Der Schandfleck von Visitor
Kapitel 49: Dolchstoß für die Wahrheit von Visitor

 

Im Parlament der Föderation hatten sich die Politiker zur Abstimmung über das weitere Vorgehen versammelt. Es sollte die Frage diskutiert werden, wie man am besten mit den neuen Wahrheiten umgehen sollte. Nicht nur den Bürgern gegenüber, nein, vor allem interessierte Nugura die Haltung ihrer Kollegen gegenüber den Romulanern, bei denen sie selbst sich sehr gern offiziell entschuldigt hätte. Da die Föderation aber keine präsidiale, sondern eine parlamentarische Demokratie war, würde sie das nicht allein entscheiden können und schon lange nicht das letzte Wort haben. Es würde getan werden müssen, was die Mehrheit wünschte. Sie konnte nur versuchen, so viele ihrer Kollegen wie möglich auf ihre Seite zu ziehen. Aber dies sollte sich als schwieriger herausstellen, als sie dachte. Der Einzige, der dies wohl bereits ahnte, war Sekretär Saron, der zum Protokollführen in der Sitzung von Nugura eingeteilt worden war. Er war immer schon sehr stark politisch interessiert gewesen und hatte genau beobachtet, was sich im Umfeld seiner Chefin zugetragen hatte. Dort hatte es einen Oppositionspolitiker gegeben, der offensichtlich nur auf eine Gelegenheit wartete, es Nugura, gegen die er und seine Partei die letzte Wahl haushoch verloren hatten, heimzuzahlen. Er und seine Partei waren niemals Opfer des Wäschers gewesen, da Sytania und er damals fanden, es würde nicht notwendig werden. Ihre Persönlichkeiten waren also von Anfang an intakt gewesen und so hatten sie jede Schwäche der Präsidentin notiert und würden nicht zögern, dies in der Abstimmung irgendwie einzusetzen. Dessen war sich der kluge Sekretär sicher und flüsterte es dann auch Nugura zu, bevor diese auf die Bühne ging, um ihre Rede zu halten. „Bitte achten Sie auf Minister Goshewin und seine Gruppierung, Sea Federana.“, bat er inständig. „Machen Sie sich keine Sorgen, Saron.“, entgegnete Nugura. „Den werde ich schon in seine Schranken argumentieren. Gehen Sie jetzt auf ihren Platz und schauen Sie gut zu!“ Saron nickte widerwillig, tat aber dann doch, wessen sie ihn gerade angewiesen hatte.

Nugura betrat die Bühne und stellte sich vor das Mikrofon. Dann begann sie, nachdem sich alle gesetzt hatten: „Ladies und Gentlemen, Sie alle kennen die für uns doch sehr bestürzenden Daten, die von den Xylianern aus den Überresten von Deep Space Nine zutage gefördert worden sind. Sie alle wissen, dass wir damals gefehlt haben, was unsere eigenen moralischen Grundsätze angeht. Diese Fakten sollten wir, so ist zumindest meine Meinung, nicht länger leugnen. Nein, wir dürfen sie nicht länger leugnen! Wir dürfen nicht zulassen, dass wir noch einmal so schändlich moralisch versagen! Sicherlich wird das die toten Romulaner nicht zurückbringen, aber es kann einen Beitrag zur Versöhnung leisten, wenn wir uns zur Ehrlichkeit, zur absoluten Ehrlichkeit, verpflichten, wie wir es uns auch auf die Fahne geschrieben haben. Die Romulaner werfen uns zu Recht vor, die Wahrheit lange vertuscht zu haben. Aber das dürfen wir nicht länger dulden. Mit mir wird es in jedem Fall hier keine Lügen mehr geben! Es wird auch keine weitere Erschleichung von Bündnissen geben! Wie die Romulaner damit umgehen, wird sich zeigen müssen. Ich bin bereit, ihr Urteil anzunehmen, wie immer es auch lauten mag. Wir müssen uns endlich unserer historischen Verantwortung stellen, Ladies und Gentlemen. Wer diese Meinung teilt, stimmt bitte mit ja, denn auch ich sage ja! Ja zur Verantwortung und ja zur Ehrlichkeit! Vielen Dank für Ihr offenes Ohr und Ihre Stimme, Ladies und Gentlemen!“ Der Beifall für ihre Rede war sehr verhalten.

Nun betrat jemand von hinten aus den letzten Reihen die Bühne. Der Hinterbänkler trug einen schwarzen Anzug, schwarze Schuhe und war ca. 1,80 m groß. Er hatte kurze blonde Haare. Es war Minister Goshewin. Jener Minister, vor dem Saron seine Chefin schon gewarnt hatte. „Madam President, verehrte Kollegen.“, begann der Minister mit seiner tiefen leicht schnarrenden Stimme. „Ich kann mich den Worten meiner Vorrednerin leider überhaupt nicht anschließen. Sie sprachen von historischer Verantwortung, Madam President. Diese Verantwortung kann ich nicht sehen. Schließlich kann man für Gedanken und Pläne in dieser unserer Demokratie nicht verhaftet oder gar an den Pranger gestellt werden. Es mag zwar sein, dass einer von unseren Offizieren Mordgelüste gegen die romulanischen Gesandten gehegt hat, um sich ein Bündnis zu erschleichen, aber wie Sie wissen, sind seine Pläne aufgedeckt worden und somit nie zur Ausführung durch ihn gekommen. So ist zumindest meine Interpretation der xylianischen Daten. Wer kann jemandem verdenken, dass er aus Verzweiflung Dinge plant und denkt, die moralisch nicht einwandfrei sind? Sie alle wissen doch, Ladies und Gentlemen, dass wir alle nicht perfekt sind. Sicherlich sagen unsere moralischen Grundsätze etwas anderes, aber ich offeriere Ihnen und uns, verehrte Kollegen, auch einen Ausweg. Diesen Ausweg finden Sie auch in den Daten der Xylianer. Es gibt doch diesen Schneider, wie hieß er doch gleich, ach ja. Mr. Garak. Er war ein Bürger ohne politisches Amt und es würde uns nichts ausmachen, wenn wir ihm auch die Planung zuschieben würden. Das politische Ansehen der Föderation würde wegen der Irrungen und Wirrungen eines einfachen Mannes nicht leiden. Denken Sie auch an unseren guten Ruf, Ladies und Gentlemen, wenn Sie gleich zu den Abstimmungsgeräten greifen, denn zu viel Ehrlichkeit ist auch nicht gut. Damit stellen wir uns vielleicht selbst ein Armutszeugnis aus, wenn es beispielsweise um die Aufnahme zukünftiger Mitglieder geht. Wer will schon in eine Föderation eintreten, in deren Militär ein kaltblütiger Mörder gedient hat? Wenn wir aber einen einfachen Schneider für uns über die Klinge springen lassen, dann lässt uns das doch viel besser da stehen. Die Wahrheit kann eine sehr zerstörerische Kraft sein, Ladies und Gentlemen. Deshalb stimmen Sie bitte mit nein, denn ich sage nein! Ich sage nein zum Vorschlag meiner Vorrednerin, uns dem Urteil der Romulaner und der Geschichte auszuliefern! Ich schreibe meine Geschichte lieber selbst, verehrte Kolleginnen und Kollegen und auch alle Mitglieder geschlechtsneutraler und vielgeschlechtlicher Spezies!“ Damit hatte er einen Pluspunkt bei all jenen gesammelt, die sonst in den allgemein gültigen englischen Formulierungen für Anreden übergangen worden waren. Tosender Beifall brandete auf. Saron hatte eifrig mitstenographiert und auch ihm war jener psychologische Kniff aufgefallen. Dagegen kommt meine Chefin nicht an., dachte er. Sie sind verloren, Madam President. Aber Sie sind es nicht nur, Sie haben auch verloren.

Der Sekretär beobachtete mit blassem Gesicht, wie alle zu den Abstimmungsgeräten griffen. Dann sah er nur noch auf den Bildschirm, auf dem sich mit jeder abgegebenen Stimme die Balken veränderten. Aber lange konnte er das nicht mit ansehen, denn das Debakel für Nugura war in seinen Augen längst vorprogrammiert. Wenn er nicht hinsehen gemusst hätte, um anschließend das richtige Ergebnis ins Protokoll eintragen zu können, dann hätte er seine Augen am liebsten abgewandt. So zwang er sich aber, alles bis zum Ende mit anzusehen. Die wenigen Sekunden, bis alle abgestimmt hatten, kamen ihm wie eine Ewigkeit vor. Dann las der Computer das Ergebnis: „Auf die Antwort ja entfielen 2 % der Stimmen. Auf die Antwort nein entfielen 98 % der Stimmen. Es gab 0 Enthaltungen.“ „Wenigstens haben sich alle beteiligt.“, flüsterte Saron und schrieb mit zitternder Hand die Zahlen ins Protokoll. Dann trat Nugura noch einmal vor das Mikrofon und sagte mit ernstem Ton: „Ich danke allen für die zahlreiche Beteiligung. Die Sitzung ist hiermit beendet.“ Alle verließen ihre Plätze.

Saron witschte zwischen den Journalisten und den aus dem Raum strömenden Politikern hindurch in Richtung seiner Chefin. Er wusste, sie würde jetzt jeden Beistand benötigen, den sie bekommen konnte. Endlich hatte er sie erreicht und zog sie mit sich in einen Nebenraum. Vor der Presse hatte sich Nugura nichts anmerken lassen, aber jetzt spürte Saron sehr wohl, wie zittrig und aufgeregt sie war. Er setzte sie in einen Sessel und replizierte ihr am nahen Replikator einen Kaffee, aber er sah auch, dass ihre Hände viel zu sehr zitterten, um ihr zu ermöglichen, die Tasse zu halten. Also würde er ihr das Getränk wohl einflößen müssen. Vorsichtig näherte er sich mit der Tasse ihren Lippen. „Ich habe Sie gewarnt, Madam President.“, sagte er. „Ja, das haben Sie, Saron. Mein guter und schlauer Saron. Wo wäre ich nur ohne Sie?“, gab Nugura stammelnd zurück. „Dann hätten Sie einen Kollegen von mir mitgenommen, Sea Federana.“, sagte der Sekretär bescheiden. „Ihre Kollegen haben lange nicht Ihre Qualität.“, sagte Nugura. „Sie schmeicheln mir.“, sagte Saron. „Ich sage nur die Wahrheit.“, sagte die Präsidentin der Föderation. „Aber damit scheinen ja die Meisten starke Probleme zu haben. Wissen Sie, was das bedeuten wird? Krieg wird es bedeuten! Die Romulaner werden nicht verstehen, warum wir uns nicht entschuldigen dürfen und sie werden das als feige und verbrecherisch auslegen. Das wird die ohnehin angespannte Beziehung noch mehr belasten! Ich persönlich kann sie sehr gut verstehen. Oh, Saron, ich kann das Schreiben an den Senat nicht formulieren. Mir fehlt einfach der Mut dazu.“ „Mit Ihrer Erlaubnis.“, bot der Sekretär an. „Würde ich das gern in Ihrem Namen selbst übernehmen. Ich werde schon passende Formulierungen finden, die auch in das politische Denken der Romulaner passen. Bitte legen Sie das Problem vertrauensvoll in meine Hände.“ „Also gut, Saron.“, erlaubte Nugura. Dann machten auch sie und ihr Sekretär sich auf in Richtung ihrer Büroräume.

Dirshan hatte den Kontaktkelch mit Sytanias zukünftigen Bräutigamen zu ihr gebracht und die Königstochter hatte den beiden Palgeistern ihre Absicht telepathisch kundgetan, was sie veranlasst hatte, allem zuzustimmen. „Nun denn.“, sagte Sytania zu Cirnach, die sich, wie im Moment meistens, wieder in ihrer Nähe befand. „Jetzt benötige ich nur noch zwei Dinge, um endlich heiraten zu können. Eine Priesterin und einen deiner Leute, der in dieser besonderen Art von Hochzeitsnacht meinen Ehemännern und mir bei der Erschaffung des Geistwesens hilft.“ „In beiden Fällen vermag ich Euch gut zu dienen, denke ich, Milady.“, sagte die Vendar und winkte nach hinten.

Aus dem fahlen Licht einer Öllampe trat eine weitere Vendar. Sie war groß, schlank, hatte graues Fell und trug das Gewand einer Priesterin. „Das ist Delnach.“, sagte Cirnach. „Sie ist meine Cousine und nebenbei eine sehr gute Freundin. Sie wird keine unnötigen Fragen stellen, denn sie ist Euch, wie ich auch, sehr zugetan.“ „Tritt vor mich hin, Delnach!“, befahl Sytania. Die Vendar folgte ihrem Befehl und sank vor ihrer Gebieterin auf die Knie. „Steh auf!“, sagte die Mächtige. Auch dieser Aufforderung kam Delnach nach. „Sage mir.“, sagte Sytania. „Wie viele Erfahrungen hast du mit Trauungen?“ „Ich habe schon viele Riten von Shamun Rê ausgeführt.“, sagte Delnach. „Wirst du also keine unnötigen Fragen stellen, wenn ich es nicht will?“, fragte die Prinzessin. „Natürlich nicht, Hoheit.“, sagte die Vendar. „Dann ist ja alles gesagt.“, sagte Sytania. „Wenn du also Zeit hast, dann wirst du uns jetzt sofort trauen. Aber du wirst dich auf die Frage aller Fragen beschränken. Kein unnützer Pomp, kein unnützes Geplapper. Komm nur mit mir.“

Sie stieg von ihrem Thron herab und führte die Vendar zu dem Tisch, an dem sie auch sonst ihre Audienzen abhielt. Hier setzte sie sich auf den einen Stuhl und hieß die Priesterin, sich auf den zweiten zu setzen. Dann befahl sie Cirnach, den Kontaktkelch herzubringen. Dirshan hatte sie schon vorher gebeten zu gehen.

Die Vendar stellte den Kelch in der Mitte des Tisches ab. „Nun gib mir deine linke Hand, Delnach.“, sagte Sytania. „Wenn du das getan hast, lege deine Rechte auf den Fuß des Kelches, wie ich es mit meiner Linken getan habe.“ „Wie Ihr wünscht, Hoheit.“, sagte die Vendar und führte Sytanias Anweisungen aus. „Ich werde nun die telepathische Verbindung zwischen uns herstellen.“, sagte sie zur Erklärung. Dann spürten sowohl Delnach, als auch sie selbst die Verbindung mit den beiden Palgeistern. Du brauchst die Frage aller Fragen nur zu denken, Delnach., klärte Sytania die Priesterin in Gedanken auf. Wünscht Ihr oder einer Eurer Bräutigame wirklich keine Vorrede?, versicherte sich die Priesterin. Nein, Delnach., entgegnete Sytania. Bleibe einfach nur bei der Frage aller Fragen. Also gut., meinte die Vendar und begann: Wollt Ihr, Lady Sytania, diese beiden Palgeister ehelichen? So antwortet bitte mit ja, ich will! Ja, ich will!, entgegnete Sytania voller Inbrunst und Gier. Wollt Ihr., wandte sich Delnach jetzt auch an die beiden Palgeister. Lady Sytania ehelichen, so antwortet bitte auch ihr mit ja, wir wollen! Ja, wir wollen., kam es auch von den Palgeistern wie aus einem Geiste telepathisch zurück. So erkläre ich euch zu Männern und Frau., beendete Delnach die Zeremonie.

„Es ist also vollbracht, Delnach.“, sagte Sytania. „Das ist es, Milady.“, antwortete die Vendar. „Jetzt seid Ihr eine verheiratete Frau.“ „Sehr gut!“, sagte die Prinzessin. „Dann will ich, dass es alle wissen. In meinem gesamten Reich soll frohlockt und gefeiert werden. Selbst der ärmste Bauer soll an diesem Fest teilhaben. Mann soll mir ja nicht nachsagen können, ich sei nicht großzügig. Lasst alle zu mir ins Schloss kommen und mit uns dieses fröhliche Ereignis feiern, die es wollen. Ich werde keinen abweisen. Und auf die Nacht danach freue ich mich am allermeisten.“

Sytania ließ ihren Blick durch den gesamten Thronsaal schweifen. Das tat sie immer, wenn sie einen Triumph errungen hatte. Dabei fiel ihr auf, dass Cirnach etwas hinter ihrem Rücken versteckte. „Was hast du da, Cirnach?!“, fragte sie ihre Dienerin mit strengem Blick. „Du solltest wissen, dass etwas vor deiner Prinzessin zu verstecken, eine Strafe nach sich ziehen kann!“ „Auch dann, wenn ich es gar nicht verstecken wollte, Herrin?“, fragte die Vendar und grinste. „Was meinst du damit?“, fragte Sytania. „Ich meine damit, dass es sich bei dem, was ich hier verstecke, um ein Hochzeitsgeschenk für Euch und Eure Ehemänner handelt.“, antwortete Cirnach und zog eine kleine Sonde hinter ihrem Rücken hervor. „Nun, es ist der Tag meiner Hochzeit.“, sagte Sytania. „Also lass es mich sehen!“ „Wie Milady wünschen.“, sagte Cirnach ruhig und betätigte ein Feld auf dem Touchscreen der Sonde, worauf diese begann, eine Datei abzuspielen. Der Inhalt dieser Datei war die Parlamentssitzung, die Cirnach durch die Sonde hatte ausspionieren lassen. „Was interessieren mich die politischen Sorgen der Sterblichen?“, fragte Sytania abfällig. „Oh, ich bin sicher, das Ende wird Euch sehr interessieren, Hoheit.“, sagte Cirnach.

Die Sonde hatte bald das Ende der Datei erreicht. Sie hatte mit dem Ergebnis der Abstimmung geendet. „Was sagt Ihr nun, Milady?“, fragte Cirnach. „Du hattest Recht.“, sagte Sytania. „Und wenn es keine Entschuldigung bei den Romulanern gibt, wird es auch kein neues Bündnis geben und so auch keine Chance, dass sie, selbst wenn sie eine andere Möglichkeit als Meilenstein finden würden, sie diese miteinander teilen würden. Oh, Cirnach, wie gut du sie doch kennst. Nun sind sie zerstrittener denn je. Das kann uns nur zum Vorteil sein. Aber heute wollen wir erst einmal feiern.“

„Ich habe noch etwas für Euch.“, sagte Cirnach und zog einen Beutel hinter ihrem Rücken hervor. „Ihr werdet ja die Hilfe von einem unserer Leute benötigen.“, erklärte sie. „Dirshan und ich haben alle antreten lassen und dann mussten sie sich mit ihren Testkristallen testen, wie aufnahmebereit ihre Sifas sind.“ Sie schüttete den Inhalt des Beutels vor Sytania auf dem Tisch aus. „Wie gut du doch mitdenkst.“, stellte die Prinzessin fest.

Sie begann damit, alle Kristalle zu inspizieren. Auf jedem von ihnen befand sich das Symbol, das seinen Besitzer oder seine Besitzerin auswies. Einer aber stach ihr besonders ins Auge, denn er war pechschwarz. Das war ein Zeichen, dass sein Besitzer in der Blüte seines Sifa-Zyklus stand. Sytania wusste sehr wohl, wem dieser Kristall gehörte. Das war schon das zweite Mal, dass sie heute an diesen Mann erinnert wurde. Das Ende der Abstimmung hatte sie zuerst an die Wette mit Cirnach erinnert. Sie hatte versprochen, ihren Mann wieder in sein Amt einzusetzen, sobald sie wusste, dass die Abstimmung genau so ausgegangen war. Cirnach hatte es zwar nicht auf das Prozent genau getroffen, aber sie hatte schon vorausgesehen, dass es eine Mehrheit für nein zu der Entschuldigung bei den Romulanern geben würde. Sytania wusste, dass sie es sich nicht leisten konnte, sich nicht an die Wette zu halten, denn es gab zu viele Zeugen. Zeugen von der Spezies, von der sie im Moment sehr abhängig war, um ihren Plan durchführen zu können. Würde sie das nicht tun, musste sie eventuell eine zweite Rebellion befürchten und das konnte sie, so kurz vor dem Ziel und in dieser empfindlichen Phase ihres Plans, gar nicht gebrauchen. „Schicke mir deinen Mann!“, befahl sie an Cirnach gerichtet. „Auch er wird heute einen Grund zum Feiern haben. Ich werde ihn wieder in sein Amt als Truppenführer einsetzen. Dirshan wird zwar nicht sehr erfreut darüber sein, aber was scheren mich die Sorgen eines Novizen?“ „Wie Ihr wünscht, Hoheit.“, sagte Cirnach und ging grinsend. Sie hatte erreicht, was sie erreichen wollte.

Maron, Zirell und Joran hatten sich die Bilder von Jorans Aufklärungsmission angesehen. „Es steht für mich einwandfrei fest, dass Sytania den Ritus von Shamun Rê ausführen will.“, sagte der Vendar zur Erklärung. „Das stellt niemand in Abrede, Joran.“, sagte die Kommandantin. „Aber was will sie danach? Ich bin nicht so naiv zu glauben, sie habe sich verliebt und wolle aus rein romantischen Beweggründen in den Hafen der Ehe einlaufen. Da steckt ein Zweck dahinter und wenn ich das richtig verstanden habe, will sie ein Geistwesen schaffen, das ihre und die Macht zweier Palgeister vereint. Dann könnte sie, gemeinsam mit diesem Wesen, viel mächtiger werden, als Logar, Dill oder alle anderen Mächtigen, die wir kennen. Von uns ganz zu schweigen.“ „Ich denke, sie wird Romulus angreifen wollen.“, sagte Maron. „Warum Romulus?“, fragte Zirell. „Wie kommst du darauf? Wenn ich Sytanias bisheriges Handeln zugrunde lege, komme ich zu einem ganz anderen Ergebnis. Ich denke eher, dass sie die Föderation angreifen wird.“ „Das glaube ich nicht.“, argumentierte der erste Offizier. „Die Föderation hat viel zu viele telepathische Verbündete auf ihrer Seite. Sytania geht immer lieber den bequemen Weg. Das weißt du ja.“ „Das weiß ich.“, sagte Zirell. „Aber was soll sie mit Romulus wollen? Ich dachte immer, die Föderation sei ihr erklärtes Ziel.“ „Ihr erklärtes Ziel ist es, einen Brückenkopf in meiner Heimatdimension zu bekommen.“, erklärte Maron. „Dabei dürfte es ihr egal sein, vor allem, wenn sie so eine Macht hat, wo sich der befindet. Für sie ist das Universum eine Dimension. Sie macht keinen Unterschied zwischen Föderation oder anderen. Sie denkt in dimensionären Maßstäben und nicht in einzelnen Gebieten. Romulus ist sehr verwundbar, jetzt, wo es Meilenstein nicht mehr gibt. Da man das Rosannium nicht mehr kontrolliert einsetzen kann, würde sich die Strahlung in der gesamten Atmosphäre verteilen, wenn man es täte und das werden die Romulaner nicht riskieren, weil sie selbst rudimentär telepathisch sind. Es könnte also auch ihnen schaden und das wissen sie und Sytania weiß das auch. Romulus bietet also einen sehr guten Standort für einen Brückenkopf!“

Zirell sah den Vendar an, der seinen beiden Vorgesetzten die ganze Zeit geduldig zugehört hatte. Sie war sicher, er würde sich beide Argumentationen zu Gemüte führen und dann unabhängig von Position und Rang desjenigen nach eigenem besten strategischem Wissen entscheiden. Joran hatte Sytania 90 Jahre lang gedient und kannte ihre Taktik daher wohl am besten. Seiner Expertise würden sich beide anschließen und beide würden sie auch so an die Zusammenkunft weitergeben. Tatsächlich schien Joran sorgfältig nachzudenken. Jedenfalls sagte Zirell das seine kraus in Falten gezogene Stirn, auf der sich sein Fell deshalb leicht aufgestellt hatte. Telepathisch nach seinen Gedanken zu forschen, würde sie nicht versuchen. Nicht nur deshalb, weil ein Telepath niemals freiwillig Kontakt zu einem Vendar aufnehmen würde, weil er laut einer Legende befürchten müsste, sofort ausgesaugt zu werden, nein, es war auch einfach nicht ihre Art, ungefragt in den Geist eines fremden Wesens einzudringen. „Ich überlege noch.“, vertröstete Joran die Beiden, denn beide Strategien kamen ihm zunächst passend vor. Aber das, was im nächsten Moment geschehen sollte, würde seine Meinung stark beeinflussen.

Die Bilder gerieten plötzlich in den Hintergrund und der Avatar des Stationsrechners zeigte sich allen dreien über die Neurokoppler. Ihr Gesicht zeigte einen alarmierten Ausdruck. „Was gibt es, IDUSA?“, fragte Zirell. „Ich habe den Kommunikationsoffizier von Basis 282 Alpha für Sie.“, sagte der Rechner. „Er hat den Kai von Bajor in der Leitung. Er möchte unbedingt mit Agent Maron reden. Die Mediziner haben das OK gegeben. Sie sagen, er bräche sonst noch zusammen. Die Vision, die er empfangen hat, muss ihn sehr mitgenommen haben.“ „Sag ihm, er soll den Kai mit dir verbinden und dann verbindest du mit mir!“, befahl Maron. „Wie Sie wünschen.“, sagte der Avatar. „Sollen alle anderen auch in die Verbindung integriert werden?“ „Unbedingt!“, bejahte Maron.

Gesicht und Statur des Avatars wichen bald der eines völlig blassen und aufgelösten Bajoraners, der von Tränen überströmte Augen hatte. „Agent Maron?“, fragte er. „Genau.“, bestätigte der Demetaner die eigene Identität. Dann sagte er tröstend: „Wir kennen uns, Eminenz. Ich habe Sie schon einmal vernommen.“ „Ach ja.“, erinnerte sich der geistliche Führer der Bajoraner. „Die Sache mit Nihilla. Aber das hier ist viel schlimmer. viel, viel schlimmer! Wer ist dort bei Ihnen, Agent?“ „Das sind Commander Zirell und Joran.“, sagte Maron. „Zirell ist meine Vorgesetzte und Joran ist ein Experte für Sytanias Handeln. ER ist der Vendar, der die Rebellion …“ „Ich weiß.“, fiel ihm der Kai ins Wort. „Dann ist ja alles in Ordnung. Lassen Sie uns also beginnen, Agent.“ „Nur, wenn Sie wirklich aussagefähig sind, Eminenz.“, sagte Maron. „Das geht schon.“, tröstete der Bajoraner. „Sie geben mir Medizin, wenn es zu schlimm wird.“ „Na dann!“, sagte der erste Offizier und holte entschlossen ein Pad aus der Tasche. Dieses schloss er an einen der Datenports an. Dann befahl er dem Rechner: „IDUSA, die Datei von der vorherigen Vernehmung des Kai von Bajor öffnen!“ Bereitwillig kam der Rechner seinem Befehl nach. „Hat sich an Ihren Personalien etwas geändert, Eminenz?“, fragte Maron aus Routine. „Nein, Agent.“, negierte der Kai. „Also gut.“, sagte Maron und befahl IDUSA, die Personalien in die neue Datei einzufügen. Dann begann Maron mit der Befragung: „Bitte schildern Sie mir Ihre Vision so genau Sie können, Eminenz.“ „Ich sah die Feuerhöhlen.“, begann der Bajoraner und Maron notierte sich die Stichworte. „Außerdem sah ich einen Jungen, der mich etwas an Jorans Spezies erinnert. Er trug aber die Kleidung eines Truppenführers und nicht die eines Novizen. Ich sah einen tanzenden Kelch mit Drudenfüßen und dann sah ich reihenweise Armeen fallen, die von einem kindlichen Krieger und Vendar hinweggefegt wurden. Sie hatten ihnen nichts entgegen zu setzen! Es war schrecklich, Agent! Schrecklich! Selbst die Propheten haben geklagt. Sie haben diesen Zustand beweint und waren selbst total hilflos. Sie haben sich die Hände vor die Augen gehalten und immer wieder haben sie das bajoranische Wort für warum geschrieen! Oh, Agent, wer soll uns noch helfen, wenn noch nicht einmal mehr die Propheten es vermögen?!“

Hilflos sah Maron Zirell an. Er wusste nicht, wie er dem Kai auseinandersetzen sollte, was er gerade dachte. Wenn man die Propheten nicht als Götter, sondern rein wissenschaftlich als Wesen betrachtete, die von der Zeit unabhängig waren und somit das Konzept aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht verstehen konnten, dann war es ganz einfach, aber wie sollte er einem heiligen Mann erklären, dass auch Götter von Zeit zu Zeit der Hilfe durch Sterbliche bedurften? „Lenk ihn ab.“, flüsterte Zirell ihm zu, die auf diese Frage wohl auch keine Antwort wusste. „Stell ihm eine andere Frage, die ihn zwingt, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.“ „Danke.“, sagte Maron und wandte sich wieder an den Kai: „Eminenz, wie sah der Planet aus, der von dem kindlichen Krieger und seinen Soldaten zuerst angegriffen wurde?“ „Das ist sehr schwer für mich zu beschreiben.“, erwiderte der heilige Mann. „Dann machen wir das anders.“, sagte Maron. „Ich sehe, auch Sie tragen einen Neurokoppler. Können Sie sich das Bild noch einmal vorstellen, das Sie in der Vision gesehen haben? Die IDUSAs werden es dann mit Bildern aus der Datenbank vergleichen.“ „Das Nutzen dieser Art von Technologie ist neu für mich.“, sagte der Kai. „Aber ich will es versuchen.“ Damit begann er, sich auf das Bild aus der Vision zu konzentrieren.

Wenig später rückte IDUSA ihr eigenes Bild kurz in den Vordergrund. „Wir haben ein Ergebnis!“, sagte sie fast schon feierlich. „Meine Kollegin, die IDUSA-Einheit von 282 Alpha und ich sind der einhelligen Meinung, dass es sich bei dem Planeten um Romulus handelt.“ Sie machte wieder Platz für das Bild des Kai.

Maron setzte einen triumphierenden Blick auf. „Ich habe es dir doch gesagt, Zirell!“, freute er sich, der endlich einmal das Gefühl hatte, Sytanias Strategie erahnt zu haben. Sonst hatte er mit so etwas immer seine Schwierigkeiten gehabt und war daher auch als Pannemann verschrien gewesen. „Eine Vision ist nicht immer eindeutig, Maron.“, versuchte Zirell, ihre Position zu bekräftigen. „Sie kann vieles bedeuten. Du weißt, dass gerade die Propheten nicht immer eindeutig sind, weil sie mit unseren Denkstrukturen wohl Schwierigkeiten haben, wie manche Wissenschaftler vermuten.“ „Ich bitte dich, Zirell!“, sagte Maron. „Wir haben sogar eine Bestätigung durch die Computer! Eindeutiger geht es doch wohl nicht! Eminenz, das war sehr gut.“ „Danke, Agent.“, sagte der Bajoraner und die Verbindung wurde beendet.

Zirell und Maron sahen Joran an. Der Vendar hatte sich immer noch nicht entschließen können. Er wusste, dass dieses Mal seine Expertise noch wichtiger sein konnte, als jemals zuvor. Andererseits hasste er es wie die Pest, immer in solchen Fällen das Zünglein an der Waage zu sein. „Jetzt sag endlich was!“, drängte ihn Zirell. „So schwer kann das doch nicht mehr sein, jetzt, wo du alle Fakten kennst.“ „Jetzt, da ich alle Fakten kenne, Anführerin Zirell.“, sagte Joran. „Bin ich eher geneigt, Maron El Demeta zuzustimmen, als dir.“ Er warf der Tindaranerin einen verschämten Blick zu. „Ist nicht schlimm, Joran.“, sagte sie. „Wenn es wahr ist, dann müssen wir uns wohl überlegen, wie wir den Romulanern Schutz bieten können. Wir müssten sie wohl mit Hilfe unserer Fähigkeiten beschützen, aber wenn sie unseren Schutz nicht wollen, dann geht das nicht.“ „Aber die Schiffe können doch …“, sagte Maron. „Du weißt, dass, wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was der Kai gesagt hat, Technologie da bei Weitem nicht ausreicht!“, sagte Zirell. „Und die Romulaner wissen sehr wohl, dass wir eigentlich die Freunde der Föderation sind. Ach, jetzt habe ich meine eigene Position zerstört. Ich meine, wenn Sytania das auch weiß und das tut sie bestimmt, dann wäre Romulus fürwahr ein lohnendes Ziel. Du hattest wohl von Anfang an Recht, Maron. So eine strategische Meisterleistung hätte ich dir nicht zugetraut.“ „Ich mir selbst auch nicht.“, sagte Maron. „Aber das funktioniert seltsamerweise immer nur dann ziemlich gut, wenn ich vorher mit Techniker McKnight geredet habe. Vielleicht färbt ja dann immer etwas von ihrer Intelligenz temporär auf mich ab.“ „Dann solltest du dich jeden Morgen vor der Arbeit einmal mit meiner Telshanach treffen, Maron El Demeta.“, scherzte Joran. „Ich hätte sicher nichts dagegen.“ „Da bin ich aber froh.“, sagte Maron erleichtert. „Sonst hätte ich das erste Treffen sicher nicht überlebt, wenn du dazugekommen wärst.“

Zirell räusperte sich. „Jungs, wir sollten zum Wesentlichen zurückkommen. Die Frage war doch: Wie helfen wir den Romulanern?“ „Ich denke, die politische Seite sollte die Zusammenkunft übernehmen, Zirell.“, sagte Maron. „Also gut.“, sagte die ältere Tindaranerin. „Ich werde mich am besten gleich mal mit Darell verbinden lassen und schauen, was für Chancen sie dafür sieht.“ Sie gab IDUSA die entsprechenden Befehle.

Mein Trauerzug hatte den Friedhof von Little Federation erreicht. Hier stellte man meinen Sarg, ein schlichtes Modell aus repliziertem Eichenholz, auf die Plattform eines mobilen Transporters, welcher der Friedhofsverwaltung gehörte. Dann versammelte man sich um die Stelle, die mein Grab werden sollte. Da der Sarg später hineingebeamt werden würde, stand der Grabstein, ein metallener Würfel mit Display, auch bereits an Ort und Stelle. Diese Würfel waren alle mit dem Netzwerk der Friedhofsverwaltung verbunden und konnten durch deren Rechner mit den Daten des Toten versorgt werden, zu dem das Grab dereinst gehören würde.

Am Rand dieser gesamten Szenerie hielt sich auch Radcliffe auf. Er war immer noch auf der Suche nach einem Agenten, dem gegenüber er sein Gewissen erleichtern konnte. Er war gleichzeitig erstaunt, aber auch erschrocken, bald endlich jemanden mit dem entsprechenden Rangabzeichen auf der Uniform zu sehen. Erschrocken war er, weil es sich bei der Person um Mikel handelte, von dessen gutem Verhältnis zu mir er durchaus wusste. Aber es war ihm auch andererseits egal. Er musste einfach jetzt den Mut finden, es ihm zu sagen. Also ging er auf Mikel zu und sprach ihn an: „Agent, ich würde mich Ihnen gern stellen. Heute ist Ihr Glückstag, denn Ihnen ist soeben der Wäscher vom Mars ins Netz gegangen.“

Stocksteif stand Mikel da. Er war über das Geständnis dieses Mannes, dessen Stimme er nicht einordnen konnte, sehr überrascht. „Sagen Sie das bitte noch einmal, Mr. …“, sagte der Agent mit einer Menge ungläubigen Staunens in der Stimme. „Nathaniel Radcliffe.“, stellte sich der Professor vor. „Ja, es stimmt, Agent. Ich bin der Wäscher vom Mars!“ Immer noch fiel es Mikel sehr schwer zu glauben, was er soeben gehört hatte, aber er erinnerte sich, dass er sehr wohl gelernt hatte, ein Geständnis zu verifizieren. Aber das würde er nicht hier in der Öffentlichkeit tun. „Bitte begleiten Sie mich!“, forderte er den potenziellen Wäscher auf. Nathaniel bejahte und folgte ihm.

Auch Scotty und Shimar waren an meiner zukünftigen Grabstätte angekommen. Plötzlich gab der junge Telepath einen Laut von sich, der Scotty signalisierte, dass es seinem Freund wohl nicht sehr gut ging. Aber es war nichts, das ihn an Trauer, sondern eher an Schaudern erinnerte. „Was is’?“, flapste er. „Die sind ja alle wie willenlose Zombies.“, stellte Shimar fest und zeigte auf die Offiziellen, die wohl vom Hauptquartier der Sternenflotte gekommen waren. „Das konntest du dir doch denken.“, sagte der Ingenieur. „Das waren Sytania und ihr sauberer Wäscher. Wenn ich den in die Finger kriege …!“ „Selbstjustiz ist keine Lösung, Scotty.“, flüsterte Shimar. „Ach und ich würde so gern.“, erwiderte der Schotte. „Auch um dir einiges zu erleichtern. Für dich is’ das sicher doch auch kein Spaß, dieses fiese Zombiegefühl.“ „Und du denkst, wenn du den Wäscher umbringst, ist das vorbei?!“, fragte Shimar provokativ. „Oh nein! Dagegen muss ich mich schon selbst verschließen.“ Er sah kurz angestrengt auf einen Punkt, während er sein Telepathiezentrum vor diesem Eindruck abschottete. „Schaffst du’s?“, fragte Scotty Anteil nehmend. „Geht schon.“, sagte Shimar. Dann fiel ihm auf, dass Scotty meinen Sarg nicht aus den Augen gelassen hatte. „Wieso schaust du dauernd dahin?“, fragte er. „Ich weiß es nich’.“, flapste Scotty. „Ich kann nich’ anders. Irgendwas zwingt mich dazu. Kannst du mal nachsehen, was da bei mir los is’?“ „Ich versuche es.“, sagte Shimar, der durchaus die Vermutung hatte, dass seine Fähigkeiten unter der Trauer, die er verspürte, leiden könnten und er vielleicht kein Ergebnis zustande bekommen könnte. „Was kann ich machen, um es dir zu erleichtern?“, fragte Scotty. „Gar nichts.“, sagte Shimar und begann damit, zu seinem Freund geistigen Kontakt aufzunehmen, was dieser ohne Widerstand geschehen ließ. „Das kann doch nicht sein.“, flüsterte er. „Was kann nich’ sein?“, sagte Scotty. „Was siehst du denn?“ „Ich sehe Logar.“, sagte der Tindaraner. „Er war in deinem Kopf und hat dort eine Botschaft hinterlassen. Du sollst irgendwas sehen.“ „Aber was soll ich sehen?“, fragte Scotty. „Ich kann die Botschaft nicht lesen.“, sagte Shimar. „Ach was.“, flapste Scotty, dem es ganz und gar nicht gefiel, von einem Mächtigen als Marionette benutzt zu werden, auch wenn es ein Freund und Verbündeter war. „Du versuchst es ja gar nich’ richtig. Streng dich mal ’n bisschen an, Junge.“ „Du weißt, dass Logar viel stärkere Fähigkeiten hat, als jeder Tindaraner.“, sagte Shimar und ließ von Scottys Geist ab. „Wenn der König des Dunklen Imperiums nicht will, dass ich die Botschaft entziffere, dann kann ich es auch nicht. Du wirst es wohl bis zum Ende durchstehen müssen, was immer auch passiert.“ „Na gut.“, sagte Scotty. „Aber wenn ich anfange zu sabbern und wirres Zeug zu reden, übernimmst du die Verantwortung.“ „Es ist Logar!“, verdeutlichte Shimar. „Und nicht Sytania! Und nun komm! Ich glaube, sie wollen anfangen.“ Wortlos schlappte Scotty hinter seinem Kumpel her in Richtung meines Grabes.

Inzwischen hatte Radcliffe Mikel alles erzählt. Der Agent konnte ihm nicht wirklich glauben, hatte aber auch längst bemerkt, dass er, wenn überhaupt, eher ein Fall für die Krankenstation, als für die Sicherheitszelle war. „Oh, ich bin so wütend auf Sytania, Agent.“, sagte Nathaniel am Ende seines Geständnisses mit von Tränen erstickter Stimme. „Und ich bin auch genau so wütend auf mich! Wie konnte ich mich nur auf sie einlassen?!“ „Das gehört zu ihrer Vorgehensweise.“, sagte Mikel. „Sie sucht sich immer verzweifelte Opfer, die leicht zu manipulieren sind. Ihre Krankheit kam ihr da ganz recht. Aber trotzdem weiß ich nicht, ob ich Ihnen glauben soll, Nathaniel. Es klingt doch alles sehr unwahrscheinlich.“

„Du solltest ihm glauben!“ Eine Frauenstimme aus dem Hintergrund hatte sich eingemischt. Mikel hatte Sedrin erkannt. Sie musste sofort nach ihrer Ankunft hierher gekommen sein. Er wusste, dass sie im Fall Wäscher vom Mars die leitende Ermittlerin gewesen war, was dafür sorgte, dass er sich sofort aufmerksam in ihre Richtung drehte. Tatsächlich kam sie bald auf ihn zu und sprach ihm ihren kollegialen Glückwunsch aus. „Wo passiert denn sowas?“, fragte sie. „Da ermittle ich wochenlang ohne Ergebnis und du kommst von deinem Schiff gebeamt und verhaftest gleich den, der die gesamte Föderation in Angst und Schrecken versetzt hat. Aber wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was ich mitgekriegt habe, dann ist er tatsächlich der Wäscher vom Mars. Aber er gehört wohl nicht ins Gefängnis, sondern eher in medizinische Hände. Aber wir müssen damit rechnen, dass Sytania noch immer nach ihm suchen könnte. Euer Schiff ist mobil, im Gegensatz zu einem Krankenhaus. Das dürfte ihr die Suche sehr erschweren. Loridana kennt sich doch sicher auch mit psychischen Erkrankungen aus.“ „Du hast Recht, Sedrin.“, sagte Mikel und veranlasste, dass Radcliffe auf die Granger gebeamt wurde. Dann gesellten sich auch Sedrin und er wieder zu der Trauergemeinde.

Ginalla und Kamurus hatten eine gute Position erreicht, um zu beamen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war. Über eine kleine Sonde, die das Schiff auf Befehl seiner Pilotin extra repliziert hatte und die wie ein Vogel aussah, also gut ins natürliche Bild passte und deshalb nicht auffiel, hatte er Kontakt zu der Trauergemeinde gehalten. Jetzt hörten Kamurus und Ginalla auch jedes Wort der Grabrede, die Kissara gerade begonnen hatte. „Liebe Freunde, Angehörige und Kameraden.“, begann sie. „Wir sind heute hier zusammengekommen, um Allrounder Betsy Scott aus unserer Mitte zu verabschieden. Sie wurde plötzlich aus dem Leben gerissen. Das ist sicher etwas, das keinem zu wünschen ist. Aber wir sollten sie immer als die in Erinnerung behalten, die wir kannten. Sie war nicht nur aufgrund ihrer Ausbildung, sondern auch aufgrund ihres Charakters eine fähige und loyale Offizierin, der man gern vertraut hat und die dieses Vertrauen in keiner Weise …“

Ginalla konnte nicht mehr hinhören. „Blah, blah, blah.“, sagte sie und gähnte. “Dass die bei Grabreden immer so dick auftragen müssen. Bist du so weit, Kamurus?“ „Auf deinen Befehl, Ginalla.“, sagte das Schiff. „Na gut.“, sagte die Celsianerin. „Dann jetzt!“ Der Avatar nickte und Kamurus nahm per Transporter den Austausch vor. „So.“, sagte die Celsianerin. „Und jetzt ab nach Genesia Prime! Aber bleib ja unterhalb der Sensoren. Ich habe keinen Bock auf Scherereien an der Grenze!“ „Du kennst mich doch.“, grinste der Avatar. „Dann kannst du auch gleich damit anfangen, unseren kleinen Angriff auf den Grabstein …“, meinte Ginalla. „Oh, da bin ich längst drin, Ginalla.“, sagte Kamurus und ließ seinen Avatar ein gelangweiltes Gesicht machen. „Na dann herzlichen Glühwein!“, flapste Ginalla. „Aber wir warten, bis es auf der Erde Mitternacht is’. Dann diktiere ich dir die erste Botschaft.“ „OK.“, sagte das Schiff, verließ das Sonnensystem und ging so bald wie möglich auf Kurs nach Genesia Prime und auf Warp.

Jenes Geschehen war Scotty, der die Augen ja nicht von meinem Sarg wenden konnte, nicht verborgen geblieben. Er hatte jene schimmernde Säule gesehen, die bei jedem Transport entsteht. Er hatte sogar meine Silhouette erkannt. Sofort sprang er auf und rannte zu der Konsole, an der ein Angestellter der Friedhofsverwaltung stand, der gerade meinen Sarg ins Grab beamen wollte. Auch die Hymne der Föderation, die immer bei solchen Anlässen gespielt wurde, lief bereits über einen portablen Rechner, den er ebenfalls mitgebracht hatte. „Halt stopp!“, rief Scotty. „Macht die Musik aus und stoppt den ganzen Zirkus hier! Jemand hat den Körper meiner Frau weggebeamt und ihn durch was anderes ersetzt! Ich habe zwei Transporte gesehen!“

Sedrin hatte Cupernica gewunken, die sich sofort auf den Weg zu Scotty machte. „Das kann nicht sein, Techniker.“, sagte die Androidin ruhig, nachdem sie den Sarg gescannt hatte. „Es handelt sich noch immer um die Leiche Ihrer Frau, die sich in diesem Sarg befindet. Aber ich kann mir denken, dass die Trauer um den Allrounder Sie halluzinieren lässt. Bitte halten Sie still. Ich werde Ihnen eine Spritze geben und dann wird alles wieder gut.“ „Ich will keine Spritze, verdammt!“, schrie Scotty. „Ich bin Ingenieur! Ich erkenne einen Transport, wenn ich ihn sehe! In dem Sarg is’ sicher ’n Täuschgerät, das Ihre Sensoren in die Irre führt! Verdammt, warum glaubt mir denn keiner! Finger weg!“ Er hatte eine Hand gespürt, die etwas an seiner Kleidung befestigt hatte. Dann hatte eine Stimme etwas in einer ihm zunächst fremden Sprache gezischt. Weder die Sprache, noch die Stimme hatte Scotty in seiner Aufregung erkennen können, obwohl er beides eigentlich sehr gut kannte.

Er fand sich wenige Sekunden darauf in einem Sitz wieder. Die Polsterung und auch die Gerüche seiner Umgebung waren ihm bekannt. Dann kam eine elektronische Stimme aus einem Lautsprecher: „Techniker Scott.“ Er wandte sich um, um irgendwo ein Mikrofon zum Antworten zu finden. Die Stimme, die ihn angesprochen hatte, hatte er nämlich mittlerweile erkannt. „Unter der Steuerkonsole in einem Fach ist ein Neurokoppler.“, sagte die Stimme. „Bitte nehmen Sie ihn und schließen Sie ihn an den Datenport an, den ich Ihnen ausleuchte. Dann können wir viel besser kommunizieren.“

Scotty tastete herum. Er war noch immer sehr nervös, aber der Zwang, ständig auf meinen Sarg zu schauen, war vergangen. Er dachte sich, dass er wohl genau das hatte sehen sollen, was er gesehen hatte. Aber woher hatte IDUSA gewusst, dass sie ihn holen sollte? Er konnte sich das nur so erklären, dass das Gerät, das ihm angeheftet wurde, Shimars Sprechgerät war und dass er ihr wohl noch einige Befehle auf Tindaranisch gegeben hatte, was seinen Verbleib anging.

Endlich hatte er den Koppler gefunden und angeschlossen, was IDUSA sofort seine Tabelle laden ließ. Als Scotty des Avatars ansichtig wurde, konnte er nicht umhin, sich vorzustellen, sie fest zu umarmen. Da die ganze Spannung im selben Moment von ihm abfiel, schluchzte er nur: „Du liebes kleines Schiff du! Hast mich vor der Irrenanstalt gerettet!“ Dann riss er sich betont stark zusammen und sagte nur: „Entschuldige.“ „Ist schon gut.“, sagte IDUSA. „Ihre Reaktionen sind verständlich. Schließlich haben Sie gerade Ihre Frau beerdigt und dann kommt jemand und entführt ihren Körper. Übrigens, ich kann denjenigen identifizieren. Offensichtlich handelt es sich um Ginalla!“ „Ginalla?!“, fragte Scotty irritiert. „Wie kommst du denn darauf?“ „Ich habe die Antriebssignatur von Kamurus erkannt.“, erklärte das Schiff. „Offensichtlich will sie aber, dass wir auf ihre Spur kommen. Sie hat sich nämlich nicht die Mühe gemacht, eine falsche Spur zu legen, oder ihre Spuren gar zu verwischen.“ „Dann los!“, sagte Scotty. „Ich weiß, ich habe dir gar nichts zu befehlen, weil ich nicht dein Stammpilot bin. Aber dann hol Shimar und lass uns hinterher fliegen.“ „Ich fürchte, das wird nicht gehen.“, sagte IDUSA. „Wenn ich ihren Kurs richtig extrapoliere, will sie nach Genesia Prime und da wären weder Sie, Techniker Scott, noch Shimar in der Lage, etwas auszurichten. Schauen Sie mal an sich herunter. Dann werden Sie schon sehen, was ich meine.“ „Hast ja Recht, IDUSA.“, sagte Scotty. „Dafür habe ich eindeutig das falsche Geschlecht. Einfluss nehmen könnte ich wohl nich’. Also gut. Wir müssen ihr wohl vertrauen und sie ziehen lassen. Aber warum wollte Logar dann, dass ich den Transport sehe?“ „Ich habe leider nicht genug Daten über die Vorgehensweise des imperianischen Königs, um Ihnen diese Frage beantworten zu können.“, sagte IDUSA. „Aber ich gehe davon aus, dass Sie einige Leute aufmerksam machen sollten. Vielleicht ist Ihnen das ja bei den Richtigen gelungen. Ich soll, wie mir Shimar befohlen hat, auf Sie aufpassen, also, Sie sicher verwahren, bis sich die Aufregung da unten etwas gelegt hat. Dann soll ich ihn holen und wir bringen Sie nach Celsius zurück, bevor auch wir wieder in die Heimat fliegen.“ „Ach so.“, sagte Scotty. „Na dann warten wir mal ab.“

Scottys Aktion hatte alle auf der Erde, die zu meinem Trauerzug gehört hatten, in helle Aufregung versetzt. Tatsächlich hatte Kissara die Zeremonie stoppen lassen, um Agent Sedrin und Agent Mikel, die als einzige Geheimdienstler anwesend waren, eine Gelegenheit zu geben, in der Sache zu ermitteln. Beide näherten sich jetzt meinem Sarg mit einem Erfasser und scannten ihn. Dann, als sie ihre Scanns beendet hatten, kehrten sie zu Kissara zurück, die sofort forderte: „Bericht!“ „Es scheint tatsächlich auf den ersten Blick so zu sein.“, begann Mikel. „Dass sich in dem Sarg tatsächlich die Leiche von Allrounder Betsy Scott befindet.“ „Scheint so zu sein?“, fragte Kissara etwas irritiert. „Was meinen Sie damit, Agent?“ „Er meint.“, sagte Sedrin. „Dass wir schon zu viel gesehen haben, um das einfach so zu glauben. Es gibt ja immer noch die Aussage von Techniker Scott, dem ich durchaus zutraue, einen Transport erkennen zu können. Ganz außer Acht lassen können wir sie nicht. Bisher haben wir keine schlüssigen Beweise. Sowohl das eine, als auch das andere könnten stimmen. Sie wissen, Commander, dass technische Geräte, genau wie die Sensoren von Androiden auch, getäuscht werden können, wenn man es richtig anstellt.“ „Sie meinen, Agent Sedrin.“, sagte Kissara. „Möglich ist alles?“ „Genau.“, sagte Sedrin. „Wenn jemand einen Plan verfolgt, in dem er oder sie den Körper des Allrounders entführt, dann sollten wir herausfinden, was dieser Plan ist und ihn nicht stören. Wir machen mit der Beerdigung weiter, als wäre nichts geschehen und als hätten wir nichts gemerkt. Dann werden wir hoffentlich bald mehr wissen. Ich habe da so eine merkwürdige Ahnung.“ Mikel nickte zustimmend. „Also gut, Agents.“, sagte Kissara. „Klingt, als wollten Sie beide sich demnächst hier gemeinsam auf die Lauer legen.“ Wieder nickten die beiden Spionageoffiziere. Sedrin grinste sogar dabei. „Na schön.“, sagte Kissara und befahl dem Computer, mit dem Abspielen der Hymne fortzufahren. Derweil wurde mein Sarg ins Grab gebeamt und ein Ehrenspalier, an dem auch Shimar teilnahm, feuerte einige Salutschüsse mit dem Phaser in die Luft. Dabei musste sich Shimar sehr bemühen, ein unschuldiges Gesicht zu machen, denn von der Aktion mit Scotty durfte ja niemand wissen und er durfte ja auch nicht den geringsten Verdacht erregen, etwas darüber zu wissen.



Diese Geschichte wurde archiviert am http://www.sf-ecke.de/stories/viewstory.php?sid=208