Der Schandfleck

von Visitor
Zusammenfassung:

 

„Lügen haben kurze Beine!“, „Verbrechen zahlt sich nicht aus!“, „Die Vergangenheit holt einen immer wieder ein!“ Und wenn es 800 Jahre dauert. Drei Weisheiten, deren Bedeutung auch Präsidentin Nugura von der Föderation lernen muss, als die Übergabe eines von den Romulanern, politischen Verbündeten seit dem Krieg mit den Formwandlern, entwickelten Waffenkontrollsystems in letzter Sekunde durch eine neue Marionette Sytanias verhindert wird. Dass Sytania die offensichtliche psychische Erkrankung des armen Mannes schamlos ausnutzt und andere Fakten, die alles später in ein anderes Licht rücken könnten, werden erst durch die Tindaraner, Xylianer und andere Verbündete der Föderation aufgedeckt. Ob es Sytania schlussendlich etwas nützt, die Übergabe verhindert zu haben und ob sie ihren üblen Plan, alle Dimensionen auf einen Schlag zu erobern, ausführen kann, lest ihr am besten selbst!


Kategorien: Fanfiction, Fanfiction > Star Trek Charaktere: Keine
Genres: Science Fiction
Herausforderung: Keine
Serie: Keine
Kapitel: 66 Fertiggestellt: Ja Wörter: 367014 Aufgerufen: 324251 Veröffentlicht: 27.10.13 Aktualisiert: 23.01.14

Kapitel 8: Aus den Scherben erwächst neues Grauen

von Visitor

 

D/4 war in die Sisko Road eingebogen. Hier befand sich außer meinem Haus, an dem sie jetzt vorbei ging, auch die Praxis von Cupernica, von der sie die Medikamente für meine Behandlung besorgen wollte. Außerdem war dort auch das Haus der Huxleys, aus dem jetzt eine Gestalt auftauchte, die das Tor durchquerte und dann schnellen Schrittes auf sie zu ging. Erst spät erkannte die Sonde, wer es war. „Agent Sedrin Taleris-Huxley.“, identifizierte sie die Demetanerin mittleren Alters, die dicke Winterkleidung trug und ihre Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. „Das ist korrekt.“, scherzte Sedrin. „Ich wollte gerade einen Spaziergang machen.“ „Mein Operationsziel ist eher dienstlicher Natur. Ich muss Medikamente besorgen.“, erwiderte die Sonde. „Aha.“, lächelte die demetanische Agentin. „Dienstlich also. Wenn ich nicht wüsste, dass Sie für die Rettung arbeiten, hätte ich das sicher nicht verstanden. Aber wäre es nicht effizienter, die Medikamente einfach zu bestellen? Oder ist der Rechner in der Zentrale des Rettungsshuttles ausgefallen?“ „Negativ.“, sagte D/4. „Die benötigte Menge der Medikamente würde allerdings unsere Bestellmenge deutlich unterschreiten. Ein Frachttransport wäre also ineffizient. Ich benötige die Medizin nur für eine einzige Patientin.“ „Ich wusste gar nicht, dass Rescue One einen Einsatz hatte.“, sagte Sedrin. „Wir hatten auch keinen offiziellen Einsatz.“, erklärte die Xylianerin. „Die Patientin ist buchstäblich vom Himmel gefallen.“ „Dass Ihnen so etwas auch mal passiert.“, lachte Sedrin. „Aber sagen Sie jetzt bloß nicht, sie fiel Ihnen auch noch direkt in die Arme.“ „So könnte man es ausdrücken.“, sagte die Sonde. „Aber die Patientin und ich werden Ihre Assistenz benötigen, wenn sie in der Lage ist, eine Aussage zu machen. Ihr medizinischer Zustand lässt dies im Moment noch nicht zu.“ „Und eine Aussage unter Medikamenten ist juristisch ungültig.“, sagte Sedrin, der die Gesetzeslage als ausgebildeter Agentin sehr wohl klar war. „Das ist korrekt.“, sagte die Sonde. „Die Medikamente, die ich der Patientin verabreichen muss, haben einen sedativen Charakter. Sie werden ihre zeitliche und örtliche Orientierung einschränken.“ „Reichlich ineffizient, wenn man sich an Daten, Zeiten und Orte erinnern soll, nehme ich an.“, sagte die Geheimdienstlerin. „Ihre Annnahme ist korrekt.“, antwortete die Bereitschaftsärztin.

Sedrin zog D/4 zu einem nahen Pfeiler in der Nähe der Straße. Dort bedeutete sie ihr, sich neben sie zu setzen. „Sie haben mich ganz schön neugierig gemacht.“, sagte sie. „Und, wenn Sie mir nicht gerade gesagt hätten, dass Sie meine Hilfe bräuchten, würde ich auch gar nicht fragen, weil ich weiß, dass Sie an die Schweigepflicht gebunden sind. Aber wer ist Ihre Patientin?“ „Allrounder Betsy Scott.“, sagte D/4. „Ihr Vertrauensverhältnis zu Ihnen ist stabil und ich denke, sie wird Ihnen gegenüber leichter aussagen, als gegenüber einem Ihrer Kollegen.“

Sedrin fuhr herum. „Wenn Sie so etwas sagen.“, sagte sie. „Dann muss etwas sehr Schlimmes geschehen sein. Wann, glauben Sie, wird sie fähig zu einer Aussage sein und was ist überhaupt passiert?!“ „In 24 Stunden wird sie aussagen können, wenn ich ihr die Medikamente sofort gebe.“, berechnete D/4. „Aber meine Daten über die Ereignisse sind lückenhaft.“, gab sie dann zu. „Der Allrounder hat sich mir gegenüber nur sehr unpräzise ausdrücken können, was ich auf ihren Gesundheitszustand zurückführe. Sie hat einen Schock. Sie sagte nur, sie habe Scheiße gebaut.“ „Allrounder Betsy Scott baut keine Scheiße!“, sagte Sedrin alarmiert. „Sie geht immer lieber den geraden Dienstweg. Es könnte allerdings sein, dass sie in irgendetwas hineingeraten ist und sich jetzt irrtümlich die Schuld gibt. Das würde auf jeden Fall eher dem Charakter entsprechen, den ich von ihr kenne. Sie hat bisher weder erhöhte kriminelle Energie, noch erhöhte Risikofreude gezeigt. Sagen Sie mir bitte sofort Bescheid, D/4!Dann komme ich zu … Wo ist sie?!“ „Das werde ich.“, versicherte die Sonde. „Sie befindet sich in meinem Haus in meiner persönlichen Obhut.“

Sie stand auf, um ihren Weg zu Cupernicas Praxis fortzusetzen. Hier würde sie, da Cupernica meine Hausärztin war, auch gleich erfahren können, ob ich Allergien hatte und all das, was für die Gabe von Medikamenten unter Umständen wichtig sein konnte. Auch Sedrin setzte ihren Spatziergang fort, allerdings hatte sie die gesamte Zeit über ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Was die Sonde ihr gerade über mich verraten hatte, beunruhigte sie sehr. Sie kannte mich gut und wusste, dass, was immer auch passiert war, sehr schlimm für mich sein konnte und mich unter Umständen nicht mehr los lassen würde, wenn ich niemanden hätte, mit dem ich darüber reden konnte. Auch für D/4 war dies offensichtlich, weshalb sie auch ihren Besuch bei ihrer Kollegin auf das Nötigste beschränkte, um dann mit der Medizin so schnell es ging zurück an mein Krankenbett zu eilen.

Auf Space Force One hatte Nugura gerade ganz andere Sorgen. Sie hatte sich, nachdem sie und Saron wieder an Bord der Raumjacht waren, in ihr Quartier zurückgezogen. Dabei handelte es sich um einen mit warmen Farben eingerichteten Raum, dessen Wohlfühlatmosphäre sich auch an den Wänden und in den Möbeln fortsetzte. Hier saß die Präsidentin der Föderation nun an ihrem hellbraunen Schreibtisch in Holzoptik auf ihrem ebenfalls Ton in Ton zu dem Tisch passenden Stuhl und dachte nach. Immer wieder waren ihr die Dinge durch den Kopf gegangen, die sie auf Khitomer erlebt hatte. Sie hatte zwar keinen Beweis, dass Sisko damals tatsächlich den Mord an den romulanischen Gesandten geplant hatte, aber einen Gegenbeweis, der seine Unschuld beweisen würde, gab es auch nicht. Sie wusste, dass sie veranlassen musste, dass die Xylianer in den Besitz der Datenkristalle aus dem Museum kamen. Schließlich hatte sie es ihnen versprochen. Bei der Untersuchung konnte alles Mögliche herauskommen, wenn überhaupt noch etwas zu erfahren war. Der Zerfall der Kristalle wurde schließlich seit ca. 800 Jahren durch einen Abschluss von den Elementen verhindert. Wenn noch etwas auf den Kristallen zu finden war, dann würden sie es sicher finden. Erst danach konnte festgestellt werden, welchen Einfluss das auf die Beziehung zwischen der Föderation und den Romulanern haben würde. Würde tatsächlich festgestellt werden können, dass es stimmte, was der Fremde ihnen gezeigt hatte, dann hätten die Romulaner jedes Recht, die Beziehungen abzubrechen. Ja, sie könnten sogar Krieg führen wollen. In der Vergangenheit hatten schon weitaus nichtigere Gründe als ein Mord dazu ausgereicht.

Die Sprechanlage, welche das Kommen ihres Sekretärs ankündigte, hatte Nugura überhört. So sehr war sie in ihre Gedanken vertieft. Um so erstaunter war sie, als Saron plötzlich vor ihr stand und sich an sie wendete: „Madam President?“ „Mr. Saron!“, sagte Nugura erstaunt und warf den Kopf herum. „Bitte verzeihen Sie mein Eindringen.“, entschuldigte sich der Demetaner. „Aber ich denke, wir sollten dringend über die Situation reden, die uns der Fremde gezeigt hat. Ich weiß, dass ich nur ein einfacher Sekretär bin und sicher nicht das Recht habe …“ „Sie haben jedes Recht, mein guter Saron.“, sagte Nugura und deutete auf einen Sessel rechts neben dem Ihren. Vorsichtig, ja schon fast würdevoll, setzte sich Saron. Unbeeindruckt davon fuhr Nugura fort: „Sie haben jedes Recht, mit mir über die Situation zu reden. Ich bin mit Ihren Ratschlägen bisher immer gut gefahren und ich frage mich, warum sich das plötzlich ändern sollte.“ „Ich schätze, ich muss Sie enttäuschen.“, sagte Saron. „Dieses Mal habe ich nämlich keinen Rat für Sie. Ich bin genau so ratlos. Falls das stimmen sollte, was der Fremde uns gezeigt hat und es sich nicht um eine Art von telepathischer Bildmontage von Sytania handelt, dann hätte die Föderation eine große Schuld auf sich geladen. Eine Schuld, für die es keine Verzeihung gibt. Mord verjährt bekanntlich nicht und Sie wissen genau so gut wie ich, dass die Romulaner dann jedes Recht hätten, die ohnehin schon brüchige Bindung mit uns aufzukündigen.“

„Für einen einfachen Sekretär, als den Sie sich gerade bezeichnet haben.“, begann Nugura, nachdem sie beiden eine Tasse Kaffee repliziert hatte. „Haben Sie ein sehr gutes Verständnis für die große Politik.“ „Mit Verlaub, Madam President.“, entgegnete Saron. „Dazu braucht man keinen intellektuellen Geist, sondern nur ein gesundes Moralempfinden.“ „Mag sein, mag sein.“, sagte Nugura. „Aber ich werde zunächst mal dafür sorgen müssen, dass die Xylianer die Kristalle erhalten. Von ihren Ergebnissen wird alles Weitere abhängen. Wir stehen mal wieder vor einem riesigen Scherbenhaufen, Mr. Saron.“ „Lassen Sie uns zunächst abwarten, was die Xylianer herausfinden.“, tröstete Saron. „Sie denken doch wohl nicht ernsthaft, dass sie etwas zu unseren Gunsten finden werden!“, sagte Nugura. „Warum nicht?!“, meinte Saron optimistisch. „Sie haben es selbst gesagt, Madam President. Es ist noch nichts bewiesen!“ „Für uns nicht.“, korrigierte Nugura. „Aber für die Romulaner schon. Ich kann den Ausdruck auf dem Gesicht der Senatorin nicht vergessen, Saron! Ich kann ihn einfach nicht vergessen. Sie ist davon überzeugt, dass wir schuldig sind. Dessen bin ich sicher. Ich glaube nicht, dass sie an eine Bildmontage von Sytania glaubt. Natürlich hätte Sytania ein Motiv, das Ganze zu erfinden, um Zwietracht zwischen uns und den Romulanern zu sähen. Gerade jetzt, wo es den Romulanern gelungen ist, Meilenstein zu bauen. Aber was ist, wenn der Fremde uns die Wahrheit gezeigt hat? Auch diese Möglichkeit darf ich nicht von der Hand weisen, auch dann nicht, wenn sie ja eigentlich so gar nicht in die Moral der Föderation passen will. Aber damals herrschte Krieg und im Krieg ist man zu so manchen Taten fähig, die man später bereut.“ „Da haben wir den Kasus Knactus!“, entdeckte Saron. „Ihre Amtsvorgänger haben nämlich gar nichts bereut. Wenn wir mal davon ausgehen, dass es etwas zu bereuen gibt. Die Sache mit dem Krieg ist sicher nur eine Erklärung und ich will nicht, dass Sie sie als Entschuldigung missdeuten.“ „Das habe ich nicht, Mr. Saron.“, sagte Nugura und strich ihrem Sekretär über das Haar. „Keine Angst. Wenn ich so naiv wäre, dann würde ich mir ja selbst ein Bein stellen. Sie sind doch nicht davon ausgegangen, dass ich mich demnächst in einem Schreiben an die Romulaner damit entschuldige, dass im Krieg und in der Liebe alles erlaubt ist. Nein! Politik kann ein hartes Geschäft sein, Mr. Saron und da ist kein Platz für wildromantische Vorstellungen. So einen Brief wird es nie geben und ich werde erst einmal die Ergebnisse der Xylianer abwarten! Dann werde ich über mein weiteres Vorgehen entscheiden!“ „Haben die Romulaner das Angebot der Xylianer mitbekommen?“, fragte Saron. „Ich meine, in der momentanen angespannten Situation könnten sie bereits jetzt auf eine Antwort warten und sich wundern, wo diese bleibt. Ich denke, wir sollten sie informieren, damit sie nicht schlimm von uns denken.“ „Da haben Sie wohl Recht, Saron.“, sagte Nugura. „Wir sollten sie wirklich informieren. Nur mit einer Sache liegen Sie leider falsch. Die Romulaner denken bereits schlecht über uns. Wir können jetzt den Schaden nur noch begrenzen, indem wir, wenn die Wahrheit zu unseren Ungunsten ausfallen sollte, uns dem stellen. Wir können das Thema dann nur noch aufarbeiten und den Romulanern alle Informationen darüber zur Verfügung stellen, die wir selbst besitzen. Gut, wir würden dann ganz schön viel Abbitte zu leisten haben, aber wer sündigt, der muss auch Buße tun.“ „Da stimme ich Ihnen vollkommen zu, Madam.“, sagte Saron. „Und ich finde es sehr mutig, Sea Federana, dass Sie dies in Betracht ziehen und nicht sofort nach einer Möglichkeit suchen, sich aus der Sache zu lavieren.“ „Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, Saron.“, sagte Nugura. „Aber wir werden nicht untätig bleiben, was die Wahrheitssuche angeht. Das bedeutet für Sie, dass Sie 800 Jahre Präsidentschaft der Föderation im Archiv aufarbeiten werden. Ich muss herausfinden, wie viel meine Vorgänger im Amt über diese Affäre wussten. Sie können den Rechner ja nach den Schlagworten Mord und romulanische Gesandte suchen lassen.“ „Und nach Sisko.“, warf der Sekretär ein. „Ja und nach Sisko.“, sagte Nugura. „Ich weiß, dass wir damit einen Helden töten, denn Sisko war im einfachen Volk sehr beliebt, aber alle machen mal Fehler.“ Saron nickte gequält.

„Wollen Sie gleich mit den Romulanern sprechen?“, fragte er. „Das wäre wohl am besten.“, sagte Nugura. „Dann werde ich in die Wege leiten, dass das so schnell wie möglich geschieht.“, sagte Saron und nahm sich das Mikrofon der Sprechanlage, um auf der Brücke Bescheid zu sagen. „Hier Allrounder Janson.“, meldete sich eine tiefe sonore Stimme vom anderen Ende der Verbindung. „Hier ist Saron.“, sagte dieser. „Bitte verbinden Sie mich mit dem romulanischen Senat.“ „Einen Augenblick.“, sagte der terranische Kommunikationsoffizier, ein Schwede.

Es vergingen quälend lange Minuten. Minuten, die Nugura nur sehr ungern wartete. Sie konnte sich denken, wie die Senatoren auf ihre Versuche einer Kommunikation reagieren würden. Schließlich hatte das romulanische Schiff einen gewaltigen Vorsprung.

Endlich hörte sie das erlösende Signal. Aber nicht sie, sondern Saron beantwortete den Ruf, weil er das Mikrofon noch immer in der Hand hielt. „Ja, Allrounder?“, sagte der Sekretär. „Es tut mir leid.“, sagte Janson. „Aber die romulanischen Senatoren lassen ausrichten, sie wollen mit dem Staatsoberhaupt von Mördern und Lügnern kein Wort mehr persönlich wechseln. Das sollte ich wörtlich ausrichten.“

„Geben Sie mir das Mikrofon!“, befahl Nugura. Ihr Sekretär nickte und tat, was sie ihm soeben aufgetragen hatte. „Janson.“, begann Nugura. „Ich möchte, dass Sie ein Pad vorbereiten, um eine Nachricht von mir aufzunehmen, die Sie den Romulanern dann auch wörtlich übermitteln werden! Es sind nur zwei kurze Sätze.“ „Sofort, Madam President.“, sagte der Kommunikationsoffizier.

Es vergingen einige Sekunden. Dann sagte er: „Ich bin bereit.“ „In Ordnung.“, sagte Nugura ruhig. „Dann schreiben Sie: Die Xylianer bieten an, den Fall als neutrale Instanz zu untersuchen. Ich weiß, dass sie als politische Verbündete der Föderation bekannt sind, aber ihre Eigenschaften als künstliche Lebensformen machen sie integer. So. Und das senden Sie jetzt und zwar wörtlich!“ Janson nickte und beendete die Sprechanlagenverbindung. Nugura wusste, wenn die Romulaner nicht persönlich mit ihr reden würden, dann musste eben Janson als Postbote herhalten.

Nur Sekunden danach meldete sich Janson: „Sie lassen ausrichten, dass sie mit der Untersuchung durch die Xylianer einverstanden sind.“ „Na dann.“, sagte Nugura und lehnte sich zufrieden in ihrem Stuhl zurück.

Auch im Antiuniversum hatte man sich eingerichtet. Die Antinugura saß ebenfalls an ihrem Schreibtisch, nur stand dieser nicht auf der Jacht, sondern befand sich auf der Basis der Regierung, die ebenfalls durch die bekannten Zusammenhänge geschaffen worden war. Auch sie hatte Besuch vom Antisaron, ihrem Sekretär. „Ich finde es etwas seltsam, Madam President, dass wir alle diesem Professor Radcliffe unterstellt sind.“, meinte der Antisaron. „Das ist gar nicht so seltsam, wenn man einmal die Zusammenhänge genau betrachtet, Saron.“, sagte die Antinugura. „Sehen Sie. Sie glauben ja auch an Ihre Gottheit und für uns ist er nichts anderes. Schließlich hat er uns im Prinzip ja erschaffen, und zwar aus unseren Gegenstücken, unseren guten Gegenstücken, von denen er uns abgespalten hat.“ „Das habe ich sehr wohl verstanden.“, sagte der Antisaron. „Aber im Gegensatz zu unseren guten Gegenstücken haben wir noch keine funktionierende Föderation und noch keine Sternenflotte. Was ist, wenn Sytania oder Radcliffe uns befehlen, unsere Gegenstücke anzugreifen?“ „Dazu wird es noch nicht kommen.“, sagte die Antinugura zuversichtlich. „Das wissen die Beiden ja auch und unser Schöpfer, der als Einziger diesen Umstand ändern kann, ist bereits dabei. Er wird noch mehr Leute aufsuchen und sie überzeugen, sich rein waschen zu lassen. Die Übergabe von Meilenstein sollte eine öffentlich übertragene Veranstaltung werden. Es haben sicher viele zugesehen. Ich bin überzeugt, sie werden es kaum erwarten können, die große Schuld zu tilgen.“ „Aber Sie vergessen, Madam President.“, erwiderte der Antisaron. „Dass die Technologie nicht in der Lage war, das zu übertragen, was unser Schöpfer unseren Gegenstücken gezeigt hat, bevor er sie rein wusch.“ „Das stimmt.“, gab die Antinugura zu. „Aber das macht nichts. Unser Schöpfer wird einfach das Gleiche tun, was er bei unseren Gegenstücken getan hat. Die werden so geschockt sein, dass sie sich freiwillig der Waschung unterziehen wollen werden.“ „Von den Zivilisten kann ich mir das vorstellen.“, meinte der Antisaron. „Aber bei den Angehörigen der Sternenflotte sehe ich schwarz.“ „Gerade die, mein lieber Saron!“, lachte die Antinugura. „Gerade die werden ihm mit Freuden folgen. Der Schock wird bei ihnen sogar noch ungemein größer sein, als bei jedem Zivilisten. Schließlich wird alles in Frage gestellt, woran sie seit Jahrhunderten glauben! Und jetzt, Mr. Saron, verbinden Sie mich mit T’Mir!“ „Mit T’Mir?“, fragte der Sekretär ungläubig. „Mit Verlaub, Madam President, aber es wird keine T’Mir geben. Die Vulkanier sind neutral. Sie kennen keinen Hass und somit auch keine Bosheit! Wie soll eine …“ „Wollen wir wetten, dass Sie sich irren?!“, fragte die Antinugura streng. „Gehen Sie in Ihr Büro und überprüfen Sie im SITCH-System, ob es ihr Rufzeichen gibt! Aber lassen Sie die Tür geöffnet!“

Der Antisaron nickte und ging geplättet aus dem Raum durch die Zwischentür von ihrem Büro in das Seine. Hier führte er aus, was sie ihm soeben aufgetragen hatte. „Computer!“, befahl er mit leicht zitternder Stimme. „SITCH-Verbindung mit dem Rufzeichen des vulkanischen Staatsoberhauptes aufbauen!“ „Bitte warten. Ihr Befehl wird ausgeführt.“, erfolgte die kalte nüchterne Antwort des Rechners, die den Antisaron bereits in Erstaunen versetzte. Mit einem: „Befehl nicht ausführbar.“, hatte er gerechnet, da es ja das Rufzeichen und die Person, der es gehörte, seiner Meinung nach ja gar nicht geben konnte. Oder, der Computer hätte ihn zumindest fragen sollen, ob er das interdimensionale Relais benutzen wollte.

Ein Gesicht, das von zwei spitzen Ohren flankiert wurde, erschien auf dem Schirm. Die Augen der Frau kamen Saron allerdings sehr teuflisch und feurig vor. Er hatte den Eindruck, sogar eine wütende Grundstimmung darin zu sehen. Aber das konnte doch nicht sein! Sie war doch Vulkanierin! „Hier ist T’Mir!“, sagte die Frau mit einer boshaft schnarrenden Stimme, die dem Antisaron das Blut in den Adern gefrieren ließ. Richtig gemein klang sie in seinen Ohren. Nicht so warm und neutral, wie er die Stimme des Staatsoberhauptes der Vulkanier sonst in Erinnerung hatte. Die Erinnerungen ihrer guten Gegenstücke waren bei den Charakteren des Antiuniversums durchaus präsent. Dafür hatten Sytania und Radcliffe gesorgt.

Schließlich fasste sich der Antisaron ein Herz und erwiderte: „Hier ist Sekretär Saron. Präsidentin Nugura möchte Sie sprechen. Es tut mir leid, wenn wir Sie beim Meditieren gestört haben sollten. Es wird nicht wieder vorkommen.“ „Meditieren!“, entgegnete die böse Gegenspielerin des vulkanischen Staatsoberhauptes und schüttete sich fast aus vor Lachen. „So was tut wohl nur mein Gegenstück, aber ich nicht! Sie ist wohl viel zu feige, mit ihren Gefühlen zu leben, aber das bin ich nicht! Nein, im Gegenteil, mein lieber Saron. Ich lebe sie voll aus. Ich bin der Teil von ihr, den sie immer verleugnet hat! Den sie immer unterdrückt hat! Der Teil, der an den Gitterstäben gerüttelt hat und versucht hat, aus ihrem Gefängnis der Logik und des Verstandes ans Licht zu brechen! Was schließen Sie daraus?!“

Der Antisaron musste zugegebenermaßen eine Weile überlegen, aber die Gedanken, die ihm dazu kamen, gefielen auch ihm. Er musste sogar lächeln. „Ich schließe daraus, dass Sie noch viel böser und gemeiner sind, als alle anderen. Die Tatsache, dass die gute T’Mir Sie immer unterdrückt hat, bedeutet ja nicht, dass Sie nicht da waren. Im Gegenteil. Ich denke, Sie haben nur im Verborgenen auf eine Chance gewartet. Nur, wie hat Radcliffe Ihr gutes Ich dazu bekommen, Ihre Erschaffung zuzulassen?“ „Das war ganz einfach!“, lachte die böse T’Mir. „Er hat ihr gesagt, dass die Reinwaschung auch die Befreiung von der Geißel Emotion für immer und ewig bedeutet. Sie haben Recht, Saron. Dass man seine Gefühle unterdrückt, bedeutet nicht, dass sie nicht da sind.“ „Ein sehr genialer Schachzug.“, freute sich der Antisaron. „Ja, nicht wahr?“, stimmte die böse T’Mir zu. „Ohne diesen Schachzug von unserem genialen Schöpfer wäre ich jetzt nicht am Leben. Aber jetzt verbinden Sie mich erst mal mit Nugura. Sie wartet sicher schon ganz ungeduldig.“ „Wie Sie wünschen.“, sagte der Antisaron und wählte sich über das Menü in die interne Sprechanlage ein, um seiner Präsidentin das Gespräch durchzustellen. „Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass sie existiert?“, fragte die Antinugura triumphierend. „Ja, Madam President.“, antwortete ihr Sekretär. „Das haben Sie. Aber ich hätte es zuerst nicht für möglich gehalten.“ Damit stellte er die böse T’Mir an seine Chefin durch.

Auf dem Wüstenplanetoiden, auf dem Lycira und ich Nitprin zurückgelassen hatten, war es wieder Tag geworden. Entgegen Lyciras Annahme war das Mädchen doch am Leben. Aber da es extrem heiß am Tage war, fühlte sie sich sehr schwach. Außerdem war sie nicht unverletzt und ihr Kälteanzug war defekt. Er konnte ihr keinen Schutz mehr gegen das für die Breen doch sehr lebensfeindliche Klima bieten. Sie beschloss, dass es besser war, Energie zu sparen und bewegte sich also nur langsam auf allen Vieren vorwärts, während sie ihre Ausrüstung, die sie ja auf mein Geheiß von sich geworfen hatte, wieder aufsammelte. Sie hoffte so sehr, wenigstens eines der Sprechgeräte zu finden, denn sie musste ja irgendwie auf sich aufmerksam machen. Sie wusste zwar, dass Handsprechgeräte keine sehr große Reichweite haben, aber sie hoffte andererseits, aus den anderen Geräten vielleicht Teile nutzen zu können, um diese gegebenenfalls zu verstärken, oder eine Sonde zu bauen, die ihren Notruf noch weiter transportieren würde. Sie wahr in der Schule gut in Physik gewesen und hoffte, ihre Kenntnisse würden hierzu ausreichen. Sie machte sich keine Illusionen darüber, vielleicht doch noch beide Sprechgeräte finden zu können, denn das Intakte, welches sie von sich geworfen hatte, musste der Fremde haben, denn anders hätten die Systeme des Schiffes ihn ja nicht positiv identifizieren können. Aber vielleicht hatte er ja auch seine Kräfte benutzt, um das Schiff der Breen für sich gefügig zu machen. Er hatte sich die dazu nötigen Kenntnisse ja nur wünschen brauchen, wenn Nitprin das alles richtig verstanden hatte.

Sie war auf das Loch gestoßen, in dem der Kristallkegel gelegen hatte. Tatsächlich sah sie ihn dort immer noch liegen, denn Radcliffe musste ihn zurückgelassen haben. Das war auch sehr umsichtig von ihm gewesen und Sytania hatte es durchaus so beabsichtigt. Wenn man den Kegel bei ihm gefunden hätte, hätte das sicher unangenehme Fragen aufgeworfen. Sie wollte ja auf keinen Fall mit der Sache in Verbindung gebracht werden.

Nitprin überlegte. Wenn der Kristall dem Fremden diese Kräfte verliehen hatte, warum sollte das nicht auch bei ihr klappen?! Dann wären alle Schwierigkeiten mit einem Mal vergessen! Deshalb legte sie sich auf den Bauch und kroch näher an die steil abfallende Kante der Ausgrabungsstelle heran. Dann angelte sie mit der rechten Hand nach dem Kegel und hielt sich mit der Linken am Rand des Loches fest, was für sie aufgrund der Gesamtsituation schon eine enorme körperliche Anstrengung bedeutete. Es gelang ihr jedoch tatsächlich, den Kegel zu erreichen und ihn zu sich an die Oberfläche zu ziehen. Dann legte sie ihre Hände in gleicher Weise darauf, wie sie es bei dem Fremden gesehen hatte, aber nichts geschah. „Na gut!“, schrie sie wütend und verzweifelt, denn was das für sie bedeutete, wusste sie längst. Ihre Ausrüstung hatte sie zusammengesammelt, aber das einzige Sprechgerät befand sich bei der Leiche ihres Vaters. Dass die Umstände sie jetzt auch noch dazu zwangen, diesen in seiner Totenruhe zu stören und ihm etwas wegzunehmen, befremdete sie sehr. „Offensichtlich warst du nur für ihn bestimmt! Dann geh zurück dort hin, wo du hergekommen bist!“ Sie warf den Kegel mit hasserfülltem Blick in das Loch zurück, um danach ihren toten Vater aufzusuchen. Wenn etwas von seiner Ausrüstung noch brauchbar war, musste sie, ob sie wollte, oder nicht, es jetzt aus seinen Taschen bergen und wenn es nur einige Schaltkreise waren. Verzeih mir, Vater., dachte sie mit klopfendem Herzen, während sie ihr leichenschänderisches Werk begann.

Auf 281 Alpha hatte Jenna gemeinsam mit ihrer Assistentin das Schleppmanöver beobachtet, mit dessen Hilfe das neue Schiff zur Station gebracht wurde. Dann hatte der zuständige tindaranische Ingenieur es an sie übergeben. „Wollen Sie Ihrem Freund jetzt Bescheid geben, Jenn’?“, flapste Shannon. „Sicher, Assistant.“, erwiderte Jenna. „Joran ist schon ganz wild auf sein Schiff.“

Sie nahm das Mikrofon der Sprechanlage in die Hand und gab das Rufzeichen ihres Quartiers in die Konsole ein. Am anderen Ende der Verbindung meldete sich ein etwas schläfriger Joran: „Was gibt es, Telshanach? Ich hatte mich gerade hingelegt.“ „Du wirst gleich hellwach sein.“, lächelte die hoch intelligente Halbschottin ins Mikrofon. „Dein Schiff ist da. Ich werde jetzt die Einschwurprotokolle überspielen. Am besten, du kommst gleich her.“ Der Vendar hatte diese Nachricht erfreut zur Kenntnis genommen. „Ich bin auf dem Weg, Telshanach.“, sagte er lächelnd und beendete die Verbindung, um sich dann auf den Weg zu ihr zu machen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es doch so schnell gehen würde.

„Der hat sich ja gefreut wie ’n kleiner Junge an Weihnachten.“, stellte Shannon gewohnt flapsig fest. „Würden Sie das nicht, wenn Ihnen jemand ein eigenes Schiff versprechen würde, Assistant?“, fragte Jenna. „Ach.“, meinte Shannon. „Ich hab’s nich’ so mit der Fliegerei.“ „Sie wissen doch genau, was ich meine.“, sagte Jenna.

Verschlafen stand Joran aus seinem Bett auf und legte seine Uniform an. Dass sie ihn einfach so geweckt hatte, würde sie büßen müssen. Natürlich meinte er dies nicht boshaft, sondern würde ihr nur einen kleinen Streich spielen. „IDUSA!“, wendete er sich an den Rechner. „Ich muss dich kurz zu meiner Komplizin machen.“ „Welcher Natur ist das Verbrechen, das Sie mit meiner Hilfe verüben wollen?“, fragte der Rechner der Station konspirativ. Sie kannte Joran und wusste, dass es nichts wirklich Böses sein konnte. „Beame mich bis vor die Tür des Maschinenraums.“, sagte er. „Ich will Jenna einen kleinen Streich spielen. Oder ist das etwa gegen die tindaranischen Gesetze?“ „Nein.“, sagte IDUSA. „Bitte halten Sie sich bereit.“ Sie initiierte den Transport.

Joran betrat den Arbeitsraum seiner Freundin. „Da bist du ja.“, sagte Jenna, die bereits nach ihm Ausschau gehalten hatte. „Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte, Telshanach.“, erwiderte Joran. „Obwohl es mir gar nicht schnell genug gehen kann, wenn du rufst.“ „Schmeichler.“, lächelte Jenna. „Aber wir haben noch nicht mal die Protokolle überspielt. Hat IDUSA dich etwa ein Stück weit gebeamt?“ „Ich dachte mir, dass du darauf kommen würdest, meine kluge Telshanach.“, sagte Joran. „Du hast mir ja auch einen entscheidenden Tipp gegeben.“, sagte Jenna. „Ich weiß gar nicht, wovon du redest.“, tat Joran unschuldig und küsste sie.

Shannon räusperte sich: „Könnt ihr das Flirten vielleicht etwas verschieben? Mir wird nämlich gleich der Arm lahm.“ Erst jetzt sah Jenna, dass Shannon während der gesamten Zeit den Datenkristall mit den Einschwurprotokollen in ihre Richtung gehalten hatte. „Entschuldigen Sie, Shannon.“, sagte Jenna und nahm ihr den Kristall ab. Dann legte sie ihn in ein Laufwerk an einer Konsole. „IDUSA.“, wendete sie sich danach an den Stationsrechner. „SITCH-Verbindung mit folgendem Rufzeichen aufbauen!“ Sie gab das Rufzeichen des neuen Schiffes, das ihr bereits durch die Werft genannt worden war, per Gedankenbefehl über ihren Neurokoppler ein. „Die Verbindung ist etabliert und stabil, Jenna.“, gab IDUSA zurück. „Stell durch!“, befahl Jenna.

Wenige Sekunden danach sah sie das Gesicht einer ihr fremden tindaranischen Simulation vor ihrem geistigen Auge. Die Frau hatte eine kräftige Statur und trug eine tindaranische Fliegeruniform. Auch unterschied sich ihre Haarfarbe mit Dunkelbraun sehr von dem schwarzen Haar, das Jenna von der anderen IDUSA-Einheit gewohnt war. Ihre langen Haare waren zu Zöpfen gebunden. „Das wird ’ne ziemliche Umstellung für dich werden, Joran.“, wendete Jenna sich an ihren Freund. „Das macht nichts, Telshanach.“, sagte der Vendar. „Ich bin bisher mit jeder Änderung zurechtgekommen. Was muss ich jetzt tun?“ „Geh einfach zur Einstiegsluke.“, erwiderte Jenna und zeigte in die entsprechende Richtung. Joran nickte und verließ sie. „Blas’ dich bloß nich’ so auf, Grizzly!“, flapste ihm Shannon noch hinterher. Der Vendar ignorierte ihren Einwand völlig.

„Jenna?“ Eine Jenna fremde Stimme hatte ihren Namen aus dem Lautsprecher der Konsole gerufen. Jenna wandte sich dem Gerät wieder zu und setzte ihren Neurokoppler wieder auf, den sie aus Gründen der Bewegungsfreiheit vorher abgelegt hatte. „Entschuldige, IDUSA.“, sagte sie. „Sie scheinen etwas verwirrt, Techniker McKnight.“, stellte der Rechner des neuen Schiffes fest. „Nenn mich ruhig weiterhin Jenna.“, bot die Ingenieurin an. „Das andere Schiff macht das genau so.“ „Also gut, Jenna.“, sagte die neue IDUSA-Einheit.

Jenna wählte per Gedankenbefehl eine bestimmte Datei auf dem Kristall im Laufwerk aus und ließ sie ausführen. „Ich überspiele jetzt die Einschwurprotokolle.“, erklärte sie. „Das bedeutet, ich werde jetzt endlich meinen Stammpiloten kennen lernen?“, fragte die Simulation und klang dabei schon fast etwas aufgeregt. Jenna nickte. „Also dann.“, meinte die Simulation und lehnte sich vor Jennas geistigem Auge entspannt zurück, was ein Zeichen dafür war, dass sie das entsprechende Programm jetzt die Kontrolle übernehmen lassen hatte. Jenna würde natürlich alles überwachen.

Die Luke hatte sich vor Joran geöffnet und der Vendar war nach Aufforderung der ihm fremden Rechnerstimme ins Cockpit gestiegen, um seinen mitgebrachten Neurokoppler anzuschließen. „Erstelle Reaktionstabelle.“, sagte der Rechner und begann mit dem Abstimmen der entsprechenden Signalableitungen. Dann sah Joran jenes Bild vor sich, das auch Jenna schon gesehen hatte. „Wie ist Ihr voller Name?“, wollte das Schiff wissen. „Joran Ed Namach.“, antwortete Joran deutlich ruhig und langsam. „Wie darf ich Sie ansprechen?“, fragte sie weiter. „Joran!“, erklärte der Vendar fest. „Ich bin IDUSA-Einheit 335294.“, sagte das Schiff. „Wie darf ich dich ansprechen?“, fragte Joran, mit dem Jenna bereits das korrekte Verhalten während der Einschwurphase geübt hatte. „Nennen Sie mich IDUSA.“, sagte sie. „Ich habe als Verständigungssprache Englisch erkannt.“, sagte IDUSA. „Soll dies so gespeichert werden? „Ja.“, antwortete Joran, dem erst jetzt aufgefallen war, dass er die erwähnte Sprache bereits wie selbstverständlich sprach. „Es sind keine Fehler bei der Verständigung aufgetreten.“, stellte der Rechner fest. „Ihre Stimmfrequenzen sind somit ebenfalls gespeichert. Die Einschwurphase ist beendet.“ „Gut.“, sagte Joran und nahm den Neurokoppler ab. Dann verließ er das Cockpit wieder, um zu Jenna zurückzukehren, die ihn bereits mit lächelndem Gesicht erwartete. „Gut gemacht!“, lobte sie. „Das gilt aber mit Sicherheit genau so gut für sie.“, sagte Joran und deutete in einer großen Geste breit grinsend Richtung Schiff. „Natürlich.“, sagte die Technikerin. „Denkst du, dass mich Zirell bald mit ihr auf Mission schickt?“, fragte Joran. „Ich werde ihr melden, dass es keine Schwierigkeiten bei der Einschwurphase gegeben hat.“, sagte Jenna. „Dann wird sie entscheiden. Aber ich denke, dass dem nichts im Wege stehen wird.“ „Kannst es wohl kaum erwarten, Grizzly, was?“, flapste Shannon aus dem Hintergrund. „In der Tat, Shannon O’Riley.“, sagte der Vendar und ging. Er hatte ein merkwürdiges Bauchgefühl, was die Gesamtsituation anging. Wie richtig er damit lag, konnte er aber selbstverständlich noch nicht ahnen.

In Sytanias Palast war Telzan auf das Treffen zwischen Sytania und Radcliffe aufmerksam geworden. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie offensichtlich diesen in seinen Augen hergelaufenen Terraner bevorzugen würde, Oberbefehlshaber ihrer Truppe zu werden, aber vielleicht hatte er auch das Ganze nur falsch verstanden. Der Vendar beschloss, zu seiner Herrin zu gehen, um sie einfach mal zu befragen.

Die Prinzessin saß wie üblich auf ihrem Thron, als er sich ihr näherte. Seine Gestik verriet ihr, dass sein Begehr wohl ziemlich prekärer Natur sein musste. „Was wurmt dich, Telzan?“, fragte sie mit ihrer keifenden Stimme, die, wenn immer sie versuchte freundlich zu sein, fast schrill kippte. Sie war für freundliche Worte wohl einfach nicht ausgelegt. „Ich hörte, Ihr wollt diesen Radcliffe zum Oberbefehlshaber Eurer Truppe machen.“, sagte Telzan. „Was?!“, lachte Sytania. „Oh, mein lieber Telzan. Da hast du aber gewaltig etwas missverstanden. Die Einzigen, die er gemeinsam mit der Antinugura befehligt, werden die Bewohner des Antiuniversums sein. Du bleibst weiterhin mein engster Vertrauter und Oberbefehlshaber meiner Vendar-Krieger. Das wäre ja noch schöner, wenn ich deinen Posten einfach irgendeiner Marionette geben würde. Mehr ist er für mich nämlich nicht, als eine Marionette, die ich nur so lange benutzen werde, wie sie mir nützt. Dann werde ich ihn wieder fallen lassen und vernichten! Du weißt ja, dass ich keine Zeugen mag!“ „Das weiß ich, Milady.“, sagte Telzan. „Bitte verzeiht, dass ich an Eurem weisen Urteil gezweifelt habe.“ „Es sei dir verziehen.“, sagte Sytania und machte dabei ein übertrieben großzügiges Gesicht. Wie alle Despoten war auch sie eine Freundin großer übertriebener Gesten. „Und damit du siehst, dass es mir ernst ist, werden du und deine Leute gleich etwas für mich erledigen.“

Sie zog den Kontaktkelch aus einem Fach unter ihrem Schreibtisch hervor und stellte ihn auf der Platte ab. Dann bedeutete sie Telzan, sich neben sie zu setzen und ihre Hand zu nehmen. Alsbald sah der Vendar, was sie meinte. „Das ist Allrounder Betsys Schiff.“, stellte er fest. „Richtig.“, keifte Sytania. „Und das werdet ihr vernichten, bevor es seine Aussage gegenüber Agent Mikel machen kann. Du und deine Leute werdet ihm auflauern und es in Stücke schießen, bis kein Fitzelchen mehr übrig ist. Aber verschwändet die Energie eurer Waffen nicht für seine Waffen oder seinen Antrieb, sondern schießt vor allem auf den Datenkern. Seine Vernichtung muss euer oberstes Ziel sein. Es darf niemandem mehr gelingen, etwas aus ihm herauszulesen.“ „Wie Ihr wünscht.“, sagte Telzan und wandte sich zum Gehen, um seine Truppe zu informieren.

Bald hatte er in der Garnison der Vendar alle um sich herum versammelt und teilte ihnen die neuesten Befehle ihrer Herrin mit. „Aber warum macht sie das nicht selbst, Anführer?“, fragte Dirshan, Telzans eifrigster Novize. „Weil sie dann Gefahr läuft, von den falschen Leuten erkannt zu werden.“, erklärte Telzan. „Ich verzeihe dir deine Frage, weil du noch ein Novize bist. Aber sie zeugt auch von großem Lerneifer. Zur Belohnung darfst du mit mir in meinem Shuttle fliegen und nun alle zu den Schiffen!“ Alle nickten: „Ja, Anführer!“, und führten seinen Befehl aus.

Lycira hatte ihren Flug auf der Suche nach der Granger mit Hilfe von deren Transpondersignal, das sie nach langer Suche endlich empfangen hatte, fortgesetzt. Sie hatte einen Schnittkurs gesetzt, auf dem sie ihr begegnen musste. Außerdem orientierte sie sich wie gesagt an ihrem Signal. Die Schiffe der Vendar, die entlang ihres Kurses in den Polen von Planeten gute Verstecke gefunden hatten, nahmen ihre Sensoren leider nicht wahr. So nahm es nicht Wunder, dass sie bald in eine Falle flog.

Telzan und Dirshan waren mit ihrem Veshel hinter den anderen zurückgeblieben. „Warum fliegen wir ihnen nicht voran, Anführer?“, fragte der Novize, der das Steuer bediente und dem sein Lehrer geboten hatte, das Schiff zu verlangsamen. „Weil wir von hier einen viel besseren Überblick haben, Dirshan.“, sagte Telzan. „Bitte erkläre mir das.“, bat der Junge. „Wenn du dir eine Veranstaltung ansiehst.“, setzte Telzan an. „Von wo würdest du sie dann am liebsten sehen? Vor oder hinter dir?“ „Vor mir natürlich.“, begriff Dirshan. „hinter mir kann ich ja nichts sehen.“ „Siehst du?“, sagte Telzan. „Und genau so ist es hier auch. Und jetzt halte das Schiff gut im Auge. Es sucht nach der Granger, deren Signal es empfängt. Ich habe gesehen, dass du unseren Empfänger auf das gleiche Signal eingestellt hast. Das war sehr klug von dir. So finden wir es viel leichter. Deaktiviere unseren Antrieb, aber halte dich bereit, ihn jederzeit wieder zu reaktivieren. Schalte eine Sammelverbindung mit all unseren Schiffen. Wir werden es zuerst noch in falscher Sicherheit lassen, bevor wir losschlagen.“

Dirshan programmierte die aufgetragenen Dinge in den Mishar des Veshel. Dann fragte er: „Wer darf eigentlich auf den Datenkern des Schiffes feuern, Anführer?“ „Derjenige von uns, der am dichtesten dran ist.“, antwortete Telzan. „Ich werde die Waffen bedienen. Sollten wir es sein, erwarte ich, dass du alles tust, was in deinen fliegerischen Kräften steht, um mir einen einwandfreien Treffer zu ermöglichen.“ „Ich werde mir die größte Mühe geben, Anführer!“, versprach der Novize fest.

Lycira hatte jenes Unheil nicht gesehen, das auf sie zukam. Erst im letzten Moment sah sie die wie Heuschrecken von allen Seiten auf sie zufliegenden Schiffe, die sie aus allen Richtungen umringten und auf ihren Datenkern zielten. Sie hob zwar die Schilde und schlug Haken, wusste aber, dass sie dies nicht lange vor ihnen schützen würde. Selbst zu feuern wagte sie nicht, denn sie konnte sich ausrechnen, dass sie damit ihre Chancen nur noch verschlechtern würde. Die Feinde würden dann noch eher auf sie schießen und vielleicht Systeme treffen, die für ihre eventuelle Flucht noch wichtig sein könnten. Sie wusste, in einem Kampf hatte sie gegen diese Übermacht keine Chance, zumal dann nicht, wenn sie allein bliebe. Sie beschloss, das geringere Risiko einzugehen und einen Notruf auf unserer Frequenz und nur an unser Rufzeichen gerichtet abzusetzen.

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