Das heimliche Grab

von Visitor
Zusammenfassung:

Die Nihillaner haben den Glauben an das Übernatürliche abgeschworen. Für sie gilt noch die Wissenschaft. Als Nihilla Mitglied in der Föderation werden möchte, ahnen Allrounder Betsy und ihre Freunde bereits, dass das nicht ohne Folgen bleiben wird, falls die Föderation das zuließe...


Kategorien: Fanfiction > Star Trek Charaktere: Keine
Genres: Science Fiction
Herausforderung: Keine
Serie: Star Trek 3000
Kapitel: 25 Fertiggestellt: Ja Wörter: 120571 Aufgerufen: 217991 Veröffentlicht: 02.03.11 Aktualisiert: 03.03.11

Kapitel 1: Glaube und Aberglaube

von Visitor

 

Es war ein eigentlich ganz normaler Herbsttag und ich saß nervös vor meinem Sprechgerät in meinem Wohnzimmer. Hier wartete ich auf den Rückruf von Commander Kissara. Seit drei Tagen schon hatte ich sozusagen „Dienst an der Heimatfront“ geschoben. Die Granger war zu keiner Mission abkommandiert gewesen, aber ich hatte von der High School eine Anfrage erhalten, ob ich nicht am Berufsberatungstag den Beruf des Sternenflottenoffiziers vorstellen wollte. Initiiert war das eigentlich durch Melissa Freeman und Win Nalas worden. Die beiden Teenager kannten mich gut und mussten ihre Lehrer derart bekniet haben, dass man sich mit dem Oberkommando in Verbindung gesetzt hatte. Ich hatte tatsächlich das OK bekommen und hatte die Abschlussklasse eingehend über mein Tätigkeitsfeld als Kommunikationsoffizierin und Raumschiffpilotin informiert. Aber dies war nicht der Grund, aus dem ich jetzt auf Kissaras SITCH wartete. Es hing zwar damit in gewisser Weise zusammen, aber mit dem, was noch kommen sollte, hatte ich nicht gerechnet.

Gemeinsam mit den Schülern hatte ich jetzt das Gebäude verlassen. Nalas und Melissa begleiteten mich noch ein Stück. An einer Straßenecke blieben wir stehen. Der braunhaarige etwas zierlich für sein Alter von 16 Jahren wirkende etwa 1,60 m messende bajoranische Junge drehte sich zu mir und sagte: „Vielen Dank, Mrs. Scott. Sie können sehr anschaulich erklären.“ Im Privaten durfte mein Nachname ruhig mal fallen. Aber wegen der Flüchtlingsklausel, durfte er nicht in meiner Dienstakte oder wenn ich Rang und Namen bei der Sternenflotte nutzte, auftauchen. „Danke, Nalas.“, lächelte ich zurück. „Du warst auch ein sehr aufmerksamer Zuhörer.“

Win Nalas war der Sohn unseres bajoranischen Bürgermeisters. Er hatte seit mehreren Monaten bereits eine Beziehung mit Melissa Freeman, die Tochter eines Normalbürgers war. Die Wins hatten aber keinen Standesdünkel. Meiner Meinung nach war das ohnehin ein eher terranisches Phänomen.

„Wir wollten noch ein Eis essen und dann wollte ich mit Nalas zum bajoranischen Gottesdienst gehen.“, erklärte Melissa. „Möchten Sie mit?“ Ich strich beiden liebevoll über das Harr und sagte mit bedauerndem Blick: „Sorry, ich kann leider nicht. Ich muss packen und dann zum Raumflughafen nach Washington. In meinem nächsten Heimaturlaub sehen wir uns bestimmt.“ Traurig, aber auf der anderen Seite auch verständig, schüttelten die Kids mir die Hand und schauten mir noch nach, als ich in Richtung meines Hauses abbog.

Plötzlich ließ mich ein unbestimmtes Gefühl stehen bleiben. Irgendwas würde gleich passieren. Das spürte ich wie Liebeskummer im kleinen Zeh. Oder, war es schon passiert? Jedenfalls gab es einen riesigen Tumult auf der anderen Seite der Querstraße, die ich eben noch überquert hatte und auf deren anderer Seite sich die Jugendlichen von mir verabschiedet hatten. „Mely, nein!!!“, hatte ich Nalas schreien hören. Dann gab es nur noch das mir bekannte Geräusch des Notfallsystems, das einen elektrischen Jeep daran hindert, jemanden zu überfahren. Der verwirrte Fahrer hatte es wohl nicht geschafft, rechtzeitig den Freigabecode einzugeben und so hatte das System einen Notruf abgesetzt. Darauf waren Polizeieinheiten zum Unfallort gekommen. Auch ich drehte mich jetzt um und lief, so schnell ich eben konnte, dort hin. In dem Gewirr aus Stimmen und Schritten sowie dem Gepiepe von Erfassern versuchte ich verzweifelt, die Stimmen von Melissa und Nalas auszumachen.

„Oh, Mrs. Scott!“ Mit diesen Worten schob sich plötzlich eine bekannte Hand in meine. Ich erkannte Nalas, der mich jetzt weiter zum Ort des Geschehens zog. Hier war unser oberster Stadtpolizist gerade dabei, Melissa zu vernehmen. „Warum bist du denn einfach auf die Straße gerannt, Kleine, he?“, fragte Detectiv Rainolds mit scharfem Ton. „Du solltest doch eigentlich in deinem Alter längst wissen, dass das gefährlich ist.“ „Die … Die … Die schwarze Katze.“, stammelte Melissa. „Ich hatte solche Angst!“, „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“, schnaubte Rainolds. „Wer hat denn schon Angst vor ’ner schwarzen Katze? Wer weiß, unter welchem Einfluss du stehst, junge Dame.“ Dann rief er nach hinten zu seinen Untergebenen: „Ruft den Geheimdienst!!“

Der Geheimdienst nahte bald in Form von Agent Sedrin und Agent Mikel. Es war ungewöhnlich, dass sie zu einem normalen Verkehrsunfall gerufen wurden, aber Rainolds dachte wohl, dass hier ein außerirdischer feindlicher Einfluss im Spiel war.

Sedrin ließ sich von Rainolds den Unfallhergang schildern. Dann sagte sie: „Außerirdischer Einfluss, hm, könnte sein. Wenn es sich bei der schwarzen Katze um Caruso handelt, könnte Sytania noch ’ne Rechnung mit ihm offen haben und versuchen, dafür zu sorgen, dass Data ihn wieder ins Tierheim bringt. Wenn der Commander glaubt, dass sein Kater eine Gefahr für andere darstellt …“ Lächerlich!, dachte ich. Aber ich konnte Sedrin diese Vermutung auch nicht übel nehmen. Sie war eine Außerirdische. Sie wusste vielleicht nichts von irdischem Aberglauben. Aber warum klärte Mikel sie nicht auf? Das musste wohl mal wieder ich übernehmen. Durch meinen Großvater, der selbst sehr abergläubisch war, wusste ich über so etwas Bescheid. Im 30. Jahrhundert war der Aberglaube zwar eigentlich ausgerottet, aber Freemans mussten ihn sich doch noch erhalten haben. Nalas konnte aus dem gleichen Grund wie Sedrin auch nicht wissen, was es damit auf sich hatte. Ich aber wusste, dass hier dringend Aufklärung von Nöten war. Würde Sytania fälschlich beschuldigt, könnte sie dies sehr übel nehmen und wir hätten eins zwei drei einen neuen Krieg. „Bitte bring mich zu ihnen, Nalas.“, bat ich freundlich, aber bestimmt. „Ich muss einen Krieg verhindern.“ „OK, Mrs. Scott.“, antwortete Nalas. Dann zog er mich in Richtung des Polizisten, der seiner Geheimdienstkollegin gerade den Stand der Ermittlungen erklärte.

„Kommen Sie klar?“, fragte mich Nalas fast mütterlich zärtlich, als er mich vor den Beamten abgestellt hatte. „Ja, ja.“, erwiderte ich zuversichtlich. „Geh und kümmere dich um deine Freundin. Die braucht dich jetzt sicher nötiger als ich.“ Der kleine Bajoraner nickte und witschte davon.

Ich erlauschte die Richtung, aus der Sedrins Stimme kam und ging auf sie zu. Die demetanische Agentin schien von mir zunächst keine Notiz zu nehmen. Deshalb tippte ich ihr auf die Schulter und sagte, während ich mit der anderen Hand pflichtgemäß salutierte: „Ma’am, Allrounder Betsy bittet um Erlaubnis, unter vier Augen mit Ihnen zu sprechen!“ Endlich drehte sie sich um. „Na schön.“, lautete ihre knappe, wenn auch nicht ganz vorschriftsmäßige, Antwort. Ihrem Tonfall nach zu urteilen war sie heilfroh, dass anscheinend jemand wusste, was hier wirklich los war und dass diejenige wohl auch noch dafür sorgen könnte, dass es in nächster Zeit keinen Krieg gegen Sytania geben würde. In solchen Fällen hatte man zu oft auf die Hilfe mächtiger Wesen zurückgreifen müssen und Sedrin hatte befürchtet, dass diese unsere „Dummheiten“ irgendwann nicht mehr mitmachen würden.

Die schwarzhaarige und ca. 1,70 m messende Demetanerin, die ihre im praktischen Stufenschnitt frisierten Haare lässig im Wuschellook gekämmt hatte, zog mich in den nahen Park. Hier setzten wir uns auf eine Bank. „Bitte sagen Sie mir jetzt etwas Positives.“, bat sie. „Ein weiterer Krieg mit Sytania macht mir nämlich echt Bauchschmerzen.“ „Dazu wird es nicht kommen, Agent.“, entgegnete ich mit Gewissheit. Sie ließ laut die Luft aus ihren Lungen entweichen. „Aus welchem Grund benimmt sich das Mädchen dann so seltsam?“, fragte die Agentin dann mit sehr bohrendem Tonfall. „Sie ist abergläubisch, Agent.“, erklärte ich. „Wissen Sie, was das ist?“ Sedrin legte ihren Kopf in die Hände und kratzte sich nachdenklich an selbigem. Nach einer Weile sagte sie dann: „Ich denke schon. Ist das diese Sache, wenn man glaubt, dass man nicht unter einer Leiter durchgehen darf und das die 13 eine Unglückszahl …“ „Genau.“, lächelte ich zurück. „Und auch eine schwarze Katze, die einem über den Weg läuft, bedeutet Pech.“ „Was für ein grotesker Unsinn.“, murmelte Sedrin, berichtigte sich aber gleich wieder und meinte: „Na, ja, Mutter Schicksal sei Dank darf man ja glauben, was man will, zumindest noch und zumindest in der freiheitlichen Föderation.“ Was ihr Seitenhieb bedeutete, sollte ich noch früh genug erfahren.

Solidarisch gingen wir im Schulterschluss zum Unfallort zurück. „Was hat sie Ihnen gesagt?“, brummelte uns Rainolds, ein schnauzbärtiger untersetzter Mann von ca. 1,80 m Größe mit kauzigem Gesicht, entgegen. „Kein außerirdischer Einfluss.“, fasste Sedrin knapp meine Aussage zusammen. Dann rief sie Mikel, der mit der Vernehmung von Nalas beschäftigt war, zu: „Wir rücken ab!“

Ich musste so ins Kofferpacken vertieft gewesen sein, dass ich die Sprechanlage meiner Haustür zunächst überhörte. Erst, als eine Stimme am Fenster mich ansprach, reagierte ich. „Mrs. Scott!“, rief die mir wohl bekannte Stimme zu mir herein. „Sind Sie noch da?“ Ich erkannte Nalas, bemerkte aber auch, dass er von einer großen Angst getrieben sein musste. Seine zitternde Stimme und die Tatsache, dass er hinten herum auf mein Grundstück geschlichen war, ließen mich dies vermuten. Ich ahnte nicht, wie Recht ich haben sollte. „Ja, Nalas!“, erwiderte ich zum Wohnzimmerfenster gewand. „Du hast Glück. Komm bitte zur Vordertür. Ich mache auf!“

Er wuselte ums Haus, während ich langsam zur Vordertür ging. Hier traf ich auf einen zitternden kleinen Bajoraner, der mir ängstlich und Halt suchend seine rechte Hand entgegenstreckte. „Oh, scht.“, machte ich und zog ihn mit mir in die Wohnstube, wo ich schon ein Tablett mit auf die Schnelle replizierten Leckereien auf den Tisch gestellt hatte. Bei Jumjas, heißer Schokolade und Keksen würden wir über die Ursache seiner Angst reden. Es war mir egal, dass ich nicht rechtzeitig an der öffentlichen Transporterplattform sein würde, um zum Raumflughafen nach Washington zu beamen. Es war mir genau so egal, dass ich das Shuttle der Flugbereitschaft verpassen würde, das mich ursprünglich zurück zur Sternenbasis 817 bringen sollte. Diesem verängstigten Kind zu helfen, war mir viel wichtiger.

„Setz dich doch.“, lud ich Nalas ein. Dieser setzte sich auf den rechten Platz des kleinen bunten Zweiersofas mit dem weichen Bezug, das in meinem Wohnzimmer vor einem niedrigen Tischchen aus braunem Holz mit einer weichen gewebten Decke aus Tribblewolle stand. In der Decke waren alle möglichen Farben vertreten. Sie war ein Geschenk von Tchiach zu meinem 35. Geburtstag gewesen. Die kleine Vendar hatte sich das notwendige Material über Agent Maron besorgt, der, genau wie alle anderen Besatzungsmitglieder der tindaranischen Basis auch, darüber strengstes Stillschweigen bewahrt hatte. Tchiach hatte nicht einmal das Spinnen der vorhandenen Wolle durch einen Replikator erledigen lassen wollen. Gegenüber ihrer Ziehmutter hatte sie darauf bestanden, sämtliche Schritte in reiner Handarbeit zu tun. Sie lebte streng nach dem Lebensmotto der Vendar: „Kel Mashar“, was man etwa mit: „Was lange währt, wird endlich gut.“, ziemlich frei übersetzen könnte.

Ich hatte nun das silberne Tablett mit der grünen Kanne, den weiß geblümten Tellern und den zwei bauchigen grünen Gläsern, die von vornherein zu der ebenfalls etwas ausladenden Kanne gehört hatten, vor uns abgestellt und war nun im Begriff, die Gläser mit der heißen Schokolade zu befüllen. „Oh, warten Sie, Mrs. Scott.“, sagte Nalas plötzlich und schickte sich an, nach meiner Hand zu greifen. „Ich helfe Ihnen.“ Dann hielt er sich aber sofort wieder selbst zurück und verbesserte: „Darf ich Ihnen helfen?“ Er wusste, dass ich an sich gar nicht damit einverstanden war, wenn man mir alles abnahm. „Ich kriege das schon hin.“, lächelte ich. „Aber.“, entgegnete er. „Sie sehen doch nicht, wenn das Glas voll ist.“ „Das ist wahr.“, räumte ich ein. „Aber ich habe da so meine Methoden. Schau!“ Damit legte ich meinen linken Zeigefinger an die Innenwand eines der Gläser. Meine Fingerkuppe lag kurz unter dem Rand. Würde der Flüssigkeitsspiegel diesen jetzt erreichen, würde ich dies spüren. Fasziniert sah Nalas mir bei diesem Unterfangen zu.

Ich schob ihm sein Glas hin. Dann ließ ich mit einem lauten Flatsch den dicksten Jumja-Stick auf seinen Teller prasseln, den ich finden konnte. Auch diesen schuppste ich lässig in seine Richtung und nahm dann links neben ihm Platz. Er war sicher nicht der erste Jugendliche, der mich wegen eines Problems zu Hause aufsuchte. Ich war, aus welchem Grund auch immer, zu einer Institution in Little Federation geworden, was das anging. Die hiesigen Teenies sagten mir ein großes Verständnis nach. Wenn ich also auf der Erde war und die Kids wussten das, hieß es auf dem Schulhof des Öfteren, wenn jemand nicht weiter wusste: „Geh doch zu Mrs. Scott !“ Vielen von ihnen hatte ich aber auch schon das Du angeboten. Also nannten sie mich Betsy. So verfuhr ich jetzt auch mit Nalas. Darauf hatten wir den ersten Schluck Schokolade getrunken.

Mehrere Minuten verstrichen, Ohne, dass Nalas mit der Sprache herausrückte. Ich konnte seine Körperhaltung zwar nicht sehen, aber durch den Umstand bedingt, dass er direkt neben mir saß und wir durch das Sofa eng beieinander waren, konnte ich spüren, dass er sich immer mehr verkrampfte. „Na komm.“, versuchte ich, ihm einen Anstoß zu geben. „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Was hast du denn auf dem Herzen?“ „Oh, Betsy.“, sagte Nalas plötzlich mit einem erfreuten Ton. Er war der Klassenbeste und freute sich immer, wenn es etwas zu lernen gab. „Ist das ein terranisches Sprichwort?“ „Ja.“, antwortete ich. „Cool!“, freute sich Nalas. „Wieder was gelernt.“

Die Hälfte der diesjährigen Abschlussklasse der High School von Little Federation bestand aus Nicht-Terranern. Also hatte Nalas wieder etwas, mit dem er auf dem Schulhof kräftig angeben konnte. Er und Melissa waren als „Streberleichen“ bekannt, standen aber dazu.

„Ich denke.“, lenkte Nalas wieder vom eigentlichen Thema ab. „Dass man gar nicht früh genug anfangen kann, etwas über andere Kulturen zu lernen. Zumal dann nicht, wenn man Sternenflottenoffizier werden will.“ Er wartete eine Weile auf eine Reaktion von mir. Ich aber blieb in Wartestellung, denn ich wusste genau, das war nicht der Grund, aus dem er mit mir reden wollte. Davor, mir das zu sagen, konnte er doch keine solche Angst gehabt haben. Das war doch eigentlich etwas Erfreuliches. „Weißt du, Betsy.“, sagte er dann. „Es gibt so vieles, was ich an eurer Kultur noch nicht verstehe.“ Seine letzten Worte ertranken in einem Schwall Tränen. Eilig besorgte ich ihm ein paar Papiertaschentücher, die er aber ziemlich schnell verbraucht hatte. „Oh, du meine Güte.“, sagte ich mit beschwichtigendem Ton und strich ihm über sein Gesicht, welches noch immer nass von Tränen war. „Erzähl doch.“, drängte ich ihn vorsichtig. „Es ist Mely!“, platzte es aus ihm heraus. „Deine Mely?“, fragte ich mitfühlend. „Deine liebe süße Mely? Was ist denn mit ihr?“ „Sie macht komische Sachen.“, antwortete der kleine Bajoraner. „Sie kommt nie zur Schule, wenn es Freitag der 13. ist. Sie meidet Caruso, wo es geht. Dabei ist der doch so lieb. Sie hat einen Hasenfuß und ein Hufeisen in der Tasche und das Vorhin war ja wohl voll die Härte. Warum macht sie das? Ist sie krank?“ „Nein.“, tröstete ich. Gleichzeitig überlegte ich, wie ich ihm die Sache mit dem Aberglauben am Besten erklären sollte. Bei einem terranischen Kind hätte ich da sicher keine solchen Schwierigkeiten gehabt. Nalas aber war Bajoraner und hatte wahrscheinlich schon genug mit den vielen „normalen“ Glaubensrichtungen auf diesem Planeten zu kämpfen. Auf Bajor glaubten seines Wissens nach die Meisten an nur eine Gruppe Götter, die Propheten. Hier aber gab es so viel Verschiedenes und jetzt kam auch noch der Aberglaube hinzu, den ich ihm jetzt irgendwie erklären musste. Ich kratzte all mein geschichtliches Wissen zusammen und begann: „Vieles, was abergläubische Leute glauben, kommt noch aus dem Mittelalter. Das war lange vor unserer Zeit.“ „An Warpantriebe war da noch nicht zu denken.“, machte er einen Scherz, um meinen wohl sehr trocken wirkenden Vortrag etwas aufzulockern. „Nein.“, lächelte ich zurück. „Aber das hat miteinander ja auch nichts zu tun. Schau mal: Ihr seid ja auch warpfähig und glaubt trotzdem daran, dass die, die wir als Wurmloch-Aliens bezeichnen, eure Götter sind, weil das von Alters her so war. Ihr durftet aber trotzdem in die Föderation, weil wir Glaubensfreiheit haben.“ „Ich verstehe.“, sagte Nalas. „Neulich hat Mely zu mir gesagt, dass ihr das selbst auf die Nerven geht, wie sich ihre Familie manchmal verhält. Sie findet das eigentlich selbst echt affig. Aber sie ist nun mal so erzogen. Betsy, könntest du uns da nicht helfen?“

Ich legte den Kopf in beide Hände und dachte nach. Mir würde schon etwas einfallen. Nur musste es schnell geschehen. Die Art und Weise, in der Nalas sein Problem an mich herangetragen hatte, ließ eine große Dringlichkeit vermuten.

„Oh, Betsy.“, sagte er plötzlich, nachdem sein Blick die Zeitanzeige meines Sprechgerätes gestreift hatte. „Ich halte dich auf.“ Drauf geschissen!, dachte ich. Dass ich das Shuttle verpasst hatte, war mir ziemlich egal. Außerdem war das, worum er mich gerade gebeten hatte, ja auch irgendwie dienstlicher Natur. War es nicht die Aufgabe von uns Sternenflottenoffizieren, Zivilisten vor Angst und Unheil zu beschützen? Genau das würde ich ja tun. Sicher müsste ich mit meinem Commander darüber sprechen, aber in der Hinsicht konnte man mit Kissara Pferde stehlen. Sie würde sich schon etwas einfallen lassen, um mein Fernbleiben von der Basis vor Präsidentin Nugura und allen Mitgliedern des Oberkommandos zu rechtfertigen.

Ich schickte Nalas nach Hause, nicht ohne ihm zu versprechen, etwas wegen seines Problems zu unternehmen und passte dann Mikel ab, der auf seinem Weg an meinem Haus vorbei musste. Eigentlich hatten wir vor, gemeinsam zum Raumflughafen zu gehen und ein gemeinsames Shuttle zu nehmen. „Wo ist dein Koffer?“, fragte mich der etwa 1,60 m große blonde junge Mann, den ich schon seit unserer gemeinsamen Schulzeit im 21. Jahrhundert kannte. Deshalb duzte er mich auch, wenn wir privat und unter uns waren, obwohl er eigentlich, seit wir der Sternenflotte angehörten, einen Rang über mir stand. „Den werde ich wieder auspacken, sobald ich wieder zu Hause bin.“, antwortete ich, als sei es das Normalste der Welt. „Aber Betsy, wir müssen zum …“ „Genau genommen.“, unterbrach ich ihn. „Werde ich auch Dienst tun. Nur eben in der Heimat.“ Er gab einen Laut von sich, den ich bereits gut kannte und der mich darauf aufmerksam machte, dass er sehr irritiert sein musste. „Hör mir jetzt bitte zu.“, bat ich unbeeindruckt. „Sag dem Piloten bitte, er möge Kissara sagen, dass ich ihr OK brauche. Ich müsse auf der Erde bleiben, um zwei Zivilisten gegen Unwissenheit und Ignoranz zu verteidigen. Das schluckt Nugura immer. Kissara soll es ihr bitte genau so weitergeben.“ Ich ahnte nicht, was dieser Satz, der eigentlich nur als hinterlistiger Trick gemeint war, noch für einen faden Beigeschmack erhalten sollte. Mikel zog verwirrt los.

Commander Kissara saß in ihrem Bereitschaftsraum. Das freundlich und hell eingerichtete Zimmer wurde durch ein Regal in zwei Hälften geteilt. In der hinteren Hälfte befand sich Kissaras Schreibtisch, der aus glattem schwarzem repliziertem Eichenholz bestand, davor befanden sich zwei große mit braunem Wollstoff bezogene Sessel. Die Fläche hinter dem weißen Kunststoffregal war frei. Sie betrat man direkt von der Tür aus. Kissara saß auf einem der beiden Sessel und hatte ein Pad in ihrer rechten Hand. Ihr linker Zeigefinger zeigte ihr unaufhörlich die Zeile, in der sie gerade las. Deshalb überhörte sie wohl auch zuerst das Piepen des Sprechanlagenterminals, welches sich fest eingebaut in der rechten oberen Ecke des Schreibtisches befand. Erst nach dem dritten Mal sah sie aus dem Augenwinkel auf das Display und erkannte das Rufzeichen der Kommandozentrale und das Unterrufzeichen des Kommunikationsplatzes. „Ja, Ribanna.“, schnippte sie lässig in Richtung des Mikrofons. An der leicht unsicher vorgetragenen Antwort der jungen Terranerin indianischer Abstammung, die meine feste Vertretung war, konnte Kissara bereits spüren, dass etwas in der Luft lag. „Das Shuttle ist eingetroffen, Ma’am.“, trug Ribanna leise vor. „Agent Mikel war an Bord. Er hat eine Nachricht von Allrounder Betsy, die er oder der Pilot nur Ihnen sagen möchten. Der Allrounder hätte es ihnen so aufgetragen.“ „Schon gut, Ribanna.“, tröstete Kissara. „Haben Sie ihn noch in der Leitung?“ Die Angesprochene verneinte. Dann sagte sie: „Er hat den Agent abgesetzt. Dann hat er wieder abgedockt. Agent Mikel ist jetzt bei mir.“ „Schicken Sie ihn her.“, antwortete Kissara und dachte bei sich: In was Allrounder Betsy da wohl wieder geraten ist.

Wenige Minuten später betrat Mikel die freie Fläche vor dem Raumteiler. Nachdem der Computer die Tür wieder hinter ihm geschlossen hatte, salutierte der Spionageoffizier vorschriftsmäßig gegenüber seiner Vorgesetzten und sagte dann: „Ich habe eine Nachricht von Allrounder Betsy. Sie bittet um …“ „Kommen Sie her, verflucht.“, zischte Kissara. Sie ahnte wohl schon, dass dies etwas mit einer Heimlichkeit zu tun haben musste. „Und nicht so laut.“ Sie zerrte ihn um den Raumteiler herum auf den Sessel zu ihrer Linken. Dann replizierte sie beiden zunächst einmal einen starken Kaffee. Sie meinte wohl, den würden sie brauchen. „Also schön.“, ergab sie sich in ihr Schicksal. „Was ist Ihrer Freundin da wieder passiert?“ Ich hatte den Ruf, Katastrophen anzuziehen. „Genaues weiß ich nicht.“, entgegnete der Terraner aufgeregt und wiederholte meine Nachricht. „Was immer Sie damit auch meinen mögen, Sie beide.“, grinste Kissara schelmisch, nachdem er geendet hatte. „Mit einem haben Sie und unser kleiner Allrounder Trickreich Recht. Nugura wird das schlucken müssen. In gewisser Weise gehört es ja zum Aufgabenbereich eines Sternenflottenoffiziers. Zumal dann, wenn man den aktuellen politischen Kurs betrachtet, den unsere Präsidentin im Moment eingeschlagen hat. Sie schwimmt total auf der politischen Welle unserer baldigen Neubürger, der Nihillaner. Sich gegen Unwissenheit und rückständige Gedanken und Glaubensrichtungen zu verteidigen und diese auszumerzen, ja, das ist auch deren Motto.“ Bei ihren letzten Sätzen machte sie ein missmutiges Gesicht, als würde sie ahnen, zu was das noch führen sollte. „Aber gut, im Namen aller Götter.“, sagte sie dann und dachte: Solange wir sie noch haben dürfen. Danach sprach sie weiter: „Ich sage es Nugura. Mal sehen, wie sie reagiert.“

Verwundert drehte sich der erste Offizier um und ging. Die Vorahnung seiner thundarianischen Vorgesetzten teilte Mikel nicht. Er war ja auch noch nie bei einem Treffen mit den Nihillanern dabei gewesen. Er konnte es also nicht wissen. Er konnte nicht wissen, dass Kissara bereits drohendes Unheil auf uns zu kommen sah, würden wir die Nihillaner in die Föderation aufnehmen, wie die Präsidentin es vorhatte. Die Thundarianerin hatte zwischen den Zeilen gelesen und würde nicht auf die schönen Worte von President Ethius und seiner militärischen Oberbefehlshaberin, Commandara Evain, hereinfallen. Kissara kam sich allerdings vor, als sei sie die Einzige, der bestimmte Dinge aufgefallen waren.

Lange hatte Kissara überlegt, wie sie Nugura mein Belang so auseinandersetzen konnte, dass diese es positiv bescheiden würde. Sie war sehr herzlich und würde es auch gut finden, wenn ich den Kindern bei ihrem Problem helfen würde. Sie brauchte also eine Strategie. Eine Strategie? Wer als ihr strategischer Offizier konnte ihr hier wohl am Besten helfen? Sie drehte sich in Richtung des Computermikrofons und fragte hinein: „Computer, wo ist Warrior Kang?“ „Warrior Kang befindet sich in seinem Quartier.“, erfolgte eine sachliche Antwort. „Melde ihm, dass ich zu ihm unterwegs bin.“, entgegnete Kissara. Sie hatte mit Kang eine entsprechende Vereinbarung, da dieser oft klingonische Kampfübungen mit echten klingonischen Waffen und replizierten Tierpräparaten durchführte, bei denen sein Temperament sehr hoch kochte und er oft eine Zeit brauchte, um es wieder auf ein ruhiges Level herunterzufahren. „Befehl wird ausgeführt.“, erwiderte der Computer. Das war auch für Kissara das Signal, sich langsam aber zielstrebig in Bewegung zu setzen.

Sie kam bald an Kangs Quartier an und betätigte die Sprechanlage. „Kommen Sie herein, Ma’am.“, meldete sich eine verhältnismäßig ruhige klingonische Stimme. Kissara betrat den Flur. Kang, der ihr schon entgegengegangen war, nahm sie vorsichtig bei der Hand und führte sie ins Wohnzimmer. Kissara kannte seine Einrichtung. Sie war im Gegensatz zu der in manch anderem Quartier, recht spartanisch, eben typisch klingonisch, ausgefallen.

Nachdem sich beide gesetzt hatten, berichtete sie ihm von ihrem Problem. Kang grinste und machte ein Gesicht, als wollte er sagen: „Das ist doch das Einfachste der Welt.“ Dann sagte er: „Bei allem Respekt, Ma’am, der Allrounder und der Agent haben Ihnen eine super gute Steilvorlage geliefert. Warum verwandeln Sie sie nicht?“ Kang war inzwischen zum Fußballfan geworden. Diese irdische Sportart hatte es ihm irgendwie angetan. „Das ist ein Sport für einen Krieger!“, hatte er Mikel gegenüber oft gesagt, wenn dieser ihn darauf angesprochen hatte, denn Mikel hatte dies wohl für einen Klingonen als sehr ungewöhnlich empfunden.

Bevor Kissara aber antworten konnte, musste sie sich eines Bildes erwehren, das gegen ihren Willen vor ihrem geistigen Auge entstanden war. Sie sah ein Fußballfeld. Darauf standen auf der einen Seite Mikel und ich in hinterer Linie und sie im Sturm ganz vorn. Alle drei trugen wir unsere Uniform. Uns gegenüber standen Nugura und ihre Minister. Alle trugen Schlips und Kragen, beziehungsweise feine Kleider, wie es eben in Büros üblich war. Kang saß wild gestikulierend auf der Trainerbank. Als Ball diente ein Datenkristall mit meinem Antrag, den Mikel und ich Kissara gerade zugespielt hatten. Im letzten Moment hatte sie mit dem Schuss gezögert und der Computer hatte das Spiel für beendet erklärt, weil die Zeit um war. So endete es null zu null.

Endlich hatte Kissara jenes Bild, das sie insgeheim ziemlich komisch fand, verdrängt. Sie wusste, dass sie mit Kang über diese Sache ernst sprechen musste, denn es hätte ja sein können, dass der Klingone sich sonst veralbert fühlen könnte und das mögen Klingonen im Allgemeinen nicht. „Aber natürlich, Mr. Kang, Sohn des Kurn, aus dem Hause des Kolof. Sie haben Recht. Was Betsy mir übermitteln lassen hat, dürfte Wasser auf Nuguras augenblickliche Mühlen sein.“ Sie verhehlte nicht, dass es ihr mit der momentanen Politik der Präsidentin nicht gut ging. Dann fragte sie: „Darf ich Ihre Sprechanlage benutzen?“ Kang nickte. Sie schluckte ihren Groll herunter, was ihr nicht sehr leicht fiel. Dann aktivierte sie die Sprechanlage: „Ribanna, geben Sie mir Nuguras Büro.“ Mit flinker Hand und redegewandter Stimme arrangierte Ribanna die gewünschte Verbindung. „Selbstverständlich, Kissara.“, freute sich die Präsidentin, nachdem ihr mein Commander mein Anliegen unterbreitet hatte. „Sagen Sie Ihrem tapferen Allrounder, ich entbinde sie hiermit von allen Missionen der Granger, bis sie ihren Kampf gegen die Rückständigkeit gewonnen hat.“

Kissara spürte, wie ihr Gesicht wieder einen wütenden ernsten Ausdruck bekam. Sie wollte sich aber nichts anmerken lassen. Deshalb legte sie das Gespräch kurz in die Warteschleife und versuchte, sich zu beruhigen. Komm schon, Kissy., Dachte sie. Lächeln! Sie darf es doch nicht sehen. Außerdem hast du keine Beweise. Dann fasste sie sich ein Herz, nahm das Gespräch wieder an und sagte: „Es freut mich, Madam President, dass wir einer Meinung sind. Ich werde ihr die frohe Botschaft gleich überbringen.“ Sie drückte die 88-Taste, aber nur, um der erloschenen Verbindung eine weitere folgen zu lassen: „Ribanna, verbinden Sie mich mit Allrounder Betsys Rufzeichen auf der Erde!“

So war es also dazu gekommen, dass ich jetzt vor meinem Sprechgerät saß und abwechselnd mit der rechten und der linken Fußspitze auf den Boden tippte. Das Piepen des Transceavers klang für mich wie Erlösungsgesang. „Hier Allrounder Betsy.“, meldete ich mich vorschriftgemäß. Einer Rechnereinstellung sei Dank wusste ich nämlich, dass der Ruf von einem Sternenflottensprechgerät kam. Der Computer hatte mir dies vorgelesen. Ich hörte ein Geräusch, als würde jemand das Mikrofon mit einer Wolldecke bedecken und dann etwas, das mich an das Schnurren einer Katze erinnerte. Nur war es um ein Vielfaches lauter. Ich schlussfolgerte, dass am anderen Ende der Verbindung nur Kissara sein konnte. Dass die Thundarianer schnurren konnten, war mir zwar gerüchteweise bekannt, aber ich hatte es bisher nie so richtig glauben wollen. „Ma’am, haben Sie etwa … Ich meine, können Sie …“, staunte ich ins Mikrofon. „Soll ich das etwa nicht?“, fragte Kissara etwas naseweis zurück. „Wenn ich doch so gute Nachrichten für Sie habe?“ „Was meinen Sie damit?“, versicherte ich mich. Ich hatte zwar schon eine Ahnung, wollte diese aber von ihr bestätigt wissen. „Es ist ein Ja!“, antwortete sie. „Passen Sie aber auf, wie weit Sie gehen.“ „Keine Angst.“, entgegnete ich. „Es handelt sich nur um zwei Jugendliche und etwas Aberglauben.“ „Ach so.“, erwiderte sie und ich dachte, etwas Schnippisches aus ihrer Stimme entnehmen zu können.

Jetzt würde ich überlegen müssen, wie ich am Besten vorgehen könnte, um Melissa ihre Angst zu nehmen. Die Holzhammermethode wäre sicher fehl am Platz. Ich würde ohnehin noch Hilfe brauchen und wusste schon, wen ich ansprechen würde.

Auf Nihilla hatte eine reptiloide Frau den Präsidentenpalast betreten. Sie war von ungefähr 190 cm Größe, hatte ein weißes Schuppenkleid und ihre Uniform, die ganz in strengem Schwarz gehalten war, wies sie durch einen metallisch glänzenden Federschmuck als Commandara, das bedeutet so viel wie militärische Führerin, aus. Sie trug eine Kiste mit allerlei zerstörten Gegenständen vor sich her, als handle es sich um Trophäen. Die Angestellten des Präsidenten winkten sie durch.

Die Nihillaner machen in ihrem Leben zwei Verwandlungen durch. Sie kommen zur Welt, indem sie aus Eiern schlüpfen. Dann sehen sie wie Amphibien aus. Während der Pubertät verwandeln sie sich das erste Mal unter einer Art Harzschicht, die von den Hautdrüsen produziert wird und Mutarin heißt. Dann sehen sie wie Echsen aus. Nur in diesem Stadium sind sie fortpflanzungsfähig. Mit ca. 40 Jahren verwandeln sie sich erneut und sehen im Alter aus wie Menschen. Dann leben sie noch einmal durchschnittlich 30 Jahre. Ihre Staatsform ist die Intellektokratie, also, die Herrschaft des Verstandes. Sie sind so etwas wie fundamentalistische Wissenschaftler. Derjenige mit dem größten IQ wird automatisch Staatsoberhaupt. Weshalb die korrekte Anredeweise für den Präsidenten „Allverstehender Präsident“ lautet. Die Nihillaner sind Berührungstelepathen. Das bedeutet, sobald sie jemanden anfassen, können sie seine Gedanken lesen, aber auch nur dann.

Die Chefin des nihillanischen Militärs stand jetzt also an der Schwelle zum Büro des Präsidenten. Dieser, ein ca. 180 cm messender grauhaariger Mann von dicklicher Statur und bereits 69 Jahren, musterte sie von Kopf bis Fuß und sagte dann: „Kommen Sie herein, Commandara Evain!“ Sie marschierte auf ihn zu und stellte die Kiste vor ihm auf dem schlichten holzfarbenen Schreibtisch ab. „Allverstehender Präsident.“, begann sie mit einem ekelhaft gemeinen Grinsen, bei dem ihre Echsenzunge geifernd hervortrat, als sie die Kiste öffnete. „Meine Leute und ich haben das letzte rückständige Nest von Religion ausgehoben. Alle Artefakte aus dem Tempel sind zerstört. Ich hoffe, das war denen endlich eine Lehre. Wer glaubt denn heute noch an Schöpfung und den ganzen Unsinn? Die Wissenschaft hat uns doch erklärt, dass alles ganz anders ist. Darf ich noch bemerken, dass es meinen Soldaten eine Freude und eine patriotische Pflicht war, diese Sinnbilder der Dummheit zu zerstören?“ Sie hielt die Scherben eines zerbrochenen Götterbildes in die Höhe und ließ sie mit einem verächtlichen Lachen in die Kiste zurückfallen.“ Präsident Ethius musterte sie und ihr Mitbringsel erneut. Dabei fühlte er sich wahrscheinlich wie ein kleiner Junge, der gerade mit seinem Lieblingszinnsoldaten gespielt hat. Dann klopfte er ihr auf die Schulter und sagte: „Gut gemacht, Evain! Und, wenn wir erst mal in der Föderation sind, werden wir es mit ihnen genau so machen. Religion ist einfach nur dumm. Es gibt keine Götter. Alles ist wissenschaftlich erklärbar. Es gibt keine Macht über der Wissenschaft. Wenn es eine Naturkatastrophe gibt, wer hilft dann? Gebete, oder technische Entwicklungen der Wissenschaft?“ Die Militärführerin stellte sich zackig vor ihren Präsidenten und antwortete schmissig: „Natürlich die Wissenschaft, Allverstehender Präsident!“ „Richtig!“, erwiderte Ethius. Dann sagte er: „Wegtreten! Aber lassen Sie die Kiste hier. Ich brauche sie noch.“ Evain nickte und machte auf dem Absatz kehrt, um den Raum im Stechschritt zu verlassen.

Ethius ließ seinen Blick über die Beute seiner Generalin schweifen, die sie ihm überlassen hatte. „Oh, ihr dummen Narren.“, spottete er an die Adresse ihrer vorherigen Besitzer gerichtet. „Wo waren eure Götter als Evain kam. Wenn ihr jetzt nicht einseht, dass es sie nicht gibt, dann tut ihr das hoffentlich nach einem Aufenthalt in einem Umerziehungslager. Evains Leute bilden sicher gern eine persönliche Eskorte. Ich will ja nur das Beste für euch. Auch ihr sollt an unserem fortschrittlichen Denken teilhaben können.“ Noch einmal schaute er spöttisch über die zerstörten Glaubenssymbole hinweg, bevor er sie mit einem Fußtritt der Materierückgewinnung des Büroreplikators überantwortete. Selbst die Berührung mit der Hand waren sie ihm nicht mehr wert.

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