, wird das nicht passieren!“, befahl Alegria, die sich offenkundig ertappt fühlte. Ginalla aber wollte oder konnte dies nicht sehen. „Und jetzt beamt mich in mein Schloss!“ „Ginalla.“, wendete sich Kamurus an sie. „Wir wissen doch noch gar nicht, ob Shimar das OK bekommt.“ „Richtig.“, bestätigte die Celsianerin. „Aber Deshalb fliegen wir ja auch zurück in die tindaranische Dimension und warten dort auf ihn.“ „Also gut.“, erklärte sich das Schiff einverstanden und führte den Befehl aus.

Im Palast angekommen ging Alegria sofort zu einem kleinen SITCH-Sender im Keller. Der Tontechniker, den sie dort antraf, sah sie fragend an. „Sorge dafür, dass man mich im gesamten Reich hört!“, befahl sie. „Ja, Prinzessin.“, gab er zurück, ging in seinen Arbeitsraum und betätigte gezielt einige Hebel und Knöpfe an einem Mischpult. „Du wirst mich ab heute auch nicht mehr mit Prinzessin ansprechen, sondern du und alle anderen Untertanen werden mich Majestät nennen!“

Er sah von den Anzeigen, die er überprüft hatte, kurz auf. „Bei allem Respekt, Hoheit, Königin von Miray seid Ihr erst, wenn diese Pilotin, die Ihr beschäftigt, das Tor zum Himmel gefunden hat.“ „Du irrst.“, zischte Alegria. „Klinke dich in meine Sendung ein und dann wirst du sehen, dass ich wirklich und wahrhaftig bereits eine Königin bin. Und jetzt tu deine Arbeit.“

Fassungslos sah der rothaarige Mann zu, wie sie im Studio verschwand. Er steckte einen Kopfhörer ein und zog den Regler für das Moderatorenmikrofon hoch. „Meine lieben Untertanen.“, begann Alegria. „Geschätztes Volk von Miray zwei. Ab heute dürft ihr euch glücklich schätzen, dem neuen Staat Alegrien anzugehören. Wissenschaftler, Mystiker und alle, die sonst etwas beitragen können. Ich benötige all eure Unterstützung. Ich weiß nicht, worum es sich bei dem Tor zum Himmel handelt. Wichtig ist aber, dass ich es vor meiner unseligen Schwester herausfinde. Deshalb befehle ich allen hiermit, eure Forschungen einzustellen und euch nur noch dem Thema „Tor zum Himmel“ zu widmen. Sicherlich wäre es im Sinne meines Vaters, wenn der junge aufstrebende Staat Alegrien es finden und in Besitz nehmen würde. Also, forscht für mich! Forscht für eure Königin! Wer sich weigert, wird automatisch zum Verräter gebrandmarkt und zum Tode verurteilt. Wer nicht für mich ist, ist für Hestia und das kann ich nicht dulden.“

Dem armen Mann in seiner Kabine stockte der Atem. „War sie denn wahnsinnig? das klang ja fast wie eine Kriegserklärung gegen die eigene Schwester! Leicht hätte er die Sendung mit Druck auf einen Knopf beenden können, aber das hätte sie vielleicht sogar herausbekommen. Dann wäre sein Kopf gerollt. Das eigene Leben war ihm dann doch näher. Wie hatte sie gesagt? Wer nicht für sie war, war für Hestia und dass konnte sie bei Todesstrafe nicht dulden. Er kam mit sich überein, zunächst zu tun, was sie sagte und bei einer günstigen Gelegenheit die Informationen an Leute weiter zu geben, die seiner Meinung nach etwas damit anfangen konnten.

Jenna hatte Shannon von der unglaublichen Begebenheit mit Joran erzählt und Shannon hatte nichts Besseres zu tun, als die Sache brühwarm an Zirell weiter zu erzählen, die sie in einem der Aufenthaltsräume getroffen hatte. „Na so was.“, meinte die tindaranische Kommandantin. „Das hätte ich Joran am Allerwenigsten zugetraut.“ „Na ja.“, erwiderte die blonde Irin flapsig. „Als Vendar-Krieger muss man bestimmt von allem fn bisschen Ahnung haben.“ „Kann sein.“, gab Zirell zurück und begann, ein nachdenkliches Gesicht zu machen. „Was is’?“, fragte Shannon plump. „Es ist nur die Sache mit Miray.“, erklärte Zirell. „Liegt das nicht in der Föderationsdimension?“, fragte Shannon. „Doch, das tut es.“, erwiderte Zirell. „Aber wir sind die politischen Freunde der Föderation und die Zusammenkunft hatte angeboten, bei den schwierigen Verhandlungen zu helfen. König Brako von Miray hatte Nugura gebeten, seine beiden streitsüchtigen Töchter an einen Tisch zu bekommen. Nugura sollte das für ihn erledigen.“ „Die von der Föderation sollen ja verflucht gute Diplomaten sein.“, unterbrach Shannon. „Ganz recht.“, bestätigte Zirell. „Aber dieses Mal scheint Nugura selbst Hilfe dabei zu benötigen. Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Sie hat aber bisher jede Hilfe durch ihre politischen Freunde abgelehnt. Weder die Aldaner, geschweige denn Zeitland, Logars Seite des Dunklen Imperiums oder wir dürfen etwas beitragen. Gerüchten zu Folge soll Alegria, eine der zwei Prinzessinnen, sogar ihren eigenen Staat ausgerufen und ihrer Schwester den Krieg erklärt haben. Der bedroht eine wichtige Frachtrute der Föderation. Nugura sollte also ein verstärktes Interesse daran haben, dass dieser Krieg so schnell wie möglich wieder vorbei geht.“ „Du glaubst, Nugura verhandelt nur halbherzig?“, fragte Shannon, der Zirell eine solche Frage nicht zugetraut hätte. „Du hast mich ertappt.“, gab sie zu. „Die Zusammenkunft sieht das übrigens genau wie du. Ich weiß nicht, was wir noch machen sollen.“ „Geh damit doch mal zu Joran.“, grinste Shannon. „Der hat gerade ’n Lauf.“

Immer noch saßen Sytania und Telzan vor dem Kontaktkelch. Moggador hatte die Königstochter doch wieder aus der Gruppe um sich entfernt, da sie sicher war, er würde das Weitere ohnehin nicht verstehen. „Wann werden wir eingreifen, Milady und wie wird unser Eingriff aussehen.“, drängte der Vendar ungeduldig. „Eile mit Weile, mein Freund.“, krächzte Sytania ihm mit ihrer hexenartigen Stimme entgegen. „Wie ich die Situation einschätze, wird noch einige Zeit vergehen, bis wir unsere Karten ausspielen können. Ich werde dir schon sagen, wenn es so weit ist. Wir dürfen nichts übereilen, damit man uns nicht zu früh drauf kommt. Außerdem ist mir Alegria noch nicht verzweifelt genug und Hestia weiß noch nicht, ob Shimar für sie arbeiten wird. Der weiß ja selber noch nicht mal, ob er darf.“ „Also schön, Milady.“, sagte Telzan und lehnte sich zurück. Er war zwar nicht als der Geduldigste bekannt, dennoch vertraute er seiner Herrin. Sie würde schon wissen, wenn es so weit war. Im Aufspüren von Verzweiflung bei ihren Feinden war sie schließlich erprobt. Das hatte er mittlerweile herausgefunden. Er hoffte nur, dass ihnen niemand dazwischen pfuschen würde. Aber die, von denen er es dachte, waren ja gerade beschäftigt. Time, die Granger-Crew und Cinia würden Babysitter für ein paar Frachterpiloten spielen und die Tindaraner durften sich nicht einmischen. Besser konnte es gar nicht kommen.

Hestia saß mit ihrer Kammerjungfer Alana in ihrem Gemach. Die Frauen hatten ebenfalls der Sendung zugehört. „Was erdreistet meine Schwester sich!“, empörte sich die Prinzessin. „Aber was sie kann, kann ich auch. Alana, sage auch den Technikern in meinem Sender Bescheid. Was meine Schwester kann, kann ich schon lange. Ich werde meine Forscher und auch diesen Herausforderer, der für mich arbeiten wird, drei mal so gut bezahlen und ihnen drei mal so gute Geräte und Möglichkeiten zur Verfügung stellen, wie sie meine Schwester hat.“

Die Kammerjungfer, eine zierliche junge Miray mit langen blonden Haaren, sah ihre Herrin irritiert an. „Was schaust du wie ’ne Kuh, wenn’s donnert!“, schimpfte Hestia. „Mach gefälligst, was ich dir gesagt habe!“ „Darf ich bemerken, Hoheit.“, setzte Alana an. „Für all das, was ihr einem Mann oder auch den Wissenschaftlern Gutes tun wollt, muss Euer Volk, jeder gemeine Arbeiter, einfach alle, die nicht gerade in die Forschung nach dem Tor zum Himmel eingebunden sind, bluten.“ „Natürlich!“, sagte Hestia, als sei es das Natürlichste der Welt. „Die Abgaben werde ich schon erhöhen müssen. Aber was kümmert’s mich. Am Wichtigsten ist, dass ich das Tor vor meiner Schwester finde.“

„Hoheit?“, fragte Alana nach einer Weile, in der sie über die Worte der Prinzessin nachgedacht hatte. „Um genau zu wissen, was Ihr den Forschern und dem Herausforderer genau geben müsst, müsst ihr doch eigentlich wissen, was Eure Schwester so treibt.“ „Aber sicher.“, erwiderte Hestia. „Schick nach meinem Geheimdienstchef.“

Alana nickte und verließ erleichtert den Raum. Sie wusste, dass sie sich bei ihrer Herrin damit wieder Liebkind gemacht hatte. Sie hatte das auch nur gesagt, um ihr eigenes Leben zu schützen. Sie wusste genau, es würde zu einer Revolution kommen, wenn Hestia so weiter machte, aber das konnte sie ihr auf keinen Fall unter die Nase reiben. Hätte sie das getan, wäre sie jetzt sicher schon auf dem Weg zum Schafott. Alana wusste, dass man die Drohungen Hestias durchaus ernst nehmen musste. Was ihre Schwester konnte, dass konnte sie schon lange. Das hatte sie gerade wortwörtlich gesagt. Bei dem Gedanken an eventuelle Konsequenzen dieses Ausspruchs schnürte sich Alana die Kehle zu.

Alesia und King waren einen langen Gang entlang gelaufen, der sie zu einer weiteren Tür führte. Die junge Platonierin gab einen Sicherheitscode in eine Konsole ein, worauf sich die Tür öffnete. „Kommen Sie, Mr. King.“, sagte sie und wies auf die Tür. King folgte ohne Argwohn, denn er vertraute dem Geheimdienst der Föderation.

Sie kamen in einem Flur an, der an die eigentlichen Standardflure in Wohnhäusern des 30. Jahrhunderts erinnerte. „Ihre Wohnung ist Apartment 4 D.“, sagte Alesia und gab ihm einen Datenkristall in die Hand. „Ich habe kein Pad.“, stellte King fest. „Das benötigen Sie auch nicht.“, lächelte Alesia und zeigte auf einen Schlitz neben einer weiteren Tür. „Da rein.“, sagte sie und wies auf die Hand, in der King den Kristall hielt. „Der Sicherheitscode auf diesem Kristall gilt nur ein Mal.“, erklärte die Agentin. „Der Computer wird Sie gleich nach Ihrem biologischen Fingerabdruck fragen und Sie bitten, Ihre Stimmprobe abzugeben.“ „Kein Problem.“, sagte King und schob den Kristall ins Laufwerk. „Willkommen, Mr. King.“, sagte eine warme freundliche weibliche Rechnerstimme. „Hiermit ist der werksseitige Code entwertet. Bitte legen Sie nun Ihren rechten Zeigefinger in die Mulde über der Konsole.“ King tat, worum er gebeten worden war. „Biologischer Fingerabdruck gespeichert.“, kam es zurück. „Lesen Sie jetzt bitte die Worte im Display der Sprechanlage laut vor.“, forderte ihn der Rechner weiter auf. Auch dies tat King und ermöglichte somit das Abspeichern seines Stimmabdruckes. „Ohne den können Sie hier noch nicht mal den Nahrungsreplikator bedienen und wir können ja nicht verantworten, dass Sie uns verhungern.“, erklärte Alesia lächelnd. „Schon gut.“, meinte King und betrat die Wohnung. „Ansonsten wäre ich halt zum Klingonen um die Ecke gegangen.“ „Machen Sie sich es erst einmal gemütlich.“, schlug Alesia vor. „Der Ernst des Lebens beginnt noch früh genug für Sie, wenn Sedrin wieder da ist. Frische Kleidung und alles, was Sie sonst noch brauchen, stellen wir Ihnen zur Verfügung.“ „Sehr großzügig.“, lächelte King ihr noch nach, während sie die Wohnung verließ.

Data hatte ein Tablett mit Geschirr, Kaffee und Kuchen ins Wohnzimmer gebracht. „Das soll nun also Ihr Experiment sein, Cupernica?“, fragte Scotty. „Zumindest ein Teil davon.“, erklärte die Angesprochene und sah zu, wie sich Sedrin, Mahony und Scotty um den Tisch auf das Sofa setzten. Sie selbst blieb zunächst außerhalb des Kreises und schien etwas vorzubereiten.

„Diese Kaffeerunde dient nur zu Ihrer Entspannung, Techniker Scott.“, erklärte Data, der gerade dabei war, große Stücke einer demetanischen Sommerfruchttorte mit Schokoladenglasur auf den Tellern zu verteilen. „Ich nehme an, meine Frau und die beiden Damen vom Geheimdienst haben Ihnen bereits erklärt, dass Sie die Aufzeichnung nicht erwarten dürfen.“ Scotty nickte.

Einhellig betraten jetzt auch Fredy und Caruso das Wohnzimmer. Der Kater sprang sofort auf die Rückenlehne des Sofas, um sich von dort als schnurrende Nackenrolle für Scotty zu betätigen. Der fußballgroße Tribble sah Cupernica an, die in die Hände klatschte, dann auf Scottys Schoß deutete und motivierend sagte: „Kontakt!“

Fredy sprang zuerst auf das Sofa und kletterte dann auf Scottys Schoß. Dort begann auch er im gleichen Rhythmus wie Caruso zu schnurren. Eine Tatsache, die Data sehr faszinierte. „Gute Idee, Jungs.“, flüsterte Sedrin und streichelte den Tieren abwechselnd über die kleinen Köpfe. „So ist er noch entspannter.“ „Das können Sie wohl laut sagen, Agent.“, entgegnete Scotty. „Man wird schließlich nicht alle Tage halb tot geschmust.“ Jetzt streckte Caruso auch noch seinen Kopf vor und rieb ihn an Scottys Wange. Der Techniker wusste längst, dass dies in der Katzensprache so viel bedeutete wie: „Ich mag dich gern.“ Deshalb sagte er auch mit liebem Unterton: „Ich dich auch. Und deinen Kumpel, den Fredy, den mag ich auch. Ihr seid schon zwei liebe Knöpfe.“ „Ich finde Ihren Meinungsumschwung bemerkenswert.“, bemerkte Data. „Meinen Daten zufolge haben sie bei Ihrer ersten Begegnung mit Tribbles noch ganz anders gedacht.“ „Ach das.“, lachte Scotty. „Das ist doch längst vergeben und vergessen. „Diese Demetaner, die haben schon lange bewiesen, dass Tribbles intelligente kleine Wesen sind und nicht nur dumme Fressmaschinen.“ „Das ist korrekt.“, mischte sich jetzt auch Cupernica ein. „Im 21. Jahrhundert änderte man auch seine Meinung über Ratten diesbezüglich auf Terra, nachdem man gemerkt hatte, wie nützlich sie beim Aufspüren von Minen waren.“ „Klar.“, lächelte Scotty. „Die sind viel zu leicht, um einen Mechanismus auszulösen.“

Cupernica hatte zwischenzeitlich die Aufzeichnung gestartet und den gewünschten Erfolg erzielt, denn durch die Unterhaltung über ein völlig anderes Thema war Scotty so entspannt, dass die Medizinerin den Zeitpunkt für günstig erachtete.

„Nicht schon wieder.“, beschwerte sich Scotty, denn erneut machte sich in ihm die merkwürdige Gewissheit über Sytanias Pläne breit. „Was meinen Sie, Techniker?“, fragte Cupernica zur Verifizierung ihrer Theorie. „Ich rede von der verdammten Tatsache, dass ich offensichtlich über Sytanias Pläne Bescheid weiß. Können Sie feststellen, ob Lady widerlich gerade in meinem Kopf war?“

Die Androidin stellte sich Scotty gegenüber und begann ihn zu scannen. „Ich kann Sie beruhigen.“, sagte sie. „Sytania war nicht in Ihrem Kopf. Aber da ist tatsächlich ein Hinweis darauf, dass einmal ein Denkmuster von ihr auf Sie übertragen wurde. Aber wie ich bereits sagte, ist das unser Vorteil. Unser Experiment hat die Hirnregion, in der dieses Muster ist, stimuliert. Deshalb konnten Sie in diesem Augenblick denken wie Sytania. Also, Techniker, ein Verräter sind Sie nicht.“

Scotty atmete auf. „Ich dachte schon.“, sagte er erleichtert. „Aber wir sollten das noch weiter ausnutzen.“, meinte Sedrin. „Bitte halten Sie sich zur Verfügung.“ „Darauf können Sie Gift nehmen, Ladies.“, erwiderte Scotty. „Bis Betsy wieder da ist, komme ich hier eh nicht weg. Dann können Sie mich so oft verhören, wie Sie wollen.“ „Ein Angebot, auf das ich gern zurückkomme.“, lächelte die Demetanerin.

Data hatte Caruso einen replizierten Fisch und Cupernica Fredy eine Hand voll Getreide gegeben. Beide Androiden hatten die Tiere an ihren jeweiligen Lieblingsstellen gekrault, wie es ihnen von Synthia, der platonischen Tiertrainerin, mit der sie seit einiger Zeit zusammenarbeiteten, aufgetragen worden war. In der platonischen Schule für Therapietiere hatte man es zunächst ungewöhnlich gefunden, dass zwei Androiden einen Tribble und einen Kater zu Therapietieren ausbilden wollten, hatte sich aber nach Beweis ihres Talentes, bei dem ich eine wichtige Rolle gespielt hatte, darauf eingelassen und Synthia geschickt, die sehr große Fortschritte bei den Tieren festgestellt hatte.

„Ich werde versuchen, an Informationen der Strategen zu kommen.“, sagte Sedrin. „Ich denke, wenn wir Sie, Techniker Scott, mit denen konfrontieren, wenn sie dazu stimuliert worden sind, wie Sytania zu denken, könnte uns das helfen, nicht nur auf ihr Tun zu reagieren, sondern es vielleicht sogar vorauszusehen.“ „Wir haben einen guten Köder für die Strategen.“, fügte Mahony bei. „Was Sie uns geliefert haben, Scotty, interessiert die bestimmt brennend.“ „Darauf können Sie einen lassen.“, erwiderte Scotty. „Wir werden jetzt gehen.“, meinte Sedrin und stand auf. Data geleitete die Frauen noch zur Tür.

Zirell saß in ihrem Quartier und führte ein Gespräch mit Darell, der Vorsitzenden der Zusammenkunft. „Ich werde dich kurz nach Tindara beordern müssen.“, informierte die Politikerin die Stationskommandantin. „Warum das?“, fragte Zirell zurück. „Du weißt am Besten über die Arbeitsweise der Föderation Bescheid. Vielleicht kannst du uns erklären, warum Nugura jede Hilfe bei den Verhandlungen zwischen den Miray-Parteien ablehnt. Es ist alles viel schlimmer geworden. Die beiden Prinzessinnen haben jede einen eigenen Staat ausgerufen und sich gegenseitig den Krieg erklärt. Alegrien und Hestien werden so lange ihre Armeen aufeinander hetzen, bis ein Staat danieder liegt. Die Prinzessinnen scheinen völlig das Testament ihres Vaters vergessen zu haben. Zumindest sehen wir das so.“

Zirell drückte die Break-Taste. „Was ist denn der Grund für den Krieg, Darell?“, fragte sie. „Der Grund ist diese Suche nach dem Tor des Himmels.“, erwiderte Darell lapidar. „Heißt es im Originaltext nicht Tor zum Himmel?“, korrigierte Zirell. „Ist das nicht egal?“, fragte Darell zurück, die durch die undurchsichtigen Tatsachen an sich schon sehr genervt war. „Das glaube ich nicht!“, sagte Zirell fest. „Seine Majestät, Brako III, ist allen als sehr verschlagen bekannt. Dass er so und nicht anders formuliert hat, hat bestimmt seinen Grund. Darauf wette ich!“

Ohne die Antwort ihres Gegenübers abzuwarten, beendete Zirell das Gespräch. Der Text des Testamentes war ihr zwar genau so unbekannt wie allen anderen, aber sie ahnte, dass es wohl irgendetwas mit der Formulierung auf sich haben würde. Etwas, das noch früh genug ans Licht kommen würde, wenn sie nur geduldig genug war.

Maron betrat den Gang zum Quartier seiner Vorgesetzten und betätigte die Türsprechanlage. Zirell, die mit den Gedanken immer noch bei der Order ihrer Regierung war und deshalb sein Gesicht im Display nicht wahrnahm, fragte: „Wer ist da?“, „Ich bin es.“, gab Marons Stimme zurück. „Komm rein.“, erwiderte Zirell.

Sie entriegelte die Tür, die vor Maron langsam auseinander glitt. Der Demetaner machte sich sofort auf den Weg ins Wohnzimmer, denn hier vermutete er seine Vorgesetzte. „Was in allen Welten hat dich davon abgehalten, mich telepathisch wahrzunehmen?“, scherzte der Spionageoffizier, während er sich auf das Sofa neben sie setzte. „Entschuldige.“, bat Zirell um Verzeihung. „Aber ich habe gerade über die politische Lage nachgedacht.“

Es vergingen einige Sekunden, bevor sie weiter sprach: „Ich nehme an, du hörst auch Nachrichten.“ „Das tue ich.“, bestätigte Maron. „Also, was ist los? Hat es vielleicht etwas mit der Miray-Sache zu tun?“ „Das hat es allerdings.“, meinte Zirell. „Vielleicht weißt du, dass es Miray als Solches nicht mehr gibt.“ „Das weiß ich.“, sagte Maron. „Heute morgen kam ja frisch über den Äther, dass es in Alegrien und Hestien aufgeteilt wurde und die beiden Staaten im Krieg sind und das nur wegen einer geheimnisvollen Himmelspforte.“ „Es heißt Tor zum Himmel.“, verbesserte Zirell. „Nicht Himmelspforte, Himmelstor, Tor des Himmels oder so.“ „Ich wusste gar nicht, dass du so eine Kleinkrämerin sein kannst, Sea Tindarana.“, stellte Maron fest. „Das hat damit nichts zu tun.“, verteidigte sich Zirell. „Ich denke nur, dass der König diese Formulierung mit Absicht benutzt hat. Verschlagen wie er ist, wollte er uns damit bestimmt etwas sagen.“

Sie ließ IDUSA ein Bild des Königs zu dessen besten Zeiten aufrufen. „Ich hörte, du als Demetaner erkennst Hinterlist, wenn du sie siehst.“, sagte sie und deutete auf den Anschluss für den Neurokoppler. Maron zog seinen aus der Tasche und steckte ihn an. Gleich darauf lud der Stationsrechner seine Reaktionstabelle und er konnte sehen, was auch Zirell sah.

„Er macht schon ein verschmitztes Gesicht.“, gab Maron zu. „Aber glaubst du ernsthaft, dass er mit diesem Tor zum Himmel etwas bezweckt? Ich meine, was soll das für ein Tor sein?“ „Das weiß niemand.“, sagte Zirell. „Aber es muss in jedem Fall etwas sein, um das es sich sogar lohnt, einen Krieg unter Schwestern zu führen.“ „Die führen keinen Krieg um das Tor!“, sagte Maron jetzt sehr überzeugt. „Die führen einen Krieg um das, was ihnen der Fund des Tores verspricht. Die alleinige Herrschaft. Der Krieg ist nur ein Mittel, um die übersteigerte gegenseitige Wut aufeinander zu kompensieren und die gegenseitigen Bemühungen zu sabotieren. Die Beiden sind sauer, weil sie nicht raus kriegen können, was ihr Vater in seinem Testament …“

Er ermahnte sich auf Demetanisch, den Mund zu halten. „Was weißt du über das Testament?“, fragte Zirell erstaunt. „Nicht viel.“, gab Maron zu. „Was ich weiß, weiß ich nur von Shimar, der es wiederum von seiner Freundin weiß, die auf einem Föderationsschiff stationiert ist. Die haben eine Aufzeichnung, in der einwandfrei gezeigt wird, wie es zu dem Testament gekommen ist. Präsidentin Nugura steckt da auch mit drin.“ „Nugura auch!“, rief Zirell aus. „Jetzt wundert mich gar nichts mehr. Danke für deine Informationen. Jetzt kann ich der Zusammenkunft mindestens etwas an die Hand geben. Es gibt schon die wildesten Gerüchte, denen nach das Testament gar nicht existiert. Vielleicht sollten wir es allen noch einmal in Erinnerung rufen.“ „Sag aber bitte nichts über Allrounder Betsy und Shimar. Ich will nicht verantworten müssen, dass die Beiden Ärger bekommen, nur weil ich meinen Mund nicht halten konnte.“ „Keine Sorge, Nummer eins.“, lächelte Zirell. „Ich schütze deine Quellen. Aber ich muss bald für eine Weile nach Tindara. Die Zusammenkunft möchte, dass ich ihnen die Haltung der Föderation erkläre. Sie wollen wissen, warum sich Nugura nicht helfen lassen möchte.“ „Wer weiß, was da gewesen ist.“, sagte Maron. „Wir haben längst noch nicht alle Informationen. Was ist, wenn Brako und Nugura vereinbart haben, dass sie sich nicht helfen lassen soll?“ „Das kann ja durchaus sein.“, sagte Zirell. „Aber um das genau zu erfahren, bräuchten wir die Aufzeichnung.“ „Du hast versprochen …“, setzte Maron an, der noch immer bereute, dass er die Aufzeichnung, Shimar und mich überhaupt erwähnt hatte.“

Sie wandte sich zum Replikator und bestellte zwei Gläser ihres Lieblingsdrinks. „Jenna kann sicher den Timecode der Aufzeichnung verändern, dass niemand zurückverfolgen kann, wo sie her kommt. Den Politikern ist das ohnehin egal. Die merken es nicht. Also, könnte Shimars kleine Freundin uns die Aufzeichnung besorgen oder nicht?“

Maron pfiff durch die Zähne. Dann sagte er: „Ich denke schon, dass das geht. Aber glaubst du ernsthaft, dass aus dieser Aufzeichnung das hervor geht, was wir wissen müssen? Für mich sieht es eher so aus, als würde Brako mit Absicht dafür gesorgt haben, dass nur jeder das erfährt, was er wissen soll.“ „Macht nichts.“, erwiderte Zirell. „Selbst, wenn das der Fall sein sollte, dann können wir das schon mal mit Sicherheit sagen und es ist nicht nur graue Theorie.“ „Ich werde Shimar gleich darauf ansprechen.“, sagte Maron.

Zirell ging ins Schlafzimmer und zog einen kleinen schwarzen Koffer unter ihrem Bett hervor. Dann öffnete sie ihren Kleiderschrank. „Das ist wohl mein Zeichen zum Gehen.“, stellte Maron fest. „Ja.“, sagte Zirell. „Ich mache mich besser zu früh auf als zu spät. Joran wird mich mit IDUSA hinbringen. Du hast das Kommando.“ Er verließ den Raum, während sie zu packen begann.

Kapitel 6 - Dunkle Gewissheit von Visitor

Sedrin hatte Mahony vor dem Geheimdienstgebäude abgesetzt und sich wieder auf den Weg in Richtung Washington gemacht. Auf dem Grünstreifen neben dem Freeway stellte sie den Jeep ab und gab das Rufzeichen von Chief-Agent Tamaras Büro in das Sprechgerät des Fahrzeuges ein. Die Halbklingonin war etwas irritiert, als sie das unbekannte Rufzeichen im Display sah. „Bitte stellen Sie keine Fragen, Tamara.“, bat Sedrin inständig. „Ich bin wieder auf dem Weg zu King und rufe Sie daher aus einem dienstlichen Jeep. Es ist etwas geschehen, das die Strategen dringend interessieren könnte.“ „Machen Sie es nicht so spannend, Sedrin!“, drängte Tamara. „Was ist denn nun geschehen? Ich denke, es wird nichts Schlimmeres sein, als das, was ohnehin schon durch die Nachrichten kommt. Die werden im Moment nur von einem Thema beherrscht: Die Sache mit dem Tor zum Himmel. Mal im Ernst, glauben Sie an so etwas?“ „Ich weiß im Moment nicht, was ich glauben soll, Tamara.“, erwiderte Sedrin. „Aber zurück zu unserem eigentlichen Thema. Techniker Scott ist auf der Erde. Er wollte eigentlich seine Frau überraschen, wenn sie von der Mission der Granger zurückkommt. Aber jetzt hat sich durch einen Zufall herausgestellt, dass Scott denken kann wie Sytania, wenn man sein Gehirn entsprechend stimuliert. Scientist Cupernica und Agent-Scientist Mahony können das bestätigen.“ „Was meinen Sie damit, Scott könne denken wie Sytania?“, fragte die Chefagentin ungläubig. „Er hat uns mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eröffnet, dass sich Sytania früher oder später in die Sache mit Miray einmischen wird!“, sagte Sedrin mit sicherer fester Stimme. Tamara lachte laut auf. „Warum sollte sie das denn tun, Sedrin, he?“, fragte sie dann. „Was hätte Sytania für ein Motiv, sich in einen internen Konflikt zweier Prinzessinnen einzumischen?“ „Laut Techniker Scott die Eroberung des Universums der Föderation.“, antwortete Sedrin und fügte hinzu: „Das war ja schon immer ihr stärkstes Motiv. Laut Scott wird sie warten, bis eine der Prinzessinnen verzweifelt genug ist und dann wird sie ihr ihre Hilfe anbieten. Die Prinzessinnen haben bestimmt nicht das Wissen über Sytania, das wir haben. Ich befürchte, sie wird darauf eingehen und dann vielleicht sogar aus reiner Dankbarkeit ihr den mirayanischen Thron überschreiben.“

Sedrin sah im Display des Sprechgerätes, dass Tamara sich ein Glas Blutwein repliziert hatte und sich setzte. „Wenn das stimmt, Sedrin.“, stammelte sie ins Mikrofon. „Dann müssen wir ganz dringend etwas tun. Wenn Sytania einen der beiden Planeten im Miray-System quasi geschenkt bekäme, dann würde das bedeuten, dass sie einen Brückenkopf in unserem Universum hätte. Wir wissen aus Erfahrungen, dass dies nie passieren darf. Es wäre der Anfang vom Ende. Ich glaube Ihnen, Sedrin. Fahren Sie mit Kings Ausbildung fort, aber bleiben Sie auch für Scott erreichbar. Sagen Sie ihm, er darf die Erde auf keinen Fall verlassen. Legen Sie ihm nahe umzuziehen. Sie wissen schon. Scott ist ein wichtiger Zeuge. Damit wir ihn zuverlässig schützen können, sollte er sich mit King die Wohnung teilen. Kehren Sie um und holen Sie ihn ab!“ Sie beendete das Gespräch.

Über die Reaktion ihrer Vorgesetzten war Sedrin sehr überrascht. Nie im Leben hätte sie damit gerechnet, dass Tamara ihr so schnell Glauben schenken würde. Aber wahrscheinlich lag es an der drohenden Gefahr durch Sytania. Tamara war in so einem Fall eigentlich immer schnell auf Seiten derer gewesen, die Sytanias Machenschaften aufgedeckt hatten. Sedrin konnte sich denken, dass Tamara zwar einerseits die ganze Sache für ein Hirngespinst halten könnte, andererseits aber auch die Situation auf den beiden mirayanischen Planeten gut genug kannte. Vielleicht hatte Mahony ihr auch schon die Beweise zugespielt.

Sie wendete den Jeep bei nächster Gelegenheit und fuhr nach Little Federation zurück. Data und Cupernica waren sehr erstaunt, als sie kurze Zeit darauf wieder vor ihrem Haus stand. „Was ist geschehen, Agent.“, fragte Data, der sie herein gebeten hatte. „Ich muss Mr. Scott mitnehmen.“, erklärte Sedrin. „Ich hoffe, er ist noch bei Ihnen.“

Data führte sie ins Wohnzimmer. „Bitte warten Sie hier.“, sagte er höflich. „Ich werde meine Frau fragen, ob sie ihn nach Hause geschickt hat. Das hatte Cupernica nämlich eigentlich vor.“ Sedrin nickte und Data machte sich in Richtung Praxis auf.

Tausend Dinge gingen Sedrin durch den Kopf, während sie auf Data wartete. Unter Umständen war Sytania längst dahinter gekommen, dass Scotty ihren Plan durchkreuzen könnte. Vielleicht hatte sie ihm bereits etwas angetan.

Um so froher war sie, als Data bald mit guten Nachrichten zurückkehrte. „Cupernica sagt, Techniker Scott hat das Haus vor fünf Minuten zu Fuß verlassen. Mit Ihrem Jeep könnten Sie ihn noch leicht einholen.“ „Vielen Dank, Commander.“, sagte Sedrin, war aus der Tür und im Jeep, den sie sofort in Bewegung setzte, um Scotty zu folgen. Tatsächlich fand sie ihn bald fröhlich über einen Fußweg schlendernd. Neben ihm brachte sie den Jeep zum Stehen, nachdem sie ihn per Lichtsignal auf sich aufmerksam gemacht hatte. „Bitte steigen Sie ein, Techniker.“, sagte sie und deutete auf den Beifahrersitz. Scotty drehte sich verdattert um. „Was wollen Sie denn noch von mir?“, fragte er. „Ich dachte, unser Experiment hat genau das ergeben, was Sie wollten.“ „Genau da liegt der Hase im Pfeffer, Techniker.“, begann Sedrin. „Aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn wir den Rest auf der Fahrt beziehungsweise in Allrounder Betsys Haus besprechen könnten. Sie werden Ihre Sachen benötigen. Ich habe Befehl, Sie in eine Einrichtung mitzunehmen, wo der Geheimdienst ein Auge auf Sie werfen kann. Hier ist das nicht möglich und Sytania könnte Ihnen etwas antun.“ „Na gut.“, entgegnete Scotty und stieg auf der rechten Seite in den Jeep. „Lady Schreckschraube soll mich auf keinen Fall kriegen. Es reicht schon, dass ich denken kann wie sie.“ „Genau darum geht es uns.“, erklärte Sedrin, während sie in Richtung meines Hauses fuhren.

Maron hatte Shimar über dessen heimatliches Sprechgerät gerufen, nachdem er sich durch IDUSA sein Rufzeichen hatte geben lassen. „Warum machst du ein solches Geheimnis aus dem Grund, warum du mich sprechen wolltest?“, wollte der junge Patrouillenflieger wissen. „Es ist nicht so einfach.“, begann Maron und replizierte sich einen Drink. „Ich muss dich darum bitten, Allrounder Betsy zu fragen, ob sie uns eine bestimmte Aufzeichnung besorgen kann. Meines Wissens hat die Granger-Crew eine Aufzeichnung vom Ende des mirayanischen Königs.“

Shimar fuhr zusammen. „Das kannst du nicht verlangen, Maron. Nugura will keine Hilfe von uns oder sonst jemandem. Wenn Betsy uns irgendwelche Aufzeichnungen diesbezüglich geben sollte, wäre das nicht legal. Sie könnte extremen Ärger kriegen. Das kann und werde ich nicht zulassen!“

Er warf Marons Bild einen verächtlichen Blick zu und wollte das Gespräch beenden. „Warte, Shimar!“, drängte Maron ihn zum Halten der Verbindung. „Irgendwas stimmt da nicht und ich kenne Betsys Commander. Kissara ist auch immer an allem und jedem interessiert, was eine Aufklärung bringen kann. Der Krieg zwischen den Prinzessinnen muss enden. Vielleicht enthält die Aufzeichnung dafür genau den Schlüssel, den nur ein Außenstehender finden kann. Vielleicht finden wir ja auch einen Weg zu helfen, ohne dass Nugura ihr Gesicht verliert. Sag Allrounder Betsy, ich übernehme sämtliche Verantwortung, falls es zu Problemen kommt. Darauf kannst du dich verlassen und sie auch.“ „Also schön.“, sagte Shimar. „Dann entschuldige noch mal wegen gerade eben.“ „Schon gut.“, erwiderte Maron. „Ich hatte nur gedacht, du als Telepath würdest mich besser einschätzen können.“ Shimar grinste und beendete das Gespräch.

Ich war auf dem Weg in mein Quartier, um mir in dem bisschen dienstfreier Zeit, das ich zur Verfügung hatte, mal eine Mütze Schlaf zu gönnen, als der Computer mich auf eine eingegangene Nachricht aufmerksam machte. „Von wem ist die Nachricht, Computer?“, fragte ich etwas genervt. Ich hatte heute definitiv keine Lust mehr auf die Millimeter genauen Berichte über Datas Orchideen oder sonst etwas Belangloses. Wir hatten heute mit einer Menge Frachtern zu tun gehabt, deren Piloten nicht immer ganz einsichtig waren und uns nicht immer ganz freiwillig gefolgt waren. Viele von ihnen hatten gegenüber uns behauptet, sie flögen diese Strecke schon lange und es habe nie eine Gefahr gegeben. Diese Leute hatte ich zwar mit Kissara verbunden, aber die hatte auch ellenlange Diskussionen mit ihnen führen müssen.

„Die Nachricht ist von Shimar.“, antwortete der Rechner. „Vorlesen.“, strahlte ich zurück. Denn eine Nachricht von Shimar würde mir sicher den Tag versüßen. „Es ist nur eine akustische Version vorhanden.“, gab der Computer zurück. „Dann spiel sie ab.“, sagte ich ruhig. „Hallo, Kleines.“, begann die Nachricht. „Ich will dich nicht in halblegale Machenschaften hineinziehen, aber wir benötigen die Aufzeichnung über Brakos Tod. Der tindaranische Geheimdienst denkt, dass die Aufzeichnung etwas enthalten könnte, das uns helfen könnte, euch zu helfen. Maron hat gesagt, es gibt vielleicht irgendeinen Schlüssel, den nur ein Außenstehender finden kann. Er meint, Kissara wäre damit schon einverstanden.“

Ich verließ mein Quartier in Richtung des nächsten Turboliftes. Wenn Shimar und Maron dachten, dass Kissara mit der Sache einverstanden sei, könnten wir das ja gleich mal ausprobieren. Mit einem mulmigen Gefühl stieg ich in den Lift und gab mein Fahrziel an. Kissara würde mich jetzt nicht erwarten. Sie wusste ja, dass ich eigentlich dienstfrei hatte. Entgegen aller Regeln würde jetzt Mikel das Schiff fliegen, da er der Einzige war, der außer mir noch mit dem speziellen Hilfsprogramm umgehen konnte.

Die Türen des Liftes öffneten sich und ich vernahm die typischen Geräusche der Brücke. Wie sehr hatte ich mir gewünscht, die Fahrt würde noch etwas dauern oder der Lift würde mittendrin ausfallen. Ich dachte mir, dass Kissara vielleicht unwirsch reagieren könnte und mich vielleicht sogar degradieren würde, wenn ich mit so einer unverschämten Bitte an sie herantreten würde. Maron und Shimar hatten sich bestimmt geirrt. Kissara konnte damit nicht einverstanden sein! So wie ich die Aufzeichnung verstanden hatte, wollte Nugura keine Hilfe und wenn wir hinten herum den Tindaranern Informationen zuspielen würden, würden wir unsere Befehle missachten und das hätte für uns alle einen ziemlichen Karriereknick zur Folge. Dafür wollte ich nicht verantwortlich sein.

Das Herz schlug mir bis zum Hals, als ich mich langsam aus dem Lift wagte. Vorsichtig schlich ich zu Kissaras Platz. Diese bemerkte mich zunächst kaum. Erst als ich sie ansprach, drehte sie den Kopf. „Was machen Sie denn hier, Allrounder?“, fragte sie erstaunt. „Sie haben doch dienstfrei. Oder können Sie nicht von Ihrer Arbeit lassen?“ „Mafam.“, begann ich. „Bitte um Erlaubnis, Sie unter vier Augen zu sprechen.“

Sie griff meine Hand. Dann drehte sie sich kurz zu Mikel um. „Aktivieren Sie den Autopiloten, Agent. Sie haben die Brücke!“, sagte sie und zog mich durch die Tür ihres Bereitschaftsraumes, der sich auf dem gleichen Deck befand und nur durch eben diese Tür vom Rest der Brücke getrennt war.

Sie führte mich zu einem Sessel und befahl dem Computer dann: „Computer, Tür verriegeln!“ Der Schlossmechanismus klackte und wir waren allein. Sie setzte sich zu mir auf einen weiteren Sessel und fragte: „Was gibt es denn, Betsy?“ Sie beobachtete mich genau. Etwas sagte ihr, dass mit mir gewaltig etwas nicht stimmte. „Nun mal raus damit.“, drängte sie weiter. „Sie kennen mich doch und wissen, dass ich meiner besten Kommunikationsoffizierin und Pilotin niemals den Kopf abreißen würde.“ „Shimar hat mich angeSITCHt.“, begann ich und machte eine erneute Pause. „Ach.“, scherzte sie. „Was für ein Weltuntergang. Ihr Freund übersendet Ihnen einen kleinen Liebesschwur. Wir sollten uns ganz schnell eine neue Dimension zum Bleiben suchen, wenn das Universum zusammenbricht. Aber warten Sie mal. Jetzt repliziere ich uns erst mal einen starken Kaffee.“ „Es war kein Liebesschwur.“, sagte ich. „Was war es dann?“, wollte Kissara wissen. Sie schien aber freundlich zu bleiben, obwohl ich ihre Geduld ziemlich strapazierte. „Er will die Aufzeichnung.“, überwand ich mich schließlich doch. „Was will Ihr Freund mit der Aufzeichnung?“, fragte sie weiter. „Und von welcher Aufzeichnung reden wir hier überhaupt?“ „Von der Aufzeichnung über Brakos Tod.“

Meine Erwiderung schien sie nicht sonderlich zu beeindrucken, was für mich aber auch das Signal war, jetzt doch guten Mutes alles zuzugeben. „Eigentlich will der tindaranische Geheimdienst die Aufzeichnung.“, gab ich mein Wissen preis. „Shimar und ich sind nur die Brieftauben.“ „Na dann ist ja alles in bester Ordnung.“, meinte Kissara erleichtert. „Mafam?“, erwiderte ich unsicher und hielt mich an meiner Tasse fest. „Ich konnte mir schon denken, dass Sie das nicht auf Anhieb verstehen werden, weil Ihnen ein entscheidendes Detail an Wissen fehlt. Aber dass Sie solche Angst vor mir haben, hätte ich nicht gedacht. Sie wissen doch, dass Sie mir vertrauen können.“ „Eigentlich schon.“, räumte ich ein. „Ich hatte nur solche Angst, Sie würden mich degradieren und ich dürfte wieder drei Jahre auf der Akademie die Schulbank drücken. Danach würde ich dann auf irgendeinen Müllfrachter stationiert und …“ „Ich hätte Sie degradiert, hätten Sie Shimar und dem tindaranischen Geheimdienst in Form von Maron Ihre Hilfe verweigert.“, unterbrach sie mich. „Aber Nuguras Befehl …“, stammelte ich. „Der bezog sich nur auf diplomatische Hilfe. Hinter den Kulissen läuft fne Menge ab, von dem die Presse und das einfache Volk nichts wissen soll. Die Tindaraner finden sicher einen Weg, wie Nugura heil aus der Sache raus kommt, ohne wie ein kleines Schulmädchen auszusehen, das man an die Hand nehmen muss. Wie ich die Tindaraner kenne, haben sie nicht gerade vor, irgendeinen Botschafter nach Khitomer zu schicken, der zu ihr so was sagt wie: Rutschen Sie mal zur Seite, ich zeige Ihnen jetzt, wie es geht. Nein. Es geht sicher um etwas Geheimes.“ „Davon gehe ich auch aus, wenn schon der Geheimdienst involviert ist.“, lächelte ich, die ich mich in der Zwischenzeit schon viel befreiter fühlte. „Das heißt also, ich darf Shimar die Aufzeichnung schicken?“, versicherte ich mich noch einmal. „Aber sofort!“, befahl Kissara und deutete in Richtung Tür. „Danke, Mafam.“, strahlte ich und war aus der Tür, so schnell ich konnte.

Mein Weg führte mich wieder in mein Quartier zurück. Hier gab ich meinen dienstlichen Code in die Konsole ein, um Zugriff auf das entsprechende Verzeichnis bekommen zu können. Von dort kopierte ich die Aufzeichnung in mein privates SITCH-Mail-Verzeichnis. „Computer.“, befahl ich dem Schiffsrechner. „Ich möchte eine SITCH-Mail versenden.“ „Bitte geben Sie das Empfängerrufzeichen an.“, kam es zurück. „interdimensional/s h 19 8.tin.“, sagte ich. „Bitte nennen Sie jetzt den Betreff.“, wurde ich aufgefordert. „Deine Nachricht.“, erwiderte ich mit klopfendem Herzen, denn ich konnte immer noch nicht so recht glauben, dass mir Kissara soeben das OK zum Verraten eines Sternenflottengeheimnisses gegeben hatte. „Sie können jetzt mit dem Diktieren des Textes beginnen.“, erfolgte eine weitere Eingabeaufforderung. „Hey, Srinadar.“, begann ich. „Du bestellst und ich liefere prompt. Mir ist verdammt mulmig dabei, aber ich hoffe, es wird schon OK sein. Hoffentlich kriegt Maron aus der Aufzeichnung auch die Infos, die er braucht. Einen dicken Schmatzer aus dem Föderationsuniversum von deiner Betsy.“ In Ermangelung seiner Anwesenheit gab ich dem Mikrofon einen Kuss, dass es knallte. Dann befahl ich dem Computer, die Aufzeichnung als Anlage anzuhängen und die Mail zu senden.

Immer noch hatte ich eine ziemliche Angst. Ich fragte mich, wie das enden sollte. Würde das wirklich alles so glatt gehen? Was war das für eine komische Verschwörung zwischen Kissara und den Tindaranern? Was für ein Spiel spielte sie mit deren Geheimdienst?

Zum weiteren Nachdenken kam ich nicht, denn im nächsten Moment erfolgte das Signal für Alarm gelb und ich hörte Kissaras Stimme im Lautsprecher: „Alle Besatzungsmitglieder auf Ihren Stationen melden!“ Irgendwas musste passiert sein.

Ich begab mich erneut zum Lift und fuhr auf die Brücke. Hier erwarteten mich bereits Kang, Kissara und Mikel. „Was ist passiert?“, fragte ich. „Wir haben einen Notruf aufgefangen.“, antwortete Mikel knapp. „Ich habe an Commander Kissara durchgestellt, aber dann stellte sich heraus, dass Time näher dran war. Die Electronica hat sich kümmern wollen, aber jetzt ist irgendwas gewaltig daneben gegangen .“ „Schon gut.“, erwiderte ich. „Ich übernehme.“

Ich setzte mich wieder auf meinen Platz und gab meine Clearence ein. „Time ruft uns, Commander.“, meldete ich bald darauf Kissara, nachdem der Computer mich über den eingehenden SITCH informiert hatte. „Durchstellen!“, befahl Kissara nervös. „Kissara, schnell!“, hörten wir Times fast panisch anmutende Stimme, nachdem ich zu ihr durchgestellt hatte. „Wir benötigen vor allem deine Ärzte. Die haben doch tatsächlich ein Passagierschiff umgeleitet. Der Hornochse von Pilot wollte nicht auf sicheres Geleit durch uns oder die Niagara warten und ist einfach los geflogen. Dann ist er voll auf eine Gravitonmine gelaufen. Die Explosion hat die gesamte rechte Außenhülle aufgerissen. Cenda beamt alle Passagiere, die sie erreichen kann, auf unsere Krankenstation. Chechow macht das Gleiche bei Cinia. Cyra, Ketna, O’Connor und Solthea sind mit der Behandlung von so vielen aber restlos überfordert. Beeile dich!“

„Sehen wir uns das an!“, orderte Kissara. „Betsy, Kurs setzen. Warp zwei. Wir sind ja schon ziemlich nah dran. Sagen Sie auf der Krankenstation Bescheid. Loridana und Learosh sollen sich im Transporterraum melden. Informieren Sie auch Jannings!“ Ich nickte und führte ihre Befehle der Reihe nach aus.

Am Ort des Geschehens wurde das ganze Ausmaß deutlich. „Mein Gott!“, rief Kang angesichts des auf der Seite liegenden Schiffes aus, dessen gesamte rechte Seite ein großer Riss zierte. „Dass dort überhaupt noch jemand überlebt hat … Betsy, bringen Sie uns längsseits.“ Ich tat, was sie gesagt hatte und befahl meinem Hilfsprogramm, mir zu melden, wenn es noch Lebenszeichen auf dem Schiff geben sollte. Ich hatte ein unbestimmtes Gefühl.

„Es ist ein Biozeichen vorhanden.“, meldete der Computer nach Scannen des Schiffes. „Was?!“, fragte Kissara alarmiert, als ich ihr meldete, was ich gerade selbst vom Computer gehört hatte. „Ich kann nur das melden, was mir gerade selbst gesagt wurde.“, rechtfertigte ich mich. „Gut, dass Sie das sagen, Betsy.“, sagte Time am SITCH, der die Vorkommnisse auf unserer Brücke irgendwie mitbekommen haben musste. Wahrscheinlich hatte Kissara den Finger auf dem Sendeknopf. „Es fehlt nämlich ein Passagier laut Liste. Wir haben das Schiff im Traktorstrahl, aber Cenda ist sich nicht sicher, wie lange der das noch durchhält. Die Gravitonmine tut ihr Übriges. Scheiße!“

Auf der Electronica war etwas zu hören, dass sich wie ein näher kommender Flugkörper anhörte, der bald in die ohnehin schon sehr lädierte Seite des Schiffes einschlug und somit einen neuen Druckpunkt auf den Traktorstrahl legte. „Der Traktorstrahl der Electronica hält das Schiff am Bug.“, meldete Kang. „Dann sollten wir das Heck übernehmen.“, sagte Kissara. „Betsy, volle Kraft zurück und dann von achtern auf. Kang, sobald wir in Reichweite sind, Traktorstrahl aktivieren.“ Kang und ich nickten ihre Befehle ab und führten sie aus.

Learosh, Loridanas Assistent, ein Taskonianer von großem Wuchs und mit einem roten Schuppenkleid – die Taskonianer sind Reptiloide – und seine zeonide Vorgesetzte waren auf dem Weg zum Transporterraum. „Was kann da in die Kontrolloffiziere gefahren sein, Mafam?“, erkundigte sich Learosh bei seiner Vorgesetzten. Aus welchem Grund leiten die ein Passagierschiff durch ein potentielles Bürgerkriegsgebiet? Gut, es hat auch schon Frachter gegeben, die hier durch geleitet wurden. Aber da ging es nur um ein paar Dinge und maximal um fünf Leute. Aber jetzt …“

Sie waren angekommen und Elektra beamte sie auf die Electronica, wo Ketna den Einsatz mit ihnen koordinieren sollte.

Unsere Ärzte waren aber nicht die Einzigen, die das Vorgehen der Kontrolloffiziere stark irritierte. Auch wir von der Brückenbesatzung fragten uns das Gleiche. „Mikel, sobald ein Überlebender Offizier des Schiffes auffindbar und vernehmungsfähig ist, möchte ich, dass Sie genau das mit ihm oder ihr tun.“, wendete sich Kissara an ihren geheimdienstlich ausgebildeten ersten Offizier. „Ich will verdammt noch mal wissen, wie man so verantwortungslos handeln kann. Die spinnen, die Kontrollettis! Ach, Betsy, welches Schiff ist das eigentlich?“

Ich versuchte, über mein Hilfsprogramm das Transpondersignal des Schiffes zu erhalten, aber das war nicht möglich. Der Transponder musste ebenfalls zerstört worden sein. „Es ist nicht möglich, eine Kennung zu erhalten, Mafam.“, meldete ich. „Dann geben Sie mir Time.“, gab Kissara zurück. „Vielleicht hat er vorher noch was rausgekriegt.“

Ich gab das Rufzeichen der Electronica ins Sprechgerät ein. Sensora verband mich mit Time, den ich wiederum mit Kissara verband. „Laut ihrem Notruf ist es die Space-Titanic.“, sagte Time. „Kissara, Cinia und ich werden die Passagiere zu den nächsten Sternenbasen bringen. Auf mein Zeichen werden wir gemeinsam die Traktorstrahlen lösen und das Schiff der Gravitonmine überlassen. Warum es umgeleitet wurde, ist sonnenklar. Die platonische Sonne ist momentan sehr aktiv und daran hätte es normalerweise vorbeifliegen sollen. aber das …“ „Negativ, Peter!“, gab Kissara zurück. „Auf dem Schiff ist noch jemand.“ „Was?“, gab Time verdattert zurück. „Aber der muss sich doch auch zu den Transportpunkten begeben haben. Hat der denn den Alarm nicht gehört?“ „Anscheinend nicht.“, erklärte Kissara. „Ich werde ein Außenteam schicken, das ihn lokalisieren und von Bord bringen wird. Die Space-Titanic wird dem Schicksal ihrer nassen Namensvetterin nicht folgen und ihre Passagiere und Besatzung mit in den Tod nehmen. Nicht, wenn wir es verhindern können. Betsy, Kang, Sie machen das! Mikel, nehmen Sie Betsys Posten ein. Ich bediene die Schilde und Waffen wenn nötig und überwache den Traktorstrahl!“

Kang nickte kräftig genug für uns beide, so schien es mir und zog mich am Arm von der Brücke in einen Turbolift, mit dem wir dann in den nächsten Transporterraum fuhren. Elektra beamte uns hinüber.

Kapitel 7 - Folgenreiche Rettung von Visitor

Auf der Space-Titanic war alles dunkel. Zumindest empfand Kang es so. Mir war es egal. Ich schaltete meinen Erfasser auf aktives Scannen und befahl ihm, mir das Annähern an die Biozeichenquelle per schneller werdendem Piepton anzuzeigen. „Hier entlang, Warrior!“, sagte ich mit fester Stimme. „Mich von Ihnen führen zu lassen, finde ich ungewöhnlich.“, gab der einen Schritt hinter mir gehende Klingone zu. „Tja, Mr. Kang.“, erwiderte ich. „Wenn es dunkel ist, bin ich eindeutig im Vorteil.“ „Wir können froh sein, dass auf diesem Deck die Lebenserhaltung noch funktioniert.“, gab er zurück.

Jannings hatte der Brücke gemeldet, dass er den Traktorstrahl nicht mehr lange aufrecht halten könnte. „Wir müssen so schnell wie möglich abkoppeln!“, sagte er hektisch. Antrieb und Traktorstrahl sind am Limit. Ich versuche was ich kann und Cenda drüben auf der Electronica auch. Aber lange halten die Systeme das nicht mehr aus.“ „Negativ, Maschinenraum.“, gab Kissara zurück. „Wir gehen nicht ohne das Außenteam und den Überlebenden. Lassen Sie sich was einfallen, Jannings. Sprechen Sie sich mit Ihrer celsianischen Kollegin ab.“

Knallend und zischend brannte eine Leitung in der Nähe durch. „Elektra, ich muss mal wieder einen ODN-Bypass legen. Geben Sie mir einen Satz T-20er. Ich mache ja heute den ganzen Tag sowieso nichts Anderes.“, knurrte Jannings verärgert.

Kang und ich waren vor der Kabine angekommen, in der mein Erfasser das Lebenszeichen festgestellt hatte. Von der Tür war nichts mehr übrig, was uns den Einstieg sehr erleichterte. Über das wie ein Tropfstein von der Decke hängende seltsame Ding wunderte Kang sich sehr. „Sieht es aus wie das Gespinst einer Raupe, nur in Größe eines Menschen?“, fragte ich. „Ja, Mafam.“, bestätigte Kang.

Er führte mich näher heran und ich scannte das Objekt. „Hier haben wir den Grund, warum er den Alarm nicht gehört haben kann. Während der Verpuppung sind die Bewohner des Planeten Alaris bewusstlos. Aber hier kann er nicht bleiben.“ „Da stimme ich Ihnen zu.“, meinte Kang und versuchte, die Puppe von der Deckenplatte zu ziehen. Im gleichen Moment schoss mir eine Passage aus meiner Schulzeit durch den Kopf, die mir meine Biologielehrerin damals vorgelesen hatte. Wenn man die Puppe einer Raupe einfach von ihrem Untergrund abriss, zerstörte man wichtige Haltefäden und der später entstandene Schmetterling würde eine Behinderung davontragen. „Halt, Kang!“, schrie ich. „Sind Sie wahnsinnig? Jannings muss die Puppe mit der Deckenplatte beamen. Ich erkläre später alles.“ Er ließ ab und ich befestigte einen mitgebrachten Transportverstärker, bevor ich Mr. Jannings das OK zum Beamen gab. Kang wusste, ich würde ihm alles erklären, wie ich gesagt hatte. Darauf konnte er sich verlassen.

Auf der Niagara, die auf dem Weg zur nächsten Sternenbasis war, hatte man das Problem durchaus auch mitbekommen, mit dem wir und die Electronica es zu tun hatten. „Wir sollten umkehren und ihnen helfen, Commander.“, schlug Serena, Cinias Strategin, eine ebenfalls übergelaufene Genesianerin mit schwarzen Locken und von drahtigem Wuchs, vor. „Wir werden ihnen helfen!“, erwiderte Commander Cinia zuversichtlich. „Aber lassen Sie uns erst mal die Passagiere in Sicherheit bringen. Falls wir in ein Feuergefecht mit einem automatischen Flugkörper verwickelt werden, möchte ich keine Zivilisten hier an Bord.“ „Warum hat der zweite Flugkörper sich überhaupt an das Schiff gehängt?“, wollte Agent Indira, Cinias erste Offizierin, wissen. „Ich weiß es nicht.“, gab die Platonierin mittleren Alters zu. „Aber Techniker Chechow glaubt, dass der Flugkörper aufgrund des zerstörten Transponders nicht mehr Freund von Feind unterscheiden konnte. Ich halte das Vorgehen des Flugkörpers für eine bedauerliche Panne in der Planung und nicht für Absicht seiner Erbauer.“

Sie dockten an der nächsten Sternenbasis, um die Passagiere aussteigen zu lassen und dann so schnell wie möglich zurück zu fliegen.

Jannings hatte die Deckenplatte mit der Puppe direkt auf die Krankenstation gebeamt, wie ich es ihm aufgetragen hatte. Hier sah sich Loridana, die inzwischen auch zurückgekehrt war, alles genau an. „Leider sind einige wichtige Fäden bereits zerstört worden, Learosh.“, sagte sie traurig zu ihrem Assistenten. „Die Puppe ribbelt bereits auf und ich kann nicht für den armen Alaraner da drin garantieren.“ „Was können wir denn da nur tun, Mafam.“, fragte Learosh und zeigte ebenfalls auf das immer undurchsichtiger werdende Gewühl von Spinnfäden auf dem Behandlungstisch. „Ohne Weiteres können wir gar nichts tun.“, sagte Loridana. „Theoretisch bräuchten wir eine künstliche Puppe, aber so etwas hat noch nie jemand versucht.“

Ich betrat die Krankenstation. Ein erneutes unbestimmtes Gefühl hatte mich bewogen, noch einmal nach unserem Überlebenden zu sehen. Im gleichen Moment hatte ich Loridanas letzten Satz mitbekommen. „Sie irren, Scientist.“, sagte ich. „Die Eclypse ist den Alaranern schon mal begegnet und sie haben damals für alle künstliche Puppen gebaut, weil …“ Loridanas Augen begannen zu leuchten. „Könnten Sie die Daten besorgen, Allrounder?“, fragte sie. „Ich denke schon.“, antwortete ich. „Sie sollten Commander Kissara informieren. Ich informiere die, von der ich die Daten kriegen kann.“ Damit war ich aus der Tür.

Ein Phaserschuss zerriss die Nachtschwärze des Universums und der Druck auf die beiden Traktorstrahlen ließ nach. Von dem Flugkörper, bei dem es sich, wie sich inzwischen herausstellte, um eine selbstständig suchende Gravitonmine handelte, war nichts mehr übrig als Schrott. Aus dem Sensorenschatten der Granger trat langsam die Niagara. „Computer, SITCH-Verbindung mit Commander Cinia!“, befahl Kissara.

Das lächelnde Gesicht ihrer platonischen Kollegin erschien wenig später auf dem Schirm. „Danke, Cinia.“, sagte Kissara erleichtert. „Kein Problem.“, gab die Angesprochene zurück. „Du weißt doch, dass Warrior Serena sogar einer Fliege ein Auge ausschießen könnte, die auf einem Apfel sitzt, ohne diesen auch nur im Geringsten zu beschädigen. Den letzten Schießwettbewerb der Strategen der Sternenflotte hat sie ja auch haushoch gewonnen.“ „Das stimmt.“, gab Kissara lächelnd zurück und Kang pflichtete bei: „Das ist richtig. Sie hat sogar mich geschlagen.“

Ich war mit Kissaras Erlaubnis, die ich mir noch kurz eingeholt hatte, in mein Quartier gegangen, um dort Data und Cupernica zu verständigen. Cupernica würde die Daten, die man dem Replikator für die künstliche Puppe eingeben müsste, sicherlich noch haben.

Zunächst traf ich Data an, dem ich zuerst alles erklärte. „Einen kurzen Augenblick bitte, Allrounder.“, sagte der Androide freundlich. „Ich hole meine Frau.“ Etwas sagte mir, dass er mir irgendwas verschwieg. Sonst hatte er mich immer in lange Gespräche verwickelt, wenn wir uns unterhalten hatten. Jetzt war er kurz angebunden und ich bekam mehr und mehr das Gefühl, als würde er mir etwas verschweigen müssen und deshalb ein Gespräch mit mir scheuen wie der Teufel das Weihwasser.

„Hier ist Cupernica.“, hörte ich bald darauf eine nüchterne weibliche Stimme im Sprechgerät. „Was gibt es denn, Betsy?“ „Haben Sie die Daten über die künstlichen Puppen noch, Scientist?“, fragte ich. „Aber natürlich.“, antwortete Cupernica. „Sie wissen doch, in einem gut organisierten Androidenkopf kommt nichts weg.“ Ich musste lächeln. „Wir brauchen diese Daten dringend!“, insistierte ich. „Wir haben einen Bewohner von Alaris. Seine Verpuppung hatte begonnen und die Puppe wurde beim Rettungsversuch zerstört. Wir müssen so schnell wie möglich …“

Ein Signal sagte mir, dass sie die Break-Taste gedrückt haben musste. „Aber sicher bekommen Sie die Daten.“, unterbrach sie mich. „Geben Sie mir am Besten gleich das Rufzeichen ihrer Krankenstation. Passen Sie auf. Gleich kriegen die eine SITCH-Mail.“ Effizient wie immer., dachte ich und beendete das Gespräch mit den Worten: „Danke, Cupernica. Ich wusste, auf Sie ist Verlass.“ Dann gab ich ihr das verlangte Rufzeichen.

Sedrin wartete in meinem Hausflur auf Scotty, der eilig seine Sachen packte. Dann kam er mit dem Koffer wieder zu ihr. „Wusste Ihre Frau, dass Sie hier sind?“, fragte Sedrin. „Ach was.“, antwortete Scotty. „Das hatten Data und ich ganz allein abgemacht. Ich wollte Betsy überraschen, wenn sie von der Mission zurück sein würde.“ „Na um so besser.“, meinte Sedrin, der ein Kilo schwerer Stein vom Herzen gefallen war.

Sie ging an Scotty vorbei. „Lassen Sie uns fahren.“, schlug sie vor. „Je eher wir da sind, desto besser können wir Sie schützen.“ „OK.“, meinte Scotty und folgte ihr zum Jeep.

Zirell war mit Joran und IDUSA inzwischen auf dem Weg nach Tindara. „Was könnte die Zusammenkunft denn noch von dir wissen wollen, Anführerin?“, wollte der Vendar-Krieger wissen. „Ich habe keine Ahnung.“, gab die Tindaranerin zu. „Ich glaube kaum, dass ich ihnen noch irgendwas Neues über die Arbeitsweise der Föderationsregierung sagen kann, was sie nicht schon wissen.“ „Worum geht es da überhaupt?“, fragte Joran, als würde er noch überhaupt nicht informiert sein. „Die Zusammenkunft fragt sich, warum sich die Föderationsregierung so anstellt.“, erklärte Zirell. „Sie wüssten gern, warum Nugura jede Hilfe ablehnt. Dabei wäre ein anderer Blickwinkel auf die Streitigkeiten der mirayanischen Prinzessinnen vielleicht ganz hilfreich.“

Joran grinste. Dabei machte er auch gleichzeitig ein Gesicht, als wollte er sagen: „Ich weiß etwas, das du nicht weißt.“ „Agent Maron hat das Testament des mirayanischen Königs erwähnt und einen Schlüssel.“, sagte Joran. Zirell wurde neugierig: „Erzähl mir mehr!“

Neben Alana hatte ein hoch gewachsener muskulöser schon leicht grauhaariger Mann das Vorzimmer zum Gemach der Prinzessin betreten. Der Mann trug einen schwarzen Anzug, eine ebensolche Sonnenbrille und schwarze Schuhe. „Bitte warte hier.“, bat Alana und betätigte eine Sprechanlage. „Was gibt es, Alana?“, kam es aus dem Lautsprecher zurück. „Euer Geheimdienstchef ist hier und bittet um Audienz.“, antwortete die Kammerjungfer unterwürfig. „Ich lasse bitten.“, erwiderte Hestia.

Vorsichtig legte Alana den Finger in die Sensorenmulde der Tür, die darauf leise zur Seite glitt. Dann winkte sie dem Mann, an ihr vorbei zu gehen. „Lass uns allein, Alana!“, befahl Hestia. Die Kammerjungfer nickte und ging.

Hestia winkte den Mann näher zu sich und sagte dann: „Setz dich, Merkurion. Ich habe etwas mit dir zu besprechen.“ Der Mann setzte sich auf einen Sessel neben die Prinzessin. Dann fragte er: „Worum geht es, Hoheit?“ „Es geht um meine Schwester.“, sagte Hestia mit hasserfüllten Augen. „Ich befehle dir, deine besten Agenten auf sie anzusetzen. Ich muss einfach wissen, wie weit ihre Suche nach dem Tor zum Himmel schon gediehen ist.“ „Aber die hat meines Wissens doch noch gar nicht begonnen.“, erwiderte Merkurion. „Tatsächlich nicht!“, atmete Hestia auf. „Nein.“, versicherte der Chefagent. „Ihr wisst doch, dass Euer Vater Euch und Eure Schwester mittels des Ty-Nu-Lin-Ritus gebunden hat. Solange Ihr niemanden habt, der für Euch die Suche aufnimmt, darf auch die Beauftragte Eurer Schwester nicht mit der Suche beginnen. Außerdem muss sie sich einen würdigen Gegner suchen, der auch Euch genehm ist. Das ist meines Wissens noch nicht geschehen.“ „Das kann ich nur bestätigen.“, meinte Hestia. „Aber ich verstehe einfach nicht, was da so lange dauert. Du solltest einmal nachsehen lassen.“ „Ich bitte zu bedenken, dass ich dann meine eigene Auftraggeberin ausspionieren lassen würde.“, antwortete Merkurion.

Hestia stand auf und ballte ihre rechte Hand zu einer Faust. „Wovon redest du da?“, empörte sie sich. „Davon, dass ich ja dann nachsehen lassen würde, was diese Ginalla für Euch an Beauftragten so sucht. Wenn Ihr mich auf sie ansetzt, dann …“ „Ist schon gut.“, erwiderte Hestia. „Es macht mir nichts. Ich will, nein, ich muss wissen, wie weit die Suche nach einem Auftragnehmer für mich schon ist. Hoffentlich bringt sie mir einen an, der es verdient, für die Königin von Hestien, nein, des gesamten mirayanischen Systems zu arbeiten.“ „Daran habe ich keine Zweifel.“, beruhigte sie der Geheimdienstchef. „Ginalla soll selbst eine Person sein, die Herausforderungen gegenüber nicht abgeneigt ist. Sie wird für sich also einen Gegner suchen, der Eurer würdig ist, weil er ihrer würdig ist. Ihr wollt doch mit Sicherheit Eurer Schwester einen guten Wettkampf liefern und nicht Angst haben müssen, dass Euer Mann beim kleinsten Problem …“ „Du hast es erfasst, Merkurion!“, strahlte Hestia, die sich durch seine Worte tatsächlich sehr beruhigt hatte.

Merkurion wandte sich zum Gehen. „Mit Eurer Erlaubnis, Hoheit, würde ich jetzt gern gehen, um die Sache mit meinen besten Leuten zu besprechen. Ihr könnt Euch auf mich verlassen. Wenn ich heraus habe, warum es mit Eurem Teilnehmer so lange dauert, werde ich auf jeden Fall ein Auge auf das Tun Eurer Schwester werfen und Euch dann berichten.“ „Du darfst dich entfernen.“, entgegnete Hestia.

Nicht nur in Hestias Schloss war eine Geheimoperation im Gange. Alesia hatte King in seiner jetzigen Unterkunft besucht und ihn mit in den normalen Gebäudetrakt genommen. Hier gingen sie jetzt einen langen Gang zu einer Simulationskammer entlang. „Das Programm, mit dem wir jetzt gleich arbeiten werden.“, begann die Platonierin. „Wird Sie auf Ihre Rolle als Frachterpilot Andrew King vorbereiten.“ „Das dachte ich mir schon.“, lächelte King.

Alesia blieb stehen und fasste seinen Ärmel. „Stellen Sie sich das bitte nicht so einfach vor.“, ermahnte sie ihn. „Es werden gleich vielleicht Dinge geschehen, die Sie sehr irritieren könnten.“ „Wenn Sie auf meine tatsächliche Herkunft anspielen, Agent Alesia, dann kann ich Sie beruhigen.“, erwiderte King. „So ein verwöhnter Junge wie Sie glauben, bin ich nicht mehr und bin ich auch nie gewesen. Als ich Miray verließ um auf Terra zu leben, wusste ich, worauf ich mich einließ. Ich habe doch das Leben als einfacher Bürger von Terra bisher gut gemeistert, nicht wahr?“

„Oh, ja.“, gab Alesia zu, nachdem sie etwas länger überlegt hatte. „Jedenfalls gab es keine Vorkommnisse, die Ihre wahre Herkunft verraten hätten. Wir sind mit Ihnen sehr zufrieden.“ „Danke für das Schulterklopfen.“, sagte King. „Und jetzt lassen Sie uns rein gehen.“

Mittels Stimme aktivierte Alesia das Programm, nachdem King und sie die Kammer betreten, sich auf die Sitze gesetzt und die Köpfe in die Mulden gelegt hatten. „Von Ihnen hat der Rechner noch keine Tabelle.“, erklärte Alesia. „Kann ich mir denken.“, lächelte King, der gerade vom Computer untersucht wurde. Dann sah aber auch er die Dinge, die seiner Ausbilderin bereits simuliert wurden.

Sie fanden sich in einer typischen Kneipe wieder, wie sie oft von Frachterpiloten besucht wurde. Diese Kneipe hatte mit den luxuriösen Palästen und den hochherrschaftlichen Essräumen, die King Alesias Meinung nach gewohnt sein musste, nichts gemein. Die Luft war schwer von Rauch und allerlei exotischen Düften außerirdischer Vergnügungen. Die Möbel waren einfach und leicht. Der Computer spielte zum gefühlt achtzigsten Mal das gleiche Lied ab und die Unterhaltung, in die manche vertieft waren, war durch alkoholschwangere Zungen bedingt nicht leicht zu verfolgen.

King erspähte Alesia, die sich bereits an einen Tisch gesetzt hatte. „Da sind Sie ja, Sie Nachzügler.“, sagte sie und hielt ihm eine Schüssel mit seltsam aussehenden Gebäckstücken hin. „Celsianisch.“, meinte sie zur Erklärung. „Vorsicht, ziemlich heiß und ziemlich fettig. Die hier sind mit Käsefüllung. Warten Sie mal. Ein echter Mann zieht die mit Fleisch doch sicher vor.“

Sie replizierte eine zweite Schüssel und stellte sie ihm hin. Er sah die Schüssel zögernd an, genau wie das riesige Glas mit romulanischem Bier, das sie ihm gleich danach servierte. „Messer und Gabel gibt es leider nicht.“, lächelte sie.

Jemand kam zu ihnen an den Tisch. Die dicke Gestalt mit den schmierigen Händen musterte zunächst Alesia und dann King. Dann setzte er sich direkt neben die junge Platonierin, die King signalisierte, dass es ihr in Gesellschaft dieses Mannes nicht gut ging. „Hey.“, begann der Fremde in Kings Richtung. „Was bist du denn für einer. Da hat wohl jemand gewaltig Angst, sich die Hände schmutzig zu machen.“ Dann zu Alesia: „Hör mal zu, Süße, wenn du von deinem Mr. Vornehm die Nase voll hast, dann komm doch zu mir.“

King stand auf und musterte den zwar sehr dicken aber doch im Ganzen eher schwächlich wirkenden Mann. „Du nennst mich Mr. Vornehm?“, sagte er. „Du Würstchen!“ Dann drehte er sich um und balancierte sein Glas und seine Schüssel tänzelnd zu einem freien Tisch hinüber. Dabei musste er einen schmalen Gang durchqueren. „Bin neugierig, ob du das auch kannst!“, rief er seinem Kontrahenten zu.

Alesia beendete das Programm. Dann lächelte sie King zu. „Die Umgangsformen, die auf Raststätten für Frachtpiloten herrschen können, haben Sie ja drauf.“, lobte sie. „Allerdings.“, sagte King. „Darum müssen Sie sich keine Sorgen machen. Übrigens, er wäre beim Versuch, durch die schmalen Tischreihen zu kommen, ziemlich heftig gestolpert und hätte sich zum Gespött gemacht.“ „Stimmt.“, bestätigte Alesia.

Sie verließen die Simulationskammer. „Ich bringe Sie zunächst wieder in Ihre Wohnung und erstatte Agent Sedrin Bericht, wenn sie eintrifft.“, informierte Alesia ihren Schüler. „Wir werden morgen ans Eingemachte gehen.“ „Was genau meinen Sie damit?“, fragte King. „Das werden Sie schon sehen.“, lächelte Alesia und verließ ihn an der Verbindungstür zwischen Ausbildungs- und Wohngebäude.

An Bord von IDUSA hatte Zirell Joran so interessiert zugehört, dass weder sie noch der Vendar gemerkt hatten, dass das Schiff selbstständig in die Umlaufbahn um Tindara eingeschwenkt war. „Ich mache Sie darauf aufmerksam, Commander.“, wendete sich das Schiff an Zirell. „Dass wir bereits in der tindaranischen Umlaufbahn sind. Ich benötige nur noch das OK für den Transport. Oder haben Sie nach Jorans Informationen nicht mehr vor, mit der Zusammenkunft zu reden?“ „Doch.“, erwiderte Zirell und stand auf: „Aktivieren!“

Befehlsgemäß hatte IDUSA sie nahe des Parlamentsgebäudes auf die Oberfläche ihres Heimatplaneten gebeamt. Ihre eigene Welt kam Zirell etwas fremd vor. Lange war sie nicht mehr hier gewesen. Ihr letzter Heimaturlaub war lange her gewesen. Sie war sehr pflichtbewusst und hatte sich daher nur wenig Freizeit gegönnt. Gegenüber Ishan, der ihr einen Urlaub sogar aus medizinischer Sicht oft empfohlen hatte, sagte sie nur: „Es ist immer so gewesen und wird auch so bleiben. Der Kommandant verlässt das Schiff, beziehungsweise die Station als Letzter, wenn es zu einer Krise kommt. Solange du mich nicht wirklich krank schreibst, werde ich hier bleiben und meinen Dienst tun. Aber für eine Krankschreibung brauchst du einen triftigen Grund. Ich glaube nicht, dass du den bei mir im Moment siehst.“ Der Androide hatte aufgrund der Daten dann tatsächlich eingelenkt.

Als würde sie den ganzen Tag nichts Anderes machen, durchschritt Zirell die Sicherheitsschleuse. Die üblichen Vorkehrungen waren ihr nicht fremd. Im Gebäude betrat sie dann einen Turbolift, der sie in den zehnten Stock brachte. Hier war das Büro, in dem die Vorsitzende der Zusammenkunft sie bereits erwartete.

Die Begrüßung der Frauen fiel sehr kurz und wenig herzlich aus. Zirell und Darell wussten genau, was von dieser Besprechung abhing. Das Staatsoberhaupt führte ihren Gast in einen großen Konferenzraum, der mit rotem Teppich ausgelegt war. Die Wände zierten wollene blaue Behänge mit Motiven aus der tindaranischen Geschichte und Mythologie. In der Mitte stand ein runder Tisch mit sechs der üblichen tindaranischen Sitzkissen drum herum. „Erwartest du noch mehr Gäste?“, fragte Zirell wenig förmlich. Darell und sie waren gemeinsam zur Schule gegangen. „Nein.“, erwiderte sie. „Wir werden allein sein.“ Dann deutete sie auf eines der Kissen: „Setz dich.“

Zirell tat, was sie ihr gesagt hatte und beobachtete, wie sie sich genau ihr gegenüber hinsetzte. Dann sahen sie sich eine Weile schweigend an. „Was möchtest du denn jetzt von mir?“, fragte Zirell, um das Gespräch zu beschleunigen. „Ich möchte etwas Genaueres über die Arbeitsweise der Regierung der Föderation der vereinten Planeten erfahren.“, erklärte Darell. „Dein erster Offizier ist Demetaner. Er hat lange für die Föderation gearbeitet.“ „Dann hättest du besser mit ihm gesprochen.“, erwiderte Zirell. „Ich kann dir da wenig helfen. Ich begreife die Arbeitsweise der Föderationsregierung oft auch nicht. Ich meine, es ist offensichtlich, dass Nugura Hilfe benötigt, aber sie will sie nicht. Dabei gibt es interessante Ansätze von allen Alliierten der Föderation. Ich wünschte nur, sie würde uns zuhören. Du hast doch unser Lösungsmodell auch an sie geschickt, nicht wahr?“ „Natürlich!“, entgegnete Darell und Zirell glaubte, etwas Empörung in ihrer Stimme zu hören. „Aber sie hat es dankend abgelehnt. Genau so ist es auch Dill von Zeitland, Logar und den Aldanern gegangen. Keiner weiß, warum es so ist.“

Zirell nahm ihr Sprechgerät aus der Tasche und gab IDUSAs Rufzeichen ein. „Ich kann dir nicht helfen.“, resignierte die Basiskommandantin. „Wie gesagt, mein erster Offizier könnte dir da vielleicht …“ „Ich glaube nicht, dass ich die falsche Person hier habe.“, entgegnete Darell. „Agent Maron wäre mir da nämlich zu diplomatisch. Du bist als sehr direkt bekannt und würdest mir genau sagen, wenn etwas nicht stimmt, ohne große Schnörkel zu verwenden.“ „Na gut.“, sagte Zirell. „Dann werde ich dir jetzt mal sagen, was ich vermute. Ich glaube, Nugura ist einfach viel zu stolz und verwöhnt, um Hilfe anzunehmen. Die Diplomaten der Föderation gelten in allen bekannten Dimensionen als die Asse schlechthin. Und jetzt benötigt deren Oberste auch noch Hilfe. Wie sieht denn das wohl aus?“ „Du schätzt Nugura also tatsächlich so ein, dass sie eher einen Bürgerkrieg auf einem Planeten riskiert, als sich die Blöße zu geben, Hilfe anzunehmen?“, fasste Darell die Aussage ihrer Freundin zusammen. „Genau so ist es.“, bestätigte Zirell. „Aber wir verfolgen noch eine weitere Spur. Mein erster Offizier hat über private Kanäle eine Aufzeichnung zugespielt bekommen, die wahrscheinlich Licht ins Dunkel bringen kann. Es geht wohl um das Testament des Miray-Königs.“

Darell wurde hellhörig. „Weißt du schon etwas Genaues?“, wollte sie wissen. „Bedaure.“, winkte Zirell ab. „Aber ich werde dich sofort informieren, wenn ich etwas erfahren sollte.“ „Na das ist ja zumindest ein kleiner Lichtblick.“, meinte Darell. „Mehr habe ich aber wirklich nicht.“, entgegnete Zirell. „Macht nichts.“, sagte Darell und fügte hinzu: „Ich bringe dich noch zur Tür.“ „Nicht nötig.“, erwiderte Zirell und deutete auf ihr Sprechgerät, das die bereits seit mehreren Minuten bestehende Verbindung mit IDUSA anzeigte. „IDUSA, eine Person zum beamen!“, befahl Zirell in Richtung Mikrofon. „Aktivieren!“

Auf der Basis hatte sich Maron die Aufzeichnung jetzt schon zum dritten Mal angesehen. Er hatte sie sich sogar in der Simulationskammer zeigen lassen und dem Ganzen aus einem Versteck hinter einer Säule zugeschaut. Aber der versteckte Hinweis, nach dem der Agent suchte, wollte sich einfach nicht zeigen. Nur mit dem Wort Ty-Nu-Lin-Ritus konnte er nicht wirklich etwas anfangen.

Wieder war die Aufzeichnung an der Stelle angekommen. „IDUSA, Aufzeichnung halt!“, befahl Maron. Der Rechner stoppte befehlsgemäß. „Was ist dieser Ty-Nu-Lin-Ritus?“, fragte Maron. „Darüber habe ich keine Daten.“, antwortete die künstliche Intelligenz. „Aber ich kann mich gern mit der Sternenflottendatenbank verbinden und dort mal nachfragen.“ „Tu das!“, befahl Maron.

Eine Weile verging, in der IDUSA Marons Reaktionstabelle aus dem Speicher genommen hatte. Der Rechner wusste, dass Maron ihr nicht wirklich gern beim Suchen zusah.

Das ist sicher die einzige Spur, die mich weiter bringen kann., dachte der Spionageoffizier. Sonst habe ich ja nichts. Mich wundert nur, dass Nugura noch nicht darauf gekommen ist.

Der Avatar erschien wieder vor Marons geistigem Auge und räusperte sich. Gleichzeitig hatte sie einen Zeigestock und ein Pad dabei. „Ich gehe davon aus, dass du etwas gefunden hast.“, sagte Maron. „Ja, Agent, das habe ich.“, sagte IDUSA.

Sie ließ es für Maron so aussehen, als würde sie das Pad an die Konsole anschließen und den Inhalt überspielen. Dann erschien der Inhalt auf dem virtuellen Bildschirm vor Marons geistigem Auge. „Mutter Schicksal.“, stöhnte Maron. „Das sind ja Seiten!“ Dann sagte er eher zu sich selbst: „Na dann mal ran!“ Er wusste, dass es schon oft Situationen gegeben hatte, in denen er zunächst vor großen Schwierigkeiten bei seinen Ermittlungen gestanden hatte. Dann hatte es sich aber gelohnt, sich durch diese hindurch zu graben, auch, wenn dies, wie in diesem Fall, nicht sehr leicht werden würde.

„IDUSA, wie viele Seiten hat die Datei?“, fragte der Demetaner. „2138.“, gab der Rechner nüchtern zurück. „Also schön.“, antwortete Maron und biss die Zähne zusammen.

IDUSA ließ ihren Avatar vor den Bildschirm treten und mit dem Zeigestock auf eben diesen deuten. „Geh mir aus dem Blickfeld!“, befahl Maron genervt. „Das werde ich nicht.“, gab sie zurück und blätterte einfach weiter. Maron schaute bedient. „Ich weiß.“, meinte IDUSA. „So etwas hätte sich ein Föderationscomputer nie erlaubt. Aber ich kenne Sie mittlerweile und weiß, dass Sie viel Wert auf die nackten Fakten legen. Die ersten 1000 Seiten enthalten nur den geschichtlichen Hintergrund zum Ty-Nu-Lin-Ritus. Aber den brauchen wir jetzt ja nicht. Viel mehr müssen wir in Erfahrung bringen, wie es funktioniert und warum König Brako darauf solchen Wert legt. Also, Agent. Ab hier wird’s interessant.“ Sie deutete mit dem Zeigestock auf einen Absatz in der Mitte der sich auf dem Schirm befindenden Seite. „Danke für deine Hilfe.“, lächelte Maron ihr zu. „Tja.“, gab sie zurück. „IDUSAs wissen, was Agenten wünschen.“

Kapitel 8 - Tricks und Tücken von Visitor

Ich saß in meinem Quartier und redete mit Shimar. Er hatte mir von der ganzen Sache mit Ginalla, dem Ty-Nu-Lin-Ritus und dem allen erzählt. Jetzt fragte er mich doch allen Ernstes, wie er mit der Situation bezüglich Commander Zirell umgehen sollte. „Ich kann dir da leider wenig helfen, Srinadar.“, sagte ich mitleidig, denn ich hatte genau im Gefühl, dass es ihm mit der Sache nicht wirklich gut ging. „Ich könnte mir nur vorstellen, dass Zirell und Maron vielleicht nein sagen werden.“ „Wie kommst du darauf, Kleines?“, fragte er. „Ganz einfach.“, entgegnete ich. „Sie könnten dir vorwerfen, dass du dich auf eine Seite stellst, was ja im Prinzip auch stimmt. Nach den Grundsätzen der Föderation und auch nach den tindaranischen wäre das ja so etwas wie Einmischung in eine fremde Kultur.“ „Aber ich hätte eine gleichwertige Gegnerin.“, erklärte Shimar. „Ich habe ihr Schiff gesehen und nicht nur das. Ich glaube, dass sie durch die Tatsache, dass sie viel rum gekommen ist, auch einige Kontakte hat und …“

Er machte eine Pause, in der er sogar den Sendeknopf losließ. „Augenblick mal, Kleines.“, sagte er dann. „Du hast mich getestet. Du wolltest, dass ich die gleichen Argumente benutze, die ich gegenüber Zirell benutzen würde. Du wolltest mir helfen, das OK zu kriegen.“ „Genau.“, lächelte ich. „Das ist dir auch gelungen.“, gab Shimar zu. „Na ja.“, meinte ich. „Besser ich trainiere dich etwas, damit du ihr nichts vorstammeln musst.“ „Na dann danke, Coach .“, lachte Shimar und fügte hinzu: „Vielleicht sollte ich Zirell einfach eine SITCH-Mail schicken. Darin kann ich zumindest alles besser ordnen.“

Im Hintergrund hörte ich das Signal der Türsprechanlage. „Ich muss Schluss machen, Srinadar.“, sagte ich. „Da will jemand was von mir. Außerdem fängt mein Dienst in ein paar Minuten wieder an.“ „Ich hoffe, du meinst das mit dem Schlussmachen nicht wörtlich.“, erwiderte Shimar und tat übertrieben traurig. „Nein nein.“, tröstete ich. „Ich habe nur von unserem Gespräch geredet.“ „Ach so.“, erwiderte er beruhigt. „Na dann.“ Damit betätigte er die 88-Taste.

Ich drehte mich zur Türsprechanlage: „Wer ist dort?“, fragte ich. „Learosh.“, kam eine bekannte Stimme zurück. „Kommen Sie rein, Medical Assistant.“, sagte ich und entriegelte die Tür.

Vorsichtigen Schrittes betrat der Taskonianer mein Quartier. „Wo sind Sie, Mafam?“, fragte er, denn ich hatte vergessen, dem Computer das Einschalten des Lichtes zu befehlen. „Ich bin im Wohnzimmer!“, antwortete ich. „Warten Sie bitte, Learosh. Bleiben Sie, wo Sie sind.“ Dann drehte ich mich zum Computermikrofon: „Computer, Licht im Flur und im Wohnzimmer einschalten!“ „Befehl wird ausgeführt.“, kam es nüchtern zurück.

Learosh kam auf mich zu. „Tut mir leid, Medical Assistant.“, entschuldigte ich mich. „Ich habe nur so selten sehenden Besuch.“ „Schon gut.“, meinte er und ließ sich von mir auf die Couch bitten.

„Wenn Sie einen Visor trügen, bräuchten auch Sie Licht.“, stellte er fest. „Kann sein.“, meinte ich. Allerdings betonte ich so, dass er merken musste, dass mir dieses Thema gewaltig auf die Nerven ging. „Entschuldigung!“, sagte er bald darauf peinlich berührt. „Es ist ja bei Ihnen ganz anders. Sie sind allergisch gegen die Implantate und dürften sie ohnehin nicht bekommen, weil Sie eine Pendlerin zwischen den Jahrhunderten sind. Wenn irgendjemand in Ihrer Heimat sie darauf ansprechen würde, was Sie für merkwürdige Dinger im Gesicht haben, hätten Sie ein Problem.“ Ich nickte zustimmend. „Außerdem möchte ich mich nicht zu abhängig von Technologie machen. Wenn die ausfällt, wäre ich am Ar …“ Ich räusperte mich. „Ich meine aufgeschmissen. Mein ehemaliger Fluglehrer auf der Akademie ist da mit mir einer Meinung. Und, jetzt kommt der Oberhammer, Learosh! Halten Sie sich fest! Der war Celsianer!“

Learosh fing an zu husten. „Ich habe Sie gewarnt.“, sagte ich. „Das haben Sie allerdings, Allrounder.“, meinte er mit ziemlich bedientem Ausdruck in der Stimme. „Denen geht doch normalerweise die Technik über alles. Wie kommt der darauf?“ „Er weiß wahrscheinlich genau das Gleiche wie ich.“, erklärte ich. „Je komplexer Technologie ist, desto empfindlicher ist sie auch. Und wenn dann …“ „Schon klar.“, meinte Learosh.

Ich replizierte meinem armen Untergebenen einen starken Kaffee. „Geht schon wieder.“, meinte Learosh, nachdem er einen großen Schluck genommen hatte. „Warum ich eigentlich hier bin.“, berichtete er weiter. „Die Sache mit der künstlichen Puppe hat geklappt! Der Alaraner ist bei bester Gesundheit und seine Verwandlung schreitet ganz normal fort. Loridana und ich glauben, dass er es heute noch hinter sich hat und wir dann einen stattlichen Schmetterling vor uns haben werden. Einen einen Meter neunzig großen Schmetterling zwar, aber …“

Sein Sprechgerät hatte ihn unterbrochen. „Learosh hier.“, beantwortete er den Ruf, nachdem er das Rufzeichen seiner direkten Vorgesetzten im Display erkannt hatte. „Kommen Sie bitte auf die Krankenstation, Assistant.“, erwiderte Loridana. „Und wenn sie in der Nähe ist, bringen Sie bitte den Allrounder mit. Es ist so weit.“

Learosh griff meine Hand. „Kommen Sie, Betsy.“, sagte er und zog mich auf die Beine. „Ich weiß nicht, was Sie dabei sollen, aber wenn Loridana meint …“ „Ich soll wohl nur dabei sein, damit sie mir gegenüber beweisen kann, dass es funktioniert hat. Sie will mir wohl das Gefühl von Stolz vermitteln.“, vermutete ich, während wir zum Turbolift gingen.

Auf der Krankenstation stand Loridana vor einem Behälter, in dessen Innerem dank einer Einstellung der autarken Umweltkontrolle des Systems die gleichen Bedingungen wie in der echten Puppe herrschten. Außerdem gab es in seinem Inneren eine Schicht aus Gewebe, welches dem Gewebe der natürlichen Puppe genau nachempfunden war. Dieses Gewebe zerstörte der Schmetterling nun. Dabei sah Loridana ihm per Display der Konsole außen am Behälter zu. Alles läuft nach Plan., dachte sie, denn die Zerstörung des Gewebes war durchaus geplant. Sie war es auch, durch die den Sensoren des Behälters die Schlupfbereitschaft gemeldet wurde, was den Alarm ausgelöst hatte, der Loridana zum Ort des Geschehens gerufen hatte.

„Computer, Deckel des Containers öffnen!“, befahl die Zeonide. „Stimmgenehmigung: Loridana, L 1, 4, 9, 8, 0!“ Der Deckel des Containers glitt zur Seite und Loridana blickte in ein müdes aber zufriedenes Insektengesicht. „Computer, Universalübersetzer …“, setzte sie an, aber der Fremde unterbrach sie: „Nicht notwendig. Ich spreche Ihre Sprache.“

Überrascht sah die Ärztin ihn an. „Seit unserer Begegnung mit der Eclypse gehört Englisch zu unserem Standardfremdsprachenschatz.“, erwiderte ihr Patient. „Interessant.“, sagte Loridana. „Huxley und seine Leute müssen einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.“ „Das haben sie auch.“, meinte er.

„Schaffen Sie den Ausstieg allein?“, fragte Loridana und deutete auf den Rand des Behälters. „Sicher.“, sagte der Fremde und fügte hinzu: „Es wäre nur gut, wenn Sie etwas zurück treten könnten, sonst schlage ich Ihnen gleich aus Versehen meine Flügel um die Ohren und das will ich so hübschen Ohren ja nicht antun.“ „Sie sind ein Charmebolzen.“, lächelte Loridana und ging einige Schritte von dem Behälter auf dem Behandlungstisch weg. Jetzt beobachtete sie, wie der Fremde langsam seine Flügel entfaltete, die übrigens sehr schön bunt waren, um dann durch einige schnelle starke Schläge den Boden zu verlassen und sich in einer wunderschönen Schraube einige Male bis unter die Decke der Krankenstation zu schrauben, bevor er wieder sanft in sitzender Stellung auf dem Tisch landete. „Bravo!!!“, rief Loridana und klatschte Beifall. „Dass Sie in einer künstlichen Puppe waren, scheint Sie gesundheitlich in keiner Weise beeinträchtigt zu haben.“ „Keine Sorge, Frau Doktor.“, entgegnete er. „Es ist alles in bester Ordnung.“

Learosh und ich betraten die Krankenstation. „Assistant.“, tadelte Loridana ihren Untergebenen scherzhaft. „Sie haben den Teil verpasst, bei dem ich Ihre Hilfe gut hätte gebrauchen können.“

Learosh warf einen Blick auf den Behandlungstisch. Hier konnte er den riesigen Schmetterling erblicken, der es sehr gut allein aus seiner künstlichen Puppe geschafft hatte, wie der medizinische Assistent fand. „Bei allem Respekt, Scientist.“, konterte er. „Das hat ja auch ganz gut ohne mich funktioniert. Allerdings hätte es das ohne Allrounder Betsys Mithilfe bestimmt nicht. Ohne sie wäre er jetzt nämlich nicht mehr am Leben.“

Der Fremde, der dieses Gespräch durchaus mitbekommen hatte, wendete den Kopf in meine Richtung. „Was meint er damit, ich hätte Ihnen mein Leben zu verdanken, Allrounder?“, wollte er wissen. „Die Information über die künstliche Puppe kam von mir.“, erklärte ich. „Aber ich war eigentlich nur die Poststelle. Scientist Cupernica von der Eclypse gebührt der eigentliche Dank. Sie hat Ihr Volk auf diese Weise schon einmal gerettet. Obwohl …“ „Ich kenne die Story wohl, Allrounder.“, ging er dazwischen. „Bitte kommen Sie doch etwas näher, dann muss ich nicht so schreien.“

Ich nahm sein Angebot an und näherte mich langsam dem Tisch. „Endlich sehe ich meine Lebensretterin in voller Größe.“, sagte er mit schmeichelnder Stimme. „Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Korelem. Ich bin Wissenschaftler.“ „Angenehm.“, gab ich zurück. „Star Fleet Allrounder Betsy Scott. Ich bin Raumschiffpilotin und SITCH-Offizierin.“ „Und eine sehr gute Allgemeinbildung haben Sie noch dazu.“, schmeichelte Korelem. „Na, man tut, was man kann.“, erwiderte ich bescheiden.

„Sie sollten uns jetzt erst mal wieder verlassen, Betsy.“, sagte Loridana, nachdem sie Korelems Gesundheit noch einmal mit ihrem Erfasser überprüft hatte. „Er ist zwar gesund wie ein Fisch im Wasser, dennoch scheint er sehr müde zu sein. Wir sollten ihn erst mal schlafen lassen. Sie können sich ja sicher später noch mit ihm unterhalten.“ Ich überlegte kurz und sah auf meine Uhr. Dann sagte ich: „OK, Loridana. Ich muss sowieso zum Dienst. Korelem, wir finden sicher noch eine Gelegenheit zum Reden.“ „Davon gehe ich aus.“, entgegnete der Alaraner grinsend. Ich bekam das unbestimmte Gefühl, dass er noch irgendwas im Schilde führte.

Mein nächster Weg führte mich zur Brücke. Hier erwarteten mich bereits Kissara und Mikel, die in Aufruhr waren. „Hast du zufällig Kang gesehen?“, fragte mich Mikel auf Deutsch, der mich nur duzte, weil wir gemeinsam im 21. Jahrhundert zur Schule gegangen waren. „Nein.“, erwiderte ich, die ich ein eigenartiges Gefühl bekommen hatte. „Es ist nie die Art des Warriors, zu spät zu kommen.“, mischte sich jetzt auch Kissara ein. „Ich hoffe, dass ihm nichts passiert ist. Mikel, Sie sehen besser mal nach!“

Der Ermittler und erste Offizier nickte und verließ die Brücke. „Warum denken Sie auch, dass Kang etwas passiert sein könnte?“, fragte ich Kissara. „Ich weiß nicht, Betsy.“, gab sie zurück. „Nennen Sie es Instinkt, aber ich fühle regelrecht, dass da etwas nicht stimmt.“

Wie Recht sie haben sollte, sollte sich wenig später vor Kangs Quartier zeigen. Mikel hatte bereits zum dritten Mal erfolglos die Sprechanlage betätigt. Eigentlich legitimierte ihn jetzt die Situation, seinen geheimdienstlichen Notfallcode zu benutzen, denn auch ein Klingone konnte einem Verbrechen zum Opfer fallen. Andererseits drängte eine Art innere Stimme den Agenten nahezu, es noch ein viertes Mal mit der Anlage zu versuchen.

Endlich bekam Mikel eine Antwort, aber diese kam ihm vor, als sei Kang extrem nervös und er würde ihn von irgendetwas abhalten. „Was wollen Sie, Sir?“, kam es nervös aus dem Lautsprecher. „Mich würde interessieren, warum Sie noch nicht zum Dienst erschienen sind, Warrior.“, erklärte Mikel mit fester Stimme. „Das werde ich nicht mehr tun.“, gab der Klingone zurück. „Commander Kissara wird keinen Ehrlosen in ihrer Truppe haben wollen.“ „Was reden Sie für einen ausgemachten Quatsch!“, schrie Mikel ins Mikrofon. „Kommen Sie gefälligst wieder zu sich! Was sollen Sie denn getan haben, das Sie entehrt hat?!“ „Ich habe eine wehrlose Kreatur umgebracht!“, gab Kang wütend zurück. „Ich hätte nicht versuchen dürfen, die Puppe des Alaraners von der Deckenplatte zu reißen. Allrounder Betsys Warnung kam zu spät. Learosh hat gemeint, er wird wohl sterben und das muss ich jetzt auch.“

Mikel wurde heiß und kalt. Er war genau so blind wie ich, trotzdem sah er jetzt exakt vor sich, was Kang gemeint hatte. Er sah den Klingonen mit seinem Bath’leth vor seinem geistigen Auge, wie er es in Richtung seines Herzens hielt. Er wusste, er musste das Element der Überraschung auf seine Seite bringen, wenn er jetzt noch etwas ausrichten wollte.

Mikel nahm sein Sprechgerät aus der Tasche und gab Elektras Rufzeichen ein. Er wusste, auf diesem Schiff gab es niemanden, der einen Transporter so exakt einstellen konnte wie die Androidin. „Technical Assistant, ich benötige Ihre Hilfe!“, befahl Mikel. „Erfassen Sie das Bath’leth in Kangs Hand und beamen Sie es in einen der Transporterpuffer!“ Elektra, die alles durch den Transportersucher sah, gab nur ein kurzes: „Aye, Sir.“, zurück und hatte im gleichen Moment den Befehl des ersten Offiziers bereits ausgeführt.

Verdutzt suchte Kang nach seiner Waffe. „Sie werden das Bath’leth nicht mehr finden.“, gab Mikel über die immer noch bestehende Verbindung zurück. „Ob es Ihnen passt oder nicht. Ich komme jetzt rein!“

Mikels Sprechgerät piepte. „Ja, Elektra.“, antwortete er. „Ich habe alle Gegenstände aus Kangs Reichweite gebeamt, die er theoretisch als Waffe gegen Sie oder sich verwenden könnte, inklusive seines Phasers, Sir.“, meldete sich eine nüchterne Androidinnenstimme. „Gute Arbeit, Elektra.“, lobte Mikel und gab seinen geheimdienstlichen Notfallcode in die Konsole ein. Alsbald öffnete sich die Tür.

Der verdutzte Kang saß auf einem Hocker im Flur. „Warum haben Sie mich nicht machen lassen, Agent?“, fuhr er Mikel wütend an. „Weil es für Ihren Selbstmord keinen Grund gibt, Mr. Kang. Der Alaraner lebt! Die Mediziner haben durch Allrounder Betsy Daten bekommen, die es ihnen ermöglicht haben, ihn zu retten. Sie sehen also, Sie haben nichts Ehrloses getan.“ „Beweisen Sie mir das.“, forderte der Klingone. „Und Elektra soll mir meinen Hausstand zurückgeben.“ „Das wird sie auch.“, versicherte Mikel. „Aber erst müssen wir sicher gehen, dass Sie keinen Unsinn machen. Folgen Sie mir auf die Krankenstation, Warrior, das ist ein Befehl!“

Fast beleidigt schlappte Kang hinter Mikel her. Auf der Krankenstation angekommen sah der Klingone bald in das lächelnde Gesicht Loridanas, die Mikel vorab informiert hatte. „Können wir mit Ihrem Patienten sprechen, Scientist?“, fragte Mikel. „Das geht gerade nicht.“, entgegnete Loridana. „Er schläft. Aber Sie können einen kurzen Blick auf ihn werfen, wenn Sie möchten, Warrior.“

Loridana war darüber ebenfalls informiert. Für den Fall, dass sich jemand verletzt hätte, musste sie Bescheid wissen. Die Sache hätte ja auch schiefgehen können. Zufrieden sah Kang durch einen Türspalt, dass es dem Fremden gut ging. „Könnte ich jetzt bitte meinen Hausstand wieder haben, Sir?“, wendete sich der Klingone dann an Mikel. „Aber sicher doch.“, meinte der Agent. „Ich gebe Elektra sofort Bescheid.“

Sedrin und Scotty waren inzwischen wieder auf der Straße, die sie zu dem Gebäude führte, in dem sich jetzt auch Mr. King aufhielt. Der Schotte hatte seine demetanische Begleiterin immer noch nicht ganz einordnen können, geschweige denn die Situation, in die sie ihn gebracht hatte. Er hatte immer noch arge Probleme mit der Tatsache, dass er, wenn man einen bestimmten Stimulus ansetzte, wie Sytania denken konnte.

Sedrin stoppte den Jeep am rechten Fahrbahnrand. „Wovor haben Sie Angst?“, fragte sie mit einer Gewissheit, die Scotty das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Wie kommen Sie darauf, dass ich Angst haben soll, Agent?!“, fragte Scotty leicht empört. Er wusste natürlich, dass sie ihn längst ertappt hatte. „Einen Montgomery Scott haut so schnell nichts um!“ „Außer die Tatsache, dass Sie denken, man könne Sie für genau so böse wie Sytania halten!“, erwiderte Sedrin mit der gleichen Festigkeit in der Stimme, mit der sie ihn vorher schon festgenagelt hatte.

Scotty drehte sich zur Tür. „Das brauchen Sie nicht zu versuchen!“, ermahnte sie ihn scharf. „Sie ist versperrt und kann nur durch meinen biologischen Fingerabdruck entsichert werden. Sie kommen hier nicht eher raus, bis Sie mir sagen, was mit Ihnen los ist. Die ganze Fahrt über haben Sie kein Wort mit mir gesprochen und haben mich angesehen, als sei ich ein Monster …“ „Ich bin das Monster!!!!“, schrie Scotty. Dann ließ er seinen Kopf in seine großen Hände sinken und brach in Tränen aus, was für ihn als bekanntes Rauhbein eigentlich nicht typisch war.

Der harte Ausdruck in Sedrins Gesicht, mit dem sie ihn angesehen hatte, schmolz zu einem freundlichen Lächeln. „Na geht doch.“, sagte sie ruhig. „Jetzt kommen wir der Sache doch langsam näher.“ „Oh, meine Betsy.“, schluchzte Scotty. „Meine arme Betsy. Wenn sie erfährt, was ich bin, dann … Oh, um Gottes Willen!!!“ „Ihre Frau weiß doch, wer Sie sind.“, sagte Sedrin und tat, als würde sie nicht verstehen, was er meinte. „Der Allrounder weiß, dass sie Montgomery Scott, einen Terraner, geheiratet hat, der …“ „Dass meine ich nicht.“, erwiderte Scotty. „Ich rede davon, dass ich vielleicht zu einem Abkömmling von Lady Schreckschraube werde, wenn wir nicht aufpassen.“ „Na endlich ist es raus!“, atmete Sedrin auf. „Aber da kann ich Sie beruhigen. Nichts dergleichen wird passieren. Dieses Überbleibsel von Sytanias Denkmuster ist nicht mehr mit ihr direkt verbunden. Dass Sie also von ihr besessen sind, ist nicht wahr. Es ist eher wie ein …“ Sie überlegte lange. „Wie ein Programm eines Rechners, der mal mit Ihrem verbunden war und einen Teil seines Betriebssystems überspielt hat. Das ist aber nur eine Emulation, die ohne ein unterstützendes Betriebssystem nicht allein funktioniert. Das Betriebssystem, das die Kontrolle hat, ist aber Ihres.“

Scotty hörte auf zu weinen, setzte ein Lächeln auf und schlang seine Arme um sie, die ihn zunächst gewähren ließ. Gerade aber als er ihr einen Kuss auf die Wange geben wollte, schreckte er doch von sich aus zurück. „Entschuldigen Sie bitte, Sedrin.“, sagte Scotty, der von seinem eigenen Verhalten peinlich berührt war. „Sie haben nur gerade wie meine Betsy geklungen. Wenn sie jemandem etwas erklärt, dann versucht sie auch immer eine Art zu finden, die derjenige auch aus seinem beruflichen oder privaten Umfeld kennt.“ „Schon gut, Techniker.“, sagte Sedrin. „Was glauben Sie, warum ich Sie gerade machen lassen habe. Sie wissen, dass wir vom Geheimdienst auch eine Nahkampfausbildung haben. Ich hätte Ihnen also empfindlich weh tun können, wenn ich gewollt hätte, aber ich wollte nicht. Ich habe mir schon gedacht, dass Sie extrem fertig sind, nach dem, was Sie erlebt haben. Übrigens denke ich, dass Sie den Allrounder unterschätzt haben. Sie wäre durchaus in der Lage gewesen, zu verstehen, was mit Ihnen passiert ist. Sie hat eine Menge Wissen über Sytania und …“ „Deshalb haben Sie die Sache wie sie erklärt, Agent.“, meinte Scotty. „Allerdings.“, gab Sedrin zu, während sie den Jeep startete.

Maron und IDUSA befassten sich immer noch mit dem Inhalt der Datei. Der Stationsrechner übersprang immer wieder Seiten, um Maron nicht mit Dingen zu langweilen, die ihrer Meinung nach nichts mit der anstehenden Fragestellung zu tun hatten. Sie wusste, dass Maron eigentlich nur über die Ausführung des Ritus informiert werden wollte und dass ihn im Moment nicht im Geringsten interessierte, wo das Ritual her kam, wann es zum ersten Mal durchgeführt wurde, was passieren würde, wenn und so weiter. All diese Punkte würden bei Gelegenheit erörtert werden.

IDUSA kaschierte die Sprünge immer wieder so geschickt, dass Maron gar nicht merkte, wenn sie mehrere Seiten ausgelassen hatte. Insgeheim war der erste Offizier ihr sogar dankbar dafür. Er hätte sich keinen Suchbegriff vorstellen können, den er einem Sternenflottenrechner eingeben hätte sollen. IDUSAs Eigenständigkeit kam ihm da sehr entgegen. Sie war es auch, die dieses über 1000 Seiten starke Dokument jetzt zu einem Heftchen von maximal zehn Seiten zusammenschnurren ließ. Maron wusste, dass sich die Forscher, die es ausgearbeitet hatten, sicher große Mühe gegeben hatten, aber es war ihm auch klar, dass sie ja nicht sahen, was er und eine gewisse tindaranische Einheit jetzt daraus machten. Außerdem geschah der Datei selbst ja nichts. Es wurden ja nur die Dinge verblättert, die IDUSAs Meinung nach nichts mit Marons Frage zu tun hatten.

Die Simulation legte den Zeigestock weg. „Das war alles, Agent.“, sagte sie, nachdem Maron den letzten Satz gelesen hatte. „Deine Arbeitsweise ist sehr effizient.“, lobte der erste Offizier. „Da können Sie sich bei Techniker Mc’Knight und den Programmierern auf den tindaranischen Werften bedanken.“, entgegnete IDUSA. „Ich frage besser nicht nach Adressen.“, sagte Maron. „Du bist im Stande und lässt mich SITCH-Mails an alle senden.“ „Das könnten Sie sich doch vereinfachen.“, scherzte IDUSA. „Sie formulieren einen Text und schicken ihn an alle Adressen.“ „Mail von der Stange?!“, fragte Maron empört. „Nein, IDUSA, nicht bei mir und nicht bei dem Anlass. Wenn ich schon Leute lobe, dann jeden einzeln und jeden persönlich.“ „Ah.“, machte IDUSA. „Dann sind aber Sie selbst derjenige, der sich die Sache unnötig verkompliziert.“ „Lass mir doch meine kleine Macke.“, grinste Maron.

Ein Signal ließ den Demetaner aufhorchen. Maron wusste sehr wohl, was es bedeutete. „IDUSA, öffne bitte die eingegangene SITCH-Mail!“, sagte er. Der Rechner kam der Aufforderung nach. Jetzt sah Maron die SITCH-Mail von Shimar, aus der er genau ersehen konnte, was dieser demnächst plante. Zwar war die Mail eigentlich an Zirell adressiert, was er aus der Anrede zweifelsfrei ableiten konnte, aber er konnte sich auch denken, dass der junge Pilot von den Geschehnissen auf der Station noch nichts wusste.

Maron überflog die Mail nur kurz. Schon bei den ersten Sätzen war ihm klar geworden, dass Shimar gerade einen Vorschlag machte, der das ganze Problem sicher lösen könnte. „Mutter Schicksal!“, rief er aus. „Das ist genau das, was wir jetzt brauchen. Wenn Shimar für die eine Prinzessin am Ty-Nu-Lin-Ritus Teil nimmt und diese Ginalla für die andere, dann haben wir eine Möglichkeit, Präsidentin Nugura bei den schweren Verhandlungen zu helfen, ohne dass diese ihr Gesicht verliert.“

„Freuen Sie sich bitte nicht zu früh, Agent.“, sagte IDUSA. „Warum das?“, meinte Maron irritiert. „Weil Zirell und Joran in diesen Minuten die Station betreten haben. Sie werden ihr alles auseinander setzen müssen. Ich fürchte außerdem, Sie werden gute Argumente brauchen.“, erklärte IDUSA. „Das macht nichts.“, entgegnete Maron. „Die hat mir Shimar hier gerade geliefert. Sag Zirell, ich muss mit ihr im Konferenzraum sprechen. Ach, sag Techniker Mc’Knight, sie soll das Shuttle warten. Shimar wird es bestimmt brauchen.“ „Nicht so schnell.“, versuchte der Rechner Marons Tatendrang zu bremsen. Sie kannte ihren Commander und wusste, dass Zirell auf keinen Fall so einfach ja sagen würde, bevor sie nicht alle Argumente gehört hatte. „Ich will ja nur, dass alles vorbereitet ist.“, beschwichtigte Maron sie. „Meiner Information nach müssen wir schnell handeln. Der Bürgerkrieg darf nicht weiter gehen. Er gefährdet inzwischen sogar Zivilisten. Es ist etwas passiert.“

Das gleiche Unglück, welches Maron gerade erwähnt hatte, beschäftigte zur gleichen Zeit auch Präsidentin Nugura und ihren Sekretär. Beide hatten von der Sache erfahren, weil natürlich das Ganze nicht ohne Folgen geblieben war. Commander Time persönlich hatte einigen Passagieren angeboten, ihre Anzeige an die richtigen Stellen bei der Sternenflotte weiter zu leiten. Genau das war auch passiert und den verantwortlichen Kontrolloffizier hatte man erst mal beurlaubt. „Es geht nicht an, dass man ein wehrloses Passagierschiff durch ein Kriegsgebiet leitet.“, gab Saron entschieden seine Meinung zum Ausdruck. „Sie haben Recht.“, beschwichtigte Nugura ihn. „Die Space-Titanic hätte auch einen noch viel längeren Umweg nehmen können, aber das hätte mehrere Tage gedauert. Wir müssen auf politischem Wege dafür sorgen, dass der Weg durch das Miray-System wieder sicher wird. Lassen Sie Space Force One vorbereiten!“

Saron sah sie an. „Mit Verlaub, Madam President.“, meinte er vorsichtig. „Die beiden Prinzessinnen werden politischen Lösungen gegenüber nicht mehr offen sein, jetzt, wo sie sich quasi ineinander verbissen, oder sollte ich eher sagen verschossen, haben.“ „Das zu erreichen, mein lieber Saron.“, begann Nugura. „Überlasse ich ganz Ihnen und Ihrem demetanischen Geschick. Sie werden die Einladung an die Beiden selbst formulieren. Lesen Sie mir vor, was Sie geschrieben haben, bevor Sie es senden. Ich bin sicher, Sie machen das schon.“ „Habe ich Sie gerade richtig verstanden, Madam President?“, erkundigte sich Saron. „Sie wollen, dass ich eine Einladung an zwei Staatsoberhäupter ganz allein formuliere und Sie im Prinzip nur noch drüber schauen? Wie können Sie mir das erlauben? Ich bin doch nur Ihr Sekretär.“ „Aber Sie sind Demetaner.“, entgegnete Nugura. „Ihre Rasse ist für ihre hinterlistigen Eskapaden bekannt. Wahrscheinlich bedarf es einer kleinen List, um die Prinzessinnen an einen Tisch zu bekommen. Wie gesagt, Sie machen das schon, Mr. Saron.“

Saron nickte etwas zögernd. Immer noch nicht war ihm die wahre Absicht seiner Vorgesetzten vollständig klar. Er wusste zwar, dass er die Einladung nicht mit seinem Namen unterzeichnen konnte, denn dann würde man ihm bestimmt drauf kommen, aber er fand Nuguras Vorgehen auch sonst äußerst ungewöhnlich.

„Noch mal zu einem ganz anderen Thema, Madam President.“, lenkte er ab. „Was soll ich der Besatzung Ihrer Raumjacht sagen? Wo soll es hingehen?“ „Khitomer natürlich.“, erwiderte Nugura. „Oder können Sie mir einen anderen neutralen Ort für Verhandlungen nennen.“ Saron schüttelte den Kopf und verließ ihr Büro.

Kapitel 9 - Wegweisende Erlaubnis von Visitor

Zirell war inzwischen im Konferenzraum der tindaranischen Basis eingetroffen. Hier hatte Maron sie bereits erwartet. „Was ist geschehen, dass du mich so dringend sprechen musst?“, wollte die tindaranische Kommandantin von ihrem ersten Offizier wissen. „Während deiner Abwesenheit.“, begann Maron. „Hat es im Universum der Föderation ein großes Unglück gegeben. Ein Passagierschiff ist durch das Miray-System geleitet worden und dort auf eine Mine gelaufen. Der Pilot wollte nicht auf die Hilfe der drei dort stationierten Sternenflottenschiffe warten und hat auf eigene Faust versucht, das Gebiet zu durchfliegen. Hat natürlich nicht geklappt. Diese zivilen Schiffe verfügen nicht über ausreichende Sensoren geschweige denn Schilde. Es gab eine riesige Rettungsaktion.“

Zirell machte ein gelangweiltes Gesicht. „Ja, ja, schon OK.“, meinte sie. „Aber was geht uns das an? Die Föderation will keine Hilfe bei der Miray-Krise. Also, warum erzählst du mir das alles?“ „Die Föderation will keine politische Hilfe.“, korrigierte Maron. „Aber sie haben nichts davon gesagt, dass wir ihnen nicht mit Taten zur Seite stehen dürfen.“

Die Tindaranerin schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Um Himmels Willen, Maron. Die Föderation hat sich mit uns politisch zusammengeschlossen, weil wir die gleichen Gesetze haben wie sie, was die Einmischung in fremde Kulturen angeht. Nugura wird das nicht …“ „Keine Panik, Zirell.“, grinste Maron und holte Shimars Mail hervor. Zirell, die das private Rufzeichen des Patrouillenfliegers durchaus kannte, sagte nur: „Ach nein. Shimar. Hätte ich mir denken können, dass er damit was zu tun hat.“ Sie seufzte. „Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Aber zeig mal her.“

Zirell las sich genau den Inhalt der Mail durch und dachte über jedes einzelne Argument genau nach, das Shimar benutzt hatte. Dann erklärte sie: „Sag ihm, er hätte das OK. „Wenn das wirklich alles so stimmt, dann sind wir wahrscheinlich die Einzigen, die das Schlimmste noch verhindern können. Vielleicht sind die Prinzessinnen ja sogar zu einem Waffenstillstand für die Dauer des Ty-Nu-Lin-Ritus zu bewegen.“ „Das ist eine Sache, die Nugura besser mit ihnen vereinbaren sollte.“, meinte Maron. „Aber ich kann ihr diese Information gern zukommen lassen.“ „Tu das.“, erwiderte Zirell.

Shimar wartete in seinem Haus vor seinem Sprechgerät auf Marons Antwort. Nervös tippte er mit dem Finger auf die Verkleidung. Nun komm schon., dachte er. So schwer kann die Entscheidung doch nicht sein. Entweder ja oder nein.

„Piep!“ Das Signal hatte ihn aufgeschreckt. „Ich sollte was wegen der Lautstärke unternehmen.“, sagte er leise zu sich, bevor er antwortete: „Shimar hier.“ „Hier ist Maron.“, gab dieser sich zu erkennen. „Ich habe gute Nachrichten für dich. Du darfst an dem Ty-Nu-Lin-Ritus teilnehmen. Zirell und ich haben deine Argumente durchgesehen und sind der Meinung, dass dies die einzige Möglichkeit ist, wie der Bürgerkrieg zwischen den beiden Schwestern noch beendet werden kann. Du und diese Ginalla, ihr habt gleichwertige Schiffe und wenn du ein bisschen auf sie aufpasst, wird schon nichts passieren, das vielleicht hinterher alle Dimensionen in einen Krieg stürzen könnte, wie Techniker Scott vermutet. Das bedeutet, du musst dich sogar einmischen. Anders wird es keine Garantie für unsere Sicherheit geben.“ „Danke, Maron.“, sagte Shimar erleichtert. Er konnte sich auch denken, dass Ginalla viel zu sehr mit dem Feuer spielen könnte, wenn er nicht aufpasste. Schließlich war sie nur Zivilistin. Das militärische Wissen über Sytania hatte sie nicht und es war zu befürchten, dass diese den Umstand eventuell ausnutzen konnte. Shimar war durchaus bewusst, dass Sytania nicht von ihrem Ziel abgewichen war, das Universum der Föderation zu erobern. Eine kleine naive Zivilistin kam ihr da vielleicht gerade recht.

„Du musst es nur richtig anfangen.“, sagte Maron. „Sie wird ja glauben, dass du ihr Gegner bist und deshalb wird sie dir sicher nicht glauben, wenn du sie warnst. Also, pass auf, wie du vorgehst. Ansonsten hast du für diese Mission freie Hand. Aber noch etwas. Nimm bitte den nächsten Liner und komm zur Station. Wir zwei werden mit IDUSA zu Nugura fliegen und ihr den Vorschlag auch unterbreiten. Sie steht meines Wissens noch immer mit den Prinzessinnen in politischen Verhandlungen.“ „Aufpassen.“, meinte Shimar verächtlich. „Du hast wohl vergessen, mit wem du redest. Ich bin’s. Shimar. Ich passe immer auf. Aufpassen ist mein zweiter Vorname. Außerdem habe ich IDUSA. Sie wird auch aufpassen, dass nichts passiert und Ginalla sich nicht die Finger verbrennt. Sie wird noch nicht einmal merken, dass ich auf sie aufpasse.“ „Dein Wort in Mutter Schicksals Gehörgang.“, entgegnete Maron. „Ginalla mag zwar eine Zivilistin sein, aber sie ist nicht dumm. Also, pass …“

Shimar drückte die Break-Taste. „Ja, Maron. Ich passe auf.“, sagte er. „Ich komme auch sobald wie möglich her. Da ist noch etwas, das die Ausführung des Ritus von mir verlangt. Aber dann komme ich sofort her.“ Er beendete die Verbindung.

Saron hatte die Einladung formuliert und sie Nugura zur Einsicht auf den Schreibtisch gelegt. Dann hatte er sich wieder in seinem eigenen Büro seiner Arbeit gewidmet. Leise öffnete die Präsidentin die Tür. In der Hand hielt sie den Datenkristall. „Das ist ausgezeichnet, Mr. Saron.“, lobte sie. „Ich wusste, auf Sie kann ich mich verlassen. Nein, die Eine denkt, die Andere käme nicht und sie sei so diejenige, die mir Bedingungen diktieren könnte. Sehr schön, wie Sie die Schwestern gegeneinander ausgespielt haben.“ „Ich bin ein aufmerksamer Zuhörer, was Nachrichten angeht, Madam President.“, spielte Saron die eigene Leistung herunter. „Ich weiß, wie sehr sich die Schwestern hassen und das habe ich ausgenutzt. Übrigens, die Cheftechnikerin hat gemeldet, dass Ihre Jacht abflugbereit ist.“ „Dann packen Sie alles Wichtige fürs Protokollführen, Mr. Saron.“, lächelte Nugura. „Und dann auf nach Khitomer!“

Shimar stopfte den Kegel, den er von Ginalla bekommen hatte, in eine Tasche und verließ sein Haus. Immer noch herrschte eiskalter Winter auf Tindara, was es ihm nicht gerade erleichterte, zu Kibars Kneipe zu kommen. „Den Jeep lasse ich lieber zu Hause.“, beschloss er halblaut, als er das starke Schneetreiben sah, das sich über seinem Haus und der ganzen Stadt zusammenbraute. Zwar hatten die Jeeps im 30. Jahrhundert auch auf Tindara keine Reifen mehr, sondern nur noch Magnetfelder, diese wurden aber auch von Spulen erzeugt, die, wenn sie mit Flüssigkeit in Berührung kommen würden, sicherlich Schaden nehmen könnten. Gegen normales Spritzwasser waren sie durch ein ausgeklügeltes Klappensystem geschützt, aber der Wind drückte die Schneeflocken ja noch zusätzlich nach oben, was ein zusätzliches Risiko darstellte.

Mit dicker Jacke, dicken Stiefeln und der Tasche stapfte Shimar also los. Ginalla hatte gesagt, sie würde auf jeden Fall auf ihn warten. Hoffentlich hatte sie dieses Vorhaben noch nicht aufgegeben. Wenn Shimar ehrlich war, dann hatte es doch eine ganze Weile gedauert, bis er jetzt wieder etwas von sich hören lassen würde. Vielleicht war sie ja sogar schon weiter gezogen und hatte sich nach jemandem anders umgesehen. Aber dann müsste sie doch auch eigentlich den Kegel zurückgefordert haben, um ihn dem nächsten Herausforderer vor die Füße zu werfen. Es konnte also nicht sein, dass er doch noch aus der Nummer heraus kommen konnte. Aber wenn er ehrlich war, wollte er das auch nicht. Er hatte es nicht zugegeben, aber etwas an dieser Ginalla und der Mission bereitete auch Shimar Nervenkitzel.

Ginalla war an Bord ihres Schiffes, das noch immer in der tindaranischen Umlaufbahn schwebte, eingeschlafen. Kamurus hatte die Steuerkontrolle übernommen. Er beobachtete außerdem auf Ginallas Befehl die Kneipe ganz genau. Er sollte seiner Pilotin melden, wenn ein bestimmtes tindaranisches Biozeichen auftauchte.

Kamurus schickte einen sanften Stimulatorstoß auf Ginallas Neurokoppler. „Was ist?“, fragte die Celsianerin schlaftrunken. „Sieh selbst.“, erwiderte die künstliche Intelligenz und stellte ihr das Bild des sich langsam durch den Schneesturm auf die Kneipe zu bewegenden Shimar durch. Ginallas Augen begannen zu leuchten, als hätte man ihr gerade das Geschenk ihres Lebens gemacht. „Ich habe es dir doch immer gesagt!“, freute sie sich. „Er wird kommen! Ansonsten hätte er mir den Ty-Nu-Lin-Kegel doch schon längst zurückgeschickt!“ Sie stand auf. „Verlieren wir keine Zeit.“, sagte sie. „Beam’ mich runter!“

Das Schiff hatte bald ihrem Befehl Folge geleistet. Kamurus wusste genau, was sie meinte. Mit runter waren nämlich ganz bestimmte Koordinaten innerhalb der Kneipe gemeint. Kibar sah, wie sie sich genau an der gleichen Stelle materialisierte, an der sie es auch sonst getan hatte. Sonst, das waren die Abende, an denen sie vergeblich auf Shimar gewartet hatte.

„Hallo, Ginalla.“, begrüßte sie der Barmann gleichmütig. „Hey.“, entgegnete sie und klatschte mit ihrer Hand in seine. „Heute kommt er.“, grinste sie und rieb sich die Hände. „Da bin ich ganz sicher.“ „Was macht dich dieses Mal sicher?“, wollte Kibar wissen. „Mein Schiff hat’s mir geflüstert.“, gab sie zurück. „Er ist zumindest auf dem Weg.“ „Das bedeutet doch gar nichts.“, meinte Kibar. „Vielleicht will er ja auch nur einen trinken.“ „Glaube ich nicht.“, sagte Ginalla und zog ihr Sprechgerät. „Wollen wir wetten, dass er kommt, um mir zu sagen, dass er meine Herausforderung annimmt?“ „Na schön.“, sagte der Barmann. „Wenn du gewinnst, schmeiße ich die nächsten drei Runden aufs Haus. Gewinne ich, ist das deine Aufgabe.“ „OK.“, erwiderte Ginalla. „Hand drauf.“

Nachdem sich beide die Hände gegeben hatten, gab sie Kamurus’ Rufzeichen in ihr Sprechgerät ein. „Kamurus, scanne Shimar nach dem Ty-Nu-Lin-Kegel! Hat er ihn bei sich?“ Sie schaltete das Gerät auf Lautsprecher, damit Kibar die Antwort des Schiffes mithören konnte. „Er hat den Kegel bei sich.“, gab die nüchterne Rechnerstimme zurück. Ginalla grinste. „Das bedeutet noch gar nichts.“, meinte Kibar, der sich noch nicht geschlagen geben wollte. „Vielleicht will er dir den Kegel auch nur zurückgeben. Du weißt, er untersteht dem tindaranischen Militär. Wenn sein Commander nein gesagt hat, dann darf er nicht und dann musst du dir jemanden anders suchen.“

Shimar betrat die Kneipe. Er war froh zu sehen, dass er und Ginalla die einzigen Gäste waren, die sich zu diesem Zeitpunkt hier befanden. Bei dem, was er vorhatte, musste er befürchten, dass eventuell jemand verletzt werden könnte. Er hatte den Kegel mit seinem Erfasser gescannt und festgestellt, dass er aus einem sehr spröden Material bestand. Splitter könnten ziemlich weit fliegen und er wollte nicht riskieren, dass die Sache im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge ging.

„Da bist du ja, Soldat.“, grinste Ginalla ihm entgegen. „Das hat ja ziemlich lange gedauert. Ich hoffe, es ist gut ausgegangen. Wehe dir, wenn sich meine Warterei nicht gelohnt hat. Was ist nun? Hast du das OK?“

Shimar griff langsam in seine Tasche, zog die Hand aber gleich wieder zurück. „Pass auf, Ginalla.“, flüsterte er. „Pass gut auf.“

Ginalla beobachtete, wie er langsam den Kegel aus der Tasche zu ziehen schien. Allerdings ließ er ihn immer wieder zurück gleiten. Dabei beobachtete Shimar jede Regung im Gesicht seines Gegenüber. Er beobachtete, wie Ginalla immer aufgeregter wurde. Auch Kibar war dies nicht verborgen geblieben. Sie ist fast reif., teilte er Shimar telepathisch mit. Sehe ich auch., gab dieser zurück. An deiner Stelle würde ich jetzt etwas zurückgehen.

Kibar trat hinter die Theke und Shimar zog mit einer schnellen Bewegung den Kegel aus der Tasche, um ihn mit aller Kraft auf den Boden zu schmettern. Die Splitter flogen nach allen Seiten. Dann sagte er deutlich: „Ty-Nu-Lin!“

Ginalla flitzte von der einen Seite des Raumes, auf der sie gestanden hatte, auf Shimar zu und umarmte ihn fest. Shimar entging nicht, dass sie schweißnass war und am ganzen Körper zitterte. Die Aussicht, bald gegen ihn antreten zu können, musste sie sehr erregt haben. „Oh, wie hab ich mir das gewünscht, Soldat.“, flüsterte Ginalla mit heißen Lippen in sein rechtes Ohr. „Wie hab ich mir das gewünscht.“ „Ruhig.“, flüsterte Shimar zurück und führte sie aus den Scherben. „Wir sollten uns erst mal setzen.“

Er zog sie auf eine der Bänke an den Tischen. „Willst du etwas trinken?“, fragte er. „Immer doch.“, entgegnete Ginalla. „Die Drinks gehen ja heute auf deinen ehemaligen Lehrer.“

Kibar hatte inzwischen mit dem Transporter der Materierückgewinnung den Scherbenhaufen beseitigt. „Ich gebe mich geschlagen.“, gab er zu. „Also, was soll’s sein?“ „Wir nehmen natürlich vom Besten!“, erwiderte Ginalla. „Heute haben wir etwas zu feiern!“ Kibar nickte und verschwand hinter der Bar, um wenig später mit einer Art Kanne und zwei Gläsern, die allerdings eher Schüsseln ähnelten, zurückzukehren. Er goss beide Schüsseln voll und stellte sie vor Shimar und Ginalla ab. Die Kanne stellte er in die Mitte des Tisches.

Über den Rand ihrer Schüssel hinweg sah Ginalla Shimar mitleidig an. „War’s schwer?“, fragte sie mit zu einer Art Kussmund zusammengeführten Lippen, als wollte sie eine Wunde küssen. „Wovon redest du?“, fragte Shimar etwas verwirrt. „Na, das OK zu kriegen. So lange, wie das gedauert hat, könnte ich mir das zumindest gut vorstellen.“ „Du hast keine Ahnung.“, sagte Shimar und versuchte, ein gequältes Gesicht zu machen. Dann aber lächelte er ihr von jetzt auf gleich zu und meinte: „Hey, Quatsch, Quatsch, Quatsch! Ich musste nur den richtigen Zeitpunkt abwarten, bis …“ „Bis deine Vorgesetzten reif waren.“, grinste Ginalla und hob ihre Schüssel. „Auf das Tor zum Himmel.“, sagte sie und prostete Shimar mit dem warmen leicht nach Muskat schmeckenden Getränk zu. „Möge derjenige von uns es finden, dem die mirayanischen Götter hold sind. Übrigens, morgen stelle ich dich deiner Auftraggeberin vor. Ich hoffe, dieses Zeug hat keine Nachwirkungen.“ „Auf Tindaraner nicht.“, antwortete Shimar. „Wie das aber mit deiner Spezies ist, weiß ich nicht.“ „Werden wir ja sehen.“, meinte Ginalla und leerte ihre Schüssel in einem Zug. „Morgen ist ganz OK.“, sagte Shimar und sah auf die Uhr. „Heute habe ich nämlich noch etwas Dienstliches zu erledigen.“

Er stand auf und verließ die Kneipe. Sein Weg würde ihn jetzt zur Flugbereitschaft führen. Natürlich würde er demjenigen nicht sagen, dass er selbst vom Fach sei. Aber es war wohl alles ziemlich eilig.

Kapitel 10 - Desaster auf Khitomer von Visitor

Auf dem Planeten Alegrien hatte man Alegria die Nachricht von Saron und Nugura zukommen lassen. „Sehr geehrte Hoheit.“, las Alegria laut. „Mit dieser Nachricht bitte ich Euch, am morgigen Tag nach Khitomer zu kommen. Ich bitte Euch, mir zu erklären, was die Föderation tun könnte, um Euren Hass auf Eure Schwester zu lindern. Leider ist mir zu Ohren gekommen, dass Hestia an der Verhandlung nicht teilnehmen können wird. Also werden wir allein sein und Ihr könnt mir endlich Euer Herz ausschütten. Eine freie Rede hat schon so manchen Hass in Rauch aufgehen lassen. Sicherlich fühlt Ihr euch auf einem neutralen Grund, den Khitomer zweifelsfrei darstellt, wohler, als auf Eurem eigenen Planeten oder dem Eurer Schwester. Bitte lasst mich wissen, ob Ihr gewillt seid, nach Khitomer zu kommen. Ich habe sehr großes Interesse daran, gerade Euch bei der Lösung des Problems zu helfen, da es auch die Sicherheit der Föderation tangiert. Wie ich bereits sagte: Es gibt nichts, was man nicht per Gespräch aus der Welt schaffen könnte. Unter Diplomaten habe ich einen sehr guten Ruf. Wendet Euch also ruhig vertrauensvoll an mich. Die besten Grüße. Nugura, Präsidentin der Föderation der vereinten Planeten.“

Alegria rief nach Timor, ihrem Kammerdiener. Die Aussicht, dass ihre Schwester nicht zu den Verhandlungen erscheinen würde, ließ sie frohlocken. „Das ist das Beste, was uns passieren kann.“, erklärte sie mit fast geiferndem Ton. „Meine Schwester wird ganz schön in die Röhre gucken, wenn sie erfährt, was Nugura und ich ausmachen werden. Sie wird mir zuhören und die Sache nur aus meiner Warte betrachten können. Wer nicht kommt zur rechten Zeit …“ „Aber das sieht der Föderation nicht ähnlich.“, erwiderte Timor. „Die nehmen eigentlich keine Position ein. Sie wollen immer neutral …“ „Du siehst doch, dass Nugura im Moment keine andere Möglichkeit hat.“, erwiderte Alegria. „Wenn meine Schwester nicht kommt, muss sie eben sehen, wo sie bleibt. Ist Ginalla schon wieder zurück?“ „So weit ich weiß, ist sie das nicht, Hoheit.“, meinte der Diener. „Na gut.“, sagte Alegria. „Dann sag meinem Shuttlepiloten Bescheid. Ich werde selbstverständlich nach Khitomer kommen. Eine Präsidentin, die sich solche Mühe gibt, darf man nicht enttäuschen.“ „Sehr wohl, Hoheit.“, gab er zurück und war aus der Tür.

Auch Hestia hatte die Nachricht zeitgleich bekommen und las sie jetzt Alana vor. „Sehr geehrte Hoheit.“, las Hestia laut. „Mit dieser Nachricht bitte ich Euch, am morgigen Tag nach Khitomer zu kommen. Ich bitte Euch, mir zu erklären, was die Föderation tun könnte, um Euren Hass auf Eure Schwester zu lindern. Leider ist mir zu Ohren gekommen, dass Alegria an der Verhandlung nicht teilnehmen können wird. Also werden wir allein sein und Ihr könnt mir endlich Euer Herz ausschütten. Eine freie Rede hat schon so manchen Hass in Rauch aufgehen lassen. Sicherlich fühlt Ihr Euch auf einem neutralen Grund, den Khitomer zweifelsfrei darstellt, wohler, als auf Eurem eigenen Planeten oder dem Eurer Schwester. Bitte lasst mich wissen, ob Ihr gewillt seid, nach Khitomer zu kommen. Ich habe sehr großes Interesse daran, gerade Euch bei der Lösung des Problems zu helfen, da es auch die Sicherheit der Föderation tangiert. Wie ich bereits sagte: Es gibt nichts, was man nicht per Gespräch aus der Welt schaffen könnte. Unter Diplomaten habe ich einen sehr guten Ruf. Wendet Euch also ruhig vertrauensvoll an mich. Die besten Grüße. Nugura, Präsidentin der Föderation der vereinten Planeten.“

Die Kammerjungfer legte sorgenvoll den Kopf in beide Hände. „Glaubt Ihr, dass dies wirklich so gemeint ist, wie es hier steht?“, fragte Alana. „Warum nicht?“, erwiderte Hestia. „Wenn meine Schwester nicht kommt, kann uns das doch nur helfen. Nugura wird sich meine Version der Geschichte anhören und keine Wahl haben, als dieser zu folgen.“ „Aber das ist untypisch für die Handlungsweise der Föderation.“, stellte Alana fest. „Sie tun so etwas nicht. Sie mischen sich nicht in andere Kulturen ein und nehmen schon gar keine Position ein, die dem einen oder anderen Partner einen Vorteil …“ „Rede keinen Unsinn!“, unterbrach Hestia ihre Dienerin scharf. „Wenn Alegria keine Lust auf Problemlösung hat, dann kann man ihr nicht helfen. Sag meinem Privatpiloten Bescheid!“ Alana warf ihr einen skeptischen Blick zu, bevor sie ihren Befehl ausführte.

Ich war auf der Granger gerade zur Offiziersmesse unterwegs, um mit den anderen Brückenoffizieren gemeinsam zu frühstücken, als ich plötzlich auf ein Geräusch hinter mir aufmerksam wurde. Das Geräusch erinnerte mich an das Schlagen weicher seidiger Flügel in der Luft. Dann sagte eine Stimme von schräg oben: „Allrounder, ich bin genau hinter Ihnen.“ Ich drehte mich um. „Korelem.“, staunte ich. „Die Ärzte haben Sie raus gelassen?“ „Wie Sie sehen, ja.“, antwortete er mit seiner tiefen lieben Stimme, die mir irgendwie ein Gefühl der Sicherheit und Wärme gab. Im gleichen Moment entschuldigte er sich aber wieder: „Es tut mir leid.“ „Das muss es nicht.“, entgegnete ich. „Ich habe einen ganz normalen Sprachgebrauch.“ „Dann ist ja gut.“, sagte er erleichtert.

Ein Geräusch, das von meinem Magen ausgegangen war, ließ ihn sagen: „Genau das gleiche Problem habe ich gerade auch. Wo kann man hier etwas zum Frühstück bekommen?“ Ich deutete auf die Tür und lächelte ihm zu. „Das ist die Offiziersmesse.“, sagte er skeptisch. „Da dürfen doch Zivilisten gar nicht rein.“ „Mit mir schon.“, lächelte ich. „Ich bin Offizierin auf diesem Schiff. Also, kommen Sie ruhig mit und seien Sie mein Gast.“ „Also gut.“, gab sich Korelem geschlagen. „Dann los.“

Ich legte meinen Finger in die Sensorenmulde der Tür. Diese glitt auseinander und ich ging vor, während Korelem hinter mir her flog. „Sie bewegen sich ungern zu Fuß, habe ich recht?“, fragte ich. „Das stimmt.“, gab er zu, während er uns von oben einen Tisch zu suchen schien. Dabei bemerkte er, dass ich mich immer nach seinem Flügelschlag zu orientieren schien.

Endlich war er über einem Tisch in der Ecke des Raumes in der Luft stehen geblieben. Ich setzte mich auf einen der Stühle und er sich eben in der Position, in der ein Schmetterling sitzt, auf einen zweiten. „Wie haben Sie mich im Auge beziehungsweise im Ohr behalten können?“, fragte er fasziniert. „Ihre Flügel machen wush.“, antwortete ich. „Außerdem hinterlassen Sie einen Luftzug, der sich in seiner Intensität von der normalen Luftzirkulation unterscheidet.“ „Wow.“, machte er. „Ich brenne darauf, noch mehr davon zu hören.“

Ich replizierte uns ein Frühstück, das für mich aus einem Brötchen mit Käse und einer Tasse Kaffee und für ihn aus mehreren Kannen mit gemischtem Blütennektar bestand. „Ihr Wissen fasziniert mich immer wieder, Allrounder.“, staunte Korelem. „Lernt man so etwas auf der Sternenflottenakademie?“ „Nicht nur.“, gab ich zurück. „Ich habe mir auch vieles aus meiner Kindheit bewahrt.“

Commander Kissara betrat die Messe. Schnell hatte sie uns mit ihren Katzenaugen erspäht und kam auf uns zu. „Korelem.“, sagte sie. „Ich komme am Besten ohne Umschweife sofort zur Sache. Meine Mediziner halten Sie für fähig, wieder in Ihre Heimat zurückzukehren. Sie sind dort auf jeden Fall sicherer als hier bei uns. Wir sind gefährlichen Situationen ausgesetzt und ein Zivilist ist hier wirklich fehl am Platze, zumal dann, wenn wir Frachter durch ein Bürgerkriegsgebiet eskortieren müssen. Es kann jeden Tag zu Zwischenfällen kommen, bei denen wir nicht auch noch auf Sie achten können. Bitte sehen Sie das nicht als Verweigerung von Gastfreundschaft an. Sie dürfen sich jemanden aussuchen, der Sie nach Alaris bringt.“ „Wenn das so ist.“, begann Korelem. „Dann hätte ich gern Ihren reizenden und sehr intelligenten Allrounder. Sie weiß eine Menge und wäre sicher nicht nur eine gute Pilotin, sondern auch eine exzellente Reisebegleiterin.“ Ich wurde rot, denn ich fühlte mich extrem geschmeichelt. „Also gut.“, sagte Kissara und wandte sich zu mir: „Betsy, gehen Sie zu Techniker Jannings nach Shuttlerampe drei!“ „Aye, Mafam.“, antwortete ich.

Maron war mit Jenna in der technischen Kapsel der Station zusammengetroffen. Die Ingenieurin war gerade dabei, gemeinsam mit ihrer Assistentin das Shuttle zu warten. Sie staunte nicht schlecht, als sie vom Ansinnen ihres Vorgesetzten erfuhr. „Sie wollen also tatsächlich nach Khitomer und Nugura den Vorschlag mit dem Ty-Nu-Lin-Ritus unterbreiten, Sir?“, fragte Mc’Knight. „So wahr ich hier stehe, Jenna.“, erwiderte Maron. „Na, wenn das man jut jeht.“, lästerte Shannon. „Die letzte Mission, die Shimar und Sie zusammen mit IDUSA hinter sich gebracht haben, ist gewaltig in die Wicken gegangen, soweit ich mich erinnere.“ „Werden wir etwa abergläubisch, O’Riley?“, meinte Maron und sah die blonde Irin streng an. „Könnte man wohl so nennen, ja.“, erwiderte sie kleinlaut. „Sie können ja zum Abwenden von Unglück drei mal schräg von hinten rechts über Ihre linke Schulter spucken.“, schlug Jenna scherzhaft vor. „Wie möge das wohl aussehen, Techniker.“, entgegnete Maron und sah an sich herunter. „Ich denke, das gebe kein anderes Bild ab, als würde man mit einem Nilpferd zum Dressurreiten antreten und erwarten, das Turnier noch zu gewinnen.“ Jenna war Marons Wortspiel mit dem Pferd durchaus aufgefallen.

IDUSA zeigte sich über den Simulator im Raum. „Ladies und natürlich auch der Gentleman, ein Shuttle der tindaranischen Flugbereitschaft hat soeben gedockt. Shimar ist an Bord.“ „Um so besser.“, entgegnete Maron. „Sag ihnen, Shimar soll sofort hier her kommen. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Tatsächlich war die Situation auf Khitomer mehr als alarmierend. Die Prinzessinnen waren jeweils der verhassten Konkurrentin ansichtig geworden. „Was hat das zu bedeuten, Nugura?!“, schimpfte Hestia. „Sie hatten mir geschrieben, dass Alegria nicht kommen wird. Aber da sitzt sie ja. Da, an diesem Tisch mir genau gegenüber. Ich verlange einen eigenen Tisch. Mit dieser Person, die bedauerlicherweise meine Schwester ist, werde ich diesen Tisch nicht teilen!“ „Da bin ich ausnahmsweise mit dir einmal einer Meinung, Schwester!“, keifte Alegria zurück. „Veranlassen Sie das, oder wir werden uns keinesfalls zu dieser Verhandlung bereit erklären!“ „Also gut.“, sagte Nugura und flüsterte Saron zu: „Gehen Sie zur Technik und veranlassen Sie dort, dass wir zwei weitere Tische mit je einem Stuhl bekommen. Wir müssen sie irgendwie bei Laune halten.“ „Wie Sie wünschen, Madam President.“, erwiderte der Sekretär und wuselte davon.

Nugura stellte sich aufrecht vor die beiden Prinzessinnen und sagte: „Ja, es stimmt. Mein Sekretär hatte von mir den Auftrag, Sie beide zu narren. Anders hätten wir Sie nicht an den Verhandlungstisch bekommen. Ich würde mich ja nicht so sehr einmischen, wenn nicht auch die Sicherheit der Föderation auf dem Spiel stünde. Wie Sie beide wissen, führt durch das Miray-System eine der wichtigsten Frachtrouten. Wir haben zwar im Moment drei Sternenflottenschiffe dort, die auf die Frachter aufpassen, aber das ist bestimmt keine Dauerlösung. Ich bitte Sie also inständig, die Kriegshandlungen einzustellen, um dritte nicht zu gefährden.“ „Das ist mir völlig egal!“, schrie Hestia. „Wenn Sie auf Ihre Frachter nicht aufpassen können, ist das doch nicht unser Problem! Man wird doch noch in aller Ruhe die verhasste Schwester in Grund und Boden schießen dürfen. Leiten Sie Ihre Schiffe gefälligst wo anders hin!“ „Da gebe ich dir im Prinzip Recht, Schwester.“, erwiderte Alegria. „Aber ich werde es sein, die dich in Grund und Boden schießt. Unser Vater hat mir als der Älteren immer mehr materielle Zuwendung gegeben als dir. Das bedeutet, ich kann meine Soldaten viel besser ausrüsten und bezahlen als du!“ „Das mag ja sein.“, gab Hestia zurück. „Aber meine Truppen sind Patrioten. Sie werden Hestien verteidigen bis zum letzten Blutstropfen!“ „Glaubst du ernsthaft, ich will in deinen lächerlichen Zwergstaat einfallen?!“, antwortete Alegria , die langsam immer wütender und wütender wurde. „Das habe ich doch gar nicht nötig. Ich werde nur deine Forschungseinrichtungen zerstören lassen. Dann kannst du das Tor nicht mehr finden.“ „Dann pass mal auf, dass ich nicht vorher die Deinen zerstöre.“, sagte Hestia.

Nugura sah, dass sie hier wohl keine wirkliche Chance haben würde, irgendwie dazwischen zu gehen. Die Beiden waren so sehr in ihren Streit vertieft, dass es keine gemeinsamen Punkte geben würde. Der einzige gemeinsame Nenner war, dass jede der Anderen den Tod an den Hals wünschte, aber das war beileibe keine Basis für einen Frieden. Viele Situationen hatte Nugura schon durchgestanden, in denen es ihrer feinsinnigen Diplomatie bedurft hatte. Diese hatte sie auch immer lösen können, aber jetzt würde dies noch nicht mal dem vulkanischen Botschafter gelingen, wenn dieser anwesend wäre.

Shimar hatte neben Maron IDUSAs Cockpit betreten und das Schiff gestartet. „Hoffentlich kommen wir noch rechtzeitig.“, äußerte der Demetaner. „Na, das denke ich schon, solange du nicht wieder vorhast, durch irgendwelche Jeffriesröhren zu kriechen.“, gab der junge Patrouillenpilot zurück. „Keine Angst.“, tröstete Maron. „Dieses Mal kommen wir durch die Vordertür. Es wird ja wohl hoffentlich keine Transporterscrambler geben.“ „Die Frage gebe ich gern weiter.“, sagte Shimar und dachte: IDUSA, scanne die Umgebung von Khitomer nach Transporterscramblern!

Maron sah aus dem Fenster und stellte fest, dass sie noch immer im Universum der Tindaraner waren. Auch die Station war noch in Sichtweite. „Bring sie in den Interdimensionsmodus!“, befahl er. „Je eher wir da sind, desto besser. Nugura tut mir jetzt schon Leid. Sicher zerfleischen sich die Prinzessinnen bereits.“ „Dazu ist es noch zu früh.“, erwiderte Shimar. „Ihr Feld ist zu groß und sie würde einen Teil der Station mitnehmen, was Scherkräfte auf den Plan rufen würde, die deren Hülle erledigen. Abgesehen von der Tatsache, dass wir noch immer im Sonnensystem sind und ich auch noch nicht auf Warp gehen darf. Du wirst dich schon gedulden müssen. Außerdem durchqueren wir gerade einen Leonidenschauer. Die Dinger würden alle mit in ihr Feld geraten und uns quasi begleiten. Ich kann nichts machen, bevor wir hier nicht raus sind. Gegen die Gesetze der Physik bin auch ich machtlos, obwohl ich sie manchmal beim Fliegen auch ganz gut nutzen kann, aber … Hey, Moment mal.“

Er befahl IDUSA, ihm die Routine zu zeigen, in der sich die Abmessungen für das Interdimensionsfeld befanden. Er verkleinerte diese Flächenangabe so weit, dass sie gerade noch die Flächenmaße von IDUSAs Rumpf umfasste. „Solche Dinge hätten Sie besser mit Techniker Mc’Knight abgesprochen.“, beschwerte sich IDUSA. „Eine falsche Steuerbewegung und wir sind mal gewesen. Die Hersteller geben nicht umsonst einige Parsec an allen Seiten Toleranz.“ „Mach dir keine Sorgen.“, tröstete Shimar. „Das Schaffe ich.“

Er aktivierte den Interdimensionsmodus. Auch Maron, der es zwar nicht gesehen hatte, sich aber sehr gut vorstellen konnte, was sein Freund und Untergebener getan hatte, wurde es auch ganz mulmig. „Halt sie bloß ruhig.“, flüsterte er in Shimars Ohr. „Fang ja nicht an zu zittern, bis das Feld aufgebaut ist.“ „Witzig, witzig, witzig.“, lachte Shimar. „Du weißt doch, dass ich die Steuerkonsole nur vor meinem geistigen Auge sehe und nun hör auf zu witzeln! Ich muss den Kopf frei haben, sonst versteht sie mich nicht.“

Sie glitten in den Interdimensionsmodus ab. „Jawohl, du Teufelsflieger!“, feuerte Maron Shimar an. „Weiter so!“ „Das Kitzligste kommt erst noch. Die zweite Umschaltphase müssen wir auch noch schaffen, ohne dass uns die Scherkräfte auseinander reißen.“, versuchte Shimar die Vorfreude seines Vorgesetzten zu bremsen.

Auf Khitomer war es im Moment auch nicht weniger spannend. Zwar hatten Saron und einige kräftige klingonische Möbelpacker inzwischen für die nötigen Tische gesorgt, aber das hatte die Stimmung der Prinzessinnen nicht im Geringsten zum Positiven gewendet. Im Gegenteil, jetzt, wo sie weit auseinander saßen, waren sie auch noch in eine Art Revierkampf verfallen. „Am Liebsten würde ich sie in einen Boxring stecken und dort erst wieder raus lassen, wenn sie sich gegenseitig die Nasen blutig geschlagen haben.“, resignierte Nugura gegenüber Saron. „Gut, dass die Beiden keine Waffen haben.“, gab der Sekretär zurück.

„Shimar, wir haben die interdimensionären Koordinaten von Khitomer erreicht.“, meldete IDUSA. „Also gut.“, sagte Shimar. „Gehen wir’s an.“ Er gab ihr den Befehl, aus dem Interdimensionsmodus zu gehen. Dabei musste er darauf achten, den normalen Antrieb nicht zu früh zu zünden. „OK.“, sagte Maron und legte seine Hand auf Shimars Rücken. „Ich bin hier. Ich versuche, dich moralisch zu unterstützen. Das kriegen wir hin. Konzentrier dich. Das kriegen wir hin.“

Eine Sekunde danach waren sie neben der Basis und tatsächlich noch in einem Stück. „Hat ja super geklappt.“, lobte Maron. „Allerdings.“, gab Shimar abgekämpft zurück. „IDUSA, halt die Umlaufbahn und beam’ uns runter. Dieses Mal lasse ich dich nicht allein, Maron.“

Das Schiff hatte die Männer direkt hinter eine Säule in der Nähe des Konferenzraumes gebeamt. „IDUSA weiß, wie wir ticken.“, stellte Maron fest. „Sie weiß, dass wir erst ein Versteck brauchen, um dann im richtigen Moment einen heldenhaften Auftritt hinzulegen.“ „Allerdings.“, grinste Shimar, der sich darauf konzentrierte, mit Hilfe seiner seherischen Fähigkeiten, die alle Tindaraner auch bis zu einem gewissen Grad haben, den richtigen Moment abzupassen. Vor seinem geistigen Auge sah der junge telepathische Flieger jetzt, was im Innenraum des Konferenzsaales geschah. „Was findest du so lustig?“, fragte Maron leise. „Ich schaue mir gerade an, was da drin los ist.“, meinte Shimar und deutete auf die Tür zum Raum. „Würdest du das schaffen, wenn ich mitmachen würde?“, fragte Maron, der sich denken konnte, dass Shimar, wenn er seinen nicht telepathischen Geist auch noch über das eigene Gehirn sozusagen durchschleifen müsste, dafür eine Menge Energie und Konzentration benötigte. Da ihn das Flugmanöver aber ziemlich beansprucht hatte, war Maron, der dachte, Konzentration und geistige Energie waren bei seinem Freund doch jetzt eher Mangelware, über Shimars Antwort sehr überrascht. „Ich versuch’s.“, sagte der Tindaraner. „Nimm meine Hand und stell dir vor, die Tür sei aus Glas. So kannst du zumindest etwas mithelfen.“ „Abgemacht.“, erwiderte Maron.

Demonstrativ hatten sich Saron und Nugura an den Tisch gesetzt, der nun ihnen beiden allein gehörte. Aber selbst hier hatte Alegria etwas zu monieren. „Ihr Sekretär sitzt zu nah bei meiner Schwester.“, sagte sie. „In Gottes Namen, Saron.“, erwiderte Nugura. „Gehen Sie auf meine andere Seite.“ „Ja, Madam President.“, sagte Saron, stand auf und begab sich von der linken auf die rechte Seite des Tisches. „Jetzt war die Sitzordnung Hestia aber nicht recht. „Wenn Ihr Mr. Saron dort sitzt, sieht es aus, als würden Sie Alegria begünstigen. Sie hat dann einen viel besseren Einblick in das, was er so aufschreibt.“ „Gehen Sie einmal um den Tisch, Mr. Saron.“, sagte Nugura. Auch das tat Saron, ohne zu murren. „Nein.“, protestierte Alegria. „Jetzt sitzt er zwar auf der anderen Seite, aber immer noch in Richtung meiner Schwester. Der Tisch steht nicht mittig. Er lappt zu ihr herüber.“

Nugura atmete hörbar einmal ein und aus. „Gut, Mr. Saron, holen Sie die klingonischen Möbelpacker!“, sagte sie dann ziemlich mit ihrer Geduld am Ende.

Diese Diven.“, grinste Maron, der alles durch Shimars Geist gesehen hatte. „Da pflichte ich dir bei.“, erwiderte Shimar, den die Verbindung und das ganze Drumherum inzwischen sehr anstrengte. „Kannst du noch?“, fragte Maron mitleidig. „Wird schon gehen.“, entgegnete Shimar. „Wir dürfen ja den richtigen Moment nicht verpassen.“ „Kann ich dir irgendwie noch besser helfen?“, wollte der erste Offizier wissen und legte etwas mehr Festigkeit in seine Stimme, womit er Shimar beweisen wollte, dass er ihn auf keinen Fall mit dieser Aufgabe allein lassen würde. „Du tust schon, was du kannst.“, tröstete Shimar. „Von einem Nicht-Telepathen kann man nicht mehr erwarten. Das ist halt so.“

Im Konferenzraum waren die beiden klingonischen Möbelpacker immer noch mit Tischerücken beschäftigt. Die Prinzessinnen hatten zwar akzeptiert, dass sie beide an den jeweils gegenüber liegenden Wänden ihre eigenen Tische hatten, aber die Position von Nuguras und Sarons Tisch gefiel weder der Einen noch der Anderen. Mal ärgerte sich Hestia, dass die Beiden zu weit in Alegrias Raum saßen und mal Alegria aus ähnlichen Gründen. Das führte dazu, dass die ganze Rückerei selbst für die Klingonen irgendwann in Arbeit ausartete.

„Mit Verlaub, Madam President.“, wendete sich Saron an seine Chefin. „Ich habe jetzt schon zehn Seiten mit der ganzen Tischrückaktion voll geschrieben. Dabei wurde noch kein Wort über das eigentliche Thema verloren.“ „Dann schreiben Sie eben noch zehn Seiten voll.“, meinte Nugura. „Protokollführen ist nun mal Ihre Aufgabe und das hier ist nun mal das Einzige, was im Moment geschieht.“

Für Maron sah es aus, als würde der Konferenzraum hinter einer dicken Nebelschwade verschwinden. Er wusste aber was das bedeutete. „Sorry.“, sagte Shimar extrem müde. „Schon OK.“, sagte Maron. „Ich gebe IDUSA Bescheid. Sie soll das Innere des Raumes scannen und uns sagen, was sie sieht.“ „Warum hast du das nicht gleich so gemacht?“, wollte Shimar wissen. „Weil uns eine stetige Sprechgerätverbindung eventuell verraten könnte.“, antwortete Maron. „Aber jetzt geht es nicht anders. Mach erst mal fne Pause.“

Den beiden Klingonen ging es inzwischen nicht besser als Shimar. Der Schweiß tropfte von ihren behaarten Körpern. Dazu gehörte bei Klingonen schon einiges. Die Prinzessinnen stritten jetzt sogar um Millimeter. „Es reicht!“, setzte Nugura dem Treiben streng ein Ende. „Wir werden das jetzt ganz anders machen, Hoheiten. Ob es Euch passt oder nicht! Ich lasse mich nicht zum Narren halten! Saron, gehen Sie noch einmal zu den Technikern und besorgen Sie jemanden mit einem Erfasser und replizieren Sie danach ein Stück Kreide. Manchmal muss es eben auf die Altmodische gehen!“ Saron wuselte erneut los. Er war ohnehin als der Fleißigste unter Nuguras Mitarbeitern bekannt.

„So eine Art von Verhandlung hat Camp Khitomer sicher noch nicht gesehen.“, sagte Shimar, nachdem er und Maron auf dessen Sprechgerätdisplay gesehen hatten, was dort vorging. Maron schüttelte nur grinsend den Kopf.

Mit einer jungen Aldanerin an der Hand, die gerade mal 19 Jahre alt zu sein schien, betrat Saron erneut den Konferenzraum. Nugura hatte den Klingonen inzwischen gesagt, ihren Tisch auf die Seite zu räumen und eine Pause zu machen. Dafür hatte sie persönlich ihnen eine riesige Kanne Raghtajino repliziert. Die Klingonen fühlten sich geschmeichelt. Wann bekam man schon mal von der Präsidentin persönlich derartige Zuwendungen?

Nuguras Blick fiel auf die junge Frau, die die Uniform eines Technical Apprentice, also eines technischen Auszubildenden, trug. „Wie ist Ihr Name, Technical Apprentice?“, fragte Nugura. „Technical Apprentice im dritten Jahr Arāne Dēlus, Madam President.“, sagte die Jugendliche und salutierte. „Sie machen gerade Ihr Praktikum, Technical Apprentice Dēlus, richtig?“, fragte Nugura. „Ja.“, erwiderte Arāne. „In sechs Monaten ist meine Prüfung.“ „Um so besser.“, sagte Nugura. „Dann können Sie ja schon prima mit Ihrem Erfasser umgehen. Als Ihre Oberbefehlshaberin gebe ich Ihnen jetzt einen höchst ungewöhnlichen Befehl. Sagen Sie Ihrem Erfasser, er soll den Raum ausmessen und in drei gleiche Quadrate aufteilen. Dann führen Sie unseren Mr. Saron hier an den Grenzen des mittleren Quadrates entlang und helfen ihm somit, mit der Kreide in seiner Hand gerade Linien zu ziehen. Danach können Sie gehen. Die Möbelpacker werden dann unseren Tisch genau in das mittlere Quadrat stellen.“ „Aye, Madam President.“, sagte die Kadettin verwundert, aber bereitwillig. Dann stellte sie ihren Erfasser ein. Arāne fühlte sich sehr geehrt, in ihrem jungen Alter bereits ihrer obersten Kommandantin helfen zu dürfen. Wenn sie von ihrem Praktikum zurückkäme, würde sie etwas zu berichten haben, mit dem ihre Klassenkameraden nicht aufwarten konnten. Deshalb war sie sehr darauf bedacht, alles richtig zu machen. Auch die Aktion mit Saron und der Kreide meisterte sie mit Bravur. Sie machte sogar ein Kreidekreuz in der Mitte des mittleren Quadrates und eines unten in der Mitte der Tischplatte, wozu sie sich Sarons Kreide kurz lieh. „Danke, Technical Apprentice.“, sagte Nugura. „Sehr gut mitgedacht. Wegtreten!“ Dann wandte sie sich an die Klingonen: „Angefasst, Gentlemen!“ Sie wuchteten den Tisch an seinen Platz. Er passte gerade in das auf den Boden gezeichnete Quadrat. „Nun hoffe ich, dass dieses lächerliche Puppentheater endlich ein Ende hat und wir uns ernsteren Dingen zuwenden können!“, wendete sie sich ernst an die Prinzessinnen. Beide nickten, nachdem sie die Linienführung in Augenschein genommen hatten. „Sie können gehen, Gentlemen.“, sagte Nugura zu den Klingonen, die leise fluchend abzogen.

Nugura ließ eine Weile lang die neue Situation auf alle wirken. Dann wendete sie sich an die Prinzessinnen: „Ich denke, es wird eine Lösung geben, wie das Gebiet Eurer beider Planeten gerecht unter Euch aufgeteilt werden kann, Hoheiten.“ „Auf keinen Fall werde ich mit einer Aufteilung zufrieden sein, Präsidentin!“, meinte Alegria. „Ich auch nicht!“, bekräftigte Hestia. „So wahr die Götter meine Zeugen sind!“ „Ich bitte Euch.“, sagte Nugura freundlich. „Ihr habt Euch doch die Modelle noch gar nicht angesehen.“

Sie zog einen Datenkristall und ein Pad aus der Tasche. „Saron, schließen Sie das Pad an den großen Bildschirm an und lassen Sie das aldanische Modell ablaufen.“, beorderte sie ihren Sekretär. „Sofort, Madam President.“, sagte Saron und führte ihren Befehl aus.

Weder Hestia noch Alegria zeigten allerdings wirklich Interesse an der Simulation, die sich ihnen bot. Sie sahen weder die Demarkationslinien, die zu gleichen Teilen über beide Planeten gingen, so, dass jede im Prinzip die Hälfte des Planeten der Anderen beherrschte, noch die übrigen Auswirkungen für das System, wie sichere Flugruten und so weiter. Zumindest sahen sie nur kurz hin, aber kurz genug, dass Alegria irgendwann feststellte: „Dieses Modell ist eine Frechheit! Ich werde niemals mein Herrschaftsgebiet mit meiner Schwester teilen.“ „Die Aldaner wollten Euch nur erinnern, dass Ihr ein Volk seid.“, erklärte Nugura. „Das ist nicht wahr.“, leugnete Hestia. „Mit ihr gehöre ich vom heutigen Tage an nicht mehr zu einem Volk. Ich verlange auch, dass die Föderation uns nicht mehr als Miray sieht, sondern als Alegrier und Hestier, wie es ab jetzt der Fall ist. Dieses Harmoniegedusel der Aldaner geht mir auf die Nerven! Schaltet es endlich ab! Meiner ehemaligen Schwester geht es wahrscheinlich genau so.“ „Dass Ihr Schwestern seid, Hoheiten, könnt Ihr aus biologischen Gründen nicht leugnen.“, meinte Nugura. „Das ist mir egal!“, sagte Hestia. „Ab heute habe ich keine Schwester mehr!“ „Auch ich habe ab heute keine Schwester mehr, sondern nur noch eine Feindin im Krieg um die Herrschaft.“, entgegnete Alegria.

Maron wurde durch das Piepsignal seines Sprechgerätes aufmerksam. „Was gibt es, IDUSA?“, fragte er. „Ich denke, Gentlemen, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für Ihren heldenhaften Auftritt.“, erwiderte das Schiff. Die künstliche Intelligenz war durchaus in der Lage, Dinge zu interpretieren, die sie sah. Jetzt sah IDUSA eine sehr verzweifelte Situation, die total festgefahren war. „Gib es mir ganz nah.“, flüsterte Maron ins Mikrofon. Befehlsgemäß zeigte das Schiff ihm eine Nahaufnahme ihrer Sensorenbilder. „Du hast Recht.“, sagte Maron und griff Shimars Hand: „Halt dich bereit.“ Dann gab er IDUSA den Befehl zum Beamen.

Die Prinzessinnen hatten sich in der Zwischenzeit nichts geschenkt. Immer aggressiver waren sie aufeinander losgegangen. Jetzt bewarfen sie sich sogar gegenseitig mit Trinkgefäßen und Essgeschirr. Nugura schien mit der Situation total überfordert. „Ich glaube, Mr. Saron, wir können hier einpacken.“, gab sie auf.

„Da sind wir anderer Meinung.“, ließ sich Marons Stimme aus einer Ecke vernehmen. Der Demetaner hatte das Schiff beordert, ihn und Shimar etwas weiter vom Geschehen weg im Raum zu materialisieren.

Nugura drehte sich verwundert um, denn sie konnte sich absolut nicht vorstellen, woher auf einmal die Stimme gekommen war. Erst jetzt schaute sie in die Gesichter der beiden Offiziere, die langsam näher kamen. „Ich bin Agent Maron vom tindaranischen Geheimdienst, dies ist Shimar, Patrouillenpilot der tindaranischen Streitkräfte. Wir sind hier, damit Ihr, werte Hoheiten, an das Testament Eures Vaters erinnert werdet. IDUSA, Programm Maron drei!“

Niemand hatte bemerkt, dass Maron sein Sprechgerät auf Dauersenden gestellt hatte. Wenig später sah man auf dem Bildschirm die Aufzeichnung von Space Force One. Die Prinzessinnen wurden blass. „Wie in aller Götter Namen kommt der tindaranische Geheimdienst an unsere Aufzeichnung.“, fragte Nugura entgeistert. „Man hat so seine Quellen.“, grinste Maron. Heute schien ihm endlich mal das zu gelingen, wofür die Demetaner bekannt waren. An sich war Maron nie der Vorzeigedemetaner gewesen und seine Hinterlist und Bubenstücke waren oft nicht sehr von Erfolg gekrönt gewesen. Aber heute sah es anders aus.

„Ich habe bereits eine Teilnehmerin für den Ty-Nu-Lin-Ritus!“, sagte Alegria. „Und Eure Schwester wird bald auch einen haben.“, sagte Shimar und trat vor. Dabei sah er Maron fragend an. „Ist schon in Ordnung.“, sagte der Demetaner. „Aber die beiden Ladies scheinen ja lieber ihr gesamtes Vermögen in einen sinnlosen Krieg zu stecken. Falls sie dies weiterhin beabsichtigen, muss ich leider deine Erlaubnis rückgängig machen, Shimar.“ „Aber warum?“, spielte Shimar mit. „Zirell hat gesagt …“ „Unwichtig!“, fuhr Maron ihn an. „Ich bin Zirells erster Offizier und kann in ihrer Abwesenheit auch ihre Kommandoentscheidungen rückgängig machen, wenn sich eine Situation entsprechend entwickelt. Die beiden Prinzessinnen scheinen den Krieg, der nebenbei bemerkt Unsummen verschlingt, einer friedlichen Lösung vorzuziehen. Das bedeutet, würdest du dich einmischen, würdest du dich auf eine Seite schlagen und sie begünstigen. Das dürfen wir von Gesetzeswegen nicht. So Leid es mir tut, wir müssen Euch damit allein lassen. Komm, Shimar.“

„Halt!“, riefen Hestia und Alegria wie aus einem Munde. „Wir sind beide einverstanden. Wir sind mit dem Ritus vollauf einverstanden. Unser Vater hat es so gewollt und selbst, wenn wir uns gegenseitig besiegen würden, wäre ja dann nichts mehr zum Beherrschen da. Also, wir sind sogar mit einem Waffenstillstand für die Dauer des Rituals einverstanden!“

Nugura atmete auf und kam auf Maron und Shimar zu. „Vielen Dank, Gentlemen.“, sagte sie. „Der Ty-Nu-Lin-Ritus war mir völlig entfallen. Gut, dass Sie mich erinnert haben.“ „Kein Problem, Madam President.“, erwiderte Maron.

„Wir sollten wieder an Bord von IDUSA beamen.“, schlug Shimar vor. „Ich setze dich an der Station ab und fliege dann nach Tindara. Laut dem Ritus muss mich Ginalla Hestia vorstellen und die muss entscheiden, ob sie mich als würdig erachtet.“ „In Ordnung.“, sagte Maron.

IDUSA hatte die Beiden wieder an Bord genommen. „Es scheint ja sehr gut gelaufen zu sein.“, stellte sie fest. „Und wie es das ist.“, meinte Maron hoch zufrieden. „Ich habe das Gefühl, dass dieser König ein ziemlicher Fuchs war, der die Mentalität seiner Töchter zur Genüge kannte. Ich bin gespannt, Shimar, was du noch so erleben wirst während deiner Suche.“ „Ich schicke dir natürlich einen Bericht.“, lächelte der junge Pilot und gab IDUSA den Befehl zum Start.

Kapitel 11 - Geheimpläne von Visitor

Telzan saß vor dem Kontaktkelch und sah sich die Geschicke im tindaranischen Universum aber auch die im Föderationsuniversum an. Er konnte im Prinzip zufrieden sein, nur die Tatsache wurmte ihn, dass Shimar so gut auf den Leonidenschauer reagiert hatte.

Sytania, die er zunächst kaum bemerkt hatte, kam hinzu. „Was siehst du, mein treuer Diener?“, fragte die omnipotente Königstochter. „Ich sehe, dass Nugura die Prinzessinnen nicht zu einem Frieden bewegen konnte, meine Herrin, sondern nur zu einem Waffenstillstand während des Ty-Nu-Lin-Ritus.“, antwortete der Vendar. „Oh, das macht nichts!“, tröstete Sytania, die immer aufgeregter wurde. „Das macht gar nichts. Einmischen werde ich mich trotzdem irgendwann.“ „Dachte ich mir.“, erwiderte Telzan. Dabei machte er ein Gesicht wie ein kleiner Junge, der sein Lieblingsgeschenk erwartet.

„Ich weiß, was du dich fragst.“, sagte Sytania nach einer Weile, in der sich beide nur angeschwiegen hatten. „Du willst wissen, wann wir endlich eingreifen und wie. Aber das kann ich dir selber noch nicht sagen. Alegria ist noch nicht verzweifelt genug und dieser Tindaraner wird auf diese Celsianerin ein Auge halten, auch wenn diese es nicht merkt. Dass ist eine Situation, auf die wir reagieren müssen. Also, lass uns abwarten.“ „Mit Verlaub.“, sagte Telzan unterwürfig. „Ich hatte geglaubt, Milady hätten sich schon eingemischt.“ „Wovon redest du?!“, fragte Sytania empört. „Der Leonidenschauer.“, antwortete er. „Ich dachte, das wäre vielleicht Euer Werk.“ „Oh, nein.“, gab Sytania zu. „Das war Mutter Natur. Aber es zeigt uns eines. Diesen Tindaraner dürfen wir nicht unterschätzen und vor allem ihr dürft es nicht. Falls ich dich und deine Männer in meine Einmischung einbeziehe, müsst ihr auf diesen verdammten Teufelsflieger extrem gut achten.“ „Das werden wir, Milady!“, versicherte Telzan.

Sedrin hatte Scotty genau an derselben Wohnung abgeliefert, in der auch King wohnte. „Sie werden sich die Wohnung mit jemandem teilen, Techniker Scott.“, informierte sie ihn. „Er ist so etwas wie ein Untergetauchter. Er hat wichtige Informationen und wird noch eine wichtige Rolle spielen wie Sie.“ „Techniker Scott.“, wiederholte Scotty fast zärtlich. „Nichts Anderes wollte ich immer sein, ein Techniker.“ „Ich weiß.“, lächelte die Demetanerin. „Obwohl Sie einmal eine kurze Zeit den Rang eines Captain inne hatten.“ „Ach das.“, wischte Scotty ihre Äußerung beiseite. „Das ist schon fast 1000 Jahre her und schon nicht mehr wahr. Ich für meinen Teil möchte diese unselige Zeit gern vergessen.“ Sie grinste. „Wissen Sie, Agent.“, fuhr Scotty fort. „Ich wollte nie derjenige sein, der Befehle erteilt und keine Ahnung von dem hat, was er da von seinen Untergebenen verlangt. Jedenfalls kam es mir während meiner Zeit als technischer Offizier so vor. Ich wollte immer der sein, der Probleme mit den eigenen Händen und dem eigenen Gehirn löst. Sonst rostet nämlich das Gehirn, Verehrteste.“ „Logisch.“, grinste Sedrin. Dann wandte sie sich zum Gehen. „Ich lasse Sie dann allein.“, sagte sie noch. „Packen Sie erst mal aus und richten Sie sich ein. Agent Alesia und ich stellen Sie nachher Ihrem WG-Kameraden vor.“ „Solange wir uns nicht um den Putzplan streiten, wird denke ich alles gut gehen.“, scherzte Scotty. „Ich bin an sich ganz verträglich.“

Sie verließ den Raum, während Scotty sich durch die Haare strich, worauf ein Paar Schuppen heraus fielen. „Sehen Sie?“, scherzte er. „Faszinierend.“, gab Sedrin genau so scherzhaft zurück. „Gehirnrost von 1000 Jahren.“ Dann ging sie.

Alesia erwartete ihre Kollegin in einem Besprechungszimmer am Ende des Ganges. „Wo warst du?“, fragte sie, nachdem Sedrin die Tür hinter sich geschlossen hatte. „Alesia, es gibt eine kleine Planänderung.“, informierte die Demetanerin mittleren Alters ihre junge Kollegin. „Wir haben Techniker Montgomery Scott hier. Er ist für den Geheimdienst äußerst wichtig. Er hat eine Fähigkeit, die uns in der ganzen Angelegenheit vielleicht sehr helfen kann.“ „Scott.“, überlegte Alesia. „Was soll er denn so Tolles können? Soll er etwas bauen, das uns hilft, die Sache mit dem mirayanischen Testament zu klären?“ „Damit hat es nichts zu tun.“, korrigierte Sedrin Alesia, die sich ihrer Meinung nach auf dem kompletten Holzweg befand. „Er hatte vor einem Jahr eine Begegnung mit Sytanias Geist, bei der diese unabsichtlich ein Denkmuster übertragen hat. Wenn man jetzt den richtigen Stimulus ansetzt, kann er Sytanias Strategien vorausahnen. Ein geheimdienstlicher Mediziner hat ihn untersucht und alles bestätigt. Scott ist bisher nur wenig kooperativ, da er glaubt, dass er zu einer Art von Sytanias Zombie wird. Dass möchte er nicht noch einmal erleben. Damals hat es ihm gereicht. Außerdem setzt er sich unter enormen Druck wegen seiner Frau. Ich persönlich halte Allrounder Betsy Scott aber für in der Lage, mit dieser Information umzugehen, zumal sie genug über Sytania weiß.“ „Ich hoffe, der Mediziner hat bestätigt, dass Scott nicht zu Sytanias Zombie werden kann.“, meinte Alesia. „Das hat sie.“, erwiderte Sedrin. „Aber er glaubt es nicht.“

„Was ist das für ein Stimulus?“, wollte Alesia wissen. „Er ist irgendwo in einem Gespräch zwischen Scott und einem Freund versteckt, von dem wir eine Aufzeichnung haben.“, erklärte Sedrin. „Wir konnten ihn bisher nicht isolieren. Das hängt sicher mit Scotts mangelnder Kooperation zusammen. Wenn er nicht mehr so unter Druck stünde, dann …“ „Verstehe schon.“, meinte Alesia.

Sedrin replizierte beiden einen Kaffee. „Was macht King?“, fragte sie danach kurz und bündig, um auf ein anderes Thema zu kommen. „Er schlägt sich gut.“, berichtete Alesia. „Den Kneipentest hat er mit Bravur bestanden. Ich denke, wir sollten morgen mit der Flugausbildung beginnen. Das ist ja dann wohl dein Job.“ „Stimmt.“, sagte Sedrin.

Gedankenverloren rührte Alesia in ihrer Tasse herum. „Was beschäftigt dich?“, fragte Sedrin fürsorglich. „Mir geht die Situation mit Techniker Scott nicht aus dem Kopf.“, gab die junge Platonierin zu. „Wir müssen da doch irgendwas machen können.“ „Ich denke, das können wir auch.“, sagte Sedrin. „Aber vorher muss ich mir noch ein fachliches OK holen. Ich muss wissen, für wie stabil Scientist Cupernica Allrounder Betsy Scott wirklich hält. Sie wohnt in ihrer Nachbarschaft und kennt sie gut.“ „OK.“, sagte Alesia. „Wann wirst du aufbrechen?“ „Morgen Nachmittag.“, sagte Sedrin. „Gleich nach der ersten Flugstunde mit King.“

Korelem war ins Gästequartier zurückgekehrt und hatte sich hier eine Verbindung zu einem bestimmten Rufzeichen geben lassen. Er strahlte, als das Gesicht einer Halbklingonin auf dem Bildschirm erschien. „Hallo, Korelem.“, sagte sie. „Chief-Agent.“, begrüßte er sie knapp. „Was ist mit der Information?“, erkundigte sie sich mit Nachdruck. „Allrounder Betsy kriegt die Information, sobald wir auf Alaris sind.“, erklärte Korelem. „Dann ist ja gut.“, erwiderte Tamara und fügte hinzu: „Sollte sie nach Ihrem Beruf fragen, sagen Sie, was wir vereinbart haben.“ „Natürlich, Tamara.“, sagte Korelem. „Ich muss mich wirklich auf Sie verlassen können.“, schärfte die Chefagentin ihm ein. „Das können Sie.“, versicherte er. „Tut mir Leid.“, entschuldigte sie sich. „Ich bin bei Zivilisten nur immer extrem vorsichtig.“ „Verständlich.“, versuchte Korelem ihr klingonisches Temperament herunter zu kühlen. „Aber Sie können mir wirklich vertrauen. Der Allrounder wird meine Hälfte des Puzzles bekommen, sobald wir auf Alaris sind.“ „Dann ist ja gut.“, antwortete sie und beendete das Gespräch.

Die Sprechanlage ließ Korelem aufhorchen. „Wer ist dort?“, fragte er. „Ich bin es.“, sagte ich. „Kommen Sie rein, Allrounder.“, sagte er und griff seinen bereits gepackten Koffer mit seinen starken Hinterfüßen.

Ich betrat das Gästequartier. „Ich habe auf Sie gewartet.“, sagte ich. „Tut mir Leid.“, entschuldigte er sich. „Ich musste noch ein wichtiges Gespräch führen.“ „Ein Gespräch mit zu Hause?“, fragte ich. „Ja.“, log er und ich bekam den Eindruck, dass er mir etwas verschwieg.

„Lassen Sie uns gehen.“, sagte er. „Sonst steht sich ihr Techniker Jannings noch die Beine in den Bauch. Das soll optisch nicht sehr vorteilhaft sein, habe ich gehört.“ Ich lächelte und ging vor auf den Korridor. Er folgte mir in bekannter Manier. Langsam hatte ich mich an unseren fliegenden Gast gewöhnt. Ich sah dem Abschied sogar mit etwas Wehmut entgegen.

Shimar und Maron waren mit IDUSA auf dem Weg zur tindaranischen Basis. „Ich würde gern noch einmal von Jenna gewartet werden, bevor wir gemeinsam auf Mission gehen, Shimar.“, äußerte das Schiff. „Wie du möchtest.“, sagte Shimar. „Finde ich auch besser so.“, bestätigte Maron. „Dann kann ich mit dem Techniker noch über eine Sache sprechen, die euch Beiden sicher gut bei der Mission helfen wird.“ „Hoffentlich will Hestia mich überhaupt.“, sagte Shimar mit sorgenvollem Blick. „Warum sollte sie dich nicht wollen?“, fragte Maron. „Ich weiß ja nicht, was sie für Animositäten entwickelt. Wenn man ihr Verhalten während der Verhandlung zu Grunde legt, ist sie sicher mit Vorsicht zu genießen.“, erwiderte Shimar.

Die Station kam in Sensorenreichweite des tindaranischen Schiffes. „Es gibt keinen schöneren Platz als daheim.“, sagte IDUSA. „Verabschiede dich gut.“, empfahl ihr Shimar. „Wer weiß, wann wir die Basis wiedersehen.“

Sie hatten gedockt und Maron hatte sich gleich von der Shuttlerampe aus zur technischen Kapsel begeben. Hier erwartete ihn bereits Jenna. „Ich muss mit Ihnen unter vier Augen sprechen, Mc’Knight.“, sagte der erste Offizier bestimmt.

Jenna sah von ihrer Arbeitskonsole auf. „Worum geht es denn, Sir?“, fragte sie und drehte sich in seine Richtung. „Es gibt eine Datei über den Ty-Nu-Lin-Ritus.“, begann Maron. „Ich möchte, dass Sie die in IDUSAs Datenbank überspielen. Ich möchte, dass IDUSA, wenn sie mit Shimar auf diese Mission geht, alles Wissen zur Verfügung hat, das sie kriegen kann.“ „Glauben Sie, dass eine der Prinzessinnen falsch spielen könnte, Agent?“, fragte die hoch intelligente Halbschottin. Sie war sich aber eigentlich sicher, die Antwort bereits zu kennen. So sah sie eher als Bestätigung an, dass Maron schließlich sagte: „Genau davon rede ich, Techniker. Ich möchte nicht, dass diese Hestia Shimar ein X für ein U vormachen kann, was den Ty-Nu-Lin-Ritus angeht.“ „Denken Sie denn, das könnte sie versuchen?“, fragte Jenna. „Ich bin mir sicher!“, sagte der Spionageoffizier. „Ich bin mir sogar todsicher. Sie können das nicht wissen, Mc’Knight. Sie haben die Prinzessinnen auf Khitomer nicht erlebt. Sie wissen nicht, wie sehr sie sich hassen. Es ist mir auf jeden Fall wohler dabei, wenn Sie die Datei überspielen und noch einmal IDUSAs Systeme überprüfen und gegebenenfalls reparieren. Ich möchte nicht, dass Shimar irgendeinen Nachteil hat, wenn er auf seine Mission geht.“

Mc’Knight stand von ihrem Stuhl auf. „Am Liebsten hätten Sie es wohl, wenn ich mitflöge, was?“, lächelte sie ihrem Vorgesetzten entgegen. „Sie haben Recht, Jenna.“, sagte dieser. „Aber leider geht das nicht, so gern ich es hätte. Wir brauchen Sie hier. Ich habe bereits mit Commander Zirell gesprochen. Für die Dauer von IDUSAs Abwesenheit bekommen wir ein anderes Shuttle. Ich möchte, dass Sie diesem alle Dateien überspielen, die IDUSAs Erfahrungen während unserer Missionen enthalten. Ist das möglich?“ „Natürlich ist das möglich.“, sagte die Ingenieurin. „Ich muss die Dateien nur aus den entsprechenden Verzeichnissen kopieren und dann …“ „Bitte kein Fachchinesisch.“, bat Maron und hielt sich den Kopf. „Davon kriege ich immer Kopfschmerzen.“

Jenna sah ihn nachdenklich an. „IDUSA wird fragen, wozu ich ihr Wissen kopiere.“, sagte sie dann. „Denken Sie etwa, sie könnte so etwas wie Eifersucht gegenüber dem anderen Shuttle entwickeln?“, lachte Maron. Dabei schaute er etwas verächtlich. Gleich darauf bemerkte er dies aber und entschuldigte sich: „Tut mir leid, Mc’Knight. Ich vergesse manchmal immer noch, dass die IDUSA-Einheiten im tindaranischen Recht den biologischen Wesen gleichgestellt sind. Natürlich hat IDUSA das Recht zu fragen, was wir mit ihrem Wissen wollen. Aber Sie kriegen ihr das bestimmt erklärt und ich habe keinen Zweifel daran, dass sie dem zustimmen wird.“ Dann dachte er: Gerade noch die Kurve gekriegt. „Ich werde mich dann an die Arbeit machen.“, sagte sie. „OK, Jenna.“, antwortete er und verließ ihren Arbeitsraum.

Marons Weg führte ihn zu seinem Lieblingsplatz in einem der Aufenthaltsräume, wo er auf Joran traf. „Hi.“, sagte der Demetaner mit hoch zufriedenem Gesichtsausdruck, während er sich zu dem Vendar an den Tisch setzte. „Ich grüße dich, Maron El Demeta.“, antwortete Joran. Dann musterte er ihn genauer. „Mir fällt auf, dass du wie ein Kater schaust, der gerade einen Topf Sahne ausgeschleckt hat.“, bemerkte er. „Dazu habe ich auch allen Grund.“, sagte Maron und machte eine genießerische Pause. „Was ist der Grund dafür?“, horchte Joran ihn weiter aus. „Der Grund ist, dass die Mission prima gelaufen ist.“, erwiderte Maron. „Ist sie das?“, lächelte Joran. „Dann ist Shannon O’Rileys Aberglaube wohl doch nicht in Erfüllung gegangen.“ „Nein.“, sagte Maron. „Das ist er nicht. Mutter Schicksal sei Dank, ist er das nicht.“

Wieder verging eine Weile, in der Maron nur Joran zusah, während dieser etwas für den Demetaner nicht definierbares in sich hinein schaufelte. Seinem Gesicht nach zu urteilen schien ihm das aber sehr zu schmecken. „Was in aller Götter Namen isst du da?!“, fragte Maron, den langsam auch der Hunger überkam. Wegen der ganzen Aufregung in den letzten Tagen hatte er kaum etwas gegessen. „Meine Telshanach und ich nennen es Tchalback a la Sternenflotte.“, sagte Joran und schob Maron die Schüssel mit einem frisch replizierten Löffel zu.

Maron nahm das Angebot lächelnd an und ließ sich einen Löffel voll schmecken. Langsam, fast prüfend, ließ er den Inhalt konzentriert über seine Zunge gleiten. „Da scheint terranischer Schafskäse drin zu sein.“, sagte er nach dem letzten Mal Schlucken.“ „In der Tat.“, bestätigte Joran.

Maron schob ihm die Schüssel wieder hin. „Was hat das jetzt mit der Sternenflotte zu tun und mit Jenna?“, fragte er. „Mit der Sternenflotte nur in soweit, dass dies Allrounder Betsys Idee war. Sie ist Sternenflottenoffizierin, wie du weißt. Damals auf Nihilla hat sie …“

Maron raufte sich die Haare. „Erinnere mich bloß nicht an Nihilla!“, bat er. „Vergib mir, Maron El Demeta.“, bat Joran. „Schon gut, mein Freund.“, sagte Maron. „Jenna hat mir beigebracht, wie man dem Replikator ein Rezept beibringen kann.“, erklärte Joran. „Ah, verstehe.“, sagte Maron.

Zirell betrat den Raum. „Na, Maron.“, sagte sie, nachdem sie sich einen terranischen Eiskaffee repliziert und sich zu ihren Untergebenen an den Tisch gesetzt hatte. „Ich warte schon seit Stunden auf deinen Bericht, Maron.“, tadelte sie ihren ersten Offizier. „Sonst bist du damit doch auch immer so überpünktlich.“ „Tut mir Leid, Zirell.“, sagte Maron und senkte den Kopf. „Ich wollte nur zuerst alles für Shimars Mission vorbereiten. Dazu hatte ich mit Jenna noch etwas zu klären und dich dabei völlig außer Acht gelassen. Das wird nie wieder vorkommen.“ „Das hoffe ich auch.“, sagte Zirell und zog an ihrem Strohhalm. „Da man ja anscheinend mit dir Kaffee trinken muss, um an Informationen zu kommen.“, erklärte sie weiter und holte ein Pad aus der Tasche, das sie auf Aufnahme schaltete. Dann forderte sie ihn auf: „Erzähl mal.“

Maron berichtete ihr den gesamten Ablauf. Er ließ kein noch so geringes Detail aus, was die Tindaranerin in Verzückung versetzte. „Oh, ja.“, lachte Zirell. „Das sind echte Prinzessinnen. Nein, das sind sogar Prinzessinnen auf der Erbse, oder war es die Bohne, so genau weiß ich das nicht mehr. Ich muss das mal in IDUSAs Datenbank nachschlagen. Oh, bei allen Göttern, das Verhalten der Beiden erinnert mich total an die Prinzessin aus diesem terranischen Märchen. Wenn das Ganze nicht so einen ernsten Hintergrund hätte, könnte man es glatt als Komödie bezeichnen. Aber leider verhalten sie sich ja so, weil sie sich bis aufs Blut hassen. Shimar soll gut aufpassen, dass er nicht zu sehr in diese Fehde hineingezogen wird. Sag ihm das.“ „Ich denke, da wird er schon selbst drauf achten.“, beruhigte Maron sie. „Shimar kennt seine Befehle. Er weiß, was er primär zu tun hat und wie weit er wann gehen darf.“ „Du hast Recht.“, sagte Zirell, die ja bereits viel länger mit Shimar zusammengearbeitet hatte als Maron. „Obwohl er noch sehr jung ist, hat er oft bewiesen, dass man sich auf ihn verlassen kann.“, stellte sie fest. „Da kann ich dir nur zustimmen.“, sagte Maron. „Shimar macht das schon.“

King wartete in seiner Wohnung und schaute immer nervöser auf die Uhr, als Sedrin von außen die Sprechanlage betätigte. „Was gibt es, Agent.“, fragte er. „Ich komme, um Sie abzuholen.“, gab sie zurück. „Sie müssen noch einiges lernen, wenn Sie demnächst als Shuttlepilot Andrew King den Weltraum unsicher machen wollen.“

Er entriegelte die Tür und bat sie hinein. „Interessant.“, meinte sie, nachdem sie seine Einrichtung in Augenschein genommen hatte. „Sie haben ein extrem gutes Verständnis für Ordnung.“ „Dachten Sie, es sei anders?“, wollte er wissen. „Um ehrlich zu sein, ja.“, sagte sie. „Ich bediene eben nicht die üblichen Vorurteile, was Junggesellenbuden angeht.“, antwortete King. „Nein, das tun Sie in der Tat nicht.“, erwiderte Sedrin. Dann drehte sie sich wieder zur Tür: „Lassen Sie uns gehen.“

Sie durchquerten den Flur und gingen dann durch eine Art geheime Verbindungstür, die auf den ersten Blick nicht vom Mauerwerk zu unterscheiden war. Zumindest nicht von der Seite, auf der sie bald standen. „Werden die Kadetten nicht misstrauisch?“, wollte King von Sedrin wissen. „I wo.“, machte sie. „Die wissen von dem geheimen Gebäudetrakt nichts. Außerdem sind jetzt alle in den Theoriestunden, oder es findet kein Unterricht statt. Wir können uns also ruhig um den Simulator kümmern.“

Sie legte ihren rechten Zeigefinger in eine Sensorenmulde, worauf sich die Tür zu einer großen Halle öffnete. Hier sah King einige Kabinen. „Sind das die Shuttlesimulatoren?“, fragte er. Sedrin nickte und führte ihn auf einen zu. „Sie links ich rechts!“, teilte sie ein und ging einmal um die Kabine herum. King tat ohne Argwohn, was sie gesagt hatte. Er vertraute ihr mittlerweile, obwohl ihm die ganze Geheimniskrämerei etwas seltsam vorkam. Aber wie sie schon gesagt hatte, diese Suppe hatte er sich selbst eingebrockt, als er sich damals dazu bereit erklärt hatte.

King setzte sich auf einen Sitz. Nun sah er eine Konsole vor sich, auf der sich für ihn unbekannte Displays, Knöpfe, Regler und zwei Joysticks befanden. Außerdem gab es da noch einen Zapfen, den King nicht einordnen konnte.

Sein Blick fiel auf Sedrin, die genau neben ihm saß. „Sollten wir nicht erst in die Simulationskammer gehen?“, fragte King. „Es gibt hier so viele Kontrollen und ich habe Angst, dass ich eines Ihrer teuren Geräte noch zerstöre.“ „Solange ich dabei bin, wird das nicht passieren!“, sagte Sedrin energisch. „Außerdem, sind Sie ein Kind oder ein Mann?!“

Ihr Tonfall irritierte King sehr. Fragend sah er sie an. „Viele Vorgesetzte in Frachtfirmen reden so.“, erklärte sie. „Daran werden Sie sich gewöhnen müssen.“ „Alles klar.“, erwiderte King. „Und wie muss ich mich dann verhalten?“ „Sie nicken und tun das, was man Ihnen sagt.“ „Verstanden.“, sagte er.

Sie zog etwas aus der Tasche, das wie eine Art Schlüssel aussah. Dann gab sie es King in die Hand. „Auf den Zapfen.“, sagte sie jetzt sehr freundlich. Sedrin hatte wohl bemerkt, dass sie King ziemlich aus der Fassung gebracht haben musste.

„Das ist ein Schaltschlüssel.“, erklärte sie, nachdem King das Ding auf den Zapfen gesteckt hatte. „Darin wird Ihr gesamtes Flugprofil gespeichert. Wenn Sie den benutzen, weiß der Computer sofort, welche Einstellungen Sie bevorzugen.“ „Aktiviere ich damit auch das Hauptsystem?“, fragte King. „Sie lernen schnell.“, lächelte Sedrin. „Drehen Sie den Schaltschlüssel jetzt eine Vierteldrehung nach rechts.“

Der Simulator summte, nachdem King dies getan hatte. Dann meldete sich eine freundliche Computerstimme: „Hauptsystem online.“ „Gut!“, lobte Sedrin und strich ihm über das Haar. „Das war doch noch gar nichts.“, spielte King es herunter. „Einen Schlüssel zu drehen ist doch nicht schwer.“ „Die meisten Kadetten haben davor furchtbare Angst.“, erklärte Sedrin. „Sie denken, dass das Schiff dann sofort startet und sie nichts tun können, oder es mit ihnen macht, was es will.“ „Aber ich bin eben kein naiver Jugendlicher.“, sagte King, der ihre Äußerung von vorhin jetzt besser verstehen konnte. Das also hatte sie gemeint, als sie fragte, ob er ein Kind oder ein Mann sei.

Sie schob einen Datenkristall in ein Laufwerk. „Ich überspiele ihm jetzt unser spezielles Lernprogramm.“, sagte sie. „Er muss ja wissen, was für eine Art von Shuttle er uns simulieren soll.“ „Sicher muss er das.“, antwortete King.

„Überspielvorgang komplett.“, meldete der Computer. „Lernprogramm Sedrin eins laden! Stufe eins!“, befahl Sedrin. In die Displays vor Kings Augen kam Bewegung. Er sah jetzt Instrumente, die er nicht kannte, aber er vertraute Sedrin. Sie würde ihm schon zeigen, was er wissen musste.

Das einzige Gerät, was King zu kennen schien, war das Sprechgerät, aus dem eine helle freundliche Stimme erklang. „Frachtshuttle 31, Sie haben Startgenehmigung.“, sagte sie. „Verstanden, Kontrolle.“, sagte Sedrin vor. King nahm das Mikrofon und sagte: „Verstanden, Kontrolle.“

Er sah die langen Reihen von Knöpfen an. „Was jetzt?“, fragte er. „Können Sie lesen?“, fragte Sedrin lächelnd. „Natürlich.“, antwortete King. „Ich bin schließlich zur Schule gegangen.“ „Dann suchen Sie den Knopf, auf dem Atmosphärentriebwerke steht und drücken sie einfach frech drauf.“

Kings Blick suchte erneut die Reihen ab, um schließlich seinen rechten Zeigefinger auf genau den richtigen Knopf zu lenken. „Bsss.“, machte das Shuttle und hob sich leicht vom Boden ab. „Sehen Sie die beiden Joysticks?“, fragte Sedrin. King nickte. „Sie sehen, dass man den Einen nur nach vorn und hinten und den Anderen nur nach rechts und links bewegen kann.“, sagte sie. „Hm.“, machte King in weiterer Erwartung von Instruktionen. Im gleichen Moment piepte ein Alarm und Blinklichter über den Joysticks begannen ihren Einsatz. Instinktiv fasste King den einen Stick mit der rechten und den anderen mit der linken Hand. Der Alarm verstummte und die Lichter erloschen. „Genau das wollte sie Ihnen sagen.“, lobte Sedrin. „Ich bin wahrscheinlich ein Naturtalent.“, sagte King und zog vorsichtig den unteren Stick zu seinem Bauch. Gleichzeitig schob er den Geschwindigkeitsregler, den er inzwischen auch gefunden hatte, leicht nach vorn. Das Shuttle hob sich jetzt sanft aber stetig vom Boden. „Ich muss doch sicher die Landestützen einfahren oder so etwas.“, sagte King. „Ich meine, hier in der Atmosphäre geben die doch einen ziemlichen Luftwiderstand und das kostet Energie.“ „Das machen Schiffe heute automatisch ab einer gewissen Höhe.“, erklärte Sedrin. Tatsächlich hörte man bald ein leises: „Bsss, Klack.“

Fasziniert betrachtete King die Displays. „Was heißt E-Trimmung?“, fragte er. „Das ist ein Programm, das die Antriebsfelder synchronisiert.“, erklärte Sedrin. „Es macht, dass Bug und Heck immer auf gleicher Höhe sind. Man kann es auch deaktivieren, aber das ist bei einem voll beladenen Frachter nun wirklich nicht zu empfehlen. Normalerweise tun das auch nur Kunstflieger, aber dazu gehören Sie bei Weitem nicht.“ „Schon klar.“, meinte King. „Sie würden ja auch kein Wahlross zum Ballett zwingen.“

Wieder piepte es und zwischen dem Knopf für den Impulsantrieb und dem für die Atmosphärentriebwerke flackerte ein Licht hin und her. „Hab dich schon verstanden.“, flüsterte King und schaltete den einen Antrieb ein, bevor er den anderen ausschaltete. „Ich bin beeindruckt!“, staunte Sedrin. „Die meisten anderen Flugschüler machen den Fehler, erst die Atmosphärentriebwerke auszuschalten.“ „Aber dann laufen sie doch Gefahr, mit samt dem Shuttle abzustürzen, weil dann doch nichts mehr sie oben hält. Ein bisschen was von Physik verstehe ich auch.“, meinte King. „Dachte ich mir.“, sagte Sedrin.

Sie verließen das Sonnensystem und King verfuhr ähnlich mit dem Warpantrieb. „In Stufe eins ist alles zunächst bis hier programmiert.“, sagte Sedrin. „Sie wird Sie jetzt noch auffordern, eine Wende zu fliegen und dann geht es nach Hause.“ Genau das passierte auch. King verfuhr mit der Schaltung in umgekehrter Reihenfolge, ohne dass Sedrin ihm noch irgendwas erklären musste. Auch die Landung klappte zu ihrem Erstaunen auf Anhieb. King schob den Höhenregler nach vorn, während er langsam die Geschwindigkeit senkte, bis das Shuttle sicher auf allen vier Stützen am Boden stand. Dann schaltete er den Antrieb ab.

„Sie sind ein hoch intelligenter junger Mann!“, lobte sie, als sie mit King den Simulator wieder verlassen hatte. „Mir ist jetzt endgültig klar, warum Sie dem Streit Ihrer Schwestern und allem, was damit zusammenhängt, den Rücken gekehrt haben. Das war Ihnen alles zu läppisch.“ King nickte und fügte hinzu: „Und die politischen Konsequenzen waren mir auch zu heikel.“

„Morgen machen wir weiter.“, sagte Sedrin, während sie ihn an der Tür verabschiedete. „Heute habe ich noch was zu erledigen. Agent Alesia kümmert sich weiter um Sie. Vielleicht macht sie mit Ihnen ja auch noch eine Theoriestunde. Ich bin für die Praxis zuständig.“ Sie ging und er lächelte ihr hinterher.

Kapitel 12 - Geheime Vorbereitungen von Visitor

Alesia hatte sich inzwischen mit Scotty beschäftigt und versucht, über die Aufzeichnung an noch mehr Informationen zu kommen, was Sytanias Pläne anging. Scotty aber versuchte nicht hinzuhören. Nach einer fruchtlosen Weile stoppte Alesia die Aufzeichnung. „Was ist Ihr Problem?“, fragte sie. „Mein Problem ist, Agent.“, antwortete Scotty leicht verärgert. „Dass ich nicht verantworten kann, wieder in Sytanias Einfluss zu geraten. Das wäre etwas, das sich keiner von uns wünschen würde, glauben Sie mir.“

Alesia dachte über das Gespräch zwischen Sedrin und sich nach. Was hatte sie über Scottys Angst bezüglich seiner Frau gesagt? „Ich glaube nicht, dass dies der einzige Grund ist, aus dem Sie sich nicht wirklich trauen.“, ertappte sie ihn. „Sie haben Angst, dass Ihre Frau von der Sache erfahren und dann vor Angst um Sie kein Auge mehr zu tun würde. Aber Agent Sedrin hat ihnen doch versichert, dass Allrounder Betsy das alles super wegstecken wird, weil sie mehr Wissen über Sytania hat als wir alle.“ „Das ist ihre Vermutung.“, meinte Scotty. „Aber ich bin mir da nicht so sicher. Meine Betsy wirkt manchmal so süß, unschuldig und zerbrechlich. Ich möchte nicht, dass sie sich meinetwegen noch etwas antut. Lassen Sie uns bitte für heute Schluss machen, Agent. Soweit ich gehört habe, will Sedrin für dieses Problem eine Lösung suchen.“ „Also gut.“, sagte Alesia und verließ die gemeinsame Wohnung von Scotty und King, in der die Vernehmung stattgefunden hatte.

Korelem und ich waren nach Alaris unterwegs. Fasziniert hatte er mich beim Abdockvorgang beobachtet. „Jammerschade, dass Sie nicht aussteigen und mich heraus winken konnten.“, scherzte ich. „Wie ich gesehen habe, war das ja völlig unnötig.“, erwiderte er lächelnd. „Obwohl ich nicht ganz verstehe, Pilotin ohne Augenlicht, wie Sie das machen.“

Ich replizierte einen zweiten Ohrhörer und gab ihn ihm, während ich den Anschluss in eine Buchse steckte. „Passen Sie auf.“, lächelte ich und flog mit Absicht nah an einem Kometen entlang, auf den mich mein Hilfssystem längst aufmerksam gemacht hatte. „Warnung: Der Abstand zum Hindernis ist zu gering. Bitte steuern Sie nach links.“, kam es aus dem Computer. „So was macht das Programm in allen kritischen Situationen.“, erklärte ich. „Aber es assistiert nicht nur beim Fliegen, ich kann damit auch die Waffen bedienen und mir auch Sensorenbilder beschreiben lassen.“ „Faszinierend.“, erwiderte Korelem.

Er griff unter seinen Sitz und holte einen großen Becher hervor, der die Form einer Blüte hatte. „Ein kleines Andenken an mich.“, erklärte er. „Bitte benutzen Sie ihn beim Frühstück. In unserem Glauben ist dies ein Zeichen dafür, dass man aneinander in tiefer Freundschaft denkt.“ „Danke.“, sagte ich gerührt. Dann stellte ich den Becher sicherheitshalber zunächst in ein verschließbares Staufach im Frachtraum des Shuttles. Dabei schaute ich ihn mir genau an. „Auf dem Boden des Kelches ist ein Kristall.“, stellte ich fest. „Hat er irgendeine religiöse Bedeutung?“ „Ja.“, sagte Korelem. „Wir nennen sie Freundschaftssteine. Von ihnen geht die symbolische Kraft aus.“ „Faszinierend.“, erwiderte ich. „Und wer bin ich schon, dass ich Gebräuche und Sitten anderer Kulturen nicht akzeptiere. Gleich morgen werde ich den Becher benutzen. Verlassen Sie sich drauf. Wir werden ja noch eine Weile unterwegs sein, weil wir wegen einer aktiven Sonne und einem Bürgerkrieg einen extremen Umweg fliegen müssen.“ „Um so besser.“, meinte Korelem. „Dann kann ich dieser faszinierenden jungen Frau noch länger über die Schulter schauen.“

Auch Sedrin war unterwegs. Sie hatte den Jeep genommen und war wieder in Richtung von Datas und Cupernicas Haus gefahren. Dort angekommen parkte sie den Jeep etwas weiter vom Grundstück weg und ging den Rest zu Fuß, um nicht so viel Aufsehen zu erregen.

Es dauerte etwas, bis sie dort jemanden fand. Cupernica war in den hinteren Räumen ihrer Praxis mit Laborarbeiten beschäftigt und Data widmete sich im Garten seiner Orchideenzucht. Langsam näherte sich Sedrin dem Beet. Der Androide sah auf, als er ihre Schritte wahrnahm. „Guten Tag, Agent.“, sagte er. „Was führt Sie zu uns?“

Sedrin setzte sich auf einen großen Findling in der Nähe. „Um ehrlich zu sein, Commander.“, begann sie. „Müsste ich eher mit Ihrer Frau sprechen.“ „Aus welchem Grund müssen Sie mit Cupernica sprechen, Agent?“, fragte Data. „Es ist alles nicht so einfach.“, erwiderte Sedrin. „Im Prinzip geht es um Techniker Scott und seine Frau.“ „Ich werde Cupernica Bescheid geben.“, erwiderte Data. Dabei unterbrach er aber seine Arbeit nicht. Sedrin kannte den Grund hierfür. Sie wusste, dass er Cupernica über f-14-Code informieren würde.

Wenig später legte Data doch den Sparten weg und forderte sie auf: „Bitte kommen Sie mit ins Haus, Agent. Cupernica wartet dort bereits auf uns.“ „In Ordnung.“, sagte Sedrin und folgte ihm.

Er führte sie ins Wohnzimmer, wo tatsächlich bereits Cupernica auf beide wartete. Sedrin setzte sich auf das Sofa, nachdem Data Caruso kurz hoch genommen hatte, der dieses eigentlich kurzerhand gerade zu seinem Schlafplatz erklärt hatte. Dann legte er den laut schnurrenden Kater wieder auf Sedrins Schoß ab. Er wusste, dass die Demetanerin und der Kater sich sehr gut verstanden. Caruso schnupperte kurz seine nächste Umgebung ab, bevor er sich schnurrend zusammenrollte.

„Data sagte, Sie wollten mich sprechen, Agent?“, versicherte sich Cupernica. „Das ist richtig.“, bestätigte Sedrin. „Sie wissen, Scientist, dass wir Techniker Scott zu seiner eigenen Sicherheit mit in eine Einrichtung des Geheimdienstes genommen haben.“, setzte sie voraus. „Das ist korrekt. Über dieses Wissen verfüge ich.“, sagte die künstliche Lebensform. „Wir haben jetzt leider ein Problem.“, sprach Sedrin weiter. „Scott hat so viel Angst vor Sytanias Denkmuster, dass er sich nicht wirklich traut, mit uns zusammenzuarbeiten. Außerdem glaubt er, dass, wenn er zuließe, dass das Denkmuster zu aktiv wird, er wieder zu Sytanias Zombie werden könnte, wie er sich ausdrückt. Er sorgt sich, dass Allrounder Betsy dies nicht verkraften könnte. Ich wüsste gern, für wie stabil Sie den Allrounder halten.“ „Ich denke, dass sie durchaus in der Lage wäre, mit der Information umzugehen, dass Scotty ein Denkmuster von Sytania in sich trägt. Sie hat durch ihre Freundschaft zu Agent Mikel bedingt, der Dills Nennsohn ist, mehr Wissen über die Mächtigen Zeitlands und des Dunklen Imperiums als wir alle zusammen.“ „Das habe ich auch schon versucht, Techniker Scott beizubringen.“, sagte Sedrin. „Leider ohne Erfolg.“ „Dann können wir nur eines tun.“, sagte Cupernica. „Sie bringen Scott her und wir rufen von unserem Haussprechgerät aus die Granger. Falls meine Vermutungen nicht stimmen sollten und Allrounder Betsy es doch nicht verkraftet, kann ich sie im Gespräch sicher auffangen. Falls sie Scotty versichern kann, dass er keine Angst um sie haben muss, kann sie ihm das auch direkt sagen.“ „Einverstanden.“, stimmte Sedrin zu.

Data war ins Wohnzimmer gekommen und hatte das Gespräch mitbekommen. „Meinen Daten nach ist der Allrounder gerade auf einer Außenmission.“, sagte er. „Sie werden sich also noch etwas gedulden müssen, Agent.“ „Macht nichts.“, sagte sie. „Es muss ja auch nicht heute sein.“ „Am Besten wird sein.“, schlug Data vor, wenn ich Ihnen Bescheid sage, sobald sie von der Außenmission zurück ist. Ich stehe in privatem SITCH-Mail-Kontakt mit dem Allrounder.“ „OK.“, sagte Sedrin und verabschiedete sich.

Nachdem sie gegangen war, nahm Data seine Frau kurz zur Seite. „Du hast neulich zu mir gesagt, dass die Information Allrounder Betsy nie erreichen darf und heute redest du ganz anders.“, fasste er zusammen. „Bitte erkläre mir das.“ „Wenn ich dabei bin, wird nichts geschehen.“, erwiderte sie. „Ich bin ausgebildete Ärztin und habe auch ein psychologisches Examen. Mein Nein bezog sich auf eure reinen Privatgespräche, wenn ich nicht dabei bin. Außerdem hat sich die Situation grundlegend geändert und es kann sein, dass der Geheimdienst auf Scotts Informationen angewiesen ist. Wir müssen also alles tun, um dafür den Weg zu ebnen.“ „Verstanden.“, sagte Data.

Maron war gemeinsam mit Shimar in die technische Kapsel gekommen. „Wollen Sie ihn auf die Mission begleiten, Sir?“, fragte Jenna ob dieses Anblicks, mit dem sie nicht gerechnet hatte. „Nein, Mc’Knight.“, sagte Maron. „Ich möchte nur sicher gehen, dass er seine Befehle einhält.“ Er sah Shimar an, der darauf sagte: „Mein primärer Befehl lautet auf Ginalla zu achten und darauf, dass es keinen interdimensionären Krieg gibt. Das Tor zum Himmel zu finden ist zwar genau so wichtig, aber sollte es darauf hinauslaufen, dass Ginalla aus irgendeinem Grund die Suche abbricht, breche auch ich sie ab, um keiner der beiden Prinzessinnen einen unlauteren Vorteil zu verschaffen. Dies entspricht nicht nur unseren Gesetzen, sondern auch dem Ty-Nu-Lin-Ritus.“ „Sehr gut!“, lobte Maron. Dann winkte er Shimar, weiter zur Shuttlerampe zu gehen.

Jenna sah den ersten Offizier, der neben ihr stand, fragend an. „Was gibt es, Sir?“, wollte sie wissen. „Ich muss Sie noch einmal um etwas bitten, Techniker.“, sagte Maron fast kleinlaut und in der terranischen Ingenieurin reifte der Verdacht, dass dies wohl wieder so ein Ding werden würde, bei dem ihr Genie das Einzige war, das ihm aus seiner Situation helfen konnte.

Sie drehte sich zu ihrer Assistentin: „Shannon, Sie übernehmen hier!“ Dann ging sie mit Maron aus der Tür. „Können wir zu Ihnen gehen, Techniker?“, fragte der Demetaner. „Warum nicht.“, erwiderte Jenna und schlug den Weg zum nächsten Turbolift ein.

Sie mussten nicht lange warten, bis sie in den gerade angekommenen Lift steigen konnten. „Was genau ist denn jetzt das Problem, Sir?“, fragte Jenna. „In Ihrem Quartier, Mc’Knight.“, sagte Maron. „Nirgendwo anders.“

Wenige Minuten danach betraten Jenna und Maron das gemeinsame Quartier von Jenna und Joran, in dem der Vendar, der gerade dienstfrei hatte, sich aufhielt. „Du hast schon frei, Telshanach?“, fragte er Jenna und sah sie verwirrt an. „Nein.“, lächelte die hoch intelligente Halbschottin zurück. „Ich soll Agent Maron nur etwas erklären und das soll ausgerechnet hier passieren.“ „Techniker!“, zischte Maron.

Joran hatte sofort geschlossen, dass Maron sich für irgendetwas gewaltig schämte. „Du musst dich nicht schämen, Maron El Demeta.“, sagte er. „Auch du musst nicht immer perfekt sein und alles verstehen.“ „Genau.“, bestätigte Jenna. „Auch ein Vorgesetzter darf mal etwas nicht ganz verstehen. Deswegen sind Sie nicht gleich ein Versager. Wir sind ja hier nicht auf einem Klingonenschiff, wo man beim kleinsten Anzeichen von Schwäche gleich getötet wird.“ „Dein Vergleich hingt, Telshanach.“, scherzte Joran, der das ganze Gespräch mit angehört hatte. „Bei denen bezieht sich das auf körperliche Stärke und nicht auf geistige, womit ich nicht sagen will, dass du dumm bist, Maron El Demeta. Das würde mir niemals einfallen. Zumal ich es als sehr stark erachte, wenn man zugibt, dass man etwas nicht weiß und sich Hilfe holt. Alles Andere wäre feige und damit in meinen Augen sehr schwach.“ „Sicher.“, sagte Maron. „Und ich habe dir auch nicht unterstellt, das zu glauben. Nur gibt es eine Frau in diesem Raum, die in der Lage ist, selbst die kniffligsten Dinge zu verstehen.“ „Na ja.“, meinte Jenna. „Da ich die einzige Frau in diesem Raum bin, kann ja nur ich gemeint sein. Also, was ist los, Agent?“

Maron setzte sich auf einen Stuhl und begann dann: „Um ehrlich zu sein, Mc’Knight, ich habe das aldanische Modell der Aufteilung der beiden mirayanischen Planeten nicht ganz verstanden. Was versprechen sich die Aldaner davon, über beide Planeten jeweils eine Grenze zu ziehen und jeder Prinzessin somit je eine Hälfte auf dem eigenen und eine auf dem anderen Planeten zur Verfügung zu stellen?“

Ohne zu antworten drehte sich Jenna zum Rechner. Ihren Lieblingsspruch: „Ganz einfach.“, wendete sie jetzt nicht an. Sie ahnte, dass sich Maron dadurch vielleicht entwertet fühlen könnte, denn für ihn war dies im Moment gar nicht einfach.

Maron wartete voller Spannung ab, bis seine Untergebene mit dem Schreiben der Simulation fertig war. Da sie die Programmiersprache im Prinzip wie die eigene Muttersprache beherrschte, dauerte es auch nicht sehr lang.

Maron zog seinen Neurokoppler aus der Tasche und schloss ihn an, nachdem Jenna ihm einen entsprechenden Wink gegeben hatte. Sofort lud IDUSA seine Reaktionstabelle. Jetzt sah Maron die beiden mirayanischen Planeten vor seinem geistigen Auge auf dem virtuellen Bildschirm. „Sehen Sie, Sir.“, erklärte Jenna. „Jeder Planet ist zur Hälfte Hestien und zur Hälfte Alegrien.“ „Das sehe ich sehr wohl, Techniker.“, sagte Maron noch immer unverständig. „Ich kapiere nicht, was die Aldaner damit erreichen wollten.“ „Das werden Sie gleich verstehen.“, sagte Jenna. „Lassen wir jetzt mal zwischen den Hestiern und den Alegriern einen Krieg ausbrechen, wie er mittlerweile zwischen den Planeten herrscht. So.“

Sie gab einige Befehle in die virtuelle Konsole vor ihrem geistigen Auge ein, denn auch Jenna hatte einen Neurokoppler auf. Maron staunte über die hohe Anzahl von Querschlägern, die diesseits und jenseits der Grenzen einschlugen. „Die Kriegsparteien sind zu nah beieinander!“, stellte er fest. „Wenn sie sich bekriegen, müssen sie davon ausgehen, dass alles auch auf den eigenen Staat viel schneller zurückkommt. Oh, Mc’Knight, dieses Modell ist ja fast salomonisch!“

Jenna ließ IDUSA den Bildschirm löschen. „Nicht nur fast.“, sagte sie. „Hätten sich die Prinzessinnen darauf eingelassen, hätten sie ihren Krieg aus Angst vor eigenen Verlusten sofort beenden müssen. Aber so können sie weiter machen wie bisher. Stellen Sie sich vor, sie benutzten chemische Waffen. Durch die gemeinsamen Atmosphären würden sie Gefahr laufen, auch das eigene Gebiet zu verseuchen. Wind ist immer in Bewegung.“ „Aber auch normale Waffen können in der Hinsicht sehr gefährlich sein, Maron El Demeta.“, mischte sich Joran ein. „Das habe ich gesehen.“, sagte Maron. „Ja, das habe ich gesehen. Vielen Dank, Techniker. Ich wusste, Sie kriegen das hin, mir diese vertrackte Situation zu erklären.“ „Kein Problem, Sir.“, sagte Jenna. „Aber warum hattest du eine solche Furcht zuzugeben, dass du es nicht verstanden hast, Maron El Demeta.“, fragte Joran fast mitleidig. „Ich weiß nicht.“, meinte Maron. „Ich kam mir einfach sehr dumm vor und im Allgemeinen ist es nicht üblich, dass ein Vorgesetzter sich von einer Untergebenen die Welt erklären lassen muss. Zumindest theoretisch nicht und zumindest nicht bei der Sternenflotte.“ „Schöne graue Theorie.“, lästerte Jenna. „Da können Sie ja froh sein, dass wir beide für die Tindaraner arbeiten. Die sehen das nicht ganz so eng.“

Maron stand auf und drehte sich zur Tür. „Noch mal vielen Dank, Techniker.“, sagte er. „Ich hoffe nur, dass Ihre Assistentin davon nichts erfährt.“ „Du liebes Bisschen!“, rief Jenna aus. „Ich dachte, Sie hätten sich gegenüber O’Rileys Sprüchen mittlerweile ein dickeres Fell zugelegt, Agent. Außerdem habe ich Ihnen gerade erklärt, dass es nicht schlimm ist, wenn auch ein Brückenoffizier von Zeit zu Zeit mal Hilfe braucht. Das hat nichts mit Autoritätsverlust oder dergleichen zu tun. Im Gegenteil. Ich denke, die Anderen vertrauen einer Führung mehr, die sich fundiertes Wissen holt, als einer, die dummdreist auf ihren Untergang zusteuert.“ Bei dummdreist hatte sie eine besondere Betonung auf dumm gelegt. „Sie haben Recht, Mc’Knight.“, überlegte Maron, bevor er ihr Quartier verließ.

Shimar hatte mit dem Schiff die Station verlassen und war mit ihr auf dem Weg nach Tindara. Hier wollte er Ginalla treffen, die ihn laut dem Ty-Nu-Lin-Ritus seiner Auftraggeberin vorstellen musste. „Kamurus ist neben uns in der Umlaufbahn.“, meldete IDUSA. „Gut.“, erwiderte Shimar. „Ruf ihn und sag ihm, er soll mich an Ginalla durchstellen.“

Wenig später sah Shimar das Gesicht der jungen Celsianerin auf dem Schirm. „Hey, Soldat.“, flapste sie. „Da bist du ja endlich. Was hat denn jetzt wieder so lange gedauert?“ „Ich hatte noch eine Mission.“, sagte Shimar. „Immer in Action.“, grinste Ginalla. „Aber jetzt komm mit! Hestia wartet sicher nicht gern. Übrigens, falls sie dich nicht will, muss ich jemanden anders suchen. Aber ich hoffe so sehr, dass sie dich will, Soldat. Ich hoffe es so sehr. Dann haben wir beide sicher einen heftigen Wettstreit. Ich liebe das!“ Sie drückte die 88-Taste.

„Kamurus setzt sich in Bewegung.“, meldete IDUSA. „Wir auch!“, befahl Shimar. „Hoffen wir, dass Hestia mit Ihnen einverstanden ist.“, sagte IDUSA. „Ansonsten können Sie Ihren Befehl vergessen.“ „Du hast Recht.“, sagte Shimar. „Aber du weißt, ich verstehe es, mich einzuschmeicheln.“

Shimar und IDUSA hatten die interdimensionäre Schicht verlassen und waren auf dem Weg nach Hestien, das ehemals Miray zwei hieß. „Beabsichtigen Sie, eventuelle materielle Zuwendungen von Hestia anzunehmen?“, wollte das Schiff wissen. Shimar ahnte, dass ihre Frage einen Hintergrund haben musste und antwortete daher: „Ich weiß, dass du eine solche Frage nicht ohne Grund stellst. Also, was weißt du, das ich unbedingt wissen sollte?“

IDUSAs Avatar ließ den Kopf leicht sinken. „Es ist etwas kompliziert.“, meinte sie dann. „Zumindest moralisch.“ „Was meinst du damit?“, fragte Shimar. „Rede schon. So schlimm kann das ja wohl nicht sein.“ „Sie wissen, dass auf Miray ein modernes Feudalsystem herrscht.“, setzte das Schiff voraus. „Klar.“, meinte Shimar. „Sie wissen, was das Problem in einem Feudalsystem ist.“, erklärte IDUSA weiter. „Jetzt mach’s nicht so spannend. Worauf willst du hinaus?“, drängte Shimar, der mit ihrem Herumdrucksen gar nicht einverstanden war. „Sie wissen, dass das Volk in einem Feudalsystem in erster Linie für den Herrscher und den Adel arbeitet, um ihn zu ernähren oder auch um übertriebenen Luxus zu finanzieren. Für die einfachen Leute selbst bleibt nichts oder besser fast nichts. Hestia wird Sie und mich mit Luxus überhäufen wollen. Aber Sie und ich, wir wissen genau, dass dafür sicher irgendein Hestier am Hungertuch nagen wird, der nicht viel hat und für den die hohen Abgaben den Ruin bedeuten. Ich wüsste gern, wie ich mich verhalten soll. Meine moralischen Unterprogramme verbieten mir, derartiges anzunehmen. Nur, wenn ich Reparaturen oder Energie verweigere, könnte man das eventuell als vollständige Beleidigung sehen und die Prinzessin würde ihnen kündigen, was wieder zur Folge hätte, dass Ginalla mit der Situation allein wäre und somit eine leichte Beute für Sytania. Ginalla ist Zivilistin und hat nicht das militärische Wissen über sie, das sie davor bewahren könnte, ihr auf den Leim zu gehen.“ „Mach dir keine Sorgen.“, sagte Shimar zuversichtlich. „Ich werde mir die Situation ansehen und dann entscheiden. Dann informiere ich dich selbstverständlich. Deine Ausführungen sind für mich sehr logisch.“ „Natürlich.“, sagte IDUSA, die seine Äußerung nicht als Kompliment verstanden hatte, als das sie aber gemeint war. „Ich bin eine künstliche Intelligenz. Wir können nur logisch handeln.“ „Das weiß ich doch.“, sagte Shimar und strich mit der Hand über die Konsole mit den Ports. „Und manchmal ist das auch echt hilfreich. Du hast mir schon aus so mancher fiesen Situation geholfen mit deiner Logik. Manchmal bin ich einfach zu impulsiv.“ „Aber es hat auch schon Situationen gegeben, in denen ich Ihr Draufgängertum gut brauchen konnte.“, sagte IDUSA. „Bitte stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel.“

Auf Shimars Befehl schwenkte sie in die Umlaufbahn über Hestias Palast ein. „Wir sind da.“, sagte sie. „OK.“, erwiderte Shimar. „Beam’ mich etwas weiter vom Palast selbst runter. Ich will mich hier unten etwas umsehen.“ „Wie Sie möchten.“, gab IDUSA zurück und führte seinen Befehl aus.

Kapitel 13 - Antrittsbesuch von Visitor

Shimar fand sich in einer Gasse unweit des Palastes wieder. Er tat, als würde er nicht sonderlich auf das Äußere der Passanten achten, die mit ihm gemeinsam den Fußweg benutzten, aber in Wahrheit warf er eine Menge versteckter Blicke auf sie. Die tragen alle sehr ärmliche Kleidung., dachte er. Hestia scheint sie doch ganz schön auszunehmen. Das war unter Brako anders.

Er setzte den Neurokoppler, den er zunächst abgesetzt hatte, wieder auf, schloss ihn an das Sprechgerät an und lud die entsprechende Software im Sprechgerät, damit IDUSA auch jetzt seine Gedanken lesen konnte. Schau dir das an, IDUSA., dachte er. Wenn ich im Palast genau das Gegenteil vorfinde, kriegst du Instruktionen. Ich wette fast, dass Hestia selbst lebt wie die Made im Speck. Möglich., gab das Schiff zurück.

Shimar hatte diese Art der Kommunikation mit IDUSA nicht ohne Grund gewählt. Er wollte vermeiden, dass ihm jemand zuhören könnte. Niemand sollte auch nur im Geringsten erfahren, was hier vorging, denn der umsichtige Flieger wusste, wenn er sich laut abfällig über den Lebensstil von Hestia äußern würde, könnte er Zündstoff für eine Revolution liefern. Das war beileibe nicht sein Ziel und er wusste, dass dies auch unter Umständen die ganze gesellschaftliche Ordnung auf Miray in ein Chaos verwandeln könnte. Zu viel hatte er in seiner Ausbildung an Szenarien mitbekommen, in denen auch den tindaranischen Kadetten eindrucksvoll vor Augen geführt wurde, was geschah, wenn sie sich in fremde Kulturen derart einmischten. Die Szenarien hatten ihm teilweise richtig Angst gemacht. Einmal war es so schlimm gewesen, dass er den Klassenraum hatte verlassen müssen. Den Göttern sei Dank hatte aber Professor Inell, seine damalige Ausbilderin, ein Einsehen gehabt und lange Gespräche mit ihm darüber geführt, was in diesem Moment in ihm vorgegangen war. „Ich weiß, dass du dich gerade sehr schlecht fühlst.“, hatte die ältere Tindaranerin mit der großmütterlichen Stimme und den grauen Haaren, die kurz vor der Berentung stand, damals zu ihm gesagt. „Aber das zeigt mir auch, dass du das sehr ernst nimmst. Du wirst niemals leichtfertig handeln, Shimar, Sohn von Tanell und Suvar. Das sage ich dir jetzt schon voraus. So. Und nun komm bitte wieder mit in den Unterricht. Die Anderen warten. Rede doch heute Nachmittag mit Namell. Ihr versteht euch doch so gut.“

„Träumer!“ Jemand hatte ihm dies ins Ohr geflüstert und ihn, der sich an eine Mauer gelehnt hatte, in die Seite gepiekt. Shimar drehte sich um und sah in das kesse Gesicht Ginallas. „Also echt.“, meinte sie. „Ich dachte, ihr vom Militär steht auf Pünktlichkeit. Deine Prinzessin wartet! Du wirst sie doch nicht enttäuschen wollen. Komm jetzt. Mit der Wache habe ich schon gequatscht. Das läuft alles total geschmeidig. Wir können gleich so durchlatschen und jetz’ jib Jas!“

Sie wuselte voran in Richtung des Schlosstores und Shimar folgte ziemlich geplättet, wie ein kleiner Hund, den man gerade bei einer verbotenen Handlung erwischt hatte. „So kannst du aber nich’ vor Hestia hintreten.“, grinste Ginalla. „Mal’n Spritzer mehr Selbstvertrauen auf’e Pfanne, mein Bester. Sonst hält s’e dich noch für’n Waschlappen.“ „Sorry.“, meinte Shimar und änderte seine Körperhaltung. „Du hast mich nur ganz schön geplättet.“ „Was glaubst du, was du mich hast!“, schnodderte Ginalla zurück. „Als ich deine Akte gelesen hatte, habe ich auch gedacht: Alter Schalter, was is’ das für einer? Ich hab’ gemeint, da muss ich mich wohl warm anziehen. Du hast fne Latte von Verdiensten, die ist so lang wie der Weg von hier nach Celsius inklusive Interdimensionsreise. Aber du weißt ja, ich liebe Herausforderungen.“

Sie kamen vor dem Gemach der Prinzessin an. Alana winkte sie durch, denn sie hatte bereits von der Wache am Tor erfahren, dass sie auf dem Weg waren. Hestia musterte Shimar kurz. dann sagte sie zu Ginalla: „Melde meiner Schwester, dass ich mit der Wahl des Gegners vollauf zufrieden bin. Der Ty-Nu-Lin-Ritus kann also fortgesetzt werden.“ Die Celsianerin nickte und verließ den Raum. Im Flur gab sie per Sprechgerät Kamurus den Befehl, sie herauf zu beamen.

Shimar betrat das Gemach der Prinzessin. „Komm gleich mit.“, sagte Hestia wie selbstverständlich. „Ich pflege bei solchen Anlässen auf der Veranda zu speisen.“ „In Ordnung.“, sagte Shimar, obwohl er sehr misstrauisch war. Die Situation, die er in den Straßen von Miray Prime beziehungsweise Hestien gesehen hatte, ließ sein Gewissen aufflammen. Würde sie ihm Speisen und Getränke anbieten, so würde ihm sein Gewissen befehlen, diese abzulehnen, denn damit würde er das Ausbeuten der Bevölkerung noch unterstützen. Das konnte er auf keinen Fall. Aber andererseits würde er Hestia auch vergrätzen, wenn er offen ablehnen würde, was sie ihm gab. Dann würde, wie IDUSA es bereits prophezeit hatte, sie ziemlich beleidigt sein und ihn achtkantig vor die Tür setzen. Seine Suche nach dem Tor zum Himmel wäre damit zu Ende, bevor sie angefangen hätte. Dann könnte er nicht auf Ginalla achten und er könnte seine Befehle vergessen. Da er jetzt wusste, dass Sytania sich einmischen würde, musste er aufpassen und durfte nicht zulassen, dass Ginalla unter Umständen von Sytania geködert wurde. Sie war eine unschuldige Zivilistin, die das Abenteuer suchte. So jemanden würde Sytania liebend gern ausnutzen, um sich einen Brückenkopf im Universum der Föderation zu sichern. Der junge Patrouillenpilot wusste, das durfte auf keinen Fall geschehen!

Die Verbindung zwischen IDUSA und Shimars Sprechgerät bestand immer noch, was Shimar gar nicht registriert hatte. Dem Schiff aber war dies nicht entgangen. So wusste sie ganz genau, was Shimar dachte. „Warten Sie es ab, Shimar.“, flüsterte IDUSAs Avatar in den leeren Raum des Cockpits. „Ich helfe Ihnen bei Ihrem Dilemma.“ Sie richtete Transporterstrahl und Traktorstrahl auf den Tisch auf der Veranda aus.

Unwissend dessen hatte Shimar sich jetzt Hestia gegenüber an denselben Tisch gesetzt. Die Prinzessin winkte und ein Diener kam mit einem großen Tablett angelaufen. Er verteilte zwei Teller, Besteck und Gläser auf dem Tisch. Dann trug er Schüsseln mit Speisen und Kannen mit Getränken auf. Shimar hatte solches Geschirr und solche Speisen noch nie gesehen, ahnte aber, dass beides wohl sehr selten und damit sehr wertvoll und teuer sein musste. Ich werde nichts hiervon anrühren., dachte Shimar. Wenn sie mir deshalb kündigt, ist es mir egal. Ich krieg’ das einfach nicht hin. Mein Gewissen verbietet es. Ich darf die Ausbeutung des mirayanischen Volkes nicht unterstützen, noch ihr die Taschen auf dessen Kosten füllen.

Hestia warf ihm einen genießerischen Blick zu, während sie ein Krebstier aufbrach, um den Inhalt des Panzers genussvoll auszusaugen. „Müsst ihr Tindaraner etwa nicht essen?“, fragte sie dann provozierend. „Oder ist dir das hier nicht gut genug?“

Ersticken soll sie dran!, dachte Shimar. Dabei musste er sehr aufpassen, wie sehr er sich auf diesen Gedanken konzentrierte. Wenn sich Tindaraner etwas wünschten, konnte es aufgrund ihrer telekinetischen Fähigkeiten tatsächlich sein, dass es wahr wurde. Um seine Fähigkeiten zu benutzen musste Shimar ja nichts Anderes tun, als sich auf das, was er erreichen wollte, zu konzentrieren. Reiß dich zusammen, Junge., dachte er und versuchte, seine aufkommende Wut irgendwie wieder unter Kontrolle zu bringen. Übers Geschäft. Rede mit ihr übers Geschäft. Vielleicht vergisst sie dann, dass du nichts isst.

Er richtete sich in seinem Stuhl auf und begann: „Hoheit, ich werde Euch gern helfen, das Tor zum Himmel zu finden. Ich denke, dass ich dafür die richtigen Voraussetzungen mitbringe. Ich habe ein schnelles Schiff mit guten Waffen und vor allem guten Sensoren und einer schnellen Datenverarbeitung sowie einem reaktionsfreudigen Antrieb. Außerdem habe ich einige Kontakte.“ „Hast du die Voraussetzungen der Beauftragten meiner Schwester in Augenschein nehmen können, Tindaraner?“, fragte Hestia in einem ziemlichen Verhörton. Shimar nickte. „Ich muss zugeben.“, meinte er dann. „Dass Ginallas technische Voraussetzungen im Grunde gleich sind. Ich habe ihr Schiff gesehen und es ähnelt meinem sehr. Aber sie hat im Gegensatz zu mir keine militärische Ausbildung und damit bestimmtes Wissen über manchen Zusammenhang nicht. Sie ist nur eine Zivilistin, die das Abenteuer sucht.“

Hestia grinste ihn triumphierend an. „Soll das heißen, Ginalla ist leichtfertig?“, fragte sie mit fast kippender Stimme.

Ihre Frage ließ Shimar das Blut in den Adern gefrieren. Natürlich war sie leichtfertig. Natürlich würde sie alles tun, was Alegria ihr sagte und wenn es bedeuten würde, mit Sytania zusammenzuarbeiten. Er wusste, dass Ginalla keine Ahnung davon hatte, wer Sytania war. Für Ginalla war die Mission einfach nur ein riesiges Abenteuer. Über Brückenköpfe, feindliche Mächte und dergleichen machte sie sich keine Gedanken.

„Ich habe dir eine Frage gestellt!“, sagte Hestia energisch. „Ja.“, erwiderte Shimar. „Ja, sie ist leichtfertig.“ „Wie wundervoll!“, rief Hestia aus und sprang auf. „Dann wird ihr mit Sicherheit auch etwas passieren und daran ist dann meine habgierige Schwester schuld, wenn sie die Arme auf eine halsbrecherische Mission schickt! Das wird sie kompromittieren! Ja, das wird sie kompromittieren! Ach wie schön ist es doch, dass das Blut dieser Celsianerin an Alegrias Händen klebt und nicht an den Meinen. Das Volk wird Alegria dafür lynchen und zum Schluss aus dem Palast jagen. Dann gehört ihr Planet mir, auch wenn du das Tor für mich nicht gefunden haben solltest. Irgendjemand muss dort ja herrschen!“ „Mit Verlaub.“, unterbrach Shimar. „Euer Vater …“ „Mein Vater ist tot!!!“, schrie Hestia. „Der hat mir gar nichts mehr zu sagen. Ich werde den Ty-Nu-Lin-Ritus ausführen, wenn du unbedingt meinst, Tindaraner. Aber falls meine Schwester abweicht, werde ich auch dir befehlen, abzuweichen. Wir wollen ja nicht, dass sie noch gewinnt.“ „Nein.“, schauspielerte Shimar. „Das wollen wir nicht.“

Hestias Blick fiel auf Shimars fast leeren Teller, von dem jetzt immer wieder mundgerechte Stücke verschwanden. „Sieh an!!“, kreischte sie. „Du isst ja doch. Mir scheint, dass dir mein Säbelrasseln gegenüber meiner Schwester doch Appetit gemacht hat. Aber das dachte ich mir schon. Im Grunde seines Herzens ist eben jeder Soldat für den Krieg geboren. Ach, dieses ganze diplomatische Geschwätz. von wegen, sich nicht auf Seiten stellen oder sich einmischen und nur forschen. Wenn man den Krieger in euch herauskitzelt, dann kommt er auch. Also dann.“

Sie holte ein altes Buch hervor, auf dessen letzter Seite Shimar bereits Ginallas Unterschrift sehen konnte, die sie mit einer Art Pflanzenfarbe und ihrem Finger gezeichnet haben musste. „Dies ist das Buch von Ty-Nu-Lin.“, erklärte sie. Dann schob sie Shimar ein reich verziertes Tintenfass mit eben dieser Pflanzenfarbe hin. „Ließ dir genau durch, was auf dich zu kommen wird. Dann unterzeichnest du neben Ginalla. Das Buch wird dann wieder zu den Priestern gebracht, die es verwahren.“ Shimar nickte und begann zu lesen. Während dessen machte er sich Gedanken darüber, wer seinen Teller geleert und das Geschirr und Besteck bewegt hatte, so dass Hestia gedacht hatte, er würde essen. Tief hatte er in sich hineingespürt, um zu erfahren, ob ihm seine Fähigkeiten vielleicht unterbewusst einen Streich gespielt hatten. Aber das war nicht der Fall.

Hestia wurde ungeduldig. „Du musst den Inhalt nicht auswendig lernen.“, sagte sie. „Ich möchte nur nichts falsch machen.“, erwiderte Shimar. „Hast du einen Erfasser?“, wollte die Prinzessin wissen.

Shimar holte das Gerät aus der Tasche. „Scanne das Buch damit und füttere die Datenbank deines Schiffes. Sie wird dir schon sagen, wenn etwas nicht stimmt.“

Shimar folgte zum Schein ihrem Vorschlag. Dabei scannte er auch gleich seine nächste Umgebung, um dem seltsamen Geheimnis um das verschwundene Essen und die sich bewegenden Tassen, Teller und Bestecke auf die Spur zu kommen. IDUSA., dachte er. Schäm dich!

Er unterschrieb. „Recht so.“, grinste Hestia. Dann gab sie ihm einen Datenkristall. „Das sind Aufzeichnungen meines Vaters über das Tor zum Himmel.“, erklärte sie. „Glücklicherweise ist meine Schwester nicht in deren Besitz. Mein Vater hat lange mit jemandem gemeinsam daran geforscht.“ „Danke, Hoheit.“, sagte Shimar und gab vor, den Palast schnell verlassen zu müssen. „Ich fange besser gleich an.“, sagte er. „Wir wollen doch Eurer Schwester zuvorkommen.“ „Du darfst gehen.“, sagte Hestia.

IDUSA hatte Shimar an Bord gebeamt. Er zog den Neurokoppler aus seinem Sprechgerät und steckte ihn wieder in die Buchse an der Konsole. Das Schiff lud seine Reaktionstabelle und zeigte ihm, dass sie sich langsam aber sicher vom Planeten entfernten. Es tat Shimar sehr gut, einen immer größer werdenden Abstand zwischen sich und Hestien zu sehen. Der Telepath hatte den Hass gespürt, den Hestia ihrer Schwester entgegenbrachte. „Oh, ja, das machst du richtig.“, seufzte er. „Und wie richtig du das machst. Lass uns fn paar Runden ums Sonnensystem drehen. Ich brauch’ fn klaren Kopf.“ „Wie mir scheint, habe ich noch etwas richtig gemacht.“, erwiderte das Schiff selbstbewusst. „Das hast du.“, sagte Shimar. „Hör mal. Ich hatte ja keine Ahnung, was du für eine Künstlerin mit dem Transporter und dem Traktorstrahl bist.“ „Bedanken Sie sich bei Techniker Mc’Knight.“, sagte sie. „Sie hat meine Sensoren entsprechend verbessert und die Emitter auch. Prinzessin Hass-tia, oh, pardon, Hestia, ist nicht in der Lage, dies zu bemerken, weil sie kein Androide ist, der Sensorenaugen hat.“ „Was war das denn!“, empörte sich Shimar ob ihres Versprechers. „Entschuldigen Sie.“, bat IDUSA. „Kleine Fehlfunktion meines Sprachprozessors. Habe ich aber schon wieder korrigiert.“ „Wohl eher ein Versehen mit Absicht.“, lächelte Shimar. IDUSAs Avatar grinste.

Sie drehten ein paar Runden durch das Sonnensystem. Shimar fiel auf, dass IDUSA irgendetwas ziemlich seltsam vorkommen musste, so wie ihr Avatar ihn musterte. „Was hast du?“, fragte er. „Ich frage mich, was Ihnen Hestia für einen Datenkristall gegeben hat.“, antwortete IDUSA. „OK.“, sagte Shimar und holte den Kristall aus seiner Tasche, um ihn in ihr Laufwerk zu stecken: „Sieh’s dir an.“

IDUSA warf einen kurzen Blick auf den Inhalt des Kristalls um dann festzustellen: „Das weiß ich schon alles. Damit erzählt mir Hestia nichts Neues.“ Shimar stutzte. „Moment.“, erkundigte er sich verdutzt. „Woher weißt du das alles?“ „Agent Maron und Techniker Mc’Knight waren so freundlich.“, antwortete das Schiff. „Aber woher haben sie denn die Informationen?“, fragte Shimar, der langsam das Gefühl bekam, einen unlauteren Vorteil gegenüber Ginalla zu haben. „Diese Informationen stehen in der Sternenflottendatenbank.“, erklärte IDUSA. „Es ist also nicht verwerflich, wenn Sie sie besitzen. Wenn Ginalla eine so gute Hackerin ist, wie sie es anhand Ihrer Akte bewiesen hat, dann hat sie das auch schnell raus. Dazu muss sie noch nicht einmal einen Rechner anzapfen. Die Information bekommt sie frei Haus, wenn sie einfach die Datenbank ruft und da nach fragt. Interkulturelle Informationen über religiöse Rituale anderer Kulturen sind noch nicht einmal militärisch geschützt. Jeder Otto-Normalbürger kann und darf sie herunterladen. Außerdem habe ich hiermit eine Möglichkeit zum Vergleich und hätte Sie warnen können, falls Hestia versucht hätte, Sie mit falschen Informationen zu füttern.“ „Aber warum sollte unsere Auftraggeberin das tun?“, fragte Shimar. „Sie sollte doch nun wirklich Interesse daran haben, dass der Ty-Nu-Lin-Ritus korrekt ausgeführt wird. Sonst erkennt die Priesterschaft ihren Anspruch auf den Thron nicht an, auch wenn ich, ohne es zu wissen, Mittel angewendet haben sollte, die nach dem Ritus nicht erlaubt sind.“ „Ich bin ein Beschützerschiff.“, erklärte IDUSA. „Ich muss laut meiner Programmierung jeglichen Schaden von meiner Crew, beziehungsweise in diesem Fall meinem Piloten, abhalten.“ „Wovon redest du?“, fragte Shimar, dem nicht ganz klar war, auf was sie hinaus wollte. „Davon, dass ich vielleicht unwissend eine unerlaubte Handlung begangen habe, werde ich doch nicht verletzt oder sterbe womöglich.“ „Ihr Körper wird fürwahr unversehrt bleiben.“, bestätigte IDUSA. „Nur Ihre Seele könnte Schaden nehmen. Ein schlechtes Gewissen hat schon manches Trauma verursacht.“ „Du nimmst deine Rolle zu ernst.“, gab Shimar seine Meinung zum Ausdruck. „Ich kann meine Rolle nicht ernster nehmen, als es meine Programmierer und die Gesetze verlangen.“, rechtfertigte sich IDUSA. „Schon gut.“, sagte Shimar. „Lass uns über etwas Anderes reden. Bist du fertig mit dem Kristall?“ „Nein.“, sagte IDUSA. „Da ist nämlich noch eine Datei, die offensichtlich etwas mehr mit dem Tor zum Himmel zu tun hat. In dieser Datei gibt es einen Hinweis auf einen Lithianer, der gemeinsam mit König Brako die Existenz des Tores erforscht hat. Sein Name ist Tamin und er lebt auf dem lithianischen Heimatplaneten.“ „Dann nichts wie hin!“, sagte Shimar eifrig und gab ihr den Gedankenbefehl zum Verlassen der Umlaufbahn. „Was ist mit Ginalla?“, wollte das Schiff wissen, bevor sie seinen Befehl ausführte. „Die beobachtest du auch.“, sagte er. „Verstehe schon.“, sagte IDUSA. „Sie meinen, ich soll mal wieder mit meiner alten Freundin, der interdimensionären Sensorenplattform, Kontakt aufnehmen.“, verstand IDUSA. „Sie wissen, wir sind so.“ Sie ließ ihren Avatar eine sehr dichte Position zu Shimar einnehmen. „Ich weiß.“, sagte der junge Patrouillenflieger. „Zwischen euch passt kein Blatt Papier.“

Ich hatte alles gesehen! Alles hatte ich in meinem Traum letzte Nacht gesehen! Dass ich die Dinge gesehen hatte, die sich auf Hestien abgespielt hatten, schob ich auf die telepathische Verbindung zwischen Shimar und mir, die so lange andauern würde, wie es auch unsere Beziehung tat. Aber, dass ich die Dinge gesehen hatte, die auf der tindaranischen Basis vor seinem Abflug geschehen waren, konnte ich mir nicht erklären. Meines Wissens nach funktionierte die Schutzverbindung über die Dimensionsgrenzen hinaus nicht. Die Einzige, die so eine Verbindung aufgrund eines Zwischenfalles, der hier nicht näher zu erwähnen ist, aufbauen könnte, war Zirell, aber zu ihr hatte ich keine Beziehung.

Ich hatte den Autopiloten aktiviert, bevor ich mich zum Schlafen auf dem Sitz zusammengerollt hatte. Allerdings hatte ich – pflichtbewusst wie meistens – den Ohrhörer im Ohr gelassen, um auf Warnungen meines trotz Autopilot immer noch aktiven Hilfsprogramms sofort reagieren zu können. Die Lautstärke hatte ich auf 100 % gesetzt.

Ein weicher seidiger Flügel streifte mich an der linken Wange. „Guten Morgen.“, weckte mich eine tiefe warme weiche Stimme. „Hi, Korelem.“, sagte ich verschlafen. „Wie haben Sie geschlafen, Allrounder?“, fragte er. „Ganz gut.“, erwiderte ich, ohne meinen seltsamen Traum zu erwähnen. Ich dachte, einen Zivilisten dürfte ich damit nicht behelligen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt ja noch keine Ahnung, wie sehr er in alles involviert war. „Hatten Sie keine merkwürdigen Träume?“, fragte Korelem. Ich schüttelte den Kopf. Mir war bewusst, dass ich ihn belog, aber hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, was ich noch erfahren sollte, wäre meine Antwort sicher anders ausgefallen.

Er zog mich auf die Beine und dann torkelte ich – noch sehr verschlafen – neben ihm her. Er flog allerdings dabei in Höhe meiner Schulter und hatte meine Hand fest mit zweien seiner kräftigen Insektenfüße umklammert. „Widerstand ist zwecklos, he?“, frotzelte ich. „Ach Sie.“, frotzelte er zurück.

Wir kamen in der Achterkabine des Shuttles an, wo er mich zu einem Sitz führte. Dann replizierte er ein Tablett mit dem altbekannten Frühstück, das er von mir schon kannte. Allerdings befahl er dem Replikator, den Kaffee in den geschenkten Becher zu füllen. „Loridana hat Recht gehabt.“, schmatzte ich, während ich mir mein Käsebrötchen schmecken ließ. „Sie sind wirklich ein Charmeur.“ Er lachte und replizierte sich das übliche Insektenfrühstück.

„Um auf ein anderes Thema zu kommen.“, sagte er nach einer ganzen Zeit, in der wir frühstückend dagesessen hatten. „Mir fällt auf, dass Sie keinen Visor tragen und damit prima zurecht kommen. War das schon immer so?“ „Das war schon immer so und das wird auch immer so bleiben.“, erklärte ich. „Ich bin eine Pendlerin zwischen den Jahrhunderten und darf auch deshalb keine Implantate für einen Visor tragen.“ „Dann ist das richtig, was der medizinische Assistent gesagt hat.“, sagte Korelem fasziniert. „Stimmt schon. Als Gesichtspiercings könnten die nicht durchgehen.“ „Genau.“, lachte ich. „Außerdem bin ich allergisch. Ich darf noch nicht mal Ohrringe tragen.“ „OK.“, meinte er und ich glaubte aus seiner Stimme eine gewisse Scham zu hören. „Ist schon OK.“, sagte ich tröstend. „Wie Sie schon festgestellt haben, komme ich so auch prima klar. Das Hilfsprogramm habe ich übrigens schon seit meiner Zeit als Kadettin. Sie mussten sich damals was einfallen lassen, als Dill, der Herrscher der Zeit, sie über mein Ankommen informierte. Jannings und Cenda hatten beide einen Vorschlag für ein Programm eingereicht und Jannings’ Modell gefiel mir am Besten.“

Korelem drohte, sich an seinem Nektar zu verschlucken. „Was war das?“, fragte er ungläubig. „Ein terranischer Programmierer hat eine Celsianerin geschlagen, der technisches Verständnis in die Wiege gelegt wurde? Ich hätte es mir umgekehrt schon vorstellen können, aber …“ „Ich bin eben schräg.“, grinste ich. „Außerdem wusste ich nicht, wer welches Programm geschrieben hatte, als ich wählen sollte. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte kurz. Ich muss noch etwas leiser stellen.“ „Schon klar.“, scherzte er. „Ich hätte es auch nicht gern, wenn mich der Schiffscomputer anschreit.“

Alesia und Sedrin waren mit Kings Fortschritten sehr zufrieden. Sedrin war, wie erwähnt, ins Gebäude des Geheimdienstes zurückgekehrt und hatte sich mit Alesia besprochen. Dabei hatten die Agentinnen auch das Thema Scotty nicht außer Acht gelassen. „Wir müssen leider noch warten.“, hatte Sedrin erklärt. „Allrounder Betsy ist auf einer Außenmission. Wenn sie zurück ist, werden wir es noch einmal versuchen.“ „Was ist, wenn sie das doch nicht so wegsteckt?“, hatte Alesia gefragt. „Dann hätte Scott Recht und wir müssten uns eine andere Möglichkeit suchen, an die strategisch wichtigen Informationen zu kommen. Scott verweigert sich ja nicht aus Bosheit, sondern weil er in erster Linie Angst um Allrounder Betsys Verfassung hat, wenn sie erfahren würde, dass er ein Denkmuster von Staatsfeind Nummer eins in seinem Gehirn trägt. Wir müssen abwarten.“ „Wie du meinst.“, entgegnete Alesia. „Dafür habe ich glaube ich bessere Informationen für dich. King macht sich sehr gut. Er wächst in seine Rolle als Frachterpilot sehr gut hinein. Eigentlich bist du dafür zuständig, ihm die Praxis beizubringen, aber er bestand auf einer Flugstunde und die konnte nur ich ihm während deiner Abwesenheit geben.“ „Schon gut.“, sagte Sedrin verständig. „Je schneller alles voran geht, desto besser. Die Situation auf Miray spitzt sich zu. Die Prinzessinnen haben jetzt jeweils einen Piloten, der für sie nach dem Tor zum Himmel suchen soll. Außerdem hassen sie sich so sehr, dass sie meines Erachtens nicht zögern werden, sich gegenseitig dabei zu behindern. Wir müssen wissen, wie wir das lösen können. Je eher wir King schicken können, desto eher hat der Allrounder einen weiteren Teil des Puzzles. Es scheint nur Komplikationen bei einer anderen Sache zu geben. Ich stehe in Kontakt mit Tamara, die in Kontakt mit Korelem steht. Er hat ihr gesagt, dass Allrounder Betsy immer noch nicht von Shimar träumt, obwohl er ihr das Geschenk bereits überreicht hat und sie es unter seiner Aufsicht sogar benutzt.“ „Vielleicht lügt Korelem ja auch diesbezüglich.“, vermutete Alesia. „Vielleicht hat er Skrupel. Ich meine, er ist immerhin Zivilist.“ „Das glaube ich nicht!“, sagte Sedrin fest. „Korelem ist sehr zuverlässig. Er wird alles tun, was er soll. Außerdem, warum sollte er Skrupel haben, Allrounder Betsy zu ermöglichen, Shimars Fortschritte zu überwachen und ihm gegebenenfalls zur Seite zu stehen? Sie weiß nicht, was dahinter steckt. Korelem schon und er weiß, dass es harmlos ist, was er mit ihr tun soll. Der Allrounder besitzt die optimalen Voraussetzungen. Ihre Muttersprache ist dem Mirayanischen von der Struktur sehr ähnlich. Ihr könnte als Einziger auffallen, was Brako wirklich gemeint hat.“

Alesia überlegte kurz. Dann sagte sie: „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass auch Allrounder Betsy gegenüber Korelem lügen könnte?“, fragte sie. „Denkst du, das würde sie tun?“, fragte Sedrin erstaunt. „Beantworte du mir das.“, grinste Alesia. „Du kennst sie länger und besser als ich.“

Jetzt war es Sedrin, die nachdenklich wurde. „Du könntest Recht haben.“, sagte sie. „Ihr Verantwortungsbewusstsein ist sehr stark. Es könnte sein, dass sie ihn nicht damit behelligen wollen wird, weil sie denkt, dass er als Zivilist davon nichts verstünde. Wir müssen das anders regeln. Ich gehe mal SITCHen.“ Sie verließ den Raum, in dem Alesia zurückblieb, um auf sie zu warten.

Kapitel 14 - Von Prinzen und „Bauern“ von Visitor

King war nach erfolgreichem Unterricht zufrieden in seine Wohnung zurückgekehrt. Hier hatte er Scotty zum ersten Mal wirklich angetroffen. In den letzten Tagen hatten die Männer eher aneinander vorbeigelebt. Jetzt saßen sie sich im gemeinsamen Wohnzimmer bei Kaffee, beziehungsweise Whisky, gegenüber. „Nun ma’ raus damit.“, schnodderte Scotty. „Was sind S’e für einer?“ „Über mich gibt es nicht viel zu erzählen.“, sagte King. „Ich bin neu nach Little Federation gezogen. Vorher wohnte ich in New York.“ King war über sich selbst erstaunt. Er hatte nicht gedacht, dass er so gut lügen konnte. Die falsche Identität, die ihm der Geheimdienst gegeben hatte, schien ihm in Fleisch und Blut über gegangen zu sein. „Die beiden geheimen Damen wollen mich zum Shuttleflieger ausbilden lassen.“, berichtete King weiter. Dass er Sedrin und Alesia so betitelte, sollten diese auf keinen Fall erfahren. „Wieso denn das?“, fragte Scotty in seiner gewohnt flapsigen Art.

King kam ins Schwimmen. Jetzt wusste er keine Antwort mehr. Sedrin und Alesia hatten ihm eingeimpft, auf keinen Fall die Wahrheit zu verraten. Aber jetzt musste er es ja schon fast.

Scotty sah, wie er sich nervös an seiner Tasse fest hielt und sie fast umstieß bei dem Versuch, einen kräftigen Schluck aus ihr zu trinken. „Na, na, mein Bester.“, meinte Scotty, während er die mobile Einheit des Reinigungssystems holte, um den ganzen Kaffee, der inzwischen daneben gegangen war, hinein zu beamen und ihn dann der Materierückgewinnung zu überantworten. „Is’n das so schlimm?“, fragte Scotty weiter.

King gab sich einen sichtbaren Ruck und meinte dann: „OK, Mr. Scott. Aber Sie dürfen unseren Babysittern nicht sagen, dass ich Ihnen gesagt habe, wer ich bin und was ich über die Miray-Sache weiß.“ Scotty wurde hellhörig. „Miray?“, fragte er. „Na dann erzählen S’e ma’.“

Wie vereinbart hatte Ginalla Alegria gemeldet, dass Shimar von Hestia angenommen worden war. Jetzt saßen die Prinzessin und ihre celsianische Mitstreiterin in Alegrias Gemach. „Hat er bereits irgendeine Ahnung?“, fragte Alegria. „Kann ich nicht sagen.“, erwiderte Ginalla. „Kamurus, mein Schiff, hat nur gesehen, dass er in einer ganz bestimmten Richtung das Sonnensystem verlassen hat.“ „Konntest du einen Kurs extrapolieren?“, fragte die Königstochter. „Nein.“, gab Ginalla zu. „Kamurus sagt, es kämen mehrere Ziele in Frage. Aber Ihr werdet doch nicht verlangen, dass ich einfach nur hinterher fliege.“

Alegria schüttelte mit dem Kopf, um den ihr langes schwarzes Haar wallend herumwirbelte. „Es soll dir ja keiner vorwerfen können, du würdest dich mit fremden Federn schmücken. Nein, wir werden eine andere Möglichkeit finden müssen, das Tor zuerst zu finden.“

Ginallas Blick fiel auf eine Konsole auf Alegrias Schreibtisch, die mit etwas beschäftigt zu sein schien. Jedenfalls interpretierte das technisch geschulte Auge der Celsianerin den sich ständig verändernden Bildschirm so. Auch Alegria sah von Zeit zu Zeit hin. „Schock schwere Not!“, sagte sie schließlich. „Warum kann mein Rechner keinen Kontakt mehr zur Sternenflottendatenbank bekommen?! Bitte sieh dir das an, Ginalla!“

Grinsend ging die Celsianerin zur Konsole und schaute auf den Schirm. Allerdings schien ihr Blick eher gelangweilt, als würde sie genau wissen, wo der Hase im Pfeffer lege. „Ihr kriegt keine Verbindung, weil Euer Rufzeichen ein alegrisches ist. Das habt ihr Euch aber selbst zuzuschreiben. Nachdem Ihr und Eure Schwester Eure eigenen Staaten ausgerufen habt, mit denen die Föderation ja offiziell keinen Kontakt hat, hat Nugura sicher die Rufzeichen in der Datenbank sperren lassen.“ „Darf sie denn das?!“, empörte sich Alegria. „Ja, das darf sie wohl.“, vermutete Ginalla. „Oder würdet Ihr Euer Wissen jemandem zur Verfügung stellen, der es ohne zu zögern sogar im Krieg gegen die eigenen Verwandten nutzen könnte? Ich meine nicht als Alegria, die einen Staat lenkt, der mit einem anderen im Krieg ist, sondern als neutrale Macht, die einen ebensolchen nicht noch anfachen, beziehungsweise unterstützen, will.“ „Du denkst an eine Art Erziehungsmaßnahme?“, fragte Alegria. „Was nimmt sich diese Nugura da gegenüber mir heraus?“ „Ne.“, grinste die Celsianerin. „Ich denke daran, dass Nugura sich nicht einmischen darf und keinem einen Vorteil gewähren darf, wie es die Gesetze der Föderation vorschreiben.“

Alegria warf einen resignierenden Blick zu Ginalla. „Wenn ein alegrischer Rechner keinen Zugriff bekommt, wie können wir dann Informationen erhalten?“ „Ich habe keinen alegrischen Rechner, Euer Hoheit.“, grinste Ginalla. Dann zog sie ihr Sprechgerät: „Kamurus, zwei zum Beamen.“ Auch Alegria grinste.

Ginalla und Alegria fanden sich bald darauf an Bord von Kamurus wieder. Die Celsianerin holte lächelnd einen weiteren Neurokoppler aus einem Fach unter der Konsole und gab ihn der Prinzessin. „Setzt den bitte auf.“, bat sie. „Er könnte gleich noch wichtig werden.“

Alegria sah das Ding in ihrer Hand verwirrt an. „Wie soll ich ihn aufsetzen?“, fragte sie.

Mit einer schnellen Bewegung zog Ginalla ihr das Diadem vom Kopf, das sie immer noch trug und ersetzte es durch den Neurokoppler, der wie ein Haarreif aussah, was Neurokoppler im Allgemeinen tun. Dann nahm sie ihren Eigenen zur Hand. Sie steckte beide Anschlüsse in entsprechende Buchsen an der Konsole. Dann gab sie dem Schiff den Gedankenbefehl: Kamurus, erstelle von Prinzessin Alegria eine Reaktionstabelle und lade sie. Dann können wir uns zumindest gescheit unterhalten.

Wenig später sah Alegria den verwegen dreinschauenden Kerl vor sich, der Kamurus’ Avatar war. Sie erschrak und wich instinktiv zurück. Da der Mann aber nicht wirklich vor ihr stand und sich alles nur in ihrem Kopf abspielte, nützte das nichts. An den medizinischen Werten der Prinzessin jedoch konnte Kamurus ablesen, dass sie große Angst haben musste. „Ich wollte Euch nicht erschrecken, Königliche Hoheit.“, beruhigte Kamurus sie mit seiner warmen tiefen Stimme, die Alegria nicht erwartet hatte. Sie hatte ein Krächzen wie von einem alten Seebären erwartet und schon gar keine so warme Formulierung. Die Diskrepanz zwischen dem Aussehen des Avatars und seiner Sprechweise ließ sie einen fragenden Blick zu Ginalla werfen. „Ich habe ihn mit Absicht so programmiert.“, sagte die Celsianerin. „Als ich Kamurus auflas, wollte er von mir als Erstes wissen, wie sein Avatar aussehen sollte und sprechen sollte. Das habe ich ihm dann gesagt und hier ist das Ergebnis.“ „Ich nehme an, du hast dir dieses Bild vorgestellt und er hat es umgesetzt.“, verstand Alegria. „Genau so war es.“, gestand Ginalla.

„Lass uns jetzt bitte zum Geschäftlichen kommen.“, wurde Alegria ungeduldig. „Wie Ihr wünscht.“, erwiderte Ginalla. Sie ließ Kamurus ein Programm aufrufen, mit dem sie die Seiten des Föderationsnetzwerkes lesen konnte. Ins Anmeldefeld gab sie per Gedankenbefehl ihren eigenen Benutzernamen und ihr privates Kennwort ein. „Du bist sicher, dass dies funktionieren wird?“, fragte Alegria. „So sicher wie das Amen in der Kirche.“, schnodderte Ginalla zurück. „Ich bin Bürgerin der Föderation. Ich darf das. Nur Ihr dürft das nicht mehr. Nur, wenn der Rechner meine Benutzerdaten sieht, meint er, ich will privat an die Infos. Der Ärmste weiß ja nicht, dass ich für Euch arbeite.“ Alegria pfiff durch die Zähne.

Der Schiffsavatar räusperte sich. Dann sahen Ginalla und Alegria die Eingangsseite des Föderationsarchives. Die Celsianerin lenkte den Cursor auf ein Suchfeld. „Lass ihn nach allem suchen, worin das Tor zum Himmel vorkommt!“, befahl Alegria. „Wie Madam befehlen.“, lächelte Ginalla und gab per Gedankenbefehl Das Tor zum Himmel in die Suchmaske ein. Wenige Sekunden danach sahen die Frauen eine Menge Links auf dem virtuellen Schirm vor ihren geistigen Augen, die fast alle auf die genesianische Mythologie hinwiesen. „Warum ist unsere Mythologie nicht erwähnt?“, fragte Alegria. „Aus demselben Grund, aus dem Ihr da nicht rein kommt.“, erklärte Ginalla. „Alles, was mit Miray zu tun hat, ist gelöscht.“

Die Celsianerin ließ ihren Blick über den virtuellen Schirm wandern. Da Kamurus beide Tabellen geladen hatte, konnte auch Alegria dies sehen. Schließlich klickte die Celsianerin ein Link an, das auf eine genesianische Zeremonie hinwies, bei der man das Tor zum Himmel durchschreiten würde. Dann würde man zwar ins Gore, das genesianische Totenreich, kommen, aber das machte nichts. Zumindest machte es Alegria nichts, die darauf sagte: „Ginalla, ich will, dass du die Genesianer aufsuchst und bei der Zeremonie mitmachst. Hier steht, dass sie dich zwar an den Abgrund des Todes führen wird, aber sie ist auch ein Teil jeder Initiationsfeier, bei der eine junge Kriegerin in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen wird. Wenn dabei alle sterben würden, wäre das sehr schlecht. Ich habe also die Hoffnung, dass du es überlebst.“

Ginalla zögerte. Dann aber besann sie sich auf ihr altes Lebensmotto. „Was soll’s.“, sagte sie. „No risk, no fun. Ich werde Euch absetzen und dann sofort los fliegen. Kamurus, beam’ die Prinzessin wieder in ihr Schloss. Dann setzt du Kurs nach Genesia Prime.“

Das Schiff tat zunächst, was seine Pilotin ihm aufgetragen hatte. Dann aber wandte sich Kamurus mit sorgenvollem Gesicht an sie. „Bist du sicher, dass du das wirklich willst, Ginalla?“, fragte er alarmiert. „Sicher bin ich sicher.“, grinste Ginalla. „Unser Soldat, der unser Gegner ist, wird alles tun, um uns auszustechen. Aufgrund seiner militärischen Ausbildung wird auch er Gefahren eingehen, denke ich. Wir dürfen ihm da in nichts nachstehen. Sonst findet er das Tor noch vor uns und dann bezahlt Alegria mich nicht, weil ich keine Leistung erbracht habe. Irgendwie muss man ja überleben.“ „Darf ich dich darauf hinweisen, dass Vermögen in der Föderation nicht mehr notwendig ist?“, erwiderte das Schiff. „Klar darfst du das.“, grinste Ginalla zurück. „Aber das heißt nicht, dass ich deinem Hinweis folgen muss. Ich habe nämlich nicht mehr vor, in der Föderation zu leben. Ich bin eine Aussteigerin, schon vergessen? Außerhalb der Föderation gibt es noch genug Spezies, die einen guten Barren in Gold gepresstes Latinum zu schätzen wissen und bei denen man ohne das nicht weiter kommt.“

Kamurus ließ den Avatar die Hände vor das Gesicht schlagen. Er hatte so gehofft, es ihr ausreden zu können. Er hatte es so gehofft! „Mach dir nich’ ins Hemd.“, sagte Ginalla abfällig. „Wird schon schiefgehen.“ „Mir persönlich wäre wohler, wenn es nicht schiefginge.“, meldete Kamurus Bedenken an. „Du weißt doch, dass man das nur so sagt.“, sagte Ginalla. Sie war über das Verhalten ihres Schiffes sehr genervt. Andererseits wusste sie, dass solche Schiffe eine extrem enge Beziehung zu ihren Piloten entwickeln konnten, die sogar so weit gehen konnte, dass sie das dringende Bedürfnis verspürten, auf sie aufzupassen. An so ein Exemplar war sie wohl geraten. Ginalla wusste das, weil sie die alten Berichte auch gelesen hatte. Sie wollte schließlich genau wissen, auf was sie sich mit Kamurus einließ.

Widerwillig setzte Kamurus Kurs in Richtung der genesianischen Heimatwelt. „Ich muss dich auf noch etwas hinweisen.“, sagte er. „Die Genesianer haben eine matriarchalische Gesellschaftsstruktur. Bitte lass dir nie einfallen, eine Kriegerin mit hier her an Bord zu bringen. Sie würde …“ „Dann kannst du ja froh sein, dass ich eine Frau bin.“, sagte Ginalla lakonisch.

Korelem saß da und benutzte das Sprechgerät, während ich schlief. Er hatte das Rufzeichen des Chief-Agent eingegeben. Außerdem hatte er mich mit meinem eigenen Erfasser gescannt, den er mir im Schlaf in Taschendiebmanier aus der Tasche gezogen hatte. „Sie lügt.“, hatte er gegenüber Tamara festgestellt. „Sie träumt sehr intensiv und mein Geschenk tut sein Übriges. Können Sie sich vorstellen, Tamara, warum sie mich angelogen hat?“ „Das kann ich sehr wohl.“, gab die Halbklingonin zurück. „Sie denkt, dass Sie ein Zivilist sind, der mit der Sache überfordert wäre. Danke für Ihre Information, Korelem. Ich dachte schon, wir könnten unseren Plan vergessen. Jetzt kann ich auch Sedrin und Alesia gegenüber Entwarnung geben.“ „Ganz ehrlich, Tamara.“, lächelte Korelem. „Sie hatten doch bestimmt einen Plan B.“ „Sicher hatten wir das.“, gab Tamara zurück. „Aber …“

Ich hatte mich bewegt. „Wir müssen aufhören.“, flüsterte Korelem. „Sie wacht auf.“ Er betätigte die 88-Taste.

Jenes Geräusch hatte ich mitbekommen. Jenes Geräusch, das einer jeden Kommunikationsoffizierin in Fleisch und Blut übergegangen sein sollte. „Haben Sie geSITCHt?“, fragte ich. „Ja.“, gab er zu. „Mit zu Hause. Ich habe mit zu Hause gesprochen.“ „Ihre Familie hat aber große Sehnsucht nach Ihnen.“, schmunzelte ich ihn an. „Das haben sie, in der Tat.“, gab er zurück und ich bekam das Gefühl, dass er sich irgendwie ertappt fühlte. Deshalb lenkte ich das Gespräch schnell auf ein anderes Thema. „Sie sagten, Sie seien Wissenschaftler.“, fasste ich zusammen. „Was für eine Art von Wissenschaftler denn?“ „Ich bin Heraldiker.“, sagte Korelem. „Interessant.“, entgegnete ich. „Ein Ahnenforscher.“ Dann setzte ich mich auf und befahl in Richtung Computer: „Computer, Autopilot deaktivieren! Ich übernehme!“

Shimar und IDUSA waren mittlerweile ins lithianische Sonnensystem eingetreten. „Was soll ich eigentlich mit den ganzen gestückelten Delikatessen im Transporterpuffer machen?“, wollte das Schiff wissen. „Soll ich sie als Energie in den Weltraum entleeren, wollen Sie sie behalten und vielleicht doch noch essen, oder soll ich sie vielleicht in Stase versetzen, damit sie nicht schimmeln, um sie in Sonden zu verfrachten, die ich zur Station schicke.“ „Was soll das mit den Sonden?“, erkundigte sich Shimar. „Damit könnte ich Maron und Zirell beweisen, wie überaus moralisch einwandfrei Sie gehandelt haben und wie standhaft Sie gewesen sind, Sie Held.“ Sie ließ ihren Avatar Shimar einen schmachtenden Blick zuwerfen. „War kein Problem.“, tat dieser ihre Äußerung ab. „Wenn man weiß, was das für Konsequenzen haben kann, ist einiges möglich. Aber zu deiner Frage: Mach das mit den Sonden!“ „Wie Sie wollen.“, sagte das Schiff und ließ einige Sonden von ihrem Replikator herstellen, die sie in die entsprechenden Vorrichtungen beamte, um dann die Speisen in deren Laderäumen zu materialisieren. Dann startete sie die Sonden und gab ihnen den Kurs ins tindaranische Universum zu ihrer Heimatbasis ein. „Zirell wird sich wundern.“, stellte Shimar fest. „Wird sie nicht.“, widersprach IDUSA. „Ich werde eine entsprechende Mail senden, in der sie über alles informiert wird. Wenn Sie nichts dagegen haben natürlich.“ „Mach es so!“, sagte Shimar mit einem Grinsen. Diesen Spruch hatte er sich zweifelsfrei von der Sternenflotte abgeschaut, was dem Schiff nicht verborgen geblieben war.

„Wo wir gerade von der Sternenflotte reden.“, sagte IDUSA. „Wie geht es eigentlich Allrounder Betsy? Haben Sie schon mal wieder von ihr gehört?“ „Jein.“, überlegte Shimar. „Ich glaube, dass ich sie letzte Nacht im Traum gesehen habe und die Nacht davor auch.“ „Das ist nichts Ungewöhnliches.“, erklärte IDUSA. „Wir befinden uns im Universum der Föderation, also im Heimatuniversum des Allrounders. Sie beide haben eine Beziehung und somit besteht zwischen Ihnen eine Schutzverbindung. Sobald Sie sich im selben Universum befinden, treten alle Eigenschaften dieser Verbindung auf.“ „Das weiß ich!“, sagte Shimar unwirsch. „Aber wie erklärst du dir, dass ich sie sogar gesehen habe, als ich noch auf der Station war? In der letzten Nacht vor unserem Abflug, da habe ich sie gespürt wie letzte Nacht auch. Aber da waren wir noch nicht in einem Universum.“ „Das ist korrekt.“, antwortete das Schiff.

„Die Einzige, die eine Möglichkeit und ein Motiv hätte, mir vorzugaukeln, sie sei Betsy, ist Sytania.“, überlegte der Patrouillenpilot halblaut. „Wenn ich glauben würde, ich träume von Betsy, würde ich sicher alles tun, was sie sagt, zumal dann, wenn sie mir signalisieren würde, dass sie mir helfen wolle.“

IDUSA ließ ihren Avatar ein erschrockenes Gesicht machen und sie aufspringen. „Würden Sie das nicht telepathisch überprüfen?!“, fragte sie alarmiert. „Doch.“, beruhigte Shimar. „Jedenfalls würde ich es versuchen, aber ich gehe davon aus, dass Sytania, wenn sie so etwas wirklich vorhat, lang genug übt, um mich hereinzulegen. Aber die Auflösung deiner Sensoren ist viel besser als meine Wahrnehmung. Du bist in der Lage, sogar kleinste Abweichungen zu sehen.“ „Korrekt.“, sagte IDUSA. „Allrounder Betsys und Sytanias Neuralmuster würden sich immer durch eine kleine Abweichung unterscheiden. Ich bezweifle, dass ein Sternenflottenerfasser in der Lage wäre, dies zu sehen, aber ich kann es. Also, ich werde Sie jetzt untersuchen.“

Sie ließ die Steuerkonsole vor Shimars geistigem Auge verschwinden. Der Pilot wusste, was dies bedeutete. Sie hatte die Kontrolle übernommen. Da Shimar bei der Untersuchung sozusagen mithelfen musste, war dies das Beste. Sie war multi-tasking-fähig. Das machte es ihr möglich, sich gleichzeitig selbst zu steuern und den komplizierten Vorgang der Untersuchung ablaufen zu lassen.

IDUSA ließ ein Lämpchen über einem der Ports an der Konsole mit den Anschlüssen blinken. „Bitte konzentrieren Sie sich darauf.“, wies sie Shimar an. „Wenn wir alle Ihre geistige Energie in Ihrem Viso-Cortex sammeln, kann ich die anderen nach Sytanias Energie absuchen.“

Shimar sah in die Richtung und begann, sich auf die Lichtquelle zu konzentrieren, wie IDUSA es ihm gesagt hatte. „Es gibt nur das Licht.“, sagte sie. „Sie nehmen nichts mehr wahr als das Licht. Versuchen Sie, das zu erreichen.“ Tatsächlich gelang es Shimar nach einer ganzen Weile, fast meditativ seine Umgebung auszublenden. Er fühlte sich wie in einem leeren hellen Raum, isoliert von allen Eindrücken. Nur der kleine Lichtpunkt auf der Konsole war noch da. IDUSA scannte dabei jeden Zentimeter seines Gehirns.

Um Shimar zu signalisieren, dass dieser Teil der Untersuchung vorbei war, ließ sie das Licht erlöschen. „Was hast du gemacht?“, fragte er irritiert. „Ich habe die Untersuchung beendet.“, sagte der Rechner nüchtern. „So, jetzt habe ich alle anderen Sinneszentren durch, bis auf Ihren Viso-Cortex. Um den zu untersuchen, müssen wir Ihre Energie woanders hin verlagern.“

Sie aktivierte den Lautsprecher im Cockpit und ließ eines von Shimars Lieblingsstücken ablaufen. „Weiß schon Bescheid.“, sagte Shimar und begann, sich in der gleichen Weise auf das Lied zu konzentrieren, in der er sich vorher auf das Licht konzentriert hatte. Wenige Sekunden danach war IDUSA auch mit dieser Untersuchung fertig. „Ich habe keine Energie von Sytania festgestellt.“, sagte sie. „Das ist ja beruhigend.“, atmete Shimar auf. „Auf diese Weise wird sie sich also nicht einmischen.“ „Was macht Sie eigentlich so sicher, dass sie sich einmischen wird?“, fragte das Schiff. „Montgomery macht mich sicher, IDUSA.“, gab Shimar zurück. „Ich konnte ihn zwar während unseres Gespräches telepathisch nicht spüren, weil er nicht mit mir in der gleichen Dimension war, aber er schien verdammt sicher, dass sie sich einmischen würde. Deshalb hat uns Zirell ja auch diese Befehle erteilt.“ „Sie meinen den Befehl, auf Ginalla aufzupassen.“, sagte IDUSA. „Genau den meine ich.“, sagte Shimar. „Was tut Ginalla übrigens?“

IDUSA stellte ihm ein Bild durch, das sie von der Sensorenplattform, mit der sie in Kontakt stand, erhalten hatte. Shimar sah Kamurus, der sich am Rand des genesianischen Sonnensystems befand. „Wo fliegt sie hin?!“, fragte Shimar alarmiert. „Extrapoliere ihren Kurs!“ „Sie ist unterwegs zur Heimatwelt der Genesianer.“, sagte das Schiff, nachdem sie den Vektor, den Kamurus flog, bis zum nächst gelegenen Planeten verlängert hatte. „Ach du Sch …!“, entflog es Shimar. „Sie ist Bürgerin der Föderation. Die sind mit den Genesianern verfeindet! Die werden sie einen Kopf kürzer machen, wenn sie Genesia Prime betritt. Wenn es dazu überhaupt kommt. Die Patrouillen werden sie abfangen und dann …“ „Das glaube ich nicht.“, beruhigte ihn IDUSA. „Die Genesianer sind ehrenhafte Krieger wie die Klingonen. Sie würden niemals ein ziviles Schiff angreifen, auch wenn eine Celsianerin darin sitzt. Vielleicht wird man sie eskortieren, aber mehr passiert meines Wissens nicht. Shashana ist eine sehr weltoffene oberste Prätora. Sie wird ihren Kriegerinnen befehlen, erst die Fragen zu stellen und dann zu schießen.“ Sie ließ ihren Avatar verschmitzt lächeln. „Hoffentlich hast du Recht.“, sagte Shimar und verhehlte nicht, dass er ein extremes Bauchgrummeln verspürte. Der Gedanke, dass eine Zivilistin bald allein unter genesianischen Kriegerinnen sein würde, die ein lockeres Mundwerk besaß, behagte ihm gar nicht. Wenn die Genesianerinnen nur halb so temperamentvoll wie die Klingonen waren, konnte es sehr leicht zu Missverständnissen kommen, die diplomatische Verwicklungen nach sich ziehen könnten. Shimar wünschte so sehr, dass er an mehreren Orten gleichzeitig sein könnte, was dem Schiff, das seine Reaktionstabelle noch immer geladen hatte, nicht entgangen war. „Sie hätten nichts tun können.“, erklärte IDUSA. „Selbst, wenn Sie dort wären, hätten Sie die Genesianerinnen nicht beeinflussen können. Die hätten Sie nicht ernst genommen. Sie sind ein Mann. Ihr Geschlecht steht bei denen noch unter den Tieren.“ „Dann hätte ich eben dir das Reden überlassen.“, grinste Shimar. „Ach.“, meinte IDUSA. „Sie wissen doch genau, was ich meine.“

Ein SITCH ließ Shimar aufhorchen. „Tindaranisches Shuttle, Sie befinden sich in unserer Umlaufbahn.“, sagte eine ruhige freundliche Frauenstimme. „Bitte erklären Sie den Grund für Ihre Anwesenheit.“ „Stell mich an sie durch!“, befahl Shimar. „Sie können sprechen.“, sagte IDUSA und führte seinen Befehl aus. „Ich bin Shimar, Patrouillenpilot der tindaranischen Streitkräfte. Ich muss mit einem Ihrer Bürger in geheimer Angelegenheit sprechen.“, sagte Shimar.

Positionslichter wiesen Shimar und IDUSA augenblicklich zu einer Schleuse am Raumflughafen. Der Grund hierfür wunderte ihn zwar, aber Shimar war zuversichtlich, ihn herauszufinden, wenn er nur lang genug mitspielte. „Ich kann Sie direkt in Tamins Vorgarten beamen.“, sagte IDUSA. „OK.“, erwiderte Shimar. „Lass uns keine Zeit verlieren!“

Zirell und Maron saßen im Kontrollraum der tindaranischen Basis und gingen ihrem Dienst nach. Immer noch fand Maron es etwas eigenartig, dass Zirell so auf die genaue Formulierung bestand. Er wusste ja noch nicht, wie wichtig diese noch sein würde.

Joran saß an der Kommunikation im gleichen Raum. Er hatte der Diskussion seiner beiden Vorgesetzten zugehört und fand sie eigentlich sehr amüsant. „Ich kann mir nicht vorstellen, Zirell, warum Brako so auf die genaue Formulierung gedrängt haben sollte. Was für einen Sinn sollte das haben?“, fragte Maron. „Das weiß ich nicht.“, antwortete Zirell. „Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass er aus irgendeinem Grund genau so formuliert hat und nicht anders. Sein Testament besteht laut der Aufzeichnung der Granger nur aus dem einen Satz. Aber ich denke, gerade das ist der Punkt, auf den wir achten müssen. IDUSA hat uns außerdem gerade eine Datei überspielt, die sie von Prinzessin Hestia bekommen hatte. Sie enthält einige wenige Hinweise auf das Tor zum Himmel. Außerdem geht es um einen lithianischen Forscher namens Tamin, der der Co-Autor dieser Forschungsarbeit ist.“ „Wenn man das überhaupt eine Forschungsarbeit nennen kann.“, kritisierte Maron. „Das ist höchstens eine Seite und die steckt voller Spekulationen.“

„Anführerin!“, wendete sich Joran plötzlich an Zirell. „Ich sehe etwas sehr Eigenartiges.“ Die tindaranische Kommandantin nahm ihren Neurokoppler zur Hand und schloss ihn an. Gleich darauf lud IDUSA ihre Reaktionstabelle. „Sag IDUSA, sie soll es uns allen durchstellen!“, befahl sie dann. Joran nickte und gab dem Rechner den entsprechenden Gedankenbefehl.

Zirell staunte über die große Anzahl kleiner Frachtsonden, die sich auf die Station zu bewegten. „Was ist das, Joran?“, fragte sie mit extrem viel Verwunderung in der Stimme. „Ich habe keine Ahnung, Anführerin.“, gab der Vendar zurück. Auch Joran beobachtete das Geschehen mit großem Interesse.

Wie gebannt hatten alle auf den virtuellen Schirm vor ihren geistigen Augen gestarrt, als Maron schließlich sagte: „IDUSA, senden die Sonden ein Transpondersignal?“ „Positiv.“, antwortete der Rechner. „Dann verbinde mich mit der Führungssonde.“ „Verbale Kommunikation mit den Sonden ist leider nicht möglich.“, erwiderte IDUSA. „Es ist aber gerade eine SITCH-Mail von der Führungssonde eingegangen.“ „Zeig her!“, befahl Maron.

Die 10-seitige Mail, in der IDUSA detailliert beschrieben hatte, was im Gemach der Prinzessin geschehen war, überflog Maron nur kurz. Dann sagte er: „Joran, lass IDUSA die Sonden anweisen, ihre Fracht auf das Deck vor den Schleusen zu beamen. Ich komme gleich dort hin.“ „Wie du wünschst, Vertreter meiner Anführerin.“, gab Joran zurück und rief das Programm zum Versenden von SITCH-Mails auf. Maron warf Zirell einen kurzen fragenden Blick zu, worauf sie nur nickte. Dann verließ er den Kommandostand.

O’Riley war in der technischen Kapsel allein und wunderte sich doch sehr über die Vorgänge an der Andockschleuse. Vor allem wunderte die blonde Irin der Umstand, dass es kleine weiße Röhrchen zu regnen schien, wie sie zur Aufbewahrung von biologischem Material bei der kriminalistischen Beweisführung benutzt wurden. Sie ging hin und sammelte so viele der Röhrchen ein, wie sie gerade finden konnte und wie in ihre Taschen passten. In diesem Moment betrat Maron den Ort des Geschehens. „Bericht, O’Riley!“, forderte er. Shannon, die den Blick bis dahin starr nach unten gerichtet hatte, sah auf. „Sorry, Sir.“, sagte sie. „Habe Sie nich’ gesehen.“ „Schon gut, Technical Assistant.“, sagte Maron. Dann begab auch er sich auf die Knie und sammelte mit ihr Röhrchen auf. Diese steckte er in eine eigens dafür mitgebrachte Tasche. „Hätte ich auch drauf kommen können.“, sagte Shannon und kramte in den Taschen ihrer Uniform. Die dabei zum Vorschein kommenden Röhrchen ließ sie ebenfalls in Marons Tasche gleiten. „Sie wollten doch wohl keine Beweise unterschlagen?“, grinste Maron. „Ne.“, flapste Shannon. „Wollte ich nich’. Ich hätte alles brav bei Ihnen abgeliefert.“ „Da bin ich ja beruhigt.“, meinte der Agent.

Sie hatten den gesamten Fußboden von den Röhrchen befreit und Maron hatte extra noch einmal mit dem ballistischen Erfasser nachgesehen. Aber er hatte kein einziges Röhrchen mehr finden können. Die Sonden waren auch fort. Genauer hatten sie sich an die freien Schleusen begeben, wo Jenna sich um sie kümmerte.

„Sie sprachen von Beweisen, Sir.“, meinte O’Riley. „Denken Sie, die Dinger weisen auf ein Verbrechen hin? Glauben Sie, da sind Leichenteile drin oder so was? Hoffentlich mussten Shimar und IDUSA nicht mit ansehen, wie diese Hestia ihre Schwester zerstückeln lassen hat oder so.“

Maron überlegte, ob er ihr nicht einen kleinen Streich spielen sollte. „Leichenteile. hm.“, überlegte er. „Könnte in gewisser Weise schon hinkommen. Hier, halten Sie mal.“

Er drückte ihr die Tasche in die Hand und nahm ein x-beliebiges Röhrchen heraus, um es mit seinem ballistischen Erfasser zu scannen. Dabei nahm er sich viel Zeit und beobachtete Shannons Reaktion genau aus dem Augenwinkel. Der Ekel, mit dem sie die Tasche hielt, blieb ihm nicht verborgen. „Oh, ja.“, grinste er dann. „Es handelt sich eindeutig um Leichenteile.“ „Scheiße!“, stammelte Shannon. „Also doch.“ Maron nickte. Dann sagte er: „Geben Sie mir die Tasche. Ich muss zu Ishan.“ Geschockt gab Shannon die Griffe der Tasche mit spitzen Fingern in die Hände des erfahrenen Kriminalisten. Maron steckte das Röhrchen, das er gescannt hatte, ebenfalls wieder in die Tasche und ging. „Igitt!“, meinte Shannon. „Das sind ja raue Sitten auf Miray.“

Kapitel 15 - Ein entscheidender Hinweis von Visitor

Korelem und ich hatten das alaranische Sonnensystem erreicht. „Bald sind Sie zu Hause, Korelem.“, erklärte ich. „Das sehe ich.“, sagte er. „Ich frage mich nur eines: Wie werden Sie das mit der Einweisung machen? Sie können doch keine Positionslichter sehen.“ „Ich nicht.“, erwiderte ich. „Aber der Computer.“ „Ich bin neugierig, das zu sehen.“, sagte Korelem.

„Die SITCH-Reichweite der alaranischen Anflugkontrolle ist erreicht.“, hörten wir beide die Computerstimme des Shuttlerechners. „OK.“, sagte ich. „Passen Sie auf, Korelem, jetzt wird es spannend.“

Ich nahm das Mikrofon, bestätigte das Rufzeichen per Entertaste und sagte: „Alaris Anflugkontrolle, hier spricht Allrounder Betsy an Bord von USS Granger Shuttle drei. Erbitte Zuweisung einer Schleuse zur Überbringung eines Passagiers.“ „OK, Allrounder.“, gab eine freundliche Männerstimme zurück. „Folgen Sie den Positionslichtern.“ Er drückte die 88-Taste.

Ich bemerkte, dass Korelem das Herz in die Hose zu rutschen schien. „Keine Angst.“, sagte ich. „Das wird schon schiefgehen.“ „Hoffentlich nicht.“, meinte er. „Ich wünschte, ich könnte dieses Ding fliegen. Dann könnte ich Ihnen jetzt zumindest helfen. Warum haben Sie denen nicht gesagt, dass Sie die Lichter nicht sehen können. Die hätten Sie doch sicher auch runter sprechen können.“ „Weil ich das nicht brauche.“, antwortete ich zuversichtlich. „Und, wenn Sie mich jetzt machen lassen, werden Sie auch gleich sehen, wie es geht!“ Bei meinen letzten Sätzen war ich etwas energischer geworden. „Schon gut.“, beschwichtigte er. „Ich frage nicht länger.“ Er lehnte sich zurück.

Ich drehte mich zum Rechner und sagte: „Computer, Positionslichter suchen und interpretieren.“ „USS Granger Shuttle drei, gehen Sie auf Kurs 20, Vertikale 31,2, Höhenvektor 300.“, übersetzte die Rechnerstimme. „Genannte Anweisungen ausführen!“, befahl ich. Der Computer gab ein kurzes Signal von sich und führte meinen Befehl aus. „Höhenvektor mit 200 m pro Sekunde senken. Kurs beibehalten.“, übersetzte der Rechner weiter. „Alle weiteren Anweisungen ausführen!“, befahl ich. Ich wusste, der Computer würde uns landen müssen. Ich war nämlich vollauf damit beschäftigt, das ängstliche Bündel Insekt neben mir zu trösten. „Woher kann er das?“, fragte Korelem. „Es gibt ein eindeutiges Alphabet für Positionslichtsignale.“, erklärte ich. „Auf die ist mein Hilfsprogramm eingestellt. Bei der Zuverlässigkeit der heutigen Sensoren ist das alles kein Problem.“ Korelem atmete auf.

Wir hatten wohlbehalten an der Schleuse gedockt, was uns Korelem aufgrund der Fakten zuerst nicht zugetraut hatte. Dann aber war er doch froh, den Boden des alaranischen Raumflughafens unter seinen Füßen zu spüren. „Wie ich schon gesagt hatte.“, sagte er. „Sie sind ein faszinierendes kleines Ding. Ich habe zum Abschied noch etwas für Sie.“ Er machte eine dramatische Pause. „Was ist es?“, wollte ich wissen, die ich mich nicht mehr all zu lange auf Alaris aufhalten wollte. Ich wusste, man würde mich auch bald wieder auf der Granger benötigen und mich sicher schon vermissen. „Es ist eine Information.“, sagte Korelem. „Sie wissen, Betsy, ich bin Heraldiker. In meiner Eigenschaft als solcher habe ich herausgefunden, dass die beiden Prinzessinnen noch einen Bruder haben, der zwar älter als die Frauen ist, aber bei Zeiten abgedankt hat. Er hat also mit der mirayanischen Thronfolge nichts mehr zu tun. Seine Spur verliert sich auf Terra, Ihrem Heimatplaneten. Gerüchten nach soll er dort in eine Stadt Namens Little Federation gezogen sein. Aber wie gesagt , das sind nur Gerüchte.“ „Warum erzählen Sie mir das, Korelem?“, erkundigte ich mich. „Das werden Sie schon noch feststellen.“, sagte er geheimnisvoll. „Denken Sie bitte daran, auch weiterhin unseren Freundschaftskelch zu benutzen.“, sagte er und erhob sich in die Lüfte.

„Ich werde zum Abschied noch etwas mit Ihnen tun, das keine geheime Bedeutung hat.“, sagte er noch. Dann rieb er mir einen seiner weichen seidigen Flügel quer durch das Gesicht. Unwillkürlich musste ich grinsen. „Ich wusste, Sie mögen das.“, lächelte er und drehte ab, um im Gebäude zu verschwinden. Ich wusste, das hatte er nur getan, um mir eine Freude zu machen.

Ich blieb verwundert an der Luke des Shuttles zurück. Was sollte ich mit der Information über den verschwundenen Prinzen anfangen? Warum hatte er mir sie nur gegeben? Ob ich sie dem Geheimdienst weiter geben sollte, oder sie besser für mich behielte, war nicht so ohne Weiteres zu ersehen gewesen. Ich beschloss, zunächst zur Granger zurückzufliegen. Irgendwann würde sicher ein Schuh draus. Aber die vielen Fragen würden mich nicht in Ruhe lassen, das wusste ich. Warum zum Beispiel sollte ich auf jeden Fall den Kelch weiter benutzen? Warum hatte Korelem so darauf bestanden? Wir kannten uns doch noch gar nicht so lange. Allerhöchstens zwei Wochen. Wenn er immer so schnell Freundschaften schloss, musste sein privater Terminkalender ja übervoll sein.

Ich stieg ins Shuttle und wies den Computer an, mich mit der Anflugkontrolle zu verbinden. Dann meldete ich mich ordnungsgemäß ab und startete. Ich würde in jedem Fall mit Mikel darüber reden, wenn ich wieder auf der Granger war. Allerdings würde ich ihn zunächst nicht in seiner Eigenschaft als ersten Offizier, sondern als meinen Schulfreund aufsuchen, mit dem ich sogar einmal eine längere Beziehung geführt hatte. Außerdem vertraute ich auf mein Glück oder besser auf die Tatsache, dass es immer irgendwie eine Lösung für jedes Geheimnis gegeben hatte. Sicher würde es in diesem Fall nicht viel anders sein.

Wie IDUSA es gesagt hatte, hatte sie Shimar direkt in den Vorgarten gebeamt. Der tindaranische Patrouillenflieger fand sich auf einer Wiese wieder, auf der Obstbäume standen. Links und rechts von der Wiese waren Blumenbeete und quer vor der Wiese verlief ein Fußweg. In der Ferne konnte Shimar ein Haus erkennen. Er konnte sich sehr gut vorstellen, dass dieses Grundstück sehr groß sein musste. Es würde ziemlich lange dauern, bis er zu Fuß auf jemanden treffen würde. Außerdem befürchtete er, sich in dem parkähnlichen Gewirr aus Beeten, Rasenflächen, Wegen und Bäumen zu verirren.

Shimar nahm sein Sprechgerät: „IDUSA, kannst du Tamins Biozeichen ausmachen oder irgendeines zumindest in meiner Nähe?“, fragte er. „In Ihrer Nähe befindet sich ein Biozeichen.“, sagte IDUSA. „Ist es Tamin?“, wollte Shimar wissen. „Nein.“, sagte das Schiff. „Ist es überhaupt humanoid.“, fragte Shimar. „Nicht wirklich.“, sagte das Schiff.

Im gleichen Moment wurde Shimar eines Tieres ansichtig, das wie ein terranisches Meerschweinchen aussah, allerdings die Größe eines durchschnittlichen Shetlandponys hatte. Quiekend rannte es auf Shimar zu. Sein Quieken erinnerte aber aufgrund der großen Stimmtaschen und des großen Resonanzkörpers eher an den höchsten Ton einer tiefen Flöte. Vor Shimar blieb es stehen und drückte seinen großen Kopf an dessen Körper. „Hey, du Schmusebacke.“, sagte Shimar freundlich und strich ihm mit der Hand über das weiche Fell. „Du Weiches!“, rief er aus. „Du würdest Betsy auch gefallen.“

Das Tier drehte sich um und rannte zu einem Gebüsch, aus dem es ein großes ovales Ding hervorholte, das aus einem festen Stoff bestand, den die Nagezähne nicht durchdringen konnten. In dem Ding waren Rasseln. Zwischen der Außenhaut und den Rasseln war ein fester aber gleichzeitig sehr weicher Schaumstoff.

Das Wesen dribbelte den seltsamen Gegenstand mit der Schnauze in Shimars Richtung und schaute ihn auffordernd an. „Deutlicher ging’s ja wohl nicht.“, lächelte Shimar und versuchte, den Gegenstand aufzuheben. „Sorry.“, meinte er, als dies nicht gelang. „Habe wohl heute Morgen schlecht gefrühstückt.“

Er blickte sich um und sah etwas auf der anderen Seite des Rasens, das ihn an ein terranisches Fußballtor erinnerte. Dies kannte er allerdings nur aus meinen Beschreibungen. Shimar stellte sich zwischen die Pfosten und rief seinem vierbeinigen Spielkameraden zu: „Na komm! Rollfs her!“ Dabei klatschte er in die Hände.

Shimar beobachtete, wie das Tier zunächst rückwärts ging, um sich dann mit hoher Geschwindigkeit dem Gegenstand zu nähern und ihn mit einem heftigen Stoß seiner Nase in Bewegung zu setzen. Es rannte hinterher und stupste ihn einmal in die eine und dann in die andere Richtung. „Du kommst also von links.“, zischte Shimar, als ihm klar zu sein schien, von wo der Ball käme. Dass er sich da aber gründlich getäuscht hatte, sollte er bald merken, und zwar spätestens, als er diesen von rechts einrollen sah. Leider geriet seine Drehung zur Lachnummer, denn er stolperte über einen Stein und fiel auf sein tindaranisches Hinterteil. Der Ball rollte an ihm vorbei ins Netz. „Eins zu null für dich.“, gab Shimar zu, stand auf und hielt sich die Hand vor den Steiß. „Eines weiß ich sicher. Ich bin ein verdammt mieser Torwart.“, flüsterte er mit schmerzverzerrtem Gesicht.

„Hie-hie-hie!“, lästerte eine Mädchenstimme hinter einem Gebüsch. „Da fällt er auf den Steiß und ruft: Ach was’n Scheiß! Schon echt schöne Scheiße, wenn man hinten keine Augen hat, he? Jean-Luc, hier her! Du sollst doch nicht immer alle Anfänger herausfordern!“

Das Tier folgte Schwanz wedelnd ihrer Anweisung und Shimar folgte ihm, denn er wollte jetzt ganz genau wissen, wer ihn da verspottet hatte. Bald standen beide vor einer lithianischen Jugendlichen, deren graublaues Augenpaar Shimar frech anblitzte. „Hey, Militärfliegerass!“, grinste sie. Shimar stutzte. Diese Anrede kam ihm bekannt vor. Es gab nur eine Person, die jetzt in diesem Alter sein konnte, die ihn so genannt hatte. Aber an diesem Mädchen fehlte etwas Entscheidendes. „Hätte nicht gedacht, dass ich dich mal wiedersehe. Was machst du hier?“, fragte sie. Shimar war extrem irritiert. Wieso sprach dieses fremde Mädchen von Wiedersehen?

Eine Frau erschien in der Tür des Hauses, auf das sie jetzt schon näher zu gekommen waren. „N’Cara, komm zum Nachmittagstee!“, sagte sie freundlich aber bestimmt. „Du kannst mit Jean-Luc nachher weiter trainieren!“ „Ich komme gleich, Mutter!“, gab sie zurück. „Muss nur noch was klären! Übrigens, wir haben Besuch!“

Shimar stand stocksteif da. Hatte die Frau mit den dunklen Haaren, der schlanken Figur und einer geschätzten Größe von ca. 170 cm, das Mädchen gerade N’Cara genannt? Aber nein, es konnte einfach nicht N’Cara sein. Dafür fehlte ihr ein entscheidendes Detail. Ihre Zöpfe. Wo waren ihre Zöpfe? Gut, von der Stimme konnte es durchaus N’Cara sein. Die kesse Art des Teenagers hatte Shimar noch gut in Erinnerung. Aber so waren die meisten Jugendlichen, die er kannte. Außerdem, warum sollten nicht mehrere Jugendliche auf der lithianischen Heimatwelt so heißen. N’Cara war dort bestimmt ein Allerweltsname.

„Na das ging ja verdammt schnell mit dem Vergessen bei dir, Militärfliegerass.“, schnippte N’Cara ihm zu. Immer noch konnte sich Shimar nicht vorstellen, dass sie es war. „Hey.“, quietschte sie und piekte ihn in den Bauch. „Weißt du nicht mehr, wie wir Sytania fertig gemacht haben?“ Wieder überlegte Shimar. Dass sie dieses Wissen hatte, konnte bedeuten, dass sie es wirklich war. Aber andererseits, wo waren ihre Zöpfe?

Wieder erschien die Frau im Eingang. „Wen hast du denn da, N’Cara?“, fragte sie. „Das ist Shimar, Mutter.“, gab sie zurück. „Aber er hat gerade eine kleine Gedächtnislücke und erkennt mich nicht.“

Die erwachsene Lithianerin kam von der Terrasse, auf der sie sich befunden hatte, hinüber. Sie musterte Shimar genau und machte danach ein Gesicht, als müsse sie sich unbedingt bei jemandem entschuldigen. Dann sagte sie: „Sie sind also dieser Shimar. Nein wirklich, Sie entsprechen der Beschreibung meiner Tochter bis aufs Haar. Ich hatte nicht gedacht, dass es Sie wirklich gibt. Als meine Tochter genau so plötzlich wieder aufgetaucht war, wie sie verschwunden war, hat sie erzählt, dass sie mit einem Soldaten einer fremden Streitmacht gemeinsam im Gefängnis gesessen hätte. Der Soldat hätte Shimar geheißen und hätte ihr eine Methode gezeigt, mit der sie und alle anderen Gefangenen Sytania in den Ruin getrieben hätten. N’Caras Therapeut hat gemeint, Sie wären ein Schutzmechanismus ihrer Seele gewesen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sich Soldaten einer fremden Streitmacht, die ausgebildet sind, einfach Sytania gefangen geben. N’Cara hat darauf bestanden, dass Sie keine Fantasie sind. Er wollte sie deswegen schon einweisen.“ „Dann richten Sie dem Counselor aus, dass ich verdammt wirklich bin, Ms. … Ähm …“ „N’Ciba.“, sagte die Lithianerin. „Nennen Sie mich N’Ciba. Jemanden, der meiner Tochter das Leben rettet, kann ich ja wohl schlecht außen vor lassen. Sie gehören ja schon fast zur Familie, Shimar. Ich darf Sie doch Shimar nennen?“ „Auf seinem Planeten duzt man sich eh, Mutter.“, erklärte N’Cara. „Dann ist ja gut.“, lächelte N’Ciba. „Wir sollten jetzt aber gehen. Der Tee wird kalt und du hasst kalten Apfelstrudel, N’Cara.“ „OK.“, flapste die Jugendliche und drehte sich nach hinten. Sie schaute sich eine Weile um und entdeckte ihr Haustier, das neben Shimar, der es streichelte, graste. „Jean-Luc, komm!“, rief sie. Das wollige Etwas setzte sich in Bewegung und Shimar folgte auch.

Unterwegs überlegte der junge Tindaraner, was er denn falsch gemacht haben könnte, denn Jean-Luc hatte sich zwar am Rücken von ihm streicheln lassen, allerdings nur mit den Fingerspitzen. Immer, wenn Shimar den Kontakt vertiefen wollte, war das Tier fast ängstlich zurückgewichen. Mit dieser Reaktion seines Gegenüber hatte er nicht gerechnet. Zuerst schien es doch, als sei es der Beginn einer wunderbaren Freundschaft gewesen. Was war in diesem Spiel nur passiert, das das arme Tier derart aus der Fassung gebracht hatte, dass Shimar fast den Eindruck gewann, es würde sich für etwas schämen.

Auf der Terrasse angekommen legte sich das Tier auf einen zugewiesenen Platz mit Stroh und Shimar setzte sich zu der lithianischen Familie an den Tisch. Er war allerdings mit N’Ciba, N’Cara und einem etwa 5-jährigen Jungen allein. „Pflanz dich ans Kopfende.“, sagte N’Cara frech. „Da sitzt sonst mein Dad, aber der wird gucken wie’n Shuttle, wenn da plötzlich alles voll Shimar ist. Der hat mir nämlich nicht geglaubt, was dich angeht.“ Shimar nickte und tat mit einem Grinsen, was N’Cara ihm vorgeschlagen hatte.

Jetzt wuselte der kleine Junge, der Shimar vorher aufmerksam beäugt hatte, auf ihn zu. „Bist du der Onkel, der meine große Schwester gerettet hat?“, fragte er. „Ich denke ja.“, antwortete Shimar. „Dann will ich dich knuddeln!“, quietschte der Kleine und kletterte auf Shimars Schoß. Shimar senkte den Kopf und drückte das Gesicht des Kindes an seins. „Danke.“, flüsterte der Kleine. „Ich hab meine Schwester nämlich ganz doll lieb. Ich könnte platzen, so lieb hab ich die und meine Schwester weiß auch, dass ich sie ganz doll lieb hab. Dich hab ich auch ganz doll lieb.“ „Du kennst mich doch noch gar nicht, du Schatz.“, erwiderte Shimar. „Aber N’Cara kennt dich.“, widersprach das Kind. „Und die findet dich echt klasse. Du, ich glaub, die mag dich.“ Shimar musste grinsen.

„Jetzt ist es aber genug, Tamin.“, sagte N’Ciba und hob den Kleinen von Shimars Schoß. „Onkel Shimar möchte Kaffee trinken und seinen Kuchen essen. Mummy hilft dir auch gleich dabei.“ „Nein!“, krähte Tamin Junior. „Onkel Shimar soll helfen!“ Du hast bei meinem Bruder einen Stein im Brett., gab N’Cara Shimar telepathisch zu verstehen. glaube ich auch., gab dieser auf gleichem Weg zurück.

Jetzt betrat auch der erwachsene Tamin den Ort des Geschehens. „Wer ist das?“, fragte er verwirrt und deutete auf Shimar, der gerade seinen kleinen Sohn fütterte. „Darf ich vorstellen.“, sagte N’Cara. „Dad, Shimar. Shimar, mein Dad, der berühmte Ethno-Historiker Tamin.“ „Du übertreibst mal wieder maßlos, Süße.“, sagte Tamin. „So berühmt bin ich nun auch nicht. „Doch, Dad.“, quietschte Klein-Tamin dazwischen. „Du bist sogar so berühmt, dass neulich ein richtiger König hier war. Der hat ganz viel mit dir geredet. Das war der Onkel Brako. Aber jetzt ist er nicht mehr da.“

Shimar überlegte. Die Anwesenheit eines echten Königs musste für das Kleinkind sehr faszinierend gewesen sein. Deshalb war es damit auch gleich herausgeplatzt. Sonst kannten Kinder seines Alters Könige ja nur aus Märchen.

„Könnte ich nach dem Kaffee mit Ihnen reden?“, wendete sich Shimar an Mr. Tamin. „Aber sicher.“, sagte dieser. „Am Besten ist, wir gehen gleich danach in mein Arbeitszimmer. Ich kann mir schon denken, warum Sie hier sind.“

Shimar stutzte. Alle schienen Bescheid zu wissen. Sogar am SITCH hatte man ihm keine weiteren Fragen gestellt und ihn sofort eingewiesen. Das empfand er als höchst merkwürdig. Aber es würde sich schon irgendwie klären.

Shimar war schon eher mit seinem Kaffee und Kuchen fertig und widmete sich wieder Jean-Luc. Der zeigte immer noch das gleiche Verhalten. „Hey, ist ja gut, Dicker.“, flüsterte ihm Shimar freundlich zu. „Ich tue dir doch nichts.“ „Puste ihm ins Gesicht.“, riet N’Cara. Shimar sah fragend in ihre Richtung. „Wenn du ihm ins Gesicht pustest, zeigst du ihm, dass er immer noch zu deiner Gruppe von Zweien gehört, weil du ihn quasi mit deinem Geruch einsprühst. Er mag es nicht, wenn er das Gefühl hat, dass er jemanden verletzt hat. Masatis riechen, wenn jemand Schmerzen hat und, wenn es ein Freund ist, mögen sie das gar nicht.“ „OK.“, sagte Shimar, holte tief Luft, spitzte den Mund und pustete Jean-Luc ins Gesicht. Dieser streckte Nase und Zunge in den Luftstrom. Dann stand er auf und begann, erst langsam und dann immer schneller mit dem Schwanz zu wedeln. „Wenn du das noch schneller machst, hebst du gleich ab.“, sagte Shimar scherzend. „Vertrau mir, ich bin Pilot. Ich verstehe da was von.“

Jean-Luc gab plötzlich ein lautes Quieken von sich und raste mindestens fünf mal ums Haus. „Freualarm!“, schrie Klein-Tamin und es schien allen, als würde er sich genau so freuen. Problematisch an der Angelegenheit war nur, dass Jean-Luc mit seinem Schwanz jetzt auch noch den niedrigen Gartentisch, an dem alle gesessen hatten, abräumte. „So schnell geht das mit dem Abräumen, wenn sich unser Haustier freut.“, lächelte N’Ciba, der klar war, dass Jean-Luc ja nicht wissen konnte, was er angerichtet hatte. „N’Cara, du solltest ihn noch besser auslasten.“, sagte Tamin zu seiner Tochter. „Jetzt, vor dem Spiel am Sonntag, sollte er noch etwas runter kommen.“ „Du hast sicher Recht, Dad.“, erwiderte das Mädchen. „Wir sollten dann gehen, Shimar.“, wendete der Vater sich danach an diesen.

Die Männer gingen in das Arbeitszimmer des Wissenschaftlers und N’Cara machte ein zwitscherndes Geräusch mit ihrem Mund, auf das hin Jean-Luc ihr sofort folgte. Für „seine N’Cara“ würde er alles tun. Das war auch der Grund, aus dem er und das Mädchen ein so gutes Team bei der speziellen Art von Schnauzball waren, die beide gemeinsam spielten und von der Tamin geredet hatte. N’Cara und Jean-Luc standen sogar kurz davor, den lithianischen Weltmeistertitel zu verteidigen. Am Sonntag war das große Finale in Stoßball, wie die Sportart offiziell hieß. Natürlich waren es mal wieder die Demetaner, die das Talent der Masatis dafür entdeckt hatten. Für die gelehrigen Nagetiere mit dem ausgeprägten Spieltrieb war das eine sehr gute Beschäftigung.

N’Cara hatte auf die Uhr und dann zur Straße geschaut. Hier erwartete sie ihren demetanischen Trainer, der bald darauf mit seinem Jeep die Straße herauf gefahren kam. „Hallo, Iron.“, begrüßte sie ihn. „Hi, N’Cara.“, gab er zurück und streichelte auch Jean-Luc. „Er hat einen neuen Freund.“, grinste N’Cara. „So.“, meinte der Demetaner mittleren Alters, als sie gemeinsam zur Wiese gingen. N’Cara ließ Jean-Luc an einer Linie stehen bleiben. Dafür reichte ein Handzeichen. „Er ist heute sehr aufmerksam.“, stellte Iron fest und lächelte N’Cara durch sein rundes Mondgesicht zu. „Du scheinst prima umgesetzt zu haben, was ich dir neulich gesagt habe.“ „Danke.“, sagte N’Cara. „Und jetzt lass uns bitte anfangen.“ „OK.“, lächelte der etwas untersetzte rothaarige Demetaner.

Für Shimar stellte sich die Situation weitaus langweiliger dar. Er sah im Arbeitszimmer des Geschichtsforschers nichts als lange Wände voller alter Schriftrollen und ab und zu mal einen Datenkristall in seiner Hülle. In der Mitte des Raumes stand ein großer Schreibtisch. Daran befanden sich zwei große weiche Sessel, die mit schwarzem Stoff bezogen waren und so gut zum ebenfalls dunklen Holz des Tisches passten. „Setzen wir uns.“, schlug Tamin vor. Shimar nickte und setzte sich auf den rechten der beiden Sessel. Von hier aus konnte er einen Blick auf die Wand des Raumes werfen, die gegenüber der Tür lag. Diese zierte eine in Gold eingerahmte Urkunde, die Tamin sogar als Professor der Ethno-Historie auswies. Shimar war schwer beeindruckt.

Tamin holte etwas aus einer der großen Schubladen an seinem Schreibtisch, die große schwere Schlösser hatten. Diese waren allerdings nur Optik und dienten als Kulisse. Dahinter verbarg sich ein modernes Sicherheitssystem mit den üblichen Sensoren. Er breitete eine Art lederne Schriftrolle vor Shimar aus. Allerdings war sie nicht wirklich gerollt, sondern bestand aus einer kompliziert gefalteten Anordnung dreieckiger postkartengroßer brauner Stücke, die mit weißem Garn aneinander genäht waren. Die Schrift hierauf konnte Shimar beim besten Willen nicht entziffern. Sie erinnerte ihn aber an die Schrift im Buch von Ty-Nu-Lin, die er bei Hestia gesehen hatte. „Dein Gedanke ist gar nicht so schlecht.“, lobte der ebenfalls telepathische Wissenschaftler seinen staunenden Besucher. „Das ist tatsächlich Alt-Miray. Dieses Fundstück enthält die Sage vom Tor zum Himmel. In der Sage wird ein Ort Namens Ginissa erwähnt. Aus dem Alt-Miray übersetzt bedeutet es Ursprung. Die Vendar in der tindaranischen Dimension verwenden ein ähnliches Wort. Es heißt: Chenesa. Ein weiteres Lehnwort aus dieser Sprachreihe könnte Genesia sein. Das hat mich darauf gebracht, dass der Ort, an dem sich das Tor zum Himmel befindet, in der Nähe von Genesia Prime sein könnte. Was es ist, geht aus der Sage leider nicht hervor. Es kann alles Mögliche sein. Kann dein Schiff interdimensionale Pforten aufspüren?“

Shimar war dieses Referat sehr langweilig vorgekommen. Deshalb hatte er auch nur auf die letzte Frage geachtet. „Was? Ja, das kann sie.“, sagte er dann Aufmerksamkeit vortäuschend. „Um so besser.“, sagte der Professor. „Es gibt aber noch ein Indiz für meine Theorie.“

Er fuhr einen Rechner hoch. Jetzt wurde die Sache für Shimar schon interessanter. Wenig später sah dieser eine moderne Sternenkarte des Miray-Systems. „Ich dachte mir schon, dass ich mit dem Pergament jemanden wie dich nicht hinter dem Ofen vorlocken kann.“, lächelte Tamin und gab eine Jahreszahl in eine Suchmaske ein. Das Bild veränderte sich. „So sah das Miray-System vor 500000 Jahren aus.“, erklärte er. „Stellen wir jetzt mal einen Höhlen-Miray auf die Südhalbkugel des Planeten Miray Prime. Hier wurde nämlich das erste humanoide Leben mirayanischen Ursprungs gefunden.“

Mit Spannung verfolgte Shimar jede Veränderung am Bildschirm. Er sah ein eigentümliches Steinzeitwesen, das in ein Tierfell gehüllt war und in die Sterne blickte. „Verlängern wir seinen Blick zum fernsten Lichtpunkt.“, sagte Tamin und gab dem Programm die entsprechenden Befehle. „Was sehen wir dann?“

Der Blickwinkel veränderte sich und zum Vorschein kam eine weitere Sternenkarte. Tamin gab ein neues Datum in die Suchmaske ein. Es war genau das Aktuelle. „Das ist das genesianische Sonnensystem.“, staunte Shimar. „Genau das ist es.“, sagte Tamin.

Shimar stand auf und wollte gehen. „Ich denke, ich habe verstanden.“, sagte er. „Bleib doch noch einige Tage.“, hielt Tamin ihn zurück. „N’Cara würde sich sicher freuen, wenn du noch zum diesjährigen Stoßballfinale bleiben könntest. Eingeladen wärst du selbstverständlich von uns. Wer meiner Tochter das Leben rettet, soll schließlich nicht leer ausgehen. Die genesianische Sonne soll auch im Moment sehr aktiv sein. Dein armes Schiff würde vor Sensorenechos nicht mehr wissen, wo ihr der Prozessor steht.“ Zum Beweis zeigte er Shimar einen Wetterbericht. „Also gut.“, sagte Shimar. „Nur, übernachten werde ich auf meinem Schiff. Ich will Ihrer Frau nicht zur Last fallen, Professor.“ „Das tust du nicht.“, sagte Tamin. „Außerdem kannst du mich auch ruhig mit du ansprechen. Ich duze dich doch auch.“ „Das haben Sie doch nur gemacht, um meiner Kultur Genüge zu tun.“, stellte Shimar fest. „Nichts Anderes wollte ich auch.“ „Dann lass uns einfach sagen, dass wir uns aus tiefer Freundschaft duzen.“, schlug Tamin vor. „Schließlich hast du meine Tochter gerettet. Vor die Hunde wäre sie gegangen ohne dich! Das bin ich dir wenigstens schuldig. Ach, hol doch dein Schiff her. Sie kann auf unserer Wiese landen. Dann muss sie nicht ihre Antriebsenergie für das Halten der Umlaufbahn verplempern.“ „OK.“, erwiderte Shimar. „Ich sage ihr Bescheid.“

„Damit würde ich an deiner Stelle noch kurz warten.“, sagte Tamin und holte eine Flasche mit grüner Flüssigkeit aus dem Schrank. Damit goss er zwei Gläser voll und reichte Shimar eines. Dieser zog misstrauisch seinen Erfasser. „Keine Sorge.“, lachte Tamin. „Das ist weder Alkohol noch Gift. Es wird aus dem Saft der Netzfrucht gewonnen und schmeckt ähnlich wie terranischer Waldmeister. Wenn ich hier arbeite, kann ich mir auch keinen benebelten Kopf leisten.“ „Na dann!“, sagte Shimar und die beiden Männer prosteten sich zu.

Kapitel 16 - Ereignisreiche Zeiten von Visitor

N’Cara betrat wenig später das Zimmer. Sie hatte ihren Trainer verabschiedet und suchte nun nach ihrem Vater, um ihm über Jean-Lucs Fortschritte zu berichten. Außerdem hatte sie noch ein ganz anderes Anliegen. „Vater, ich würde Shimar gern auf die Suche nach dem Tor zum Himmel begleiten.“, bat sie und machte ein Gesicht wie eine schmeichelnde Katze, die einen auf dem Teller liegenden Futterbrocken unbedingt haben wollte, an den sie nicht heran kam. „Was!!!“, empörte sich Tamin. „Hast du eine Ahnung, wie gefährlich es da draußen im Weltall ist? Da kann dir sonst was passieren!!! Nein, du gehst brav nächste Woche wieder zur High School, junge Dame.“ „Du bist gemein!!“, zischte N’Cara und zog beleidigt ab. „Diese Kinder.“, wunderte sich Tamin. „Man will sie beschützen und sie verstehen einen immer nur miss.“ „Vielleicht sollte ich hinter her gehen und es ihr noch mal erklären.“, schlug Shimar vor. „Wenn du glaubst, dass du es besser kannst.“, erwiderte Tamin und zeigte auf die Tür.

Jenna und Maron erwarteten in der technischen Kapsel die Ankunft der neuen IDUSA-Einheit. Die Chefingenieurin und der erste Offizier beobachteten, wie zwei Schlepper sich der Station auf einem Parallelen Kurs näherten, um dann das Schiff, das sie im Traktorstrahl hatten, gemeinsam durch ein synchrones Manöver zu docken. Natürlich hätte ein Schlepper ausgereicht, um das Schiff durch den Weltraum von A nach B zu ziehen. Aber für den Dockvorgang, bei dem das Schiff gedreht werden musste, war eine zweite Kraft notwendig. Die beiden Schlepperpiloten waren ein gutes Team, so empfand es zumindest Maron. Noch nie hatte er ein so sauberes geschlepptes Dockmanöver gesehen. Da können wir von der Sternenflotte uns manchmal noch eine dicke Scheibe abschneiden., dachte er staunend.

Die Sprechanlage piepte. Am Rufzeichen im Display sah Maron, dass es Joran aus der Kommandozentrale war. „Ja, Joran?“, meldete er sich. „Ist Jenna Mc’Knight bei dir, Maron El Demeta?“, fragte der Vendar zurück. „Für Sie, Mc’Knight.“, sagte Maron und übergab das Mikrofon an die hinter ihm stehende Jenna. „Was ist, Telshan?“, fragte sie lächelnd. „Einer der Schlepperpiloten bittet darum, an Bord gebeamt zu werden, um mit dir die technischen Formalitäten zu besprechen, Telshanach.“, antwortete Joran. Jenna hatte die Sprechanlage auf Lautsprecher geschaltet, so konnte Maron auch alles hören. Sie sah ihn kurz an. „OK, Jenna.“, erlaubte Maron.

Mc’Knight ging zur Transporterkonsole und stellte sie auf die ihr von Joran per SITCH-Mail übermittelten Koordinaten ein. Dann beamte sie den wartenden Tindaraner an Bord der Station.

Nach der Materialisierung sahen Maron und Jenna einen hageren hoch gewachsenen Mann mit braunem Haar vor sich, der für einen Tindaraner mit 170 cm schon sehr groß war. „Ich bin Sidar.“, stellte er sich vor. „Wer ist der zuständige Ingenieur?“ Jenna trat vor. Der Tindaraner musterte sie. „Du musst Jenna sein.“, stellte er dann fest und trat fast ehrfürchtig einige Schritte zurück. „Ganz ruhig.“, lächelte Jenna. „Ich bin doch niemand Besonderes.“ „Doch, das bist du.“, widersprach Sidar. „Wenn es zu Situationen kommt, die uns unlösbar scheinen, hast du meistens eine Lösung.“ Jenna wurde rot. Derart hofiert zu werden, war ihr vor ihrem Vorgesetzten sehr peinlich. „Er hat aber Recht, Mc’Knight.“, schlug Maron in die Kerbe des Tindaraners. „Sie müssen damit nicht hinter dem Berg halten, dass Sie ein Genie sind. Was wahr ist, ist nun einmal wahr.“ „Ich möchte ja nur nicht als arrogante aufgeblasene vergeistigte Intelligenzbestie wahrgenommen werden, mit der niemand kann.“, erwiderte Jenna. „So nimmt Sie hier garantiert niemand war.“, tröstete Maron. „Sie haben Joran, der Sie abgöttisch liebt und Sie haben viele Freunde auf dieser Station und anderswo. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, was Sie ängstigt. Ich habe nämlich Shannons Lieblingsbuch auch gelesen und festgestellt, dass diese Major Carter sehr einsam war. Zumindest ist das meine Meinung. Aber Sie, Techniker, haben da bisher erfolgreich gegengesteuert.“ „Shannon wird sich freuen, das zu hören, Sir.“, lachte Jenna. „Lenken Sie nicht ab!“, sagte Maron sehr bestimmt. „Ich weiß, dass Sie vor vielen Dingen Angst haben, die vielleicht noch mit Ihnen geschehen könnten, aber …“

Der Tindaraner räusperte sich. „Tut mir Leid, wenn ich euren Streit unterbrechen muss, aber wir sollten jetzt wirklich zum Wesentlichen kommen.“ „Sicher.“, lächelte Jenna, die insgeheim sehr erleichtert über den Umstand war, dass dieser Fremde sie aus der ungeliebten Diskussion mit Maron erlöst hatte. „Die Standardprogramme und Standardprozeduren sind installiert.“, informierte Sidar Jenna. „Es fehlen nur noch die Individualdateien.“ „Benötigen wir die Einschwurprotokolle?“, fragte Jenna. „Die Einheit ist mit einer verlängerbaren Version des Standardmanifestes eurer Station und der zuständigen Piloten ausgestattet. Sie weiß, wo sie hingehört. Sollte die Mission doch länger dauern, kannst du bei uns jederzeit den Zugangscode erhalten, um eine Verlängerung durchzuführen.“

Maron war das ganze Fachchinesisch zu hoch. Er hatte sich fort geschlichen und die Tasche mit den Röhrchen aus der Asservatenkammer geholt. Damit war er jetzt auf dem Weg zur Krankenstation.

Nidell, die medizinische Assistentin, staunte, als der demetanische Kriminalist ihren Arbeitsraum betrat. Ohne Zögern stellte er die Tasche vor ihr auf dem Tisch ab. „Was ist das, Maron?“, fragte die junge Tindaranerin mit den langen schwarzen Haaren und der freundlichen leisen hohen Stimme neugierig. „Das sind eure Patienten.“, meinte Maron. „Ich möchte eine komplette Autopsie.“

Nidell öffnete die Tasche. Ihr Blick fiel auf die kleinen Röhrchen. „Interessant.“, lächelte sie. „Was sollen das denn für Patienten sein?“ „Wahrscheinlich sehr seltene Tiere und Pflanzen.“, sagte Maron. „Bitte findet heraus, ob ich Recht habe. Wenn ja, dann hat Shimar alles richtig gemacht.“

Nidell, die nicht ganz verstanden hatte, was er gemeint hatte, winkte Ishan. Der Androide mit dem aldanischen Bewusstsein kam von seiner Arbeitskonsole herüber. „Was haben wir denn hier Schönes, Nidell?“, wollte er wissen. „Maron möchte, dass wir das hier untersuchen.“, sagte Nidell und zeigte auf die Röhrchen. „Er möchte wissen, was es ist und ob es selten ist. Er sagt, wenn ja, dann hätte Shimar alles richtig gemacht. Ich weiß aber nicht, was er damit sagen will.“ „Werden wir schon herausfinden, Nidell.“, sagte der Arzt zuversichtlich, zog sich ein Paar Handschuhe über und reichte ihr auch eines. Dann widmeten sich beide mit einem Erfasser den Röhrchen. Nidell war allerdings diejenige, die den Erfasser benutzte. Ishan brauchte das nicht, denn er hatte ja wie alle Androiden Sensorenaugen. „Du solltest gehen, Maron.“, schlug Ishan vor. „Das ganze Medizinerlatein, das wir hier von uns geben werden, ist dir sicher nur langweilig. Wir werden dich informieren, wenn wir etwas wissen.“ „Danke.“, sagte Maron und verließ die Krankenstation.

Ich war inzwischen zur Granger zurückgekehrt. Mikel, der solange ich abwesend war, meinen Posten bekleidet hatte, empfing mich an der Shuttlerampe. „Unser Nachbar Data hat Sehnsucht nach dir.“, sagte er, während wir zur Brücke gingen. „Er hat schon einige Male versucht, dich zu erreichen.“ „OK?“, sagte ich mit fragendem Unterton, denn ich konnte mir nicht vorstellen, was Data von mir wollen könnte, das so dringend war, dass er wiederholt versuchte, mich zu erreichen. „Hat er etwas gesagt?“, wollte ich wissen. „Nein.“, antwortete Mikel. „Mit dem Grund für seinen Ruf hat er hinter dem Berg gehalten. Ich bin auch sicher, Betsy, dass hier etwas nicht stimmt. Aber was, das kannst wohl nur du herausfinden.“

Wir betraten die Brücke. „Commander, Allrounder Betsy meldet sich zurück.“, sagte ich salutierend. „Nehmen Sie Ihren Posten ein.“, sagte Kissara. Ich tat, was sie gesagt hatte. Das Gespräch mit Data würde ich in meiner dienstfreien Zeit von meinem Quartier aus führen.

King und Scotty hatten sich richtig gut kennen und schätzen gelernt. Zwischen den Männern war eine richtige Freundschaft entstanden. Immer mehr Zeit verbrachten sie gemeinsam im Wohnzimmer bei Skat- oder Pokerrunden. Das war auch heute Abend wieder der Fall gewesen. Leider wurden sie mitten im schönsten Spiel von der Sprechanlage gestört. „Ich gehe schon.“, sagte Scotty. „Aber derjenige, der das Ding erfunden hat, bräuchte ein paar hinter die Löffel.“ „Na.“, entgegnete King. „Du hast aber doch bestimmt schon Situationen erlebt, in denen das Ding auch ein Segen war.“ „So ist das eben mit der Technik.“, lachte Scotty. „Mal ist sie ein Fluch und mal ein Segen.“ Er drehte sich um und ging zur Tür.

Vor der Tür stand Alesia. „Ist Mr. King zu sprechen?“, fragte sie. „Andrew!“, rief Scotty nach hinten. „Für dich. Damenbesuch!“

King betrat ebenfalls den Flur. „Ich muss mit Ihnen reden.“, flüsterte Alesia ihm zu. „Aber wir sollten dazu allein sein.“ „In Ordnung.“, sagte King. „Gehen wir in die Küche. Scotty, du entschuldigst uns.“ Er führte die junge Platonierin mit sich fort.

In der Küche angekommen setzten sie sich an den weißen glatten Tisch. „Was gibt es?“, fragte King. Alesia schob ihm ein Pad hin. „Das sind falsche Unterlagen für eine Bewerbung als Shuttlepilot.“, sagte sie. „Natürlich haben wir alles mit der Frachtfirma abgesprochen und Sie haben den Job längst. Nur für die Anderen muss alles seinen offiziellen Rahmen haben, damit niemand etwas von der Geheimoperation mitbekommt. Sie sollten den falschen Lebenslauf auswendig lernen. Sie werden bestimmt einiges gefragt.“ „Dann sollte ich mir jetzt ein stilles Eckchen suchen und gleich damit anfangen.“, schlug King vor. Alesia nickte und sagte: „Ihr Vorstellungsgespräch ist morgen um zehn.“, bevor sie ging.

Ginalla und Kamurus hatten das genesianische Sonnensystem erreicht und waren eingeflogen, ohne zunächst von einer Patrouille behelligt zu werden. „Komisch, dass die uns gar nicht bemerkt haben.“, wunderte sich Ginalla. „Sie werden uns bemerkt haben.“, widersprach Kamurus. „Aber anscheinend wollen sie erst einmal wissen, was wir hier wollen. Ich habe gehört, Shashana soll eine gemäßigte oberste Prätora sein, die ihren Kriegerinnen den Befehl erteilt hat, erst einmal genauer nachzusehen, bevor geschossen wird.“ „Finde ich persönlich auch besser so.“, entgegnete Ginalla.

Sie gab Kamurus den Gedankenbefehl zum Kreisen um einen Fixpunkt und beorderte ihn, den Ankerstrahl zu setzen. „SITCH das Rufzeichen der obersten Prätora an und verbinde sie mit mir.“, sagte sie dann. „Was wirst du ihr sagen?“, fragte das Schiff sorgenvoll, denn er ahnte bereits jetzt, dass die Sache in die Hose zu gehen drohte. „Ich werde sagen, dass ich eine Hobbyforscherin sei, die mal fn bisschen was über genesianische Rituale lernen will. Ich sage, dass ich mit Leib und Seele forsche und es daher gern an demselben erfahren würde. Über unser wahres Motiv lasse ich die Genesianer besser im Unklaren, weil sie es sonst auf Garantie nicht erlauben würden, da wette ich mit dir.“ „Die Wette würdest du sogar gewinnen.“, gab Kamurus zurück und ließ seinen Avatar die Stirn runzeln. „Was hast de für’n Problem?!“, fuhr Ginalla ihn an. „Wenn ich das in die Hand nehme, wird schon nix passieren.“ „Das glaube ich aber doch.“, widersprach das Schiff. „Wenn du die Genesianer über unser wahres Motiv im Unklaren lässt bis zum Schluss, könntest du sehr in Ungnade fallen, ja sogar vielleicht als unehrenhaft gelten. Andererseits könnten sie dir auch erst gar nicht erlauben, an der Zeremonie Teil zu nehmen, wenn sie dein wahres Motiv erfahren. Wir müssen einen Kompromiss finden, Ginalla. Bitte lass mich einige Situationen durchsimulieren.“ „Kompromiss.“, bügelte Ginalla ihn ab. „Schnickschnack. Ich halte mit der Wahrheit hinter dem Berg und damit basta. Was Shashana nicht weiß, macht sie nicht heiß. Außerdem, kannst du dir vorstellen, wie egal mir ist, ob mich Shashana ehrenhaft findet oder nicht? Das geht mir an einem gewissen Körperteil Lichtjahre weit vorbei! Nur damit du’s weißt!“ „Ich möchte nur erreichen, dass du dir der Tragweite bewusst wirst, die deine Entscheidung hat. Shashana könnte es als Entweihung heiliger Zeremonien empfinden, wenn du aus reiner Gewinnsucht daran Teil nimmst.“ „Das ist mir scheißegal!“, sagte Ginalla. „Soll s’e doch von mir denken, was s’e will. Außerdem, was ist denn so schlimm daran? Es geht doch nur um eine Art von Schnitzeljagd.“ „Für dich vielleicht.“, sagte Kamurus. „Aber den Genesianern sind diese Zeremonien heilig. Du würdest doch auch nicht wollen, dass man ein celsianisches Ritual für wirtschaftliche Ziele missbraucht.“ „Ach.“, machte Ginalla. „Ich hab’s nicht so mit der Religion.“ „Du nicht.“, sagte Kamurus. „Aber Shashana. Sie ist meines Wissens extrem religiös .“ „Siehst du?“, grinste Ginalla. „Genau deshalb werde ich kein Sterbenswörtchen über die Sache verlieren.“ „Wenn du gar nichts sagst und sie es herausfindet, wird sie die ganze Föderation als unehrenhaft sehen.“, argumentierte Kamurus. „Wie kommst du denn auf das schmale Brett?“, fragte Ginalla und tat, als würde sie überhaupt keine Ahnung haben, wovon er gesprochen hatte. Eigentlich wusste sie es aber ziemlich genau. Nur passte es gerade nicht in ihr Weltbild und schon gar nicht zu ihren Plänen. „Du bist Celsianerin.“, erklärte das Schiff. „Also bist du Bürgerin der Föderation. Shashana wird sehr wütend über die Tatsache sein, dass du …“ „Ich weiß, worauf du hinaus willst!“, fiel Ginalla ihm energisch ins Wort. „Aber der Ruf der Föderation ist mir scheißegal. Ich bin eine Aussteigerin und wie du schon richtig erkannt hast, Zivilistin. Also kann ich auch nichts über diplomatische Verwicklungen und so wissen. Das ist ja auch nicht mein Job. Meinethalben können sich die Militärs das Gehirn verrenken, wenn es auf diplomatische Missionen geht. Ich bin nur Ginalla gegenüber verantwortlich und das bin ich selber, jawohl. Aber du kannst mir ja per Transporter eine Sonde implantieren, wenn du meinst, mit der du meine Biozeichen und alles überwachen kannst, wenn es dich beruhigt.“ „Das werde ich auch besser tun.“, sagte Kamurus, dem längst klar war, dass er sie wohl nicht von ihrem Entschluss abbringen konnte. Er replizierte eine Sonde aus biologisch verträglichem Material, die nicht größer als ein Fingerhut war und beamte sie in Ginallas Stirnhöhle. „Sie wird mich genau über deinen Gesundheitszustand in Kenntnis halten.“, erklärte er. „Solltest du medizinische Probleme haben, werde ich dich sofort wieder an Bord holen.“ „Ja ja.“, wischte sie seine Argumente beiseite. „Und jetzt mach mir endlich meine Verbindung.“ „Na gut.“, sagte Kamurus und ließ seinen Avatar ein Gesicht machen, als sei dieser ganz und gar nicht mit der Situation einverstanden und es sei ihm extrem mulmig dabei.

„Übrigens.“, lenkte der multi-tasking-fähige Rechner ab. „Wir werden seit einiger Zeit von einer tindaranischen Sensorenplattform überwacht. Sie ist in der interdimensionalen Schicht.“ „Shimar!“, zischte Ginalla. „Hab ich’s mir doch gedacht. Spioniert der uns doch glatt hinterher. Ich bin neugierig, ob das mit dem Ty-Nu-Lin-Ritus vereinbar ist.“ „Für mich sieht es nicht so aus, als würde er uns ausspionieren wollen. Der Sensorenstrahl der Plattform wird durch nichts überlagert, was für mich nach Tarnung aussieht. Er ist für mich klar zu erkennen. Ich habe eher den Eindruck, Shimar möchte auf uns aufpassen, damit wir keinen Unsinn machen.“, bemerkte das Schiff. „Ich brauche keinen Babysitter!!!“, schrie Ginalla. Kamurus vermied es, darauf einzugehen. Er wusste, er würde es ihr in ihrem augenblicklichen Gemütszustand ohnehin nicht erklären können. „Hack dich in die Plattform und füttere sie mit falschen Daten!“, befahl sie. „Wir werden schon sehen, was dieser Tindaraner von seiner Fürsorglichkeit hat.“ „Er meint es doch nicht böse.“, versuchte Kamurus sie zu beruhigen. „Er möchte nur das Gleiche erreichen, was ich auch versuche, nämlich, dich von unüberlegten Handlungen abzuhalten. Deshalb werde ich nicht …“ „Wenn du nicht sofort tust, was ich dir gesagt habe, dann fahre ich deine Systeme herunter ohne zu speichern. Mal sehen, wie das bei dir ankommt!“, drohte Ginalla, der die ganze Diskussion sehr müßig vorkam. Sie sah das Leben extrem locker, was sogar für eine Celsianerin ungewöhnlich war. Für Ginalla war jede Art von Regeln ein Gräuel und nur dazu da, umgangen oder gebrochen zu werden. Das Schiff hatte das schon lange bemerkt, weshalb er auch immer so darauf achtete, dass sie keinen unüberlegten Schritt tat. Das aber was sie ihm gerade angedroht hatte, hätte extreme technische Konsequenzen nach sich gezogen. Deshalb tat Kamurus besser, was sie verlangt hatte. Er wusste, sie war Celsianerin und wusste als solche genau, wo sie ihn zu fassen bekommen konnte.

Kamurus nahm ein Sprechgerätsignal wahr. „Wir werden gerufen, Ginalla.“, meldete er. „Wer ist es?“, fragte Ginalla. „Die Kommandantin eines kleinen Patrouillenschiffes in unserer Nähe.“, erklärte Kamurus. „Verbinde!“, befahl Ginalla.

Auf dem virtuellen Schirm vor ihrem geistigen Auge erschien das Gesicht einer jungen Genesianerin. Sie war schlank, muskulös und mit ihren 1,90 m sehr groß. Sie trug die übliche Kleidung einer genesianischen Kriegerin, welche aus einem metallischen Brustpanzer bestand, an den sich ein ebensolcher Unterleibsschutz anschloss. Beides war kunstvoll verziert und mit braunem Leder überzogen. Ihren Phaser trug sie in einem darüber liegenden Schulterhalfter. Ihre ebenfalls gepanzerten Schuhe zierten lange Spitzen. „Ich bin Ataura, Erbprätora des Clans der Artash.“, stellte sie sich vor. „ Was machen Sie hier, Zivilschiff?“ „Hi.“, lächelte Ginalla. „Ich heiße Ginalla und bin Forscherin. Ich erforsche die religiösen Rituale anderer Völker. Ich würde gern an einer Initiationsfeier Teil nehmen.“ „Dein Belang ist ungewöhnlich, Celsianerin.“, sagte Ataura. „Aber ich finde, dein Mut sollte belohnt werden. Folge uns zur Heimatwelt. Dort werde ich dich zur obersten Prätora bringen. Wir werden sehen, was sie davon hält.“ „Geht klar.“, flapste Ginalla zurück und beendete das Gespräch.

„Siehst du wie gut das geklappt hat?“, grinste sie Kamurus an. „Ich habe gesehen, dass dieses Mädchen deine Lüge geschluckt hat. Aber bei Shashana könnte das schon anders aussehen.“, sagte er. „Hör auf zu unken!“, sagte Ginalla. „Und was meinst du mit Mädchen?“ „Sie ist ihren medizinischen Werten nach nicht älter als 14 Jahre.“, erklärte Kamurus. „Und dann fliegt sie schon Patrouille?“, fragte Ginalla irritiert. „Meinen Daten zufolge.“, informierte er Ginalla. „Könnte dies ein Teil ihrer Initiation sein. Ich denke, dass ihr Mut geprüft werden soll.“ „Das wäre ja echt klasse.“, frohlockte Ginalla und klopfte sich auf die Schenkel. „Da wird uns eine Initiationsfeier auf dem Silbertablett serviert.“ „Es ist nur eine Vermutung.“, bremste Kamurus sie. „Wir müssen erst mal abwarten, was Shashana dazu sagt.“ „Dann nichts wie hinter her!“, befahl Ginalla. „Mach schon! Sonst verlieren wir sie noch!“

Ich war nach meinem Dienst in mein Quartier zurückgekehrt und hatte mir vorgenommen, endlich Datas heimliches Rufen zu beantworten. „Computer, stell mich an folgendes Rufzeichen durch.“, sagte ich und gab Datas und Cupernicas privates Rufzeichen ein. „Hallo, Allrounder.“, meldete sich bald eine bekannte Androidenstimme. „Hallo, Data.“, sagte ich. „Ich bin zurück. Was gibt es denn?“ „Haben Sie etwas länger frei?“, erkundigte sich der Androide. „Ja.“, erwiderte ich ohne zu wissen, was er von mir wollen könnte. „Dann bitte ich Sie, auf meinen Rückruf zu warten, sobald Agent Sedrin mit Ihrem Ehemann eingetroffen ist.“ „Mein Mann?“, fragte ich. „Was macht Scotty auf der Erde?“

Einige Sekunden lang herrschte Schweigen. Wahrscheinlich war Data damit beschäftigt, die Sache mit seiner Frau auszudiskutieren. Jedenfalls dachte ich mir so etwas. Dass hier etwas im Gange war, hörte ich auch an der typischen Warteschleife, in die ich von Data gelegt worden war.

„Allrounder?“, meldete er sich nach einer Zeit wieder. „Ich muss Ihnen etwas erklären. Ihr Ehemann wollte Sie überraschen und ist deshalb in Absprache mit mir zur Erde gekommen. Er wollte Sie dort treffen, sobald Sie von der Mission mit der Granger zurück seien. Leider hat es Schwierigkeiten gegeben. Die können nur Sie aus der Welt räumen.“ „Ich?“, fragte ich. „Wie kommen Sie darauf?“ „Ich darf Ihnen noch nicht mehr sagen.“, beharrte Data. „Bitte warten Sie, bis der Agent mit Ihrem Ehemann eintrifft.“ „Na gut.“, entgegnete ich etwas frustriert. Oh, Scotty, dachte ich. In was hat dich dein großes Mundwerk wieder hineinmanövriert. Ich konnte ja nicht ahnen, wie hilfreich Scottys Dilemma noch sein würde.

Sedrin hatte Scotty abgeholt. „Wir müssen zum Haus von Data und Cupernica.“, hatte sie ihn informiert. „Dort warten die Beiden bereits auf uns. Ihre Frau ist ebenfalls informiert. Falls etwas schiefgehen sollte, kann der Scientist Betsy aufgrund der psychologischen Ausbildung, die Teil ihres Berufes ist, sicherlich im Gespräch auffangen.“ „Ich fühle mich nicht wohl dabei, Agent, meiner Frau so etwas anzutun!“, sagte Scotty bestimmt. „Nur, damit Sie Ihre Informationen kriegen. Sagen Sie jetzt bitte nichts über das, ob ich will, dass Sytania unser Universum erobert oder nicht. Natürlich will ich das auch nicht. Aber ich will auch nicht noch einmal zu Sytanias Zombie werden. Betsy wird wahnsinnige Angst um mich bekommen. Für Sie mag sie nur eine weitere Offizierskameradin sein. Aber sie ist meine Frau und ich kann als ihr Ehemann nicht zulassen, dass Sie mich gefährden und sie auch, weil sie dann sicher nicht mehr in der Lage sein wird, ihren Dienst korrekt auszuführen.“

Scotty wartete ihren Kommentar ab. Er wusste, dass er nur den Rang eines Technikers bekleidete und sie, als Agent, Brückenoffizierin war. Sie hätte ihm jederzeit befehlen können, ihr die Informationen zu geben und auf mich keine Rücksicht zu nehmen. Aber er wusste, so skrupellos war sie nicht. Sie würde zuerst versuchen, ihn „in der Sache“, wie sie es nannte, zu überzeugen. Sie war keine der typischen „ein Führungsoffizier muss nichts erklären und die unteren Ränge haben zu tun, was man sagt“ Offizierinnen. Für Sedrin stand immer „die Sache“ im Vordergrund. Und „die Sache“ sollte ihrer Meinung nach auch von den unteren Rängen verstanden werden, falls diese „der Sache“ mal allein gegenüber stehen sollten und damit fertig werden müssten. Sedrin wusste, dass Feinde wie Sytania „die Sache“ auch mal so gestalten könnten, dass das Einhalten von Kommandoketten sie sogar noch begünstigen könnte. So gut kannte Sedrin Staatsfeind Nummer eins und die wusste auch genau, wie die Sternenflotte tickte, was wiederum Sedrin genau wusste.

Scotty und die demetanische Agentin waren am Haus der Androiden angekommen. „Hier sind wir, Cupernica.“, meldete sich Sedrin an, nachdem sie und Scotty das Wohnzimmer betreten hatten. Die androide Ärztin sah von ihrem Platz auf. Hier hatte sie meine Krankenakte auf dem Bildschirm. „Gut, Agent.“, sagte sie und winkte Data, der das Rufzeichen der Granger nebst dem Unterrufzeichen meines Quartiers in das Sprechgerät seines Hauses eingab. „Hallo, Data.“, meldete ich mich lächelnd.

Data gab das Mikrofon an Scotty weiter, der inzwischen von Caruso und Fredy beschnurrt und belagert wurde. Der Kater lag über seinem Nacken und schnurrte, während der Tribble es sich auf seinem Schoß bequem gemacht hatte und der gleichen Tätigkeit nachging. Unentwegt rieben die Tiere dabei ihr Fell an Scottys Hals und Bauch, als wollten sie sagen: „Du musst jetzt gleich ganz tapfer sein. Aber keine Angst, wir sind bei dir.“

Gleichmütig beobachteten die Androiden das Gebaren ihrer Haustiere. Ihnen war bekannt, dass in manchen Kulturen Katzen telepathische Fähigkeiten nachgesagt wurden und dass es oft sogar hieß, sie könnten in die Zukunft sehen. Von Tribbles war dies zwar nicht überliefert, aber Data vermutete, dass Caruso Fredy informiert haben könnte. Dass die Beiden sich über geheime Schnurrcodes verständigten, war ja schon länger seine Theorie.

„Sind Sie noch dran, Data?“, fragte ich. Die Wartezeit war mir jetzt doch sehr lang geworden. „Ich bin’s, Darling.“, sagte Scotty. „Hey.“, lächelte ich zurück. „Was machst du auf der Erde?“ „Ich wollte dich überraschen.“, erklärte Scotty. „Wenn du von deiner Mission zurückgekehrt wärst, hättest du mich vorgefunden und wir hätten einige schöne romantische Abende verbringen können. Jetzt gibt es aber leider ein Problem. Weißt du, ich habe entdeckt, dass ich Sytanias Strategien vorausahnen kann, wenn man einen bestimmten Stimulus bei mir anwendet. Nur habe ich Angst, wieder zu Sytanias Zombie zu werden und ich habe auch Angst um dich. Wer weiß, was ich dir antue, wenn ich in diesem Zustand bin und Sytanias Denkmuster die Oberhand gewinnen sollte. Die Mediziner haben zwar gesagt, das geschieht nicht, aber ich weiß nicht so recht. Sytania hasst dich und …“

In mir stieg eine ungeheure Wut auf. Sytania hatte, wenn man es so wollte, meinem Ehemann ein Andenken hinterlassen, das ihn in eine gefährliche Situation gebracht hatte. An seiner Betonung hatte ich gemerkt, dass er wirklich sehr große Angst haben musste. Ursprünglich hatte er mich beschützen wollen, aber ich dachte, dass ich jetzt wohl diese Rolle übernehmen müsste. Ich kannte Sytania schließlich länger als er.

„Techniker Montgomery Scott!“, begann ich mit fester Stimme. „Du wirst mir jetzt zuhören! Du wirst denen alle Informationen geben, die du hast! Um mich brauchst du dich nicht zu sorgen! Ich bin OK und werde es auch bleiben! Im Gegensatz zu dir glaube ich den Medizinern nämlich! Also, arbeite gefälligst mit ihnen zusammen! Das ist ein Befehl!“ Ohne seine Antwort abzuwarten drückte ich die 88-Taste.

Wie vom Donner gerührt saß Scotty mit weit offenem Mund da. Mit so einer Reaktion meinerseits hatte er wohl nicht gerechnet. Jetzt wusste er auch, was die Tiere gemeint hatten. Caruso gab ein leises Mitleid zeigendes „Maaang.“, von sich und Fredy ein ebensolches „Quietsch.“ Dann beschnurrten und beschmusten sie ihn noch stärker.

Cupernica löschte meine Akte vom Schirm und ging zu Scotty hinüber. „Sieht aus, als bräuchten Sie jemanden, der Sie auffängt.“, stellte die Androidin fest. „Bei Ihrer Frau mache ich mir da keine Sorgen.“ „Das war so unfair.“, stammelte Scotty. „Beendet einfach das Gespräch und lässt die Brückenoffizierin raushängen.“ „Anscheinend ist der Allrounder nicht mehr das schüchterne Etwas, das Sie einmal geheiratet haben, Techniker.“, mischte sich jetzt Data ein. „Das Gefühl habe ich verdammt noch mal auch.“, sagte Scotty, der noch immer damit zu kämpfen hatte, seine Fassung wieder zu finden. „Eine weitere Erklärung könnte sein, dass der Allrounder Sytania mindestens ähnlich gut kennt wie wir.“, referierte Cupernica. „Ihre Wut und ihr Hass gegenüber der imperianischen Prinzessin könnten ihr geholfen haben, einen Schutz aufzubauen. Im Allgemeinen wird Wut als sehr negative Emotion bezeichnet, aber es kommt eben immer auf die Handhabung an. Sinnlose Aggression ist sicher negativ. Aber wenn sie in die richtigen Bahnen gelenkt wird, kann sie auch hilfreich sein.“ „Jetzt verstehe ich, was Troi damals meinte, als sie mir versucht hat zu erklären, dass Wut weder positiv noch negativ ist.“, strahlte Data. „Danke, Mr. Scott.“ Scotty sah Cupernica Hilfe suchend an. „Wir reden gleich noch unter vier Augen.“, sagte sie mit leiser tröstender Stimme. „Folgen Sie mir bitte in mein Arbeitszimmer.“

Kapitel 17 - Moral, Erklärung und Freundschaft von Visitor

Ishan und Nidell beschäftigten sich immer noch mit den Röhrchen. Nidell hatte gerade eines in der Hand, in dem sich ein Stück eines seltenen Fisches befand. Genau ließ sich die tindaranische medizinische Assistentin die Struktur des Stückes von ihrem Erfasser darstellen. Dabei fiel ihr auf, dass das Stück eine mundgerechte Größe hatte und aussah, als sei es irgendwo abgeschnitten worden. Aber die metallischen Anhaftungen eines Messers fehlten.

Nidell winkte ihrem Vorgesetzten, der sofort herüber kam. „Was gibt es denn?“, fragte Ishan freundlich. „Ich komme mit einer Tatsache nicht zurecht.“, erklärte Nidell. „An diesem Stück Fisch hier befinden sich keine metallischen Anhaftungen von einem Messer, obwohl es aussieht, als wäre es aus dem Fisch herausgeschnitten worden.“ „Ähnliches habe ich auch schon bei meinen Proben festgestellt.“, sagte Ishan. „Schade ist, dass ich nur einen medizinischen Erfasser habe.“, sagte Nidell. „Hätte ich einen Ballistischen, könnte ich ihn auf technische Parameter umstellen und nachsehen, ob es Transporterspuren gibt.“ „Denkst du, dass Shimar und IDUSA etwas im Schilde führen?“, fragte der androide Arzt, dem jetzt auch etwas sehr merkwürdig wurde, was das anging. „Davon gehe ich tatsächlich aus.“, lächelte Nidell. „Ich denke, dass Shimar das luxuriöse Essen nicht annehmen wollte, das ihm Hestia angeboten hat, weil er genau wusste, dass er damit die Ausbeutung des mirayanischen Volkes unterstützen würde. Gleichzeitig musste aber ein Kompromiss her, damit sich die Prinzessin nicht beleidigt fühlte. Ich glaube, diejenige, die hier alles richtig gemacht hat, war IDUSA. Das bedeutet, Maron irrt sich in einem.“ „Vielleicht hat Shimar IDUSA aber genau das befohlen.“, vermutete Ishan. „Ich weiß nicht.“, sagte Nidell und zuckte mit den Schultern. „Ich denke, dass IDUSA selbstständig gehandelt hat.“ „Das kann uns nur Maron beantworten.“, sagte Ishan. „Er hat eine SITCH-Mail erwähnt, die IDUSA uns geschickt hat. Vielleicht finden wir darin Antworten.“ „Ich denke, nur gemeinsam mit unseren Ergebnissen wird wirklich ein Schuh draus.“, erwiderte Nidell. „Aber wir sollten zu Maron gehen und ihm zeigen, was wir bisher festgestellt haben. Maron hat einen ballistischen Erfasser. Er kann sicher die fehlenden Daten hinzufügen. Aber bisher gab es dafür ja keinen Anlass.“ „Bis jetzt, mein aufmerksamer kleiner Luchs.“, lobte Ishan und klopfte Nidell auf ihre zierliche Schulter. Dass ihr Vorgesetzter sie mit einer terranischen Raubkatze verglich, schmeichelte ihr.

Ishan verschloss das Röhrchen, um dessen Inhalt es ging, nahm es auf und ging damit in Richtung Tür. „Gehen wir zu Maron.“, sagte er und winkte Nidell.

Maron hatte sich in seinem Quartier mit der Mail von IDUSA beschäftigt. Hierin hatte das Raumschiff detailliert beschrieben, wie sie Shimar geholfen hatte. „Sieh an, sieh an.“, lachte Maron gehässig. „Ich würde das doch glatt als Transporterdiplomatie bezeichnen.“

Die Sprechanlage riss ihn aus seinen Gedanken. „Wer ist dort?“, fragte er. „Hier sind Nidell und Ishan.“, meldete sich Ishan. „Wir haben Ergebnisse für dich.“ „Kommt rein!“, sagte der ausgebildete Agent und erste Offizier.

Der Androide und die Tindaranerin betraten den Flur von Marons Quartier. Hier kam er ihnen bereits erwartungsvoll entgegen. „Na, was habt ihr denn für mich?“, lächelte er ihnen zu, bevor sich alle drei im Wohnzimmer auf die Couch setzten. „Wir nehmen an.“, begann Ishan, „Dass diese Stücke aus den jeweiligen Nahrungsmitteln herausgebeamt worden sind. Es sollte aber aussehen, als wären sie herausgeschnitten worden. Wahrscheinlich sollte der Eindruck entstehen, dass Shimar äße, obwohl er es doch nicht tat.“ „Wir glauben, dass er das so gemacht hat, weil er die Prinzessin nicht beleidigen wollte und trotzdem sich an unsere Gesetze halten wollte, die besagen, dass wir die Ausbeutung einer Gesellschaft nicht unterstützen dürfen.“, fügte Nidell hinzu. „Manchmal kann auch unser kleiner Actionheld ein richtiger Diplomat sein.“ „Ich glaube.“, erwiderte der erste Offizier. „Die Diplomatin war in diesem Fall IDUSA. Sie hat in dieser Mail hier ein volles Geständnis abgelegt.“

Er ließ IDUSA die Mail noch einmal aufrufen. Neugierig lasen Ishan und Nidell ihren Inhalt. „Wie mag IDUSA darauf gekommen sein?“, fragte Nidell halblaut. „Das weiß ich nicht.“, gab Maron zurück. „Aber ich glaube, bei ihr kann man den Begriff: künstliche Intelligenz wirklich sehr wörtlich nehmen.“ „Meinst du auf das Künstliche oder die Intelligenz bezogen?“, erkundigte sich Ishan. „Auf beides.“, lächelte Maron.

Er stand auf. „Ich werde mit diesen Ergebnissen gleich zu Zirell gehen.“, sagte er. „Lasst mir das Röhrchen bitte da. Dann habe ich gleich ein Demonstrationsobjekt.“ Die Mediziner nickten und gingen.

Shimar hatte sich auf einen großen Findling gesetzt und IDUSA beim Landemanöver auf dem Rasen vor dem Haus von Tamins Familie zugesehen. Gleichzeitig hatte er aber auch mit halbem Auge zum Sandkasten hinüber geschielt, in dem Klein-Tamin spielte. N’Cara hatte er auch kurz beobachtet, sich aber gleich wieder von ihr abgewendet. Das alles gehörte aber zu seinem Plan. Er konnte sich denken, dass N’Cara im Moment keine Lust auf Ansprache durch einen Erwachsenen verspürte. Schon mal gar nicht, wenn dieser ihr eine Moralpredigt halten würde. Er hatte wohl gesehen, was sie versuchte und ihm war klar, dass das nicht funktionieren konnte. Er wollte allerdings noch etwas warten, um im richtigen Moment als Retter auftreten zu können. Deshalb beschäftigte er sich dann auch mit Klein-Tamin, aber nicht ohne ab und zu unauffällig zu N’Cara herüber zu linsen.

Shimar hatte gerade einen Eimer mit Wasser zu Klein-Tamin geschafft. Dieser hatte nämlich bemängelt, dass die Sandkuchen, die er mit seinen Förmchen backte, immer wieder auseinander fielen. „Du brauchst festeren Sand.“, erklärte Shimar. „Dazu machen wir am Besten erst mal Matsch.“

Er nahm die Schaufel und schaufelte Sand in den Wassereimer, um dann kräftig durch zu rühren. „So.“, sagte Shimar dann. „Den mischt du jetzt unter jeden Sandkuchen.“

„Alles klar.“, strahlte Klein-Tamin ihn an, nachdem er das erste Ergebnis gesehen hatte. „Du bist cool.“, sagte er. „Du bist der coolste Matschmacherkumpel, den es gibt.“ Shimar lachte und drückte den kleinen Dreckspatz an sich.

„Scheißding!“ N’Caras Ausruf hatte ihn sich umdrehen und in ihre Richtung spähen lassen. Shimar sah nur noch einen durch die Luft fliegenden Phaser und eine frustrierte N’Cara, die ihm wütend hinterher trat.

Leise schlich Shimar zu ihr hinüber. „Wo ist das Problem?“, fragte er, während er den Phaser aufhob und ihr zurück gab. Dabei stellte er fest, dass der Phaser auf eine Stufe eingestellt war, mit der jugendliche Sportschützen übten. Über diese Stufe kam man ohne die Eingabe eines Sicherheitscodes nicht hinaus. „Ich wusste gar nicht, dass du auch Sportschützin bist.“, sagte er ruhig. „Doch.“, antwortete N’Cara frustriert. „Ich wollte dich mit einem Hüftschuss beeindrucken, aber das Mistding blockiert immer. Ich wollte dir beweisen, wie gut ich schießen kann, damit du mich doch noch mitnimmst. Wenn uns jemand dumm kommt und sei es auch ein Mächtiger, dann führt meine Freundin Rosy hier die Unterhaltung. Ja, ich habe einen Rosannium-Aufsatz für das Baby hier.“ „Hör mal zu, Jassica James.“, erklärte Shimar. „Waffengewalt sollte nie die erste, sondern immer nur die allerletzte Möglichkeit sein. Wenn überhaupt.“

Er nahm ihr den Phaser ab und richtete ihn in ihre Richtung. „Hey, warum bedrohst du mich?!!“, fragte N’Cara alarmiert. Shimar ließ die Waffe sinken. „Hast du gemerkt, wie sich das anfühlt, wenn man mit einer Waffe bedroht wird?“, fragte er ruhig. „Ja, das war echt Scheiße.“, antwortete sie. „Ich wollte es dir heimzahlen, wenn …“, „Siehst du?“, fragte Shimar. „Und die Gewaltspirale hätte sich immer weiter und weiter gedreht und dann …“ „Uff.“, machte sie. „Daran habe ich nicht gedacht. Weißt du, in den Simulationen alter terranischer Western funktioniert das auch und …“, erklärte sie weiter. „Oh, je.“, sagte Shimar. „Da funktioniert auch der Hüftschuss. Aber das ist mit einem Phaser aus physikalischen Gründen auch nicht möglich. Ich zeige dir warum.“

Er ging in die Hocke. „Komm mal runter zu mir.“, flüsterte er ihr zu. Lässig aber auch gespannt tat N’Cara, was er gesagt hatte. „Versuch jetzt mal die Zielscheibe zu fixieren.“, sagte er. N’Cara bemerkte, dass sie ihren Kopf weit in den Nacken heben musste und sich sehr verrenken musste. „Geht ja voll gar nicht.“, sagte sie. „Genau.“, sagte Shimar.

„Du kannst saugut erklären.“, lobte N’Cara, nachdem sie sich auf zwei große Steine gesetzt hatten. „Und mit Jassica James hattest du auch Recht. Der Westernheld Jesse James war mein Vorbild für die Aktion, die voll daneben gegangen ist. Sollte wirklich besser nachdenken.“

Jean-Luc kam herüber getrabt und schmiss sich vor Shimar und N’Cara auf den Rücken. Allerdings hatte dies eine so große Erschütterung zur Folge, dass sich IDUSA über Shimars Sprechgerät meldete. „Soll ich Sie an Bord beamen? Ich habe eine seismische Aktivität in Ihrer Nähe festgestellt.“, erklärte das Schiff. „Sie dauerte eine Sekunde und hatte einen Wert von …“ Shimar betätigte die Break-Taste und ging dazwischen: „Negativ, IDUSA. Benutz mal deine Sensoren, dann wirst du sehen, dass hier nichts Schlimmes passiert ist.“ Das Schiff tat, was ihr Pilot ihr befohlen hatte und stellte fest, dass lediglich ein mit den großen Pfoten in der Luft strampelnder Jean-Luc vor Shimar lag, der sich nichts sehnlicher wünschte, als von dessen Händen gekrault zu werden. Jedenfalls interpretierte bald auch Shimar das Verhalten des Masati-Männchens so, was N’Cara bestätigte, nachdem er sie fragend angesehen hatte.

Shimar ließ sein Hinterteil lässig vom Stein gleiten und kniete sich neben das Tier. „Na, Jonny.“, flüsterte er. „’ne Runde Bauchkraulen gefällig?“ Dann grub er seine Finger tief in das weiche Fell des Tieres bis auf dessen Haut. Jean-Luc holte tief Luft und pustete Shimar an. Da dieser von N’Cara wusste, was dies bedeutete, machte es ihm nichts aus. Im Gegenteil, er grinste sogar über beide Ohren. „Ich dich auch.“, lächelte er. „Und wenn du jetzt noch anfängst zu schnurren, fresse ich fn Besen quer.“ „Senf oder Ketchup?“, lächelte N’Cara, die bereits ahnte, was jetzt kommen würde. Wie auf ein Stichwort gab Jean-Luc plötzlich einen brausenden Laut von sich, der immer mehr anschwoll, je stärker Shimar kraulte. Shimar sah sie verwirrt an. „Wusstest du nicht, dass Masatis schnurren können?“, fragte sie. „Nein.“, gab Shimar zurück.

Auch das lithianische Mädchen gesellte sich jetzt zu ihm auf den Boden, um der gleichen Beschäftigung wie er nachzugehen. „Was meinte dein Schiff mit seismischer Aktivität?“, fragte sie. Shimar war völlig entgangen, dass er sein Sprechgerät auf Lautsprecher gestellt hatte. „Als Jean-Luc sich hingelegt hat, da hat sie die Erschütterung wahrgenommen.“, erklärte Shimar. „Deshalb dachte sie, ich sei in Gefahr. Aber damit muss man schon mal rechnen, wenn sich ein 250 Kilo schwerer Masati vor einem auf den Rücken wirft.“

Immer noch hatte Shimar das Versprechen gegenüber Professor Tamin im Kopf. Er hatte mit ihm quasi gewettet, dass er N’Cara erklären konnte, warum er zu ihr so streng gewesen war und das ohne erhobenen Zeigefinger. Shimar hatte hin und her überlegt, aber eingefallen war ihm bisher nichts. Deshalb war er froh, zunächst ein unverfängliches Thema mit ihr anfangen zu können. „Du hast ihn nach einem der berühmtesten Kapitäne der Sternenflotte benannt.“, stellte er fest. „Stimmt.“, sagte N’Cara. „Cool, was?“ „Ja.“, sagte Shimar, dem langsam die Beine einschliefen. „Ich muss mal aufstehen, Jonny.“, flüsterte er. „Davon wird er gar nichts halten.“, warnte N’Cara. Bald darauf bemerkte Shimar, wie Recht sie gehabt hatte, denn Jean-Luc begann ein Quiekkonzert, wie er es noch nie gehört hatte. „Ich mache weiter, sobald ich kann.“, tröstete Shimar, der sich mühsam hingestellt hatte und abwechselnd sein rechtes und sein linkes Bein rieb. „Wenn du das machst, dann machst du das für den Rest deines Lebens.“, klärte ihn N’Cara auf. „Was schlägst du vor?“, fragte Shimar. „Wir sollten ihn ablenken.“

Jean-Luc stand auf und machte einige Schritte auf IDUSA zu, die er wohl erst gerade bemerkt hatte. Langsam ging er um den für ihn völlig unbekannten Gegenstand herum und beschnupperte ihn. Erneut wendete sich das Schiff per Sprechgerät an ihren Piloten: „Helfen Sie mir, Shimar, ich werde beschnuppert.“ „Jetzt stell dich nicht so an.“, gab Shimar lächelnd zurück. „Jean-Luc will dich nur kennen lernen.“

„Hierher, Jean-Luc!“, rief N’Cara. „Lass ihn doch.“, sagte Shimar. „IDUSA wird ihm nichts tun und er ihr auch nicht.“ „Es ist mir peinlich.“, erwiderte sie kleinlaut. „Muss es nicht.“, sagte Shimar. „Für Jean-Lucs Spezies ist das doch normal.“

N’Cara machte plötzlich ein trauriges Gesicht und rückte näher an Shimar heran, der sich inzwischen wieder auf den Stein gesetzt hatte. „Hey, was?“, fragte er und legte ihr seinen rechten Arm um die Schulter. „Du kannst so super erklären.“, schluchzte sie. „Leider musst du bald gehen und dann habe ich niemanden mehr, der mir zum Beispiel erklärt, warum mein Dad so gemein zu mir war.“ Wie kriege ich ihr erklärt, dass er sie nur beschützen wollte?, dachte Shimar. Aber Moment mal! Sie hatte doch auch jemanden, den sie beschützen wollte! „Hast du eine Leine oder ein Halfter für ihn?“, fragte Shimar und deutete auf Jean-Luc. „Ja.“, sagte N’Cara. „Aber ich weiß nicht, was das mit dem Problem …“ „Vertrau mir.“, sagte Shimar. „Hol es bitte und dann warte ab.“ „Bin gleich zurück.“, sagte N’Cara und verließ den Rasen, um gleich darauf um die Ecke zu verschwinden.

Dieses Mal war es Shimar, der IDUSAs Rufzeichen in sein Sprechgerät eingab. „Konsultiere deine Datenbank nach dem beliebtesten Leckerchen für Masatis.“, orderte er. „Dann beam mir eins her.“ Zum Vorschein kam ein etwa 30 cm langes Ding, das wie ein Brikett aussah, aber aus gepressten Pflanzenfasern bestand. Shimar hob es auf und steckte es in seine Tasche. Dabei fiel ihm auf, dass es ein ziemliches Gewicht hatte. „Große Tiere, große Süßigkeiten.“, schloss er.

N’Cara war zurückgekehrt. Sie hatte ein Geschirr in der Hand, das aus einem ledernen Bauchgurt und einem damit durch eine Metallschiene verbundenen Kopfhalfter bestand. Außerdem brachte sie noch eine breite auf eine Spule in einem Gehäuse gewickelte longenartige Leine mit. Erwartungsvoll stellte sich Jean-Luc vor sie hin. „Dein Job.“, grinste N’Cara und drückte Shimar das Geschirr in die Hand. Der Tindaraner stellte sich rechts neben Jean-Luc und versuchte herauszufinden, wo bei dem Ding vorn und hinten war. Dabei bemerkte er, dass ihm der Masati hilfreich seinen Kopf her streckte. „OK.“, sagte Shimar und zog ihm das Kopfhalfter über. „Dann gehört das Breite wohl um deinen Bauch. Aber das geht nicht, wenn du nicht über die Schiene steigst.“ Er berührte Jean-Lucs rechte Schulter. Dieser hob den Fuß über die Schiene. „Brav!“, lobte Shimar. „Ich finde es echt bewundernswert, dass du dir meine unbeholfenen Versuche überhaupt gefallen lässt.“ N’Cara, die alles aus der Ferne beobachtet hatte, lächelte. Shimar schloss die Schnalle des Bauchgurtes. Dabei achtete er darauf, dass er zwischen ihn und Jean-Lucs Fell noch ohne Mühe zwei Finger schieben konnte. „Wo hast du denn das gelernt?“, staunte N’Cara. „Meine Freundin versteht eine Menge davon.“, erklärte er. „Da muss wohl etwas abgefärbt sein.“ „Glaube ich auch.“, grinste N’Cara, während sie die Leine durch einen Ring am Bauchgurt und einen am Kopfhalfter zog, um den Verschluss wieder hinten am Bauchgurt zu befestigen. „Gib ihn mir.“, sagte Shimar. „OK.“, sagte sie und gab ihm das Gehäuse der Leine in die Hand. „Sag komm zu ihm, wenn er gehen soll.“, dozierte sie. „Ich hätte nichts Anderes gemacht.“, sagte Shimar zu ihr und zu Jean-Luc: „Komm!“

Sie gingen zur stark befahrenen Straße hinter dem Haus. „Wie halte ich ihn an?“, fragte Shimar ruhig. „Sag steh.“, erklärte N’Cara. Shimar ließ Jean-Luc zur Bordsteinkante vorlaufen und sagte dann: „Steh!“ Vertrauensvoll tat dieser, was verlangt wurde. Jetzt zog Shimar das Leckerchen aus der Tasche und warf es im hohen Bogen über die Straße auf den Grünstreifen vor dem gegenüber liegenden Grundstück. Dann zog er ein ansehnliches Stück der Leine aus dem Gehäuse, bevor er die Sperre wieder arretierte und rief Jean-Luc zu: „Hol’s dir!“ „Nein!!!“, schrie N’Cara erschrocken. „Jean-Luc, bleib!“ „Sieh auf meine Hände.“, beruhigte Shimar. „Hast du ernsthaft geglaubt, ich lasse ihn vor einen Jeep laufen?“ Die kleine Lithianerin sah, dass er die Leine gefasst hatte und Jean-Luc somit am Überqueren der Straße hinderte. „Zurück!“, forderte er ihn zum Rückwärtsgehen auf. Die Leine schnurrte ins Gehäuse zurück. Dann streichelte er ihn über den Kopf. „Alles fein, Dicker. Alles fein.“, sagte er ruhig, um die Situation für das verwirrte Tier aufzulösen.

Sie führten Jean-Luc zurück und setzten sich wieder auf die Wiese. „Warum wolltest du nicht, dass er die Straße überquert?“, fragte Shimar. „Weil es zu gefährlich ist.“, antwortete N’Cara. „Siehst du?“, fragte Shimar. „Und genau so geht es deinem Vater mit dir. Auch er will dich nur beschützen, weil er dich lieb hat, wie du Jean-Luc lieb hast.“ „Jetzt begreife ich.“, sagte N’Cara. „Du bist besser im Erklären als Dad. Aber trotzdem würde ich dich gern begleiten. In deiner Nähe riecht’s nach Abenteuer.“ „Ne, große Schwester.“, krähte Klein-Tamin vom Sandkasten herüber. „Das is’ sein Rasierwasser.“ „Spiel weiter, kleiner Bruder.“, lächelte N’Cara. „Das verstehst du noch nicht.“

Shimar beobachtete, wie N’Cara sich auf etwas zu konzentrieren schien. Zumindest entnahm er dies ihrem Gesichtsausdruck. Er hätte niemals von sich aus ohne ihr Einverständnis mit ihr telepathischen Kontakt aufgenommen. Sie hätte dies zwar spüren können, aber er wusste auch, dass es die Höflichkeit gebot, erst einmal nachzufragen. „Was versuchst du?“, fragte er. „Wir haben etwas vergessen.“, erwiderte sie mit angestrengt zusammengekniffenen Augen. Dann löste sie sich wieder aus ihrer Haltung und gab ein zwischen ihren zusammengebissenen Zähnen hervor gepresstes: „Verdammt!“, von sich. „Was-ver-suchst-du?!“, fragte Shimar erneut, allerdings dieses Mal viel lauter und eindringlicher. „Ach.“, machte sie. „Ich versuche, das Leckerchen her zu teleportieren, aber es klappt nicht. Ich bin eben eine völlige Niete, was das Nutzen meiner Fähigkeiten angeht. Das sagen meine Lehrer, die es mir beibringen wollen, auch immer. Mann, habe ich schon einen Verschleiß an Lehrern gehabt. Allen ist irgendwann der Geduldsfaden mit lautem Krach gerissen. Das konnte man mit Sicherheit von hier bis Tindara hören.“ „Ach das war der laute Knall ab und zu.“, scherzte Shimar. „Und ich Dussel habe immer gedacht, es sei ein Gewitter.“ N’Cara grinste. Sie verfiel aber sofort wieder in jene konzentrierte Haltung. Gleichzeitig fühlte sie aber Shimars vorsichtigen Versuch, geistigen Kontakt zu ihr herzustellen. „Lass mich rein.“, flüsterte er ihr zu, nachdem sie fragend den Kopf in seine Richtung gewendet hatte. „Ich werde mir ansehen, was du machst. Vielleicht finde ich ja den Fehler.“ „Wenn du meinst.“, sagte sie mit leicht wütender Stimme und ließ ihren geistigen Schild fallen. Jetzt sah Shimar wie verkrampft und verbissen sie war. Das erinnerte ihn an seine eigene Zeit als Kadett. Er hatte, da die Tindaraner ihre Fähigkeiten auch im Kampf benutzen, wie alle Soldaten lernen sollen, damit umzugehen. Aber die Telekinese hatte auch ihm Schwierigkeiten bereitet. Auch seine Ausbilderin, Professor Marell, eine richtige Schleiferin vor den tindaranischen Göttern, hatte sich über ihn geärgert und diesem Ärger freien Lauf gelassen. Bis zu dem Tag, als …

„Ich zeig dir jetzt was., gab er N’Cara telepathisch zu verstehen. Dann tat er das Gleiche mit ihr, was er auch schon mit mir gemacht hatte, nur ging es nicht in eine Fantasie seinerseits, sondern in seine Vergangenheit und seine Erinnerungen.

Shimar war auf dem Weg in sein Quartier auf dem Campus der Akademie der tindaranischen Streitkräfte. Hier hatte er als einziger Auszubildender ein Einzelquartier, weil er der einzige Junge seines Jahrgangs war. „Hallo, Shimar.“, begrüßte ihn die IDUSA-Einheit seines Quartiers freundlich. „Hatten Sie einen guten Tag?“ „Frag nicht.“, entgegnete er der künstlichen Intelligenz. Dann warf er sich auf sein Bett. „Repliziere mir einen Kieselstein!“, befahl er dann. „Wozu benötigen Sie einen Kieselstein?“, wollte der selbstständig denkende Computer wissen. „Wirst du nie erfahren, wenn du nicht machst, was ich gesagt habe.“, erwiderte Shimar. „Also gut.“, sagte die Einheit. „Der Stein ist im Auswurffach des Replikators.“

Ihre Sensoren verrieten der Einheit, dass Shimar sich darauf zu konzentrieren schien, den Stein zu sich zu holen. Allerdings sah sie, da sie seine Reaktionstabelle geladen hatte, mit welcher eisernen Verbissenheit er daran ging. Sie wusste, sie war die Einzige, die ihm jetzt helfen konnte. Da kaum noch mechanische Teile verwendet wurden, machte sie auch während des Arbeitens keine Geräusche, was sie sehr genau wusste.

Plötzlich öffnete sich die Tür und Namell betrat den Raum. Sie nahm Shimars Gesicht in beide Hände und übersäte es in atemberaubender Geschwindigkeit mit Küssen. Namell und Shimar waren zu dieser Zeit nämlich ein Paar. „Wir stehen das durch, hörst du?“, flüsterte sie zwischen den Knutschsalven. „Was immer auch mit dir ist, wir kriegen das hin. Wir kriegen das hin.“ „Lass mich Luft holen, Süße.“, bat Shimar. Sie ließ von ihm ab. Er atmete tief durch und fragte dann: „Wovon redest du denn?“ „Du hast mir doch gerade gemailt, dass du eine Krise hast.“, sagte sie, die über seine Frage sehr erstaunt war. „Habe ich nicht … IDUSA!“

Die Angesprochene lud auch Namells Tabelle, auf die sie Dank des Netzwerkes zugreifen konnte. Dann sagte sie: „Sie haben mich erwischt. Aber schauen Sie mal, der Stein liegt genau vor Ihnen.“

Verdutzt sah Shimar vor sich auf die Decke. Da lag tatsächlich der Stein. „Hast du?“, wendete er sich an Namell. „Das wüsste ich aber.“, grinste sie. „Ne, mein Schatz, das warst dann wohl eher du.“ „Aber das habe ich im Unterricht nie geschafft.“, wunderte sich Shimar. „Weil du immer total verkrampft und verbissen bist.“, erklärte Namell. „Der Prof. versucht immer wieder, es dir klarzumachen. Wenn du verkrampfst, kann deine Energie nicht fließen. Wenn das Bild in deinem Kopf entstanden ist, musst du deinen Geist machen lassen. Dazu hat IDUSA dich jetzt wohl endlich gekriegt. Du warst so froh, mich zu sehen, dass du total entspannt hast. Aber meine Küsse haben da wohl auch zu beigetragen. Obwohl ich eigentlich dachte, ich müsse dich aufbauen, aber …“ „Es tut mir Leid, Namell, dass ich Sie instrumentalisiert habe.“, entschuldigte sich die IDUSA-Einheit. „Schon gut.“, sagte Namell. „Schwamm drüber. Wir melden dich auch nicht der Technik.“ Shimar und sie grinsten.

N’Cara fühlte sich, als sei sie aus einem Traum erwacht. „Es geht also mehr ums Lockerlassen?“, fragte sie. „Genau.“, sagte Shimar. „Du musst es schon wollen, aber du willst zu sehr. Auf die richtige Balance kommt es an.“ „Ich werde es versuchen.“, sagte N’Cara fast feierlich und setzte sich auf. Wieder formte sie das Bild vom zu ihr fliegenden Leckerchen in ihrem Kopf. Aber dieses Mal ließ sie es mehr wie ein Traumbild durch ihren Geist gleiten. Alsbald kam es angeschwebt und landete genau vor Jean-Lucs Schnauze. Sofort begann der Masati es zu belecken und zu benagen. Dabei schmatzte er sehr laut.

„Was habe ich denn da gesehen!“ eine freudige Stimme aus dem Hintergrund ließ die Beiden aufhorchen. Dann näherte sich langsam und fast ehrfürchtig Professor Tamin. Lächelnd drückte er seine Tochter an sich. „Du hast es endlich geschafft, N’Cara. Ja, du hast es geschafft!!“, freute er sich. „Das verdanke ich nur Shimar, Vater.“, erwiderte sie. „Er hat mir auch erklärt, was du mit deiner Standpauke meintest. Ich bin dir nicht mehr böse. Du wolltest mich ja nur beschützen.“

Tamin setzte sich. „Warum sieht sie das bei dir ein und bei mir nicht?“, wollte er von Shimar wissen. „In Einsehen steckt das Wort sehen.“, entgegnete er. „Ich habe mir einfach gedacht, dass sie die Situation sehen muss, um sie einsehen zu können. Ich habe es ihr an Jean-Luc gezeigt und das hat sie verstanden.“

Tamin überlegte merklich. Er war nicht darauf gekommen und musste sich offensichtlich von einem Jungspund, der noch nicht einmal Vater war, im Punkto Erziehung etwas zeigen lassen. „Verstehe.“, sagte er dann. „Anscheinend habe ich einen Fehler gemacht.“ „Und mit meinem anderen Problem hat er mir auch geholfen.“, strahlte N’Cara. „Er kann besser erklären als du, Dad.“ Das hatte gesessen. „Ich sollte mich wirklich mehr bemühen.“, gab Tamin geplättet zu.

Ich bewunderte Shimar. Ich bewunderte ihn für die Art, mit der Situation umzugehen. Würde er irgendwann eine Tindaranerin finden, mit der er Kinder haben könnte, würde er sicher einen wunderbaren Vater abgeben. Alles das, was ich im Traum gesehen hatte, ließ mich aber andererseits hoffen, die Beziehung zwischen uns würde nie enden, denn es machte meine Liebe zu ihm nur noch stärker.

Immer noch verstand ich nicht, warum ich dies alles sah. Ich fand es zwar cool, in Serie zu träumen, aber ich konnte mir nicht vorstellen, was dies verursacht hatte. Zwar wusste ich, dass Shimar, wenn wir in derselben Dimension waren, über unsere Schutzverbindung mit mir verbunden war und dies durchaus so passieren konnte, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass er mir diese Dinge absichtlich telepathisch mitteilte. Eher glaubte ich, dass er genau so irritiert über unsere Traumverbindung war wie ich. Ich hatte nämlich alles auf eine ganz bestimmte Art gesehen, als sei ich eine Zuschauerin im Theater. Ich hatte keinen Einfluss auf den Traum. Allerdings empfand ich diesen Umstand als normal. Einfluss auf meine Träume hatte ich noch nie gehabt. Zwar hatte ich von der Möglichkeit des so genannten lichten Träumens gehört, aber diese gleich wieder verworfen, da ich von mir wusste, dass solche Dinge nicht funktionieren konnten. In so etwas war ich schon immer echt mies gewesen. Versuche in meiner Kindheit mit autogenem Training waren gründlich in die Wicken gegangen. Also würde ich mit so etwas wie einem Mantua auch nichts anfangen können. Mein Geist würde eh nicht machen, was ich verlangte. Wahrscheinlich war ich dafür zu sehr der Physik verhaftet. Wenn ich schlief, dann schlief ich eben und der Unterschied zwischen dem Wach- und dem Schlafzustand war eben, dass ich im Schlaf nicht agieren konnte, weil meine Muskeln entkoppelt waren.

Ich stand auf, nachdem ich aus meinem Traum erwacht war und ging zum Spiegel, der Standard in allen Quartieren war. Aber ich drehte mich in Richtung des nächsten Computermikrofons. „Computer.“, begann ich. „Stehe ich korrekt vor dem Spiegel, um ein vollständiges Bild meiner Selbst zu erzeugen?“ „Affirmativ.“, kam es nüchtern zurück. Ich hob meine Hand in Brusthöhe und sagte zu meinem Spiegelbild: „Morgen gehst du zum Arzt!“ Dann legte ich mich wieder in mein Bett.

Zirell hatte über Marons Auftritt gestaunt. Sie war sehr verwirrt gewesen, als ihr der erste Offizier die Röhrchen auf den Schreibtisch legte und einige sogar öffnete. „Willst du mich zu einem mirayanischen Buffet einladen?“, fragte die Tindaranerin lächelnd. „Das habe ich nicht vor!“, sagte Maron sehr bestimmt. „Aber mit mirayanischem Buffet liegst du schon richtig. Dazu hat nämlich Hestia versucht, Shimar zu verführen.“ In seinen letzten Satz legte er eine Art von Betonung, die Zirell nur von ihm kannte, wenn er extremen Ekel oder Amoral ausdrücken wollte. „Na, so schlimm wird’s schon nicht gewesen sein.“, lachte sie. „Das Schlimme ist.“, erwiderte Maron, „Dass diese Lebensmittel extrem selten und damit extrem teuer sind. Auf Miray herrscht ein monetäres Wirtschaftssystem und ein Feudalsystem. Nur wer viel Geld hat, kann leben.“

Er musste Luft holen. Ihm war von Kindesbeinen an eingebläut worden, dass ein solches System und erst recht die Kombination aus beiden, sehr ungerecht und primitiv war. „Ruhig!“ Sie griff seine Hand. Dann zog sie ihn auf den Stuhl neben sich. „Vor lauter Moral darfst du nicht vergessen, dich zu setzen.“, fügte sie ihrer verbalen Beruhigungspille noch hinzu.

„Das ist doch genau wie bei den Ferengi, nicht wahr?“, erkundigte sich die Tindaranerin, nachdem sich Maron etwas beruhigt hatte. „Ja.“, sagte er. „Aber mit denen wollte Nugura ja auch noch nie engeren politischen Kontakt.“ „Und mehr als einen Kontakt wollte sie mit den Miray auch nie!“, wies sie ihn energisch zurecht. „Du tust ja gerade, als wollte sie die Ferengi und die Miray in die Föderation holen. Aber das kann sie nicht, weil ihre Gesetze mit denen der Föderation zum größten Teil schwer in Einklang zu bringen sind. Es ist also keine Ehe, nein, noch nicht einmal eine Liebe, sondern eher so etwas wie eine lockere Bekanntschaft. Keine Angst. Die gehören schon nicht zur Familie. Den Fehler macht sie nicht noch einmal.“ Maron wusste, dass seine Kommandantin auf die Sache mit Nihilla anspielte. Ihre Vergleiche mit den sozialen Stadien des Zusammenlebens hatte er auch immer gut verstanden. So war es auch in diesem Fall.

Er atmete auf und widmete sich wieder den Röhrchen. „Hierin ist wie gesagt ein Teil der Speisen, mit denen Hestia Shimar Honig um den Bart schmieren wollte. Aber er hat sie nicht angenommen.“ „Das war ja auch richtig.“, drängte Zirell. „Aber jetzt solltest du zur Sache kommen. So weit waren wir nämlich schon.“

Er zog einen Datenkristall aus der Tasche. „Darf ich?“, fragte er und deutete auf das Laufwerk der IDUSA-Einheit. „Sicher.“, sagte Zirell und rückte ein Stück vom Schreibtisch ab, um ihm freien Zugang zu ermöglichen.

Maron schob den Kristall ins Laufwerk und stellte sich vor das Mikrofon. Gleichzeitig hatte er seinen Neurokoppler aus der Tasche geholt und war im Begriff, ihn anzuschließen. Zirell, die ihn beobachtet hatte, tat das Gleiche.

IDUSA lud beide Tabellen und sagte: „Sie müssen mir nichts mehr sagen, Agent. Ich habe den Kristall in meinem Laufwerk längst registriert. Sicher wollen Sie, dass ich Ihnen beiden den Inhalt zeige.“ Maron nickte.

Vor seinem und Zirells geistigem Auge erschien zuerst der gewohnte virtuelle Bildschirm, auf den der Rechner dann den Inhalt der Mail projizierte. Für Maron, der ihren Inhalt kannte, war dies nichts Ungewöhnliches. Zirell aber las sie mit Spannung, um dann laut aufzulachen. „Oh, nein!“, lachte sie. „Na, da können wir ja froh sein, dass Hestia keine Sensorenaugen hat. Aber IDUSA hat tatsächlich alles richtig gemacht. An deiner Stelle würde ich ihr das ruhig sagen. Sie hat Shimar aus einer ziemlichen diplomatischen Klemme geholt.“ „Das stimmt wohl.“, sagte der Demetaner und drehte sich zum Gehen: „Entschuldige mich bitte.“ Sie nickte sein Begehr ab und Maron verließ ihren Bereitschaftsraum, in dem sie sich getroffen hatten.

Kapitel 18 - Vorläufiges Aufatmen von Visitor

Cupernica und Scotty waren im Arbeitszimmer der Ärztin eingetroffen und hatten sich dort gesetzt. „Hätte ich von meiner Betsy nicht erwartet, dass sie so reagiert.“, sagte der immer noch extrem geplättete Scotty. „Ich habe es Ihnen ja bereits erklärt, Techniker.“, sagte die Androidin ruhig. „Ich weiß.“, sagte Scotty. „Die Sache mit der Wut und so. Aber ich hätte gerade von diesem unschuldigen süßen Ding nicht …“ „Sie werden sich damit abfinden müssen, Techniker, dass sie nicht mehr das Unschuldslamm ist, als das Sie sie kennen gelernt haben. Ich schiebe das nicht zuletzt auf die Tatsache, dass sie sogar ihre Angst vor Telepathie besiegt hat. Damit geht bei den Meisten auch eine große Angst vor Sytania einher, da diese Telepathin ist. Aber der Allrounder dürfte ihr hiermit gezeigt haben, dass sie sie auf der Rechnung haben muss, obwohl sie in Sytanias Augen nur eine Sterbliche ist. Sie dürfen nicht vergessen, dass …“ „Ja, ja, ja.“, sagte Scotty etwas gelangweilt. „Dass ihr Androiden immer aus allem gleich ein Referat machen müsst.“

Sedrin betrat den Türrahmen. „Sie haben vergessen abzusperren, Scientist.“, bemerkte die Agentin. „Das habe ich nicht vergessen.“, entgegnete Cupernica. „Ihnen, verehrter Agent, sollte klar sein, dass Androiden nicht vergessen können, außer, sie werden technisch manipuliert.“ „Soll das etwa heißen, Sie haben mit Absicht die Tür offen gelassen?“, fragte Sedrin. „Das ist korrekt.“, antwortete Cupernica. „Sie dürfen ruhig mitbekommen, was Scotty und ich miteinander besprochen haben. Schließlich sind Sie und Agent Alesia mit seiner Bewachung betraut.“

Scotty stand auf. „Es geht schon wieder, Cupernica.“, sagte er. „Ich glaube, ich kann den lieben Agent wieder in unsere Unterkunft begleiten. Oder spricht medizinisch etwas dagegen?“ „Nein.“, antwortete sie knapp. Scotty stellte sich neben Sedrin und sagte: „Gehen wir.“

Ginalla und Kamurus waren Atauras Schiff gefolgt. Die junge Genesianerin hatte sie bis ins heimatliche Sonnensystem geführt. „Wenn du der obersten Prätora entgegentrittst, würde ich aufpassen, was ich sage.“, äußerte das selbstständig denkende Schiff seine Besorgnis. „Du machst dir ja richtig Sorgen.“, grinste die Celsianerin. „Das tue ich tatsächlich.“, gab Kamurus zu. „Weil ich genau weiß, was deine Spezies für ein lockeres Mundwerk hat. Ein falsches Wort und …“ „Es wird nichts passieren, kapiert!“, sagte Ginalla mit Verärgerung in der Stimme. „Denk dran, was ich dir gesagt habe, wenn du nicht tust, was ich gesagt habe.“ „Schon gut.“, versuchte das Schiff sie zu beschwichtigen. „Ich bin ja nur um deine Sicherheit besorgt. Das sind wir im Allgemeinen alle. Alice bildete da wohl die große Ausnahme. Sie war sehr egoistisch und hat unseren Ruf weit über unsere Dimension hinaus völlig ruiniert. Dass sensible Schiffe wie Sharie davon einen Knacks bekommen haben, war vorauszusehen. Als ich die Dimension verließ, um mir einen Piloten zu suchen, mit dem ich meine Erfahrungen erweitern kann, wollte sie mich erst begleiten, aber ich habe nein gesagt. Sie hat das Alice-Trauma immer noch nicht ganz überwunden und hält sich für schuldig. Falsche Freunde könnten das ausnutzen und …“ „Was du mit fnem anderen Schiff hast, interessiert mich nicht!“, raunzte Ginalla. „Sag mir lieber, was die Genesianer machen.“

„Sie scheinen uns bisher zu ignorieren.“, stellte Kamurus fest, nachdem er die Gegend nach den Signaturen aktivierter genesianischer Waffen gescannt hatte. „Ich gehe davon aus, dass Ataura uns angemeldet hat.“ „Glaube ich auch.“, erwiderte Ginalla.

Kamurus empfing ein Rufsignal. „Ataura ruft uns.“, meldete er. „Stell durch!“, befahl Ginalla. Er projizierte ihr das Bild einer Sprechkonsole vor ihr geistiges Auge und wartete ab, bis sie darauf sozusagen den Sendeknopf gedrückt hatte. Dann übertrug er alles, was sie sagte, über das Mikrofon im Cockpit. „Was is’ los, Ataura?“, fragte Ginalla gewohnt flapsig. „Wir kommen in Kürze bei Genesia Prime an, Celsianerin.“, erklärte der genesianische Teenager. „Trifft sich gut.“, flapste Ginalla zurück. „Ich übermittle dir jetzt Koordinaten.“, sagte Ataura. „Dort soll dein Schiff dich herunter beamen. Wir werden dort auf meine Mutter treffen. Sie wird uns begleiten.“ „OK.“, sagte Ginalla. „Dann sag deiner Mutter, ich freue mich schon.“ Sie befahl Kamurus per Gedankenbefehl, das Gespräch zu beenden.

„Was hatte deine letzte Äußerung zu bedeuten?“, erkundigte sich das Schiff. „Nenn es einen Anflug von Diplomatie.“, scherzte Ginalla. „Wollte halt einfach nur mal was Nettes sagen. Du beschwerst dich doch immer, dass ich mich daneben benehmen könnte. Damit wollte ich dir nur beweisen, dass ich auch anders kann. Aber wenn du mir nicht glaubst, dann aktivier doch deine Sonde, die du mir eingepflanzt hast. Sag ihr, sie soll dir alles übermitteln, was auf dem Planeten passiert.“ „Das hätte ich ohnehin getan.“, antwortete er. „Es ist mir einfach sicherer so. Du magst dir jetzt extreme Mühe gegeben haben, aber ich kenne dich und weiß, dass dies nur temporär war. Wenn dir etwas gegen den Strich geht, dann kannst du auch ganz anders. Leider könnte das bei den Genesianern nicht sehr gut ankommen, also pass bitte auf, was du sagst. Die Sonde übermittelt mir übrigens auch, was du denkst. Wenn ich deine Reaktionstabelle geladen habe, kann ich über sie auch so mit dir kommunizieren.“ „Schon gut.“, sagte Ginalla genervt. „Und jetzt hör endlich auf, dir Sorgen zu machen. Du machst aus einer Mücke einen Elefanten.“ „Da irrst du dich.“, sagte Kamurus. „Wie ich die Situation einschätze, gibt es dort bereits einen Elefanten, den du noch für eine Mücke hältst.“ „Hey!“, sagte Ginalla unwirsch. „Vertraust du mir so wenig?“

Erneut gab es einen SITCH von dem genesianischen Schiff. „Ataura ruft uns erneut.“, meldete Kamurus. „Was will sie denn jetzt?“, fragte Ginalla, deren Laune sich nicht gebessert hatte. „Aber von mir aus, gib sie her.“

Wieder erfolgte das gleiche Procedere wie zuvor. „Was is’, Kleene.“, meinte Ginalla locker. „Sind die Koordinaten angekommen, Celsianerin?“, fragte Ataura. „So sicher wie das Amen in der Kirche.“, erwiderte Ginalla. „Dann komm bitte her. Wir warten dort auf dich.“

Ginalla stand auf. „Also dann.“, sagte sie. „Beam mich runter!“ Sie legte ihren Neurokoppler in die dafür vorgesehene Mulde auf der Konsole. „Wie du willst.“, sagte das Schiff jetzt über den Bordlautsprecher. „Aber pass auf, was du tust. Beim kleinsten Anzeichen von Problemen hole ich dich zurück.“ „Es wird keine Probleme geben.“, versicherte Ginalla. „Und das werde ich dir beweisen. Und jetzt mach!“

Das Schiff hatte Ginalla auf eine Waldlichtung gebeamt. Die Luft roch nach den Blüten der umherstehenden Bäume, was kein Wunder war, denn auf der Nordhalbkugel der genesianischen Heimatwelt war es gerade Frühling geworden. Ginalla bewunderte die Baumriesen, die wie eine Gruppe Wartender um sie herum zu stehen schienen. Sie bildete sich sogar ein, dass einer warnend einen Ast als moralischen Zeigefinger erhoben hatte. Wenn sie geahnt hätte, wie Recht sie damit noch haben sollte, wäre sie sicher vorsichtiger gewesen. So aber wischte sie den Umstand, dass ihr Verstand ihr diesen Streich spielte, nur beiseite. „Kamurus’ Sorge scheint auf dich abzufärben.“, sagte sie leise zu sich. „Aber das ist überhaupt nicht gut. Nimmt dir total den Spaß am Leben. Also lass den Scheiß.“

Von Westen näherten sich zwei Genesianerinnen. Die Jüngere der Beiden erkannte Ginalla. Es musste Ataura sein. Allerdings wurde sie jetzt von einer älteren Kriegerin begleitet. Die Ältere trug einen ähnlichen Brustpanzer wie Ataura. Allerdings zierte ihren Hals ein breiter Kragen mit Perlen, die in einem komplizierten System alle Kriegerinnen ihres Clans darstellten. Die Anordnung der Perlen wies sie als oberste Prätora ihres Clans aus. Außerdem war sie etwa 1,80 m groß und hatte schulterlanges braunes Haar.

Die Kriegerinnen bewegten sich auf Ginalla zu, der langsam extrem mulmig wurde. Beide hatten ihre Waffen dabei. Das konnte die Celsianerin sehen. Außerdem war sie sich nicht sicher, ob die Beiden ausreichend Englisch verstanden. Hilf mir, Kamurus., dachte sie. Sie hoffte, wenn das Schiff nur annähernd die Wahrheit über die Sache mit der Sonde gesagt hatte, musste er ihr eigentlich auch Genesianisch vorsagen können. Was sind denn das für Töne?, gab das Schiff auf gleichem Weg zurück. Ich dachte, du kommst so gut allein zurecht? Hör auf!, erwiderte Ginalla. Oh, Mann! Mir rutscht das Herz in die Hose und du spielst die beleidigte Leberwurst. Ich gebe ja zu, dass du Recht gehabt hast. So ganz ohne Hilfe läuft das nicht. Also, ich wäre dir dankbar, wenn du mir etwas vorsagen könntest. Also gut., lenkte Kamurus ein. Aber dein Herz sitzt meiner Untersuchung zur Folge immer noch da, wo es soll. Sollte sich dies ändern, werde ich es an seinen Platz zurückbeamen, damit du mir ja am Leben bleibst. Scherzkeks., dachte Ginalla und grinste.

Die Frauen standen sich jetzt direkt gegenüber. Kamurus projizierte Ginalla über die Sonde das Bild einer grüßenden Kriegerin. Leider übertrieb die Celsianerin die Bewegungen beim Nachmachen derart, dass sie hinten über fiel. Ataura und die Fremde lachten schallend. Bei diesem Lachen kräuselten sich Ginallas Haare. Sie hatte schon klingonische Krieger lachen hören, aber sie hatte nicht gedacht, dass Genesianerinnen es genau so bedrohlich konnten.

„Hilf deiner neuen Freundin auf!“, befahl die Fremde in Englisch, was Ginalla sehr erleichterte. Anscheinend wollte sie, dass von Anfang an klar war, dass es hier zu keinen Verständigungsproblemen kommen würde. „Ja, Mutter.“, sagte das genesianische Mädchen und stellte die immer noch verdutzte Ginalla auf ihre Beine.

„Ich bin Cyrade, Prätora des Clans der Artash.“, stellte sich jetzt die Fremde vor, nachdem sie Ginalla eingehend gemustert hatte. „Ginalla.“, sagte diese. „Angenehm. Ich bin hier, weil …“ „Ich weiß schon Bescheid.“, schnitt ihr Cyrade das Wort ab. „Du bist eine Forscherin mit Leib und Seele. Zumindest hat mir meine Tochter dies berichtet. Aber forscht nicht die Sternenflotte genug?“

Ginalla bemerkte, dass ihr Alibi stark ins Schwanken kam. „Ach die.“, sagte sie abfällig. „Die können doch nichts Anderes, als trockene Berichte schreiben, die sowieso kein Schwanz versteht. Außerdem, wo bleibt da der Spaß?! Ne. Das mach ich lieber selbst.“ „Wir werden dein Belang der obersten Prätora vortragen.“, sagte Cyrade. „Shashana soll entscheiden. Einen solchen Fall gab es noch nie. Komm!“ Cyrade und Ataura nahmen Ginalla in die Mitte und die drei Frauen gingen den Waldweg entlang.

Shimar hatte mit N’Caras Familie gefeiert, dass sie endlich ihre Probleme überwunden hatte. Er hatte sich mehrere saurianische Brandies gegönnt. Aber das war nicht weiter schlimm, denn er würde ohnehin noch etwas bleiben müssen. Die Sonne des genesianischen Sonnensystems dachte gar nicht daran, ihre hohe Aktivität zu drosseln. Zumindest nicht laut dem Wetterbericht, den ihm der Professor immer wieder zeigte. Shimar hatte außerdem Tamins Vorschlag angenommen, noch zu N’Caras Spiel zu bleiben. Anscheinend sollte Tamin mit seiner Prognose wirklich Recht behalten und dann wäre dies die einzige Beschäftigung, die Shimar hätte, solange er sozusagen auf dem lithianischen Heimatplaneten festsaß.

Er hatte sich einen Schlafsack repliziert und sich in IDUSAs Nähe zum Schlafen auf die Wiese niedergelegt. Es war für ihn besser so. Er kannte sein Schiff und wusste, sie würde ihn nach der Sache mit der angeblichen seismischen Aktivität nicht aus den Augen lassen wollen. Immer wieder in solchen oder auch anderen Situationen hatte sie ihm in Erinnerung gerufen, dass sie ein Beschützerschiff sei, das unter allen Umständen auf ihren Piloten aufpassen müsse. Davon, das wusste Shimar, würde sie niemals abzubringen sein!

In dieser Nacht schien der Mond über Shimars Schlafstätte sehr hell zu sein, als wolle er ihn vor etwas warnen. Dem Tindaraner kamen die alten Geschichten seiner Großeltern in Erinnerung, in denen es geheißen hatte, dass der Mond als Sinnbild des Göttervaters Absolus immer eine schützende Hand über die halten würde, die in der Nacht wandelten. Auch würde er jede Nacht wiederkehren, um sich anzusehen, was seine Töchter, Tindara und die beiden Sonnen Lucia und Helia, so trieben. Was willst du mir sagen?, dachte Shimar.

Eine kleine Gestalt näherte sich seinem Schlafplatz. Eine Gestalt, die er gut kannte. „Schläfst du schon?“, flüsterte sie. Shimar drehte sich um. „Hey, N’Cara.“, staunte er. „Solltest du nicht längst im Bett liegen?“ „Normalerweise schon.“, gab die Jugendliche zu. „Aber ich kann einfach nicht schlafen. Vielleicht habe ich einfach Lampenfieber wegen morgen. Hoffentlich klappt alles.“ „Das wird schon.“, versuchte Shimar, in ihr Zuversicht zu wecken. „Ich habe Jean-Luc und dich gesehen. Meiner Ansicht nach sitzt alles und dein demetanischer Trainer war doch auch sehr zufrieden mit euch zweien.“ „Pfui schäm dich!“, grinste N’Cara. „Hast du etwa seine Gedanken gelesen?“ „Brauchte ich nicht.“, stieg Shimar in ihren Scherz ein. „Sein Gesicht sprach Bände.“ „Echt?“, fragte N’Cara, die nicht recht glauben konnte, was er ihr gerade gesagt hatte. „Das hat er mir gegenüber aber nicht wirklich gezeigt. Iron meinte, es sei schon alles sehr viel besser geworden, aber …“ „Du bist seine Schülerin.“, erklärte Shimar. „Vielleicht wollte er dich auch nur anstacheln, damit du auf diesem Weg weiter gehst. Meine Ausbilder waren da teilweise nicht anders gewesen.“ „Kapiert.“, sagte sie und begann ein mitgebrachtes Bündel zu entrollen. „Was wird denn das?“, lachte Shimar. „Na was wohl?“, fragte N’Cara naseweiß. „Ich campiere neben dir. In meinem Bett kann ich noch lange genug schlafen, wenn du weg bist. Aber deine Anwesenheit ist was Seltenes. Das will ich bis zum Schluss genießen.“

Sie legte ihren Schlafsack rechts neben den von Shimar. „Hoffentlich denken deine Eltern nichts Ungehöriges von mir.“, äußerte der Tindaraner seine Bedenken. „I wo.“, sagte N’Cara. „Die denken, ich wäre brav in meinem Zimmer. Ich habe meine Decke ausgestopft. Außerdem fungiert deine IDUSA doch sicher gern als Anstandsdame.“ „Klar.“, scherzte Shimar. „Wenn ich dir zu nahe trete, geht sie mit dem Phaser dazwischen.“

Shimar nahm das unverwechselbare Signal seines Sprechgerätes wahr. „Entschuldige.“, sagte er zu N’Cara und kramte es unter seinen Kleidungsstücken hervor. Im Moment hatte er nur eine leichte Nachtuniform an.

„Ich hatte einen Witz gemacht, IDUSA.“, erklärte er dem Schiff, nachdem er die Sendetaste gedrückt hatte. „Es geht gar nicht um die Situation zwischen Ihnen und dem Mädchen.“, erwiderte das Schiff. „Ich muss Sie bitten, kurz an Bord zu kommen. Ich habe Agent Maron in der Leitung und es wäre wohl nicht so gut, würde die Kleine alles mitbekommen. Sie könnten zwar den Ohrhörer benutzen, aber aus Ihren Antworten könnte sie doch einiges schließen und das gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Meine Hülle ist schalldicht und …“ „OK.“, sagte Shimar. „Ich komme. Öffne die Luke!“

Er stand auf und ging um das Schiff herum zur Einstiegsluke ins Cockpit, die ihm IDUSA mit Hilfe eines Lichtes zeigte.

„Gib ihn her, den Agent.“, sagte Shimar, nachdem er im Pilotensitz Platz genommen und den Neurokoppler aufgesetzt hatte. „Augenblick.“, sagte das Schiff und stellte die Verbindung her.

Maron sah sehr wohl, in welchem Aufzug Shimar war. Aber der Demetaner konnte sich denken, dass es dort, wo er sich jetzt aufhielt, vielleicht auch schon Nacht sein könnte. „Hast dich schon bettfein gemacht.“, erkundigte sich der erste Offizier. „Stimmt.“, erwiderte Shimar und machte ein Gesicht wie ein ertappter Schuljunge. „Ist ja nicht schlimm.“, sagte Maron, der sich heute – zumindest empfand es Shimar so – sehr großzügig zeigte, was seinen kleinen Fauxpas in der Kleiderordnung anging. Die Demetaner waren zwar im Allgemeinen als sehr verständnisvoll bekannt, das wusste Shimar, aber heute kam es ihm vor, als würde Maron mit Absicht über einiges hinwegsehen.

„Ich wollte dir auch nur sagen, dass Zirell und ich sehr stolz auf dich sind.“, fügte Maron hinzu. „Wovon redest du?“, tat Shimar unwissend. „Von der Tatsache, dass du Hestias Angebot abgelehnt hast.“, sagte Maron. „Dadurch hast du ihr gezeigt, dass du dich nicht auf den Krieg zwischen ihr und ihrer Schwester einlässt und die Ausbeutung ihres Volkes nicht unterstützt. Wenn du das Angebot angenommen hättest, hätte das wiederum Alegria erfahren und dann hätte sie ihr Volk noch mehr ausgebeutet, um diese celsianische Zivilistin besser bezahlen zu können, als Hestia dich bezahlt hätte. Darauf hätte wiederum Hestia …“ „Klar.“, ging Shimar per Break-Taste dazwischen. Es war zwar eigentlich nicht seine Art, einen Vorgesetzten einfach zu unterbrechen, aber wenn er etwas verstanden hatte, musste man ihm es nicht zwei mal erklären. „Ich finde es total merkwürdig, dass die Prinzessinnen glauben, der Eine oder die Andere würde das Tor zum Himmel eher finden, wenn man ihnen Vermögen in den Rachen schmeißt. Dabei kommt es doch eher auf den richtigen Hinweis an.“, äußerte Shimar. „Sie sind so aufgewachsen.“, erklärte Maron. „Wer in einem System aufwächst, in dem demjenigen alles ermöglicht wird, der viel hat, zieht solche Schlüsse. Das ist ganz logisch.“ „Wenn du meine ehrliche Meinung hören willst, ist das nicht nur ganz logisch, sondern auch ganz pervers.“, entgegnete der junge Tindaraner. „Da magst du Recht haben.“, sagte Maron. „Aber auch viele Gesellschaften in der Föderation entstammen solchen Kulturen, haben sich aber zum Glück heute anders entwickelt.“ „Auf Tindara gab es auch einmal so ein Kapitel.“, gab Shimar zu. „Auf Demeta auch.“, sagte Maron. „Aber das ist ja lange her.“

Maron nahm eines der Röhrchen, das er mit in sein Quartier genommen hatte, in die Hand und hielt es vor die Kamera des Sprechgerätes. „Weiß Hestia, wie IDUSA und du sie genarrt habt?“, fragte er. „Nein.“, entgegnete Shimar. „Sie glaubt wohl bis heute, ich hätte mir den Bauch vollgeschlagen.“ „Das soll sie ruhig noch eine weitere Weile glauben.“, entgegnete Maron, der nicht verhehlte, dass ihm IDUSAs kleine hinterlistige „Zaubereinlage“ mit Traktorstrahl und Transporter sehr gefallen hatte.

Der Demetaner sah auf die Uhr und dann wieder auf den virtuellen Schirm vor seinem geistigen Auge. Auch Maron hatte einen Neurokoppler auf. „Du sagst, es sei bei dir schon Nacht.“, fasste er zusammen. „Wo bist du?“ „Auf der lithianischen Heimatwelt.“, antwortete der Patrouillenflieger. „IDUSA und ich gehen einem Hinweis aus Brakos Aufzeichnungen nach.“ „Interessant.“, bemerkte der demetanische Kriminalist. „Ich wette, Ginalla ist nicht im Besitz dieser Aufzeichnungen.“ „Nein.“, sagte Shimar. „Aber sie geht einem anderen Hinweis nach. Zumindest vermuten IDUSA und ich das. Sie hat Ginallas Kurs in Richtung Genesia Prime extrapoliert. Dort wird uns der Hinweis, dem wir nachgehen, auch irgendwann hinführen. Aber im Moment soll die genesianische Sonne sehr aktiv sein und das bekommt keinem System.“ „Und warum ist dann Ginalla dort hin geflogen?“, verhörte ihn Maron. „Das weiß ich nicht. Aber sie ist Celsianerin. Vielleicht kann sie die Systeme ihres Schiffes besser reparieren. Was weiß ich.“, sagte Shimar unwirsch, dem erst jetzt aufgefallen war, dass hier etwas nicht stimmte. „Ich werde wegen der Sonne recherchieren.“, sagte Maron. „Ich glaube, einer von euch Beiden ist gründlich verladen worden.“ Er beendete das Gespräch.

Shimar bemerkte N’Cara, die ihr Ohr an IDUSAs Hülle gedrückt hatte, als er wieder ausgestiegen war. „Der Lauscher an der Wand.“, schmunzelte er. „Oder willst du mir weismachen, du wolltest mit IDUSA schmusen?“ „Nein.“, erwiderte sie lächelnd. Dann gingen beide zu den Schlafsäcken zurück.

„Mit wem hast du da drin geredet?“, wollte N’Cara wissen. „Mit niemandem Besonderen.“, sagte Shimar. „Das waren nur meine Vorgesetzten. Ich habe die Meldezeit vertorft.“

Er hoffte inständig, sie würde nicht merken, dass er sie belogen hatte. Dass er ihren Vater eben dessen verdächtigte, wollte er ihr nicht sagen, um das zarte werdende Band ihrer Freundschaft nicht schon im Keim zu zerstören.

Scotty und Sedrin hatten den Freeway verlassen und waren auf die Straße eingebogen, die sie wieder zum Gebäude der Akademie führte. „Haben Sie das Auftreten Ihrer Frau jetzt einigermaßen verschmerzt, Techniker?“, wollte die Agentin wissen. „Es geht, Agent.“, gab Scotty zu. „Leider habe ich immer noch ein Problem mit der Tatsache, dass ich Betsy anscheinend doch nicht so gut kenne, wie ich geglaubt habe. Sie kann wohl doch ganz schön mutig sein, wenn man sie lässt.“ „Der Allrounder ist bei Weitem nicht das stille Wasser, für das sie alle halten, Techniker.“, sagte Sedrin und ihr Gesicht verriet, dass sie Scotty wohl sehr belehren wollte. „Sie schauen mich an wie eine Vorgesetzte ihren Untergebenen, der sich gerade einen Fehltritt geleistet hat.“, bemerkte Scotty. „Aber wenn man unsere Ränge betrachtet, sind Sie das ja auch.“ „Ich habe im Laufe meiner Tätigkeit bei der Sternenflotte gemerkt.“, erwiderte Sedrin, „Dass gerade die stillen Gewässer die sind, in denen Sytania mit Vorliebe ertrinkt, weil sie diese einfach immer wieder gewaltig unterschätzt. Ihre Frau weiß das sehr genau.“

Sie parkte den Jeep vor dem Haus. „Da wären wir.“, sagte sie, während Scotty und sie ausstiegen. „Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Techniker!“, rief sie ihm noch zu, bevor sie in die andere Richtung davon ging.

Scotty betrat das Haus und ging dann weiter in seine und Kings gemeinsame Wohnung. Er dachte ständig über Sedrins Äußerung nach. Sollte er mich wirklich so unterschätzt haben?

King saß im dunklen Zimmer über seinem falschen Lebenslauf. Alesias Rat befolgend war er gerade dabei, ihn auswendig zu lernen. Da er als Miray nur sehr wenig Licht benötigte, war das für ihn kein Problem.

„Ist das dunkel hier.“, beschwerte sich Scotty, als er das gemeinsame Wohnzimmer betrat und fast über einen von Kings Schuhen gestolpert wäre. „Computer, Licht!“

Scottys Befehl ausführend schaltete der Rechner das Licht sofort mit voller Stärke ein, was für die Augen eines Terraners nichts Ungewöhnliches war. King aber machte ein Schmerz verzerrtes Gesicht und gab einen ebensolchen Laut von sich. „Was soll das?!“, fragte er verärgert. „Das Gleiche könnte ich dich fragen!“, erwiderte Scotty verärgert, der Kings Äußerung irgendwie nicht nachvollziehen konnte. „Warum stellst du dich an wegen ein bisschen Licht?“ „Weil ich …“, setzte King an, erinnerte sich aber gleich wieder an die Vereinbarung zwischen sich und dem Geheimdienst, nach der er nicht sagen durfte, wo er wirklich her kam. „Weil du was?“, bohrte Scotty nach. „Weil ich die verdammte Vampirkrankheit habe!“, ärgerte sich King.

Scotty wusste, worauf er hinaus wollte. Als Vampirkrankheit war im Volksmund eine extreme Empfindlichkeit gegen Sonnenlicht bekannt, die ihre Opfer zwang, sich höchstens bei Nacht aus dem Haus zu begeben. „Ach so.“, meinte Scotty. „Dann entschuldige bitte.“ „Schon gut.“, sagte King, dessen Augen sich inzwischen an das Licht gewöhnt haben mussten, denn King sah ihn jetzt ganz normal an, ohne dass man eine Verengung in seinen Pupillen sehen konnte. Dies machte Scotty stutzig, denn bei der Vampirkrankheit gewöhnten sich die Patienten seines Wissens nicht an Licht. Es gab nur einen Grund, aus dem sich King jetzt so verhielt. Er musste kein Terraner sein. Wahrscheinlich hatte er gegenüber Scotty nur behauptet, aus New York zu stammen. Scotty würde sein Leben dafür verwetten, dass sein Gegenüber ein Außerirdischer war. Wahrscheinlich sogar ein Miray. Die waren seines Wissens nach die Einzigen, die sich nur langsam an die normale Lichtstärke gewöhnten. Aber er würde ihn damit noch nicht konfrontieren. Dafür wusste er noch zu wenig. Außerdem wusste er nicht, wie die Agentinnen darauf reagieren würden, wenn er durchblicken ließe, dass er Kings Geheimnis kannte. Vielleicht würden sie …

King legte das Pad beiseite. „Das lerne ich nie!“, stöhnte er. „Man soll niemals nie sagen.“, ermunterte ihn Scotty und nahm das Pad an sich. „Vielleicht kann ich dir ja helfen.“ Er wollte auf jeden Fall wieder gut machen, was er gerade eben verbockt hatte. King nickte.

Scotty setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch. „Dann wollen wir doch mal kieken.“, sagte er und vertiefte sich in den Inhalt des Bildschirms. „Ich geb’ dir das Ding gleich wieder.“, sagte er. „Dann gehst du am Besten in eine stille Ecke im Schlafzimmer und versuchst noch einmal, ähm, sagen wir, deine persönlichen Daten zu lernen. Wenn du das hingekriegt hast, gibst du mir per Sprechanlage ein Zeichen und dann rufe ich dich rein. Ich bin dann der Typ von der Frachtfirma.“ Er schob King das Pad wieder hin. „Gut.“, sagte dieser. „Ich wollte wohl zu viel auf einmal lernen. Entschuldige mich jetzt bitte.“

Er ging aus dem Wohn- ins Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich. Dann vertiefte er sich in die Daten. Aber lernen konnte er nicht wirklich. Die Tatsache, dass Scotty eventuell herausgefunden hatte, woher er wirklich kam, war ihm im Weg. King konnte sich an fünf Fingern abzählen, dass der intelligente Terraner ihm die Lüge mit der Vampirkrankheit nicht abgenommen hatte und sicher zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen war. Er würde mit den Agentinnen darüber reden müssen.

Quälende Minuten wartete Scotty im Wohnzimmer auf ein Zeichen von King. Er dachte sich schon, dass etwas nicht stimmte. Deshalb beschloss er dann doch, hinüber zu gehen. „Alles OK, Kumpel?“, fragte er mitfühlend. „Nein.“, gab King zu und legte das Pad beiseite. „Was is’nn.“, meinte Scotty flapsig und sah ihn mild an. „Ich weiß, dass du weißt, wer ich bin.“, konfrontierte ihn King. „Ich kann mir denken, dass du mir das mit der Vampirkrankheit nicht abgenommen hast. Dafür hast du meine Augen zu intensiv beobachtet. Du hast gesehen, dass sie sich nach und nach an das Licht gewöhnt haben. Bei Patienten der Vampirkrankheit tun sie das nicht.“ „Stimmt.“, sagte Scotty fest. „Aber bei Miray!“

King erschrak. „Also.“, sagte Scotty. „Ich weiß ja nicht, was die Agentinnen mit dir vorhaben, aber eins weiß ich genau. Du bist einer, der viel weiß über die Sache mit Miray und der wenigstens für die Prinzessinnen gearbeitet hat. Sonst …“ „Ich bin ihr verschollener Bruder, verdammt!“, schrie King. „Ich bin Hadrian von Miray, jüngster Sohn von König Brako und Königin Diomira. Ich bin ins Exil gegangen, weil ich die ewigen Streitereien meiner Schwestern satt hatte. Außerdem habe ich die Vermutung, meine Schwestern manövrieren uns noch in einen gewaltigen interdimensionären Krieg, wenn es so weiter geht. Deshalb habe ich …“

Scotty schlug die Hände über dem Kopf zusammen: „Ach du Scheiße!“ „Genau.“, sagte King. „Und die ist ganz schön am Dampfen, wenn wir nichts tun. Deshalb soll ich …“ „Schon klar.“, sagte Scotty. „Aber jetzt, wo du dich ausgekotzt hast, sollte dir das Lernen doch leichter fallen. Versuchs noch mal.“ Er verließ das Zimmer.

Kapitel 19 - Hass und seine Folgen von Visitor

Nicht nur im Geheimdienstgebäude auf Terra wurde an Geheimoperationen gebastelt. Auch auf Hestien war man dabei. Allerdings wusste Hestia, als sie den SITCH beantwortete, noch nicht, was auf sie zu kommen würde. Im Display ihres Sprechgerätes sah sie nur das Rufzeichen und das Gesicht ihrer verhassten Schwester. „Was willst du?“, fauchte sie Alegria an. „Ich will, dass du etwas siehst.“, sagte die ältere Prinzessin und zeigte hinter sich. „Dir wird auffallen, dass ich nicht mehr in meinem Schloss bin.“, sagte Alegria.

Hestia sah sich das Bild auf dem Schirm genau an. Sie erkannte, dass sich Alegria irgendwo im Freien befand. Um sie herum stand eine riesige Traube von Leuten. „Pass auf.“, krächzte Alegria schadenfroh. „Jetzt zeige ich dir etwas in Großaufnahme.“

Mit gedrückter Sendetaste ging sie auf eine Art von Behandlungstisch zu. Hestia erschrak. „Die Tötungsmaschine!“, sagte sie. „Die hatte Vater doch zerlegen lassen, als wir die Todesstrafe abgeschafft haben.“ „Was kümmert’s mich.“, erwiderte Alegria eiskalt. „Ich habe sie halt wieder zusammenbauen lassen. Dann ist sie jetzt eben wieder in Betrieb. Ich lasse mich nämlich nicht ausspionieren. Noch nicht einmal von meiner eigenen Schwester.“ Sie wandte sich an einen Wachsoldaten: „Führt den Gefangenen vor! Und du, Schwester, tätest gut daran, nach deinem Geheimdienstchef zu schicken. Merkurion soll ruhig wissen, dass meine Spionageabwehr nicht untätig war.“

Blass winkte Hestia Alana, die wie immer bei ihr war, um jeden Befehl ihrer Herrin bereitwillig auszuführen. „Hol Merkurion.“, stammelte sie. „Ja, Hoheit.“, gab die Kammerjungfer zurück und war aus der Tür.

Der hestianische Geheimdienstchef hielt sich im Schlosspark auf, wie Alana durch den Computer des Palastes erfahren hatte. „Was ist geschehen, Alana?“, fragte er die völlig aufgelöste Hofdame, als er ihrer ansichtig geworden war. „Prinzessin Alegria hat den letzten deiner Agenten gefangen gesetzt und will ihn vor unser aller Augen töten!“, sagte Alana aufgeregt. „Was?“, fragte Merkurion. „Unsere Herrin Hestia will, dass du mich ins Schloss begleitest.“, ergänzte sie. „Gut.“, sagte Merkurion ziemlich abgeklärt. Alana wunderte sich sehr über seine Reaktion. „Schmerzt es dich denn gar nicht, dass einer deiner Mitarbeiter …“, erkundigte sie sich weiter, aber Merkurion fiel ihr ins Wort: „Dass Agenten enttarnt und liquidiert werden ist ein Risiko, mit dem ich leben muss in meiner Position.“, erklärte der Geheimdienstchef.

Alana war stehen geblieben. „Ich muss dich um etwas bitten.“, sagte sie und sah ihn an. „Die meisten deiner Agenten waren lange schon in ihrem Beruf und dadurch, dass sie auch schon für ihren Vater gearbeitet haben, sowohl für Hestia als auch für Alegria bekannte Gesichter. Aber mich würde die Spionageabwehr nicht erkennen. Ich bin ein zartes Pflänzchen, dem man so etwas nicht zutraut. Bitte, bilde mich aus.“

Merkurion stutzte. „Deine Opferbereitschaft ehrt dich sicher, Alana. Aber bist du dir bewusst, welches Risiko du eingehst?“ „Das bin ich.“, sagte die Kammerjungfer bereitwillig. „Aber für meine Herrin würde ich alles tun.“

Merkurion atmete tief durch. Natürlich fand er ihr Angebot auf der einen Seite sehr verlockend. Er wusste, dass sie mit der Theorie Recht hatte. Er wusste, warum die Agenten so schnell aufgeflogen waren. „Ich werde mit der Prinzessin über deinen Wunsch reden.“, sagte er. „Und jetzt lass uns gehen.“

Sie betraten Hestias Gemach. „Wir sind da, Hoheit.“, meldete Alana sie an. „Gut.“, sagte Hestia und betätigte die Sendetaste: „Schwester, alle Zuschauer sind anwesend.“

Auf dem Display sah man Alegrias hasserfülltes Gesicht. „Aufs Schafott mit ihm!“, schrie sie einem Soldaten zu, der ihren Befehl sofort mit einigen Kameraden ausführte. Der gefesselte und damit wehrlose Gefangene wurde auf den Tisch gelegt und festgeschnallt. Noch nicht einmal jetzt wurden ihm die Fesseln entfernt.

Alegria ging um den Tisch herum, als wollte sie sich persönlich davon überzeugen, dass alles seine Ordnung hatte. Zum Schluss kam sie an einer Konsole an, hinter der ein rothaariger dicker Mann saß. „Du hast heute früher Feierabend.“, sagte sie zu ihm. „Ich werde das Urteil selbst vollstrecken. Sag mir nur noch, welches die qualvollste Einstellung ist.“ „Wenn Ihr erlaubt, Herrin, dann will ich die notwendige Einstellung noch kurz selbst vornehmen. Ihr müsst dann nur noch die rote Taste drücken.“, sagte der Dicke. „Na gut.“, gab sich Alegria zufrieden. „Schließlich will ich keinen Fehler machen, der am Ende noch dafür sorgt, dass er überlebt. Nein, diesem Gespött meiner Schwester will ich mich nicht aussetzen. Das soll schon besser ein Fachmann erledigen und du bist mein bester Henker.“

Sie trat zurück und ließ ihn die Einstellungen vornehmen. Dann ging sie wieder zur Konsole zurück, nachdem er ihr Platz gemacht hatte. „Die rote Taste.“, murmelte sie. „Ah, hier.“

Sie drückte die Taste, worauf der Leib des Gefangenen stark zu zucken begann. Dadurch biss er sich die Zunge ab und durch den unheimlichen Druck, der durch das kochende Blut auf seinen Gefäßen lastete, platzten einige von ihnen. Blut quoll ihm aus allen Körperöffnungen. Es dauerte geschlagene zwei Stunden, bevor Herz und Gehirn endlich ihre Tätigkeit einstellten und er starb.

Merkurion und Hestia starrten auf den Schirm. Eine solche Grausamkeit hatte sie ihrer Schwester nicht zugetraut. Der Ärmste war noch nicht mal in der Lage gewesen, den Schmerz, den ihm der Stromstoß zugefügt hatte, herauszuschreien. So sehr hatte sich sein Körper und damit auch alle Muskeln, Sehnen und Bänder inklusive der Stimmbänder verkrampft.

Das grausame Bild wurde bald durch das lächelnde Gesicht Alegrias ersetzt. „Ich hoffe, das war dir eine Lehre, Schwester.“, sagte sie.

Hestia hatte sich wieder schnell gefasst. „Hast du noch mehr Leute?“, wendete sie sich teilnahmslos an Merkurion. „Das war mein letzter und mein bester Mann.“, sagte dieser mit Bedauern. „Aber ich habe demnächst eine Schülerin, der man die Tätigkeit als Agentin nicht zutrauen würde.“ Er deutete auf Alana, die von Hestia gemustert wurde. „Stimmt.“, sagte die Prinzessin. „Dir würde man das wirklich nicht zutrauen. Aber das ist die beste Tarnung, die es gibt. Nicht wahr, Merkurion?“ „Da habt Ihr Recht, Hoheit.“, sagte der Geheimdienstchef lobend. „Also dann.“, sagte Hestia. „Meinen Segen habt ihr.“

Alana bedankte sich überschwänglich. Allerdings hielt sie mit ihrem wahren Motiv hinter dem Berg. Niemand sollte wissen, dass sie diesen Wunsch nur geäußert hatte, um Timor, Alegrias Kammerdiener, wieder zu sehen, in den sie sich zu besseren Zeiten verliebt hatte.

Mikel und ich hatten uns auf dem Weg zur Offiziersmesse getroffen. Das Schiff schien mir an diesem Morgen wie ausgestorben. Niemand war auf den Gängen oder in den Turbolifts zu sehen. „Was machst du morgens um vier Uhr schon auf dem Weg zur Offiziersmesse?“, wollte Mikel von mir auf Deutsch wissen.

Wenn wir allein waren, sprachen wir unsere gemeinsame Muttersprache und duzten uns, weil wir dann oft auch private Dinge aus unserem Heimatjahrhundert zu besprechen hatten. Commander Kissara kannte diesen Umstand. Sie wusste, warum wir das taten. Schließlich waren wir Pendler zwischen den Jahrhunderten, wie Learosh schon richtig festgestellt hatte. Mikel war für mich also nicht nur ein Vorgesetzter, sondern auch ein Freund.

Ich ging zunächst nicht auf seine Frage ein, weil ich zuerst wissen wollte, ob wir wirklich allein waren. Dann aber sagte er: „Wer sollte denn jetzt schon wach sein, he?“ „Entschuldige.“, sagte ich und drehte mich zu ihm. „Ich könnte dich genau so gut fragen, was du zu dieser unchristlichen Zeit hier machst.“, lachte ich.

Mikel stoppte den Lift. „Ich konnte nicht schlafen.“, sagte er dann in einem Ton, der mir verriet, dass dies nicht ganz die Wahrheit war. „Dann ist bei dir das genaue Gegenteil wie bei mir der Fall.“, stieg ich auf sein Spiel ein. „Ich kann momentan echt gut schlafen. Vor allen Dingen kann ich super träumen. Ich träume im Moment mal wieder in Serie.“ „Cool!“, sagte er. „Hattest du das nicht schon mal?“ „Ja.“, sagte ich. „Als Jugendliche. Aber da war es eine Hörspielserie. Jetzt habe ich den Eindruck, Shimars Mission mitzubekommen. Zumindest das, was er Nachts davon verarbeitet.“ „Wie ich dich kenne.“, erwiderte Mikel. „Willst du damit bestimmt zur Krankenstation. Du willst bei so etwas ja immer auf Nummer sicher gehen.“ „Dafür kann ich nichts.“, entschuldigte ich mich. „So bin ich eben. Kann ja nicht jeder ein Abenteurer sein.“ „Mit Shimar hast du aber schon ziemlich viele Abenteuer gemeistert.“, sagte Mikel und ich glaubte, in seiner Stimme einen leichten Anflug von Eifersucht zu hören.

Ich überlegte, wie ich ihm erklären konnte, was mich dazu gebracht hatte, ohne ihn zu verletzen. „Shimar macht einiges anders.“, sagte ich schließlich. „Bei ihm fühle ich mich nicht zum Mitmachen gezwungen.“ „Aber ich hätte auch einiges anders gemacht.“, sagte Mikel mit fast beleidigter Stimme. „Nimm es mir bitte nicht übel.“, versuchte ich die Wogen wieder zu glätten. „Aber sein Anders ist irgendwie besser. Das hat nichts mit dir persönlich zu tun. Eher mit dem Anders.“

Der Computer machte uns aufmerksam, dass wir nun schon seit mehreren Minuten den Turbolift blockierten und bot uns an, Hilfe medizinischer oder technischer Art zu schicken, wenn wir denn wollten. Mikel verneinte und gab ihm statt dessen den Befehl, den Lift weiter fahren zu lassen. Wieder mal gerettet., dachte ich.

„Soll ich dich auf der Krankenstation raus lassen?“, bot Mikel an. „Nein.“, sagte ich. „Ich glaube, ich komme erst mal mit zum Frühstücken.“ Ich sah auf die Uhr. „In einer halben Stunde hätte ich eh aufstehen müssen.“

King wurde an diesem Morgen auch schon früh durch die Sprechanlage geweckt. Am anderen Ende war Alesia. „Was ist los?“, fragte er. „Bitte lassen Sie mich ein, Andrew.“, bat die platonische Agentin. „Ich muss Ihnen noch etwas geben, bevor wir zu Ihrem neuen Arbeitsplatz fahren.“

Leise öffnete King die Wohnungstür. Er wollte auf jeden Fall vermeiden, dass Scotty erwachte. Es war mittlerweile zwar schon sechs Uhr, aber trotzdem hatte er das Gefühl, an irgendeiner heimlichen Tour beteiligt zu sein.

Alesia übergab ihm eine Tasche. „Darin sind Ihre Kleidungsstücke für das Vorstellungsgespräch.“, sagte sie. „Ziehen Sie sich um. Ich warte auf Sie.“

King war aufgefallen, dass auch sie Zivil trug. Sonst war er die beiden Agentinnen eigentlich nur in Uniform gewohnt. Aber das jetzige Bild Alesias gefiel ihm auch. Er fand sie sogar sehr attraktiv in ihrem roten Sommerkleid und den blauen Sandalen, die mit roten Steinchen verziert waren. „Ich werde mich als Ihre Freundin ausgeben.“, sagte sie. „Deshalb werden wir uns auch duzen.“ „OK, Alesia.“, lächelte King und nahm die Tasche auf. „Dann werde ich mich mal umziehen.“

Er ging ins Schlafzimmer zurück. Hier öffnete er die Tasche. Zum Vorschein kam ein schwarzer Anzug und festes weißes Schuhwerk. Außerdem eine Art brauner Overall, wie ihn alle Frachtpiloten im Dienst trugen. King entschied sich, im Vorstellungsgespräch besser den Anzug zu tragen und zog ihn an. Dabei verblüffte ihn sehr, dass die Agentinnen offensichtlich seine Kleidergröße zu kennen schienen. Aber er hatte sie ihnen doch nie gesagt! Aber wenn Sedrin und Alesia für den Geheimdienst arbeiteten, hatten sie sicher ihre Methoden.

Er ging aus dem Zimmer und stellte sich vor die im Flur wartende Alesia hin. Dann drehte er sich nach allen Seiten wie ein Model, dass sich präsentierte. „Baby, du siehst umwerfend aus!“, schwärmte die junge Platonierin. „Danke, meine Süße.“, erwiderte King. „Lass uns gehen.“, sagte Alesia und ging entschlossen einige Schritte voraus. „Die warten schließlich nicht ewig und am Ende schnappt dir jemand den guten Job vor der Nase weg.“

Sie gingen aus dem Gebäude zu einem Jeep, den Andrew noch nicht kannte. Es war ein schnittiges schwarzes 2-sitziges Modell mit Rennstreifen. „Wow.“, machte King und stieg auf der Beifahrerseite ein, während sich Alesia auf den Fahrersitz setzte. „Ich nehme an, wir sind ein typischer Zweierhaushalt ohne Kinder.“, sagte King. „Natürlich.“, erwiderte Alesia, während sie den Antrieb des Jeeps startete und los fuhr. „Ich bin Platonierin und du Terraner.“, erklärte sie. „Wir sind biologisch zu verschieden, als dass …“ „Außer, einer von uns ließe sich operieren.“, sagte King. „Bei den Huxleys ist es ja genau so gewesen.“ „Gut aufgepasst.“, lobte Alesia.

Sie waren etwa zwei Stunden gefahren, als sie vor einem Gebäude außerhalb Little Federations parkten. Am Schild über dem Eingang stand ein celsianischer Name, den King noch nicht aussprechen konnte. Darunter war zu lesen: „Frachttransporte zu allen Welten.“ „Wie heißt das?“, flüsterte er Alesia zu und zeigte auf die oberste Zeile des Schildes. „Cargolara.“, flüsterte sie zurück. „Es ist eine Zusammensetzung aus Cargo und Dilara, dem Namen der Inhaberin.“ Oh, Backe., dachte King. Die Chefin ist Celsianerin. Sicher wird sie beim Vorstellungsgespräch dabei sein. Darauf war ich jetzt nicht gefasst.

„Dir rutscht doch jetzt deshalb nicht das Herz in die Hose, oder?“, fragte Alesia mit Absicht sehr flapsig, um ihn vorzubereiten. „Geht schon.“, entgegnete King. „Wenn ich mit Scottys schroffer Art klar komme, dann sicher auch mit einer Celsianerin.“

Alesia klopfte ihm auf die Schulter. „So will ich dich hören.“, sagte sie und fügte noch hinzu: „Geh jetzt am Besten rein. Es wird Zeit.“

King betrat das Gebäude durch die große Eingangstür. Er kam in eine sehr repräsentative Halle, in der sich eine Menge Grünpflanzen befanden. Außerdem gab es eine Sitzecke mit einem kleinen braunen Tisch in Holzoptik, der von freundlichen roten weichen Sesseln umrahmt wurde, von denen es vier gab. Mitten in der Halle stand das steinerne Bildnis eines Shuttles, das wohl gerade ein Sonnensystem durchquerte. Jedenfalls hatte der Bildhauer keine Planeten und keine Sonne fehlen lassen. Darüber zeigte eine Uhr eine zentrale Allzeit an und ein in den Stein gemeißelter Spruch sagte: „Ob Tag ob Nacht, immer pünktliche Fracht.“ An Hand einiger Spuren, die King gesehen hatte, war ihm aufgefallen, dass dieses Bildnis nicht repliziert worden sein musste. Es musste noch in echter Handarbeit gefertigt worden sein, was im 30. Jahrhundert sehr selten war. Aber man musste es sich wohl leisten können. Bei diesem Gedanken fühlte King sich ertappt. Er hatte im Laufe seines Lebens in der Föderation anscheinend immer noch nicht gelernt, dass es hier weder Reichtum noch Armut gab. Er schien sich immer noch dabei zu erwischen, dass er im mirayanischen Gedankengut, mit dem er aufgewachsen war, verhaftet war.

Eine junge Frau kam hinter einem Tresen hervor. Sie war Demetanerin, etwa 1,60 m groß und hatte langes schwarzes Haar. Sie trug lockere Bürokleidung, also einen langen weißen Rock, rote offene Schuhe und eine weiße Bluse. „Sie müssen Mr. King sein.“, lächelte sie ihm zu, der immer noch fasziniert die Plastik betrachtete.

Schnell drehte er sich um. Die leise hohe Stimme hatte er zuerst kaum wahrgenommen. „Ja.“, sagte er. „Das bin ich.“ „Dann … Moment bitte.“, begann sie und war auf ein Piepen hin sofort wieder hinter dem Tresen verschwunden. Hier beantwortete sie einen Ruf im Sprechgerät. „Ja, Miss Dilara.“, sagte sie. „Ist Mr. King eingetroffen, Ragidis?“, fragte eine freundliche für eine Frau etwas tiefe Stimme zurück. „Ja.“, sagte die junge Demetanerin. „Dann bringen Sie ihn bitte persönlich rauf. Nicht, dass er sich noch verirrt.“

Sie programmierte eine Abwesenheitsschaltung und kam zu King zurück. „Bitte folgen Sie mir.“, lächelte sie.

Sie führte ihn zu einem Turbolift, mit dem sie von der Empfangshalle in die Büroetage fuhren. Hier betraten sie bald einen gut klimatisierten Warteraum, in dem King bereits einige andere Personen aller ihm bekannten Spezies ausmachen konnte. „Ich werde jetzt wieder gehen.“, lächelte Ragidis und drehte sich um. „Sie werden dann hereingerufen.“ Sie wuselte davon.

King war das korrekte Englisch der jungen Frau aufgefallen. Er wunderte sich. Er war aus den Simulationen etwas Anderes gewohnt. Aber wenn sie mit Kunden zu tun hatte, musste es wohl so sein. Sie war auf keinen Fall eine Frachterpilotin.

Eine Tür öffnete sich und heraus kam ein hoch gewachsener Terraner. „Ist ein Mr. Andrew King hier?“, fragte er in die Runde. King stand auf. „Kommen Sie rein.“, sagte der Fremde zu ihm und zog ihn mit sich hinter die Tür. „Ich bin Harald Steward.“, stellte er sich vor. „Ich bin Miss Dilaras Sekretär.“ „Andrew King.“, sagte Andrew. „Angenehm.“

Steward führte King zu einem Tisch, an dem rechts eine rothaarige Celsianerin saß. Links daneben saß ein schwarzhaariger Betazoide und dann waren zwei Plätze frei. „Setzen Sie sich, Mr. King.“, sagte die Celsianerin, deren Stimme King erkannte. Es war die gleiche Stimme wie vom Sprechgerät am Empfang. „Harald, zu meiner Rechten.“, sagte sie schmissig zu ihrem Sekretär, der an ihrer rechten Seite Platz nahm und sofort ein Notizpad zog.

„So, Mr. King.“, sagte Dilara. „Jetzt werde ich Ihnen erst mal die Runde hier vorstellen. Rechts neben Ihnen sitzt Mr. Temm Sudor. Er ist mein Personalchef. Den guten Harald kennen Sie ja schon und ich bin Dilara Jana. Ich habe das hier alles unter mir. So, jetzt sind Sie dran.“

King betete den ganzen falschen Lebenslauf herunter. Dabei achtete er extrem darauf, keine Fehler zu machen. Die Agentinnen hatten ihm dies auf jeden Fall eingeschärft.

Nachdem er geendet hatte, sah er zu, wie Dilara etwas in seinen Unterlagen nachschlug. „Sie haben Ihre Flugausbildung mit Bravur bestanden!“, lobte sie und zog einige andere Unterlagen zum Vergleich heran. „In Extremsituationen sollen Sie sogar besonders gut sein.“ King nickte und fügte hinzu: „Ich brauche anscheinend den Druck. Ansonsten stumpft man ja total ab.“

Der Betazoide winkte seiner Vorgesetzten und beide gingen kurz vor die Tür. „Den könnten wir gut gebrauchen für die Demeta-Strecke.“, sagte Dilara. „Stimmt.“, bestätigte Sudor. „Er ist risikofreudig und im Moment brauchen wir so jemanden, solange der Bürgerkrieg zwischen den mirayanischen Planeten andauert.“ „OK.“, sagte Dilara. „Den nehmen wir.“

Sie kamen in den Raum zurück. „Harald, schicken Sie den Rest nach Hause!“, ordnete Dilara an. „Wir haben unseren Piloten gefunden. Herzlichen Glückwunsch, Mr. King.“

Sudor schob King ein Pad hin. „Legen Sie Ihren Finger bitte auf den Sensor zur Unterschrift.“, sagte der Betazoide. „Danke.“, sagte King freundlich. „Ich weiß, wie es geht.“ Dann unterschrieb er und gab das Pad zurück. „Wollen Sie sich nicht Ihren Vertrag vorher durchlesen?“, fragte Dilara. „Das kann ich auch noch zu Hause tun.“, entgegnete King. „Ich bin nämlich sicher, dass Sie mich nicht übers Ohr hauen. Das ist doch in der heutigen Lebensart nicht mehr Usus. Früher, als die Föderation noch nicht existierte und viele Planeten ein monetäres System hatten, da …“ „Ich sehe, Sie kennen sich auch mit Geschichte aus.“, bemerkte Sudor lächelnd. „Bisschen Bildung kann nicht schaden.“, sagte King. „Dann sehen wir uns morgen.“, fügte Dilara bei. „Melden Sie sich dann pünktlich um acht bei Tora Lita. Das ist die Verladerin. Ragidis wird Sie anmelden und Ihnen zeigen, wo die Frachthalle ist.“ „OK.“, sagte King. „Dann bis morgen.“ Er schüttelte beiden die Hand. Dann ging er.

Alesia erwartete ihn bereits im Jeep. „Wie ist es gelaufen, Baby.“, sagte sie und küsste ihn auf die Wange. Da King wusste, dass sich die Beiden als Liebespaar ausgeben mussten, machte ihm das nichts. „Wie wohl, Süße.“, sagte er. „Ich habe die Stelle.“

Sie umarmte und küsste ihn erneut. „Das sollten wir zu Hause unbedingt feiern.“, schlug sie vor. „Einverstanden.“, sagte King. Dann fuhren sie zurück.

Kapitel 20 - Noch mehr Ungereimtheiten von Visitor

Elektra stand in der technischen Kapsel der Granger vor einem Rätsel. Die übliche monatliche Diagnose aller mobilen Geräte aller Besatzungsmitglieder stand an. Auch ich hatte meinen Erfasser, mein Sprechgerät und meinen Phaser abgegeben. Mit dem Sprechgerät und dem Phaser war alles in Ordnung. Das Gerät, das der technischen Assistentin Sorgen machte, war mein Erfasser. Die Software hatte jeden Tastendruck aufgezeichnet, wie es üblich war, damit eventuelle Bedienfehler, die zu Fehlfunktionen geführt hatten, nachgewiesen werden konnten und eine Reparatur so schneller möglich war. Jetzt aber hatte sich etwas herausgestellt, was sich die Androidin nicht erklären konnte.

Sie beschloss, das Gerät zunächst zur Seite zu legen und es dann später Techniker Jannings zu zeigen. Natürlich war sie mit jedem Gerät quasi per du, konnte es also auch theoretisch allein überprüfen. Aber als Androidin war sie auch sehr vorschriftentreu und wusste, dass sie ungewöhnliche Fälle wie diesen ihrem Vorgesetzten zu melden hatte, bevor sie selbst etwas unternahm.

Jannings hatte Mikel und mich beim Frühstück beobachtet. Er war ausnahmsweise auch so früh in der Messe zugegen, bekam aber selbst keinen Bissen herunter. Aber unsere Unterhaltung, die bekam er sehr wohl mit.

Ich hatte mir ein Fischbrötchen repliziert, was Mikel am frühen Morgen sehr ungewöhnlich fand. Aber irgendwie war mir danach. Mit dem Brötchen und einer Tasse heißer Schokolade hatte ich mich wieder zu ihm an den Tisch gesetzt. „Du isst Fisch am frühen Morgen?“, sagte Mikel und ich vermutete, dass ihn dieser Gedanke ziemlich anekelte. Ich war zwar keine Empathin, aber seine Stimme sprach Bände. „Sorry, Mikel.“, sagte ich mit vollen Backen, nachdem ich genüsslich ins Brötchen gebissen hatte. „Das brauche ich jetzt.“

„Sie sind sicher, Allrounder, dass zwischen Ihnen und Korelem auf dem Flug nichts passiert ist?“, scherzte Jannings, der dazu gekommen war. „Wenn Sie es genau wissen wollen, Techniker.“, stieg ich auf seinen Spaß ein. „Wir haben uns vielleicht amüsiert! In allen Stellungen und …“

„Wie soll denn das gehen, Techniker?!“, verteidigte mich Mikel barsch. „Er ist ein Insekt und sie, wenn man es genau nimmt, ein Säugetier. Wie soll sie denn jetzt schw…“ „Gott, hör auf, Mikel!!!“, wies ich ihn zurecht. „Jannings und ich haben gescherzt. Du solltest mich langsam besser kennen.“

Es dauerte eine Weile, aber Mikel gelang es schließlich doch, sich zu beruhigen. „Tut mir Leid.“, sagte er. „Ich war nur so etwas von dir nicht gewohnt, Betsy. Du bist doch sonst immer eher schüchtern und deshalb glaubte ich, dich verteidigen zu müssen. Aber anscheinend habe ich euch beiden Unrecht getan. Bitte nehmen Sie meine Entschuldigung an, Mr. Jannings und du bitte auch, Betsy.“ „Entschuldigung akzeptiert, Sir.“, sagte Jannings zu Mikel und auch ich nickte bestätigend.

Die Sprechanlage piepte und setzte unserer Unterhaltung ein abruptes Ende. Da ich in der Nähe des Terminals saß, beantwortete ich den Ruf. „Ist mein Vorgesetzter bei Ihnen, Allrounder?“, hörte ich Elektras Stimme. „Ja, Technical Assistant.“, sagte ich. „Er ist hier.“ „Richten Sie ihm bitte aus.“, fuhr die Androidin in gewohnt höflicher Weise fort. „Dass ich ihn dringend sprechen muss. Es geht um eine funktionelle Anomalie eines Ihrer Geräte, das Sie uns zur Diagnose überantworteten.“

Elektras Sprache mochte für manchen sehr geschwollen klingen, aber das war für eine Androidin normal. Bei Commander Data hatte vieles am Anfang sicher nicht viel anders geklungen. Er hatte es zwar geschafft, das Problem irgendwann in den Griff zu bekommen, trotzdem schwang immer etwas Computersprache in seinen Sätzen mit, das mich an Meldungen des Schiffsrechners erinnerte.

„Funktionelle Anomalie.“, wiederholte Jannings, der ihren Satz wohl sehr amüsant gefunden haben musste. „Auch eine Art auszudrücken, dass das Ding einen Fehler hat. Aber ich werde mich schon darum kümmern.“ Er stand auf und verließ die Messe.

In der technischen Kapsel empfing ihn Elektra, die das fragliche Gerät bereits an einen Diagnoseport auf einem Reparaturtisch angeschlossen hatte. „Also, Assistant.“, begann er. „Was haben wir denn hier?“ Sein Blick streifte das Gerät. „Das ist Allrounder Betsys Erfasser.“, sagte er. „Korrekt, Sir.“, entgegnete sie. „Ich denke, dass wir das, was Sie gleich sehen werden, vielleicht sogar Agent Mikel melden müssen.“ „Langsam mit den jungen Pferden, Assistant.“, beruhigte Jannings. „Sir?“, wendete sich die Androidin fragend an ihren Vorgesetzten. Dieser warf ihr ebenfalls einen irritierten Blick zu, korrigierte sich aber gleich wieder. „Natürlich weiß ich, dass es in diesem Raum keine Pferde gibt und schon gar keine Fohlen, Assistant. Ich meinte, dass Sie mich erst einmal drauf schauen lassen sollten und wir dann gemeinsam entscheiden, ob der Agent davon was zu hören bekommt.“ „Ah.“, machte Elektra. „Und ich hatte schon befürchtet, Sie zu Scientist Loridana bringen zu müssen, weil Sie juvenile Exemplare der Gattung Hypo sähen, wo keine sind. Dies käme einer Halluzination gleich und dies wäre ein Grund, Sie in medizinische Behandlung zu geben.“

Jannings lachte laut auf und schlug sich auf die Schenkel. „Oh, nein, Elektra.“, sagte er. „Das ist wohl typisch für euch Androiden. Aber keine Sorge. In meinem Kopf ist alles in Ordnung. Das ist nur ein Sprichwort. Schlagen Sie in Ihrer Datenbank mal nach. Dann werden Sie es schon finden und auch die passende Definition dafür.“

Elektra folgte seiner Empfehlung. „Sie haben Recht, Sir.“, sagte sie. „Sehen Sie?“, sagte Jannings ruhig.

Sie trat vom Tisch zurück, um ihm einen freien Blick zu ermöglichen. Jetzt sah Jannings, was sie so irritiert hatte. „Komisch.“, wunderte er sich. „Laut ihren Gewohnheiten schläft Allrounder Betsy um null Uhr in der Nacht. Warum sollte sie aufstehen und sich selbst mit ihrem eigenen Erfasser scannen?“ „Wir sollten den Rechner des Shuttles fragen, ob es ungewöhnliche Aktivitäten zu dieser Zeit gegeben hat, die den Allrounder gezwungen haben könnten, wach zu bleiben.“, schlug Elektra vor. „Tun Sie das.“, antwortete ihr Vorgesetzter.

Sie ging zu einer anderen Konsole hinüber und nahm mit deren Hilfe Kontakt zum Rechner des von mir und Korelem benutzten Shuttles auf. „Zur fraglichen Zeit war der Allrounder aus dem System ausgeloggt und das Schiff flog auf Autopilot.“, interpretierte sie das Gesehene. „Laut ihren Biozeichen schlief sie auch.“ „Also.“, sagte Jannings. „Wenn der Allrounder nicht schlafgewandelt ist, kann sie sich nicht selbst mit dem Erfasser gescannt haben.“ „Dann gibt es nur noch eine Möglichkeit.“, sagte Elektra. „Was ist mit Korelem?“ „Der kann das nicht!“, sagte Jannings mit Überzeugung. „Er ist Zivilist. Er würde viel länger in den Menüs nach dem passenden Befehl suchen müssen und das würden wir hier sehen. Aber diese Bedienung fand sehr gezielt statt. Sogar einige Kurztasten wurden verwendet. Nein, das kann nicht Korelem gewesen sein. Aber Sie haben Recht. Das sollten wir wirklich dem Agent melden.“ „Ich gebe ihm Bescheid.“, sagte Elektra und war aus der Tür.

Pünktlich am nächsten Morgen meldete sich King wieder bei Dilaras Firma. Er wollte auf keinen Fall zu spät zu seiner Arbeit kommen. Ragidis, die demetanische Empfangsdame, lächelte ihm zu. „Guten Morgen, Mr. King.“, sagte sie. „Nennen Sie mich Andrew, Ragidis.“, bot er an. „Schließlich sind wir Kollegen.“ „Gut, Andrew.“, sagte Ragidis und gab ein internes Rufzeichen in das Sprechgerät vor sich ein. „Lita, der Neue ist hier.“, sagte sie. „In Ordnung!“, kam eine strenge Stimme zurück, die laut Kings Einschätzung einer älteren Frau gehören musste. „Behalte ihn dort, ich komme.“, sagte sie. King dachte sich, dass sie wohl dort in der Frachthalle ein strenges Regiment führen musste.

Ragidis zeigte auf die Sitzecke. „Setzen Sie sich doch einen Moment dort herüber, Andrew.“, sagte sie freundlich, als würde sie mit einem Besucher reden. Für sie war es gleich, ob sie mit einem Kollegen oder einem Besucher sprach. Ragidis’ Meinung nach hatte jeder eine freundliche Behandlung verdient.

Eine etwa 1,70 m große schlanke Bajoranerin betrat den Flur. Sie trug einen Overall und Sicherheitsschuhe. Zielstrebig ging sie auf den Sessel zu, auf dem King Platz genommen hatte. „Da bist du ja!“, sagte sie und King erkannte ihre Stimme vom Sprechgerät. „Komm mit!“, kommandierte sie. „Aber schnell! Ich muss dir noch alles zeigen und deine Zeit ist kostbar!“ Sie schnippte ungeduldig mit den Fingern. „Los, los!“ „OK, Miss Tora.“, sagte King und folgte. „Miss Tora!“, lachte sie und wollte sich schier ausschütten. „Ne, ne. Für alle im Frachtbereich bin ich nur Lita. Das gilt also auch für dich.“ „Dann bin ich für dich Andrew.“, sagte King. „Na geht doch.“, lächelte Lita. Dabei war dies für King ein überraschender Anblick. Er hatte nicht geglaubt, dass aus diesem griesgrämigen Gesicht auch ein Lächeln kommen konnte.

Sie führte ihn forschen Schrittes zu einer Tür, durch die sie in eine große Halle kamen. Hier saßen Männer hinter Konsolen und gaben Dinge ein, die für King böhmische Dörfer waren. In all dem Gewirr aus Nummern und Buchstaben würde er sich nie zurechtfinden!

Lita setzte King vor einer freien Konsole ab und stellte sich in die Mitte der Halle. „Jungs!“, rief sie ihnen zu. „Das ist Andrew, der Neue. Bevor ihr alle abfliegt, erwarte ich, dass ihr ihm zeigt, wie das hier funktioniert. Tymoron, am Besten, das machst du!“ Sie zeigte auf einen jungen Demetaner, der klar an ihrem Gesicht sehen konnte, dass sie keine Widerrede duldete.

King hatte hinter der Konsole Platz genommen und hatte den Bildschirm betrachtet. Der junge Demetaner nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben King, um im gleichen Moment mit ihm auf den Schirm zu schauen. „Gib bitte erst mal deinen Namen ein.“, forderte er King freundlich auf. „Nachnamen zuerst und ohne Leerschritt und Großschreibung.“ King tat, was sein Gegenüber verlangt hatte. Nach der Eingabe begann ein Kästchen, das neben der Konsole stand, zu leuchten. „Leg deinen Finger in die Mulde.“, sagte Tymoron. Auch das tat King.

Auf dem Bildschirm öffnete sich ein weiteres Fenster. Jetzt konnte King ein Menü sehen, das sich vor ihm abrollte. Hierin konnte er seine Flugstrecke, die Informationen über seine Fracht und den Funktionsbericht eines Shuttles ablesen, wenn er die entsprechenden Punkte anklickte. „Die Nummer in der Titelzeile ist deine Zuweisung.“, erklärte der etwa 30-jährige Demetaner. „Wenn du zum Flugfeld gehst, musst du ja schließlich wissen, welches dein Shuttle ist. Es ist ratsam, alle Punkte durchzulesen. Wenn du angeSITCHt wirst, und sie fragen dich, was du geladen hast, musst du ja schließlich antworten können. Sie könnten dein Schiff zwar auch scannen, aber wenn du falsche oder keine Angaben machst, könntest du dich verdächtig machen, eine Straftat zu begehen oder zu begünstigen. Manche Spezies mögen keine Schmuggler.“ Er grinste. „Außerdem solltest du wissen, wohin es geht und ob dein Schiff in Ordnung ist.“ „Womit fange ich am Besten an?“, fragte King, in dem das Gefühl erwacht war, dass auf ihn eine Menge Lesestoff zukommen könnte. „Ich schlage vor, du fängst mit der Flugstrecke an.“, sagte Tymoron. „Das geht am schnellsten. Es sind schließlich nur zwei Worte.“

King klickte das entsprechende Feld an und sah eine kleine zweispaltige Tabelle, unter der ein Ausschnitt einer Sternenkarte zu sehen war. In der Tabelle stand unter Start Terra und unter Ziel Demeta. „Ich fliege in deine Heimat.“, stellte King fest. „Genau.“, sagte Tymoron. „Das Problem ist nur, dass du durch das Miray-System musst, wegen der hyperaktiven Sonne. Aber da sollen drei Sternenflottenschiffe sein, die Babysitter spielen. Die lotsen dich schon durch das Kriegsgebiet. Pass nur auf, dass du nicht nach Blind Man’s Land gerätst.“

King sah ihn fragend an. „Wohin soll ich nicht geraten?“, fragte er. „Entschuldige.“, sagte Tymoron. „Unter uns alten Hasen ist der Fleck bekannt wie ein bunter Hund. Es ist eine Stelle im Miray-System, an der Fliegen per Sensoren wegen starker Strahlung nicht möglich ist. Die spielen einfach verrückt. Du musst dort also die Sensoren deines Schiffes offline schalten. Aber auf Sicht fliegen kannst du auch nicht, weil du so starke Filter vor den Fenstern benutzen musst, dass kein Lichtstrahl hineingelassen wird.“ „Und wie navigiere ich dort?“, wollte King wissen. „Indem du dort gar nicht erst hin fliegst.“, sagte Tymoron genervt. „Kannst du nicht zuhören?!“ „Es gibt zwar eine alte Pilotenlegende, der nach man auch nach Hosenboden navigieren kann, aber ich würde das nicht ausprobieren.“, fügte er noch hinzu. „Du hast Recht.“, bestätigte King. „Ich verlasse mich beim Fliegen auch lieber auf meine Augen.“

Über die Frachtinformationen war King beim technischen Bericht angelangt. Er hatte den Teil über seine Fracht nur überflogen und sich gemerkt, dass er medizinisches Gerät transportierte. Mehr benötigte er laut Tymoron auch nicht. Alles andere würde auf einem Datenkristall stehen, den ihm Lita am Shuttle noch aushändigen würde und auf den, wenn er mit dem Durchlesen fertig war, alle wichtigen Daten geladen würden.

„Alle Zeilen sind grün.“, stellte King fest. „Um so besser.“, sagte Tymoron. „Grün heißt, das genannte System funktioniert. Rot heißt, es funktioniert nicht und gelb heißt, es wird gerade gewartet. Wenn du alles durchgelesen hast, drück bitte noch einmal die Entertaste.“ King tat dies und sah eine Aufforderung aufflackern, der nach er jetzt zum Flugfeld gehen konnte. Auch die Nummer seines Schiffes wurde noch einmal kurz eingeblendet, bevor der Bildschirm wieder leer erschien. „Komm mit.“, sagte Tymoron und führte ihn durch ein Tor aus der Halle in einen Hof, in dem viele Shuttles standen. Hier sah King auch Lita wieder, die vor einer Art großem Schlüsselbrett stand, auf dem Schaltschlüssel auf Zapfen steckten. Über dem jeweiligen Schlüssel war auf einem Display die Shuttlenummer zu sehen.

Sie übergab King und Tymoron ihre Schaltschlüssel und der Demetaner brachte den terranischen Neuankömmling noch zu seinem Schiff. „Der Schaltschlüssel enthält alle Daten, die du dir gerade durchgelesen hast.“, erklärte Tymoron. „Wenn du ihn benutzt, weiß sie, was geladen ist und wohin es geht. Wenn du eine Pause machst oder irgendwo landest, musst du den Schlüssel mitnehmen. Es ist wegen deiner Flugzeiten und deiner Gesundheit. Außerdem kann dann besser nachgewiesen werden, was genau war, wenn etwas passieren sollte.“ „OK.“, sagte King. „Muss ich noch etwas beachten, bevor ich starte?“ „Melde dich besser bei Ragidis.“, sagte Tymoron. „Ich habe das ein Mal vergessen und dann haben mir Dilara und Lita mit vereinten Kräften den Kopf gewaschen. War nicht sehr angenehm.“ Er machte ein leidendes Gesicht. „Das sollte ich mir wirklich ersparen.“, sagte King und stieg ins Shuttle, um sofort Ragidis’ Rufzeichen ins Sprechgerät einzugeben.

Ginalla und die Genesianerinnen waren in einer riesigen Halle angekommen. In gewisser Weise erinnerte die Halle an die, in der bei den Klingonen der Hohe Rat tagte. Aber natürlich gab es gewisse Unterschiede. Krieger lieben solche Protzbauten., dachte Ginalla und war froh, dass die Genesianer keine Telepathen waren.

Sie folgte den Kriegerinnen durch den großen Torbogen in die Halle, deren Dach eine große Kuppel bildete. Direkt unter dieser Kuppel befand sich ein Podest mit einem schwarzen Holztisch, der mit Symbolen aus der alten genesianischen Schrift verziert war. Die Bilder zeigten die genesianische Schöpfungsgeschichte. Vor dem Tisch stand eine Bank, die gerade breit genug war, dass jemand darauf sitzen konnte. Auf dem Platz in der Mitte saß Shashana. Sie hatte schwarzes offenes langes Haar und war in ein traditionelles genesianisches Gewand, ein langes schwarzes Wollkleid, gehüllt. Sie trug keinen Brustpanzer, denn sie war jetzt ja nicht unterwegs. Außerdem musste sie als oberste Prätora ja auch nicht mehr in den Kampf ziehen. Der Brustpanzer war also das Gewand einer aktiven Kriegerin.

Ehrfürchtig gingen Ataura und Cyrade auf sie zu. Sie legten ihre Waffen nieder, was bei den Genesianern einer höher gestellten Person gegenüber auch Respekt zeigte. Dann begann Cyrade: „Oberste Prätora, dies ist Ginalla aus der Föderation. Sie ist eine zivile Forscherin und möchte gern an der Initiationsfeier meiner Tochter Ataura teilnehmen. Ich weiß, eine Außenstehende hat das noch nie gedurft, aber …“ „Schweig!“, befahl Shashana. Dann wendete sie sich an Ginalla: „Tritt vor, Fremde!“

Die Celsianerin ging langsam auf den Platz Shashanas zu. „So.“, sagte die Genesianerin, während sie ihr Gegenüber musterte. „Du willst also an einer genesianischen Initiationsfeier teilnehmen.“, sagte Shashana. „Ja.“, erwiderte Ginalla flapsig. „Ich denke, ich kriege das hin. Ich mag zwar schmächtig aussehen, aber das täuscht. Ich halte mehr aus, als man denkt.“ „Große Worte.“, sagte Cyrade. „Das sind nicht nur Worte.“, rechtfertigte sich Ginalla. „Und das werde ich Euch beweisen, oberste Prätora, wenn Ihr mich lasst.“

Es folgte eine Weile für Ginalla unerträglicher Stille, bevor die Genesianerinnen laut lachten. „Schneid hast du.“, sagte Shashana schließlich und klopfte ihr auf die Schulter. „Also gut. Du darfst an der Feier teilnehmen. Hast du ein Schiff?“ „Ja.“, sagte die Celsianerin. „Um so besser.“, sagte Cyrade. „Dann muss ich nicht noch ein Maul auf meinem Schiff stopfen. Beame auf dein Schiff und warte, bis ich mit meinem in die Umlaufbahn komme. Dann fliegen wir von dort aus zu der kleinen Welt, die meinem Clan gehört.“ „OK.“, sagte Ginalla. Dann zog sie ihr Sprechgerät: „Kamurus, hol’ mich!“

Das Schiff führte ihren Befehl aus. „Wie ist es gelaufen?“, fragte er, nachdem er sie wieder heil an Bord hatte. „Super!“, sagte Ginalla. „Wir dürfen! Gleich kommt ein genesianisches Schiff und dem wirst du folgen. Die Feier wird nämlich nicht auf Genesia Prime stattfinden.“ „OK.“, sagte Kamurus. „Aber bitte denke daran, was ich dir gesagt habe. Ich habe keine Lust, dich irgendwann tot vorzufinden, weil du deine Zunge nicht im Griff hattest.“ „Keine Angst.“, sagte Ginalla. „Da passiert schon nichts.“ „Hoffentlich behältst du Recht.“, sagte Kamurus und verhehlte seinen Argwohn nicht, bevor er sich hinter Cyrades Schiff einreihte, das inzwischen aufgestiegen war.

Maron hatte sich in seinem Quartier mit den versprochenen Recherchen über die Aktivität der genesianischen Sonne beschäftigt. Allerdings wurde ihm dies nicht in einer Art von der Sternenflottendatenbank dargereicht, die er verstanden hätte, sondern war doch recht wissenschaftlich gehalten. Maron sah nur auf endlose Zahlenkolonnen und Diagramme, die ihm so gut wie nichts sagten. Es gab aber eine Person auf der Basis, die ihm hier wohl helfen konnte. Da er bereits seinen Neurokoppler trug, wusste IDUSA schon längst, was er von ihr wollte. „Techniker Mc’Knight ist in ihrem Quartier, Agent.“, sagte sie. „Danke, IDUSA.“, gab Maron zurück. Er war es gewohnt, mit dem Computer einer Station oder eines Schiffes per Tasten oder verbal zu kommunizieren. Die reine Gedankenkommunikation machte ihm noch immer Schwierigkeiten.

Der Demetaner ging aus seinem eigenen Quartier auf den Flur und dann nur zwei Türen weiter in Richtung dessen von Joran und Jenna an Shannons Wohnraum vorbei, die Mc’Knights direkte Nachbarin war. Er hoffte sehr, dass sie ihm weiterhelfen konnte. Ansonsten würde er jetzt sehr auf dem Schlauch stehen.

Der Agent betätigte die Türsprechanlage, was zur Folge hatte, dass ihm Jenna mit leiser Stimme antwortete. „Was gibt es denn, Sir.“, flüsterte sie ins Mikrofon. „Ich benötige Ihre Expertise, Techniker.“, sagte Maron. „Komme.“, sagte Jenna nur kurz und beendete die Verbindung.

Maron wartete höflich ab, bis die brünette hoch gewachsene Terranerin ihm die Tür geöffnet hatte, bevor er ihr, die auf leisen Sohlen voran ging, folgte. „Warum sind Sie so leise, Jenna?“, fragte Maron. „Joran und Ishan machen ein Experiment.“, erklärte sie. „Obwohl Joran kein echtes Feld trägt und dies seinem Körper nur durch das Medikament vorgespielt wird, möchte er herausfinden, ob das Fütterungsritual trotzdem funktioniert. Die Mediziner der Sternenflotte und der Tindaraner sind sich uneins. Die von der Föderation sagen, es könnte funktionieren und die Tindaraner meinen nein, weil nichts da ist, was gefüttert wird. Unter uns, meine Assistentin unterhält einen Wettpool.“ „Illegales Glücksspiel auf Zirells Station.“, sagte Maron grinsend. „Sie wissen, Mc’Knight, dass ich das melden muss. Ihre Assistentin werde ich auch gleich verhaften. Aber wenn Sie schon so munter beim Auspacken sind, Jenna, dann sagen Sie mir doch gleich einmal, worum gewettet wird.“ „Es geht nur um Simulationskammerzeit, Sir.“, beruhigte Jenna. „Nichts Existenzielles.“ „Aha.“, sagte Maron. „Wie wäre es, wenn ich mich auch gleich daran beteilige.“ „Aber Sir.“, meinte Jenna und versuchte zu tun, als habe sie sich furchtbar erschrocken. „Wäre das nicht … Wie nennt man das noch? Unlautere Vorteilsnahme im Amt?“ Beide lachten. Die gesamte letzte Unterhaltung war nämlich nicht ganz ernst gemeint.

Jenna führte den Spionageoffizier zum Sofa im Wohnzimmer. „Bitte setzen Sie sich, Agent.“, sagte sie. „Mir fällt auf, dass Sie kein kaputtes Gerät bei sich haben. Also, wobei brauchen Sie mich?“ „Das wird eine längere Geschichte, Techniker.“, sagte Maron. „Aber die würde ich Ihnen gern bei mir erzählen. Vielleicht wäre das besser. Dann stören wir Joran und Ishan auch nicht.“ „Also gut.“, sagte Jenna, schnappte ihren Neurokoppler, der auf dem Tisch lag und folgte ihrem Vorgesetzten.

Wenige Schritte trennten die Beiden von ihrem Ziel. In Marons Wohnzimmer angekommen schlossen Maron und Jenna die Neurokoppler sofort an die Konsole an. Jenna staunte nicht schlecht über das, was sie auf dem virtuellen Bildschirm sah, nachdem IDUSA auch ihre Reaktionstabelle geladen hatte. „Was hat die genesianische Sonne getan, Agent, dass Sie hinter ihr her sind?“, scherzte Jenna. „Hat sie zu sehr geleuchtet und das zur Sperrstunde?“ „Um ehrlich zu sein, Jenna.“, entgegnete Maron. „Sie ist verdächtig, hyperaktiv zu sein. Allerdings kann es auch sein, dass sie in diesem Verbrechen nicht die Täterin, sondern das Opfer ist, wenn sie dessen fälschlich beschuldigt wird.“ Auch der Demetaner lächelte.

Jenna ließ einige Blicke über den Monitor schweifen. „Dann fragte sie: „Hat sie schon etwas dazu gesagt?“ „Jein.“, erwiderte Maron. „Ich kann mit ihren Aussagen nichts anfangen. Liegt vielleicht daran, dass wir nicht die gleiche Sprache sprechen. Aber jetzt habe ich ja eine Spezialistin hier.“ „Schuster, bleib bei deinem Leisten.“, lächelte Jenna. „Ihr Spezialgebiet ist nun einmal die Spionage und meines die Physik. Zeigen Sie mal her.“

Sie ließ IDUSA Marons Tabelle löschen, während ihr eigener Blick zwischen den auf dem Bildschirm aufgereihten Diagrammen, bei denen es sich um Bilder von Sonden handelte, welche die genesianische Sonne ständig beobachteten, hin und her wanderte. Jenna dachte, dass dies für Maron eher langweilig sein könnte.

Bald danach setzte sie den Koppler ab und drehte sich mit zufriedenem Gesicht zu Maron. „Ich glaube, ich habe gesehen, was ich sehen musste, um Ihnen helfen zu können, Sir.“, sagte sie zuversichtlich. „Die Sonne hat eine völlig normale Aktivität. Sie ist nicht aktiver als sonst auch. Weiß der Himmel, woher Sie die Informationen haben, aber mit der Sonne ist alles OK.“ „Die Informationen hat man Shimar auf der lithianischen Heimatwelt gegeben.“, sagte Maron. „Um ehrlich zu sein, Sir.“, sagte Jenna. „Ich glaube, da will jemand Shimar hinhalten.“ „Das Gefühl habe ich langsam auch.“, sagte der demetanische Spion. „Nur leider fehlen mir bisher die Beweise.“ „Die kriegen Sie schon.“, sagte Jenna. „Hoffen wir, dass ich sie nicht erst dann bekomme, wenn es zu spät ist.“, sagte Maron und machte ein Gesicht, als würde er ein großes Unheil kommen sehen. „Wovon sprechen Sie, Agent.“, fragte Jenna, die zwar keine ausgebildete Psychologin war, aber aufgrund ihrer hohen Intelligenz schon oft in vielen Situationen erfolgreich ausgeholfen hatte. Shannon hatte sich dann gefragt, ob Major Carter wohl auch dieses Talent gehabt hatte. Maron verneinte dies innerlich, denn er hatte, als er einmal das Buch gelesen hatte, um zu wissen, wovon Shannon ständig redete, festgestellt, dass es zwischen Jenna und Samantha einen gravierenden Unterschied gab. Jenna hatte Freunde und lebte sogar in einer Beziehung. Sie musste auch Shannons flache Witze und ihre einfache Struktur tolerieren, denn sonst hätte sie schon längst bei Zirell und ihm einen Antrag auf Zuweisung einer anderen Assistentin gestellt. Aufgrund dieser Fakten war der Kriminalist sicher, Jenna der Fähigkeit zur sozialen Interaktion überführen zu können.

„Sir?“ Sie hatte gemerkt, dass er gedanklich abschweifte und ihn sanft angestoßen. „Entschuldigung, Mc’Knight.“, sagte Maron. „Wo waren wir?“ „Wir hatten gerade festgestellt, dass Shimar verladen wird.“, sagte Jenna. „Ach ja.“, sagte Maron und machte wieder dieses Gesicht. „Was ist los?“, fragte Jenna und schaute ihn fast schmeichelnd an. „Die beiden Prinzessinnen streiten seit ihrer Kindheit.“, sagte Maron fast verzweifelt. „Sie streiten so sehr, dass man glauben könnte, sie wollten sich zerfleischen. Alle Bemühungen, die Sache diplomatisch zu lösen, sind in die Hose gegangen. Durch Techniker Montgomery Scott wissen wir todsicher, dass sich Sytania auch irgendwann einmischen wird. Deshalb sollte Shimar auf diese Zivilistin, die für Alegria arbeitet, aufpassen, damit die Sytania nicht eventuell auf den Leim geht. Aber jetzt ist Shimar von ihr getrennt und sie ist im genesianischen Sonnensystem. Was ist, wenn …?“ „Sytanias Einmischung mit der Sonne wäre nachweisbar, Agent.“, beruhigte ihn Jenna. „Was immer auch passiert, ich glaube nicht, dass Sytania eine Sonne benutzen wird, um sich einzumischen. Nein. Ich denke, das wird sie klüger anstellen. Ich weiß zwar auch nicht wie, aber …“ Er atmete auf. „Wenn Sie das sagen, Jenna.“, sagte er.

Sie stand auf. „Ich sollte jetzt gehen.“, sagte sie. „Sie interessiert der Ausgang des Experimentes, nicht wahr?“, grinste Maron der im Gehen begriffenen Jenna hinterher. „Dagegen kann ich nichts machen. Ich bin eine Frau und wir sind wie Katzen.“, grinste sie und verschwand durch die Tür.

Alesia und Sedrin hatten sich in ihrem Besprechungszimmer getroffen. „King ist unterwegs.“, informierte Alesia ihre Kollegin. „Gut.“, sagte Sedrin, die in diesem Fall die Leitung der Mission inne hatte. „Wann wird er voraussichtlich auf die Granger treffen?“ „In zwei Tagen, wenn alles gut geht.“, erwiderte Alesia. „OK.“, sagte Sedrin. „Dann haben wir zwei Tage, um …“

Ein Alarm ließ beide aufschrecken. Im Display der Sprechanlage sahen sie das Rufzeichen von Scottys Wohnung samt Unterrufzeichen des gemeinsamen Schlafzimmers von ihm und King. „Was ist los, Scotty.“, beantwortete Sedrin die Anlage. „Schnell.“, stammelte Scotty am anderen Ende. „Ich, uff ...“

Die Agentin hörte nur noch etwas, das sich für sie anhörte, als sei Scotty gerade samt Mikrofon in Ohnmacht gefallen. „Irgendwas stimmt da nicht!“, sagte sie fest und winkte Alesia, die ihr schnellen Schrittes folgte. Im Flur schnappte Sedrin noch ihre Tasche, in der sich ihre gesamte Ausrüstung befand. Dann flitzten sie und Alesia hinüber.

Nachdem sie mit Hilfe eines Notfallcodes die Tür geöffnet hatten, sahen sie das Problem. Bewusstlos hing Scotty über seinem Schreibtisch. Im Ohr hatte er einen Ohrhörer und vor sich ein Pad, auf das er der Stellung seiner rechten Hand nach gerade zeichnete.

Sedrin zog den Ohrhörer aus Scottys Ohr und steckte ihn in ihr eigenes, um herauszufinden, was Scotty hörte. „Das ist das Gespräch, das wir als Stimulus benutzen!“, sagte sie alarmiert. „Wie ist er da bloß dran gekommen?“ „Unsere Aufzeichnung kann es nicht sein.“, erklärte Alesia. „Die ist sicher verwahrt. Aber er ist ausgebildeter Ingenieur. Vielleicht hat er einen Weg gefunden, über eine Sprechverbindung nach außen das Sprechgerät von Allrounder Betsy anzuzapfen und sich selbst eine Version des Gespräches besorgt.“ „Von wegen Privatgespräch.“, zischte Sedrin, denn ihr schwante langsam, wie Scotty es angestellt haben konnte. Am Vortag hatte er die Agentinnen gebeten, ihm ein angebliches Gespräch mit Freunden auf Celsius zu ermöglichen. Sie sollten ihm aber nur die Amtsfrequenz freischalten. Den Rest würde er allein erledigen. Da es sich um ein privates Gespräch handelte, waren weder Sedrin noch Alesia während dessen anwesend gewesen.

Die Demetanerin zog ihren Erfasser und scannte den zitternden und krampfenden Scotty. „Sein Blutdruck ist erheblich zu hoch.“, sagte sie, nachdem sie sicherheitshalber das Interpretationsprogramm zugeschaltet hatte. „Kein Wunder.“, sagte Alesia. „Sieh dir seine Augen an. Die sind weit aufgerissen. Ich wette, er hat Angst bis Oberkante Unterlippe.“ „Kann ich mir gut vorstellen.“, antwortete Sedrin. „Was glaubst du, warum ich immer einen Arzt dabei haben will, wenn wir mit der Aufzeichnung experimentieren.“ „Schon klar.“, antwortete die junge Platonierin. „Aber was machen wir jetzt mit ihm?“

Kapitel 21 - Notfälle und -lösungen von Visitor

Sedrin stellte sich rechts neben Scotty und fasste ihn um die Schulter. Dann sagte sie in bestimmtem Tonfall zu Alesia: „Hilf mir!“ Alesia nickte und fasste unter Scottys Füße und Hüften. Gemeinsam gelang es den Frauen tatsächlich, ihn auf das nahe Bett zu verfrachten. „Du redest mit Cupernica und beorderst sie her!“, befahl Sedrin. Alesia nickte erneut und witschte aus der Tür.

Sedrin schaltete ihren Erfasser auf aktives Dauerscannen und befahl dem Interpretationsprogramm, sofort Alarm zu geben, wenn sich Scottys Zustand weiter verschlechtern sollte. Dann setzte sie sich an den Schreibtisch und versuchte die Aufzeichnung im Rechner zu deaktivieren. Leider gelang ihr das nicht, denn Scotty hatte die Endlosschleife, in der ihm die Aufzeichnung vorgespielt wurde, mit einem Code gesichert. „Verdammt.“, entfuhr es Sedrin.

Sie ging zum Bett und zog Scottys Schultern hoch. „Techniker!“, begann sie sehr laut, denn sie dachte sich, er würde sehr weit weg sein. „Ich will Ihnen helfen, aber ich brauche den Code. Ohne ihn kann ich die Aufzeichnung nicht abschalten. Sagen Sie mir den verdammten Code!!!“

Sedrin erhielt keine schlüssige Antwort. Scotty stammelte nur immer wieder meinen Namen. Ein Königreich für einen Telepathen., dachte Sedrin. Dann aber fiel ihr etwas ein. Sie ging zurück zum Schreibtisch und gab die zentrale Allzeit ein, bei der Scotty und ich uns damals auf Celsius kennen gelernt hatten. Wann das war hatte ich ihr einmal gesagt. „Code akzeptiert.“, sagte die Rechnerstimme und die Aufzeichnung wurde abgebrochen.

Wesentlich ruhiger ging die Agentin zu Scotty zurück. Sie hatte zwar immer noch den Ohrhörer in der Buchse gelassen, aber selbst das leiseste Signal schien bei Scotty anzukommen und seine Angst noch zu verstärken. Jetzt aber bemerkte Sedrin, dass er sich immer mehr beruhigte. Seine Atmung und sein Herzschlag normalisierten sich und dann schlug er die Augen auf. „Hallo, Agent Sedrin.“, sagte er erschöpft. „Sie sind ja wieder bei uns, Techniker.“, stellte Sedrin fest und machte ein sehr tadelndes Gesicht.

Scotty drehte sich um. „Oh, Mann.“, sagte er. „Ich habe wohl anständigen Mist gebaut.“ „Sehr richtig.“, bestätigte Sedrin in strengem Ton. „Was glauben Sie, warum ich wollte, dass, wenn wir mit Ihnen und der Aufzeichnung arbeiten, immer ein Arzt in der Nähe ist?“ „Schon kapiert.“, sagte Scotty. „Aber ich wollte ja nur einiges wieder gut machen, Ladies. Ich meine, ich habe mich geweigert, die Aufzeichnung an mich heran zu lassen wegen Betsy. Das ist jetzt Geschichte und ich dachte, ich hole jetzt mal einiges nach. Übrigens, dass ich die Aufzeichnung nicht erwarten darf, stimmt nicht. Das verdammte Ding lässt mich die Dinge sehen, ob ich es nun erwarte oder nicht. Cupernica hat sich getäuscht.“

Sedrins Blick fiel auf den Schreibtisch und auf das immer noch darauf liegende Pad. Sie ging hinüber und holte es her, um es Scotty direkt vor die Augen zu halten. „Haben Sie das gezeichnet?“, fragte sie. „Wer denn sonst.“, sagte Scotty, dessen Gesichtszüge langsam von blass in rosig tendierten. „Na, Ihre burschikose Art haben Sie nicht eingebüßt.“, kommentierte Sedrin seine Äußerung. Dann legte sie dem schweißnassen Mann eine Decke um.

Eine Weile hatte sie die Zeichnung auf dem Pad betrachtet. „Können Sie mir sagen, was das bedeutet?“, fragte sie freundlich. „Wenn ich das wüsste, wäre ich klüger.“, sagte Scotty. „Aber ich weiß, dass es mir eine riesige Angst macht.“ „Kann ich mir vorstellen.“, erwiderte Sedrin, die aus der Zeichnung nicht wirklich etwas erkennen konnte. Scotty musste während des Zeichnens schon sehr große Angst gehabt haben, was seinen Finger extrem zittern ließ. das wiederum hatte zu Lücken in der Linienführung und somit zu schwachen Strichelchen an einigen Stellen geführt. „Was wird wohl passieren, wenn ich dem Pad befehle, die Lücken aufzufüllen?“, fragte Sedrin halblaut. Dann tat sie es. Jetzt bekamen die Figuren und Gegenstände auf dem Pad langsam eine Form. Sedrin erkannte zwei Frauen, die an einem Tisch saßen. Beide schienen eine Krone zu tragen, aber ihre Gesichter waren unscharf. „Sind das Sytania und eine der mirayanischen Prinzessinnen?“, wollte Sedrin wissen. „Das weiß ich doch jetzt nicht mehr.“, schnodderte Scotty zurück. „Ich habe nur so lange Zugriff auf Sytanias Denkmuster, wie die Aufzeichnung läuft.“ „Schon gut.“, sagte Sedrin. „Alesia und ich werden Ihre Zeichnungen sortieren und interpretieren. Vielleicht werden wir schlau draus.“ Scotty nickte und schlief ein.

Alesia hatte Cupernica Bescheid gesagt und war mit ihr nun auf dem Weg ins Zimmer. So schnell es ging war die Androidin mit ihrem Jeep zum Ort des Geschehens gefahren.

Cupernica warf einen Blick auf den schlafenden Scotty und dann auf Sedrin. „Wie ich sehe, haben Sie die Situation unter Kontrolle, Agent.“, sagte sie mit lobendem Tonfall. „Etwas anderes hätte ich auch nicht erwartet.“ „Sie haben gut Reden, Scientist.“, sagte Sedrin, der bei dem Anblick ihrer ehemaligen Untergebenen ein riesiger Stein vom Herzen gefallen war. „Bitte untersuchen Sie ihn.“, sagte die immer noch sehr besorgte Demetanerin. „Das habe ich bereits getan.“, erwiderte die Androidin nüchtern. „Außer leicht erhöhten Adrenalinwerten, die auf eine überstandene Angst- oder Stresssituation schließen lassen, scheint bei Techniker Scott alles in bester Ordnung zu sein. Sie wissen, ich muss einen Patienten nur ansehen und kann …“ „Ich weiß.“, schnitt Sedrin ihr das Wort ab. „Darf ich wissen, was geschehen ist?“, fragte Cupernica. „Er hat sich allein mit der Aufzeichnung beschäftigt.“, sagte Sedrin. Die Androidin zog sehr betont eine Augenbraue hoch. Im Emittieren menschlicher Gesichtszüge, die Stimmungen ausdrückten, war Cupernica eigentlich immer sehr gut gewesen. Wer sie nicht kannte hätte glatt meinen können, sie besäße einen Emotionschip. „Damit war wohl keiner von uns einverstanden.“, bestätigte Sedrin. „Aber Scotty meinte, er schulde uns was.“ „Schuld ist eine sehr schlechte Ratgeberin.“, sagte Cupernica. „Das dürfte er jetzt auch eingesehen haben, Scientist.“, sagte Sedrin.

Noch einmal warf Cupernica einen Blick auf ihren Patienten. „Sie scheinen mich hier nicht mehr zu benötigen.“, sagte sie. Sedrin nickte. „Wie gesagt.“, wiederholte die Androidin ihre Diagnose. „Er ist völlig gesund. Ich werde dann gehen.“ Sedrin brachte sie noch zur Tür.

Merkurion hatte es sich nicht nehmen lassen, Alana selbst auszubilden. Hestia hatte dem zugestimmt, da sie fand, dass die neue Agentin in den Händen ihres Chefgeheimdienstlers in den besten Händen sei. Ihre Ausbildung ging sehr gut voran. Alana lernte mit einem solchen Feuereifer, dass sich Merkurion langsam zu fragen begann, was wohl dahinter stecken könnte. Er beschloss, sie auf eine Sache anzusprechen, die ihm gerüchteweise zu Ohren gekommen war. „Kann ich sicher sein, dass du aus rein patriotischen Motiven handelst?“, fragte er sie mit ermahnendem Unterton.

Alanas Herz beschleunigte seinen Schlag und ihr Gesicht errötete. Sie musste ihn jetzt überzeugen, sonst würde der Plan, den sie gefasst hatte, nie zur Ausführung kommen. Sie und Timor hatten nicht nur ihre Liebe als Motiv, nein, sie wussten auch, dass sich ihre Herrinnen in ihren Streit derart verbissen hatten, dass es für sie schon fast an Wahnsinn grenzte. Nur durfte Merkurion davon nichts merken. Je nach Situation hatten beide parallel den gleichen Plan gefasst und nun war es an Alana gewesen, ihn auszuführen. Timor und sie wussten, Alegria würde jetzt Verdacht schöpfen, wenn ihr Diener plötzlich nach Hestien wollte, wo sie doch gerade ihrer Schwester einen Dämpfer verpasst hatte. Aber Hestia würde auf Rache sinnen und da passte Alanas Vorschlag sehr gut.

Sie schluckte. Dann sagte sie: „Aus welchen Motiven sollte ich sonst handeln?“ „Ich habe da ein Gerücht gehört.“, sagte Merkurion. „Du sollst einmal mit einem Alegrier eine Beziehung gehabt haben. Ich mache dir daraus keinen Vorwurf. Es war zu einer Zeit, als wir noch ein Volk waren. Da waren wir alle ja Miray. Erst nach König Brakos Tod haben wir uns ja in Hestier und Alegrier gespalten.“ Wir sind wohl eher gespalten worden., dachte Alana und war froh, dass ihr Gegenüber kein Telepath war.

„Ich werde gleich morgen zu Hestia gehen.“, sagte Merkurion. „Dann werde ich ihr berichten, wie gut meine beste Schülerin ist. Du überflügelst die Meisten meiner vorherigen Schüler. Nein wirklich! Ich denke, ich kann dich schon sehr bald nach Alegrien schicken.“ Alana lächelte.

An einem völlig anderen Ort saß eine Frau mittleren Alters versunken auf einem Felsen. Ein etwa 2,30 m großer Mann näherte sich ihr in einer fast ehrfürchtigen Haltung. Bei dem Mann handelte es sich um Diran und bei der Frau, die schwarze Locken trug und einen milden Gesichtsausdruck hatte, um Tolea aus dem Raum-Zeit-Kontinuum.

In einiger Entfernung blieb der Vendar stehen. Er spürte, wie alle Mitglieder seiner Spezies, nicht nur die Anwesenheit von Mächtigen, sondern auch den Umstand, wenn diese ihre Fähigkeiten gerade benutzten. Aber auch Tolea hatte die Anwesenheit ihres Dieners gespürt. „Komm näher!“, sagte sie freundlich, aber bestimmt zu ihm.

Langsam ging Diran näher. Tolea bedeutete ihm, an ihrer rechten Seite auf dem Stein Platz zu nehmen. „Bitte vergebt meine Frage, Herrin.“, sagte Diran, der sich langsam fragte, was dort vorgegangen war. Tolea war in letzter Zeit sogar ihm gegenüber sehr geheimnisvoll gewesen. Natürlich dachte sich der Vendar, dass er als Sterblicher nicht in alle Geheimnisse der Mächtigen eingeweiht werden würde, aber seine Gebieterin war keine von den Mächtigen, die sich ständig hinter der Phrase: „Ihr versteht den großen universellen Plan sowieso nicht“, versteckten. Sie hatte immer wieder versucht, Dinge so zu erklären, dass Sterbliche sie verstehen könnten. Tolea war der Auffassung, dass man uns nicht alles verbieten dürfe, sondern uns sozusagen an die Hand nehmen müsse, wenn es notwendig sei. Es gebe aber auch faszinierende eigene Ansätze unsererseits. Außerdem müsse man uns dort abholen, wo wir stünden. Man müsse also einen Weg finden, uns die Dinge so deutlich zu machen, dass wir sie auch verstehen könnten. Nur dann gäbe es die Chance, dass auch wir uns weiter entwickeln könnten. Mir gegenüber hatte sie einmal geäußert: „Wissen Sie, Allrounder, Eltern verbieten ihren Kindern das Lernen ja auch nicht. Es ist zwar richtig, dass man sie nicht unnütz einer Gefahr aussetzen sollte, aber es ist auch genau so wichtig, dass sie ihre Erfahrungen machen. Aufsicht heißt also nicht, sie in Watte zu packen und von der großen bösen Welt da draußen fernzuhalten, sondern sie an der Welt teilnehmen zu lassen und im richtigen Moment da zu sein, um ihnen zu helfen, wo es nötig ist. Außerdem führen Verbote eher dazu, dass sie es dann erst recht ausprobieren wollen und dann haben wir den Salat. Erklären sollte man schon, dass es zu einer Gefahr hier oder dort kommen könnte, aber gleich mit Strafandrohung und Schimpfen zu reagieren, obwohl noch gar nichts passiert ist, wäre der falsche Weg.“ Ich, die ebenfalls eine Freundin des Erklärens war, hatte sie sehr gut verstanden. Natürlich wusste ich, dass Tolea uns nicht für Kleinkinder hielt, aber mir war klar, was sie mit diesem Beispiel über die Beziehung von ihresgleichen zu uns sagen wollte. Sie wollte uns lieber eine Freundin sein, als eine allwissende und allmächtige Strafrichterin.

„Was habt Ihr gerade getan?“, fragte Diran. Die Mächtige lächelte und drehte sich zu ihm. „Ich habe mir angesehen, was auf den beiden mirayanischen Planeten geschieht.“, sagte sie.

Diran war eingefallen, dass einmal König Brako mit Tolea zusammengetroffen war. Damals hatte man sich auf einem mirayanischen Nebenmond getroffen. Diran hatte Tolea mit seinem Veshel dort hin gebracht. Natürlich hätte sich die Mächtige auch einfach dort hin teleportieren können, aber Tolea zog in manchen Situationen die Art der Sterblichen, ein Ziel zu erreichen, vor, vor allem dann, wenn sie eine Aufzeichnung von dem Geschehen für später brauchte, die diese auch sehen sollten.

„Es verläuft alles so, wie es verlaufen soll.“, sagte Tolea. „Ich hatte nur Sorge, dass sich die Zukunft doch verändert haben könnte.“, sagte Diran. „Jemandes Zukunft ist auch jemandes Vergangenheit und zwar die Vergangenheit desjenigen, der danach kommt und …“

Tolea klopfte ihm auf die Schulter. „Da hast du natürlich Recht, mein kluger Diener.“, sagte sie. „Aber in diesem Fall war es egal, was getan würde. Die Zukunft würde sich nicht Ändern. Selbst, wenn …“

Sie spürte einen Versuch der telepathischen Kontaktaufnahme. „Logar.“, sagte sie. „Dann werde ich gehen.“, sagte Diran. „Natürlich nur mit Eurer Erlaubnis.“ Tolea nickte ihm lächelnd zu.

Mikel hatte die technische Kapsel betreten. Elektra hatte ihn über die Dinge, die sie und ihr Vorgesetzter gesehen hatten, informiert. Jetzt sah der terranische Agent, was den Ingenieuren ein solches Kopfzerbrechen gemacht hatte. „Ich kann mit Ihrem technischen Fachchinesisch leider nicht viel anfangen, Sie zwei.“, sagte der terranische Spionageoffizier. „Sie müssen mir das hier schon erklären.“

Jannings warf einen Blick zu seiner Assistentin. „Sofort, Sir.“, sagte Elektra und setzte sich neben Mikel, der vor einer Konsole mit dem Funktionsbericht meines Erfassers Platz genommen hatte. „Die Geräte zeichnen jede Tastenbewegung auf, die während ihrer Bedienung gemacht wird.“, erklärte Elektra. „Ungewöhnlich hieran ist, dass dieses Gerät bedient wurde, während seine Besitzerin fest geschlafen hat. Sie kann es also nicht bedient haben.“ „Woher wissen Sie, dass Allrounder Betsy geschlafen hat?“, fragte Mikel. „Aus den Aufzeichnungen des Shuttlerechners.“, sagte Elektra. „Den haben wir nämlich auch schon konsultiert.“ „Lassen Sie mich auch diese Aufzeichnung sehen!“, befahl Mikel und Elektra ermöglichte ihm auch dies. „Interessant.“, grübelte Mikel und legte die Stirn in Falten.

„Meine Assistentin glaubt, es war Korelem.“, sagte Jannings nach einer Weile. „Würden Sie ihm das zutrauen?“, fragte Mikel. „Schwer zu sagen.“, sagte Jannings. „Ich habe Korelem nie wirklich kennen gelernt. Betsy war diejenige, die viel Zeit mit ihm verbracht hat.“, erwiderte Jannings. „Ich werde mit ihr darüber sprechen müssen. Vielleicht kann sie ja auch zu der Sache mit ihrem Erfasser etwas sagen, aber wenn sie geschlafen hat, wird das wohl kaum möglich sein. Außer sie sagt mir, dass ihr nach dem Aufwachen vielleicht etwas Merkwürdiges aufgefallen ist. Haben Sie an dem Gerät fremde DNS gefunden?“, fuhr Mikel fort. „Nein.“, antwortete Jannings. „Aber Sie können es ja auch noch einmal mit Ihrem ballistischen Erfasser scannen, Sir. Vielleicht haben Sie ja mehr Glück.“

Mikel zog seinen Erfasser und leistete dem Vorschlag seines Untergebenen Folge. „Es gibt Zellreste, die in starkem Zerfall begriffen sind.“, sagte er frustriert. „Aber die könnten von jedem Wesen stammen, sogar von Allrounder Betsy selbst. Sie sind zu alt. Es ist einfach zu lange her. Aber lassen Sie mir die Dateien zukommen. Vielleicht kann ich sie in Betsys Vernehmung verwenden.“ „OK.“, sagte Jannings. „Elektra, veranlassen Sie das.“

Parallel dazu war ich auf die Krankenstation gegangen, um mich von Loridana wegen meiner seltsamen Träume untersuchen zu lassen. Mikel hatte schon Recht gehabt mit seinen Worten. Ich war wirklich keine Spielerin. Ich ging, wenn es mir irgendwie möglich war, immer auf Nummer sicher. Mein Commander hatte diesen Wesenszug sehr gelobt. Kissara hatte gesagt, dass sie so jemanden lieber am Steuerpult ihres Schiffes sähe, als eine Person, die aus falscher Abenteuersucht oder aus ebensolchem Geltungsbedürfnis heraus das Leben von sich und dem Rest ihrer Kameraden gefährde.

„Wo tut’s denn weh?“, fragte mich Learosh freundlich, als ich die Krankenstation betrat. „Schmerzen habe ich keine, Medical Assistant.“, erwiderte ich. „Ich träume nur momentan in Serie und finde das etwas merkwürdig.“ „Hm.“, machte er. „Legen Sie sich bitte auf Biobett eins. Ich hole meine Vorgesetzte.“ Ich nickte und tat, was er gesagt hatte. Ich kannte mich auf der Krankenstation gut genug aus, um das Biobett selbstständig zu finden. Learosh beobachtete mich. Das wusste ich, seit er es mir einmal gestanden hatte. Er hatte mir damals berichtet, ab und zu einen Blick hinter Mikel und mir her zu werfen, wenn wir uns auf dem Schiff orientierten. Die Unterschiede zwischen uns fand Learosh faszinierend. Im Gegensatz zu mir orientierte sich Mikel viel durch das Erzeugen von Klicklauten mit dem Mund, deren akustische Reflektion an Gegenständen er zu interpretieren vermochte. Ich hingegen benutzte mehr meine ausgestreckten Hände, was für ihn eher typisch für Terraner war. Mikels Art erinnerte Learosh mehr an die Orientierung der Dasaniden von Dasan zwei, die gar keine Augen besitzen und zum Erzeugen dieser Klicklaute ein eigenes Paar Stimmbänder besitzen. In seiner Schulzeit hatte er eine Dasanidin als Klassenkameradin. Die Beiden waren die besten Freunde.

„Learosh?“ Loridana hatte sich an ihren Untergebenen gewandt, der offensichtlich seinen Tagträumen nachhing. „Oh, Mafam.“, sagte er. „Zu Ihnen wollte ich gerade.“ „Was gibt es denn.“, fragte Loridana freundlich. „Wir haben eine Patientin.“, sagte Learosh. „Und dann stehen Sie hier und träumen!“, sagte die Ärztin streng. „Es ist kein Notfall.“, sagte Learosh beruhigend. „Zumindest hoffe ich das. Allrounder Betsy klagt über Träumen in Serie.“ „Na gut.“, sagte Loridana. „Sehen wir uns das mal an.“

Sie ging mit ihm hinüber zum Biobett, auf dem ich bereits lag. „Ich denke, ich muss mich nicht frei machen.“, lächelte ich. „Nein, nein.“, lächelte Loridana zurück. „Das Problem liegt ja eher in Ihrem Kopf.“

Sie zog ihren Erfasser und scannte mich damit. „Haben Sie in letzter Zeit Ihren Kontaktkelch benutzt, um mit Dill zu reden?“, fragte sie. „Nein.“, entgegnete ich. „Warum fragen Sie?“ „Weil ich eine erhöhte Menge von Savarid-Strahlung in Ihrer Hirnrinde feststelle, Allrounder.“ „Ich weiß, dass jeder Kontaktkelch Savarid-Strahlung produziert.“, sagte ich. „Aber ich habe meinen lange nicht mehr benutzt.“

Sie legte den Erfasser beiseite. „Welcher Natur sind Ihre seriellen Träume?“, fragte sie, während sie sich zu mir auf das Biobett setzte. „Ich träume von Shimar.“, sagte ich. „Ich habe den Eindruck, ich erlebe mit, was er auf seiner Mission erlebt. Zumindest bekomme ich die Art mit, in der er das Erlebte verarbeitet.“ „Aha.“, sagte sie und stand auf: „Learosh, die Nasalsonde bitte.“ „Muss das sein?“, wollte ich wissen. „Ja, es muss sein!“, sagte die Ärztin und an ihrem Tonfall merkte ich, dass sie keine Widerrede duldete.

Learosh kam mit einem langen Gegenstand zurück, der an einen Erfasser angeschlossen wurde. „Drehen Sie sich bitte auf den Rücken, Betsy.“, sagte er. „OK.“, sagte ich mit mulmigem Gefühl. Ich mochte Untersuchungen mit der Nasalsonde nicht, aber sah ein, dass es wohl dieses Mal notwendig war, um verlässliche Daten bekommen zu können. Mit dem Erfasser allein war dies aufgrund von Störfaktoren wohl nicht möglich.

Learosh nahm meinen Kopf in seine rechte Hand. Mit zwei Fingern der anderen Hand fixierte er mein rechtes Nasenloch, um die Sonde mit dem Rest seiner Finger einzuführen. „Ganz ruhig.“, sprach er auf mich ein. „Wir haben es gleich.“

Ich spürte, wie das Ding in meine Stirnhöhle vorgeschoben wurde, ohne mir die befürchteten Schmerzen an deren Knochen und Haut zu verursachen. „Wow.“, machte ich. „Das hat ja gar nicht weh getan.“ „Weil ich genau weiß, wann man abbiegen muss.“, sagte Learosh.

Er ließ meinen Kopf los. „Wenn wir gleich scannen und ich berühre Sie, kann es sein, dass der Erfasser durch meine Nervensignale irritiert wird, so empfindlich, wie er eingestellt ist.“, erklärte Learosh. „OK.“, sagte ich. „Ich kann meinen Kopf auch allein ruhig halten.“

Loridana aktivierte den Erfasser. „Dachte ich mir.“, sagte sie dann und hielt Learosh das Bild unter die Nase. „Das müssen wir melden.“, sagte er. „Natürlich.“, sagte Loridana, „Aber zuerst müssen wir es unserer Patientin erklären.“

„Was ist los mit mir?“, fragte ich. „Stehe ich unter außerirdischem feindlichen Einfluss?“ „Außerirdischer Einfluss.“, lächelte Loridana. „Ja, feindlich, nein. Außer, Sie und Shimar haben Schluss gemacht und er drangsaliert Sie jetzt aus Rache. Aber dann wäre nicht möglich, was ich jetzt sehe.“ „Was sehen Sie denn?“, wurde ich neugierig.

Sie setzte sich erneut zu mir. Ihren Erfasser hatte sie auf ihren Schoß gelegt. „Sie wissen.“, begann sie. „Dass Sie ein residentes telepathisches Muster von Shimar in Ihrer Hirnrinde haben.“ „Ja.“, sagte ich. „Das wird solange bestehen, wie unsere Beziehung andauert. Das passiert immer dann, wenn sich ein Tindaraner verliebt.“, erklärte ich. „Das weiß ich.“, sagte Loridana. „Aber an dieses Muster hat die Savarid-Strahlung, deren Quelle wir nicht kennen, angedockt. Das ist normal. Das tut Savarid-Strahlung. Aber sie tut noch etwas anderes. Sie macht telepathischen Kontakt auch über dimensionale Grenzen hinweg möglich.“

Mir wurde heiß und kalt. „Deshalb träume ich also von Shimar?“, fragte ich. „Wahrscheinlich ja.“, sagte die Ärztin. „Und das wird dann auch der Grund sein, aus dem ich ihn schon gesehen habe, als er noch auf der tindaranischen Station war.“, schloss ich weiter. „Davon gehe ich aus.“, sagte Loridana. „Aber was wollen Sie denn jetzt melden?“, fragte ich. „Die Tatsache, dass irgendjemand Sie mit Savarid-Strahlung infiziert hat ohne, dass Sie davon wussten.“, sagte Learosh. „Wenn Sie den Kelch lange nicht benutzt haben, dann muss es eine andere Quelle geben.“ „Normalerweise dockt Savarid-Strahlung an der telepathischen Energie an, die sich in einem Kontaktkelch befindet und ermöglicht einem Nicht-Telepathen so den Kontakt zu der Person, deren Energie es ist.“, erklärte Loridana. „Aber in Ihrem Fall hat die Strahlung, als sie aus dem Gegenstand in Ihr Gehirn kam, sich an das Muster von Shimar geheftet, das sie dort vorgefunden hat und Sie somit mit ihm verbunden.“ „Denken Sie, das war jemandes Absicht?“, fragte ich. „Genau das muss der Agent herausfinden.“, sagte Learosh und streichelte mir über den Kopf. „Er ist Ermittler. Wir sind nur Mediziner. Wir können ihm die Daten liefern, die er benötigt, aber ermitteln kann nur er.“ „OK.“, sagte ich.

Learosh entfernte die von mir so gehasste Nasalsonde. Aber eigentlich hatte ich gegen das Gerät nicht mehr wirklich etwas. Learosh wusste, wie man damit umgeht und er hatte wohl auch bessere Kenntnisse der terranischen Anatomie. Auf jeden Fall waren seine besser als die Kenntnisse des vulkanischen Viehdoktors, der mir so ein Ding einmal während meiner Zeit als Kadettin einführen musste. „Sie können gehen.“, sagte Loridana. „Aber machen Sie sich darauf gefasst, dass der Agent auch noch mit Ihnen sprechen wollen wird.“ Ich nickte und verließ die Krankenstation.

Maron hatte die neuen Erkenntnisse, die er gewonnen hatte, auch Zirell vorgetragen. „Jenna ist sicher, dass die Sonne nicht hyperaktiv ist?“, versicherte sich die Tindaranerin. „Ja.“, sagte der Demetaner. „Wenn Mc’Knight das sagt, dann wird es wohl so sein.“ „Aber was sollte derjenige für einen Grund haben, Shimar mit falschen Informationen zu versorgen?“, fragte die tindaranische Kommandantin. „Ich weiß es nicht.“, gab Maron zu. „Meine Theorie bezüglich Sytania hält Mc’Knight für nicht zutreffend. Sie sagt, wenn Sytania eine Sonne benutzen würde, um uns Steine in den Weg zu legen, könnte man das nachweisen.“ „Das könnte man ja auch.“, sagte Zirell. „Und Sytania arbeitet gern im Verborgenen. Sie mag es nicht, wenn man ihr drauf kommt.“ „Das stimmt.“, bestätigte Maron. „Aber was sollte sonst passiert sein?“

„Warum spekulierst du eigentlich darauf, dass Sytania sich einmischen wird?“, wollte Zirell nach einer Weile wissen. „Weil der Chief-Agent der Sternenflotte in dieser Hinsicht erhöhte Alarmbereitschaft gefordert hat, seit sie eine Aussage von Techniker Montgomery Scott in Händen hält, nach der sich die Prinzessin mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einmischen wird.“, sagte der Kriminalist. „Woher weiß Scott das?“, sagte Zirell. „Er hat ein Denkmuster von ihr im Kopf. Dieses Stück geistiger Energie ermöglicht ihm, wie sie zu denken, wenn man einen bestimmten Stimulus anwendet. Tamara hat Zoômell auch informiert und die informierte mich. Auch Zoômell möchte das Gleiche wie Tamara.“ „Jetzt verstehe ich.“, sagte Zirell. „Und ihr vom Geheimdienst, ihr seit euch nicht sicher, wann und wie sie es tun wird.“ „Genau.“, sagte Maron. „Und ich bin sicher, Scott irrt sich nicht. Sytania wird es tun. Wir wissen nur nicht wie und klammern uns jetzt an jeden Strohhalm. Auch, wenn er sich als Sackgasse herausstellt. Besser ein Mal zu viel ermittelt, als ein Mal zu wenig.“

Zirell replizierte beiden einen heißen Kaffee. „Schon gut.“, sagte sie dann. „Wer wird sich denn gleich so aufregen? Egal, was jetzt passiert ist. Wenn Sytania offensichtlich nichts hiermit zu tun hat, sollten wir froh sein. Dann gibt es hierfür nämlich sicherlich Gründe, die leichter aus dem Weg zu räumen sind, als ein von ihr gemachtes Problem.“ „Wenn du das so siehst.“, erwiderte Maron. „Ja.“, sagte Zirell. „Das sehe ich so und du tätest gut daran, auch nicht hinter jeder Ecke Sytania zu vermuten. Sonst erkennst du sie nicht, wenn sie wirklich eingreifen sollte, weil du zu sehr damit beschäftigt bist, Phantome zu jagen.“

Maron nahm einen großen Schluck aus seiner Tasse. Was sie ihm gerade gesagt hatte, musste er erst mal verdauen. Er hatte sich eigentlich immer für einen vernünftigen Ermittler gehalten, der sich nicht von Panikmache aus der Ruhe bringen ließ. Aber jetzt war ihm genau dies passiert. „Du hast Recht.“, sagte er. „Das weiß ich.“, entgegnete Zirell.

Die Türsprechanlage piepte. „Das wird Ishan sein.“, sagte Zirell, nachdem sie auf das Rufzeichen im Display geschaut hatte. „Ich erwarte noch einen Bericht von ihm.“ „Dann werde ich jetzt gehen.“, sagte Maron und drehte sich zur Tür. „OK.“, sagte Zirell.

Telzan hatte sich wieder einmal mit dem Kontaktkelch beschäftigt. Er hatte von Sytania gelernt, ihn auch nach bestimmten Dingen zu fragen. Er selbst hatte, wie alle Vendar, keine aktiven telepathischen Fähigkeiten, konnte aber Telepathen spüren und seine Sifa reagierte auf telepathische Energie. Da Sytania mittels ihrer Fähigkeiten den Kontaktkelch extra dafür geschaffen hatte, konnte aber auch Telzan mit seiner Hilfe die Geschicke in den Universen sowie überall wo er wollte, beobachten. Er sah jetzt ganz genau, was sich im Universum der Föderation abspielte. Das war auch das, was ihn interessiert hatte.

Sytania kam hinzu und legte ebenfalls ihre rechte Hand auf den Kelch, um die linke ihrem Diener zu geben. Jetzt sahen beide gemeinsam was sich zutrug. „Wann wollen Milady endlich eingreifen?!“, fragte der Vendar voll Ungeduld. „Wenn die Gelegenheit günstig ist.“, erwiderte die imperianische Prinzessin. „Aber sie ist günstig.“, sagte Telzan und konzentrierte sich auf ein bestimmtes Bild. „Nein.“, sagte Sytania. „Noch ist es nicht so weit, obwohl wir von dem Zeitpunkt in der Tat nicht weit entfernt sind. Aber ein bisschen Geduld wirst du noch haben müssen. Die Genesianer werden uns sehr guten Vorschub leisten. Erst dann werden wir eingreifen. Die Föderation wird dann geschwächt sein. Dann ist es besser für uns. Außerdem ist sie dann abgelenkt und merkt nicht, was ich vorhabe.“ „Ihr spielt auf die Sache mit dem überschriebenen Planeten an, nicht wahr?“, fragte Telzan mit verschwörerischem Unterton. „Genau das tue ich.“, sagte Sytania. „Also, fasse dich in Geduld! Aber du und deine Leute könnt schon mal eure Schiffe überprüfen, wenn ihr unbedingt eine Beschäftigung braucht.“ „Wie Milady wünschen.“, sagte Telzan und verließ den Thronsaal.

Ishan hatte vor Zirells Bereitschaftsraum ihre Antwort erwartet. Er hatte sie über sein Handsprechgerät quasi von außen über die Sprechanlage gerufen, um sich vorher ankündigen zu können. Zu diesem Zweck hatte der Androide das Rufzeichen der Station sowie das Unterrufzeichen des Raumes eingegeben. Zirell sollte auf jeden Fall erkennen können, dass er es war. „Komm rein.“, beantwortete sie den Ruf.

Ishan legte seinen Finger in die Sensorenmulde, worauf die Türen auseinander glitten. Er betrat leise aber mit bestimmtem Schritt den Raum. „Was hast du für mich?“, fragte die Stationskommandantin. „Den Ausgang des Experimentes habe ich für dich.“, antwortete der Arzt. „Wie ist es ausgegangen?“, lächelte Zirell. „Nun.“, begann Ishan und holte ein Pad hervor, auf dem medizinische Kurven abgebildet waren, die er gegenüber Zirell gleich kommentierte.

„Es ist so.“, sagte er, nachdem er sich in die Mitte des Raumes zum Referieren gestellt hatte. „Wenn der Eine weiß und der Andere schwarz malt, ist die Antwort meistens grau. Ich will damit sagen, Joran erreicht den Zustand, in dem er ein Energiefeld füttern könnte, wenn er denn eines trüge, aber seine Sifa sagt ihm sehr schnell, dass sie kein Feld enthält. Das führt zur Einmischung seines Nashach, das jenes bekannte Gift produziert. Ich habe es entnommen und abgefüllt. Jetzt frage ich mich, was wir damit machen sollen. Ich meine, es verhindert, dass geistige Energie irgendwo haften bleibt. Es könnte also auch eingesetzt werden, um die Kontrolle eines fremden Wesens über einen Körper zu verhindern.“ „Leg es auf Eis.“, sagte Zirell. „Wer weiß, wann wir es noch mal brauchen können.“ Sie wusste nicht, wie Recht sie noch haben sollte.

Kapitel 22 - Ginallas Fehler von Visitor

Ginalla und Kamurus waren dem genesianischen Schiff bis zu einem kleinen Klasse-M-Planeten gefolgt, der sich am Rand des genesianischen Sonnensystems befand. Hier waren jetzt beide Schiffe in eine Umlaufbahn geschwenkt.

„Da wären wir also.“, sagte Kamurus zu Ginalla, nachdem er seinen Antrieb, genau wie das genesianische Schiff auch, auf Minimum gedrosselt hatte. „OK.“, sagte die Celsianerin. „Dann beam’ mich mal runter. Schließlich will ich ja nich’ zu spät kommen.“ „Eines solltest du aber noch unbedingt mitnehmen.“, sagte das Schiff und ließ eine Lampe neben dem Auswurffach des Replikators aufleuchten.

Ginalla drehte sich in Richtung des Gerätes. Jetzt sah sie eine vollständige Tropenausrüstung samt festen Schuhen und einem Anzug, den selbst die schärfsten Zähne einer Giftschlange nicht durchdringen konnten. „Was soll das?!“, fragte Ginalla mit strengem Ton. „Ich bin für deinen Schutz verantwortlich.“, erklärte Kamurus ruhig. „Ich habe den Planeten gescannt. Es handelt sich um eine Dschungelwelt. Es gibt dort eine Menge giftiger Tiere, die dir sehr gefährlich werden können. Ich kann nicht verantworten, dass …“

Ginalla nahm die Kleidung und warf sie in die Materierückgewinnung. „Ich werde nichts anderes am Leib tragen wie die Genesianerinnen auch. Klar?!“, wies sie ihn zurecht. „Sie sollen ja nicht den Eindruck bekommen, ich sei feige oder hätte gar vor zu schummeln. Nein, nein. Immer schön ehrlich. Und jetzt mach! Cyrade und Ataura warten!“

Unwillig folgte das Schiff ihrem Befehl. Er hatte den Verdacht, dass sie völlig außer Acht gelassen hatte, dass auch sie nicht ganz ehrlich gegenüber den Genesianerinnen gewesen war. Er hoffte inständig, es würde zu keiner Situation kommen, die alles außer Kontrolle geraten lassen würde. Er hoffte, dass sie im richtigen Moment den Mund halten könnte. Über die Verbindung zu seiner Sonde würde Kamurus immer auf dem Laufenden sein und ihr hoffentlich im richtigen Moment helfen können. Das Schiff war mit der Situation, wie sie im Moment aussah, gar nicht einverstanden! Aber was konnte er dagegen tun? Wenn er ihre Befehle nicht ausführen würde, hätte sie seine Systeme heruntergefahren, bevor er die Daten noch einmal hätte speichern können. Das hätte zu erheblichen Schäden führen können, die so leicht nicht wieder behoben werden konnten. Kamurus konnte nur zusehen und versuchen, die Sache so gut es ging unter dem Deckel zu halten. Er wusste, dass sie nur sehr wenig Hilfe zuließ.

Ginalla war auf einer Lichtung materialisiert worden. Sie zog ihren Erfasser und scannte nach Atauras oder Cyrades Biozeichen. Von der Mutter war weit und breit nichts zu sehen. Aber das Biozeichen der Tochter konnte sie bald ausmachen.

Sie ging in die Richtung. Dort konnte sie aber leider nicht wirklich etwas erkennen. Sie sah nur einen Klumpen ineinander verkeilter Leiber. Was war hier passiert? Kamurus, scann mal das hier., dachte sie. Sie wusste, dass ihr Schiff über seine Sonde immer noch auf diese Weise mit ihr Kontakt hielt. Ich sehe Ataura, die mit einer Raubkatze ringt., gab das Schiff auf gleichem Wege zurück. Ein zweites totes Tier liegt in der Nähe. Oh, nee., dachte Ginalla. Eins hat s’e gekillt und dann is’ der Partner aufgetaucht.

Sie zog ihren Phaser und nahm die Schwarze athletische Raubkatze ins Visier. Allerdings verhinderte Kamurus über den Diagnoseport, der eine Infrarotschnittstelle besaß, dass sie feuern konnte, indem er dem Gerät falsche Daten eingab. Warum machst du das?, wollte Ginalla wissen. Hat das Tier vielleicht eine Energiewaffe?, gab das Schiff genervt zurück. Nein., erwiderte die Celsianerin. Eben., erwiderte Kamurus. Wenn du deine Waffe benutzt, werden sie dir später Unehre vorwerfen, weil du ein unfaires Mittel angewendet hast. Aber ich habe eine andere Idee. Steck den Phaser bitte wieder ein und halte deine Hand in die Luft, als wolltest du etwas umgreifen.

Missmutig tat Ginalla, was er vorgeschlagen hatte. Wenig später spürte sie ein genesianisches Jagdmesser in ihrer Hand. Kamurus musste es repliziert und zu ihr gebeamt haben. Stell dich jetzt bitte in einem 45-Grad-Winkel zu den Kämpfenden., wies er sie an. Dann halte deine Hand mit dem Messer in einem 90-Grad-Winkel vor deinen Körper. Der Rest ist mir klar!, gab Ginalla zurück, führte seine Anweisungen aus, lief an, holte aus und jagte das Messer mit einem lauten Kampfschrei in den Körper des Tieres, wobei sie dessen Herz, Lunge und Wirbelsäule gleichzeitig durchstach. Schlaff und leblos fiel es vor ihr hin und Ataura konnte sich endlich auch aus seinem Griff befreien.

Ginalla kniete sich neben die am Boden kauernde Genesianerin. „Bist du verletzt?“, fragte sie. Ataura schaute erst jetzt auf. „Fremde!“, atmete sie auf. „Ich danke dir. Ohne dich wäre ich jetzt nicht mehr am Leben. Es gibt für eine Genesianerin keinen unehrenhafteren Tod, als von einem Tier jämmerlich zerfleischt zu werden.“ „Außer, sie würde von einem Mann ermordet.“, scherzte Ginalla. „Ataura musste lachen: „Das wäre in etwa das Gleiche.“

Beide standen auf. „Wie kommst du dazu, dich allein einem wilden Tier zu stellen.“, fragte Ginalla. „Ich wollte meinen Mut beweisen.“, erwiderte Ataura. „Aber du hättest doch ahnen können, dass das schiefgehen kann. Wenn du einen tötest, kann der Partner auftauchen. Ich bin überzeugt, sonst geht ihr auch immer gruppenweise auf die Jagd.“ „Du hast Recht, Ginalla.“, sagte Ataura. „Aber ich war aufgrund meiner Jugend vielleicht leichtsinnig.“

Schritte und Stimmen rissen sie aus ihrer Unterhaltung. Wer kommt da auf uns zu, Kamurus?, dachte Ginalla. Cyrade und einige ihrer Kriegerinnen., gab er zurück. OK., entgegnete die Celsianerin.

Die Genesianerinnen bildeten einen Kreis um Ginalla, Ataura und die beiden toten Tiere. „Warum hast du dich allein auf die Jagd begeben!“, fragte Cyrade ihre Tochter streng. „Du weißt doch, dass das nicht geht. dass du deinen Mut beweisen wolltest, ist völlig in Ordnung. Aber mutig zu sein bedeutet nicht, eine Närrin zu sein.“ Sie wendete sich Ginalla zu, die immer noch das blutige Messer in der Hand hielt. „Ohne dich, Fremde, wäre meine Tochter jetzt nicht mehr am Leben.“, sagte sie fast feierlich. „Du verdienst es, ein Mitglied des Clans der Artash zu werden. Das bedeutet, Atauras Initiationsfeier ist auch die Deine. Lass uns gehen.“ „Heißen Dank.“, erwiderte Ginalla. Dann folgte sie den Kriegerinnen, welche die beiden toten Tiere auf ihre Schultern geladen hatten. „Dank dir, Ginalla, werden wir heute gut zu Essen haben.“, sagte Cyrade stolz.

Sie kamen zu einer weiteren Lichtung, auf der bereits ein Feuer in einem Steinkreis brannte. Die beiden toten Tiere wurden in eine Vorrichtung gespannt und samt Fell über dem Feuer gebraten. Das verursachte Gerüche, die den Genesianerinnen das Wasser im Mund zusammen laufen ließen und Ginalla blass werden ließen. „Ich werde mich an einiges gewöhnen müssen.“, gab sie zu. „Ich bin ja froh, dass die Tiere nicht bei lebendigem Leib geröstet werden.“ „Normalerweise ist das bei uns, wie bei den Klingonen auch, aber üblich, unsere Beute lebend zu verzehren.“, sagte Ataura. „Du meinst, es ist üblich.“, korrigierte Ginalla ihren kleinen grammatikalischen Fehler, ohne es böse zu meinen. „Danke, Ginalla.“, sagte die genesianische Jugendliche. „Deine Muttersprache ist nicht unsere Muttersprache.“

Cyrade hatte mit einem spitzen Gegenstand in das eine der Tiere gestochen und das Stück Fleisch, das sie herausgelöst hatte, probiert. „Es ist so weit.“, sagte sie und wuchtete gemeinsam mit Xena, Atauras jüngerer Schwester, das Tier vor allen auf einen Tisch. „Ginalla, dir gebührt der erste Schnitt!“, sagte sie dann laut und gab der Celsianerin einen großen Dolch in die Hand. „Die Organe und den Kopf lasst ihr …?“, fragte Ginalla, bevor ihr Ataura lachend ins Wort fiel: „Natürlich. Wir essen sie so frisch wie möglich, wenn es schon nicht möglich ist, sie lebend zu verspeisen.“ „Na ja.“, sagte Ginalla. „Das nennt man dann wohl natürliche Füllung. Na dann!“

Sie hieb den Kopf der gebratenen Raubkatze ab und saugte den Inhalt heraus. Die Genesianerinnen gaben einen Laut der Freude und der erstaunten Erregung von sich. „Das hätte ich dir nicht zugetraut, Ginalla.“, sagte Cyrade, die zum ersten Mal die Celsianerin mit deren Vornamen ansprach, was bei den Genesianern ein Zeichen von Respekt darstellt. „Tja.“, flapste sie zurück. „Wir von der Föderation sind eben nicht so zimperlich, wie im Allgemeinen vermutet wird.“

Nach dem Essen, das mit den Händen stattfand, gingen alle zu einem großen Platz. Cyrade hatte einen Eimer bei sich, in dem sie das Blut der Raubkatzen aufgefangen hatte. Sie gab jeder Kriegerin, inklusive Ginalla, einen Fellbusch in die Hand. „Tauche ihn in das Blut, Ginalla.“, sagte sie. „Dann reibe dir damit die Kehle ein. Es gibt nur ein Tier, vor dem die hiesigen Raubkatzen Angst haben müssen. Es ist die Flussschlange. Ihr Giftbiss bringt uns den Göttern so nah, dass wir hoffen, von ihnen Visionen zu empfangen. Sollte dir das aber zu heftig sein, kannst du ruhig wieder auf dein Schiff beamen.“

Ginalla nahm den schwarzen Fellbusch aus ihrer Hand an sich und tauchte ihn tief in das Blut. Dann rieb sie sich langsam, so dass es auch alle sehen konnten, damit den Hals ein. „Du bist es wert, eine genesianische Kriegerin genannt zu werden.“, sagte Ataura.

„Also.“, sagte Ginalla, nachdem sie allen dabei zugesehen hatte, wie sie das Gleiche getan hatten. „Wo ist eure Flussschlange.“ „Wo wohl?“, fragte Cyrade. „Im Fluss. Wir werden jetzt zum Ufer gehen und uns dort niederlegen. Ich weiß, dass die Schlangen gerade in der Paarungszeit sind. Dann brauchen sie viel Blut. Das werden sie sich bei uns holen wollen. Sie werden zwar merken, dass wir nicht ihre bevorzugten Opfer sind, aber bis dahin werden sie uns genug Gift injiziert haben, hoffe ich. Noch kannst du es dir überlegen, Ginalla.“ „Kommt nich’ in die Tüte.“, sagte Ginalla. „Wenn ich sage, ich bin Forscherin mit Leib und Seele, dann ist es so. Soll ja später keiner sagen können, wir von der Föderation brächen unser Wort, nur weil es mal kitzelig wird.“

Sie stellte sich so hin, dass sie allen voran gehen konnte. Dann schritten sie zum Fluss hinab. Hier legten sich alle ans Ufer und warteten still, bis die Nacht hereinbrach.

Mit Sorge hatte Kamurus die Aktivitäten seiner Pilotin beobachtet. Er hatte das Gefühl, dass heute noch etwas passieren müsste, bei dem seine Hilfe sehr wichtig sein würde. Ohne ihn, so dachte er sich, könnte Ginalla das hier wohl nicht überleben. Er fand, dass sie sehr verantwortungslos mit ihrem Leben umging. Wer ließ sich schon absichtlich von einer tödlich giftigen Schlange beißen und erwartete dann auch noch, dass er das Ganze überlebte?!

Kamurus sah, wie sich ein perlmuttartiger schlanker Leib aus dem Wasser des Flusses erhob. Dann ein zweiter und ein dritter. Er beobachtete, wie die Leiber jeder zu einer Spirale zusammenschnurrten, um sich dann ruckartig wieder zu entwirren, was zur Folge hatte, dass sie einen regelrechten Sprung vollführten. Dadurch konnten sie das steile Ufer überwinden. Einer der Leiber bewegte sich auf Ginalla zu und züngelte verdächtig nah an ihrem Hals entlang. Wie die Genesianerinnen auch ertrug Ginalla diese Situation. Kamurus rang mit sich, ob er sie an Bord beamen sollte oder nicht. Wenn er dies zu früh täte, würde man ihr einen Wortbruch vorwerfen können und das würde gegebenenfalls auf die gesamte Föderation zurückfallen. Aber wenn sie zu viel Gift abbekäme, könnte sie sterben. Das durfte er auch nicht zulassen. Zwischen der Physiologie der Genesianer und der der Celsianer gab es doch signifikante Unterschiede.

Es beruhigte das Schiff aber ungemein zu sehen, dass die Schlange zwar zugebissen, aber fast in der gleichen Sekunde fast angewidert wieder losgelassen hatte und ins Wasser verschwunden war. Sie hatte wohl tatsächlich gemerkt, dass Ginalla die falsche Beute war.

Ginalla fühlte etwas Merkwürdiges. Sie hatte den Eindruck zu schweben. Sie sah ihren Körper dort liegen und auch die Körper der Anderen. Aber sie sah auch eine große Licht durchflutete Ebene, zu der es sie zog. Hier war es paradiesisch! Die Luft roch nach Blüten und überall gab es viel Grün und Wasserfälle. Nahrung schien es hier im Überfluss zu geben.

„Sei gegrüßt!“ Eine Stimme, die Ginalla nicht kannte, hatte ihr dies zugerufen. Die Celsianerin drehte sich um und sah in der Ferne eine Frau auf sich zu kommen. Sie war groß, trug einen genesianischen Brustpanzer und hatte einen Lichtschein um sich herum. „Ich bin die Wächterin von Gore.“, stellte sie sich vor. „Sonst hast de keinen Namen?“, wollte Ginalla wissen. „Na ja. Auch OK. Also, ich heiß’ Ginalla.“ Sie gab der Göttin die Hand. „Komm mit mir.“, sagte diese.

Gerade wollten Ginalla und die Wächterin von Gore gehen, als sich ein riesiges stinkendes warziges Wesen zeigte, das mit zahnlosem Mund sprach: „Nein. Diese Seele gehört mir. Sie ist eine Fremde. Hast du jemals gehört, dass eine Fremde das genesianische Totenreich betreten hat?“ Die Stimme des Wesens war sehr verzerrt. Dennoch konnte Ginalla hören, dass es sich um eine männliche Stimme handelte. „Wer ist das Scheusal?“, fragte sie. „Das ist der Herrscher der Zwischenwelt.“, antwortete die Wächterin von Gore. „Dort hin kommen die Ehrlosen und alle Männer automatisch. Es ist so etwas wie die Hölle.“ „Ne. Da will ich nich’ hin.“, sagte Ginalla und ging entschlossen in die andere Richtung. „Fang mich doch, wenn du kannst!“ Sie schlug einige Haken. „Na, kommst wohl nich’ hinterher, du schwerfälliges Warzenschwein.“, spottete sie. „Na komm! Miez-Miez-Miez! Hier bin ich!“

Ginalla hatte nicht bemerkt, dass das Wesen statt ihrer die Göttin in den Würgegriff genommen hatte. Mit seinen klebrigen Tentakeln hielt es sie an Armen und Beinen fest. Sie versuchte alles, was in ihrer Macht stand, aber konnte sich nicht befreien. „Oh, weih.“, flüsterte Ginalla. „Jetzt kämpfen die um meine Seele und ich kann nichts machen. Aber eins ist mal sicher. Der Teufel darf nich’ gewinnen. Wo kämen wir denn da hin?“

Sie sah angestrengt um sich. Irgendwas musste es doch hier geben, das sie als Waffe verwenden konnte. Plötzlich fiel ihr Blick auf einen silbrigen Gegenstand, der genau vor ihr lag. Ein Phaser! Das war ja ein Phaser! „Schwein muss man haben.“, sagte Ginalla und hob die Waffe auf. „Hoffentlich funktionierst du auch.“

Sie zielte und feuerte auf etwas, das sie als das Auge des Wesens erkannt hatte. Von dort würde es nicht weit ins Gehirn sein. Das Wesen gab einen letzten Schrei von sich, bevor es schwer verletzt von der Göttin abließ und sich trollte. „Ich danke dir, Ginalla.“, sagte die Wächterin von Gore. „Du hast mein Leben gerettet.“

„Ginalla! Ginalla!“ Die Celsianerin war wieder in der Achterkabine ihres Schiffes erwacht. Die Stimme, die ihren Namen gerufen hatte, gehörte Kamurus. Er benutzte allerdings den Bordlautsprecher. Langsam setzte sich Ginalla auf und sprach in Richtung Mikrofon: „Was zur Hölle ist mit mir passiert?“ „Du wurdest vergiftet, das ist passiert.“, entgegnete der Schiffsavatar ernst. „Ich hatte ganz schön zu tun, jedes Giftmolekül einzeln mit dem Transporter aus deinem Blut zu pulen. Aber jetzt ist es wieder sauber. Das Gift der Schlange hatte allerdings eine bewusstseinserweiternde Wirkung wie eine Droge.“ „Na und!“, schimpfte Ginalla. „Hauptsache, ich war im Himmel.“ „Das warst du nicht.“, sagte das Schiff und zeigte ihr medizinische Daten. „Du warst nicht tot, du warst im Drogenrausch.“

Ginalla fuhr herum: „Was?!“ „Ja.“, sagte Kamurus. „Aber diese Art der Visionserzeugung praktizieren die Genesianer schon seit Jahrhunderten. Du darfst nicht …“ „Ist mir gleich!!!“, schrie Ginalla. „Verbinde mich mit der Prätora! Der werde ich was erzählen. So ein Betrug!“ „Ich darf dich darauf aufmerksam machen, dass auch du …“ „Darfst du nicht!“, regte sich Ginalla auf. „Und jetzt tu, was ich dir gesagt habe. Sonst …“

Kamurus führte ihren Befehl aus, obwohl es ihm dabei nicht wohl war. Bald sah Ginalla Cyrades Gesicht vor ihrem geistigen Auge. „Ihr seid Betrüger! Alle miteinander!“, beschuldigte Ginalla sie. „Ihr seid nichts als ein Haufen drogensüchtiger Scharlatane, die glauben, was sie im Rausch sähen, sei göttlich. Von Wegen starke Kriegerinnen. Ich wollte das Tor zum Himmel sehen, um mir dann eine fette Bezahlung von meiner Auftraggeberin abzuholen. Aber daraus wird wohl nichts.“ „Willst du damit sagen, du hast aus reiner Gewinnsucht unsere heiligen Zeremonien entweiht?“, fragte Cyrade mindestens genau so empört. „Ja, das habe ich.“, gab Ginalla zu. „Und damit Ihr Bescheid wisst. Ich habe in meiner Vision der Wächterin von Gore das Leben gerettet. Bin neugierig, ob Eure Tochter mit so was auch aufwarten kann.“ „Dann ist die Föderation nicht besser als die Ferengi. Das bedeutet Krieg!“ Sie beendete das Gespräch.

Kamurus registrierte mehrere genesianische Schiffe, die aufstiegen. „Lass uns machen, dass wir hier weg kommen!“, sagte Ginalla. „Ich habe keine Lust, in einem genesianischen Gefängnis zu verrotten. Warp sechs, aber schnell, sonst …“

Es gab einen Ruck. „Ich kann nicht.“, sagte Kamurus. „Ich hänge an einem Traktorstrahl. Außerdem haben die Genesianer ihre Transporter meiner Schildharmonik angepasst.“

Kaum hatte er diese Warnung ausgesprochen, sah der arme Kamurus nur noch, wie seine Pilotin fortgebeamt wurde. Er konnte nichts tun und fühlte sich so unglaublich hilflos. Hätte er die Genesianer angegriffen, hätte er riskiert, selbst in Stücke geschossen zu werden. Und wer sollte dann Ginalla retten? Außerdem hätte das ihre Wut nur noch geschürt. Warum war sie nur immer so unvernünftig und spielte unnütz mit dem Feuer? Er wusste, dass die Celsianer das Leben locker sahen, aber Ginalla bildete da eine große Ausnahme. Sie sah es noch lockerer, eigentlich zu locker. Denn auch Celsianer konnten Verantwortung übernehmen, wenn es notwendig war.

Kamurus hatte gesehen, dass die Genesianer kommentarlos abgedreht hatten. Aber das war für ihn nur logisch. Sie hatten ja die, die sie wollten.

Ginalla erwachte auf einem kalten Lager aus Säcken in einem kahlen Raum. Hier war nichts zu hören, außer des Summens einer Lebenserhaltung. Technologie gab es hier scheinbar auch nicht. Ginalla konnte nichts entdecken, was sie an einen Replikator oder zumindest eine Computerkonsole erinnerte. Es gab nur einige in die Wände eingelassene Geräte, die der Celsianerin wie Emitter zur Erzeugung von Kraftfeldern vorkamen.

Vorsichtig setzte Ginalla sich auf. Dabei hoffte sie, keines der Geräte in Alarmbereitschaft zu versetzen. Sie tastete an sich herum und entdeckte ein merkwürdiges Armband. „Hätte nich’ gedacht, dass mir jemand Schmuck verehrt.“, scherzte sie und versuchte, das Armband zu entfernen. Ein Stromstoß durchzuckte sie. Dieser war so stark, dass sie erneut das Bewusstsein verlor.

Als sie nach einiger Zeit wieder zu sich kam, spürte sie nur zwei starke Hände auf ihrem Brustkorb und einen Mund auf dem Ihren. Da sie sich nicht anders zu wehren wusste, biss sie die Gestalt, die sie noch nicht wirklich erkennen konnte, in die Lippe.

Die Gestalt ließ von ihr ab. „Das haben wir gern.“, sagte sie und wischte sich das Blut und Ginallas Speichel aus dem Gesicht. Ginalla, die inzwischen die Augen geöffnet hatte, sah erst jetzt, wer sich hinter der heiseren Stimme, die diese Worte gesagt hatte, verbarg. Im Halbdunkel des Raumes, das nur durch die Bereitschaftslämpchen der Kraftfeldemitter erleuchtet wurde, konnte sie eine sehr große und muskulöse rothaarige Genesianerin erkennen, die sich jetzt vor sie gestellt hatte. „Wer bist du?“, fragte Ginalla benommen. „Ich bin Aruna, Tochter von Medea vom Clan der Artash.“, antwortete die Genesianerin. „Artash?“, fragte die immer noch sehr schläfrige Celsianerin. „Ja, du hast richtig gehört, Ginalla!“, sagte Aruna jetzt sehr laut und deutlich, um ihrem Gegenüber auf jeden Fall deutlich zu machen, dass sie wusste, wer sie war.

„Woher weißt du, wer ich bin?“, fragte Ginalla, nachdem sie sich umgedreht hatte. „Weil du was Besonderes bist.“, grinste Aruna ihr zu, die sich inzwischen ihr gegenüber gesetzt hatte. „Wieso bin ich was Besonderes?“, wollte die junge Celsianerin wissen. „Ach.“, sagte Aruna verächtlich. „Jetzt machen wir doch nicht etwa auf Gedächtnisschwund. Aber weil ich heute gute Laune habe, was, die Götter wissen es, sehr selten ist, werde ich es dir erklären. Gotteslästerinnen kriegen wir hier nicht oft.“ „Wo wir schon mal dabei sind.“, sagte Ginalla. „Warum bist du hier?“ „Weil ich es gewagt habe, meinen Sohn in der Öffentlichkeit gegenüber einer anderen Kriegerin frei sprechen zu lassen, ohne, dass er mich um Erlaubnis bitten musste. Cyrade ist eine sehr religiöse Prätora und kennt da keine Verwandten, wie du siehst.“ „Tolle Mischung.“, kommentierte Ginalla das Gehörte. „Eine Blasphemistin und eine Liberale. Ich sehe schon, wir werden viel Spaß haben.“

Aruna deutete auf ihr rechtes Handgelenk. „Die Dinger, die wir tragen, sagen den Wärterinnen, wo wir wann sind.“, erklärte sie. „An deiner Stelle, Ginalla, würde ich nicht noch einmal versuchen, es zu entfernen. Je öfter du das versuchst, desto stärker wird der elektrische Schlag und beim nächsten Mal kann ich dich vielleicht nicht retten.“ „Schon gut.“, sagte Ginalla. „Aber mein Schiff wird auch wissen, wo ich bin. Er hat mir eine Sonde implantiert, die …“

Aruna lachte laut auf. „Die ist schon lange Geschichte. Die haben sie dir gleich entfernt, als du her gekommen bist. Sicher werden sie das Ding zerstört haben. Also, es wird dich niemand retten.“

Ginalla spürte tief in ihre Stirnhöhle hinein. Sie hatte Kamurus’ Sonde zwar nie als großes Gewicht wahrgenommen, dennoch hatte sie immer gemerkt, dass da etwas war. Jetzt hatte sie dieses Gefühl nicht mehr. „Sie ist tatsächlich weg.“, verzweifelte sie. „Woher wusstest du das?“ „Weil ich im Gegensatz zu dir die Wärterinnen verstehen kann.“, antwortete Aruna. „Sie haben über die Sonde gesprochen und dann ist die Ärztin gekommen und hat sie mit einem chirurgischen Transporter entfernt.“ „Hätte ich doch nur nicht so eine verdammt große Klappe!“, schrie Ginalla und begann zu schluchzen.

Aruna rückte näher an sie heran und wischte ihr mit dem Ärmel der eigenen Sträflingskleidung die Tränen vom Gesicht. „Tut mir Leid, dass ich dir kein Taschentuch mit Spitze replizieren kann.“, scherzte sie. Ginalla lächelte. „Hey.“, sagte sie. „Sprücheklopfen ist mein Job.“ „Aber du musst zugeben, dass ich darin auch ziemlich gut bin.“, gab Aruna zurück. Ginalla nickte.

Eine Zeit lang hatten sich die Frauen nur schweigend angesehen, bis Ginalla fragte: „Was passiert hier eigentlich den ganzen Tag? Sollen wir nur hier sitzen und uns langweilen?“ „Wo denkst du hin?“, antwortete Aruna verächtlich. „Glaubst du, dies hier ist ein Hotel? Nein. Dies hier ist das berüchtigste Gefängnis und Arbeitslager von ganz Genesia Prime. Morgen geht es in die Minen zum Kristalleschürfen. Weiß die Wächterin von Gore, was Prätora Cyrade damit will. Deshalb sollten wir jetzt schleunigst ans Schlafen denken.“ „Also gut.“, sagte Ginalla und legte sich wieder hin. „Noch einen Rat habe ich für dich.“, sagte Aruna. „Damit du keine unnütze Bestrafung riskierst, halte ich es für besser, du hältst dich an mich. Ich erkläre dir schon, wie hier der Hase läuft.“ „OK.“, antwortete Ginalla, bevor sie einschlief.

Kapitel 23 - Ein kleiner Fortschritt von Visitor

Mikel hatte sich mit der Datei beschäftigt, die Elektra und Jannings ihm zukommen lassen hatten. Die Ingenieure hatten auch festgestellt, nach was wer auch immer meinen Erfasser suchen lassen hatte. „Savarid-Strahlung.“, sagte der Agent zu sich selbst. „Interessant. Ich werde gleich morgen mit Allrounder Betsy darüber reden müssen.“

Die Sprechanlage seines Quartiers piepte und zeigte somit an, dass sie gerade von außen betätigt worden war. „Ja bitte.“, beantwortete der erste Offizier den Ruf. „Hier ist Scientist Loridana, Sir.“, sagte eine Frauenstimme am anderen Ende. „Ich muss dringend mit Ihnen reden.“ „Kommen Sie rein, Scientist.“, sagte Mikel und entriegelte die Tür.

Loridana betrat sein Quartier und ging gleich ins Wohnzimmer durch, wo sie Mikel vorfand. Sie zog ihren Erfasser und legte ihn vor dem ersten Offizier auf den Schreibtisch. Gleich darauf korrigierte sie sich aber wieder und nahm das Gerät an sich, um es auf akustische Meldung umzustellen. „Hirnrindenscan von Allrounder Betsy Scott, zentrale Allzeit: 350805,0402. Vorkommen von Savarid-Strahlung entdeckt. Wert mit 2,33 Millyrahm noch vertretbar.“, meldete das Gerät.

„Savarid-Strahlung?“, fragte Mikel interessiert zurück. „Das ist sehr interessant, Loridana. Genau da nach hat jemand Allrounder Betsys Erfasser auch scannen lassen. Derjenige wollte wiederholt wissen, wie hoch ihr Wert ist.“ „Jemand hat Allrounder Betsys Erfasser benutzt, um sie nach der gleichen Strahlung zu scannen, die ich auch gesehen habe?“, fragte die Ärztin irritiert. „Ja.“, sagte Mikel. „Oder halten Sie für möglich, dass der Erfasser das von allein getan hat?“

Loridana schüttelte den Kopf. Dies war Mikel durch das Klingen ihres Haarschmuckes, den sie zur Vernehmung angelegt hatte, deutlich geworden. Aus Gründen der Sauberkeit hatte sie den Schmuck zwar nie bei Behandlungen getragen, aber jetzt war es wohl ihrer Meinung nach ein besonderer Anlass.

„Sehen Sie?!“, sagte Mikel fest. „Also muss jemand ihn benutzt haben. Aber ich werde schon herausfinden, wer das war.“ „Sir.“, erwiderte die Ärztin. „Das wird wohl kaum möglich sein. Der Allrounder hat doch zu dem Zeitpunkt, als ihr eigener Erfasser ihr entwendet worden war, sicher tief und fest geschlafen. Sie kann nichts wissen.“ „Aber vielleicht hat es während sie wach war Dinge gegeben, die irgendwie verräterisch waren.“, vermutete Mikel. „Sie denken, Korelem könnte etwas gewusst oder gesagt haben?“, fragte Loridana. „Ich denke, er hat nicht nur etwas gewusst, sondern er war es auch!“, sagte der Agent mit Überzeugung. „Er war der Einzige, der bei ihr war und der sie infizieren beziehungsweise dann auch scannen konnte, um seinen Fortschritt zu sehen.“ „Aber Korelem ist Zivilist.“, widersprach Loridana. „Was versteht er von Erfassern?“ „Abwarten.“, sagte Mikel. „Ich bin überzeugt, er ist nicht der harmlose Zivilist, für den wir ihn alle halten. Ich muss Sie jetzt bitten zu gehen, Scientist. Ich habe in diesem Fall noch das Opfer zu vernehmen. Danke für Ihre Aussage und jetzt wegtreten!“

Loridana drehte sich verwundert auf dem Absatz um und ging, obwohl sie nicht genau verstanden hatte, worauf ihr Vorgesetzter hinaus wollte. Aber es würde schon in Ordnung sein. Alle standen vor einem Rätsel. Aber Mikel war der Einzige, der es lösen konnte.

Sedrin hatte Tamara die Bilder überspielt, die sie aus Scottys Pad herunter geladen hatte. Darauf hin hatte die Chefagentin sofort mit ihrer Untergebenen Kontakt aufgenommen. „Wer sind Ihrer Meinung nach die Prinzessinnen auf dem Bild?“, wollte die Halbklingonin wissen. „Ich weiß es nicht.“, gab die Demetanerin zu. „Ich tippe auf die beiden mirayanischen Königstöchter.“, meinte Tamara.

Sedrin fuhr erschrocken zusammen. „Das kann ich gar nicht bestätigen!“, sagte sie. „Und wie kommen Sie überhaupt auf so etwas?!“ „Ruhig Blut, Sedrin.“, beruhigte sie Tamara. „Mit dieser Reaktion Ihrerseits habe ich schon gerechnet und sie mir offen gestanden erhofft.“ „Was meinen Sie damit?“, fragte Sedrin verwirrt. „Um ehrlich zu sein.“, setzte Tamara an. „Die Theorie, dass die Prinzessinnen sich friedlich wie durch ein Wunder an einen Tisch setzen würden, stammt nicht von mir. Sie ist auf Nuguras Mist gewachsen. Ich wollte nur wissen, was Sie davon halten.“

Sedrin nahm einen großen Schluck Sommerfruchttee aus einem Glas, das neben der Sprechanlage auf dem Tisch stand. Dann sagte sie: „Bei allem Respekt, Chief-Agent, welche Drogen hat Nugura genommen?! Vielleicht sollte man mir mal den Kontakt zu dem Dealer vermitteln, damit ich auch in den Genuss komme, alles durch eine rosarote Brille zu sehen. Haben Sie ihr gesagt, dass dies hier vermutlich mit Sytania zu tun hat?“ „Das habe ich.“, erwiderte die Chefagentin. „Aber Nugura hat gesagt, dass Sytania die Prinzessinnen eventuell dazu bringen könnte, doch noch Friedensverhandlungen zu führen. Wenn beide Frieden durch sie finden würden, dann bestünde die Möglichkeit, dass beide Sytania ihre Planeten überschrieben und sie hätte dann zwei Brückenköpfe.“ „Das glaube ich nicht!“, sagte Sedrin mit fester Stimme. „Die mirayanischen Prinzessinnen hassen sich zu sehr, als dass sie freiwillig zu einem Frieden bereit wären. Sytania müsste sie schon hypnotisieren, um dies zu erreichen. Aus jeder Hypnose wacht man irgendwann auf. Und spätestens dann würden sie merken, dass sie manipuliert wurden und würden sich wieder gegeneinander wenden. Aber auch gegen Sytania. Das würde sie nicht riskieren, zumal die Miray auch in Kontakt mit der Föderation standen und sich somit auch Wissen über Rosannium besorgt haben. Nein. Das riskiert Sytania nicht! Ich kenne sie gut genug und weiß, dass sie immer den Weg wählt, der für sie am risikolosesten erscheint und bei dem sie die Bedingungen diktieren kann. Ich halte eine der Prinzessinnen auf Scottys Zeichnung Eher für Sytania selbst und die andere für eine der Mirayanerinnen. Ich weiß nur nicht, welche es ist.“ „Dann sind wir ja einer Meinung.“, atmete Tamara auf. „Ich habe Nuguras Theorie aus den gleichen Gründen wie Sie auch nicht unterstützt, Sedrin.“

Shimar hatte nach dem Aufwachen entdeckt, dass der Schlafsack neben seinem leer war. Er blickte sich um, konnte aber N’Cara nirgends finden. Nur noch IDUSA, die vielleicht gesehen hatte, was geschehen war, würde ihm jetzt helfen können.

Er nahm sein Sprechgerät und gab das Rufzeichen des Schiffes ein, bemerkte aber gleich, dass das Menü umsprang und er statt dessen gerufen wurde. „Ich konnte mir schon denken, dass Sie meine Hilfe in Anspruch nehmen wollen, Shimar.“, erklärte das Schiff ihr Verhalten. „Wie gut du mich doch kennst.“, lächelte der junge Patrouillenflieger. „Also, wo ist sie?“ „N’Cara hat Ihren gemeinsamen Schlafplatz um 00:03 Uhr und 20 Sekunden verlassen.“, sagte das Schiff gewohnt mathematisch genau. „OK.“, sagte Shimar. „Und wo hin ist sie dann gegangen?“ „In ihr Bett, vermute ich.“, analysierte IDUSA. „Jedenfalls kann ich aufgrund Ihrer gemeinsamen Unterhaltung keinen anderen Schluss ziehen.“

Shimar stand auf und näherte sich der Einstiegsluke. Diese wurde von IDUSA bereitwillig geöffnet. Shimar stieg ein, setzte sich hin und dann den Neurokoppler auf. „Wo hin?“, fragte IDUSA und ließ ihre Atmosphärentriebwerke aufsummen. „Antrieb aus!“, befahl Shimar. „Ich brauche dich mehr in deiner Eigenschaft als Datenbank. Zumindest im Moment. Heute ist Sonntag. Da ist N’Caras Spiel. Hast du zufällig Daten über Stoßball?“ „Selbstredend.“, sagte IDUSA. „Und falls nicht, hätte ich die Föderationsdatenbank angezapft.“

Shimar lehnte sich zurück. „Dann zeig mal her.“, sagte er und machte sich auf eine Menge Lesestoff gefasst. Aber das Dokument, das IDUSA aufrief, war im Großen und Ganzen noch überschaubar. Es hatte ja nur 20 Seiten und war außerdem mit vielen Bildern zu Spielzügen und Beispielen sehr gut illustriert. Schnell hatte Shimar das Wichtigste drauf.

„Du kannst es wieder löschen.“, sagte er, nachdem er einige Stunden mit Betrachten und Lesen verbracht hatte. In der Zwischenzeit hatte er nicht gemerkt, dass es Nachmittag geworden war.

„Wissen Sie jetzt, was Sie wissen wollten?“, fragte IDUSA. „Für eine Stunde im Fanblock wird’s reichen.“, sagte Shimar. Dabei hatte er geschickt ein Stück des neuen Wissens in seinem Satz untergebracht. „Sie haben Recht.“, lobte IDUSA. „Ein Spiel dauert eine Stunde und es spielen sechs Teams in zwei Gruppen bestehend aus jeweils einem Masati und einem Menschen gegeneinander.“ „Drei auf der einen und drei auf der anderen Seite. Ich weiß.“, sagte Shimar gelangweilt. „Das Spiel ist in drei Innings aufgeteilt, von denen eines je zehn Minuten dauert. Dazwischen ist die gleiche Zeit Pause. Der Platz besteht aus einem Innen- und einem Außenkreis. Im Innenkreis befindet sich das Tor. Darin befindet sich der Mensch, der den Torwart gibt. Das Masati ist der Verteidiger. Außerdem befindet sich dort das Masati des Stürmers. Nach fünf Minuten wird getauscht. Der Mensch muss im Außenkreis bleiben. Beide dürfen die Tiere nur mit Hör- und Sichtzeichen und nicht mit Leinen oder anderen Hilfsmitteln dirigieren. Selbstständiges Verhalten der Tiere ist unter Umständen auch nicht nur erwünscht, sondern kann auch förderlich sein.“ „Ich sehe, Sie haben aufgepasst.“, bemerkte IDUSA.

Shimar sah auf die Uhr. „Oh, Mann.“, bemerkte er. „Das Spiel ist in vollem Gange und ich Schlaftablette sitze hier, anstatt N’Cara die Daumen zu halten.“ „Das kann ich ändern.“, sagte IDUSA. „Ich werde Sie direkt ins Stadion beamen.“ „OK.“, erklärte sich Shimar einverstanden.

N’Cara hatte immer wieder nervös die Zuschauerränge abgesucht. Aber von Shimar war weit und breit nichts zu sehen gewesen. Iron, ihr demetanischer Trainer, hatte dies durchaus bemerkt. „Beruhige dich bitte, N’Cara.“, sagte er. „Du machst auch Jean-Luc nervös, wenn du selbst nervös bist. Dann kann er sich genau so wenig konzentrieren wie du.“ „Aber er wollte kommen.“, sagte N’Cara enttäuscht. „Er hat gesagt, er würde mir die Daumen halten.“ „Iron hat Recht.“, mischte sich Professor Tamin ein, der seine Tochter natürlich auch begleitet hatte. „Außerdem weißt du doch, wie das bei denen vom Militär ist. Vielleicht hat er andere Befehle bekommen und musste los.“ „Aber er hätte doch …“, entgegnete sie. „Über manche Dinge dürfen die vom Militär mit uns Zivilisten nicht reden.“, erklärte Iron. „Und jetzt bereite Jean-Luc vor. Ihr werdet gleich eingewechselt.“

N’Cara legte dem Tier einen Gurt um den Bauch, auf dem in Rückenhöhe ein Schild mit einer Nummer befestigt war. Jean-Luc kannte diesen Gurt. Er wusste, dass er ihn nur zum Spiel umgelegt bekam. Auch hinten auf dem Hemd des Mädchens war die gleiche Nummer zu sehen. „Ihr spielt in Angriffsposition.“, sagte Iron, der mit dem Trainer des gegnerischen Teams Lose unter der Aufsicht des Schiedsrichters, eines älteren Terraners, ziehen musste. „OK.“, sagte N’Cara zu ihm und zu Jean-Luc: „Position!“ Das Masati-Männchen kannte dieses Kommando und stellte sich freudig mit dem Schwanz wedelnd an die Linie, auf die N’Cara gezeigt hatte. Von einem der Schiedsrichterassistenten wurde der Ball, der ähnlich aussah wie der, mit dem sie auch zu Hause gespielt hatten, in den inneren Kreis gerollt. Der Ball landete genau vor Jean-Lucs Nase.

Der Schiedsrichter hob einen Stab mit einem Tuch daran. Das war das Zeichen, dass es jetzt los gehen konnte. „Jean-Luc, Stups voran!“, befahl N’Cara. Das war für Jean-Luc das Zeichen, den Ball geradeaus zu stoßen.

Professor Tamin hatte Shimar bemerkt, der sich zunächst hinter einer Bank versteckt hatte. „Du bist ja doch da.“, stellte er fest. „Wenn ich sage, ich komme, dann halte ich mich auch daran.“, sagte Shimar. „Wie steht’s?“ „Sie sind im letzten Inning und es steht 20 zu 20.“, sagte Tamin nervös. „Ich hoffe, du kriegst vor Spannung nicht gleich einen Herzanfall.“, scherzte Shimar. „Du hast keine Kinder, nicht wahr?“, fragte Tamin. Shimar schüttelte den Kopf. „Dann weißt du auch nicht, wie ein Vater fühlt, wenn seine Tochter vor so einer Herausforderung steht. Die High School aus dem Nachbardorf ist sehr gut und …“

Ein Tumult vom Platz ließ die Männer aufhorchen. „Jean-Luc, nein! Stups Zickzack!“, rief N’Cara immer wieder. Aber Jean-Luc dachte gar nicht daran, ihrem Kommando zu folgen. Er hatte selbstständig eine Lücke in der Verteidigung entdeckt, die ihn wohl an jene Situation erinnern musste, die er auch im ausgelassenen Spiel mit Shimar erlebt hatte. „N’Cara, lass ihn laufen!“, rief ihr Iron zu, der die Situation von der Trainerbank wohl sehr gut im Blick hatte.

Jean-Luc trieb den Ball mit der Nase vor sich her. Dabei machte er eine Bewegung, als wolle er rechts einschießen, aber entschied sich im letzten Moment, den Ball galoppierend zu überholen, um ihn dann nach links zu drücken und ihn aus vollem Lauf links ins Tor zu befördern. All das geschah so schnell, dass der Gegner, ein lithianischer Junge mit einem jüngeren unerfahrenen Masati-Weibchen, die Situation nicht rechtzeitig erfassen konnte, um seiner Teamkameradin auf vier Beinen die passenden Kommandos zu geben.

Der Schiedsrichter ließ den Stab mit dem Tuch drei mal auf den Boden tippen. Das war das Zeichen, dass dieses Spiel beendet war. Jetzt hatte auch N’Cara verstanden, dass Jean-Luc selbstständig alles richtig gemacht hatte. „Komm her!“, rief sie und nahm dem freudig zu ihr trabenden Masati den Gurt ab, um ihm wieder sein Spaziergeschirr anzulegen. „Feiner Junge!“, lobte sie. „Ich bin stolz auf dich.“ „Das kannst du auch.“, sagte Iron, der hinzugekommen war. „Du weißt doch, wie intelligent er ist und wie schnell er lernt.“ „Sorry.“, sagte N’Cara kleinlaut. „Wollte halt alles perfekt machen und …“

„Das hat er ja ganz allein erledigt.“, lachte Shimar, der jetzt auch N’Cara beglückwünschte. „Hey, Militärfliegerass!“, strahlte die Jugendliche. „Bist ja doch da.“ „Klärchen.“, grinste Shimar. „Wir lernen eines schon als Kadetten. Lass niemals deine Kameraden im Stich.“

Sedrin hatte sich mit Scotty getroffen und hatte ihm das Ergebnis des Gespräches mit dem Chief-Agent mitgeteilt. „Wieso glaubt Tamara, dass Sytania sich als Friedensbringerin betätigen würde?“, wollte Scotty wissen. „Tamara glaubt das, Mutter Schicksal sei Dank, nicht.“, verbesserte Sedrin. „Aber Nugura tut es. Wie sie darauf kommt, kann ich mir zwar auch nicht erklären, aber ich denke, dass sie einfach ab und zu etwas sieht, das sie unbedingt sehen will.“

Scotty lief die Gänsehaut über. „Wie viele Fehlentscheidungen muss sie denn noch treffen?!“, fragte Scotty empört. „So viele, wie der Wähler erträgt.“, sagte Sedrin und machte dabei fast ein weises Gesicht. „Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen.“, sagte Scotty. „Aber das Problem ist, dass der Wähler fast nie über die wirklichen Probleme informiert ist. Wenn Time, Sie oder auch andere die Kastanien aus dem Feuer geholt haben, ist alles wieder in Ordnung und die einfachen Leute wissen nie, wie knapp es manchmal wirklich war.“ „Richtig.“, bestätigte Sedrin. „Aber wir Offiziere von der Sternenflotte wissen es.“

Sie holte das Pad mit Scottys Zeichnung hervor und legte es vor ihm auf den Tisch. „Wer sind die Beiden?“, fragte sie und zeigte auf das Bild der beiden Prinzessinnen. Scotty betrachtete es. Erst jetzt fiel ihm auf, wie die Zeichnung aussah. „Solche Strichmännchen!“, rief er aus. „Und das von jemandem, der normalerweise technische Zeichnungen aus dem FF anfertigen kann! Was werden Sie jetzt von mir denken?!“ „Genau genommen sind es Strichweibchen.“, verbesserte Sedrin. „Ich kann nämlich einwandfrei zwei Prinzessinnen erkennen. Das bedeutet, so mies, wie Sie es darstellen, ist Ihr Zeichentalent gar nicht. Also, Techniker, wer sind die Beiden?“

Konzentriert sah Scotty auf die unscharfen Gesichter der Figuren auf seiner Zeichnung. „Es bringt nichts.“, resignierte er. „Verstehe.“, sagte Sedrin. „Ich aktiviere den Stimulus.“ „Aber hatten Sie nicht gesagt, dass wir das nur unter ärztlicher Aufsicht tun sollten?“, fragte Scotty. „Ich bin durchaus in der Lage zu erkennen, wenn jemand Angst hat.“, antwortete die Agentin. „Sollte dies eintreten, breche ich das Experiment sofort ab.“ „Na gut.“, sagte Scotty.

Sie ging und holte den Datenkristall aus einem Schrank, danach ein zusätzliches Pad. Sie legte den Kristall ein. „Achtung, Scotty.“, sagte sie und spielte die Aufzeichnung ab. „Sehen Sie auf die Gesichter.“, instruierte sie ihn. „Was sehen Sie?“

Scotty blickte erneut auf die unscharfen Gesichter auf der Zeichnung. Aber jetzt schien alles irgendwie anders zu sein. Er hatte ein besseres Bild der Gesichter vor Augen. Dieses fügte er gleich in die Zeichnung ein. Dann gab er Sedrin das Pad. „Ich werde verrückt.“, sagte die Spionageoffizierin. „Das sind Sytania und Prinzessin Alegria von Miray. Wie schade, dass wir sie nicht warnen können. Nugura hat jeglichen Kontakt mit Miray für illegal erklärt. Außerdem ist ein solcher Kontakt nicht mehr möglich.“ „Ich weiß.“, sagte Scotty. Alle Leitungen sind dicht. Aber wir wissen es und vielleicht können einige unserer Freunde damit etwas anfangen. Wir sollten die Aufzeichnung vielleicht sogar nach Tindara oder Aldania Prime schicken.“ „Guter Vorschlag.“, sagte Sedrin. „Aber ich denke, wir sollten auch Sie nach Tindara verlegen. Die Tindaraner haben ganz andere Möglichkeiten, Sie zu beschützen. Sytania hasst Mitwisser und sie wird bestimmt nicht sehr erbaut über den Umstand sein, dass Sie ihre Pläne erraten können. Ich werde dem Chief-Agent die neuen Erkenntnisse mitteilen und alles Weitere mit ihr besprechen. Allerdings sollten Sie schon mal packen. Ich bin sicher, dass sie Ihrer Verlegung zustimmen wird.“ Ohne Widerrede verließ Scotty das Zimmer, in dem er sich mit Sedrin aufgehalten hatte. Er wusste, dass sie mit ihrer letzten Vermutung Recht haben könnte.

Shimar war mit N’Caras Familie in deren Jeep mit zu ihrem Grundstück gefahren. Hinter dem Jeep befand sich ein Anhänger, in dem sich Jean-Luc befand. N’Cara, die auf der Rückbank neben Shimar saß, hatte sehr geschmeichelt, dass er sie indirekt als „seine Kameradin“ bezeichnet hatte. In ihr keimte die Hoffnung, dass er sie doch noch mitnehmen würde.

Bald waren sie angekommen und N’Cara fütterte Jean-Luc, während Shimar zusah. „Du hast mich als Kameradin gesehen.“, sagte sie. „Heißt das, du nimmst mich doch noch mit?“ „N’Cara, es tut mir Leid.“, sagte Shimar so einfühlsam er konnte. „Ich kann dich nicht mitnehmen. Die Mission, auf die ich gehe, ist viel zu gefährlich für ein Mädchen in deinem Alter. Wenn ich noch auf dich aufpassen muss, dann …“ „Aufpassen kann ich auf mich allein.“, fiel die Jugendliche ihm ins Wort. „Du wirst sehen, ich mache dir keine Schwierigkeiten. Im Gegenteil. Diese Ginalla hat gegenüber dir einen Vorteil. Sie ist Celsianerin. Das bedeutet, sie hat die technische Begabung mit Löffeln gefressen. Wenn ihr Schiff was hat, dann kann sie es selbst reparieren. Sie ist zwei in eins. Aber du kannst sicher nicht jedes Mal nach eurer Technikerin schicken, wenn es ein Problem gibt und wir am Arsch des Universums sind. Ich bin gut in Physik und du brauchst einen Ingenieur.“ „Wenn du jetzt noch einen Freund anschleppst, der gut in Biologie ist und der deshalb behauptet, Arzt zu sein, bin ich zufrieden.“, scherzte Shimar. „Lach mich bitte nicht aus.“, sagte N’Cara traurig.

Shimar setzte sich zu ihr, die Jean-Luc gerade ein letztes Bündel Heu gereicht hatte. „Sorry.“, sagte er. „War nicht böse gemeint. Ich habe nur den Eindruck, dass du nur mit willst, um nicht zur Schule gehen zu müssen.“ „Hm ja.“, gab sie zu. „Aber das ist es nicht nur. Ich glaube wirklich, dass ich dir helfen kann.“ Sie zog beleidigt ab.

Shimar überlegte. Wie konnte er das jetzt wieder gut machen. Er wusste, dass er seine neue Freundin gerade sehr verletzt hatte. Aber leider fiel ihm nichts ein. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch kroch er an diesem Tag in seinen Schlafsack. Er hoffte sehr, dass er keinen all zu großen Schaden bei N’Cara angerichtet hatte.

Alles das, was auf der Initiationsfeier geschehen war, hatte Cyrade nicht ruhen lassen. Sie war sehr wütend auf das, was Ginalla ihr berichtet hatte. Außerdem hatte sie mit ihrer Tochter gesprochen. „Was hast du gesehen, als du im Rausch des Schlangengiftes warst?“, fragte sie. „Nichts, Mutter, einfach nichts.“, antwortete Ataura. „Wie kann das sein?!“, fragte Cyrade erbost. „Es kann doch nicht sein, dass du gar keine Vision hattest. Die Götter können doch dieser Fremden keine stärkere Vision geschickt haben, als der Erbprätora des Clans der Artash. Denk nach! Du musst doch irgendetwas gesehen haben.“ „Aber wenn ich dir sage, dass da nichts war, Mutter, dann war da auch nichts.“, erwiderte Ataura. „Vielleicht hatte ich noch zu viel Adrenalin im Blut von dem Kampf mit der Raubkatze. Ich meine, mein Leben stand auf dem Spiel und wenn die Fremde nicht gewesen wäre, dann ...“ „Halt den Mund!“, fuhr Cyrade sie an. „Diese Fremde! Ich will nichts mehr hören von dieser Fremden. Sie kann doch nicht höher in der Gunst unserer Götter stehen als du. Sie teilt doch noch nicht einmal unseren Glauben. Sie soll sich ja nichts einbilden …“

Eine Sprechanlage riss Cyrade aus ihrem Wutanfall. „Wer ist dort?“, antwortete sie. „Hier ist Athemes.“, sagte eine Stimme am anderen Ende. „Ich bin Wärterin in Eurem Gefangenenlager, Prätora.“ „Ich kenne dich.“, sagte Cyrade und klang dabei sehr genervt. „Was gibt es?“ „Ich muss Euch über die Gefangene Ginalla berichten.“, sagte Athemes. „Gut.“, sagte Cyrade. „Komm herein.“

Athemes, eine große starke Kriegerin mit kurzen schwarzen Haaren, der üblichen genesianischen Bekleidung und einem strengen Gesicht, betrat den Raum. „Setz dich!“, befahl Cyrade. „Was hast du zu berichten?“ „Sie widersetzt sich.“, sagte Athemes. „Sie sagt, sie sei ja etwas Besonderes, weil sie in ihrer Vision das Leben der Wächterin von Gore gerettet habe. Das hat leider dazu geführt, dass meine Kolleginnen sie ziemlich hofieren. Sie muss keine Kristalle waschen oder gar abbauen. Sie darf die Bohrsonden und alle anderen Geräte in Stand halten. Sie …“ „Genug!“, ereiferte sich Cyrade, die jetzt fast vom Neid auf Ginallas Vision zerfressen wurde. „Ihr werdet mit Absicht noch mehr kaputt machen. Ihr werdet ihr so viel zu tun geben, dass sie nicht mehr weiß, wo sie zuerst anfangen soll. Dann werdet ihr ihr vorwerfen, dass sie nicht schnell genug arbeitet. Das bedeutet eine Kürzung der Rationen. Anders geht es leider nicht. Wir brauchen Gefangene wie Ginalla, die unsere Geräte in Stand halten können. Anderenfalls können wir keine Kristalle mehr abbauen. Und dann wird …“ Sie unterbrach sich selbst. Athemes war nur eine kleine Wärterin und hatte von dem, wozu die Kristalle gebraucht wurden, Cyrades Meinung nach nichts zu wissen.

Telzan war in Sytanias Thronsaal zurückgekehrt, nachdem er und seine Männer, wie es die Prinzessin befohlen hatte, ihre Schiffe überprüft hatten. „Es wäre alles bereit, Milady.“, verkündete der Vendar stolz. „Falls Ihr also wollt, dass wir losschlagen, können wir …“ „Ich hoffe, du hast das Schiff deines holden Eheweibes gleich auch mit überprüfen lassen.“, fiel Sytania ihm ins Wort. „Natürlich, Gebieterin.“, sagte Telzan grinsend. „Wollt Ihr sie etwa wieder in das genesianische Gefängnis schicken, damit sie wieder Kristalle abholt?“ „Genau das!“, frohlockte die Königstochter. „Diese Cyrade verehrt mich doch tatsächlich als Göttin. Sie ließt Cirnach jeden Wunsch von den Augen ab, seit sie weiß, dass diese für mich arbeitet. Sollte es also mit den mirayanischen Planeten nicht klappen, kriege ich mit Sicherheit eine Welt von den Genesianern.“ Sie lachte schallend. „Ich werde Cirnach sogleich Bescheid geben.“, sagte Telzan und war aus der Tür.

N’Cara hatte das Arbeitszimmer ihres Vaters betreten. Im matten Schein eines gedimmten Lichtes saß der Professor da und sortierte Unterlagen. „Es droht zu scheitern, Vater.“, flüsterte N’Cara, nachdem sie sich ihm langsam genähert hatte. „Dann weißt du, was du zu tun hast.“, sagte Tamin. „Ja.“, nickte N’Cara und war verschwunden, um einen Datenkristall aus ihrem Zimmer zu holen.

Das lithianische Mädchen schlich im Schutz der Dunkelheit an dem fest schlafenden Shimar vorbei in Richtung IDUSA. Sie hatte Shimars Verhalten gegenüber dem Schiff sehr gut beobachtet. Deshalb wusste sie auch ganz genau, wo ihr Außenbordmikrofon war. „Schiff.“, flüsterte sie hinein. „Bitte lass mich ein. Ich muss dringend reden.“

Wortlos öffnete IDUSA die Luke und ließ N’Cara einsteigen. Gegen ein bisschen Reden war ja nichts einzuwenden, fand zumindest IDUSA. „Hallo, N’Cara.“, begrüßte das Schiff sie. „Im Fach unter dem Steuerpult ist ein Neurokoppler. Setze den bitte auf. Dann erstelle ich eine Reaktionstabelle von dir und dann können wir besser reden. Dann musst du nicht das Mikrofon benutzen und ich nicht den Lautsprecher.“

N’Caras suchender Blick fand bald das Objekt, das für sie wie ein Haarreifen aussah. Sie setzte es sich auf und steckte den daran befestigten Anschluss in einen der Ports. „OK.“, sagte IDUSA. „Ich schicke jetzt Testsignale an deine Nerven um zu sehen, wie sie reagieren. Wenn ich mit dem Signal, das zurück kommt, zufrieden bin, speichere ich es als entsprechende Reaktion ab.“ „Weiß ich alles schon.“, gähnte N’Cara. „Hör auf, mich zu langweilen.“

Bald sah das Mädchen das gleiche Bild des Avatars vor sich, wie es auch sonst Shimar sah. „Na endlich lernen wir uns kennen.“, lächelte der Avatar. „Hi, IDUSA.“, erwiderte N’Cara und stellte sich vor, ihr die Hand zu schütteln. „Bist du eigentlich der gleichen Meinung wie mein Vater und Shimar?“, wollte N’Cara wissen. „Ich weiß.“, setzte IDUSA an, „Dass eine High-School-Schülerin keine ausgebildete Ingenieurin ist.“, antwortete IDUSA. „Es gibt sicher Dinge, die du nicht weißt und, wenn du bei einem Warpantrieb etwas falsch machst, kann es sehr gefährlich sein.“ „Aber ich bin echt gut in Physik.“, sagte N’Cara. „Hier, lies mal meine letzten Arbeiten. Ich hatte überall fne Eins.“ Sie schob den Kristall ins Laufwerk.

Kapitel 24 - Neid von Visitor

Immer noch hatte die Tatsache, dass Ginalla eine so starke Vision empfangen hatte, Cyrade nicht in Ruhe gelassen. Sie musste es dieser Ungläubigen doch irgendwie heimzahlen können!

„Worüber denkst du nach, Mutter?“, fragte Ataura. „Ich überlege, wie ich es dieser Ginalla zeigen kann.“, erwiderte Cyrade. „Ihr und der gesamten Föderation.“ „Vielleicht hilft es, wenn du einen Krieg zwischen der Föderation und uns provozierst. Dazu müssen wir aber die oberste Prätora einspannen. Ich weiß auch schon wie.“

Cyrade grinste wie ein Kind, dem man gerade sein Lieblingsgeschenk unter den Weihnachtsbaum gelegt hatte. Ein Krieg zwischen Genesia Prime und der Föderation kam ihren Plänen sehr zu Pass. Schließlich wäre die Föderation dann geschwächt und könnte wohl schlecht an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen, wenn Sytania von der anderen Seite angreifen würde. „Sprich!“, sagte Cyrade gehässig.

Ginalla war wieder auf ihrem Strohlager erwacht. Sie war von den Wärterinnen hart bestraft worden, weil sie es gewagt hatte, ihre Vision noch einmal zu wiederholen. Auch die Wärterinnen konnten sich nicht vorstellen, dass die Celsianerin das wirklich gesehen hatte und hielten sie für eine Lügnerin und das, was sie sagte, für eine Aufmüpfigkeit. „Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst nicht so dick auftragen?“, fragte eine Ginalla sehr gut bekannte heisere Stimme. „Aruna?“, fragte die Celsianerin, die aufgrund eines blauen Auges, das ihr eine Wärterin geschlagen hatte, kaum etwas sehen konnte. „Wer sonst.“, gab die heisere Stimme zurück. „Ich hatte dir doch gesagt, du sollst dich an mich halten.“, sagte sie und legte ihr einen mit Wasser getränkten Lappen auf ihr Auge. „Du solltest dich freuen. Ich verschwände mein Trinkwasser an dich. Schließlich muss die feine Dame wieder gucken können, wenn du morgen wieder Geräte reparierst. Du hast doch schon so einen guten Job hier. Also setz’ ihn nicht aufs Spiel.“ „Danke.“, sagte Ginalla. „Aber ich will sehen, ob ich dich nicht auch noch irgendwie unterbringen kann. Wie es aussieht, geht hier so viel kaputt, dass ich demnächst eine Assistentin brauche.“ „Assistentin.“, zischte Aruna. „Na hoffentlich sind die Wärterinnen der gleichen Meinung wie du.“

Ataura und Cyrade hatten ihr Schiff genommen und waren zur Heimatwelt aufgebrochen. Sie wollten Prätora Shashana unbedingt dazu bringen, einen Krieg mit der Föderation zu beginnen. Cyrade war mit dem Plan ihrer Tochter sehr einverstanden gewesen.

„Prätora, wir sind in Sprechgerätreichweite der Heimatwelt.“, meldete Xena, die das Schiff flog und das Sprechgerät bediente. „Ruf Shashana!“, befahl Cyrade ihrer jüngeren Tochter. „Ich werde jetzt mal ein bisschen schauspielern.“ „Wie du wünschst, Mutter.“, erwiderte Xena und gab das Rufzeichen ein. Das nichts ahnende Gesicht Shashanas erschien auf dem Schirm. „Was gibt es, Cyrade.“, fragte die oberste Prätora. „Es ist etwas Furchtbares geschehen, oberste Prätora.“, sagte Cyrade und versuchte dabei sehr betroffen zu klingen. „Die Celsianerin, der Ihr erlaubt habt, an der Initiationsfeier meiner Tochter Teil zu nehmen, hat unseren Glauben mit Füßen getreten. Sie hat nur mitmachen wollen, um von einer Person, deren Namen sie nicht weiter erwähnt hat, eine Bezahlung dafür einzustreichen, dass sie das Tor zum Himmel findet. Außerdem hat sie uns als schwächliche drogensüchtige Scharlatane bezeichnet und sie hat gesagt, sie spräche im Namen der gesamten Föderation.“ Dass ihr letzter Halbsatz eine Lüge war, hatte Cyrade freilich verschwiegen.

Die extrem religiöse Shashana war von Cyrades Worten bis ins Mark getroffen worden. „Das kann doch nicht wahr sein?!“, rief sie aus. „Hätte ich ihr das doch nie erlaubt!“ „Ich finde schon, dass es eine gute Möglichkeit war , die wahre Natur der Föderation kennen zu lernen.“, erwiderte Cyrade doppelzüngig. „Jetzt wisst Ihr, wie sie wirklich über uns denken. Jetzt dürfte Euch klar sein, dass sie nicht die ehrenhaften Gegner sind, für die Ihr sie bisher gehalten habt. Sie spielen sich als moralisch perfekt auf, dabei sind sie es selbst nicht. Sie sagen, sie würden eine fremde Kultur nicht verurteilen oder sie gar benutzen, um ihre eigenen Zwecke zu erfüllen. Sie würden sich auch nie in die Entwicklung einmischen. Aber all das ist nicht wahr. Diese Celsianerin war eine Spionin. Sie sollte sicher herausbekommen, wo unsere Schwächen liegen und uns dann demoralisieren. Nein, oberste Prätora, das dürfen wir uns nicht gefallen lassen.“ „Du hast Recht.“, entgegnete Shashana. „Obwohl ich ihnen das niemals zugetraut hätte. Die Präsidentin und die Sternenflotte geben sich immer so diplomatisch und verständig. Soll das am Ende etwa alles Fassade sein?“

Cyrade freute sich diebisch. Hatte ihr doch Shashana gerade eine sehr gute Vorlage geliefert. „Ja.“, sagte sie. „Offensichtlich, oberste Prätora, ist das alles eine gut durchdachte Fassade, um unschuldige Völker zu blenden, damit sie nicht sehen, dass die Föderation genau so ist wie die Ferengi. Sie sind genau so ehrlos und das würde uns sogar berechtigen, die Föderation einfach zu überfallen, ohne vorher eine offizielle Kriegserklärung herauszugeben. Gegen einen ehrlosen Gegner darf man so vorgehen.“

Shashana überlegte. Sie wusste, dass Cyrade damit Recht hatte, dass man gegen einen ehrlosen Gegner auch selbst ehrlose Mittel anwenden durfte, aber es war ihr zutiefst zuwider, dass die Föderation ein so ehrloser Verein sein sollte. Sie hatte sie niemals so kennen gelernt. Auch hatte die Besatzung der Eclypse ihr damals gegen Sytania geholfen und das hätten sie sicher nie getan, wenn sie so ehrlos wären. Andererseits konnte Huxley, der sich damals von der Regierung abgewendet hatte, auch auf eigene Faust gehandelt haben. Vielleicht war das ja sogar der Grund dafür gewesen.

„Wir werden sehen, was die Präsidentin der Föderation dazu sagt, wenn ich ihr den Krieg erkläre.“, sagte Shashana. „Wenn sie ehrlos ist, wird sie sicher nicht weiter darauf eingehen. Aber wenn sie auch nur einen Funken Ehre im Leib hat, wird sie mich fragen, warum ich sie für ehrlos halte und zu den Vorwürfen Stellung nehmen wollen.“ Cyrade lachte laut auf. „Was ist aus der obersten Prätora der Genesianer geworden?!“, fragte sie. „Seid Ihr inzwischen so verweichlicht, dass Ihr lieber ein Mikrofon in die Hand nehmt statt einer Waffe? Unsere Ahnen würden sich im Grab umdrehen. Das ist nicht die Art, wie wir Genesianer leben. Wir sind eine stolze Rasse von Kriegerinnen. Die Klingonen haben damals den Mord an ihrem Kanzler auch rächen wollen. Wenn wir also einen heiligen Krieg führen wollen, um die Beschmutzung unseres Glaubens durch die Föderation zu rächen, kann es doch nicht falsch sein!“ „Du hast Recht.“, räumte Shashana schließlich ein. „Wir können uns diesen Spott über unseren Glauben und seinen Missbrauch zur Befriedigung von Gewinnsucht nicht gefallen lassen. Also, wir werden die Außenposten dieser ehrlosen Feiglinge einfach überfallen. Mal sehen, wie das Nugura schmeckt.“ „So spricht eine wahre Kriegerin.“, lobte Cyrade. „Ich danke dir.“, sagte Shashana. „Und, weil du mich darauf gebracht hast, darfst du auch damit beginnen. Ich gebe dir Koordinaten. Dort fliegst du hin und veranstaltest ein wahres Gemetzel.“ „Wie Ihr wollt.“, sagte Cyrade und beendete die Verbindung.

„Die Koordinaten sind eingetroffen, Mutter .“, meldete Xena, die das Ganze sehr interessiert verfolgt hatte. „Gut.“, entgegnete Cyrade. „Dann setze Kurs. Warp acht!“ Xena nickte und führte die Befehle aus. Das genesianische Schiff verschwand in einem Blitz.

Shimar hatte in dieser Nacht sehr unruhig geschlafen. Er hatte oft das Gefühl gehabt, dass er N’Cara telepathisch ganz in seiner Nähe wahrgenommen hätte. Aber das konnte nicht wirklich sein, denn sie war ja ins Haus zu ihren Eltern gegangen. Als er es nicht mehr ausgehalten hatte, hatte er sich von IDUSA eine Patrone mit einem Medikament replizieren lassen, das seine telepathischen Fähigkeiten unterdrückte. So hatte er gut schlafen können und stand jetzt auf.

IDUSAs Sensoren war dieser Vorgang nicht verborgen geblieben. „Guten Morgen, Shimar.“, sagte sie über ihren Außenlautsprecher. Der junge Patrouillenflieger drehte sich zu ihr. „Guten Morgen, IDUSA.“, sagte er. „Wie war deine Nacht?“

Erst jetzt fiel dem Schiff auf, dass ihr ein erheblicher Teil ihrer Daten fehlte. IDUSAs Aufzeichnungen endeten zu dem Zeitpunkt, an dem sie auf N’Caras Datenkristall zugegriffen hatte. Ab dann fehlte ihr fast die gesamte Nacht. Ihre Aufzeichnung setzte erst dann wieder ein, als Shimar aufgestanden war. „Ich kann Ihnen nicht beantworten, wie meine Nacht war.“, sagte sie. „Wie soll ich das …? Wie süß!“

Shimar hatte irritiert um sich geblickt, als sie ihm die Sache gestanden hatte. Dabei hatte er etwas gesehen, das wie eine Miniatur von IDUSA aussah und in Klein-Tamins Sandkasten stand. Er ging näher und erkannte ein genaues Modell des Schiffes, das aus Sand gefertigt worden war. „Da möchte wohl jemand nicht, dass wir gehen.“, sagte er und zog seinen Erfasser, um die Sand-IDUSA zu fotografieren. Beim Einstellen fiel ihm auf, wie detailgetreu sie war. Klein-Tamin musste IDUSA gut und lange beobachtet haben. Auch musste er Shimars Anregung mit dem Matsch allein weiter entwickelt haben, denn so fest bekam man Sand nur mit Hilfe von Lehm und Wasser.

„Ich hoffe, du warst ein geduldiges Model, IDUSA.“, sagte Shimar wieder in Richtung seines Schiffes. „Ich denke schon, dass ich das war.“, sagte die Angesprochene. „Jedenfalls habe ich mich meines Wissens nicht von dem Fleck gerührt, an dem ich gelandet war. Bitte kommen Sie an Bord. Ich möchte diesen Planeten so schnell wie möglich verlassen. Dass mir einige Daten fehlen, finde ich höchst merkwürdig.“ „Komme ja schon.“, sagte Shimar, der erneut die Sand-IDUSA betrachtet hatte.

Er ging durch IDUSAs offene Luke und setzte sich auf den Pilotensitz. Dann schloss er seinen Neurokoppler an, was das Schiff veranlasste, sofort seine Reaktionstabelle zu laden und ihm die Steuerkonsole zu zeigen. „Wir sollten uns wenigstens noch verabschieden, findest du nicht?“, fragte Shimar. „Keine zehn Hacker können mich dazu bringen, mit irgendeinem Gerät hier eine Verbindung aufzubauen!“, sagte IDUSA mit Überzeugung. „Wenn Sie sich unbedingt verabschieden wollen, dann tun Sie das bitte telepathisch! Aber mich kriegen Sie nicht dazu. Wer weiß, was letzte Nacht mit mir passiert ist!“ „Na gut.“, beschwichtigte Shimar sie. „Lass uns erst mal starten. Dann werden wir weitersehen.“

Elektra hatte auf Mikels Befehl den Computer des Shuttles, das ich benutzt hatte, auf den Kopf gestellt. Der Spionageoffizier wusste, dass sie sehr genau war. Genau genug, um auf Dinge zu stoßen, die sogar ihr Vorgesetzter übersehen würde. Deshalb hatte er am Nachmittag zu ihr gesagt: „Ich gebe Ihnen jetzt einen ungewöhnlichen Befehl, Technical Assistant. Durchsuchen Sie den Rechner des Shuttles, mit dem Allrounder Betsy und Korelem geflogen sind, nach irgendwelchen Dingen, die Ihnen anormal vorkommen und wenn es nur ein SITCH oder ein Nieser zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Sie können mich ruhig wörtlich nehmen.“ Der Agent wusste genau, dass die Androidin bestimmte Skrupel nicht kannte, zumal dann nicht, wenn man ihr einen direkten Befehl diesbezüglich erteilte. Sie wusste, dass selbst die Aufzeichnungen der Gespräche im Cockpit Informationen enthalten konnten. Filtern konnte sie später immer noch.

Sie nahm ihr Haftmodul und schloss es an den Computer an, um danach mit seiner Hilfe erneut Kontakt zum Rechner des Shuttles aufzubauen. Dann lud sie die Informationen für den fraglichen Zeitraum in ihren eigenen Speicher. Dabei fiel ihr tatsächlich etwas auf. „Das ist merkwürdig.“, sagte sie zu Jannings, der daneben stand, um ihre Verbindung zum Rechner zu überwachen. „Was meinen Sie, Assistant?“, fragte der technische Offizier.

Es dauerte einige Sekunden, dann hörte man Korelems Stimme aus ihrem Mund. Außerdem war deutlich die Stimme Tamaras zu hören, die Korelem antwortete. Die Beiden sprachen über Savarid-Strahlung und über die Tatsache, dass ich wohl immer noch nicht infiziert war. „Warum redet ein Zivilist mit Tamara und wo hat er ihr Rufzeichen her?“, wunderte sich Jannings. „Diese Fragen kann ich Ihnen leider nicht beantworten, Sir.“, sagte Elektra. „Dazu fehlen mir empirische Daten.“ „Dann vermuten Sie, Elektra.“, sagte Jannings. „Das können Sie, das weiß ich. Simulieren Sie einfach einige Situationen durch und sagen Sie mir dann, welche Theorie Ihnen am wahrscheinlichsten vorkommt. Aber ich finde, das hier ist ein neues Puzzleteil für unseren Agent.“ „Bestätigt.“, sagte Elektra. „Soll ich hingehen und es ihm geben?“ „Tun Sie das.“, erwiderte Jannings.

Blass hatte Saron die Notrufe einiger Sternenflottenschiffe und Basen entgegen genommen. Er war damit sofort zu Nugura geeilt, die über die Aufzeichnungen aus seinem Pad nicht weniger bestürzt war. „Ich habe den Eindruck, Sea Federana, die Genesianer sind verrückt geworden.“, stammelte Saron. „Genau das ist der richtige Ausdruck.“, bestätigte Nugura. „Warum sonst sollten sie wehrlose Zivilisten überfallen und dann auch noch aus dem Hinterhalt. Das ist doch sonst nicht ihre Art. Hören Sie zu, Saron. Übermitteln Sie den Schiffen den Befehl, so viele Siedler aus der Nähe der neutralen Zone zu evakuieren, wie ihnen nur irgendwie möglich ist. Beordern Sie alle verfügbaren Schiffe hin. Und dann machen Sie mir eine Verbindung zu Prätora Shashana. Ich möchte wissen, was sie dazu bringt, solche Dinge zu tun!“

Diesen Tonfall kannte der Sekretär von seiner Vorgesetzten. Wenn sie so sprach, wusste er, dass sie von ihrer Sache überzeugt und nicht von ihrem Vorhaben abzubringen war. Das mit den Schiffen war ja noch OK. So eine SITCH-Mail war schnell geschrieben, aber wie würde Shashana auf Nuguras Nachforschung reagieren? Er beschloss, alles so zu erledigen, wie sie es ihm gesagt hatte. Vielleicht waren seine Bedenken ja auch völlig umsonst, alles war ein riesiges Missverständnis und würde sich irgendwann aufklären.

Shimar und IDUSA hatten sich immer noch in der Atmosphäre der lithianischen Heimatwelt befunden. Eigentlich war so ein Steigflug schnell erledigt, aber heute musste Shimar die stark trudelnde IDUSA immer wieder auf einer geringeren Flughöhe abfangen, was das Ganze eher an eine Kletterpartie erinnern ließ. „Was ist los mit dir?“, fragte er. „Du fühlst dich an, als hättest du Gleichgewichtsstörungen.“ „Ich weiß es nicht.“, antwortete IDUSA. „Ich bekomme auch mit, dass Sie Schwierigkeiten haben, mich korrekt auszutrimmen. Aber ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann. Laut Selbstdiagnose sind meine Systeme in Ordnung.“ „An der Wetterlage kann es auch nicht liegen.“, überlegte Shimar laut. „Deine Sensoren würden mir Luftlöcher oder so etwas anzeigen.“ „Das ist korrekt.“, sagte IDUSA. „Vorausgesetzt, meine Systeme, also auch das für die Selbstdiagnose, funktionieren korrekt, was ich nicht mehr glaube nach dem anständigen Filmriss, den ich diese Nacht hatte.“

Wush! Ein neues Luftloch, oder was man auch immer dafür halten mochte, hatte IDUSA erfasst. Ruhig ließ Shimar sie bis zu einem bestimmten Punkt absinken, um dann geduldig und vorsichtig ihre Geschwindigkeit zu erhöhen, um sie genau so ruhig langsam und nicht zu steil hochzuziehen. „Gut, dass Sie so geduldig mit mir sind.“, sagte IDUSA. „Jeder Andere hätte wohl …“ „Ich bin nicht jeder Andere.“, sagte Shimar ruhig. „Wir schaffen das schon. Wenn wir erst mal aus der Schwerkraft raus sind, werde ich mit Jenna reden. Sie kann mir sicher Instruktionen geben, wie …“

Er stutzte, denn er hatte das Gefühl, etwas telepathisch wahrzunehmen. Es war ein Gefühl von Unbehagen, das er aber nicht selbst hatte. Eher glaubte er, jemand würde es unabsichtlich auf ihn projizieren. Er hatte den Eindruck, derjenige würde mit sich selbst einen richtigen Kampf ausfechten, um es auf keinen Fall dazu kommen zu lassen, dass er etwas davon mitbekam. Wenn er genau hinspürte, hatte er das Gefühl, N’Cara sei hier. Aber er war andererseits auch nicht wirklich sicher. Wer immer das auch war, versuchte, sich vor ihm zu verbergen und falls sich derjenige in einer Wartungsluke verbarg, konnte dies schon zu einem Ungleichgewicht bei IDUSA führen. Das Cockpit, die Achterkabine und der Frachtraum lagen so zentral, dass sie gut ausgetrimmt waren. Wenn sich aber das Gewicht in den Wartungsluken veränderte, konnte dies in einer Atmosphäre schon zu Störungen führen. „Sieh mal nach, ob wir in einer deiner Wartungsluken einen blinden Passagier haben!“, befahl Shimar. „Und ich rede nicht von meiner Freundin.“

IDUSA ließ ihre Sensoren die Wartungsschächte absuchen. „Sie haben Recht.“, sagte sie dann. „In Schacht j22 ist jemand. Wegen der vom Warpantrieb ausgehenden Strahlung kann ich das Biozeichen nicht genau erkennen, denke aber, dass es lithianisch ist.“ „Sobald ich dich irgendwie aus dieser Atmosphäre kriege.“, erwiderte Shimar. „Übernimmst du die Steuerkontrolle und entsicherst die Luke. Ich werde dann mal nachsehen.“ „Wie Sie wollen.“, entgegnete das Schiff.

Shimar bemerkte, wie die Schwerkraft bedingten Ausfälle weniger wurden und schließlich ganz abebbten. Er sah den lithianischen Heimatplaneten jetzt, wie man einen Planeten eben aus dem Orbit sieht. „Puh, geschafft!“, stellte er erleichtert fest. „Danke für dein Vertrauen.“ „Vertrauen ist eine Empfindung.“, korrigierte ihn das Schiff. „Ich bin eine künstliche Intelligenz und als solche zum Empfinden von Emotionen nicht fähig. Ich kann weder Angst noch Mut oder gar Vertrauen empfinden. Aber die Daten, die ich auf den Flügen gesammelt habe, die wir gemeinsam hinter uns gebracht haben, bestätigen mir, dass Sie uns in 100 % der Fälle aus dem Schlamassel holen konnten.“ „Danke für die Blumen.“, sagte Shimar schmissig. „Und was ist jetzt mit meinen anderen Befehlen?“ „Sicher.“, sagte IDUSA. „Ich habe die Wartungsluke, hinter der sich das Biozeichen befindet, entsichert. Sie befindet sich im Boden des Frachtraumes. Ich leuchte Ihnen den Weg aus.“

IDUSA ließ einige kleine Kontrolllämpchen aufflackern, die sich in regelmäßigen Abständen entlang ihrer inneren Bordwände befanden. Shimar folgte diesem Lichtstrahl. Bald war er im Frachtraum, dem hintersten Teil des Schiffes, angekommen. Hier endete die Lichtspur abrupt über einer Bodenplatte. Shimar drückte mit zwei Fingern auf ein Feld, das er nur dann sehen konnte, wenn die Luke entsichert war. Die Bodenplatte glitt vor ihm zur Seite. Jetzt sah er in ein grinsendes Gesicht. „Komm raus, N’Cara!“, sagte er streng und zerrte sie ans Tageslicht. „Was hast du dir dabei gedacht? Stell dir mal vor, IDUSA und ich hätten dich nicht bemerkt. Was glaubst du, wie lange du es da drin ausgehalten hättest. Da drin gibt es keine Lebenserhaltung. Du hättest ersticken können. Wenn Jenna oder einer unserer Techniker darin arbeitet, ist die Luke immer offen, damit …“ „Bist du fertig?“, entgegnete sie. „Nein.“, sagte Shimar. „Jetzt sagen wir erst mal bei dir zu Hause Bescheid.“ „Viel Spaß beim Versuch.“, grinste N’Cara.

Shimar zog sie mit sich ins Cockpit und pflanzte sie auf den Sitz neben sich. Dann befahl er IDUSA: „Versuch über die Anflugkontrolle Professor Tamin zu erreichen!“ „OK.“, sagte das Schiff. „Jetzt sag mir die Wahrheit!“, sagte Shimar mit Nachdruck. „Wie bist du an IDUSAs Sensoren vorbeigekommen?!“ „War ganz einfach.“, sagte das Mädchen und zeigte auf das Kristalllaufwerk. „Ich habe ein Virus geschrieben, das IDUSAs Sensoren außer Kraft setzt. Zumindest solange, bis ich mich verstecken konnte. Aber dieses Virus muss ich jetzt wieder deaktivieren und das geht nicht ohne den Kristall. Deshalb darfst du ihn nicht entfernen. Aber IDUSA muss mir eine technische Konsole zeigen. Wenn es mir gelingt, das Virus zu entfernen, glaubst du mir dann, dass ich Ahnung von Technik habe?“ „Ja, ja.“, sagte Shimar beiläufig. Er hoffte immer noch, dass IDUSA den Professor erreichen würde.

Shimar hatte N’Cara zugesehen. Von den Dingen, die sie eingegeben hatte, verstand er zwar nichts, aber als IDUSA ihm bestätigte, dass das Virus verschwunden war, gab er sich damit zufrieden. „Was macht meine Verbindung, IDUSA?“, fragte er. „Es tut mir Leid.“, sagte das Schiff. „Die Sprechgerätoffiziere der Anflugkontrolle können den Professor nicht erreichen und wir müssen weiter. Es war zwar sehr undeutlich, aber ich glaube, ich habe ein Notsignal von den Koordinaten empfangen, zu denen wir fliegen sollen.“ „Na gut.“, lenkte Shimar missmutig ein. „Ob es dir passt oder nicht.“, grinste N’Cara. „Du hast mich am Hals. Du wirst schon sehen, ich werde dir eine große Hilfe sein, wenn du mich lässt.“ „Also gut.“, sagte Shimar. „Aber eines sollte dir klar sein. Wenn es zu einer gefährlichen Situation kommt und ich dir sage, bei IDUSA zu bleiben, dann tust du das auch. Deal?“ „Deal.“, antwortete N’Cara und gab ihm die Hand drauf.

Auf Hestien hatte Merkurion um eine Audienz bei seiner Herrin gebeten und sie auch bekommen. Jetzt saß er gemeinsam mit Hestia an einem Tisch in ihrem Gemach. „Was führt dich zu mir?“, fragte die Prinzessin. „Ich wollte Euch über den Ausbildungsstand von Alana berichten.“, antwortete der Chefgeheimdienstler. „Und?“, fragte die Prinzessin. „Sie überflügelt die meisten meiner bisherigen Schüler um ein Vielfaches.“, lobte Merkurion. „Ich weiß nicht, was sie antreibt, aber sie hat ein solches Talent, dass ich ihre Ausbildungen sowohl im theoretischen, als auch im praktischen Bereich schon verkürzt habe. Ich plane, sie als Shuttlepilotin bei Eurer Schwester einzuschleusen. Diesen Vorschlag hat sie mir selbst gemacht.“ „Das ist eine sehr gute Vorgehensweise.“, urteilte Hestia.

Sie schenkte beiden aus einer goldenen Karaffe den Saft einer seltenen Frucht ein, den ihr ein Diener vorher auf einem Tablett mit Gebäck und zwei Gläsern gebracht hatte. „Hast du rein zufällig Informationen über den Verbleib der Beauftragten meiner Schwester?“, fragte Hestia. „Es gibt eine Menge Gerüchte.“, erwiderte Merkurion, nachdem er einen Schluck aus seinem Glas genommen hatte. „Und was besagen diese Gerüchte?“, bohrte Hestia nach. „Mach es nicht so spannend!“ „Die Gerüchte sagen, dass es einen Krieg zwischen Genesia Prime und der Föderation geben wird.“ „Na und?“, entgegnete Hestia und gähnte. „Was hab ich mit deren internen Kriegen zu schaffen. Außerdem habe ich dich nicht danach gefragt. Ich wollte wissen, was diese Ginalla treibt!“ „Darauf wollte ich gerade hinaus.“, versuchte Merkurion sie zu beschwichtigen. „Ginalla soll an diesem Krieg nicht ganz unschuldig sein.“

Hestia leerte ihr Glas in einem Zug und setzte ein teuflisches und gieriges Lächeln auf. „Das ist wundervoll, Merkurion!“, rief sie aus. „Das ist die wundervollste Nachricht, die ich je bekommen habe. „Dieser celsianische Tollpatsch wird sich irgendwie im Ton vergriffen haben und jetzt sitzt sie sicher irgendwo im Gefängnis auf Genesia Prime. Jedenfalls würde ich das so machen, wenn ich Prätora Shashana wäre.“ Merkurion nickte. „Dann berichte mir!“, befahl Hestia weiter. „Sag mir alles, was du über dieses Gerücht weißt. Ich will jedes Detail. Jedes, hörst du?“ „Ja, Hoheit!“, sagte Merkurion mit fester Stimme. „Also, sie soll den Genesianern vorgemacht haben, eine Forscherin zu sein, die deren Religion erforschen wolle. Dann ist etwas nicht so gelaufen, wie sie wollte und darauf hin hat sie auch noch zugegeben, dass sie ihren Glauben nur benutzt hat, um ihrem eigenen Gewinnstreben nachzugehen. Es gibt ein Ritual, das die Genesianer durchführen, um Visionen von ihrer obersten Göttin zu erzeugen. In diesem Ritual spielt das Gift einer Schlange eine große Rolle. Dieses selbstständig denkende Schiff Namens Kamurus soll festgestellt haben, dass Ginalla nur im Drogenrausch war und es keinen Anhalt dafür gibt, dass sie so etwas wie den Himmel und damit auch das Tor dort hin, gesehen hat. Das hat sie dazu gebracht, den genesianischen Glauben zu verspotten und die genesianische Kultur zu beleidigen. Sie soll gesagt haben, sie spräche im Namen der gesamten Föderation.“

Hestia sprang freudig auf. „Oh, Merkurion.“, sagte sie. „Du verstehst es, die besten Nachrichten bis zum Schluss herauszuzögern. Du weißt, wie du deine Herrin glücklich machen kannst. Was für eine wundervolle Nachricht! Hoffentlich wird sie zum Tode verurteilt! Dann ist sie aus dem Weg! Dann hat Shimar keine Konkurrenz mehr und kann …“ „Hoheit vergessen.“, viel Merkurion ihr ins Wort. „Dass, wenn einer der Teilnehmer stirbt, laut dem Ty-Nu-Lin-Ritus die Suche solange ausgesetzt werden muss, bis der Andere sich einen neuen Gegner gesucht hat. Euer Vater hat Euch somit in die Hände der Götter gegeben, als er dies zur Bedingung machte. Wenn Ihr Shimar trotzdem weiter suchen lasst, ohne ihm Gelegenheit zur Suche eines Herausforderers zu geben, werden die Priester Eure Herrschaft nicht anerkennen, selbst wenn er das Tor finden sollte. Ihr und Alegria gebt Euch im Töten von aufrührerischen Kräften nichts. Das habe ich längst festgestellt. Aber einen Priester werdet weder ihr noch sie töten lassen. Das weiß ich genau. Ihr seid beide dazu viel zu gottesfürchtig.“

Die offenen aber wahren Worte ihres Geheimdienstchefs hatten Hestia sehr erschrocken, aber sie wusste, dass er in allen Punkten die Wahrheit gesagt hatte. Sie und ihre Schwester waren mit dem mirayanischen Glauben aufgewachsen und hatten ihn tief verinnerlicht.

„Niemals würde es mir einfallen, einen Priester töten zu lassen.“, erklärte Hestia. „Da hast du Recht. Schließlich will ich, dass die Götter mir gewogen sind. Wenn ich sie erzürne, ist das sicher nicht gut. Aber sprich weiter. Was ist mit der kleinen Celsianerin?“ „Laut dem Gerücht ist sie nicht zum Tode verurteilt worden. Seid bitte nicht all zu enttäuscht. Sie ist die persönliche Gefangene von einer gewissen Prätora Cyrade. Die darf entscheiden, wann sie wieder raus kommt. Aber das wird wohl so bald nicht der Fall sein. Ginalla hat nämlich behauptet, in der Vision, die sie hatte, der obersten Göttin der Genesianer das Leben gerettet zu haben, was eine sehr starke Vision ist. Ataura, die Tochter der Prätora, die auch Erbprätora ihres Clans ist, soll gar keine Vision empfangen haben. Darauf ist Cyrade extrem neidisch und wird sie wohl deshalb so schnell nicht wieder raus lassen.“ „Um so besser.“, sagte Hestia schadenfroh. „Um so mehr Zeit bleibt Shimar. Jetzt kann er in aller Ruhe nach dem Tor suchen. Seinen Vorsprung holt sie nie wieder auf. Welch wunderbare Fügung, dass ich bald Herrscherin über ganz Miray werde.“

Sie winkte Alanas Vertretung zu: „Schicke nach meinem Kommunikationsoffizier. Er soll mich sofort mit Shimar verbinden.“ Die Hofdame nickte und verschwand durch die Tür. „Und wir, Merkurion.“, sagte Hestia dann und stieß mit ihm an. „Wir werden diese wundervollen Nachrichten erst mal feiern!“

Kapitel 25 - Krieg von Visitor

Saron hatte die SITCH-Verbindung, die Nugura verlangt hatte, für seine Chefin geschaltet. Aber er hatte sich nach Eingabe des Rufzeichens aus der Leitung zurückgezogen, um nicht selbst mit der obersten Prätora sprechen zu müssen, was er auch nicht gedurft hätte, weil er als Mann ja nicht mit einer genesianischen Frau reden durfte. Für diese spezielle Situation gab es für männliche Sekretäre bei der Föderation ein entsprechendes Verhaltensprotokoll. Nugura selbst würde jetzt sehen müssen, ob Shashana den Ruf beantwortete.

Die Präsidentin war erfreut über den Umstand, doch am Ende das Gesicht der obersten Prätora auf ihrem Schirm zu sehen. „Warum überfallt Ihr unschuldige Zivilisten, oberste Prätora.“, fragte Nugura und versuchte, nicht all zu hasserfüllt zu klingen. Sie wollte sich als die Diplomatin geben, die sie schon immer gewesen war. „Weil auch die Föderation unehrenhaft gehandelt hat!“, entgegnete Shashana in einem im Gegensatz zu Nugura doch sehr erbosten Ton. „Wie soll ich das verstehen?“, fragte Nugura unverständig. „Eine Ihrer Forscherinnen, die wohl auch noch diplomatische Rechte hat, schlich sich in unsere Reihen und spottete unserem Glauben. Wie können Sie das zulassen, Nugura? Außerdem hat diese Frau behauptet, unsere Rituale aus reiner Gewinnsucht entweiht zu haben. Das würde sicher noch nicht einmal ein dreckiger Ferengi tun. Aber Sie und Ihre Föderation, Nugura, Sie sind das unehrenhafteste Pack, das mir je untergekommen ist!“

Sie ließ den Sendeknopf los, um Nugura die Gelegenheit zum Antworten zu geben. „Ich versichere Ihnen, Shashana, ich habe keine zivilen Forscher nach Genesia Prime entsandt und schon gar keine mit diplomatischen Rechten. Wie heißt die Frau, von der sie reden und woher kommt sie? Vielleicht klärt sich ja alles von allein.“ „Das glaube ich nicht!“, entgegnete Shashana mit Überzeugung. „Aber um unserer vorherigen politischen Beziehungen wegen werde ich Ihnen Ihre Fragen beantworten. Sie heißt Ginalla und kommt vom Planeten Celsius.“ „Ich versichere Ihnen, Shashana.“, sagte Nugura. „Es gibt unter meinen Diplomaten niemanden, die Ginalla heißt. Ich werde Ihnen die Liste aller Botschafterinnen und ihnen unterstehenden Diplomatinnen zukommen lassen. Dann werden Sie sehen, dass ich die Wahrheit gesprochen habe.“ „Eine Liste!“, lachte Shashana. „Jede Liste kann man fälschen. Ich denke, Ihr Saron ist darin sehr versiert.“ „Oberste Prätora.“, entgegnete Nugura. „Ich denke, es sollte in unserer beider Interesse liegen, dieses Missverständnis aufzuklären. Ich kann im Moment leider nicht mehr tun, als das, was ich Ihnen gerade vorgeschlagen habe. Bitte geben Sie mir ein bsschen Zeit. Dann haben Sie bald die Liste mit den Bildern und können sehen, dass es so jemanden unter meinen Diplomaten nicht gibt. Ich gebe zu, celsianische Diplomaten sind ein Widerspruch in sich, weil die Celsianer dafür ein zu lockeres Mundwerk haben. Aber es gibt immer wieder Ausnahmen. Die Liste wird aus den genannten Gründen also nicht sehr lang sein. Bitte schauen Sie sich alles zumindest an.“ „Na gut.“, erwiderte Shashana. „Aber wehe, ich finde einen Hinweis darauf, dass die Liste gefälscht ist.“ Sie beendete das Gespräch.

Nugura atmete auf. Jetzt hatte sie zumindest etwas Zeit gewonnen. Sie betätigte die Sprechanlage zu ihrem Vorzimmer: „Saron, suchen Sie alle weiblichen celsianischen Diplomaten heraus und machen Sie eine Liste mit Foto. Schicken Sie diese Liste an das Rufzeichen der obersten genesianischen Prätora.“ „Darf ich fragen, Sea Federana, was das Gespräch mit Shashana ergeben hat?“, fragte der Sekretär demetanisch verständig und mit der Absicht, seine Vorgesetzte zu trösten. Er hatte ihrer Stimme angemerkt, dass es wohl nicht so gut gelaufen war. Auch konnte er das aus dem Auftrag, den sie ihm gegeben hatte, herleiten. „Ich komme zu Ihnen.“, sagte Nugura, die sein Angebot, dass sie sich bei ihm sozusagen ausheulen durfte, gern annahm.

Sie verließ das eigene Büro durch eine Verbindungstür. Nun stand sie vor Sarons Arbeitsplatz. „Bitte setzen Sie sich doch, Madam President.“, sagte der Demetaner und rückte einen zweiten Stuhl neben dem Seinen zurecht. „Es ist so unheimlich merkwürdig, Saron.“, sagte Nugura. „Da scheint es jemanden zu geben, die sich als celsianische Diplomatin ausgegeben hat. Außerdem behauptet sie, Forscherin zu sein. Sie hat den genesianischen Glauben mit Füßen getreten, nach allem, was ich weiß. Sie hat …“

Er reichte ihr ein Taschentuch, denn er sah an ihrem Gesicht, dass sie kurz davor stand zu weinen. Eigentlich sollte einer Politikerin ihres Standes so etwas nicht passieren, aber der aufmerksame Sekretär hatte zwei gesunde Augen im Kopf, die ihm jetzt verrieten, dass es trotz aller Benimmregeln jetzt doch passieren würde. „Danke, Mr. Saron.“, sagte Nugura und schnäuzte sich kräftig. „Bitte lassen Sie hiervon aber die Presse nichts erfahren, ja? Es ist nur, weil der Frieden mit den Genesianern ohnehin immer brüchig ist und weil ich langsam nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht. So vieles ist in meiner bisherigen Amtszeit falsch gelaufen, Mr. Saron. So vieles, an dem ich auch nicht ganz unschuldig war. Aber in diesem Fall…“

Sie konnte sich nicht mehr wehren. Ein Sturzbach von Tränen rann ihr Gesicht hinunter. Saron wischte eifrig mit Taschentüchern hinterher, konnte aber nicht wirklich etwas ausrichten. Sehen würde man es schon, dass sie geweint hatte.

„Sie sind Fatalist.“, stellte sie fest. „Könnte es sein, dass mich das Schicksal für meine Naivität, mit der ich an bestimmte Dinge herangegangen bin, jetzt bestrafen will?“ „Mit Verlaub, Madam President.“, antwortete Saron. „Ich bin kein Geistlicher. Es ist zwar richtig, dass ich, wie die meisten Demetaner, an das Schicksal glaube, dennoch kann ich Ihnen leider die Frage auch nicht beantworten, was es mit Ihnen im Sinn hat. Aber vielleicht kann ich etwas anderes tun.“

Er zog eine Schublade an seinem Schreibtisch auf und holte ein frisch repliziertes Päckchen mit feuchten Tüchern hervor. „Bitte halten Sie kurz still.“, bat er und wischte ihr die Spuren ihres Weinkrampfes vom Gesicht. „Gut, dass Sie aus religiösen Gründen kein Makeup tragen.“, sagte Saron. „Sonst hätte ich jetzt ein Problem.“ Nugura lächelte. „Na sehen Sie.“, meinte Saron. „Und selbst, Sea Federana, wenn morgen etwas über die weinende Nugura in der Presse stehen sollte, so denke ich, dass dies Sie nur von Ihrer ehrlichsten Seite zeigen würde und das ist ja beileibe nichts Schlimmes. Im Gegenteil, ich denke, es wird Ihre Chancen bei der Wählerschaft sogar noch erhöhen!“ In seinen letzten Satz hatte er besonders viel Überzeugung gelegt. „Oh, mein guter Mr. Saron.“, sagte Nugura erleichtert. „Sie verstehen es immer wieder, mich aufzuheitern.“

Sie räusperte sich. „Was macht der andere Auftrag, den ich Ihnen gegeben habe?“, fragte sie. „Schon erledigt.“, lächelte Saron und rief eine Liste auf dem Schirm seines Rechners auf. „Hier sind alle celsianischen weiblichen Diplomaten, die im Dienste der Föderation stehen. Aber eine Ginalla ist nicht darunter.“ „Woher wissen Sie das mit Ginalla?“, fragte Nugura verwundert. „Mit Verlaub, Madam President, ich hatte mich aufgeschaltet.“, gab Saron zu. „Ich weiß, das war ungehörig, aber ich dachte, ich müsse Ihnen irgendwie helfen und je mehr ich wüsste, desto besser könnte ich das. Deshalb habe ich …“ „Schon gut.“, fiel ihm Nugura ins Wort, die ihm nicht böse sein konnte. Für sie würde sein Fauxpas allenfalls die Stellung eines unbeabsichtigten Aufstoßens bei Tisch einnehmen. Es war nicht schön, aber passierte eben.

„Ich könnte versuchen herauszufinden, ob den Behörden auf Celsius etwas über eine Ginalla bekannt ist, die sich als Diplomatin ausgibt.“, schlug der clevere Sekretär nach einer Weile vor. „Tun Sie das.“, erlaubte Nugura. „Ich kann mir zwar nicht vorstellen, warum jemand das tun sollte, aber vielleicht wissen die Celsianer ja wirklich etwas. Aber zäumen wir das Pferd doch mal von einer ganz anderen Seite auf, Mr. Saron. Was ist, wenn einer unserer übrigen Feinde uns in einen Krieg mit den Genesianern hineinmanövrieren will.“ „An welchen Feind dachten Sie da genau, Madam President?“, fragte Saron. „Na zum Beispiel an Sytania.“, antwortete Nugura. „Das, Madam President,, gilt es zu beweisen.“, mahnte Saron sie zur Vorsicht. „Wenn wir Sytania beschuldigen, ohne Beweise zu haben, wird auch sie uns den Krieg erklären. Und, mit Verlaub, dazu hätte sie auch dann jedes Recht.“

Nugura überlegte. Ihr war aufgefallen, dass er Recht hatte, denn Sytania konnte mit einem einzigen Gedanken Welten vernichten. Nicht auszudenken, was sie mit der Föderation machen würde! Sicher würde ihnen dann auch keiner der Mächtigen helfen, die sonst auf ihrer Seite waren. Denn was Nugura dann täte, wäre eine ausgesprochene Dummheit. „Wenn ich Sie nicht hätte.“, sagte sie zu Saron. „Aber Ihr Vorschlag mit den celsianischen Behörden ist sehr gut. Tun Sie das und bringen Sie mir dann die Ergebnisse. Von ihnen wird mein weiteres Tun abhängen. Leider werden wir jetzt auch Kriegsschiffe in die Nähe der neutralen Zone beordern müssen, die das Gebiet der Föderation verteidigen. Die Genesianer können uns ja nicht einfach überrennen und ich habe auch eine Verpflichtung gegenüber der Zivilbevölkerung. Veranlassen Sie alles!“ Saron nickte.

Die Nachricht, dass sich die Föderation im Krieg befand, hatte auch ihre Alliierten, die Aldaner und die Tindaraner, erreicht. Zirell saß wie vom Donner gerührt in ihrem Bereitschaftsraum. „Krieg!“, entrüstete sie sich gegenüber Maron. „Wie konnte das passieren?!“ „Ich weiß es nicht, Sea Tindarana.“, versuchte der erste Offizier, seine Vorgesetzte zu beschwichtigen. „Wir hatten doch Shimar hinter Ginalla her geschickt, damit er auf sie aufpasst und gerade so etwas verhindert. Wo war er?“, erwiderte Zirell. „Das werde ich gleich herausfinden.“, entgegnete Maron. „IDUSA, mach mir eine Verbindung mit der IDUSA-Shuttleeinheit und gib mir Shimar!“ „Ich bin neugierig, was er zu seiner Verteidigung zu sagen hat.“, sagte Zirell.

Shimar und N’Cara waren mit IDUSA immer noch in Richtung des Notrufes unterwegs. Das Schiff steuerte sich selbst, denn Shimar war mit dem Versuch beschäftigt, Professor Tamin telepathisch zu erreichen. Er hoffte immer noch, N’Cara ihrem Vater übergeben zu können, denn er fand eigentlich nach wie vor, dass der Weltraum mit seinen ganzen Gefahren kein Ort für ein Mädchen ihres Alters war. Shimar hatte aber nicht das Gefühl, außer Reichweite zu sein, sondern er musste viel eher gegen eine mentale Mauer ankämpfen, die ihm Tamin in den Weg stellte. Er wollte nicht erreicht werden, das spürte Shimar. Aber wenn er ein verantwortungsvoller Vater war, konnte er doch nicht zulassen, dass seine Tochter sich solcher Gefahr aussetzte. Deshalb ließ er nicht locker, auch, wenn er inzwischen vor Anstrengung ein hoch rotes Gesicht bekommen hatte.

IDUSA musste einen sanften Stimulatorstoß über den Neurokoppler schicken, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Erst das brachte Shimar dazu, von Tamins Geist abzulassen. „Was gibt es?“, sagte Shimar völlig außer Atem. „Ich habe eine Verbindung für Sie.“, meldete der Schiffsavatar. „Ich muss Sie allerdings warnen. Es ist Agent Maron und laut dem Frequenzschema seiner Stimme ist er extrem gereizt, um nicht zu sagen stinksauer.“ „Gib her.“, sagte Shimar ruhig. „Den beruhige ich schon wieder.“ „Da bin ich nicht so sicher.“, entgegnete das Schiff und schaltete die Verbindung.

Vor Shimars geistigem Auge auf dem virtuellen Schirm erschien das extrem wütende Gesicht Marons. „Hatte ich mich nicht klar ausgedrückt?!“, schrie der demetanische erste Offizier seinen Untergebenen an. „Du solltest auf Ginalla aufpassen! Jetzt hat sie uns allen Vermutungen nach in einen Krieg manövriert. Die Föderation befindet sich im Krieg mit Genesia und sie vermuten, dass Sytania etwas damit zu tun hat! Wenn dies der Fall sein sollte, verlangt Nugura nach der Hilfe von uns und anderen telepathischen Verbündeten! Ich gebe zu, ich zähle mich wahrheitsgemäß nicht zu den Telepathen, aber ich arbeite für sie! Was hast du gemacht, als wir dich gebraucht hätten, damit du ihr ins Gewissen redest?!“ „Da war ich wohl gerade beim Stoßball.“, sagte Shimar. „Was!“, schrie Maron und verschluckte fast das Mikrofon. „Also, noch mal! Während du eine sonntägliche Sportveranstaltung samt Familienidylle genossen hast, schlittern wir durch die Unvorsichtigkeit einer Zivilistin in einen Krieg, den du eigentlich verhindern solltest! Hat IDUSA dich nicht gewarnt? Oder war dein Sprechgerät aus, so dass sie dich nicht erreichen konnte?! So kenne ich dich nicht! Du bist sonst immer so pflichtbewusst! Was isst mit dir los?!“

Marons Blick fiel auf N’Cara. „Wer ist das?!“, fragte er immer noch total außer sich.

Bevor Shimar allerdings antworten konnte, nahm IDUSA das Gespräch zurück und erklärte sachlich, wie es für sie als künstliche Intelligenz normal war: „Tut mir Leid, dass ich mich einmische, aber ich denke, ich kann den einzigen logischen Grund liefern, warum Shimar keine Ahnung von dem hatte, was geschehen ist.“ „Na dann.“, sagte Maron, der sich inzwischen wieder einigermaßen beruhigt hatte. Er wusste, wenn er sie anschreien würde, würde das nichts ändern und im Gegensatz zu Shimar würde ihr das auch nichts ausmachen können. Außerdem hatte er das unbestimmte Bauchgefühl, dass sie ihm gleich ein Argument liefern würde, das seine Wut ausbremsen konnte und nach dem er sich vielleicht sogar bei Shimar entschuldigen musste. Von 100 auf null in einer Sekunde war noch nie ohne Schleudertrauma ausgegangen.

„Ich stand in Kontakt mit der interdimensionalen Sensorenplattform.“, erklärte IDUSA. „Sie hat mir Daten geliefert, die mir nicht den geringsten Anlass dazu boten, Shimar vor irgendetwas zu warnen. Im Gegenteil. Laut den Daten, die ich bekommen habe, war Ginalla zwar auf dem Weg nach Genesia, hatte sich aber dort einem archäologischen Trupp angeschlossen. Ich vermute allerdings, dass die Plattform manipuliert wurde. Jedenfalls lässt die Logik keinen anderen Schluss zu.“

Maron sah Zirell an. „Das könnte durchaus sein.“, sagte die Tindaranerin. „Erinnere dich bitte, dass diese Ginalla sich schon einmal in ein tindaranisches System gehackt hatte, um ihr Ziel zu erreichen. Was ist, wenn sie ihrem Schiff so einen Befehl noch einmal gegeben hat, um Shimar und IDUSA abzuschütteln. Eine bewährte Taktik sollte man schließlich nicht ändern.“ „Ich denke, du hast Recht.“, sagte Maron. „Jenna sollte das überprüfen. Ich werde sie, als ermittelnder Agent, natürlich begleiten, aber …“ „Als erstes solltest du dich jetzt bei Shimar entschuldigen.“, sagte Zirell, nachdem sie seinen Vorschlag abgenickt hatte. „Sicher.“, entgegnete Maron und nahm das Mikrofon erneut in die Hand. Er holte einige Male tief Luft, bevor er die Sendetaste betätigte. „Es tut mir lLeid, Shimar.“, sagte er ruhig. „Nanu?“, wunderte sich der junge Patrouillenflieger. „Was hat IDUSA dir gesagt, dass einen solchen Sinneswandel bei dir hervorgerufen hat? Ich dachte schon, du lässt mich gleich strafexerzieren.“ „IDUSA geht davon aus, dass ihr beide manipuliert worden seit.“, erklärte Maron. „Sie sagt, sie vermutet, dass die Plattform mit falschen Daten gefüttert worden ist, um euch abzuschütteln. Ginalla hat sich schon einmal erfolgreich in ein tindaranisches System gehackt. Warum sollte sie etwas, das einmal funktioniert hat, kein zweites Mal versuchen? Ihr konntet also gar nicht wissen, was los war. Darum kümmern wir uns. Aber jetzt versucht bitte, dieses Problem irgendwie zu lösen und sie zu finden.“ „Sicher.“, sagte Shimar. „Übrigens, das ist N’Cara. Die hat man mir im wahrsten Sinne des Wortes aufs Auge gedrückt. Hier passieren eine Menge Dinge, Maron, die ich noch nicht einordnen kann.“ „Schon gut.“, sagte Maron. „Kein Problem.“ Er lächelte und drückte die 88-Taste.

Mit Problemen ganz anderer Art hatte Kamurus zu kämpfen. Traurig und verloren war er am Rand des genesianischen Sonnensystems entlanggedümpelt. Er hatte zwar einen Notruf abgesetzt, nachdem er sich endlich dazu entschließen konnte, befürchtete aber, dass die einzigen in Reichweite befindlichen Sprechgeräte genesianischer Herkunft waren. Wenn die Genesianer merkten, dass er noch da wäre, hätte es vielleicht sein können, dass sie ihn angreifen würden, weil er Ginalla eventuell eine Möglichkeit zur Flucht bieten könnte. Wenn er aber dafür sorgen könnte, dass die Genesianer dachten, sie hätten ihn zerstört, sähe das schon anders aus. Zu diesem Zweck musste er nur irgendwie einen perfekten Abguss von sich selbst schaffen.

Seine Sensoren stolperten buchstäblich über einen plötzlich in seinem Weg auftauchenden Einzelgänger, einen Planeten ohne Sonnensystem, der auch noch in Richtung einiger gasförmiger Ringe eines weit außerhalb des Sonnensystems liegenden Planeten unterwegs war. „Du kommst mir gerade recht.“, flüsterte Kamurus.

Er setzte Kurs in Richtung der Gasringe und pflügte in geringer Flughöhe über sie hinweg und hindurch. Dabei hatte er seine Hülle elektrisch so gepolt, dass sie viel von dem Gas ansaugte, das im Weltraum sofort gefrieren würde, wenn er sich nicht mehr bewegte. „Das war der erste Streich.“, stellte er fest und landete mitten auf dem Einzelgänger. Er schaltete alle Wärme erzeugenden Systeme aus. Jetzt würde das gefrorene Gas bald einen perfekten Eispanzer bilden. Dieser musste seinen Berechnungen nach um die 20 Meter dick werden, damit genesianische Sensoren ihn nicht durchdringen konnten. Außerdem mussten weitere drei Meter im Inneren oben, unten, rechts und links her, damit er, wenn er sich mit Hilfe seines Temperaturregelungssystems für die Außenhülle diesen Platz freigeschmolzen hatte, drei Meter steigen konnte, um unter sich ein interdimensionales Feld aufzubauen. So würde er außer Phase geraten und dann, weil er dann aus Energie bestand, jede feste Materie durchdringen können.

Ungeduldig wartete er ab, bis der Gefriervorgang abgeschlossen war. „Zu wenig.“, stellte er fest, nachdem er alles noch einmal gescannt hatte. „Der Panzer ist nur 10 Meter an jeder Seite dick. Wenn ich von innen jetzt die drei Meter an jeder Seite weg schmelze, um mich zu befreien und mir den Steigflug zu ermöglichen, sehen die Genesianer sofort, dass die Attrappe innen hohl ist und dabei dachte ich, ich hätte genug Gas gesammelt. War wahrscheinlich auch so. Nur ich habe die Hälfte unterwegs verloren. „

Er versuchte, mit den Transportersensoren ein weiteres Gasvorkommen zu erfassen, aber das klappte auch nicht, weil seine Sensoren zu empfindlich waren und die Eisschicht nicht mehr durchdringen konnten. Er konnte sich ja auch nicht freischießen und noch einmal zum Gassammeln los fliegen. Das würde ja ein Loch und später eine Nahtstelle bedeuten. Die Genesianer würden ihm dann auf jeden Fall draufkommen. Kamurus war verzweifelt. Jeder Anflug von Mut hatte ihn verlassen.

Tamin saß schweißnass in seinem Arbeitszimmer. Der mentale Kampf mit Shimar um seine Erreichbarkeit war auch an ihm nicht spurlos vorbei gegangen. Er hatte ihn sogar so angestrengt, dass es physische Auswirkungen gegeben hatte. Erschöpft sah er N’Ciba an, die ins Zimmer trat und ihm mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn wischte. „War es so schlimm?“, fragte sie mitfühlend. „Das kann man wohl sagen.“, entgegnete ihr sichtlich müder Ehemann. „Du kannst dir nicht vorstellen, was für einen Durchhaltewillen dieser junge Mann hat!“ „Oh, doch!“, antwortete N’Ciba voll Überzeugung. „Die Tindaraner benutzen meiner Information nach ihre Fähigkeiten auch im Kampf. Dass sie gut trainiert sein müssen, ist also logisch. Ich hatte dich gewarnt, dich dem allein zu stellen. Aber du wolltest ja nicht hören.“ Sie lächelte ihn an. „Das er mich doch nicht erreicht hat.“, sagte Tamin weiter. „Verdanke ich eigentlich seinem Schiff.“ „Seinem Schiff?“, echote N’Ciba unsicher. „Ja.“, erklärte Tamin. „Sie hat ihn sehr schnell von hier weggetragen. wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich sicher aufgeben müssen.“ „Dann können wir ja von Glück reden, dass sie, warum auch immer, ihn von dir fort gebracht hat. Sonst wäre der Plan unter Umständen noch gescheitert. Er darf nicht zu früh herausbekommen, was hier vorgeht. Auf keinen Fall zu früh. Das haben wir Brako, Nugura und Tolea versprochen.“ „Das haben wir, mein Liebling.“, versuchte Tamin, den Eifer seiner Frau zu bremsen. „Und es wird auch nichts geschehen, das den Plan gefährden könnte. Darauf kannst du dich verlassen. Übrigens, ich weiß, worauf sie reagiert hat. Wenn alles nach Plan verläuft, müsste sie auf den Notruf des celsianischen Schiffes reagiert haben.“ „Bestimmt war das auch so.“, vermutete N’Ciba und ging.

Ginalla saß in einer Art Werkstatt vor einer Konsole. Hier hatte sie eine Menge defekter Bohrsonden und anderer Gerätschaften vor sich liegen, die bei der Gewinnung von Kristallen von Nutzen waren. „Was machen diese ungehobelten Genesianer mit euch?“, wendete sich die Celsianerin scherzhaft an die Geräte. „Man könnte ja glatt das Gefühl kriegen, die behandeln euch mit Absicht wie Klump, damit ich ordentlich zu tun kriege und die Arbeit am Ende nicht schaffe, damit sie mir die Rationen kürzen können. Wenn das von Cyrade ausgeht, dann hat s’e sicher persönlich was gegen mich. Aber die alte Ginalla wird nicht zulassen, dass so etwas auf euren Rücken ausgetragen wird.“ Fast zärtlich nahm sie eine Sonde in die Hand und schloss sie an ihr Diagnosepad an.

Sie bemerkte eine Wärterin, die sich wohl auf ihrem stündlichen Streifengang befinden musste. „Hey!“, rief sie ihr zu. „Ich brauch’ mal jemanden zum Quatschen. Es geht um meine Arbeitsbedingungen hier.“ Die Wärterin drehte sich genervt um. Erst jetzt erkannte Ginalla, dass es sich um Athemes handelte. Gott sei Dank., dachte sie. Die kann wenigstens Englisch. Da muss ich nicht mit Händen und Füßen reden. „Was?!“, fragte die Genesianerin streng. Sie war es gewohnt, gegenüber den Gefangenen einen solchen Tonfall an den Tag zu legen. „Wenn es euch keine Umstände macht, dann hätte ich gern eine Assistentin.“, erklärte Ginalla, die sich vom Befehlston der Wärterin nicht hatte schrecken lassen. „Eine Assistentin willst du?!“, fragte Athemes und lachte schallend auf. „Ja.“, sagte Ginalla und machte ein lässiges Gesicht. „Ich krieg’ das nich’ allein hin hier. Is’ echt ziemlich viel, was eure Arbeiter kaputt machen. Ihr solltet sie echt besser einweisen. Außerdem kann mit kaputten Maschinen nichts gefördert werden und das mag Sytania sicher gar nicht.“

Athemes wurde blass. Die junge Wärterin war noch sehr idealisiert und hatte eine hohe Meinung vom Ehrgefühl der Genesianer. Sie konnte und wollte sich nicht vorstellen, dass ihre Prätora unter Umständen für Sytania arbeiten würde. „Ja, ja.“, sagte Ginalla, um ihr noch weiter zuzusetzen. „Ich weiß Bescheid. Also, das ist ganz einfach für dich, aus der Nummer wieder raus zu kommen. Gib mir meine Assistentin und die liebe Ginalla vergisst ganz schnell wieder, was sie neulich gehört hat. Ansonsten is’ die Info ganz schnell bei Sytania, dass ihr ihr Kristalle vorenthaltet, nur um eine arme Gefangene zu quälen. Ich hab’ zwar keinen blassen Schimmer, wer diese Sytania ist, aber sie muss schon eine ganz schön mächtige Person sein, wenn du so’n Fracksausen vor ihr hast.“ „Schon gut.“, sagte Athemes. „Wen willst du?“ „Na das klingt ja schon ganz gut.“, lobte Ginalla. „Und weil heute dein Glückstag ist, will ich dir sogar antworten. Ich will Aruna!“ „Aruna?“, fragte Athemes ungläubig. „Die hat zwei linke Hände!“ „Die werde ich ihr schon abgewöhnen.“, sagte Ginalla zuversichtlich und ruhig. „Und lasst euch ja nicht einfallen, mir jemanden anders unterzujubeln, sonst … Ihr wisst schon.“

Sie machte eine Bewegung, als wolle sie in ihre Tasche fassen, um einen Kontaktkelch herauszuholen. Athemes schlotterten die Knie. Sie war eine junge und unerfahrene Wärterin und hatte wohl tatsächlich Angst, die Celsianerin hätte so etwas sogar vor den Sensoren der Eingangskontrolle verbergen können und es jetzt sogar in ihrer Sträflingskleidung versteckt. „Schon gut.“, stammelte Athemes. „Du kriegst sie.“ Sie winkte einer anderen Wärterin, die Aruna herüberführte. „Wie kannst du mich als Assistentin wollen?“, wollte die völlig verwirrte Aruna wissen. „Es ist wahr, ich habe zwei linke Hände und …“ „Ach, halt die Klappe.“, fuhr ihr Ginalla über den Mund. „Ich geb’ dir erst mal fne ganz leichte Aufgabe. Du kannst erst mal unseren Arbeitsplatz strukturieren. Sortier’ erst mal die Sonden in Software- und Hardwarefälle. Das kannst du ja wohl sehen. So. Und dann werden wir mal gucken, wie links veranlagt deine beiden Hände wirklich sind!“ Irritiert nickte Aruna und begann, die ihr von Ginalla aufgetragene Tätigkeit auszuführen.

Telzan hatte das ganze Geschehen durch den Kontaktkelch beobachtet. Er hatte die weiteren Pläne seiner Gebieterin zunächst in Gefahr gesehen, denn er glaubte, dass die Genesianerin oder die Celsianerin vielleicht verraten könnten, wer Sytania war und was ihr Motiv sei. Aber der Vendar konnte aufatmen. Ginalla schien nicht das Geringste über Sytania zu wissen. Sie schien für sie nur jemand zu sein, vor dem ihre momentanen Widersacher, die Wärterinnen im Gefängnis, große Angst zu haben schienen und das gereichte ihr im Augenblick zum Vorteil. Weitere Gedanken schien sie sich nicht zu machen und auch nie gemacht zu haben. Im Gegenteil! Sytania schien für Ginalla sogar positiv besetzt zu sein, was man vielleicht später sogar benutzen könnte.

Cirnach, Telzans Ehefrau, betrat das Zimmer. Sie sah das freudige Gesicht ihres Mannes und fragte: „Was erfreut dich so, mein fröhlicher Ehemann?“ „Das sollst du gleich erfahren, meine liebe Ehefrau.“, antwortete er und deutete auf das Sitzkissen neben dem Seinen. Cirnach setzte sich vertrauensvoll und er gab ihr eine Hand. Ihre Zweite führte er sanft auf den Fuß des Kontaktkelches. Vor Cirnachs geistigem Auge erschien das verschwommene Bild des genesianischen Gefängnisses. „Du musst dich darauf konzentrieren, Telshanach.“, flüsterte ihr Telzan zu. Dabei war er nach wie vor sehr aufgeregt. Er ahnte, sie würde, wenn sie alles sähe, sicher den gleichen Gedanken hegen wie er.

Cirnach folgte seiner Anweisung und das Bild wurde klarer. Sie sah Ginalla und Aruna, die sehr gut zusammenarbeiteten. „Was hat dich nun daran so erfreut?“, fragte sie verwundert. „Ich sehe nur zwei Gefangene, die gut zusammenarbeiten.“ „Warte.“, sagte Telzan ruhig und stellte sich den Sonnenlauf vor. Allerdings bewegte sich die Sonne in seinen Gedanken rückwärts. Für den Kontaktkelch kam dies einem Befehl zum Zurückspulen gleich. Jetzt konnte Cirnach sehen, was ihren Mann so erfreut hatte. „Sie ist so herrlich naiv!“, frohlockte die Vendar. „Ach, sie ist so herrlich naiv. Außerdem ist sie so auf ihren eigenen Vorteil bedacht, dass sie alle anderen Konsequenzen außer Acht lässt. Sie ist gar nicht wie alle anderen Offiziere der Föderation. Bei denen hätten sämtliche Alarmglocken geschellt, wenn …“ „Du vergisst, Telshanach.“, belehrte Telzan sie. „Dass Ginalla keine Offizierin ist. Sie ist eine Zivilistin mit wohl keiner so großen Schulbildung, die nur für den eigenen Spaß lebt. Ich bin überzeugt, es ist ihr total egal, wer unsere Gebieterin ist und was für ein Motiv sie hat. Ginalla will nur die eigene Position verbessern. Dafür benutzt sie die Angst vor Sytania. Aber das kann uns ja auch nur einen Vorteil bringen. Ginalla verbindet mit Sytania etwas Positives. Also wird sie später, wenn unsere Gebieterin ihren Plan ausführt, auch keine unangenehmen Fragen stellen und uns brav aus der Hand fressen.“

Cirnach zog ihre Hand vom Kelch und die andere aus der Seinen. Dann sprang sie auf und rief: „Du bist so klug, mein Ehemann! Wirst du unserer Gebieterin berichten, was du gerade gesehen hast?“ „Das werde ich!“, entgegnete Telzan. „Allerdings glaube ich, dass sie durch ihre Allmacht schon längst weiß, was wir auch wissen. Erwähne aber nichts gegenüber Cyrade, wenn du gleich wieder nach Chenesa fliegst. Schließlich darf sie ja nicht merken, dass wir sie auch nur benutzen.“ „Darauf kannst du dich verlassen.“, antwortete Cirnach und grinste teuflisch, bevor sie das Haus verließ, um zu ihrem Shuttle zu gehen.

Kapitel 26 - Tarn- und Täuschung von Visitor

Mitten in der Nacht hatte Sedrin die Sprechanlage der Wohnung, die Scotty jetzt allein bewohnte, betätigt. Der verschlafene Chefingenieur a. D. hatte im schwachen Licht der für die Nachtphase typischen Notbeleuchtung nicht erkannt, woher der Ruf kam, denn er hatte das Display nur schwer ausmachen können. „Wer ist dort?“, fragte er knurrig. Scotty konnte es auf den Tod nicht leiden, wenn man ihn aus seinen schönsten Träumen weckte. „Hier ist Agent Sedrin.“, meldete sich die Demetanerin ruhig. „Bitte ziehen Sie sich an, Techniker. Ich komme gleich zu Ihnen. Wir müssen Terra verlassen. Hier sind Sie nicht mehr sicher. Chief-Agent Tamara und ihre Kollegin, Chief-Agent Zoômell, denken, dass Sie besser auf Tindara aufgehoben sind. Die Tindaraner haben ganz andere Möglichkeiten, jemanden in Ihrer Situation zu beschützen.“ „In meiner Situation?“, fragte Scotty nach. „Sie sind unser wichtigster Zeuge.“, erklärte Sedrin. „Sie sind der Einzige, der uns über die kommenden Angriffe Sytanias informieren kann. Bitte stellen Sie mir jetzt keine Fragen mehr. Ich erwarte Sie vor Ihrer Tür!“ Bei ihren letzten beiden Sätzen hatte sie eine leichte Strenge in ihre Stimme gelegt, um ihn zur Eile zu treiben. Sie wusste, dass sie nicht viel Zeit hatten.

Scotty warf seine Kleidung über und wankte immer noch sehr schlaftrunken zur Tür. Hier traf er auf die etwas hektisch dreinschauende Sedrin, die ihm sofort eine Tasche in die Hand drückte „Ihr Gepäck.“, erklärte sie. „Wir reisen als befreundete Touristen. In zwei Stunden geht der Liner nach Tindara. Also beeilen Sie sich bitte.“

Scotty setzte die Tasche ab und lüftete den Verschluss, um zumindest einen Blick zu erhaschen. „Dafür haben wir keine Zeit!“, drängte Sedrin. „Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt!“ „Sorry, Agent.“, entschuldigte sich Scotty. „Aber ich muss doch wohl wissen, was der Schotte unter’m Kofferdeckel hat, falls ich den Koffer identifizieren muss.“ „Es ist das durchschnittliche Gepäck eines Terraners zur Urlaubszeit.“, erklärte Sedrin. „Hauptsächlich Kleidung und Schuhe. Ach ja. Wundern Sie sich bitte nicht, wenn ich Sie beim Einchecken duze. Das müssen wir tun, um unsere Tarnung aufrecht zu erhalten. Also, lassen Sie den Techniker und ich den Agent hier und dann komm!“ „Na gut, Sedrin.“, sagte Scotty und folgte ihr vor das Gebäude. Hier stiegen sie in ein normales Taxi, dessen vulkanischer Fahrer keinen Verdacht hegte, denn das Gebäude war ja offiziell Eigentum der Sternenflottenakademie. Es war für ihn zwar etwas ungewöhnlich, jemanden hier mitten in der Nacht abzuholen, aber Sedrin sagte einfach, ohne mit der Wimper zu zucken oder rot zu werden: „Mein Freund ist hier Professor. Er hatte noch zu tun. Leider konnte er das nicht während seiner normalen Arbeitszeit erledigen, weil ihm noch einige Gespräche mit Kadetten dazwischen gekommen sind.“ „Ja, ja. Die Kadetten.“, bestätigte Scotty ihre Geschichte und versuchte leicht genervt zu klingen. „Aber jetzt geht es erst mal in den wohl verdienten Urlaub, den ich mit meiner besten Freundin verbringen werde. Ich bin im Moment Single und da bietet sich das ja an.“

Warum die Beiden dem Fahrer diese Legende auftischten, war Scotty, obwohl er kein ausgebildeter Agent war, auch längst klar. Falls jemand irgendwas an der Sache merkwürdig finden könnte und, warum auch immer, Ermittlungen beginnen würden, hätte man einen Zeugen, der die Legende, die der Geheimdienst sich für ihn und Sedrin überlegt hatte, bestätigen könnte. Der Vulkanier würde zwar lügen müssen, aber er wusste das ja nicht und deshalb war es für ihn die Wahrheit. „Eine gute Legende ist die halbe Tarnung.“, hatte Sedrins alte Professorin für Spionage an der Akademie ihren Kadetten immer eingebläut. Daran hatte sich die Demetanerin bis heute gehalten und Tamara und Zoômell sogar beim Ersinnen der Legende geholfen.

Das Taxi, ein ebenfalls elektrisch betriebener schwarzer Jeep, bog in die Straße zum Raumflughafen ein. Wie schnell sie in Washington waren, hatte Scotty nicht bemerkt. Er hatte sich mit seiner neuen Identität beschäftigt. Auch Sedrin hatte getan, als würde sie die Ihre auswendig lernen, um ihn nicht unnütz unter Druck zu setzen.

Wenige Minuten danach betrat er mit ihr das Gebäude des Raumflughafens. „Wir sollten uns aber mit du ansprechen, Scotty.“, zischte sie ihm zu. „Schließlich reisen wir als befreundete Touristen.“ „OK.“, flapste der Schotte. „Laut meiner neuen Identität nennst du mich also dann Montgomery Miller.“ Er bemerkte kleinlaut: „Wenigstens ist mir mein Vorname geblieben. „Montgomery ist ein ganz normaler männlicher Vorname im englischen Sprachgebrauch.“, erklärte Sedrin. „Genau wie Miller ein normaler Allerweltsname ist. Bei mir ist es ähnlich. Ich heiße auch noch immer Sedrin, weil jede dritte Frau auf Demeta so heißt. Aber ich bin verheiratet und mein Mann heißt Yaron. Wenn wir uns also im Urlaub verlieren, musst du nach Sedrin Yaron fragen.“ „Kapiert.“, sagte Scotty.

Beide stellten ihr Gepäck auf eine Platte vor einem Terminal in der Abflughalle und legten ihre Finger auf eine weitere. Dann erschien im Display eine Nummer, die Sedrin später in eine Konsole eingab, die eine Schwingtür aktivierte, die sie direkt zu ihrem Shuttle leitete. Sie gingen den bequemen Steg entlang und kamen an Bord, wo ein Flugbegleiter sie zu ihren Plätzen brachte.

Aruna und Ginalla hatten sich in ihrer Zelle wieder getroffen. „Warum wolltest du mich unbedingt als Assistentin?“, fragte die Genesianerin. „Weil ich das Gefühl habe, dir noch was zu schulden.“, knurrte Ginalla zurück, die schon wieder im Halbschlaf war. „Wieso?“, fragte Aruna irritiert. „Weil du mein Leben gerettet hast.“, entgegnete Ginalla. „Wenn du nicht gewesen wärst, wäre ich an dem verdammten elektrischen Schlag gestorben. Hätte eigentlich selbst drauf kommen müssen. Bin sicher die reinste Lachnummer für dich. Eine Celsianerin, die noch nicht mal hinter ein technisches Geheimnis kommt.“ „Ach was.“, meinte Aruna abfällig. „Das habe ich schon längst vergessen. Aber was ich dich noch fragen wollte, wie bist du auf die Sache mit Sytania gekommen?“ „Ganz einfach.“, grinste die Celsianerin. „Ich höre Nachrichten und weiß daher, dass die Föderation pro Logar ist. Warum sollten dann nicht ihre Feinde, die Genesianer, pro Sytania sein?“ „Ich glaube, die oberste Prätora hält auch nichts von Sytania.“, entgegnete Aruna. „Aber Prätora Cyrade scheint das anders zu sehen. Ich glaube, sie verehrt eine Göttin mit schwarzen Augen. Ich habe einmal einen merkwürdigen Anhänger an ihrem Hals gesehen.“ „Soll uns doch egal sein, wen die anbetet!“, raunzte Ginalla. „Wichtig ist, dass wir mit der Erwähnung des Namens Sytania anscheinend alles kriegen, was wir wollen. Alles andere ist mir Sch …“ „Schon klar.“, entgegnete Aruna, die anscheinend etwas mehr nachdachte als Ginalla. Im Gegensatz zu ihr war der jungen Genesianerin klar, dass hier etwas am Gange war, das nicht mit rechten Dingen zuging.

Mikel hatte mich in der Mangel. Für mich war dieser Umstand sehr unbequem. Es gab Zeiten, da hatte ich mich in Mikels Mangel sehr wohl gefühlt, aber jetzt war dies nicht der Fall. Immer und immer wieder wiederholte der erste Offizier gegenüber mir die gleichen Fragen. „Ich weiß es nicht!“, beteuerte ich zum ich weiß nicht wievielten Mal. „Ich kann dir nicht sagen, was oder wer mich mit Savarid-Strahlung infiziert haben könnte.“ „Eines steht fest.“, sagte Mikel. „Deine Infektion muss auf deinem Flug nach Alaris passiert sein. Vorher hattest du keine Savarid-Strahlung in deiner Hirnrinde. Ich habe mit Loridana gesprochen. Hat dir Korelem etwas gegeben, das du vorher nicht hattest oder hat er dich irgendwie mit einer Spritze oder anderem medizinischen Gerät behandelt?“ „Nein.“, sagte ich. „Ich weiß nur, dass ich einen alaranischen Freundschaftskelch von ihm bekommen habe. Er hat gesagt, wenn ich ihn zum Trinken meines Frühstückskaffees verwende, würde eine symbolische gedankliche Brücke …“ „Das könnte es sein.“, sagte Mikel. „Würdest du den Kelch bitte holen?“ Ich nickte. „Glaubst du wirklich, dass es etwas mit dem Kelch zu tun hat?“, fragte ich. „Ich meine, warum sollte Korelem so etwas tun? Er ist ein einfacher Zivilist. Wie sollte er Zugang zu so etwas erhalten?“ „Er ist kein einfacher Zivilist.“, widersprach Mikel. „Er scheint so etwas wie ein V-Mann zu sein. Jedenfalls hat er auf eurem Flug mit dem Chief-Agent der Sternenflotte geredet. Ein einfacher Zivilist hat ja wohl kaum Tamaras Rufzeichen.“ „Deine direkte Vorgesetzte?!“, entfuhr es mir. „Du meinst also, es war Absicht?!“ „Das denke ich!“, sagte Mikel mit Überzeugung, dem langsam alles klar wurde. „Ich habe das Gefühl, wir sind alle Teil eines Plans.“

Die Sprechanlage von Mikels Quartier, in dem wir uns befanden, piepte plötzlich. „Hier ist Agent Mikel.“, beantwortete selbiger den Ruf. „Mikel, ist Betsy noch bei Ihnen?!“, kam Kissaras hektische Stimme zurück. „Ja.“, sagte Mikel ruhig. „Kommen Sie zwei sofort zur Brücke!“, befahl sie. „Es ist etwas passiert, bei dem nur Sie helfen können!“

Mikel hängte das Mikrofon ein und wir stürzten auf den Flur zum nächsten Turbolift. „Wieso können nur wir helfen?“, fragte ich ihn verwundert. „Ich kann auch nur vermuten.“, vertröstete er mich. „Aber ich glaube, dass sich jemand nach Blind Man’s Land verirrt hat. Du und ich, Betsy, wir können im Notfall nach Gehör und Hosenboden navigieren. Aber verlang das mal von einem sehenden Piloten.“ „Oh, Mann.“, flüsterte ich.

Wir betraten die Brücke. „Da sind Sie ja!“, rief Kissara hektisch. „Mikel, Sie fliegen unser Schiff. Betsy, Kang wird Ihnen gleich wieder Ihren Posten übergeben. Er hat einen Frachterpiloten am SITCH, der nach Blind Man’s Land geraten ist. Um da wieder raus zu kommen, braucht er Ihre Hilfe. Mikel ist der Einzige, der außer Ihnen noch mit dem Hilfsmittelprogramm umgehen kann. Aber Sie werden gleich alle Hände voll damit zu tun haben, ihn zu uns zu sprechen.“ „OK, Mafam.“, sagte ich und tauschte mit unserem klingonischen Waffenoffizier den Platz. „Die Verbindung besteht noch immer, Allrounder.“, meldete Kang. „OK, Mr. Kang.“, sagte ich. „Gehen Sie wieder auf Ihren Posten.“ Der Waffenoffizier nickte und nahm wieder seinen Platz hinter dem Waffenpult ein.

Ich steckte meinen Ohrhörer ein und nahm das Mikrofon in die Hand. „Hier ist Allrounder Betsy.“, identifizierte ich mich. „Andrew King.“, kam es zurück. „Sehr angenehm. Bitte helfen Sie mir, Allrounder. Ich hatte einen Ausfall des Kursrechners. Als ich den wieder hoch gefahren hatte, war es schon zu spät. Da hing ich schon hier. Sämtliche Sensoren sind ausgefallen. Auf Sicht fliegen kann ich auch nicht, weil die verdammte Sonnenstrahlung so blendet. Verdammt, ich weiß nicht mehr, wo oben und unten ist!“

Ich drückte die Break-Taste: „Keine Panik, Mr. King. Ich kenne Ihre Situation. Wir beide machen das jetzt zusammen, OK?“ „Wieso kennen Sie meine Situation?“, entgegnete er. Ich beschloss, mit keinem Wort zu erwähnen, dass ich selbst nicht sehen konnte. Das hätte ihn nur noch panischer gemacht.

„Computer, wie weit sind wir von der Position des rufenden Shuttles entfernt?“, fragte ich mein Hilfsmittelprogramm. „33 Parsec.“, antwortete der Rechner. „Sendeleistung des Sprechgerätes auf diese Entfernung beschränken!“, befahl ich. „Was haben Sie vor, Betsy?“, fragte Kissara. „Ich werde ihn mit Hilfe der Reichweite zu uns holen.“, sagte ich. „Wenn die Verbindung schlechter wird, weiß er, dass er sich von uns entfernt. Aber ich muss ein kontinuierliches Signal erzeugen, an dem er sich orientieren kann.“ „Fang an zu singen.“, schlug Mikel vor. „Das müsste funktionieren.“, sagte ich. Dann nahm ich die Verbindung erneut auf. „Mr. King.“, sagte ich. „Ich werde Ihnen jetzt gleich etwas vorsingen. Wenn die Verbindung schlechter wird, wissen Sie, dass Sie sich von uns entfernen. Wird sie besser, kommen Sie uns näher. Ihre Geschwindigkeit müssen Sie an ihrem Hosenboden erfühlen. Konzentrieren Sie sich auf das Gefühl, das Sie dort verspüren. Der Antrieb macht Vibrationen. Wenn diese stärker werden, fliegen Sie schnell. Werden sie schwächer, sind Sie langsam unterwegs.“ „Oh, Gott!“, sagte King panisch. „Nicht so viele Informationen auf einmal. Worauf soll ich mich konzentrieren?“ „Auf Ihren Arsch, verdammt!!!“, schrie ich ihn an. „Und jetzt reißen Sie sich zusammen! Sie müssen schon etwas mitarbeiten! Für unseren Traktorstrahl sind Sie noch zu weit weg!“ „Ich versuche es.“, versprach King. „Also los.“, sagte ich und begann, einen von Shannon gelernten irischen Gassenhauer zu schmettern. Wenige Minuten danach tauchte tatsächlich ein ziviles Shuttle vor uns auf. „Das klappt ja tatsächlich.“, staunte Kissara, die unsere eigenwillige Aktion zwar merkwürdig gefunden, Mikel und mich aber dann doch unterstützt hatte. „Betsy, Sie können Ihre Stimme schonen. Er dürfte jetzt wieder sehen können, wohin er fliegt.“, sagte sie.

Ich beendete meinen Gesang und ließ die Sendetaste los. „Vielen Dank, Allrounder.“, antwortete er. „Jetzt weiß ich wieder, wo ich bin. Aber ich glaube, mein Schiff benötigt einige Reparaturen. Vielleicht kann sich Ihr Ingenieur darum kümmern.“ Ich drehte mich fragend in Kissaras Richtung. „OK.“, sagte sie. „Weisen Sie ihn nach Andockplatz drei. Der ist frei. Jannings wird sich dann um sein Shuttle kümmern und Sie sich um ihn. Es wäre gut, wenn Sie ihn dazu überreden könnten, zu Loridana auf die Krankenstation zu gehen und sich mal richtig untersuchen zu lassen. Vor allem sollten seine Augen untersucht werden. Wenn er die Filter nicht rechtzeitig vorgeschaltet hat, könnte es für ihn sehr üble Folgen gehabt haben.“ „Aye, Commander.“, sagte ich und führte ihre Befehle aus.

Scotty und Sedrin hatten auf dem gesamten Flug nach Tindara nicht viele Worte gewechselt. Der Terraner fragte sich, wie die Agentin ihn und sich, wenn sie beide als Zivilisten durchgingen, auf eine tindaranische Militärbasis bringen wollte. Er dachte sich zwar, dass sie hierfür eine Lösung finden würde, aber er mochte keine Überraschungen. Dazu kam noch, dass sich die Beiden jetzt in einem ganz normalen tindaranischen Hotel wiederfanden. Die Empfangsdame hatte ihnen zwei Zimmer zugewiesen, die aber mit einer Verbindungstür verbunden waren. An diese klopfte Scotty nun. „Sind Sie da, Sedrin?“, fragte er. Sie öffnete von innen und zischte: „Ich habe dir doch gesagt, dass wir uns duzen.“ „Entschuldige.“, sagte Scotty und folgte ihr, die ihn mit sich ins Zimmer und dann auf das Sofa zog. „Wie hast du vor, uns auf eine Militärbasis zu bringen?“, fragte Scotty. „Ich meine, die können doch wohl am besten auf mich aufpassen und wenn Zoômell und Tamara ihre Finger im Spiel haben, wird es bestimmt noch fne Geheimoperation geben.“ „Schlaues Kerlchen.“, lobte Sedrin. „Ich sage nur so viel. Morgen machen wir einen ganz speziellen Rundflug über eine Basis, den andere Touristen nicht bekommen. Wir werden uns zwar in der gleichen Schlange anstellen, aber dann gibt es eine Sonderbehandlung. Also, an deiner Stelle würde ich jetzt schlafen gehen. Morgen müssen wir früh raus. Gute Nacht.“ Sie zeigte auf die Tür.

Zirell hatte Maron, Joran und Jenna zu sich bestellt. Sie hatte wie angekündigt vor, die Chefingenieurin, ihren ersten Offizier und den erfahrenen Vendar-Piloten zu der Sensorenplattform zu schicken, die in Verdacht stand, manipuliert worden zu sein. Jenna würde sicher herausfinden können, wer das war und Maron würde als ermittelnder Agent diese Informationen sicher gut gebrauchen können. Joran sollte sie hinbringen und dann auf sie warten, um ihnen gegebenenfalls sogar Deckung vor Feinden geben zu können. In der gegenwärtigen Situation, so fand Zirell, musste man mit allem rechnen. Insgeheim hatte Jenna bereits einen Verdacht, den sie aber nicht gegenüber ihrem Commander und den Übrigen äußern wollte, bevor er nicht verifiziert war. „Ich hoffe, ihr findet den Hacker.“, drückte Zirell ihren Wunsch aus. „Einen Hackerangriff auf Eigentum der tindaranischen Regierung sieht die Zusammenkunft nicht gern. Falls eine feindliche Macht dahinter steckt, werden wir unter Umständen Krieg führen müssen.“ „Welche feindliche Macht hast du unter Verdacht, Anführerin Zirell.“, wollte Joran wissen, der sich zu diesem Thema auch eine Theorie zurechtgelegt hatte. „Da gebe es einige.“, sagte Zirell. „Nehmen wir zum Beispiel mal deine ehemaligen Kumpanen. Telzan und seine Leute hätten bestimmt ein Interesse daran, die Zusammenkunft in einen Krieg zu stürzen. Wenn wir beschäftigt wären mit unserer eigenen Verteidigung, könnten wir der Föderation nicht gegen die Genesianer helfen, wenn man uns darum bitten würde. Das würde uns beide sehr schwächen und die lachende Dritte wäre Sytania, die dann die Föderation leicht überfallen könnte. Bei uns würde sie das nicht wagen, weil wir das sofort erkennen würden. Aber bei der Föderation sähe das schon anders aus.“ „Schöne Verschwörungstheorie, Zirell, bei allem Respekt.“, entgegnete Jenna. „Aber ich bin überzeugt, die Wahrheit ist viel harmloser.“ Sie stutzte, denn sie befürchtete, schon zu viel verraten zu haben, was ihre Theorie anging. „Was meinst du, Jenn’?“, fragte Zirell neugierig. „Das kann ich dir jetzt noch nicht sagen, wenn ich noch keinen Beweis habe.“, sagte Jenna, die sich sehr ertappt fühlte. „Aber sobald ich etwas weiß, bist du die Erste, die diese Information bekommt.“ Zirell lächelte ihr zu und beobachtete, wie sie und die Männer ihren Bereitschaftsraum verließen.

Shimar, N’Cara und IDUSA waren weiter dem Notruf gefolgt, den das Schiff bereits schon vor Stunden gemeldet hatte. Da sich IDUSA nach wie vor selbst lenkte, hatten Shimar und N’Cara genug Zeit, um ein paar grundlegende Dinge zu klären. „Merkst du jetzt endlich, dass es keinen Zweck hat zu versuchen, meinen Vater zu erreichen?“, grinste ihm die Jugendliche zu. „Allerdings.“, gab Shimar zu. „Dein Vater hat trotz seines hohen Alters noch eine ganz schöne telepathische Kondition. Ich hatte schon gedacht, ich würde so einen alten Mann leichter zum Aufgeben kriegen.“ „Hey!“, feixte N’Cara und piekte ihm in die Seite. „Sei froh, dass er mich nicht fliegen muss, junge Dame.“, mischte sich IDUSA ein, die beide Reaktionstabellen geladen hatte. „Wenn du ihn noch einmal so erschreckst, könnten wir abstürzen.“ „Tschuldige.“, sagte N’Cara mit Schmollmund. „Na gut.“, entgegnete IDUSA schnippisch. „Es ist doch alles OK!“, sagte Shimar streng in Richtung des Avatars. „Sie kann auch zwei und zwei zusammenzählen und hätte das mit Sicherheit nicht getan, wenn sie gewusst hätte, dass ich dich fliege!“ „Wenn Sie das meinen, Shimar.“, entgegnete IDUSA. „Ja, das meine ich!“, sagte Shimar fest. „Danke.“, atmete N’Cara auf. „Ich hatte schon Sorge, sie würde mich aus der nächsten Luftschleuse schmeißen.“ „So etwas tut sie nicht.“, tröstete Shimar. „Aber ich entnehme deiner Äußerung, dass du ganz genau weißt, wie gefährlich das in so einem Fall gewesen wäre. Wenn ich sie geflogen hätte, hätte ich mich sehr erschrecken und sie übersteuern können. Dann wären wir sicher irgendwo abgestürzt. Es gibt hier viele Planetoiden.“ „Ich weiß.“, antwortete sie.

Einige Minuten verstrichen, in denen keiner von beiden etwas sagte. Schließlich versuchte Shimar, das Gespräch auf ein unverfänglicheres Thema zu lenken. „Wo sind eigentlich deine Zöpfe?“, wendete er sich an N’Cara. „Die habe ich abgeschnitten.“, gab sie zu. „Sie erinnerten mich zu sehr an die Situation in Sytanias Gefängnis.“ „Schade.“, sagte Shimar enttäuscht. „Ich fand, dass sie dir gut standen.“

IDUSA drehte sich plötzlich und schwenkte in eine Umlaufbahn um einen Einzelgänger ein. „Ich habe die Quelle des Notrufes lokalisiert.“, erklärte sie ihr Verhalten. „Der Notruf kommt eindeutig aus diesem Eisgebilde.“ Sie zeigte Shimar ein Raumschiff aus Eis, das ihre Sensoren wahrgenommen hatten. „Das Ding sieht aus wie Kamurus.“, flüsterte Shimar verwundert. „Kannst du den Kern scannen?“ „Selbstredend.“, sagte IDUSA selbstbewusst. Dann änderte sie die Anzeige. „Ich werd’ verrückt!“, rief Shimar aus. „Er ist da drin!“ „Kein Wunder, dass die Kopie so perfekt ist.“, meinte N’Cara, die alles ebenfalls gesehen hatte. „Was könnte Kamurus dazu bewogen haben, sich einzufrieren?“, fragte IDUSA. „So etwas ist auf die Dauer sehr feindlich für seine Systeme und es macht für mich irgendwie keinen richtigen Sinn.“ „Ich könnte mir nur vorstellen, dass er einen perfekten Abguss von sich schaffen will.“, vermutete Shimar. „Aber wir können uns hier die Köpfe heiß reden. Fragen wir ihn doch selbst. Kannst du verbinden, IDUSA?“ „Gewiss kann ich das.“, sang die freundliche Stimme des Avatars zurück.

Shimar sah jetzt die Sprechkonsole vor seinem geistigen Auge. „Sie können sprechen.“, signalisierte IDUSA, dass sie die Verbindung aufgebaut hatte. „Kamurus.“, begann Shimar. „Hier spricht Shimar. Wir haben deinen Notruf empfangen und möchten wissen, wie wir dir helfen können. Was ist dein Plan?“ Er stellte sich vor, wie er die Sendetaste des ihm in die Hand simulierten virtuellen Mikrofons los ließ. „Hilfe brauche ich tatsächlich.“, entgegnete Kamurus. „Ginalla ist so unvernünftig! Sie ist in die Gefangenschaft der Genesianer geraten, weil sie einfach den Mund nicht halten konnte. Ich möchte die Genesianer von mir ablenken. Dazu möchte ich einen perfekten Abguss von mir schaffen, den sie hoffentlich zerstören werden. Dann werden sie glauben, das wäre ich. Inzwischen wollte ich mich verstecken und auf eine günstige Gelegenheit warten, um Ginalla zu befreien. Aber irgendwie funktioniert das nicht.“ „Nicht alles am SITCH.“, unterbrach ihn Shimar freundlich. „Lass mich zu dir an Bord. Dann werde ich sehen, was ich tun kann.“ „OK.“, erklärte sich Kamurus einverstanden.

Shimar stand auf, schulterte seine Tasche mit der Ausrüstung und befahl IDUSA: „Beam’ mich in Kamurus’ Cockpit!“ „Wie Sie wollen.“, sagte IDUSA. „Aber an Ihrer Stelle würde ich gut aufpassen, dass Prinzessin Hestia nicht spitz kriegt, dass Sie ihrem Gegner helfen.“ „Das kann sie ruhig wissen.“, erwiderte Shimar. „Diese Situation hat nichts mehr mit dem Ty-Nu-Lin-Ritus, einer Schnitzeljagd oder mit ähnlichen Spielen zu tun. Sie ist ernst. Es geht für Ginalla wahrscheinlich um Leben oder Tod. Außerdem haben wir eindeutige Befehle.“ Die hoch gezogenen Mundwinkel des Avatars, die ihm anzeigten, dass IDUSA gescherzt hatte, konnte Shimar nicht mehr wahrnehmen, da er den Neurokoppler längst abgesetzt hatte. „Ich habe einen Witz gemacht.“, erklärte das Schiff. „Sorry, IDUSA.“, entschuldigte sich Shimar. „Das habe ich irgendwie nicht registriert. Ich denke, ich bin einfach zu angespannt. Pass gut auf N’Cara auf und lass dich nicht wieder von ihr manipulieren. Nicht, dass sie dich noch dazu bringt, sie nach Genesia Prime zu beamen. Dann haben wir nämlich ein echtes Problem.“ „Keine Sorge.“, sagte IDUSA und sperrte demonstrativ alle Laufwerke. „So, jetzt bin ich so sicher wie ein Panzerschrank und falls die Kleine mich über den Neurokoppler zu programmieren versucht, blockiere ich auch den.“ „OK.“, sagte Shimar. „Dann ist ja alles gut. Und jetzt aktivieren!“

Er fand sich in Kamurus’ Cockpit wieder. Hier sah er den Neurokoppler, den sonst Ginalla benutzte, in der Ablagemulde auf der Steuerkonsole liegen.

Shimar nahm das Gerät an sich und schloss es an den entsprechenden Port an. „OK.“, sagte er. „Ich bin hier, Kamurus. Wenn du die Tabelle noch hast, die du damals von mir erstellt hast, dann lade sie bitte.“

Gespannt harrte der junge Tindaraner der Dinge, die da nun kommen würden. Tatsächlich sah er bald in das Gesicht des backenbärtigen Schiffsavatars. Allerdings war dieser nicht mehr so fröhlich, wie ihn Shimar in Erinnerung hatte. Jetzt war sein Gesicht eher von tiefer Verzweiflung gezeichnet. Shimar konnte sich gut vorstellen, dass dieses Gefühl sogar bis zu einem gewissen Punkt echt sein konnte. Kamurus war Mitglied einer fremden Spezies, die aus selbstständig denkenden Raumschiffen bestand und über die so gut wie nichts bekannt war. Er war zwar eine künstliche Intelligenz in Shimars Augen, aber wer wusste schon, was man über seine Spezies noch entdecken würde. Ihn wie ein Wesen zu behandeln würde dem jungen tindaranischen Flieger ohnehin nicht schwer fallen, denn in der tindaranischen Rechtsprechung waren die künstlichen Intelligenzen den Wesen aus Fleisch und Blut ja gleichgestellt. Mit diesem Grundgedanken war Shimar aufgewachsen und danach erzogen worden.

„Alles wird gut.“, tröstete Shimar, nachdem er sich gesetzt hatte. „Jetzt zeig mir erst mal unsere nahe Umgebung und dann erzähl mir noch mal, was du genau vorhast.“

Der Avatar trat vor Shimars geistigem Auge einen Schritt zurück, um einem virtuellen Monitor Platz zu machen, auf dem Shimar den Eispanzer und auch den dahinter liegenden Weltraum sehen konnte. Dann sagte der immer noch sehr verzweifelte Kamurus: „Ich glaube kaum, dass Sie mir helfen können, Shimar. Sie können den Panzer ja auch nicht dicker machen, damit genesianische Sensoren ihn nicht durchdringen können.“ „Erst mal kannst du mich duzen, wie du es bei Ginalla auch machst.“, korrigierte Shimar. „Und zweitens hast du ja noch gar keine Ahnung, was ich alles kann.“ „Einverstanden.“, meinte Kamurus. „Ich dachte ja nur, weil für tindaranische Schiffe gilt, dass sie ihre Piloten siezen müssen, und …“ „Du bist kein tindaranisches Schiff.“, stellte Shimar fest.

„Zu meinem Plan.“, meinte Kamurus dann. „Ich will bezwecken, dass die Genesianer mein Abbild zerstören, weil ich sie glauben lassen will, dass das ich war. Dann wiegen sie sich in falscher Sicherheit und ich kann Ginalla befreien. Aber sie dürfen nicht wissen, dass der Kern hohl sein wird, wenn ich diese Hülle per Interdimensionsflug verlassen habe. Deshalb brauche ich einen dickeren Panzer um mich. Aber ich konnte nicht genug Gas sammeln, das um mich gefrieren kann. Hier raus fliegen kann ich auch nicht, denn ich kann nicht aufsteigen, ohne die Hülle zu durchstoßen. Ich habe einfach noch keinen Platz. Wenn ich zu viel weg schmelze, bricht alles zusammen und das war’s.“ „Wenn du nicht zum gefrorenen Gas kannst.“, sagte Shimar. „Dann muss es eben zu dir kommen.“

Er konzentrierte sich auf das Bild von aus den Gasringen heraus fallenden Schneeflocken. Allerdings hatte er das Bild kaum im Geiste fertig gestellt, als es bereits über Kamurus zu schneien begann. „Wow.“, gratulierte sich Shimar selbst. „Das hätte ich nicht gedacht. So leicht war das noch nie. Heute muss mein Glückstag sein. Da hat sich die Plackerei mit IDUSAs Trainingsprogramm ja gelohnt.“

N’Cara war mit IDUSA allein. Wie versprochen hatte sie keine Anstalten gemacht, das Schiff in irgendeiner Weise zu manipulieren. Aber IDUSA hatte bemerkt, dass ihr etwas auf der Seele liegen musste. Das nervöse Herumdrucksen des Mädchens war dem aufmerksamen Schiffsavatar nicht entgangen. „Was ist denn, N’Cara?“, fragte sie freundlich. „Sorgen Sie sich um Shimar?“ „Oh, Gott.“, meinte der Teenager abfällig. „Duz mich bloß. Sonst komme ich mir vor wie meine eigene Großmutter! Aber du hast Recht. Ich mache mir Sorgen um Shimar. Kannst du mir zeigen, was da unten vorgeht?“ „Sicher.“, sagte IDUSA. Dann zeigte sie ihr auf dem virtuellen Monitor, was ihre Sensoren wahrnahmen. „Für mich sieht es aus, als würde Shimar versuchen, es auf diesem Einzelgänger kräftig schneien zu lassen.“, sagte IDUSA, die sich nicht erklären konnte, wo der Schnee ohne Wolken und ein Sonnensystem plötzlich herkommen sollte. „Anscheinend versucht er es nicht nur.“, lächelte N’Cara, deren Gesichtszüge ihr langsam zu einem schmachtenden Blick entglitten, den sie dem Avatar zuwarf. „Sag Shimar, ich liebe ihn.“, interpretierte IDUSA dieses Geschehen. Dabei legte sie die Töne einer alten terranischen Melodie in ihren Satz. Das Lied, um das es ging, musste aus den 70er oder 60er Jahren des 20. Jahrhunderts stammen. Nur ging es im Original um eine Frau Namens Laura, der diese Botschaft zukommen sollte.

IDUSA ließ ihren Avatar ein mitfühlendes Gesicht machen und sie sich langsam zu der sitzenden N’Cara hinunterbeugen. „Ich glaube.“, begann sie. „Ich muss dir reinen Wein einschenken, was Shimar angeht. Er ist leider schon vergeben. Seine Freundin ist eine Sternenflottenoffizierin und außerdem ist er doppelt so alt wie du. Euch trennen 15 Jahre, N’Cara. 15 Jahre. Das ist noch einmal dein ganzes Leben. Ich glaube kaum, dass ihr eine gemeinsame Basis finden könntet.“ „Ich bin schon 16.“, verbesserte N’Cara traurig. „Entschuldige.“, bat IDUSA und ließ es sich für N’Cara so anfühlen, als würde ihr jemand durchs Haar streichen. „Ich wollte dich nicht verletzen. Aber ich wollte auch nicht, dass du dir falsche Hoffnungen machst.“

Sie replizierte einige Taschentücher und beamte sie N’Cara direkt vor die Nase. „Danke.“, schluchzte diese. „Gern geschehen.“, sagte IDUSA. „Ich muss zugeben, ich habe nicht viel Erfahrung im Trösten von Humanoiden mit Liebeskummer, aber ich hoffe, ich konnte dich vor Schlimmerem bewahren. Das mit Shimar und dir hätte schon deshalb keine Zukunft, weil du minderjährig bist. Shimar hätte dann eine Strafe zu erwarten und dass kannst du ja auch nicht wollen.“

N’Cara fuhr zusammen. „Eine Strafe?!“, fragte sie erschrocken. „Nein, das will ich nicht! Aber ich kann doch nichts für meine Gefühle.“ „Das weiß ich doch.“, sagte IDUSA. „Denk erst mal nicht weiter drüber nach. Das macht dich nur traurig. Ich glaube nämlich, ich könnte deine Hilfe gebrauchen.“

Die kleine Lithianerin sah, wie das Bild, das ihr das Schiff zeigte, immer unklarer wurde. „Der Eispanzer wird dicker.“, erklärte IDUSA. „Wenn wir nicht schleunigst etwas an meinen Sensoren verändern, kann ich Shimar bald nicht mehr erfassen und zurückbeamen.“ „Deine Geo-Sensoren.“, überlegte N’Cara. „Damit kannst du doch auch durch meterdicken Fels scannen. Wenn ich die mit deiner normalen Bildgebung verbinde, dürftest du wieder den vollen Durchblick haben.“ „Das könnte funktionieren.“, meinte IDUSA. „Der notwendige Wartungsschacht dürfte dir bekannt sein.“ „Also dann.“, sagte N’Cara und stand auf.

Kapitel 27 - Ein verwegener Rettungsplan von Visitor

„Die Dicke des Eispanzers ist auf das Notwendige angewachsen!“, freute sich Kamurus. „Jetzt kann ich mir genug Platz frei schmelzen, um manövrieren zu können.“ „Dann stelle ich den Schnee jetzt ab.“, scherzte Shimar und ließ das Bild in seinem Kopf verschwinden. Alsbald versiegte auch der Fall der Flocken. „Fang du schon mal an zu schmelzen, während ich uns etwas Bewegung verschaffe.“, sagte Shimar. „Gut.“, erwiderte Kamurus und zeigte ihm die Steuerkonsole.

„Deine Bugspule ist festgefroren.“, stellte der junge Pilot nach einem Blick aus dem Fenster fest. „Aber das macht nichts. Ich gebe deiner E-Trimmung jetzt den Befehl zum deaktivieren. Dann kann ich die Spulen über die Menüs einzeln schalten. Der Rest deines Impulsantriebes liegt ja noch frei. Damit kann ich dich einige Zentimeter vom Boden lösen, damit du nicht ganz festfrierst. Du kommst zwar dann in Schräglage, aber damit komme ich klar. Du schickst dann einzelne Energiestöße mit voller Leistung durch die festgefrorene Spule. Damit dürftest du dein Temperaturregelungssystem dabei unterstützen können, sie frei zu schmelzen.“ „Ich vertraue dir.“, sagte Kamurus. „Obwohl deine Methoden etwas seltsam anmuten.“ Zum Beweis führte er Shimars Befehle prompt aus.

N’Cara war wieder in den Frachtraum des Schiffes gegangen, von dem aus sie schon einmal ihren Weg in den Wartungsschacht j22 gefunden hatte. Mit den Worten: „Das wirst du brauchen.“, hatte IDUSA ihr ein Sprechgerät und ein Verbindungsmodul repliziert. Das Modul würde sie brauchen, um die benötigte Leitung der Geo-Sensoren umzulegen. Mit dem Sprechgerät würde sie Kontakt zu IDUSA halten.

Das lithianische Mädchen sah den entsicherten Schacht vor sich und öffnete ihn, um sogleich hineinzuklettern. Jetzt offenbarten sich ihr lange Straßen von silbrig glänzenden Modulen, die alle aneinander gereiht waren und wie Legosteine miteinander verbunden wurden. Jedes der Module hatte einen kleinen Würfel auf der dem Inneren des Wartungsschachtes zugewandten Seite, der, wenn man ihn drehte, die Verbindung des Moduls zu seinem linken und rechten Nachbarn löste und es ermöglichte, es heraus zu nehmen. Kabel in den Schiffswänden wurden hierbei also überflüssig.

N’Cara fragte sich, welche der vielen Leitungen wohl die für ihre Aktion benötigten sein könnten. Aber sie vermutete, dass IDUSA die Einzige war, die ihr diese Frage beantworten konnte. Sie gab das Rufzeichen des Schiffes in ihr Sprechgerät ein. „Was gibt es, N’Cara?“, fragte IDUSA. „Ich benötige deine Hilfe.“, sagte das Mädchen ruhig. „Du musst mir sagen, ob ich die richtige Leitung zu fassen habe.“ „Und wie meinst du, dass ich dir dabei helfen kann?“, entgegnete das Schiff. „Ich werde jetzt gleich willkürlich ein Modul lösen.“, erklärte N’Cara. „Dann werde ich es auf und ab bewegen. Das dürfte ein Massesignal bei dir verursachen. Damit kannst du mir doch bestimmt sagen, an welcher Leitung ich bin.“ „Sicher.“, sagte IDUSA, die von N’Caras physikalischen Kenntnissen sehr beeindruckt war.

Die Kleine entfernte die Sicherung eines von ihr willkürlich ausgesuchten Moduls, wie sie es angekündigt hatte. Dann bewegte sie es auf und ab. „Volltreffer!“, sagte IDUSA motivierend. „Das ist schon mal die Leitung für meine Geo-Sensoren. Jetzt musst du nur noch die für meine übrigen Sensoren finden und die Leitungen verbinden. Nimm am Besten das Modul, welches du gerade in der Hand hast, schon einmal heraus. Dann hast du schon einen Anhaltspunkt.“ Dankbar nahm N’Cara ihren Vorschlag an. Sie hatte zwar vor Shimar mit ihren technischen Kenntnissen geprahlt und sich schon fast zur ausgebildeten Ingenieurin aufgeschwungen, jetzt aber merkte sie, dass zwischen den Kenntnissen einer Schülerin, die einige Physikstunden hatte und denen einer Schiffstechnikerin ein gravierender Unterschied bestand. Sie hatte jetzt sehr große Angst, etwas falsch zu machen. Sie dachte, dass sie IDUSA damit vielleicht auch sehr stark beschädigen könnte, wenn ihr ein Fehler unterliefe.

„Nur Mut.“, motivierte sie die Stimme des Schiffsavatars im Ohrhörer. „Ich habe Angst, dich zu beschädigen.“, antwortete N’Cara kleinlaut. „Ach was.“, tat IDUSA ihren Einwand ab. „Die wirklich gefährlichen Leitungen liegen ganz woanders. Du wirst meine Sensoren schon nicht aus versehen mit der Warpleitung koppeln. Die dafür notwendigen Schächte sind am ganz anderen Ende von mir.“ „Na gut.“, sagte N’Cara und löste ein weiteres Modul, um mit ihm genau so zu verfahren, wie mit seinem Vorgänger eine Leitung darunter. „Richtig.“, lobte IDUSA. „Und jetzt setzt du einfach das Verbindungsmodul dazwischen.“ N’Cara holte das Verlangte aus der Tasche und setzte es ein. „Ah, es werde Licht!“, stellte IDUSA fest. „Vielen Dank, meine kleine Ingenieurin. Das hast du sehr gut gemacht. Bitte komm jetzt wieder ins Cockpit. Dich interessiert doch ganz bestimmt, was Shimar so treibt.“

N’Cara nickte freudestrahlend und kletterte aus der Wartungsluke. Dann verschloss sie diese wieder mit der dazugehörigen Bodenplatte, die IDUSA wieder sicherte. N’Caras Selbstvertrauen war um einiges gewachsen. Ihre kleine Ingenieurin hatte das Schiff sie genannt. Anscheinend vertraute IDUSA ihr, wenn man so wollte, bereits mit ihrem Leben. Sie wusste recht gut, dass das Schiff dies nicht nur gesagt hatte, um sie wegen der Sache mit dem Liebeskummer zu trösten, sondern, dass IDUSA es auch tatsächlich ernst gemeint hatte.

Shimar hatte seine Hände auf die Konsole gelegt, an der sich auch die Ports für die Neurokoppler befanden. „Warum tust du das?“, wollte Kamurus wissen. „Weil ich nicht nur mit den Augen herausbekommen kann, ob sich deine Bugspule schon aus dem Eis gelöst hat. Dazu muss ich dich auch spüren.“, antwortete Shimar. „Da du keine Steuerkonsole wie ein Sternenflottenschiff hast, die Vibrationen überträgt, muss ich wohl improvisieren. Aber ich merke gerade, dass meine taktile Sensibilität nicht wirklich sehr groß ist. Kein Wunder, ich verlasse mich im Alltag zu sehr auf meine Augen. Da sind meine Hände in der Hinsicht nicht sehr geschult.“ „Denkst du trotzdem, dass du es hinkriegst?“, fragte Kamurus verunsichert. „Ich werde mein Bestes geben.“, versicherte Shimar. „Ich hoffe, dass es ausreicht. Wenn ich dich zu früh hochziehe, reiße ich dir unter Umständen die Bugspule ab.“ „Ich weiß.“, sagte das Schiff. „Dennoch bewundere ich deine Flexibilität. Ich wette, jeder andere Pilot hätte versucht, mich durch den Befehl zum Rückwärtsfliegen dazu zu bringen, die Leistung meiner Heckspule derart zu erhöhen, dass genau das passiert wäre. Das hätte mich schwer beschädigt.“ „Allerdings.“, stöhnte Shimar. „Manche denken halt nicht von zwölf bis Mittag. Aber so einer bin ich nicht. Gewalt ist keine Lösung. Mit Geduld und Spucke erreicht man viel mehr. Wenn ich doch nur ein besseres Tastempfinden hätte. Sehen kann ich nämlich nicht wirklich, ob sich deine Bugspule schon gelöst hat.“

Ich war bereits schon am Nachmittag ins Bett gegangen, weil ich die zweite Hälfte der Nachtschicht auf der Brücke übernehmen würde. Deshalb wollte ich etwas vorschlafen. Es war mittlerweile für mich normal geworden, von Shimar zu träumen. Ich träumte schon seit vielen Nächten nichts Anderes mehr. Aber sonst hatte ich immer das Gefühl, dass ich nur seinen Bericht las, oder nur das mitbekam, was er mental verarbeitete. Alles, was ich bis Dato mitbekommen hatte, war Vergangenheit. Aber jetzt war ich live dabei. Ich wünschte mir so sehr, dass ich ihm sagen konnte, dass er doch seine Gedanken durch mein taktiles Zentrum leiten sollte. Aber derart aktiv konnte ich in meine Träume nicht eingreifen. Wie bereits gesagt, war ich in so etwas voll schlecht, ja sogar schlechter als schlecht. Ich erinnerte mich an eine Begebenheit in meiner Schulzeit, bei der wir einen buddhistischen Tempel besucht hatten. Die Mönche hatten versucht, mit uns zu meditieren. Aber bei mir war nichts passiert. Mikel, der mir danach von seiner Erfahrung berichtete, hatte gesagt, dass es für ihn wie ein guter Schlaf gewesen war, aus dem er langsam aufwachte. Bei mir war gar nichts passiert! Aber Mikel hatte für das Mentale eben ein Talent und ich nicht. Aber ausgerechnet ich musste mich in einen Telepathen verlieben. Es würde an Shimar sein, die Kontrolle über diesen Traum zu übernehmen und alles selbst zu machen. Ich würde mich nicht wehren. Er brauchte mich und meine sensiblen Fühler ja jetzt.

„Kleines!“ Shimar hatte die zwischen uns in meinen Träumen durch die Savarid-Strahlung entstandene Verbindung bemerkt. „Jetzt weiß ich, was ich machen muss!“, sagte er zu Kamurus, dessen Avatar ihn fragend ansah. „Wovon sprichst du?“, wollte er wissen. „Check mal genau das Signal, das du von mir bekommst.“, sagte der junge Flieger ruhig. „Dann wird dir auffallen, dass es von einem Anderen leicht überlagert wird. Das ist meine Freundin. Sie kann sehr intensiv fühlen, weil sie nicht sehen kann. Ich werde diese Verbindung jetzt nutzen. Sei also bitte nicht zu irritiert.“

Er leitete alles, was er mit seinen Händen an Vibration erspürte, durch mein Tastzentrum. Das Signal, das zurückkam, sagte ihm genug. „Gleich haben wir es, Kamurus.“, flüsterte er dem Schiff zu. „Gleich bist du frei.“

Die Vibrationen brachen abrupt ab und es erfolgte ein kleines Klicken, welches von einer leichten Kippbewegung gefolgt wurde, nach dem Kamurus die E-Trimmung wieder aktivierte, um, wie es in der fliegerischen Fachsprache heißt, in Lage zu kommen. Dies bezeichnet das erneute Einnehmen einer geraden Position aus einer Schräglage. „Fein!“, lobte Shimar. „Genau das hätte ich dir auch als Nächstes befohlen. Aber du denkst ja sehr gut mit.“ Er strich mit den Fingern über die leeren Ports, wodurch er ein Massesignal erzeugte. „IDUSA mag das.“, erklärte er gegenüber dem leicht verwirrten Kamurus sein Verhalten. „Nicht nur deine IDUSA.“, sagte das Schiff.

N’Cara war ins Cockpit zurückgekehrt. „Warum hast du nicht einfach den Prozessor, der die Geo-Sensoren regelt, mit deinem Hauptprozessor zusammengeschaltet?“, fragte sie, während sie den Neurokoppler aufsetzte. „Weil er solche komplexen Systeme wie den Transporter oder den Biozeichenmonitor nicht managen kann. Er ist dafür zu langsam. Deshalb war es besser, die Leitung, die meine Geo-Sensoren mit diesem Prozessor verbindet, auf den Hauptprozessor zu legen. Aber deine Frage war durchaus berechtigt und zeigt mir, wie viel du wirklich von Technik verstehst.“, erklärte IDUSA. „Schmeichlerin.“, lächelte N’Cara.

Shimar hatte festgestellt, dass sich Kamurus nun fast den erwünschten Platz frei geschmolzen hatte. „Gib mir die genauen Sensorenwerte!“, befahl er ruhig. „Wie du willst.“, sagte Kamurus und zeigte ihm eine Tabelle mit den Werten, die genau die Entfernung zwischen Kamurus’ Außenhülle und der Wand der Eisskulptur wiedergab. Die beim Schmelzen entstandene Flüssigkeit war durch die starke Hitzeentwicklung jedes Mal sofort verdampft. „OK.“, sagte Shimar, nachdem er die Tabelle sehr genau studiert hatte. „Du hast es fast geschafft. Rechts, links, vorn und hinten würde die Entfernung schon mal fast stimmen, wenn man zu Grunde legt, dass du nach oben hin bereits fünf Meter neunzig frei geschmolzen hast. Wenn wir auf drei Meter aufsteigen, musst du nur noch zehn Zentimeter nachholen, bevor wir überall die erforderlichen drei Meter haben. Also komm.“ Er zog Kamurus vorsichtig bis auf drei Meter in die Höhe. Das Schiff bemerkte, dass es danach in der Mitte der Skulptur stehen blieb, ohne auch nur einen Hauch einer Vorwärtstendenz zu zeigen. „Wie machst du das?“, fragte Kamurus, der über die eigenen betriebstechnischen Fähigkeiten, die Shimar aus ihm herauskitzelte, selbst erstaunt war und dessen Befehle er eher unbewusst ausgeführt hatte. „Schau mal genau hin, was du bis jetzt gemacht hast.“, erklärte Shimar.

Kamurus lud ein spezielles Programm, mit dem er seine eigenen Funktionen analysieren konnte. „Du hast meine E-Trimmung deaktiviert und hast alle Spulen auf das gleiche Energielevel geschaltet.“, stellte er fest. „Genau.“, sagte Shimar. „Aber ich muss noch etwas anderes tun. Lass mich in die Software für den Interdimensionsantrieb.“ „Wozu?“, fragte Kamurus, dem es angesichts von Shimars Idee etwas mulmig wurde. „Ich muss dein Feld so weit einengen, dass es nur noch dich umfasst. Der Hersteller von tindaranischen Schiffen gibt eine Toleranz von drei Metern und mehr. Aber das ist in unserem Fall zu viel. Du könntest etwas von dem Eis mitnehmen und in deinem Abbild würde dann ein Loch entstehen. Dann würden die Genesianer erst recht Verdacht schöpfen.“ „Aber ich bin kein tindaranisches Schiff.“, argumentierte Kamurus. „Vielleicht sind meine Toleranzen ja geringer.“ „Genau das will ich sehen.“, entgegnete Shimar. „Hast du so was schon mal gemacht?“, fragte der Schiffsavatar ängstlich und zog die Stirn kraus. „Ich meine, was ist, wenn ich durch irgendeinen Umstand aus der Balance komme, während sich das Feld aufbaut. Dann kommt vielleicht ein Teil von mir nicht mit und die Scherkräfte erledigen meine Hülle und somit uns beide.“ „Ich gebe zu, dass ich das erst einmal gemacht habe.“, gestand Shimar. „Aber das war auch erfolgreich. Du siehst also, ich kann das. Ich kriege dich schon gehalten. Mach dir keine Sorgen. Du hast doch gesagt, du würdest mir vertrauen. Also beweise es mir. Du willst doch immer noch Ginalla befreien, oder?“ „Sicher.“, sagte Kamurus. „Ich bin nicht so ein Egoist wie Alice. OK. Sie hat damals mit dem Leben bezahlt, weil sie sich nicht selbst steuern konnte. Wenn Sharie nicht wäre, hätten wir das Autopilotprogramm nicht, das uns allen einen selbstständigen Flug ermöglicht. Ich hätte also auch weiterfliegen können und Ginalla ihrem Schicksal überlassen können. Aber das kommt für mich nicht in Frage, egal wie unvernünftig sie ist. Aber allein lassen kann ich sie nicht. Die Genesianer werden sie töten, wenn ich nichts unternehme. Aber ich habe sehr große Angst vor deiner Methode. Wenn das schiefgeht, dann ...“ „Ich verstehe dich.“, tröstete Shimar. „Wenn man mir von heute auf morgen sagen würde, auf hochhackigen Schuhen einen Hindernislauf zu absolvieren, hätte ich sicher auch Bedenken. Aber wenn mich jemand an die Hand nähme, der mich gut festhält, wäre das sicher nicht so schlimm. Ich kann dich auch mit derjenigen verbinden, mit der ich das schon mal gemacht habe.“

Per Gedankenbefehl gab Shimar IDUSAs Rufzeichen in Kamurus’ Sprechgerät ein. „Ginalla hat mir verboten, mit deinem Schiff zu reden.“, sagte Kamurus erschrocken. „Warum?“, grinste Shimar. „Glaubt sie, IDUSA könnte dich mit einem Virus infizieren?“ „Anscheinend ja.“, vermutete Kamurus, dem selbst nicht ganz klar war, warum seine Pilotin dies nicht zulassen wollte. In seinen Augen hätten sie noch viel von Shimar und IDUSA lernen können und es wäre sicher nie zu der Situation gekommen, in der sie jetzt waren. Shimar und sein Schiff hätten sie über die Risiken einer Begegnung mit den Genesianern aufklären können.

„Mein Sender kommt bestimmt nicht durch den Eispanzer.“, zierte sich Kamurus noch immer, die Verbindung zuzulassen. „Das weißt du doch gar nicht.“, sagte Shimar. „Deine Systemprotokolle sagen mir, dass du einen Sender mit sehr hoher Leistung hast. Warum probierst du es nicht wenigstens aus? Ich versichere dir, IDUSA beißt nicht. Sie wird dich auch nicht mit einem Virus infizieren. So unanständige Dinge macht sie nicht. Dafür ist sie zu gut erzogen. Ihr seid ja auch nicht unsere Feinde. Die Suche nach dem Tor zum Himmel ist ein religiöses Ritual und das weiß sie auch. Sie wird dir zwar Daten überspielen müssen, aber das ist auf Garantie kein Virus. Ich werde Euer Gespräch monitoren. Wenn IDUSA mich im Hintergrund sieht, traut sie sich das bestimmt nicht, dich zu gefährden.“ „Na gut.“, sagte Kamurus und initiierte die Verbindung.

Shimar sah jetzt die beiden Avatare vor seinem geistigen Auge, die sich gegenüber standen. „Wer bist du?“, fragte IDUSA. „Ich heiße Kamurus.“, antwortete derselbe. „Aha.“, meinte IDUSA schnippisch. „Du bist also der, dem wir den Hackerangriff auf den Hauptrechner der tindaranischen Streitkräfte zu verdanken haben.“ „Keine Spitzen, IDUSA!“, ermahnte Shimar sie, der sich über eine spezielle von Kamurus erstellte Schaltung ebenfalls am Gespräch beteiligen konnte. „Bitte verzeihen Sie, Shimar.“, entschuldigte sich IDUSA. „Schon gut.“, sagte Shimar. „Aber ich hoffe, das kommt nicht noch einmal vor. Kamurus benötigt nämlich unsere Hilfe. Feindliche Stimmung wäre da eher kontraproduktiv.“

IDUSA wurde hellhörig. „Was ist denn passiert?“, fragte sie und warf Kamurus einen tröstenden Blick zu. „Meine Pilotin ist eine nicht sehr hoch gebildete celsianische Zivilistin.“, erklärte Kamurus. „Sie hat sich im Ton vergriffen und jetzt ist sie Gefangene der Genesianer. Aber nicht nur das. Aufgrund irgendeines Umstandes, den ich nicht kenne, hat sie die Genesianer in einen Krieg mit der Föderation manövriert. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie es dazu gekommen ist. Gut, es gibt eine Aufzeichnung eines Gespräches zwischen Prätora Cyrade und Ginalla. Aber in diesem hat sie nie etwas gesagt, das einen Krieg zwischen der Föderation und den Genesianern auslösen könnte. Sie hat vielleicht nur dafür gesorgt, dass sie einen persönlichen Groll gegen uns beide hegen, aber sie hat sich in keiner Weise politisch geäußert, etwa, dass sie für die gesamte Föderation spräche oder so. Ich kann dir die Aufzeichnung überspielen, wenn du willst. Mal sehen, was du davon hältst. Eins kann ich dir sagen. Politik geht Ginalla dort vorbei, wo garantiert nie die Sonne scheint. Also wird sie sich auch nie politisch äußern.“ „OK.“, sagte IDUSA. „Du zeigst mir deins, ich zeige dir meins. Dafür zeige ich dir, wie klasse Shimar darin ist, mich auf einem gerade noch ausreichend großen Interdimensionsfeld zu balancieren.“ „Einverstanden.“, sagte Kamurus. „So helfen wir uns gegenseitig. Wer weiß, wo zu es gut ist.“

Die Schiffe nahmen den Austausch der Daten vor und Shimar staunte nicht schlecht, als ihm Kamurus schließlich doch die gewünschte Datei öffnete. „Na siehst du.“, sagte er. „IDUSA hat dich also überzeugt.“ „Das hat sie.“, sagte Kamurus. „Sie ist sehr überzeugend, deine IDUSA. Wenn ich nicht mit Sharie zusammen wäre, dann würde ich glatt …“ „Sekunde.“, grinste Shimar. „Du hast eine Beziehung mit einem anderen Raumschiff?“ „Genau.“, sagte Kamurus.

Er hatte nur nebenbei registriert, dass Shimar die Maße des Interdimensionsfeldes verkleinert hatte. Aber es machte ihm nichts aus. Er hatte durch IDUSAs Daten noch mehr Zutrauen zu Shimar gefasst und dachte nun, dass er es schon gebacken kriegen würde.

„Na dann.“, sagte Shimar, nachdem er die Daten abgespeichert und Kamurus interdimensionale Koordinaten außerhalb der Eisskulptur eingegeben hatte, die beide wieder in der Umlaufbahn des Planeten materialisieren würden. Zögernd baute das Schiff das Interdimensionsfeld auf. „Trau dich!“, motivierte Shimar Kamurus leise und beschwörend. „Ich hab dich. Keine Angst.“

Sie hatten den Interdimensionssprung hinter sich und betrachteten die Skulptur jetzt von oben. „Es ist perfekt.“, stellte Kamurus fest. „Finde ich auch.“, sagte Shimar. „Du warst sehr tapfer. Danke für dein Vertrauen. So, jetzt bringe ich dich in ein Versteck und da wartest du, bis ich dir Bescheid sage. Die Genesianer dürfen dich ja schließlich nicht sehen. Verbinde mich bitte noch einmal mit IDUSA. Sie muss uns folgen und das muss ich ihr sagen.“ „OK.“, sagte Kamurus.

„Bist du eifersüchtig?“, wollte N’Cara wissen, als sie die Szene um Shimar und Kamurus eine Weile beobachtet hatte. „Eifersucht ist eine Empfindung, N’Cara.“, korrigierte IDUSA. „Ich bin nicht in der Lage, Gefühle zu empfinden. Ich finde allerdings, dass Shimar korrekt gehandelt hat. Wir haben eindeutige Befehle, was Ginalla angeht. Wir sollen darauf achten, dass sie sich beim Spiel mit dem Feuer nicht die Finger verbrennt.“ „Schon klar.“, grinste N’Cara. „Das schließt Rettungsaktionen ein. Aber ich habe für diese Frau nicht viel übrig. Wenn sie wirklich den Krieg verursacht hat, dann mag ich sie nicht. Außerdem ist sie ja ohnehin unsere Gegnerin.“ „Du machst es dir recht einfach, junge Dame.“, tadelte das Schiff. „Aber zwischen einer Gegnerin in einem sportlichen Wettkampf und einer Feindin gibt es einen Unterschied. Shimar musste sich laut dem Buch von Ty-Nu-Lin dazu verpflichten, fair zu handeln. Das bedeutet, wenn sie in eine lebensgefährliche Situation gerät, aus der sie nicht allein wieder heraus kommt, ist es ihm geboten, ihr zu helfen. Anders herum gilt das Gleiche. Vor allem dann, wenn es um Leben und Tod geht. Und das ist jetzt ja wohl der Fall. Angesichts der momentanen Situation gehe ich davon aus, dass die Genesianer sie nicht unbedingt am Leben lassen werden. Sie werden nach einer Möglichkeit suchen, sie bei der nächst besten Gelegenheit zu töten.“

N’Cara lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Allerdings hatte das weniger mit IDUSAs Gardinenpredigt zu tun als mit dem Umstand, dass sie glaubte, Sytania oder einen ihrer Schergen telepathisch wahrzunehmen. „Was ist los?“, fragte IDUSA Anteil nehmend. „Ich glaube, Sytania ist im Anmarsch.“, sagte N’Cara mit zitternder Stimme. „Ich hatte das gleiche Gefühl, als Shimar und ich in ihrem Gefängnis waren.“ „Lass mich mal nachsehen.“, sagte IDUSA. „Warte.“, meinte das Mädchen. „Ich glaube, ich sollte zunächst deine Sensoren wieder ummodeln. Dann siehst du auch wieder klarer. Deine Geo-Sensoren sind ja jetzt nicht mehr notwendig.“ „Gut.“, meinte IDUSA und leuchtete ihr den Weg zum Wartungsschacht aus.

Shimar war mit Kamurus auf dem Weg zu einem Mond, dessen Pole dem Schiff guten Schutz vor genesianischen Sensoren bieten würden. Er hatte IDUSA gesagt, dass sie ihnen folgen sollte, aber da immer noch das Sensorenproblem bestand, hatte sie dies noch nicht tun können. „Weißt du, was ich merkwürdig finde?“, fragte Shimar, der sich die Aufzeichnung, die Kamurus IDUSA überspielt hatte, selbst noch einmal angesehen hatte. „Ich verstehe nicht, wie die oberste Prätora darauf kommt, dass Ginalla gesagt haben soll, sie spräche für die gesamte Föderation, wenn ihr Politik am … du weißt schon.“ „Ich weiß.“, antwortete das Schiff. „Aber euer erster Offizier, der deine Quelle ist, was diese Information angeht, kann ja auch nur davon ausgehen, was ihm gesagt wurde. Vielleicht wurden wir ja alle getäuscht. Alle inklusive der obersten Prätora.“ „Könnte sein.“, überlegte Shimar laut. „Jedenfalls würde nur so ein Schuh draus. Die Aufzeichnung besagt ja auch, dass deine Ginalla den Satz mit der Föderation nie gesagt hat. Ich gehe davon aus, dass Prätora Unehrenhaft ihr eigenes Süppchen kocht und dass sie Shashana benutzen will. Deshalb hat sie wahrscheinlich gelogen, dass sich die Balken biegen. Ginallas verbaler Ausrutscher mit den drogensüchtigen Scharlatanen kam ihr da sicher gerade recht. Den hat sie dann nur noch etwas aufgebauscht und fertig war der Grund für den Krieg.“ „Was glaubst du, Shimar, könnte Cyrades Motiv sein?“, fragte Kamurus. „Sytania zu helfen.“, antwortete der Patrouillenpilot. „Wenn die Föderation in einen internen Krieg in ihrer Dimension verwickelt wäre, würde sie nicht mehr darauf reagieren können, was von außen kommt. Sie wäre zu abgelenkt und Sytania könnte in aller Seelenruhe irgendeinen Randplaneten überfallen und sich dort heimlich still und leise einen Brückenkopf errichten.“ „Das wäre ja furchtbar!“, entgegnete Kamurus und ließ seinen Avatar sich schütteln. „Ich weiß nicht wirklich viel über diese Sytania, aber sie soll eine ganz linke Bazille sein.“ „Darauf kannst du wetten!“, sagte Shimar mit Überzeugung.

Sie hatten die Position erreicht. Shimar deaktivierte Kamurus’ Antrieb und ließ ihn den Ankerstrahl setzen. „So.“, sagte er. „Hier bleibst du und wartest, bis wir dir Bescheid geben. Sobald IDUSA hier ist, wird sie mich an Bord holen. Dann werde ich versuchen, Ginalla zu dir zurück zu bringen.“ „Wie willst du das anstellen?“, fragte Kamurus verwirrt. „Du bist männlichen Geschlechts. Du wirst bei den Genesianern kein Gehör finden.“ „Ich nicht.“, sagte Shimar und grinste listig. „Aber ich bin in weiblicher Begleitung. Sie werden sie anhören.“ „Das Mädchen?“, fragte Kamurus. Shimar nickte. „Aber sie ist erst 16.“, meinte Kamurus. „Bei den Genesianern ist man mit 16 schon eine vollständige Kriegerin.“, erklärte Shimar. „IDUSA und ich werden N’Cara selbstverständlich helfen, wenn es nötig sein würde. Sie wird einen Knopf im Ohr haben.“ „Dann bin ich beruhigt.“, sagte Kamurus, der auch unter seinesgleichen als sehr fürsorglich bekannt war.

IDUSA hatte, nachdem N’Cara ihre Sensoren wieder umgepolt hatte, die Gegend gescannt. Ihr war ein kleines Schiff aufgefallen, das auf einer Waldlichtung landete. In der Nähe des Landeplatzes stand Prätora Cyrade. Sie und ihre Tochter Ataura schienen auf etwas oder jemanden zu warten. „Hast du das Gefühl immer noch?“, fragte IDUSA und ließ das Gesicht ihres Avatars weich schauen. „Und wie!“, sagte die kleine Telepathin. „Was ist das eigentlich für ein Schiff? Hast du das größer?“

IDUSA vergrößerte den Inhalt des virtuellen Schirmes. „Ein Veshel!“, rief N’Cara aus. „Kein Wunder, dass es mir so schlecht geht. Kannst du rauskriegen, wem es gehört?“ „Tut mir Leid.“, sagte IDUSA. „Es sendet kein Transpondersignal. Ich schätze aus gutem Grund. Wahrscheinlich will sein Pilot nicht, dass man es und ihn identifizieren kann.“ „Aber was soll die Genesianerin dabei?“, fragte N’Cara. „Ich weiß es nicht.“, sagte IDUSA. „Aber die Vermutung liegt nahe, dass es hierbei um kriminelle Geschäfte geht. Ohne Transpondersignal zu fliegen ist die Praxis von Schmugglern und Raumpiraten. Das könnte allerdings auch bedeuten, dass die gute Cyrade Dreck am Stecken hat. Um das zu beweisen, würde ich gern alles aufzeichnen, wenn du nichts dagegen hast.“ „Natürlich habe ich nichts dagegen. Kannst du das auch noch, wenn wir Shimar folgen?“, sagte N’Cara. „Sicher.“, erwiderte das Schiff. „Dann zeichne was das Zeug hält!“, grinste die kleine Lithianerin.

Zwischen den Bäumen glitt das Veshel Richtung Grund. Mit Spannung beobachteten Cyrade und ihre Tochter das Geschehen. Es schien fast, als würden sie das Aussteigen der teuflisch grinsenden Vendar-Frau, die das Schiff flog, geradezu herbeisehnen. Endlich erloschen Landelichter und Antriebsgeräusch und die Luke öffnete sich. Langsam und fast ehrfürchtig setzten sich die beiden Genesianerinnen in Bewegung, um zu der Vendar zu gelangen, die vor ihrem Schiff stehen geblieben war. „Seid gegrüßt, Cyrade und Ataura El Chenesa.“, sagte Cirnach feierlich. „Auch wir grüßen dich, Cirnach, Vertraute unserer Göttin Sytania.“, entgegnete Cyrade. „Wir haben auch die Opfergaben bei uns!“, drängte sich Ataura ungestüm dazwischen. „Eile mit Weile, Kind.“, sagte Cirnach. „Ich hatte nichts anderes erwartet. Ihr opfert ja auch immer pünktlich. Meine Gebieterin und mich würde aber ein ganz anderes Faktum interessieren. Was ist mit der Celsianerin? Ist sie noch immer eure Gefangene?“ „Warum hat deine Gebieterin ein so großes Interesse an dieser Celsianerin?“, fragte Cyrade. „Ich meine, eine Göttin müsste sich doch nicht mit Einzelschicksalen abgeben.“ „Sytania hat ihre Gründe!“, erwiderte Cirnach streng. „Du wirst doch die Gründe einer Göttin nicht infrage stellen!“ „Natürlich nicht.“, sagte Cyrade und sah die Vendar beschwichtigend an. „Also.“, entgegnete Cirnach. „Vielleicht können wir dich und deine Gebieterin mit den Opfergaben wieder gnädig stimmen.“, schlug Ataura vor und drehte sich zum Gehen. „Na schön.“, meinte Cirnach mürrisch. „Zeigt her!“

Sie gingen einen ausgetretenen Trampelpfad entlang, der sie zu einem geparkten Jeep führte. Cyrade öffnete dessen Kofferraum. Cirnachs Blick fiel auf Unmengen von Kristallen. Sie nahm einen heraus und hielt ihn lange mit beiden Händen umschlossen. Ihr konzentrierter Blick verriet den Genesianerinnen, dass sie wohl prüfte, ob die Kristalle den Ansprüchen ihrer Gebieterin genügen würden.

Cirnach ließ den Kristall in den Kofferraum zurücksinken und lächelte. „Sehr gut.“, sagte sie dann. „Diese Kristalle werden die göttliche Macht meiner Gebieterin sehr verstärken. Sie sind besser als alles, was ihr mir bisher mitgegeben habt. Ihr müsst effizientere Sonden haben, die sie aufspüren können, habe ich Recht?“ „In gewisser Weise.“, sagte Cyrade. „Die Celsianerin hat unsere Sonden verbessert.“ „Dann hoffe ich, dass sie noch lange eure Gefangene bleibt.“, grinste Cirnach dreckig. Dann gab sie einige Befehle auf Vendarisch in ihr Sprechgerät ein, worauf der Computer ihres Schiffes die Kristalle in dessen Laderaum beamte. „Ich sollte meine Gebieterin nicht warten lassen.“, sagte Cirnach und wandte sich wieder dem Trampelpfad zu. „Wie du wünschst.“, sagte Cyrade. „Richte der großen Göttin Sytania aber unsere untertänigsten Grüße aus. Grüße von ihren treusten Dienerinnen.“ Die Vendar nickte und verschwand zwischen den Bäumen in Richtung ihres Schiffes.

„Speichelleckerin! Gangsterbraut! Kriminelles Subjekt!“, schimpfte N’Cara. „Sprichst du über Cyrade oder Ataura?“, wollte IDUSA wissen. „Von mir aus über beide.“, zischte N’Cara. „Und du kannst eigentlich Cirnach gleich auch noch mit dazu rechnen. Die macht es ja bei Sytania sicher nicht anders.“ „Bestätigt.“, entgegnete IDUSA.

Kamurus kam in Sichtweite. „Cool!“, sagte N’Cara mit strahlendem Blick. „Der sieht ja echt genau so aus wie das Schiff aus Eis!“ „Logisch.“, erklärte IDUSA. „Das Eis ist ein Abguss von ihm.“ „Ich weiß auch, dass das logisch ist.“, sagte die kleine Lithianerin. „Trotzdem ist es cool. Freu dich doch mal!“ „Ich habe dir gerade erklärt.“, begann IDUSA. „Dass ich zu emotionalen Reaktionen nicht fähig bin.“ „Schon gut.“, sagte N’Cara. „Dann solltest du dir vielleicht mal einen entsprechenden Chip anschaffen.“ „Das wir fühlen.“, sagte IDUSA. „Ist in unserer Programmierung nicht vorgesehen. Es wäre möglich, dass meine Systeme sogar Schaden nehmen könnten.“ „Schon gut.“, sagte N’Cara. „War ja auch mehr als Spaß gemeint.“

Kapitel 28 - Ganz neue Erkenntnisse von Visitor

IDUSA beamte Shimar an Bord. „Hi.“, begrüßte N’Cara ihn. „Alles klar bei dir?“ „Sicher.“, erwiderte der Tindaraner. „Wenn bei dir alles klar ist?“

N’Cara rückte auf den zweiten Sitz. „Dein Platz ist dein Platz.“, sagte sie mit coolem Tonfall zu Shimar. „Danke vielmals.“, gab dieser ähnlich cool zurück und setzte sich. Sie übergab ihm den Neurokoppler und schloss ihren eigenen, den IDUSA ihr repliziert hatte, an den zweiten Port an. „Den kannst du behalten.“, sagte IDUSA. „Dann hast du zumindest immer ein Andenken an uns.“ „Danke.“, sagte N’Cara.

Shimar setzte IDUSA langsam in Bewegung. „Ich muss mit dir was bereden, Maus.“, wendete er sich an N’Cara und hatte dabei ein wirklich nicht all zu gutes Gewissen, weil er ganz genau wusste, dass seine Begleitung noch minderjährig war. Deshalb vermutete er, würde herauskommen, wozu er sie gebracht hätte, dass er massiven Ärger von ihren Eltern bekommen könnte, wenn ihr etwas geschehen würde. „Na raus damit!“, motivierte ihn N’Cara. „Bei deinen erzieherischen Maßnahmen warst du auch nicht so schüchtern. Außerdem muss ich dir auch noch was sagen.“ „Du zuerst.“, sagte Shimar, der ganz froh darüber war, dass ihm noch ein Aufschub gewährt wurde. „OK.“, sagte der lithianische Teenager. „IDUSA und ich haben gesehen, dass Prätora Cyrade voll kriminell ist. Sie arbeitet für Sytania. Sie hält sie für ihre Göttin. Diese Cirnach hat fne riesige Show um ein paar Energiekristalle gemacht. Aber Sytania will ja nur aufrecht erhalten, dass sie eine Göttin ist und einer Göttin muss man opfern. Unter normalen Umständen braucht sie ja keine Fremdenergie. Sicherlich wird sie Cirnach irgendwann mit der Forderung schicken, dass Cyrade ihr ihren Planeten überschreibt. Wie ich die einschätze, wird sie das auch tun, so eingelullt wie die is’.“ „Langsam.“, bremste Shimar N’Caras Eifer. „Du kannst nicht einfach irgendwas behaupten, ohne Beweise zu haben. Die Situation ist sehr gefährlich und kann leicht nach hinten losgehen, wenn du …“ „Aber die habe ich doch auch.“, sagte N’Cara. „IDUSA, zeig ihm die Aufzeichnung!“

Das Schiff folgte ihrem Befehl und Shimar konnte sehen, was sich auf dem genesianischen Randplaneten zugetragen hatte. Damit sie auch eine Tonaufzeichnung mit ihren sehr reichweitenstarken akustischen Sensoren machen konnte, war IDUSA sogar in die Atmosphäre geflogen, hatte sich aber stets im Schutz der Pole gehalten. „Was sagt man denn dazu?“, fragte Shimar mit einem schadenfrohen Lächeln. „Prätora Unehrenhaft ist tatsächlich eine Verräterin. Soweit ich weiß, mag Shashana Sytania genau so wenig wie die Föderation.“ „Oh, Backe!“, sagte N’Cara. „Dann sollten wir ihr die Aufzeichnung zukommen lassen. Dann wird sie Cyrade entehren und sie ist dann auch ihren Posten als Prätora ihres Clans los. Oder nein. Wir schicken beide Aufzeichnungen an eure Station. Der Geheimdienst würde sich sicher drüber freuen. Dann könnte der Krieg beendet werden und vielleicht kommt dann auch Ginalla frei.“ „Hat IDUSA die Situation mit Cirnach von sich aus aufgezeichnet?“, wollte Shimar wissen. „Nicht ganz.“, sagte N’Cara. „Sie hat mich gefragt, ob sie dürfe und ich habe mein OK gegeben.“ Shimar umarmte sie fest. „Habe ich dir nicht gesagt, ich werde dir eine große Hilfe sein?“, sagte N’Cara. „Das hast du.“, musste Shimar zugeben. Es berührte ihn jetzt sehr, dass sie seinen wunden Punkt getroffen hatte. Eigentlich hatte er vor, noch eine Weile zu überlegen, wie er ihr am besten beibringen sollte, was sie tun müssten. Aber jetzt hatte sie ihn genau darauf angesprochen.

„IDUSA!“, lenkte er noch einmal im Befehlston dem Schiff gegenüber vom Thema ab. „Schicke deine letzten beiden Aufzeichnungen an unsere Basis. Wer weiß, wozu es gut ist!“ „Habe ich längst getan.“, sagte IDUSA. „Ich denke ja mit.“

„Willst du Zeit schinden?“, grinste N’Cara. „Im Prinzip schon.“, gab Shimar zu. „Wieso denn?“, fragte die Jugendliche. „Kommt gleich das Geständnis des Jahrtausends, oder was ist dir für fne Monsterlaus über die Leber gelaufen?“

Shimar replizierte sich einen recht hochprozentigen Drink. „Na, na.“, grinste N’Cara. „Das ist aber nicht so das Gelbe vorn Ei. Gut, dass IDUSA sich im Notfall selbst steuern kann.“ „Keine Panik.“, tröstete Shimar. „Es wird bei dem einen Glas bleiben. Trotzdem wird’s gleich nicht einfach.“ „Hoffentlich muss ich die Info nicht aus dir raus operieren.“, scherzte N’Cara. „Ich bin eine verdammt miese Chirurgin.“ „Dann sollte ich alles versuchen, dass es auf natürlichem Wege funktioniert.“, sagte Shimar. „Also, die Genesianer haben meines Wissens ein Ritual, das Urteil der Götter heißt. Zwei Kriegerinnen stehen an einer Linie, die jede selbst wählen darf. Entscheidend ist die Entfernung zu einer Zielscheibe. Beide haben einen Phaser. Je weiter die jeweilige Kriegerin von der Scheibe weg steht, desto größer ist ihr Gottvertrauen. Mit diesem Ritual wird auch im Zweifel Recht gesprochen. Vielleicht können wir so sogar Ginalla befreien.“

Er sah IDUSA an. „Ihre Ausführungen der vorhandenen Daten über das Urteil der Götter sind korrekt.“, sagte der Schiffsavatar. „Aber Sie werden das wohl kaum durchführen dürfen, selbst wenn Shashana es zuließe.“ „Jetzt brauchst du Jassica James!“, strahlte N’Cara. „Stell dir das nicht so einfach vor.“, ermahnte sie Shimar. „Du würdest unter enormem Druck stehen und das ist beileibe was anderes als in deinem Schützenverein. DA geht es allenfalls um einen Pokal. Hier geht es um ein Leben. Ich weiß nicht, ob du mit dem Druck klar kommst.“ „Das musst du gerade sagen!“, zischte N’Cara. „Du hast doch schon so oft Leben verteidigt, dass du es sicher schon gar nicht mehr zählen kannst.“ „Das ist aber was anderes.“, sagte Shimar. „Ich habe eine militärische Ausbildung.“ „Die kannst du dir quer in den Hintern schieben!“, meinte N’Cara. „Bei den Genesianern ist das nix wert. Du Mann ich Frau. Das ist alles, was zählt. Kapiert?!“ „Oh, ja.“, sagte Shimar, der jetzt wieder jenes mutige kleine Ding in N’Cara spürte, das sie war. „Und ich hatte schon Angst, du hättest die gute Jassica zu Hause gelassen. IDUSA, setze Kurs nach Genesia Prime!“

Jenna, Joran und Maron waren mit dem neuen Schiff in Richtung der interdimensionalen Sensorenplattform aufgebrochen, die in Verdacht stand, manipuliert worden zu sein. Die hoch intelligente Halbschottin hatte beobachtet, dass es ihrem Freund nichts ausmachte, das Schiff zu fliegen. „Ich bewundere die Art, wie du mit ihr klar kommst, Joran.“, flüsterte sie ihm zu. „Warum sollte ich das nicht, Telshanach.“, entgegnete der Vendar. Er hatte kein Problem damit, sie auch in Anwesenheit eines Vorgesetzten Liebling zu nennen, was sie aber genau aus diesem Grund ihm gegenüber vermied. „Sie ist in ihrer Funktionsweise nicht anders als unsere IDUSA auch. Gut, der Avatar hat die Haare anders, aber das stört mich nicht.“ „Dachte ich mir, Joran.“, lächelte Jenna. „Obwohl ich einen kenne, dem es sicher etwas ausgemacht hätte.“ „Du sprichst doch nicht etwa von Maron El Demeta.“, schloss Joran. „Doch.“, meinte Jenna. „Genau von dem spreche ich.“

Die Tür zur Achterkabine öffnete sich und der erste Offizier kam ins Cockpit gestiefelt. „Wie weit ist es noch, Joran?“, fragte er. „Nur noch 30 Parsec, Maron El Demeta.“, antwortete Joran ruhig. „In zehn Minuten werden wir dort sein.“ „Danke.“, sagte der demetanische Agent, drehte sich wieder um und winkte Jenna im Gehen. Diese wusste sofort, was dies zu bedeuten hatte und folgte ihm.

Nun saßen sich die Beiden unter vier Augen in der Achterkabine gegenüber. „Halten Sie für möglich, dass Shimar und IDUSA die Wahrheit gesagt haben, Jenna?“, fragte Maron die Chefingenieurin. „IDUSA kann nicht lügen, Sir.“, rief Jenna ihm die Fakten in Erinnerung. „Es ist das Gleiche wie bei einem Androiden, also wie zum Beispiel bei Ishan.“ „Aber wenn derjenige von außen so manipuliert wird, dass er nur die falsche Information hat und sie deshalb für die Wahrheit hält?“, mutmaßte Maron. „Sie denken doch nicht etwa, dass Shimar zu so etwas in der Lage wäre, nur um ein Versäumnis seinerseits zu vertuschen.“, sagte Jenna. „Halten Sie ihn für dazu fähig?“, wollte der Ermittler wissen. „Offen gesagt, Sir.“, begann Jenna. „Ich halte Shimar nicht für fähig, eine Warp- von einer Transporterspule zu unterscheiden, ohne einen technischen Erfasser benutzen zu müssen. Mit dem bloßen Auge und einem stinknormalen Erfasser, der keine Spezialprogrammierung hat, kriegt er das nicht hin. Aber ich habe den Verdacht, dass die Plattform von derselben Person manipuliert worden ist, die das auch mit dem Rechner der tindaranischen Streitkräfte getan hat, um an Shimars Akte zu kommen. Ein Motiv hätte sie. Sie weiß sicher, dass wir Shimar als Babysitter hinter ihr hergeschickt haben. Ich halte es für möglich, dass sie sich, was die Gefahren des Universums angeht, überschätzt und versuchen wird, aus unserem Blickfeld zu entkommen.“ „In zehn Minuten werden wir sehen, wer Recht hat.“, sagte Maron.

Joran meldete sich über die Bordsprechanlage, die Maron beantwortete. „Wir sind da, Maron El Demeta.“, sagte er. „OK.“, sagte Maron und winkte Jenna erneut, die ihm ins Cockpit folgte. Hier schloss sie ihren eigenen Neurokoppler an die Konsole an und ließ sich von IDUSA den technischen Statusbericht der Plattform zeigen. „Sag der Plattform, sie soll die Lebenserhaltung aktivieren, IDUSA!“, befahl Jenna. „Wir gehen rüber.“ Dabei zeigte sie auf Maron. „Habe ich erwähnt, dass ich unter Platzangst leide, Mc’Knight?“, scherzte der erste Offizier. „Du kannst gern hier bei mir bleiben.“, mischte sich Joran ein. „Aber dann dürfte es verdammt schwierig für dich werden, in dieser Sache zu ermitteln.“ „Wir kriegen das schon hin.“, beschwichtigte ihn Jenna. „Pass du auf das Schiff auf. Wir machen den Rest. IDUSA, was ist mit der Atmosphäre?“ „Sie ist jetzt für Sie atembar.“, antwortete das Schiff. „Fein.“, sagte Jenna und schulterte ihre Tasche. „Dann beam uns rüber.“

Nach dem erfolgreichen Transport sah sich Joran allein dem Schiffsavatar gegenüber. Dem genauen und geschulten Auge des Vendar fiel auf, dass sie nicht nur eine andere Frisur als die gewohnte IDUSA hatte. Sie unterschied sich auch in Kleidung und Statur leicht, wenn man davon überhaupt sprechen konnte, denn sie trug wie alle Avatare die Uniform einer tindaranischen Pilotin.

„Glauben Sie, dass der Verteidigungsfall eintritt?“, wollte sie wissen. Bei ihrer Frage fiel Joran auch auf, dass sich ihre Stimme von der bekannten IDUSA-Einheit unterschied. Sie war etwas tiefer. Außerdem hatte sie eine Betonung, die Joran verriet, dass sie, wenn sie etwas sagte, es wohl auch geradeheraus meinen würde und keinen diplomatischen Schlenker machen würde, wie er es von der anderen IDUSA gewohnt war. „Ich denke nicht.“, antwortete Joran. „Ich kenne meine ehemalige Gebieterin. Sie würde niemals jemanden von Telzans Leuten schicken, um einen Hackerangriff auf eine tindaranische Sensorenplattform auszuüben. Sie weiß genau, dass wir das erkennen würden und ihr somit sofort draufkommen würden. Das riskiert sie nicht. Dazu ist sie zu bequem und ihre Vendar sind ihr nach meiner Rebellion viel zu kostbar, als dass sie zulassen würde, dass einer von ihnen in einem tindaranischen Gefängnis landete.“ „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie die englische indirekte Rede so gut beherrschen.“, lobte der Schiffsavatar. „Technical Assistant O’Riley hat behauptet, Ihr Englisch sei mindestens so schlecht wie das eines Mannes mit einer Schlange im Bauch aus einem Unterhaltungsroman, den sie lese, weil es auch nicht seine Muttersprache gewesen sei. Aber meiner Meinung nach, Joran, hat sie damit reichlich übertrieben. Ich halte O’Riley für ziemlich affektiert, was diesen Roman angeht. Sie macht sich das Leben zu einfach, wenn sie es einfach nur in schwarz und weiß unterteilt.“ „In der Tat, IDUSA.“, seufzte Joran. „Aber wenn du sie so gut einschätzen kannst, dann weißt du auch, dass sie sich für dümmer hält, als sie ist. Vielleicht besteht da ein Zusammenhang.“ „Korrekt.“, erwiderte das Schiff.

„Ich muss Ihnen aber noch etwas sagen.“, sagte IDUSA und machte eine Pause, um seine Reaktion abzuwarten. „Warum zögerst du?“, fragte Joran. „Weil es um Commander Zirell geht und ich genau weiß, wie treu ergeben Vendar ihren Anführern sind. Ihrem Verhalten nach gegenüber ihr, Joran, haben Sie den Commander als Anführerin akzeptiert und werden mir sicherlich die Ohren lang ziehen, oder mir Ihre Freundin auf den Hals hetzen, wenn ich Ihnen sage, was ich denke.“ „Tindara ist eine freie Welt, IDUSA.“, tröstete Joran sie mit seiner tiefen leicht brummenden Stimme. „Das gilt auch für künstliche Intelligenzen wie dich. Also sag ruhig, was du sagen willst. Es wird nichts passieren. Ich verspreche es.“

Der Avatar legte die Stirn in Falten, bevor sie begann: „Meiner Meinung nach ist Commander Zirell manchmal schon etwas paranoid, was Ihre ehemalige Gebieterin angeht. Sie sieht Sytania überall und das kann unter Umständen einmal schiefgehen.“ „Für solche Fälle bin ich ja da.“, erklärte Joran. „Ich werde ihr schon sagen können, wann es wahrscheinlich ist, dass meine Ex-Gebieterin ihre Finger im Spiel hat.“

Der Avatar machte ein zufriedenes Gesicht. Sie wusste, dass sie Joran in der Hinsicht vertrauen konnte, denn sie hatte über die Individualdateien ihrer Vorgängerin, die Jenna in ihre Verzeichnisse kopiert hatte, alle Informationen, die auch die andere IDUSA gesammelt hatte. Aufgrund der von ihr angestellten Wahrscheinlichkeitsprognose konnte er nur Recht haben.

Maron und Jenna hatten sich auf einer Transporterplattform auf der Station wieder gefunden. Die brünette Halbschottin zog ihren Erfasser und gab eine Reihe von Befehlen ein. Dann stellte sie sich vor ihren Vorgesetzten und sagte: „Wir müssen hier entlang, Agent.“

Sie betraten einen Turbolift, der sie in ein tieferes Stockwerk der Station brachte. „Wir sind im Rechenzentrum.“, erklärte Jenna, nachdem Agent Maron verwirrt auf die unzähligen Wartungskonsolen gezeigt hatte. „Bin ich froh, dass ich keinen technischen Beruf ergriffen habe.“, stellte Maron fest. „Ich würde durch dieses Chaos gar nicht durchfinden.“ „Was meinen Sie mit Chaos, Sir?“, fragte Jenna mit unschuldigem Blick. „Ich finde, hier ist alles super geordnet.“

Forschen Schrittes ging sie zu einer Konsole und schloss ihren mitgebrachten Neurokoppler an. „IDUSA.“, sprach sie ins an der Konsole angebaute Mikrofon. „Hier ist Techniker Jenna Mc’Knight. Erstelle eine Reaktionstabelle von mir und zeig mir die letzten eingegangenen Anfragen nach einer Onlineverbindung.“

Jenna spürte die üblichen Anzeichen dafür, dass der Avatar sie untersuchte. Dann zeigte sich ihr das Bild eines jungen Tindaraners mit Bubikopf. Gleichzeitig sah sie den gewohnten virtuellen Monitor vor ihrem geistigen Auge und darauf die angeforderten Berichte. „Ich schätze, der sonst für diese Station zuständige Ingenieur ist eine Frau.“, sagte Jenna. „Warum sonst sollte sie auf die männliche Form der Bedienhilfe zurückgreifen.“ „Wäre nett, wenn Sie mir auch zeigen könnten, was Sie sehen, Jenn’.“, sagte Maron und zog seinen eigenen Neurokoppler aus der Tasche. „Also gut.“, sagte Jenna und nahm ihm das Anschlussmodul ab. „Ich wollte ja nur vermeiden, dass Sie sich langweilen.“

Nachdem der Avatar auch von Maron eine Tabelle erstellt hatte, sah der Demetaner eine Menge von Zahlen und Begriffen, die für ihn sehr verwirrend waren. An seinem Blick sah Jenna, dass er sich wohl mit der Sache gänzlich überfordert fühlte. „Bereuen Sie, dass Sie darauf bestanden haben, alles zu sehen, was auch ich sehe, Sir?“, fragte Jenna mit etwas Genugtuung in der Stimme. „Offen gestanden ja, Mc’Knight.“, gestand Maron. „Ich kann hiermit eigentlich überhaupt nichts anfangen und wäre froh, wenn Sie mir ein bisschen unter die Arme greifen könnten.“ „Ihnen alles zu erklären würde sicher jeden Rahmen sprengen, Agent.“, sagte Jenna freundlich. „Aber viele dieser Tabellen und Begriffe beziehen sich auf bestimmte Vorgänge während einer Onlineverbindung. Da sind zum Beispiel die Signalschemen. Sehen Sie mal hier.“ Sie zeigte auf eine bestimmte Spalte. „Dies sind ganz normale Schemen wie sie entstehen, wenn ein tindaranischer Rechner anfragt, ob er die Plattform benutzen darf. Die Zahlen stellen das Frequenzmuster dar, das vom jeweiligen Sprechgerät ausgesendet wird. Die Zahlen in der Spalte davor sind die jeweiligen zentralen Allzeiten, zu denen die Anfrage eingegangen ist. Die Spalte danach enthält Abkürzungen für technische Begriffe, die mir sagen, ob und beim wievielten Versuch die Anmeldung erfolgreich war.“

Maron sah sich die Tabellen genau an ,um zu sehen, ob er verstanden hatte, von was sie gerade gesprochen hatte. Dann sagte er: „Was ist mit diesem Muster, Jenn’?“, und zeigte auf eine bestimmte Zeile. Jenna sah jetzt auch hin. „Sie haben Recht, Sir.“, sagte sie staunend. „Das wäre mir jetzt gar nicht aufgefallen. Aber ich habe dieses Schema irgendwo schon einmal gesehen.“ Sie zog die Stirn kraus und dachte nach.

„Vielleicht hilft es, wenn Sie sich das Schema als Bild zeigen lassen.“, schlug Maron vor, nachdem er ihr ganze zehn Minuten beim Denken zugesehen hatte. „Aber natürlich!“, freute sich Jenna über seinen Vorschlag. „Sie scheinen heute einen Lauf zu haben, Agent.“

Sie erteilte dem Avatar die entsprechenden Befehle. Dann sahen beide die graphische Darstellung eines SITCH-Signals. „Ich will verdammt sein, Sir!“, rief Jenna aus. „Das ist das gleiche Signal, das wir auch damals in der tindaranischen Garnison gesehen haben!“ „Sie haben Recht, Mc’Knight.“, erinnerte sich Maron. „Das bedeutet, Shimar hat die Wahrheit gesagt. IDUSA und er sind tatsächlich von dieser Ginalla auf eine falsche Fährte gelockt worden. Wenn ich mich nicht schon bei Shimar entschuldigt hätte, wäre das sicher jetzt fällig.“ „Da werden Sie von mir keinen Widerspruch hören, Agent.“, sagte Jenna grinsend.

Sie schloss ihr Arbeitspad an den Diagnoseport der Konsole an, um sich die Daten von dort herunterzuladen. Dann sagte sie: „Wir sind hier fertig. Ich werde Joran jetzt sagen, dass er uns holen kann.“ „Wenn wir wieder auf der Station sind, werde ich dem Chief-Agent der Tindaraner und dem der Föderation das Material vorlegen, Techniker.“, sagte Maron. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie es kommentieren könnten.“ „Aber klar.“, sagte Jenna und zog ihr Sprechgerät, um Joran Bescheid zu geben, der beide sofort von IDUSA an Bord beamen ließ. Dann machten sie sich auf den Weg zurück zu Zirells Basis.

Scotty war an diesem Morgen bereits sehr früh erwacht. Selbst für ihn, der aus irgendeinem Grund immer noch nach der Sternenflottenzeit lebte, war es ungewöhnlich, dass er bereits um fünf Uhr auf der Kante seines großen in Beige gestrichenen Bettes saß. Er hatte gerade die weiche Decke zurückgeschlagen, deren Bezug mit einem in roten Karos gehaltenen Muster verziert war, aus dem in großzügiger Verteilung angeordnete gelbe Sternchen blitzten. Das Kissen hatte denselben Bezug und so sah auch das Laken aus. Er drehte sich zu seiner kleinen roten Nachtkonsole, auf der sich das Terminal für die Sprechanlage befand. Hier konnte er auch die Uhrzeit ablesen, welche von der Empfangsdame auf Scottys persönlichen Wunsch auf terranische Zeit eingestellt worden war, solange Scotty blieb. Das konnte von der Rezeption aus erledigt werden.

Er stand auf und drehte sich nach rechts, um in das ebenfalls mit fröhlichen warmen Farben ausgestattete Bad zu gehen. Nach einem ausgiebigen Aufenthalt in der Schalldusche nahm er ein Gerät aus seinem Kulturbeutel zur Hand, das uns vielleicht an eine tragbare Spielkonsole erinnern könnte. Damit hatte es aber nichts zu tun. Scotty hielt es vor sein Gesicht und drückte einen Knopf, worauf all seine Barthaare einfach fortgebeamt wurden. Wenn er also einmal sagte: „Ich brauch’ nur noch fne Sekunde zum Rasieren.“, konnte man dies wirklich wörtlich nehmen. Vor allen Dingen ich hatte diesen Umstand immer höchst amüsant gefunden, denn ich hatte ja den direkten Vergleich mit den im Vergleich dazu langwierigen Rasierorgien meines Vaters. Scotty hatte mir natürlich erklärt, dass er über die Menüsteuerung dem Gerät Dinge wie die zu verbleibende Bartlänge und andere Einzelheiten vorgeben konnte.

„Montgomery!“ Er hatte eine Stimme in der Tür zu seinem Zimmer wahrgenommen. Eine Stimme, die er sehr gut kannte. „Augenblick, Sedrin!“, rief er zurück und verließ, nachdem er sich vollständig angezogen hatte, das Badezimmer, um zu ihr zu gehen, die ihn bereits erwartete. „Wir müssen uns ein bisschen beeilen.“, erklärte Sedrin. „Der Transfer zum Tag der offenen Tür des tindaranischen Shuttlegeschwaders geht in zwei Stunden.“ „Aber es wird doch hoffentlich noch Zeit sein, einen Happen zu uns zu nehmen.“, meinte Scotty und ging zum Replikator. „Hast du einen besonderen Wunsch, Sedrin?“, fragte er die auf dem Stuhl am ebenfalls zum Zimmer gehörenden Schreibtisch sitzende Demetanerin. „Sommerfruchttee wäre gut.“, sagte sie. „Und dann frag ihn bitte nach Müsli und einem Quarkbrötchen.“ „OK.“, sagte Scotty. „Aber du klingst, als wärst du nicht sicher, ob das gute Stück dein Spezialmenü zaubern kann.“ „Das hier ist ein tindaranisches Gerät.“, begann Sedrin einen Vortrag. Wer sie kannte, war dies nicht anders von ihr gewohnt. „Es ist nicht gesagt, dass aufgrund der kulturellen Unterschiede alles, was ein Föderationsreplikator …“

Scotty pfiff den Anfang einer Melodie, als er ein Tablett vor ihr und sich auf dem Tisch abstellte, auf dem sich auf der einen Seite tatsächlich das von Sedrin Bestellte und auf der anderen Seite eine Tasse Kaffee und ein Teller mit Eiern mit Speck befanden. „Im Notfall hätte ich’s programmiert.“, grinste der ausgebildete Ingenieur.

Sedrin sah ihr Frühstück lange beeindruckt an. „Na nun iss!“, sagte Scotty in seiner berühmt berüchtigten Art. „Zum Angucken steht’s da nich’.“ Dabei hatte Scotty sich bereits genüsslich eine Gabel voll Rührei in den Mund geschoben.

Sedrin drehte sich plötzlich weg und verließ im Laufschritt das Zimmer in Richtung Bad. Als sie zurück war, sah Scotty die Blasse mitleidig an. „Entschuldige, wenn du das nicht sehen kannst.“, sagte er. „Es ist der Speck, habe ich Recht? Das hat doch sicher moralische Gründe. Oder?“ „Es sind die Vulkanier, die aus moralischen Gründen kein Fleisch essen, nicht mein Volk.“, verbesserte Sedrin. „Aber es ist auch nicht der Speck, sondern es sind die Eier. Ich kann das einfach nicht sehen. Aber das hat nichts mit Moral zu tun. Für mich sieht das nur rein optisch aus, als würde man die Augen einer platonischen Schneekröte aussaugen, die ja bekanntlich weißgelbe Augen hat, wenn ich Rührei sehe. Bei Spiegelei ist es noch schlimmer.“ „Oh, Sorry.“, sagte Scotty peinlich berührt und schiss sich innerlich selbst zusammen, dass die Fetzen flogen. „Dann ändern wir mal die Sitzordnung. Er rückte um die Ecke. „So.“, sagte er danach. „Um mir jetzt auf den Teller sehen zu können, müsstest du dich dauerhaft nach rechts verrenken und das würde dein Nacken nicht sehr prickelnd finden.“ „Danke, Scotty.“, lächelte Sedrin zurück, der es schon viel besser ging. „Du findest wohl immer eine Lösung.“

Alana hatte ihre Ausbildung beendet. Auch die notwendigen Veränderungen, die vorgenommen werden mussten, damit keiner sie erkennen würde, waren geschehen. Da sie auch eine Miray war, musste dies aber nicht viel sein. Sie benötigte nur eine andere Haarfarbe. Operationen waren eigentlich nie ihr Ding gewesen und so war sie froh, dass kein geheimdienstlicher Arzt bei ihr Hand angelegt hatte.

Nun ging sie den langen Gang zu Alegrias Gemach entlang, um sich gleich unter falschem Namen bei ihr vorzustellen. Eine falsche Identität hatte ihr Merkurion selbstverständlich besorgt.

Timor erkannte sie nicht, als er die junge fremde Frau durchwinkte. Alana war in der Hinsicht zweigeteilt. Eigentlich hätte sie sich sehr gefreut, wenn der Geliebte sie erkannt hätte. Aber Merkurion hatte ihr eingeschärft, dass dies nicht geschehen durfte. „Die neue Shuttlepilotin ist hier, Hoheit.“, kündigte der Diener sie an. „Lass sie ein!“, befahl Alegria.

Mit klopfendem Herzen betrat Alana das Zimmer. Sie hoffte sehr, dass Alegria sie nie gesehen hatte und wenn, dass sie die Kammerjungfer kaum eines Blickes gewürdigt hatte. Sonst wäre es mit ihrer Tarnung sicherlich aus gewesen.

„Setz dich!“, befahl die Prinzessin und deutete auf einen Stuhl neben dem Ihren, der aber bedeutend niedriger war. Alana legte einen Datenkristall auf den marmornen Schreibtisch. Ohnehin hatte Alegria die Einrichtung ihrer Gemächer komplett verändern lassen. In allem wollte sie ihre Schwester übertreffen. Das führte sogar zu sehr abstrusen Auswüchsen bei beiden Prinzessinnen. Sowohl Hestia als auch Alegria hatten ein Dekret erlassen, nach dem jeder einfache Bürger nur noch so viel haben durfte, dass es für eine Scheibe Brot am Tag reichen würde. Alles andere musste man den Prinzessinnen als Zehnt zur Verfügung stellen. Auch zu merkwürdigen Ritualen war es gekommen. Jeder musste zum Beispiel eine kleine Statuette im Haus haben, welche die jeweilige Prinzessin vor einem goldenen Tor darstellte. Morgens nach dem Aufstehen mussten alle eine merkwürdige Beschwörungsformel sprechen, die angeblich die Suche nach dem Tor beschleunigen sollte. Die Einhaltung dieser Rituale wurde sorgfältig von Polizeikräften überwacht. Wer es bis zu einer bestimmten Urzeit nicht getan hatte, wurde verhaftet und dazu gezwungen. Wer aus Versehen den falschen Namen verwendete, wurde gleich getötet und das ohne Prozess!

Alegria hatte den Inhalt des Kristalls kurz durchgelesen. „Du heißt also Mila.“, sagte sie. „Deine Prüfung hast du mit Bravur bestanden, lese ich hier.“ „Ja.“, sagte Alana, wie es abgesprochen war. „Ihr werdet also bei mir in sehr sicheren Händen sein.“ „Also gut.“, sagte die Prinzessin, der auch bewusst war, dass Alana alias Mila die einzige Bewerberin war.

„Wie stehst du zu meiner Schwester?“, fragte Alegria und Alana war sicher, jenes hasserfüllte Blitzen in ihren Augen zu sehen, das sie auch bei Hestia wahrgenommen hatte, wenn das Gespräch auf Alegria gekommen war.“ „Eure Schwester ist auch meine Feindin.“, erwiderte Alana und holte einen Anhänger an einer Kette hervor, der das gleiche Bild wie die Statuetten zeigte. „Euch aber werde ich treu ergeben sein, auch wenn ich eigentlich auf Miray Prime geboren und aufgewachsen bin, das jetzt Eurer Schwester gehört. Aber glücklicherweise bedeutet das ja nichts. Ich bin ja nicht dem Erdboden meiner Heimat verpflichtet. Das ist nur ein Stück Sand. Viel mehr bin ich der Frau verpflichtet, die bald Herrscherin über beide Planeten sein wird.“

Alegria sonnte sich in den verbalen Schmeicheleien, die ihr Alana servierte. „Also gut.“, sagte sie dann. „Melde dich bei meinen Wachen. Sie werden dich zu meinem privaten Hangar bringen, wo du dein Arbeitsgerät in Augenschein nehmen wirst. Dann wird man dir deine Unterkunft zeigen.“ Alana nickte und folgte Timor aus dem Zimmer, der noch immer keinen Verdacht geschöpft hatte.

Scotty und Sedrin waren mit einem der vielen Transferbusse zur Garnison des tindaranischen Militärs, die gerade rein zufällig Tag der offenen Tür hatte, unterwegs gewesen und hatten sich nun in eine der vielen Schlangen vor den Eingängen zum Gelände eingereiht. „Hoffentlich fallen wir nicht auf.“, meinte Scotty nervös. „Wenn Sie sich nicht auffällig benehmen, wird das auch nicht passieren.“, flüsterte ihm Sedrin zu, die ihm schon verdeutlicht hatte, dass sie ihre Tarnung aufgeben konnten.

Ein Wachoffizier, der den Einlass regelte, sperrte plötzlich vor ihnen ab. „Was soll das?“, fragte Scotty irritiert. „Ruhig Blut.“, antwortete Sedrin und wendete sich an den Wachhabenden: „Tindara ist im Frühling sehr reizvoll.“ „Sie haben unsere Sommer noch nicht kennen gelernt.“, sagte der Fremde, ein junger Tindaraner von schlanker drahtiger Statur.

Sedrin zog Scotty zu einem Blumentopf in der Nähe. „Was sollte das?“, fragte der Techniker. Sie gab keine Antwort. Statt dessen betrat jetzt eine zierliche Tindaranerin in Fliegeruniform die Bildfläche. Sie hatte langes rotes Haar und machte ein freundliches Gesicht. Sedrin warf ihr einen Blick zu, worauf sie nur nickte und beiden ein Zeichen gab, ihr zu folgen.

Sie gelangten zu einem verlassenen Stellplatz, auf dem sich ein Shuttle befand. Die Fremde legte ihren Finger in die Sensorenmulde an der Tür zum Cockpit, worauf das Schiff sie auf Tindaranisch begrüßte und alle drei einließ. Routiniert setzte sie den Neurokoppler auf und startete das Schiff, nachdem sich alle gesetzt hatten. „Jetzt können wir frei reden.“, sagte sie dann und stellte sich vor: „Ich bin Agent Kibell vom tindaranischen Geheimdienst. Mein Auftrag lautet, Sie nach Basis 281 Alpha zu überstellen.“ „Angenehm, Agent.“, sagte Scotty darauf, nachdem er mit Sedrin einen viel sagenden Austausch von Blicken durchgeführt hatte. Jetzt wusste er sicher, dass er seine Tarnung fallen lassen konnte. „Ich bin Techniker Montgomery Scott. Ihre Kollegin werden Sie ja schon kennen. Verzeihung, wirst du. Bei euch ist das Sie ja nicht üblich.“ „Schon gut.“, lächelte Kibell.

Sie setzte Kurs hinter den anderen Shuttles her, die in einem langen Zug über die Garnison flogen. Der normale Rundflug für Touristen bestand aus einer Schleife, in der die Zivilisten das sehen würden, was die Regierung sie sehen lassen konnte. Hauptsächlich waren das Anlagen und Gebäude, also nichts Geheimes oder Verwerfliches. Ihre Position am Ende der Schlange hatte Kibell mit Absicht gewählt. So würde ihr plötzlicher Kurswechsel so schnell niemandem auffallen und auch niemanden gefährden.

Bald sahen Scotty und Sedrin Tindara aus dem Orbit und dann, wie sich die blaugrüne Kugel immer weiter entfernte. „Wow.“, lobte Scotty. „Den Schlenker hab ich doch glatt nich’ gemerkt. Also, bei dir wird garantiert keiner raumkrank.“ „Danke vielmals.“, lächelte Kibell mit ihrer weichen hohen fast schmeichelnden Stimme zurück.

Kapitel 29 - Eine aufschlussreiche Entdeckung von Visitor

Joran, Maron und Jenna waren wieder auf der Basis angekommen. Nun ging der erste Offizier in Begleitung der Chefingenieurin zu Zirell, um ihr das Ergebnis seiner Ermittlungen mitzuteilen. „Was hast du herausgefunden, Maron?“, fragte die Kommandantin. Sie war zum wiederholten Mal von der Regierung angesprochen worden, wann man denn nun endlich mit Ermittlungsergebnissen aufwarten wolle. „Sag Joran, er soll mich mit Zoômell und Tamara verbinden.“, sagte Maron fast stolz. „Ich weiß jetzt, wer die Plattform manipuliert hat. Shimar trifft jedenfalls an dem Ganzen keine Schuld. Er hat uns die volle Wahrheit gesagt. IDUSA und er konnten nicht wissen, dass sie auf eine falsche Spur gelockt worden sind.“ „Jetzt hör auf, mich so auf die Folter zu spannen!“, forderte Zirell. „Wer war es denn nun?“ „Niemand Geringeres als Ginalla.“, sagte Maron. „Jenn’ hat das am Signalschema erkannt. Sie wird alles näher erklären, wenn die Verbindung mit den Chief-Agents steht.“

Zirell nahm das Mikrofon der Sprechanlage und gab das Rufzeichen der Kommandozentrale ein. „Joran.“, sagte sie, nachdem dieser sich gemeldet hatte. „Verbinde mich mit Chief-Agent Zoômell und Chief-Agent Tamara in einer Konferenzschaltung. Ich habe etwas für sie, das sie sicher interessieren wird.“ „Wie du wünschst, Anführerin.“, gab der Vendar zurück und schaltete die gewünschte Verbindung.

Jannings und seine Assistentin standen mal wieder vor einem erneuten Rätsel. „Hat dieser King nicht gegenüber Allrounder Betsy am SITCH behauptet, dass der Navigationscomputer seines Shuttles abgestürzt sei?“, fragte Jannings seine Assistentin, die von mir die direkten Informationen bekommen hatte. „Das ist korrekt, Sir.“, antwortete die Androidin. „Davon kann ich aber hier nichts sehen.“, ergänzte ihr Vorgesetzter. „Es sieht laut dem Netzwerkprotokoll so aus, als wäre er korrekt heruntergefahren worden.“ „Das ist merkwürdig.“, sagte Elektra und stand von ihrem Sitz vor ihrer Arbeitskonsole auf. „Wohin wollen Sie, Assistant?“, fragte Jannings. „Zu Agent Mikel.“, sagte sie und drehte sich zur Tür. „Wir werden ihm sagen müssen, dass ein neues Puzzleteil hinzugekommen ist.“ „Sicher.“, meinte Jannings ruhig, der manchmal in seiner Art etwas an Chief O’Brien erinnerte. „Aber ich bin sicher, das wird nicht das Einzige bleiben. Kommen Sie mit.“

Er zog sie hinter sich her aus der technischen Kapsel zu den Shuttlerampen und dort gingen sie an Bord von Kings Schiff. „Was haben Sie vor?“, fragte Elektra. „Ich will mir den Frachtraum mal genauer ansehen.“, sagte Jannings. „Der Computer hat gepetzt, wie Sie wissen, Assistant. Das mit dem angeblichen Rechnerabsturz war nicht das Einzige, was mich irritiert hat. Laut seinem Frachtmanifest hat King medizinische Proben und Vorräte an Bord. Aber der Hauptrechner hat keine Verbindung zu irgendeiner Stasekammer oder so etwas. Ich wette mit Ihnen, dass die Frachträume leer sind oder dass es nur ein Täuschgerät gibt, das Sensoren von herannahenden Schiffen weismachen soll, dass er medizinische Vorräte geladen hätte. Dafür, dass sein Schiff angeblich so stark beschädigt war, ist er mir zu ruhig. Allrounder Betsy und ich haben viel Zeit mit ihm verbracht, seit dem er an Bord ist und er hat sich kein einziges Mal nach seiner Fracht oder seinem Schiff erkundigt, geschweige denn nach dem Stand der Reparaturen.“

Er zog ein Überbrückungsgerät aus der Tasche und setzte es an zwei Modulen an, die dem Stromkreis der Tür angehörten. „Sollten wir dann nicht lieber den Agent dazu holen?“, fragte Elektra, die in einiger Entfernung gewartet hatte. „Immer nach Vorschrift, Elektra.“, lächelte Jannings ihr zu, nachdem er sich auf ihren Einwand hin umgedreht hatte. „Aber wenn Sie wollen …“

Er zog sein Sprechgerät und gab das Rufzeichen des Schiffsrechners ein. „Computer, wo ist Agent Mikel?“, fragte Jannings. „Agent Mikel befindet sich in Allrounder Betsys Quartier.“, kam eine nüchterne Antwort zurück. „Sie bleiben hier!“, befahl Jannings in Elektras Richtung und gab ihr das Überbrückungsgerät. „Falls King auftaucht, melden Sie das sofort.“ Elektra nickte.

Ich hatte Mikel den Kelch gegeben, den Korelem mir geschenkt hatte. Der Spionageoffizier hatte ihn mit seinem Erfasser gescannt und festgestellt, dass er die Quelle der Savarid-Strahlung war. „Von Wegen symbolisch.“, zischte Mikel. „Von diesem Kelch geht nicht nur eine symbolische Kraft aus.“ „Ich weiß.“, sagte ich. „Loridana könnte dein Gehirn einer Reinigung mit Rosannium unterziehen, das weißt du. Dann wärst du die Strahlung ganz schnell wieder los.“, schlug Mikel vor. „Das will ich nicht.“, sagte ich. „Außerdem würde sie damit auch Shimars Muster zerstören und das würde er spüren. Es würde ihm ziemlich weh tun, wenn nicht ihn und mich sogar verletzen. Ich denke sogar, dass bei uns beiden Hirnschäden die Folge wären.“

Mikel schluckte und dachte nach. „Entschuldige.“, bat er dann. „Aber vielleicht hat ja alles einen Sinn.“ „Du meinst wegen der Theorie vom großen Plan?“, suchte ich nach einer Bestätigung. „Genau deshalb.“, sagte er überzeugt. „Korelem war eine Art V-Mann. Ich bin gespannt, welche Rolle King hat. Die Sache mit dem unschuldigen Frachterpiloten nehme ich ihm nicht so richtig ab. Dafür benimmt er sich zu seltsam.“

Ich wusste, dass Mikel damit Recht hatte, denn ich hatte auch meine Erfahrungen mit King machen können. Kissara hatte Mikel und mir befohlen, sich um ihn zu kümmern und mir war aufgefallen, dass er die einfachen Dinge sehr genoss, eigentlich zu sehr, um einer aus dem einfachen Volk zu sein. Vielleicht spielte auch eine große Rolle, dass mir Korelem die Information über den abgetauchten Bruder der mirayanischen Prinzessinnen gegeben hatte, aber ich war fast sicher, dass wir es mit einem Prinzen zu tun hatten. Aber nicht nur ich war dessen sicher. Auch Mikel hatte mit ihm etwas durchgeführt, das er den Burgertest genannt hatte. Er hatte ihn einmal mit in sein Quartier eingeladen und mich auch, da er eine Zeugin benötigte. Dann hatte er einen typischen Burger repliziert und King Messer und Gabel hingelegt, die er nicht angerührt hatte. Ich sollte ihn immer wieder unterschwellig darauf aufmerksam machen, dass er sich doch die Hände schmutzig machen würde, wenn er mit ihnen äße und er doch lieber das Besteck zur Hand nehmen sollte. Aber mir schien, dass King das Essen mit der Hand regelrecht wie eine Zeremonie praktizierte, als wäre es etwas Besonderes, was er nicht alle Tage täte. Ein Prinz würde sicher die Art, in der das einfache Volk Nahrung aufnahm, nie oder nur selten praktiziert haben und einen Burger würde er schon gar nicht kennen. Sicherlich war er geimpft worden, sich wie ein einfacher Mann zu verhalten, aber Mikels Einladung war sehr spontan und damit überraschend gewesen. „Mikel, ich glaube ich kann den Prinzen in ihm erkennen.“, sagte ich. „Das wäre noch ein Indiz für dich, das uns hier jemand alle benutzt.“ „Deshalb willst du wohl auch nicht, dass man die Savarid-Strahlung entfernt und wirst den Kelch auch weiter benutzen.“, schloss der Agent. „Genau.“, sagte ich. „Und wie willst du den Prinzen herauskitzeln?“, lächelte Mikel. „Willst du King küssen?“ „Nein.“, sagte ich. „Aber ich habe da so meine Methoden.“

Die Sprechanlage riss uns aus unserer Unterhaltung. „Hier Agent Mikel.“, meldete sich Mikel vorschriftgemäß. Ich hatte ihm erlaubt, die Anlage zu benutzen, denn ein unbestimmtes Gefühl sagte mir, dass es nur für ihn sein konnte. „Hier ist Techniker Jannings.“, kam es zurück. „Bitte um Erlaubnis, eine Aussage zu machen, Sir.“ „Erteilt.“, sagte Mikel. „Kommen Sie herein. Ich denke, der Allrounder darf ruhig einiges mitbekommen. Vielleicht interessiert sie das ja auch.“

Jannings betrat mein Quartier und ging durch bis ins Wohnzimmer, wo er uns beiden ansichtig wurde. Wir setzten uns alle drei auf das Sofa. „Dann erzählen Sie mal.“, sagte Mikel und zog ein Pad, um Jannings’ Aussage protokollieren zu können. „Es geht um Kings Schiff.“, sagte der Techniker. „Elektra und ich haben ihren Rechner auf den Kopf gestellt und dabei ist uns aufgefallen, dass der Rechner für die Navigation nicht abgestürzt ist, sondern korrekt heruntergefahren wurde. Es gibt gewisse Unterschiede im Systemprotokoll, wenn …“ „Schon gut.“, sagte Mikel, der befürchten musste, mit Jannings’ Fachchinesisch nicht viel anfangen zu können. „Aber das war noch nicht alles, Agent.“, fügte der Chefingenieur noch hinzu. „Es gibt anscheinend keine Systeme, die medizinische Fracht vor Verderben schützen können. Ich hatte Fehlermeldungen erwartet bis sonst wo. Aber da war nichts. Der Rechner weiß noch nicht einmal, dass er solche Systeme haben soll. Ich würde mich ja nicht wundern, wenn der Frachtraum bis auf ein Täuschgerät komplett leer ist.“

Mikel stand auf. „OK.“, sagte er. „Gehen wir der Sache auf den Grund. Kommen Sie, Jannings!“ „Eins noch.“, sagte Jannings, als sich die Beiden bereits im Gehen befanden. „Elektra musste ein Profil für das Licht in Gästequartier eins erstellen, das, wenn King dem Computer das Einschalten des Lichtes befiehlt, dafür sorgt, dass es nur ganz langsam angeht. Dieses Profil hängt an Kings Stimme.“ „Danke für die Information, Jannings.“, grinste Mikel. „Wer weiß, wozu sie gut ist.“

Die Männer fuhren mit einem Turbolift in die technische Kapsel zurück. Hier erwartete sie Elektra, die sich immer noch nicht vom Fleck gerührt hatte. „Sie kann den Frachtraum sofort öffnen, wenn Sie es wünschen, Agent.“, sagte Jannings und deutete auf seine Assistentin. „Normalerweise ist es gesetzeswidrig, so in die Privatsphäre eines Anderen einzudringen.“, sagte Mikel. „Aber hier sind zu viele merkwürdige Dinge passiert. Die Sicherheit des Schiffes könnte gefährdet sein. Also, aufmachen, Elektra!“, befahl der Geheimdienstler.

Die Angesprochene folgte dem Befehl und öffnete die Luke. Jetzt standen Jannings und Mikel tatsächlich vor einem fast leeren Frachtraum. Fast leer, da sich in einer winzigen Ecke tatsächlich das vom Ingenieur vermutete Täuschgerät befand. Jannings überlegte, wie er es Mikel am besten deutlich machen konnte. „Bitte erlauben Sie, dass ich Sie führe, Agent.“, sagte der technische Offizier und hielt dem blinden Agenten seinen Arm hin. „OK.“, sagte Mikel wenig förmlich, denn er war in der Zwischenzeit ganz aufgeregt geworden.

Sie betraten den Frachtraum und Jannings tippte einige Male mit seinen Füßen auf den Boden. „Ich glaube, dass ich jetzt weiß, worauf Sie hinaus wollen.“, lächelte Mikel. „Sie wollen mir verdeutlichen, dass der Raum komplett leer ist, indem Sie ein Echo erzeugen.“ „Richtig.“, erwiderte Jannings. „Aber ich frage mich, Sir, warum Ihre Kollegen so nachlässig gewesen sind.“ „Erklären Sie das bitte näher, Techniker!“, forderte Mikel. „Nun.“, begann Jannings etwas unsicher, denn er hatte Sorge, in den Augen seines Vorgesetzten vielleicht etwas zu sagen, was diesem nicht nur missfallen würde, sondern auch den gesamten Geheimdienst der Föderation in Misskredit bringen könnte. „Ich rede von den vielen Spuren, die hinterlassen wurden. Also, es gibt eine bestimmte Datei, in der alle Komponenten des Systems gespeichert sind. Sie wissen ja auch, dass Sie zwei Arme und zwei Beine haben. So ist der Computer auch darüber im Bilde, welche Geräte ihm angegliedert sind. Aber der Rechner des Shuttles hier weiß noch nicht einmal, dass er eine Stasekammer oder ähnliche Systeme zum Frischhalten medizinischer Proben hat. Ich meine, wenn mir ein Rechnerabsturz gemeldet wird, muss man davon ausgehen, dass ich das gesamte System auf den Kopf stelle, um die Ursache zu finden. Außerdem musste meine Assistentin ein merkwürdiges Profil für Gästequartier eins …“ „Ich weiß.“, sagte Mikel. „Aber Sie haben Recht, Jannings. Normalerweise ist meine Behörde nicht so schlampig, außer, Tamara wollte, dass die Spuren gefunden werden, weil die Theorie vom großen Plan stimmt.“ „Diese Theorie, die Allrounder Betsy und Sie haben?“, versicherte sich Jannings. „Genau die.“, lächelte Mikel. „Wissen Sie was? Betsy glaubt sogar, dass King eine falsche Identität hat. Sie meint, er sei der ins Exil gegangene Miray-Prinz und das will sie beweisen. Wir haben neulich einen Test mit ihm gemacht, in dem er uns zeigen sollte, wie er sich gegenüber dem Leben des einfachen Mannes verhält.“ „Ich weiß, worauf Betsy hinaus will, Agent.“, lachte Jannings verschmitzt. „Wie wäre es, wenn wir uns heute um acht in der Simulationskammer treffen. Ich kenne da eine Komödie, die genau das Thema behandelt.“ „Abgemacht.“, sagte Mikel, dem Jannings’ Anschauungsunterricht offensichtlich sehr gefallen hatte. Gemeinsam verließen sie Kings Schiff und gingen dann wieder getrennte Wege.

Logar hatte das Raum-Zeit-Kontinuum aufgesucht, wie er es Tolea telepathisch angekündigt hatte. In seiner Begleitung befand sich auch Dill. Beide hatten niemanden sonst mitgebracht, was Tolea veranlasste, auch Diran, der sonst immer in der Nähe war, fort zu schicken. Jetzt saßen die drei Mächtigen allein um einen großen Felsen herum, der allen als provisorischer Konferenztisch diente. Tolea saß an der Stirnseite und rechts und links von ihr saßen Dill und Logar auf kleineren Steinen. „Es tut mir Leid, dass ich uns im Moment keinen bequemeren Ort für unser Gespräch servieren kann.“, sagte Tolea. „Aber Ihr, edle Gevattern, habt es so dringend gemacht, dass ich einfach nicht mehr dazu gekommen bin.“ „Das macht nichts, liebe Freundin.“, beschwichtigte Dill. „Wir werden mit dem vorlieb nehmen, was die Natur uns bietet.“

Logar stand plötzlich auf und ergriff das Wort. „Ihr wisst, dass meine Tochter ein Motiv hätte, sich in das mirayanische Problem einzumischen.“, begann er. Tolea und Dill nickten. „Dann muss ich euch ja wohl nicht erklären, dass von unserer Seite her ein dringendes Eingreifen erforderlich ist.“, fuhr Logar fort. „Oh, das denke ich nicht.“, lächelte Tolea. „Ich denke, dass die Sterblichen diese Situation allein in den Griff bekommen werden und das sogar ohne unsere Hilfe. Gut, ich gebe zu, dass ich ein bisschen im Vorfeld dazu beigetragen habe, dass die Situation ist wie sie ist. Aber wenn wir eingreifen, edler Freund, dann begeben wir uns auf ein Schlachtfeld, dass Eure Tochter wohl kennt und auf dem sowohl sie als auch wir zu Hause sind. Das könnte dazu führen, dass alles außer Kontrolle gerät. Aber die Lösungsansätze der Sterblichen sind es, die Sytania immer wieder gern unterschätzt, weil es ihr bequem ist, sie zu unterschätzen. Aber genau das ist ihr Fehler. Wenn wir uns von ihr zu einem mentalen Kampf provozieren lassen, könnte es sein, dass sie mit Absicht bis zum eigenen Tod kämpfen würde, weil sie genau weiß, dass sie dann die Dimensionen über kurz oder lang zerstören würde. Das würde sie liebend gern in Kauf nehmen, denn, wenn sie die Dimensionen nicht haben kann, soll sie auch niemand sonst beherrschen. Würden wir früher aufgeben, um dies zu verhindern, hätte sie gewonnen. Zu beiden Fällen darf es nicht kommen und das können wir nur erreichen, wenn wir die Sterblichen auf ihre Weise mit der Situation umgehen lassen. Sie sind, so ironisch es vielleicht klingen mag, die Einzigen, die Sytania überraschen können.“

Logar erhob sich und hob drohend den Zeigefinger der rechten Hand, bevor er ansetzte: „Wie kannst du es wagen, so eine Aufgabe den Sterblichen allein aufzubürden?! Von Anfang an war ich mit deiner Einmischung nicht einverstanden. Dass du dem Miray-König die Zukunft gezeigt hast, halte ich für einen groben Verstoß gegen die universellen Regeln. Kein Sterblicher durfte das bisher.“ „Ich weiß sehr wohl, was ich getan habe!“, antwortete Tolea fest. „Egal was er tun würde, die Zukunft würde sich nicht ändern. Das liegt nur am Starrsinn seiner Töchter. Also war es legitim. Ihr, Gentlemen, müsst meiner Ansicht nach dringend aufhören, die Sterblichen zu unterschätzen. Sie können mittlerweile mit der Zeitlinie sehr gut umgehen und wissen aus Experimenten, was sie tun können und was nicht. Nur so können sie lernen und sie lernen gut. Ich glaube eher, Ihr habt Angst, dass sie sich entwickeln könnten und irgendwann einmal den gleichen Platz wie wir in der Evolution erreichen könnten. Ihr wollt nicht teilen. Darin seid, besonders Ihr, Logar, nicht besser als Eure Tochter!“

Logar wurde leichenblass. Mit ihrem letzten Satz hatte Tolea ihm einen Stich in die Magengegend versetzt. „Das muss ich mir nicht gefallen lassen.“, flüsterte er, dem die Luft fast weggeblieben war. „Oh, doch!“, sagte Dill. „Die Evolution hat gezeigt, dass auch wir beide, verehrter Gevatter, einmal aus sterblichen Vorfahren hervorgegangen sind. Wir sollten nicht vergessen, woher wir gekommen sind. Offensichtlich seid Ihr aber kräftig dabei. So lange die Rasse an der Spitze der Macht zu bilden, macht einsam und so mancher benimmt sich dann wie ein verwöhnter kleiner Junge, der sein Spielzeug nicht teilen will. Ich kann Euch beruhigen. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis die erste sterbliche Rasse diesen Entwicklungsschritt tun wird. Aber dann müssen wir bereit sein. Bereit, sie auch aufzunehmen und nicht sie zu bekämpfen. Denn das würde nur einen Krieg nach sich ziehen, den wir alle nicht wollen. Als Herr und Beschützer der Zeit weiß ich sogar, wann es so weit sein wird und wer es sein wird. Aber diese Information sollte ich, wie ich die jetzige Situation einschätze, besser zurückhalten.“

„Wir sollten uns darauf einigen.“, lenkte Logar schließlich doch ein, nachdem er das erste Magengrummeln verdaut hatte. „Dass wir die Sterblichen beobachten. Sollte es zu einer gefährlichen Situation kommen, die sie wirklich nicht lösen können, können wir immer noch etwas tun. Tolea, ich denke, die Aufgabe der Beobachterin sollte dir zukommen. Schließlich ist es deine Theorie, dass die Sterblichen allein zurecht kommen.“ „Einverstanden.“, sagte Tolea, bevor sich alle als Symbol für ihre Einigung die Hände gaben und die Könige in einem weißen Blitz wieder verschwanden.

Tolea rief telepathisch nach Diran, der sofort herbeieilte. Der Vendar sah sehr wohl, dass sich seine Gebieterin gerade ziemlich aufgeregt hatte. „Was ist Euch?“, fragte er Anteil nehmend. „Es ist nur Logar.“, antwortete Tolea mit beruhigender Stimme. „Kein Grund für dich, sich Sorgen zu machen. Er begreift einfach nicht, oder will es nicht begreifen, wie weit ihr Sterblichen euch schon entwickelt habt und dass ihr sogar mit einer Gefahr wie Sytania auch allein fertig werden könnt. Aber deshalb habe ich dich nicht gerufen. Überprüfe den Rechner deines Veshel. Ziehe die Aufzeichnung von unserem Treffen mit Brako, Nugura und den anderen auf einen Datenkristall und verwahre ihn gut. Es wird der Zeitpunkt kommen, da du ihn jemandem aushändigen musst.“ „Ja, Gebieterin.“, nickte Diran und ging.

Nicht nur Mikel hatte ermittelt. Auch ich war nicht untätig geblieben. Sicher gehörte das Herumschnüffeln nicht zu meinen Aufgaben, aber ich hatte ein unbestimmtes merkwürdiges Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte. Warum sollte man Schiffe mit Absicht durch ein Kriegsgebiet leiten und nur eine Hand voll Sternenflottenoffiziere zu deren Schutz abstellen? Warum hatte der Pilot eines Passagierschiffes alle Warnungen missachtet und war allein in ein Kriegsgebiet geflogen? Warum waren wir dann gerade Korelem begegnet, der seine medizinische Situation doch kennen musste und sich doch eigentlich rechtzeitig genug darum hätte kümmern müssen, dass er vielleicht von der Crew des Schiffes aus seiner Kabine geholt würde? Woher hatte gerade dieser Korelem einen Kristall, der Savarid-Strahlung produzierte? Warum hatte er mich somit quasi mit Shimar verbunden, so dass ich die ganze Mission mitbekam? Was sollte ich wissen? Warum brachte sich ein Frachtflieger absichtlich ausgerechnet in eine Situation, aus der ihn nur jemand retten konnte, der nichts sah? Warum hatte mir Korelem von dem verschollenen Prinzen der Miray erzählt? Warum war der Geheimdienst so schlampig beim Verwischen der Spuren gewesen? Hatte man sie überhaupt verwischen wollen oder wollte man nur, dass versierte Leute sie finden und was hatte das alles mit dem mirayanischen Bürgerkrieg und dem Erbe zu tun? Gut, die Hyperaktivität der platonischen Sonne konnte man berechnen und es war klar, dass dann Schiffe mit empfindlichen Systemen nicht an ihr vorbeifliegen sollten. Aber man leitete dann doch nicht ausgerechnet ein ziviles Schiff durch ein Kriegsgebiet! Mir war klar, dass Mikel und ich dieses Puzzle wohl nicht allein lösen konnten, sondern dass es dazu der Hilfe einer sehr genialen Person bedurfte, die schon immer gut im Puzzeln war. Ich tippte Jennas Rufzeichen in das Computerprogramm ein und schickte ihr eine entsprechende SITCH-Mail.

Kapitel 30 - Und langsam wird ein Schuh draus von Visitor

Jenna hatte gemeinsam mit Maron der Zusammenkunft und den Chief-Agents die ganze Sache auseinandergesetzt. Die Geheimdienste wussten jetzt, wer die Hackerangriffe auf die tindaranische Sensorenplattform und den Hauptrechner der tindaranischen Streitkräfte durchgeführt hatte. „Wir werden Ginalla erst mal ziehen lassen.“, sagte Zoômell. „Wir können sie immer noch später verhaften. Wir wissen ja, was sie im Augenblick tut.“ „Aber du kannst sie doch nicht einfach mit diesem Verbrechen davonkommen lassen!“, empörte sich Maron. „Niemand hat gesagt, dass ich das werde.“, erwiderte Zoômell. „Sie wird schon ihre gerechte Strafe bekommen. Nur eben etwas später.“ Sie beendete das Gespräch.

Fassungslos sah Maron Zirell an. „Kannst du dir einen Reim darauf machen?“, fragte er. „Nein.“, gab die Kommandantin zu. „Aber hier passiert gerade ohnehin viel Merkwürdiges, das niemand einzuordnen vermag.“ „Das kann ich auch nur bestätigen.“, sagte Jenna. „Ich habe gerade eine SITCH-Mail von Allrounder Betsy von der Granger erhalten, der ich nachgehen muss.“ Demonstrativ zeigte sie auf ihr Sprechgerät. IDUSA musste die Mail direkt dort hin weitergeleitet haben. „Hat die Mail etwas mit dieser Sache zu tun, Mc’Knight?“, fragte Maron. Jenna nickte. „Dann wäre ich gern dabei, wenn Sie sich damit befassen.“, insistierte der Agent, dem inzwischen eine Vermutung gekommen war. „Also gut.“, sagte Jenna. „Es steht ja nichts Privates in der Mail. Genauer besteht die Mail aus einer Reihe von merkwürdigen Fragen, die der Allrounder mir stellt.“ „Wir sollten irgendwo hingehen, wo wir uns in Ruhe mit der Sache beschäftigen können.“, schlug Maron vor. „OK.“, sagte Jenna. Dann verließen beide den Bereitschaftsraum, in dem die Besprechung stattgefunden hatte.

Zirell, die über einiges nachgedacht hatte, wurde plötzlich durch das Signal der Sprechanlage aus ihren Gedanken gerissen. Im Display erkannte sie das Signal von Jorans Arbeitsplatz. „Was gibt es, Joran?“, fragte sie. „Ich habe Agent Kibell vom tindaranischen Geheimdienst für dich, Anführerin.“, antwortete der Vendar diensteifrig. „Sie sagt, sie habe zwei Passagiere in ihrem Shuttle, die sie auf Befehl von Chief-Agent Zoômell auf unsere Station bringen soll.“ „Gib sie her!“, sagte Zirell befehlsgewohnt.

Sie sah ihren Untergebenen nicken und dann änderte sich das Gesicht auf dem virtuellen Schirm vor ihrem geistigen Auge. Jetzt blickte Zirell in das lächelnde Gesicht der jungen Frau, die das Shuttle mit Scotty und Sedrin zu ihrer Basis flog. „Ich bin Commander Zirell.“, stellte sich diese vor. „Angenehm.“, kam es zurück. „Ich bin Agent Kibell. Ich habe Befehl von höchster Stelle, Techniker Montgomery Scott und seine Bewacherin, Agent Sedrin Taleris-Huxley, auf deine Basis zu bringen.“ „Schon gut.“, sagte Zirell, die mittlerweile gar nichts mehr schocken konnte. „Ich gebe dich jetzt an Joran zurück. Er wird dich zu einem freien Andockplatz weisen und dann komme ich persönlich dort hin und empfange die Gäste.“

Sie drückte die 88-Taste, worauf die noch von Kibells Seite aus bestehende Verbindung an Joran zurückgegeben wurde. Joran, der sich denken konnte, warum dies geschehen war, wies sie nach Andockplatz vier und gab Zirell diese Information. Darauf machte sich Zirell sofort dorthin auf den Weg.

Sedrin lächelte, als sie ihrer ehemaligen Vorgesetzten ansichtig wurde. Für eine kurze Zeit war sie einmal die erste Offizierin der Tindaranerin gewesen. Gern dachte Sedrin an diese Zeit zurück. „Gut, dass wir uns mal wiedersehen.“, sagte Zirell. „Damit hättest du sicher nicht so schnell gerechnet, was?“, grinste die Demetanerin in korrekter tindaranischer Anredeweise zurück. „Eigentlich nicht.“, gestand Zirell. „Aber unsere Zusammenarbeit war schon damals recht fruchtbar. Wer weiß, wie es dieses Mal sein wird.“ „Ich fürchte, ich muss dich enttäuschen.“, sagte Sedrin. „Unter Umständen wird es keine direkte Zusammenarbeit geben. Ich bin nur hier, weil …“

Sie drehte sich nach hinten und winkte. Scotty trat in den Rahmen der offenen Luke. „Das ist Techniker Montgomery Scott.“, stellte sie ihn vor. „Er ist sozusagen in Schutzhaft und ich bin seine Aufpasserin.“ „Schutzhaft?“, wiederholte Zirell ungläubig. „Was ist passiert? Was hat er gesehen?“ „Ich finde, wir sollten das alles nicht hier auf dem Flur besprechen.“, drängte Sedrin. „Lass uns dazu lieber alle drei in deinen Bereitschaftsraum gehen oder wo wir sonst ungestört sind. Außerdem möchte Kibell sicher wieder abfliegen.“ „OK.“, sagte Zirell und winkte beiden.

Die Tatsache, dass Ataura keine Vision von der Wächterin von Gore empfangen hatte, ließ ihre Mutter nicht ruhen. Für Cyrade kam dieser Umstand der Tatsache gleich, dass die Götter ihre Tochter nicht begünstigen würden und sie somit auch nicht lange Prätora des Clans der Artash sein würde. Die Kriegerinnen der Artash waren sehr gläubig und dachten sich, dass eine Prätora, die von den Göttern geschmäht wurde, nur Unglück über den gesamten Clan bringen würde. Also würde man sie absetzen, was ihren Tod bedeuten würde und eine andere würde ihren Posten einnehmen. Eine, die von den Kriegerinnen aus ihren Reihen bestimmt worden war. Das konnte und wollte Cyrade nicht zulassen, zumal sie immer noch neidisch auf Ginalla war. „Was können wir nur tun, um zu beweisen, ob du trotzdem im Schutz der Wächterin von Gore stehst?“, fragte Cyrade ihre Tochter, die mit ihr über das alles gesprochen hatte. Angesichts der Tatsachen hatte sich auch Ataura Gedanken darüber gemacht und war tatsächlich zu einem Schluss gekommen. „Gib mir unser ältestes Schiff.“, sagte sie. „Wenn ich trotz seiner schwachen Sensoren in der Lage sein sollte, damit das Schiff der Celsianerin aufzuspüren und zu zerstören, dann wissen wir, dass mich die Götter leiten. Dann hätte ich einen legitimen Anspruch auf den Platz, der mir per Geburtsrecht ohnehin zustünde.“ „Guter Plan.“, lobte Cyrade. „Dann wird uns die Celsianerin noch länger erhalten bleiben, denn sie kann nicht flüchten, wenn sie kein Schiff mehr hat. „Ich glaube, das hat sie sowieso nicht mehr vor, Mutter.“, entgegnete Ataura. „Warum sonst sollte sie freiwillig die Sonden verbessert haben? Athemes und die anderen Wärterinnen berichteten mir davon.“ „Sei nicht so naiv, Kind!“, schrie Cyrade sie an. „Das hat sie sicher nur getan, um sich selbst besseres Essen und ein angenehmeres Leben zu erkaufen. Sie ist nicht wie die anderen Föderationsbürger. Das habe ich längst gemerkt und sie ist auch keine Überläuferin. Die einzige Seite auf der Ginalla ist, das ist die von Ginalla und das ist sie selbst. Aber die Sache mit dem Schiff ziehen wir durch.“ Sie schickte nach einer Technikerin, die für Ataura das älteste Schiff vorbereiten sollte.

Maron hatte sich in seinem Quartier mit den Aufzeichnungen, die ihm IDUSA an sein direktes Rufzeichen gesendet hatte, beschäftigt. Was er damit sollte, war dem Spionageoffizier noch nicht klar, aber er dachte sich, dass schon irgendwann ein Schuh aus der Sache werden würde. Er musste nur lang genug ermitteln und auf die richtigen Hinweise hoffen. So hatte er schon oft sein Ziel erreicht.

Sedrin und Zirell waren in Zirells Bereitschaftsraum gegangen, um dort, wie angekündigt, alles zu besprechen. „OK.“, sagte Zirell, nachdem sich alle drei auf die auf Tindara üblichen Sitzkissen um den Schreibtisch herum gesetzt hatten. „Was ist der Grund, aus dem du den armen Scotty in Schutzhaft genommen hast? Was hat er gesehen oder angestellt?“ Sedrin sah Scotty an. „Erzählen Sie doch selbst, Techniker.“, lächelte sie ihm zu. „Na gut.“, brummelte Scotty, „Aber du musst mir versprechen, Zirell, dass du nicht gleich in Ohnmacht fällst.“ „Warum sollte ich das?“, lächelte Zirell. „Weil ich wie Sytania denken kann, wenn man mir ein bestimmtes Gespräch zwischen Shimar und mir vorspielt.“ „Erklär mir das!“, sagte Zirell in einem ziemlichen Kommandoton zu Sedrin. Sie glaubte, dass der Geheimdienst Experimente mit Scotty machen würde, da dieser einmal Sytanias Marionette gewesen war. „Ich kann mir vorstellen, Sea Tindarana, dass du jetzt vielleicht an irgendwelche gemeinen Laborversuche unsererseits denkst, aber so ist es nicht. „Scott hat sich freiwillig gemeldet, nachdem er das bei sich festgestellt hat. Es gab zwar am Anfang ein paar Komplikationen, aber jetzt ist alles in Butter.“ „Was passiert genau, wenn man den Stimulus anwendet?“, wollte Zirell wissen. „Dann sehe ich Sytanias Pläne.“, antwortete Scotty. „Aber er sieht sie leider nicht genau.“, ergänzte die demetanische Agentin. „Er sieht nur immer einzelne Bilder, die wir dann interpretieren müssen.“ „Anders wäre es auch zu schön gewesen.“, seufzte Zirell. „Warum bist du so erpicht darauf, eine schnelle Antwort zu bekommen?“, fragte Sedrin. „Weil mir die ganzen Rätsel mittlerweile irre Kopfschmerzen bereiten.“, antwortete Zirell. „Das neuste Rätsel ist uns gerade von IDUSA geschickt worden. Es handelt sich um zwei Aufzeichnungen. Die Eine ist von ihr und enthält eine Szene, nach der wohl eine genesianische Prätora gemeinsame krumme Geschäfte mit Sytania und ihren Vendar macht und die Andere kommt eigentlich von Ginallas Schiff und ist IDUSA nur überspielt worden. Es ist ein SITCH-Gespräch zwischen Ginalla und genau der Prätora. Ginalla hat sich ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt, aber die politischen Äußerungen, wegen denen jetzt Krieg zwischen der Föderation und den Genesianern herrscht, hat sie nie gemacht.“ „Das sähe ihr auch nicht ähnlich.“, sagte Scotty. „Ginalla und Politik, das passt nicht zusammen. Politik geht ihr da vorbei, wo garantiert nie die Sonne scheint.“ „Das würde bedeuten, Shashanas Logik hätte einen gewaltigen Pferdefuß.“, sagte Sedrin. „Kann ich beide Aufzeichnungen sehen?“ „Sicher.“, erlaubte Zirell. „Aber wir sollten Maron dazu holen. Der fragt sich nämlich auch schon die ganze Zeit, was die Aufzeichnungen uns sagen sollen.“

Sytania und Telzan saßen wieder einmal vor dem Kontaktkelch und diskutierten ihr Vorgehen. „Wann werdet Ihr endlich eingreifen, Milady?“, fragte der Vendar voll Ungeduld. „Wenn ich finde, dass es so weit ist.“, sagte die imperianische Prinzessin. „Und noch ist es nicht so weit. Alegria ist noch nicht verzweifelt genug. Auch wenn sich die Schlinge um ihren Hals immer enger zieht. Durch ihre Gesetze, die sie erlassen hat, schürt sie die Wut ihres Volkes. Bald wird es zu einer Revolte kommen. Wenn es kurz davor ist, werde ich ihr als rettender Engel erscheinen, der ihr den Weg zum Tor weist.“ Sie ließ ihr hexenartiges Lachen erschallen. „Beobachtet Ihr auch die Situation, in der sich diese Celsianerin befindet?“, wollte Telzan wissen. „Aber natürlich.“, sagte Sytania mit einem süffisanten Lächeln. „Und das trägt sicher noch zu Alegrias Verzweiflung bei. Wenn Ginalla im Gefängnis ist, kann sie nicht nach dem Tor suchen. Das heißt, die Länge der Suche erstreckt sich ins Unendliche. Alegria beutet ihr Volk für die angebliche Suche immer weiter aus. Also bedingt Ginallas Gefangenschaft die Revolte und die Revolte bedingt Alegrias Verzweiflung. Die Güter, die Alegria ihrem Volk abknöpft, steckt sie ominösen Scharlatanen in den Hals, die ihr das Tor versprechen. Aber das soll mir egal sein. Hauptsache, ihre Verzweiflung wird verstärkt und das wird dafür sorgen, dass sie mir irgendwann aus der Hand frisst wie ein zahmes Reh.“ Wieder lachte sie gemein auf. „Ihr seid so unglaublich weise, Gebieterin.“, schmeichelte Telzan.

Shimar hatte IDUSA verlangsamt. „Wir müssen noch etwas bereden, N’Cara.“, sagte er. „Worum geht’s?“, fragte die Jugendliche cool. „Traust du dir wirklich zu, diese Sache durchzuziehen?“ „Aber sicher.“, erwiderte N’Cara. „Wenn ich damit helfe, eine unehrenhafte Prätora aus dem Weg zu räumen und noch dazu einen sinnlosen Krieg beende, soll mir alles recht sein. Ich weiß, dass es sicher nicht einfach wird, weil ich gegen eine geübte Schützin antreten werde, aber das bin ich auch. Im letzten Jahr habe ich für meinen Verein drei Pokale geholt!“ „Aber da ging es nicht um ein Leben.“, entgegnete Shimar. „Ach, jetzt kommt die Leier wieder.“, stöhnte N’Cara auf. „Das hatten wir doch schon. Glaubst du, nur weil wir ein paar Minuten geflogen sind, werde ich jetzt kneifen? Ne! Da hast du dich gründlich getäuscht.“ „Ich will ja nur, dass du dir noch einmal in Erinnerung rufst, worum es geht.“, sagte Shimar ernst. „Das weiß ich doch.“, entgegnete N’Cara. „Aber das ändert nichts an meinem Entschluss!“

Das Schiff lud plötzlich auch N’Caras Reaktionstabelle. „Wir werden gerufen.“, begründete IDUSA. „Es ist ein genesianisches Patrouillenschiff.“ „Na dann habe ich jetzt wohl meinen großen Auftritt.“, grinste das Mädchen. „Stell durch!“

Auf dem virtuellen Schirm vor N’Caras geistigem Auge erschien das Gesicht einer finster dreinschauenden Kriegerin. „Ich bin Athena, Tochter von Agneta vom Clan der Artash.“, stellte sich die Fremde vor. „Und ich bin N’Cara, Tochter von N’Ciba!“, erwiderte selbige fest. „Ich habe gehört, bei euch soll eine Gefangene sein, die geäußert haben soll, dass ihr nichts als drogensüchtige Scharlatane seid. Diese Frau soll euch auch in einen Krieg mit der Föderation getrieben haben. Aber ich bin von ihrer Unschuld überzeugt. Ich würde gern mit Prätora Shashana über ein Urteil der Götter verhandeln.“ „Ein Urteil der Götter?“, lachte Athena auf. „Und wer soll gegen unsere Kriegerin antreten? Ich sehe außer dir nur noch diesen Mann auf deinem Schiff. Schick ihn gefälligst weg, wenn du mit einer von uns redest. Du scheinst das noch nicht zu wissen, Kind, deshalb will ich noch einmal von einer Strafe absehen, aber Männer sind nicht zugelassen, wenn Frauen eine Verhandlung führen.“

Sie sah Shimar an. „Schon gut.“, zischte er ihr zu. „Wenn sie meinen Anblick nicht erträgt, werde ich in die Achterkabine gehen. IDUSA kann sich ja selbst steuern.“ Er gab dem Schiff den entsprechenden Befehl, legte den Neurokoppler weg und verließ das Cockpit. „Der Mann ist fort.“, schmeichelte N’Cara ins Mikrofon. „Wir können frei reden, Athena.“ „Nun denn.“, sagte die Genesianerin. „Du willst also mit Prätora Shashana über die Befreiung dieser Celsianerin durch ein Urteil der Götter verhandeln.“ „Genau.“, antwortete N’Cara. „Ich glaube außerdem, dass deine Prätora gewaltig Dreck am Stecken hat. Wir haben gesehen, dass sie mit Sytanias Leuten verhandelt hat und sogar euren Planeten an sie verscherbeln will.“ „Das ist eine ungeheure Anschuldigung!“, empörte sich Athena. „Aber wenn die Götter urteilen sollen, dann wird sich schon zeigen, wer am Ende Recht behalten wird. Folge mir!“

Das Patrouillenschiff ließ ein Positionslicht am Heck aufflackern. „Los, IDUSA.“, zischte N’Cara. „Nichts wie hinterher.“

Ataura hatte sich mit ihrem Schiff aufgemacht, nach Ginallas Schiff zu suchen. Sie wusste, dass sie mit dem langsamen alten Shuttle, das man ihr gegeben hatte, sicher sehr lange brauchen würde, um es aufzuspüren. Aber das war ihr egal, auch wenn ihr Schiff nur gerade mal Warp eins schaffte. Sie hätte zwar eine höhere Geschwindigkeit einstellen können, aber dann würde sie Gefahr laufen, dass ihr das Schiff um die Ohren flog. Die Ingenieurin, die es ihr gegeben hatte, wollte es eigentlich schon längst verschrottet haben. Die Sensoren des Schiffes waren auch nicht besser. Ataura musste aus viel Schnee auf den Bildern herausfiltern, was sie gebrauchen konnte. Aber sie war eine gläubige Kriegerin und dachte sich, dass die Götter ihr schon den Weg weisen würden.

Plötzlich erschien, von vielen Störungen begleitet, tatsächlich der Umriss von Ginallas Schiff auf dem Schirm. „Hab ich es mir doch gedacht!“, frohlockte Ataura.

Aus seinem Versteck hatte Kamurus genau das Schicksal seines Doppelgängers beobachtet. Er hatte festgestellt, dass dieser von ihm auch mit modernen Sensoren kaum zu unterscheiden gewesen wäre. Er hatte ja Energie in dem Hohlraum hinterlassen. Genauer Antriebsenergie, die, je frischer sie zum Zeitpunkt des Scannens war, jedem Schiff suggerieren würde, es sei ein echtes Schiff. Genau scannte er jetzt das alte Shuttle, das sich seinem Doppelgänger näherte. Das Ding hat Sensoren aus der Steinzeit., dachte er verächtlich. Das wird ja einfacher, als ich dachte.

Mit halbem Impuls näherte sich Ataura im Schutz des Pols eines Planetoiden dem Einzelgänger, auf dem sie Ginallas Schiff entdeckt zu haben glaubte. „Computer.“, befahl sie dem Schiffsrechner. „Verbindung mit dem heimatlichen Rufzeichen!“

Wenig später sah Ataura das Gesicht ihrer Mutter auf dem Schirm. „Was gibt es?“, fragte Cyrade. „Ich habe tatsächlich ihr Schiff gefunden!“, sagte Ataura erfreut. „Ich werde mich jetzt anschleichen und es dann zerstören. Es scheint keine Anstalten zu machen, sich zu verteidigen. Denk dir das nur. Ich glaube, dass Ginalla ziemlich geprahlt hat, was die Fähigkeiten ihres angeblich so selbstständigen Schiffes angeht. Von wegen, Kamurus merkt alles und wird mich befreien. Das glaube wer will, ich nicht.“

Damit stellte sie das Zielerfassungsgerät für die Photonentorpedos ein und ließ eine Salve auf das Schiff aus Eis hernieder regnen. Da sie den Sendeknopf gedrückt hielt, konnte Cyrade alles genau verfolgen. „Das war mal ein selbstständig denkendes Schiff!“, lachte die Prätora auf. „Du hast wirklich gut aufgepasst, meine Tochter. Du hast wirklich gut gelernt. Kehre nun zurück und dann werden wir deinen Sieg feiern.“ „Erlaube mir, ein Trümmerstück mitzubringen.“, bat Ataura. „Wir werden der Celsianerin ja beweisen müssen, dass ihr Schiff zerstört ist.“ „Aber natürlich.“, antwortete Cyrade. „Außerdem werden wir es in der großen Halle aufhängen.“

Kamurus hatte alles gesehen. Er sah noch einmal auf die Trümmer und dachte: Ruhe in Frieden, mein Zwilling. Er war froh, dass das Ablenkungsmanöver so gut funktioniert hatte. Er spielte mit dem Gedanken, dies Shimar und N’Cara zu melden, aber ein SITCH hätte ihn verraten können und er durfte ja auf keinen Fall entdeckt werden. Shimars Befehle waren eindeutig gewesen.

Wieder einmal waren Aruna und Ginalla auf ihrer Zelle allein. Die Celsianerin sah, dass sich ihre Zellengenossin unruhig auf ihrem Lager hin und her wälzte. „Spuck’s aus.“, flapste sie. „Was is’ los?“ „Ich habe heute zwei Wärterinnen belauscht.“, sagte die Kriegerin und wusste nicht, wie sie ihrer celsianischen Mitgefangenen beibringen sollte, was sie gehört hatte. Sie ahnte, dass Ginalla eine ganz besondere Beziehung mit ihrem Schiff verband und dass sie bereits einiges von dem bereute, was sie vorher gesagt hatte. Während ihrer Gefangenschaft hatte Ginalla nämlich viel Zeit zum Nachdenken gehabt. „Nun red’ schon.“, drängte Ginalla weiter, die bereits einen Verdacht hatte, der aber so ungeheuerlich war, dass sie hoffte, er würde nicht zutreffen. „Es geht doch nicht etwa um Kamurus.“ „Doch.“, stammelte Aruna, die sich ertappt fühlte. „Es geht um dein Schiff. Athemes und eine ihrer Kolleginnen haben darüber gesprochen, dass er zerstört wurde. Das soll durch Ataura persönlich geschehen sein. Sie hatte sich das älteste Schiff geben lassen, und hat damit beweisen wollen, dass die Götter ihr doch noch gewogen sind. Dein Schiff hatte keine Chance. Sie hat sich ihm aus einem Hinterhalt genähert.“

Ginalla warf sich auf ihr Lager und schlug die Hände vor das Gesicht. „Hör auf!“, schluchzte sie, als sie von einem schier unbändigen Weinkrampf geschüttelt wurde. „Das hat er nicht verdient! Nein, das hat er nicht verdient! Er wollte nur immer mein Bestes und ich habe das nicht begriffen! Er hat mich davor bewahren wollen, so zu enden, wie ich jetzt geendet bin! Er hat meine ganze Aktion nicht gut geheißen und ich habe nicht gemerkt, dass er die ganze Zeit Recht gehabt hat! Ich bin doch die, die Scheiße gebaut hat! Mich müssten die Götter doch bestrafen und nicht ihn!“

Aruna verstand die Welt nicht mehr. „Warum winselst du hier rum wegen eines Haufens Metall?!“, fragte sie wütend. „Du hast keine Ahnung!“, schrie Ginalla zurück. „Er gehörte einer Rasse von selbstständig denkenden Raumschiffen an. Jedes von ihnen ist ein eigenes Individuum! Ich habe ihn in den Tod geschickt, verstehst du?! Ich hatte nur immer mein eigenes Vergnügen im Kopf und er wollte mich nur bremsen, weil er der Vernünftigere von uns beiden war! Hätte ich ihm doch nur geglaubt! Oh, hätte ich ihm doch nur geglaubt! Kamurus, es tut mir Leid! Oh, es tut mir so Leid!“ „Beruhige dich, verdammt!“, schrie Aruna so laut, dass Ginalla glaubte, die Wände würden bersten. „Ich habe außerdem gehört, dass ein merkwürdiges Schiff gesichtet wurde, das von einer jugendlichen Lithianerin geflogen wird. Dieses halbe Kind will mit einer von unseren Kriegerinnen ein Duell ausfechten. Sie hat angeblich gesehen, dass unsere Prätora mit Sytania krumme Geschäfte macht. Außerdem will sie dich befreien.“ „Ist ein tindaranischer Mann bei ihr?“, wollte Ginalla wissen, in der langsam wieder Hoffnung aufkeimte. „Davon habe ich nichts gehört.“, sagte Aruna. „Ich kann ja beim Lauschen die Wachen schlecht fragen, ob sie das Ganze liebenswürdigerweise noch einmal wiederholen könnten.“ „Stimmt.“, gab Ginalla zu. „Das wäre eher kontraproduktiv.“

Jenna hatte das Schiff überprüft, mit dem Kibell gekommen war. Dies war für jeden technischen Offizier Vorschrift. Danach hatte sie sich auf den Weg in Marons Quartier gemacht, wie sie es angekündigt hatte, bevor Kibell und die beiden Gäste aufgetaucht waren. Sie würde Maron jetzt bei der Lösung des Rätsels um die SITCH-Mail helfen.

Der Spionageoffizier saß versunken in das Pad da, als ihn die Sprechanlage in die Realität zurückholte. „Maron hier.“, meldete er sich. „Ich bin es, Sir.“, antwortete Jenna. „Kommen Sie rein, Mc’Knight.“, sagte Maron etwas mutlos, dem partout keine Antwort auf meine Fragen einfallen wollte.

Die hochintelligente Halbschottin betrat sein Quartier. „Entschuldigen Sie bitte, Agent.“, sagte Jenna, während sie sich neben ihn auf das Sofa setzte. „Aber ich hatte noch etwas zu erledigen.“ „Unsere unverhofften Gäste.“, schloss Maron. „Genau.“, sagte Jenna. „Ich musste noch einen Blick auf Kibells Schiff werfen, bevor sie abfliegen konnte.“ „Schon gut.“, sagte Maron und schob ihr das Pad hin. „Können Sie damit etwas anfangen?“

Jenna las sich meine Fragen genau durch. „Also.“, meinte sie dann. „Allrounder Betsy geht davon aus, dass wir alle Teil eines großen Plans von Brako und einigen anderen sind. Sie versucht offensichtlich, für diese Theorie Beweise zu finden. Ich kann dazu nur sagen, Sir, dass man zum Beispiel die Aktivität einer Sonne genau berechnen kann. Aber damit der große Plan auch aufgeht, müsste der Tod Brakos genau mit dieser Aktivität zusammenfallen. Nur kann man den Tod einer Person nicht auf den Tag genau berechnen.“

Maron sprang auf. „Sie irren, Mc’Knight! Man kann den Tod genau berechnen und es sieht alles nach einer schweren Krankheit aus, wenn … Wenn … Wenn …“ Er sank wieder in sein Polster. „Tschuldigung, Mc’Knight.“, sagte er peinlich berührt. „Da habe ich wohl eine Menge Sprechdurchfall produziert.“ Er machte ein angestrengtes Gesicht. „Was versuchen Sie, Agent.“, sagte Jenna und legte ihm ihre kleine glatte immer etwas kühl wirkende Hand auf die Schulter. „Es war ganz merkwürdig.“, sagte Maron, der plötzlich sehr blass geworden war. „Mir war, als würde ich mich an etwas erinnern. Als hätte ich jemanden auf genau diese Weise umgebracht, beziehungsweise meiner Frau das Gift besorgt, mit dem ich umgebracht wurde. Ich und unsere Kinder. Nein, nicht schon wieder! Was rede ich für einen Quatsch! Ich bin weder verheiratet, noch habe ich Kinder. Was ist los mit mir?“ „Ruhig, Sir.“, sagte Jenna und streichelte ihm über den Rücken. „Wir zwei teilen eine Erfahrung, die dieses Phänomen durchaus erklären könnte.“ „Reden Sie von Gajus?“, fragte Maron. „Ja.“, sagte Jenna. „Und in meinem Fall von Grandemought. Ich habe auch Erinnerungen an sein Leben, seit wir meinen Körper geteilt haben und ähnlich dürfte es auch bei Ihnen und Gajus sein. Wir wissen, dass Eludeh ihre Familie, also auch ihren Mann, mit einem Gift umgebracht hat, das Gajus besorgt hatte und das die Behörden von Nihilla nicht nachweisen sollten.“

Sie bemerkte erneut, wie Maron eine sehr angespannte Körperhaltung einnahm. „Wenn ich mich doch nur genauer erinnern könnte.“, sagte er. „Aber es ist nur ein Bruchstück. An mehr komme ich nicht dran.“ „Grandemought hat meine Hirnwasserchemie verändert, damit ich seine hinterlassenen Erinnerungen lesen kann, sagt zumindest Ishan.“, sagte Jenna. „Wenn Sie mit Hilfe Ihrer speziellen Fähigkeit Ihre Hirnwasserchemie der meinen anpassen würden, könnte das vielleicht auch bei Ihnen funktionieren.“ „Einverstanden.“, sagte Maron. „Aber wir sollten das nicht ohne die Mediziner tun.“ „OK.“, nickte Jenna. „Gehen wir auf die Krankenstation und reden wir mit Ishan und Nidell.“

Auf Alegrien und auch auf Hestien war es zu allerlei merkwürdig anmutenden Entwicklungen gekommen. Die Prinzessinnen hatten beide keine Kosten gescheut, Hellseher, Rutengänger, Medien und andere merkwürdige Gestalten, die plötzlich wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, mit der Suche zu beauftragen. Ihnen schoben Alegria und Hestia das in den Rachen, was sie dem einfachen Mann abknöpften, der ehrlich durchs Leben gehen wollte und nicht plötzlich behauptete, seine übersinnlichen Fähigkeiten entdeckt zu haben. Entweder man war Hellseher, Forscher oder Soldat. Andernfalls hatte man auf den beiden vom Bürgerkrieg und dem wahnhaften Verhalten seiner Herrscherinnen geschüttelten Planeten keine Überlebenschance.

Verzweifelt hatte Alegria sich an Timor gewandt. „Was soll ich nur tun?“, fragte sie. „Ginalla sitzt im Gefängnis und dieser Shimar ist frei. Das bedeutet ja, dass meine Schwester theoretisch das Tor vor mir finden könnte.“ „Hoheit vergessen.“, tröstete der Diener, „Dass dieser Tindaraner genau so wenig Informationen hat wie Ginalla. Er wird das Tor auch nicht so ohne Weiteres finden können.“ „Aber er kann sich im Gegensatz zu Ginalla frei bewegen und hat alle Möglichkeiten, sich die Informationen, die er benötigt, zu besorgen.“ Sie gähnte. „Ach, es ist spät. Ich sollte zu Bett gehen. Vielleicht finden wir ja morgen eine Lösung.“

Kapitel 31 - Im Watt liegt die Wahrheit von Visitor

Schlaf war das Allerletzte, an das ich in dieser Nacht dachte. Ich wusste, dass unser neuer mysteriöser Passagier oft auch noch spät nachts auf war. Außerdem hatten wir uns auch noch bis lang in die Nacht unterhalten und waren nun auf unserem gemeinsamen Weg zu den Quartieren. Den Anfang hatte unser Gespräch in der Offiziersmesse genommen, in die ich unseren Zivilisten mitgenommen hatte. Das war zwar schon das zweite Mal, dass jemand in meiner Begleitung dort hin kam, aber mein Commander hatte nie etwas darüber gesagt, dass ihr dieser Umstand missfallen hätte. Außerdem kannte sie Mikels und meine Theorie und ihr war alles willkommen, das irgendwie Licht ins Dunkel um die seltsamen Befehle, die wir im Laufe unserer Mission schon erhalten hatten, bringen könnte. Kissara hoffte insgeheim, dass irgendwann wieder jener Wasserfalleffekt einsetzen würde, den ich schon bei so manchem ausgelöst hatte.

King war plötzlich stehen geblieben und hatte mich bei der Hand genommen, was mich auch unwillkürlich stehen bleiben ließ. „Vorhin in der Messe.“, begann er. „Da haben Sie sich mit Technical Assistant Elektra über etwas unterhalten, das Sie Watt genannt haben. Was ist das?“ Auf diese Frage hatte ich gehofft. Ich hatte das Gespräch mit Absicht auf dieses Thema gelenkt und Elektra war dazu eine sehr gute Gesprächspartnerin. Als Androidin konnte sie Daten zu allem und jedem abrufen, also auch zum Watt. Sie hatte einiges aus ihrer Datenbank zum Besten gegeben, was King sehr interessiert haben musste. Wenn alles so stimmte, wie ich vermutete, würde mir das Watt bei meinem Versuch, den Prinzen zu enttarnen, sehr helfen. „Ich kann es Ihnen zeigen, Mr. King.“, sagte ich unschuldig. „Ich hole nur noch den Datenkristall mit dem entsprechenden Programm. Wenn Sie kurz warten könnten?“ „Sicher, Allrounder.“, sagte King und ließ mich in mein Quartier gehen. Hier holte ich aber nicht nur den Kristall, sondern sagte auch Mikel und Jannings Bescheid. Jannings, da dieser vom Maschinenraum aus unseren Besuch in der Simulationskammer überwachen sollte, um später als Zeuge aussagen zu können und Mikel, weil er der ermittelnde Agent war.

Jannings und Mikel hatten gerade die Simulationskammer verlassen. Der Spionageoffizier hatte ständig den Ohrhörer seines Sprechgerätes im linken Ohr gehabt, da er jederzeit mit meinem Ruf rechnen musste. Er würde nicht antworten, sondern nur um dem Gerät zu befehlen, die Verbindung anzunehmen, kurz die Sendetaste drücken und sie dann wieder loslassen. „Mikel, es geht los.“, sagte ich. Parallel dazu hatten sich Jannings und Mikel die von Jannings ausgesuchte Simulation angesehen. „Verstehen Sie jetzt, worauf ich hinaus wollte?“, fragte der Ingenieur konspirativ. „Oh, ja, Jannings.“, sagte Mikel. „Und jetzt ab auf Ihren Posten!“ „Sehr gern, Sir.“, erwiderte Jannings grinsend und war um die nächste Ecke verschwunden.

Nun warteten King und ich auf Mikel, den ich unter einem Vorwand herbestellt hatte. Ich hatte gesagt, dass Mikel ja unheimlich gern auch mal das Watt kennen lernen würde. Tatsächlich gab es dies in der Form nur in meiner Heimat, der deutschen Nordseeküste, von der ich kam. Sicher hatte King es nie gesehen und würde es deshalb sehr faszinierend finden. Aber es erfüllte noch einen anderen Zweck. Es war schmutzig! Es war so schmutzig, dass, wenn meine Theorie stimmte, King entweder vornehm Abstand halten oder in Freude ausbrechen würde. Mein Programm würde in beiden Fällen die richtige Situation kreieren. Da gab es nämlich Kurt, die Simulation eines versierten Wattführers, der schon vielen die Angst genommen hatte.

Summ! Da kam ein völlig aufgeregter Mikel um die Ecke gesaust. „Sorry.“, stammelte er. „Ich hatte noch was zu erledigen.“ „OK.“, sagte ich. „Dann lasst uns mal gehen.“

Wir betraten die Kammer und setzten uns auf drei Sitze. Unsere Köpfe legten wir in die bequemen Mulden an den Lehnen. „Bereit, Andrew?“, fragte ich. „Wenn Sie es sind?“, fragte er zurück. Auch von Mikel kam eine ähnliche Reaktion. „OK.“, sagte ich und schob den Datenkristall in die Konsole. „Computer, Programm Wattwanderung starten! Konfiguration Betsy drei!“, befahl ich dem Rechner. Was sich hinter meiner Konfiguration, die mir Jannings nach meinen Wünschen geschrieben hatte, verbarg, verschwieg ich den Männern mit Absicht. King durfte es ja ohnehin nicht wissen und Mikel könnte zu aufgeregt sein und es konnte ihm unter Umständen etwas herausrutschen. Zwar sollte er als Geheimagent den Umgang mit Geheimnissen eigentlich gewohnt sein, aber ich kannte Mikel und wusste wie er sein konnte, wenn er aufgeregt war.

Die Simulation startete und wir fanden uns auf einem typischen Strandabschnitt bei Ebbe wieder. „Atmen Sie bitte einmal durch die Nase tief ein, Andrew.“, sagte ich ruhig und in einem Ton, als würde ich ein Referat halten. Mein neuer Freund folgte meinem Vorschlag. „Es riecht salzig.“, stellte er fest. „Salzig und nach Modder.“

Ein Mann von ca. 180 cm Größe in einem grünen Friesennerz und grünen Gummiflossen kam um die Ecke geschlappt und begrüßte mich auf Plattdeutsch mit den Worten: „Moin, mien Dern.“ Mikel und Andrew machten mir deutlich, dass sie kein Wort verstanden hatten, aber mir doch vertrauten. „Moin, Kurt.“, lächelte ich zurück. „Das ist Mikel und das Andrew. Ich muss dich bitten, Hochdeutsch zu sprechen, damit die Beiden nicht ganz verloren sind. Mikel wird dich dann verstehen und für Andrew werde ich übersetzen, weil er nur Englisch kann.“ „Mok wi, mien Dern.“, sagte Kurt und verbesserte sich sogleich: „Machen wir, mein Mädchen.“

Er verteilte an uns alle Friesennerze und Gummiflossen. Das Anziehen der Jacken ging für Mikel und King noch recht gut vonstatten, aber mit den Schuhen hatte King ein Problem. „Betsy, wie mache ich das?“, fragte er mich peinlich berührt auf Englisch. „Sehen Sie mir zu.“, gab ich zurück und streifte Schuhe und Strümpfe ab um in die engen Latschen zu schlüpfen.

„Lasst die Klamotten ruhig hier liegen.“, meinte Kurt breit. „Piraten gibt es nur im Märchen.“ Wie selbstverständlich hakte er mich ein. „Moment.“, sagte ich. „Geh lieber mit Mikel. Der war noch nie im Watt und ist vielleicht noch etwas unsicher. Andrew und ich kommen schon hinterher.“ „Auch gut.“, sagte Kurt, schnappte sich Mikel mit seinen großen breiten Händen und stapfte vor King und mir ins Watt.

„Matschig.“, stellte King fest, nachdem wir eine Weile gegangen waren. „Ja.“, bestätigte ich. „Und, hören Sie mal genau hin.“ King lauschte und hörte ein leises Blubbern und Möwengeschrei, das für mich als Küstenbewohnerin normal war. Für ihn aber war es so faszinierend, dass er glatt vergaß, auf seine Füße zu achten und über die nächst beste Qualle stolperte, die Kurt uns eigentlich zeigen wollte. Ich ließ ihn einfach los und er landete rücklings im Watt. Ich versuchte ein Gesicht zu machen, als sei dieser Umstand für mich höchst peinlich. Es durfte ja keiner merken, dass dies meine Absicht gewesen war.

Statt aufzustehen blieb King allerdings liegen und schien das Bad im Watt sogar zu genießen. Kurt verdeutlichte mir, dass ich ihn fragen sollte, ob er Hilfe bräuchte. „Hilfe?!“, meinte King fast empört. „Warum sollte mir jemand helfen müssen! Es ist doch hier so wunderbar schmutzig, Allrounder. Sagen Sie Ihrem Freund das. Dort, wo ich herkomme, gibt es so etwas Schönes nicht. Ich wurde immer von jedem Schmutz fern gehalten und hatte daher keine Ahnung, wie schön es sein kann.“ „Interessant.“, sagte Mikel mit einer Gewissheit, als hätte er soeben einen Schwerverbrecher überführt. „Ich wusste gar nicht, dass einfache Arbeiterfamilien, wie die, aus der Sie kommen, Andrew, keinen Schmutz kennen. Oder erzählt Ihr uns hier eine Lüge über Eure Herkunft, Prinz Hadrian von Miray!“

Andrews Gesicht erstarrte. „Bitte beenden Sie dieses Programm.“, sagte er leise. „Ich gebe alles zu.“ „OK.“, sagte ich und fügte hinzu: „Computer, Programm beenden.“

Kurt, das Watt und die Umgebung um uns verschwanden. Jetzt saßen wir wieder auf den Sitzen in der Simulationskammer. „Sie haben mich enttarnt.“, sagte King, den wir inzwischen als Hadrian kannten. „Andrew King ist die falsche Identität, unter der ich Jahre lang auf der Erde gelebt habe. Ich ging von Miray fort ins Exil, weil ich die Streitereien meiner Schwestern nicht mehr ertragen konnte und fasste mit Nugura, meinem inzwischen toten Vater und noch vielen anderen einen Plan, in den auch Ihr Schiff involviert war. Aber noch haben Sie nicht alle Antworten. Nur so viel. Jemand wird, um das Tor zum Himmel zu finden, die Grenze aller Grenzen überschreiten müssen.“ „Was meinen Sie damit?“, fragte ich. „Die Antwort darauf wartet auf Basiria.“, sagte Hadrian und hüllte sich wieder in Schweigen.

„Ich nehme an, dass dies auch der Grund für das seltsame Profil für das Licht ist.“, sagte Mikel. „Das stimmt, Agent.“, gab Hadrian zu. „Ich brauche ein Sprechgerät. Ich muss dem Chief-Agent sagen, dass ich enttarnt worden bin, damit sie die nächsten Schritte einleiten kann.“ „Also gut.“, sagte Mikel und gab ihm sein Sprechgerät, nachdem er selbst die Verbindung über das Sprechgerät des Schiffes, das als Relais fungierte, hergestellt hatte.

Auf der Regierungsbasis betrat Tamara das Büro der Präsidentin. „Entschuldigen Sie, Nugura!“, sagte die Halbklingonin etwas gehetzt. „Es ist ja auch sehr dringend.“ „Was ist denn geschehen?“, fragte die Präsidentin ahnungslos. „Sie hat Hadrian etwas früh enttarnt. Ich habe Allrounder Betsy das schon zugetraut, aber doch nicht so früh. Was ist mit der Entwicklung auf Miray?“ „Die verläuft genau so, wie Tolea es vorausgesagt hat.“, vertröstete Nugura ihre Untergebene. Als Oberbefehlshaberin der Sternenflotte unterstand ihr auch der Geheimdienst in letzter Instanz. „Dann ist ja gut.“, atmete Tamara auf. „Aber wir können die frühe Enttarnung von Hadrian noch kompensieren. Befehlen Sie der Granger, gleich nach Basiria zu fliegen und keinen Zwischenstopp auf Demeta einzulegen.“ „Aber Kissara ist misstrauisch.“, sagte Nugura. „Sie hat das mit dem Testament auch schon sehr früh herausgefunden und wird sich sicher fragen, warum …“ „Ist schon in Ordnung.“, sagte Tamara. „Wir sollten gegenüber Kissara doch langsam mit offenen Karten spielen. Sie hat mit Sicherheit nicht vor, uns zu hintergehen. Sie war immer loyal gegenüber uns und das wird sich auch jetzt nicht ändern.“ „Also gut.“, sagte Nugura und aktivierte das Terminal ihrer Sprechanlage: „Saron, verbinden Sie mich mit der Granger! Es wird gut sein, Chief-Agent, wenn Sie neben mir sitzen und Kissara Sie sieht. Dann wird sie alles leichter einordnen können.“

Mikel, Hadrian und ich hatten uns auf den Weg zu Kissaras Quartier gemacht. Ich wusste, dass sie jetzt schlafen würde, und Kang ganz allein auf der Brücke war. Wir würden sie wecken müssen. Unterwegs hatten wir noch Jannings abgepasst, der für alles Zeugnis ablegen würde. „Es ist höchst ungewöhnlich, dass ich Sie in der Simulationskammer beobachtet habe.“, sagte der Chefingenieur in fast um Entschuldigung bettelndem Ton. „Ich meine, immerhin sind Sie, Allrounder und Sie, Agent, Brückenoffiziere und damit meine Vorgesetzten.“ „Jetzt beruhigen Sie sich mal wieder, Techniker.“, sagte Mikel mit lockerer Stimme. „Erstens war das abgesprochen und zweitens schließe ich aus Ihren Sätzen, dass Sie die Privatsphäre Ihrer Assistentin doch wohl hoffentlich nicht weniger respektieren als die unsere.“ „So war das nicht gemeint.“, erklärte Jannings. „Er hat einen Spaß gemacht, George.“, erklärte ich. „Sie müssen nicht alles immer so bierernst betrachten.“ „Ach so.“, erwiderte Jannings. „Ich werde mir das für das nächste Mal merken.“

Wir kamen vor Kissaras Quartier an. Ich betätigte die Sprechanlage. „Hier Commander Kissara.“, meldete sich eine verschlafene Stimme. „Was gibt es und vor allem, wer ist da?“

Anscheinend hatte sie das Licht noch immer ausgeschaltet, denn sonst hätte sie das Display der Sprechanlage leicht sehen können und darauf mein Gesicht erkannt. „Hier ist Allrounder Betsy.“, identifizierte ich mich. „Ich bin nicht allein. Ich habe Techniker Jannings, Agent Mikel und Prinz Hadrian von Miray bei mir.“ „Wen haben Sie …?“, stammelte sie. „Na ja. Kommen Sie erst mal rein.“

Sie gab dem Rechner den Befehl, die Tür zu entriegeln und wir betraten den Flur. Im Gänsemarsch, Mikel voran, dahinter ich und dann Jannings mit Hadrian, ging es direkt in Kissaras Schlafzimmer. Sicherlich hätte sich ein untergebener Offizier in früheren Zeiten nicht getraut, einfach in das Schlafzimmer seines Captains zu marschieren, aber die Zeiten hatten sich geändert und so brachte uns Mikel direkt bis vor Kissaras Bett. Er und ich waren auch die Einzigen, die sich im Moment durch das gelöschte Licht bedingt hier zurechtfanden. Unsere sehenden Mitstreiter hatten da ihre Schwierigkeiten.

„Was soll dieser Auflauf, Agent.“, sagte Kissara mit schlecht gelaunter Stimme, als sie uns erblickte. „Oh, Gott. Ich sollte erst mal Licht machen.“ „Obacht, Jannings!“, rief Mikel dem Ingenieur zu, der sich sofort hinter Hadrian stellte, um ihn aufzufangen. Mikel hatte wohl geschlossen, dass er der Stärkste von uns allen sein musste und den Prinzen wohl ohne größere Verletzungen auffangen könnte, wenn er gleich einen Schwindelanfall aufgrund von blendendem Licht bekommen würde.

„Computer, Licht!“, befahl Kissara und es geschah, was geschehen musste. Durch das plötzliche helle Licht machte Hadrian ein schmerzverzerrtes Gesicht und fiel Jannings in die Arme, der ihn gerade noch auf ein nahes Sofa bugsieren konnte.

„Sie erklären mir auf der Stelle, was diese alberne Show sollte, Agent!“, entrüstete sich Kissara. „Das ist ein Befehl!“ „Gern, Mafam.“, erwiderte Mikel und setzte sich zu ihr auf die Bettkante. „Das hier ist nicht Andrew King, sondern Prinz Hadrian von Miray. Er hat sich Jahre lang unter falscher Identität auf der Erde aufgehalten. Jetzt hat er mit seinem erst kürzlich verstorbenen Vater und noch einigen anderen einen Plan geschmiedet, in den wir wohl alle involviert sind. Aber er hält sich mit vielem noch bedeckt. Nur so viel. Uns fehlt noch ein Stück des Puzzles, das Allrounder Betsy persönlich auf Basiria finden soll.“ „Merkwürdig.“, sagte Kissara. „Dennoch würde sich dann einiges erklären. Aber wir …“

Sie wurde von der Sprechanlage unterbrochen. „Ja, Warrior.“, begrüßte sie Kang, der am anderen Ende war. „Wir haben neue Befehle von Präsidentin Nugura persönlich, Commander.“, sagte der Klingone. „Sie besagen, dass wir sofort ins vulkanische Sonnensystem nach Basiria fliegen sollen.“ „Wie ich mir schon gedacht habe, Kang.“, entgegnete Kissara. „Stellen Sie jetzt bitte keine Fragen und lassen Sie den Computer Kurs dort hin setzen. Agent Mikel, Allrounder Betsy und ich kommen auf die Brücke und erklären alles.“ Sie beendete das Gespräch, hängte das Mikrofon ein und sagte zu Jannings: „Bringen Sie Hadrian ins Gästequartier, Techniker. Und Sie zwei.“ Sie wendete sich an Mikel und mich: „Folgen Sie mir!“

Zirell, Maron und Jenna waren auf dem Korridor fast zusammengestoßen. „Wo wollt ihr denn hin?“, fragte die erstaunte Tindaranerin. „Wir müssen zu Ishan.“, sagte Jenna knapp aber zutreffend, wie es ihre Art war. Jenna war nie eine Freundin langer Worte gewesen. „Was ist denn los?“, fragte Zirell weiter. „Ist etwas mit einem von euch nicht in Ordnung?“ „Im Gegenteil.“, lächelte Maron. „Aber wir benötigen etwas medizinische Unterstützung. Aber es sieht aus, als wolltest du auch noch etwas von uns.“ „Eigentlich nicht von euch beiden.“, entgegnete Zirell. „Ich möchte im Moment nur etwas von Maron. Was immer ihr auch vorhabt, muss warten. Agent Sedrin Taleris-Huxley ist hier und wir müssen dringend einen Krieg beenden.“ „Also gut.“, sagte Maron. „Wenn du mich so unbedingt brauchst?“ Zirell nickte und gab ihm ein unmissverständliches Zeichen, ihr zu folgen.

Im Bereitschaftsraum warteten Scotty und Sedrin wie versprochen. Maron war ziemlich verblüfft, seine alte Schulfreundin wieder zu sehen. „Was führt dich her, Amikrin.“, fragte er, nachdem sich beide kräftig umarmt hatten. „Ich bin hier, weil ich auf Techniker Scott aufpassen muss.“, antwortete sie. „Er ist ein extrem wichtiger Zeuge. Aber wie es bisher aussieht, nicht nur in einer Angelegenheit.“ „Was meinst du?“, fragte Maron. „Scott hat ein Denkmuster von Sytania in seinem Geist behalten. Das verursacht, dass er ihre Pläne, oder besser einen Teil ihrer Pläne, sehen kann.“, erklärte Sedrin ihrem Kollegen. „Wie eindeutig sind Ihre Visionen, Techniker Scott?“, fragte Maron, der inzwischen sehr hellhörig geworden war.

Scotty zog ein Pad aus der Tasche. „So eindeutig.“, sagte er und schob es dem Agenten hin. Maron konnte nur zwei relativ unscharfe Gestalten erkennen. „Wer soll das sein?“, fragte er. „Das weiß ich nicht genau.“, sagte Scotty. „Wenn ich aus meinen Visionen aufwache, ist alles wieder weg.“

Maron betrachtete die Bilder länger. „Es könnten zwei Prinzessinnen sein.“, sagte er. „Seht euch den Kleidungsstil der Frauen an.“ „So weit war ich auch schon, Amikron.“, sagte Sedrin. „Nur wissen wir nicht, welche Prinzessinnen es sind. Wir wissen nur relativ eindeutig, dass sich Sytania einmischen wird. Aber auf welcher Seite ist uns gänzlich unbekannt. Wir gehen aber davon aus, dass eine der Prinzessinnen in Scottys Vision Sytania ist. Von der Theorie, Hestia und Alegria könnten sich an einen gemeinsamen Verhandlungstisch setzen, halte ich persönlich gar nichts. Diejenigen, die das glauben, sind in meinen Augen verträumte Idealisten.“ „Ganz deiner Meinung.“, pflichtete Maron bei. „Außerdem, was hätte Sytania davon, uns diese Vision zu schicken. Sie weiß doch auch, dass wir nicht daran glauben.“ „Stimmt.“, mischte sich jetzt auch Zirell ins Gespräch. „Aber es gibt noch eine zweite Sache, über die wir reden sollten, Maron und die dich als ermittelnden Agenten sicher sehr interessieren dürfte. Unter Umständen können wir den Krieg zwischen der Föderation und den Genesianern schnell beenden.“ „Was soll das denn sein?“, fragte Maron mutlos, der schon nicht mehr an ein Ende des Krieges glauben wollte. „Wirst du gleich sehen.“, grinste Zirell und gab IDUSA einige Befehle auf Tindaranisch, nach denen der Rechner sofort die Aufzeichnung des Gespräches zwischen Ginalla und der Prätora abspielte. Jetzt hörte und sah Maron genau, was sich abgespielt hatte. „Sie hat es nie gesagt.“, sagte er mit Erstaunen. „Ginalla hat es nie gesagt. Sie hat nie gesagt, dass sie im Namen der Föderation spricht. Im Gegenteil. Sie gibt hier frei zu, nur aus persönlichen Motiven gehandelt zu haben. Wenn die Genesianer also einen Groll hegen, dann müssten sie den gegen sie richten und nicht gegen uns alle. Was ist da passiert?“ „Vielleicht bringt uns die zweite Aufzeichnung da weiter.“, vermutete Sedrin und Zirell ließ IDUSA auch diese abspielen. „Das gibt es ja nicht.“, sagte Maron und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Dieselbe Prätora, die auch das mit der angeblichen diplomatischen Berechtigung für Ginalla behauptet hat, macht Geschäfte mit Sytanias Vendar.“ „Sie wird versuchen wollen, ihren Planeten Sytania anzugliedern.“, vermutete Sedrin. „Ein Krieg zwischen der Föderation und den Genesianern käme ihr da gerade recht, weil die Föderation dann abgelenkt wäre und nicht mehr auf das achten würde, was hinter ihrem Rücken geschieht.“

Zirell befahl dem Rechner, den Bildschirm zu löschen. „Wir müssen dringend etwas tun!“, sagte sie entschlossen. „Wir sind die Einzigen, die dafür die Mittel in Händen halten.“ „Aber wie soll die Aufzeichnung unerkannt über die genesianische Grenze kommen?“, fragte Maron. „Ich hätte da schon einen Plan.“, sagte Sedrin und sah die Kommandantin hinterlistig an. „Aber dein Arzt sollte anwesend sein, um das Eine oder Andere zu bestätigen.“

Zirell wusste nicht, wovon ihre ehemalige Untergebene da eigentlich geredet hatte, aber sie vertraute ihr. Dass sie jetzt doch mit Sedrin zusammenarbeiten würde, begrüßte die Telepathin sehr. Natürlich hätte sie einfach im Geist der Demetanerin nachsehen können, was diese im Schilde führte, aber das wollte sie mit Absicht vermeiden, um sich einerseits die Überraschung nicht zu verderben und andererseits Rücksicht auf den Umstand zu nehmen, dass Sedrin Nicht-Telepathin war. Die Arme würde nicht merken, dass sie in ihren Geist eingedrungen war und sie würde, würde sie es später herausfinden, dies sicher als extrem übergriffig und auch als Vertrauensbruch empfinden. Überhaupt war Zirell der Typ Telepath, der immer auf alle Nicht-Telepathen Rücksicht nahm. Sie hatte dies einmal gegenüber mir zugegeben und hatte dabei das Beispiel eines alten Berichtes der Voyager angeführt, in dem die Nicht-Telepathen doch tatsächlich von einer Gesellschaft von Telepathen aufgefordert worden waren, auf ihre Gedanken zu achten. „Genau so könnte man dir befehlen, mit korrekter Farbgebung eine Sonne zu malen, ohne dir die Informationen zu geben oder dir die richtige Farbe kenntlich zu machen. Das ist aus medizinischen Gründen nicht möglich. Es sollte immer so sein: Jemand, der eine Fähigkeit hat, sollte auf denjenigen Rücksicht nehmen, der sie nicht hat und nicht umgekehrt.“ Das: „Und nicht umgekehrt.“, hatte sie noch extra tadelnd betont.

Zirell ließ IDUSA Ishan informieren und wenig später war der Androide bereits anwesend. „So.“, sagte Zirell, nachdem sie ihm einen kurzen Abriss gegeben hatte. „Nun leg mal los, Sedrin.“

Die Demetanerin begab sich in die Mitte des Raumes und erklärte: „Ich werde die Aufzeichnung über die Grenze schmuggeln. Aber dabei wirst du, Maron und noch jemand aus deiner Crew, Zirell, mir helfen müssen.“ Sie machte eine Pause. „Nun rede schon.“, sagte Zirell. „Je eher wir den Krieg beenden, desto besser. Im Lichte der neuen Kenntnisse ist jede Sekunde Krieg eine verlorene Sekunde.“ „Ich werde mich als Raumpiratin ausgeben, deren Spezialität die Entführung von Ehemannanwärtern für genesianische Prätoras ist. Großzügigerweise werde ich dafür nichts verlangen. Man soll mich als die großzügige Gedrin kennen lernen. Das wird der Name sein, den ich tragen werde. Shashana sucht gerade einen Ehemann, wie ich erfahren habe. Das passt uns sehr gut. Die Patrouillen werden mir das auf jeden Fall abnehmen, wenn ich mich entsprechend verkleide und das entsprechende Benehmen an den Tag lege. Wie das auszusehen hat, weiß ich noch von Allrounder St. John. Sie war eine ehemalige Raumpiratin und ich eine gelehrige Schülerin, hoffe ich doch.“ „Als Arzt kann ich dazu nur sagen, dass mir nur ein Kandidat einfällt, den Sie entführt haben könnten, Agent, um diesen Zweck zu erfüllen, da nur Maron theoretisch mit Shashana biologisch kompatibel wäre.“ „Genau, Ishan.“, sagte Sedrin. „Aber ich brauche noch einen Komplizen. Niemand wird mir abnehmen, dass eine Raumpiratin einen im Nahkampf trainierten Sternenflottenoffizier allein überwältigt hat.“ „Du denkst an Joran.“, schloss Maron. „Er ist der Stärkste hier und die genesianischen Patrouillen dürften ihn nicht kennen.“ „Richtig.“, antwortete Sedrin. „OK.“, sagte Zirell. „Ich werde auch Jenna Bescheid geben. Sie muss das Schiff noch einigen Behandlungen unterziehen. Es muss ja schließlich wie das Schiff einer Raumpiratin aussehen.“ „Und wir sollten auf die Krankenstation gehen und das Gleiche mit dir machen.“, wandte sich Ishan an Maron. „Du solltest aussehen, als hätten dich Gedrin und ihr Komplize misshandelt, um deinen Willen zu brechen.“ „OK.“, nickte Maron. „Dann los!“

Alegria war, wie sie es angekündigt hatte, früh ins Bett gegangen. Was sie aber in ihrem Traum sah, konnte sie nicht wirklich einordnen. Sie fand sich auf einer blauen Ebene wieder. Um sie herum war nichts als malerische Natur. Sie erinnerte sich aber nicht, hierher gegangen zu sein. Sie dachte sich schon, dass es nichts nützen würde, nach ihren Wachen zu rufen, denn außer ihr schien keine Menschenseele anwesend.

In der Ferne nahm Alegria plötzlich leises Hufgetrappel wahr, das immer näher zu kommen schien. Bald sah sie auch das Bild eines näher kommenden schwarzen Pferdes und einer im Damensitz darauf sitzenden Frau, deren langes schwarzes Kleid, wie ihr schwarzes Haar auch, im Wind wehte.

Die Frau hielt ihr Pferd an und stieg sogar ab, um es danach selbst an einen Baum zu binden und sich Alegria langsam und würdevoll zu nähern. „Sei gegrüßt, edle Freundin.“, grinste die Fremde die mirayanische Prinzessin teuflisch an. „Wer bist du?“, fragte Alegria verwirrt und sah sie an. „Wer ich bin?“, wiederholte die Fremde die Frage. „Nun. Normalerweise kennen mich alle unter dem Namen Sytania und haben eine Heidenangst vor mir. Aber du, edle Alegria von Alegrien, du musst keine Angst vor mir haben. Ich beabsichtige sogar, dir zu helfen. Also kann ich so verkehrt nicht sein.“ „Ich verstehe immer noch nicht.“, sagte Alegria. „Warum nennst du mich eine edle Freundin? Wer bist du, Sytania?“ „Ich bin die Tochter von König Logar aus der Dimension dunkles Imperium.“, stellte sich Sytania vor. „Wir sind also von gleichem Stande. Aber etwas unterscheidet uns doch. Ich habe Kräfte, die du dir nicht vorstellen kannst. Mit Hilfe dieser Fähigkeiten habe ich dich in meinen Traum geholt. Was du hier vor dir siehst, ist meine Heimat. Wir beide träumen gerade denselben Traum.“ „Warum hast du das gemacht, Sytania?“, wollte Alegria wissen und versuchte aufzuwachen. Sytania aber lachte nur und meinte: „Hier geblieben! Du kannst mir nicht entkommen, solange ich es nicht will. Wann du aufwachst, bestimme ich! Aber diese kleine Unannehmlichkeit wirst du schon in Kauf nehmen, wenn ich dir sage, was ich für dich zu tun gedenke.“ „Warum willst du etwas für mich tun, Sytania?“, fragte Alegria unsicher. „Weil wir, wie ich schon sagte, von gleichem Stande sind und ich einfach eine soziale Ader habe.“, antwortete die Imperianerin. „Ich biete dir an, für dich das Tor zum Himmel zu erschaffen. So kannst du deine Schwester für immer ausstechen und kannst somit die Herrschaft über ganz Miray erlangen. Du musst dafür nur eine Kleinigkeit tun. Sobald du den Thron bestiegen hast, musst du mir die Regierungsgeschäfte überantworten. Denke daran, du hättest deine Schwester für immer deklassiert. Deine Beauftragte, diese Ginalla, kann gern das von mir geschaffene Tor mit ihrem Schiff durchfliegen. Sie wird auf der anderen Seite das Paradies vorfinden.“ „Aber niemand weiß, was das Tor zum Himmel eigentlich ist.“, entgegnete Alegria. „Um so besser.“, lachte Sytania laut auf. „Dann können wir ja allen noch leichter ein X für ein U vormachen. Überlege dir mein Angebot, Alegria. Wenn du damit einverstanden bist, dann komm morgen her.“ Sie zeigte auf ein Schloss in der Ferne: „Das ist mein Palast. Wenn du einverstanden bist, dann komm dort hin und wir werden unseren Handel unterzeichnen.“

Alegria bemerkte, wie die Umgebung um sie herum langsam verschwand und sie erwachte. Aus dem Augenwinkel hatte sie noch sehen können, wie Sytania fortgegangen und fortgeritten war. Timor, der neben ihrem Bett stand und verzweifelt versucht hatte, sie zu wecken, hatte sie fast nicht bemerkt. „Den Göttern sei Dank seid ihr wach, Hoheit.“, sagte der Diener erleichtert. „So tief habt Ihr sonst nie geschlafen. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht und wollte Euren Leibarzt rufen.“ „Das hättest du nicht gebraucht, Timor.“, sagte Alegria. „Es ist alles in Ordnung. Denk dir nur, welch glückliche Fügung mich ereilt hat! Eine mächtige Kreatur namens Sytania hat sich uns angeboten. Sie möchte uns helfen. Sie möchte das Tor zum Himmel erschaffen. Wenn Ginalla mit ihrem Schiff hindurch fliegt, wird sie das Paradies vorfinden, hat Sytania gesagt.“ „Aber Euer Vater hat in seinem Testament eindeutig geschrieben, dass das Tor gefunden und nicht erschaffen werden muss. Die Priester kennen das Testament und, da das Ganze nach dem Ty-Nu-Lin-Ritus stattfinden muss, werden sie Eure Herrschaft nicht anerkennen, falls …“ „Habe ich dich nach deiner Meinung gefragt?!“, unterbrach Alegria ihn harsch. „Nein, Hoheit.“, antwortete Timor und senkte beschwichtigend den Kopf. „Na also.“, sagte Alegria schnippisch. „Sytania hat mir außerdem gesagt, dass ich zu ihr kommen soll, wenn ich mit ihrem Angebot einverstanden bin. Sie hat mir gesagt, dass ich dann für immer meine Schwester ausstechen kann und dann gehört mir ganz Miray.“

Timor dachte sich seinen Teil, sagte aber nicht laut, was ihm durch den Kopf ging. Wenn er das getan hätte, wäre er eventuell der Gefahr ausgesetzt gewesen, dass sein Leben auf der Stelle beendet wäre. So war Alegria mit all ihren Gegnern verfahren oder auch nur mit denen, die nur ganz leise Zweifel an ihrer Vorgehensweise geäußert hatten. „Wie wollt Ihr denn zu dieser Sytania kommen?“, fragte Timor in der Hoffnung, sie hinten herum noch einmal zum Nachdenken bringen zu können. „Ginalla ist im genesianischen Gefängnis und …“ „Das weiß ich selbst!“, schrie Alegria ihn an. „Deshalb wirst du auch auf der Stelle nach Mila schicken. Sag unserem besten Ingenieur, er soll mein privates Shuttle warten. Ich werde auf das Angebot von dieser Sytania eingehen. Oh, ja. Und wie ich das werde! Marsch! Tu, was ich dir gesagt habe! Ach übrigens, du wirst mich begleiten. Dann wirst du selbst sehen, dass Sytania eine Freundin ist.“ Der Diener nickte und verließ ihr Gemach. Dass sein Bauchgefühl ihn nicht getäuscht hatte, konnte Timor ja nicht wissen, denn die Miray hatten kaum Wissen über Sytania sammeln können. Dazu war ihre politische Beziehung mit der Föderation zu kurz gewesen und Nugura hatte ja längst alle Leitungen in die Föderation sperren lassen, nachdem der Bürgerkrieg begonnen hatte.

Kissara, Mikel und ich hatten die Brücke der Granger betreten. „Ich übernehme, Mr. Kang.“, sagte ich zu dem auf meinem Platz sitzenden Klingonen, der aufstand und ohne Murren den Platz für mich räumte, um wieder ans Waffenpult, seinen eigentlichen Arbeitsplatz, zu gehen. „Der Kurs nach Basiria liegt bereits an, Allrounder.“, informierte er mich, die ich gerade mein Hilfsmittelprogramm, das im Hintergrund immer aktiv war, auch wenn das Schiff von einem Sehenden geflogen wurde, wieder in den Vordergrund geholt hatte. „In Ordnung, Warrior.“, sagte ich.

Kissara hatte auch ihren Platz wieder eingenommen. „In welcher Form ist uns der Befehl, nach Basiria zu fliegen, eigentlich zugekommen, Kang?“, fragte sie. „Es gab einen SITCH von Nugura, Mafam.“, sagte der klingonische Stratege. „Ich hatte ihr gesagt, dass Sie schon schliefen und sie hat dann gemeint, dass es schon in Ordnung wäre und sie als unsere oberste Befehlshaberin ja auch noch über Ihnen und erst recht über mir stünde. Deshalb hat sie mir befohlen, sofort Kurs nach Basiria zu setzen, auch wenn Sie dagegen gewesen wären.“ „Was ist das nur für ein merkwürdiger Geheimplan?“, fragte Kissara halblaut. Dann sagte sie: „Betsy, verbinden Sie mich sofort mit der Präsidentin!“ „Denken Sie, dass Nugura mehr weiß, als sie zugibt?“, fragte ich, während ich Nuguras Rufzeichen aus dem Sprechgerät heraussuchte. „Oh, ja, Allrounder.“, sagte Kissara. „Davon gehe ich sogar sehr stark aus. Außerdem vermute ich, dass auch unser Prinz mehr weiß, als er selbst zugibt. Ich möchte, dass Sie ihm nach Ende Ihrer Schicht noch einmal auf den Zahn fühlen.“ „Verstanden.“, sagte ich. „Soll ich Mikel dazu bitten?“ „Aber natürlich.“, sagte Kissara. „Er ist Geheimdienstler und kann als solcher sehr gut ermitteln.“

Telzan hatte Sytania beim Schlafen zugesehen. An den Bewegungen ihrer Augen und an dem Gefühl, das der Vendar verspürt hatte, hatte er längst gemerkt, dass sie wohl Erfolg beim Kontaktversuch mit Alegria gehabt haben musste. Jetzt sah er in das hoch zufriedene Gesicht seiner Herrin. „Ich nehme an, es ist vortrefflich gelaufen.“, schloss der Vendar. „Das ist es!“, krähte ihm Sytania voll Freude entgegen. „Sie frisst mir aus der Hand. Sie ist sogar bereit, mir ihren Thron zu überschreiben.“ „Wie habt Ihr das denn angestellt?“, fragte Telzan voller Bewunderung. „Sie will die beiden mirayanischen Planeten doch allein beherrschen. Warum gibt sie Euch einfach so ihren Thron?“ „Ganz einfach.“, antwortete Sytania und man meinte, eine gewisse Enttäuschung herauszuhören. „Ich hatte eigentlich gehofft, du kommst allein drauf. Wenn ich Moggador vor mir gehabt hätte, dann hätte ich diese Reaktion verstanden. Aber von dir, Telzan, hätte ich etwas mehr Grips erwartet.“

Telzan konnte und wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Auf die gleiche Stufe mit Moggador gestellt zu werden, machte ihm ziemlich viel aus. Er wusste auch, dass er in Sytanias Augen als erheblich klüger als der Kammerdiener galt und wollte seine Herrin nicht enttäuscht zurücklassen. Also bat er: „Lasst mich bitte einen Moment überlegen, Gebieterin.“ „Der Moment sei dir gewährt.“, sagte Sytania und machte ein gönnerhaftes Gesicht. „Danke, Herrin.“, erwiderte Telzan und legte den Kopf in die Hände.

Sytania erschuf sich mit Hilfe ihrer Macht eine Sanduhr und sah dem Sand geduldig beim verrinnen zu, genau wie sie jetzt auch Telzan beim Überlegen zusah. Mit Hilfe ihrer telepathischen Fähigkeiten war das für sie ja kein Problem. Telzan kannte das Gefühl, wenn sie in seinem Kopf war. Als Telepathenjäger konnte er die Anwesenheit von Mächtigen ja ohnehin spüren. Plötzlich viel es ihm wie Schuppen von den Augen. „Ihr habt ihr die Konsequenzen vor Augen geführt, was es bedeuten würde, wenn sie ihre verhasste Schwester ausstechen könnte.“, vermutete der Vendar. „Genau.“, lobte Sytania. „Und genau deswegen hat sie auch eingewilligt.“

Sie zückte den Kontaktkelch und sah hindurch. „Ah.“, sagte sie. „Alegria ist unterwegs. Wenn du willst, kannst du dabei sein.“ „Das wäre ich wirklich schrecklich gern, Gebieterin.“, lachte Telzan und Sytania fiel genau so teuflisch in sein Lachen ein.

Kapitel 32 - Ein Urteil der Götter von Visitor

IDUSA und N’Cara waren Athenas Schiff gefolgt, bis sie in der Umlaufbahn von Genesia Prime angekommen waren. Wie vereinbart hatte Shimar den gesamten Flug in der Achterkabine verbracht, denn Männer durften laut der genesianischen Kultur nicht anwesend sein, wenn Frauen etwas zu besprechen hatten. „Wir sind da, N’Cara.“, meldete das Schiff. „OK.“, sagte die Jugendliche. „Verbinde mich mit Athena.“

IDUSA tat, was N’Cara ihr gesagt hatte und bald sah sich der Teenager wieder der Patrouillenfliegerin gegenüber. „Gibt es irgendwas, das ich beachten müsste?“, fragte N’Cara. „Das gibt es schon.“, antwortete Athena. „Wir sollten sicher gehen, dass du eine Gegnerin bekommst, die deinem Alter angemessen ist. Prätora Cyrade wird deine Anschuldigungen nicht auf sich sitzen lassen und wird wahrscheinlich ihre älteste Tochter gegen dich antreten lassen. Hoffen wir, dass du eine so gute Schützin bist, wie du behauptet hast.“ Sie lachte auf. „Davon könnt ihr alle ausgehen.“, sagte N’Cara selbstbewusst. „IDUSA, übernimm die Steuerkontrolle!“

Sie ging nach hinten in die Achterkabine. „Wir sind da, Shimar.“, sagte sie. „OK.“, antwortete der Tindaraner. „Ich nehme an, du wirst gleich herunterbeamen.“ „Das werde ich.“, sagte N’Cara und griff ihren Phaser, den sie mitgenommen hatte. „Pass aber auf, dass du nichts Falsches tust.“, ermahnte sie Shimar. „Du weißt, wie es bei Ginalla gewesen ist. Ein falsches Wort und du landest im Gefängnis. Ich habe keine Lust, euch beide befreien zu müssen, zumal ich das gar nicht dürfte und ich große Schwierigkeiten damit hätte, deinem Vater zu erklären, warum ich es vergeigt habe, auf dich aufzupassen.“ „Ich bin nicht so blöd wie Ginalla!“, sagte N’Cara abschätzig. „Ich weiß, was ich tue und ich weiß, was ich sage.“ „Trotzdem wäre es mir lieber, ich könnte dir irgendwie vorsagen.“, entgegnete Shimar. „Aber einen Empfänger in deinem Ohr könnten die Genesianer sehen.“ „Eine telepathische Verbindung könnten sie nicht so ohne Weiteres sehen.“, schlug das Mädchen vor. Shimar pfiff durch die Zähne. „Aber natürlich!“

Beide gingen ins Cockpit zurück und Shimar erklärte dem Schiff, was er und N’Cara beabsichtigten. „Wenn du auf Genesia Prime bist, N’Cara, soll ich Shimar über alles informieren, das meine Datenbank zu der jeweiligen Situation hergibt.“, fasste das Schiff die Erklärungen zusammen. „Über eine telepathische Verbindung, die Sie initiieren, Shimar, wird sie dann alles erfahren.“ „Richtig, IDUSA.“, sagte Shimar und N’Cara nickte. „Dann habe ich ja alles richtig verstanden.“, stellte das Schiff fest. „Bitte sag mir, wenn du so weit bist, N’Cara.“ „Von mir aus kann es losgehen, IDUSA.“, sagte die kleine Lithianerin. „Gut.“, antwortete das Schiff. „Dann beame ich jetzt.“

N’Cara fand sich in der großen Halle der Genesianer wieder. IDUSA hatte sie direkt vor dem Platz der obersten Prätora abgesetzt. Aber eine Leibwächterin verhinderte, dass sie gleich zu ihr ging. „Was willst du hier, Kind?!“, fragte die große starke Kriegerin mit den langen roten Haaren, die sie wie einen Flammenkranz um ihr Gesicht frisiert hatte. „Lass sie durch, Meduse!“, ließ sich eine barsche Stimme von einem Podest vernehmen. „Wie Ihr wünscht, oberste Prätora.“, entgegnete die Wächterin gehorsam.

Mit festem Schritt ging N’Cara auf die oberste Prätora zu. „Du bist also die Jugendliche, die mit einem tindaranischen Schiff unterwegs ist, um eine unserer Gefangenen zu befreien.“, sagte Shashana, während sie N’Cara musterte. „Das ist richtig, oberste Prätora.“, sagte diese. „Ich weiß, dass Ginalla nie gesagt hat, dass sie für die gesamte Föderation spricht. Das muss sich Cyrade ausgedacht haben, um euch in einen Krieg mit der Föderation zu manövrieren, damit ihr nicht mehr seht, was hinter eurem Rücken passiert. Da verscherbelt sie dann still und heimlich ihre Welt an Sytania und zack hat die einen Brückenkopf im Universum.“ „Du beschuldigst eine meiner Kriegerinnen der Zusammenarbeit mit Sytania, Kind!“, empörte sich Shashana, die ihre eigenen Erfahrungen mit Sytania gemacht hatte. Ohne die Besatzung der Eclypse wäre sie ihr damals beinahe anheim gefallen.

N’Cara wurden die Knie weich. Lass dich jetzt nicht erweichen., Hörte sie Shimars Stimme in ihrem Geist. Wenn du jetzt wankst, denkt sie, du würdest lügen. Ich versuche es., gab N’Cara auf gleichem Weg zurück.

„Bleibst du bei deiner Behauptung?“, wollte Shashana wissen. „Ja, das bleibe ich.“, sagte das Mädchen, nachdem sie ihren Mut wieder gefunden hatte. „Dann werde ich auch Cyrade dazu vernehmen lassen.“, sagte Shashana. „Wir werden sehen, was sie dazu zu sagen hat. Sollte sie deine Anschuldigung als Lüge bezeichnen, wird es wohl auf ein Urteil der Götter hinaus laufen müssen. Oder hast du Beweise, die unumstößlich sind?“

Shimar, soll ich ihr das mit der Aufzeichnung sagen?, wandte sich N’Cara telepathisch an ihren Freund an Bord des Schiffes. Es wäre klüger, das noch nicht zu tun., gab der junge Pilot zurück. Sie kann immer behaupten, die Aufzeichnung wäre technisch manipuliert worden. Lass das besser deinen Phaser beim Zielschießen erledigen, Jassica James.

„Meine Prätora hat dir eine Frage gestellt!“, mischte sich die Wächterin streng ein. „Verlasse uns, Meduse!“, befahl Shashana. „Sie ist keine Gefahr für mich und es gibt keinen Grund, mit ihr so umzugehen. Sie ist noch ein halbes Kind und als solches sicher sehr ängstlich. Außerdem kommt sie aus der Föderation, in der sich hartnäckig das Gerücht hält, wir würden Kinder verspeisen.“

Missmutig mit den Zähnen knirschend verließ die Wache den Raum. „Nun sind wir allein.“, lächelte Shashana. N’Cara war über diese Regung ihres Gegenüber sehr überrascht. „Selbst wenn stimmen sollte, was du behauptet hast, wird es schwer sein, Cyrade etwas zu beweisen. Ich habe schon länger den Verdacht, dass sie krumme Geschäfte macht, aber bisher leider keinen Beweis dafür finden können. Deshalb habe ich dir die Frage mit den Beweisen gestellt.“ „Würdet Ihr ein Urteil der Götter akzeptieren?“, fragte N’Cara. „Das würde ich.“, sagte Shashana freundlich. „Aber wenn du wirklich gegen ihre Tochter antreten musst, wird das nicht leicht. Ataura ist eine gute Schützin.“ „Das bin ich auch.“, lächelte N’Cara. „Außerdem ist es doch nicht wichtig, wie gut jemand ist, wenn es darum geht, dass die Götter der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen. Oder vertraut Ihr Euren eigenen Göttern nicht?“ „Natürlich tue ich das.“, antwortete Shashana. „Kehre auf dein Schiff zurück. Ich werde Cyrade deine Herausforderung und die Anschuldigungen mitteilen lassen.“ „OK.“, lächelte N’Cara und zog ihr Sprechgerät, um IDUSA Bescheid zu geben, die sie an Bord holte.

Joran saß in Jennas und seinem Quartier in der Badewanne. Allerdings war das nicht nur ein Bad, sondern diente seiner Tarnung. Er wollte ein möglichst perfekter Raumpirat sein und dazu bedurfte es, so fand er zumindest, der Änderung der Farbe seines Fells. Dazu hatte er sich von IDUSA eine Färbelösung nach einem alten vendarischen Rezept replizieren lassen, die er ins Wasser gegeben hatte. Diese Lösung musste mindestens eine halbe Stunde auf die Haare einwirken, um beim Abtrocknenvorgang nicht gleich wieder abgerieben zu werden. Neben Joran stand Nidell, die ihn mit einer Bürste dort bearbeitete, wo er selbst es nicht konnte. Als Assistentin des medizinischen Offiziers hatte Nidell Joran ja schon oft so gesehen, wie die Götter ihn geschaffen hatten. So fanden beide nichts dabei.

Plötzlich schreckte Nidell ob des grimmigen Gesichtsausdrucks des Vendar zurück. „Mache ich etwas nicht richtig?“, fragte sie ängstlich. Joran spitzte die Lippen und schaute sie weich an. „Keine Furcht, Ishanach.“, schnurrte er ihr leise verbal zu. „Ich übe nur, falls ich Agent Maron mal zurechtweisen muss, um unsere Tarnung aufrecht zu erhalten. Ich würde dir nie etwas tun.“ Er streichelte ihre Wange. Nidell, die einige Begriffe aus Jorans Muttersprache kannte und daher wusste, dass er sie eine Freundin genannt hatte, atmete erleichtert auf, bevor sie entdeckte, dass sie jetzt eine apfelrote Wange und eine blasse hatte. „Oh, nein!“, quietschte sie und schüttete sich vor Lachen aus. „Wie sehe ich denn jetzt aus?“ Joran musterte sie und entgegnete: „Du siehst in der Tat sehr lustig aus.“, bevor er selbst in das berühmte leicht poltrige Lachen verfiel, das alle von ihm kannten. „Du kannst übrigens aus dem Wasser steigen.“, prustete Nidell. „Die Zeit ist um.“

Joran erhob sich und entstieg der Wanne. „Ich denke, dass wohl eine bei der ganzen Aktion nicht so viel Spaß haben wird wie wir zwei.“, sagte er. „Meinst du Agent Sedrin?“, fragte Nidell. „Nein.“, sagte Joran. „Ich spreche über IDUSA.“

Wie Recht er haben sollte, zeigte sich zum gleichen Zeitpunkt in der technischen Kapsel, wo Jenna dabei war, die nötigen Veränderungen am Schiff durchzuführen. „Müssen Sie wirklich mein Transpondersignal umschreiben?“, fragte das Schiff. „Ja.“, antwortete Jenna. „Du musst in sämtlichen Dingen wie ein Raumpiratenschiff wirken. Also darfst du auch nicht mehr das Signal der tindaranischen Streitkräfte aussenden.“ „Aber könnte mich diese Piratin nicht erst kürzlich gestohlen haben und noch nicht dazu gekommen sein, das Signal zu ändern?“, fragte das Schiff, dem man, wenn man es nicht besser wüsste, glatt unterstellen könnte, Scham dafür zu empfinden, als Vehikel einer Kriminellen benutzt zu werden. „Es ist doch nur für eine ganz kurze Zeit, IDUSA.“, tröstete Jenna. „Wenn das vorbei ist, bist du wieder ein rühmliches Schiff der tindaranischen Streitkräfte. Das verspreche ich dir.“ „Also gut.“, antwortete das Schiff und ließ Jenna in die entsprechenden Dateien. „Na, ob Major Carter erst mal einen Computer überredet hätte?“, fragte Shannon lästernd. Jenna setzte einen tadelnden Blick auf und sah ihre Assistentin an. „Die IDUSA-Einheiten sind jedem Lebewesen rechtlich gleichgestellt. Vergessen Sie das nicht, Assistant!“, tadelte Jenna. „Wenn IDUSA nicht einverstanden gewesen wäre, hätten wir uns eine andere Möglichkeit suchen müssen und vielleicht wäre ja sogar ihr Vorschlag …“

Jenna hatte die Tür wahrgenommen, die sich langsam geöffnet hatte und den Blick auf eine Frauengestalt frei gab, die im Rahmen stand. „Wie weit sind Sie, Techniker?“, fragte die Frau, die Jenna nur aufgrund ihrer Stimme als Agent Sedrin erkannt hatte. Ihr Äußeres hatte die Demetanerin extrem verändert. Statt der gewohnten Uniform trug sie nun saloppe Zivilkleidung, einen schicken Kurzhaarschnitt und abgewetzte Schuhe. „Wenn sie jetzt noch die Augenklappe und den Papageien hervorholt, drehe ich durch.“, lästerte Shannon. „Bedaure.“, konterte Sedrin. „Aber der Papagei hat die Vogelgrippe und die Augenklappe habe ich dem Klabautermann für einen Liebesdienst überlassen zusammen mit der Hakenhand. Was haben Sie für Vorstellungen, Technical Assistant?! Ah, da kommt ja mein Komplize.“

Joran betrat den Ort des Geschehens und Jenna raunte ihm etwas in Vendarisch zu. Sedrin hatte diese Sprache, die an das Altägyptische oder Arabische erinnerte, zwar schon einmal gehört, war aber erstaunt über den Umstand, dass sie so akzentfrei aus dem Mund der Halbschottin kam. „Gibt es eigentlich irgendetwas, das Sie nicht können, Mc’Knight?“, fragte die erstaunte Agentin. „Sicher wird es da etwas geben.“, meinte Jenna bescheiden.

Sedrin drehte sich in Richtung Shuttlerampe. „Sei es drum.“, sagte sie. „Was macht das Schiff?“ „Die Softwareveränderungen habe ich durchgeführt.“, sagte Jenna. „Jetzt geht es nur noch darum, ihr einige Kampfspuren zu verpassen. Shannon, führen Sie den Agent in unsere Schatzkammer!“

Die Angesprochene nickte und führte Sedrin in einen kleinen Raum am Ende der technischen Kapsel, in dem allerlei Ersatzteile aufgehoben wurden. Aber in diesem Fall waren es eher Trümmer von Kampfeinsätzen, die Jenna aus der normalerweise zur Basis gehörenden IDUSA-Einheit ausgebaut hatte. „O’Riley, das ist ja ein Augenschmaus!“, rief Sedrin begeistert aus. „Genau das, was wir brauchen. Holen Sie Ihre Vorgesetzte! Ich werde mir jetzt das Entsprechende aussuchen.“

Shannon tat, was ihr Sedrin gesagt hatte und wenig später war Jenna mit den Kaputtreparaturen fertig. Sie hatte einige Hüllenplatten ausgetauscht und sie durch solche mit Kampfspuren ersetzt. Nach Sedrins intensiver Begutachtung hatten die Veränderungen ihren Gefallen gefunden. Aber nicht nur ihren, sondern auch den von Joran. „Du hast dich selbst übertroffen, Telshanach.“, schmeichelte Joran. „Das hat sie in der Tat, wie du immer sagst, Joran.“, bestätigte Sedrin, bevor Jenna antworten konnte. „Wer ist Joran?“, fragte dieser. „Von jetzt an, großzügige Gedrin, nenn mich bitte Gilbaran.“ „Wie du willst.“, sagte Sedrin grinsend. „Dann warten wir ja nur noch auf unser Entführungsopfer.“

Auf der Krankenstation war Ishan mit Maron beschäftigt. „Ich werde dir jetzt genau erklären, was ich tue.“, sagte der Androide mit dem aldanischen Bewusstsein. „Ich werde mit dem chirurgischen Transporter etwas Blut aus den Gefäßen in deinem Gesicht in das umliegende Gewebe beamen. Dein Körper wird darauf mit einer Schwellung und eventuell echtem Schmerz reagieren.“ „Schon gut.“, sagte Maron. „Mach einfach. Solange du mir nicht bei vollem Bewusstsein alle Knochen brichst, soll mir alles egal sein.“ „Ich bin Arzt und kein Folterknecht.“, antwortete Ishan und der Demetaner gewann den Eindruck, dass sein Gegenüber eventuell beleidigt sein konnte. So abwegig war das auch gar nicht, das wusste Maron, denn immerhin war der Mediziner einmal ein Wesen aus Fleisch und Blut mit Emotionen gewesen, bevor die Umstände seines Lebens ihn in diesen künstlichen Körper gezwungen hatten.

„Ich beginne.“, warnte Ishan seinen vor ihm auf dem Operationstisch liegenden Patienten vor, bevor er dem chirurgischen Transporter zum ersten Mal den Befehl zum Beamen gab. Maron fühlte seine rechte Wange anschwellen und es tat wirklich ziemlich weh. „Ein richtig schönes Schlagmahl.“, lobte Ishan sein Werk, nachdem er es begutachtet hatte. „Tut auch schön weh.“, jammerte Maron. „Aber ich will hier nicht rumwinseln. Ich weiß ja, für welchen Zweck wir das hier tun. Also, mach weiter!“

Einige Vorgänge später konnte Maron entlassen werden und suchte Jenna, Sedrin und Joran in der technischen Kapsel auf. Sedrin erschrak, als sie ihres Schulfreundes ansichtig wurde. „Wir haben doch gesagt, ich soll aussehen, als hätte man mich misshandelt.“, erklärte der Demetaner Jenna und Sedrin, die ihn verschreckt ansahen. „Was habt ihr gemacht?!“, fragte Sedrin. „Hatten Ishan und du einen Boxkampf?“ „So ähnlich.“, log Maron grinsend. „Aber jetzt sollten wir machen, dass wir loskommen.“ „Ganz deiner Ansicht.“, sagte Sedrin und Maron und sie folgten Joran ins Innere des Schiffes. Dann dockten sie ab.

Auch Alegria und Timor waren unterwegs. Mila, die ja eigentlich Alana hieß, flog sie mit einem Shuttle ins Dunkle Imperium, wie es Alegria nach ihrem Traum von Sytania gewollt hatte. Alana war nicht sicher, ob Timor sie erkannt hatte, aber sie hoffte es im Stillen sehr, denn dieser Umstand würde über ihre Flucht entscheiden. Wenn sie allein sein würden, würde sie Timor ihre wahre Identität offenbaren. Aber dazu müsste Alegria erst mal von Bord sein.

Sie kamen in der Dimension an, nachdem Alana den interdimensionalen Antrieb ordnungsgemäß benutzt hatte. „Sieht alles sehr merkwürdig aus hier.“, meinte Timor und deutete aus dem Fenster. „Das muss dich nicht interessieren!“, entgegnete Alegria barsch. Vor lauter Aussicht, bald ihre Schwester ausstechen zu können, hatte sie keinen Blick mehr für alles um sie herum und auch nicht für die Leiden ihres Dieners, der die finstere Stimmung, in die das Dunkle Imperium getaucht war, regelrecht mit Händen greifen konnte. Aber all das war ja auch Sytanias Absicht gewesen.

Das Sprechgerät des Shuttles gab ein kurzes Signal von sich. „Wir werden gerufen, Hoheit.“, meldete Mila. „Antworte!“, befahl die Prinzessin. „Und dann stelle es auf den Hauptschirm.“ Mila tat, was ihr Alegria aufgetragen hatte. Bald sahen alle ein bäriges Gesicht, das einer ungefähr 2,20 m großen Frau auf einem Pferd gehörte. „Ich bin Cirnach Ed Telzan, Ehefrau und Stellvertreterin des Telzan, dem Vertrauten unserer mächtigen Gebieterin Sytania.“, stellte sich die Fremde langwierig vor. „Ich werde Euch, Prinzessin Alegria von Alegrien, zu meiner Herrin bringen. Bitte beamt zu den Koordinaten herunter, die Euch der Schein meiner Fackel anzeigt. Ich werde Euch dort abholen.“ Sie beendete das Gespräch. Fragend sah Alegria Mila an. „Es gibt einen Fackelschein.“, sagte die junge Pilotin. „Worauf wartest du dann?!“, fragte die Prinzessin schnippisch. „Fluchs, die Koordinaten eingegeben und dann aktiviert! Ein bisschen schnell!“ Alana nickte und führte ihre Befehle aus.

Alegria fand sich bald neben einer Fackel stehend wieder. Sie wusste nicht, wie sie die große weite Fläche, auf der sie sich befand, einordnen sollte. Von oben hatte alles so klein ausgesehen, aber das war ja ein durchaus gängiger Effekt, wenn man fliegend unterwegs war.

In der Ferne sah die Prinzessin jetzt die Silhouette einer Reiterin, die sich auf sie zu bewegte. Sie erkannte jenes Bärengesicht vom SITCH. „Cirnach!“, rief sie. „Ich bin hier.“ „Ich habe Euch längst erspäht.“, gab die Vendar zurück, die jetzt einen leichten Bogen ritt um ihr Pferd dann direkt neben Alegria zum Stehen zu bringen und sie quasi wie eine Blume im Vorbeigehen vom Boden zu pflücken, um sie dann hinter sich auf das Pferd zu pflanzen. „Du hebst mich mit zwei Fingern und wirkst dabei noch nicht einmal angestrengt?“, fragte Alegria verwirrt. „Nicht nur die Männer meines Volkes sind fünf mal so stark wie ein durchschnittlicher Humanoide.“, lachte Cirnach. Dann ließ sie die Zügel locker und befahl: „Dshâ!“, was frei übersetzt soviel wie: „Lauf!“, heißt. Gehorsam folgte das Pferd ihrem Befehl und setzte sich in Schritt. „Normalerweise ziehe ich einen scharfen Ritt vor.“, lachte Cirnach. „Aber jetzt habe ich noch jemanden, auf den ich aufpassen muss. Sytania würde es nicht gefallen, wenn ich Euch unterwegs verlöre.“ Sie lachte hämisch.

Endlich waren Alana und Timor allein mit sich. „Warum hast du mich ab und zu so seltsam angesehen?“, fragte Timor, der zwar inzwischen einen Verdacht hatte, diesen aber erst verifizieren wollte. „Weil ich nicht die bin, für die du mich hältst.“, sagte Alana und bewegte das Schiff aus der Umlaufbahn. „Was machst du?“, fragte Timor, dem ihr Verhalten gänzlich unverständlich war. „Wir können die Prinzessin doch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Wir haben beide geschworen, sie nie im Stich zu lassen.“ „Die Einzige, der ich etwas geschworen habe, ist Hestia von Hestien.“, sagte Alana. „Für sie arbeite ich nämlich eigentlich. Ich bin eine Spionin. Aber das habe ich auch nur gemacht, weil ich eigentlich verhindern will, dass wir diesem wahnsinnigen Streit noch weiter ausgesetzt sind.“, erwiderte Alana. Jetzt fiel es Timor wie Schuppen von den Augen. „Alana!“, rief er, umarmte und küsste sie. „Endlich!“, atmete Alana erleichtert auf. „Ich hatte schon befürchtet, du würdest mich nie erkennen. Aber jetzt lass mich bitte los, damit wir unsere Flucht weiter fortsetzen können.“

Timor ließ von der Geliebten ab, die sich gleich daran machte, den interdimensionalen Antrieb des Shuttles zu aktivieren. „Wohin bringst du uns?“, fragte Timor, der mit den unzähligen Dimensionsfalten auf dem Bildschirm nichts anfangen konnte. „Nach Tindara.“, sagte Alana und strich mit der Hand über die richtige Falte. Alsbald flog das Schiff in die tindaranische Dimension ein. „Hier werden wir sicher sein. In der Dimension der Föderation würde man uns suchen, hier nicht. Es gibt hier einen Planeten, der New-Vendar-Prime heißt. Dort werden wir erst mal bleiben. Die Vendar dort sind Rebellen und werden uns sicher gut aufnehmen. Sie wissen sehr genau, zu was Größenwahn und Herrschsucht führen können.“ „Ich sehe, du hast alles sehr gut geplant.“, sagte Timor erleichtert.

Alana verlangsamte das Schiff von Warp eins auf ein Viertel Impuls. „Jetzt wird unser Flug zwar länger dauern.“, sagte sie. „Aber das mirayanische Antriebssystem hat einen Vorteil. Der Impulsantrieb ist bei dieser geringen Geschwindigkeit kaum von den Hintergrundbildern des Weltraumes zu unterscheiden. Falls man uns verfolgen sollte, sind wir gut getarnt.“ „Dafür nehme ich gern einen langen Flug auf mich.“, sagte Timor und sah sie verliebt an. „Um so länger können wir unsere Zweisamkeit genießen.“ Er küsste ihren Mund.

Cirnach und Alegria waren in Sytanias Schlosshof angekommen und die Vendar hatte ihrer Begleitung genau so vom Pferd geholfen, wie sie ihr auch auf selbiges geholfen hatte. Dann hatte sie das fuchsfarbene Tier einem Stallknecht übergeben und war mit der Prinzessin an der Hand durch das Tor geschritten. Bald kamen die Frauen vor einem prunkvoll geschmückten Gemach an, vor dem ein ebenfalls bärengesichtiger Mann Wache hielt. Cirnach flüsterte ihm etwas in ihrer gemeinsamen Muttersprache zu und er ließ die Frauen ohne weiteres Federlesen passieren.

Jetzt standen Alegria und Cirnach direkt vor Sytania, die auf einer Art Thronsessel saß. Neben ihr war ein weiterer Platz, der unbesetzt war und vor dem mit Gold und Samt verzierten Thronsessel stand ein niedrigerer Stuhl aus einfachem Holz.

Cirnach stellte sich hinter Alegria, um sie sichern zu können, falls sie fallen sollte. „Kommt herauf zu mir, edle Freundin.“, keifte Sytania von oben. Vorsichtig stieg Alegria die kleine Treppe zum Thron herauf und setzte sich auf den freien Platz neben Sytania. Cirnach nahm auf dem Holzstuhl unten zu Füßen der beiden Prinzessinnen Platz. „Nun.“, sagte Sytania. „Wie habt Ihr Euch entschieden?“ „Ich habe mich entschieden, Euer Angebot anzunehmen.“, erwiderte Alegria. „Gut.“, sagte die Imperianerin. „Dann soll es so sein.“ Sie schaute die Vendar an. „Cirnach, bring Schreibzeug und einen Dolch. Du weißt schon.“ „Ja, Gebieterin.“, antwortete die Vendar und ging aus dem Raum. „Wozu brauchen wir einen Dolch?“, fragte Alegria. „Weil wir beide diesen Vertrag mit unserem Blut besiegeln werden.“, antwortete Sytania. „Oder habt Ihr damit ein Problem? Denkt daran, dass nur dieser Vertrag zwischen uns zweien es ist, der Euch einen Vorteil gegenüber Eurer Schwester verschaffen kann. Da wird es doch um ein paar Tropfen Blut nicht schade sein.“ Sytania wusste genau, dass sie die Prinzessin bei ihrer Gier gepackt hatte, was ja auch ihr Ziel war.

Cirnach kam mit einem vergoldeten Schreibset zurück. Sie legte ein Pergament auf den Boden vor sich und Sytania diktierte ihr den Vertrag in die Hand. „Jetzt kommt der unangenehme Teil.“, warnte sie Alegria vor und Cirnach kam wie auf Stichwort mit dem Dolch nah an die Prinzessin heran. „Muss das sein?“, fragte Alegria blass. „Natürlich.“, lachte Sytania. „Oder wollt Ihr jetzt etwa einen Rückzieher machen. Denkt an Eure Schwester.“ „Natürlich nicht.“, sagte Alegria und ließ sich bereitwillig von Cirnach stechen, worauf drei Blutstropfen auf das Pergament fielen. Genau so ging es bei Sytania, die dafür extra per Willenskraft ihre Unverwundbarkeit temporär aufgegeben hatte.

Sytania sah nachdenklich zu Alegria herüber, nachdem der Vertrag unterschrieben war. „Mit meinen seherischen Fähigkeiten habe ich gerade festgestellt, dass Euer Schiff nicht mehr da ist, edle Freundin.“, sagte sie. „Aber das macht nichts. In meiner unermesslichen Gnade werde ich Euch jetzt in Euer Schloss zurückbringen. Seht es als Zeichen unserer Freundschaft.“ Es gab einen schwarzen Blitz und Alegria fand sich im Schloss wieder. Sie hoffte inständig, dass sich der Verbleib von Mila und Timor noch klären würde.

King, oder besser Hadrian und ich saßen an einem Tisch in der leeren Offiziersmesse. Der Platz war zwar in gewisser Weise öffentlich, aber da sich außer uns niemand dort befand, auch sehr gut für unser Gespräch geeignet. „Wer übernimmt jetzt eigentlich gerade Ihren Posten, Allrounder?“, fragte der Prinz. „Im Moment Agent Mikel.“, antwortete ich. „Commander Kissara hat mich dazu abkommandiert, mich speziell um Euch zu kümmern.“ „Dann ist das mit der leeren Messe wohl auch arrangiert.“, vermutete Hadrian. „Kann schon sein.“, erwiderte ich und spielte an einem Knopf meiner Uniformbluse. „Tragen Sie eine Wanze? Werden wir abgehört?“, scherzte Hadrian. „Nein.“, tröstete ich. „Wir sind allein, obwohl ich, falls Sie mir etwas mehr über den Plan verraten sollten, dies sofort dem Agent melden muss. Das mit dem Spielen an meiner Kleidung ist nur eine Marotte, wenn ich nervös bin und im Augenblick bin ich nervös. Irgendwie habe ich das Gefühl, Ihnen etwas kaputt gemacht zu haben, als ich Sie enttarnte.“ „In gewisser Weise haben Sie das vielleicht.“, sagte Hadrian. „Aber wir können das leicht kompensieren. Eigentlich wollte der Chief-Agent eine bestimmte politische Entwicklung auf Miray abwarten, bevor Sie mich enttarnen sollten. Aber das macht jetzt auch nichts. Ihr Commander hat befohlen, dass das Schiff höchstens mit Warp 2 fliegen soll, obwohl die Granger an sich bis Warp 9,9 fliegen könnte. Aber sie weiß ja auch, worum es geht.“ „Worum geht es denn?“, nahm ich meine Chance wahr, vielleicht doch mehr zu erfahren, aber Hadrian war wachsam und bemerkte, dass ich ihn aufs Glatteis führen wollte. „So läuft das nicht, meine Liebe.“, sagte er freundlich. „Die Antworten, die ich Ihnen nicht geben darf, werden Sie auf Basiria bekommen und nicht von mir.“ „Also gut, Hoheit.“, sagte ich. „Bitte nennen Sie mich nicht so.“, bat Hadrian. „Ich habe längst abgedankt und somit nichts mehr mit den mirayanischen Regierungsgeschäften zu tun. Sollen sich doch meine Schwestern bis aufs Blut darum streiten. Das ist nicht mehr mein Bier.“ „Tut mir Leid, dass ich das sagen muss.“, widersprach ich. „Aber Sie haben eine ganze Menge damit zu tun, wenn Sie ihrem Vater geholfen haben, diesen Plan zu entwerfen.“ „Sie merken auch alles.“, lächelte Hadrian. „Dumm sind Sie nicht. Ich habe außerdem sehr gestaunt, als ich erfahren habe, dass Sie die hauptsächliche Pilotin dieses Schiffes sind, obwohl Sie nicht sehen können.“ „Die Technik nimmt mir viel ab und hilft mir.“, fasste ich die Funktionsweise meines Hilfsprogramms zusammen. „Dachte ich mir.“, erwiderte er. „Aber da ist noch etwas. Die Art, wie Sie und der Agent mich enttarnt haben, zeugt von hoher Intelligenz. Mit Ihrer Aktion mit dem Watt hatte ich nicht gerechnet. Deshalb ist mir auch die Sache mit dem erfreuten Bad im Schmutz passiert. Aber Mikel und Sie hatten diese Vermutung ja schon länger.“ „Das Watt hat dafür eine gute Kulisse geboten.“, sagte ich. „Es ist einzigartig auf Terra und ein außerirdischer Prinz würde es erst recht nicht kennen.“ „Ich sagte ja bereits, Sie haben das Element der Überraschung sehr gut ausgenutzt. Sie sind ein hoch intelligentes kleines Ding. Nach außen hin tun Sie harmlos, aber innen sind Sie ganz schön durchtrieben.“ „Kann schon sein.“, lächelte ich.

Hadrian ging zum Replikator und replizierte uns beiden einen Milchkaffee. „Wo genau auf Basiria werde ich die Antworten finden?“, wollte ich wissen. „Suchen Sie doch am Besten die Präsidentenfamilie auf.“, schlug er vor. „Soweit ich informiert bin, sind Sie doch die Patentante des ersten Sohnes im Staate.“ „Also gut.“, sagte ich und nahm einen großen Schluck aus meiner Tasse. „Eines ist sicher.“, sagte Hadrian, von dem ich langsam das Gefühl bekam, er würde mich vor irgendetwas schützen wollen. „Es wird da unten nichts mit Ihnen geschehen, vor dem Sie sich fürchten müssen.“ „Ich habe keine Angst.“, erwiderte ich. „Das ist nur alles so mysteriös und spannend. Ich liebe Rätsel!“

„Wir müssten bald in der Umlaufbahn von Basiria sein.“, sagte Hadrian, nachdem er aus dem Fenster geblickt und das vulkanische Sonnensystem, in dem Eludeh und ihr Volk Zuflucht gefunden hatten, erkannt hatte. „An Ihrer Stelle würde ich mich bei Eludeh ankündigen. Ihr Rufzeichen kennen Sie doch bestimmt.“ Er lächelte mir konspirativ zu. „Ich muss gehen.“, sagte ich und zeigte auf meine Uhr. „Meine Schicht beginnt.“ „Tun Sie sich keinen Zwang an.“, lächelte Hadrian und verließ mit mir die Messe, bevor sich unsere Wege trennten.

Kapitel 33 - Eine genesianische Blamage von Visitor

„Wie ist es gelaufen?“, fragte Shimar N’Cara, die ihm, obwohl sie längst zurück war, kein Sterbenswörtchen verraten hatte. „Oh, es ist super gelaufen!“, gab der Teenager zurück. „Demnächst werde ich mich mit Cyrades Tochter duellieren.“ „Woher weißt du, dass es Ataura sein wird?“, fragte Shimar, der die Befürchtung hatte, sie könnte sich das Ganze zu einfach vorstellen. „Das ist die einzige Möglichkeit, die es gibt.“, sagte N’Cara. „Athena hat uns gesagt, dass eine gleichaltrige Kriegerin gegen mich antreten muss und Ataura ist außerdem eine der Beschuldigten. Also wird sie sich auch verteidigen wollen.“ „Schon klar.“, sagte Shimar, der die Aufzeichnung über die krummen Geschäfte Cyrades und ihrer Tochter mit Sytania auch gesehen hatte.

Plötzlich löschte IDUSA Shimars Reaktionstabelle. „Wir werden gerufen, N’Cara.“, sagte sie zur Begründung. „Wenn ich seine Tabelle im Speicher lasse, übertrage ich automatisch auch seine Signale an die Genesianer und du weißt ja, wie das bei denen ist.“ „Ich weiß.“, erwiderte das Mädchen. „Verbinde!“

IDUSA führte den Befehl aus und N’Cara sah bald das Gesicht der obersten Prätora auf dem virtuellen Schirm. „Ich habe mit den Beschuldigten gesprochen, N’Cara.“, sagte Shashana. „Sie haben natürlich alles abgestritten. Eine Sache war aber interessant. Cyrade hat behauptet, dass sie das Schiff der Celsianerin durch ihre Tochter persönlich zerstören lassen habe. Jetzt sieh mal, was sie uns als Trümmerstück präsentiert hat.“

Shashana griff unter ihren Tisch und holte einen Behälter hervor, den sie vor aller Augen öffnete. Statt eines Trümmerstückes kam aber nur eine eklige graue Brühe bestehend aus im Weltraum vorkommendem Staub und durch den Schmelzprozess flüssig gewordener chemischer Stoffe zum Vorschein. „Igitt!“, rief N’Cara aus. „Damit hat sie sich sicher zur Lachnummer der Nation gemacht.“ „Darauf kannst du wetten, N’Cara.“, entgegnete die oberste Prätora. „Zumal alle meine Kriegerinnen es gesehen haben.“ „Der Tag fängt ja schon mies an für Cyrade.“, stellte N’Cara fest. „Und ich denke, er wird noch viel mieser.“ „Nimm den Mund nicht so voll.“, warnte Shashana. „Die Terraner haben ein interessantes Sprichwort: Hochmut kommt vor dem Fall.“ „Ganz cool.“, beruhigte N’Cara. „Ich weiß schon, was ich mache.“ Damit beendete sie das Gespräch.

„Na, was war so komisch?“, fragte Shimar, der nur die Antworten seiner Mitstreiterin, nicht aber die Äußerungen der Genesianerin mitbekommen hatte. „Cyrade hat sich voll blamiert. Aber so was von voll.“, grinste die kleine Lithianerin. „Sie hat ein Trümmerstück von dem angeblichen Kamurus in der großen Halle präsentieren wollen und ist dabei voll auf die Schnauze gefallen.“ „Ich kann es mir denken.“, sagte Shimar, der sich gerade das Gesicht der Beschuldigten vorstellte, als sie gesehen haben musste, was aus ihrem ach so schönen Trümmerstück geworden war. „Na das hat ja schon mal sehr gut geklappt.“, stellte der junge Patrouillenflieger zufrieden fest. „Mit Kamurus rechnet Cyrade nicht mehr. dem haben wir also den Rücken frei gehalten.“ „Genau.“, sagte N’Cara. „Und den Rest kriege ich auch noch hin. IDUSA, beam’ mich wieder runter!“

Ohne zu zögern hatte das Schiff dem Befehl Folge geleistet und jetzt stand das Mädchen wieder vor Shashana. „Da bist du ja.“, sagte diese und stand von ihrem Platz auf. „Ich werde dich jetzt zum Schießplatz begleiten. Dort haben meine Kriegerinnen bereits alles vorbereitet. Cyrade und ihre Tochter sind auch schon da. Du hast sicher schon längst vermutet, dass du gegen Ataura antreten wirst.“ „Das habe ich allerdings.“, entgegnete das Mädchen selbstbewusst. „Aber das schreckt mich nicht. Ich bin daheim in einem Schützenverein. Dort habe ich schon einige Pokale geholt. Ich denke, dass ich es durchaus mit Ataura aufnehmen kann.“ „Große Worte.“, sagte Shashana. „Ich bin neugierig, ob du nachher immer noch so sprichst.“

Sie ging voran aus der großen Halle und N’Cara folgte ihr. Bald kamen sie auf dem Schießplatz an, der selbst eine runde Form hatte und auf dessen Boden sich Steinkreise befanden, die nach außen hin immer größer wurden. In der Mitte im kleinsten Kreis stand eine Zielscheibe auf einem Pfahl. „Ihr werdet beide jeweils der Reihe nach einen Kreis wählen, von dem aus ihr schießt.“, erklärte Shashana. „Je weiter der Kreis von der Zielscheibe weg ist, desto größer ist euer Vertrauen darin, dass die Götter die Hand der Richtigen zum Sieg lenken werden. Sollen wir dir eine Waffe stellen?“ „Nein danke, nicht nötig.“, sagte N’Cara. „Ich nehme meine Eigene.“ Sie zeigte Shashana ihren Phaser. „Nun gut.“, erwiderte diese. „Dann warten wir nur noch auf Ataura, die als Beschuldigte das Recht zum Beginnen hat.“ N’Cara nickte verständig.

Joran stand in der Achterkabine vor dem sitzenden Maron, dem er eine typische genesianische Fessel angelegt hatte. „Vergib mir bitte, dass ich dir das antun muss.“, bat der Vendar angesichts der klobigen Kette, die Marons Hände durch eine Art eisernes Geschirr mit einer dicken eisernen Kugel verband, als sei er ein Tanzbär. „Kein Problem.“, antwortete der Spionageoffizier. „Wenn wir einer Grenzpatrouille begegnen, muss es ja alles echt aussehen. Oder willst du riskieren, dass ich dir weglaufe.“ „Natürlich nicht.“, lachte der Vendar. Aber im gleichen Moment wurde sein Gesicht wieder ernst. „Es gibt noch etwas, das ich dir antun muss.“, sagte er. „Was ist denn das?“, fragte Maron. „Schlimmer als das hier kann es ja nicht sein.“ „Doch.“, sagte Joran betroffen. „Es wird schlimmer.“ Er holte aus. „Vielleicht wird der Moment kommen, in dem Shashana verlangt, dass ich dich diszipliniere. Dann muss es so aussehen, als würde ich dich schlagen. Dazu werde ich meine Hand jetzt in Richtung deines Gesichtes bewegen. Dann musst du im letzten Moment wegziehen, aber nicht zu früh, damit sie keinen Verdacht schöpfen können, dass etwas an dieser Szene gestellt sein könnte.“ „Schon kapiert.“, sagte Maron gelangweilt. „Etwas darzustellen, was normalerweise nicht so ist, dürfte für mich, der ich lange für die Firma Tarn-&Täuschung gearbeitet habe, kein Problem sein.“ „Na dann.“, sagte Joran und schlug das erste Mal zu. Tatsächlich gelang es Maron gleich beim ersten Versuch, im richtigen Augenblick seinen Kopf aus der Schuss- oder besser Schlaglinie zu ziehen. „Na.“, grinste er den Vendar stolz an. „Wie war ich?“ „Ich bin schwer beeindruckt, Maron El Demeta.“, gab Joran zu und ließ seine Faust sinken. „Ich werde es gleich Sedrin El Demeta berichten. Sie war in Sorge, wir würden länger trainieren müssen. Viel länger, Agent Maron.“ „Für wie schwerfällig hält sie mich?“, wunderte sich Maron. „Aber gut. Vermelde ihr unseren Erfolg.“

Joran drehte sich in Richtung der Zwischentür, die das Cockpit und die Achterkabine trennte und durchschritt sie. Langsam näherte er sich dem Steuerpult, vor dem Sedrin mit einem Neurokoppler auf dem Kopf saß. „Wie ist es da hinten gelaufen?“, erkundigte sich die Demetanerin, die natürlich über Jorans Plan unterrichtet war. „Sehr gut ist es gelaufen, Sedrin El Demeta.“, erwiderte der Vendar und setzte sich auf den Sitz neben ihrem. „Dein Freund aus Kindertagen kann einen ziemlich verblüffen.“ „Das weiß ich.“, grinste Sedrin.

Joran zog seinen Neurokoppler aus der Tasche und schloss ihn an. Alsbald lud das Schiff seine Reaktionstabelle. „Sag ihr bitte, dass ich auch sehen will, was du siehst.“, bat er. „OK.“, sagte Sedrin. „IDUSA, gib Joran Zugriff auf die Steuerkonsole.“

Das Schiff führte den Befehl aus und Joran erkannte, dass sie sich bereits im Universum der Föderation und der Genesianer befanden. „Du hast uns ja bereits hierher gebracht, Sedrin El Demeta.“, sagte er stolz. „Nein, Joran.“, widersprach sie. „IDUSA hat uns hierher gebracht. Sie steuert sich selbst. Ich habe mir einfach nicht zugetraut, ein tindaranisches Schiff selbstständig zu fliegen. Ich habe leider ein ähnliches Problem wie die meisten Sternenflottenoffiziere. Die direkte gedankliche Kommunikation mit einem Raumschiff, also einem Stück Technologie, macht mir leichte Bauchschmerzen. Warum kann ich nicht erklären. Es gibt keinen logischen Grund dafür. Aber es ist so.“ „Benutzt ihr nicht auch Neurokoppler in der Simulationskammer?“, fragte Joran. „Natürlich.“, antwortete Sedrin. „Aber das ist etwas anderes.“ „Weil es Freizeitgestaltung ist?“, fragte Joran. „Nein.“, sagte Sedrin. „Es ist etwas anderes, weil die mir von IDUSA gezeigte Steuerkonsole nicht real, sondern nur virtuell ist. Ich kann mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass ich sie damit kontrollieren können soll.“ „Die Konsole ist doch nur ein Hilfsmittel, Sedrin El Demeta.“, sagte Joran. „Wenn du dir vorstellst, auf ihr eine Steuerbewegung auszuführen, liest IDUSA dieses Signal und das ist für sie sehr real, glaub mir. Aber ich glaube, dass ich weiß, worauf du hinaus willst. In vergangenen Zeiten hattet ihr diese Holo-Decks, auf denen auch alles als Hologramm erscheinen konnte, das ihr wolltet. Ihr wusstet, dass dies nicht real war. Also denkt ihr, dass alles, was mit Dingen zu tun hat, die euch nicht real scheinen, auch keine realen Nachwirkungen haben kann. Aber die virtuelle Steuerkonsole, die dir IDUSA zeigt, ist wie gesagt ein Hilfsmittel, damit du nicht immer in verbalen Befehlen denken musst, sondern in Bewegungsmustern denken kannst wie beim normalen Fliegen eines eurer Schiffe. Außerdem darfst du nicht vergessen, dass die Tindaraner bei der Benutzung von Neurokopplertechnologie schon viel weiter sein könnten als ihr.“ „Danke, Joran.“, strahlte Sedrin. Dann sagte sie, nachdem sie sich aufgerichtet hatte, „IDUSA, ich übernehme!“ Bereitwillig übergab ihr IDUSA die Kontrolle. „Das Sie übernehmen, Agent, halte ich ohnehin für gut.“, erklärte das Schiff, das ihre Reaktion insgeheim schon vor längerer Zeit erhofft hatte. „Wir werden nämlich seit einigen Minuten von einem Patrouillenschiff begleitet, das wahrscheinlich wissen möchte, warum wir uns so nah an der genesianischen Grenze aufhalten.“ „Schon gut.“, sagte Sedrin. „Joran, geh bitte wieder nach hinten. Du weißt ja, wir müssen die Protokolle einhalten.“ „Wie du wünschst, großzügige Gedrin.“, sagte Joran und drehte sich zum Gehen.

Die Tür war leise ins Schloss gefallen. „Kannst du mich mit der Patrouille verbinden, IDUSA?“, fragte Sedrin. „Aber sicher.“, antwortete das Schiff. „Deren Transpondersignal springt mir geradezu ins Gesicht.“ „Hör auf mit der Angeberei.“, wies Sedrin sie zurecht.

Auf dem virtuellen Schirm sah sie jetzt das Gesicht einer jungen Genesianerin. „Ich bin Autollica, Tochter von Dianira vom Clan der Worash. Was tust du in unserem Grenzgebiet, Demetanerin?!“, fragte die Genesianerin streng. „Schön, dass wir die Formalitäten geklärt haben.“, erwiderte Sedrin. „Ich werde die großzügige Gedrin genannt. Meine Spezialität ist, das zu besorgen, was man gerade haben will und ich habe gehört, eure oberste Prätora sucht händeringend nach einem Ehemann. Mein vendarischer Komplize und ich haben erst kürzlich ein Exemplar entführt, das wohl ihre Zustimmung finden dürfte. Er ist ein Landsmann von mir und ein Sternenflottenoffizier. Aber sag deiner Prätora, sie muss nichts befürchten. Gilbaran und ich haben ihn schon zurechtgebogen. Seine Gesundheit ist außerdem erstklassig. Wie gesagt, ich will nichts für ihn haben, aber ich denke, dass mir Shashana die Füße küssen und mich freiwillig gut entlohnen wird, wenn sie erst mal sieht, was ich hier anbringe. Sicher wird sie dir auch etwas geben, wenn du uns zu ihr bringst.“ „Also schön, großzügige Gedrin.“, sagte Autollica. „Folge mir.“ Sie aktivierte ein Positionslicht am Heck ihres Shuttles. „Das war bühnenreif.“, lobte IDUSA. „Ich hätte glatt meinen können, Sie hätten Ferengi-Gene.“ „Mutter Schicksal bewahre!“, rief Sedrin aus. „Dazu gehören nur zwei Dinge. Erstens: Die Genesianerinnen behandeln Männer nicht besser als Vieh. Und zweitens: Ich weiß, wie sich eine Raumpiratin verhält.“ „Durch Ihre Freundin Illiane St. John.“, kombinierte das Schiff. „Ich bin sicher, sie wäre stolz auf Sie, wenn sie das jetzt gesehen hätte.“ „Ich auch.“, antwortete Sedrin. „Und jetzt sag Joran und Maron, dass es los geht.“

Jenna hatte sich zu Ishan begeben. Sie wollte, solange Maron unterwegs war, nicht untätig herumsitzen. „Was gibt es denn, Jenna?“, fragte der Arzt. „Ich möchte nur wissen, was mich während der Discrapula erwartet.“, entgegnete Jenna. „Was werde ich fühlen?“ „Ich gehe davon aus, dass du das Gefühl haben wirst, dass dein Herz für zwei Kreisläufe arbeiten muss. Das ist aber nur während der Anfangsphase, bis Maron eure beiden Biochemien synchronisiert hat. Dann, denke ich, wird es nicht mehr schlimm sein. Er macht ja nichts mit dir, sondern er passt seine Biochemie der Deinen an. Derjenige von euch, der das Ganze als etwas anstrengend empfinden wird, würde also Maron sein.“ „Kann ich etwas tun, um ihm die Sache zu erleichtern?“, fragte Jenna. „Du tust schon alles, was du kannst, wenn du nicht gegen ihn arbeitest, also nicht etwa durch schnelleres Atmen versuchst, deinen Puls in die Höhe zu treiben oder so etwas. Wenn du ihm vertraust, dürfte es reibungslos funktionieren und wenn etwas ist, sind ja immer noch Nidell und ich mit einer ganzen Batterie von Medikamenten zur Stelle.“ Beruhigt nahm Jenna die Worte des Arztes zur Kenntnis: „Danke, Ishan.“

Durch Merkurion hatte auch Hestia von jenem Zwischenfall erfahren, der sich im Dunklen Imperium ereignet hatte. Allerdings hatte Alana gegenüber ihm gesagt, dass sie Timor als Geisel genommen hätte. „Was für eine gute Nachricht!“, freute sich Hestia. „Mein Kommunikationsoffizier soll mich sogleich mit meiner Schwester verbinden.“

Wenig später sah Hestia das verhasste Gesicht ihrer Schwester auf dem Schirm ihres Sprechgerätes. „Was ist los?“, fragte Alegria mürrisch. „Ich würde sagen, wir sind quitt.“, erwiderte Hestia schadenfroh. „Du hast meine besten Agenten töten lassen und ich habe deinen Kammerdiener entführen lassen. Du siehst also, wer zuletzt lacht.“ „Das würde ich nicht so sagen.“, meinte Alegria schnippisch. „Soweit ich weiß, stammt die Idee, Timor zu entführen, noch nicht einmal von dir. Du weißt doch auch nicht, wo die zwei jetzt sind, oder?“ „Da hast du leider Recht.“, gab Hestia zu. „Aber das kann sich schnell ändern, aber glaube ja nicht, dass du es erfahren wirst.“ Sie beendete das Gespräch und sah Merkurion an, der es mitbekommen hatte. „Tja, Hoheit.“, druckste der Geheimdienstchef herum. „Leider weiß ich auch nicht, wo sich Alana mit Timor aufhalten könnte.“ „Hat sie ihr Vorgehen denn nicht mit dir koordiniert?“, fragte die Prinzessin. „Leider nein.“, sagte Merkurion und sah sie bittend an. „Ich wünschte, ich könnte … Augenblick.“

Ein Summer an seinem Handgelenk war aktiviert worden und hatte ihm einen Ruf aus seinem Büro angekündigt, den er dringend beantworten musste. „Dürfte ich Euer Sprechgerät benutzen, Hoheit?“, wollte der Chefagent wissen. „Tu dir keinen Zwang an.“, lächelte die Prinzessin und rutschte ein Stück zur Seite. „Danke, Hoheit.“, bedankte sich Merkurion und gab das Rufzeichen ins Gerät ein. Da er seinen mitgebrachten Ohrhörer benutzte, konnte Hestia nicht hören, was ihm seine Sekretärin mitteilte, bemerkte aber, dass er sehr alarmiert zu sein schien, je länger das Gespräch dauerte. „Ist das sicher, Amira?“, fragte Merkurion mit erschreckter Stimme ins Mikrofon. „Und wann genau hat sie … Oh, nein. Kannst du mich mit dem Agenten … Was?!“ Er betätigte die 88-Taste und sank blass im Stuhl zusammen. „Was ist los?“, fragte Hestia. „Amira hat mir gerade mitgeteilt, dass Eure Schwester ihre Armee hinter dem Shuttle hergeschickt hat, um es zu stoppen. Wenn das geschieht, könnte auch Alana sterben. Unser Mann in Alegrias Armee hat uns die Information gerade noch geben können, bevor er erschossen worden ist, weil sie gemerkt hatten, dass er ein doppeltes Spiel spielte.“ „Dann werde ich sogleich auch meine Armee in Marsch setzen, damit sie Alegrias Armee stoppt und Alana beschützt. Um Timor geht es mir nicht. Er ist der Kammerdiener meiner Feindin und darf deshalb ruhig krepieren.“ „Mit Verlaub, Hoheit.“, meldete Merkurion Bedenken an ihrem Plan an. „Wie soll das gehen? Timor und Alana sitzen in einem Shuttle. Wenn Alegrias Soldaten auf dieses schießen und Eure Soldaten dann wiederum auf Alegrias Soldaten, dann kann beiden etwas passieren.“ „Ist mir gleich, wie die Soldaten das anstellen!“, schrie Hestia. „Darüber sollen sich die Generäle den Kopf zerbrechen. Und nun hol mir General Gordian. Mit ihm werde ich die Angelegenheit persönlich besprechen!“ Merkurion nickte und ging aus dem Raum.

Ataura und ihre Mutter waren am Schießplatz eingetroffen. Die junge Genesianerin lachte laut auf, als sie N’Cara sah. „Was?!“, spottete sie. „Gegen dich soll ich antreten? Du hast doch sicher noch nie eine Waffe in der Hand gehabt. Zumindest kann ich mir das vorstellen, Föderationsgezücht. Ich denke kaum, dass du mit so etwas überhaupt umgehen kannst. Ihr wollt doch sonst immer alles friedlich regeln. Also, so eine wie du kann doch gar nicht schießen können!“ „Du wirst schon sehen, was ich kann.“, sagte N’Cara ruhig, die sich vorgenommen hatte, sich nicht durch etwaige Äußerungen provozieren zu lassen. „Nun gut.“, sagte Shashana. „Wenn ihr das Säbelrasseln beendet habt, dann können wir ja …“

Sie war eines merkwürdigen Vorgangs ansichtig geworden. Am Horizont hatten sich drei Gestalten materialisiert, die sie nicht erkannt hatte. Jedenfalls zwei von ihnen waren ihr gänzlich unbekannt. Bei der dritten Gestalt war sich die oberste Prätora nicht sicher. Erst beim Näherkommen sah sie, wer es war. Jetzt wusste sie, musste sie alles tun, damit ihre Kriegerinnen keinen Verdacht schöpften.

Sie ging den dreien entgegen. Sedrin, der sie zuerst ansichtig geworden war, stellte sie sich in den Weg. „Seid gegrüßt, oberste Prätora.“, schauspielerte die Demetanerin, die natürlich davon ausging, dass Shashana sie längst erkannt hatte. „Ich bin Gedrin. Aber für Euch auch die großzügige Gedrin.“, stellte sie sich weiter vor. „Ich habe einen Ehemannanwärter für Euch. Dafür müsst Ihr mir nichts geben, aber ich bin sicher, Ihr werdet mich freiwillig gut entlohnen, wenn Ihr ihn erst mal gesehen habt. Gilbaran, führ ihn vor!“

Joran hob die schwere Eisenkugel, an die Maron gefesselt war, auf und zerrte ihn an der Kette hinter sich her. „Nicht so grob.“, beschwerte sich Maron, der ausgezeichnet mitspielte. „Ich komme ja schon.“ „Haben ich oder deine zukünftige Ehefrau dir erlaubt, den Mund zu öffnen?!“, fragte Sedrin streng. Maron schüttelte den Kopf. „Ich sollte dafür sorgen, dass es nicht noch einmal geschieht, Gedrin, meinst du nicht?“, fragte Joran. „Du hast Recht, Gilbaran.“, sagte Sedrin. „Wir haben Shashana schließlich ein erzogenes Exemplar versprochen. Also bring ihm die Flötentöne bei!“ Maron und Joran lieferten ihre Show ab. „Ihr seht, wir müssen noch an einigem arbeiten, aber ansonsten …“ „Ich nehme ihn!“, ging Shashana dazwischen. „Dein Komplize soll noch etwas auf ihn aufpassen. Über deine Belohnung reden wir woanders.“

Sie zog Sedrin hinter ein Gebüsch. „Du verrücktes demetanisches Huhn!“, sagte sie lächelnd. „Mir ist schon klar, dass wir diese ganze Show nur für die Grenzpatrouillen und meine Kriegerinnen abgezogen haben und dass er nicht wirklich ein Ehemannanwärter ist. Genau so wenig, wie du eine echte Raumpiratin bist. Ich weiß nicht, ob T’Pol sich damals mit dieser Klingonin so gut verstanden hätte, dass sie Kopf und Kragen riskiert hätte, um was auch immer über die Grenze zu schmuggeln, aber …“

Sedrin zog einen Datenkristall und ein Pad. „Das Was-Auch-Immer.“, sagte sie zuversichtlich, während sie den Kristall ins Pad legte. „Kann und wird den unsinnigen Krieg zwischen der Föderation und euch beenden!“

Sie ließ die Aufzeichnungen der Reihe nach abspielen, deren Inhalt Shashana mit Schrecken zur Kenntnis nahm. „Wie konnte sie mich so belügen?!“, rief die Genesianerin aus. „Und dann macht sie auch noch gemeinsame Sache mit Sytania! Nicht auszudenken, wenn Sytania einen Brückenkopf … Nein!!!“ „Das wird mit Sicherheit nicht passieren, wenn Ihr Cyrade ihres Postens enthebt!“, rief Sedrin Shashana ihre Rechte als oberste Prätora in Erinnerung. „Das werde ich!“, erwiderte Shashana wütend. „Darauf kannst du Gift nehmen. Aber erst nach dem Urteil der Götter. Sie soll sich noch eine Weile in falscher Sicherheit wiegen. Aber du solltest gehen. Ich werde dir gleich eine Szene machen und euch sozusagen davonjagen.“ „OK.“, flüsterte Sedrin zurück und folgte ihr wieder aus dem Gebüsch.

„Du hast mir nicht gesagt, dass in seiner Familie eine Erbkrankheit vorliegt!“, schrie Shashana sie an. „Das ändert die Sache! Deine Belohnung kannst du dir abschminken! Nimm dieses nichtsnutzige Etwas und deinen Komplizen und verschwindet!“ Sedrin und Joran machten Gesichter wie geprügelte Hunde und die Demetanerin zog ihr Sprechgerät und gab der IDUSA-Einheit den Befehl zum Beamen. Dann verließen sie so schnell es ging die Umlaufbahn.

IDUSA und Shimar war jenes merkwürdige Geschehen nicht verborgen geblieben. Das Schiff zeigte ihrem Piloten jetzt genau die Bilder, die in ihrem System einen mittleren Datenkonflikt auszulösen drohten. „Ich kann das auch nicht wirklich einordnen, IDUSA.“, gab Shimar zu. „Aber es sieht für mich schwer danach aus, als hätte Jenn’ deine Nachfolgerin etwas verkleidet, damit sie wie ein Raumpiratenschiff aussieht. Was sagt dir ihr Transpondersignal?“ „Das ist es ja gerade.“, sagte IDUSA. „Sie hat keins, oder es wurde überschrieben und soll nur so tun, als hätte sie keins.“ „Das ist ein üblicher Trick bei Raumpiraten.“, erklärte Shimar. „Sie machen ihre Signale unkenntlich, damit man an Hand derer kein Rufzeichen und somit keine Homekoordinaten ermitteln kann. Die kann man nämlich aus dem Rufzeichen ableiten. Betsy hat mir mal beigebracht, wie das geht. Sie ist ja ausgebildete Kommunikationsoffizierin. Na, wie ging das noch?“ Er überlegte angestrengt und fasste sich dabei immer wieder an den Kopf. „Ich denke, das ist jetzt nebensächlich.“, forderte IDUSA erneut seine Aufmerksamkeit. „Viel wichtiger ist jetzt meiner Meinung nach, dass dieses fremde Schiff wie eine IDUSA-Einheit aussieht, aber gleichzeitig Komponenten zu enthalten scheint, die einmal mir gehörten.“ „Ich sagte es ja.“, bestätigte Shimar seine Theorie vom Anfang ihres Gespräches. „Jenn’.“ „Was lässt Sie glauben, dass Techniker Mc’Knight involviert ist?“, fragte das Schiff. „Die Antwort kannst du dir selbst geben.“, motivierte Shimar das Schiff, nach eigenen Erklärungen zu suchen. Er hatte Sorge, Sytania könnte ihn unter Umständen einmal außer Gefecht setzen können, da sie jetzt wusste, dass er mit der Sache zu tun hatte und dann sollte das Schiff auch in der Lage sein, so viele Entscheidungen wie möglich allein zu treffen. Außerdem nahm Shimar die Mitbestimmung der Einheiten sehr ernst. Seine Ausbilder während seiner Kadettenzeit hatten ihm dies sehr oft zugute gehalten. Sie hatten ihm ein sehr gutes Verständnis und vor allem eine starke Identifikation mit den tindaranischen Werten nachgesagt. Es war sogar des Öfteren dazu gekommen, dass so mancher Ausbilder zu den anderen gesagt hatte: „Nehmt euch ein Beispiel an Shimar!“, wenn es zu einer Konfliktsituation zwischen jemandem und seinem Schiff gekommen war. Shimar war dies oft genug sehr peinlich gewesen. Sein Flugprofessor versuchte oft, diese Peinlichkeit wieder zu zerstreuen, was ihm aber nie wirklich gelungen war.

„Ich registriere zwei demetanische Biozeichen.“, sagte das Schiff, nachdem sie das Innere des seltsamen fremden Schiffes gescannt hatte. „Außerdem gibt es da noch ein Vendarisches. Eines der beiden demetanischen Biozeichen ist weiblich, das andere männlich. Das Vendarische ist männlich.“ „Kannst du die Zeichen identifizieren?“, fragte Shimar, als würde er ihr gerade einen Test abnehmen. „Sicher.“, meinte IDUSA. „Es sind die Biozeichen von Agent Sedrin, Agent Maron und Joran.“ „Na also.“, sagte Shimar. „Dann weißt du ja, dass es sich nur um irgendeine Art von hinterlistigem Plan handeln kann und ich glaube, dass ich auch schon weiß, wer die Urheberin ist.“ „Da muss ich Ihnen leider widersprechen.“, sagte IDUSA. „Urheber des Plans können sowohl Sedrin, als auch Maron sein. Von Joran ganz zu schweigen.“ „Was?“, lachte Shimar. „Maron ist nicht gerade der Durchschnittsdemetaner, was Hinterlist angeht. Irgendwie ist das bei ihm zu kurz gekommen. Ich wette, als Mutter Schicksal die Hinterlist verteilt hat, war er gerade nicht anwesend und dann hat Sedrin seinen Teil auch noch eingeheimst.“

Der Schiffsavatar räusperte sich. „Weiß Maron, wie Sie über ihn denken?“, fragte sie. „Bei allen Göttern, IDUSA.“, erwiderte Shimar. „Das weiß die ganze Station und Maron macht ja auch nie einen Hehl daraus, dass ihm so manches Bubenstück schon misslungen ist, weil er sich einfach nicht getraut hat, mal ein bisschen über die Vorschriften hinaus zu denken.“ „Vielleicht meint er, dass er dann gleich selbst zum Verbrecher wird.“, mutmaßte das Schiff. „Das denke ich auch.“, sagte Shimar. „Aber ich denke auch, dass er könnte, wenn er sich nur trauen würde.“

„Bitte befehlen Sie mir nicht, das Schiff zu rufen.“, bat IDUSA. „Wo denkst du hin?“, sagte Shimar. „Glaubst du etwa, ich will ihre Tarnung gefährden? Nein. Wir tun, als hätten wir sie gar nicht gesehen und kennen sie auch nicht. Sie haben sicher etwas nach Genesia Prime gebracht, das uns sehr weiterhelfen wird, was die Beendigung des Krieges zwischen der Föderation und den Genesianern angeht. Andernfalls würde Sedrin so etwas sicher nicht riskieren und Zirell es auch nicht erlauben. Deshalb dürfen wir erst recht nicht dafür sorgen, dass sie auffliegen könnten. Wir haben das Schiff also nie gesehen, OK?“ „OK.“, sagte IDUSA. „Abgesehen von der Tatsache, dass wir sie ohnehin nicht rufen könnten, weil ich kein Rufzeichen ermitteln kann, weil es kein Transpondersignal gibt und eine Kommunikation nur über den so genannten Unbekannt-Modus möglich wäre. Oh, übrigens, Shimar, es geht los!“

Sie zeigte ihm das Bild von der Oberfläche des Planeten, das ihre Sensoren wahrnahmen. Vor einer Statue der Wächterin von Gore war Ataura auf die Knie gefallen und betete: „Mögen die Götter geben, dass meine und die Unschuld meiner Mutter bewiesen wird.“ Auch N’Cara tat es ihr gleich und sagte: „Möge ich dafür Sorge tragen dürfen, dass die Unschuldigen frei und die Schuldigen unfrei werden.“ Jener Satz jagte Ataura einen Schauer über den Rücken. Dies zeigte IDUSA Shimar jetzt in Großaufnahme. „Die fühlt sich ja gar nicht ertappt.“, scherzte der tindaranische Patrouillenpilot. „Nein.“, gab IDUSA ähnlich ironisch zurück, was Shimar verblüffte. „Sie hat nur Schiss bis Unterkante Oberlippe. Guter Schachzug von N’Cara, was?“ „Allerdings.“, meinte Shimar. „Aber eine echte Genesianerin lässt sich doch von so etwas nicht aus der Ruhe bringen.“ „Außer sie hat gehörig Dreck am Stecken.“, erwiderte IDUSA.

Ataura stellte sich in einen der sehr weit von der Zielscheibe entfernten Steinkreise, zielte und schoss. Der Strahl des Phasers traf etwas weiter rechts neben dem mittleren Ring auf. „Vielleicht solltest du doch etwas näher herangehen, Kind.“, riet Cyrade. „Mach dir keine Sorgen, Mutter.“, tröstete Ataura ihre doch angesichts von N’Caras Äußerung sehr nervös gewordene Mutter. „Das war nur zum Warmwerden. Erst mal sehen, ob sie es besser kann.“ „Das kann ich garantiert besser!“, sagte N’Cara, nahm ihre Waffe und ging noch einen Kreis weiter von der Zielscheibe weg. Tatsächlich war ihr Schuss viel näher an der Mitte als der von Ataura. „Klasse, N’Cara.“, lobte Shimar. „Das hätte aus der Entfernung noch nicht einmal ich hingekriegt.“ „Keine voreiligen Schlüsse.“, ermahnte ihn das Schiff zur Sachlichkeit. „Jetzt ist die Genesianerin wieder dran.“

Shimar sah, wie Ataura, die den Rat ihrer Mutter angenommen hatte, jetzt tatsächlich einen Kreis näher an die Scheibe heran schritt. Dann schoss sie und traf genau die Mitte. „Bravo!“, frohlockte Cyrade. „Jetzt dürfte unsere Unschuld bewiesen sein. Mittiger als mittig geht nicht.“ „Davon bin ich nicht überzeugt.“, sagte N’Cara. „Bitte, oberste Prätora, gewährt mir noch einen Schuss. Nur einen einzigen Schuss.“ „Wie willst du das denn übertreffen?“, spottete Cyrade. „Wirst du sehen!“, sagte N’Cara und sah Shashana an. „Ich weiß zwar auch nicht, was du vorhast.“, sagte die oberste Prätora. „Aber gut. Ich bin manchmal neugierig wie eine Katze. Also, der Schuss sei dir gewährt.“ „Ich danke Euch, oberste Prätora.“, sagte N’Cara höflich.

Shimar sah, wie sich N’Cara anschickte, in den größten und somit am Weitesten von der Scheibe entfernten Steinkreis zu klettern. Nein! Näher!, dachte Shimar. Du musst näher heran nicht weiter weg!

Ihm wurde bewusst, dass sie eine geistige Mauer aufbaute, die er nicht überwinden konnte. Zumindest nicht in dem nervösen Zustand, in dem er jetzt war. „Schauen Sie genau hin.“, forderte ihn das Schiff auf und zeigte ihm eine Nahaufnahme von N’Caras Schuss. Shimar wurde das Gefühl nicht los, dass sein Schiff mehr wusste als er selbst, zumal sie ihm jetzt auch noch eine Vergrößerung samt Zeitlupe servierte, die er gar nicht einordnen konnte. „Das gibt es doch nicht.“, staunte Shimar. „Wieso konnte sie einen Treffer in der Mitte von Atauras Treffer platzieren? Wie geht das?“ „Ich habe mir gedacht, dass Sie das fragen würden.“, sagte das Schiff und zeigte ihm ein Wellenlängenschema eines genesianischen und eines in der Föderation üblichen Phasers. „Sehen Sie den Unterschied?“, erkundigte sich IDUSA. „Der Genesianische hat eine kürzere Wellenlänge und produziert deshalb einen breiteren und kürzeren Strahl.“, vermutete Shimar, dem es wie Schuppen von den Augen gefallen war. „Das heißt, N’Caras Phaser macht eine schmalere Einschussstelle, je weiter sie von der Scheibe weg ist. Da, wo sie gestanden hat, könnte Ataura schon nichts mehr werden. Sie würde die Scheibe gar nicht mehr treffen können.“ „Korrekt.“, bestätigte das Schiff. „Und das sind noch nicht einmal unfaire Mittel, sondern nur die gute alte Physik.“ „Recht hast du.“, grinste Shimar.

Cyrade wurde blass. „Ihr seht also.“, sagte Shashana. „Wie das Urteil der Götter lautet. Aber nicht nur das beweist, dass du unehrenhaft bist, Cyrade und du auch, Ataura.“ Sie zog das Pad, welches Sedrin ihr überlassen hatte und spielte die Aufzeichnungen vor allen Kriegerinnen ab. Ataura und ihre Mutter ernteten nur verächtliche Blicke. „Du musst nichts mehr sagen, Ehrlose!“, schrie Shashana sie an und spuckte ihr ins Gesicht. „Du würdest ohnehin nur lügen. Du bist hiermit deines Postens enthoben und deine Welt gehört nun erst mal uns, bevor sie von einem anderen Clan übernommen wird. Deine Gefangenen werden sofort befreit!“ „Wenn Ihr nichts dagegen habt, oberste Prätora.“, bat N’Cara. „Dann würde ich die celsianische Gefangene selbst mitnehmen.“ „Die Bitte sei dir gewährt.“, sagte Shashana. „Und du, Ataura, du wirst im Morgengrauen selbst Hand an dich legen müssen. Das Gleiche gilt für deine Mutter.“

Wenig später brachte eine Wärterin Ginalla, der sofort die Fesseln abgenommen wurden. N’Cara schnappte ihre Hand, noch bevor die Celsianerin überlegen konnte und zog mit der anderen ihr Sprechgerät: „IDUSA, zwei zum Beamen!“

Kapitel 34 - Befreiung wider Willen von Visitor

Ginalla staunte nicht schlecht, als sie sich in IDUSAs Cockpit neben Shimar und N’Cara wieder fand. „Die Kleine gehört also zu dir, Soldat.“, sagte sie abschätzig zu dem lächelnden Tindaraner. „Ja, wie du sehen kannst, Ginalla.“, antwortete N’Cara an seiner Statt. „Ich gehöre zu ihm. Aber du solltest ihn wirklich besser behandeln und mich auch. Schließlich haben wir dir gerade das Leben gerettet.“ „Das kann mir doch egal sein.“, schnippte Ginalla zurück. „Wenn ihr meint, eure soziale Ader raushängen lassen zu müssen, ist das euer Problem. Ich hätte das sicher nicht für meinen Konkurrenten getan, Soldat. Das glaub du man. Aber die Föderation an sich und ihre Freunde sind ja so angehaucht. Ihr würdet ja auch mit Freuden die andere Backe hinhalten. Ne! In so einem Verein will ich nich’ leben.“ „Niemand sagte, dass wir dich wieder mitnehmen in die Föderation!“, sagte Shimar und sah sie streng an. „Aber etwas mehr Dankbarkeit könntest du zeigen. Ich sage auch nicht, dass wir nicht mehr nach dem Tor suchen. Wenn es darum geht, kannst du gern einmal versuchen, uns abzuhängen.“ „Ich frage mich nur, wie das gehen soll ohne Schiff!“, schrie Ginalla. „Die Genesianer haben …“ Sie ließ sich verzweifelt auf den Notsitz im hinteren Teil des Cockpits fallen und schlug die Hände vors Gesicht. Wo machen wir das mit der Überraschung für sie?, wendete sich N’Cara telepathisch an Shimar. Auf dem Nebenmond in der Nähe., gab er auf gleichem Wege zurück. Ich habe IDUSA schon Bescheid gesagt und sie wird es Kamurus sagen. Sie wird staunen! Das hoffe ich., gab N’Cara zurück. Hoffentlich ist sie so überrascht, dass sie diese eingebildete Feindschaft ganz schnell vergisst. Das hoffe ich auch., dachte Shimar.

Joran hatte Marons Fesseln entfernt und war mit ihm in das Cockpit der neuen IDUSA-Einheit gegangen. Hier hatte er Maron auf den Notsitz und sich selbst neben Sedrin platziert, falls er ihr hätte helfen müssen. „Sobald wir das Sonnensystem verlassen haben, möchte ich auf interdimensionalen Flug gehen.“, sagte die Demetanerin. „Ich möchte diese unsägliche Grenze kein zweites Mal überqueren müssen. Wenn wir dich noch bei uns haben, Maron, könnten die Patrouillen unangenehme Fragen stellen, auf die unter Umständen noch nicht einmal ich eine Antwort habe. Joran, ich möchte, dass du dann übernimmst. Ich bin wie gesagt mit Gedankenbefehlen immer noch sehr zögerlich und habe Angst, dass IDUSA mich unter Umständen falsch verstehen könnte. Dann landen wir vielleicht ganz woanders und das hätte ich gern vermieden, zumal du, Maron, noch eine Verabredung mit unserem genialen Techniker hast.“ „So zögerlich, wie du behauptest, bist du gar nicht, Sedrin El Demeta.“, sagte Joran. „Schmeichler.“, gab sie zurück. „Hast du die Eclypse nicht auch schon im Interdimensionsmodus geflogen?“, fragte der Vendar, dessen Argument Sedrin tatsächlich schlüssig vorkam, die sich dies aber nicht hatte anmerken lassen wollen. „Das war etwas anderes.“, sagte sie. „Die Eclypse hat nicht direkt auf Gedankenbefehle reagiert. Dort hatte ich eine echte Konsole mit echten Hebeln und Tasten vor mir.“ „So etwas zeigt IDUSA dir doch auch.“, erinnerte Joran sie. „Außerdem bist du immer sehr klar in deinen Gedanken. Warum sonst hättest du Huxley oft so gut von deinen Argumenten überzeugen können.“ „Wie genau hast du die Berichte der Eclypse studiert?!“, fragte Sedrin, die schon längst gemerkt hatte, dass sie bei ihrem momentanen Gesprächspartner auf Granit beißen würde und wohl keine Chance hatte, sich kompromissfrei durchzusetzen. Die Diskussion mit Joran war offenbar etwas anderes als die Gespräche mit Huxley. „Ich habe die Berichte jeweils nur einmal gelesen.“, sagte Joran. „Aber ich bin ein Vendar und wir haben gute Gedächtnisse. Aber wenn du willst, kann ich dir einen Kompromiss vorschlagen. IDUSA, Flugschulmodus!“ „Wer ist der Lehrer?“, fragte das Schiff zurück. „Ich.“, sagte Joran. Alsbald führte IDUSA seinen Befehl aus und Sedrin sah alles so, als könnte Joran ihr jederzeit helfen. „Also gut.“, sagte die Demetanerin mit zitternden Knien. „Gehen wir es an!“ Sie aktivierte den Interdimensionsantrieb und strich in Gedanken über die Darstellung der tindaranischen Dimensionsfalte auf dem virtuellen Schirm. „Danke, Joran.“, sagte sie lächelnd, nachdem sie erkannt hatte, wo sie waren. „Das warst du ganz allein, Sedrin El Demeta!“, sagte der Vendar stolz und strich ihr über das Haar. „Wenn du dich aber ausruhen musst, kann ich bis zur Basis übernehmen.“ „Ich glaube, das ist auch bitter nötig.“, sagte Sedrin und nahm ihren Neurokoppler ab.

Ginalla hatte bemerkt, dass sie sich von Genesia Prime entfernt hatten. „Wohin bringst du mich, Soldat?“, wollte sie von Shimar erfahren. „Überraschung.“, lächelte dieser zurück. „Glaub ja nicht, dass du dich damit bei mir einschmeicheln kannst!“, biss Ginalla. „Ich werde weder mit dir zusammenarbeiten, noch werde ich die Suche ganz aufgeben. Alegria hat mir eine sehr gute Bezahlung versprochen und die beabsichtige ich abzugreifen, wenn Euer Moralapostel nichts dagegen haben.“ „Niemand hat hier vor, dich zu irgendwas zu zwingen.“, versuchte N’Cara, die Wogen zu glätten. „Wir wollen nur, dass du nichts Falsches tust.“ „Wir wollen nur, dass du nichts Falsches tust.“, äffte Ginalla sie nach. „Keine Angst! Ich bin ein großes Mädchen! Ich kann allein auf mich achten!“

Die kleine Lithianerin vermied es, in dieser Situation weiter zu sprechen. Nur Shimar zeigte sie telepathisch das Bild einer verängstigten kleinen Katze, die in einem Netz gefangen war. Ich habe verstanden., gab er zurück. Das Gleiche denke ich auch.

Sie erreichten die Umlaufbahn eines Nebenmondes der genesianischen Heimatwelt und IDUSA beamte sie auf Shimars Geheiß von Bord. Um sie herum war nichts als eine Dschungellandschaft, der Ginalla nicht wirklich etwas abgewinnen konnte. „Was wollen wir hier in diesem Loch von Planet?“, fragte die sehr frustrierte Celsianerin. „Wirst du gleich sehen.“, lächelte Shimar und zog sein Sprechgerät. „IDUSA, ich brauche dich als Relais!“, informierte er sein Schiff. Da er das Gerät auf Lautsprecher geschaltet hatte, wussten auch seine Begleiterinnen bald, welche Frage das Schiff stellte: „Welches Rufzeichen?“ „Das von Kamurus.“, gab Shimar zur Antwort. „Wie Sie wünschen.“, sagte das Schiff sachlich.

Während IDUSA die Verbindung aufbaute, wurde Ginalla immer missmutiger. „Mir ist in der Hinsicht wirklich nicht nach Spaß zumute, Soldat!“, keifte sie Shimar an. „Kamurus ist tot, wenn man so will! Die Genesianer haben ihn zerstört!“ „Ist er nicht.“, lächelte Shimar in der Hoffnung, bei Ginalla eine Reaktion des Erstaunens auslösen zu können. „Komm schon, IDUSA.“, flüsterte er ins Mikrofon. „Wie lange dauert denn das?“ „Ich falle auf dein Spiel nicht rein, Soldat.“, sagte Ginalla mit schlechter Laune in der Stimme. „Ich weiß auch, dass ich kein Schiff mehr habe und du brauchst mir nicht noch unter die Nase zu reiben, dass du über mich triumphieren wirst.“ „Niemand hat irgendwas über Triumph oder Niederlage gesagt.“, mischte sich N’Cara ein. „Aber gedacht habt ihr’s, wetten?“, gab Ginalla immer noch extrem unwirsch zurück.

Endlich hörte Shimar im Lautsprecher Kamurus’ Stimme. „Was gibt es, Shimar?“, fragte das Schiff. „Komm her, Kamurus!“, befahl Shimar. „OK.“, antwortete das selbstständig denkende Raumschiff und beendete die Verbindung. Wenig später wurde Ginalla einer wohl bekannten Silhouette ansichtig. „Das ist ein Trugbild, das ihr verdammten Telepathen mir schickt!“, schrie sie. „Hab ich mir doch gedacht, dass ihr euch noch an meinem Leid weiden wollt! Aber ich kann auch …“

Sie fand sich an Bord von Kamurus wieder, der sie zu sich gebeamt hatte. Hier fingerte Ginalla sofort nervös in der Ablagemulde für den Neurokoppler herum. Das gesuchte Gerät konnte sie zwar finden, fand es allerdings sehr verwunderlich, dass es erstens angeschlossen war und zweitens in einer Position lag, in der sie es niemals abgelegt hatte. „Was ist hier passiert, Kamurus?!“, fragte sie streng ins Mikrofon, bevor sie den Koppler aufsetzte und hinzufügte: „Lade sofort meine Tabelle!“ Kamurus kam ihrem Befehl zwar nach, wusste aber, dass ihn wohl bald ein Donnerwetter erwarten würde. „Wer hat den Neurokoppler benutzt?“, fragte Ginalla in einem ziemlichen Verhörton. „Warum ist er angeschlossen und liegt in einer anderen Position, als ich ihn hinterlassen habe. Ich ziehe immer den Stecker, das weißt du. Also muss ihn jemand außer mir benutzt haben. Wer war bei dir?“ „Wenn du es so genau wissen willst.“, meinte das Schiff. „Shimar hat mir geholfen. Er hat mit mir zusammen diesen Plan ausgeheckt, mit dem wir dafür gesorgt haben, dass die Genesianer gedacht haben, sie hätten mich zerstört. Aber ich benötigte dabei auch seine Hilfe. Ohne ihn hätte ich das nicht schaffen können.“ „Was habt ihr genau gemacht und vor allem, was hat er mit dir gemacht?“, fragte Ginalla fast angeekelt. „Wir haben eine Eisskulptur von mir erschaffen.“, erklärte Kamurus und zeigte ihr, was vorgegangen war. „Du hast dich von ihm fliegen lassen?“, fragte Ginalla , deren Laune immer schlechter wurde. „Ja.“, gab Kamurus zu. „Anders ging es nicht. Ginalla, er hatte mit allem, was er zu mir gesagt hat, Recht. Außerdem hatte ich ja auch schon festgestellt, dass du die Sache ein wenig zu sehr auf die leichte Schulter nimmst. Wenn Shimar nicht gewesen wäre, dann wärst du jetzt tot. N’Cara, IDUSA und er haben nur durch mich von deiner Situation erfahren. Ich habe einen Notruf abgesetzt.“ „Na schön.“, schnippte Ginalla zurück, an deren Gewissen Kamurus offensichtlich nicht herangekommen war. „Dann verbinde mich mit ihm. Bevor wir uns auf nimmer Wiedersehen verabschieden, möchte ich ihm noch gern um die Ohren hauen, was ich von seiner Aktion halte.“ „Na gut.“, sagte Kamurus und stellte die Verbindung her. „Hallo, Soldat.“, begrüßte Ginalla Shimar. „Ich will dir nur mal eben sagen, dass du dir diese ganze Aktion hättest schenken können. Ich bin nicht auf dich angewiesen und deine gönnerhafte Tour kannst du dir sonst wo hin stecken. Und komm mir jetzt nicht mit so etwas wie Diplomatie und Verständnis. Ihr aalglatten Föderationstypen, ihr macht mir Angst. Jawohl, Angst macht ihr mir, weil ich glaube, dass ihr verlernt habt, dass es im Leben manchmal notwendig sein kann zu kämpfen statt Verständnis zu zeigen. Irgendwann werdet ihr vielleicht mal auf einen Feind treffen, der über euer Verständnis lacht und über eure Diplomatie auch und der die Föderation einfach überrennt. Nein, das will ich nicht erleben! Deshalb bin ich jetzt weg.“ Sie beendete die Verbindung und befahl Kamurus, auf Warp zu gehen. Das Schiff tat, was sie ihm gesagt hatte, obwohl er eigentlich genau wusste, dass dies wahrscheinlich wieder eine Fehlentscheidung von ihr war. Aber er hatte immer noch ihre Drohung im Hintergrund seines festen Datenkristalls , dass sie seine Systeme ohne zu speichern herunterfahren würde, wenn er nicht täte, was sie sagte. Die Einzige, zu der Kamurus per Computer-SITCH Kontakt hielt, war IDUSA. Sie würde er über alles informieren, was geschehen würde.

N’Cara hatte den SITCH mitbekommen und schmiegte sich eng an Shimar, der sie gewähren ließ, weil er ihre Angst und ihr Leid auch spüren konnte. „Ich hab es mir überlegt.“, sagte N’Cara betroffen. „Ich glaube, ich mag sie doch. Ich weiß, dass hinter ihrer harten Schale ein ganz weicher Kern steckt, dem irgendwann mal jemand ganz übel mitgespielt haben muss. Sie hat sicher einiges falsch verstanden und handelt nur aus Angst so. Nur, das muss man ihr klarmachen und irgendwie korrigieren.“ „Das sind ja ganz neue Töne von dir.“, sagte Shimar und strich ihr über das kleine Gesicht, das nass von Tränen war. Ginallas Schicksal hatte N’Cara sehr bewegt. So sehr, dass sie zu weinen begonnen hatte. „Sie tut mir so Leid.“, schluchzte sie. „Sie tut mir so unendlich Leid. Weißt du, Shimar, das ist wie mit der Vulkanierin damals im Gefängnis. Erinnerst du dich?“

Shimar gab IDUSA den Gedankenbefehl zum Übernehmen und nahm den Neurokoppler ab. „Komm her.“, sagte er und zog sie so nah an sich, dass ihr Kopf auf seiner Schulter landete. „Was du gerade gesagt hast, finde ich sehr reif und sehr erwachsen von dir.“, lobte er mit leiser Stimme. „Aber im Gegensatz zu der Vulkanierin von damals können wir Ginalla vielleicht helfen. Wir müssen es nur richtig anstellen. Mit der Brechstange wird das nichts. Wenn wir sie mit der Nase auf ihre Angst stoßen, wird sie nur mauern. Aber warten wir’s ab. Irgendwann wird sich sicher eine Gelegenheit bieten.“

IDUSA gab plötzlich ein Alarmsignal auf den Bordlautsprecher, das N’Cara und Shimar aufhorchen und die Neurokoppler wieder aufsetzen ließ. „Was ist los?“, fragte Shimar, nachdem IDUSA die Tabellen geladen hatte. „Kamurus hat mir gerade eine alarmierende Nachricht zukommen lassen.“, sagte das Schiff. „Er sagt, Prinzessin Alegria hätte Ginalla und ihn zurückbeordert, da sich das Tor zum Himmel angeblich genau vor ihrer Nase im mirayanischen Sonnensystem befinden würde. Ich weiß aber von keinem Phänomen oder etwas ähnlichem dort. Wenn es dort ist, dann ist es dort erst seit ganz kurzer Zeit. Das könnte bedeuten, Sytania versucht es jetzt dort. Eine Chance, an die genesianische Welt zu kommen, hat sie nicht mehr und jetzt …“ „Oh, Mann!“, rief Shimar aus. „Los, hinterher! Wir müssen das verhindern! Warp acht! Halt dich fest, N’Cara! Halt dich gut fest. Ich übernehme, IDUSA!“

Sedrin, Maron und Joran waren wieder auf der tindaranischen Basis angekommen. Maron hatte Zirell berichtet, was sie erreicht hatten. „Das ist ja sehr gut gelaufen.“, lobte die Tindaranerin. „Ja, Zirell El Tindara.“, sagte Joran. „Das ist in der Tat gut gelaufen. Aber auch nur, weil Shashana El Chenesa der Überbringerin der Aufzeichnung vertraut hat.“ „Vitamin B ist manchmal sehr nützlich.“, fügte Sedrin hinzu. „Das kann man wohl sagen.“, sagte Zirell und holte eine Flasche mit jenem quietschgrünen Getränk aus dem Schrank, das auf Tindara in aller Munde war. „Ich würde nicht so schnell feiern, Sea Tindarana.“, mahnte Maron zur Vorsicht. „Immerhin haben wir erst einen Teilerfolg zu verbuchen und ich muss gehen. Ich muss mich auf etwas vorbereiten.“ Zirell nickte ihm zu. „Ich sollte auch ins Gästequartier zu Techniker Scott gehen.“, sagte Sedrin. „Der wird sich wundern, wo ich so lange war.“ „Na gut.“, sagte Zirell und stellte die Flasche wieder weg. „Allein trinken macht keinen Spaß. Oder willst du vielleicht einen Schluck, Joran?“ „Tut mir Leid, Anführerin.“, sagte der Vendar. „Aber Maron und Sedrin El Demeta haben Recht. Die Situation ist noch lange nicht überstanden und wir sollten mit dem Feiern noch warten und nicht zu leichtsinnig sein.“ „Das mag ich so an den Demetanern.“, sagte Zirell, während sie die Flasche wieder in den Schrank stellte. „Vorsichtig und umsichtig bis zum Letzten.“

Saron hatte die Entschuldigung der obersten Prätora an Präsidentin Nugura durchgestellt. „Unfassbar.“, sagte das Staatsoberhaupt. „Auf die Aussage einer einzelnen Prätora hin lässt sich Shashana zu einem sinnlosen Krieg mit uns hinreißen. Wie gut, dass es Agent Sedrin und ihre Freundschaft zur obersten Prätora gibt.“ „Dieser Krieg ist ja jetzt, Mutter Schicksal sei Dank, vorbei, Sea Federana.“, tröstete Saron. „Damit hätten wir ein Problem schon mal aus der Welt. Die Sache mit dem Tor zum Himmel kann sich jetzt endlich auch bald klären und soweit ich das verstanden habe, läuft trotz einiger Komplikationen doch alles nach Plan.“ „Was ist, wenn die Granger oder die Tindaraner etwas über das geheime Treffen herausbekommen, das zwischen mir und …“ „Das werden sie und das sollen sie auch.“, erinnerte der Sekretär seine Chefin. „Genau so hat Tolea es doch vorausgesehen.“ „Das hat sie.“, bestätigte Nugura. „Aber ich habe schreckliche Gewissensbisse, weil König Brako und ich …“ „Mit Verlaub, Madam President.“, unterbrach Saron sie. „Die Mächtigen werden schon einen Grund gehabt haben, warum sie Brakos Bitte damals nachgekommen sind. Ich bin überzeugt, es würde die Zukunft nicht ändern, wenn er eine Warnung an seine Töchter ausgesprochen hätte. Das wusste Tolea sicher auch. Sonst hätte sie sich niemals darauf eingelassen. Wir wissen nur sehr wenig und die ach so unumstößlichen Regeln des Universums sind sicher nicht so unumstößlich, wie wir immer denken. Ich bleibe dabei. Tolea wusste genau, was sie tat.“ „Ihren Optimismus möchte ich haben, Mr. Saron.“, sagte Nugura und sank im Sessel nieder. „Vielleicht kann ich ihnen nachher etwas davon abgeben, wenn ich in Stimmung bin.“, scherzte Saron. „Das wäre wirklich nett von Ihnen.“, witzelte die Präsidentin zurück. „Dann will ich mal dafür sorgen.“, grinste Saron und verließ das Büro.

Alana und Timor hatten ihren Interdimensionsflug hinter sich und waren in der tindaranischen Dimension eingetroffen. Dass sie verfolgt wurden, hatten sie noch nicht registriert. Jetzt waren sie in der Nähe der roten Kugel, die im Allgemeinen als New-Vendar-Prime bekannt war. „Da liegt sie vor uns, unsere neue Heimat.“, stellte Alana fest und zeigte auf den Bildschirm. „Da ist es, New-Vendar-Prime.“ „Du scheinst eine Menge über diese Welt zu wissen.“, bemerkte Timor. „Woher hast du dieses Wissen.“ „Ich war fleißig, als wir noch mit der Föderation befreundet waren.“, entgegnete die junge Kammerjungfer. „Ich hatte schon so etwas geahnt und schon länger das Gefühl, dass unsere Herrinnen sich an die Gurgel wollten und nur den passenden Zeitpunkt abwarten mussten, wenn ihr Vater, der sie ja immer noch auf Distanz gehalten hat, nicht mehr da wäre.“ „Lass das aber niemanden hören.“, flehte Timor. „Damit kannst du dich ganz schön in die Nesseln setzen.“ „Warum?“, lächelte Alana. „Die Prinzessinnen sind doch nicht da.“

Ein Piepen ließ Timor aufhorchen. „Die Prinzessinnen nicht.“, stellte er nach einem Blick auf den Schirm fest. „Aber ihre Soldaten. Alana wandte den Kopf in die gleiche Richtung. Sie sah zwei Gruppen von in Formation fliegenden Schiffen, die sich von zwei Seiten ihrer Position näherten. Beide Gruppen hatten geladene Waffen. „Die zielen aufeinander.“, stellte Timor fest. „Die wollen nichts von uns.“ „Da irrst du dich aber gewaltig.“, sagte Alana nervös und versuchte, das Shuttle aus der Schussreichweite zu bringen. „Die sind nur wegen uns hier. Die Tatsache, dass sie aufeinander zielen, beweist nur, dass sie sich gegenseitig dabei behindern wollen, uns aufzubringen.“ „Was tun wir jetzt?“, fragte Timor, dem die Lage jetzt endlich auch klar wurde. „Ich weiß es nicht.“, resignierte Alana. „Ich kann nur versuchen, uns außer Schussweite zu halten.“

Von der Oberfläche des Planeten New-Vendar-Prime war zum gleichen Zeitpunkt eine Gruppe Shuttles aufgestiegen, an deren Spitze sich ein mit zwei weiblichen Vendar besetztes Schiff befand. An Bord des Schiffes waren nämlich Sianach und Tchiach, die sich nicht nur in fliegerischer Hinsicht sehr gut entwickelt hatte. Für ihre elf Jahre war sie schon ziemlich weit. Das hatte auch ihre Ausbilderin und Ziehmutter festgestellt, was auch der Grund dafür war, dass sie bereits jetzt eine Flugstunde im Formationsflug absolvieren durfte. „Wie mache ich mich, Ziehmutter Sianach?“, wollte das Mädchen wissen. „Sehr gut, Sashnachi.“, antwortete Sianach. Den Kosenamen „Kleine Maulwürfin“ hatte Sianach ihr schon sehr früh gegeben. „Das freut mich!“, freute sich Tchiach. „Ich will einmal eine genau so gute Pilotin werden, wie mein Vater ein guter Flieger ist.“ „Das schaffst du leicht.“, urteilte Sianach, der sehr wohl die Flugkünste von Joran bekannt waren. „Unter uns, du könntest ihn sogar noch übertreffen.“

„Sieh, Ziehmutter!“, rief Tchiach plötzlich und zeigte auf den Monitor. Hier sah jetzt auch Sianach, was ihre Schülerin so beunruhigt hatte. „Das ist ein Shuttle aus der Dimension der Föderation.“, stellte Sianach fest. „Ja.“, sagte Tchiach. „Und es sieht aus, als würde es verfolgt.“ „In der Tat.“, bestätigte Sianach in typischer Vendar-Manier. „Von der Bauart scheinen alle Schiffe ähnlich.“, erkannte Tchiach. „Aber das kleine Schiff hat keine Waffen. Oh, was machen die bewaffneten Schiffe denn jetzt?“

Sianach konnte nicht glauben, was sie sah. Obwohl sie dem Mishar befohlen hatte, ihr alles in Nahaufnahme zu zeigen und bis ans Limit zu vergrößern, wurde sie aus den Bildern einfach nicht schlau. „Sieht aus, als würden sie zwar aufeinander schießen wollen, aber es nicht können.“, stellte sie fest. „Ja.“, sagte Tchiach. „Und das kleine Shuttle ist genau dazwischen. Was ist, wenn das der Grund ist, dass sie nicht feuern.“ „Ungewöhnliche Theorie, Sashnachi.“, meinte Sianach. „Aber wir sollten versuchen, sie zu verifizieren. Mishar, Sammelverbindung mit allen in Reichweite befindlichen Rufzeichen.“ Dass ihr Befehl auch die Rufzeichen ihrer Vendar-Truppen mit einschloss, hatte Sianach beabsichtigt.

Eine blinkende Lampe meldete den Aufbau der Verbindung. „Ich bin Sianach Ed Diran, Anführerin der hier lebenden Vendar. Ich dulde nicht, dass in meinem Gebiet ein ziviles Shuttle bedroht oder gar zerstört wird.“

Ihrem Satz ließ sie einige Befehle auf Vendarisch folgen, denen ihre Truppe sofort Folge leistete. Jetzt war das zivile Shuttle von Schutzschilden vendarischer Shuttles umringt, die sich in Kugelformation zu allen Seiten aufhielten. „Aber wir bedrohen das Shuttle doch gar nicht.“, meldete sich General Gordian, der Hestias Soldaten vorstand, bei Sianach. „Wir bedrohen nur unseren Feind da drüben.“ „Das Gleiche gilt auch für mich.“, bemerkte General Varus, der Alegrias Soldaten befehligte. „Ich will auch nur auf meinen Feind feuern, aber das geht nicht, weil auch mein Schutzbefohlener in dem Shuttle sitzt.“ „Ich habe das gleiche Problem.“, räumte Gordian ein. „Auch meine Schutzbefohlene ist auf dem Schiff.“ „Faszinierend.“, spottete Sianach. „Dann habt ihr doch sicher nichts dagegen, wenn wir euer Problem lösen.“

Wieder folgten ihren Sätzen vendarische Befehle, auf welche hin ein Teil der Vendar das Shuttle außer Gefahr brachte, während ein anderer Teil auf die Waffen und Schildgeneratoren der fremden Shuttles zielte und immer näher an sie heran flog, was sie zum Ausweichen zwang. „Noch einmal.“, sagte Sianach eindringlich. „Führt euren Krieg in eurer Heimat. Hier ist dafür kein Platz. Zumal dann nicht, wenn ihr dabei ein ziviles Schiff bedroht, was ich nicht dulden kann. Das verstößt nämlich eindeutig gegen hier geltendes Recht!“

Die mirayanischen Militärschiffe zündeten ihre interdimensionalen Antriebe und waren verschwunden. Jetzt gesellten sich auch Sianach und der Rest ihrer Truppe zum Rest, der Alana und Timor bereits auf dem Planeten abgeliefert hatte. Sianach begab sich nach dem Aussteigen sofort zu den Beiden. „Seid gegrüßt.“, sagte sie. „Ich bin Sianach Ed …“ „Wir wissen, wer du bist.“, sagte Timor, dem man anmerken konnte, dass seine Nervosität endlich nachgelassen hatte. „Du warst am SITCH ja sehr deutlich. Mich wundert nur, dass ausgebildete Soldaten so schnell den Schwanz einziehen.“ „Nun.“, erklärte Sianach. „Ich hatte ihnen den Grund für ihren Krieg entzogen und damit jedes Recht, hier weiterhin herumzuballern. Abgesehen von der Tatsache, dass ihr nicht nur der Grund für den Krieg wart, sondern gleichzeitig auch der Grund, warum sie nicht feuern konnten. Damit kannten sie sich gar nicht mehr aus.“ „Du bist eine sehr gute Strategin.“, bemerkte Alana. „Danke.“, sagte Sianach bescheiden. „Ihr werdet erst einmal bei mir wohnen. Wer seid ihr überhaupt?“ „Ich bin Alana und das ist Timor.“, stellte Alana beide vor. „Wir dienten den beiden mirayanischen Prinzessinnen, die jetzt verfeindet sind. Aber wir lieben uns und würden gern hier oder auf Tindara heiraten. In unserer Heimat dürfen wir das nicht, obwohl wir den ganzen Krieg für Wahnsinn halten. Wer weiß, was das Tor zum Himmel am Ende ist.“ „Dabei bin ich euch gern behilflich.“, sagte Sianach. Dann wandte sie sich an Tchiach: „Geh zum Sprechgerät und melde Zirell El Tindara, was hier passiert ist.“ „Ja, Ziehmutter.“, nickte das Vendar-Kind und war verschwunden. „Muran.“, wendete sich Sianach dann an einen der umstehenden Vendar. „Bring das fremde Shuttle in unser Bergversteck.“ „Ja, Anführerin.“, antwortete der Angesprochene, ein junger Mann mit weißem Fell.

Bei dem Versteck handelte es sich um einen Hohlraum in einem Berg, den auch die Vendar als Hangar für ihre Schiffe benutzten. Von Außen war dieser Platz durch Sensoren aufgrund von Strahlung im Gestein fast nicht auszumachen, wenn man nicht wusste, wonach man suchen sollte.

Jenna hatte die Krankenstation aufgesucht und lag nun bäuchlings auf Biobett eins. Ihr Rücken war frei. Neben ihr stand Nidell mit einem Erfasser. „Hast du Angst, Jenn’?“, fragte die junge Tindaranerin mitfühlend. „Das ist für dich doch sicher nur eine rhetorische Frage.“, entgegnete die hoch intelligente Halbschottin. „Du als Telepathin weißt das doch besser als ich.“

Maron betrat den Ort des Geschehens und wurde sogleich von Ishan gescannt. Der Androide brauchte ihn nur anzusehen und wusste Bescheid. Das wusste der Demetaner. „Deinen Werten nach bist du bereit.“, stellte er fest. „Stimmt.“, sagte Maron ruhig. „Ist Mc’Knight es auch?“ Der Arzt nickte und führte ihn zu Jenna. „OK, Techniker.“, sagte Maron, während er langsam seine Hände in Richtung ihrer Wirbelsäule bewegte. „Müssen wir noch etwas klären?“ „Nein, nein, Sir.“, sagte Jenna und lächelte. „Ishan war so freundlich, mich aufzuklären. Aber könnten Sie bitte bis drei zählen?“ „Sicher.“, beruhigte Maron und legte seine Hände auf ihren Rücken. Dann zählte er leise: „Eins, zwei, drei.“

Jenna fühlte ein leichtes Absinken ihres Blutdrucks. Aber da Ishan ihr dies bereits erklärt hatte, blieb sie ruhig und wartete entspannt ab, bis Maron ihre Kreisläufe synchronisiert hatte. Ein wohliges Gefühl der Entspannung entlohnte sie für jenen angsterfüllten Moment, der nur ganze drei Sekunden gedauert hatte. Jenna wusste, dass über diese Art von Verbindung auch eine Kommunikation möglich war, wenn man so wollte. Maron hatte ihr damit sagen wollen, dass er mit ihrer bisherigen Mithilfe sehr einverstanden war, obwohl sie ja eigentlich gar nichts tat. Aber wahrscheinlich war es gerade das, worauf es ankam.

Wenig später bemerkte Jenna, dass er seine Hände wieder von ihr genommen hatte. „Drehen Sie sich bitte zu mir, Jenn’.“, sagte Maron etwas erschöpft, aber zufrieden. „Habe ich etwas falsch gemacht, Sir?“, fragte sie. „Im Gegenteil.“, lächelte Maron und hielt ihr einen Erfasser unter die Nase, den er Nidell vorher mit deren Einverständnis abgenommen hatte. „Das sind die chemischen Werte Ihres Hirnwassers und das die meinen.“, erklärte er dass Display. „Was fällt Ihnen auf?“ „Sie sind identisch.“, sagte Jenna. „Wenn das der Fall ist.“, setzte Maron an. „Können Sie dann etwas falsch gemacht haben?“ „Logischerweise nein.“, stellte Jenna fest. „Also.“, sagte Maron. „Sie haben das sehr gut gemacht, Mc’Knight. Sie haben mir sehr gut geholfen.“

„Erinnern Sie sich jetzt an irgendwas von Gajus, Agent?“, fragte Jenna. „Ich bin nicht sicher.“, antwortete Maron. „Aber wenn immer ich an unsere Fragestellung denke, verspüre ich den Drang, ins Labor zu gehen und mit Chemikalien zu arbeiten.“ „Dann tun wir das doch.“, sagte Jenna. „Nidell, bitte komm mit.“ Sie wendete sich an IDUSA: „IDUSA, alles, was im Labor ab jetzt passiert, aufzeichnen und an Allrounder Betsy an Bord der USS Granger senden. Lass sie im Notfall lokalisieren.“

Ich hatte mich in Kissaras Bereitschaftsraum mit ihr getroffen, um mein weiteres Vorgehen mit ihr abzusprechen. Zu viel war passiert. Zu viel, dass die Theorie vom großen Plan, die Mikel und ich hatten, immer wahrscheinlicher werden ließ. Jetzt mussten wir eigentlich nur noch wissen, wer in den Plan involviert war und wer die Fäden zog, denn ungewöhnliche Befehle hatte es zur Genüge gegeben.

„Der Prinz wird Sie begleiten, Allrounder.“, sagte Kissara zu mir, nachdem wir uns einen Raghtajino repliziert hatten. Eigentlich stand ich nicht sonderlich auf starken Kaffee, aber die momentane Situation hatte einiges geändert. Wer weiß, was mich auf Basiria erwarten würde! Die merkwürdigen Andeutungen des Prinzen hatten auch ihr Übriges dazu getan. Was meinte Hadrian damit, wenn er sagte, dass jemand die Grenze aller Grenzen überschreiten musste und was hatte Basiria damit zu tun? Was war die Grenze aller Grenzen überhaupt?

„Allrounder?“ Kissaras fragende Stimme hatte mich wieder aus meinen Gedanken geholt. „Entschuldigen Sie, Commander.“, bat ich. „Ich war gerade wohl ganz woanders.“ „Das glaube ich nicht.“, sagte sie und schnippte ein Stück Zucker in meine Tasse, für das ich mich höflich bedankte. „Ich kenne meine Kommunikationsoffizierin und Pilotin zu gut um zu wissen, dass sie, wenn sie sich für etwas interessiert, auf jeden Fall so lange dran bleibt, bis sie das Geheimnis gelöst hat. Sie lieben zwar Rätsel, wie auch Mikel mir versicherte, aber nur so lange diese lösbar sind. Mit diversen anderen Dingen, die Ihnen unerklärbar scheinen, haben Sie Ihre Schwierigkeiten, ja sogar oft auch Angst davor.“

Ich wusste, worauf sie hinaus wollte, dachte allerdings nicht, dass sie von Mikels spezieller Gabe, mit mentalen Phänomenen umzugehen, wirklich so genau wusste. „Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden, Ma'am.“, log ich. „Machen Sie mir nichts vor, Betsy!“, sagte mein Commander mit fester Stimme und ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie mich ertappt hatte. „Mir ist sehr wohl bekannt, über welches Talent mein erster Offizier verfügt und dass Sie davon mehr wissen, als jeder Andere, weil Sie seine Schulfreundin waren und noch immer eine gute Freundin für ihn sind. Gesetz dem Fall, Ihre Theorie vom großen Plan stimme, dann wäre mir jetzt auch klar, warum ausgerechnet auf meinem Schiff so viele merkwürdige Dinge passieren und die Sache mit den Tindaranern …“ „Mit Verlaub!“, sagte ich und stand auf. „Ich weiß mehr über die tindaranische Mission, als sonst jemand auf diesem Schiff.“ „Ich weiß, Betsy.“, sagte Kissara und nahm mir meine Tasse mit dem heißen Getränk aus der Hand, denn sie befürchtete, dass ich mich verbrennen könnte, weil ich sehr zitterte. „Deshalb befehle ich Ihnen hiermit, so viel wie möglich auf Basiria in Erfahrung zu bringen. Lassen Sie nicht locker, Allrounder! Das ist ein Befehl!“ „Ja, Ma'am.“, nickte ich.

Kapitel 35 - Experimente von Visitor

Die Sprechanlage machte unserer Unterhaltung ein abruptes Ende. „Was ist los, Kang?“, beantwortete Kissara den Ruf. „Die IDUSA-Einheit von Commander Zirells Basis in der tindaranischen Dimension fragt an, ob sie eine Live-Übertragung aus dem medizinischen Labor an Sie durchstellen darf. Sie sagt, die Übertragung wäre auf Befehl von Techniker Jenna Mc’Knight veranlasst worden und sei eigentlich für Allrounder Betsy bestimmt. Aber sie ist laut Computer ja noch immer bei Ihnen.“ „Na los, Kang!“, sagte Kissara alarmiert, die auf die offensichtliche Irritation des Klingonen, die ich aus seiner Stimme gehört hatte, nicht einging. „Stellen Sie endlich durch. Sie sagten gerade, es ist live und ich möchte nichts Wichtiges verpassen und der Allrounder erst recht nicht.“

Sie zog mich näher an Lautsprecher und Bildschirm heran. Jetzt sahen und hörten wir genau, was sich im Labor abspielte. „Ich sehe Agent Maron.“, beschrieb mir Kissara die Situation. „Er hat Reagenzgläser vor sich mit Chemikalien.“ „Ist er allein?“, fragte ich. „Nein.“, flüsterte sie. „Ein tindaranischer Medical Assistant und Techniker Mc’Knight sind bei ihm.“

Ich bekam jetzt auch eine Tonaufzeichnung mit. „Jenna.“, vergewisserte sich Maron, ob die Angesprochene noch immer bei ihm war. „Ich bin hier, Sir.“, antwortete Mc’Knight. „Ich bin nicht sicher, was ich hier tue.“, sagte Maron. „Ich war nie gut in Chemie und habe eine verdammte Angst, dass gleich hier alles in die Luft fliegt, wenn ich die Komponenten, die der Teil von mir, der aus Gajus’ Erinnerungen besteht, zusammenmischen will, wirklich …“ „Sie machen das bis jetzt großartig, Sir.“, lobte Jenna. „Vertrauen Sie Gajus. Seine Erinnerungen werden Sie führen. Ich vertraue in solchen Fällen auch Grandemought. Außerdem versteht Nidell genug von der Materie, um im Notfall eingreifen zu können. Aber wenn wir das Gift herstellen wollen, mit dem man jemanden termingerecht töten kann, dann müssen Sie es einfach versuchen.“ „Also gut.“, sagte Maron und goss die Chemikalien zusammen.

Jenna winkte Nidell, die mit dem Erfasser die daraus entstandene Mischung scannte. „Auf den ersten Blick sieht es aus wie Wasser.“, sagte die medizinische Assistentin und nahm eine Einstellung an ihrem Erfasser vor. „Aber wenn man weiß, wonach man suchen muss, erkennt man ein Gift.“ „Ich denke, jetzt wissen Sie, was Sie wissen wollten, Allrounder.“, sagte Jenna und ließ IDUSA die Verbindung abbrechen.

„Jetzt wissen wir, was Eludeh damit zu tun hat.“, sagte Kissara. „Stimmt.“, sagte ich. „Aber wir sollten es auf jeden Fall verifizieren.“ „Das sollten wir.“, bestätigte sie. „Aber ich bin sicher, dass sich das bewahrheiten wird. Eludeh hat als Einzige das entsprechende Wissen und anscheinend hat sie Brako und den anderen ein gehöriges Stück geholfen.“ „Die Anderen.“, sagte ich nachdenklich. „Wir müssen herausfinden, wer das sein kann.“ „Oh, ja.“, sagte mein Commander. „Aber einige Namen haben wir ja schon. Da wären Nugura, Eludeh und Brako.“ „Aber das alles ist so genau geplant.“, sagte ich. „Es kommt mir so vor, als sei auch noch irgendein Mächtiger involviert, der genau die Zukunft kennt.“ „Klingt auf den ersten Blick absurd.“, sagte Kissara. „Aber ein Mächtiger würde sich nur dann bereit erklären, jemandem die Zukunft zu offenbaren, wenn diese sich durch einen Eingriff nicht ändern würde. Während Sie auf Basiria sind, werde ich versuchen, das mit Hilfe von Mikel zu verifizieren. Wenn wir und die Tindaraner dann alle Puzzleteile zusammensetzen, wird, denke ich, ein hübsches Bild daraus werden.“ „OK, Commander.“, sagte ich konspirativ.

Wieder piepte die Sprechanlage und Kang meldete, dass wir die Umlaufbahn von Basiria erreicht hatten. „Ich gehe zum Transporterraum.“, sagte ich. „Jannings hat Koordinaten, an denen mich Eludehs Chauffeur treffen wird.“ „Alles klar.“, lächelte Kissara und ich glaubte schon wieder, sie schnurren gehört zu haben. „Die Behörden auf Basiria werden sich auch um eine Passage für den Prinzen kümmern, was ursprünglich die Aufgabe der Demetaner gewesen war. Aber das macht nichts. Gute Jagd, Allrounder.“, fügte sie noch hinzu, bevor ich ihren Bereitschaftsraum verließ.

Die Schlinge um Alegrias Hals, die von revolutionären Kräften geknüpft wurde, zog sich immer enger, wie die Prinzessin bald von ihren Sicherheitskräften erfahren musste. Man legte ihr sogar nah, den Palast zu verlassen, aber Alegria weigerte sich. „Ich werde jetzt erst recht nicht gehen!“, beharrte sie. „Jetzt, wo wir kurz vor dem Durchbruch stehen, wird auch mein Volk begreifen, dass seine Entbehrungen nicht umsonst waren.“

Sie ließ sich mit Ginalla verbinden. „Wo bist du?“, fragte sie. „Ich bin nicht mehr weit von Eurem Sonnensystem entfernt, Hoheit.“, tröstete die Celsianerin ihre doch arg nervöse Auftraggeberin. „In ein paar Minuten werde ich da sein. Hoffentlich wird Euer Volk nicht misstrauisch wegen dem plötzlichen Auftauchen des Tores.“ „Das glaube ich nicht, Ginalla.“, gab Alegria zurück. „Sie sind mir viel zu hörig und seit wann machst du dir Sorgen um so etwas?“ „Ich will ja nur nicht, dass Ihr abgesägt werdet, bevor ihr mich bezahlen könnt.“, gab Ginalla zu. „Mach dir keine Sorgen.“, tröstete Alegria. „Sie werden mir statt dessen die Füße küssen.“ Sie beendete das Gespräch.

Vor Alegrias Palast war eine große Menge aufgelaufen. Das Gerücht, dass das Tor jetzt doch gefunden war, hatte für eine Menge Wirbel unter den Leuten gesorgt. Es gab unter ihnen solche, die es durchaus begrüßten, dass Alegria es wohl durch eine glückliche Fügung tatsächlich gefunden hatte und die diesen Umstand bejubelten. Es gab aber auch Skeptiker, die durchaus von Sytania und ihren gemeinen Machenschaften gehört hatten und die intelligent genug waren, nicht darauf hereinzufallen. Sie ahnten, dass es kein gutes Ende nehmen würde, wenn Alegria allen dieses Tor jetzt als das wahrhaftige Tor zum Himmel verkaufen würde. Diese waren es auch, die insgeheim schon eine Revolution anzettelten, denn von einer Herrscherin, die sich und ihren Planeten einer bösen Macht als Marionette zur Verfügung stellte, wollte keiner von ihnen mehr regiert werden. So waren es nicht nur Hunger und Armut, welche die Revolution auf Alegrien vorantrieben. Man wartete nur noch auf einen schlüssigen Beweis.

Ginalla und Kamurus flogen ins mirayanische Sonnensystem ein. „Ich halte nicht für gut, wenn wir da einfach so mitmachen, Ginalla.“, teilte das Schiff seiner Pilotin seine Besorgnis mit. „Warum?“, fragte Ginalla. „Bitte schau dir die politische Situation an.“, ermahnte Kamurus sie. „Die politische Situation kann mich mal kreuzweise!“, schnippte Ginalla. „So was Unanständiges wie Politik mache ich nicht. Davon kriegt man nur Kopfschmerzen und ich hasse Kopfschmerzen. Die Situation der Miray ist mir so was von scheißegal, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Das ewige was ist wenn der Föderation geht mir am Arsch vorbei, klar?!“ „Oh, ich vergaß.“, meinte Kamurus mit ironischem Unterton. „Du bist ja gegen alles, was