Der Schandfleck

von Visitor
Zusammenfassung:

 

„Lügen haben kurze Beine!“, „Verbrechen zahlt sich nicht aus!“, „Die Vergangenheit holt einen immer wieder ein!“ Und wenn es 800 Jahre dauert. Drei Weisheiten, deren Bedeutung auch Präsidentin Nugura von der Föderation lernen muss, als die Übergabe eines von den Romulanern, politischen Verbündeten seit dem Krieg mit den Formwandlern, entwickelten Waffenkontrollsystems in letzter Sekunde durch eine neue Marionette Sytanias verhindert wird. Dass Sytania die offensichtliche psychische Erkrankung des armen Mannes schamlos ausnutzt und andere Fakten, die alles später in ein anderes Licht rücken könnten, werden erst durch die Tindaraner, Xylianer und andere Verbündete der Föderation aufgedeckt. Ob es Sytania schlussendlich etwas nützt, die Übergabe verhindert zu haben und ob sie ihren üblen Plan, alle Dimensionen auf einen Schlag zu erobern, ausführen kann, lest ihr am besten selbst!


Kategorien: Fanfiction, Fanfiction > Star Trek Charaktere: Keine
Genres: Science Fiction
Herausforderung: Keine
Serie: Keine
Kapitel: 66 Fertiggestellt: Ja Wörter: 367014 Aufgerufen: 322916 Veröffentlicht: 27.10.13 Aktualisiert: 23.01.14

1. Kapitel 1: Geburt eines Meilensteins von Visitor

2. Kapitel 2: Sytania, was nun? von Visitor

3. Kapitel 3: Rettungsversuche von Visitor

4. Kapitel 4: Trügerische Sicherheit von Visitor

5. Kapitel 5: Auf zu neuen Ufern! von Visitor

6. Kapitel 6: Der Heilung so nah? von Visitor

7. Kapitel 7: Schuldzuweisung von Visitor

8. Kapitel 8: Aus den Scherben erwächst neues Grauen von Visitor

9. Kapitel 9: Im Kessel gährt es von Visitor

10. Kapitel 10: Ein verordneter Trost von Visitor

11. Kapitel 11: Der Urlaub vor dem Sturm von Visitor

12. Kapitel 12: Die Hinweise verdichten sich von Visitor

13. Kapitel 13: Honigfalle für Radcliffe von Visitor

14. Kapitel 14: Tcheys Beichte und deren Konsequenz von Visitor

15. Kapitel 15: Trügerische Urlaubsfreuden von Visitor

16. Kapitel 16: Radcliffes Versagen von Visitor

17. Kapitel 17: Ungewöhnliche Wege von Visitor

18. Kapitel 18: Unbequeme Wahrheiten von Visitor

19. Kapitel 19: Agent Mikel, was nun? von Visitor

20. Kapitel 20: Rettungspläne von Visitor

21. Kapitel 21: Schwierige Rettung von Visitor

22. Kapitel 22: Ankunft eines „Eisbrechers“ von Visitor

23. Kapitel 23: Sytanias List von Visitor

24. Kapitel 24: Unverhoffte Heilung von Visitor

25. Kapitel 25: Fröhliche Feiern und finstere Absichten von Visitor

26. Kapitel 26: Spiele ohne Argwohn von Visitor

27. Kapitel 27: Wenn die Bombe platzt von Visitor

28. Kapitel 28: Das rätselhafte Schiff und andere Rätsel von Visitor

29. Kapitel 29: Der Anschlag von Visitor

30. Kapitel 30: Alarmierende Hinweise von Visitor

31. Kapitel 31: Rettungsmanöver von Visitor

32. Kapitel 32: Folgenreiche Wetten von Visitor

33. Kapitel 33: Eine Begegnung, die Weichen stellt von Visitor

34. Kapitel 34: Von Problemen und Geständnissen von Visitor

35. Kapitel 35: Ein ermittlerischer Durchbruch von Visitor

36. Kapitel 36: Radcliffes Bestrafung von Visitor

37. Kapitel 37: Vielversprechende Lösungsansätze von Visitor

38. Kapitel 38: Traurige Gewissheit und neue Pläne von Visitor

39. Kapitel 39: Finstere Aussichten von Visitor

40. Kapitel 40: Telzans Rachepläne von Visitor

41. Kapitel 41: Der Lösung so nah und doch so fern von Visitor

42. Kapitel 42: Dunkle Wolken ziehen auf von Visitor

43. Kapitel 43: Auf zu neuen Taten! von Visitor

44. Kapitel 44: Prinzessin sucht Prinz von Visitor

45. Kapitel 45: Ein weiteres Puzzleteil fügt sich ein von Visitor

46. Kapitel 46: Eine wichtige Schlacht von Visitor

47. Kapitel 47: Entscheidende Aussagen von Visitor

48. Kapitel 48: Rebellische Vorbereitungen von Visitor

49. Kapitel 49: Dolchstoß für die Wahrheit von Visitor

50. Kapitel 50: Die „schwarze“ Hochzeit von Visitor

51. Kapitel 51: Die kindliche Heldin von Visitor

52. Kapitel 52: Auf der Suche von Visitor

53. Kapitel 53: Ein Etappensieg von Visitor

54. Kapitel 54: Ein kühnes Unterfangen von Visitor

55. Kapitel 55: Ein überraschendes Ass im Ärmel von Visitor

56. Kapitel 56: Weitere positive Wendungen von Visitor

57. Kapitel 57: Rettung in letzter Sekunde von Visitor

58. Kapitel 58: Eine unglaubliche Wahrheit von Visitor

59. Kapitel 59: Carusos Urteil von Visitor

60. Kapitel 60: Befreiungsschläge von Visitor

61. Kapitel 61: Das Böse schlägt zurück von Visitor

62. Kapitel 62: Heikle Operationen von Visitor

63. Kapitel 63: Neue Probleme tun sich auf von Visitor

64. Kapitel 64: Radcliffes Heilung von Visitor

65. Kapitel 65: Telzans Irrtum und seine Konsequenzen von Visitor

66. Kapitel 66: Eine dicke Überraschung von Visitor

Kapitel 1: Geburt eines Meilensteins

von Visitor

 

Die Nacht hatte ihren schwarzen Umhang über jene Region der nördlichen romulanischen Hemisphäre gebreitet und sie mit ihren dunklen unheimlichen Armen fest umschlossen, in der sich ein einzelnes freistehendes Gebäude an einer Landstraße befand. Auch in diesem war es dunkel. Nur ein Lichtschein tanzte elfengleich einen Gang auf und ab. Folgte man diesem Lichtschein, der einladend auf eine Tür hinwies, aus der er gekommen sein musste, dann gelangte man in einen Raum. Dabei handelte es sich um ein kleines unscheinbares Labor. Hier saß ein junger Romulaner vor einem Tisch. Der Mann trug strahlendichte Kleidung und war ca. 1,80 m groß. Er hatte braune Haare und einen etwas unordentlichen 3-Tage-Bart. So lange hatte er sich nämlich mindestens nicht rasiert. Auch seine übrige Körperpflege hatte zumeist nur aus einer Katzenwäsche im benachbarten Waschraum am Handwaschbecken bestanden. Tag und Nacht war er im Labor gewesen. Er hatte seiner Vorgesetzten, einer im Rüstungswesen beschäftigten Wissenschaftlerin, versprochen, es nicht eher zu verlassen, bis es eine Lösung für das Problem gab, das beim Bau des von der Regierung beauftragten Waffensystems auf Rosannium-Basis entstanden war. Seine Professorin hatte ihm zwar längst die Weisung erteilt, endlich schlafen zu gehen, der Mann aber hatte sich standhaft geweigert. „Es wird nichts nützen, wenn Sie sich hier die Nächte um die Ohren schlagen, Remus!“, hatte ihm Professor Kimara Toreth versucht, in sein pflichtbewusstes Gewissen zu reden. „Wir experimentieren hier mit sehr gefährlichen Stoffen und es könnte etwas passieren, wenn Sie aus Unachtsamkeit einen Fehler machen!“ „Bitte geben Sie mir noch eine Nacht, Madam.“, hatte Remus um einen Aufschub gebeten. Schließlich hatte sich die streng dreinschauende Professorin damit einverstanden erklärt. „Aber morgen früh gehen Sie nach Hause!“, hatte sie noch angeordnet, bevor sie gegangen war.

Die müden Augen des wissenschaftlichen Assistenten wanderten erneut über den Versuchsaufbau. Dabei handelte es sich um ein Gestell aus Metall, auf dem kristallene Zylinder befestigt waren. Diese waren mit Energieproben telepathischer Wesen gefüllt, die teilweise natürlichen aber auch teilweise replizierten Ursprungs waren. Vor dem Gestell stand eine Art Stativ, auf dem sich ein Phaser befand. Darauf steckte eine Fokussionslinse mit einem Rosannium enthaltenden Kristall in der Mitte. Alle Teile der Versuchsanordnung waren voneinander unabhängig beweglich. Diesen Umstand nutzte Remus jetzt, um mit Hilfe einiger Hebel das Gestell und die Stellung des Phasers so zu verändern, dass ein bestimmter Kristall in den Fokus geriet. In diesem, der rot markiert war, befand sich eine Probe von Sytanias Energie. Der romulanische Geheimdienst hatte sie besorgt. Selbst Remus und Professor Toreth hatten nicht genau gewusst, wie das vonstatten gegangen war, aber es war ihnen auch egal. Nur mussten sie schnell eine Lösung finden, bevor ihnen die Proben ausgingen. Denn von Sytanias Energie hatten sie mit dieser nur noch zwei. Die Professorin würde ausflippen, so befürchtete zumindest Remus, wenn er diese auch noch für Fehlschläge verwenden würde.

Er legte seinen rechten Zeigefinger an den Abzug des Phasers und feuerte. Der eigentliche Strahl traf, wie von Remus beabsichtigt, zwar nur den anvisierten Kristall, aber der versierte wissenschaftliche Assistent wusste, dass sich die Strahlung noch weiter ausbreiten würde. Er ahnte schon, was der Computer ihm gleich sagen würde, denn jeder Kristall war an eine Überwachungseinheit angeschlossen. Trotzdem drehte er sich zum Mikrofon: „Computer, Zustand der Energieproben in allen Kristallen anzeigen! Meldung über Bildschirm und Lautsprecher!“ Es gab ein kurzes Signal und eine weibliche künstliche Stimme las vor: „Kristall Nummer 13893 vollständig entleert. Alle anderen Energieproben weisen Beschädigungen auf.“ „Verdammt!“, fluchte Remus. Dann sagte er: „Computer, Strahlungsprotokoll initiieren, sobald ich das Labor verlassen habe!“ „Ihr Befehl wird ausgeführt.“, kam es nüchtern zurück.

Remus drehte sich zur Tür und entsicherte sie mit seinem biologischen Fingerabdruck. Dann ging er hinaus. Sein nächster Weg führte ihn zu einem öffentlichen Replikator im Flur, von dem er sich ein auf Milch und Kaffee basierendes Kaltgetränk mit Strohhalm servieren ließ. Seit der ca. 800 Jahre andauernden lockeren politischen Beziehung zwischen den Romulanern und der Föderation hatte es auch kulturellen Datenaustausch gegeben. Eines muss man den Terranern lassen., stellte Remus fest. Kaffee kochen können sie. Zumindest besser als die Klingonen.

Er nahm einen großen Schluck aus der Tasse. Im gleichen Augenblick musste er aber wieder an das Experiment denken, das ihn einfach – auch während seiner Pause – nicht los ließ. Er gab einen Seufzer von sich. Dabei hatte er nicht bemerkt, dass er immer noch den Strohhalm zwischen seinen Lippen hielt. Darauf geschah aber was geschehen musste. Genau dort, wo das Ende des Halmes den Grund des bauchigen weißen Glases berührte, stiegen Blasen auf. Diese bildeten sich aber nur dort, wo der durch den Halm geleitete Luftstrom sich seinen Weg durch die Flüssigkeit bahnte. Sie tanzten und wirbelten herum, ein Schauspiel, das Remus sich fasziniert ansah. Er glaubte sogar, sie würden zu ihm sprechen und sagen: „Schau uns an! Schau, wie gut wir tanzen können! wir tanzen dich zur Lösung, jawohl! Zur Lösung tanzen wir dich! Schau genau hin! Ja, schau! Schau!“

Er zog den Halm aus dem Glas und legte ihn zur Seite. Dann schlug er die Hände vor das Gesicht und rief aus: „Remus Meret, du bist total überarbeitet! Jetzt bildest du dir schon ein, dass Flüssigkeitsblasen mit dir sprechen!“

Er beugte sich über das Glas und sah den letzten Blasen dabei zu, wie sie sich auflösten. Dann seufzte er erneut, was jetzt aber zur Folge hatte, dass sich der gesamte Inhalt des Glases zu bewegen begann und nicht nur ein Teil. Remus überkam eine Gänsehaut. Er trat von dem Fensterbrett, auf das er sein Glas gestellt hatte, zurück. Dann betrachtete er es fast ehrfürchtig aus der Ferne, als sei es ein Heiligtum, eine Reliquie einer Gottheit der Wissenschaftler und Laborassistenten, die ihm so einen Lösungsweg aufzeigen wollte. Die Wände des Strohhalms hatten den Strom seiner Atemluft eingedämmt und in eine bestimmte Richtung gelenkt. Ohne den Halm hatte dieser sich ungehindert ausbreiten können. Er ging aufgeregt zum Replikator zurück und replizierte Halme in allen Dicken und Längen. Damit kehrte er zum Glas zurück und steckte sie der Reihe nach hinein. Dann pustete er in jeden und beobachtete die Auswirkungen. Dabei wurde er immer aufgeregter. Was war, wenn es nur an einer entsprechenden Eindämmung fehlte?! Was war, wenn er den Strahl des Phasers durch ein Eindämmungsfeld begrenzen würde, das genau auf die Frequenzen der jeweiligen Probe passte und ihn somit nur genau dort hin lenken würde?! Die anderen Proben müssten dann unberührt bleiben! Plötzlich wusste er genau, was zu tun war. Er würde einen Ring aus Emittern replizieren, die aufgrund ihrer Beschaffenheit auf jede neurale Frequenz der Proben eingestellt werden konnten. Diesen Ring würde er um die Linse legen und aktivieren, nachdem er ihn auf die Probe von Sytanias Energie programmiert hatte. Dann müsste, egal wo der Zylinder mit ihrer Energie wäre, nur er getroffen werden. Alle anderen Proben müssten intakt bleiben. Er musste lächeln, denn ironischerweise hatte ein Verhalten, das Eltern eigentlich jedem Kind verboten, dazu geführt, dass er jetzt als Erwachsener ein hochwissenschaftliches Problem hatte lösen können.

Er goss den Rest seines Getränkes in die Materierückgewinnung und warf das Glas gleich hinterher. Für eine Pause hatte er jetzt keine Zeit mehr. Er musste sofort ausprobieren, was ihm gerade in den Sinn gekommen war. Remus war mit einem Schlag wieder hellwach. Er ging zur nächsten Sprechanlage und gab das Rufzeichen seines eigenen Arbeitsplatzes ein. Dann fragte er: „Computer, ist das Strahlungsprotokoll ausgeführt?“ „Affirmativ.“, kam es sachlich zurück. „Sie können das Labor wieder betreten.“

Er hängte das Mikrofon ein und rannte zur Tür des Labors zurück, die er hastig öffnete. Dann ging er auf direktem Weg zum Replikator und replizierte den erwähnten Ring aus Emittern. Diesen stülpte er über die Fokussionslinse und schloss jeden Emitter an eine Energieversorgung an. Außerdem an die Kontrollen für den Rechner. Dann ging er zum so genannten Giftschrank und nahm aus einem extra gesicherten Fach einen weiteren Zylinder heraus, der ebenfalls nur eine Nummer als Aufschrift trug. Da Remus aber mittlerweile die Katalognummern der einzelnen Proben auswendig konnte, wusste er, dass es nur die letzte Energieprobe von Sytania sein konnte. Er steckte den Zylinder auf und gab die Nummer der neuen Probe in das Programm ein. Dann aktivierte er zuerst die Emitter und stellte sie auf die entsprechende Frequenz ein. Danach drehte er den Phaser absichtlich ein Stück zur Seite und schob die Zylinder wild durcheinander. Dies war ein Härtetest für seine Theorie, das wusste Remus. Aber wenn er sicher sein wollte, dann musste er es darauf ankommen lassen. Beim Betätigen des Phasers schlug ihm das Herz bis zum Hals. Er mochte zwar ähnlich aussehen wie ein Vulkanier, im Gegensatz zu denen hatten aber die Romulaner nie ihre Gefühle unterdrückt.

Das Geräusch des feuernden Phasers ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Eine Weile lang stand er stocksteif da. Erst nach gefühlten 20 Minuten gelang es ihm, sich aus seiner Erstarrung zu lösen. Erneut drehte er sich zum Mikrofon des Rechners: „Computer, ist die neue Probe intakt?“ „Negativ.“, erwiderte die Stimme der künstlichen Intelligenz. „Vom Stand vor diesem Versuch ausgehend.“, gab Remus vor. „Wurden die anderen Proben weiter beeinträchtigt?“ „Negativ.“, sagte der Computer. „Also wurde tatsächlich nur diese Probe getroffen.“, verifizierte Mr. Meret. „Affirmativ.“, antwortete der Computer des Labors.

Der wissenschaftliche Assistent machte einen Sprung in die Luft. „Das ist die beste Antwort, die du mir seit Tagen gegeben hast, meine Liebe!“, rief er erfreut und gab dem Mikrofon des Rechners einen dicken Kuss. „Befehl unklar.“, gab dieser zu verstehen. „Befehl löschen!“, erwiderte Remus. „Verbinde mich mit Professor Toreth auf ihrem privaten Rufzeichen!“ „Befehl wird ausgeführt.“, sagte die Rechnerstimme. Remus ließ während des Wartens die Uhr des Sprechgerätes nicht aus den Augen. Da diese auch eine Kalenderfunktion hatte, konnte er auch das Datum gut sehen. „Drei Tage und vier Nächte durchgearbeitet.“, stellte er leise fest. „Aber es hat sich gelohnt.“

Professor Toreth lag in ihrem großen Haus in ihrem Schlafzimmer im Bett. Sie hatte versucht einzuschlafen und hatte sogar ein Schlafmittel genommen. Aber das ständige Piepen des heimatlichen Sprechgerätes hielt sie jetzt wach. Lange hatte sie versucht, dieses nervige Geräusch zu ignorieren, aber es wollte ihr einfach nicht gelingen. „Na dann auf, Kimara.“, sagte sie zu sich. „Wer immer das ist, der gibt ja sonst keine Ruhe.“

Schwerfällig wälzte sich die ältere Frau mit dem strengen Gesicht, die ca. 1,70 m maß und normale romulanische Nachtkleidung trug, aus ihrem schönen warmen Bett. Dann befahl ihre durchdringende und etwas schrill wirkende Stimme in Richtung eines beleuchteten Mikrofons: „Computer, Licht!“ Ein Signal und ein Surren sowie das sich Erhellen des Raumes kündeten von der Ausführung des Befehls. Kimara öffnete langsam die Augen und trat vom Bett weg. Ihr Weg führte die schwarzhaarige Romulanerin aus ihrem Schlafzimmer in den Flur. Hier sah sie auch gleich die Signalleuchte des Sprechgerätes und das ebenfalls gut beleuchtete Display, auf dem sie das Rufzeichen ihres Arbeitsplatzes erkennen konnte. „Was ist denn, Remus?!“, nahm sie das Gespräch sehr unwirsch entgegen. „Ich habe es geschafft, Professor!“, freute sich ihr Assistent am anderen Ende der Verbindung. „Wovon reden Sie, Remus?!“, fragte Kimara streng, die wohl noch nicht ganz wach war. „Die Waffe.“, erklärte Remus knapp. „Das Rosannium ist gebändigt.“ „Was reden Sie da?!“, fragte Professor Toreth. „Stammeln Sie gefälligst nicht herum wie ein Schuljunge! Und lassen Sie diese theatralischen Einlagen! Wir sind schließlich keine Cardassianer, die das nötig hätten, um andere Fehlleistungen zu kaschieren!“ „Bitte, Professor.“, entgegnete Remus. „Ich werde es Ihnen zeigen. Bitte kommen Sie her.“ „Worauf Sie sich verlassen können.“, gab Toreth zurück. „Schließlich will ich wissen, warum Sie mich zu dieser Zeit aus dem Bett klingeln! Ich ziehe mir nur etwas Anständiges an und dann bin ich unterwegs!“ „Sie werden es nicht bereuen, Professor.“, sagte Remus zuversichtlich und beendete die Verbindung.

Auf Terra in meiner Heimatstadt Little Federation war das Zuzugs- und Umzugsfieber ausgebrochen, so schien es wenigstens. D/4, die seit langem in der Stadt wohnte und arbeitete, war von ihrem alten Haus, das sie einem demetanischen Paar vermacht hatte, das eine Familie gründen wollte, in deren altes kleineres Haus gezogen, das sie inseriert hatten. Da Geld ja im 30. Jahrhundert nicht mehr existierte, war der Häusertausch bald perfekt. Außerdem fand die Sonde den Umstand ideal, dass sie jetzt sowohl zu Mikel, als auch zu mir eine gewisse örtliche Nähe hatte, was ihr ermöglichte, von Zeit zu Zeit einmal bei uns vorbeizuschauen und uns ihre Hilfe anzubieten, falls wir sie brauchen würden. Ihr Hang dazu, andere Wesen betreuen zu wollen, kam vielleicht daher, weil sie eben eine Sonde der Untergruppe D war, die im System für die Betreuung unausgereifter Sonden oder auch mal für die hilfebedürftiger Bioeinheiten zuständig war. Sie konnte eben nicht aus ihrer Haut.

Hinter ihrem Zaun auf ihrem neuen Grundstück in der Picard Avenue beobachtete sie, die ihre Habe mittels des eigenen Transporters in ihr neues Domizil verbracht hatte, einen schwarzen Jeep, der von einem weiteren rot lackierten großen Lastfahrzeug begleitet wurde. Die Fahrzeuge waren jetzt in die Picard Avenue eingebogen, die die Sisko Road und die Kirk Street miteinander verband. In der Sisko Road lebte ich und in der Kirk Street wohnte Mikel. Jetzt waren sie auf dem Nachbargrundstück von D/4’s Haus zum Stehen gekommen und eine Familie war dem kleineren Personenwagen entstiegen. Die Sonde wurde eines großen schlanken Mannes ansichtig, den ihre optischen Sensoren sofort als 1,90 m messenden Terraner mittleren Alters katalogisierten. Er hatte schwarzes Haar, trug ein rotes Hemd, eine blaue Hose aus Jeans und leicht abgewetzte braune Straßenschuhe. Neben ihm ging eine mit ihren 1,60 deutlich kleinere Zeonide, deren lange gelbe Haare sich von ihrem elegant wirkenden weißen Sommerkleid farblich abhoben. Sie trug bunte Sandalen. Dahinter wuselte jetzt ein kleiner Junge heran, der nicht älter als fünf Jahre zu sein schien. Auch er war in Alltagskleidung gehüllt und hatte einen kurzen für Jungen typischen schwarzen Putz. „Ist das unser neues Zuhause?!“, quietschte der Kleine aufgeregt und zeigte auf die Haustür. „Ja, Malcolm.“, sagte die Mutter mild. „Hier wohnen wir ab jetzt.“ „Oh, fein!“, rief Malcolm und schaute sich um. Dabei entdeckte er auch D/4 hinter ihrem Zaun. Erschrocken beschloss er, sich ein Versteck zu suchen.

Der Vater war inzwischen an den Laster herangetreten und hatte mit dessen Fahrer, einem etwas untersetzten Celsianer mit rotem Haar, einige Worte gewechselt. Die beiden Klingonen, die ihn begleitet hatten, sahen beide jetzt erwartungsvoll an. „Na dann, Jungs!“, ordnete der Celsianer an und stieg aus dem Fahrerhaus. Dann deutete er auf die Ladefläche und sagte: „Baut schon mal den Transporter auf. Dann können uns Radcliffes gleich am Bildschirm sagen, wo sie alles hinhaben wollen!“ „OK, Boss!“, nickten die Klingonen und machten sich ans Werk.

Malcolm, der sich auf der Ladefläche des Fahrzeugs versteckt hatte, machte sich ganz klein. Er hoffte, dass ihn niemand entdecken würde. Schon gar nicht die, vor der er eine solche Angst hatte. Aber der, von dem er dann schlussendlich doch gefunden wurde, bereitete ihm eher Trost. Es war nämlich Caruso, der auf seiner täglichen Tour auch an jenem Ereignis vorbeigekommen war. Neugierig sprang der Kater auf die Ladefläche und schlich laut schnurrend zu Malcolm. Dann begrüßte er ihn mit seinem allen sehr gut bekannten: „Min-Mang.“ „Hi, Mieze.“, flüsterte ihm der Junge zu. „Wir müssen ganz leise sein. Sonst bemerkt sie uns noch und assi … dingst uns. Wenn wir uns nicht bewegen, dann kann sie uns nicht sehen.“

Anhand der medizinischen Werte des Kindes hatte D/4 ablesen können, dass es wohl sehr viel Angst haben musste. Dass die Xylianer des Öfteren immer noch von manchem Zivilisten mit den Borg verwechselt wurden, war für die Sonde nichts Neues. Sie überlegte gerade, wie sie dem Kind die Angst nehmen konnte, da betätigte sich Caruso bereits als Eisbrecher. Er sprang in einem riesigen Satz von der Ladefläche über den Zaun und landete direkt neben der Sonde, die einen Behälter aus einer Tasche an ihrer Kleidung zog, aus dem eine Katzenbürste zum Vorschein kam. Diese hatte sie sich extra angeschafft. Caruso und sie waren nämlich inzwischen öfter verabredet gewesen. Caruso setzte sich vor D/4 hin und schmachtete sie an. Dann warf er sich auf den Rücken und zeigte ihr seinen Bauch. Dabei räkelte er sich und schnurrte und schnurrte. D/4 begann damit, in gleichmäßigen und ruhigen Bewegungen mit der Bürste über sein Fell zu gehen.

Die Klingonen hatten den Transporter mittlerweile aufgebaut und der Celsianer hatte ihre Arbeit kontrolliert. Dann hatte er sich an den Monitor gesetzt. „Mr. Tilus, können wir mit Malcolms Möbeln anfangen?“, fragte die helle freundliche Stimme der Ehefrau und Mutter in Richtung des Celsianers gewandt. „Aber sicher doch.“, sagte dieser schmissig. „Dann holen S’e den kleinen Mann doch gleich mal her, damit er uns sagen kann, wohin alles soll. Wo is’ er denn?“

Erschrocken warf Mrs. Radcliffe den Kopf herum, denn erst jetzt war ihr aufgefallen, dass ihr Sohn wie vom Erdboden verschluckt schien. Auch Tilus und die beiden Klingonen sowie Mr. Radcliffe, der Professor der Archäologie war, sahen sich um. Dann deutete einer der Klingonen auf die Ladefläche: „Boss?“ Tilus wandte den Blick vom Schirm und der Stelle zu, auf die sein Untergebener gezeigt hatte. „Tatsächlich!“, rief er aus. Dann stand er auf und ging um das Fahrzeug herum. Mit lächelndem Gesicht beugte er sich über den Jungen, der herzzerreißend zu weinen begonnen hatte. „Kuckuck, Malcolm.“, machte Tilus und hob den kleinen Jungen auf seinen Arm. „Willst du dem großen Onkel mal sagen, was dich so traurig macht?“ „Die, die Mieze.“, stammelte Malcolm schluchzend. „Die Borgfrau hat die Mieze.“

Tilus setzte ihn ab. „Also.“, sagte er. „Der Onkel sieht aber hier keine Borg. Außerdem sind die seit ca. 800 Jahren Geschichte. Zeig dem Onkel doch mal, was du meinst, hm?“

Malcolm zeigte auf D/4, die immer noch mit dem Bürsten Carusos beschäftigt war. „Ach die.“, lachte Tilus und prustete einige Male. „Das is’ keine Borg, das is’ ’ne Xylianerin. Die kenn’ ich. Das is’ ’ne Liebe. Wenn die Borg is’, dann bin ich der Kaiser von China! Aber da sich die zwei Herzen da in meinem Gesicht gerade nich’ in Schlitzaugen verwandelt haben, stimmt das ja wohl nich’. Komm, nimm den Onkel Tilus mal an der Patschhand. Der geht jetz’ mit dir da rüber und zeigt dir, was die Tante D/4 für ’ne Liebe is’ und dass du vor ihr keine Angst haben musst. Kuck mal, wie lieb die mit der Mieze is’. Ach warte mal.“

Er winkte einem der Klingonen, der beide flankierte. „So hat der kleine Schatz sicher noch weniger Angst.“, begründete er. Dann gingen alle drei hinüber zu der Sonde, die den ganzen Aufzug staunend beobachtet hatte. „Tilus.“, erkannte D/4 nüchtern, als ihr der Celsianer seine Hand zur Begrüßung hinstreckte. „Jawohl.“, flapste der Celsianer zurück. „Und das is’ Malcolm Radcliffe, ’n Kunde von mir. Der hatte ’ne Wahnsinnsangst vor Ihnen.“ „Deine Angst ist unnötig, Malcolm Radcliffe.“, tröstete die Sonde. „Ich habe nicht die Absicht, dir Schaden zuzufügen.“ „Sie werden mich also nich’ ass… Dings?!“, fragte Malcolm erstaunt. „Negativ.“, erwiderte die Xylianerin. „Ich habe dich untersucht, aber mehr geschieht nicht. Das machen wir Xylianer. Wir untersuchen alles, was uns neugierig macht. Aber warum sollten wir es zerstören? Davon hätten wir doch nichts. Auch Caruso hat keine Angst vor mir. Wenn ich böse wäre, dann würde er um mich bestimmt einen großen Bogen machen und sich nicht so verhalten, wie er es jetzt tut. Aber ich glaube auch, dass ich weiß, was dich trösten wird. Magst du Schokoküsse?“ „Ich mag den Schaum nich’.“, sagte Malcolm. „Der is’ so pelzig im Mund.“

D/4 sah Tilus fragend an. „Vielleicht versuchen wir es mit Eis statt Schaum.“, flüsterte ihr der Celsianer in ihr Mikrofon. „Ich könnte Ihren Replikator sicher entsprechend programmieren.“ Die Sonde nickte und schickte sich an, Mr. Tilus mit in ihr Haus zu nehmen. „Wir kommen gleich wieder, Malcolm.“, sagte er noch im Gehen. „Inzwischen kann dir die Mieze ja erzählen, was für ein Gebirgsmassiv D Bürstenstrich 4 bei ihr im Brett hat. Das is’ weitaus mehr, als nur ’n Stein.“ „OK.“, erwiderte Malcolm erleichtert.

Wenig später waren die Sonde und der Celsianer mit einem Tablett mit Kaffee und einem Teller mit einem riesigen Schokokuss zurück. Der Kaffee und das Geschirr waren für mehrere Personen ausgelegt. Auch eine Schale mit Keksen gab es. Tilus pfiff durch die Zähne: „Jungs, Pause! Und bringt die Familie mit!“

D/4 führte alle zu einer Wiese hinter ihrem Haus, auf der ein Gartentisch und Stühle standen. Dann teilte sie aus und vergaß auch nicht, Malcolm auf den Umstand hinzuweisen, dass der Schokokuss kalt war. Caruso sprang auf D/4’s Schoß, sofort nachdem diese sich gesetzt hatte. Die Sonde hatte sich so platziert, dass Malcolm und sie Caruso gemeinsam streicheln konnten. „Also, wenn die Mieze dich mag.“, schmatzte der Junge, der mit großem Genuss seinen Kuss verspeiste. „Dann mag ich dich, glaub’ ich, auch. „Weißt du vielleicht, wie die Mieze heißt?“ „Seine Kennung lautet Caruso.“, antwortete die Sonde. „Und meine vollständige Kennung lautet eigentlich Systemeinheit D/4 viertes Mitglied der D-Gruppe. Aber in Anbetracht der unausgereiften Entwicklung deines Gehirns sollten wir sie konfigurieren, damit es für dich leichter ist. Du kannst mich Tante D nennen.“ „Danke, Tante D.“, sagte der Junge und fügte hinzu: „Und meine vollständige Kennung lautet Malcolm Radcliffe drittes Mitglied der Untergruppe Radcliffe.“ „Du begreifst schnell.“, lobte die Sonde erstaunt. „Oh, ja.“, bestätigte Professor Radcliffe. „Mein Sohn ist ein helles Köpfchen. Nur mit dem sportlichen Ehrgeiz hapert es.“ „Nathaniel!“, zischte ihm seine Frau zu und stieß ihm ihren Ellenbogen in die Seite. „Warum, Nayale.“, flüsterte Professor Radcliffe zurück. „Ich sage doch nur die Wahrheit.“ „Ich werde sicher noch genug Gelegenheit haben, Ihren Sohn weiter zu untersuchen und Daten über ihn zu sammeln.“, sagte die Sonde diplomatisch, denn sie hatte festgestellt, dass sich Malcolm bei diesem Gespräch sichtlich unwohl zu fühlen schien. „Genau.“, bestätigte Tilus. „Wir sollten auch langsam zu Potte kommen. Schließlich wird es bald Abend.“ Die erwachsenen Radcliffes nickten und bedankten sich noch für die Gastfreundschaft der Sonde, bevor man wieder hinüber ging, um sich dem gemeinsamen Umzugsgeschäft zu widmen. Malcolm aber versprach D/4, sie zukünftig öfter zu besuchen.

Über dem Labor auf Romulus graute bereits der Morgen, als Remus des Jeeps seiner Vorgesetzten ansichtig wurde. Er kannte jenes Fahrzeug, einen weißen 2-Sitzer mit getönten Scheiben, sehr gut. Er hatte erneut das Strahlungsprotokoll vom Computer ausführen lassen, das Experiment aber nicht weiter fortgesetzt. Wie sollte er auch, denn es gab ja keine Probe mehr von Sytania. Er konnte Toreth jetzt nur noch anhand der Reste seines vorherigen Versuches beweisen, dass es funktioniert hatte.

Freudig beobachtete er, wie die Professorin das Fahrzeug auf dem Parkplatz abstellte und sich in Richtung des Gebäudes auf den Weg machte. Sie kommt., dachte er. Sie wird sicher Augen machen!

Kimara betrat das Haus. Unten neben dem Turbolift befand sich eine Sprechanlage, die von der Wissenschaftlerin sogleich benutzt wurde, denn Rosannium war auch für Romulaner nicht ungefährlich, wenn man bedachte, wie viel Ähnlichkeit sie mit den ebenfalls telepathischen Vulkaniern hatten. Zwar war Kimara nicht sehr begeistert von dem Umstand gewesen, dass ihr Assistent sie mitten in der Nacht geweckt hatte, wusste aber dass es dann schon etwas sehr Dringendes sein musste. Er hatte auch von Erfolg geredet, auch wenn er dies sehr theatralisch ausgedrückt hatte, was Toreth im Allgemeinen nicht schätzte, aber immerhin.

Endlich hörte sie die Stimme ihres Assistenten aus der Anlage: „Ja, Professor?“ „Woher wussten Sie, dass ich es bin?“, fragte Kimara. „Das lässt sich nicht schwer erraten, wenn man bedenkt, dass es sich bei dem angezeigten Rufzeichen um das der Flursprechanlage vor dem Turbolift im Eingangsbereich handelt.“, lächelte Remus zurück. „Dass Sie ein helles Köpfchen sind, das weiß ich genau.“, lächelte Kimara, was bei ihr, die im Allgemeinen als sehr mürrisch bekannt war, selten genug vorkam. „Haben Sie die Strahlungsprotokolle ausführen lassen?“, fragte Toreth weiter. „Ja, Professor.“, antwortete Mr. Meret. „Gut.“, sagte Kimara jetzt sehr nüchtern. „Dann komme ich jetzt hoch.“

Sie bestieg den Lift und gab als Fahrziel den dritten Stock an, dann gab sie auf Aufforderung des Rechners einen Sicherheitscode ein, denn das, woran sie und Meret arbeiteten, war sehr geheim genau wie das Labor selbst.

Remus vernahm die Tür der Schleuse. Hier würde sich seine Professorin strahlungsdichte Kleidung anziehen und dann zu ihm kommen, um sich seinen Erfolg anzusehen und erklären zu lassen. Er konnte es kaum erwarten und fühlte sich, wenn er ehrlich war, wie ein kleiner Junge unter dem terranischen Weihnachtsbaum, zumindest dann, wenn er den Dingen Glauben schenken konnte, die ihm terranische Freunde berichtet hatten. Die Zeit, bis sie endlich mit dem Umziehen fertig war, schien für ihn nicht wirklich zu vergehen. Er trat nervös von einem Bein auf das andere.

Endlich öffnete sich die zum Inneren des Labors zeigende Tür der Schleuse und Toreth kam heraus. „Ok, Remus.“, sagte sie. „Was haben wir denn hier?“ „Das will ich Ihnen gern erklären, Professor.“, sagte der wissenschaftliche Assistent und ging zum Tisch mit dem Versuchsaufbau hinüber. Dann stellte er sich davor und begann zu referieren: „Ich habe endlich eine Möglichkeit gefunden, wie wir Rosannium einsetzen können, ohne irgendjemanden sonst, außer den, den wir gefährden wollen, in Mitleidenschaft zu ziehen.“ Dann hielt er inne, um ihre Reaktion abzuwarten. Toreth aber war in einiger Entfernung zum Tisch stehen geblieben und sah ihn jetzt nur an. „Reden Sie weiter, Remus!“, forderte sie ihn auf. „Ich musste dafür allerdings unsere beiden letzten Proben von Sytanias Energie verbrauchen.“, fuhr Remus fort und fühlte sich dabei wie ein Sünder, dem gerade die Beichte abgenommen worden war. „Was mussten Sie!“, empörte sich Toreth. „Haben Sie eine Ahnung, wie lange der Geheimdienst gebraucht hat und wie gefährlich es war, an diese Proben zu kommen?! Wissen Sie eigentlich, wie kostbar die sind?! Ich kann es nicht glauben! Da lässt man Sie einmal allein und Sie verschleudern unseren wertvollsten Rohstoff! Ich hoffe, Sie haben eine gute Erklärung und Rechtfertigung für dieses Verhalten!“

Remus drehte sich ihr zu, räusperte sich und stemmte seine Hände in die Hüften. Dann holte er tief Luft und begann laut und voller Selbstvertrauen: „Ja, die habe ich, Professor! Ich denke, der Erfolg wird mir Recht geben! Nehmen Sie bitte einen Erfasser und scannen Sie den Versuch. Dann werden Sie sehen, dass die Art und Weise, wie er geendet hat, die Verschwendung der Energie in jedem Fall rechtfertigen wird. Außerdem ist genau das geschehen, was wir erreichen wollten! Sie können auch ruhig alle Protokolle vom Computer verlangen! Ich habe nichts zu verbergen!“ „Dann lassen Sie mal sehen.“, sagte Toreth und drehte sich dem Schrank mit den wissenschaftlichen Werkzeugen zu. Aus einem Fach des schwarzen Metallschrankes entnahm sie einen Erfasser und kehrte dann zu Remus zurück, der ihre Aufmerksamkeit stolz mit einem Fingerzeig auf den rot markierten Zylinder lenkte. „Leer.“, stellte Kimara fest. „Aber das haben Sie mir ja schon gesagt. Gibt es hier etwas, das ich noch nicht weiß?“ „Scannen Sie die anderen.“, sagte Remus. „Sie werden sehen, dass sie zwar aus einem älteren Versuch Spuren davongetragen haben, im aktuellen Fall aber nichts mit ihnen passiert ist. Der ältere Versuch fand kurz vor diesem statt und dabei ist der vorletzte Zylinder draufgegangen. Fragen Sie den Computer.“

Kimara ging zu einer Konsole im hinteren Teil des Raumes und machte einige Eingaben. Dann sagte sie, nachdem sie sich das Protokoll durchgelesen hatte: „Sie haben Recht, Remus. Anscheinend ist es Ihnen tatsächlich gelungen, das Rosannium nur die verletzen zu lassen, die es betreffen sollte, zumindest im übertragenen Sinn. Anscheinend konnten Sie dem Rosannium endlich beibringen, wer Freund und wer Feind ist. Wenn sich die Strahlung sonst unkontrolliert im All ausgebreitet hat, wurden alle Telepathen in der Nähe betroffen, aber das ist jetzt offensichtlich vorbei. Aber jetzt verraten Sie mir doch bitte mal, wie Sie das angestellt haben, Sie Strahlenflüsterer.“

Remus zeigte lächelnd auf den Ring aus Emittern. „Was hat das zu bedeuten?“, fragte Kimara. „Das werde ich Ihnen zeigen, Professor.“, sagte Remus ruhig und fügte hinzu: „Wählen Sie einen Zylinder.“ „Was bitte haben Sie vor?“, fragte die Professorin. „Ich will Ihnen zeigen, was für ein Strahlenflüsterer ich tatsächlich bin.“, grinste Remus. „Na dann!“, sagte Kimara und zeigte auf einen der Zylinder, der ein repliziertes vulkanisches Energiefeld enthielt. „Wie Sie wünschen.“, sagte Remus langsam und fast feierlich, um darauf dem Computer zu befehlen, den Inhalt des Zylinders zu scannen und das Eindämmungsfeld entsprechend zu konfigurieren. Nachdem er dies getan hatte, betätigte Remus den Abzug. Das Aufblitzen des Strahls zerriss das Halbdunkel des Labors und Kimara konnte es kaum erwarten, nach dem Ergebnis zu fragen. „Computer, Status des sich im ausgewählten Zylinder befindenden Feldes!“, forderte sie. „Das Feld wurde vollständig vernichtet.“, antwortete der Rechner. „Wurden die anderen Felder beschädigt?“, fragte Kimara weiter. „Negativ.“, kam es nüchtern zurück.

Sie drehte sich Remus zu, der genau sah, dass sie vor Staunen den Mund nicht mehr zu bekam. „Wie haben Sie das gemacht?“, fragte sie fast etwas stotternd. „Das Geheimnis ist der Ring.“, sagte Remus. „Er besteht aus Emittern, die auf jede Frequenz einstellbar sind. Sie lassen das Rosannium nur in die eine Richtung, Sie verstehen?“ „Wie ein Staudamm.“, staunte Kimara. „Aber wie sind Sie nur darauf gekommen?“ „Beim Kaffeetrinken.“, sagte Remus. „Genauer beim Trinken von terranischem Eiskaffee mit einem Strohhalm.“ „Das müssen Sie mir erzählen!“, sagte Toreth im Befehlston. „Gern.“, lächelte Remus zurück. „Aber wichtiger ist jetzt doch wohl, dass wir dem Senat und der Föderation endlich die versprochene Waffe präsentieren können.“ „Ja.“, bestätigte Kimara. „Sie wissen das nicht, aber die waren kurz davor, uns die Mittel zu streichen, weil wir keine Erfolge vorgewiesen haben.“ „Mit Verlaub, Professor.“, setzte Remus an. „Dann hätte der Senat Nugura keine so vollmundigen Versprechungen machen dürfen!“ Kimara hob drohend den Zeigefinger ihrer rechten Hand, denn regierungskritische Töne waren auf Romulus nach wie vor nicht sehr willkommen. „Ich tue mal, als hätte ich Ihren letzten Satz gar nicht gehört.“, sagte sie.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch: „Dann werde ich mal mit meinem Bericht beginnen. Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie sich aus. Sie haben uns heute einen Meilenstein geschaffen, Remus! Einen Meilenstein, jawohl!“ „Vielen Dank, Professor.“, sagte Remus lächelnd und drehte sich Richtung Schleuse.

Kapitel 2: Sytania, was nun?

von Visitor

 

Die Vorgänge im Labor auf Romulus waren Sytanias oberstem Vendar Telzan, der den Kontaktkelch benutzte, um die Geschicke in den beiden mit einander befreundeten Universen der Tindaraner und der Föderation zu beobachten, nicht verborgen geblieben. Er beschloss, darüber sofort mit seiner Herrin zu sprechen und war sofort auf dem Weg in den Thronsaal, wo ihn Sytania bereits erwartete. „Ich habe gespürt, dass dich etwas beunruhigt, mein guter Telzan.“, sagte die Königstochter beruhigend. „Da habt Ihr Recht, Gebieterin!“, erwiderte Telzan im Gegensatz zu ihr sehr aufgeregt. „Ich habe etwas Schreckliches durch den Kontaktkelch beobachtet! Die Götter mögen geben, dass ich den Kelch nur falsch bedient habe, aber …“ „Gib her!“, forderte die imperianische Prinzessin und riss ihm den genannten Gegenstand aus den Händen, um ihn vor sich auf den marmornen Schreibtisch zu stellen. Dann legte sie beide Hände darauf und konzentrierte sich auf Telzans geistige Prägung, denn diese würde ihr zeigen, was er gesehen hatte und sie auch zu genau dem gleichen Bild führen.

Sytania erschauerte, als sie sah, was Telzan ebenfalls gesehen hatte. „Das bedeutet ja.“, stammelte sie. „Dass es jetzt keinen Grund mehr für sie gibt, Rosannium nicht einzusetzen. Bisher mussten sie immer auf eventuelle befreundete Telepathen in ihrer Nähe Rücksicht nehmen oder auf den Umstand, dass eventuell Systeme mit Telepathen, die ihrer Meinung nach unschuldig waren, in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Aber das ist jetzt vorbei, wenn die Romulaner tatsächlich der Föderation diese Waffe geben! Und ich hatte mich schon so darauf gefreut, die Vulkanier oder andere Telepathen als Schutzschilde missbrauchen zu können!“

Telzan, der vor ihrem Thron gestanden hatte, wich instinktiv einige Schritte zurück. „Plant Ihr etwa einen neuen Überfall auf die Föderation, Milady?“, fragte er. „Genau das tue ich!“, sagte Sytania. „Aber um diese Pläne auszuführen, scheine ich mir erst mal den Weg frei machen zu müssen. Es darf auf keinen Fall dazu kommen, dass die Föderation die Waffe bekommt! Die Beziehung zwischen den Romulanern und der Föderation war mir sowieso schon immer ein Dorn im Auge. Nugura und ihr Friedensgesäusel! Die schafft es noch mal, das gesamte Universum auf ihre Seite zu ziehen. Dann stehen alle gegen uns. Es ist doch strategisch viel besser für uns, wenn sich die Sterblichen gegenseitig bekriegen, nicht wahr, Telzan?“ „Milady sprechen sicher die Wahrheit, was unsere strategische Situation angeht.“, sagte Telzan. „Aber Nugura El Fedaria hat die Beziehung mit den Romulanern nicht auf den Weg gebracht. Das war einer ihrer zahlreichen Vorgänger in der Vergangenheit.“ „Hör gefälligst auf, hier in dieser Weise Haare zu spalten!“, wies sie ihn harsch zurecht. „Ich weiß auch, dass sie nicht … Moment … Sieh mit mir durch den Kelch. Wir werden ihn zur Abwechslung aber einmal nicht nach der Zukunft oder der Gegenwart, sondern nach der Vergangenheit fragen. Ich denke, dass hier der Schlüssel zu unserem Erfolg liegen wird, Telzan.“ Sie lachte auf. Telzan, der seine Herrin aber gut genug kannte, um zu wissen, dass Geduld nicht gerade ihre Stärke war, sah sie skeptisch an. „Was schaust du so?“, fragte Sytania. „Darf ich ehrlich zu Eurer Hoheit sein?“, fragte der Vendar. „Aber natürlich.“, keifte sie zurück. „Dann muss ich Euch sagen, dass ich für Euren jetzigen Plan eigentlich keine Chancen sehe, Prinzessin. Ich bezweifle nämlich sehr, dass Ihr die Geduld aufbringen könnt, die nötig sein wird. Ich weiß nicht, wie weit wir in die Vergangenheit sehen müssen. Jeder Tag in der lockeren politischen Beziehung zwischen Romulus und der Föderation könnte wichtig sein und …“ „Du wagst es, mir das ins Gesicht zu sagen?!“, empörte sich Sytania. „Ja, Gebieterin!“, entgegnete Telzan unerschrocken. „Weil es die Wahrheit ist und auch mit ein Grund, warum Ihr an der Föderation und ihren Verbündeten so oft gescheitert seid. Ich weiß, dass ich gerade mit meinem Leben spiele, aber vielleicht ist Euch meine Rede ja auch ein Ansporn. Cirnach hat mir geraten, dass ich versuchen soll, Euch Geduld zu lehren.“ „Sieh an, sieh an.“, sagte Sytania. „Dein holdes Weib steckt also dahinter. Nun, dann wollen wir die liebe Cirnach mal nicht enttäuschen, was? Also dann auf, Telzan! Gib mir deine Hand und lege die andere auf den Fuß des Kelches. Dann werde ich dir zeigen, wie geduldig ich sein kann. Berichte deiner Frau ruhig später davon.“ „Ja, Herrin.“, nickte Telzan und führte aus, was sie ihm soeben befohlen hatte.

Nugura und ihr Sekretär saßen im Büro der Präsidentin zusammen. Nugura hatte ein Schreiben von einer mit der Sache beauftragten Senatorin des Senates der Romulaner vor sich und las Saron den Inhalt laut vor. „Sehr geehrte politische Freundin, Seit heute ist dem Senat bekannt, dass es unseren Wissenschaftlern tatsächlich gelungen ist, eine Waffe auf Rosannium-Basis zu entwickeln, die es erlaubt, sie gezielt gegen einen feindlichen Telepathen einzusetzen, ohne dass Unschuldige gefährdet werden. Diese werden wir in einer feierlichen Zeremonie auf Camp Khitomer an Sie übergeben, wenn es Ihnen ebenfalls so gefällt. Die beiden Wissenschaftler, denen wir diese Waffe verdanken, werden selbstverständlich auch anwesend sein, um die Details klären zu können, welche die Funktionalität der Waffe betreffen. Bitte teilen Sie uns doch mit, ob Sie mit diesen Vorkehrungen einverstanden sind und wann die Zeremonie stattfinden soll. Mit freundlichen Grüßen, Der Senat von Romulus (Senatorin Talera Rakal).“

Nach dem Vorlesen des Schreibens lehnte sich Nugura erwartungsvoll zurück und sah ihren Sekretär an. „Sie wollen sicher wissen, wie ich darüber denke, Madam President.“, schloss der gewitzte Demetaner. „Genau das, Mr. Saron, genau das.“, lächelte Nugura. „Und vielleicht noch, dass Sie mir meinen Terminkalender aufrufen, damit wir gemeinsam schauen können, wann demnächst etwas frei ist. Ich denke, dass wir in Anbetracht der permanenten Bedrohung durch Sytania nicht zu viel Zeit verstreichen lassen sollten.“ „Sofort, Madam.“, nickte Saron und schickte sich an, in sein Büro zu gehen. „Nein, nein.“, hielt sie ihn auf. „Benutzen Sie heute mal meinen Schreibtisch. Schließlich möchte ich auch sehen, wann wir den Meilenstein, das Symbol unserer politischen Freundschaft, in Händen halten werden.“ „Danke, Madam.“, sagte Saron und nahm hinter dem Tisch Platz, um im Computer den Terminkalender der Präsidentin aufzurufen. „Wie wäre der nächste Donnerstag?“, schlug er dann vor, nachdem er eine Weile geblättert hatte. „Ich gebe zu, das ist einen Tag nach dem allgemeinen Erstkontaktstag, der ein gesetzlicher Feiertag ist, Aber…“ „Dann kommen wir ja aus dem Feiern gar nicht mehr heraus, mein guter Saron.“, sagte Nugura. „Aber andererseits ist das ja auch kein Beinbruch, wenn man bedenkt, was wir dafür bekommen. Bedenken Sie nur mal, dass wir Sytania jetzt jede Möglichkeit nehmen können, Telepathen eroberter Planeten in einem eventuellen Krieg als Schutzschilde zu benutzen. Früher mussten wir mit dem Einsatz von Rosannium verdammt vorsichtig sein, aber jetzt ist dies Dank der Romulaner endgültig Vergangenheit. Also gut. Legen Sie den Termin fest auf, sagen wir 12:00 Uhr Mittags Föderationszeit. Dann formulieren Sie bitte auch noch ein Antwortschreiben an den Senat von Romulus, in dem Sie den Termin und mein Einverständnis mitteilen. Sobald die Bestätigung von Romulus eingeht, informieren Sie das Parlament.“ „Wie Sie wünschen, Madam President.“, sagte Saron und stand auf, um nun endgültig ins eigene Büro zurückzukehren und auszuführen, zu was ihn seine Vorgesetzte gerade beauftragt hatte.

Auch auf der Basis von Commander Zirell hatte man von der Situation Kenntnis. Nugura hatte es sich nicht nehmen lassen, ihre politischen Freunde von der Zusammenkunft, der tindaranischen Regierung, selbst zu informieren. Auch mit den Aldanern und allen anderen Verbündeten hatte sie es ähnlich gehandhabt. Jetzt saß Zirell mit Maron, ihrem demetanischen ersten Offizier, in ihrem Bereitschaftsraum zusammen, um mit ihm das zu besprechen, zu dem sie gerade Befehl bekommen hatten. „Ich finde es sehr schmeichelhaft von der Zusammenkunft, uns als Vertretung der Tindaraner zu erlauben, an dieser Konferenz teilzunehmen.“, stellte Maron fest. „Warum schmeichelhaft?“, entgegnete Zirell. „Das ist eigentlich ein ganz normaler Vorgang.“, „Ich meine ja auch nur.“, erklärte Maron. „Weil wir schon zu so vielen Missionen ausgewählt wurden.“

Zirell sah ihm eine Weile in die Augen. Dann lachte sie und meinte: „Du lieber Himmel! Bei allen Göttern, Maron! Du gehst doch nicht etwa davon aus, dass die Kommandanten anderer Basen auf mich eifersüchtig werden könnten.“ Er machte ein erschrockenes Gesicht, aber sie tröstete: „Nein, nein, Maron, ich war nicht in deinem Geist, ohne dich vorher gefragt zu haben. Mach dir darüber keine Sorgen. Dein Verhalten war nur so offensichtlich!“ Sie lachte erneut. „Ich finde das gar nicht lustig, Zirell.“, wandte er ein. „Aber warum denn nicht?“, wollte sie wissen. „Das war doch echt süß von dir, dir um solche Dinge Sorgen zu machen. Aber das ist wohl typisch für euch Demetaner. Aber ich will dir mal was sagen. Wir haben schon so oft die Kastanien für die Zusammenkunft und das gesamte dimensionäre Gefüge aus dem Feuer geholt, dass wir das meiner Meinung nach mehr als verdient haben. Aber ich habe auch gehört, dass dein Volk einen sehr hoch entwickelten Gerechtigkeitssinn besitzt. Vielleicht geht es dir deswegen so sehr gegen die moralische Hutschnur, dass wir schon wieder an so etwas teilnehmen dürfen. Aber du kannst ganz beruhigt sein. Irgendwann sind die anderen auch mal dran. Ich werde Jenna gleich mal sagen, sie soll IDUSA überprüfen. Die Zeremonie ist in zwei Tagen und ich hatte beabsichtigt, dich hinzuschicken. Shimar wird dich hinfliegen.“

Maron bekam einen hoch roten Kopf. Er fühlte sich einerseits geschmeichelt, aber andererseits konnte er auch nicht wirklich verstehen, warum sie das nicht lieber selbst in die Hand nehmen wollte. „Warum schickst du gerade mich?“, wollte der erste Offizier wissen. „Ich gebe zu, ich bin dein Stellvertreter, aber du bist Tindaranerin. Wenn das tindaranische Militär zu etwas eingeladen wird, dann sollte doch meiner Ansicht nach jemand gehen, der auch …“ „Und wie macht ihr es bei der Föderation?“, wollte Zirell spitzfindig wissen. Dabei kam sie Maron vor wie eine Advokatin, die ihm als Angeklagtem eine Straftat unbedingt nachweisen wollte. „Ladet ihr etwa Vertreter jeglicher Rassen ein? Das muss ja ganz schön voll werden bei euren Konferenzen. Ich fürchte, Nugura wird an Camp Khitomer demnächst anbauen müssen. Oder stapelt ihr euch zu vier Mann hoch in den Bänken?“

Jetzt musste auch Maron lachen, denn die Vorstellung löste merkwürdige Bilder in ihm aus. „Nein, Zirell.“, lachte er. „Wenn es dich beruhigt.“, machte sie schließlich einen Vorschlag zur Güte. „Dann kann ich ja Shimar befehlen, mit dir herunterzubeamen.“ „Alles klar.“, erklärte sich Maron erleichtert einverstanden.

Radcliffes hatten eine für D/4 sehr merkwürdig anmutende Anlage in ihrem Garten aufgebaut. Aus den Daten des Systems waren der Sonde zwar Bowlingbahnen im Allgemeinen nicht fremd, sie verstand aber nicht, warum Malcolm fast tagtäglich herkam, um dort zu trainieren, ohne dass sich seine Leistungen signifikant verbesserten. Sie hatte die Diskussionen zwischen dem Jungen und seinem Vater beobachtet, konnte sich aber irgendwie auf die gesamte Situation keinen Reim machen. Alles, was sie vom System über Bowling, speziell mit Kindern, erfahren hatte, war eigentlich, dass es ihnen Spaß bereiten und nicht sie frustrieren sollte. Aber Malcolm schien extrem frustriert, wenn sie ihn so beobachtete. Die Sonde beschloss, ihn in einem Moment, wenn sein Vater gerade nicht anwesend war, darauf anzusprechen. Dieser Moment sollte allerdings früher kommen, als sie ahnte. Wieder einmal hatte Malcolm nur acht Pins mit der eigentlich für Erwachsene konzipierten Kugel umgeworfen, was jeder normale Mensch bereits als eine sehr beachtliche Leistung ansehen würde, aber nicht Mr. Radcliffe. Er packte Malcolm am Kragen und zerrte ihn zu sich, um dann zu schreien: „Acht, nur acht? Wie sollen wir so Solok und sein Team je besiegen, wenn du dir nicht mehr Mühe gibst. Sie haben uns im Baseball geschlagen und ich war ihm auch sonst unterlegen. Dass muss sich ändern, das muss sich ändern, Jake, das muss sich ändern, jawohl! Ich sage dir jetzt etwas, mein Sohn. Entweder, dir gelingt heute noch ein Strike, oder du wirst hier die ganze Nacht trainieren! Hast du mich verstanden?!“ Das arme Kind kassierte noch eine Ohrfeige. Dann ging Mr. Radcliffe ins Haus. Wahrscheinlich musste er einmal einem biologischen Bedürfnis nachgehen.

Eingeschüchtert stand Malcolm da. Die Sonde, die jenes eigenartige Verhalten ihres Nachbarn genau gesehen hatte, nahm sofort Verbindung zu einem Datenlager des Systems auf, um einige Fakten zu klären. Die enge Stellung von Mr. Radcliffes Pupillen war ihr aufgefallen, ein Zeichen, dass er vielleicht unter Drogen gestanden haben konnte. Um ihn genauer zu scannen, hatte ihr die Zeit gefehlt. Sonst hätte sie vielleicht eine andere Erklärung finden können. Aber auch die Daten, die sie zu den Namen Jake und Solok erhielt, wollten einfach keinen Sinn machen. Die Namen fanden im Zusammenhang mit Baseball vor ca. 800 Jahren eine Erwähnung. Sie erfuhr alles über die Rivalität zwischen Sisko und seinem vulkanischen Studienkollegen, aber was hatte das mit Mr. Radcliffe zu tun? Sie beschloss, dieses Rätsel an das gesamte System zu stellen. Vielleicht konnte eine der anderen Sonden ihr bei der Verarbeitung der merkwürdigen Daten assistieren. A/1 würde es schon der richtigen Untergruppe, die für das Erledigen von Detektivarbeit zuständig war, zukommen lassen. Aber da gab es ja noch das Kind! Oder vielleicht wusste ja auch die Mutter etwas!

D/4 verließ das eigene Grundstück, um sich zu den Radcliffes zu begeben. Sie hatte vor, zunächst vorsichtig mit Malcolm über die Sache zu sprechen. Später würde sie auch Nayale zu einem geeigneten Zeitpunkt abpassen. Dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte, das war ihr klar. Sicher war medizinisch etwas mit Mr. Radcliffe nicht in Ordnung. Wenn er nicht zurechnungsfähig war, dann musste ihm unter Umständen das Recht entzogen werden, weiterhin für seinen Sohn zu sorgen. In den Augen der Sonde war die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass er ihn vielleicht sogar noch gefährden könnte, aber das durfte sie Malcolm auf keinen Fall sagen. Ihre Erfahrungen mit Bioeinheiten hatten sie gelehrt, dass so eine Information ein Kind zu sehr ängstigen würde. Diese Details würde sie sich für das Gespräch mit Nayale aufheben.

Sie schlich zur Bowlingbahn hinüber und sprach den vor sich hin schluchzenden Malcolm an: „Welchem Zweck dient diese Anlage?“ „Meinem Training.“, sagte der Junge traurig. „Definiere.“, sagte die Sonde. „Na ja.“, entgegnete Malcolm. „Ich soll besser im Bowling werden, um so ’n komischen Solok besiegen zu können. Weißt du, Tante D, das passiert immer dann, wenn mein Dad komisch wird.“ „Das konnte ich beobachten.“, bestätigte die Sonde. „Allerdings kann ich dich beruhigen. Solok ist längst tot. Um ihn musst du dich also nicht mehr sorgen. Ist dir aufgefallen, dass dich dein Vater mit der falschen Kennung angesprochen hat?“ Malcolm nickte. Dann sagte er: „Das macht er immer, wenn er komisch wird. Dann nennt er meine Mummy auch Jennifer. Du, Tante D, kannst du mir sagen, warum ich keinen Strike schaffe?“ „Die Anlage und du, ihr werdet examiniert werden.“, antwortete die Sonde und begann zu scannen. Gleich darauf teilte sie Malcolm ihre Ergebnisse mit. „Die Anlage ist aufgrund ihrer momentanen Konfiguration für die Bedienung durch eine Bioeinheit deines körperlichen Entwicklungsstandes ungeeignet. Sie muss konfiguriert werden. Verbleibe an dieser Position! Ich werde die notwendigen Konfigurationen vornehmen und bald zurückkehren.“ Damit ging sie. Sie, der Malcolm noch staunend nachsah. Er hatte zwar nur die Hälfte von dem verstanden, was sie gesagt hatte, aber er war sicher, sie würde ihm helfen. Er konnte ihre Rückkehr kaum erwarten.

Endlich kam sie zurück und präsentierte ihm eine Kugel, die zwar das gleiche Flächenmaß wie die vorherige Kugel hatte, allerdings durch ausgeklügelte Hohlräume in ihrem Inneren viel leichter war. Auch waren ihre Grifflöcher für die Finger erheblich kleiner im Durchmesser, nicht so tief und enger beieinander. Ihren quietschbunten Mantel zierten Motive aus Kinderserien. „Und du glaubst, damit geht es?“, fragte Malcolm. „Das ist korrekt.“, antwortete die Sonde und legte ihm die Kugel auf den Startpunkt. „Probiere es aus, dann wirst du sehen.“

Malcolm wuselte heran und nahm die Kugel auf. Dann holte er aus und ließ sie laufen. Es gab einen lauten Krach und alle 12 Pins lagen danieder. „Wow!“, freute sich Malcolm. „Danke, Tante D!“ „Ich denke, ein Glückwunsch an dich ist jetzt angebracht.“, sagte die Sonde und schüttelte seine Hand: „Gratulation!“ „Danke, Tante D!“, freute sich Malcolm erneut. „Aber ohne deine Hilfe hätte ich das nicht geschafft.“ „Deine Einschätzung ist korrekt.“, entgegnete die Sonde und sah, wie sich das Gesicht des Jungen gleich wieder ängstlich und traurig verzog. „Habe ich die zur Gratulation notwendigen Handlungen nicht korrekt ausgeführt?“, erkundigte sie sich. „Das is’ es nich’.“, schluchzte Malcolm. „Aber mein Dad wird mir die Kugel wegnehmen. Er sagt, dass Soloks Kinder niemals mit so einer leichten Kugel spielen dürfen und dann dürfen wir uns auch keine solche Schwäche leisten.“ „ Das Urteil deines Vaters ist kurzsichtig.“, urteilte die Sonde. „Aber ich denke, er fällt es nur dann, wenn er komisch ist, wie du es definiert hast. Kann man seine normale mentale Funktionalität wieder herstellen?“ „Du meinst, ob man ihn da wieder rausholen kann?“, fragte Malcolm. „Positiv.“, nickte die Sonde. „Mummy schafft das meistens irgendwie.“, sagte Malcolm. „Das ist positiv.“, sagte die Xylianerin. „Dann wird er hoffentlich vernünftigen Argumenten gegenüber wieder zugänglich sein. Aber wenn er nicht einsichtig ist, dann können wir die Kugel auch bei mir im Haus aufbewahren. Ich werde sie dir immer dann geben, wenn du hier bist.“ „Aber was machen wir, wenn du nicht da bist, Tante D?“, fragte Malcolm. „Ich meine, du musst doch sicher auch arbeiten. Was arbeitest du?“ „Ich bin Bereitschaftsärztin an Bord des Rettungsshuttles.“, antwortete sie. „Aber ich werde dir den Code für meine Haustür und das Versteck der Kugel verraten. Dann kannst du jederzeit selbstständig auf sie zugreifen.“

„D/4!“ Eine Frauenstimme hatte ihre Kennung genannt. D/4 drehte sich in die Richtung, aus der sie die Stimme vernommen hatte und wurde Nayale ansichtig. Mit einem ruhigen Gesichtsausdruck kam die junge Frau auf sie zu. „Danke, dass Sie auf meinen Sohn geachtet haben.“, sagte Nayale. „Wissen Sie, mein Mann hatte wieder so einen Anfall. Aber jetzt ist alles wieder gut. Malcolm, es tut Dad sehr leid. Du kannst ruhig wieder ins Haus kommen. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Ach, ich wünschte, sie würden endlich eine Behandlung für ihn finden. Aber bisher gibt es keine.“

„Ich muss mit Ihnen sprechen, Nayale.“, sagte D/4 und zog sie hinter ihren eigenen Zaun. Dann sagte sie: „Ich stellte eine leichte Beschädigung am Körper Ihres Sohnes fest. Diese muss Ihr Mann ihm während seines Anfalles zugefügt haben. Ich gehe davon aus, dass Ihr Kind bei Ihrem Mann gefährdet ist. Seine und die medizinische Situation Ihres Mannes werden von mir beobachtet werden. Sollte ich etwas Derartiges noch einmal sehen, werde ich es den zuständigen Behörden melden!“

Zur Überraschung der Sonde nahm Nayale sie in den Arm und zog sie an sich. „Oh, Gott!!“, sagte sie. „Vielleicht ist es so besser. „Wenn ich Sie gerade richtig verstanden habe, dann hat mein Mann unseren Sohn verletzt. Das zeigt, dass die Anfälle immer schlimmer zu werden scheinen. Es wird auch für mich immer schwieriger, ihn da herauszuholen. Heute musste ich ihn richtig schütteln! Ich könnte mich scheiden lassen, aber das würde ihm sicher auch nicht helfen, wenn sie ihn in eine Klinik stecken. Vielleicht würde es alles nur noch verschlimmern. Es hat ja niemand eine Erklärung …“ Sie begann zu weinen. „Unter Umständen kann ich zu einer Erklärung beitragen.“, sagte D/4 tröstend. „So?“, fragte Nayale. „Sie sind Zivilistin.“, begann die Sonde. „Deshalb halte ich für möglich, dass Sie nicht unbedingt wissen, für wen sich Ihr Mann während dieser Anfälle hält. Aber ich verfüge über diese Daten und werde sie mit Ihnen teilen. Konfigurieren Sie bitte Ihre Systeme für eine verbale Übermittlung. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er sich für Captain Sisko hält, einen vor 800 Jahren sehr berühmten terranischen Sternenflottenkapitän.“ „Moment.“, sagte Nayale. „Sie sagen, er hält sich für diesen Sisko aus der Vergangenheit? Das ist doch nicht normal! Kennen Sie die Ursache?“ „Die Ursache ist dem gesamten System unbekannt.“, sagte D/4. „Aber Ihre Situation wird von mir beobachtet werden.“ „Danke.“, sagte Nayale und drehte sich fort, um wieder zu ihrem Sohn zurückzukehren.

Telzan und Sytania hatten Stunden vor dem Kontaktkelch verbracht, in denen sie sich bereits 750 Jahre der rund 800 Jahre andauernden politischen Beziehung zwischen den Romulanern und der Föderation angesehen hatten. Bedingt durch diese Tatsache hatten sie die 750 Jahre zwar erheblich gerafft, der Prinzessin ging aber auch dies nicht schnell genug. War es, weil Sytania ohnehin die Probleme und den Alltag der Sterblichen als lästig und läppisch empfand, oder weil sie einfach nur zu ungeduldig war. Jedenfalls zog sie irgendwann einfach frustriert ihre Hände aus Telzans Hand und vom Fuß des Kelches und sah ihren Diener etwas streng an. „Was ist Euch, Herrin?“, fragte Telzan ruhig, der an sich noch Stunden hätte weitermachen können. „Ich bin es leid, Telzan!“, sagte Sytania laut und schon fast wütend. „Ich bin es leid, mir die kleinen lästigen langweiligen Belange der Sterblichen Detail für Detail anzusehen! Es wird nichts dabei herauskommen! Nuguras Vorgänger haben diese verdammte Beziehung so aalglatt und wasserdicht gestrickt, dass wir nichts, aber auch gar nichts, finden werden! Ich dachte, weil Romulus und die Föderation einmal Feinde, ja sogar Todfeinde, waren, würde es leichter werden! Aber anscheinend hat man im Krieg gegen die Formwandler alle Feindschaft vergessen! Die verdammte Konferenz ist in zwei Tagen, auf der die Waffe übergeben werden soll! Bis dahin müssen wir etwas gefunden haben! Wenn uns das nicht gelingt, dann …! Ach!“ Sie warf dem Kelch einen wütenden Blick zu.

Auch Telzan hatte seine Hände von ihr und vom Kelch genommen und war aufgestanden, aber nur, um im gleichen Moment hinter sie zu treten und ihr beruhigend seine große starke rechte Hand auf die Schulter zu legen. Dann näherte er sich ihrem rechten Ohr und flüsterte hinein: „Wir sind verdammt nah dran, Gebieterin. Das spüre ich. Noch einige Sekunden und wir werden fündig sein.“ „Ach was!“, keifte Sytania und stieß ihn fort, um ihn danach mit einem strengen Blick wieder auf seinen Platz zu weisen. „Wir bräuchten einfach mehr Zeit, die wir nicht haben!“, sagte sie. „Sicher könnte ich die Zeit anhalten und dafür sorgen, dass sie nur hier weiterläuft. Aber sämtliche Sensoren würden dann Alarm schlagen. Dann wüssten unsere Feinde, dass ich hier meine Finger im Spiel habe und das wäre nicht gut, nicht wahr?“ „Da sprecht Ihr die Wahrheit, Herrin.“, versuchte Telzan sie zu beschwichtigen. „Aber ich weiß einfach, dass wir sicher nicht mehr lange suchen müssen. Das sagt mir einfach mein Gefühl.“

Sytania lehnte sich auf ihrem Thron zurück, um im gleichen Moment in schallendes Gelächter auszubrechen. „Wer hat denn so was schon mal gehört?!“, schrie sie lachend. „Wenn du eine Frau wärst, dann würde ich ja noch verstehen, wenn du von Intuition redest. Aber von männlicher Intuition habe ich noch nie gehört! Oder gibt es etwa eine Tatsache, die mir entgangen ist, die deine Behauptung untermauern könnte?“ „Nein, Gebieterin.“, musste Telzan zugeben. „Die gibt es leider nicht, aber …“ „Siehst du?“, schnitt sie ihm das Wort ab. „Dann wirst du auch die Güte haben, mich nicht länger mit deinen Schüssen ins Blaue zu nerven!“

Telzan überlegte, wie er sie gleichzeitig versöhnen und für sich einen weiteren Versuch einer Suche herausschlagen konnte. Er wusste, wenn die Prinzessin sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann war sie auch nur schwer, oder auch teilweise gar nicht, davon abzubringen. Auch ihre Ungeduld, die er ja laut seiner Frau versuchen sollte zu bekämpfen, war ihr oft sehr stark im Weg gewesen und auch mit ein Grund, aus dem sie so oft von der Föderation und ihren Verbündeten besiegt worden war. Aber Augenblick mal! Sytania wollte die Intuition einer Frau, dann sollte sie diese auch bekommen. Cirnach würde ihrem Mann sicherlich gern bei der Suche behilflich sein. Jetzt musste er Sytania nur noch den Kelch aus dem Kreuz leiern. „Hoheit.“, begann Telzan unterwürfig. „Ich ahne, dass ich Euch vielleicht beim Thema Geduld noch zu viel zugemutet habe. Aber ich bin bereit, dies wieder gutzumachen. Überlasst Cirnach und mir nur den Kelch für diese Nacht. Ich bin überzeugt, dass wir einen Schandfleck in der Beziehung zwischen den Romulanern und der Föderation finden können. Einen, der so schändlich ist, dass die Romulaner der Föderation auf keinen Fall die Waffe geben werden, ja, sie werden sie sogar eher zerstören, als sie in Feindeshand fallen zu lassen.“ „Feindeshand?!!!“, schrie Sytania. „Ah, jetzt weiß ich, wie du darauf kommen kannst, dass es irgendwo etwas gibt, das es nicht geben kann. Du trägst aus irgendeinem Grund eine rosarote Brille und leidest an Realitätsverlust! Die Föderation und Romulus sind die besten Freunde! Wenn du genauer hingesehen hättest, dann wüsstest du das jetzt auch und würdest hier keine solchen Luftschlösser bauen!“ „Deshalb bitte ich Euch ja auch, mir den Kelch zu überlassen.“, bat Telzan. „Dann werde ich entweder Euch beweisen, dass ich richtig liege, oder es wird sich bewahrheiten, was Ihr gesagt habt. Egal wie, es wird uns weiterbringen, wenn Ihr ihn mir überlasst. Gebt mir bitte bis morgen Zeit. Länger werde ich nicht brauchen, Milady. Nur diese eine Nacht. Gebt Cirnach und mir nur diese eine Nacht mit dem Kelch.“

Die imperianische Königstochter legte resigniert die Hände in den Schoß. „Also gut.“, sagte sie mit einem Seufzer in der Stimme. „Wenn du glaubst, dass du und dein Weib wirklich etwas finden könnt, dann nimm ihn und geh!“ Sie schob den Kelch in seine Richtung. Telzan nahm ihn lächelnd auf und drehte sich mit den Worten: „Ihr werdet es nicht bereuen, Gebieterin, Ihr werdet es nicht bereuen.“, zur Tür des Thronsaales, um diesen dann schnellen Schrittes zu verlassen.

Tchey und D/4 waren in der Einsatzzentrale von Rescue One mit der Wartung des Shuttles beschäftigt, die jede Woche einmal anstand. Die Sonde füllte gerade die medizinischen Vorräte auf, während sich die Reptiloide vor dem Computerbildschirm sitzend etwaige Fehlermeldungen des Diagnoseprogramms notierte, um sie danach der technischen Abteilung melden zu können, damit diese notwendige Reparaturen durchführen konnte. Aber von einer Meldung war weit und breit nichts zu sehen, also legte Tchey bald zufrieden das Pad weg, welches sie zuvor auf ihrem Schoß abgelegt hatte. Dann sagte sie leise: „Wow, Lasse, du und dein Team, ihr habt sie aber klasse in Schuss. Sie schnurrt ja wie ein Kätzchen.“ Tcheys Ehemann war nämlich seit kurzem der für das Rettungsshuttle zuständige leitende Ingenieur. Dass seine Frau die zuständige Pilotin war, tat dieser Tatsache keinen Abbruch. Heute, wenn beide nach Hause gekommen wären, würde er sich sogar ein Lob von ihr abholen können. Er wusste aber auch, als er die Stelle annahm, dass sie im anderen Falle keineswegs mit dem Nudelholz in der Tür auf ihn warten würde. Wie erwachsene Menschen beziehungsweise Wesen würden sie darüber reden. Aber Lasse wusste auch, dass er für Rescue One sowieso besondere Verantwortung hatte, denn, sollte ein Einsatz aufgrund eines nicht funktionierenden Shuttles nicht stattfinden können, hing unter Umständen ein Leben daran.

Auch die Sonde war nun mit ihrer Arbeit fertig und gesellte sich zu Tchey ins Cockpit, was die Echsenartige als sehr überraschend empfand. „Nanu, welch’ Glanz in meiner Hütte.“, flapste sie der Xylianerin mit ihrer zuweilen etwas schrill wirkenden hohen Stimme entgegen. Dabei grinste Tchey, so dass ihre langen Zähne gut zu sehen waren. „Um mal in Ihrem Sprachgebrauch zu bleiben.“, sagte sie dann. „Ihr Verhalten ist ungewöhnlich.“ „Ihre Feststellung ist korrekt.“, sagte die Sonde und setzte sich auf den hinteren Sitz. „Kommen Sie ruhig näher.“, bot Tchey ihr den Platz auf dem Copilotensitz an. „Ich werde schon nicht beißen. Außerdem habe ich heute Morgen gut gefrühstückt und keinen Appetit auf künstliche Stoffe.“

Vorsichtig, ja fast zögerlich, nahm die Sonde das Angebot an. Tchey sah ihr erwartungsvoll ins Gesicht, als sie fragte: „Wo drückt denn nun der Schuh?“ „Ich beabsichtige.“, begann die Sonde. „Mit Ihnen Daten über eine komplexe Situation zu teilen.“ „Oh.“, stöhnte Tchey. „Dann wollen wir mal hoffen, dass ich der Komplexität der Daten gewachsen bin. Selber testen kommt immer noch am besten.“ „Dann konfigurieren sie bitte Ihre Systeme für eine verbale Übermittlung.“, forderte D/4 sie auf. „Betrachten Sie sie als konfiguriert.“, erwiderte Tchey, die genau wusste, dass damit nichts anderes gemeint war, als dass sie von D/4 gebeten worden war, ihr zuzuhören. „Es geht um eine offensichtlich gefährdete Protoeinheit.“, begann D/4. „Ich war Zeugin der Ereignisse.“ „Sie haben eine Kindesmisshandlung beobachtet?“, übersetzte Tchey erschrocken. „Das ist korrekt.“, antwortete die Sonde. „Die Gefährdung der Protoeinheit resultiert aus einer mentalen Funktionsstörung des Vaters. ER hält sich meinen Daten zufolge offensichtlich für Captain Benjamin Sisko.“ „Was?!“, fragte Tchey alarmiert. „Hat der noch alle Latten am Zaun?! Aber reden Sie weiter. Ich meine, dass er sich für Sisko hält, ist ja noch keine Misshandlung. Was ist passiert?“ „Er hat während eines solchen Anfalles seinem Sohn einen körperlichen Schaden zugefügt.“, sagte D/4.

Tchey zog Luft durch die Zähne ein und verzog das Gesicht: „Oh, das is’ natürlich was ganz Fieses. Wenn das in einem Anfall von geistiger Umnebelung passiert, dann kann man für nichts garantieren. Waren Sie damit schon beim Jugendamt?“ „Das wäre mein nächster Schritt.“, sagte die Sonde. „Dann gehen wir am besten gleich morgen.“, schlug Tchey vor und rief im Computer den Dienstplan für die nächsten Tage auf. „Ab morgen beginnt sowieso unsere freie Woche und dann haben wir Zeit.“ „Vielen Dank, Tchey.“, sagte D/4 und lächelte sogar.

Telzan war mit dem Kontaktkelch in der Hand in sein Haus in der Nähe des Palastes zurückgekehrt. Erstaunt über diesen Umstand sah ihn Cirnach an. „Was willst du hier mit dem Kelch, mein Ehemann.“, fragte sie. „Ich muss unbedingt etwas Bestimmtes in der Vergangenheit der Föderation finden.“, antwortete Telzan. „Sytania und ich haben es gemeinsam versucht, aber sie ist immer so ungeduldig!“ „Darüber haben wir ja zur Genüge gesprochen.“, erinnerte ihn Cirnach. „Hast du ihr nicht gesagt, dass sie sich im Prinzip jedes Mal selbst besiegt hat, weil sie sich selbst mit der eigenen Ungeduld im Weg stand?“ „Das habe ich versucht, ihr zu verdeutlichen.“, sagte Telzan. „Aber anscheinend kann sie nicht aus ihrer Haut. Ich habe ihr den Kelch abgeluchst, damit wir beide, also du und ich, gemeinsam weitersuchen können. Ich weiß, dass wir schon ganz nah waren, aber sie hat einfach aufgegeben. Ja, sie hat sich sogar über mich lustig gemacht.“

Cirnach setzte sich auf eines der in vendarischen Häusern üblichen Sitzkissen im Wohnzimmer, das beide in der Zwischenzeit betreten hatten und sah ihn an. Dann sagte sie: „Hör mir zu, Telzan. Unsere Herrin mag kein Beispiel an Geduld sein, aber ich bin es dafür um so mehr. Lass uns gemeinsam suchen. Wenn ihr schon so nah dran wart, dann wird es uns ein Leichtes sein, denke ich.“

Telzan atmete erleichtert auf und stellte den Kelch zwischen sich und Cirnach auf den Boden, bevor er sich setzte. Dann legten beide eine Hand auf den Fuß des Kelches und gaben sich die jeweils andere. „Wonach sollen wir suchen?“, fragte Cirnach. „Konzentriere dich auf Sytanias und meine geistige Prägung, Telshanach.“, erwiderte der Vendar sehr zärtlich. Da Vendar auch sich untereinander und erst recht die Anwesenheit von Mächtigen spüren können, sollte dies auch für die sehr neugierige Cirnach kein Problem darstellen. „Ich werde dich schon zu der Stelle führen, die ich meine.“ „Wie du möchtest, Telzan.“, sagte Cirnach und begann mit der Ausführung seiner Anweisung.

Einige Minuten hatten die Vendar so schon still vor dem Kelch verbracht. In diesen Minuten hatten beide das Leben auf Deep Space Nine beobachtet. Allerdings lief alles rückwärts ab. Plötzlich nahm Cirnach ihre Hand vom Kelch und sah ihren Mann aufgeregt an. „Hast du das gesehen, mein Telzan?!“, fragte sie aufgeregt. „Hast du gesehen, dass Sisko, der ach so moralische Sisko, ein Mordkomplott gegen die romulanischen Gesandten geschmiedet hat, um es dann den Formwandlern in die Schuhe zu schieben?“ „Oh, ja, meine geliebte Cirnach. Das habe ich gesehen. Wenn er auch technologisch alles gelöscht haben mag, die Zeit, mein Liebling, die Zeit, sie vergisst es niemals. Jetzt müssen wir uns nur noch etwas überlegen, wie wir dies zu unserem Vorteil nutzen können.“ „Ich wüsste da schon eine Möglichkeit.“, sagte Cirnach, in deren Familie es viele Priesterinnen gegeben hatte. „Mit Göttern und deren Machenschaften kenne ich mich aus.“ „Wie soll uns das helfen?“, fragte Telzan verwirrt, der beim besten Willen nicht verstand, worauf sie hinaus wollte. „Was haben die vendarischen Götter mit der Situation um Sisko zu tun?“ „Nicht unsere Götter.“, erklärte Cirnach. „Ich rede von den bajoranischen Göttern, die sie auch die Propheten nennen. Aber zuerst will ich dir mal was über die Beziehung zwischen Göttern und Sterblichen im Allgemeinen erklären. Du hast das vielleicht nicht so verinnerlicht, weil du nicht sehr gläubig bist. Aber im Allgemeinen ist es so: Sterbliche glauben, dass sie nur mit reinem Gewissen ihren Göttern entgegentreten dürfen. Bei Sisko El Taria kam noch hinzu, dass er selbst ein halber Prophet war. Er mag zwar damals als Mensch gesagt haben, er könne mit dieser Schuld leben, aber das heißt nicht, dass er sie vollends als einen Teil von sich akzeptiert hat. Als er dann also vor seine Verwandten getreten ist, ist ihm in den Sinn gekommen, oder könnte ihm zumindest in den Sinn gekommen sein, dass er nicht rein genug sein könnte, um unter ihnen zu leben. Vielleicht ist er ja als Mensch wiedergeboren worden oder so. Quasi als Strafe! Du verstehst?“ „Oh, meine Frau, meine liebe kluge Frau!“, grinste Telzan und nahm sie fest in den Arm. „Ich glaube, ich weiß, was du sagen willst. Aber allein schaffen wir das nicht. Dazu benötigen wir die Hilfe unserer mächtigen Gebieterin. Aber ich denke, Sytania wird sich darauf einlassen, wenn sie erst einmal sieht, was wir gefunden haben. Bitte begleite mich zum Palast. Dort können wir ihr dann also beweisen, dass sie zu früh aufgegeben hat.“ Cirnach nickte und stand auf. Telzan tat es ihr gleich und nahm auch den Kelch auf. Dann gingen beide in Richtung Schloss davon.

Kapitel 3: Rettungsversuche

von Visitor

 

D/4 hatte ihre Regeneration beendet und ihre Dockingstation verlassen. Dann war sie in ein blaues Sommerkleid und rote Sandalen geschlüpft. Sie hatte zwar eigentlich ihren Körper nicht verhüllen müssen, als Anpassung an die terranische Kultur fand sie dies aber adäquat.

Sie verließ ihr Haus und bog auf den Fußgängerweg ein, als vor ihrer Nase plötzlich ein quietschgrüner Jeep an der nächsten Kreuzung verhinderte, dass sie die Straße überquerte. Die Hand, welche der Sonde zuwinkte, konnte diese einwandfrei identifizieren. „Tchey.“, erkannte sie nüchtern. „Ihre Annahme ist korrekt.“, emittierte Tchey grinsend den Sprachgebrauch der Sonde. Dann sagte sie, während sie auf die Beifahrerseite deutete: „Steigen Sie ein.“ „Dass Sie mich begleiten wollten.“, sagte D/4, als sie einstieg. „War mir bekannt. Aber ich dachte nicht, dass Sie mich abholen würden.“ „Überraschung.“, grinste die Echsenartige, als sie den Jeep in Richtung Enterprise Lane in Bewegung setzte.

Telzan und Cirnach waren auf dem Weg zu Sytanias Thronsaal fast an einer übereifrigen Wache gescheitert, bei der es sich um Dirshan, Telzans jüngsten, aber gewissenhaftesten Novizen, handelte. „Lass deine Waffe stecken, Junge.“, beruhigte Telzan den mit gezogenem Phaser vor ihm und seiner Frau stehenden Jugendlichen. „Wir sind es nur, dein Ausbilder und seine Frau.“ Erleichtert ließ Dirshan die Waffe wieder sinken. „Bitte vergib mir, Ausbilder.“, bat er. „Was soll ich dir vergeben?“, fragte Telzan ruhig. „Soll ich dir etwa deine Aufmerksamkeit vergeben? Ich wüsste nicht, dass dies ein Verbrechen darstellt. Von deiner Sorte müsste es auch unter den bereits ausgebildeten Kriegern viel mehr geben, mein Junge, jawohl. Viel mehr. Und nun melde Cirnach und mich unserer Gebieterin. Sag ihr, wir hätten eine Lösung gefunden, die ihr sicher auch gefallen wird.“ „Ja, Ausbilder.“, nickte Dirshan und öffnete die schwere Tür zum Thronsaal. Dann sagte er laut und deutlich: „Telzan und seine Frau Cirnach, Euer Hoheit!“ „Lass sie eintreten!“, entgegnete Sytania. Der Junge nickte und winkte den beiden erwachsenen Vendar, die sich sofort auf den Weg machten. Er selbst blieb draußen und schloss die Tür wieder hinter ihnen.

Drinnen stellte Telzan den Kelch mit gleichmütigem Gesicht vor Sytania auf dem Schreibtisch ab. „Was soll das also für eine Lösung sein, die ihr da gefunden habt?“, fragte die Prinzessin mit leicht unwirschem Ton. „Milady, wir müssen Euch um etwas bitten.“, begann Cirnach. „Bitte benutzt Eure seherischen Kräfte, um herauszufinden, ob ein gewisser Benjamin Sisko unter Umständen aus dem Reich der Toten, oder besser der Propheten, zurückgekehrt ist. Damit steht und fällt unser gesamter Plan.“ „Ich weiß zwar nicht, wie uns das helfen soll.“, entgegnete Sytania. „Aber weil ihr es seid.“ Damit begann sie, sich auf die ihr eben gestellte Frage zu konzentrieren. Tatsächlich wurde sie bald fündig und grinste ihre Untergebenen zufrieden an. „Oh, ja.“, sagte sie. „Er ist wiedergeboren worden. Nur wie bei allen, denen dies widerfahren ist, erinnert er sich nicht daran, oder zumindest nur manchmal.“ Sie lachte hexenartig. „Und ich glaube, ich weiß auch warum. Der gute Benjamin hatte nämlich kein so wirklich reines Gewissen, als er gestorben ist. Und genau auf diese Sache wollt ihr hinaus, nicht wahr?“ „In der Tat, Gebieterin.“, sagte Telzan. „Diese Sache, wie Ihr es nennt, macht ihn zu einem sehr guten Anwärter auf ein Werkzeug für uns, mit dem wir die Beziehung zwischen den Romulanern und der Föderation empfindlich stören können. Wie wäre es, wenn Ihr einen Gegenstand erschafft, der Eure geistige Prägung enthält und die Botschaft, dass er unbedingt allen die Wahrheit sagen muss. Die dazu notwendigen Kräfte liefert Ihr natürlich gleich mit. Jedes Wesen hat eine gute und eine böse Seite. Wenn Ihr ihn benutzen würdet, um die böse Seite von jedem abzuspalten, dann könnten wir uns diese auch zu Nutze machen. Und …“ „Oh, wie wunderbar perfide, mein lieber Telzan.“, sagte Sytania. „Aber eines nach dem anderen. Zuerst werde ich mich mal um den Gegenstand kümmern.“ Es gab einen schwarzen Blitz und vor ihnen stand ein Kristallkegel mit allerlei seltsam anmutenden Schriftzeichen. „Ich nehme an, die telepathische Botschaft enthält er bereits.“, sagte Cirnach und deutete darauf. „Ich bin doch keine Anfängerin.“, sagte Sytania. „Und nun verstecke ich ihn auf einem Planeten im Niemandsland.“, sagte sie und ließ den Kegel mittels ihrer Kräfte verschwinden. „So.“, sagte sie dann. „Und jetzt kümmere ich mich noch um die Erinnerungen des guten Sisko, oder besser des Professor Radcliffe, wie er jetzt heißt. Er muss ja schließlich wissen, wo er den Kegel finden wird, oder?“ „Selbstverständlich, Gebieterin.“, sagte Telzan und warf ihr einen schmeichelnden Blick zu. „Ich wusste, wir verstehen uns.“, sagte sie und winkte ihm und Cirnach zum Gehen. Beide nickten und verließen den Sal.

D/4 hatte Tchey auf der Fahrt die gesamte Geschichte erzählt, von der sie vorher nur einige Bruchstücke erfahren hatte. „Dass es so schlimm is’.“, sagte die Reptiloide, als sie den Jeep auf dem Parkplatz abstellte. „Jetzt wissen Sie, warum die Situation so komplex ist.“, sagte die Sonde.

Sie betraten das Rathaus von Little Federation und dann einen Turbolift, der sie in den zweiten Stock brachte, in dem sich das Jugendamt befand. Hier zweigten von einem Gang mehrere Zimmer ab, von denen das Erste als Anmeldung ausgewiesen war. In dem Zimmer befand sich ein langer holzfarbener Tresen, hinter dem eine junge Demetanerin auf einem weißen Bürostuhl saß. Sie trug einen weißen Rock, eine rote Bluse und spitze blaue Schuhe. Sie warf den Beiden Besucherinnen einen fragenden Blick zu. „Wir müssen eine Kindesmisshandlung zur Anzeige bringen.“, sagte D/4 ruhig. „Warten Sie bitte einen Augenblick.“, lächelte die junge Frau mit ihrer hellen leisen Stimme und ließ ihren Blick über einen Bildschirm schweifen. Dann sagte sie: „Gehen Sie bitte den Gang weiter herunter zu Raum 201. Mr. Miller kümmert sich dort um Sie.“ „Danke.“, erwiderte die Sonde und winkte Tchey, ihr zu folgen.

Mr. Miller war ein älterer Beamter und mochte es gar nicht, unbequeme Entscheidungen zu treffen. Das bemerkten Tchey und D/4 auch gleich, nachdem sie ihm die Sache geschildert hatten. „Sind Sie wirklich sicher, dass das alles so passiert ist?“, fragte Miller mit seiner etwas rauchig anmutenden tiefen Stimme. „Ich meine, Professor Radcliffe ist ein angesehener und berühmter Mann in aller Welt und …“ „Tragisch is’ nur, dass er sich für Captain Sisko hält.“, warf Tchey flapsig ein. „Sie hat alles gesehen.“ Damit deutete sie auf D/4. „Und sie hat es auch aufgezeichnet.“ „Das ist so eine Sache.“, sagte Miller. „Die Gerichte streiten darüber ob man die Erinnerungen künstlicher Lebensformen wie Erinnerungen oder wie technische Aufzeichnungen behandeln soll. Die Aufzeichnungen eines technischen Gerätes sind vor einem Gericht nicht aussagekräftig, weil sie theoretisch manipulierbar sind. Wäre sie eine Androidin, oder ein Hologramm, dann wäre die Rechtslage eindeutig zu ihren Gunsten. Aber …“ „Wie bitte, Sie Sesselfurzer?!“, ereiferte sich Tchey. „Es geht hier um Kindesmisshandlung und Sie erzählen mir hier was über die Rechtslage?!“ „Ihr Verhalten ist kontraproduktiv.“, sagte D/4 im Vergleich zu Tchey sehr ruhig und sachlich. „Und Ihres ist duckmäuserisch!“, schrie Tchey zurück. „Negativ.“, antwortete die Sonde. „Sie wissen, dass seine Ausführungen korrekt sind. Im Zugestehen von Rechten für künstliche Lebensformen, seien sie nun erbaut oder wie die Xylianer von natürlicher Herkunft und politische Verbündete der Föderation, ist die Rechtsprechung der Föderation nicht eindeutig. Die Mehrheit der einfachen Bevölkerung hat damit Probleme dank des Borgtraumas und die Politiker wissen das. Deshalb …“ „Borgtrauma!“, lachte Tchey. „Das ist 800 Jahre her!“ „800 Jahre sind offensichtlich nicht genug.“, stellte D/4 fest. Die Sonde ahnte nicht, wie prophetisch ihr letzter Satz in einem anderen Zusammenhang noch sein würde. „Mit Ihrer Aktion erreichen Sie nur, dass er uns negativ gegenüber gesonnen ist.“, klärte sie Tchey auf. „Außerdem hat er gesagt, dass es im Ermessen der zuständigen Richter liegt …“

Plötzlich stand sie auf. „Wir müssen abbrechen.“, erklärte sie, während sie zur Tür ging. „Was ist los?“, fragte Tchey deutlich. „Es ist Nayale Radcliffe.“, sagte D/4. „Ich habe ihr meine persönliche Interlinkfrequenz für den Notfall gegeben.“ „Sie haben sie mit ihrem Sprechgerät sozusagen in Ihren Kopf eingeladen?“, fragte Tchey. Die Sonde nickte. Dann sagte sie alarmiert: „Folgen Sie mir!“ Tchey nickte, warf Mr. Miller noch einen verächtlichen Blick zu, zischte: „Glück gehabt, mein Lieber!“, und sauste hinter der bereits einen erheblichen Vorsprung aufweisenden Xylianerin her.

Ich hätte sonst was drum gegeben, jetzt irgendwo anders, als auf der Sternenbasis 817 zu sein. Sicherlich war dies die Basis, auf der ich stationiert war und auf der ich auch im Normalfall meinen Dienst versah. Aber gerade das durfte ich im Augenblick nicht. Loridana hatte mich sozusagen krankgeschrieben. Aber sie wollte mich weiter beobachten können, um zu erforschen, ob unsere letzte Mission, bei der meine temporale Orientierung ganz schön durcheinander geraten war, psychische oder körperliche Auswirkungen gehabt haben könnte. Dazu gehörten unter anderem auch die allmorgendlichen Gespräche mit ihr. Aber meistens fanden diese eher am späten Vormittag statt, was bedeutete, dass ich in den meisten Fällen ausschlafen konnte, was für mich als Sternenflottenoffizierin an Bord der eigenen Dienststelle wohl sehr ungewöhnlich war. Über meinen sonstigen trostlosen Alltag trösteten mich allenfalls Tcheys tägliche Mails hinweg, in denen sie mir unter der Überschrift: „Neues aus Little Federation“ die neuesten Nachrichten mitteilte. So war ich auch über den etwas schrullig wirkenden Professor Radcliffe und sein kleines Problem informiert. Tchey hatte dies zwar sehr lustig geschildert, aber irgendwas sagte mir, dass uns das Witzeln bald vergehen würde. Heute war keine Mail von ihr gekommen, was ich zunächst als sehr ungewöhnlich empfand. Ich ahnte ja nicht, wie beschäftigt sie war.

Die Sprechanlage riss mich aus meinen Gedanken. Aber ich war auch froh, dass sie meine Langeweile beenden würde und mir auch über die Enttäuschung über die ausgebliebene Mail helfen würde. „Ja.“, antwortete ich flapsig, ohne vorher den Computer um das Vorlesen des Rufzeichens zu ersuchen. „Hier ist Mikel.“, kam es zurück. „Ich bin aber nicht allein. Commander Kissara ist bei mir.“ „Kommt rein.“, entgegnete ich lächelnd. Besuch war das Beste, was mir jetzt passieren konnte. Auch das Abfragen des Rufzeichens hätte nichts genützt. So wie sich die Situation darstellte, hätte der Computer ohnehin nur: „Externe Türsprechanlage.“, gesagt.

Ich befahl dem Rechner also, die Tür zu entriegeln und empfing die Beiden auf dem Flur meines Quartiers. Dann führte ich sie in mein Wohnzimmer, wo ich dem Replikator das Replizieren eines Glases Kölsch, einer Tasse thundarianischer Fleischbrühe und einer Tasse Kaffee in Auftrag gab. „Oh, machen Sie sich keine Mühe, Betsy.“, sagte Kissara. „Wir und vor allem Sie, werden ohnehin nicht zum Austrinken kommen, wenn Sie erst mal hören, was wir Ihnen zu sagen haben.“ „Geht es um meine Befunde?“, fragte ich und musste schlucken. „Hat Loridana etwa festgestellt, dass es mir so schlecht geht, dass ich meine Uniform an den Nagel hängen muss?“ „Dass du immer gleich das Schlimmste vermuten musst.“, sagte Mikel. Dann drehte er sich zu Kissara und flüsterte ihr zu: „Aber so war sie schon in der Schule.“ „Im Gegenteil, Allrounder.“, tröstete Kissara mit ihrer weichen für eine Frau etwas tiefen Stimme, die zuweilen an die deutsche Stimme von Captain Janeway erinnerte. Nur hatte sie noch einen für die Thundarianer typischen katzenartigen Schmelz. „Loridana findet sogar, dass Sie eine Kur verdient haben. Und die sollten Sie am besten in Ihrer Heimat absolvieren. Mikel und ich haben auch ab heute Urlaub. Ich wollte Little Federation immer schon einmal sehen und Mikel und Sie wohnen dort ja sogar.“ „Es gibt nur ein Problem.“, sagte Mikel. „Es ist weit und breit kein Bereitschaftspilot aufzutreiben und meine Kapsel ist sozusagen in Jannings’ Werkstatt.“ „Was hast du wieder gemacht?!“, scherzte ich in Mikels Richtung. „Fiese Experimente mit dem Antrieb? Na ja. Jannings wird sich bestimmt schon die Haare raufen. Aber Lycira und ich haben nichts dagegen, euch zwei mitzunehmen. Nun, dann sollte ich wohl anfangen zu packen.“ „Danke, Betsy.“, sagte Mikel. „Ich freue mich schon! Deine Lycira ist nämlich echt knautschig.“ „Ach, wie süß!“, sagte ich und umarmte Mikel. „Aber deine zeitländische Kapsel ist auch voll cool.“ „Sie kann aber ganz ehrlich gegen Lycira nicht anstinken.“, sagte Mikel mit leicht verschämter Betonung. „Vielleicht schicken dir ja irgendwelche Fremden auch mal ein Schiff.“, tröstete ich. „Das bezweifle ich.“, meinte Mikel. „Lassen wir den Allrounder in Ruhe ihre Koffer packen, Agent!“, rief Kissara, die bereits zur Tür gegangen war. „Wir werden die Unserigen holen und dann schon mal zur Schleuse gehen.“ „Also gut, Ma’am.“, sagte Mikel und folgte ihr. Während des ganzen Packens wurde ich das Gefühl nicht los, dass Mikel und Kissara die Situation absichtlich herbeigeführt hatten. Aber ansprechen sollte ich sie darauf besser nicht, oder erst dann, wenn mir der Zeitpunkt als günstiger erschien.

Tchey hatte den Jeep auf dem Grundstück der Radcliffes zum Stehen gebracht und die Sonde war ausgestiegen. Jetzt offenbarte sich ihr der Grund, aus dem Nayale sie gerufen hatte. Mr. Radcliffe schien sie und den gemeinsamen Sohn über die Wiese zu jagen. Dabei hatte er eine Bowlingkugel in der Hand, die er bedrohlich in Richtung von Nayales Kopf hielt. Dabei schrie er immer wieder mit fast kippender Stimme: „Du hast was mit Solok, Jennifer! Du hast was mit Solok!“

Malcolm hatte die Xylianerin erspäht und rief ängstlich aus: „Tante D, hilf uns!“ Wortlos fasste D/4 den Jungen um die Hüften und hob ihn hoch, um ihn dann auf die Rückbank des Jeeps zu verfrachten, nachdem Tchey, die diese Situation auch erfasst und als gefährlich eingestuft hatte, die Tür per Knopfdruck öffnete. „Verbringen Sie die Protoeinheit an einen sicheren Ort und sorgen Sie für eine Ablenkung!“, wies D/4 sie an. Tchey nickte, aktivierte das Sicherungskraftfeld, das die Funktion eines Gurtes ersetzt, schloss die Tür wieder, startete den Jeep und legte einen Blitzstart hin, der sich gewaschen hatte.

D/4, die zurückgeblieben war, blieb aber auch nicht untätig. Im Gegenteil. Sie schnappte sich Nayales Hand und zog sie dicht an sich. Dabei nahm sie eine bestimmte Position zu einem Haufen Gras ein, der in einer Ecke der Wiese lag. Dann aktivierte sie ihre xylianischen Schutzschilde und dehnte sie um Nayale und sich aus. „Ich bin so froh, dass Sie da sind.“, sagte die junge Zeonide erleichtert. „Mein Mann ist jetzt schon seit Stunden in dem Anfall und ich kriege ihn da nicht raus.“ „Bei mir sind Sie sicher. Ich werde Sie beschützen.“, sagte die Sonde. „Muss das mit den Schilden wirklich sein?“, fragte Nayale mitleidig. „Positiv.“, antwortete D/4.

Radcliffe hatte entdeckt, was mit seiner Frau geschehen war. Jetzt drehte er sich zu den beiden Frauen. D/4 konnte gut jene Stellung der Pupillen erkennen, die sie schon beim ersten Mal darauf gebracht hatte, dass etwas mit dem Professor nicht stimmen konnte. „Hätte ich mir denken können!“, sagte Radcliffe, „Dass sich Solok mit den Borg verbündet, um …Ah!“ Er war an D/4’s Schilden abgeprallt und mit dem Kopf auf dem Boden aufgekommen. Die Intensität des Aufpralls hatte ausgereicht, um ihn bewusstlos werden zu lassen, was nicht zuletzt auch dem Grashaufen zu verdanken war, in den er gefallen war.

Die Sonde senkte ihre Schilde und zog die weinende Nayale noch enger an sich. „Ist er tot?“, fragte die stark geschockte junge Frau. „Negativ.“, tröstete die Sonde. „Ich habe die Intensität meiner Schilde und unsere Positionierung exakt berechnet. Es war nicht meine Absicht, ihn zu töten.“ „Aber Sie wollten sozusagen einen Neustart seiner Systeme veranlassen, um mal in Ihren Worten zu sprechen.“, verstand Nayale. „Offensichtlich wissen Sie ganz genau, was Sie tun.“ „Das ist korrekt.“, sagte die Xylianerin.

Radcliffe schlug die Augen auf, was von D/4 mit Zufriedenheit zur Kenntnis genommen wurde. Er versuchte aufzustehen, aber die Sonde war sofort neben ihm und hielt ihn an den Schultern am Boden. „Nennen Sie zuerst die Kennung Ihrer Frau!“, forderte sie. „Nayale Radcliffe.“, antwortete Radcliffe mit schwacher Stimme. „Nennen Sie die Kennung ihres Sohnes!“, insistierte d/4 weiter. „Malcolm Radcliffe.“, antwortete er. „Und ich bin Professor Nathaniel Radcliffe, wenn Sie es genau wissen wollen.“ „Ihre Kennung lautet also nicht Benjamin Sisko?“, überprüfte D/4. „Nein.“, sagte der Professor und wurde blass. „Ich hatte doch nicht schon wieder einen, oder?“ „Doch.“, sagte Nayale aus dem Hintergrund. „Du hast mich bezichtigt, ein Verhältnis mit einem toten Vulkanier zu haben und der soll die Borg angeheuert haben, Malcolm zu entführen. Du warst total von Sinnen. Fast wie besessen! Du wolltest mich mit einer Bowlingkugel verletzen!“ „Oh, nein!“, rief Radcliffe. „So einen Schwachsinn habe ich behauptet? Das wird ja immer schlimmer mit mir!“ Er begann zu weinen. „Das muss aufhören! Bitte, D/4, machen Sie, dass das aufhört!“ „Meine Fähigkeiten sind limitiert.“, sagte die Sonde. „Solange es keine Erklärung für diese Anfälle gibt, wird auch nichts Sie heilen können.“

Sie drehte sich zu Nayale: „Sie sollten mit der Protoeinheit an einen anderen Ort ziehen. Seine Sicherheit hat Priorität eins.“ „Sie haben sicher Recht.“, sagte Nayale. „Ich werde ihm einfach sagen, wir machen eine Weile Ferien bei Oma in der Kolonie auf dem Mars.“ „Ich denke, das ist adäquat.“, antwortete D/4.

Schluchzend und zitternd saß Malcolm auf der Rückbank von Tcheys Jeep. Der Junge hatte nicht verstanden, was da gerade mit seinem Vater vorgegangen war. Die Entscheidung der Sonde, ihn einfach in ein fremdes Fahrzeug zu verfrachten, hatte noch mehr zu seiner Verwirrung beigetragen. Er wusste nur, dass hier etwas nicht stimmte, was aber die wahren Gründe waren, war ihm noch immer ein Rätsel. Sicher war es auch für einen 6-Jährigen unmöglich, die gesamte Bandbreite der Situation zu erfassen. Er hoffte nur, dass die Fremde, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte, ihm da weiterhelfen konnte. „Wer bist du?“, wendete er sich an Tchey, die den Jeep an einer Ampel angehalten hatte. „Ich bin die Tante Tchey.“, antwortete die Angesprochene. „Die Tante D ist meine Chefin, deshalb habe ich auch gemacht, was sie gesagt hat. Ich bringe dich jetzt in unsere Zentrale. Da zeige ich dir das Cockpit von Rescue One.“ „Cool!“, quietschte Malcolm, dem es angesichts der Aussichten jetzt schon viel besser ging. „Aber warum is’ mein Dad so komisch, Tante Tchey?“ „Dein Dad ist krank.“, antwortete Tchey. Sie wusste aber nicht genau, ob der Junge ihr folgen konnte. Einem 6-Jährigen zu erklären, was mit Mr. Radcliffe los war, fand sie selbst für sich zu kompliziert. Sie hoffte so, dass ich jetzt bei ihnen sein könnte, denn ich würde das sicher irgendwie hinkriegen, wie mir viele Leute schon des Öfteren bescheinigt hatten. Unter diesen Leuten war auch D/4 gewesen, die sehr treffend formuliert hatte: „Zu diesem Zweck sollte man Allrounder Betsy Scott kontaktieren. Ihr Talent, Komplexe Daten für das Verständnis von Protoeinheiten zu konfigurieren, ist in ganz Little Federation unerreicht. Meine Versuche, ihr nachzueifern, waren nicht erfolgreich.“ Deshalb murmelte Tchey jetzt wohl auch: „Wo bist du, wenn man dich braucht, Betsy.“

Die Ampel schaltete um und Tchey setzte den Jeep wieder in Bewegung. Lange würden sie nicht mehr fahren müssen. Sie fragte sich, ob Tom Paris schon einmal ein verstörtes Kind hatte beruhigen müssen. Wenn dies der Fall wäre, dann würde sie im Notfall zumindest auf Daten aus der Vergangenheit zurückgreifen können. Sie konnte ja nicht wissen, was ihre Gedanken an die Vergangenheit noch für ein Wink mit dem Zaunpfahl sein würden. Sie fragte sich, ob D/4 mit der Situation um Radcliffe und seine Frau zurechtkommen würde und was sie mit dem Jungen anstellen könnte, wenn er in der Zentrale alles gesehen hatte und sie immer noch nicht zurück war. Wie würde außerdem das weitere Vorgehen bezüglich Radcliffe aussehen? Was würde geschehen, wenn er in eine Klinik eingewiesen werden müsste? Wie sollte man einem kleinen Kind so etwas beibringen?

Sie waren endlich angekommen, denn aus Tcheys Sicht hatte sich die Straße wie ein Kaugummi unter dem Jeep gezogen. „Na komm.“, lächelte sie Malcolm zu, der inzwischen mit einigen Taschentüchern seine Tränen getrocknet hatte. Dann gingen sie um das Gebäude der Einsatzzentrale herum auf ein freies Gelände, auf dem ein Shuttle stand. „Darf ich vorstellen?“, sagte Tchey flapsig. „Malcolm, das ist Rescue One, Rescue One, das ist Malcolm.“ „Guten Tag, Rescue One. Schön, dich kennen zu lernen.”, sagte Malcolm höflich und lächelnd und strich über die Schiffshülle.

Mittels ihres biologischen Fingerabdrucks öffnete Tchey beide Türen zum Cockpit und forderte Malcolm dann auf, während sie auf die rechte Tür deutete: „Steig ein!“ Bereitwillig folgte der Junge ihrer Aufforderung. Sie selbst stieg links ein. Dann schloss sie per Stimmkommando die Türen wieder. „Was machst du, wenn jetzt ein Einsatz kommt?“, fragte Malcolm. „Der kommt nich’.“, flapste Tchey. „Tante D, Rescue One und ich, wir haben diese Woche frei. Rescue Two übernimmt das.“

Malcolms Blick schweifte über die langen Reihen von Schaltern und Knöpfen. Dabei sah er auch zwei Joysticks. „Wow!“, machte er. „Und damit kommst du klar, Tante Tchey?“ „Jops.“, machte Tchey cool. „Aber natürlich nicht von Anfang an. Dafür musste ich erst mal drei Jahre lernen und vor her mindestens zehn Jahre zur Schule gehen. Aber wenn man erst mal ein System erkennt, is’ das gar nicht so schwer.“

Erneut schaute Malcolm sich die Knöpfe an. Ihre Andeutung hatte alles plötzlich nicht mehr so kompliziert scheinen lassen. Jetzt sah er sich alles Schalttafel für Schalttafel an. Plötzlich quietschte er: „Das Ding kenne ich!“, und zeigte auf die Tafel oben rechts. „Das is’ das Sprechgerät!“ „Voll ins Schwarze!“, grinste Tchey. „Das war ja schon mal ein guter Anfang.“

Grübelnd sah sich Malcolm die beiden Sticks an, die sich doch sehr von allen anderen Knöpfen zu unterscheiden schienen. „Was macht man damit?“, fragte er. „Beweg mal.“, schlug Tchey vor. „Der Antrieb ist nicht aktiv. Es kann gar nichts passieren. Dafür müsste ich erst mal einen bestimmten Schaltschlüssel auf einen bestimmten Zapfen stecken und das habe ich nicht.“ „OK.“, sagte Malcolm und tat, was sie ihm soeben vorgeschlagen hatte. Dabei fiel ihm auf, dass sich der eine Stick nur nach vorn und hinten, der andere nur nach rechts und links bewegen ließ. „Sagst du Rescue One damit, ob sie sinken oder steigen oder nach rechts oder links fliegen soll?“, fragte er. „Genau!“, sagte Tchey. „Dann is’ der Schieberegler sicher wegen der Geschwindigkeit.“, vermutete Malcolm. Tchey nickte und klopfte sich begeistert auf die Schenkel. „Das is’ ja wie bei der Fernsteuerung von meinem Spielzeugschiff.“, sagte Malcolm. „Und was macht die Tafel mit den vielen Zahlen und Buchstaben da drüber?“ „Da kann ich Kurse und Zielplaneten eingeben, wenn ich auf das manuelle Fliegen mal keine Lust habe, oder dann, wenn es nicht geht, weil wir auf Warp sind und damit zu schnell.“, erklärte Tchey kindgerecht. „Kannst du den Schlüssel holen und wir drehen ’ne Runde?“, fragte Malcolm. Tchey räusperte sich. „Bei aller Abenteuerlust.“, sagte sie. „Das darf ich nicht. Dann fliege ich aus meinem Job und dann ist nichts mehr mit Fliegen.“ „Bist du dann traurig?“, fragte Malcolm mit einem mitleidigen Blick. Tchey nickte. Dann sagte sie: „Aber ich hab’ ’ne Idee! Wir gehen zum Simulator im Schulungsraum. Den kann ich so programmieren, dass er sich genau so wie Rescue One benimmt.“ „Oh, fein!“, quietschte Malcolm und wuselte hinter ihr her aus dem Shuttle ins Gebäude, wo sie bald einen großen Raum betraten, in dem sich ein Shuttlesimulator befand. Tchey ging zum Computermikrofon und befahl dem Rechner, das Profil von Rescue One zu laden. Dann kam sie zu Malcolm zurück, der sich bereits an die rechte Tür gestellt hatte, nahm ihn bei der Hand und führte ihn einmal halb um den Simulator herum. „Du fliegst, ich helfe dir.“, sagte sie grinsend. „Ich weiß nich’.“, sagte Malcolm zögerlich. „Na komm, Tiger.“, tröstete Tchey. „Eben hast du doch noch gesagt, es sei wie bei deinem Spielzeugschiff. Du brauchst echt keine Angst zu haben. Erstens ist das nicht real und zweitens ist ja Tante Tchey da. Die holt uns schon wieder aus der Patsche.“ „Na gut.“, sagte Malcolm und stieg in das Shuttle. Tchey tat es ihm auf der rechten Seite gleich.

Ein Blinklicht auf der Schalttafel für das Sprechgerät ließ Malcolm genauer hinsehen und darauf zeigen: „Was is’ das?“ Tchey betrachtete das Display und sagte: „Die Raumkontrolle hat Sehnsucht. Das mache ich. Ist wohl ’n bisschen kompliziert für dich.“ „OK.“, sagte Malcolm und hörte aufmerksam zu, wie Tchey der simulierten Raumkontrolle ihren Flugplan mitteilte. Dann gab sie dem Jungen einen Schaltschlüssel, den Malcolm sofort auf den dazugehörigen Zapfen steckte. „Du lernst schnell.“, stellte sie fest.

Der Antrieb machte ein Geräusch und Malcolm zog den Joystick für die Höhenregelung zu seinem Bauch, aber außer einem kleinen Ruck geschah nichts. „Es geht nich’.“, sagte Malcolm. „Kannst du hoch oder sehr weit springen ohne Anlauf?“, fragte Tchey. „Nein.“, sagte Malcolm. „Siehst du?“, fragte die Reptiloide. „Und genau so braucht sie auch Schub. Aber pass auf, dass sie nicht zu schnell wird. Dann übersteuerst du sie und wir könnten abstürzen.“ Sie deutete auf den Regler für die Geschwindigkeit: „Schieb mal.“

Der Antrieb summte auf und sie hoben tatsächlich vom Boden ab. „Weißt du, was du gerade gemacht hast?“, fragte Tchey stolz. „Du hast gerade ein Shuttle gestartet und das noch nicht mal schlecht!“ „Danke, Tante Tchey.“, lächelte Malcolm. „Und was jetzt?“ „Jetzt steigen wir, bis wir aus der Atmosphäre sind und dann schiebst du den Regler so weit vor, bis im Display ein voller Impuls steht.“, sagte Tchey. „Ich kann noch nich’ so gut lesen.“, sagte Malcolm. „Ich bin gerade erst in die Schule gekommen.“ „OK.“, sagte Tchey. „Dann sage ich dir, wenn es so weit ist.“

Mikel, Kissara und ich hatten uns an der Schleuse getroffen. „Haben Sie Ihrem Schiff schon erklärt, dass Sie Passagiere mitnehmen?“, erkundigte sich mein Commander. „Ja, Ma’am.“, antwortete ich. „Das weiß Lycira bereits. Sie hat sogar gesagt, dass Sie zwei ihr die allerliebsten Passagiere sind.“ „Immer für ein Kompliment gut, deine Lycira.“, wendete sich Mikel an mich.

Jannings kam aus der Tür. „Ihr Schiff ist bereit, Allrounder.“, sagte er. „Danke, Techniker.“, entgegnete ich und winkte meinen beiden Vorgesetzten, mir zu folgen.

Kissara blieb aber plötzlich zurück. „Warten Sie bitte einen Moment.“, sagte sie und begann nervös in ihrer Tasche zu kramen. „Verdammtes Sprechgerät!“, zischte sie. „Ich wünschte, ich hätte das Ding in meinem Quartier gelassen!“

Endlich hatte sie den genannten Gegenstand zutage gefördert. Im Display las sie das Rufzeichen der Stationszentrale ab, in der jetzt Ribanna, meine feste Vertretung, ihren Dienst versah. „Was gibt es, Allrounder.“, fragte sie. „Ich habe Präsidentin Nugura für Sie, Commander.“, sagte die junge dunkelhaarige Indianerin. „Stellen Sie durch!“, befahl Kissara. „Unsere Oberbefehlshaberin sollten wir nicht warten lassen.“ Ribanna nickte und führte ihren Befehl aus. „Hier ist Kissara.“, gab sich selbige zu erkennen. „Gut, dass ich Sie noch erreiche, Commander.“, sagte die Präsidentin und Oberbefehlshaberin der Sternenflotte erleichtert. „Ich wollte, oder besser muss, Ihnen mitteilen, dass Sie und ihre Crew die Ehre haben, die Föderation gemeinsam mit mir bei der Übergabe des Meilensteins zu repräsentieren.“ „Bei der Übergabe von was?“, fragte Kissara verwirrt. „Tut mir leid, Madam President. Ich vermag Ihnen nicht ganz zu folgen.“ „Hören Sie keine Nachrichten, Commander?“, fragte Nugura ernst und fast so, als wollte sie Kissara für ihre scheinbare Unwissenheit bestrafen. „Sprechen Sie etwa von der neuen romulanischen Waffe, Nugura?“, rettete sich Kissara aus der Affäre. „Genau von der rede ich.“, sagte die Präsidentin. „Die Romulaner haben sie so genannt. Es ist ja auch irgendwo die Wahrheit. Aber über Details werden wir noch früh genug informiert werden. Die Romulaner haben vor, sie uns als Zeichen ihrer freundschaftlichen Beziehung zu uns in einem zeremoniellen Akt auf Camp Khitomer zu übergeben. Time und Cinia sind auf Mission und so sind Sie dran.“ „Also gut.“, sagte Kissara. „Wir kommen.“ Damit beendete sie die Verbindung.

„Dann ist der Urlaub wohl gestrichen.“, stellte Mikel fest und schickte sich an, seinen Rollkoffer wieder in die komplett andere Richtung davonzuziehen. „Soll ich …“, begann ich. Aber Kissara fiel mir ins Wort: „Sie sind krank, Allrounder. Sie haben den medizinischen Segen für einen Urlaub. Mikel und ich haben da weniger Glück. Ribanna wird auch weiterhin Ihren Posten übernehmen. Fliegen Sie ruhig zur Erde und gönnen Sie sich ein paar schöne Tage, bevor Ihnen hier die Decke auf den Kopf fällt! Das ist ein Befehl!“ Ich nickte und nahm Jannings’ Hand entgegen, die er mir freundlich mit folgenden Worten hingestreckt hatte: „Kommen Sie. Ich weiß, Sie finden den Weg zu Lycira auch allein, aber dann fängt Ihr Urlaub eben schon etwas früher an. Ich habe gehört, Sie und der Agent müssen den ganzen Tag über konzentriert sein bei allem, was Sie tun, damit Sie nirgendwo anecken und so.“ „Kommt schon in gewisser Weise hin, Techniker.“, lächelte ich. „Deshalb nehme ich Ihre Hilfe auch gern an.“

Er führte mich zu Lyciras Einstiegsluke und schob meinen Koffer hinterher. Doch keine Passagiere, Betsy?, fragte Lycira verwundert, als ich ihr den Gedankenbefehl zum Abdocken gab. „Nein, Lycira.“, erwiderte ich in Gedanken und gleichzeitig laut. „Die zwei wurden in letzter Sekunde abberufen. Sie müssen sich mit Nugura auf einer langweiligen Konferenz herumschlagen.“ Die Ärmsten., dachte Lycira. Da hattest du wohl mehr Glück. „Das kann man wohl sagen.“, erwiderte ich. „Sobald wir weit genug von der Basis weg sind, gehst du auf Interdimensionsflug.“ Willst du zu Shimar?, erkundigte sie sich. „Nein.“, sagte ich. „Ich will, dass wir hier aus dem Universum heraus und in der Umlaufbahn der Erde wieder hinein fliegen. Ich habe kein gutes Gefühl, was Tchey angeht. Wir sollten so schnell wie möglich in ihrer Nähe sein. Mit diesem Pilotentrick dauert unser Flug ja nur eine Sekunde.“ Nur, weil sie dir heute nicht gemailt hat?, versuchte mein Schiff, mich zu beruhigen. Ich bin sicher, dafür gibt es ganz natürliche Gründe. Vielleicht hat sie es einfach nur vergessen. „Das glaube ich nicht, Lycira!“, sagte ich mit Überzeugung. „Irgendetwas läuft hier gewaltig schief!“ Ich spüre deine Sorge., tröstete sie und führte meine Befehle aus.

Wenig später waren wir in der Umlaufbahn der Erde angekommen und ich hatte der völlig verdatterten Raumkontrolle auseinandergesetzt, woher wir kamen und wohin wir wollten. Der Kontrolloffizier musste ein Neuling gewesen sein, denn seine Kollegen kannten Lycira und mich bereits. Sie mussten wohl vergessen haben, ihn zu informieren. „Also gut, Allrounder.“, stammelte er. „Setzen Sie Ihren Flug fort. Es war nur das allererste Mal für mich, ein Schiff mit einem interdimensionalen Antrieb zu sehen.“ „Hätten Sie mich sonst abschießen lassen?“, fragte ich. Sag ihm, dass er das ruhig mal versuchen kann., mischte sich Lycira ein. Jannings hat mir bescheinigt, dass ich so gut in Schuss bin, dass ich es sogar mit einer Armada von Borgkuben und Sytania noch dazu aufnehmen könnte. Das grinsende Gesicht ihres Avatars, das sie mir zeigte, bewies mir, dass sie dies wohl nicht ganz ernst gemeint haben konnte. „Wer angibt, der hat mehr vom Leben, was, Lycira?“, lächelte ich zurück. Dann sagte ich zu dem noch immer verdatterten Kontrolloffizier: „Machen Sie sich keine Sorgen. Lycira und ich sind harmlos.“ „Also gut.“, sagte er. „Dann glaube ich Ihnen mal.“ Er übermittelte mir noch einen Kurs, auf dem ich am schnellsten zu meinen Landekoordinaten kam und beendete dann das Gespräch. Wie immer würde ich Lycira auf der Wiese hinter meinem Haus parken. Ganz Little Federation kannte sie und hatte kein Problem damit, dass irgendwo im Vorgarten eine Raumkapsel stand. Lycira war ja auch nicht die Erste. Mikel machte es ja mit seiner Kapsel genau so und ich hatte es ja auch mit Lyciras Vorgängerin nicht anders gehandhabt.

Kapitel 4: Trügerische Sicherheit

von Visitor

 

D/4 hatte ihren eigenen Jeep geholt und war mit dem schwarzen schnittigen Modell zum Haus der Radcliffes zurückgekehrt. Ihr Plan war es, Nayale zur Einsatzzentrale von Rescue One zu bringen. Dort würden sie auf Tchey und Malcolm treffen. Dann würde sie ihn und seine Mutter zum Raumflughafen von Washington fahren, wo die Beiden den nächsten Liner zum Mars besteigen würden. Welche Fluggesellschaft es wäre, wäre in diesem Fall nicht relevant gewesen. Sie hatte ihnen zwar schon mehrere Verbindungen herausgesucht, aber welche sie denn nun nehmen würden, hing auch ganz entscheidend davon ab, wann sie von hier wegkommen würden. Sie beschloss, zu Nayale und ihrem Mann ins Haus zu gehen, um sich nützlich zu machen. Solange Radcliffe keinen neuen Anfall bekam, sollte er auch vernünftigen Argumenten gegenüber zugänglich sein. Sie würde ihm noch einmal erklären, warum seine Frau und sein Sohn ihn jetzt verlassen würden.

Radcliffe sah traurig auf die Koffer, die Nayale vor ihm auf dem Bett ausgebreitet hatte und in die sie einige Sachen gepackt hatte. „Das ist jetzt also das Ende unserer Familie.“, sagte er. „Ja.“, sagte Nayale eben so traurig. „Es tut mir ja auch leid, Nathaniel. Aber ich habe keine Wahl. In deinen Anfällen wirst du für uns zur Gefahr. Das kann ich nicht zulassen. Außerdem muss ich auch an unseren Jungen denken. Ich liebe dich aber trotzdem. Wenn du wieder gesund bist, werde ich auch zu dir zurückkehren. Aber jetzt ist es für mich und auch, oder besonders für Malcolm, hier nicht mehr sicher.“ „Wenn ich wieder gesund werde.“, sagte Radcliffe. „Du weißt, dass niemand eine Erklärung dafür hat und du weißt auch, dass ich schon bei diversen Psychologen war. Aber alle haben …“ „Die menschlichen Psychologen und die der gesamten Föderation mögen dich aufgegeben haben.“, sagte Nayale. „Aber wenn ich D/4 richtig verstanden habe, sind die Xylianer davon noch weit entfernt. Ich muss dir etwas gestehen. Du fragst dich vielleicht, woher sie so schnell Bescheid wusste und so früh vor Ort sein konnte. Sie hat mir ihre persönliche Interlinkfrequenz genannt. Darüber hat sie mir auch Daten über Solok und die Rivalität zwischen Sisko und ihm gegeben. Ich weiß alles. Die Xylianer können sich zwar auch noch nicht erklären, was du hast, aber ich soll ihr, solange ich kann, noch so viele Daten zukommen lassen, wie ich kann. Vielleicht wird ja irgendwann ein Schuh draus.“

Wie auf Stichwort betrat D/4 das Haus. Sie deutete auf die Koffer und sagte in Nayales Richtung gewandt: „Ich werde Ihnen assistieren.“ „Ja, ja!“, meinte Professor Radcliffe frustriert. „Helfen Sie meiner Frau ruhig, mich zu verlassen.“ „Das hat sie gar nicht gesagt.“, nahm Nayale für die Sonde Partei. „Sie hat nur gesagt, dass sie mir beim Packen der Koffer behilflich sein wird. Aber ich glaube, du hast mir nicht wirklich zugehört. Ich will mich nicht von dir trennen. Ich bleibe nur so lange mit Malcolm bei meiner Mutter auf dem Mars, bis du gesund bist!“ „Also für immer.“, sagte Radcliffe und begann zu weinen. „Diese verdammte Krankheit ruiniert alles! Wegen ihr musste ich schon meinen Beruf an den Nagel hängen und jetzt macht sie noch meine Familie kaputt!“ „Man wird eine Möglichkeit finden, dich zu heilen.“, tröstete Nayale und strich ihm über das Haar. „Davon bin ich nicht überzeugt.“, sagte Radcliffe resignierend.

D/4 hatte die umliegenden Sachen auf die beiden Koffer verteilt und sah Nayale fragend an. „Danke.“, sagte die junge Zeonide und schloss die Gepäckstücke. Dann zogen sie und die Sonde jeweils eines vom Bett. „Wir werden jetzt gehen.“, sagte Nayale und warf ihrem Mann einen letzten traurigen Blick zu. „Wenn wir angekommen sind, werde ich veranlassen, dass Cupernica sich weiter um dich kümmert. Als unsere Hausärztin ist sie ja auch über deine Krankengeschichte informiert.“ „OK.“, nickte der verzweifelte Radcliffe und sah zu, wie die Sonde und seine Frau das Haus verließen.

Wenig später waren sie beim Jeep angekommen und D/4 verstaute die Koffer im Gepäckraum. Dann führte sie Nayale zur Beifahrerseite. „Den Weg hätte ich auch allein gefunden.“, sagte sie. „Es war so sicherer für Sie.“, antwortete die Sonde, während sie auf der Fahrerseite einstieg. „Glauben Sie wirklich, mein Mann würde …“ „Das Verhalten Ihres Mannes ist unberechenbar, Nayale Radcliffe.“, sagte die Sonde. „Oh.“, bemerkte Nayale. „Sie können mich ruhig einfach nur Nayale nennen.“ „Das habe ich registriert.“, antwortete die Sonde und startete den Jeep.

Das Programm des Simulators hatte Tchey und Malcolm das Verlassen der Atmosphäre angezeigt. „So, jetzt ist es so weit.“, sagte die versierte Pilotin. „Gib mal ’n bisschen mehr Stoff.“ „Was is’ mit unserem Kurs, Tchey.“, fragte Malcolm. „Der ist richtig.“, sagte die Reptiloide. „Wir können gar keinen falschen Kurs fliegen, weil ich diese Route als einzig möglichen Weg programmiert habe.“ „Schade.“, sagte Malcolm. „Na ja.“, meinte Tchey. „Wir wollen dich ja nicht gleich überfordern.“ „Also gut.“, sagte Malcolm und schob den Geschwindigkeitsregler nach vorn. Das Shuttle beschleunigte. „Is’ das so richtig, Tchey?“, fragte er. „Aber genau!“, lobte sie. „Lass den Regler jetzt genau so stehen. Sonst geht sie gleich auf Warp und das ist in einem Sonnensystem nicht gerade zu empfehlen.“ „Wieso nich’.“, wollte das aufgeweckte Kind wissen.

Tchey legte die Stirn in die Hände und überlegte. Sie fragte sich, wie sie diesem kleinen Jungen das mit der Warpgeschwindigkeit erklären sollte. „Wenn du schnell rennst.“, setzte sie schließlich an. „Dann musst du doch auch bremsen, wenn du um eine Kurve laufen willst, oder?“ „Ja.“, sagte Malcolm. „Sonst laufe ich irgendwo gegen oder falle auf die Nase. Aber ein Shuttle kann doch nich’ auf die Nase fallen.“ „Nein!“, lachte Tchey. „Das kann es nicht. Aber irgendwo gegen fliegen, das kann es. In einem Sonnensystem sind die Sterne total dicht zusammen. Da kann man dann nicht so schnell die Richtung ändern.“ „Aber du kannst das doch auch, wenn …“, widersprach Malcolm. „Ich habe das ja auch gelernt.“, erklärte Tchey. „Ich bin eine geübte Pilotin und schaffe das auch bei Warp eins. Aber darüber hinaus würde ich auch …“ „Schon klar.“, antwortete der Junge.

Sie waren in der Umlaufbahn des Mars angekommen und die Planetenkontrolle verlangte über SITCH nach ihnen. „Regelst du das wieder?“, fragte Malcolm. „Nein, dieses Mal nicht.“, sagte Tchey grinsend. „Du kannst ihnen ja wohl auch erklären, dass wir nur hin und zurück fliegen.“ „Na gut.“, meinte Malcolm und nahm sich mit klopfendem Herzen das Mikrofon. „Rescue One, hier ist Allrounder Jane Wilson von der planetaren Marskontrolle.“, wurde der Ruf wiederholt. „Bitte nennen Sie ihre Absichten.“ „Hi, ich bin der Malcolm.“, sagte dieser. „Die Tante Tchey und ich fliegen nur einmal hin und her.“ „Na dann ist ja gut.“, lächelte die junge Terranerin. „Du bist nämlich noch reichlich jung für einen Piloten. Aber ihr könnt so auf dem gleichen Kurs wieder nach Hause fliegen. Es sind keine anderen Schiffe oder Hindernisse zu erwarten.“ „Danke.“, sagte Malcolm höflich und beendete die Verbindung. „Das war gar nicht so schlecht.“, sagte Tchey und klatschte in die Hände. „Dann dreh uns mal um.“

Malcolm legte den Joystick für den Kurs ganz nach links, aber Tchey korrigierte ihn sofort von der Nebenkonsole. Dann sagte sie: „Schau dir mal genau unsere Position an und dann guck mal, was unser Heck macht.“ „Das stößt ja an den Planeten.“, sagte Malcolm erschrocken. „Genau.“, sagte Tchey. „Und wie krieg’ ich uns jetzt rum?“, fragte Malcolm. „Lass sie einen Kreis um den Planeten machen.“, riet Tchey. „Genau. Und jetzt langsam wieder auf den alten Kurs.“ „Wiedersehen, Mars.“, sagte Malcolm. Tchey musste grinsen. „Das war gemein.“, sagte Malcolm. „Du wolltest doch eine Herausforderung.“, entgegnete Tchey. „Aber jetzt haben wir dich genug gefordert, denke ich. Die Landung übernehme ich. Dann gehen wir in den Aufenthaltsraum und da genehmigen wir uns erst mal ’ne Pizza. OK?“ „Ich mag keine Pizza.“, sagte Malcolm. „Aber Spaghetti, die mag ich! Am liebsten mit Käse!“ „OK.“, sagte Tchey. „Dann eben einmal Spaghetti mit Käse und einmal Pizza mit Fisch und Muscheln.“

Tchey hatte das Shuttle bald gelandet und sie und Malcolm waren dem Simulator entstiegen. Dann hatten sie sich in den Aufenthaltsraum begeben und Tchey hatte das Essen repliziert. „Kommen Tante D und meine Mummy auch?“, fragte das Kind. „Ich denke, die dürften schon unterwegs sein.“, antwortete Tchey, nachdem sie kurz auf die Uhr gesehen hatte. Dann stellte sie Malcolm den Teller mit Spaghetti vor die Nase: „Hau rein!“, bevor sie sich selbst über ihre Pizza hermachte.

D/4 und Nayale hatten den Parkplatz erreicht. Die Sonde stellte den Jeep vorschriftgemäß ab und wandte sich dann an Nayale. „Meine Daten über den letzten Anfall Ihres Mannes sind lückenhaft.“, stellte sie fest. „Was hat dazu geführt und warum waren Ihre Methoden, ihn aus dem Anfall zu holen, dieses Mal nicht effektiv?“ „Das weiß der Himmel.“, antwortete Nayale. „Aber zum Auslöser kann ich Ihnen vielleicht etwas sagen. Ich denke, dass es sogar in gewisser Hinsicht meine Schuld gewesen ist.“ „Definieren Sie.“, sagte die Sonde ruhig. „Es war so.“, setzte Nayale an. „Mein Mann hat Malcolm mit der Kugel, die Sie ihm geschenkt hatten, im Garten trainieren sehen. Das hat ihm wohl nicht gefallen und ich habe ihm die Daten gezeigt, die Sie mir über Solok gegeben hatten. Ich habe ihm erklärt, dass vulkanische Kinder auch körperlich stärker, als terranische Kinder sind und dass dies vielleicht der Grund sein könnte, warum Soloks Kinder auch mit Kugeln für Erwachsene spielen dürfen, was für menschliche Kinder eventuell sogar schädlich sein könnte. Sie haben mir ja alle relevanten Daten zukommen lassen.“ „Warum sind Sie so vorgegangen?“, fragte D/4 verwundert. „Ich habe versucht, in seine Welt, in die er gegangen ist, vorzudringen. Ich hatte nämlich den Eindruck, dass er schon wieder einen Anfall bekäme und, wie wir beide wissen, hat dieser Eindruck ja auch nicht getäuscht.“ „Ihre Annahme, Sie seien an dem Anfall schuld, ist inkorrekt.“, sagte D/4. „Ihr Mann war den Daten zufolge, die Sie mir jetzt gegeben haben, schon auf dem Weg in den Anfall, bevor Sie überhaupt begonnen haben, mit ihm zu kommunizieren.“ Nayale ließ erleichtert die Luft aus ihren Lungen entweichen. „Wenn Sie das sagen, dann wird es schon stimmen.“, sagte sie. „Schließlich sind Sie Medizinerin.“ „Das ist korrekt.“, sagte die Sonde und machte Anstalten, das Fahrzeug zu verlassen. Nayale folgte ihr.

„Was ist eigentlich mit der Kugel geschehen?“, wollte die Sonde wissen, als sie und die junge Zeonide das Gebäude betraten. „Die Kugel existiert nicht mehr.“, sagte Nayale traurig. „Mein Mann hat sie Malcolm weggenommen und sie dann in die Materierückgewinnung geworfen, weil er sie als ein Zeugnis von Schwäche ansah. Aber das haben wir wohl alles dem Anfall zuzuschreiben, nicht wahr?“ „Ihre Vermutung ist korrekt.“, sagte D/4.

Malcolm widmete sich seinen Nudeln und Tchey sich ihrer Pizza. Dabei sah der Junge fasziniert zu, wie die freundliche Außerirdische, die er gerade erst kennen gelernt hatte, mit ihrer Pizza verfuhr. Die Tatsache, wie Tchey sich dem Thema gegenüber verhielt, fand er höchst amüsant. Sie hatte nämlich die Pizza in Kreuzform einmal nur andeutungsweise durchgeschnitten, um zuerst ihre Hälften und dann diesen Halbkreis noch einmal umzuklappen. Dabei war eine Art 4-stöckiges Tortenstück entstanden, von dem sie jetzt kleine Scheibchen abschnitt, um sich diese in aller Gemütsruhe in den Mund zu schieben. So mancher italienische Koch würde dies vielleicht als Vergewaltigung eines Nationalgerichtes bezeichnen. Tchey hingegen nannte es nur: „Methode 35.“ Das kam daher, weil sie in der näheren Vergangenheit einen wohl nicht ganz ernst gemeinten Ratgeber mit dem Titel: „50 Wege, mit Pizza fertig zu werden“, geschrieben hatte. Tchey musste verschmitzt grinsen, denn sie dachte daran, wie wohl Tom Paris, mit dem sie des Öfteren schmeichelhaft verglichen wurde, ihr Buch und die Ausführung ihrer Methoden finden würde. Sie wusste, dass er auch gern Pizza gegessen hatte.

Aber nicht nur Malcolm hatte sie beobachtet, sondern auch sie ihn. Dabei war ihr aufgefallen, wie schnell er darin war, seine Nudeln auf die Gabel zu drehen. „Du hast gerade in Warpgeschwindigkeit einen Teller Spaghetti verschlungen!“, staunte sie. „Die waren ja auch super!“, schmatzte Malcolm und leckte sich die Lippen. „Ich werde das an die Firma weitergeben, die unseren Replikator programmiert und gebaut hat.“, lächelte Tchey. „Mich würde nur noch mal was ganz anderes interessieren. Die meisten Kinder, die ich kenne, mögen Pizza, aber du nicht. Sag mir doch mal, was du daran so fürchterlich findest.“ „Ich mag nur den Rand.“, sagte Malcolm. „Die Mitte mag ich nich’. Die is’ immer so matschig.“ „Ufff!“, machte Tchey. „Habe ich was falsch gemacht?“, fragte Malcolm angesichts ihres plötzlich sehr gequälten Gesichtsausdrucks. „Nein.“, sagte Tchey. „Aber jetzt muss ich den Titel meines Buches ändern und mein Verleger ist stur wie ein Esel, weißt du? Jetzt haben wir nämlich 51 Wege, mit Pizza fertig zu werden.“ „Ui!“, machte Malcolm tröstend. „Aber hast du das wirklich noch nicht geschrieben? Guck doch noch mal nach.“ „Na ja.“, sagte Tchey schließlich. „Nachschauen kann ja nicht schaden. Danke, Malcolm.“

Sie wollte gerade vom Stuhl aufstehen, als sich plötzlich die Tür des Raumes öffnete und Nayale und D/4 diesen betraten. „Mummy! Mummy!“, schrie der kleine Junge und warf sich Nayale in die Arme. Dann bemerkte er auch die Sonde und sagte erheblich förmlicher: „Hi, Tante D.“ „Jetzt wird alles wieder gut, Malcolm.“, sagte Nayale, während sie ihn an sich drückte. „Du brauchst jetzt keine Angst mehr zu haben. Wir fliegen zu Oma auf den Mars und machen da Ferien. Dad muss gesund werden und das kann er besser ohne uns. Dann musst du auch keine Angst mehr vor ihm haben. Tante D wird uns Bescheid sagen, wenn mit Dad wieder alles in Ordnung ist. Sie bringt uns auch gleich nach Washington.“ „Auf dem Mars waren Tante Tchey und ich heute schon, Mummy.“, sagte Malcolm unbedarft. „Stell dir vor, ich habe sogar das Schiff geflogen!“

D/4 wandte sich Tchey zu. Dabei machte ihr Blick keinen Hehl daraus, dass es jetzt wohl ein Donnerwetter geben würde. Die sonst eigentlich immer neutral schauende Sonde kniff die Augen zusammen und spannte jeden Muskel ihres Gesichtes an, was Tchey schon nichts Gutes ahnen ließ. Dann begann sie streng: „Ihre Methoden sind ungewöhnlich, das bin ich von Ihnen gewohnt! Aber dass Sie Rescue One in einer solchen Weise missbrauchen und damit unautorisierte Flüge zur Belustigung kleiner Kinder unternehmen, ist inakzeptabel! Sie wissen, dass ich gezwungen bin, dies an unsere Vorgesetzten weiterzugeben. Der Verlust Ihrer Arbeitsstelle wird unausweichlich sein!“ „Aber doch nich’ in echt!“, versuchte Malcolm, dem Tchey jetzt sehr leid tat, auf kindliche Art die Situation zu retten. D/4 sah alle fragend an. „Haben Sie hier vielleicht einen Simulator?“, fragte Nayale schließlich. „Positiv.“, erwiderte die Sonde und fügte im gleichen Atemzug bei: „Ich verstehe. Tchey, ich entschuldige mich.“ „Angenommen.“, sagte die Reptiloide flapsig. „Hätten Sie mir ernsthaft zugetraut, dass ich einen Arbeitsplatz riskiere, dessen Ausfüllung mir einen solchen Spaß bereitet?“ „Ihr Verhalten ist oft unberechenbar.“, sagte D/4. „Solange ich nicht so schlimm werde wie Mr. Radcliffe.“, scherzte Tchey. „Negativ.“, sagte D/4 beruhigend. „Ich würde Sie eher auf die gleiche Stufe wie Tom Paris stellen.“ „Oh.“, meinte Tchey. „Das sehe ich als Kompliment.“

Die Sonde hatte sich jetzt Malcolm zugewandt. „Deinen medizinischen Werten zufolge.“, sagte sie. „Hast du keine Angst mehr.“ „Positiv!“, strahlte der Junge sie an. „Das habe ich nur Tante Tchey zu verdanken. Sie hat mir erst Rescue One gezeigt, dann sind wir mit dem unechten Shuttle zum Mars geflogen und dann haben wir hier zusammen gegessen.“ „Sie wollten ja, dass ich ihn ablenke.“, sagte Tchey. „Ihre Ablenkung war anscheinend effektiv.“, lobte die Sonde.

Tchey musste plötzlich grinsen. Am Verhalten der Sonde gegenüber ihr war ihr etwas klar geworden, das sie jetzt nur noch untermauern wollte. „Sie schienen fast erschrocken, als Malcolm fast einen Kündigungsgrund geliefert hat.“, fasste sie das Geschehene zusammen. „Aber warum? Ich meine, Sie würden dann doch sicher eine andere Pilotin zugeteilt bekommen, die sich vielleicht viel eher an die Vorschriften hält.“ „Das wäre sicher korrekt.“, sagte die Sonde. „Dennoch bevorzuge ich Sie. Ihre Methoden mögen zwar manchmal unorthodox und am Rande der Legalität erscheinen, trotzdem sind sie im Ergebnis meistens sehr effizient. Es ist unwahrscheinlich, dass es eine zweite Person mit Ihrem Mut und Ihrer Fähigkeit zu improvisieren unter den zur Verfügung stehenden Kandidaten gibt.“ „Das muss ich mir erst mal auf der Zunge zergehen lassen.“, meinte Tchey ziemlich bedient, aber gleichzeitig positiv überrascht. „Tun Sie das!“, ordnete die Sonde an. „Dazu werden Sie ja jetzt eine Menge Zeit haben. Ich werde Nayale und die Protoeinheit nach Washington verbringen. Wenn ich zurück bin, können Sie mir ja mitteilen, welchen Eindruck meine Begründung auf Sie gemacht hat.“ Damit winkte sie Malcolm und Nayale, ihr zu folgen. „Danke, Tante Tchey, für die Spaghetti.“, verabschiedete sich Malcolm höflich und ging dann mit seiner Mutter und der Sonde aus dem Haus. Auch Nayale hatte Tchey heimlich die Hand gegeben.

Ich hatte mein Schiff auf dem üblichen Platz auf der Wiese hinter meinem Haus gelandet und war nun kurz davor, das Cockpit zu verlassen, um meinen Koffer aus Lyciras Laderaum zu holen. Was ist mit deinem neuen Nachbarn, Betsy?, fragte mich Lycira noch. „Was soll mit dem sein, Lycira?“, erkundigte ich mich irritiert. „Du glaubst doch nicht etwa, dass ich Angst vor ihm hätte.“ Das denke ich nicht., tröstete sie. Aber ich denke, du solltest trotzdem vorsichtig sein. Soweit ich das interpretieren kann, was Tchey dir schon geschrieben hat, ist er unberechenbar und kann in Situationen, wenn seine Krankheit zuschlägt, auch sehr gefährlich werden. „Ich bin ein großes Mädchen und eine ausgebildete Sternenflottenoffizierin, Lycira.“, tröstete dieses Mal ich. „Ich kann schon auf mich aufpassen.“ Hoffentlich hast du Recht., ermahnte sie mich. Du weißt, dass ich in der Lage bin, Vorahnungen zu entwickeln und jetzt habe ich gerade eine. Ich denke, du wirst noch an meine Worte denken. Ich winkte ab und verließ sie, ohne zu ahnen, wie Recht sie noch haben sollte.

Radcliffe hatte dem Jeep, der mit seiner Frau und der Sonde die Auffahrt verlassen hatte, lange nachgeschaut. So war ihm auch meine Ankunft nicht entgangen. Aber bevor er sich noch über deren Konsequenzen klar werden konnte, wurde ihm schwarz vor Augen und er bekam das Gefühl, dass sich alles um ihn herum zu drehen begann. Im nächsten Moment glaubte er, sich in einer Art Gewölbe wieder zu finden. Hier nahm er einige merkwürdige Gestalten wahr, die aus dem Halbdunkel traten. Die Gestalten hatten allesamt Ähnlichkeit mit Personen, die er kannte. Er sah seine Frau, seinen Sohn, D/4 und sogar den celsianischen Umzugsunternehmer.

Die Gestalt, die wie D/4 aussah, näherte sich ihm und begann damit, ihn zu scannen. Dann sagte sie: „Es ist der Radcliffe.“ Dabei hatte sie sich zu den anderen Gestalten umgedreht. „Der Radcliffe ist traurig.“, fügte die Gestalt hinzu, die seinem Sohn zum Verwechseln ähnlich sah. „Der Radcliffe ist verzweifelt.“, stellte die Nayale verkörpernde Gestalt fest. „Warum das?“, fragte der Tilus Ähnliche. „Ich verstehe das nicht.“, sagte Radcliffe. „Wer sind Sie und wo bin ich hier?“ „Der Radcliffe versteht nicht.“, stellte die D/4 fest. Die anderen nickten ihr bestätigend zu. „Er kann es nicht verstehen, weil er sich nicht erinnert.“, bemerkte die Nayale verständnisvoll. „Wieso kann er sich nicht erinnern?“, fragte der Tilus. „Seine Denkweise ist wieder linear.“, ersann der Malcolm eine Theorie. „Der Radcliffe ist auch rastlos.“, bemerkte die D/4. „Er will eine Schuld tilgen.“ „Genau das will ich.“, sagte Radcliffe. „Vielleicht könnt ihr mir dabei helfen. Ich will diese Anfälle nicht mehr. Kennt ihr, wer immer ihr seid, vielleicht eine Möglichkeit?“ „Der Radcliffe muss die Wahrheit finden.“, analysierte die D/4. „Aber dazu wird er Hilfe benötigen.“, fügte der Malcolm bei. „Die kann er bekommen.“, meinte die Nayale. „Er hat den Weg schon gesehen.“, sagte der Tilus. „Was meint ihr damit?“, fragte Radcliffe. „Der Radcliffe versteht immer noch nicht.“, stellten alle gemeinsam fest. „Dann helft mir!“, bat Radcliffe verzweifelt. „Ich will endlich eine Heilung von dieser Krankheit! Sie ruiniert mir alles!“ „Der Radcliffe wird bald wissen, was zu tun ist.“, sagte die Nayale. Dann hatte Nathaniel das Gefühl, erneut einem Drehschwindel zum Opfer zu fallen.

Er fand sich auf dem Boden seines Wohnzimmers liegend wieder. Er war noch sehr benommen, aber das Bild eines kristallenen Kegels, das sich noch in seinem Geist befand, ließ ihn nicht los. Je mehr er über dieses Bild nachdachte, desto sicherer wurde er, dass er diesen Kristall finden musste. Er schien auch genau zu fühlen, wo er sich befand. Es wahr ihm, als würde der Kristall nach ihm rufen. Er wusste, dass er sich wohl auf einem anderen Planeten befinden musste. Er würde ein Schiff benötigen. Aber dieses Problem hatte sich ja gerade gelöst. Schließlich war gerade eines genau vor seiner Nase gelandet und die dazugehörige Pilotin würde er schon überreden können. Spätestens, wenn sie hören würde, dass es um die Gesundheit seines Kindes ginge, würde sie nicht nein sagen können. Er beschloss, gleich in das Haus in der Nachbarschaft zu gehen, in das er meine Silhouette verschwinden sehen hatte.

Telzan saß mit Sytania gemeinsam in deren Thronsaal zusammen. Der Vendar war außer sich vor Begeisterung über das, was er soeben gesehen hatte. Die Prinzessin hatte ihn an ihrem kleinen telepathischen Streich teilhaben lassen. „Ihr wart großartig, Gebieterin!“, freute er sich. „Ich hätte nicht gedacht, dass Ihr in der Lage seid, die Propheten von Bajor so täuschend echt zu emittieren. Und dann seid Ihr ja auch noch in mehrere Rollen geschlüpft! Nein, das hätte ich Euch wirklich nicht zugetraut!“ „Man muss schon manchmal über sich hinaus wachsen.“, sagte Sytania. „Gerade dann, wenn man einen solchen Plan verfolgt. Aber mein Plan, die Übergabe der Waffe zu vereiteln, ist nur die Vorstufe zu einem viel größeren Vorhaben.“ „Ich ahnte, dass Milady einen weiteren Plan haben.“, sagte Telzan und grinste sie teuflisch an. „Darf ich erfahren, welcher Natur der ist?“ „Alles zu seiner Zeit, mein lieber Telzan.“, sagte Sytania. „Du wirfst mir vor, ungeduldig zu sein, aber bist selbst auch nicht viel besser.“ „Ich möchte ja nur meine Möglichkeiten ausloten, Milady behilflich zu sein.“, beschwichtigte Telzan. „Die Möglichkeit wirst du noch früh genug bekommen.“, sagte Sytania. „Aber wie ich schon sagte. Alles zu seiner Zeit. Ich werde dir schon sagen, wenn es so weit ist. Vertrau mir. Das tust du doch, oder?“ „Natürlich, Hoheit.“, sagte Telzan und lehnte sich entspannt und wartend zurück.

Von Entspannung konnte bei mir nun wahrlich keine Rede sein. Nervös war ich zu meinem Sprechgerät gegangen und hatte das Rufzeichen der Zentrale von Rescue One nebst Unterrufzeichen des Aufenthaltsraumes eingegeben. Dass mir Tchey diese Daten gegeben hatte, durfte natürlich niemand wissen. Ich wusste, dass ich sie zu Hause wohl nicht erreichen würde, obwohl sie mir neulich geschrieben hatte, dass sie ihre freie Woche hatte.

Immer noch beeindruckt von D/4’s Erklärung saß Tchey stocksteif da. Sie hörte zwar das Signal der Sprechanlage, war aber total unfähig aufzustehen und dort hin zu gehen. Die Sonde hatte Dinge gesagt, die sie schwer verwirrt hatten. Dass D/4 so über sie dachte, hatte Tchey nicht im Geringsten für möglich gehalten. Ihre Coolheit, die sie sonst an den Tag gelegt hatte, bekam doch einige Risse. „Na komm schon, Tchey.“, zischte sie sich selbst zu. „Du bist doch sonst nicht so leicht zu beeindrucken.“

Sie schlich zur Sprechanlage hinüber die sie jetzt doch schon erheblich nervte. „Ja.“, flapste sie nur gelangweilt ins Mikrofon. Sie mochte es gar nicht, wenn die coole Tchey in so einem uncoolen Moment erwischt wurde, wie ihr die Knie weich wurden, auch, wenn diejenige, die sie erwischt hatte, eine alte Freundin aus Akademietagen war, wie sie am Rufzeichen unschwer ablesen konnte. „Na das is’ ja ’ne freundliche Begrüßung.“, lächelte ich ironisch zurück. „Sorry, Betsy.“, meinte sie. „Ich bin nur gerade völlig geplättet.“ „Das ist ja mal ganz was Neues.“, stellte ich fest. „Die unerschütterliche Tchey Neran-Jelquist ist total geplättet. Wer hat dir das angetan, he?“ „Systemeinheit D/4 viertes Mitglied der D-Gruppe hat mir das angetan, wenn du es genau wissen willst.“, gab sie zurück. „Ich sage dir. Ich hab’ keine Ahnung, ob Seven das schon mal bei Tom Paris geschafft hat, aber manche künstlichen Lebensformen verstehen es, einen zu überraschen. Ich dachte immer, sie toleriert mich nur, weil ich eine qualifizierte Pilotin bin. Aber sie hat mir auf ihre Weise zu verstehen gegeben, dass sie mich sogar mag. Was sagst du dazu?“ „Na ja.“, meinte ich. „Immerhin ist einer ihrer Urahnen ein Mensch gewesen. Wenn auch nur dessen Geist, aber du weißt schon. Die Xylianer können das. Sie können jemanden mögen. Da V’ger damals die menschlichen Gefühle erfahren wollte, als er sich mit Commander Decker vereinigte, …“ „Ich brauche keine Nachhilfe in Geschichte!“, unterbrach sie mich unwirsch, entschuldigte sich aber gleich wieder: „Sorry. War nicht so gemeint.“ „Schon gut.“, gab ich zurück und nahm im gleichen Augenblick das Piepen meiner Türsprechanlage wahr. „Ich muss Schluss machen.“, sagte ich. „Ich bekomme gerade Besuch.“ „Na dann.“, lächelte sie, die langsam ihre alte Coolheit wieder zu finden schien und beendete die Verbindung.

D/4, Malcolm und Nayale waren mit dem Jeep der Sonde immer noch auf dem Freeway nach Washington unterwegs. Nayale hatte sich zu ihrem Sohn auf die Rückbank gesetzt, um ihn besser beruhigen zu können, denn Malcolm war noch immer sehr aufgeregt. Kein Wunder! Er verstand ja nicht, was mit seinem Vater vorgegangen war. Dazu war er, wie sich die Sonde ausgedrückt hatte, noch nicht ausgereift genug. Bei seinem jetzigen Entwicklungsstand würde er die Dinge, so wie sie waren, wohl noch nicht begreifen. Aber Nayale und D/4 wussten, dass er sich sehr auf den Urlaub bei seiner Großmutter freuen würde.

Die Xylianerin lenkte den Jeep vom Freeway. Jetzt fuhren sie den Zubringer zum Raumflughafen entlang. „Wir werden den Raumflughafen in fünf Minuten erreicht haben.“, erklärte die Sonde. „Dann werden sich unsere Wege trennen.“

Sie griff ins Handschuhfach, was ihr trotz der Tatsache, dass sie das Fahrzeug fuhr, nur deswegen möglich war, da sie es über ein mobiles Antennenset, das sie in solchen Fällen immer bei sich trug, steuerte. Diesen Vorgang hatte Malcolm fasziniert beobachtet. Dann gab sie Nayale ein Pad. „Dies sind die Daten für Ihren Flug.“, erklärte sie. „Es ist die effizienteste Verbindung, die ich angesichts der Umstände finden konnte.“ „Danke, D/4.“, lächelte die junge Zeonide.

„Kann ich später, wenn ich groß bin, Technik wie du bedienen, Tante D?“, fragte der Junge von hinten. „Negativ.“, sagte die Sonde mild. „Dir fehlen dazu die notwendigen körperlichen Attribute. Die wirst du auch nie erhalten, weil du kein Xylianer werden kannst. Wir assimilieren niemanden, weißt du?“ „Was meint sie, Mummy?“, wendete sich Malcolm an seine Mutter. „Sie meint, dass es nicht geht.“, übersetzte Nayale. „Und das andere heißt, dass die Xylianer ganz anders mehr werden, als die Borg es tun.“ „Und wie werdet ihr mehr, Tante D?“, fragte Malcolm unbedarft und neugierig. „Wie macht ihr Babies?“ „Das fragt man nicht!“, zischte Nayale ihrem Sohn zu. „Ihre Ansicht ist meiner Meinung nach inkorrekt.“, sagte die Sonde vorsichtig, denn sie konnte sich denken, dass Nayales Reaktion aus dem Umstand rührte, dass ihr das Thema vielleicht selbst nur zu peinlich sein könnte. Bei Bioeinheiten hatte die Sonde ein solches Verhalten des Öfteren beobachten können. „Ich denke, Nayale.“, fuhr sie fort. „Dass man Protoeinheiten so früh wie möglich an adäquates Wissen mit ausreichenden Methoden heranführen sollte. Aber dies übersteigt meine Fähigkeiten. Die Daten sind komplex. Sie sollten bei Zeiten Allrounder Betsy Scott zur Einholung einer konvertierten Form der Daten kontaktieren. Ihr Talent, komplexe Daten auf ein Niveau zu konfigurieren, dass sie für Protoeinheiten verständlich werden, ist in ganz Little Federation unerreicht.“

Malcolm strahlte. Er hatte nichts von dem verstanden, was die Sonde gesagt hatte, aber mein Name war ihm ein Begriff. „Machen wir das, Mummy?!“, fragte er aufgeregt. „Reden wir mit Betsy?!“ „Sicher.“, versicherte Nayale. „Aber wir müssen schon schauen, wann sie da ist. Sie arbeitet ja für die Sternenflotte. Deshalb wird sie auch wissen, wie die Xylianer Babies machen.“ „Weiß man das, wenn man für die Sternenflotte arbeitet?!“, fragte Malcolm. Nayale nickte ihrem Sohn zu. „Dann will ich später auch für die Sternenflotte arbeiten.“, schloss der für sein Alter schon sehr intelligente kleine Junge. „Dazu ist eine sehr gute Schulbildung erforderlich.“, sagte D/4. „Ich werde ganz bestimmt ganz doll in der Schule aufpassen.“, erwiderte Malcolm.

Sie passierten das Tor zum Gelände des Flughafens. Die Sonde stellte ihr Fahrzeug auf dem Parkplatz ab und alle drei entstiegen ihm. Dann half sie Nayale noch, die Koffer aus dem Gepäckraum zu holen. „Ist meine Assistenz weiterhin notwendig?“, wandte sie sich an Nayale. „Ich denke, den Rest schaffen wir allein.“, sagte die junge Zeonide und schnappte sich den größeren Koffer. Malcolm fasste ein Zugband, das sich an dem Kleineren befand und zog ihn damit hinter sich her. „Noch einmal danke für alles.“, lächelte Nayale der Sonde noch zu, bevor sie und der Junge hinter der Drehtür verschwanden. „Bitte pass auf meinen Dad auf, Tante D!“, rief Malcolm. „Ich werde auf deinen Vater achten.“, versprach die Sonde. Dann ging sie wieder zu ihrem Fahrzeug zurück, um nach Hause zu fahren. Was sich genau dort, oder besser in der unmittelbaren Nachbarschaft gerade abspielte, ahnte sie nicht.

Radcliffe stand blass und zitternd vor meiner Tür, als ich sie öffnete. „Wer sind Sie?“, fragte ich, die ihn ja noch nicht wirklich kannte. Durch die sehr blumigen Schilderungen von Tchey war er mir zwar in gewisser Weise beschrieben worden, dass sie aber einen Hang zur Übertreibung hatte, musste ich aber bei all diesen Dingen stets berücksichtigen. „Ich bin Nathaniel Radcliffe.“, stellte er sich vor. „Genauer Professor Nathaniel Radcliffe. Ich muss etwas mit Ihnen besprechen.“ „Angenehm.“, sagte ich ruhig und sachlich und gab ihm die Hand. „Allrounder Betsy Scott.“ Bei der Berührung unserer Hände war mir nicht entgangen, wie aufgeregt er zitterte. „Kommen Sie.“, sagte ich beruhigend und zog ihn Richtung Wohnzimmer. Hier führte ich ihn zu meiner Couch, wo er sich sofort erleichtert in die Kissen fallen ließ. Dies war für mich ein weiteres Zeichen dafür, dass etwas mit ihm nicht stimmen konnte. „Geht es Ihnen nicht gut?“, fragte ich fürsorglich. „Soll ich unsere Nachbarin, Scientist Cupernica, holen? Sie ist Ärztin. Ich weiß, dass Sie erst hierher gezogen sind und hier noch niemanden kennen, aber …“ „Woher wissen Sie das?“, fragte Radcliffe. „Ich habe eine ziemlich gesprächige Freundin.“, gab ich zu. „Sie hat mir über Sie berichtet.“

Radcliffe begann zu schluchzen, eine Reaktion, die ich in diesem Zusammenhang nicht erwartet hätte. Eine Zurechtweisung oder anderes, das wäre wohl eher etwas Passendes gewesen, denn es war ja wirklich nicht gerade höflich, jemandem mit einer vorgefertigten Meinung, die noch dazu nur aus Klatsch und Tratsch bestand, zu begegnen. Sein Verhalten hatte mich derart alarmiert, dass ich nicht anders konnte, als mich sofort neben ihn zu setzen. „Was haben Sie?“, fragte ich und ergriff seine linke Hand, seine kalte linke Hand, die wohl aufgrund seiner Kreislaufsituation nicht wirklich warm sein konnte: „Habe ich etwas Falsches gesagt?“ „Im Gegenteil.“, antwortete Radcliffe und holte einige Male tief Luft. „Wenn Sie schon so viel über mich wissen, dann muss ich die ganze peinliche Geschichte ja nicht noch vor Ihnen ausbreiten.“ „Hängt davon ab, ob mein Wissen richtig ist.“, sagte ich. „Meine Freundin hat mir zum Beispiel geschrieben, dass Sie sich von Zeit zu Zeit für Captain Sisko halten. Ist das richtig?“ Er atmete auf und griff meine Hand fester. „Ganz ruhig.“, sagte ich, die ich bereits erkannt hatte, wie nah wir an der Wahrheit sein mussten. „Es kommt in Schüben!“, platzte es aus ihm heraus. „Aber dann werde ich auch gefährlich für meine Umwelt! Beim letzten Anfall wollte ich meine Frau und meinen Sohn verletzen! Ich erinnere mich nicht selbst! Es wurde mir nur erzählt!“ „Schschsch.“, machte ich. „Waren Sie damit schon einmal bei einem Psychologen?“ „Nicht nur bei einem!“, schrie Radcliffe verzweifelt. „Was glauben Sie, was ich schon für eine Odyssee hinter mir habe! Aber seit heute weiß ich, was ich tun muss, um diese Anfälle endlich zu besiegen! Ich weiß auch schon, wer mir dabei helfen wird, nämlich Sie!“ „Oh.“, sagte ich verschämt. „Ich fürchte, dass hier ein Missverständnis vorliegt. Wissen Sie, ich bin ausgebildete Kommunikationsoffizierin und Raumschiffpilotin. Aber ich habe keine medizinischen oder psychologischen Kenntnisse. Wie soll ich …“ „Aber das ist genau das, was ich brauche, eine Raumschiffpilotin!“, sagte Radcliffe mit Überzeugung. „Eine Raumschiffpilotin und ihr Schiff!“ „Ich könnte meinem Commander die Situation zu erklären versuchen.“, bot ich an. „Allerdings bezweifle ich, dass wir unter den gegebenen Umständen die Granger und die Erlaubnis zu dieser Mission bekommen.“ „Nein.“, sagte Radcliffe. „So meinte ich das auch nicht. Ich sprach von Ihrem Schiff. Von dem Schiff, das draußen auf der Wiese steht.“

Ich fuhr erschrocken zusammen. Er musste unsere Ankunft beobachtet haben. „Sie tragen Zivil.“, setzte er mir weiter zu. „Das heißt, Sie sind im Urlaub und können doch dann wohl machen, was Ihnen gefällt. Bitte, helfen Sie mir, Allrounder Betsy Scott! Bitte! Wenn Sie es schon nicht für mich tun wollen, dann bitte für mein armes Kind und meine arme Frau. Wenn ich die Krankheit endlich los bin, dann können sie auch ohne Gefahr zu mir zurückkehren. Bitte, tun Sie es für sie! Bitte, bitte, bitte!“

Er fiel vor mir auf die Knie. Seine Verzweiflung war für mich überdeutlich geworden. Ich pfiff plötzlich auf alle Gegenargumente und sagte, während ich versuchte, ihn wieder auf die Beine zu ziehen: „Packen Sie ein, was Sie benötigen, Professor Radcliffe. Wir treffen uns dann bei Lycira!“ „Lycira heißt Ihr Schiff?“, erkundigte er sich. „Das ist kein typischer Name für ein Shuttle der Sternenflotte.“ „Sie ist auch kein Sternenflottenschiff.“, erklärte ich. „Aber ich werde Ihnen alles auf dem Flug erklären. Das wird nämlich eine längere Geschichte.“ „Gut.“, sagte Radcliffe und wandte sich zum Gehen. Ich hingegen, die ich meinen Koffer noch nicht ausgepackt hatte, schnappte diesen und ging aus dem Haus in Richtung von Lycira. Ich wusste, dass ich unbedingt vor ihm bei ihr sein musste, denn es würde sicher ein ziemliches Stück Arbeit werden, sie davon zu überzeugen, dass wir Radcliffe helfen mussten. Radcliffe, vor dem sie mich ja indirekt gewarnt hatte.

Kapitel 5: Auf zu neuen Ufern!

von Visitor

 

Zirell saß in ihrem Bereitschaftsraum über einer Mail von der Zusammenkunft, als Maron diesen betrat. Der interessierte Blick des ersten Offiziers wanderte sofort ebenfalls zu der Mail auf dem virtuellen Schirm, nachdem Maron gewohnheitsgemäß seinen Neurokoppler aus der Tasche gezogen und angeschlossen hatte, um dann noch das Laden seiner Reaktionstabelle abzuwarten. „Ich konnte mir denken, dass es etwas Dienstliches ist.“, sagte er ruhig. „Das stimmt.“, sagte Zirell. „Aber ich wusste gar nicht, dass du inzwischen so gut Tindaranisch lesen kannst.“ „Oh, das kann ich nicht wirklich.“, gab der Demetaner zu. „Aber ich erkenne das Logo der Zusammenkunft auf dem Briefkopf.“ „Faszinierend.“, lächelte Zirell. „Und ich dachte, die Vulkanier wären die Logiker bei euch.“ Auch Maron musste leise lachen. Ihr Wortspiel hatte er durchaus verstanden. „Worum geht es denn jetzt eigentlich?“, fragte er. „Ich meine, als dein erster Offizier, sollte ich doch eigentlich wissen, was auf dieser Station demnächst geschehen wird, nicht wahr?“ „Aber sicher.“, nickte die Tindaranerin. „Dann hör mir jetzt mal genau zu, Nummer Eins. Die Zusammenkunft wird jeder Station ein zweites Patrouillenschiff zuordnen. Die Bedrohung durch Sytania ist so stark geworden, dass die Zusammenkunft es für besser hält, wenn wir ein wenig mehr Präsenz zeigen.“ „Verstehe.“, sagte Maron. „Das bedeutet wohl, Shimar muss sich demnächst zweiteilen.“ Er grinste, als er das sagte. „Aber nein!“, rief Zirell aus, die sich das wohl gerade ziemlich bildlich vorstellte. „Wir sind doch in der glücklichen Lage, einen zweiten eben so qualifizierten Flieger in unseren Reihen zu haben, der noch dazu Sytanias Schliche am besten von allen kennt. Er stand schließlich 90 Jahre lang in ihren Diensten. Für den Rest werden wohl ein paar Reservisten einrücken müssen.“ „Du meinst, Joran wird der Stammpilot der zweiten Einheit?“, vergewisserte sich Maron. „Genau.“, bestätigte die tindaranische Kommandantin. „Morgen kommt das Schiff an und übermorgen starten ja Shimar und du zu der Konferenz auf Camp Khitomer. Danach werdet ihr zurückkehren und dich nur hier absetzen. Ich habe vor, Joran und das neue Schiff verstärkt auf Patrouille zu schicken, damit sich beide aufeinander einspielen. Für Shimar und unsere bisherige Einheit heißt das Urlaub. Ich habe für IDUSA bereits einen Platz auf einer celsianischen Werft gebucht und Shimar wird wohl seine Freundin besuchen wollen, deren Ehemann ja auch dort lebt. So haben alle etwas davon.“ „Schäm dich, du fiese kleine Kupplerin.“, meinte Maron und pfiff anerkennend durch die Zähne. „Aber du hast Recht. Von Celsianern auseinander genommen zu werden, wird für IDUSA wohl ungefähr so wohltuend sein wie für uns eine Behandlung in einem Wellnestempel. Die sind ja technisch sehr versiert und Shimar, Allrounder Betsy und Techniker Scott …“ Er musste grinsen, was dazu führte, dass er seinen Satz nicht beenden konnte. „Ganz genau.“, sagte Zirell. „Ich werde dann mal zu Jenna gehen.“

Im Maschinenraum der Basis 281 Alpha, der einen direkten Zugang zum Hangardeck hatte, saß Jenna vor einer Konsole und las sich IDUSAs Diagnosebericht durch, den ihr ein dazu in die Datenbank des tindaranischen Schiffes überspieltes Programm lieferte. Auch eine direkte Kommunikation mit IDUSA war darüber möglich. „Ist es richtig, dass ich eine Kollegin bekommen soll?“, wendete sich das Schiff an ihre betreuende Ingenieurin. „Das weiß ich nicht, IDUSA.“, antwortete Jenna. „Aber wenn du willst, dann frage ich Zirell, was an dem Gerücht dran ist.“ „Das würde mich sehr beruhigen.“, sagte der Schiffsavatar.

Erneut ließ Jenna ihren Blick über den virtuellen Monitor schweifen, den ihr IDUSA zeigte. Dann sagte sie: „Was genau beunruhigt dich denn an der Tatsache, dass du über diese Sache nicht Bescheid weißt?“ „Ich habe nicht gesagt, dass mich etwas beunruhigt, Jenna.“, sagte IDUSA, die sich wohl in gewisser Weise ertappt gefühlt hätte, wenn ihr diese Empfindung möglich gewesen wäre. „Das stimmt.“, sagte die Terranerin mittleren Alters. „Das hast du nicht gesagt. Du hast aber gesagt, dass es dich beruhigen würde, wenn du wüsstest, ob das Gerücht über eine eventuelle zweite Einheit stimmt. Daraus habe ich geschlossen, dass du ohne dieses Wissen beunruhigt sein musst und sei es auch nur aus mathematischen Überzeugungen. Also, was ist los?“ „Also gut.“, sagte der Avatar und machte vor Jennas geistigem Auge ein verschämtes Gesicht. „Sie haben mich erwischt. Es ist nur so. Wenn ein zweites Schiff hier ist, dann wird es vielleicht auch mal mit Shimar Patrouillen absolvieren und ich …“ „Daher weht also der Wind.“, sagte Jenna. „Du bist eifersüchtig! Aber mach dir keine Sorgen. Ich kenne die Gerüchte nämlich auch und weiß, dass der Stammpilot des zweiten Schiffes wohl Joran sein wird. Also, mach dir keine Sorgen. Dein Shimar bleibt dir erhalten. Aber das ist es doch nicht wirklich, oder? Ich bin schon viel zu lange deine betreuende Ingenieurin, um dich nicht zu durchschauen, IDUSA. Deine wahre Motivation liegt doch ganz woanders.“ „Ich hätte wissen müssen, dass Sie zu intelligent sind, Jenna, dass ich Ihnen etwas vormachen könnte.“, resignierte das Schiff. „Aber es ist schwierig für mich, Ihnen die Wahrheit zu sagen, weil sie unter Umständen einen Gewissenskonflikt auslösen könnte.“ „Na, raus damit, IDUSA.“, sagte Jenna. „Wenn wir es nicht probieren, dann werden wir beide niemals wissen, ob dieser Konflikt wirklich ausgelöst wird oder nicht.“ „Na gut.“, sagte der Avatar und schaute sie an, als wolle sie jetzt schon um Vergebung bitten für eine Sache, die noch gar nicht gesagt war. „Wenn ein zweites Schiff kommt.“, sagte IDUSA. „Dann könnte es doch sein, dass Sie sich ab und zu mal nicht um mich kümmern können, weil das andere Schiff vielleicht gerade bei einem Angriff beschädigt worden ist und …“ „Ach so.“, meinte Jenna. „Nun, IDUSA, es kann schon mal sein, dass, wenn ihr beide dann beschädigt seid, je nach Schweregrad des Fehlers sich auch mal Shannon um dich kümmert, aber …“ „Shannon!“, fiel IDUSA ihr ins Wort, als hätte sie etwas gesagt, das total unmöglich ist. „Jetzt hör mal zu!“, sagte Jenna ernst. „Meine Assistentin hat vielleicht die diplomatischen Fähigkeiten einer Abrissbirne, aber handwerklich ist sie sehr gut. Du kannst dich genau so vertrauensvoll in ihre Hände begeben wie in meine.“

Zirell betrat den Maschinenraum. Ihre Augen scannten die Reihen von Konsolen ab. Schließlich erblickte sie diejenige, nach der sie bereits die ganze Zeit gesucht hatte. „Jenn’?!“, wandte sie sich an die Gesuchte. Die Technikerin reagierte zunächst nicht auf die Ansprache. Deshalb war sie um so erstaunter, im schwachen Licht des Raumes plötzlich der kleinen Statur der Kommandantin ansichtig zu werden. „Oh.“, sagte sie schnell, um über ihre Flüchtigkeit hinwegzutäuschen. „Tut mir leid, Zirell. Ich habe dich nicht gleich bemerkt. Ich war wohl zu beschäftigt.“ „Das dachte ich mir schon.“, sagte Zirell und stellte sich direkt neben ihre Untergebene. „Was macht IDUSA?“, fragte sie. „Nun, bis nach Khitomer wird sie es wohl gerade noch schaffen.“, scherzte die hoch intelligente Halbschottin. Zirell fuhr erschrocken zusammen. „Warum hast du mir nicht eher gesagt, wie schlecht es um sie steht?!“, fragte sie ernst. „Ich meine, dann hätten wir …“ „Ein Scherz.“, tröstete Jenna mit leicht aufgeregter Stimme. Mit einer solchen Reaktion von Zirell hatte sie nämlich nicht gerechnet. „Du solltest doch wissen, dass ich sie immer gut in Schuss halte. Außerdem hätte ich von dir als geübter Telepathin etwas anderes erwartet. Ich hätte gedacht, dass du mir eher auf die Schliche kommst.“ „Ich würde niemals in deinen Geist eindringen, ohne dich vorher gefragt zu haben!“, rechtfertigte sich Zirell mit leichter Empörung in der Stimme. Sie musste wohl schon eine wage Bedrohung spüren, sonst ließ sich nicht erklären, dass die manchmal etwas strenge, aber auch sonst zu Scherzen aufgelegte Zirell heute so reagierte. „Tut mir leid, Zirell.“, sagte Jenna. „Ach, Schwamm drüber Jenn’.“, meinte Zirell. „Vielleicht bin ich heute auch einfach nur etwas überreizt.“

„Ach, wo du schon mal hier bist.“, setzte Jenna an. „Stimmt es, dass wir eine zweite Einheit bekommen?“ „Ja.“, nickte Zirell. „Ich war eigentlich gerade hier, um es dir und Shannon mitzuteilen. Joran wird übrigens der Stammpilot der zweiten Einheit werden.“ „Dann werde ich es ihm gleich sagen, wenn ich von meiner Schicht komme.“, sagte McKnight. „Wie du sicher weißt, hat er gerade dienstfrei und ist jetzt wohl in unserem Quartier.“ „OK.“, sagte Zirell ruhig und verließ den Maschinenraum wieder.

Tchey war während des Nachdenkens auf ein Geräusch an der Tür aufmerksam geworden. Die dem Geräusch folgenden uhrwerkgleichen Schritte konnte sie sofort einordnen, ohne die Person, die sie machte, wirklich zu sehen. Das hatte sie im Laufe unserer Freundschaft von mir gelernt. „D/4?“, fragte sie in Richtung der Eingangstür des Aufenthaltsraumes. „Das ist korrekt.“, erwiderte eine gleichmütige Stimme und eine Gestalt schob sich durch die Tür. „Haben Sie über meine Äußerung reflektiert?“, fragte die Sonde. „Das habe ich!“, sagte Tchey fast stolz. „Und ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass Sie mich wohl mögen müssen. Gut, Ihre Redeweise ist manchmal etwas schroff, aber im Grunde sagen Sie doch mit diesen ganzen hochtrabenden Sätzen nur, dass Sie …“ „Ihre Interpretation meiner Ausführungen ist korrekt.“, sagte die Sonde mild. Ihre sonst so durchdringende und zuweilen etwas laute Stimme war auf einmal ganz freundlich und Tchey hatte fast den Eindruck, sie sei gerührt über den Umstand, dass ihre langjährige Kollegin das endlich erkannt hatte.

Die Sonde setzte sich zu Tchey an den Tisch. „Ich will Ihnen nicht zu nahe treten.“, sagte sie. „Aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie nicht ganz selbstständig zu dieser Erkenntnis gelangt sind.“ „Sie haben mich erwischt.“, sagte Tchey. „Aber was in drei Teufelsnamen lässt Sie so denken?“ „Sie haben geSITCHt!“, sagte die Sonde und deutete auf die rechte Hand der Reptiloiden. „Und schon wieder erwischt.“, gab Tchey zu. „Leugnen ist zwecklos. Ich weiß.“ „Korrekt.“, sagte die Sonde und fügte hinzu: „Sie halten nämlich das Mikrofon fest, als wäre es ein Schatz, von dem Sie befürchten, ich könnte ihn Ihnen wegnehmen.“ Erst jetzt fiel Tchey auf, dass sie das Mikrofon noch immer in der Hand hielt und hängte es ein. „Ups!“, machte sie. „Wer war Ihr Gesprächspartner?“, wollte D/4 wissen. „Allrounder Betsy Scott, wenn es Sie interessiert.“, antwortete Tchey. „Das habe ich mir gedacht.“, sagte die Xylianerin. „Die Wahrscheinlichkeit ist groß gewesen, dass es sich bei Ihrem Gesprächspartner um einen Offizier der Sternenflotte gehandelt hat, denn nur so jemand kennt unsere sprachlichen Gepflogenheiten exakt genug, um Ihnen entsprechende Assistenz geben zu können. Ein ausgebildeter Kommunikationsoffizier ist eine noch adäquatere Wahl. Ihre Freundschaft zu Allrounder Betsy Scott lässt für mich den Schluss zu, dass sie ihre Assistenz bei der Lösung der Ihnen von mir gestellten Aufgabe bevorzugen. Außerdem erfüllt sie alle vorher von mir genannten Parameter.“ „Dann muss ich ja im Prinzip gar nichts mehr sagen, Sie kleine xylianische Hobbydetektivin Sie.“, scherzte Tchey. „Das müssen Sie wirklich nicht.“, sagte D/4. „Vorausgesetzt, Sie bestätigen alles. Ich habe lediglich von Wahrscheinlichkeiten gesprochen. Wahrscheinlichkeiten lassen aber immer auch noch eine Varianz zu und sei sie noch so klein. Nicht alles ist komplett berechenbar.“ „Dann haben Sie dieses Mal aber echt Schwein!“, flapste Tchey. „Allerdings habe ich nicht Betsy gerufen, sondern sie mich. Ich weiß nicht warum. Aber sie klang am SITCH irgendwie komisch, als würde sie sich um mich sorgen.“ „Hat das Sprechgerät das Gespräch aufgezeichnet?“, wollte D/4 wissen. Tchey nickte. Dann fragte sie: „Wollen Sie eine Frequenzanalyse von Betsys Stimme machen?“ „Positiv.“, antwortete die Sonde. „Außerdem benötige ich das private Rufzeichen des Allrounders. Ich muss es Nayale Radcliffe übermitteln. Sie wird mit ihr Kontakt aufnehmen, damit sie der Protoeinheit erklären kann, wie wir Xylianer uns fortpflanzen.“ „Wie war das?!“, platzte es aus Tchey heraus. „Über was für Themen habt ihr in Gottes Namen auf der Fahrt gesprochen?“ „Wir kamen eher zufällig darauf.“, gab die Sonde zu. „Malcolm hat gesehen, dass ich das Fahrzeug über mein Antennenset gesteuert habe und mich gefragt, ob er das später auch genau so erlernen könnte. Darauf habe ich ihm gesagt, dass das nicht geht, weil wir niemanden assimilieren, um uns fortzupflanzen. Natürlich wollte er sofort wissen, wie das bei uns geht.“ „Oh, D/4!“, rief Tchey. „Sie haben doch wohl genug Erfahrung mit Bioeinheiten, um zu wissen, dass Kinder, oder wie Sie sagen, Protoeinheiten, verdammt neugierig sind und jedes Wort auf die Goldwaage legen. Aber lassen Sie mich raten. Die Sache ist Ihnen zu peinlich und Sie wollen jetzt, dass die arme Betsy für Sie den Karren aus dem Dreck zieht, in den sie ihn hinein gefahren haben.“ „Ihre Annahme ist inkorrekt, was die Peinlichkeit angeht, Tchey!“, tadelte die Sonde. „Aber mit der Anforderung von Allrounder Betsys Assistenz liegen Sie richtig. Sie ist die einzige Person, die dafür die Qualifikationen besitzt. Sie verfügt über die entsprechenden Daten und das Talent, sie auf das für Protoeinheiten verständliche Niveau zu konvertieren. Meine Versuche, ihr darin nachzueifern, sind bisher immer gescheitert. Ich werde ihr eine SITCH-Mail mit der Erläuterung des Problems und Nayales Kontaktdaten auf dem Mars zusenden.“ „OK.“, sagte Tchey lässig und rutschte mit dem Stuhl und einem genießerischen Blick langsam zur Seite. Dabei aktivierte sie noch das Menü für den Rückruf und meinte flapsig: „Bedienen Sie sich.“

Dass ich diese Mail wohl nicht mehr bekommen sollte, konnte sie natürlich nicht ahnen, denn sie wusste ja nicht, dass ich mich in Lyciras Cockpit befand und ihr gerade unsere neuesten Pläne auseinandersetzte. Das kann nicht dein Ernst sein, Betsy!, gab mir mein Schiff zu verstehen. Du kannst nicht ernsthaft diesem Verrückten Glauben schenken. „Ich gebe zu, seine Geschichte klingt abenteuerlich, Lycira.“, beschwichtigte ich sie, deren Avatar vor meinem geistigen Auge die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und ein entsetztes Gesicht gemacht hatte. „Aber wir haben schon weitaus merkwürdigere Sachen erlebt. Aber ich sehe das auch als Chance, ihm begreiflich zu machen, dass alles vielleicht nur eine Fantasie ist, wie du meinst. Wenn es aber der Realität entspricht, dann können wir ihn vielleicht tatsächlich von seiner Krankheit heilen. Falls wir dich verlassen, kannst du uns ja jederzeit überwachen.“ Also gut, Betsy., ließ sich Lycira dann doch auf die Mission ein. Aber erlaube mir bitte, alles zu tun, um dein Überleben zu sichern. Dein Commander wäre sicher nicht erbaut über die Tatsache, wenn du in deinem Urlaub dein Leben verlieren würdest. „Das passiert schon nicht.“, beruhigte ich sie. „Ich denke, unser Professor ist harmlos.“ Hoffentlich hast du Recht., meinte sie. Ich habe nämlich eine ganz schlimme Ahnung! Ich lächelte nur müde.

Im nächsten Moment nahm ich schwere männliche Schritte wahr, die sich auf uns zu bewegten. „Hierher, Professor!“, rief ich einladend und mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Radcliffe ging einen Bogen, drehte sich dann in unsere Richtung und blieb in einiger Entfernung zu Lycira stehen. „Kommen Sie schon.“, versuchte ich, ihn zu motivieren. „Dieses Schiff beißt nur, wenn ich es sage.“ „Was für ein makaberer Scherz.“, gab Radcliffe zurück und ging einige Schritte mehr auf Lycira zu. „Sieht merkwürdig aus, Ihr Schiff.“, meinte er, nachdem er sie von allen Seiten beäugt hatte. „Kein bekanntes Sternenflottendesign.“ „Wie ich Ihnen bereits sagte, Professor.“, sagte ich. „Sie ist kein Sternenflottenschiff. Aber woher ich sie habe, das werde ich Ihnen auf dem Flug erzählen. Steigen Sie ein.“

Radcliffe verstaute seine Ausrüstung in Lyciras Frachtraum und kam dann zu mir ins Cockpit. Ich gab ihr die Gedankenbefehle zum Schließen aller Luken und zum Start. „Merkwürdige Steuerkonsole.“, wunderte sich der Archäologe. „Das werde ich Ihnen alles erklären.“, versicherte ich erneut. Frag ihn, welchen Kurs wir fliegen sollen, Betsy., sagte Lycira. „Welchen Kurs, Professor?!“, fragte ich auffordernd. „Das ist nicht so einfach.“, sagte Radcliffe. „Ich fühle den Kurs. Es wäre leichter, wenn ich das Fliegen übernehmen könnte, aber das geht wohl nicht.“ „Nein.“, lächelte ich. „Lycira traut Ihnen nämlich nicht wirklich. Aber ich habe eine andere Idee.“ Damit gab ich meinem Schiff den Befehl, sich in 10-Grad-Wenden um sich selbst zu drehen. Alle 10 Grad sollte sie für ca. 20 Sekunden innehalten. „Hoffentlich wird Ihnen nicht schwindelig.“, meinte Radcliffe. „Konzentrieren Sie sich auf Ihren Kurs.“, erwiderte ich.

„Stopp!“, rief er plötzlich aus. Lycira, die gerade eine weitere 10-Grad-Wende begonnen hatte, stoppte augenblicklich. „Das ist unser Kurs, Allrounder!“, sagte Radcliffe mit Überzeugung. „Aber wir sollten uns beeilen. Ich wünschte, wir könnten diesen Flug in einer Sekunde hinter uns bringen. Der Gegenstand, den ich suche, befindet sich auf einem Planeten im Cordana-System. Ich fühle es deutlich!“ „Das mit der einen Sekunde können Sie haben.“, beruhigte ich ihn. „Sie hat einen Interdimensionsantrieb.“ „Na ,um so besser!“, sagte Radcliffe sehr aufgeregt. „Aktivieren, bitte, schnell!“ Ich nickte und gab Lycira die entsprechenden Befehle. Dein Professor hat es wohl sehr eilig., machte sie mir deutlich. Ich bleibe dabei, hier ist was faul! „Es wird schon schief gehen, Lycira.“, sagte ich. Vergiss nicht, dass ich dir erlaubt habe, alles zu tun, um mein Leben zu schützen. Den zweiten Teil meiner Antwort hatte ich mit Absicht nur gedacht und nicht laut ausgesprochen. Je länger wir flogen, desto mehr beschlich mich nämlich jetzt auch ein seltsames Gefühl.

Sytania und Telzan hatten sich unsere Abreise vom Palast der Prinzessin aus angesehen. „Da fliegen sie.“, sagte Telzan mit einem gemeinen Grinsen und deutete auf den Kontaktkelch. „Ja.“, bestätigte Sytania. „Und die liebe Betsy, eine ausgebildete Sternenflottenoffizierin, wird ausgerechnet zu meinem Werkzeug. Nicht zu vergessen die Reinkarnation von Commander Sisko, die meine Marionette werden wird. Mit seiner Hilfe und dem, was ich außerdem noch plane, wird es mir endlich gelingen, das Universum der Föderation ein für alle Mal zu unterwerfen. Sie werden mir nichts entgegenzusetzen haben, denn mit dem, was ich tun werde, haben sie nicht gerechnet und werden sie auch niemals rechnen.“ „Darf ich den zweiten Teil des Plans erfahren, Milady?“, fragte Telzan. „Und du sagst, ich sei ungeduldig.“, stöhnte Sytania. „Nein, das darfst du noch nicht. Alles zu seiner Zeit und die Zeit dafür ist einfach noch nicht gekommen. Nur so viel: Du wirst eine große Rolle darin spielen und er wird dir gefallen.“

Telzan überlegte, ob er darauf noch etwas erwidern sollte oder nicht. Sie hatte ihn eigentlich noch nie enttäuscht und es würde seiner Meinung nach von wenig Vertrauen zeugen, wenn er nachbohren würde. Also entschied er, es zunächst dabei bewenden zu lassen.

Nayale und ihr Sohn hatten den Mars mit Hilfe der Flugverbindung erreicht, die D/4 ihnen herausgesucht hatte. Am Raumflughafen der Kolonie wurden sie bereits von Nayales Mutter, einer älteren Zeoniden mit kurzen bereits leicht grauen Haaren, erwartet. „Ich habe so schnell nicht mit dir gerechnet, Nayale.“, sprach die Alte ihre Tochter an, als sie die Straße zum nahen Haus entlang gingen. „Als du und der Kleine uns im letzten Jahr besucht habt, sagtest du, es ginge dieses Jahr nicht. Ach, wo ist denn Nathaniel?“ „Genau er ist der Grund, warum wir dich jetzt schon wieder besuchen.“, deutete Nayale an. „Aber alles andere würde ich gern in Abwesenheit von Malcolm besprechen, du verstehst? Außerdem müssen Malcolm und ich eine Weile bei dir bleiben.“ „Na, das klingt ja fast nach einer Katastrophe.“, erkannte die Großmutter. „Aber ihr zwei seid mir jederzeit willkommen. Ich sehe meine Tochter und meinen kleinen Enkel schon nur ein Mal im Jahr. Dann möchte ich schließlich auch was von den Beiden haben.“

„Wie geht es Yara?“, quietschte Malcolm dazwischen. „Kann ich mit ihr spazieren gehen und mit ihr spielen?“ „Aber sicher!“, lächelte die Großmutter, die natürlich um das gute Verhältnis zwischen ihrem Haustier, einer demetanischen Wollkatze und ihrem Enkel wusste. Da sie Angst um Yara hatte, war ihr beigebracht worden, an der Leine zu gehen. Die Verkehrsdichte hatte nämlich in der Kolonie ziemlich zugenommen. „Yara vermisst dich.“, sagte die Großmutter zu Malcolm. „Nachdem du weg warst, hat sie fast einen ganzen Monat kaum gefressen und dich immer wieder gesucht.“

Wie auf Stichwort war plötzlich ein tiefes Fauchen hinter ihnen zu hören und eine schwarze 4-beinige Gestalt schob sich hinter einem Busch hervor, um dann mit hoch erhobenem Schwanz auf Malcolm zu zu schleichen. Vor ihm setzte sie sich hin und begann damit, mit ihrer langen breiten rauen Zunge seine Hände zu bearbeiten. Vor dem Tier, das wie eine Tigerin mit gelocktem wolligen Fell aussah, hatte das Kind keine Angst. Im Gegenteil. Er streichelte sie und wuschelte ihr Fell, worauf sie laut zu schnurren begann und sich auf den Rücken drehte. „Meine Yara!“, freute sich Malcolm. „Na, die Beiden werden eine Weile beschäftigt sein.“, sagte die Großmutter in Richtung von Nayale gewandt. „Lass uns ins Haus gehen und schon mal deine Sachen auspacken. Vielleicht erzählst du mir dann auch, was zwischen dir und Nathaniel nicht stimmt.“ „OK.“, sagte die junge Frau und folgte ihrer Mutter ins Haus.

Die Stufen zum Eingang des roten Hauses in Backsteinoptik kamen Nayale wie der Gang über eine Sündentreppe vor, obwohl sie eigentlich ja keinen Grund hatte, so zu denken. Von ihrer Mutter hatte sie keinen Tadel zu erwarten. Sie würde auf ihrer Seite stehen, das wusste sie, aber ihr war auch bewusst, dass sie ziemlich genau nachfragen würde, wenn sie erst mal mit dem Erzählen beginnen würde. Aber vielleicht war es auch gut so, denn jetzt konnte Nayale sich endlich den Schmerz von der Seele reden.

Die Frauen gelangten über den großzügig geschnittenen Flur, dessen Wände eine bunte Frühlingsblumenpracht zierte, die auf den in die Wand eingelassenen Displays zu sehen war, in ein ebenfalls freundlich eingerichtetes Wohnzimmer, in dessen Mitte auf einem Podest der Tisch mit dem Hausrechner stand. An der hinteren Wand stand eine weiche grüne Couch, über der sich die Displays vom Rest unterschieden. Hier waren Yara und ihr Frauchen, sowie Nayale, Malcolm und Nathaniel zu sehen. Vor dem Sofa stand ein grüner Tisch in ovaler Form.

Nayale setzte sich neben ihre Mutter auf das 2-sitzige Sofa und sah sie ernst an, während sie auf das Bild ihres Mannes deutete. „Ich schätze, das wirst du bald löschen müssen.“, sagte sie. „Ich weiß nämlich nicht, wie lange ich es noch mit Nathaniel aushalte. Vielleicht habe ich dir erzählt, dass er …“ „Ich weiß über die Sache Bescheid.“, sagte die Alte eben so ernst. „Aber ihn gerade jetzt allein zu lassen, ist auch keine Lösung, Nayale!“ „Das sagt sich so leicht.“, erwiderte die soeben Getadelte. „Weißt du, dass er unseren Sohn und mich im letzten Anfall beinahe verletzt hat? Wenn D/4 nicht gewesen wäre …“ „Das wusste ich nicht.“, gab die Großmutter zu. „Dann sieht die Sache natürlich anders aus. Aber diese D/4. Hat sie etwa auch dafür gesorgt, dass ihr jetzt hier seid?“ Nayale nickte und sagte dann: „Sie will versuchen, meinen Mann irgendwie heilen zu lassen. Vielleicht kommen ihre Leute auf etwas, das unsere Psychologen übersehen haben. Sie ist Xylianerin. Die haben eine Menge Daten. Sie kann vielleicht wirklich helfen. Nur, ich weiß nicht, wie lange das dauern wird. Unter Umständen müssen wir Malcolm hier in der Schule anmelden.“ „Kein Problem.“, tröstete die Großmutter. „Deinem Mann wird sicher geholfen werden können. Ich denke auch, dass diese Xylianer sehr kompetent sind. Sie haben sicher eine Menge Daten gesammelt und jede einzelne Sonde soll auch sehr intelligent sein. Sie können sich ja vernetzen, aber auch als einzelne Einheiten funktionieren. Außerdem wird die Motivation von dieser D/4 sein, dass die Föderation und die Xylianer politisch befreundet sind. Sie wird dir sicher gern helfen.“ „Das weiß ich.“, sagte Nayale. „Schließlich interessiere ich mich auch für Politik. Das hast du mir ja schon in meiner Kindheit immer eingebläut.“ „Das stimmt.“, sagte die Großmutter und ging zum Replikator, nachdem sie auf dem Display des Hausrechners die Uhrzeit abgelesen hatte. „Ich bereite dann schon mal das Abendessen vor.“, begründete sie. „Dann hole ich mal Malcolm.“, sagte Nayale und stand auf.

Eben jene D/4, von der gerade die Rede war, saß immer noch auf ihrem Platz im Aufenthaltsraum der Einsatzzentrale des Rettungsshuttles. Tchey, die bereits ihre Sachen gepackt hatte, war dies nicht entgangen. „Ich weiß nich’, auf was Sie warten.“, flapste sie ihrer Vorgesetzten entgegen. „Aber ich werde jetzt gehen. Schließlich haben wir beide unsere freie Woche und ich beabsichtige, noch ein ganzes Stück davon mit Lasse zu verbringen.“ „Tun Sie das.“, sagte die Sonde ruhig, ohne ihren Platz zu verlassen. „Ich werde auf die Antwort des Allrounders warten.“

Tchey drehte sich um. „Wie kommen Sie darauf, dass Sie von ihr heute noch eine erwarten können?“, fragte sie. „Das Rufzeichen im Display.“, begann die Xylianerin. „Ist ihr Privates. „Also wird sie auf der Erde sein.“ „Sie wird aber bestimmt nicht den ganzen Tag vor ihrem Sprechgerät sitzen.“, meinte Tchey. „Außerdem ist es schon spät und ich weiß, dass sie immer zeitig ins Bett geht, auch dann, wenn sie Heimaturlaub hat. Das ist so eine Marotte von ihr. Sie war schon immer recht pflichtbewusst. Das weiß ich, weil ich schon seit unserer gemeinsamen Zeit auf der Akademie mit ihr befreundet bin. Sie können mir in der Hinsicht also echt vertrauen.“ „Also gut.“, meinte die Sonde. „Offensichtlich ist heute keine Antwort mehr zu erwarten. Ihre Argumente scheinen stichhaltig und passen auch zum Verhaltensprofil des Allrounders, das ich Dank Ihrer Erzählungen und meiner flüchtigen Begegnungen mit ihr erstellen konnte. Ich werde auch nach Hause gehen. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag.“ „Aber zu Hause werden Sie doch bestimmt auch nicht ruhen.“, sagte Tchey mit einem Grinsen auf den Lippen. „Ich meine, da gibt es doch noch unseren Professor Unheimlich. Was ist, wenn er tatsächlich eine Reinkarnation von Sisko ist?“

Die Sonde sah starr geradeaus. Das war eine Theorie, die ihr noch gar nicht in den Sinn gekommen war, aber sie hatte schon zu viel gesehen, um sie von vorn herein ausschließen zu können. Deshalb nahm sie sofort Verbindung zum Zentralring der Xylianer und zum Unterrufzeichen von A/1 auf. Per Datenverbindung erklärte sie dann ihrem Staatsoberhaupt, was soeben geschehen war. „Sag der Bioeinheit, sie soll ihre Theorie mir selbst vortragen.“, gab der xylianische Regierende zurück.

Tchey hatte bemerkt, dass D/4 beschäftigt sein musste, denn die Sonde hatte einen leicht abwesenden Blick. „Was machen Sie da?“, fragte sie irritiert. „Ich habe eine Verbindung zum Zentralring hergestellt.“, antwortete die Sonde, als wäre es das Selbstverständlichste. „Wieso?“, fragte Tchey gewohnt flapsig weiter. „Ich habe A/1 Ihre Theorie mitgeteilt.“, erklärte die Xylianerin. „Was für ’ne Theorie?“, fragte Tchey und sah sie verwirrt an. „Ihre Theorie über die Wiedergeburt von Commander Sisko in der Gestalt von Professor Radcliffe!“, sagte D/4 etwas unwirsch, denn sie dachte sich, dass Tchey ja wohl kaum unter so einem heftigen Gedächtnisverlust leiden könnte, dass sie vergessen hätte, was vor einigen Minuten erst geschehen war. „Leiden Sie unter Gedächtnisschwund?“, fragte sie. „Falls dies der Fall ist, werde ich Sie examinieren.“ „Nein, D/4.“, sagte Tchey. „Das ist nicht nötig. Ich habe nur einen Witz gemacht, als ich sagte, dass Radcliffe eine Reinkarnation von Sisko sein könnte. Verstehen Sie, ich wollte Ihnen eine kleine gruselige Gänsehaut über den Rücken jagen.“ „Meine Hülle ist nicht in der Lage, dieses Phänomen zu generieren.“, sagte D/4. „Vergessen Sie doch mal, wie ich es genannt habe, D/4.“, sagte Tchey etwas missgelaunt. Sie erinnerte sich noch an einen Bericht, in dem Tom Paris auf einen Spott von Tuvok ähnlich reagiert hatte wie sie jetzt selbst. Paris’ Missionen hatte sie in ihrer Freizeit während unserer gemeinsamen Zeit auf der Akademie regelrecht verschlungen, wenn sie nicht gerade mit Mikel und mir unterwegs gewesen war. „Es tut mir leid.“, entschuldigte sich die Sonde. Dies tat sie wohl auch vor dem Hintergrund, dass sie Tchey ja noch zu etwas bewegen musste, das sie bestimmt nicht freiwillig tun würde, wenn dies unausgesprochen bleiben würde. „Ich wollte Sie nicht verspotten.“, sagte sie. „Falls dies entsprechend bei Ihnen angekommen sein sollte, bitte ich Sie, meine Entschuldigung anzunehmen.“ „Schwamm drüber.“, flapste Tchey. „Aber Sie haben Ihrem Oberindianer das doch nicht wirklich geschickt, oder? Kommen Sie, D/4, bitte sagen Sie mir, dass Sie jetzt auch einen Scherz gemacht haben.“ „Ich hörte, dass Lügen in den meisten Gesellschaften von Bioeinheiten ein inakzeptables Verhalten darstellt.“, sagte D/4. „Eine Ausnahme bilden vielleicht die Ferengi, aber meine Daten darüber sind lückenhaft. Sie werden festgestellt haben, dass ich mein Verhalten den Regeln in Ihrer Gesellschaft angepasst habe und nicht der Lebensweise der Ferengi, da ich nicht in deren Gesellschaft, sondern in Ihrer lebe. Außerdem kann eine Lüge zu sehr traumatischen seelischen Verletzungen und Enttäuschung führen und ich habe nicht die Absicht, Ihnen Schaden zuzufügen.“ „Soll das heißen …“, setzte Tchey an, deren Gesichtsschuppen sich aufstellten, was bei ihrer Rasse ein eindeutiges Zeichen dafür war, dass es ihr nicht gut ging. „Korrekt.“, fiel ihr die Sonde ungerührt ins Wort. „Aber das wäre doch sicher total unwissenschaftlich.“, versuchte Tchey weiter, sich aus der Affäre zu ziehen. „Ich meine, wieso denken Sie, er könnte das glauben.“ „Ihre Ausführungen sind inkorrekt.“, korrigierte die Sonde. „So unwissenschaftlich ist Ihre Theorie nicht. Wenn alles Logische ausfällt, muss das Unlogische die einzig mögliche Lösung sein. Diese These haben schon bedeutende Wissenschaftler vertreten. Außerdem sind wir noch beim Sammeln von Daten. A/1 möchte, dass Sie ihm Ihre Theorie persönlich unterbreiten. Sie werden durch mich zu ihm sprechen.“ Damit stellte sich die Sonde Tchey direkt gegenüber.

Tchey wurde heiß und kalt. „Muss das jetzt sein?“, fragte sie. „Haben Sie nicht irgendwelche Verbindungsprobleme oder so was?“ „Negativ.“, sagte D/4. „Meine Verbindung zu A/1 steht und ist stabil.“ „Scheiße.“, flüsterte Tchey. „Ich bin sicher, Ihr großes Vorbild, Tom Paris, hätte nicht gekniffen.“, ertappte die Sonde ihre reptiloide Untergebene. „Der musste auch niemals der Borgkönigin eine völlig hirnrissige Theorie …“, setzte Tchey an, aber D/4 strich ihr mit mildem fast mitleidigem Blick über den Rücken und sagte: „Lampenfieber ist unnötig.“ „Also gut.“, resignierte Tchey, der beim besten Willen nichts mehr einfiel, um das Unvermeidliche noch weiter herauszuzögern. „Muss ich einen Kniefall machen?“, fragte sie. „Ein solches Verhalten ist unnötig.“, sagte D/4.

„Hört er mich jetzt?“, wollte Tchey wissen, nachdem sich D/4 erneut entsprechend ihres Vorhabens positioniert hatte. „Positiv.“, erwiderte die Sonde ruhig. „Also gut.“, sagte Tchey, holte tief Luft, räusperte sich und begann dann: „Also, A/1. Hier ist Bioeinheit Tchey Neran-Jelquist. Ich glaube, dass Radcliffe die Reinkarnation von Sisko ist.“

Auf ein Signal ihres Regierenden hin konfigurierte die Sonde ihre Systeme so, dass Tchey die Antwort von A/1 direkt mit dessen Stimme hören konnte: „Bioeinheit Tchey Neran-Jelquist, Ihre Theorie wird examiniert werden.“ Daraufhin kippte Tchey fast ohnmächtig nach hinten. D/4 konnte sie gerade noch auffangen und auf einen Stuhl setzen. „Das kann der nich’ ernst meinen.“, stammelte Tchey. „Nein, das kann der nicht ernst meinen.“ „Doch.“, sagte D/4, die sich inzwischen dem Replikator zugewandt hatte, um einen starken Kaffee für Tchey zu replizieren. „A/1 beliebt in einer solchen Situation keine Scherze zu machen.“

Sie ging mit der Tasse in Richtung des Tisches, der vor dem Stuhl stand, auf dem sie Tchey platziert hatte und stellte sie vor ihr ab. „Die meisten Bioeinheiten benötigen diese Art von Nährstoffen nach einer aufregenden Situation.“, begründete sie. „Da haben Sie Recht.“, sagte Tchey und nahm einen großen Schluck aus der inzwischen auf eine erträgliche Temperatur abgekühlten Tasse. „Es tut mir leid, dass ich mich so geziert habe.“, entschuldigte sich Tchey. „Zur Kenntnis genommen.“, sagte die Sonde freundlich. „Aber es klingt doch auch echt haarsträubend.“, meinte Tchey. „Meine Denkweise in diesem Zusammenhang dürfte Ihnen bekannt sein.“, sagte die Sonde. „Ich weiß.“, sagte die Reptiloide. „Solange Sie noch keine Theorie durch Daten verifizieren können, wird jede in Betracht gezogen.“ „Das ist korrekt.“, sagte D/4.

Tchey trank ihren Kaffee aus und nahm ihre Sachen. „Nachdem das geklärt ist.“, sagte sie. „Können wir ja wohl beide ganz beruhigt nach Hause gehen.“ „Das ist korrekt.“, bestätigte die Xylianerin und nahm ebenfalls ihre Habe, um dann mit Tchey gemeinsam das Gebäude zu verlassen.

Kapitel 6: Der Heilung so nah?

von Visitor

 

Beide konnten nicht ahnen, dass ich nicht friedlich zuhause im Bett lag, sondern mich mit einem mir fremden Mann auf ein Abenteuer eingelassen hatte, dessen Ausgang noch immer ungewiss war. Lycira hatte jedenfalls auf mein Geheiß hin die interdimensionale Schicht wieder verlassen. Wir sind im Cordana-System, Betsy., informierte sie mich. Ich sehe nur einige Planetoiden. Kannst du mir verraten, was wir hier sollen? Ich meine, laut meiner Datenbank ist das hier Niemandsland. „Ich weiß es nicht, Lycira.“, gab ich in Gedanken, aber auch gleichzeitig laut, zurück. „Aber ich werde unseren Professor mal fragen.“ „Was werden Sie mich fragen, Allrounder?“, fragte Radcliffe, der zumindest den Teil der Unterhaltung zwischen Lycira und mir mitbekommen hatte, den ich beigesteuert hatte. „Sie sagt, hier seien nur einige unbedeutende Planetoiden.“, übersetzte ich Lyciras Gedanken für Radcliffe. „Außerdem ist das hier Niemandsland, was ich auch bestätigen kann. Sie fragt sich, was wir hier wollen.“ „Immer skeptisch, Ihr kleines niedliches Schiff, was?“, lächelte Radcliffe.

Ich legte meine Hände in die Mulden an der Steuerkonsole und befahl in Gedanken: Lycira, Antrieb aus, Ankerstrahl setzen! Sie führte meine Befehle bereitwillig aus. „Warum haben wir gestoppt?“, fragte Radcliffe. „Weil ich Ihnen etwas erklären muss.“, erwiderte ich. „Sie wissen, dass Lycira Ihnen misstraut. Ich weiß nicht warum, aber sie hat mir gesagt, dass sie eine schlimme Vorahnung hätte.“, begann ich, meinen Sorgen Luft zu machen. Die Konsequenzen dieses Geständnisses waren mir egal. Es war mir egal, ob Radcliffe mich zusammenfalten würde, oder gar etwas Schlimmeres. Ich war in einer vorteilhaften Position gegenüber ihm. Er war auf mich und mein Schiff angewiesen, um zu jenem Ort zu kommen, an dem er sich Heilung erhoffte. Er würde es sich also schwer überlegen, mir etwas anzutun. Er konnte Lycira nicht fliegen und sie würde auch keinen Versuch tolerieren, selbst, wenn er es versuchen wollte. Sie hatte außerdem die Erlaubnis von mir, alles zu tun, um mein Leben zu schützen, was er nicht wusste. Mit ihrem Transporter hätte sie ihn aus dieser Position leicht auf einem der Planetoiden aussetzen können, wenn er mir in ihren Augen zu nahe getreten wäre. „Wir sollten ihr beweisen, dass sie mir vertrauen kann.“, sagte Radcliffe und legte seine Hände genau wie ich in die Mulden an der Konsole für einen eventuellen Copiloten, aber nichts geschah. Ich werde nicht mit ihm kommunizieren, Betsy!, machte Lycira ihre Abneigung gegen ihn mir gegenüber deutlich. Warum nicht?, fragte ich dieses Mal auch nur in Gedanken, was mir nicht wirklich leicht fiel, denn ich war es gewohnt, Befehle oder Fragen an Computer von Raumschiffen sonst laut auszusprechen, aber jetzt musste ich wohl ein wenig Heimlichtuerei betreiben. Ich spüre, dass er mit etwas Bösem in Kontakt war., übermittelte Lycira. Warte, ich zeige es dir. Ihre Übermittlung weckte in mir ein Ekelgefühl! Außerdem überkam mich eine ziemlich heftige Gänsehaut. Da ich keine Telepathin war, wusste ich nicht genau, was mir Lycira da eigentlich zeigen wollte. Dass ich aber besser auf sie gehört hätte und auf der Stelle umgekehrt wäre, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. „Ist Ihnen kalt?“, fragte Radcliffe, der auch meine Gänsehaut und mein Verhalten gesehen hatte. „Ja, Professor.“, sagte ich und versuchte, dabei so zuversichtlich wie möglich zu klingen. „Aber ich habe Lycira bereits befohlen, die Umgebungstemperatur zu erhöhen, vorausgesetzt, Sie haben kein Problem damit. Sehen Sie, es wird schon wärmer.“ Warum lügst du?, wendete sich mein Schiff an mich. Weil das besser ist., gab ich zurück. Ich kann ihn nicht mit der Wahrheit konfrontieren. Wir müssen etwas Rücksicht nehmen! Er ist schließlich ein kranker Mann! Vielleicht war es ja auch nur seine Krankheit, die du gespürt hast! Aber wenn all das eintritt, was er sich erhofft, dann ist er die ja auch bald los! Du wirst deine Entscheidung noch einmal bitter bereuen, Betsy., meinte sie. Wir werden sehen!, gab ich zurück und versuchte Radcliffe fragend anzusehen. Da ich aber nie gesehen hatte, wie ein fragender Blick bei anderen aussah, wusste ich nicht, ob mir dies gelungen war. „Von mir aus können wir unseren Flug fortsetzen, Allrounder.“, sagte Radcliffe. „Also schön.“, antwortete ich. „Sie müssten mir nur noch die Richtung angeben. Schließlich haben Sie gesagt, dass nur Sie unseren Kurs spüren können.“ „Fliegen Sie einfach geradeaus bis zum nächsten Planetoiden.“, sagte Radcliffe und meinem sensiblen Gehör war nicht entgangen, dass er wohl innerlich ziemlich bebte. Woran das lag, konnte ich mir nicht erklären. Zumindest noch nicht. Ich schob es allerdings auf seine Euphorie, die ihn bei dem Gedanken daran erfasst haben musste, bald geheilt zu sein. „Laut Lyciras Sensoren ist der Planetoid nicht weit.“, versuchte ich, den immer aufgeregter werdenden Professor zu beruhigen. „Mit einem halben Impuls werden wir in zwei Minuten dort sein.“ „OK.“, nickte Radcliffe und ich befahl in Lyciras Richtung: „Geradeaus weiter, Lycira! Ein halber Impuls! Und übernimm das Steuer! Ich muss jemanden beruhigen.“

Radcliffe hatte neben mir stark zu zittern begonnen und ich bekam Angst, er würde mir hier noch zusammenbrechen. Deshalb drehte ich mich zu ihm, was dazu führte, dass ich meine Hände aus den Mulden nehmen musste. Ich legte ihm meine rechte Hand auf den Rücken und strich auf und ab. Dabei flüsterte ich: „Sachte, sachte, Professor. Ganz langsam und ruhig atmen. Ich kann verstehen, dass Sie aufgeregt sind. Aber wir sind ja gleich da.“ Dann befahl ich Lycira, den Sauerstoffgehalt der Atmosphäre im Cockpit zu erhöhen. „Es ist der Gegenstand.“, sagte Radcliffe und ich konnte eine große Not aus seiner Stimme hören. „Er ruft mich!“

An meinem Hosenboden merkte ich, dass wir in die Umlaufbahn eingeschwenkt sein mussten. Gleichzeitig piepte Lyciras Sprechgerät. „Was heißt das Signal?“, fragte der Professor. „Wir werden gerufen.“, antwortete ich und nahm das Mikrofon in die rechte Hand. „Von wem?!“, fragte Radcliffe und klang dabei schon wieder sehr aufgeregt. „Das weiß ich nicht.“, sagte ich. „Aber Lycira wird es mir schon gleich sagen. Sie müssen sich bestimmt keine Sorgen machen. Ich rede schon mit denen. Als Sternenflottenoffizierin bin ich auch in gewisser Weise in Diplomatie ausgebildet. Es wird bestimmt nichts passieren.“ „Aber wenn noch jemand hier ist.“, meinte Radcliffe. „Dann bedeutet das Konkurrenz und die dulde ich nicht! Der Gegenstand hat mich hergerufen! Mich! Mich ganz allein!“ „Beruhigen Sie sich bitte, Professor.“, versuchte ich, die schäumenden Wogen zu glätten. „Ich werde ihnen die Situation erklären. Vielleicht sind sie ja auch nur auf dem Vorbeiflug und wollen einfach nur „Hallo“ sagen.“ „Das hoffe ich für sie.“, meinte Radcliffe. „Sonst …!“

Ich steckte das Mikrofon, für meine Verhältnisse schlampig, in die Halterung zurück und griff Radcliffes Schultern, um ihn an mich zu ziehen. „Ist ja gut.“, sagte ich. „Sch. Lassen Sie mich erst mal mit ihnen reden. Ich bin überzeugt, dann klärt sich alles. Möchten Sie mithören?“ Radcliffe nickte, was ich durch unsere Positionierung gut spüren konnte. „OK.“, sagte ich. „Dann setzen Sie sich bitte erst mal wieder ganz ruhig hin. Ich schaue erst mal, wer da draußen ist und dann kläre ich alles. OK?“ „Ja.“, meinte Radcliffe außer Atem. Die für ihn doch sehr aufregende Situation schien ihn doch auch sehr anzustrengen. „Bitte, Allrounder, halten Sie mich nicht für einen dummen überdrehten Zivilisten.“, bat er. „Aber …“ „Niemand hat gesagt, dass Sie dumm und überdreht sind.“, beruhigte ich ihn. Dann wandte ich mich an Lycira, nachdem ich meine Hände wieder in die Mulden gelegt hatte: Zeig mir erst mal das Rufzeichen, Lycira! Vor meinem geistigen Auge erschien ein Rufzeichen mit der planetaren Kennung: .brn. Sofort wusste ich, dass dies ein Schiff der Breen sein musste. Als Kommunikationsoffizierin musste ich die meisten Planetenkennungen auswendig wissen. Aber die Gruppierung der übrigen Zeichen verriet mir auch, dass es ein ziviles Schiff sein musste. „Stell mich durch, Lycira!“, befahl ich. Du kannst sprechen., erwiderte sie. Bald darauf erschien das Bild eines weiblichen Breenteenagers. Ihre Umrisse waren schwer zu erkennen, was ich auch auf ihren Kälteanzug zurückführte. „Hi.“, begrüßte ich sie. „Ich bin Allrounder Betsy Scott und wie heißt du?“ „Ich bin Nitprin.“, gab sie zurück und ich schätzte sie aufgrund ihrer Stimme auf ca. 13 Jahre ein. Allerdings war dies schwierig, denn wie die Stimmen aller Breen hatte sie einen leicht metallischen Nebenklang. „Fein, Nitprin.“, sagte ich. „Aber du bist sicher nicht allein. Gibt es einen Erwachsenen, der die Verantwortung für dich hat?“ „Ja.“, sagte sie. „Das ist mein Vater, Professor Motpran. Aber der schläft gerade. Er ist Archäologe, Allrounder Scott, müssen Sie wissen.“

Radcliffe war plötzlich wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen und hatte mein rechtes Handgelenk ergriffen. „Lassen Sie uns gehen!“, zischte er mir zu. „Solange mein Konkurrent schläft, haben wir jede Chance!“ „Niemand hat gesagt, dass er unser Konkurrent ist.“, meinte ich diplomatisch. „Nein.“, sagte er. „Aber das rieche ich!“ „Wir werden herunterbeamen.“, versuchte ich, ihn zu beruhigen. „Dann werden wir auch klären, was da los ist. Vielleicht sind die Breen ja an einer ganz anderen Sache dran.“ Ich würde lieber landen, Betsy., wendete sich Lycira an mich. „Also gut.“, sagte ich. „Was will sie?“, fragte Radcliffe. „Landen.“, erwiderte ich kurz und knapp. „Sie meint, es sei sicherer.“ „Dann aber schnell!“, insistierte Radcliffe. „Hoffentlich dauert ein solches Manöver mit dieser Art von Schiffen nicht zu lange.“ „Was glauben Sie, wie schnell Lycira und ich beim Landemanöver sein können.“, lächelte ich. „Beweisen Sie es.“, sagte Radcliffe. „Na dann!“, sagte ich und gab meinem Schiff die entsprechenden Gedankenbefehle. Die Breen landen auch, Betsy., gab mir Lycira zu verstehen. Aber das sollten wir unserem Professor lieber noch verschweigen. Er wird es früh genug sehen., gab ich zurück.

Auf 281 Alpha ging Jenna laut singend den Gang zu ihrem und Jorans Quartier entlang. Die Terranerin konnte es kaum erwarten, ihrem Freund die freudige Botschaft zu überbringen, dass er bald ein eigenes Schiff fliegen würde. Sie ahnte wohl schon, wie sehr ihn das freuen würde.

Vor der Tür blieb sie stehen und betätigte die Sprechanlage. Dabei verdeckte sie aber ihr Gesicht mit einem Ärmel ihrer Uniform. Dazu legte sie ihre rechte Hand entsprechend darüber. „Wer ist draußen?!“, fragte die tiefe Stimme des Vendar vom anderen Ende der Verbindung. „Dreimal darfst du raten.“, lächelte Jenna mit einem gewissen Singsang in der Stimme. „Wenn das nicht meine Telshanach ist.“, grinste Joran ins Mikrofon. „Sehr richtig.“, meinte Jenna und betätigte den Türsensor, worauf der Stationsrechner die Türen auseinander gleiten ließ. Dann betrat sie den Flur, auf dem Joran ihr bereits entgegen schritt. Zärtlich nahm er ihre Hand und führte sie ins Wohnzimmer auf die Couch. „Jetzt verrate mir doch bitte, was dich so fröhlich gestimmt hat, Telshanach.“, lächelte Joran. „Ich habe eine gute Nachricht für dich, Telshan.“, grinste Jenna zurück. „Du wirst bald dein eigenes Schiff haben, zumindest, was Patrouillen angeht. Natürlich gehört die neue Einheit in erster Linie den tindaranischen Streitkräften, aber …“ „Ein eigenes Schiff?“, fragte der Vendar ungläubig. „Was habe ich darunter zu verstehen? Geht Shimar etwa schon in den Ruhestand und überlässt mir IDUSA? Ich meine, dafür ist er noch etwas jung, findest du nicht?“ „Ich glaube, du hast mir nicht zugehört.“, meinte Jenna. „Ich habe nichts davon gesagt, dass du eine abgelegte IDUSA-Einheit erben wirst, sondern eher davon, dass du eine eigene ganz Neue bekommen wirst.“

Joran überlegte. „Ich komme nicht drauf, Telshanach.“, resignierte er nach einer Weile angestrengtem Nachdenkens. „Ich habe zwar eine Theorie, aber die ist sicher viel zu schön, um wahr zu sein.“ „Erzähl sie mir doch.“, bat Jenna. „Dann werden wir ja sehen, ob sie zum Wahrsein zu schön ist.“ „Also gut.“, sagte Joran und lehnte sich auf seinem Platz zurück. „Ich bin schon lange der Meinung, die Zusammenkunft sollte ihr Kontingent an Patrouillenschiffen aufstocken. Gerade jetzt, wo die Bedrohung durch Sytania so stark geworden ist. Aber es scheint mir ja niemand zuhören zu wollen.“ „Ich glaube, da irrst du dich gewaltig.“, sagte die hoch intelligente Halbschottin mit einem Grinsen auf den Lippen. „Man hat dir wohl endlich zugehört. Jedenfalls soll morgen das neue Schiff ankommen. Dann kommst du zu mir in den Maschinenraum und wir zwei regeln alles Weitere.“

Joran saß zunächst starr wie eine Salzsäule da, bevor er sich plötzlich wieder aus ebendieser Erstarrung löste, um sie fest in die Arme zu schließen. „Meine Telshanach.“, flüsterte er in ihr rechtes Ohr. Dabei spielte seine Zunge sanft mit ihrem Ohrläppchen. „Das ist die beste Nachricht, die ich je bekommen habe. Aber was ist mit den anderen Stationen, die keinen zweiten Flieger haben?“ „Ich schätze mal, dass dafür einige Reservisten einrücken müssen.“, sagte Jenna. „Eine andere Lösung gibt es nicht. Aber dass du an sie denkst, finde ich echt süß von dir. Du bist halt immer um deine Kameraden besorgt.“ „Kameradschaft wird unter den Vendar sehr groß geschrieben.“, sagte Joran. „Mag sein, dass es davon kommt.“ „Ich weiß.“, lächelte Jenna und küsste ihn.

Sytania und Telzan hatten unsere Ankunft auf dem Planetoiden beobachtet. „Bald ist es so weit, Telzan!“, kreischte die Prinzessin schadenfroh. „Bald wird unser lieber guter Professor finden, wonach er sucht und dann wird er endlich zu meinem Werkzeug, ohne es selbst zu wissen. Er wird glauben, die Propheten hätten …“ „Aber was ist mit der Sternenflottenoffizierin, Gebieterin.“, sorgte sich der Oberste der Vendar-Krieger. „Sie weiß, dass die Propheten nie so offensichtlich handeln würden. Sie weiß, dass sie immer eher in Rätseln gesprochen und einen Teil lieber im Dunkeln gelassen haben. Sie könnte ihm sagen, dass Ihr daran schuld seid. Den Verdacht wird sie sicher hegen und dann …“ „Zweifeln wir etwa an unserem eigenen Plan, he?!“, schrie sie ihn an. „Nein, Gebieterin.“, sagte Telzan leise und machte eine unterwürfige Geste. „Du kannst mir glauben!“, setzte ihm Sytania weiter zu. „Das werde ich schon in die Hand nehmen. Wenn ich mit unserem Professor fertig bin, dann wird er alles für mich tun. Da kann sie ihm noch so sehr ins Gewissen reden. Dafür wird er taub sein. Außerdem wird er sie durch ihre eigene Technologie zu Tode kommen lassen. Genau so wird es den Breen gehen. Wie du weißt, hasse ich Zeugen!“ „Dann ist ja alles gut.“, sagte Telzan und seufzte erleichtert. „Aber lasst mich bitte zusehen.“ „Aber natürlich.“, sagte die Prinzessin für ihre Verhältnisse recht mild und führte seine rechte Hand auf den Fuß des Kontaktkelches, während sie danach seine linke Hand fast zärtlich in die Ihre nahm.

Ich hatte Lycira gelandet und gemeinsam mit Radcliffe ihr Cockpit verlassen. Vorher hatte ich mir von ihr noch die Spezifikationen des Planetoiden und seiner Atmosphäre geben lassen. „Wir sollten uns was Leichteres zum Anziehen besorgen, Professor.“, schlug ich vor. „Lycira sagt, es sei hier sehr heiß und sie hat nicht übertrieben. Außerdem ist 90 % des Planetoiden Wüste.“ „Um so besser für uns.“, sagte Radcliffe. „Diese Umgebung dürfte nicht gesund sein für die Breen.“ „Die haben ihre Kälteanzüge.“, widersprach ich. „Die werden es hier genau so gut aushalten wie wir. Es wird also einen gerechten Wettbewerb geben, wenn Sie das unbedingt so sehen wollen.“ „Warum meinen Sie, dass nur ich es so sehen will?!“, fragte Radcliffe und ich bekam den Eindruck, ihn mit meiner Äußerung vielleicht sogar empört zu haben. Ich ahnte, dass ich wohl etwas zurückrudern musste, aber auf der anderen Seite auch nicht weiter dafür sorgen durfte, dass er sich weiterhin in seinen Wahnsinn verrannte. In dieser Umgebung hätte das für ihn sonst eventuell tödlich enden können. Also sagte ich nur: „Ich bin auf gar keiner Seite. Ich sehe das Ganze eher neutral. Vielleicht ist es ein Teil Ihrer Krankheit, dass Sie glauben, dass hier irgendein Gegenstand ist, der Sie ruft, vielleicht ist es aber auch die Wahrheit. Ich weiß es nicht. Aber man hat schon die seltsamsten Dinge gesehen. Lassen Sie uns jetzt am besten einen Platz suchen, an dem wir unsere Zelte aufschlagen können.“

Radcliffe drehte sich um und um, als suche er nach etwas. „Wo sind die Breen?“, fragte er. „Sie müssen ganz in unserer Nähe sein.“, vermutete ich mit der Absicht, ihn ein wenig zu trösten. Ich hatte schon wieder gemerkt, wie aufgeregt er geworden war. Die Anwesenheit einer weiteren Expedition musste ihn rasend vor Neid machen. Ich hoffte sehr, dass es mir auch weiterhin gelingen würde, sein Temperament herunterzukühlen.

„Allrounder Scott!“ Eine helle leicht metallische Stimme hatte meinen Namen gerufen. Ich drehte mich in die Richtung, aus der sie gekommen war und erwiderte: „Ich bin hier, Nitprin!“ Im nächsten Augenblick schritt eine kleine Gestalt in einem Kälteanzug auf mich zu und drückte mich fest an sich. „Endlich sehen wir uns!“, strahlte sie. „Ja.“, lächelte ich zurück und schlang ebenfalls meine Arme um sie. „Sie werden doch wohl nicht mit unserer Konkurrenz fraternisieren!“, empörte sich Radcliffe. „Hab’ ich was falsch gemacht?“, fragte Nitprin verschämt. „Aber nein.“, tröstete ich. „Aber du musst mich mal eben loslassen, damit ich jemandem die Meinung sagen kann. OK? Außerdem arbeite ich unter meinem Vornamen für die Sternenflotte, obwohl ich keine Außerirdische bin. Aber das erkläre ich dir noch.“ „Darauf freue ich mich schon, Allrounder Betsy.“, antwortete die junge Breen korrekt, was mich in großes Erstaunen versetzte. Sie musste sehr intelligent sein.

Sie hatte mich losgelassen und ich drehte mich Radcliffe zu. „Ich habe nicht fraternisiert, klar!“, sagte ich streng. „Angesichts dieser unwirtlichen Umgebung halte ich es nur für besser, wenn wir miteinander, statt gegeneinander, arbeiten würden! Aber für heute sollten wir ohnehin erst mal unser Nachtlager aufschlagen. Wüsten haben es an sich, dass es dort nachts sehr kalt und tags sehr heiß ist. Ich würde sagen, wir schlafen auf den Schiffen. Da können wir zumindest die Temperatur regeln. Energie sparen müssen wir Gott sei Dank ja nicht, da die Schiffe ihren Vorrat gut mit Solarstrom auffüllen können. Aber trotzdem sollten wir mit unseren eigenen Vorräten sehr gut haushalten. Wir sollten nur in den Abend- und Morgenstunden arbeiten. Dann ist es für uns alle am Angenehmsten. Sie sollten auf mich hören, Professor! Ohne mich kommen Sie hier nicht mehr weg! Wenn Sie nicht vernünftig sind, werden Lycira und ich Sie auf der Stelle verlassen. Denken Sie darüber nach!“ „Militärlogik.“, murmelte der Professor. „Ich hätte eigentlich gedacht, dass Sie ein bisschen mehr Sinn für Wettbewerb und Herausforderungen haben, Betsy.“ „Aber trotzdem schalte ich meine Vernunft nicht gänzlich aus.“, erwiderte ich und begann, Lyciras Rufzeichen in mein Sprechgerät einzugeben. Danach folgte eine Befehlssequenz. Das Gerät hielt ich dabei so, dass Radcliffe das Display gut sehen konnte. „Das tun Sie nicht wirklich.“, sagte er. „Sie verlassen mich nicht tatsächlich, oder?“ „Hängt davon ab, wie Sie sich entscheiden.“, sagte ich. „Entweder, Sie bringen sich um, oder, wir spielen nach meinen Regeln!“

Er begann damit, aus einer Tasche, die er mit sich geführt hatte, altertümliche Grabwerkzeuge wie Sparten und Schaufeln zu holen. Das alles kannte ich zwar aus meinem eigenen Jahrhundert, aber es kam mir doch für heutige Verhältnisse sehr befremdlich vor. Normalerweise wurden auch zu einem solchen Zweck im 30. Jahrhundert Transporter verwendet, nachdem man die Stelle, an der das Artefakt lag, vorher durch Scannen lokalisiert hatte. Mit Ausgrabung im eigentlichen Sinne hatte Archäologie heute nicht mehr viel zu tun. „Und die letzte Taste heißt: Enter.“, sagte ich. „Nein!“, rief Radcliffe außer sich, dem wohl ein gewisser Körperteil langsam auf Grundeis ging. „Bitte, bleiben Sie. Ich sehe es ja ein. Nur würde ich gern einen warmen Schlafsack für die Nacht haben. Ihr Schiff kann den doch sicher replizieren, oder? Verstehen Sie doch. Ich muss hier draußen übernachten. Ich darf nicht zu weit weg vom Gegenstand sein. Sonst verliere ich vielleicht sogar noch den Kontakt. Der Gegenstand wird mir in dieser Nacht genau zeigen, wo er ist. Das spüre ich genau. Ihr Schiff hat gesagt, dass die Rotationsgeschwindigkeit dieses Planetoiden um sich selbst dreimal so schnell ist wie die des Planeten, an dem sich die Zeitrechnung auf Khitomer orientiert. Wir haben also noch genug Zeit. Ich werde sicher nichts übertreiben. Das versichere ich Ihnen. Lycira kann ja gern nachschauen, ob ich unvernünftig bin.“ „Na gut.“, sagte ich nachdenklich. „Mit diesem Kompromiss kann ich leben.“ Damit löschte ich die vorangegangenen Befehle und ersetzte sie durch neue, in denen Lycira aufgefordert wurde, die nötigen Dinge für Radcliffe zu replizieren. Neben einem für Wüstenklima geeigneten Schlafsack bekam er noch einen Sack mit Proviant und eine Flasche Wasser. „Das reicht für diese Nacht.“, sagte Radcliffe. „Vielen Dank.“ „Gern geschehen.“, erwiderte ich und drehte mich zum Gehen. Dabei warf ich noch ein: „Falls es Ihnen doch zu kalt werden sollte, werden Lycira und ich Sie nicht abweisen.“ „Es wird schon gehen.“, meinte er und ich hörte das Geräusch eines sich schließenden Reißverschlusses, das ich mit Erleichterung zur Kenntnis nahm.

Die kleine Gestalt, die sich mit mir in Richtung Lycira begab, bemerkte ich erst dann, als sie mich anstupste. „Darf ich bei dir schlafen?“, fragte sie. „Von mir aus gern.“, lächelte ich. „Aber wir müssen deinen Vater fragen, was er davon hält. Schließlich kennst du mich ja gar nicht.“ „Aber Sie machen mich neugierig.“, sagte Nitprin. „Sie sind so geheimnisvoll, Allrounder. Sie haben mir versprochen, mir alles zu erklären.“ „OK.“, sagte ich. „Aber wir müssen dich zumindest bei deinem Vater abmelden.“

Lycira öffnete die Luke, um uns einsteigen zu lassen. Der Professor hat sich aber sehr verändert, Betsy., stellte sie scherzend fest. „Das ist nicht Professor Radcliffe!“, lachte ich. „Das ist Nitprin. Sie wird heute hier übernachten. Radcliffe bleibt da draußen. Es wäre gut, wenn du ihn überwachen und mir eine Verbindung zum Schiff der Breen herstellen würdest.“ Wie du möchtest., erwiderte Lycira und führte meine Befehle aus. „Ich will meinen Vater selbst fragen!“, quietschte Nitprin. „Aber sicher.“, sagte ich und gab ihr das Mikrofon. Sag ihr, dass sie sprechen kann., verdeutlichte mir Lycira, dass die Verbindung zustande gekommen war. „Du kannst sprechen.“, sagte ich. „Hallo, Vater.“, sagte Nitprin. „Ich wollte dich nur fragen, ob ich heute bei Allrounder Betsy übernachten kann. Sie hat so ein cooles Schiff! Außerdem ist sie auch total geheimnisvoll. Sie will mir alles über sich erklären!“ „Na, da bin ich aber traurig, dass du das Schiff einer Fremden cooler findest, als das deines alten Herren.“, kam es zurück. „Aber von mir aus. Nur, warum nennst du sie Allrounder Betsy. Soweit ich weiß, werden die terranischen Offiziere bei der Sternenflotte mit ihren Nachnamen angesprochen.“ „Das ist ein Teil ihres Geheimnisses.“, sagte Nitprin. „Das will sie mir aber alles erklären.“ „Also gut.“, meinte Motpran. „Aber denk vor lauter Geschichten auch daran, dass du deinen Schlaf brauchst. Wir haben morgen noch ein ganzes Stück Arbeit vor uns.“ „Geht klar.“, erwiderte das Mädchen lächelnd und deutete mir an, die Verbindung nach ihrem nächsten Satz beenden zu lassen. Dann sagte sie noch: „Gute Nacht, Vater.“ „Die wünsche ich dir und dem Allrounder, wie immer sie jetzt auch heißen mag, auch.“, lächelte der Professor zurück. Dann beendete Lycira die Sprechverbindung.

„Erzählen Sie mir jetzt die Geschichte?“, fragte Nitprin. Ich nickte und entgegnete: „Sicher.“ Dann lehnte ich mich zurück und begann: „Ich bin eine Pendlerin zwischen den Jahrhunderten. Ursprünglich komme ich aus dem 21. Aber Dill, der König von Zeitland und Beschützer der Zeit, hat mir sein OK gegeben, dass ich hier sein darf.“ „Wieso?“, fragte sie. „Ist es nicht eigentlich schädlich für die Zeitlinie, wenn Sie …“ „Nach unserem Verständnis ja.“, sagte ich. „Aber Dill scheint es OK zu finden. Vielleicht muss es so sein. Ich weiß, das klingt wie die abgedroschenste Ausrede für Verstöße gegen den Schutz der Zeitlinie, aber …“ „Und Betsy ist auf der Erde ein so häufiger Vorname, dass niemand auf Anhieb denken kann, Sie sind diejenige, welche, falls …“, vermutete Nitprin. „Richtig.“, lächelte ich. „Na dann, wenn Sie sogar ein königliches OK haben, will ich nichts gesagt haben.“, sagte sie.

Ich stand vom Sitz auf und reckte mich. „Weißt du, was ich denke?“, sagte ich. „Ich glaube, wir sollten jetzt nach hinten gehen, um etwas zu schlafen.“ „Nur noch eine Frage.“, bettelte Nitprin. „Na gut.“, sagte ich. „Aber dann gehen wir schlafen.“ „OK.“, meinte sie und fragte: „Woher haben Sie das coole Schiff?“ „Lycira ist mir quasi passiert.“, sagte ich. Nitprin musste lachen. „Ups!“, lachte sie. „Wie habe ich denn das zu verstehen? Oh, das war ja schon die zweite Frage.“ „Nicht schlimm.“, sagte ich tröstend. „Aber ich habe eine Idee. Lycira kann es dir selbst erzählen und sogar zeigen!“ „Oh, ja!“, meinte Nitprin begeistert. „Cool! Aber wie denn? Ich meine, ich habe immer schon wissen wollen, wie Sie mit ihr reden.“ „Erst mal.“, bot ich an. „Kannst du ruhig du zu mir sagen und dann … Setz dich hin und leg deine Hände in die Mulden vor dir.“ Dabei deutete ich auf den Platz neben mir, nachdem ich mich selbst gesetzt hatte. Bereitwillig tat das Mädchen, was ich ihr aufgetragen hatte. Hi, Nitprin., hörte sie bald darauf Lyciras telepathische Stimme. „Hi, Lycira!“, quietschte die Kleine. „Wow, hast du eine liebe Stimme!“ Danke, Nitprin., gab Lycira zurück. Du aber auch. Wenn du jetzt wissen möchtest, wie Betsy und ich uns kennen gelernt haben, dann pass mal auf. Damit begann sie, Nitprin die ganze Geschichte in bewegten Bildern zu zeigen.

Auf der Brücke der Granger, die von Ribanna in Richtung Khitomer geflogen wurde, besprachen Mikel, Kissara, Ribanna und Kang das weitere Vorgehen. „Werden wir alle herunterbeamen, Kissara?“, fragte Mikel. „Soweit ich weiß, Agent, ist das genau so vorgesehen.“, antwortete die thundarianische Kommandantin. „Wenn alle Besatzungen der eingeladenen Schiffe geschlossen herunterbeamen.“, äußerte Ribanna. „Dann muss Nugura wohl bald anbauen, nicht?“ „Ich bezweifle, dass alle das tun werden, Allrounder.“, beruhigte Kang sie. „Ich schätze viel eher, dass Nugura uns geschlossen dabei haben will, weil wir schon viel Ehre für sie eingeholt haben.“ „Hoffentlich bleibt das auch so.“, stöhnte Mikel und ließ laut hörbar die Luft aus seinen Lungen entweichen. Kissara, die sich auf so eine Äußerung ihres ersten Offiziers tatsächlich einen Reim machen konnte, flüsterte ihm nur zu: „In meinem Raum, Agent.“ Dann wandte sie sich an die dunkelhäutige und dunkelhaarige Frau an der Flugkonsole: „Ribanna, Sie haben die Brücke!“ Dann zog sie Mikel mit sich fort.

In ihrem Bereitschaftsraum angekommen befahl sie dem Computer sofort, die Tür zu verriegeln und die internen Sensoren abzuschalten. Sie wusste, wenn Mikel sich so äußerte, dann musste es einen so wichtigen Grund haben, dass es wohl besser war, wenn niemand so schnell etwas davon mitbekommen würde. Alles sollte wohl besser zwischen ihr und Mikel bleiben.

„Also raus mit der Sprache!“, insistierte sie, nachdem sie für den Agenten und sich Getränke repliziert hatte und beide sich auf die üblichen weichen Sessel gesetzt hatten. „Was wissen Sie? Ich kenne Sie mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass Sie sich, wenn Sie sich schon so äußern, sicher etwas dabei denken.“ „Das ist richtig, Kissara.“, sagte Mikel und nahm einen großen Schluck aus seinem Glas Kölsch. „Wenn ich nicht wüsste, dass es Synthehol ist.“, meinte Kissara, die dieser Anblick nur noch mehr in ihrem Glauben bestärkte, dass etwas nicht stimmte. „Dann könnte man ja meinen, Sie müssten sich Mut antrinken. Aber Sie wissen doch, dass Sie das bei mir nicht nötig haben.“ Bei ihren letzten Sätzen hatte sie leise geschnurrt, da sie wusste, dass der blinde Mann einen schmeichelnden und tröstenden Blick ja nicht wahrnehmen konnte. „Das weiß ich, Kissara.“, sagte Mikel. „Dennoch fällt es mir nicht leicht, Ihnen zu sagen, was ich Ihnen zu sagen habe.“ „Na, worum kann es schon gehen.“, versuchte Kissara, ihm behilflich zu sein, die offensichtlich so schwierigen Sätze endlich loswerden zu können. „Dieser Meilenstein.“, begann Mikel doch schließlich. „Gerüchten nach soll er Rosannium auf jede beliebige Frequenz konfigurieren können. Denken Sie ernsthaft, dass Sytania da einfach so zusehen wird? Ich meine, das würde uns in die Lage versetzen, sie direkt angreifen zu können, ohne auf eventuelle telepathische Alliierte Rücksicht nehmen zu müssen, falls sie uns vorher dumm gekommen wäre. Sie wissen schon, was ich meine.“ „Natürlich.“, sagte Kissara. „Aber anscheinend weiß sie nichts davon und jetzt ist ihr ja auch jede Möglichkeit genommen, irgendwelche Telepathen als Schutzschilde zu missbrauchen. Dieses Modell haben die Strategen nämlich auch schon überdacht. Deshalb ist man ja so froh, endlich diese Waffe zu bekommen. Aber ich werde Ihre Warnung keinesfalls in den Wind schlagen, Mikel. Ich werde auf der Hut sein. Schließlich wissen Sie mehr über die Mächtigen, im Speziellen über Sytania, als wir alle zusammen.“ „Vielen Dank, Madam.“, sagte Mikel und stand auf, um sein leeres Glas der Materierückgewinnung zuzuführen. „Ist nun alles geklärt?“, fragte Kissara tröstend, ja fast mütterlich. Der Agent nickte. „Dann lassen Sie uns gehen.“, meinte sie und hakte Mikel unter.

Sie kehrten auf die Brücke zurück und begaben sich wieder auf ihre Plätze. Fast im gleichen Moment meldete Ribanna: „Commander, wir haben Khitomer erreicht. Ich sehe einige Schiffe. Auch ein Romulanisches ist darunter.“ „Das ist ganz logisch, Allrounder.“, sagte Mikel. „Schließlich sind es die Romulaner, von denen wir die Waffe bekommen werden. Sie müssen sich also keine Sorgen machen.“

Langsam löste sich die junge Pilotin und Kommunikationsoffizierin aus ihrer verkrampften Haltung, die sie vor Sorge angenommen hatte. „Es tut mir leid, Sir.“, sagte sie. „Aber ich bin so erzogen, dass man den Romulanern immer noch mit einer gewissen Skepsis im Bauch begegnen sollte.“ „Dann war Ihre Erziehung aber nicht mehr zeitgemäß.“, meinte Kang. „Wir haben seit ca. 800 Jahren eine wenn auch etwas lockere politische Freundschaft mit den Romulanern. Also …“ „In gewisser Weise haben Ribannas Eltern sicher Recht.“, vermittelte Kissara. „Dass man offiziell miteinander eine politische Beziehung führt, muss nicht automatisch bedeuten, dass auf einmal alles Friede, Freude und Eierkuchen ist. Aber geben Sie uns die Schiffe doch mal auf den Schirm, Ribanna. Ich bin sicher, dann sind wir alle etwas schlauer.“ Erleichtert nickte die junge Indianerin und führte aus, was Kissara ihr gerade aufgetragen hatte. „Das romulanische Schiff vergrößern!“, befahl Kissara, deren scharfe Katzenaugen längst erkannt hatten, um welche Art von Schiff es sich handelte. Sie wollte aber auch allen anderen die Chance geben, das Gleiche zu erkennen. „Mikel, sagen Sie Ihrem Hilfsmittel, es soll Ihnen das romulanische Schiff beschreiben!“, wendete sie sich ihrem ersten Offizier zu. „Computer.“, begann dieser. „Das romulanische Schiff klassifizieren!“ „Wissenschaftliches Spezialfrachtschiff.“, kam eine nüchterne Antwort von der warmen weiblichen Stimme des Rechners zurück. „Also kein Warbird?“, verifizierte Mikel. „Negativ.“, gab der Rechner zurück. „Das kann ich nur bestätigen, Agent.“, sagte Kang, der das Schiff mit eigenen Augen gesehen hatte. Auch Ribanna nickte. „Sie haben eine ganz spezielle Art, jemandem seine Angst zu nehmen, Kissara.“, sagte Mikel. „Das muss ein guter Commander doch können, nicht wahr?“, schnurrte sie. Dann stand sie auf: „Lassen Sie uns gehen, Ladies und Gentlemen. Wir sollten Nugura nicht warten lassen.“ Alle nickten, meldeten sich aus den Systemen ab und folgten ihr zum Transporterraum.

Radcliffe wälzte sich in seinem Schlafsack hin und her. Etwas hatte ihn nicht schlafen lassen. Etwas, das ihn sehr beunruhigen musste. Er begann auch langsam zu spüren, dass ich Recht gehabt hatte, was das Wüstenklima anging. Es war nämlich tatsächlich sehr kalt geworden. Aber das war es nicht, was ihn gestört hatte. Er fragte sich nur, wann diese merkwürdige Rastlosigkeit, die er immer stärker spürte, seinen Körper endlich verlassen würde.

Er beschloss aufzustehen. Ein kurzer Spatziergang würde ihm wohl sehr gut tun. Aber kaum hatte er sich aufgerappelt, überkam ihn ein Schwindelgefühl, das dem, welches er in seinem Haus verspürt hatte, sehr stark ähnelte.

Erneut fand er sich in dem Gewölbe wieder, in dem er schon vorher auf die seltsamen Gestalten getroffen war und da waren sie auch allesamt. „Was wollt ihr von mir?“, fragte Radcliffe. „Warum holt ihr mich so kurz vor meinem Ziel wieder zu euch? Habe ich mich nicht an eure Regeln gehalten, oder müsst ihr mir noch etwas sagen?“ „Der Radcliffe ist ungeduldig.“, stellte die Gestalt von Malcolm fest. „Er denkt in die falsche Richtung.“, meinte die D/4. „Dabei hat er Zeit genug.“, sagte die Nayale. „Er will immer alles sehr schnell.“, meinte der Tilus. „Der Radcliffe wird sein Ziel bald finden.“, sagte die D/4. „Wenn er dem Mond folgt.“, fügte der Malcolm bei.

 

Radcliffe sprang auf und versuchte, sich an irgendeiner Lichtquelle zu orientieren. Er wusste, es gab hier insgesamt drei Monde, also war ihm nicht klar, welchem er folgen sollte, aber er dachte sich auch, dass dem Mond folgen genau so gut heißen konnte, dass er in der Nacht arbeiten sollte. Im gleichen Augenblick fiel sein Blick auf eine Stelle, an der sich die drei Strahlen der Monde zu treffen schienen. Er hockte sich hin und begann, wie ein Besessener mit den bloßen Händen im Boden zu graben.

Nitprin hatte sich die ganze Geschichte über Lycira und mich angesehen. „Oh, Lycira. Da wäre ich liebend gern dabei gewesen!“, lachte sie. „Vor allem, wie du und Betsy diesen Kriegsschiffkommandanten vorgeführt habt. Oh, Backe! Der war sicher geknickt, gefaltet und so klein mit Hut!“ Davon kannst du ausgehen., gab Lycira zurück.

Ihr Avatar machte plötzlich ein erschrockenes Gesicht. „Was ist?“, fragte Nitprin. Bitte geh nach hinten und weck Betsy., sagte Lycira. Ich muss euch beiden etwas zeigen. „Was ist denn los?“, wiederholte das Mädchen ihre Frage. Später!, entgegnete das Schiff schon ziemlich alarmiert. Ich glaube, unser Professor macht Dummheiten. „OK!“, schnippte Nitprin, stand auf und drehte sich zu der Tür, die Achterkabine und Cockpit voneinander trennte.

Tatsächlich hatte ich mich zum Schlafen auf eine der hinteren Bänke gelegt und war etwas erstaunt, als mich plötzlich etwas an den Schultern rüttelte. Schlaftrunken warf ich den Kopf herum und fragte: „Bist du es, Nitprin?“ „Ja.“, gab ihre leicht metallische Stimme zurück. „Lycira hat mich gebeten, dich zu wecken. Sie hat etwas gesehen. Sie sagt, unter Umständen macht unser Professor …“

Ich war hellwach und sprang auf. Dann griff ich ihre Hand: „Komm mit!“ Und ab ging es in Richtung Cockpit, wo ich Lycira sofort aufforderte, uns zu zeigen, was draußen vorging. „Er gräbt mit den bloßen Händen!“, rief Nitprin. „Ist er denn verrückt geworden?! Na ja. Dass er einen Schaden hat, ist ja nicht neu.“ „So redet man nicht über einen kranken Mann, junge Dame!“, tadelte ich sie. „Es tut mir leid.“, sagte sie leise. „Es war nur der Schreck.“ Sie schmiegte sich an mich. „Ist schon gut.“, tröstete ich. „Ich habe mich ja auch erschrocken. Ich meine, jetzt sind es immerhin fast Minus 20 Grad da draußen. Der Boden wird auch gefroren sein und man kann sich dann schon ganz schöne Erfrierungen holen, wenn man nicht aufpasst. Lycira, zeig uns sein Gesicht!“

Der Avatar nickte und vor unseren geistigen Augen erschien bald das Gesicht des Professors mit den bereits bekannten eng gestellten Pupillen. „Er hat wieder so einen Anfall.“, stellte ich fest. Dann wendete ich mich an Nitprin: „Du bleibst hier!“ „Ist er gefährlich, wenn er das hat?“, fragte sie. Ich nickte. „Dann lass mich bitte mitgehen.“, schlug sie vor. „Ich meine, dann bist du nicht allein und zu zweit kommen wir schon mit ihm klar.“ „Na gut.“, sagte ich. „Aber du bleibst nah bei Lycira und hältst dich bereit, einzusteigen, wenn ich es dir sage, OK?“ „Ich bin kein Baby mehr.“, sagte Nitprin. „Außerdem wirst du jemanden brauchen, der etwas sieht. Ich weiß, dass du das nicht kannst und das könnte unser Professor sonst eventuell vielleicht ausnutzen.“ „Da hast du auch wieder Recht.“, musste ich zugeben. Ich informiere Nitprins Vater, Betsy., schlug Lycira vor. Ich nickte ihr zu und dann verließen Nitprin und ich ihr Cockpit.

Die Kälte machte Radcliffe schwer zu schaffen. Die Luft, die er einatmete, hinterließ ein schneidendes Gefühl in seinen Lungen und da er bereits bis zur Erschöpfung gegraben hatte und trotz Kälte sehr schwitzte, fror ihm die Kleidung bereits am Körper fest. Aber aufgeben kam für ihn nicht in Frage. Er hatte bereits ein stattliches Loch ausgehoben, als seine rechte Hand plötzlich auf etwas Glattes Kegelförmiges stieß, das er sogleich aus dem Boden zog. Als er es jedoch berührte, wurde er von einem schwarzen Blitz durchzogen, der ihn zu Boden warf. Er rappelte sich jedoch wieder auf und es kam ihm vor, als sei er durch und durch erneuert worden. „Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe!“, rief er aus. „Jetzt weiß ich auch, wer ich bin und warum ich wiedergeboren wurde! Ich soll eine große Sünde sühnen, die ich als Benjamin Sisko begangen habe. Als Nathaniel Radcliffe aber habe ich die Chance erhalten, alle von dieser Sünde rein zu waschen!“

Er drehte sich in unsere Richtung und blitzte uns mit seinen Augen an. „Wie unheimlich!“, sagte Nitprin und begann vor Angst zu weinen. Endlich erschien auch ihr Vater auf der Bildfläche. Lycira musste ihn endlich erreicht haben. „Kümmern Sie sich um Ihre Tochter!“, zischte ich ihm zu und ging in Radcliffes Richtung. „Professor, was ist los?“, fragte ich im Versuch, zu dem meiner Ansicht nach völlig fehlgeleiteten Mann durchzudringen. Mittlerweile hatte ich nämlich meinen Erfasser aus Lyciras Frachtraum geholt und der hatte mir gezeigt, dass keinesfalls die Propheten, sondern eindeutig Sytania hinter dem hier steckte. „Dies, Allrounder!“, begann Radcliffe und hielt den Kegel hoch. „Dies ist der Gegenstand, der mir mein Heil gebracht hat! Jetzt weiß ich alles! Jetzt weiß ich, zu was ich wiedergekehrt bin! Ich soll die gesamte Föderation und auch alle anderen, die es wollen, von einer großen Blutschuld reinwaschen! Die Propheten haben es mir gesagt! Lassen Sie mich gleich mit Ihnen beginnen. Mit Ihnen und den Breen!“ „Nein!“, rief ich aus. „Ich weiß nämlich, dass das hier nicht von den Propheten kommt, sondern von jemandem anders. Von jemandem, die nur Böses im Sinn hat!“ Damit drehte ich meinen Erfasser so, dass er das Display sehen konnte. Gleichzeitig hatte ich den akustischen Alarm eingeschaltet. „Das haben Sie manipuliert!“, sagte er außer sich. „Sie müssen ja nur den entsprechenden Dateinamen zuweisen!“ „Das habe ich nicht!“, versuchte ich, mich zu rechtfertigen. „Sie!“, schäumte Radcliffe. „Sie unbelehrbare Sünderin! Sie wollen nicht rein gewaschen werden, dann werde ich Sie durch Ihre eigene Technologie zu Tode kommen lassen!“

Ich hörte ein Summen. Ein Summen, dessen Tonlage mir bereits bekannt war. Es hatte in meiner Kindheit eine Zeit gegeben, in der ich mir alles Mögliche ans Ohr gehalten hatte. Unter anderem auch einmal einen Transformator für ein elektrisches Spielzeug. Daher wusste ich, wie sich ein Energiefluss anhörte, nur war dieses Summen um ein Vielfaches lauter. Mit seiner Äußerung zusammengenommen konnte dies nur bedeuten, dass der Gegenstand ihn in die Lage versetzt hatte, durch reine Willenskraft ein Feld zu generieren, das alle Geräte in seinem Umkreis überlasten würde. Nicht genug mit der Explosion! Die elektrische Entladung würde uns alle in Stücke reißen!

Ich warf meinen Erfasser, meinen Phaser und mein Sprechgerät so weit von mir, wie ich konnte. Dann schrie ich den Breen zu: „Werft eure Geräte weg! Werft sie so weit weg von euch, wie ihr könnt!“

Nitprin folgte meiner Aufforderung, aber ihr Vater blieb wie vom Donner gerührt einfach nur stocksteif stehen. Ich wusste, für ihn konnte ich nichts mehr tun. Also griff ich die Hand des Mädchens und zerrte sie hinter einen Felsen, wo ich ihr zuzischte: „Hock dich hin und verschränk die Arme vor der Brust. Und vor allem, sieh auf den Sand! Sieh auf den Sand!“

Es gab einen Blitz und Motpran gab einen letzten markerschütternden Schrei von sich. Dann kam Radcliffe zu uns herüber und gab mir mein Sprechgerät in die Hand. „Schicken Sie Ihr Schiff weg!“, forderte er. „Tun Sie es, sonst stirbt noch jemand!“ Mit zitternden Händen gab ich Lyciras Rufzeichen ein. „Schicken Sie es an den äußersten Rand seiner Transporterreichweite!“, diktierte Radcliffe. „Es soll Sie später abholen, wenn ich weg bin! Na wird’s bald?!“ Er demonstrierte mir seine neue Macht erneut, indem er einen schwarzen Blitz auf Nitprin abfeuerte. Schlaff brach sie neben mir zusammen. „Lycira, flieg weg!“, befahl ich mit zitternder Stimme. „Flieg bis an den äußersten Rand deiner Transporterreichweite! Sobald Radcliffe weg ist, holst du mich wieder ab!“ „Brav!“, lobte Radcliffe mit einer gehässigen Betonung. „Und jetzt rühren Sie sich nicht von der Stelle!“

Er ging in Richtung des Breenschiffes. Wenn er eines der Sprechgeräte an sich gebracht hatte, war es ihm ein Leichtes, seine Systeme zu knacken und jetzt, mit seinen neuen Kräften, konnte er ja eh alles tun, worauf er Lust hatte.

Ich hörte den Antrieb des Schiffes. Er war fort. Wie es Nitprin ging, konnte ich nicht mehr herausfinden, denn im gleichen Moment nahm ich ein bekanntes Transportersurren wahr. Dann fand ich mich in Lyciras Cockpit wieder. Betsy., hörte ich ihre schmeichelnde Stimme. Ist ja gut. „Gar nichts ist gut, Lycira!“, schrie ich außer mir. „Du hattest Recht! OH, du hattest so Recht! Da muss noch ein Breenlebenszeichen sein. Du musst …“ Da ist nichts, Betsy., sagte sie. Die Kleine wird tot sein. Aber ich sehe eine Breenantriebssignatur. Soll ich ihr folgen? „Nein, Lycira.“, überlegte ich, soweit ich das überhaupt noch konnte in meinem aufgewühlten Zustand. „Bring mich einfach zur Erde und dann flieg der Granger entgegen! Du musst gegenüber Mikel aussagen! Oh, Gott, worauf habe ich mich da eingelassen. Was habe ich getan?!“ Du wolltest nur helfen., versuchte sie, mich zu beruhigen. „Genau das ist das Problem.“, sagte ich. „Und jetzt tu, was ich dir gesagt habe!“

Ihr Avatar nickte und dann aktivierte sie den interdimensionalen Antrieb, um ihn nahe der Erde wieder zu deaktivieren. Sie wusste, dass schnell gehandelt werden musste. Auch ich würde mich dem Geheimdienst stellen und eine Aussage machen müssen. Vielleicht war das Schlimmste ja noch zu verhindern.

Kapitel 7: Schuldzuweisung

von Visitor

 

Auch Shimar und Maron waren mit IDUSA zwischenzeitlich auf dem Weg nach Khitomer. „Hoffentlich geht alles gut.“, wendete sich der Agent an seinen tindaranischen Kameraden. „Hey.“, flapste Shimar zurück. „Ich bin der mit den telepathischen Fähigkeiten. Eigentlich müsste ich die Vorahnungen haben.“ „Du hast mich ertappt.“, sagte Maron und machte ein schuldbewusstes Gesicht. „Meine Äußerung sollte eigentlich nur dazu dienen, dich aufmerksam zu machen, damit du deine seherischen Fühler mal ausstreckst. Mein Problem ist nämlich, dass ich tatsächlich ein unbestimmtes Bauchgefühl habe, es aber nicht verifizieren kann.“ „Und bevor du dich bei Zirell völlig blamierst, wolltest du lieber jemanden fragen, der sich damit auskennt.“, witzelte der junge tindaranische Flieger. „Aber im Augenblick kann ich dir da leider nicht helfen. Immerhin habe ich ein Schiff zu fliegen.“ „Sie kann sich doch auch gut selbst …“, setzte Maron an, bevor ihn die Simulation des Schiffsavatars unterbrach: „Sie wäre Ihnen aber auch sehr dankbar, wenn Sie nicht über mich sprechen würden, als wäre ich nicht anwesend, Agent.“ Maron erschrak und sah zu Shimar hinüber, der stark grinsen musste. „Habe ich etwa schon wieder?“, fragte der ehemalige Sternenflottenoffizier, dem sein Verhalten gegenüber der künstlichen Intelligenz doch sehr peinlich war. Er wusste, dass IDUSA in der tindaranischen Rechtsprechung den gleichen Status wie eine biologische Lebensform hatte, also auch das Recht, in Unterhaltungen einbezogen zu werden. Dies war zwar wohl in seinem Kopf, aber wie es schien, noch nicht in seinem Herzen angekommen, geschweige denn, dass es ihm in Fleisch und Blut übergegangen war. „Es tut mir leid, Shimar.“, sagte Maron. „Sag ihr das.“, gab der Patrouillenflieger zurück. „Mich hast du nicht beleidigt!“ Damit hatte er einen Treffer in die nicht gerade minder ausgeprägte Magengegend des Demetaners gelandet. Maron schaute bedient. Dann sagte er: „Tut mir leid, IDUSA.“ „Da Sie anscheinend noch immer Anfänger sind, was die tindaranische Rechtsprechung angeht, werde ich Ihnen noch einmal verzeihen, Agent.“, sagte das Schiff. „Aber so langsam sollten Sie eigentlich Bescheid wissen.“ „Das tue ich auch.“, sagte Maron. „Und in meiner Ausbildung bei der Sternenflotte habe ich auch gelernt, mich anderen Kulturen anzupassen. Ich kann selbst nicht verstehen, warum mir das bei euch einfach nicht gelingen will. Ich meine, ich würde einen Androiden oder ein Hologramm nie übergehen. Wieso passiert mir das nur immer wieder bei dir, IDUSA?“ „Ich fürchte, diese Frage können Sie sich nur selbst beantworten.“, meinte IDUSA. „Oder unter Umständen kann Ihnen auch Ishan dabei helfen. Er hat außer einer medizinischen auch eine psychologische Ausbildung.“ „Willst du damit sagen, er sei verrückt?!“, ergriff Shimar für Maron Partei. „Das hat sie nicht gesagt.“, nahm dieser jetzt das Schiff in Schutz. „Ich bin sicher, sie hat nur die Eventualitäten ausgelotet. Außerdem ist nicht jeder gleich verrückt, der mal etwas mit einem Psychodoktor besprechen will. Aber ich könnte mir denken, dass das schon als ziemlich verrückt, also nicht normal, bei euch ankommt, wenn jemand, der für euch arbeitet, einfach eure fundamentalsten Gedankengänge nicht übernehmen will.“ „Oh, ich bin sicher, Sie wollen, Agent.“, sagte IDUSA schmeichelnd. „Aber aus irgendeinem Grund können Sie nicht.“ „Genau.“, sagte Maron. „Und damit ich mich nicht weiter quäle und nicht vom Fleck komme, werde ich mir, sobald wir wieder auf 281 Alpha sind, Hilfe bei diesem Problem besorgen!“

IDUSAs Sensoren nahmen die langen Reihen verschiedenster Schiffe wahr, die sich in einer Umlaufbahn um Khitomer befanden. „Gentlemen, ich hoffe, dass wir kein Parkplatzproblem bekommen.“, scherzte IDUSA. „Ach was.“, sagte Shimar zuversichtlich. „Na komm! Ich werde uns schon vernünftig einreihen.“ Damit schob er IDUSA langsam in eine Lücke zwischen dem Schiff der aldanischen Delegation und Space Force One. „Sie schmeicheln mir.“, stellte sie fest. „Mich direkt neben dem Schiff der Präsidentin der Föderation zu parken.“ „Es war gerade kein anderer Platz frei.“, lächelte Shimar. Dann gab er IDUSA noch die Gedankenbefehle: Antrieb aus! und Ankerstrahl setzen!, bevor er seinen Neurokoppler absetzte. Der demetanische erste Offizier tat es seinem Kameraden gleich und dann standen beide vom Sitz auf, was für IDUSA ein unmissverständliches Zeichen war, den Transporter zu aktivieren.

Sie fanden sich im großen Saal wieder, in dem die feierliche Übergabe von Meilenstein stattfinden sollte. Etwas nervös suchte Shimar die Reihen der Anwesenden ab. „Was suchst du.“, zischte ihm sein Vorgesetzter zu. „Vielleicht solltest du lieber fragen, wen ich suche.“, flüsterte Shimar zurück. „Ich habe die Granger gesehen, aber Betsy ist nicht hier.“ „Sie wird Heimaturlaub haben.“, beruhigte ihn Maron. „Oder, vielleicht ist sie krank.“ „Wenn irgendwas wäre, dann hätte sie mir doch bestimmt geschrieben.“, sagte Shimar irritiert. „Vielleicht wollte sie dich nicht beunruhigen.“, vermutete Maron.

Es wurde still im Raum und Maron legte den Finger an die Lippen, um seinem Untergebenen ein Zeichen zum Schweigen zu geben. Nugura betrat die Bühne. Begleitet wurde sie von Senatorin Rakal, die ebenfalls ein feierliches Gesicht machte. Beide Frauen trugen elegante schwarze Seidenkleider, die wohl dem Ereignis angemessen waren. Dazu ebenfalls schwarze Schuhe. Die Romulanerin, welche Nugura noch um einige Zentimeter überragte, hatte außerdem noch eine rote Spange in ihrem langen schwarzen Haar. Sie blieb zunächst einige Schritte hinter Nugura zurück, die sofort zum Rednerpult ging und das Mikrofon in die Hand nahm. Dann gab sie ihrem an einem Schreibtisch im Hintergrund sitzenden Sekretär ein Zeichen, auf das er ein Pad aus der Tasche zog, um es ihr zu reichen. Dieses legte sie vor sich ab und begann: „Bürger und Verbündete der Föderation, heute ist ein denkwürdiger Tag! Seit vielen Jahren und Jahrhunderten haben wir Frieden in unserem Gebiet, aber dieser Friede wird immer wieder bedroht! Sie alle kennen den Nahmen der wohl fürchterlichsten Bedrohung! Der Rücksichtslosesten überhaupt, gegen die selbst die Borg wie Spielzeugsoldaten wirkten! Seit ungefähr der gleichen Zeit ist uns aber auch ein Gegenmittel bekannt! Nur war seine Benutzung nicht immer ganz ungefährlich, auch für unsere telepathischen Verbündeten, denn die Strahlung von Rosannium macht nun einmal keinen Unterschied zwischen Freund und Feind! Aber die Zeit der Vorsicht, die ist jetzt vorbei! Dank der unermüdlichen wissenschaftlichen Arbeit unserer Verbündeten von Romulus können wir es endlich bändigen und ihm beibringen, wen es bekämpfen soll! Ich bitte Sie also nun um einen herzlichen Applaus für Senatorin Talera Rakal, die Romulus politisch vertritt und Professor Kimara Toreth und ihren Assistenten, Remus Meret, die Meilenstein erbaut haben! Gemeinsam mit mir werden sie die Waffe jetzt enthüllen!“

Alle standen auf und begannen zu klatschen. Dann betraten die Romulaner, deren Namen sie soeben genannt hatte, die Bühne. Nugura übergab das Mikrofon an die direkt hinter ihr stehende romulanische Senatorin. „Als Zeichen der Freundschaft übergeben wir, die romulanische Regierung, die Waffe Meilenstein feierlich an die Föderation der vereinten Planeten!“, sagte diese. Danach drehten die Politikerinnen sich synchron um und gaben ihren jeweiligen Anwesenden Offizieren ein Zeichen. Die romulanischen Offiziere und die der Sternenflotte bildeten ein gemischtes Ehrenspalier, das ihren Weg zur anderen Seite des Raumes säumte. Dann schritten sie Hand in Hand durch die Gasse, die sich gebildet hatte. Shimar fand das alles sehr übertrieben. „Was tut man nicht alles für die Presse!“, zischte er Maron zu.

Auf einem Tisch befand sich ein Gegenstand, der mit roten und grünen Stoffen verhüllt war. Daran hing eine Schnur mit einer weißen Kugel aus Metall herunter, die Senatorin Rakal in die rechte Hand nahm, um sie gleich darauf in einer feierlichen Bewegung Nugura zu übergeben. Fast im gleichen Moment blendete ein schwarzer Blitz alle und vor ihnen stand Radcliffe. „Zu dieser Übergabe darf es nicht kommen und es wird auch nicht dazu kommen, weil ich Ihnen allen jetzt ganz genau zeigen werde, dass die politische Freundschaft zwischen der Föderation und Romulus auf einer Lüge basiert!“, sagte der verblendete Professor. „Auf einer Lüge, jawohl!“

Es gab einen erneuten schwarzen Blitz und alle fielen in eine Art Schockstarre. Dann mussten sie, ob sie wollten oder nicht, sich ansehen, was damals auf Deep Space Nine passiert war. Kaum war dies vorbei, sah Rakal Nugura mit einem vorwurfsvollen Blick an. „Einer Ihrer Offiziere hat den Plan ersonnen, unsere Gesandten umzubringen und es den Formwandlern in die Schuhe geschoben?!“, fragte sie ernst. Nugura wurde leichenblass. „Ich schwöre, Senatorin.“, begann sie. „Davon habe ich nichts gewusst! Keiner meiner Vorgänger im Amt hat je ein Wort darüber verloren.“ „Um so schlimmer!“, erwiderte die Romulanerin scharf. „Aber nicht genug damit! Nachdem wir die Sache mit dem Thermolytischen Datenstäbchen den Göttern sei Dank aufgedeckt hatten, schicken Sie einen zwielichtigen Cardassianer als gedungenen Mörder hinter unserem Schiff her, der …“ „Wer weiß, wer dieser Fremde ist.“, versuchte Nugura, die jetzt doch sehr angespannt scheinende Situation zu entschärfen. „Wer weiß, ob das, was er uns gerade gezeigt hat, wirklich der Wahrheit entspricht. Die Sicherheit soll ihn in Gewahrsam …“ „Dass können die gern mal versuchen!“, lachte Radcliffe dreckig und schmetterte alle anwesenden Sicherheitsleute und Geheimdienstler, die sich ihm nähern wollten, mit Hilfe seiner neuen Kräfte an die Wände des Raumes. Alle außer Mikel, dem Kissara noch zugeflüstert hatte, in jedem Fall in ihrer Nähe zu bleiben und nichts Dummes zu tun. Da niemand mit so etwas gerechnet hatte, war auch keiner der Agenten im Besitz einer Rosannium-Waffe. Die an die Wände geschmetterten Agenten waren sofort tot.

„Geben Sie zu, dass Sie …!“, setzte nun auch Rakal Nugura weiter zu. „Ich werde in jedem Fall eine Untersuchung veranlassen.“, sagte die Präsidentin diplomatisch. „Sollte diese ergeben, dass unser nun fast schon 800 Jahre andauerndes Bündnis auf einer Lüge basiert, werde ich …“ „Ich glaube Ihnen kein Wort!“, zischte Rakal. „Sie werden das genau so unter den Teppich kehren, wie es Ihre Vorgänger im Amt getan haben! 800 Jahre! 800 Jahre und Sie besitzen noch nicht einmal die Stirn, uns die Wahrheit zu sagen. Sie werfen uns vor, feige und hinterlistig zu sein, dabei sind Sie selbst noch viel schlimmer! Einer Spezies ein Verbrechen anzuhängen, das sie gar nicht begangen hat, finde ich selbst das höchste aller Verbrechen!“ Sie gab einen Befehl auf Romulanisch in ihr Sprechgerät ein und sie, die Wissenschaftler und das Gerät verschwanden. Verstört blieben Nugura und die anderen zurück.

Der Fremde, der alles gesehen hatte, näherte sich der Präsidentin mit mitleidigem Blick. „Ich kann Sie rein waschen.“, sagte er. „Ich kann Sie von Ihrem bösen Ich und von dieser Sünde befreien. Sie alle. Sie müssen nur damit einverstanden sein.“ In ihrer Verzweiflung nickten alle, außer Kissara, die dieses Angebot nur noch wachsamer gemacht hatte. Mein Commander hatte wohl schon im Gefühl, dass hier etwas Böses im Gange war.

Nun ging der Fremde die Reihen ab und berührte jeden. Alsbald stand neben ihm ein genaues Ebenbild der Person, das aber weitaus finsterer dreinschaute. Jetzt war die Reihe an Kissara. „Nein Danke!“, sagte sie langsam, aber bestimmt und hielt ihm bedrohlich ihre Hände mit ausgefahrenen Krallen hin. „Aber dann sind Sie für immer von aller Schuld befreit.“, versuchte der Fremde, sie zu überzeugen. „Zumindest alle biologischen Lebensformen. Bei den Künstlichen und bei denen, die nicht einverstanden sind, geht es nicht. Aber …“ „Interessante Information.“, sagte Kissara. „Aber trotzdem werde ich da nicht mitspielen. Ich bin mir keiner Schuld bewusst, die rechtfertigt, dass Sytania so was mit mir machen lässt.“ „Es war nicht Sytania, die mir diese Kräfte verliehen hat!“, sagte Radcliffe. „Es waren die Propheten!“ „Das glauben Sie doch nicht ernsthaft!“, versuchte Kissara, ihm die Realität begreiflich zu machen. „Doch.“, sagte Radcliffe freundlich. „Sie werden es gleich selbst spüren.“ Damit fasste er ihre Schultern, aber da sie einen extrem biegsamen Körper und eine sehr dehnbare Haut wie eine Katze hatte, gelang es ihr, sich zu befreien. Er wagte einen neuen Versuch, aber kam nicht mehr an sie heran, denn Tatz! Kratz! Ratsch!, hatten ihre Hände vorher sein Gesicht erreicht, um dort zehn tiefe blutige Furchen zu hinterlassen. „Offensichtlich können Sie Ihre Kräfte nicht benutzen, wenn Sie Schmerzen haben.“, stellte Kissara fest. „Aber anscheinend musste ich ja so deutlich werden! Ich nenne das eine interessante Nebeninformation. Wer weiß, wozu es noch mal gut sein kann, das zu wissen. Seien Sie gewiss, ich werde Sie und Sytania auf keinen Fall hiermit durchkommen lassen! Agent, sagen Sie dem Computer, er soll uns alle an Bord der Granger zurückbeamen!“ Der terranische Agent nickte und zog sein Sprechgerät. In einem schwarzen Blitz waren auch Radcliffe und seine neuen Freunde verschwunden.

Maron und Shimar hatten sich in IDUSAs Cockpit wieder gefunden. „Was war das?“, fragte der Agent verwirrt. „Das kann ich dir nicht sagen.“, sagte Shimar. „Mir ist die ganze Situation eben so ein Rätsel wie dir.“ „Ich dachte nur, du hättest vielleicht etwas Außergewöhnliches gespürt.“, sagte der Demetaner. „Das habe ich tatsächlich.“, gab der junge Tindaraner zu. „Aber ich kann dir nicht genau sagen, was es war. Ich würde es am ehesten mit einem schalen Nachgeschmack nach einem schlechten Bier oder so etwas vergleichen. Ich weiß nur, dass ich allein dagegen nicht angekommen wäre und die anderen Telepathen waren wohl auch total überrascht. Sonst hätten sie …“ „Wieso können Telepathen von so was überrascht sein?“, fragte der erste Offizier irritiert. „Wenn der Fremde sich gut genug abschirmen konnte.“, warf IDUSA ein. „Für mich war die Situation auch unklar, deshalb habe ich Sie sofort beide wieder an Bord geholt.“ „Das hast du richtig gemacht.“, entschied Maron. „Wer weiß, was Sytania da wieder für ein Monster geschaffen hat. Wir sollten zurückfliegen und ich sollte Zirell berichten. Flieg du ruhig erst mal in den Urlaub, Shimar. Ich glaube, das wäre besser.“ Der Angesprochene nickte.

„Fühlen Sie sich in der Lage, mich zu steuern?“, fragte IDUSA, nachdem sie Shimars medizinische Werte überprüft hatte. „Ich glaube, das kannst du knicken, falten und in die Tonne treten.“, gab der Tindaraner zu. „Bring uns in die interdimensionale Schicht und von dort aus beamst du Maron direkt vor Zirells Nase. Dann Kurs Terra. Falls ich bis dahin wieder einigermaßen bei mir bin, kann ich ja übernehmen.“ IDUSAs Avatar nickte und führte die Befehle zunächst aus. „Es wird nur schwierig mit dem direkt vor die Nase Beamen.“, sagte sie. „Commander Zirell steht nämlich gerade in ihrem Quartier unter der Schalldusche.“ „Dann setz mich vor ihrer Tür ab.“, sagte Maron. Das tat IDUSA auch. Dann flog sie aus der Schicht ins Universum der Föderation zurück.

Wie benommen hatte Nugura, die ja von Radcliffes Reinwaschung betroffen war, den Rest der Szene mit angesehen. Sie kam erst wieder zu sich, als sie eine künstlich anmutende Stimme ansprach: „Bioeinheit Nugura?“ Sie wendete den Kopf und erkannte eine männliche xylianische Sonde, die sich ihr langsam näherte. „Sie sind der Vertreter der Xylianer.“, erkannte sie. „Das ist korrekt.“, antwortete er. „Das System bietet Ihnen an, bei der Erforschung des Problems zu assistieren.“ „Wie?“, fragte Nugura resigniert. Sie wusste, dass es genau so gut wahr wie unwahr sein konnte, was dieser Fremde ihnen vor seinem Verschwinden gemeinsam mit den bösen Alter Egos gezeigt hatte. Wenn es aber wahr sein sollte, dann war eine seit 800 Jahren andauernde Beziehung zerstört. Aber in diesem Schwebezustand durfte alles auch nicht bleiben. „Übergeben Sie uns die Überreste von Deep Space Nine, die sich im Museum auf Bajor befinden. Wir werden sie examinieren. Außerdem werden wir die Tindaraner um einen Kanal auf der interdimensionalen Sensorenplattform bitten, um die Vergangenheit zu examinieren, falls die Daten aus der Museumsbasis keinen Aufschluss geben. Es ist die einzige Chance.“, erklärte die Sonde.

Nugura dachte nach. Sie war extrem betroffen über das, was sie gerade gesehen hatte, aber sie wusste, dass sie ehrlich sein musste. Die Romulaner würden sonst vielleicht wieder einen neuen Krieg mit der Föderation beginnen. Deshalb sagte sie: „Gut. Die Basis wird examiniert werden. Ich werde alles in die Wege leiten.“ „Ihre Entscheidung wird produktiv sein.“, sagte der Xylianer, strich ihr tröstend über das Gesicht und beamte fort. Gern hätte Nugura noch die Kennung ihres Helden erfahren. Des Mannes, der sie gerade aus ihrer Verzweiflung gerettet hatte. Sie wusste, wenn jemand noch etwas aus 800 Jahre alten Datenkristallen quetschen konnte, dann die Xylianer. Sie waren schließlich mit technischen Geräten auf Du und Du. Außerdem gab es noch die Plattform. Die Tindaraner würden sicher nicht verneinen.

Nach einem ausgedehnten Besuch ihrer Schalldusche hatte Zirell ihre Uniform wieder angelegt und war aus ihrem Quartier getreten. Überrascht blieb sie stehen, als sie Maron vor der Tür ansichtig wurde. „Maron!“, sagte sie erstaunt. „Wo kommst du denn jetzt schon her und wo ist Shimar mit IDUSA? Joran hatte Befehl, euch anzukündigen, wenn ihr euch zurückmelden würdet.“ „Er kann nichts dafür.“, stammelte der Agent, dem offensichtlich die Knie weich wurden. „Komm erst mal mit.“, sagte Zirell beruhigend und nahm seine Hand, um den immer noch zitternden Maron in ihr Quartier zu führen. Hier setzten sich beide ins Wohnzimmer auf die Couch. Dann ging Zirell zum Replikator, um zwei Gläser mit Cola zu replizieren. Eines davon stellte sie vor Maron hin. „Du willst deinen ersten Offizier also abfüllen.“, machte der Demetaner einen gequälten Scherz. Zirell sah ihn fragend an. „Weißt du etwa nicht, dass Kohlensäure auf meine Spezies die gleiche Wirkung hat, wie auf andere zum Beispiel Alkohol?“ „Entschuldige.“, sagte Zirell und nahm das Glas wieder fort. „Ich dachte nur, es sei besser im Augenblick. Du siehst nämlich aus, als könntest du einen Drink vertragen. Was ist überhaupt passiert?“ „Wenn ich das so genau wüsste.“, sagte Maron und schaute verzweifelt. „Hast du die öffentliche Datenübertragung von Khitomer etwa nicht gesehen?“ „Nein.“, gab Zirell zu. „Aber ich denke auch, dass die Technik nicht in der Lage wäre, uns die relevanten Dinge, die dich so irritiert haben, zu zeigen.“ „Da könntest du Recht haben.“, sagte Maron, dem es verdammt recht war, dass sie dem Knackpunkt wohl schon sehr nah gekommen war. „Also.“, sagte Zirell und nahm eine wartende Haltung ein. „Die Übergabe von Meilenstein sollte gerade stattfinden, da ist ein merkwürdiger Fremder aufgetaucht.“, begann Maron. „Er sah aus wie ein Terraner, hatte aber Kräfte wie Sytania oder ein anderer Mächtiger. Er hat uns allen eine ungeheuerliche Sache gezeigt. Zirell, wenn das wahr ist, dann …“ „Was für eine Sache denn?“, fragte die tindaranische Kommandantin, die langsam kurz davor war, mit ihrem Untergebenen die Geduld zu verlieren. „Hör gefälligst auf zu schwafeln! Du bist ja schlimmer als mancher Politiker!“

Maron öffnete seinen Mund, aber es kam nichts heraus. Auch ein erneuter Versuch brachte nichts. „Zirell, ich kann nicht.“, gab er seufzend auf. „Wenn wahr sein sollte, was er uns gezeigt hat, dann würden alle Prinzipien verraten sein, an die ich seit meiner Zeit als Kadett geglaubt habe. Das kann nicht … Das darf nicht …“ „Du weißt, es gibt noch einen anderen Weg.“, deutete die Telepathin an und sah ihm erwartungsvoll ins Gesicht. „OK.“, sagte Maron und lehnte sich zurück. „Tu es!“

D/4 war in ihren Garten zurückgekehrt. Sie dachte, dass sie die Radcliffes in Sicherheit gebracht hätte. Als was für ein Trugschluss sich das noch herausstellen würde, konnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Sie interessierte jetzt nur, warum ich immer noch nicht auf ihre Mail geantwortet hatte. Deshalb beschloss sie, zu meinem Haus hinüber zu gehen, um nach dem Rechten zu sehen.

Lycira und ich hatten die Umlaufbahn der Erde erreicht. Ich werde dich jetzt hinunterbeamen., sagte sie. Da ist sogar jemand, die auf dich wartet. „Wer ist es, Lycira?“, fragte ich. Eine Xylianerin., interpretierte sie die Signale, die ihre Sensoren von D/4 empfangen konnten. Persönlich kannte sie die Sonde noch nicht. „OK.“, sagte ich. „Ich kann mir schon denken, wer das ist.“ Sie aktivierte den Transporter.

Mit leichter Verwirrung sah D/4 auf die sich vor ihr materialisierende Gestalt. „Allrounder.“, stellte sie fest. „Wo waren Sie?“ „Lange Geschichte.“, stammelte ich, bevor ich durch einen Kreislaufzusammenbruch bedingt in ihre Arme fiel. Der Schock, den mir das Ganze versetzt hatte, musste erst jetzt wirklich zum Tragen gekommen sein. „Ihre Biozeichen sind unregelmäßig.“, stellte die Sonde fest. „Sie haben einen Schock!“ „Das weiß ich nicht erst seit heute.“, versuchte ich, die Situation aufzuhellen, aber das gelang mir nicht. Im nächsten Moment übergab ich mich direkt vor ihren Augen.

Sie legte mich über ihre Schultern und brachte mich in ihr Haus. „Wo wollen Sie mich hier hinlegen?“, fragte ich benommen. „Ich meine, Sie haben kaum Möbel und …“ „Dieses Haus verfügt über ein Gästezimmer.“, sagte die Sonde. „Dort sind zweifellos genug Möbel.“

Sie musste ihrem Hausrechner mit Hilfe ihres internen Sprechgerätes befohlen haben, die Tür zum Gästezimmer zu öffnen. Im nächsten Augenblick fand ich mich auf einer weichen Matratze wieder. Unter meinem Kopf befand sich ein weiches dickes Kissen. Dann legte sie eine weiche warme Decke über mich. „Die Decke und das Kissen sind mit Tribblewolle gefüllt.“, erklärte sie. „Habe ich mir schon gedacht, so weich, wie das ist.“, sagte ich. „Sagen Sie bitte nicht, das haben Sie extra von Demeta einfliegen lassen.“ „Ihre Annahme ist korrekt.“, meinte die Sonde. Ich staunte.

Plötzlich musste ich mich ruckartig aufsetzen und gab einen Laut von mir, der sie in Alarmbereitschaft versetzte. Mittels ihres internen Transporters hatte sie blitzschnell einen Eimer aus dem fast nie benutzten Badezimmer hergeschafft. Diesen hielt sie mir jetzt mit der rechten Hand vor mein Gesicht, während sie mit der Linken meine Stirn hielt, um mich zu stabilisieren. Ich entließ den gesamten Inhalt meines Magens in den Eimer. Diesen säuberte sie schnell und brachte ihn mir danach wieder. „Ich werde den Eimer hier an das Kopfende des Bettes stellen.“, sagte sie und tat es. Dann klopfte sie noch einmal daran. „Wollen Sie eine Rede halten?“, scherzte ich. „Negativ.“, sagte sie. „Mein Operationsziel und meine Absicht waren es eigentlich, Ihnen zu verdeutlichen, wo Sie den Eimer im Notfall finden können.“, erklärte sie. „Ich werde jetzt nämlich Medikamente für Sie besorgen, um Ihren Zustand zu verbessern.“ „OK.“, sagte ich. „Aber wenn das geschehen ist, muss ich unbedingt aussagen. Ich habe Scheiße gebaut, D/4! Echte große Scheiße!“ „Scheiße ist unpräzise.“, sagte sie und setzte sich auf einen Hocker neben das Bett. „Ich kann jetzt nicht reden.“, sagte ich. „Vielleicht geht es, wenn ich die Medizin intus habe. Aber jetzt wären meine Angaben nur verwirrend.“ „Also gut.“, sagte die Sonde und holte etwas aus einer Schublade. „Geben Sie mir Ihr rechtes Handgelenk!“, forderte sie mich auf. Ich tat es und sie legte mir den Gegenstand an. Er sah aus wie eine Art Armband mit Messeinrichtung. „Das Gerät informiert mich über Ihren Gesundheitszustand während meiner Abwesenheit von Ihnen.“, erklärte sie. „Versuchen Sie, etwas zu schlafen. Ich bin in wenigen Minuten wieder hier.“ Ich nickte und drehte mich um. Es ging mir bereits erheblich besser, seit ich mein Essen los war. Aber ich dachte mir, auch ihre Anwesenheit hätte einen großen Teil dazu beigetragen. Sie war ausgebildete Medizinerin und ich fühlte mich bei ihr in guten Händen. Sie beobachtete noch, wie ich einschlief, um das Haus dann zu verlassen.

Radcliffes und die Alter Egos der Föderation und ihrer betroffenen Verbündeten hatten das Dunkle Imperium erreicht. Aus Platzmangel an Bord des Breenschiffes hatte Radcliffe entschieden, sie telekinetisch vorauszuschicken. Dann war er selbst mit dem Schiff nachgekommen. Jetzt standen er und sie vor Sytania. „Nathaniel!“, begrüßte sie ihn, als sei er ein alter Freund. „Das hast du sehr gut gemacht.“ „Wer seid Ihr?“, fragte Radcliffe, der sie zwar aufgrund ihrer Kleidung und ihres Habitus als Prinzessin erkennen konnte, aber nicht genau wusste, wer die Unbekannte war, zu der es ihn gezogen hatte. Das konnte man ihm aber auch nicht verübeln, wenn man bedachte, dass er ein ahnungsloser Zivilist war. „Seid Ihr einer der Propheten?“, fragte er unbedarft. „Was?!“, lachte Sytania, der bei dem Gedanken, mit den Propheten verglichen zu werden, schier die Ekelpusteln ins Gesicht schossen. „Aber nein.“, sagte sie. „Ich bin Sytania! Ich bin die Kronprinzessin dieser Dimension, in der du dich jetzt befindest. Sie heißt das Dunkle Imperium. Aber du musst keinen Schreck bekommen. Hier sind zwar dunkle Mächte am Werk, aber das ist reine Interpretationssache. Es kommt immer darauf an, auf welcher Seite man steht. Oder findest du es etwa böse, dass ich dir die Möglichkeit gegeben habe, die Föderation von ihren Sünden rein zu waschen, oder gar dich von deiner Krankheit geheilt habe?!“ „Nein, Hoheit.“, sagte Radcliffe und machte eine unterwürfige Geste. „Da siehst du es.“, sagte Sytania. „Und jetzt mache ich dir noch ein weiteres Geschenk.“

Mit einem schwarzen Blitz beförderte sie alle Alter Egos hinfort. „Wo sind sie?“, fragte Radcliffe. „Versuch sie zu finden.“, sagte Sytania. „Wünsch dir einfach, dass du sie siehst.“

Das tat Radcliffe und fand sie tatsächlich wieder. Er sah, dass sie sich in einer Dimension befanden, die dem Universum der Föderation bis aufs Haar glich. „Ihr habt ihnen eine Heimat geschaffen.“, stellte er fest. „Ganz genau.“, sagte Sytania. „Und ich nenne sie das Antiuniversum. Sie sind die Antiföderation und du bist der Oberbefehlshaber der Antiföderation. Auch die Antinugura ist dir unterstellt. Sie muss und wird alles mit dir absprechen. Du wirst hier bei mir im Schloss wohnen und das gemeinsam mit deiner Familie, die du nachholen wirst. Ach, ich sollte dich vielleicht noch von diesen Wunden befreien.“ Damit heilte sie die Kratzer buchstäblich in einem Augenblick. „Vielen Dank.“, sagte Radcliffe und zog das Sprechgerät der Breen, das er sich tatsächlich angeeignet hatte, um wieder auf das Schiff zu beamen. Er war fest entschlossen, bei Sytanias Plänen mitzumachen. Er kannte sie ja leider nicht gut genug, um zu wissen, dass er dies lieber nicht getan hätte.

Zirell hatte nach dem Studium von Marons Erlebnissen wieder von seinem Geist abgelassen. „Viel hast du nicht sehen können.“, stellte sie fest. „Weil IDUSA uns rechtzeitig wieder an Bord geholt hat.“, antwortete der Demetaner. „Die Situation muss sie auch ziemlich irritiert haben.“ „Verständlich.“, bestätigte die Tindaranerin. „In ihrem Fall wäre ich das sicher auch.“ „Zumal dann, wenn meine Sensoren mir sagen würden, dass es sich offensichtlich bei dem fremden Eindringling um einen Terraner handelt, ich aber auf der anderen Seite feststellen muss, dass er imperianische Fähigkeiten hat.“, antwortete Maron. „Das klingt ja fast, als würdest du Verständnis für IDUSA aufbringen.“, lobte Zirell. „Lob den Tag besser nicht vor dem Abend.“, sagte Maron schuldbewusst. „Ich meine, das klappt leider nicht immer. Warum kann ich dir nicht sagen, aber ich werde mit Ishan darüber reden müssen. Ich glaube kaum, dass es eine organische Ursache gibt, aber vielleicht habe ich ja irgendwo ein verstecktes Kindheitstrauma.“ „Das Naheliegenste wäre Wolf 359.“, scherzte Zirell. „Das würde erklären, warum du künstlichen Intelligenzen keine freiheitlichen Rechte zugestehen kannst.“ „Für wie alt hältst du mich?!“, fragte der erste Offizier erstaunt. „Darf ich dich vielleicht daran erinnern, dass diese Sache über 800 Jahre zurückliegt und ich da noch gar nicht geboren war? Und meine Familie hat auch gar nichts damit zu tun gehabt. Demeta war damals noch nicht …“ „Entschuldige bitte!“, sagte Zirell langsam, aber energisch. „Ich habe ja nicht gedacht, dass dich der Umstand, dass du mit unserem Rechtssystem in der Hinsicht auf Kriegsfuß stehst, so stark beschämt, dass man noch nicht mal einen kleinen Scherz machen darf.“ „Ja, er beschämt mich, dieser Umstand.“, sagte Maron. „Weil es eigentlich nicht so sein sollte. Ich bin ausgebildeter Sternenflottenoffizier! Als ein Solcher sollte ich mich viel besser und leichter an fremde Kulturen anpassen können, findest du nicht?“ „Ich finde vor allem.“, setzte Zirell an. „Dass du dich viel zu sehr unter Druck setzt. Wie wäre es erst mal, wenn du damit aufhörst. Dann kommt der Rest sicher von ganz allein. Davon bin ich überzeugt!“ „Wenn du meinst.“, sagte der Demetaner mit skeptischem Blick. „Ja, das meine ich.“, sagte die Tindaranerin. „Und zwing mich nicht dazu, es dir zu befehlen! Falls das nichts bringt, kannst du ja immer noch zu Ishan gehen.“ „Also schön.“, sagte Maron und stand auf, um ihr Quartier in Richtung des Eigenen zu verlassen.

Kapitel 8: Aus den Scherben erwächst neues Grauen

von Visitor

 

D/4 war in die Sisko Road eingebogen. Hier befand sich außer meinem Haus, an dem sie jetzt vorbei ging, auch die Praxis von Cupernica, von der sie die Medikamente für meine Behandlung besorgen wollte. Außerdem war dort auch das Haus der Huxleys, aus dem jetzt eine Gestalt auftauchte, die das Tor durchquerte und dann schnellen Schrittes auf sie zu ging. Erst spät erkannte die Sonde, wer es war. „Agent Sedrin Taleris-Huxley.“, identifizierte sie die Demetanerin mittleren Alters, die dicke Winterkleidung trug und ihre Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. „Das ist korrekt.“, scherzte Sedrin. „Ich wollte gerade einen Spaziergang machen.“ „Mein Operationsziel ist eher dienstlicher Natur. Ich muss Medikamente besorgen.“, erwiderte die Sonde. „Aha.“, lächelte die demetanische Agentin. „Dienstlich also. Wenn ich nicht wüsste, dass Sie für die Rettung arbeiten, hätte ich das sicher nicht verstanden. Aber wäre es nicht effizienter, die Medikamente einfach zu bestellen? Oder ist der Rechner in der Zentrale des Rettungsshuttles ausgefallen?“ „Negativ.“, sagte D/4. „Die benötigte Menge der Medikamente würde allerdings unsere Bestellmenge deutlich unterschreiten. Ein Frachttransport wäre also ineffizient. Ich benötige die Medizin nur für eine einzige Patientin.“ „Ich wusste gar nicht, dass Rescue One einen Einsatz hatte.“, sagte Sedrin. „Wir hatten auch keinen offiziellen Einsatz.“, erklärte die Xylianerin. „Die Patientin ist buchstäblich vom Himmel gefallen.“ „Dass Ihnen so etwas auch mal passiert.“, lachte Sedrin. „Aber sagen Sie jetzt bloß nicht, sie fiel Ihnen auch noch direkt in die Arme.“ „So könnte man es ausdrücken.“, sagte die Sonde. „Aber die Patientin und ich werden Ihre Assistenz benötigen, wenn sie in der Lage ist, eine Aussage zu machen. Ihr medizinischer Zustand lässt dies im Moment noch nicht zu.“ „Und eine Aussage unter Medikamenten ist juristisch ungültig.“, sagte Sedrin, der die Gesetzeslage als ausgebildeter Agentin sehr wohl klar war. „Das ist korrekt.“, sagte die Sonde. „Die Medikamente, die ich der Patientin verabreichen muss, haben einen sedativen Charakter. Sie werden ihre zeitliche und örtliche Orientierung einschränken.“ „Reichlich ineffizient, wenn man sich an Daten, Zeiten und Orte erinnern soll, nehme ich an.“, sagte die Geheimdienstlerin. „Ihre Annnahme ist korrekt.“, antwortete die Bereitschaftsärztin.

Sedrin zog D/4 zu einem nahen Pfeiler in der Nähe der Straße. Dort bedeutete sie ihr, sich neben sie zu setzen. „Sie haben mich ganz schön neugierig gemacht.“, sagte sie. „Und, wenn Sie mir nicht gerade gesagt hätten, dass Sie meine Hilfe bräuchten, würde ich auch gar nicht fragen, weil ich weiß, dass Sie an die Schweigepflicht gebunden sind. Aber wer ist Ihre Patientin?“ „Allrounder Betsy Scott.“, sagte D/4. „Ihr Vertrauensverhältnis zu Ihnen ist stabil und ich denke, sie wird Ihnen gegenüber leichter aussagen, als gegenüber einem Ihrer Kollegen.“

Sedrin fuhr herum. „Wenn Sie so etwas sagen.“, sagte sie. „Dann muss etwas sehr Schlimmes geschehen sein. Wann, glauben Sie, wird sie fähig zu einer Aussage sein und was ist überhaupt passiert?!“ „In 24 Stunden wird sie aussagen können, wenn ich ihr die Medikamente sofort gebe.“, berechnete D/4. „Aber meine Daten über die Ereignisse sind lückenhaft.“, gab sie dann zu. „Der Allrounder hat sich mir gegenüber nur sehr unpräzise ausdrücken können, was ich auf ihren Gesundheitszustand zurückführe. Sie hat einen Schock. Sie sagte nur, sie habe Scheiße gebaut.“ „Allrounder Betsy Scott baut keine Scheiße!“, sagte Sedrin alarmiert. „Sie geht immer lieber den geraden Dienstweg. Es könnte allerdings sein, dass sie in irgendetwas hineingeraten ist und sich jetzt irrtümlich die Schuld gibt. Das würde auf jeden Fall eher dem Charakter entsprechen, den ich von ihr kenne. Sie hat bisher weder erhöhte kriminelle Energie, noch erhöhte Risikofreude gezeigt. Sagen Sie mir bitte sofort Bescheid, D/4!Dann komme ich zu … Wo ist sie?!“ „Das werde ich.“, versicherte die Sonde. „Sie befindet sich in meinem Haus in meiner persönlichen Obhut.“

Sie stand auf, um ihren Weg zu Cupernicas Praxis fortzusetzen. Hier würde sie, da Cupernica meine Hausärztin war, auch gleich erfahren können, ob ich Allergien hatte und all das, was für die Gabe von Medikamenten unter Umständen wichtig sein konnte. Auch Sedrin setzte ihren Spatziergang fort, allerdings hatte sie die gesamte Zeit über ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Was die Sonde ihr gerade über mich verraten hatte, beunruhigte sie sehr. Sie kannte mich gut und wusste, dass, was immer auch passiert war, sehr schlimm für mich sein konnte und mich unter Umständen nicht mehr los lassen würde, wenn ich niemanden hätte, mit dem ich darüber reden konnte. Auch für D/4 war dies offensichtlich, weshalb sie auch ihren Besuch bei ihrer Kollegin auf das Nötigste beschränkte, um dann mit der Medizin so schnell es ging zurück an mein Krankenbett zu eilen.

Auf Space Force One hatte Nugura gerade ganz andere Sorgen. Sie hatte sich, nachdem sie und Saron wieder an Bord der Raumjacht waren, in ihr Quartier zurückgezogen. Dabei handelte es sich um einen mit warmen Farben eingerichteten Raum, dessen Wohlfühlatmosphäre sich auch an den Wänden und in den Möbeln fortsetzte. Hier saß die Präsidentin der Föderation nun an ihrem hellbraunen Schreibtisch in Holzoptik auf ihrem ebenfalls Ton in Ton zu dem Tisch passenden Stuhl und dachte nach. Immer wieder waren ihr die Dinge durch den Kopf gegangen, die sie auf Khitomer erlebt hatte. Sie hatte zwar keinen Beweis, dass Sisko damals tatsächlich den Mord an den romulanischen Gesandten geplant hatte, aber einen Gegenbeweis, der seine Unschuld beweisen würde, gab es auch nicht. Sie wusste, dass sie veranlassen musste, dass die Xylianer in den Besitz der Datenkristalle aus dem Museum kamen. Schließlich hatte sie es ihnen versprochen. Bei der Untersuchung konnte alles Mögliche herauskommen, wenn überhaupt noch etwas zu erfahren war. Der Zerfall der Kristalle wurde schließlich seit ca. 800 Jahren durch einen Abschluss von den Elementen verhindert. Wenn noch etwas auf den Kristallen zu finden war, dann würden sie es sicher finden. Erst danach konnte festgestellt werden, welchen Einfluss das auf die Beziehung zwischen der Föderation und den Romulanern haben würde. Würde tatsächlich festgestellt werden können, dass es stimmte, was der Fremde ihnen gezeigt hatte, dann hätten die Romulaner jedes Recht, die Beziehungen abzubrechen. Ja, sie könnten sogar Krieg führen wollen. In der Vergangenheit hatten schon weitaus nichtigere Gründe als ein Mord dazu ausgereicht.

Die Sprechanlage, welche das Kommen ihres Sekretärs ankündigte, hatte Nugura überhört. So sehr war sie in ihre Gedanken vertieft. Um so erstaunter war sie, als Saron plötzlich vor ihr stand und sich an sie wendete: „Madam President?“ „Mr. Saron!“, sagte Nugura erstaunt und warf den Kopf herum. „Bitte verzeihen Sie mein Eindringen.“, entschuldigte sich der Demetaner. „Aber ich denke, wir sollten dringend über die Situation reden, die uns der Fremde gezeigt hat. Ich weiß, dass ich nur ein einfacher Sekretär bin und sicher nicht das Recht habe …“ „Sie haben jedes Recht, mein guter Saron.“, sagte Nugura und deutete auf einen Sessel rechts neben dem Ihren. Vorsichtig, ja schon fast würdevoll, setzte sich Saron. Unbeeindruckt davon fuhr Nugura fort: „Sie haben jedes Recht, mit mir über die Situation zu reden. Ich bin mit Ihren Ratschlägen bisher immer gut gefahren und ich frage mich, warum sich das plötzlich ändern sollte.“ „Ich schätze, ich muss Sie enttäuschen.“, sagte Saron. „Dieses Mal habe ich nämlich keinen Rat für Sie. Ich bin genau so ratlos. Falls das stimmen sollte, was der Fremde uns gezeigt hat und es sich nicht um eine Art von telepathischer Bildmontage von Sytania handelt, dann hätte die Föderation eine große Schuld auf sich geladen. Eine Schuld, für die es keine Verzeihung gibt. Mord verjährt bekanntlich nicht und Sie wissen genau so gut wie ich, dass die Romulaner dann jedes Recht hätten, die ohnehin schon brüchige Bindung mit uns aufzukündigen.“

„Für einen einfachen Sekretär, als den Sie sich gerade bezeichnet haben.“, begann Nugura, nachdem sie beiden eine Tasse Kaffee repliziert hatte. „Haben Sie ein sehr gutes Verständnis für die große Politik.“ „Mit Verlaub, Madam President.“, entgegnete Saron. „Dazu braucht man keinen intellektuellen Geist, sondern nur ein gesundes Moralempfinden.“ „Mag sein, mag sein.“, sagte Nugura. „Aber ich werde zunächst mal dafür sorgen müssen, dass die Xylianer die Kristalle erhalten. Von ihren Ergebnissen wird alles Weitere abhängen. Wir stehen mal wieder vor einem riesigen Scherbenhaufen, Mr. Saron.“ „Lassen Sie uns zunächst abwarten, was die Xylianer herausfinden.“, tröstete Saron. „Sie denken doch wohl nicht ernsthaft, dass sie etwas zu unseren Gunsten finden werden!“, sagte Nugura. „Warum nicht?!“, meinte Saron optimistisch. „Sie haben es selbst gesagt, Madam President. Es ist noch nichts bewiesen!“ „Für uns nicht.“, korrigierte Nugura. „Aber für die Romulaner schon. Ich kann den Ausdruck auf dem Gesicht der Senatorin nicht vergessen, Saron! Ich kann ihn einfach nicht vergessen. Sie ist davon überzeugt, dass wir schuldig sind. Dessen bin ich sicher. Ich glaube nicht, dass sie an eine Bildmontage von Sytania glaubt. Natürlich hätte Sytania ein Motiv, das Ganze zu erfinden, um Zwietracht zwischen uns und den Romulanern zu sähen. Gerade jetzt, wo es den Romulanern gelungen ist, Meilenstein zu bauen. Aber was ist, wenn der Fremde uns die Wahrheit gezeigt hat? Auch diese Möglichkeit darf ich nicht von der Hand weisen, auch dann nicht, wenn sie ja eigentlich so gar nicht in die Moral der Föderation passen will. Aber damals herrschte Krieg und im Krieg ist man zu so manchen Taten fähig, die man später bereut.“ „Da haben wir den Kasus Knactus!“, entdeckte Saron. „Ihre Amtsvorgänger haben nämlich gar nichts bereut. Wenn wir mal davon ausgehen, dass es etwas zu bereuen gibt. Die Sache mit dem Krieg ist sicher nur eine Erklärung und ich will nicht, dass Sie sie als Entschuldigung missdeuten.“ „Das habe ich nicht, Mr. Saron.“, sagte Nugura und strich ihrem Sekretär über das Haar. „Keine Angst. Wenn ich so naiv wäre, dann würde ich mir ja selbst ein Bein stellen. Sie sind doch nicht davon ausgegangen, dass ich mich demnächst in einem Schreiben an die Romulaner damit entschuldige, dass im Krieg und in der Liebe alles erlaubt ist. Nein! Politik kann ein hartes Geschäft sein, Mr. Saron und da ist kein Platz für wildromantische Vorstellungen. So einen Brief wird es nie geben und ich werde erst einmal die Ergebnisse der Xylianer abwarten! Dann werde ich über mein weiteres Vorgehen entscheiden!“ „Haben die Romulaner das Angebot der Xylianer mitbekommen?“, fragte Saron. „Ich meine, in der momentanen angespannten Situation könnten sie bereits jetzt auf eine Antwort warten und sich wundern, wo diese bleibt. Ich denke, wir sollten sie informieren, damit sie nicht schlimm von uns denken.“ „Da haben Sie wohl Recht, Saron.“, sagte Nugura. „Wir sollten sie wirklich informieren. Nur mit einer Sache liegen Sie leider falsch. Die Romulaner denken bereits schlecht über uns. Wir können jetzt den Schaden nur noch begrenzen, indem wir, wenn die Wahrheit zu unseren Ungunsten ausfallen sollte, uns dem stellen. Wir können das Thema dann nur noch aufarbeiten und den Romulanern alle Informationen darüber zur Verfügung stellen, die wir selbst besitzen. Gut, wir würden dann ganz schön viel Abbitte zu leisten haben, aber wer sündigt, der muss auch Buße tun.“ „Da stimme ich Ihnen vollkommen zu, Madam.“, sagte Saron. „Und ich finde es sehr mutig, Sea Federana, dass Sie dies in Betracht ziehen und nicht sofort nach einer Möglichkeit suchen, sich aus der Sache zu lavieren.“ „Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, Saron.“, sagte Nugura. „Aber wir werden nicht untätig bleiben, was die Wahrheitssuche angeht. Das bedeutet für Sie, dass Sie 800 Jahre Präsidentschaft der Föderation im Archiv aufarbeiten werden. Ich muss herausfinden, wie viel meine Vorgänger im Amt über diese Affäre wussten. Sie können den Rechner ja nach den Schlagworten Mord und romulanische Gesandte suchen lassen.“ „Und nach Sisko.“, warf der Sekretär ein. „Ja und nach Sisko.“, sagte Nugura. „Ich weiß, dass wir damit einen Helden töten, denn Sisko war im einfachen Volk sehr beliebt, aber alle machen mal Fehler.“ Saron nickte gequält.

„Wollen Sie gleich mit den Romulanern sprechen?“, fragte er. „Das wäre wohl am besten.“, sagte Nugura. „Dann werde ich in die Wege leiten, dass das so schnell wie möglich geschieht.“, sagte Saron und nahm sich das Mikrofon der Sprechanlage, um auf der Brücke Bescheid zu sagen. „Hier Allrounder Janson.“, meldete sich eine tiefe sonore Stimme vom anderen Ende der Verbindung. „Hier ist Saron.“, sagte dieser. „Bitte verbinden Sie mich mit dem romulanischen Senat.“ „Einen Augenblick.“, sagte der terranische Kommunikationsoffizier, ein Schwede.

Es vergingen quälend lange Minuten. Minuten, die Nugura nur sehr ungern wartete. Sie konnte sich denken, wie die Senatoren auf ihre Versuche einer Kommunikation reagieren würden. Schließlich hatte das romulanische Schiff einen gewaltigen Vorsprung.

Endlich hörte sie das erlösende Signal. Aber nicht sie, sondern Saron beantwortete den Ruf, weil er das Mikrofon noch immer in der Hand hielt. „Ja, Allrounder?“, sagte der Sekretär. „Es tut mir leid.“, sagte Janson. „Aber die romulanischen Senatoren lassen ausrichten, sie wollen mit dem Staatsoberhaupt von Mördern und Lügnern kein Wort mehr persönlich wechseln. Das sollte ich wörtlich ausrichten.“

„Geben Sie mir das Mikrofon!“, befahl Nugura. Ihr Sekretär nickte und tat, was sie ihm soeben aufgetragen hatte. „Janson.“, begann Nugura. „Ich möchte, dass Sie ein Pad vorbereiten, um eine Nachricht von mir aufzunehmen, die Sie den Romulanern dann auch wörtlich übermitteln werden! Es sind nur zwei kurze Sätze.“ „Sofort, Madam President.“, sagte der Kommunikationsoffizier.

Es vergingen einige Sekunden. Dann sagte er: „Ich bin bereit.“ „In Ordnung.“, sagte Nugura ruhig. „Dann schreiben Sie: Die Xylianer bieten an, den Fall als neutrale Instanz zu untersuchen. Ich weiß, dass sie als politische Verbündete der Föderation bekannt sind, aber ihre Eigenschaften als künstliche Lebensformen machen sie integer. So. Und das senden Sie jetzt und zwar wörtlich!“ Janson nickte und beendete die Sprechanlagenverbindung. Nugura wusste, wenn die Romulaner nicht persönlich mit ihr reden würden, dann musste eben Janson als Postbote herhalten.

Nur Sekunden danach meldete sich Janson: „Sie lassen ausrichten, dass sie mit der Untersuchung durch die Xylianer einverstanden sind.“ „Na dann.“, sagte Nugura und lehnte sich zufrieden in ihrem Stuhl zurück.

Auch im Antiuniversum hatte man sich eingerichtet. Die Antinugura saß ebenfalls an ihrem Schreibtisch, nur stand dieser nicht auf der Jacht, sondern befand sich auf der Basis der Regierung, die ebenfalls durch die bekannten Zusammenhänge geschaffen worden war. Auch sie hatte Besuch vom Antisaron, ihrem Sekretär. „Ich finde es etwas seltsam, Madam President, dass wir alle diesem Professor Radcliffe unterstellt sind.“, meinte der Antisaron. „Das ist gar nicht so seltsam, wenn man einmal die Zusammenhänge genau betrachtet, Saron.“, sagte die Antinugura. „Sehen Sie. Sie glauben ja auch an Ihre Gottheit und für uns ist er nichts anderes. Schließlich hat er uns im Prinzip ja erschaffen, und zwar aus unseren Gegenstücken, unseren guten Gegenstücken, von denen er uns abgespalten hat.“ „Das habe ich sehr wohl verstanden.“, sagte der Antisaron. „Aber im Gegensatz zu unseren guten Gegenstücken haben wir noch keine funktionierende Föderation und noch keine Sternenflotte. Was ist, wenn Sytania oder Radcliffe uns befehlen, unsere Gegenstücke anzugreifen?“ „Dazu wird es noch nicht kommen.“, sagte die Antinugura zuversichtlich. „Das wissen die Beiden ja auch und unser Schöpfer, der als Einziger diesen Umstand ändern kann, ist bereits dabei. Er wird noch mehr Leute aufsuchen und sie überzeugen, sich rein waschen zu lassen. Die Übergabe von Meilenstein sollte eine öffentlich übertragene Veranstaltung werden. Es haben sicher viele zugesehen. Ich bin überzeugt, sie werden es kaum erwarten können, die große Schuld zu tilgen.“ „Aber Sie vergessen, Madam President.“, erwiderte der Antisaron. „Dass die Technologie nicht in der Lage war, das zu übertragen, was unser Schöpfer unseren Gegenstücken gezeigt hat, bevor er sie rein wusch.“ „Das stimmt.“, gab die Antinugura zu. „Aber das macht nichts. Unser Schöpfer wird einfach das Gleiche tun, was er bei unseren Gegenstücken getan hat. Die werden so geschockt sein, dass sie sich freiwillig der Waschung unterziehen wollen werden.“ „Von den Zivilisten kann ich mir das vorstellen.“, meinte der Antisaron. „Aber bei den Angehörigen der Sternenflotte sehe ich schwarz.“ „Gerade die, mein lieber Saron!“, lachte die Antinugura. „Gerade die werden ihm mit Freuden folgen. Der Schock wird bei ihnen sogar noch ungemein größer sein, als bei jedem Zivilisten. Schließlich wird alles in Frage gestellt, woran sie seit Jahrhunderten glauben! Und jetzt, Mr. Saron, verbinden Sie mich mit T’Mir!“ „Mit T’Mir?“, fragte der Sekretär ungläubig. „Mit Verlaub, Madam President, aber es wird keine T’Mir geben. Die Vulkanier sind neutral. Sie kennen keinen Hass und somit auch keine Bosheit! Wie soll eine …“ „Wollen wir wetten, dass Sie sich irren?!“, fragte die Antinugura streng. „Gehen Sie in Ihr Büro und überprüfen Sie im SITCH-System, ob es ihr Rufzeichen gibt! Aber lassen Sie die Tür geöffnet!“

Der Antisaron nickte und ging geplättet aus dem Raum durch die Zwischentür von ihrem Büro in das Seine. Hier führte er aus, was sie ihm soeben aufgetragen hatte. „Computer!“, befahl er mit leicht zitternder Stimme. „SITCH-Verbindung mit dem Rufzeichen des vulkanischen Staatsoberhauptes aufbauen!“ „Bitte warten. Ihr Befehl wird ausgeführt.“, erfolgte die kalte nüchterne Antwort des Rechners, die den Antisaron bereits in Erstaunen versetzte. Mit einem: „Befehl nicht ausführbar.“, hatte er gerechnet, da es ja das Rufzeichen und die Person, der es gehörte, seiner Meinung nach ja gar nicht geben konnte. Oder, der Computer hätte ihn zumindest fragen sollen, ob er das interdimensionale Relais benutzen wollte.

Ein Gesicht, das von zwei spitzen Ohren flankiert wurde, erschien auf dem Schirm. Die Augen der Frau kamen Saron allerdings sehr teuflisch und feurig vor. Er hatte den Eindruck, sogar eine wütende Grundstimmung darin zu sehen. Aber das konnte doch nicht sein! Sie war doch Vulkanierin! „Hier ist T’Mir!“, sagte die Frau mit einer boshaft schnarrenden Stimme, die dem Antisaron das Blut in den Adern gefrieren ließ. Richtig gemein klang sie in seinen Ohren. Nicht so warm und neutral, wie er die Stimme des Staatsoberhauptes der Vulkanier sonst in Erinnerung hatte. Die Erinnerungen ihrer guten Gegenstücke waren bei den Charakteren des Antiuniversums durchaus präsent. Dafür hatten Sytania und Radcliffe gesorgt.

Schließlich fasste sich der Antisaron ein Herz und erwiderte: „Hier ist Sekretär Saron. Präsidentin Nugura möchte Sie sprechen. Es tut mir leid, wenn wir Sie beim Meditieren gestört haben sollten. Es wird nicht wieder vorkommen.“ „Meditieren!“, entgegnete die böse Gegenspielerin des vulkanischen Staatsoberhauptes und schüttete sich fast aus vor Lachen. „So was tut wohl nur mein Gegenstück, aber ich nicht! Sie ist wohl viel zu feige, mit ihren Gefühlen zu leben, aber das bin ich nicht! Nein, im Gegenteil, mein lieber Saron. Ich lebe sie voll aus. Ich bin der Teil von ihr, den sie immer verleugnet hat! Den sie immer unterdrückt hat! Der Teil, der an den Gitterstäben gerüttelt hat und versucht hat, aus ihrem Gefängnis der Logik und des Verstandes ans Licht zu brechen! Was schließen Sie daraus?!“

Der Antisaron musste zugegebenermaßen eine Weile überlegen, aber die Gedanken, die ihm dazu kamen, gefielen auch ihm. Er musste sogar lächeln. „Ich schließe daraus, dass Sie noch viel böser und gemeiner sind, als alle anderen. Die Tatsache, dass die gute T’Mir Sie immer unterdrückt hat, bedeutet ja nicht, dass Sie nicht da waren. Im Gegenteil. Ich denke, Sie haben nur im Verborgenen auf eine Chance gewartet. Nur, wie hat Radcliffe Ihr gutes Ich dazu bekommen, Ihre Erschaffung zuzulassen?“ „Das war ganz einfach!“, lachte die böse T’Mir. „Er hat ihr gesagt, dass die Reinwaschung auch die Befreiung von der Geißel Emotion für immer und ewig bedeutet. Sie haben Recht, Saron. Dass man seine Gefühle unterdrückt, bedeutet nicht, dass sie nicht da sind.“ „Ein sehr genialer Schachzug.“, freute sich der Antisaron. „Ja, nicht wahr?“, stimmte die böse T’Mir zu. „Ohne diesen Schachzug von unserem genialen Schöpfer wäre ich jetzt nicht am Leben. Aber jetzt verbinden Sie mich erst mal mit Nugura. Sie wartet sicher schon ganz ungeduldig.“ „Wie Sie wünschen.“, sagte der Antisaron und wählte sich über das Menü in die interne Sprechanlage ein, um seiner Präsidentin das Gespräch durchzustellen. „Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass sie existiert?“, fragte die Antinugura triumphierend. „Ja, Madam President.“, antwortete ihr Sekretär. „Das haben Sie. Aber ich hätte es zuerst nicht für möglich gehalten.“ Damit stellte er die böse T’Mir an seine Chefin durch.

Auf dem Wüstenplanetoiden, auf dem Lycira und ich Nitprin zurückgelassen hatten, war es wieder Tag geworden. Entgegen Lyciras Annahme war das Mädchen doch am Leben. Aber da es extrem heiß am Tage war, fühlte sie sich sehr schwach. Außerdem war sie nicht unverletzt und ihr Kälteanzug war defekt. Er konnte ihr keinen Schutz mehr gegen das für die Breen doch sehr lebensfeindliche Klima bieten. Sie beschloss, dass es besser war, Energie zu sparen und bewegte sich also nur langsam auf allen Vieren vorwärts, während sie ihre Ausrüstung, die sie ja auf mein Geheiß von sich geworfen hatte, wieder aufsammelte. Sie hoffte so sehr, wenigstens eines der Sprechgeräte zu finden, denn sie musste ja irgendwie auf sich aufmerksam machen. Sie wusste zwar, dass Handsprechgeräte keine sehr große Reichweite haben, aber sie hoffte andererseits, aus den anderen Geräten vielleicht Teile nutzen zu können, um diese gegebenenfalls zu verstärken, oder eine Sonde zu bauen, die ihren Notruf noch weiter transportieren würde. Sie wahr in der Schule gut in Physik gewesen und hoffte, ihre Kenntnisse würden hierzu ausreichen. Sie machte sich keine Illusionen darüber, vielleicht doch noch beide Sprechgeräte finden zu können, denn das Intakte, welches sie von sich geworfen hatte, musste der Fremde haben, denn anders hätten die Systeme des Schiffes ihn ja nicht positiv identifizieren können. Aber vielleicht hatte er ja auch seine Kräfte benutzt, um das Schiff der Breen für sich gefügig zu machen. Er hatte sich die dazu nötigen Kenntnisse ja nur wünschen brauchen, wenn Nitprin das alles richtig verstanden hatte.

Sie war auf das Loch gestoßen, in dem der Kristallkegel gelegen hatte. Tatsächlich sah sie ihn dort immer noch liegen, denn Radcliffe musste ihn zurückgelassen haben. Das war auch sehr umsichtig von ihm gewesen und Sytania hatte es durchaus so beabsichtigt. Wenn man den Kegel bei ihm gefunden hätte, hätte das sicher unangenehme Fragen aufgeworfen. Sie wollte ja auf keinen Fall mit der Sache in Verbindung gebracht werden.

Nitprin überlegte. Wenn der Kristall dem Fremden diese Kräfte verliehen hatte, warum sollte das nicht auch bei ihr klappen?! Dann wären alle Schwierigkeiten mit einem Mal vergessen! Deshalb legte sie sich auf den Bauch und kroch näher an die steil abfallende Kante der Ausgrabungsstelle heran. Dann angelte sie mit der rechten Hand nach dem Kegel und hielt sich mit der Linken am Rand des Loches fest, was für sie aufgrund der Gesamtsituation schon eine enorme körperliche Anstrengung bedeutete. Es gelang ihr jedoch tatsächlich, den Kegel zu erreichen und ihn zu sich an die Oberfläche zu ziehen. Dann legte sie ihre Hände in gleicher Weise darauf, wie sie es bei dem Fremden gesehen hatte, aber nichts geschah. „Na gut!“, schrie sie wütend und verzweifelt, denn was das für sie bedeutete, wusste sie längst. Ihre Ausrüstung hatte sie zusammengesammelt, aber das einzige Sprechgerät befand sich bei der Leiche ihres Vaters. Dass die Umstände sie jetzt auch noch dazu zwangen, diesen in seiner Totenruhe zu stören und ihm etwas wegzunehmen, befremdete sie sehr. „Offensichtlich warst du nur für ihn bestimmt! Dann geh zurück dort hin, wo du hergekommen bist!“ Sie warf den Kegel mit hasserfülltem Blick in das Loch zurück, um danach ihren toten Vater aufzusuchen. Wenn etwas von seiner Ausrüstung noch brauchbar war, musste sie, ob sie wollte, oder nicht, es jetzt aus seinen Taschen bergen und wenn es nur einige Schaltkreise waren. Verzeih mir, Vater., dachte sie mit klopfendem Herzen, während sie ihr leichenschänderisches Werk begann.

Auf 281 Alpha hatte Jenna gemeinsam mit ihrer Assistentin das Schleppmanöver beobachtet, mit dessen Hilfe das neue Schiff zur Station gebracht wurde. Dann hatte der zuständige tindaranische Ingenieur es an sie übergeben. „Wollen Sie Ihrem Freund jetzt Bescheid geben, Jenn’?“, flapste Shannon. „Sicher, Assistant.“, erwiderte Jenna. „Joran ist schon ganz wild auf sein Schiff.“

Sie nahm das Mikrofon der Sprechanlage in die Hand und gab das Rufzeichen ihres Quartiers in die Konsole ein. Am anderen Ende der Verbindung meldete sich ein etwas schläfriger Joran: „Was gibt es, Telshanach? Ich hatte mich gerade hingelegt.“ „Du wirst gleich hellwach sein.“, lächelte die hoch intelligente Halbschottin ins Mikrofon. „Dein Schiff ist da. Ich werde jetzt die Einschwurprotokolle überspielen. Am besten, du kommst gleich her.“ Der Vendar hatte diese Nachricht erfreut zur Kenntnis genommen. „Ich bin auf dem Weg, Telshanach.“, sagte er lächelnd und beendete die Verbindung, um sich dann auf den Weg zu ihr zu machen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es doch so schnell gehen würde.

„Der hat sich ja gefreut wie ’n kleiner Junge an Weihnachten.“, stellte Shannon gewohnt flapsig fest. „Würden Sie das nicht, wenn Ihnen jemand ein eigenes Schiff versprechen würde, Assistant?“, fragte Jenna. „Ach.“, meinte Shannon. „Ich hab’s nich’ so mit der Fliegerei.“ „Sie wissen doch genau, was ich meine.“, sagte Jenna.

Verschlafen stand Joran aus seinem Bett auf und legte seine Uniform an. Dass sie ihn einfach so geweckt hatte, würde sie büßen müssen. Natürlich meinte er dies nicht boshaft, sondern würde ihr nur einen kleinen Streich spielen. „IDUSA!“, wendete er sich an den Rechner. „Ich muss dich kurz zu meiner Komplizin machen.“ „Welcher Natur ist das Verbrechen, das Sie mit meiner Hilfe verüben wollen?“, fragte der Rechner der Station konspirativ. Sie kannte Joran und wusste, dass es nichts wirklich Böses sein konnte. „Beame mich bis vor die Tür des Maschinenraums.“, sagte er. „Ich will Jenna einen kleinen Streich spielen. Oder ist das etwa gegen die tindaranischen Gesetze?“ „Nein.“, sagte IDUSA. „Bitte halten Sie sich bereit.“ Sie initiierte den Transport.

Joran betrat den Arbeitsraum seiner Freundin. „Da bist du ja.“, sagte Jenna, die bereits nach ihm Ausschau gehalten hatte. „Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte, Telshanach.“, erwiderte Joran. „Obwohl es mir gar nicht schnell genug gehen kann, wenn du rufst.“ „Schmeichler.“, lächelte Jenna. „Aber wir haben noch nicht mal die Protokolle überspielt. Hat IDUSA dich etwa ein Stück weit gebeamt?“ „Ich dachte mir, dass du darauf kommen würdest, meine kluge Telshanach.“, sagte Joran. „Du hast mir ja auch einen entscheidenden Tipp gegeben.“, sagte Jenna. „Ich weiß gar nicht, wovon du redest.“, tat Joran unschuldig und küsste sie.

Shannon räusperte sich: „Könnt ihr das Flirten vielleicht etwas verschieben? Mir wird nämlich gleich der Arm lahm.“ Erst jetzt sah Jenna, dass Shannon während der gesamten Zeit den Datenkristall mit den Einschwurprotokollen in ihre Richtung gehalten hatte. „Entschuldigen Sie, Shannon.“, sagte Jenna und nahm ihr den Kristall ab. Dann legte sie ihn in ein Laufwerk an einer Konsole. „IDUSA.“, wendete sie sich danach an den Stationsrechner. „SITCH-Verbindung mit folgendem Rufzeichen aufbauen!“ Sie gab das Rufzeichen des neuen Schiffes, das ihr bereits durch die Werft genannt worden war, per Gedankenbefehl über ihren Neurokoppler ein. „Die Verbindung ist etabliert und stabil, Jenna.“, gab IDUSA zurück. „Stell durch!“, befahl Jenna.

Wenige Sekunden danach sah sie das Gesicht einer ihr fremden tindaranischen Simulation vor ihrem geistigen Auge. Die Frau hatte eine kräftige Statur und trug eine tindaranische Fliegeruniform. Auch unterschied sich ihre Haarfarbe mit Dunkelbraun sehr von dem schwarzen Haar, das Jenna von der anderen IDUSA-Einheit gewohnt war. Ihre langen Haare waren zu Zöpfen gebunden. „Das wird ’ne ziemliche Umstellung für dich werden, Joran.“, wendete Jenna sich an ihren Freund. „Das macht nichts, Telshanach.“, sagte der Vendar. „Ich bin bisher mit jeder Änderung zurechtgekommen. Was muss ich jetzt tun?“ „Geh einfach zur Einstiegsluke.“, erwiderte Jenna und zeigte in die entsprechende Richtung. Joran nickte und verließ sie. „Blas’ dich bloß nich’ so auf, Grizzly!“, flapste ihm Shannon noch hinterher. Der Vendar ignorierte ihren Einwand völlig.

„Jenna?“ Eine Jenna fremde Stimme hatte ihren Namen aus dem Lautsprecher der Konsole gerufen. Jenna wandte sich dem Gerät wieder zu und setzte ihren Neurokoppler wieder auf, den sie aus Gründen der Bewegungsfreiheit vorher abgelegt hatte. „Entschuldige, IDUSA.“, sagte sie. „Sie scheinen etwas verwirrt, Techniker McKnight.“, stellte der Rechner des neuen Schiffes fest. „Nenn mich ruhig weiterhin Jenna.“, bot die Ingenieurin an. „Das andere Schiff macht das genau so.“ „Also gut, Jenna.“, sagte die neue IDUSA-Einheit.

Jenna wählte per Gedankenbefehl eine bestimmte Datei auf dem Kristall im Laufwerk aus und ließ sie ausführen. „Ich überspiele jetzt die Einschwurprotokolle.“, erklärte sie. „Das bedeutet, ich werde jetzt endlich meinen Stammpiloten kennen lernen?“, fragte die Simulation und klang dabei schon fast etwas aufgeregt. Jenna nickte. „Also dann.“, meinte die Simulation und lehnte sich vor Jennas geistigem Auge entspannt zurück, was ein Zeichen dafür war, dass sie das entsprechende Programm jetzt die Kontrolle übernehmen lassen hatte. Jenna würde natürlich alles überwachen.

Die Luke hatte sich vor Joran geöffnet und der Vendar war nach Aufforderung der ihm fremden Rechnerstimme ins Cockpit gestiegen, um seinen mitgebrachten Neurokoppler anzuschließen. „Erstelle Reaktionstabelle.“, sagte der Rechner und begann mit dem Abstimmen der entsprechenden Signalableitungen. Dann sah Joran jenes Bild vor sich, das auch Jenna schon gesehen hatte. „Wie ist Ihr voller Name?“, wollte das Schiff wissen. „Joran Ed Namach.“, antwortete Joran deutlich ruhig und langsam. „Wie darf ich Sie ansprechen?“, fragte sie weiter. „Joran!“, erklärte der Vendar fest. „Ich bin IDUSA-Einheit 335294.“, sagte das Schiff. „Wie darf ich dich ansprechen?“, fragte Joran, mit dem Jenna bereits das korrekte Verhalten während der Einschwurphase geübt hatte. „Nennen Sie mich IDUSA.“, sagte sie. „Ich habe als Verständigungssprache Englisch erkannt.“, sagte IDUSA. „Soll dies so gespeichert werden? „Ja.“, antwortete Joran, dem erst jetzt aufgefallen war, dass er die erwähnte Sprache bereits wie selbstverständlich sprach. „Es sind keine Fehler bei der Verständigung aufgetreten.“, stellte der Rechner fest. „Ihre Stimmfrequenzen sind somit ebenfalls gespeichert. Die Einschwurphase ist beendet.“ „Gut.“, sagte Joran und nahm den Neurokoppler ab. Dann verließ er das Cockpit wieder, um zu Jenna zurückzukehren, die ihn bereits mit lächelndem Gesicht erwartete. „Gut gemacht!“, lobte sie. „Das gilt aber mit Sicherheit genau so gut für sie.“, sagte Joran und deutete in einer großen Geste breit grinsend Richtung Schiff. „Natürlich.“, sagte die Technikerin. „Denkst du, dass mich Zirell bald mit ihr auf Mission schickt?“, fragte Joran. „Ich werde ihr melden, dass es keine Schwierigkeiten bei der Einschwurphase gegeben hat.“, sagte Jenna. „Dann wird sie entscheiden. Aber ich denke, dass dem nichts im Wege stehen wird.“ „Kannst es wohl kaum erwarten, Grizzly, was?“, flapste Shannon aus dem Hintergrund. „In der Tat, Shannon O’Riley.“, sagte der Vendar und ging. Er hatte ein merkwürdiges Bauchgefühl, was die Gesamtsituation anging. Wie richtig er damit lag, konnte er aber selbstverständlich noch nicht ahnen.

In Sytanias Palast war Telzan auf das Treffen zwischen Sytania und Radcliffe aufmerksam geworden. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie offensichtlich diesen in seinen Augen hergelaufenen Terraner bevorzugen würde, Oberbefehlshaber ihrer Truppe zu werden, aber vielleicht hatte er auch das Ganze nur falsch verstanden. Der Vendar beschloss, zu seiner Herrin zu gehen, um sie einfach mal zu befragen.

Die Prinzessin saß wie üblich auf ihrem Thron, als er sich ihr näherte. Seine Gestik verriet ihr, dass sein Begehr wohl ziemlich prekärer Natur sein musste. „Was wurmt dich, Telzan?“, fragte sie mit ihrer keifenden Stimme, die, wenn immer sie versuchte freundlich zu sein, fast schrill kippte. Sie war für freundliche Worte wohl einfach nicht ausgelegt. „Ich hörte, Ihr wollt diesen Radcliffe zum Oberbefehlshaber Eurer Truppe machen.“, sagte Telzan. „Was?!“, lachte Sytania. „Oh, mein lieber Telzan. Da hast du aber gewaltig etwas missverstanden. Die Einzigen, die er gemeinsam mit der Antinugura befehligt, werden die Bewohner des Antiuniversums sein. Du bleibst weiterhin mein engster Vertrauter und Oberbefehlshaber meiner Vendar-Krieger. Das wäre ja noch schöner, wenn ich deinen Posten einfach irgendeiner Marionette geben würde. Mehr ist er für mich nämlich nicht, als eine Marionette, die ich nur so lange benutzen werde, wie sie mir nützt. Dann werde ich ihn wieder fallen lassen und vernichten! Du weißt ja, dass ich keine Zeugen mag!“ „Das weiß ich, Milady.“, sagte Telzan. „Bitte verzeiht, dass ich an Eurem weisen Urteil gezweifelt habe.“ „Es sei dir verziehen.“, sagte Sytania und machte dabei ein übertrieben großzügiges Gesicht. Wie alle Despoten war auch sie eine Freundin großer übertriebener Gesten. „Und damit du siehst, dass es mir ernst ist, werden du und deine Leute gleich etwas für mich erledigen.“

Sie zog den Kontaktkelch aus einem Fach unter ihrem Schreibtisch hervor und stellte ihn auf der Platte ab. Dann bedeutete sie Telzan, sich neben sie zu setzen und ihre Hand zu nehmen. Alsbald sah der Vendar, was sie meinte. „Das ist Allrounder Betsys Schiff.“, stellte er fest. „Richtig.“, keifte Sytania. „Und das werdet ihr vernichten, bevor es seine Aussage gegenüber Agent Mikel machen kann. Du und deine Leute werdet ihm auflauern und es in Stücke schießen, bis kein Fitzelchen mehr übrig ist. Aber verschwändet die Energie eurer Waffen nicht für seine Waffen oder seinen Antrieb, sondern schießt vor allem auf den Datenkern. Seine Vernichtung muss euer oberstes Ziel sein. Es darf niemandem mehr gelingen, etwas aus ihm herauszulesen.“ „Wie Ihr wünscht.“, sagte Telzan und wandte sich zum Gehen, um seine Truppe zu informieren.

Bald hatte er in der Garnison der Vendar alle um sich herum versammelt und teilte ihnen die neuesten Befehle ihrer Herrin mit. „Aber warum macht sie das nicht selbst, Anführer?“, fragte Dirshan, Telzans eifrigster Novize. „Weil sie dann Gefahr läuft, von den falschen Leuten erkannt zu werden.“, erklärte Telzan. „Ich verzeihe dir deine Frage, weil du noch ein Novize bist. Aber sie zeugt auch von großem Lerneifer. Zur Belohnung darfst du mit mir in meinem Shuttle fliegen und nun alle zu den Schiffen!“ Alle nickten: „Ja, Anführer!“, und führten seinen Befehl aus.

Lycira hatte ihren Flug auf der Suche nach der Granger mit Hilfe von deren Transpondersignal, das sie nach langer Suche endlich empfangen hatte, fortgesetzt. Sie hatte einen Schnittkurs gesetzt, auf dem sie ihr begegnen musste. Außerdem orientierte sie sich wie gesagt an ihrem Signal. Die Schiffe der Vendar, die entlang ihres Kurses in den Polen von Planeten gute Verstecke gefunden hatten, nahmen ihre Sensoren leider nicht wahr. So nahm es nicht Wunder, dass sie bald in eine Falle flog.

Telzan und Dirshan waren mit ihrem Veshel hinter den anderen zurückgeblieben. „Warum fliegen wir ihnen nicht voran, Anführer?“, fragte der Novize, der das Steuer bediente und dem sein Lehrer geboten hatte, das Schiff zu verlangsamen. „Weil wir von hier einen viel besseren Überblick haben, Dirshan.“, sagte Telzan. „Bitte erkläre mir das.“, bat der Junge. „Wenn du dir eine Veranstaltung ansiehst.“, setzte Telzan an. „Von wo würdest du sie dann am liebsten sehen? Vor oder hinter dir?“ „Vor mir natürlich.“, begriff Dirshan. „hinter mir kann ich ja nichts sehen.“ „Siehst du?“, sagte Telzan. „Und genau so ist es hier auch. Und jetzt halte das Schiff gut im Auge. Es sucht nach der Granger, deren Signal es empfängt. Ich habe gesehen, dass du unseren Empfänger auf das gleiche Signal eingestellt hast. Das war sehr klug von dir. So finden wir es viel leichter. Deaktiviere unseren Antrieb, aber halte dich bereit, ihn jederzeit wieder zu reaktivieren. Schalte eine Sammelverbindung mit all unseren Schiffen. Wir werden es zuerst noch in falscher Sicherheit lassen, bevor wir losschlagen.“

Dirshan programmierte die aufgetragenen Dinge in den Mishar des Veshel. Dann fragte er: „Wer darf eigentlich auf den Datenkern des Schiffes feuern, Anführer?“ „Derjenige von uns, der am dichtesten dran ist.“, antwortete Telzan. „Ich werde die Waffen bedienen. Sollten wir es sein, erwarte ich, dass du alles tust, was in deinen fliegerischen Kräften steht, um mir einen einwandfreien Treffer zu ermöglichen.“ „Ich werde mir die größte Mühe geben, Anführer!“, versprach der Novize fest.

Lycira hatte jenes Unheil nicht gesehen, das auf sie zukam. Erst im letzten Moment sah sie die wie Heuschrecken von allen Seiten auf sie zufliegenden Schiffe, die sie aus allen Richtungen umringten und auf ihren Datenkern zielten. Sie hob zwar die Schilde und schlug Haken, wusste aber, dass sie dies nicht lange vor ihnen schützen würde. Selbst zu feuern wagte sie nicht, denn sie konnte sich ausrechnen, dass sie damit ihre Chancen nur noch verschlechtern würde. Die Feinde würden dann noch eher auf sie schießen und vielleicht Systeme treffen, die für ihre eventuelle Flucht noch wichtig sein könnten. Sie wusste, in einem Kampf hatte sie gegen diese Übermacht keine Chance, zumal dann nicht, wenn sie allein bliebe. Sie beschloss, das geringere Risiko einzugehen und einen Notruf auf unserer Frequenz und nur an unser Rufzeichen gerichtet abzusetzen.

Kapitel 9: Im Kessel gährt es

von Visitor

 

Kissara war in ihrem Quartier mit einer Tätigkeit beschäftigt, die man eigentlich nur Hauskatzen auf der Erde zuschrieb. Aber für eine Thundarianerin war das Schärfen ihrer Krallen an einer Kratzmatte ein völlig normaler Vorgang. Da ihre Krallen, wie die von Katzen auch, bis zu einer bestimmten Stelle durchblutet und innerviert waren, würde sie sich mit einer menschlichen Nagelschere erheblich verletzen können. Aber diese Kratzmatte war ein besonderes Exemplar. In sie war ein Nährboden für Zellen eingebaut, auf dem im Labor der Krankenstation DNS-Proben von dem Fremden, dessen Zellmaterial sie an ihren Krallen hatte, gezüchtet werden sollten, um ihn gegebenenfalls identifizieren zu können. Kissara tat das sehr gründlich und mit Genuss! Nicht nur, da ihr die Pflege ihrer Krallen immer sehr wichtig war, sondern auch, weil sie ihrem ersten Offizier gern bei seinen Ermittlungen behilflich war. Wenn sie etwas tun konnte, um dem ausgebildeten Kriminalisten seine Tätigkeit zu erleichtern, warum sollte sie es dann nicht? Sie schnurrte dabei sogar so laut und mit seltsamen gurrenden Lauten dazwischen, dass alle Umstehenden, wenn es denn welche geben sollte, definitiv etwas davon mitbekommen würden, wie es ihr damit ging, ob sie denn nun wollten oder nicht. Für dieses Verhalten genierte sie sich kein bisschen! Warum auch? Sie war ja allein in ihrem Quartier und dort durfte auch ein Commander mal ihren Gefühlen freien Lauf lassen.

Sie replizierte eine Plastikfolie und hieß den Replikator dann, die Kratzmatte darin einzuschweißen, nachdem sie mit ihrem Verpacken fertig war. Noch einmal ließ sie ihren Blick darüber schweifen. „OK, Kissy. Das war klasse!“, sagte sie zu sich. „Wenn Mikel damit nichts anfangen kann, dann weiß ich es auch nicht. Wir wollen nur hoffen, dass die Kulturen schön wachsen.“

Die Sprechanlage piepte. Im Display las Kissara das Rufzeichen der Türsprechanlage ab. Sie konnte sich auch schon denken, wer draußen stand. „Kommen Sie rein, Mikel.“, sagte sie freundlich. „Ich bin gerade fertig geworden.“ „Sofort, Kissara.“, erwiderte die Stimme des blinden Agenten von draußen. Dann betrat er das Quartier seiner Vorgesetzten. Gleich an der Tür übergab ihm Kissara die eingepackte Kratzmatte. Mikel, der sie trotz der Folie als solche erkennen konnte, blieb einen Moment erstaunt stehen. Er kannte Kratzmatten durch mich, denn ich hatte in meiner Kindheit eine Katze und ihm schon viel darüber erzählt. „Haben Sie das wirklich so gemacht?“, fragte er. „Sicher, Agent.“, antwortete sie. „Wie denn sonst? Mit einer Nagelschere würde ich mich schwer verletzen können. Das wissen Sie doch.“ „Ich dachte nur.“, meinte der erste Offizier verschämt. „Sie wissen ja.“, sagte Kissara ruhig. „Andere Welten, andere Sitten.“ Geplättet steckte Mikel die Matte ein.

Dirshan und Telzan hatten Lycira mit ihrem Schiff nachgesetzt, die versucht hatte, ihnen in ein Gebiet mit starker EM-Strahlung zu entkommen, aber das gelang ihr leider nicht, denn ein anderes Veshel, dessen Besatzung ihren Plan durchschaut hatte, setzte zum Überholen an, um sich dann genau vor ihr mit feuernden Phasern quer zu setzen. Dies drängte sie in die Schussweite von Telzans Schiff zurück. Dirshan, der schon ein recht passabler Pilot war, versuchte alles, um an ihr zu bleiben. „So ist es recht, mein Junge!“, motivierte Telzan ihn. „Immer schön dran bleiben! Gleich haben wir sie!“ „Glaubst du wirklich, Anführer?“, fragte Dirshan ungläubig. „Ich finde, der Abstand bleibt immer gleich.“ „Das scheint dir nur so, weil dein Auge bereits an das Bild gewöhnt ist.“, erklärte der erfahrene Vendar-Krieger. „Aber das zeigt uns auch, dass es sich lange nicht verändert hat. Das wiederum bedeutet, dass wir nicht zurückgefallen sind.“ „Ich verstehe.“, sagte Dirshan. „Aber näher kommen wir ihr auch nicht.“ „Dann werden wir einen kleinen Sprung vollführen müssen.“, sagte Telzan. „Einen Sprung?“, fragte Dirshan neugierig. „Was meinst du damit, Anführer? Ich meine, wir können hier nicht auf Warp gehen. Es ist alles doch viel zu eng und dann würden wir sie sogar noch überholen.“ „Das stimmt schon.“, sagte Telzan und deutete auf den Schirm. „Aber wenn wir uns auf die Atmosphäre des Planeten dort zu bewegen und uns dann in ihre Richtung davon abprallen lassen, dürften wir erreichen, was wir erreichen wollen. So und nun ist dein räumliches Denken gefragt. Ich korrigiere dich natürlich, falls es nötig werden sollte.“ „Also gut, Anführer.“, sagte Dirshan, der jetzt seinen gesamten Mut zusammengenommen hatte. Ein solches Manöver hatte er noch nie geflogen.

Die Sprechanlage in Kissaras Quartier piepte erneut. „Manchmal habe ich das Gefühl, ich lebe auf einem Bahnhof.“, scherzte Kissara und nahm die Verbindung entgegen. Am Display konnte sie gut sehen, dass der Ruf von Ribanna gekommen war. „Was gibt es, Allrounder?“, fragte sie. „Wir empfangen einen Notruf, Commander.“, erklärte die Indianerin. „Es ist Allrounder Betsys Schiff. Lycira ist allein …“ „Nicht alles am SITCH, Ribanna.“, unterbrach Kissara sie. „Sie können dem Agent und mir einen vollständigen Bericht abliefern, wenn wir auf der Brücke sind. Wir sind unterwegs!“ Damit hängte sie das Mikrofon wieder ein und packte mit ihrer linken Hand die Linke von Mikel, um sie auf ihren rechten Arm zu legen. Der erste Offizier ließ dies arglos mit sich geschehen. Er vertraute ihr und wusste außerdem, dass er gegen ihre raubtierartigen Reflexe sowieso keine Chance gehabt hätte. Dann führte sie ihn im Laufschritt in Richtung eines Turbolifts, den beide bestiegen.

Lycira hatte das Näherkommen der Vendar-Schiffe durchaus registriert und wusste, dass, wenn sie nicht bald Hilfe bekäme, ihr letztes Stündlein geschlagen haben könnte. Sie fand es ungewöhnlich, dass die Vendar offensichtlich nur auf ihren Datenkern zielten, aber wenn sie bedachte, was für Informationen dieser enthielt, konnte man schon einmal auf so eine Idee kommen. Sie überlegte, ob es nicht besser war, sich zu ergeben, aber dann hätte sie sicher an irgendeinem vendarischen Traktorstrahl geendet und man hätte sie zu einer Werft geschleppt, um sie dort zu demontieren oder ihren Datenkern dort einer Strahlung auszusetzen, die alles löschen würde. Beide Alternativen waren ihr sehr unheimlich. Sie ahnte ja nicht, wie nah die Granger war.

Mikel und Kissara hatten die Brücke betreten und sich auf ihre Plätze begeben. „Bericht, Ribanna!“, forderte die thundarianische Kommandantin. „Wir haben einen Notruf von Lycira empfangen.“, wiederholte die Reservistin. „Sie ist allein und wird von mehreren feindlichen Vendar-Schiffen bedroht. Sie sagt, sie würden auf ihren Datenkern zielen.“ „Haben Sie den Notruf lokalisiert, Ribanna?“, fragte Kissara. Ribanna nickte. „Gut.“, sagte Kissara. „Dann setzen Sie Kurs. Wie weit ist sie entfernt?“ „Sie befindet sich ganz in der Nähe.“, antwortete die Angesprochene. „OK.“, sagte Kissara. „Dann ein voller Impuls! Und, Mr. Kang, feuern Sie auf jedes Veshel, das Ihnen vor die Waffen kommt. Ich will Sytanias Vendar ein für alle Mal zeigen, dass mit mir nicht gut Kirschen essen ist!“ „Aye, Ma’am!“, sagte der Klingone schmissig. Seine letzten Erfahrungen mit Sytania waren ihm noch gut in Erinnerung und er hatte schon lange auf eine Gelegenheit gewartet, ihr das ehrlose Verhalten von damals mit Zinsen und Zinseszinsen heimzuzahlen.

Bald hatten sie den Punkt im Weltraum erreicht, an dem sich jenes Ereignis abspielte. „Also dann.“, sagte Kissara. „Stürzen wir uns ins Getümmel. Was machen die Schilde, Mr. Kang?“ „Die Schilde halten, Commander.“, meldete der Waffenoffizier ruhig. „Na dann.“, sagte Kissara. „Helfen wir Lycira ein wenig. Ribanna, rufen Sie sie und verbinden Sie mit mir!“ „Sofort, Commander.“, nickte die junge Pilotin und Kommunikationsoffizierin und führte den Befehl aus.

Ein Lämpchen an Kissaras Konsole sagte ihr, dass die Verbindung zustande gekommen war. „Lycira, hier ist Commander Kissara.“, sagte sie. „Wir werden dir helfen. Es könnte sein, dass wir ungewöhnliche Dinge von dir verlangen. Bitte tu sie dann einfach. Unter Umständen bleibt für Erklärungen keine Zeit.“ „OK, Commander Kissara.“, sagte mein Schiff.

Mikel hatte seinem Hilfsmittel befohlen, ihm die Treffer, die Kang inzwischen bei den Vendar gelandet hatte, anzusagen. Der erste Offizier ging zu Recht davon aus, dass sie wohl nicht damit rechnen würden, dass ein Sternenflottenschiff im Vorbeiflug einfach so auf sie feuern würde. Er erfuhr so, dass Kang die Armee der Feinde bereits um einiges reduziert und ihre Reihen so schon ziemlich gelichtet hatte, indem er die feindlichen Schiffe manövrierunfähig geschossen und sie somit zum Rückzug im Schlepp anderer Schiffe gezwungen hatte. „Nur weiter so, Mr. Kang. Sie machen heute sicher nicht nur dem klingonischen Reich alle Ehre!“, flüsterte er dem Strategen an der Waffenkonsole zu. „Danke für die motivierenden Worte, Agent.“, sagte Kang. „Aber ohne Ribanna, die uns jedes Mal passend hinbringt, würde ich das sicher auch nicht hinbekommen. Hoffen wir nur, dass ich die Vendar noch eine Weile so überraschen kann.“

Plötzlich schien sich das Kriegsglück zu wenden. Telzan hatte gesehen, was die Granger im Schilde führte und musste seine Leute entsprechend instruiert haben. Jedenfalls drehten einige Schiffe plötzlich ab und wandten sich ihr zu. Dann feuerten sie aus allen Rohren. „Offensichtlich haben wir uns zu früh gefreut.“, stellte Kissara fest, die aus dem Maschinenraum und von der Krankenstation die ersten Berichte über Schäden und Verluste bekommen hatte. „Ich bitte um Erlaubnis, frei zu sprechen, Commander.“, sagte Ribanna. „Reden Sie ruhig, wenn Sie etwas beizutragen haben, Allrounder.“, motivierte Kissara sie. „Ich habe im Laufe meiner praktischen Erfahrung gelernt, dass für Förmlichkeiten im Leben oft kein Platz ist.“ „Ich denke, dass Sytanias Vendar mittlerweile auch gelernt haben, dass Sie zwar manchmal ungewöhnliche Strategien anwenden, aber dass sie sich auch langsam dem Kissara-Faktor angepasst haben.“ „Davon gehe ich auch aus.“, sagte Kissara. „Ich bin also offen für Vorschläge, Ladies und Gentlemen!“

Ein solcher Vorschlag nahm in Elektras positronischem Gehirn bereits Formen an. Die Androidin wusste, dass die Rechner von Vendar-Schiffen auf eine bestimmte Art von EM-Strahlung sehr empfindlich reagierten. Zwar waren ihre Datenkerne in den Hüllen der Schiffe selbst gut abgeschirmt, aber wenn die Strahlung über die Sensoren aufgenommen würde, dann könnten sie sich nicht wehren und würden reihenweise Fehlfunktionen erleiden, die bis zum vollständigen Ausfall der Schiffssysteme führen könnten. Der Deflektor wäre ihren Berechnungen nach definitiv in der Lage, diese Strahlung zu produzieren. Sofort teilte sie dies ihrem Vorgesetzten mit. „Gute Idee, Elektra!“, lobte Jannings, aber er kam ihr dabei recht gleichgültig, fast antriebslos, vor. Elektra konnte sich keinen Reim darauf machen. Auch irritierte sie der Umstand, dass ihr Vorgesetzter ihr jetzt alle Verantwortung für das Vorhaben übertrug. „Erörtern Sie das mit der Brücke, Assistant.“, sagte Jannings. „Ich werde mich in mein Quartier begeben und mich hinlegen. Sie haben den Maschinenraum!“ Damit verließ er seinen Arbeitsraum.

Die technische Assistentin blieb leicht verwirrt zurück, ein Zustand, der für eine Androidin wohl noch unangenehmer sein durfte, als für einen von uns. Sie hatte ihren Vorgesetzten noch nie so erlebt! Wenn dieses Verhalten andauerte, würde sie es melden müssen. Aus ihrer Datenbank ging hervor, dass sich ein solches Verhalten bei Leuten manifestiert hatte, die der Abspaltung ihrer negativen Seite zum Opfer gefallen waren. Das war auch genau das, was sie auf Khitomer beobachtet hatte. Sie würde Jannings also weiter beobachten und bei passender Gelegenheit, wenn sich ihr Verdacht erhärtet hatte, mit Agent Mikel darüber sprechen. Jetzt aber hatte etwas weitaus Wichtigeres Vorrang.

Durch Dirshans Flugmanöver war es Telzan tatsächlich gelungen, einen gefährlichen Treffer in Lyciras Antrieb anzubringen, der sie gezwungen hatte, den Impulsantrieb zu deaktivieren und auf Manövriertriebwerke umzuschalten. Jetzt schleppte sie sich mehr oder minder langsam voran. „Sollten wir sie nicht langsam in Ruhe lassen, Anführer?“, fragte der Novize. „Hast du etwa Mitleid?!“, fragte Telzan empört zurück. „Nein.“, antwortete Dirshan nicht ganz wahrheitsgemäß. Insgeheim hatte er schon immer Mitleid mit den Opfern von Sytania gehabt, es aber niemals zugegeben. Seine Eltern dienten ihr schon sehr lange und sein Vater hatte ihm immer wieder eingetrichtert, was er für eine Schande über seine Familie bringen würde, wenn er die Handlungsweise ihrer gemeinsamen Herrin nur andeutungsweise schlecht heißen würde. Außerdem hatte er zu viel Respekt vor seinem Ausbilder, um die Wahrheit offen zu legen. „Wenn du kein Mitleid hast.“, sagte Telzan. „Dann musst du mir schon einen ziemlich guten Grund liefern, sie in Frieden zu lassen.“

Dirshan dachte lange nach, aber ihm wollte auf Teufel komm heraus nichts einfallen. Schließlich sah er Telzan nur resignierend an. „Also.“, sagte dieser. „Da du keinen Grund vorgebracht hast, der mich überzeugt hätte, setzen wir den Angriff fort!“

Elektra hatte ihr Haftmodul aus der Tasche ihrer Uniform geholt und sich mit seiner Hilfe direkt mit dem Schiffsrechner verbunden, dem sie das Rufzeichen der Brückensprechanlage und das Unterrufzeichen von Kissaras Arbeitskonsole eingegeben hatte. „Hier Kissara.“, meldete sich die thundarianische Kommandantin. „Hier ist Technical Assistant Elektra, Ma’am.“, erwiderte die Androidin vorschriftgemäß. „Ich denke, dass ich einen Weg finde, die Angriffe auf Lycira zu stoppen, ohne dass wir unsere Waffen einsetzen müssen. Mit dem Einsatz von Phasern und Photonentorpedos rechnen unsere Feinde und werden sich entsprechend verhalten. Sie werden so lange mit uns Katz’ und Maus spielen, bis Kang sein gesamtes Arsenal verschossen hat und damit ist für Lycira gar nichts gewonnen. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, dass die Rechner von Vendar-Schiffen sehr empfindlich auf die Strahlung von Klasse-F-Pulsaren reagieren, wie sie in der Region um das demetanische Sonnensystem zu finden sind.“

Mikel, der direkt neben Kissara saß, nahm das Mikrofon an sich und antwortete: „An sich eine gute Idee, Elektra. Aber Sie übersehen dabei, dass wir uns Lichtjahre weit vom demetanischen Sonnensystem entfernt befinden und wir nicht so einfach die Möglichkeit haben, das Kampfgebiet dorthin zu verlegen. Lycira kann laut unseren Anzeigen nur mit Manövriertriebwerken fliegen und die Vendar verhindern im Moment jede Annährung auf Traktorstrahlreichweite. Außerdem werden sie uns garantiert nicht den Gefallen tun, uns in ein Gebiet zu folgen, wo es für sie so gefährlich ist. Wie wollen Sie also einen Klasse-F-Pulsar dazu kriegen, uns zu Willen zu sein?“ „Das liegt gewiss nicht in meiner Absicht, Sir.“, antwortete die technische Assistentin lächelnd. Sie war von Agent Mikel eigentlich eine höhere Intelligenzleistung gewohnt und hoffte, dass er nicht demselben Phänomen wie ihr eigener Vorgesetzter zum Opfer gefallen war. Wenn sie sich genau erinnerte, dann hatte sie nicht gesehen, was mit Mikel passiert war. Jannings’ so genannte Reinwaschung hatte sie aber genau beobachten können. Bevor sie nun auch noch den ersten Offizier dessen beschuldigte, was offensichtlich mit dem Chefingenieur geschehen war, wollte sie lieber noch genauere Beweise sammeln, was auch in der Natur der Androidin lag. „Was zur Hölle liegt dann in Ihrer Absicht, Technical Assistant?!“, stieß Mikel unwirsch hervor. Dabei war er eher über sein eigenes Verhalten, als über das Ihre verärgert. Er hatte seine eigenen Gedankengänge auch noch nie so zähflüssig erlebt. Irgendetwas schien auch mit ihm nicht zu stimmen. Das wurde ihm wohl gerade schmerzlich bewusst, aber er wurde schon wieder durch Elektras Erklärung abgelenkt. „Wenn wir nicht zu einem Klasse-F-Pulsar kommen können.“, führte sie ungeachtet seiner strengen Antwort aus. „Und wir auch nicht in der Lage sind, einen hier her zu bringen, dann muss ich uns wohl einen bauen.“

Ein Signal an Kangs Konsole meldete diesem, dass es einen Zugriff auf den Rechner gegeben hatte, der den Deflektor kontrollierte. „Commander.“, wendete sich der Klingone an seine thundarianische Vorgesetzte. „Offensichtlich programmiert sie gerade den Deflektor vom Maschinenraum aus um. Sie will ihn wohl dazu bringen, das Strahlungsmuster eines Klasse-F-Pulsars zu emittieren.“ „Denken Sie wirklich, dass uns das helfen wird?“, fragte Kissara, der angesichts der Situation langsam die Optionen ausgegangen waren. „Dazu kann ich nichts sagen, Kissara.“, sagte Mikel, der sich offensichtlich direkt angesprochen fühlte. „Ich bin kein Ingenieur. Aber Elektra ist technische Assistentin. Außerdem ist sie Androidin und als eine Solche mit Technologie vertrauter, als es jeder von uns je sein wird. Wie ich das sehe, stehen wir vor der Wahl, uns allein gegen mindestens … Kang, wie viele Vendar sind da draußen?“ „Ich zähle immer noch mindestens 30 Schiffe, Sir.“, beantwortete der klingonische Stratege die Frage des terranischen ersten Offiziers. „Also.“, fuhr Mikel fort, der wohl beabsichtigte, seine Schlappe von vorhin wieder wett zu machen und jetzt mit einer flammenden Rede zu brillieren, um Kissara, die sein Verhalten auch schwer verwundert hatte, wieder gnädig zu stimmen. „Wir haben entweder die Wahl, gegen 30 Vendar-Schiffe einen aussichtslosen Kampf zu kämpfen, oder Elektra zu vertrauen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich wähle das Vertrauen!“

Kissara war irritiert. Eine so flammende Rede war sie von Mikel nicht gewohnt. Sie fragte sich, was der Grund sein konnte, aus dem sich ihr erster Offizier jetzt so merkwürdig verhielt. Wollte er etwa etwas kompensieren? War es, weil er sich vorher so dumm angestellt hatte und das jetzt offensichtlich bereute? Aber selbst wenn, dann konnte das ja jedem wohl schließlich einmal passieren und war in ihren Augen noch lange kein Grund, sein Verhalten von jetzt auf gleich um 180 Grad zu ändern, nur um ihr vielleicht gefällig zu sein. Dass so etwas unter Umständen nötig sein konnte, hatte Kissara wohl schon einmal auf den Schiffen von Weltraumpiraten beobachtet, aber auf einem Sternenflottenschiff, insbesondere auf einem, das unter ihrem Kommando stand, war auch mal Zeit für kleine Pannen. Schließlich waren alle, vielleicht mit Ausnahme von Elektra, keine Maschinen, sondern biologische Lebensformen, denen so etwas eben ab und zu passieren konnte. Aber selbst Elektra galt ja rechtlich als Lebensform und hatte somit auch das Recht, auch mal einen Fehler zu machen, wenn es denn mal passieren würde.

Die Thundarianerin hatte gemerkt, dass sie mit ihren Gedanken abgewichen war und das gerade jetzt, wo eine so wichtige Entscheidung von ihr verlangt wurde. Die Frage nach dem Grund für die flammende Rede ihres ersten Offiziers, die sie eher an die Rede eines Politikers erinnerte, konnte sie wohl auch noch später mit ihm klären, wenn diese kitzelige Situation vorbei war und sie Lycira nach Möglichkeit in einem Stück gerettet hatten. „Also gut.“, entschied sie. „Lassen wir Elektra machen. Mr. Kang, sobald Sie von ihr das Signal bekommen, aktivieren sie unseren kleinen Pulsar!“ „Aye, Commander!“, erwiderte der Klingone an der Waffenkonsole zackig und wandte sein rechtes Ohr sofort in Richtung Lautsprecher, um gleich auf auch nur das kleinste Signal achten zu können. „Wir sollten außerdem noch ihre Aufmerksamkeit auf uns lenken, damit ihre Sensoren die Strahlung überhaupt aufnehmen. Ribanna, lassen Sie das Schiff einige merkwürdige Manöver ausführen. Denken Sie sich was aus.“ „Ja, Commander.“, nickte Ribanna. Dann ließ sie das Schiff absinken, wonach sie es sofort wieder hoch zog und andere ähnliche Merkwürdigkeiten, die sich die Vendar nicht erklären konnten, die sie aber gerade deshalb um so genauer beobachten wollten. „Aber wir sollten auch noch etwas tun, was die Vendar aufs Tiefste demoralisieren wird.“, sagte Kissara. „Ohne Kopf kann die Schlange nicht kriechen. Ribanna, bringen Sie uns in die Nähe des Führungsschiffes.“ Die Flugoffizierin nickte und führte den Befehl aus, während Kang noch einige Vendar-Schiffe unter Feuer nahm, um die Absicht der Granger zu verschleiern. Dann hörte man das Piepen der Waffenkonsole und Kang meldete: „Es ist Zeit!“ „Na dann!“, erwiderte Kissara und Kang, der sie durchaus verstanden hatte, aktivierte Elektras Profil, das sie in den Deflektor geladen hatte.

Nervös tippte Dirshan auf den Tasten seiner Konsole herum. „Was machst du da?!“, fragte Telzan streng, dem dies nicht verborgen geblieben war. „Fehlermeldungen, Anführer!“, erwiderte der Novize verzweifelt. „Es läuft kein System mehr störungsfrei!“ In diesem Augenblick fiel der Antrieb aus. „Siehst du?“, fragte Dirshan. „Kelbesh!“, fluchte Telzan, der sich das gerade Gesehene eben so wenig erklären konnte wie sein Schüler. „Sende einen Sammelruf an die anderen und frag nach, ob es ihnen genau so geht!“, spielte Telzan Entschlossenheit vor. Die Situation hatte ihn nämlich auch sehr verwirrt. „Wenn ich das Sprechgerät dazu überredet bekomme.“, sagte Dirshan mutlos und versuchte, das immer wieder auf seine Fehlfunktion aufmerksam machende Kommunikationssystem entsprechend zu programmieren.

„Die Vendar-Schiffe sind kampfunfähig, Commander.“, meldete Kang. „Sehr gut!“, lobte Kissara. Dann wandte sie sich Ribanna zu: „Allrounder, signalisieren Sie Lycira, nach Andockbucht vier zu fliegen. Jannings soll sich um sie kümmern und dann, Mikel, werden Sie wohl mal wieder ein Raumschiff vernehmen müssen. Die Vendar haben ja nicht umsonst hauptsächlich auf ihren Datenkern gezielt. Ich bin sicher, sie weiß irgendwas, von dem Sytania auf keinen Fall will, dass es in unsere Hände gerät.“ Mikel und Ribanna nickten und taten, was sie ihnen aufgetragen hatte.

„Lycira ist an Bord.“, meldete Ribanna einige Minuten später. „Na schön.“, entgegnete Kissara. „Dann rufen Sie jetzt das Führungsschiff der Vendar und verbinden auf meinen Platz!“ Ribanna lächelte und führte ihren Befehl aus.

Aufgrund der technischen Störungen dauerte es etwas, bis die Verbindung zustande kam, aber dann sah Kissara auf ihrem Schirm das völlig verzweifelte Gesicht von Telzan. „Kissara El Thundara!“, sagte der Vendar mürrisch. „Ich hätte mir denken können, dass du dahinter steckst!“ „Und ich habe mir gedacht, dass niemand anderes als Telzan so feige sein kann, mit einer Übermacht auf ein wehrloses Schiff Jagd zu machen!“, entgegnete Kissara mit einem Grollen in der Stimme. „Aber das ist etwas, das ich nicht zulassen werde!“ „Aber warum hast du nicht zuerst mit mir geredet?!“, versuchte Telzan schmeichlerisch, ihre Wut abzumildern und ihr ein schlechtes Gewissen gegenüber den Grundsätzen der Sternenflotte zu machen. „Ich meine, sonst müsst ihr doch auch immer zuerst den diplomatischen Weg gehen.“ „Dein Vorhaben war offensichtlich!“, sagte Kissara in dem gleichen wütenden Ton, aber in korrekter vendarischer Anredeweise. „War das jetzt genug Diplomatie? Ich lasse mich nicht für dumm verkaufen! Von Sytanias Schergen schon gar nicht! Wir werden uns jetzt wieder auf den Weg machen. Sobald wir fort sind, werden eure Schiffe auf gar magische Weise wieder funktionieren. Lasst euch aber ja nicht einfallen, uns zu folgen. Wir sind jederzeit in der Lage, diesen kleinen Trick zu wiederholen! Ribanna, Kurs Richtung 817, Warp sechs, aktivieren!“ Die Granger verschwand in einem Blitz.

Verwirrt waren die Vendar zurückgeblieben. „Denkst du, dass stimmt, was sie gesagt hat, Anführer?“, wendete sich Dirshan ängstlich an seinen Ausbilder. „Lass es uns ausprobieren.“, sagte dieser. „Aber du solltest die Systeme unseres Schiffes vorsichtshalber neu starten.“

Dirshan tat, was Telzan ihm aufgetragen hatte. „Es scheint, als hätte sie uns in diesem Punkt nicht belogen.“, sagte er dann, als er sah, dass die Systeme jetzt kein Piepen und keine Fehlermeldungen mehr ausstießen. „Warum sollte sie auch?“, sagte Telzan. „Es wäre gegen ihren Kodex. So. Und nun sag den anderen, sie sollen das Gleiche mit ihren Schiffen tun. Dann fliegen wir heim! Ich weiß zwar noch nicht, wie ich Sytania unsere Niederlage beibringen soll, aber ich hoffe, bis wir wieder im Dunklen Imperium sind, wird mir etwas eingefallen sein.“ „Gut, Anführer.“, nickte der Novize und tat, was Telzan ihm gerade gesagt hatte.

Shimar hatte tief und fest geschlafen. Allerdings hatte er dabei den Neurokoppler nicht abgenommen, was seinem Schiff ermöglicht hatte, seinen Schlaf und seine gesamten Körperfunktionen zu überwachen. „Sie scheinen die Sache doch sehr gut weggesteckt zu haben, Shimar.“, stellte IDUSA fest. „Wie man’s nimmt, IDUSA.“, erwiderte der junge Tindaraner. „Ich kann mir immer noch keinen Reim auf das machen, was ich da gespürt habe.“ „Wir werden mit Sicherheit früher oder später eine Lösung für dieses kleine Puzzle finden.“, tröstete der Avatar. „Aber wie es aussieht, fehlen uns bis jetzt dazu entscheidende Daten. Aus Erfahrung weiß ich jedoch, dass wir diese früher oder später aquirieren werden.“ „Du magst Recht haben, IDUSA.“, sagte Shimar, legte den Neurokoppler ab und stand vom Sitz auf, um sich fest und lange zu strecken.

„So gut wie heute habe ich lange nicht mehr geschlafen, IDUSA.“, sagte er, nachdem er sich wieder gesetzt und den Koppler aufgesetzt hatte. „Das ist kein Wunder.“, begann das Schiff ein Geständnis. „Schließlich habe ich Sie mit Alphawellen bestrahlt. Ihre medizinischen Werte wiesen darauf hin, dass Sie in einer Art Schockerlebnis waren. Ich dachte mir, dass Schlaf für Sie die beste Medizin sei. Ishan würde das sicher auch bestätigen.“ „Da wäre er sicher nicht der Einzige.“, sagte Shimar und holte tief und genießerisch Luft. „Ich denke sogar, dass ich bis Terra übernehmen kann.“ „Also gut.“, sagte das Schiff und zeigte ihm die Steuerkonsole.

Nicht nur Shimar, auch ich, hatte wunderbar geschlafen! Jedenfalls fühlte ich mich sehr erfrischt, als ich immer noch in dem Bett in D/4’s Gästezimmer erwachte. „Guten Morgen.“, sagte eine nüchterne Stimme neben mir. Sofort hatte mein geschultes Gehör registriert, von wo die Ansprache gekommen war und wer mich begrüßt hatte. Außerdem hatte ich entdeckt, dass ich eine Tropfkonsole trug. „Guten Morgen, D/4.“, sagte ich. „Wie lange habe ich geschlafen?“ „Sie schliefen drei Tage und 12 Stunden.“, antwortete die Sonde. „Was?!“, fragte ich erstaunt. „Aber warum …?“ „Ich habe Ihnen das Medikament, welches ich angekündigt habe, besorgt und injiziert.“, sagte sie. „Alles klar.“, antwortete ich und setzte mich auf. „Bin ich denn jetzt wieder gesund?“ „Um dies zu beurteilen.“, setzte sie an. „Werde ich Ihren Zustand noch eine Weile beobachten müssen. Aber dann werde ich bald mehr sagen können. Agent Sedrin Taleris-Huxley wird übrigens Ihre Aussage aufnehmen, sobald ich sie verständigt habe. Sie war vor zwei Tagen schon mal zu diesem Zweck hier, aber dann musste ich ihr sagen, dass Ihr Zustand keine Aussage zulässt.“ „Wie auch.“, sagte ich. „Da habe ich tief und fest gepennt.“ „Das ist korrekt.“, sagte die Sonde, der meine oft etwas saloppe Ausdrucksweise sehr gut bekannt war.

Sie zog meinen rechten Arm zu sich heran, um mich von der Tropfkonsole zu befreien. „Die brauche ich jetzt wohl nicht mehr.“, setzte ich voraus. „Ihre Annnahme ist korrekt.“, meinte sie. „Wenn Sie wollen, können Sie unter meiner Aufsicht sogar aufstehen. Ich halte Ihre körperliche Verfassung für entsprechend geeignet.“ „Danke.“, sagte ich und stellte mich vor das Bett.

Sie griff meine linke Hand und legte sie auf ihren rechten Arm. Dann sagte sie: „Folgen Sie mir. Wir sollten zunächst einige Runden hier im Zimmer auf und ab gehen, damit Ihr Kreislauf sich wieder langsam an die Situation gewöhnt. Aber jetzt können Sie mir doch auch sicher beantworten, wie ich einer Protoeinheit erklären soll, wie wir Xylianer uns fortpflanzen. Deshalb habe ich Ihnen nämlich schon eine SITCH-Mail geschickt. Darin sind auch die Kontaktdaten der Protoeinheit enthalten.“ „Was?“, grinste ich. „Aber gut, D/4. Ich denke, das wird mich auch von meinem Schock ablenken. Vielleicht genese ich dann sogar noch schneller. Also, lassen Sie uns jetzt diese Kontaktdaten benutzen! Ablenkung ist in meinem Fall sicher gleichzeitig effektiv und effizient, he? Aber trotzdem würde mich interessieren, warum Sie so etwas Intimes mit einem Kind diskutieren.“ „Ich werde Ihnen alles auf dem Weg zum Sprechgerät erklären.“, entgegnete die Sonde und verließ mit mir das Zimmer in Richtung der guten Stube, wo das Sprechgerät zu finden war.

Nitprin war es tatsächlich gelungen, eine primitive Signalbarke aus den Teilen zu bauen, die sie aus den Geräten retten konnte, die sie über das ganze Gebiet um die Ausgrabungsstätte herum gefunden hatte. Diese Barke hatte nun ein kleines Schiff angelockt, dessen Atmosphärentriebwerke sie jetzt immer näher kommen hörte. „Jetzt kommen sie endlich und retten mich.“, flüsterte sie, die mittlerweile schon sehr schwach war. Sie hatte sich auf dem Wüstenplanetoiden ja nur von den dort spärlich wachsenden Pflanzen, die eher faserige Flechten waren und einigen merkwürdigen Tieren, die sie aus dem Boden gegraben hatte, ernähren können. Der Gedanke, ein Tier zu töten, auch wenn es nur ein Lurch oder eine Kröte war, gefiel ihr gar nicht. Sie fand dieses Vorhaben eher ekelhaft, aber es war für ihr eigenes Überleben notwendig. Das wusste die junge Breen. Außerdem war sie die einzige Zeugin für das, was mit Radcliffe geschehen war. Sie musste es ja irgendwem sagen können und das ging nicht mehr, wenn sie tot war.

Sie sah den großen Schatten des Shuttles langsam immer weiter sinken. Die Form des Schiffes konnte sie nicht einordnen. Ein solches Schiff, das sie irgendwie in seiner Bauweise an ein Rad erinnerte, hatte sie noch nie gesehen. Es war eindeutig nicht Breen. Aber das war ihr im Moment auch egal.

Sie stand aus ihrer kauernden Haltung auf und wollte sich schon in Richtung des Schiffes begeben, das inzwischen gelandet war, als sie der merkwürdigen Besatzung ansichtig wurde.

Am Schiff hatte sich eine Luke geöffnet und zwei Gestalten waren herausgetreten. Die Gestalten erinnerten in ihrem Aussehen etwas an riesige terranische Frösche, aber sie waren viel größer und ihre Körper waren mit Panzern bedeckt, wie Nitprin sie aus Erzählungen von terranischen Schildkröten kannte. Ihre Haut, sofern man sie unter den schildpattfarbenen Panzern sehen konnte, war grün und ihre Augen glupschten aus ihren Gesichtern hervor. Außerdem hatten beide auf dem Kopf eine Art Hautmanschette, die wie ein Trichter oder Füllhorn aussah.

Die Wesen, die Nitprin auf keinen Fall identifizieren konnte, näherten sich ihr langsam. Sie aber hoffte, dass sie nicht gesehen worden war. Diesen Leuten zu begegnen, war ihr unheimlich! Sie suchte sich deshalb schnell ein Versteck und beobachtete sie von dort aus weiter, wie sie sich auf die Ausgrabungsstätte zu bewegten und den Gegenstand genauer betrachteten, der in dem Loch lag. Um so besser., dachte die kleine Breen. Wenn sie das Ding im Visier haben, dann lassen sie mich zumindest in Ruhe. Wo bist du nur, Betsy? Du als Sternenflottenoffizierin könntest mir das hier doch sicher erklären.

Eines der Wesen beugte sich jetzt tiefer in das Loch. Dann sprach es wohl offensichtlich mit seiner etwas quakend klingenden Stimme zu dem anderen Wesen: „Was immer das auch ist, Dianora, wir sollten es mitnehmen. Vielleicht finden wir ja jemanden, der darum mit uns spielt.“ „Du hast Recht, Lenn.“, sagte das andere Wesen, dessen Stimme sich eindeutig in der Höhe von der des Vorredners unterschied. Offensichtlich war es weiblich, während das andere männlich war. „Eine gute Partie Quisar hat mich noch immer sehr erfreut.“ „Aber wir sollten vorher mal nachsehen, ob hier nicht jemand ist, der eventuell Ansprüche erheben könnte. Unsere gesellschaftlichen Regeln basieren zwar auf dem Glücksspiel, aber heute ist mir nicht danach, ein Risiko einzugehen.“, sagte der Mann. „Ich dachte, du wärst ein größerer Draufgänger.“, sagte die Frau und klang dabei etwas enttäuscht. Dann hob sie ihre froschartige rechte Vorderpfote und zeigte damit auf den Hauttrichter auf seinem Kopf. „Ich dachte, bei dem Füllhorn bist du etwas mutiger. Jedenfalls hast du auf mich deshalb viel attraktiver gewirkt, als du dich jetzt zeigst. Wir sollten einfach unserem Glück vertrauen. Das hat uns bisher noch nie im Stich gelassen. Aber wenn du Angst hast, kannst du ja gern noch mal nachsehen, während ich die Transportverstärker aufbaue. Wie kommst du eigentlich auf so was?“ „Jemand muss ja diese Signalbarke gebaut haben, Dianora.“, rief der Mann ihr die Art und Weise in Erinnerung, wie sie auf den Planetoiden aufmerksam geworden waren. „Wenn das so ist.“, sagte die Frau. „Dann ist derjenige eindeutig nicht mehr hier. Die Barke habe ich übrigens gesehen. Sie sieht aus, als hätte ein Schulkind sie gebaut. Die Person ist entweder längst tot oder längst weg. Vertrau mir. Ich habe ein Näschen für so etwas. Wir hatten ein wahnsinniges Glück, dass wir dieses kristallene Ding gefunden haben. Es scheint auch etwas Geheimnisvolles auszustrahlen. Es wird sicher genug Leute in der Galaxie geben, die mit uns um es spielen würden. Ich könnte mir gut vorstellen, dass so mancher Ferengi zum Beispiel es gern in seinem Wohnzimmer hätte.“ „Na ja.“, gab der Mann zu. „Es sieht ja wirklich ziemlich glänzend und protzig aus mit seinen merkwürdigen Zeichen und überhaupt mit seiner gesamten Form. Wenn wir uns jetzt noch eine passende Geschichte dazu überlegen, dann wird es vielleicht noch attraktiver.“ „So will ich dich hören!“, sagte die Frau begeistert und hüpfte in die Luft. Dies bereute sie aber gleich wieder, denn die Hitze machte ihr doch sehr zu schaffen. „Puh!“, machte sie. „Wir sollten machen, dass wir hier wegkommen. Sonst trocknen wir noch beide aus!“ „Wie du wünschst.“, sagte der Mann und zog ein Sprechgerät aus der Tasche seiner merkwürdig juteartig wirkenden Uniform. Dann gab er einige Befehle ein, worauf die Beiden in zwei durchsichtiger werdenden Säulen verschwanden.

In ihrem Versteck unter einem Felsvorsprung hatte sich Nitprin fest auf den sandigen heißen Boden gepresst. Es war ihr egal, dass er heiß war. Es war ihr auch egal, dass ihr defekter Kälteanzug ihr keinen Schutz mehr bot. Sie wollte nur nicht gesehen werden. Immer höher kroch die Hitze in ihr. Gleich bin ich durch gebacken wie ein Brot., dachte sie. In diesem Moment erklang das für sie wie eine Erlösung wirkende Geräusch des Antriebs des fremden Schiffes. Sie waren fort.

Vorsichtig stand sie auf und schlich zum Ort des Geschehens. Sie hoffte sehr, noch Spuren der Fremden zu finden, die sie den richtigen Leuten zeigen konnte, falls sie doch noch Aussicht hatte, gerettet zu werden. Ihre Angst, die sie immer noch in ihrem Klammergriff hielt, war so schlimm geworden, dass sich Nitprin nichts sehnlicher wünschte, als endlich von jemandem gefunden zu werden. Und wenn es ein genesianisches Kriegsschiff war! Das war ihr auch recht. Hauptsache, sie konnte endlich mit jemandem reden. Die Fremden sahen nicht sehr Vertrauen erweckend aus. Aber ein Gutes hatte die Sache doch. Sie hatten sie von einem weiteren Angstfaktor befreit! Der Gegenstand war weg. Sie mussten ihn mitgenommen haben. Worüber immer sie auch geredet hatten, jetzt hatten sie ihn am Hals. Darüber war Nitprin insgeheim sehr froh. Die größeren Zusammenhänge konnte sie in ihrem jungen Alter ja noch nicht begreifen.

Sie beschloss, nach ihrer Barke zu sehen. In regelmäßigen Abständen musste sie die Energiezellen wechseln, zumindest noch so lange, wie sie noch welche hatte, denn die dazu nötigen Geräte hatte sie schon fast alle ihrer Zellen beraubt. Ohnehin war ihr Vorrat an intakter Technologie aus bekannten Gründen eher spärlich. Erleichtert nahm sie zur Kenntnis, dass die Barke unangetastet geblieben war. „Für die haben sie sich nicht interessiert.“, flüsterte sie. „Aber sie haben diesen hinterlistigen Kegel. Es ist mir egal, was sie damit wollen. Soll das Ding doch mit ihnen zur Hölle fahren!“

Sie empfand plötzlich eine ungeheure Wut! Den nächst besten Stein, den sie finden und heben konnte, warf sie mit einem lauten Schrei in das Loch. Rein sachlich betrachtet hatte dies zwar nichts an der Situation geändert, aber sie fühlte sich sehr viel besser. Etwas in den Schlund zu werfen, aus dem das Übel entstiegen war, machte zumindest ihre Psyche etwas leichter.

Sie drehte sich um und ging in ihr doch verhältnismäßig kühles Versteck zurück. Hier, das ahnte sie, würde sie bestimmt noch einige Nächte verbringen müssen, bevor wirklich Rettung nahte.

Telzan und seine Leute waren zu Sytania zurückgekehrt und hatten ihr gestanden, was sie für eine Schlappe hatten hinnehmen müssen. „Sag das noch mal, Telzan!“, empörte sich die Prinzessin. „Eure Schiffe wurden von was lahm gelegt?!“ „Da muss plötzlich ein Klasse-F-Pulsar gewesen sein, Milady.“, sagte Telzan. „Jedenfalls haben unsere Systeme das noch gemeldet, bevor sie zusammenbrachen. Ich denke, dass vielleicht Euer Vater …“ „Mein Vater!“, lachte Sytania. „Mein Vater weiß von dieser Sache hier rein gar nichts! Außerdem würde er sich in die Hose machen, wenn er den Lauf der Sterne im Universum so stark verändern würde. Er hat da mehr Skrupel als ich. Ihm sind die Sterblichen ja so kostbar und wichtig! Mich hingegen kümmert es einen feuchten Scheißdreck, wenn ein paar dabei draufgehen. Oder sorgst du dich etwa um den Dreck unter deinen Schuhsohlen?“ „Nein, Gebieterin.“, sagte Telzan, den ihre Worte langsam erkennen ließen, dass er wohl hereingelegt worden war. „Aber wer, wenn nicht Logar, sollte …“, fragte er mit blassem Gesicht. „Na wer wohl?!“, fragte Sytania keifend. „Ist dir schon einmal in den Sinn gekommen, dass Kissara einen technologischen Weg gefunden haben könnte, eine solche Strahlung künstlich herzustellen?“

Telzan schnürte sich die Kehle zusammen. Es konnte ja durchaus sein! Seine Herrin würde ihn ja sicher mit ihren seherischen Fähigkeiten beobachtet haben und wissen, ob dort wirklich ein Pulsar gewesen war. „Ihr habt Recht, Milady.“, gab er verschämt zu. „Wie konnte ich nur so töricht sein?“ „Das frage ich mich auch!“, tadelte Sytania ihn. „Für so dumm hätte ich dich nämlich niemals gehalten. Aber weil das dein erster grober Fehler war, werde ich dir noch einmal verzeihen. Kehre in deine Garnison zurück. Ich erlege dir aber auf, deiner gesamten Truppe, die nicht dabei war, zu berichten, was dir für ein Fauxpas unterlaufen ist. Ich denke, die Scham, die du dafür vor ihnen empfinden wirst, ist dir Strafe genug! Geh jetzt! Ich werde nach dir schicken, wenn ich dich wieder gebrauchen kann!“ Untertänig nickte Telzan und verließ den Thronsaal mit einem langen Gesicht.

Kapitel 10: Ein verordneter Trost

von Visitor

 

Shimar und IDUSA hatten die Umlaufbahn von Terra erreicht. „Sie scheinen ja doch schon wieder gesünder zu sein, als ich dachte.“, stellte das Schiff angesichts der deutlichen und bestimmten Steuerbefehle ihres Piloten fest. „Es geht mir ja auch gut, IDUSA.“, meinte Shimar. „Es war ja nur ein wenig seltsam, was ich da auf Khitomer gespürt habe. Aber trotzdem danke für deine Behandlung. Sie hat mir trotz allem sehr gut getan.“ „Schiff tut, was Schiff kann.“, sagte der Schiffsavatar lächelnd. „Das weiß ich.“, sagte Shimar. „Und gerade du bist ein Musterbeispiel an Pflichtbewusstsein. Das weiß ich schon seit meiner Zeit als Kadett. So lange kennen wir uns schließlich schon. Ich bin ganz froh, dass du mich alten Heißsporn manchmal daran erinnerst, …“ „Habe ich da etwas nicht mitbekommen?!“, fragte das Schiff alarmiert. „Soviel ich weiß, haben Sie sich noch nie hitzköpfig oder unvernünftig gegenüber mir verhalten und mich nie mit voller Absicht gefährdet. Aber vielleicht stimmt etwas mit meiner Datenbank nicht. Ich denke, wenn wir wieder auf der Station sind, sollte ich Techniker McKnight Bescheid geben.“ „Hey.“, versuchte Shimar, sie zu beruhigen. „Dafür gibt es überhaupt keinen Grund. Ich wollte dir lediglich ein Kompliment bezüglich deiner Wachsamkeit machen.“ „Und dafür müssen Sie sich schlechter darstellen, als Sie es in Wahrheit sind?“, fragte IDUSA. „Wenn das so rüber gekommen sein sollte.“, begann Shimar, dem jetzt auch bewusst wurde, dass IDUSA, weil sie eben eine künstliche Intelligenz war, eine solche Art von Komplimenten nicht auf der emotionalen Ebene verstehen konnte, auf der es gemeint war, weil sie ja keine Emotionen hatte. Für sie war Fakt, dass Shimar sich gerade weit unter Wert verkauft hatte und mehr nicht. Dies konnte sie anhand ihrer Datenbank einwandfrei widerlegen. „Tut mir leid, IDUSA.“, entschuldigte sich der junge tindaranische Patrouillenflieger. „Das war wohl wieder so ein biologisch künstliches Missverständnis.“ „Schon gut, Shimar.“, sagte sie.

Ein Lämpchen an der virtuellen Konsole vor Shimars geistigem Auge zeigte ihm, dass sie gerufen wurden. Gleichzeitig sah er im virtuellen Display das Rufzeichen der terranischen Raumkontrolle. „Übernimm du das.“, sagte Shimar. „Sag ihnen, dass wir nur jemanden abholen und dann beam mich in Betsys Garten.“ „Wie Sie wünschen.“, meinte der Schiffsavatar. Dann scannte IDUSA die Umgebung, in die sie ihn transportieren würde, wie es die tindaranischen Protokolle vorsahen. „Ich registriere das Biozeichen eines anderen Wesens in der Transportzone.“, meldete sie. „Kannst du es identifizieren?“, fragte Shimar. „Nicht namentlich.“, sagte das Schiff. „Aber ich weiß, dass es zur Gattung der Philiden gehört.“ „Zeig es mir!“, befahl Shimar. „Dann bist du beruhigt und ich weiß, auf was ich mich einlasse. Terranische Katzen mögen meines Wissens keine Telepathen.“ „Dann sollten Sie zunächst hier an Bord bleiben.“, schlug IDUSA vor. „Ich denke, das wird für alle Beteiligten am besten sein. Sie geraten nicht in Gefahr, das Wesen gerät nicht in Stress.“

Shimar machte ein zerknautschtes Gesicht, was ihr zeigte, dass er mit ihrem Vorschlag nicht einverstanden war. „Wie lange willst du denn hier mit mir in der Umlaufbahn warten, he?“, fragte er berechtigt, denn er wusste, dass Katzen einen sehr langen Atem haben konnten. Außerdem wusste ja die Katze wohl nicht, dass es laut einem gewissen tindaranischen Schiff für sie besser war, den Garten so schnell wie möglich zu verlassen, da dieses Schiff im Begriff war, ihr einen Telepathen direkt vor die Nase zu beamen. „Ich mache dir aber einen anderen Vorschlag.“, sagte Shimar. „Du beamst mich herunter und dann hältst du mich mit den Transportersensoren erfasst, bis ich dir etwas anderes sage. Falls ich deiner Meinung nach in Gefahr bin, kannst du mich ja sofort wieder rauf holen.“ „Mit diesem Kompromiss kann ich leben.“, sagte IDUSA und begann eine Erfassung. Shimar, der dies durchaus mitbekommen hatte, legte den Neurokoppler ab und stand vom Sitz auf, um dann in Richtung Bordmikrofon zu befehlen: „Aktivieren!“

Er fand sich mitten auf der mit langem grünen Gras bewachsenen Wiese wieder. „Hier muss sich auch mal wieder jemand um den Garten kümmern.“, stellte er fest und bahnte sich seinen Weg durch die Halme. Schließlich wurde er Caruso ansichtig, der auf einem Pfeiler des Zaunes saß, der das Grundstück von Data und Cupernica von meinem trennte. Der Kater hatte das für ihn wohl ziemlich merkwürdige Schauspiel der Ankunft des Tindaraners beobachtet. Jetzt sprang er vom Pfeiler und schlich auf ihn zu.

Shimar beobachtete genau Schwanz- und Körperhaltung seines Gegenüber. Von mir hatte er gelernt, wie sich eine Katze verhält, die in Angriffsstimmung ist. Aber dieses Gefühl hatte er bei Caruso jetzt gar nicht. Auch seine telepathische Wahrnehmung der Stimmung des Katers ließ keinen solchen Schluss zu. Carusos Schwanz war steil in die Luft erhoben und seine Nackenhaare lagen an der Haut an. Er schnurrte sogar tief und gleichmäßig, als er sich Shimar näherte. Dies war auch auf gar keinen Fall ein Beschwichtigungsverhalten, sondern zeugte eher davon, dass Caruso wohl Shimars Energie als sehr positiv empfand. Dass er ihn als Telepathen wahrnahm, stand für den jungen Tindaraner unumstößlich fest! Aber entweder, alle Forscher hatten sich geirrt, oder Caruso machte bei ihm eine Ausnahme.

Still und fasziniert von diesem Umstand war Shimar stehen geblieben. Er wusste nicht, ob es klug war, den Kater anzusprechen. Seinen Namen kannte er von mir. Aber trotzdem wusste er nicht, wie er sich verhalten sollte. Deshalb war er froh, dass Caruso jetzt die Begrüßung übernahm, indem er seinen Kopf vorstreckte und langsam weiter schlich. Shimars rechten Stiefel, der zur normalen tindaranischen Militärausrüstung gehörte, hatte er fest im Auge, was Shimar nicht entging, dessen Blick fest auf den von Caruso gerichtet war. Was hast du vor?, dachte Shimar an Caruso gewandt, der jetzt spätestens merken musste, dass sein Gegenüber eigentlich einer von Katzen nicht gemochten Spezies angehörte. Der Kater aber ließ sich von Shimars Gebaren und der telepathischen Ansprache nicht beeindrucken und setzte seine Schmeicheloffensive fort. Er setzte einen lieben verschmusten Blick auf und drückte seinen Kopf fest gegen Shimars Bein. Sein Schnurren schwoll sogar noch stärker an, als er begann, seine Wange an dem Kunststoff, aus dem die Außenhaut des Stiefels bestand, zu reiben.

Ratlos zog Shimar sein Sprechgerät aus der Tasche und gab IDUSAs Rufzeichen ein. „Was gibt es, Shimar?“, fragte die freundliche Stimme des Avatars. „Kannst du in deiner Datenbank ein Beispiel dafür finden, dass eine Katze einen Telepathen gemocht hat?“, fragte Shimar im Flüsterton. „Negativ.“, antwortete der Rechner. „Aber ich bin gern bereit, Sie und diesen Kater als erstes Beispiel zu vermerken. Der Allrounder hat mich einmal zur Genüge mit Daten über Katzenverhalten gefüttert. Daher weiß ich, dass seine Gesten nur so zu deuten sind.“ Sie brach die Verbindung ab. „Jetzt bin ich genau so schlau wie vorher.“, sagte Shimar leicht frustriert und steckte das Gerät wieder ein.

Caruso warf sich vor ihm auf den Rücken und präsentierte seinen frisch mit Mäusen gefüllten Bauch. „Na gut.“, sagte Shimar, hockte sich hin und begann damit, ihn so fest zu kraulen, wie er nur konnte. Caruso räkelte sich und schnurrte noch lauter. Dann begann er sogar, vor lauter Wonne zu speicheln. Rechts und links von seinen Wangen bildete sich ein regelrechter See. Aber trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, drückte er sich noch stärker gegen Shimars Hände. Was dies für eine Bedeutung hatte, war dem jungen Tindaraner durchaus bewusst. „Ich kann nicht stärker kraulen.“, flüsterte er. „Wenn ich das versuche, dann bohre ich mich noch in deine Eingeweide. Aber du könntest auch etwas für mich tun. Weißt du vielleicht, wo Betsy ist? Verstehst du?“ Er sendete Caruso telepathisch mein Bild.

Caruso gab einen gurrenden Laut von sich, stand auf und flitzte Richtung Straße. „Langsam!“, rief Shimar ihm hinterher, der jetzt richtig sprinten musste, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Aber das war wegen seiner durch den Hockzustand bedingten eingeschlafenen Beine gar nicht so leicht. Caruso, der an einer Ecke stehen geblieben war, gab zwei kurze gurrende Geräusche von sich. Dies war auch der allgemeine Lockruf, den Katzenmütter zum Anlocken ihrer Kinder verwendeten. „Ich komme ja schon.“, sagte Shimar. „Aber du könntest wenigstens ein bisschen auf mich warten. Schließlich habe ich nur zwei Beine und du vier. Reichlich unfair, wenn du mich fragst.“ Er stakste immer noch reichlich unbeholfen hinter seinem 4-beinigen Führer her.

Radcliffe hatte mit dem Breenschiff die Umlaufbahn des Mars erreicht. Hier würde er sein Werk, die Föderation von der Erbsünde rein zu waschen, fortsetzen. Er machte sich bereit, hinunter zu beamen.

Nathaniel!, hörte er eine telepathische Stimme in seinem Geist. Prinzessin Sytania?, dachte er unsicher. Genau so ist es richtig., lobte die imperianische Königstochter. Ach, die meisten Nicht-Telepathen kapieren einfach nicht, dass sie nur zu denken brauchen, was sie mir antworten wollen. Aber du, du machst da eine sehr rühmliche Ausnahme. Aber nun zu dem Grund, aus dem ich mit dir reden will. Du hast auf deinem Weg der neuen Antiföderation schon eine Menge Bürger und der Antisternenflotte schon eine Menge Schiffe zugeführt. Das finde ich sehr gut! Aber hier auf dem Mars sollten wir noch einmal über dein Vorgehen beraten. Natürlich möchte ich, dass du mir auch die bösen Seiten der Siedler zuführst, aber deine Familie soll intakt bleiben. Von deiner Frau und deinem Sohn benötige ich noch kein Alterego. Aber mit deiner Schwiegermutter sieht das anders aus. Versuch sie zu überzeugen. Sollte dir dies nicht gelingen, töte sie!

Erschrocken stand Nathaniel da. Er hatte sich mit Lorana, so der Name seiner Schwiegermutter, immer gut verstanden. Sie jetzt unter Umständen töten zu müssen, jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken und er begann zu zweifeln. Hast du vergessen, wer dich geheilt hat?!, setzte sie ihn unter Druck. Bedenke, wo du ohne mich wärst! Wie ihr wünscht, Prinzessin., gab Radcliffe zurück. Also, die anderen Siedler zuerst und meine Familie zum Schluss. Und ich soll nur Lorana versuchen rein zu waschen. Du kapierst schnell., dachte Sytania. Bitte beantwortet mir nur noch eins., bat Radcliffe. Warum bin ich, trotz ich eine solche Macht von Euch bekommen habe, immer noch an meinem Leib verwundbar? Das werde ich dir gern beantworten., erwiderte Sytania und versuchte dabei, sehr freundlich zu klingen. Deine Unverwundbarkeit bekommst du, wenn wir gesiegt haben. Du sollst ja schließlich noch etwas haben, für das es sich zu kämpfen lohnt, nicht wahr? So. Und nun beame auf den Mars und tu dein heiliges Werk! Sie lachte hexenartig in seinen Geist.

Radcliffe, der ihr alles in seiner Verblendung glaubte, ging zur Transporterkonsole, um seine Koordinaten einzustellen. Dass sie gelogen hatte, was seine Unsterblichkeit und seine Unverwundbarkeit anging, vermochte er nicht zu sehen. Natürlich würde sie ihm diese auf keinen Fall gewähren, denn sie wollte ja schließlich eine Marionette und keinen ebenbürtigen Partner, mit dem sie hätte teilen müssen. Aber um das zu erkennen, kannte Radcliffe Sytania noch nicht gut genug.

Er aktivierte den Transporter und eine Verzögerung, die er einbauen musste, um rechtzeitig auf die Plattform gelangen zu können. Jetzt fand er sich auf den Straßen der Siedlung auf dem Mars wieder. Hier wählte er eine Richtung und ging eine Straße entlang. Im erstbesten Haus würde er beginnen.

D/4 und ich hatten ihr Sprechgerät erreicht und sie hatte mir von dem kleinen Lapsus erzählt, der ihr unterlaufen war. „Oh weih, D/4.“, sagte ich. „Da sitzen Sie ja ganz schön in der Klemme. Aber keine Angst, ich hole Sie da schon wieder raus. Wir sollten aber einiges vorbereiten. Sie sollten Ihrem Replikator befehlen, ein Puzzle zu replizieren. Am besten wäre ein Kinderpuzzle, das auch für Malcolm vertraut ist.“ „Wo zu?“, fragte die Sonde irritiert. „Das werden Sie dann schon sehen. Vertrauen Sie mir.“, sagte ich, während ich das Rufzeichen in das Sprechgerät eingab, das sie mir zuvor bereits diktiert hatte.

Am anderen Ende der Verbindung meldete sich die Stimme einer älteren Frau: „Hier ist Lorana.“ „Hallo, Lorana. Ich bin Allrounder Betsy Scott.“, stellte ich mich vor. „Ach Sie sind das!“, rief die Alte aus. „Sie sind bestimmt die, von der mein Enkel erklärt haben will, wie die Xylianer Babies machen. Er redet die ganze Zeit von nichts anderem mehr. Warten Sie bitte. Ich werde ihn holen.“ Sie hängte das Mikrofon hörbar ein, allerdings ohne die Verbindung zu beenden.

Malcolm spielte vor dem Haus mit Yara, als seine Großmutter zu ihm trat. „Ich habe jemanden für dich, die dringend mit dir reden will.“, sagte sie. „Es ist Allrounder Betsy Scott von der Sternenflotte. Erinnerst du dich?“ „Ja, Großmutter!“, quietschte der Kleine und bekam ganz rote Bäckchen. Dann ließ er Yaras Spielzeug, das er in der Hand gehabt hatte, einfach fallen und rannte auf seinen kleinen Füßchen hinter seiner Großmutter her ins Haus. Die arme Yara blieb verwirrt zurück. Schließlich nahm sie ihr Spielzeug ins Maul und trottete davon.

Malcolm und Lorana waren ins Wohnzimmer gekommen. „So.“, sagte die alte Frau. „Hier hast du das Mikrofon.“ Dann gab sie es dem Kind in die Hand, das mich sofort freudig begrüßte: „Hallo, Allrounder Betsy Scott!“ „Hi, kleiner Mann.“, lächelte ich zurück. „Du musst Malcolm sein. Die Tante D hat mir schon viel von dir erzählt. Aber du kannst Betsy oder auch Tante Betsy zu mir sagen.“ „OK, Tante Betsy.“, sagte Malcolm. „Kannst du mir wirklich erklären, wie die Xylianer Babies machen?“ „Oh, ja.“, sagte ich zuversichtlich. „Ich denke schon. Ich muss nur noch rauskriegen, ob meine Assistentin schon so weit ist.“

Ich wandte den Kopf in Richtung des Replikators, wo ich D/4 hörte, die offensichtlich gerade mit dem Eingeben der Spezifikationen für das Puzzle beschäftigt war. Dann hörte ich das Gerät summen. „Ah ja.“, sagte ich und winkte der Xylianerin, zu mir an den Tisch zu kommen. „Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Art der xylianischen Fortpflanzung und diesem Puzzle?“, fragte die Sonde. „Ich habe Ihnen gesagt, dass Sie das noch sehen werden.“, erinnerte ich sie. „Ihre Methoden sind ungewöhnlich.“, stellte sie fest. Cool erwiderte ich: „Ich weiß.“ Dann instruierte ich sie: „Kippen Sie das Puzzle auf dem Tisch aus und nehmen Sie sich die Hälfte der Teile, während Sie mir die andere überlassen!“ „Also gut.“, sagte die Sonde und tat, was ich von ihr verlangt hatte.

Ich nahm das Mikrofon wieder in die Hand und eine wichtige Haltung ein. Dann sagte ich: „Pass auf, Malcolm. Der Replikator, der dieses Puzzle gemacht hat, weiß auch, wie es geht. Das weiß er, weil ein Programm ihm das sagt. Zwei Xylianer legen auch jeweils die Hälfte ihres Programms in den Speicherkern der weiblichen Einheit. Du weißt ja auch, dass du aus dem Bauch von deiner Mummy gekommen bist, nicht wahr?“ „Ja.“, bestätigte Malcolm. „OK.“, sagte ich. „Genau wie du aus etwas von deiner Mummy und deinem Daddy bestehst, besteht auch ein Xylianer aus einem Teil von seiner Mummy und seinem Daddy. Diese Teile werden auch zusammengefügt wie bei unserem Puzzle hier.“

Ich gab D/4 einen Wink, auf den sie ein Teil einfügte. Dann ließ ich eines folgen und so fuhren wir fort, bis das Puzzle vollständig war. „Wenn das Programm vollständig ist.“, setzte ich meinen Vortrag fort. „Dann wird es in einen Replikator überspielt, der dann den Körper macht.“ Damit schob ich das Puzzle in eine andere Ecke des Tisches. Allerdings konnte Malcolm jetzt gut sehen, was das Puzzle darstellte, was vorher nicht möglich war. „Ich glaube, ich habe verstanden, Tante Betsy.“, sagte er. Allerdings gewann ich den Eindruck, dass er mir schon nicht mehr richtig zugehört hatte. Etwas musste ihn abgelenkt haben. Jedenfalls beendete er plötzlich ohne Vorwarnung die Verbindung.

Der Grund für seine Ablenkung kam gerade zur Tür herein. „Daddy!“, rief Malcolm erfreut aus. „Bist du wieder gesund?“ „Ja, das bin ich, mein Sohn.“, sagte Radcliffe. „Wo sind denn Mummy und Großmutter? Willst du sie für mich holen?“ „Sicher.“, sagte Malcolm strahlend und wuselte aus dem Zimmer. Sein Weg führte ihn in die Küche des Hauses, wo er seine Mutter und seine Großmutter vorfand. „Großmutter, Mummy, Daddy ist wieder da!“, quietschte er. „Er will euch sehen!“

Nayale war erfreut und skeptisch zugleich. Zu viel war passiert, als dass sie sich jetzt einfach wieder ihrem Mann in die Arme werfen würde, aber vielleicht gab es ja wirklich Hoffnung. Die junge Frau war hin und her gerissen. Schließlich sagte Lorana: „Lasst uns gehen! Wir werden ja noch sehen, was es mit der Heilung von Nathaniel auf sich hat.“

Die Frauen folgten dem begeisterten Kind zurück ins Wohnzimmer. Hier trafen sie auf Nathaniel, der sogleich Lorana ansprach: „Ich kann dich von einer großen Sünde reinigen, die seit den Tagen von Deep Space Nine auf der Föderation lastet. Fürchte die Reinigung nicht, Lorana.“

Er streckte die Hand nach seiner Schwiegermutter aus, aber Nayale bekam sie zu fassen und drehte ihm den Arm auf den Rücken. „Komm zu dir, Nathaniel!“, rief sie. „Du bist ja immer noch völlig von Sinnen. Gesund ist etwas anderes. Was redest du für ein wirres Zeug?!“

Es war Nathaniel gelungen, sich aus ihrem Griff zu befreien, was ihm auch wieder das Benutzen seiner Kräfte ermöglichte, denn der Schmerz war bei Weitem nicht mehr so schlimm. „Es liegt mir fern, dich zu verletzen, Nayale.“, sagte Radcliffe. Im selben Moment verschwanden Nayale und Malcolm durch einen schwarzen Blitz. „Was ist aus dir geworden?!“, fragte Lorana und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „So kenne ich dich nicht! Jedenfalls werde ich nicht zulassen, dass du irgendwas mit mir machst!“

Sie ging zum Sprechgerät und betätigte die Notruftaste, was ihr eine direkte Verbindung zur Notrufzentrale in Little Federation zu Kelly Davis ermöglichte, die dort für die Notrufkoordination zuständig war. „Helfen Sie mir!“, schrie sie ins Mikrofon. „Hier ist ein Monster in meinem Haus. Was immer dieses Wesen ist, es ist nicht mehr mein Schwiegersohn. Er behauptet, mich rein waschen zu wollen, aber ich will das nicht! Hilfe! Ich habe Angst! Er muss von einem außerirdischen Wesen in Besitz genommen worden sein, oder … Ah!!!“ Loranas Schrei und ein Aufprall waren das Letzte, das Kelly hörte. Den Informationen nach, die sie von Lorana erhalten hatte, konnte dies nur eines bedeuten. Der Fremde hatte sie getötet. Sofort leitete sie alles in die Wege, was bei eventuell befürchtetem feindlichen Außerirdischem Einfluss zu tun war. Der Geheimdienst und die Rettung mussten verständigt werden.

Geschockt von dem, was ihm offensichtlich möglich war, stand Radcliffe vor der Leiche seiner Schwiegermutter, die er mit einem einzigen Gedanken ins Jenseits befördert hatte. Er wusste zwar, dass Sytania ihm genau das gesagt hatte, aber er hatte immer noch gehofft, es nicht ausführen zu müssen.

Yara kam ins Haus geschlichen. Der Tumult musste auch sie aufgeschreckt haben. Zwar verstand das Tier nicht, was gerade mit ihrem Frauchen geschehen war, sie spürte aber genau, von wem die Gefahr ausgegangen war. Ihre grünen Augen blitzten Radcliffe böse und kampfbereit an. Ihre Krallen waren ausgefahren und sie war in einer Stellung, die es ihr ermöglichen würde, ihn anzuspringen und ihn durch diesen Sprung zu Fall zu bringen, was auch im Allgemeinen der Jagdtechnik demetanischer Wollkatzen entsprach. Sie knurrte laut und fauchte, als sie Radcliffe fixierte. „Das wird dir nichts nützen.“, sagte dieser ruhig und teleportierte sich vor Yaras Augen davon.

Irritiert schnüffelte und schaute Yara nach ihrem Feind, den sie aber nicht mehr finden konnte. Da die gesamte Situation sie sehr verwirrt hatte, versuchte sie, bei ihrem Frauchen Schutz zu finden. Sie stupste Loranas Leiche an, aber von ihr kam selbstverständlich keine Reaktion. Das verstand sie noch weniger. Ihr Frauchen konnte doch angesichts dieser großen Gefahr nicht einfach schlafen! Sie kratzte vorsichtig am toten Körper der alten Zeoniden, aber wieder geschah nichts. Schließlich biss sie Lorana verzweifelt in den rechten großen Zeh. Der Geschmack sagte Yara nun unumstößlich, dass ihr geliebtes Frauchen tot war. Aber sie würde nicht von ihrer Seite weichen! Auch jetzt noch würde sie auf sie achten. Sie spürte, dass die Gefahr lange nicht gebannt war. Malcolm, oder ein anderer Mensch, dem sie vertraute, waren leider nicht in der Nähe, aber sie hatte gelernt, dass es sich lohnte, den Menschen zu vertrauen. Manchmal musste sie auch einfach nur warten. Genau das tat sie jetzt. Mit einem traurigen Blick setzte sie sich neben die Tote.

Radcliffe war an Bord des Breenschiffes angekommen. Dorthin hatte er auch seinen Sohn und seine Frau gebracht. „Kannst du mir mal sagen, was mit dir ist?!“, stellte Nayale ihn zur Rede, während er den Kurs zu den Weltraumwirbeln eingab. Wie man ein solches Schiff flog, das wusste Radcliffe, weil er sich die notwendigen Kenntnisse einfach nur gewünscht hatte. „Ich weiß nicht, wovon du redest.“, sagte Radcliffe und tat dabei unschuldig. „Tu nicht so!“, meinte Nayale. „Das weißt du ganz genau. Woher hast du diese Kräfte und dieses Schiff?! Was haben die Xylianer mit dir gemacht? Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich finde, das Experiment muss reichlich schief gelaufen sein!“ „Die Xylianer haben hiermit nicht das Geringste zu tun.“, versicherte Radcliffe. „Sie haben mich auch nicht geheilt. Das war Prinzessin Sytania. Ihr habe ich zu verdanken, dass ich wieder gesund bin. Sie hat mich sogar zum Oberbefehlshaber einer ganzen Armee ernannt. Du wirst sehen, Nayale, bei ihr wird es uns gut gehen.“

Er bestätigte seine Eingaben und das Schiff beschleunigte auf Warp. Nayale hatte es vorgezogen, keine weiteren Fragen zu stellen, um auch Malcolm, der das seltsame Gebaren seines Vaters als immer beängstigender empfand, nicht weiter zu beunruhigen. Sie würde schon noch früh genug herausfinden, was hier los war und dann würde die intelligente junge Frau sicher auch einen Weg finden, Leute zu verständigen, die mit den Informationen etwas anfangen konnten und sicher das Richtige tun würden.

Kelly hatte die Sprechanlage betätigt, die sie mit dem Büro von Agent Sedrin verband. „Was gibt es, Kelly?“, fragte Karl Peters, der Sedrins fester Partner war und der die Verbindung entgegengenommen hatte. „Ist Ihre Partnerin in der Nähe, Mr. Peters?!“, fragte die Vermittlerin gleichzeitig alarmiert und ernst. „Moment.“, sagte der Terraner deutscher Herkunft ruhig und übergab das Mikrofon an die direkt hinter ihm stehende Demetanerin. „Was ist, Kelly?“, fragte Sedrin. „Ich vermute, dass Sytania die Kolonie auf dem Mars angreift oder angreifen lässt!“, sagte Kelly. „Was?!“, entgegnete Sedrin irritiert. „Ich weiß, dass es mir nicht zusteht, einfach so etwas zu interpretieren.“, beruhigte Davis ihr Gegenüber. „Ich weiß, dass ich erst alle Informationen einholen muss, bevor ich Maßnahmen einleite. Das habe ich ja schließlich auch während meiner Ausbildung so gelernt. Aber ich habe leider den Kontakt zu der Melderin verloren.“ „Hat das Sprechgerät den Notruf aufgezeichnet?“, fragte Sedrin. „Ja, Agent.“, sagte Kelly. „Das tut es ja immer.“ „Ich komme!“, sagte Sedrin fest und hängte das Mikrofon der Sprechanlage wieder ein, nachdem sie per Tastendruck die Verbindung beendet hatte. Mit einem kurzen Blick bedeutete sie Peters, das Büro zu übernehmen und sprintete aus der Tür in Richtung Zentrale.

Die zierlich gebaute Notrufkoordinatorin saß in ihrem Häuschen und spielte nervös abwechselnd mit ihren langen blonden Haaren und einem Zipfel ihrer grünen Bluse, die sie zu ihrem roten Rock angezogen hatte. Dies war, gemeinsam mit roten schmalen Absatzschuhen, ihre meistens getragene Arbeitskleidung. „Ich bin da, Kelly! Bitte entriegeln Sie die Tür!“ Die Stimme, die ihr dies zugerufen hatte, erkannte Kelly zuerst nicht. Erst, als die Frau ihr Gesicht durch das Sichtfenster streckte, wusste sie, mit wem sie es zu tun hatte. „Verzeihen Sie bitte, Agent.“, sagte sie und drückte einen Knopf, der die Tür zum Häuschen öffnete. Forschen Schrittes betrat die Demetanerin den kleinen Raum. Sofort schob ihr Kelly einen Stuhl zurecht, der neben ihrem Eigenen immer für Gäste bereit stand. Sedrin setzte sich. „Dann lassen Sie mal sehen.“, forderte sie Mrs. Davis auf. Diese nickte und ließ den Rechner die Aufzeichnung des Notrufes abspielen.

„Lassen Sie das letzte Bild vergrößern!“, sagte Sedrin. „Sicher, Agent.“, sagte Kelly und führte ihre Anweisung aus. In der Vergrößerung sahen beide Frauen jetzt auch einen schwarzen Blitz, der aus den Händen des Fremden zu kommen schien. „Sie sind ein verdammt cleveres Mädchen, Kelly.“, flüsterte Sedrin Davis zu. „Ihre Interpretation war richtig. Verständigen Sie Rescue One und Two. Außerdem die Sonderabteilung für Einsätze bei feindlichem außerirdischen Einfluss. Ich werde den Einsatz leiten und mit Rescue One mitfliegen. Sagen Sie Tchey das! Ich bin Expertin für Sytania!“ Kelly nickte und führte aus, was Sedrin ihr aufgetragen hatte.

Auch D/4 war aufgefallen, wie plötzlich Malcolm die Verbindung beendet hatte. Aber die Sonde hatte auch noch etwas anderes registriert. Der Umstand, dass Radcliffe offensichtlich die Marskolonie aufgesucht hatte, machte ihr Kopfzerbrechen. „Können Sie sich erklären, wie Mr. Radcliffe auf den Mars kommt?“, fragte sie mich, denn sie wusste ja immer noch nicht, was ich wusste. Dazu, ihr alles zu erklären, war ich ja noch nicht gekommen. „Ja, D/4.“, sagte ich leise und verschämt. „Ich denke, ich bin dafür verantwortlich.“ „Erklären Sie!“, forderte sie mich auf. „Er kam zu mir.“, begann ich. „Er sagte mir, dass er krank sei, aber dass er genau wüsste, wo er Heilung finden könne. Die Propheten von Bajor hätten es ihm gesagt. Wir haben mein Schiff genommen und sind dann zu einem verlassenen Wüstenplanetoiden geflogen. Radcliffe sagte mir, er würde den Kurs fühlen. Dort sind wir auch noch auf eine Expedition der Breen getroffen. Radcliffe hat sich irgendwie merkwürdig verhalten, wenn ich es recht bedenke.“ „Definieren Sie!“, forderte die Sonde, an deren Betonung ich jetzt einwandfrei hören konnte, dass sie wohl etwas zurückhielt, was sie mir zwar am liebsten an den Kopf geworfen hätte, dies dann jedoch aus Höflichkeit doch nicht tat. „Er hat in den Breen eine Konkurrenz gesehen, obwohl er noch gar nicht wusste, wonach sie suchten. Außerdem hat er sich selbst in Gefahr gebracht. Sie wissen sicher, dass es in Wüsten in der Nacht sehr kalt wird.“ „Dieser Fakt ist mir bekannt.“, sagte die Sonde. „Er hat mit den bloßen Händen nach etwas gegraben, von dem er auch genau fühlte, wo es war. Er wollte auf keinen Fall, dass die Breen es finden, obwohl sie zwar aufgrund von merkwürdigen Werten auf etwas aufmerksam geworden waren, aber gar keine Anstalten gemacht hatten, es uns wegzunehmen. Dann ist er auf einen Kristallkegel getroffen, von dem er merkwürdige Kräfte bekommen hat, die denen von Sytania sehr ähnelten. Die hat er benutzt, um den erwachsenen Breen zu töten und seine Tochter und mich zu erpressen. Er hat ein Feld generiert, das sämtliche Geräte überlastet hat. Also gibt es auch keine Beweise in meinem Erfasser, weil es den auch nicht mehr gibt. Ich musste ihn von mir werfen, sonst wäre ich heute tot. Oh, Gott, D/4! Ich habe ein Monster geschaffen!“, führte ich weiter aus.

Sie stellte sich mir gegenüber und fasste mich fest an den Schultern, was mich zwang, mich in ihre Richtung zu drehen. „Wie hat er eine ausgebildete Sternenflottenoffizierin zu so einem Unterfangen überreden können?!“, fragte sie streng. „Er hat mir von seinem armen Kind erzählt, das er verletzt habe.“, sagte ich. „Außerdem von seiner Ehe, die an seiner Krankheit zerbrochen ist. Ich konnte nicht anders.“ „Ich denke aber.“, sagte die Sonde. „Dass Sie jetzt sehr wohl wissen, dass die Person, die in Wahrheit für das alles hier verantwortlich ist, die von ihm vorgebrachten Argumente benutzt hat, um genau das bei Ihnen zu erreichen. Sie wissen genug über die Propheten, um zu erkennen, dass so eine Handlungsweise nicht ihrem Verhalten entspräche.“ „Ihre Annahme ist korrekt.“, schmeichelte ich ihr verbal, denn ich wusste ganz genau, dass ich das alles hätte früher erkennen müssen. Jetzt konnte ich nur noch auf ihren guten Willen hoffen.

Sie setzte mich wieder auf den Stuhl und sich auf einen zweiten mir gegenüber. Dann wurde ihre zuerst strenge Stimme plötzlich wieder ganz mild, als sie sagte: „Mir zu schmeicheln ist unnötig. Ich werde Ihnen keine Strafe auferlegen. Sie sind eine emotionale Bioeinheit und als eine Solche manchmal nicht immer ganz rational. Ihr Verhalten ist eine logische Konsequenz dieser Tatsache. Das verstehe ich sehr gut, weil wir Xylianer wissen, was Emotionen sind. Einer unserer Urahnen war schließlich ein Mensch. Jetzt müssen wir das Beste aus dieser Situation machen und uns ihr zunächst anpassen, um sie zu verstehen. Erst dann werden wir sie ändern können. Die Verwendung Ihrer Daten könnte dabei unerlässlich sein.“ „Danke, D/4.“, sagte ich erleichtert, denn ich war froh, dass sie mir offensichtlich doch verziehen hatte.

Das Sprechgerät piepte. D/4 warf einen flüchtigen Blick auf die Anzeige. Dann sagte sie: „Ich werde Sie Scientist Cupernica überantworten müssen.“ „Warum?“, fragte ich verwirrt. „Weil ich gleich an Bord von Rescue One gebeamt werde. Wir haben einen Einsatz in der Marskolonie.“

Mir wurde heiß und kalt. Ich wusste genau, was das zu bedeuten hatte. Offensichtlich hatte Radcliffe dort auch gewütet. „Oh, nein!“, rief ich aus. „Bitte, D/4! Sagen Sie mir, dass das alles nicht wahr ist!“ „Lügen gehört nicht gerade zu meinen Talenten.“, sagte die Sonde.

„Ich habe den Scientist gerade verständigt.“, sagte sie dann einige Sekunden später. Dass ihr das möglich war, wusste ich, da Cupernica immer noch ein Andenken an einen kurzen Aufenthalt bei den Xylianern trug. Das interne Sprechgerät, dessen Interlinkfrequenz dem gesamten System, also auch D/4, bekannt war, hatte Tressa nie entfernt, was Cupernicas ausdrücklicher Wunsch gewesen war. „Sie wird sich um Sie kümmern. Verbleiben Sie an dieser Position!“, erklärte D/4. Dann hörte ich ein Surren und sie war verschwunden.

Caruso hatte Shimar auf Schleichwegen über die Terrasse zu D/4’s Haus geführt. Da das Wetter sehr schön war, hatte die Sonde die Tür offen gelassen. Vor Einbrüchen oder dergleichen musste man sich ja auf der Erde des 30. Jahrhunderts nicht mehr fürchten. Der Kater setzte sich jetzt genau in den Türrahmen und wartete ab, bis der erheblich langsamere Tindaraner zu ihm aufgeschlossen hatte. Shimar strich ihm über das Fell und fragte dann: „Ist sie da drin, ja?“ Caruso machte: „Min-Mang.“ Dann schnurrte er. „Tut mir leid.“, scherzte Shimar. „Mein Chinesisch ist etwas eingerostet.“

Ich hatte seine Stimme gehört und erkannt. „Ich bin hier!“, rief ich mit zitternder Stimme. Er ging durch die Tür an Caruso vorbei ins Wohnzimmer, wo er mich völlig aufgelöst auf der Couch sitzen sah. Sofort war er neben mir und nahm mich fest in den Arm, um mich genau so fest an sich zu drücken. Er spürte genau, wie sehr ich zitterte. „Ganz ruhig, Kleines.“, sagte er tröstend. „Ich bin ja jetzt da. Wie kommst du in dieses fremde Haus und was ist mit dir passiert?“

Gegen den Weinkrampf, der mich überkam, konnte ich mich nicht wehren. „Es ist furchtbar, Srinadar!“, schluchzte ich verzweifelt. „Was ist so furchtbar, Kleines?“, fragte er. „Was?“ „Ich kann nicht reden.“, sagte ich und bemerkte, dass sich mir erneut die Kehle zusammenschnürte. „Kann nicht …!!!“ „Also gut.“, sagte er ruhig und tröstend. „Dann schaue ich jetzt mal ganz vorsichtig in deinen Geist, OK?“ Ich nickte.

Das Gefühl, ihn in meinem Kopf zu haben, beruhigte mich augenblicklich wieder. Jetzt sah er sich alles an, was zwischen Radcliffe und mir geschehen war. Dann sagte er: „Eines steht fest, Kleines. Das Ganze ist nicht deine Schuld. Radcliffe und du, ihr seid auf niederträchtige Weise von Lady Sytania für ihre Zwecke missbraucht worden.“ „Das weiß ich auch.“, sagte ich, während er mir mit einem Taschentuch die Tränen trocknete.

„Du musst das eigentlich sofort aussagen, solange deine Erinnerungen noch so frisch sind.“, stellte Shimar danach fest. „Aber du scheinst noch immer oder schon wieder in einem Schock zu sein. In diesem Zustand ist deine Aussage rein juristisch nichts wehrt …“

Er war verstummt, denn er hatte mitbekommen, dass sich uns jemand genähert hatte. Die Besucherin hatte auch offensichtlich Caruso auf dem Arm, den sie mir als Erstes auf den Schoß setzte. Dann begrüßte sie mich und auch Shimar mit den Worten: „Hallo, Allrounder, hallo, Shimar.“ „Cupernica.“, erkannte ich. „Richtig.“, sagte die Androidin und begann sofort damit, mich von Kopf bis Fuß zu scannen. „Eines steht fest.“, sagte sie. „Sie stehen unter hohem psychischen Stress. Offensichtlich haben Sie mindestens zwei mal hintereinander einen Schock erlitten. Aber ich weiß, dass eine vertraute Umgebung und vertraute Personen gepaart mit den richtigen Medikamenten oft Wunder wirken können.“

Sie zog eine Tüte aus ihrer Tasche und gab sie Shimar in die Hand. „Das sind die Medikamente für deine Freundin.“, informierte sie ihn in korrekter tindaranischer Anredeweise. „Außerdem verschreibe ich Ihnen, Allrounder, einen mindestens 3-wöchigen Urlaub mit Ihrem Freund und Ihrem Mann auf Celsius. Ein Aufenthalt im real existierenden Humorismus sollte Ihnen wohl helfen.“ „Aber ich muss aussagen!“, widersprach ich. „Nein!“, sagte Cupernica bestimmt. „Sie steigen jetzt mit Ihrem Freund in sein Schiff und dann möchte ich Sie hier nicht mehr sehen, bis Sie gesund sind! Das ist ein Befehl des leitenden anwesenden medizinischen Offiziers, Allrounder! Sie wissen, dass ein Solcher in medizinischen Angelegenheiten sogar noch über jedem Commander steht und Ihre Gesundheit ist eine medizinische Angelegenheit!“ „Aber Radcliffe darf nicht …“, sagte ich. „Sie hat Recht, Kleines.“, flüsterte mir Shimar zu. „Schau mal. Du kannst doch im Moment gar keine fundierte Aussage machen und um den Rest kümmert man sich schon und ich, ich kümmere mich erst mal um dich.“ „Also gut.“, sagte ich, denn ich hatte eingesehen, was meine Gedanken immer noch für ein großes Chaos waren.

Shimar zog sein Sprechgerät: „IDUSA, zwei zum Beamen und danach Kurs Celsius. Wir besuchen Scotty und das sogar medizinisch verordnet. Ich erkläre dir alles, wenn Betsy und ich an Bord sind.“ „Transportererfassung komplett.“, sagte das Schiff. Dann nahm Cupernica Caruso von meinem Schoß und Shimar befahl in Richtung seines Schiffes: „Aktivieren!“ Cupernica sah noch zufrieden zu, wie wir in zwei immer durchsichtiger werdenden Säulen verschwanden.

Kapitel 11: Der Urlaub vor dem Sturm

von Visitor

 

An Bord von IDUSA hatte Shimar sofort wieder den Neurokoppler aufgesetzt, nachdem er sich um mich gekümmert hatte. Er hatte mich auf die Rückbank des Cockpits verfrachtet und mir eine Decke und ein Kissen repliziert. „Du solltest dich besser hinlegen.“, sagte er. „Ich werde dich nicht aus den Augen lassen. IDUSA weiß, wo wir hinwollen und sie kann den Weg auch allein finden.“ „Danke, Srinadar.“, sagte ich. „Du bist so gut zu mir. Am liebsten würde ich jetzt schlafen.“ „Dann tu das doch.“, sagte Shimar tröstend. „Ich habe hier schon alles unter Kontrolle. Wenn du aufwachst, sind wir schon da und Scotty und ich werden dir einen Urlaub bereiten, von dem du noch deinen Enkelkindern erzählen wirst.“ „Das will ich sehen.“, erwiderte ich. „Na dann pass auf.“, sagte er und ich hatte das Gefühl, dass er meinem Unterbewusstsein telepathisch den Befehl zum Einschlafen übermittelt hatte. Eigentlich war das höchst unfair, aber im Moment hatte ich nicht das geringste Bedürfnis, mich zu wehren. Es tat so gut, dass er bei mir war! Er tat so gut! Dass er und ich gemeinsam an Bord von seinem Schiff waren, das tat so gut! Auch zu wissen, dass wir auf dem Weg nach Celsius zu Scotty waren, das tat so gut! All diese Dinge würden mir helfen, mit meinem Problem klarzukommen. Aber die Gedanken an meine Fehleinschätzung von Radcliffe ließen mich nicht los. Warum war ich so naiv gewesen und hatte mich ohne weitere Prüfung darauf eingelassen?! Als ausgebildete Sternenflottenoffizierin hätte ich doch eigentlich Sytania Lichtjahre weit gegen den Wind riechen müssen! Mit dem Erfasser hätte ich ihn scannen müssen, jawohl! Warum war ich so vertrauensselig?! Wo war meine Wachsamkeit?! Was zur Hölle war mein Problem?! Mein Problem war die Erde! Hier zu leben hatte meine Sinne abstumpfen lassen. Vielleicht hatten die so genannten Existenzialisten, von denen ich während meiner Zeit als Kadettin gehört hatte, ja Recht gehabt! Wenn wir zu lange im Paradies leben, werden wir wieder zu naiven kleinen Kindern! Ich wusste doch genug über Sytania! Ich wusste doch genug über das grausame und oft böse Universum da draußen außerhalb unserer Käseglocke, die sich Föderation nennt! Warum um alles in der Welt hatte ich dieses Wissen nicht eingesetzt und Radcliffe die Hilfe verweigert?! Anscheinend waren nicht nur meine Augen, sondern auch mein Geist im Laufe der Jahre blind geworden! Du bist unfair gegen dich selbst, Kleines!, hörte ich Shimars Stimme in meinem Geist. Und jetzt wirst du dich nicht länger so runter machen und nicht länger darüber nachdenken. Ich werde diese Gedanken jetzt für dich verschließen. Zumindest so lange, bis unser Urlaub vorbei ist. Du kannst nicht mehr an sie heran! Dann ließ er ab und flüsterte in mein linkes Ohr: „Verzeih mir, Kleines. Aber es ist besser so für dich.“

Ein künstlich anmutendes Räuspern in seinem Geist hatte ihn aufhorchen lassen. „IDUSA.“, sagte er etwas irritiert und gleichzeitig verschämt, denn er wusste genau, dass sein Schiff ihn ertappt hatte, was ihr ja aufgrund der Tatsache, dass er den Neurokoppler trug, durchaus möglich war. „Verbinde mich sofort mit Scottys Rufzeichen auf Celsius!“, befahl Shimar. „Anscheinend sind Sie so aufgeregt, dass Ihnen jegliche Form der Höflichkeit abhanden gekommen ist.“, stellte das Schiff nüchtern fest. „Entschuldige, IDUSA.“, sagte Shimar. „Natürlich erst mal Hi.“ „Der Grund für Ihren Ausfall mir gegenüber.“, analysierte die künstliche Intelligenz. „Wird wohl sein, dass ich Sie bei einer Handlung gegenüber Ihrer Freundin ertappt habe, die eigentlich nicht rechtens ist. Ihren Geist zu manipulieren, ist eigentlich ein Verbrechen und das wissen Sie.“ „Das weiß ich.“, argumentierte Shimar und sah den Avatar dabei hilflos an. „Aber wenn ich dazugekommen wäre, wenn jemand jemanden anders mit einem Messer bedroht und ich denjenigen mit meiner Waffe zur Strecke bringe, um dem unbewaffneten Opfer zu helfen, dann wäre das ja auch allenfalls Nothilfe, obwohl ich an dem Täter ja auch das Verbrechen der Körperverletzung oder gar Tötung begangen hätte. Bei Betsy habe ich ja im Grunde nichts anderes gemacht. Sie wurde auch indirekt von Sytania bedroht.“ „Wenn Sie das so sehen?“, sagte der Avatar und ihr zuerst ernster strenger Blick wurde wieder weich und freundlich. „Du hättest mich doch nicht wirklich gemeldet, oder?“, fragte Shimar unsicher. „Unter Umständen hätte ich das müssen.“, sagte das Schiff. „Die Lex Technologica ist da eindeutig in ihren Bestimmungen. Wenn ein Schiff ein Verbrechen beobachtet, muss sie es den Behörden melden, auch dann, wenn es von ihrem Stammpiloten verübt wird. Dass wissen auch Sie.“ „Du hast ja Recht.“, sagte Shimar. „Und ich würde ja auch gar nicht verlangen, dass du für mich eine Ausnahme machst. Aber du weißt nicht, was ich erfahren habe.“ „Das ist korrekt.“, bestätigte der Avatar. „Aber ich gehe davon aus, dass Sie es mir früher oder später sagen werden. Übrigens habe ich seit geraumer Zeit Scotty in der Leitung.“ „Gib ihn her!“, befahl Shimar.

Der Avatar trat vor Shimars geistigem Auge einige Schritte zurück, um dem Bild des älteren Terraners Raum zu geben. Dann hörte Shimar Scottys Stimme: „Hi, Junge. Was verschafft mir die Ehre? Nein, weißt du, erst macht dein Schiff hier die Pferde scheu, indem sie sagt, es sei sehr dringend und dann lasst ihr zwei mich hier Stunden lang warten. Das soll noch mal einer verstehen. Aber glaub dem alten erfahrenen Scotty, Junge. Es gibt nix, was man nich’ mit ’nem guten Whisky wieder kuriert kriegt.“ „Das sollte ich lieber lassen, Scotty.“, sagte Shimar ernst. „Immerhin habe ich ein Schiff zu steuern und deine völlig aufgelöste Ehefrau hinten auf der Rückbank des Cockpits!“ „Was?“, fragte Scotty alarmiert. Jetzt war er nicht mehr so flapsig, wie wir es von ihm gewohnt waren. Wenn es um mich ging, dann konnte er schon mal zu jemandem werden, von dem sich so mancher Feind wünschte, ihm nie begegnet zu sein. „Jetzt erzähl mir auf der Stelle, was mit unserer armen, armen Betsy passiert is’!“, drängte Scotty. „Ich weiß was Besseres.“, sagte Shimar. „Ich werde es dir zeigen.“ Damit begann er, sich auf Scottys Geist zu konzentrieren. Aber die Bilder, die Scotty empfing, waren sehr verschwommen, was der junge Telepath eifrig zu korrigieren versuchte. Aber da Shimar immer noch sehr aufgeregt war, wollte ihm das einfach nicht gelingen, so sehr er sich auch anstrengte. „Konzentrier dich, verdammt!“, zischte er sich zu. „Schon gut, Junge.“, meinte Scotty. „Bemüh dich nich’ länger. Du kannst mir auch alles erzählen, wenn ihr hier seid. Ich denke mal, dass ihr zu mir wollt. Auf der Werft, auf der ich arbeite, wurde eine Wartung für ein tindaranisches Schiff von einer gewissen Techniker Jenna McKnight bestellt. Das war dann wohl die liebe Jenn’. Das kann ja dann nur bedeuten, dass es sich um dein Schiff handelt, dem dein Commander einfach mal eine Schönheits- und Wohlfühlkur in celsianischen Händen gönnen will. Aber ihr müsst ja auch irgendwo bleiben, Betsy und du, meine ich. Aber ich mag sie gar nicht einladen in meine unaufgeräumte Junggesellenbude. Schon gar nicht jetzt, wo sie doch so dringend Erholung braucht. Aber der alte Scotty hat auch da eine Lösung. Wir mieten uns einfach alle drei bei Ginalla ein. Die hat nämlich eine Kneipe aufgemacht und da hat sie auch Gästezimmer. Ich leite alles in die Wege.“ Er beendete die Verbindung.

Aus dem Augenwinkel heraus hatte Shimar gesehen, dass ich mich bewegt hatte. Er drehte sich zu mir um und küsste mich zärtlich auf die Wange. „Hey, schon wieder wach?“, fragte er mit leiser freundlicher Stimme. „Ja.“, sagte ich. „Du hast wohl vergessen, mir zu sagen, wie lange ich schlafen soll.“ „Du weißt, dass ich …“, sagte Shimar erstaunt. „Zumindest kann ich das vermuten.“, sagte ich. „Ich hatte ein wohliges Gefühl und das habe ich immer, wenn du in meinem Kopf bist. Es tut mir so gut, dass du bei mir bist! Es tut mir so gut, dass ich an Bord von deinem Schiff bin! Es tut mir so gut, dass wir nach Celsius fliegen!“ „Genau das war auch meine Absicht.“, sagte Shimar.

Ich setzte mich auf. „Falls du Angst hast, dass ich dir böse bin.“, sagte ich. „Dann kann ich dich beruhigen. Es ist zwar eigentlich nicht fair, was du gemacht hast, aber es war wohl nötig. Ich kann endlich wieder klar denken.“ „Dann ist ja gut.“, sagte Shimar erleichtert. „Wenn du das wirklich nicht gewollt hättest, dann hätte es auf Garantie nicht funktioniert! Ich meine, auch ihr Nicht-Telepathen lernt ja im Sternenflottentraining, euch zur Wehr zu setzen, falls ihr irgendeine Möglichkeit habt zu erkennen, dass ihr manipuliert werdet und du sagst, du hättest mich erkannt.“ „Aber bei dir doch nicht, Srinadar.“, versicherte ich. „Ich vertraue dir! Schließlich hast du mir gegen meine Angst vor Telepathie geholfen und außerdem.“, ich machte einen Kussmund, den ich in Richtung seines Gesichtes bewegte: „Ich liebe dich!“ Damit küsste ich ihn mitten auf den Mund. „Volltreffer, Kleines.“, sagte Shimar und erwiderte den Kuss.

Er setzte sich auf das untere Ende der Bank. „Ich muss dich noch was fragen, Kleines.“, sagte er dann und ich wurde das Gefühl nicht los, dass er mich mit dem, was er mir erzählen würde, ablenken wollte. „Was ist denn?“, fragte ich aufmerksam. „Es ist ein kleines Knobelrätsel für dich, meine kleine Verhaltensforscherin.“, sagte er. „Nur zu.“, ermunterte ich ihn. „Hältst du es für möglich, dass eine Katze einen Telepathen mag?“ „Wenn die Katze Caruso und der Telepath Shimar heißt.“, grinste ich. „Dann kann ich es mir schon vorstellen.“ „Aber die meisten Forscher sind doch der Meinung, dass Katzen uns nicht mögen.“, sagte der junge Tindaraner. „Weil im Allgemeinen nur mit Katzen und mit Proben von Telepathen aus unserem Universum und aus dem Dunklen Imperium experimentiert wurde.“, gab ich eine mögliche Erklärung ab. „Du meinst, bei tindaranischer Energie ist das anders?“, fragte Shimar. „Zumindest ist belegt, dass es bei deiner Energie und bei Caruso anders ist.“, sagte ich. „Über mehr kann ich nicht urteilen. Da fehlen mir die fundierten Daten.“ „Du könntest das ja mal bei der wissenschaftlichen Abteilung der Sternenflotte anregen.“, grinste Shimar. „Ich wäre gern Versuchskaninchen.“ „Pass auf, was du dir wünscht.“, sagte ich albern und piekte ihm meinen rechten Zeigefinger in den Bauch. „Wenn das hier vorbei ist, schreibe ich denen noch wirklich.“ „Von mir aus.“, sagte er.

„Shimar?“, hörte der Angesprochene die künstliche Stimme des Avatars. „Was gibt es, IDUSA.“, wandte er sich ihr zu. „Wir haben das terranische Sonnensystem schon lange verlassen und ich würde gern auf Warp gehen, wenn Sie und der Allrounder beabsichtigen, noch in diesem Jahr auf Celsius anzukommen.“, erklärte das Schiff. „Selbstredend.“, sagte Shimar. „Also gut.“, sagte IDUSA. „Dann halten Sie sich beide gut fest.“ Sie zündete den Warpantrieb. „Eilig hat sie es ja gar nicht.“, sagte ich mit ironischem Unterton. „Wie kommst du denn darauf?“, fragte Shimar eben so ironisch. „Na ja.“, sagte ich. „Wir haben mindestens Warp acht auf dem Kessel, wenn ich das richtig einschätze.“ „Wenn man dir einen klasse Urlaub verspräche.“, nahm Shimar IDUSA in Schutz. „Dann würdest du sicher auch so schnell wie möglich deinen Urlaubsort erreichen wollen.“ „Das stimmt.“, gab ich zu.

Dass ich IDUSAs Geschwindigkeit ziemlich genau eingeschätzt hatte, ließ Shimar keine Ruhe. „IDUSA, wie schnell sind wir?“, fragte er, ohne sich von ihr die Steuerkonsole, auf der er alles hätte ablesen können, zeigen zu lassen. „Exakt Warp acht.“, sagte das Schiff nüchtern. „Danke.“, meinte Shimar bedient und wendete sich irritiert wieder an mich: „Wie in aller Welt hast du das gemacht? Ich meine, wenn etwas mit den Trägheitsdämpfern nicht stimmt, dann kann das ja gleich mal nachgesehen werden.“ „Ich fürchte, da würden die Techniker ihre Zeit verschwenden.“, sagte ich lächelnd. „Mit denen ist nämlich alles in Ordnung.“ „Aber wie hast du das dann angestellt?“, fragte Shimar. „Ich meine, du kannst keine Anzeigen lesen und wenn du es nicht am Hosenboden gespürt hast, weil etwas mit IDUSAs Ausgleichsfunktionen nicht in Ordnung ist, dann …“ „Knobel mal ruhig noch ein bisschen.“, sagte ich. „Ich habe ja auch dein Rätsel gelöst. Jetzt bist du halt mit meinem dran.“

Shimar setzte sich wieder auf seinen Sitz. Er begann angestrengt nachzudenken. Jetzt war er abgelenkt, das wusste ich. Er würde also nicht merken, dass ich im Begriff war, neben ihn zu schleichen. Dann zog ich leise den zweiten Neurokoppler aus dem Fach an der zweiten Konsole und schloss ihn an. IDUSA registrierte dies sofort und lud auch meine Tabelle. „Was gibt es, Allrounder?“, fragte sie. Kannst du mir sagen, was Shimar gerade denkt?, dachte ich. „Oh, ja.“, sagte das Schiff und stellte genau dieselbe Verbindung zwischen uns dreien her, die Shimar und sie auch damals bei meiner Therapie gegen meine Angst vor Telepathie benutzt hatten. Ich versuchte krampfhaft, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich wusste, auf was für einem Holzweg Shimar mit seinen Gedanken war. Da ich keine trainierte Telepathin war, würde es mir sehr schwer fallen, ja sogar vielleicht für mich unmöglich sein, meine Gefühle zu verbergen. Das Schiff, dem dies offensichtlich klar war, zeigte mir aber im gleichen Moment, in dem mir das klar wurde, irgendein technisches Schema und erklärte: „Dies ist das Schema unserer Dreierverbindung. Ihnen wird auffallen, dass es zwischen Shimar, mir und Ihnen jeweils zwei Balken mit Pfeilen in beide Richtungen gibt, zwischen Shimar und Ihnen aber nur einen mit Pfeil von Ihnen zu ihm, aber nicht von ihm zu Ihnen.“ „Das stimmt, IDUSA.“, sagte ich. „Das ist mir auch schon aufgefallen. Das bedeutet ja, du lässt nicht zu, dass er weiß, was ich denke.“ „Das ist korrekt.“, erwiderte das Schiff. „Natürlich habe ich keinen Einfluss auf seine telepathische Wahrnehmung an sich, aber da ich in der technischen Verbindung das Relais bin, kann ich auch entscheiden, was wer zu sehen bekommt. Um Sie telepathisch wahrzunehmen, ist Shimar im Moment zu abgelenkt.“ „Pfui Spinne!“, grinste ich. „Du kannst ja ganz schön gemein sein.“

Ich hörte einen Seufzer neben mir, der gleichzeitig auf ein hohes Maß an Enttäuschung, aber auch auf Resignation hindeutete. „Ich gebe auf, Kleines.“, sagte Shimar. „Ich werde nie darauf kommen.“ „Welche Sinne habe ich denn zur Verfügung?“, half ich ihm. „Du kannst fühlen, schmecken, riechen und hören.“, sagte er. „Welche Sinne kannst du ausschließen, weil sie definitiv keine Aussage über das Wahrnehmen von Geschwindigkeiten treffen können?“, fragte ich weiter. „Riechen und Schmecken.“, sagte er. „Weil bei IDUSA nichts schmort …“, erklärte er, aber ich unterbrach: „Siehst du? Und das Fühlen haben wir ja auch ausgeschlossen, weil mit IDUSAs Trägheitsdämpfern auch alles in Butter ist. Also, was bleibt dann noch?“ „Das Hören.“, sagte Shimar. „Aber wie?“ „Mach die Augen zu.“, flüsterte ich. „Aber wieso …?“, fragte er. „Du vertraust mir doch.“, setzte ich voraus. „Ja.“, sagte er. „Also.“, sagte ich. „Wenn du mir vertraust, dann machst du jetzt deine verdammten Augen einfach zu!“ „Sie sind zu, Kleines.“, sagte er. „OK.“, entgegnete ich. „Aber nicht schummeln. IDUSA, auf einen vollen Impuls verlangsamen!“ Das Schiff führte meinen Befehl bereitwillig aus. „Und jetzt?“, fragte Shimar. „Jetzt wirst du genau zuhören!“, sagte ich fest und befahl dem Schiff: „IDUSA, geh wieder auf Warp acht! Aber beschleunige erst dann, wenn ich aktivieren sage! Und du zählst laut mit mir, Shimar. Aber zwischen den Zahlen sagst du immer Mississippi.“ „Ich sage was?“, fragte er. „Mississippi.“, wiederholte ich. „Dabei bricht man sich ja die Zunge.“, stellte er fest. „Dann denk es halt nur.“, sagte ich. „Bereit?“ „Na gut.“, sagte er. „Also schön.“, sagte ich und befahl in Richtung Schiff: „Aktivieren, IDUSA!“

Wir hörten das typische Surren des Warpantriebs, das auf den Aufbau des Warpfeldes hinwies. „Eins, Mississippi, zwei, Mississippi, drei, Mississippi, vier, Mississippi.“, zählten wir, Dabei dachte Shimar den Mississippi wie abgesprochen nur. Dann hörten wir den typischen Woush, der uns sagte, das wir auf Warp gegangen waren. Shimar hatte wie vereinbart nur die Zahlen mitgesprochen. „Ich verstehe immer noch nicht.“, sagte Shimar. „Na komm schon.“, sagte ich. „Das nehme ich dir nicht ab! Du bist doch auch Flieger und müsstest wissen, dass der Aufbau eines Warpfeldes länger dauert, je schneller man fliegen will, weil es dann entsprechend stärker sein muss, um den Weltraum stärker falten zu können. Das sind zwar nur Sekunden, aber immerhin. Das Wort Mississippi auszusprechen, dauert eine Sekunde. Das ist ein kinderleichter und uralter Trick. Du könntest auch sagen, ein Mississippi =zwei Warp.“ „Wow.“, staunte er. „Aber was zur Hölle ist Mississippi?“ „Ein Fluss auf der Erde.“, antwortete ich. „Natürlich.“, sagte Shimar. „Mann, Oh, Mann. Dass du keinen Visor brauchst, ist wohl mehr als offensichtlich. Du wärst sicher die einzige Blinde unserer Zeit, die überleben würde, wenn alle Technologie auf einen Schlag ausfiele.“ „Davon kannst du ausgehen!“, sagte ich selbstbewusst, denn ich fühlte mich an meine Zeit als Kadettin erinnert, in der mir mein Flugprofessor etwas Ähnliches bescheinigt hatte. „Du hast Tricks drauf.“, sagte Shimar. „Da schlackert man mit den Ohren und zwar rückwärts.“ „Nun übertreib mal nicht.“, lächelte ich. „Wir sollten jetzt aber machen, dass wir zu Scotty kommen.“ „Soll ich die Steuerkontrolle behalten?“, fragte IDUSA. „Ist wohl besser.“, Entschied Shimar, der angesichts meiner Vorführung wohl ziemlich geplättet war.

Scotty hatte sein Haus verlassen und war auf dem schnellsten Weg in Richtung von Ginallas Kneipe gelaufen. Er wusste, dass seine alte Freundin ihn sicher in dieser Situation nicht im Stich lassen würde. Die junge Celsianerin hatte immer ein offenes Ohr für den älteren Terraner gehabt. Es würde bestimmt in diesem Fall nicht anders sein.

Er betrat die Bar. Hier erinnerte alles immer noch sehr an die tindaranische Einrichtung, die Ginalla wohl im Wesentlichen von Kibar übernommen haben musste, wie Scotty jetzt auch feststellte. Da ja die ganze Sache mit Clytus und der Eroberung des Föderationsuniversums im Prinzip nie stattgefunden hatte, konnte sich Scotty ja nicht daran erinnern, was Ginalla dort für eine tragende Rolle gespielt hatte. Ich hatte, da ich die Einzige war, die sich erinnerte, ihm zwar davon erzählt, aber auch er wusste als ausgebildeter Sternenflottenoffizier, dass er über Details fein den Mund zu halten hatte. Er kannte aber auch Ginalla und ihre Lust auf Abenteuer. Sicher würde sie gern wieder mitmachen, wenn er ihr jetzt von dem neuen Problem erzählen würde. Verschweigen konnte er es nicht, denn spätestens dann, wenn Shimar und ich auftauchten, würde es Fragen geben.

In der Mitte des Gastraums war Scotty stehen geblieben. Die Einrichtung kannte er eigentlich. Nur war ihm aufgefallen, dass Ginalla wohl einige Veränderungen anbringen lassen hatte. Rechts neben dem Tresen führte nämlich eine Tür ins Unbekannte. Scotty fragte sich, was das wohl wieder werden würde. Er wusste, dass sie kleine Geheimnisse sehr mochte. Ob sie ihn in dieses einweihen würde, müsste sich noch herausstellen. Aber auch er hatte ja ein Geheimnis, das die anderen Gäste nicht unbedingt mithören sollten.

Er setzte sich auf eines der zylindrischen Sitzkissen vor einem der Tische und tat, als wolle er das Angebot des Tischreplikators studieren. Einer von Ginallas Angestellten, ein Bajoraner von kleinem Wuchs und kräftiger Statur mit kurzen roten Haaren, wurde auf ihn aufmerksam. Er ging auf Scottys Tisch zu und stellte sich rechts neben den nervösen Terraner. „Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte seine junge leise Stimme freundlich. „Is’ die Chefin da?“, fragte Scotty. „Mrs. Ginalla ist leider zur Zeit nicht abkömmlich.“, sagte der bajoranische Kellner. „Aber vielleicht darf ich Ihnen die Bedienung des Replikators näher bringen?“ „Um den albernen Replikator geht es nich’.“, flapste Scotty. „Das kann ich schon, seit ich drei Jahre alt war. Bitte, Mister! Ich brauch’ die Chefin! Es is’ privat!“

Ein Schatten war hinter dem Tresen aufgetaucht. DA Scotty ungünstig saß, konnte er leider nicht sehen, wer diesen geworfen hatte. Aber auch die Werferin des Schattens musste ihn gesehen haben, denn im nächsten Augenblick tönte ein gellender Schrei durch die ganze Kneipe: „Scotty!“ Dann wuselte jemand hinter dem Tresen hervor und setzte sich mit raschelnder Kleidung zu ihm an den Tisch. Sie drehte sich zu dem Bajoraner um und flapste ihm noch eine Anweisung zu: „Da drüben an Tisch drei sitzt ’ne ganze Busladung vulkanischer Touristen. Kümmer’ dich!“ Er nickte und schlurfte irritiert davon.

Erst jetzt sah Scotty die Frau im weißen Sommerkleid genauer an. Ihre graublauen Augen in Herzform erinnerten ihn an jemanden, aber ihre Haarfarbe musste sie verändert haben. Sie erinnerte jetzt eher an Kastanientöne. Die Statur der Frau erinnerte ihn ebenfalls an seine Freundin Ginalla, aber immer noch konnte er sich nicht vorstellen, dass sie es wirklich war. Lange Zeit war er nicht in ihrer Bar gewesen und hatte sie auch länger nicht gesehen. Jetzt umarmte die Fremde ihn auch noch und sagte: „Welch Glanz in meiner Hütte! Mann, Scotty, ich kann’s ja gar nich’ fassen, dass du mich hier mal aufsuchst.“ Die freche kesse Stimme belehrte Scotty jetzt doch darüber, dass es sich nur um Ginalla handeln konnte. „Du hast dich verändert, Gin’.“, stellte er fest. „Ach was.“, wischte sie seine Äußerung weg. „Nur ’n neuer Look, ’ne neue Fassade. Aber dahinter steckt immer noch die alte Ginalla. Also, was führt dich zu mir?“ „Nich’ hier.“, flüsterte Scotty ihr leise, aber bestimmt zu. „Ich kann hier nich’ reden. Ich habe Schwierigkeiten! Hast du ’ne Minute im Hinterzimmer?“ „Oh, Backe!“, schnippte Ginalla zurück. „Du lässt aber auch wirklich nichts anbrennen, kleiner Schäker, was? Na dann komm mal mit. Dann wird die gute Gin’ mal gucken, ob sie deine Schwierigkeiten kuriert kriegt.“

Sie stand auf und winkte ihm lächelnd. Im Vorbeigehen warf sie einem ihrer Angestellten noch einen Blick zu und zeigte auf den Tresen. Der Platonier, der gemeint war, wusste, was das bedeutete und stellte sich hinter ebendiesen.

Scotty und Ginalla hatten den Gastraum über eine Seitentür verlassen und waren einem Gang gefolgt, der sie in ein kleines Zimmer führte, das mit einem warmen Teppich ausgelegt war. In der Mitte des an Wenden und Teppich Ton in Ton gehaltenen blauen Zimmerchens stand ein kleiner Tisch mit zwei Sofas, die jeweils zwei Sitze hatten. „Das is’ an sich unser Pausenraum.“, sagte Ginalla. „Aber für so prominente Gäste wie dich machen wir mal eine Ausnahme.“

Sie deutete auf eines der Sofas und Scotty setzte sich erleichtert in die blauen Kissen. Sie lief einmal um den Tisch und setzte sich dann auf das zweite Sofa, das in einem ungefähren 45-Grad-Winkel zu dem Ersten stand. Vorher aber hatte sie auf ihrem Weg noch aus einer kleinen Vitrine zwei Gläser und eine Flasche geholt. Dies stellte sie jetzt auf dem runden blauen Tisch ab, entkorkte die Flasche und goss von ihrem Inhalt großzügig in die beiden bauchigen weißen Gläser ein. Dann schob sie Scotty eines mit den Worten: „Vorsicht, randvoll! Du weißt ja, bei mir gibt’s keine halben Sachen.“, hin. Neugierig beschnupperte und beäugte Scotty den Inhalt. Von der Farbe erinnerte das Getränk ihn stark an Whisky, aber es hatte doch eher eine buttrige Duftnote. „Was für’n Gebräu is’ das, Gin’.“, fragte der verwirrte Terraner. „Die Übersetzung des demetanischen Originalnamens lautet Zungenwecker.“, sagte Ginalla. „So werde ich es auch auf der Karte auszeichnen, wenn es bei meinem Versuchskaninchen hier gut ankommt. Es ist auf der Basis der Milch von irgendeinem demetanischen Haustier. Frag mich jetzt bitte nich’. Ich muss noch mal gucken. Aber Alkohol is’ keiner drin, obwohl man das vom Geschmack her glauben könnte.“ „Na dann.“, sagte Scotty und beugte sich zu seinem Glas: „Ich hoffe, du hast ’ne gute Versicherung, falls das hier gesundheitlich in die Hose geht.“

Der erste Schluck weckte in Scotty wahrhaft heimatliche Gefühle. Er schmeckte den gleichen malzigen Geschmack, den er auch von gutem alten schottischem Whisky kannte. Nur war dies hier etwas dickflüssiger. Bevor er den zweiten Schluck nahm, beobachtete Ginalla, wie seine Zunge rund um seinen Mund ihre Bahnen zog. „Jetzt weißt du, warum die Demetaner es so nennen.“, sagte sie. „Aber genau.“, sagte Scotty, nachdem er seine wild gewordene Zunge wieder eingefangen hatte. „Aber nun sollte ich dir endlich sagen, warum ich hier bin. Ich brauch’ ’n Zimmer für meine Frau, ihren Hausfreund und mich.“ „Da bist du hier goldrichtig.“, grinste Ginalla. „Aber was is’ daran so geheim? Ich würde mich freuen, wenn Shimar, die alte Miefsocke und Betsy hier aufschlagen.“ „Ich weiß nich’ viel.“, sagte Scotty. „Es scheint nur wieder um Sytania zu gehen. Shimars Übermittlung war irgendwie nich’ ganz eindeutig.“ „Sytania?!“, fragte Ginalla mit leicht angeekeltem Ton. „Also, dass ich dich bei Problemen mit der Frau nich’ allein lasse, kannst du dir ja wohl denken. Ginalla macht wieder mit. Da kannst du gepflegt einen drauf lassen! Oder von mir aus auch zwei bis zehn!“

Scottys Selbstkontrolle hatte sich zu Ungunsten seiner hinteren auf seine vorderen Körperöffnungen verteilt, was zur Folge hatte, dass es, als er aufstand, ein Geräusch gab, was man allenfalls mit Krachern in der Silvesternacht verbinden würde. Ihre Äußerung musste ihn total aus dem Konzept gebracht haben. „Ups, ein Pups.“, scherzte Ginalla. „Wohl eher zwei bis zehn.“, sagte Scotty verschämt. „Sorry, Ginalla. Aber du kannst einen manchmal so erschrecken, dass man total die Beherrschung verliert. Mit Sytania is’ es nich’ einfach und du …“ „Die dumme Zivilistin bin ich schon lange nich’ mehr!“, sagte Ginalla selbstbewusst. „Also, entweder, du spuckst aus, oder ihr verbringt die folgenden Nächte auf der Straße!“ „Also gut.“, lenkte Scotty ein. Er wusste, dass es ihr durchaus ernst war. Dann berichtete er ihr alles, was er von Shimar erfahren hatte.

Tchey steuerte Rescue One auf dem schnellstmöglichen Kurs zum Mars. Kelly hatte sie und D/4, die auf ihrem Pager eine kurze Information abgelesen hatte, kurz über die Situation informiert. Sedrin hatte sich sofort von Tchey mit dem Chief-Agent verbinden lassen, um sich von ihr das OK für die Leitung des Einsatzes zu holen. „Sind Sie sicher, dass es sich bei dem Angreifer um Sytania handelt, Sedrin?“, fragte die lockenköpfige Halbklingonin. „Ja, Tamara.“, sagte Sedrin ruhig. „Die Indizien sprechen eine eindeutige Sprache. Die wirklichen Beweise werden wir zwar noch erbringen müssen, aber ich denke, es wird alles darauf hinauslaufen.“ „Ich hoffe, Sie wissen, was Sie da tun!“, sagte Tamara und Sedrin hatte fast den Eindruck, sie hätte vor etwas Angst. Das war etwas, das die Demetanerin sonst noch nie bei ihrer Vorgesetzten bemerkt hatte. Sicher hatte Tamara damit Recht, dass man Sytania nicht so einfach eines Verbrechens beschuldigen konnte, ohne Beweise zu haben. Obwohl sie Staatsfeind Nummer eins war, hätte sie dann jedes Recht, der Föderation den Krieg zu erklären und was das für Konsequenzen haben würde, wusste die umsichtige Agentin genau. Also hatte auch Sytania ein Recht auf ein ordentliches Ermittlungsverfahren. Aber Tamaras Äußerung war nicht nur von vernünftigen Überlegungen geprägt, das hatte Sedrin durchaus mitbekommen. „Wenn Sie Angst haben, Tamara.“, begann sie. „Dann versichere ich Ihnen, dass es dazu keine Veranlassung gibt. Wir werden schon herausbekommen, wer hier wirklich am Werk war. Ich weiß, dass die Presse bereits ihr Urteil gefällt hat, aber die treffen ja Mutter Schicksal sei Dank keine politischen Entscheidungen.“ „Ich wusste, dass ich mich auf Sie verlassen kann, Sedrin.“, sagte die Chefagentin. „Sie sind unsere beste Frau für den Job, wenn es darum geht, Sytania zu überführen. Sie haben die Leitung bei diesem Einsatz!“ Damit beendete sie die Verbindung.

Die reptiloide Pilotin hatte den Kopf gedreht. „Tut mir leid, wenn ich gelauscht habe, Agent.“, sagte Tchey. „Aber irgendwie klingt Tamara heute so zaghaft.“ „Das ist mir auch aufgefallen!“, zischte Sedrin ihr zu. „Aber ich wäre Ihnen verdammt dankbar, wenn Sie das nicht an die große Glocke hängen würden.“ „Ja, ja.“, erwiderte Tchey und wandte sich wieder ihrem Flugmonitor zu. „Machen Sie mir eine Sammelverbindung mit allen Shuttles!“, befahl Sedrin. Tchey nickte und führte den Befehl aus. Dann informierte Sedrin alle darüber, dass sie den Einsatz leiten würde.

Einen halben Kilometer von der Siedlung entfernt landete Tchey das Rettungsshuttle und der Pilot von Rescue Two tat es ihr daneben gleich. Auch die Shuttles des Geheimdienstes landeten. Alle verließen die Schiffe und stellten sich um Sedrin herum, die dozierte: „Wir kennen alle die Situation nicht, Ladies und Gentlemen! Das bedeutet, es sind einige Vorsichtsmaßnahmen zu beachten! Halten Sie zueinander unbedingt Sprechkontakt! Niemand geht allein! Die Teams der geheimdienstlichen Shuttles bleiben zusammen, bis auf das von Jacksons Schiff! Sie nehmen den Mediziner von Rescue Two mit! Aber dafür bleibt Jefferson beim Schiff, genau wie Tchey! Es ist möglich, dass wir überlebende Patienten schnell abtransportieren müssen! Deshalb halte ich es für besser, wenn die Piloten bei den Rettungsschiffen bleiben! Halten Sie auf jeden Fall Ihre Rosannium-Waffen einsatzbereit! Wir wissen nicht, ob sich der Angreifer noch hier befindet! Ansonsten halten Sie die Augen und Ohren offen und lassen Sie die Erfasser einige hübsche Bilder machen! Man weiß nie, was einem so für Hinweise begegnen! D/4, Sie kommen mit mir! Hat noch jemand eine Frage?!“ Tchey hob die Hand. „Ja.“, sagte Sedrin und drehte sich in ihre Richtung. „Ich bin ausgebildete Sternenflottenoffizierin!“, protestierte Tchey gegen die Order, beim Schiff zu bleiben. „Mag sein!“, schnippte Sedrin zurück. „Aber Jefferson ist das nicht. Aber wenn Sie bei ihm bleiben, um so besser. Als ausgebildete Offizierin haben Sie sicher nichts dagegen, auf einen armen unschuldigen Zivilisten zu achten. War das alles?“ Tchey nickte missmutig. Sie konnte an Sedrins Blick durchaus ablesen, dass es ihr ernst war und dass sie über ihre Anweisungen nicht mit sich reden ließ. „Na dann, ausschwärmen!“, befahl Sedrin, schnappte sich D/4 und wählte eine Richtung, in die sie mit ihr verschwand.

Jefferson und Tchey waren bei den Schiffen zurückgeblieben und die Reptiloide lehnte sich jetzt lässig an die Wand ihres Fluggerätes. Sie konnte noch immer nicht verstehen, warum Sedrin sie nicht hatte mitgehen lassen wollen. Im gleichen Moment hörte sie eine rauchige leise Stimme neben sich: „Hi, Kollegin. Endlich lernen wir uns mal kennen.“ Sie blickte nach rechts, in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war und erkannte einen leicht untersetzten älteren Terraner mit schwarzem Schnurrbart, ebensolchen Haaren und irischem Akzent, der neben ihr stand und ebenfalls eine Fliegerkluft, wie sie an Bord eines zivilen Rettungsshuttles üblich war, trug. „Patric Jefferson.“, stellte er sich vor. „Tchey Neran-Jelquist.“, erwiderte sie gelangweilt. „Sie sind eine ziemliche Berühmtheit.“, stellte Jefferson fest. „So, bin ich das?“, untertrieb Tchey. „Natürlich.“, meinte ihr Gegenüber. „Sie waren auf der Scientiffica und haben den Commander dabei unterstützt, den Diebstahl eines Sternenflottenschiffes auf perfide Weise aufzuklären. Außerdem haben Sie auch noch bei diversen anderen Gelegenheiten Ihre Finger im Spiel gehabt, hörte ich.“ „Wo Tchey ist, steigt die Party, wo Tchey ist, brennt die Luft. Und steigt sie in die Kiste, dann ruft die ganze Gruft: …“ begann Tchey, wurde aber gleich darauf von Jefferson unterbrochen: „Tchey!“ „Genau.“, sagte sie cool. „Woher weißt du, wie der Spruch weiter geht?“ „Das meine ich doch gar nicht.“, sagte Jefferson und klang dabei fast etwas ängstlich. „Ich will doch nur, dass du dich mal umdrehst.“ In Tcheys Ohren hatte er schon fast etwas panisch geklungen. Deshalb sagte sie nur: „Dann lass mal sehen, warum du dir fast ins Höschen pullerst.“, und drehte sich lässig im Schneckentempo um die eigene Achse. Dann sah sie in ein Paar großer grüner Augen, die sie lieb anzwinkerten. Im nächsten Augenblick kam die Besitzerin dieser Augen langsam und schnurrend hinter einem Busch hervor. Yara musste die Ankunft der Schiffe beobachtet haben. Außerdem musste sie gelernt haben, dass aus großen brummenden fliegenden Höhlen zumeist Hilfe zu erwarten war. „Na, Mieze!“, begrüßte Tchey die demetanische Wollkatze freundlich. Jefferson, der noch immer große Angst zu haben schien, versteckte sich hinter dem Schiff.

Yara drückte ihren großen Kopf an Tcheys rechtes Bein und schnurrte laut auf. Tchey fiel sofort auf, dass sie ein Halsband trug. „Du gehörst wohl zu jemandem.“, vermutete sie. „Na, wenn derjenige dem Angriff zum Opfer gefallen ist, dann war es schon ganz OK von dir, wegzulaufen. Ansonsten hätte Sytania dich wohl auch noch gekillt. Wo war denn dein Zuhause, he? Komm, zeig mal!“

Als hätte Yara Tcheys Aufforderung wortwörtlich verstanden, hob sie ihren Schwanz, drehte sich um und schlich in mittlerem Tempo voran. Tchey machte Anstalten, ihr zu folgen. „Du weißt, was Sedrin gesagt hat!“, rief ihr Jefferson noch hinterher. „Steig in dein Schiff!“, erwiderte sie. „Da bist du sicher, du alter Hosenscheißer!“ Dann lief sie hinter Yara her, die sie in Loranas Haus führte.

Das Erste, dem Tchey hier ansichtig wurde, war Loranas Leiche. „O je.“, sagte sie zu Yara und strich ihr mitleidig über den Kopf. „Dein Frauchen, was? Na ja. Lass mich sie mal scannen, dann wissen wir sicher bald mehr.“ Damit zog sie einen Erfasser aus der Tasche und richtete ihn auf die Tote. Das Gerät zeigte ihr Werte, die sie zuerst nicht wirklich einordnen konnte. Teilweise waren sie terranisch aber sie konnten auch von einem telepathischen Wesen stammen, was einen Terraner aber eigentlich als Täter ausschloss. Tchey schob die Ungenauigkeit zunächst auf die lange Zeit, die der Körper ohne Stasekammer hier gelegen haben musste. Was sie gesehen hatte, musste an der Verfallsrate liegen. Sie hatte zwar gehört, dass es ab und zu mal eine Mutation in den Genen auch bei Terranern gegeben hatte, die auch Telepathen hervorbrachte, aber die lernten doch bei Zeiten, mit ihren Fähigkeiten umzugehen und so einer hätte Sytania sicher erkannt und ihr was gehustet, wenn sie versucht hätte, ihn als Marionette zu benutzen. Die Werte waren auch alle nicht eindeutig! Hier stimmte etwas nicht, da war sie sich sicher und wenn dieses Haustier die einzige Zeugin war, dann musste eine Möglichkeit gefunden werden, mit ihr zu kommunizieren, um ihr sozusagen eine Aussage zu entlocken. Tchey fragte sich nur, wie sie ihr beibringen sollte, dass es unerlässlich war, mit ihr zu kommen und sich für eine Weile in den dunklen und stickigen Frachtraum des Schiffes sperren zu lassen.

Ihr Blick war auf den Replikator gefallen. Wenn das Ding noch Energie hatte, konnte es möglich sein, mit ihm eine kleine Bestechung für Mieze, wie Tchey Yara in Unkenntnis ihres wirklichen Namens nannte, zu besorgen. Tatsächlich ließ der Druck auf die Menütaste das Display aufleuchten. „Na bitte.“, sagte Tchey erleichtert. Dann programmierte sie ein dickes Putenschnitzel, welches ihr das Gerät bereitwillig entgegenspuckte. Sie nahm es in die Hand und riss es in mehrere Brocken, die sie auf dem Weg zwischen dem Haus und dem Schiff verteilte. Schmatzend, weil fressend, folgte Yara der Spur.

Den letzten Brocken aber hob Tchey auf, um ihn im nächsten Moment durch die weit geöffnete Tür des Frachtraums von Rescue One zu werfen. Vorher hatte sie per Sprechgerät und Datenverbindung mit dem Rechner des Schiffes Kontakt aufgenommen, um ihm ebendiesen Befehl zu übermitteln. Yara witschte an ihr vorbei, setzte sich vor das Stück Fleisch, verleibte es sich in aller Ruhe ein, leckte ihre Schnauze, legte sich hin, rollte sich schnurrend auf dem Boden des Frachtraums zusammen und schloss die Augen, eine Reaktion, mit der Tchey nicht im Geringsten gerechnet hatte und die sie sehr verblüffte. „Du bist ja richtig nett zu mir, Mieze.“, lobte sie. „Ich hätte mit mehr Gegenwehr gerechnet. Aber vielleicht fliegst du ja gern, oder du vertraust mir einfach.“ Dann wandte sie sich lässig an den Rechner: „Computer, Tür zu.“ Die Luke des Frachtraums schnappte ins Schloss. Aber selbst das störte Yara nicht. Sie war schnurrend eingeschlafen.

Erleichtert hatte Tchey sich zurück zur Tür des Cockpits begeben und sich dort wieder angelehnt. Außerdem machte sie das unschuldigste Gesicht der Welt. „Kannst du mir mal verraten, was du da gerade gemacht hast?“, fragte Patric. „Ich habe nur eine Zeugin eingeladen.“, meinte Tchey flapsig. „Was für eine Zeugin.“, wollte Jefferson wissen. „Doch nicht etwa dieses Raubtier!“ „Oh, doch, genau das.“, grinste Tchey. „Immerhin ist sie eine wichtige Zeugin.“ „Na, der Agent wird sich freuen.“, sagte Jefferson seufzend. Insgeheim hoffte er wohl, dass Sedrin Tchey bei der Rückkehr für ihr unerlaubtes Verhalten die Leviten lesen würde.

Kapitel 12: Die Hinweise verdichten sich

von Visitor

Sedrin und D/4 waren entlang einer Hauptstraße in die Siedlung eingebogen. Beide sahen sich die Häuser, an denen sie ihr Weg vorbeiführte, genau an. Ihnen entging nicht, dass von den einstmals schmucken idyllischen und einladenden Häusern mit ihren kleinen gemütlichen Gärten nur noch Ruinen übrig waren. Der verblendete Radcliffe musste ziemlich gewütet haben. Offensichtlich hatte er niemanden am Leben lassen wollen, der sich nicht seiner Reinwaschung unterziehen wollte und auch ein Zeichen setzen wollen.


Die Agentin war vor einer der Ruinen stehen geblieben. „Hier muss ja ein Bombenangriff stattgefunden haben!“, vermutete sie, als sie sich die Trümmer des Hauses genauer angesehen hatte. „Ihre Annnahme ist fehlerhaft.“, sagte die Sonde, die neben ihr stand und das Gleiche gesehen hatte. Allerdings hatten ihr ihre Augen, die wie die Sensoren eines Erfassers funktionierten, verraten, dass hier wohl kein Sprengstoff benutzt worden war. „Fehlerhaft?“, wiederholte Sedrin in der Absicht, sie mit ihrem leicht haarspalterisch anmutenden Verhalten zu irritieren. „Nicht inkorrekt?“ D/4, die eine solche Reaktion von einer Bioeinheit offensichtlich nicht erwartet hatte, sah sie etwas verwirrt an. „Du meine Güte!“, sagte Sedrin. „Habe ich Sie etwa so aus dem Konzept gebracht?“ „Das haben Sie.“, gab die Sonde zu. „Die meisten anderen Bioeinheiten, denen ich so etwas sage, wären beleidigt gewesen und hätten verunsichert reagiert. Aber Agent Sedrin Taleris-Huxley tut das offensichtlich nicht.“ „Ihre Annnahme ist korrekt, um mal in Ihrer Sprache zu sprechen.“, lächelte die Agentin und setzte sich auf einen Mauerrest. Dann zog sie die Sonde neben sich. „Aber ich habe zu viel gesehen und weiß selbstverständlich auch, dass hier kein Sprengstoff eingesetzt wurde. Kellys Informationen darüber waren ja eindeutig. Aber wenn Sie das so genau wissen, dann sagen Sie mir doch mal, ob Sie bestätigen können, dass Sytania hier die Hände im Spiel hat.“ „Meinen Scanns zur Folge.“, begann die Xylianerin. „Hat sie wohl eher ihre telepathischen Fähigkeiten, als ihre Hände im Spiel, Agent.“ „Sehen Sie.“, sagte Sedrin. „Und genau deshalb war ich auch nicht beleidigt, als Sie meine Annahme als fehlerhaft bezeichnet haben. Ich weiß, dass Sie damit meinten, dass es wohl einen Angriff gegeben hat, dieser aber nicht mit Sprengstoff oder einem Phaser geführt wurde. Um dies wirklich zu vermuten, habe ich zu viel gesehen. So naiv bin ich nicht. Dazu kenne ich Sytania zu gut.“ „Ihre Beachtung von Details ist also Ihrer Expertenmeinung über Sytania geschuldet.“, vergewisserte sich die Sonde. „Das ist korrekt.“, nickte Sedrin. „Ihre Arbeitsweise ist sehr effizient.“, lobte die Sonde. „Wenn ich Sytania wäre, dann würde ich mich vor Ihnen ziemlich in Acht nehmen.“ „Danke, D/4.“, sagte Sedrin. Dann stand sie auf und drehte sich in Richtung dessen, was einmal der Eingang zum Haus gewesen sein musste. „Lassen Sie uns gehen. Vielleicht finden wir noch ein paar Hinweise.“, sagte sie.


Sie bahnten sich den Weg über einige Steinhaufen hinweg. Dann standen sie in dem, was laut noch vorhandenem Grundriss des Hauses wohl einmal das Wohnzimmer gewesen sein musste. Hier stolperte Sedrin fast buchstäblich über die Leiche eines älteren Aldaners. Er lag in stark verkrampfter Haltung da. Seine Augen waren geschlossen und er machte noch im Tod ein sehr angestrengtes Gesicht. „Hallo, mein Freund.“, sagte die Agentin, nachdem sie den ersten Schreck überwunden hatte. „Wollen doch mal sehen, ob Sie uns nicht noch etwas zu sagen haben.“ Damit zog sie ihren Erfasser und hielt ihn über den Kopf der Leiche. Die merkwürdigen Werte, die das Gerät ihr anzeigte, vermochte sie aber nicht einzuordnen. „Scannen Sie ihn mal, D/4.“, sagte sie und drehte sich zu der Sonde, die wartend hinter ihr stand. „Vielleicht hat das System andere Daten. Mein Erfasser kennt die merkwürdige Signatur auf jeden Fall nicht. Ich werde mich um die Energieverteilung in diesen Trümmern bemühen. Vielleicht können wir dann klären, was hier passiert ist.“


Die Sonde nickte und tauschte mit ihrer Teampartnerin den Platz. Während sie den Mann scannte, der normale Alltagskleidung trug, wie sie auf seinem Planeten üblich war, ging Sedrin herum und ließ ihren Erfasser von jedem Stein und jedem abgebrochenen Stück Möbel ein Energieschema anfertigen. Dann startete sie im Gerät ein spezielles Programm, das die Bilder zu einem Einzigen zusammensetzte, das die Form eines Tortendiagramms hatte. „Der Energieverteilung in diesem Raum nach.“, sagte sie. „Muss zwischen unserem Aldaner und dem Fremden ein telepathischer Kampf stattgefunden haben. Jedenfalls sieht es für mich so aus, als wollte er unseren Angreifer unbedingt dazu provozieren, hier möglichst viel von seinen Fingerabdrücken zu hinterlassen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ „Ich verstehe sehr gut.“, erklärte die Sonde und drehte sich von der Leiche des Aldaners fort. „Haben Ihre Scanns noch etwas ergeben?“, fragte Sedrin. „Negativ.“, antwortete die Sonde. „Dem System ist diese Signatur auch völlig unbekannt. Aber sie haben sie schon einmal gesehen. Sie ist auf Camp Khitomer aufgetreten.“ „Natürlich.“, sagte Sedrin. „Der Fremde war auch auf Khitomer. Aber dort hat er niemanden getötet.“ „Offensichtlich hat er seine Strategie den Gegebenheiten angepasst.“, stellte D/4 fest. „Ich denke, dass sich der Aldaner deshalb gewehrt hat, weil er als Telepath in der Lage war zu erkennen, was den so genannten Normalsterblichen verwehrt bleibt. In der Signatur sind, wenn man die Energieprofile einzeln betrachtet, Hinweise auf Sytanias Neurofrequenzen zu finden. Aber der Großteil der Energie scheint terranischen Ursprungs zu sein. Ich erkenne aber nicht die gleichen Profile, wie sie bei zu Telepathen mutierten Terranern zu sehen sind. Ich musste die Profile aufspalten, um die des Aldaners isolieren und ausfiltern zu können.“ „Schon klar.“, sagte die Agentin.


Sie zog einen Transportverstärker aus ihrer Tasche und heftete ihn an den weißen Hemdkragen der Leiche. „Sie werden einen kleinen Ausflug machen, mein Freund.“, flüsterte sie ihm zu. „Ihr Kampf, auch wenn Sie ihn offensichtlich verloren haben, soll nicht umsonst gewesen sein. Wenn Sie uns Hinweise liefern wollten, dann haben Sie das mehr als erreicht.“ „Ihr Gebaren ist irrational.“, stellte die Sonde fest. „Wovon reden Sie?“, fragte Sedrin. „Mit einem Toten zu sprechen, ist nicht effizient.“, erklärte die Sonde. „Er wird Ihnen eine Antwort schuldig bleiben.“ „Ich weiß.“, sagte Sedrin. „Trotzdem ist es manchmal einfach nur eine Marotte emotionaler Bioeinheiten. Lassen Sie mir doch den Spaß. Ich weiß, dass Sie mich für ein rationaleres Wesen gehalten haben, nachdem ich auf Ihren Hinweis bezüglich des Bombenangriffs nicht mit beleidigtem Schmollen reagiert habe, sondern Sie noch auf fast einem Anwalt würdige Weise hinterfragt habe. Aber das ist auch einer der Gründe, aus denen sich Sytania vor mir und den Meinen ziemlich in Acht zu nehmen hat. Ich kann mal so und mal so und es ist für sie niemals berechenbar, welches Gesicht ich gerade zeige.“ „Ohne Sie.“, schlussfolgerte die Sonde. „Hätte also Huxley nie …“ „Ganz recht.“, sagte Sedrin. „Aber nun lassen Sie uns erst mal dafür sorgen, dass unser Zeuge ein würdiges Vehikel für seine Reise zu uns in die Leichenkammer bekommt. Auf Cupernicas Tisch wird er schon reden. Natürlich nur im übertragenen Sinne.“ „Ihre Umgangsweise mit dem Thema ist befremdlich.“, musste D/4 feststellen. „Aber sie ist der Gefahr, in der wir offenbar alle schweben, sicherlich angemessen.“


Sedrin zog ihr Sprechgerät und gab das Rufzeichen von Rescue One ein. Es dauerte etwas, bis Tchey die Verbindung entgegennahm. „Warum hat das so lange gedauert?“, fragte Sedrin. „Sie hatten mir gesagt, dass ich beim Shuttle bleiben soll.“, entgegnete Tchey. „Da habe ich das Signal nicht gleich gehört. Wenn ich im Cockpit gesessen hätte …“ „Hören Sie auf, hier Haare zu spalten!“, sagte Sedrin mit leichter Empörung in der Stimme. „Sie nehmen es doch sonst mit dem Thema Vorschriften nicht so genau. Was ist der wahre Grund, aus dem Sie getrödelt haben?!“


Wieder vergingen einige Sekunden, die Tchey absichtlich verstreichen lassen hatte, um sich eine passende Ausrede zu überlegen. Die Geheimdienstlerin war in keiner guten Stimmung gewesen, das hatte sie erkannt. Ihr jetzt noch zu beichten, dass sie eine 4-beinige Zeugin aufgelesen und sich auch noch eigenmächtig vom Schiff entfernt hatte, hielt Tchey nicht für gut. „Ich musste noch was überprüfen.“, sagte sie schließlich. „Und was wäre das?“, fragte Sedrin. „Ach, das ist Fliegerlatein.“, redete sich Tchey heraus. „Ich glaube, das wäre zu hoch für Sie.“ „Also gut.“, sagte Sedrin, die sich mit solchen Dingen weiß Gott nicht lange aufhalten wollte. „Wir werden später noch Gelegenheit haben, darüber zu reden. Jetzt möchte ich erst mal, dass Sie eine Leiche in den Stasecontainer von Rescue One beamen.“ „Noch eine?“, rutschte Tchey heraus, die mittlerweile auch dafür gesorgt hatte, dass Lorana ihren Platz in ebendiesem Container gefunden hatte. „Wieso noch eine?!“, fragte Sedrin etwas ungehalten. „Was haben Sie wieder angestellt?“


Sie hörte plötzlich schnelle männliche Schritte hinter sich und jemand stolperte über die Trümmer auf sie zu. Im mittlerweile immer schwächer werdenden Licht der künstlichen Energieversorgung der Siedlung konnte Sedrin, erst als er genau vor ihr stand, erkennen, um wen es sich handelte. „Gregory.“, identifizierte sie einen ihrer Kollegen. Der Geheimdienstler, der eine normale Agentenuniform trug, war 1,80 m groß, schlank und hatte kurze rote Haare. „Ich habe versucht, dich zu erreichen, Sedrin.“, sagte er. „Aber du bist laut Computer gerade selbst in einem Gespräch gewesen.“ „Das stimmt.“, antwortete die Demetanerin. „Aber was ist um alles in der Welt der Grund, aus dem du so aufgeregt bist?“ „Es gibt einige Überlebende.“, sagte Gregory Kerry, den Sedrin schon aus ihrer gemeinsamen Zeit auf der Akademie der Sternenflotte kannte. „Aber die solltest du dir unbedingt mal ansehen. Einige machen einen Eindruck wie willenlose Zombies. Bei anderen ist es noch nicht so schlimm, aber ich glaube, das ist alles nur noch eine Frage der Zeit. Bitte komm mit mir.“ „Gleich.“, sagte Sedrin knapp. „Aber ich finde es nicht sehr fein von dir, Sytanias Opfer als Zombies zu bezeichnen.“ „Bitte entschuldige, Euer Hochmoral!“, meinte Kerry etwas erbost. „Aber von der ganzen Situation hier bekomme ich Fracksausen.“ „Tja.“, sagte Sedrin nur schnippisch. „Augen auf bei der Berufswahl.“ „Denkst du etwa, ich sei dem Beruf des Geheimdienstlers nervlich nicht gewachsen?“, fragte Kerry. „Im Moment machst du auf jeden Fall ganz den Eindruck.“, sagte Sedrin. „Wo ist übrigens deine Partnerin?“ „Jane ist bei einer der Überlebenden und versucht sie zu befragen. Aber viel wird man aus ihr wohl nicht herausbekommen. D/4 sollte wohl mitgehen.“ „Sicher.“, sagte Sedrin. „Aber ich habe hier noch etwas zu erledigen.“


Sie wandte sich erneut ihrem Sprechgerät zu: „Tchey, beamen Sie jetzt endlich diese Leiche hier weg!“ „Wie Sie wünschen, Agent.“, sagte die Reptiloide ruhig. Dann verschwand der tote Aldaner in einer schimmernden immer durchsichtiger werdenden Säule. Sedrin atmete auf: „So und nun lass uns gehen, Gregory.“


Wenige Straßen weiter erreichten sie ein noch intakt scheinendes Haus. Die Beete vor dem Eingang, in denen allerlei exotische Pflanzen wuchsen, waren grün und auch in den Bäumen rund um das Haus zwitscherten die Vögel. Nichts erinnerte an die trostlose und gespenstische Umgebung, die Sedrin und die Sonde verlassen hatten. „Als ob hier nie ein Angriff gewesen ist.“, stellte Sedrin fest. „Das ist korrekt.“, sagte D/4.


Sie gingen weiter hinter Kerry her und gelangten in das mit hellen Farben eingerichtete Haus. Auch das Gebäude selbst war intakt und sogar die Bilder hingen noch an der Wand. „Jane, wir sind’s!“, rief Kerry seiner Partnerin zu, um sich und die anderen zu identifizieren. „OK.“, erklang die hohe Stimme einer jungen Frau aus dem Wohnzimmer. „Ich hoffe, du hast einen Mediziner mitgebracht.“ „Das habe ich.“, sagte Gregory und machte einen Schritt ins Zimmer. D/4 und Sedrin folgten ihm.


Auf einem Sessel im Wohnzimmer saß eine ältere Frau, die fast nur so dahindämmerte. Daneben stand eine weitere junge Frau, eine Terranerin in Agentenuniform mit langen blonden Haaren, die mit ihren ca. 1,50 m sehr klein war. „Sie ist ansprechbar.“, sagte die junge Terranerin und deutete auf ihr Gegenüber im Sessel. „Aber ihre Antworten kommen immer zögerlicher. Das kann ich mir nicht erklären.“


„Treten Sie zur Seite, Williams!“, wandte sich Sedrin an Jane. Diese nickte und wich einige Schritte zurück. Sedrin aber näherte sich jetzt der alten Frau im Sessel. „Ich bin Agent Sedrin Taleris-Huxley.“, stellte sie sich vor. „Cora Jeffries.“, antwortete die Alte nach einer ganzen Weile, die nach Sedrins Empfinden mindestens zehn Sekunden gedauert hatte. „Fein, Mrs. Jeffries.“, sagte die Agentin und winkte D/4. „Dass ist D/4.“, stellte sie dann auch die Sonde der Alten vor, nachdem diese hinzugetreten war. „Sie ist Medizinerin. Sie wird Sie untersuchen. Verstehen Sie?“ Die Alte nickte nach einer weiteren Weile langsam. „OK.“, sagte Sedrin. „Fangen Sie an, D/4.“


Die Sonde begann mit dem Scannen, griff aber plötzlich mit alarmiertem Gesicht die rechte Hand der Agentin und zog sie in ein anderes Zimmer. „Was zur Hölle haben Sie gesehen?“, fragte Sedrin. „Ist sie so schwer verletzt?“ „Ihre Hülle ist intakt.“, antwortete die Sonde. „Aber in ihrem neuralen Energieprofil fehlen einige Frequenzen, die für Terraner eigentlich typisch sind und sich im so genannten Mandelkern befinden. Dieser steuert das Aggressionsverhalten von humanoiden Bioeinheiten. Er ist aber auch für die Entschlussfähigkeit und die Durchsetzungskraft verantwortlich.“ „Schon klar.“, meinte Sedrin. „Man muss ja schon mit einer leichten Forschheit vorgehen, wenn man etwas wirklich will und Sie meinen, das ist für sie unmöglich?“ „Korrekt.“, sagte die Angesprochene. „Beziehungsweise, es wird ihr von Sekunde zu Sekunde an unmöglicher. Es gibt ein Energiefeld, das von ihrem Mandelkern ausgeht und das sich im Subraum und der interdimensionalen Schicht ausbreitet. Es scheint die Energie von ihr zu einem anderen Punkt irgendwo in einer anderen Dimension zu transportieren. Das Feld einfach mit einem Schuss aus der Rosannium-Waffe zu unterbrechen, halte ich aber für nicht empfehlenswert. Sie ist sehr schwach und es würde sie definitiv töten!“ „Was können wir dann tun?“, fragte Sedrin. „Wir können nicht die gesamte Kolonie in eine Psychoklinik stecken. Wenn das mit allen Überlebenden so ist, dann …“ „Negativ.“, antwortete die Sonde. „Aber wir können veranlassen, dass ein Team aus Medizinern hierher geschickt wird, um das Ganze weiter zu untersuchen. Außerdem benötigen diese Leute im Moment eine permanente Betreuung. Ohne ihre Entschlussfähigkeit sind sie nicht in der Lage, ihren alltäglichen Geschäften nachzugehen.“ „Wenn wir wieder auf der Erde sind.“, sagte Sedrin. „Dann werde ich alles Nötige veranlassen. Außerdem muss sich jemand um die zentrale Energieversorgung kümmern. Die Marskolonie ist eine künstlich erstellte Umgebung. Wenn hier alles ausfällt, dann …“ „Sicher.“, sagte D/4. „Aber jetzt sollten wir zu den Schiffen zurückkehren und unsere Daten auswerten.“ „Ganz Ihrer Ansicht.“, sagte Sedrin und zog ihr Sprechgerät, in das sie einen Sammelruf eingab: „Hier spricht die Einsatzleitung. Wir rücken ab!“ Alle Teams bestätigten und begaben sich zu den Schiffen. Dann flog man im Pulk ab. Das kleine Geheimnis von Rescue One aber, von dem Sedrin noch nichts wusste, würde noch für Wirbel sorgen.


Elektra beschäftigte sich im Maschinenraum der Granger mit Wartungslisten, als ihr Vorgesetzter den gemeinsamen Arbeitsraum betrat. Er sah recht ausgeschlafen aus, aber die Androidin beschlich die heimliche Vermutung, dass etwas mit ihm nicht stimmen konnte. Dass er in einer ziemlich gefährlichen Situation einfach zum Schlafen in sein Quartier gegangen war, irritierte sie doch. Sie hatte Jannings eigentlich immer als sehr pflichtbewussten Offizier in Erinnerung. Wenn sich sein Verhalten wiederholen würde, musste sie es melden, das wusste sie. Aber wem sollte sie es melden? Mikel, der als ausgebildeter Agent und erster Offizier auch für die Sicherheit der Granger zuständig war, hatte in ihren Augen ebenfalls ein sehr merkwürdiges Verhalten an den Tag gelegt. Wenn sich alle biologischen Wesen auf diesem Schiff bald merkwürdig verhielten, war es vielleicht an ihr, den Grund dafür herauszufinden.


„Irgendwelche besonderen Vorkommnisse, Assistant?“, fragte Jannings und schien ihr dabei, trotz er ausgeschlafen hatte, sehr gelangweilt. „Wir haben Lycira an Bord genommen, Sir.“, sagte Elektra. „Außerdem sind wir auf dem Weg zur 817.“ „Ach ja.“, gähnte Jannings. „Es gibt keinen besseren Platz, als daheim. Wissen Sie, ich möchte nichts sehnlicher, als mal so richtig Urlaub machen. Sobald wir auf der Station sind, werde ich die Flugbereitschaft verständigen, damit sie mich zur Erde bringen. Da lege ich mich dann gemütlich an den Strand irgendwo auf einer gottverlassenen Insel und lasse mir die Sonne auf den Bauch scheinen.“ „Ich bezweifle, dass der Commander Ihnen in unserer gegenwärtigen Situation einen Urlaub genehmigen wird, Sir.“, warnte die technische Assistentin ihren Vorgesetzten vor. „Sie möchte sicher gern herausfinden, warum die imperianischen Vendar auf Lycira geschossen haben und ich denke, dabei werden wir ihr behilflich sein müssen.“ „Oh, nein!“, sagte Jannings in erschrockenem Ton und es schien ihr, als würde ihn dies total überfordern. „Doch nicht jetzt, Elektra. Ich habe das Gefühl, als hätte ich zwei Jahre ohne Urlaub durchgearbeitet.“ „Fühlen Sie sich nicht gesund, Techniker?“, fragte sie. „Meines Wissens haben Sie im letzten Jahr sehr wohl Urlaub gehabt. Aber wenn Sie krank sind, dann sollten Sie die Krankenstation aufsuchen. Vielleicht können Ihnen Loridana und Learosh ja behilflich sein.“ „Meinen Sie das wirklich, Assistant?“, fragte Jannings.


Elektra dachte nach. Jetzt wäre ein guter Moment, um ihre Theorie bezüglich der Abspaltung der aggressiven Seite zu testen. Wenn sie jetzt darauf bestehen würde, dann müsste Jannings ihr ja im Normalfall nicht folgen, da sie ja nur seine Assistentin und er ihr Vorgesetzter war. Das würde er ihr dann, wenn er normal wäre, sicher ins Gedächtnis rufen, aber wenn es stimmte, was sie vermutete, dann würde er ohne zu zögern ausführen, was sie ihm sagen würde.


Sie stellte sich neben ihn und ergriff seine Hand, um ihn mit leichtem Zug in Richtung Tür zu führen. Dann sagte sie: „Sie sollten auf die Krankenstation gehen und das werden Sie auch, Techniker und wenn ich Sie persönlich dort abliefere.“ „Tun Sie das.“, entgegnete der Terraner und ließ sich bereitwillig von ihr aus der Tür schieben, die sich hinter ihm wieder schloss.


Elektra begab sich zurück zu ihrer Arbeitskonsole und rief ein Diagnoseprogramm für die internen Sensoren auf, mit dem sie deren Funktion überprüfte. Allerdings war dies nicht ihr primäres Ziel. Vielmehr musste sie dem Computer vormachen, ebendies tun zu wollen, um Jannings auf seinem Weg auf die Krankenstation und auch bei der Untersuchung dort ungestört beobachten zu können, denn anhand der Bilder, die ihr die Sensoren lieferten, konnte sie genau sehen und hören, was sich dort abspielen würde. Ein schlechtes Gewissen hatte sie nicht! Sie wusste nach seiner Reaktion genau, dass hier Gefahr im Verzug war und dass sie offensichtlich die Einzige war, die ihr begegnen konnte. Das in ihren Augen neben dem auf Khitomer gesehenen wahrscheinlichste Szenario war, dass Sytania an dem Ganzen hier schuld war und das galt es zu beweisen. Unter Umständen musste sie sogar eine Meuterei anzetteln. Aber mit wem konnte sie sich zusammentun? Eine weitere künstliche Lebensform gab es auf diesem Schiff nicht. Natürlich hätte sie den Computer zu dieser oder jener Handlung bringen können. All dies waren aber Überlegungen, die sie nur im absoluten Notfall in die Tat umsetzen würde. Eine Rebellion der Maschinen war für sie auch deshalb die allerletzte Option, weil sie, wenn sie das Gespräch zwischen sich und der Brückenbesatzung noch einmal Revue passieren ließ, verschiedene Abstufungen des merkwürdigen Verhaltens gesehen hatte. Bei Kissara war es gar nicht, bei Mikel nur in besonderen Fällen und bei Kang auch nur manchmal zu sehen gewesen. Wenn sie also zu jemandem gehen würde, dann würden es den Vorschriften gemäß zunächst Mikel und dann vorsichtshalber auch Kissara sein. Aber dafür musste sie noch Beweise sammeln, was sie durch den Missbrauch des Wartungsprogramms jetzt auch tat. Sie würde dies selbstverständlich gegenüber Mikel und Kissara auch zugeben, denn obwohl sie etwas tat, das eigentlich verboten war, rechtfertigte die Gefahr, in der man sich befand, wenn ihre Theorie stimmte, ihre Handlungen doch. Ins Intimste würde sie nicht vordringen. Ihr nackter Vorgesetzter auf dem Untersuchungstisch würde sie nicht interessieren. Viel mehr ging es ihr um Gespräche und Handlungen der Mediziner in Interaktion mit Jannings.


Sie sah, wie der Chefingenieur die Krankenstation betrat. An einer Arbeitskonsole stand Learosh. „Was ist, Mr. Jannings?“, fragte der medizinische Assistent.


Elektra holte sich sein Bild näher heran. Wenn sie die für seine Rasse geltenden Parameter ansetzte, dann hatte er einen ähnlich lust- und antriebslosen Blick wie Jannings. Dies war eine weitere Bestätigung ihrer Theorie. Sie ahnte, wenn sich dies so weiter entwickeln würde, käme sie nicht umhin, die Sache doch noch zu melden. „Ich komme, weil es mir seit einiger Zeit nicht gut geht, Mr. Learosh. Ich glaube, ich benötige einfach mal Urlaub. Aber meine Assistentin meint, ich sei krank. Unter Umständen sollten wir das mal überprüfen.“, meinte Jannings gelangweilt. „Wenn Sie meinen.“, sagte Learosh lustlos und griff genau so lustlos zu einem Erfasser. Den ließ er, in extrem ungenauen Bewegungen, wie Elektra fand, über Jannings’ Körper kreisen. Dann sagte er: „Sie sind völlig gesund, Mr. Jannings. Aber wenn Sie mich fragen, dann geht es mir in letzter Zeit ähnlich. Ich denke, wir sollten alle mal ausspannen.“


Loridana betrat das Untersuchungszimmer. „Was ist hier los, Learosh?“, wendete sie sich an ihren Assistenten. „Techniker Jannings entwickelt sich zum Hypochonder, Ma’am.“, sagte Learosh und hinterließ dabei den Eindruck, als wäre es Schwerstarbeit gewesen, Jannings kurz mit dem Erfasser zu scannen. „Er glaubt, nur weil er etwas überarbeitet ist, sei er gleich sterbenskrank.“


Die technische Assistentin wurde hellhörig. Sie kannte Loridana gut genug, um zu erkennen, wenn sich ihr Charakter verändert hätte. Sie wusste, im Normalfall hätte sie einen solchen Spott über einen Patienten nicht zugelassen und Learosh zurechtgewiesen. Im Normalfall! Aber sie ahnte bereits, dies würde kein Normalfall sein. Wenn ihre Theorie stimmte, dann müsste Loridana jetzt nicht darauf eingehen und es müsste ihr völlig gleich sein, wie Learosh sich gerade geäußert hatte. Genau das geschah auch.


„Wissen Sie was, Mr. Jannings.“, sagte die Medizinerin, nachdem sie einen Blick auf Learoshs Erfasser, aber nicht auf ihren Patienten geworfen hatte. „Sie sind gesund wie ein Fisch im Wasser. Sie sind nur etwas überarbeitet wie wir alle. Ein medizinisch verordneter Urlaub wird Ihnen gut tun.“


Sie ging zu einer Schublade an einem Schrank und holte ein Pad hervor, das sie an den Computer anschloss. Aber ihre Handlungen kamen der technischen Assistentin sehr verlangsamt und müde vor. Aber das war nur ein weiterer Hinweis darauf, wie richtig sie eigentlich lag!


Nach dem Überspielen eines Formulars, das Loridana erst im Pad ausfüllte und unter das sie ihre akustische Unterschrift setzte, gab sie Jannings das Pad in die Hand. „Vielen Dank, Scientist.“, sagte er und verließ die Krankenstation. Auch beim Weggehen beobachtete Elektra die Situation. Es schien ihr, als währen Learosh und Loridana froh, dass er endlich gegangen war.


Sie nahm ihr Haftmodul und überspielte den gesamten Vorgang in ihren eigenen Speicher. Die Spuren ihrer Aktion im Computer würde sie nicht verwischen. Vielmehr würde sie Mikel sogar gezielt auf die Datei aufmerksam machen. Schließlich ging es hier um die Sicherheit von allen! Von allen, inklusive der Sicherheit von Lycira, die so schnell wie möglich repariert werden musste, damit sie gegenüber Mikel aussagen konnte.


Ohne das OK ihres Vorgesetzten abzuwarten, ging Elektra zum Replikator und replizierte die benötigten Ersatzteile. Dann packte sie diese zusammen mit ihrem eigenen Werkzeug in eine Tasche und begab sich zur Shuttlerampe. „Lycira, ich bin’s.“, sagte sie, um sich bei meinem Schiff zu erkennen zu geben. Lycira scannte kurz ihre Umgebung und benutzte dann den Außenlautsprecher: „Hallo, Elektra. Was führt dich her?“ „Ich komme, um dich zu reparieren.“, sagte die Androidin und stellte ihre Tasche auf dem Boden vor dem Schiff ab. Lycira war nicht entgangen, dass Elektra es eilig hatte. „Warum hast du es so eilig, Elektra.“, fragte Lycira, die sich nicht nur mit Jannings, sondern auch mit seiner Assistentin duzte. „Du musst so schnell wie möglich wieder deiner Wege fliegen.“, sagte die Androidin mit der ihr eigenen Gleichmut. „Du bist hier nicht mehr sicher. Eigentlich sind wir es alle nicht mehr. Die gesamte Besatzung, zumindest der biologische Teil, ist in seine gute und seine böse Seite gespalten worden. Der Nachteil ist, dass die böse Seite eigentlich auch notwendig ist, weil sie auch die Willensstärke repräsentiert. Aber nun …“ „Ich kann es mir denken!“, sagte Lyciras sanfte Stimme und klang dabei fast etwas erschrocken. „Sag bitte nicht, auch George ist betroffen!“ „Doch.“, sagte Elektra. „Auch George. Deshalb repariere ich dich ohne sein Einverständnis, damit du dich in sichere Gefilde begeben kannst, bevor hier noch etwas Schlimmes passiert.“


Sie entfernte eine Abdeckung, um an Lyciras Warpkern kommen zu können. „Das könnte jetzt unangenehm werden.“, sagte sie und begann, mit einem Werkzeug den magnetischen Fluss einzustellen. „Danke für deine Warnung.“, sagte mein Schiff. „Aber da du mich gewarnt hast, kann ich die Sensoren, die mir deinen Eingriff melden würden, ja einfach abschalten und schon merke ich nichts mehr davon.“ „Das ist ein Vorteil, den du gegenüber einer biologischen Einheit hast.“, sagte die Androidin. „Die meisten von ihnen können ihr Schmerzempfinden nicht so einfach ausschalten.“


Sie überprüfte die Werte ein letztes Mal mit ihrem Erfasser. „So.“, sagte sie. „Nun müsste es dir wieder besser gehen.“ „Du hast Recht.“, sagte Lycira. „Aber was ist eigentlich mit George und den anderen geschehen?“ „Sie sind von jemandem auf Khitomer einer so genannten Reinwaschung unterzogen worden.“, sagte Elektra. „Ich habe es gesehen.“ „Ach du meine Güte!“, rief Lycira aus. „Du, Elektra, ich glaube, ich weiß, wie es dazu kommen konnte. Hast du ein Haftmodul? Dann kann ich es dir zeigen. Weil du eine künstliche Lebensform bist, kann ich ja nicht telepathisch mit dir kommunizieren.“ „Das habe ich.“, antwortete die Androidin und holte das Gewünschte aus ihrer Tasche. Dann entfernte sie eine weitere Abdeckung, die den Blick auf einen Computeranschluss freigab, in den sie den Stecker des Haftmoduls steckte, während sie sich das andere Ende in alt hergebrachter Weise auf die Stirn klebte. „Ich bin bereit.“, sagte sie. „Also gut.“, sagte Lycira und begann mit dem Überspielvorgang. Jetzt sah Elektra alles, was zwischen Radcliffe, Lycira, den Breen und mir geschehen war.


Elektra, die menschliche Reaktionen durchaus bis zu einem bestimmten Punkt emittieren konnte, musste sich erst einmal setzen. „Eines ist sicher.“, sagte sie. „Mit diesem Wissen könnten wir zwei Sytania sehr im Weg sein! Ich bin sicher, dass sie hier die Hände im Spiel hat! Ich kann auf mich aufpassen. Aber du solltest dir ein Versteck suchen. Ein Raumschiff versteckt man am besten unter Raumschiffen. Wie wäre es, wenn du die Dimension der selbstständig denkenden Schiffe aufsuchst. Kamurus, Sharie und die anderen würden sicher gut auf dich achten.“ „Aber ich muss aussagen.“, widersprach Lycira. „Das tue ich für uns beide.“, versicherte Elektra. „Du bist dort wirklich im Moment sicherer!“


Sie entfernte ihr Haftmodul wieder aus dem Port, um es in einen für den Schiffscomputer zu stecken. Dann schrieben ihre Gedanken in Windeseile ein Programm, das sie gleich darauf initiierte. „Zwanzig Sekunden bis Dekompression und Öffnung der Hangartore.“, sagte der Computer freundlich. „Flieg!“, wandte sich Elektra an mein Schiff. „Sie werden nicht merken, dass du fort bist. Mein Programm füttert die Brücke mit falschen Daten und löscht sich sofort, wenn es abgelaufen ist. Das hier ist deine einzige Chance. Ich werde jetzt gehen, sonst werde ich in den Weltraum gesogen!“ „Danke, Elektra.“, sagte Lycira und aktivierte ihren Impulsantrieb. Ihre Hecksensoren nahmen noch wahr, wie Elektra durch die Tür verschwand. Dann wartete sie den Rest der Zeit ab, bis sich die Tore öffneten, um geschmeidig hindurch zu gleiten. Sie würde Elektras Rat annehmen. Sobald sie weit genug von der Granger entfernt war, würde sie den interdimensionalen Antrieb aktivieren und in Richtung der Dimension der selbstständig denkenden Schiffe verschwinden.

Kapitel 13: Honigfalle für Radcliffe

von Visitor

 

Sytania hatte Radcliffe bei seinem zerstörerischen Werk beobachtet. „So ist es recht, Nathaniel.“, flüsterte sie in den Kontaktkelch. „Nur die, die da glauben, werden gesegnet sein, und zwar mit der Gnade, leben zu dürfen. Zur Hölle mit dem Rest!“ Sie lachte hexenartig.

Etwas tippte ihr auf die Schulter. Erst bei näherem Hinsehen erkannte sie Telzan. „Was schleichst du dich an wie ein Dieb in der Nacht!“, verhörte sie ihn. „Ich wollte Milady nicht stören.“, sagte der Vendar. „Ihr saht aus, als würdet Ihr gerade einen Triumph beobachten.“ „Da liegst du gar nicht so falsch.“, sagte die Prinzessin, griff die Hand ihres Dieners und zog ihn neben sich auf ihren Thron. Dann führte sie seine Hand auf den Fuß des Kontaktkelchs und nahm seine zweite Hand in die Ihre. Telzan verstand und begann damit, sich in gleicher Weise wie sie auf den Kelch zu konzentrieren. „Das ist das Schiff Eurer neuen Marionette.“, sagte er. „Ganz genau.“, sagte Sytania. „Er ist auf dem Weg hier her zurück. Du wirst ihn empfangen und hier her ins Schloss geleiten. Ich habe noch etwas mit ihm zu besprechen. Seine Frau und sein Sohn werden ihre Gemächer beziehen. Sag Cirnach, sie soll ihnen bei ihrer Eingewöhnung behilflich sein. Dein holdes Weib wird dich begleiten, wenn du sie am Landeplatz empfängst. Gib ihr Bescheid!“ „Ja, Milady.“, sagte Telzan, stand auf und verließ den Thronsaal.

Mittels des interdimensionalen Antriebs, über den auch das Breenschiff verfügte, hatte Radcliffe seine Familie ins Dunkle Imperium gebracht. Malcolm, der aus dem Fenster sah, war tief beeindruckt von der merkwürdig violett schimmernden Landschaft unter ihnen. Auch die Fackeln, mit denen Telzan und seine Frau ihnen den Landeplatz in traditioneller Weise zuwiesen, kamen ihm merkwürdig vor, aber in seiner kindlichen Fantasie stellte er sich wohl vor, dass sein Vater seine Mutter und ihn in ein Märchenland entführen würde. Angesichts des traumatischen Geschehens, das die Realität bei ihm auslösen würde, wenn er tatsächlich verstünde, was hier geschehen war, war es aber für seine Kinderseele allemal besser so. Auch Nayale würde es vermeiden, ihn aufzuklären, obwohl es ihr sicherlich möglich war, ihm die Wahrheit kindgerecht nahe zu bringen. Aber sie war auch intelligent genug, um zu verstehen, was das für ihr Kind bedeuten würde.

Nathaniel ließ das Schiff sanft zwischen den Bäumen landen. Dann stiegen seine Familie und er aus. Telzan und Cirnach gingen auf sie zu. Der Vendar machte eine tiefe Verbeugung vor ihm und sagte dann: „Sei gegrüßt, Nathaniel El Taria. Ich bin Telzan, das ist meine Frau Cirnach. Wir sind Lady Sytanias oberste Vendar. Wir sollen euch zu ihr geleiten. Meine Herrin möchte mit dir, Nathaniel, noch etwas besprechen. Ich bringe dich gleich zu ihr. Cirnach wird sich um deine Frau und dein Kind kümmern. Meine Leute warten dein Schiff. Nun folge mir bitte.“ Nathaniel nickte und tat, worum er gerade gebeten worden war.

Cirnach wollte Malcolm bei der Hand nehmen, aber der Junge zog die Seine ängstlich zurück. „Bitte fürchte mich nicht.“, bat die Vendar. „Ich möchte dir nichts Böses.“ „Ich hab’ Angst, Mummy!“, schluchzte Malcolm und drückte sich an seine Mutter. Nayale aber, die sich entschieden hatte, das Spiel zunächst mitzuspielen, fasste Cirnachs ausgestreckte Hand. „Schau mal.“, sagte sie. „Mummy begrüßt sie doch auch. Sie hat zwar ein Fell, ist sehr groß und redet komisch, aber sie ist doch ganz lieb. Du wirst sie sicher noch genauer kennen lernen und sie dann sicher auch mögen.“ „OK.“, sagte Malcolm, der seiner Mutter sehr vertraute. Dann nahm er ihre Hand und so gingen sie in Richtung Sytanias Palast davon.

Radcliffe und die Prinzessin hatten den Thronsaal aufgesucht und jetzt saßen sie gemeinsam auf den beiden Sesseln, die auf dem Gestell von Sytanias Thron angebracht waren. In jedem Fall wollte die Imperianerin dem ahnungslosen Professor vorgaukeln, er sei ihr gleichgestellt.

Sie winkte und ein Diener betrat den Raum. In seinen Händen hielt der etwas gekrümmte Mann ein Tablett, das er auf dem marmornen Tisch, an dem Sytania auch sonst ihre Schreibarbeiten erledigte, abstellte. Dann goss er aus einer Karaffe Wein in zwei weiße Gläser, die beide Blumenkelchen glichen. Auch die Karaffe war weiß und hatte eine ähnliche Form. „Lass uns allein!“, befahl Sytania in Richtung des Dieners und er verließ den Saal genau so stumm wieder, wie er gekommen war.

Sytania selbst stieg nun von ihrem Thron herab und nahm die Gläser vom Tablett, um Radcliffe eines davon zu geben. Das andere behielt sie selbst. Dann setzte sie sich wieder neben ihn und stieß mit ihm an: „Auf unsere gute Zusammenarbeit, Nathaniel!“ „Auf die Zusammenarbeit, Euer Hoheit.“, erwiderte der verblendete Archäologe. Beide nahmen einen tiefen großen Schluck aus den Gläsern. Natürlich wusste Sytania, dass ihr, als einer Mächtigen, Alkohol nichts ausmachen würde. Aber all das gehörte ja auch zu ihrem Plan. Je umnebelter Radcliffes Verstand war, desto leichter hatte sie es mit ihm.

Auf der Armlehne seines Sessels stellte Radcliffe sein Glas ab. „Ihr wolltet etwas mit mir besprechen, Hoheit.“, sagte er. „Oh, warum so förmlich, mein Lieber.“, schleimte Sytania. „Nenn mich doch einfach beim Vornamen. Du wirst übrigens der einzige Sterbliche sein, der das je darf. Der Einzige, verstehst du?“ „Ihr seid zu großzügig, Sytania.“, sagte Radcliffe. „Aber die Anredeform werde ich wahren. Schließlich seid ihr eine Königstochter.“ Sytania gab einen Laut des Missfallens von sich und sagte dann: „Ach, also gut. Aber nun zu dem, was ich mit dir bereden muss. Ich hasse lange Vorgeplänkel!“

Sie zog den Kontaktkelch aus ihrem Gewand hervor und stellte ihn ebenfalls auf einer Armlehne ab. „Gib mir deine linke Hand und lege die Rechte auf den Fuß des Kelches!“, wies sie Radcliffe an, der ihre Anweisung bereitwillig ausführte. „Und nun erlaube mir telepathischen Kontakt zu dir.“, sagte sie dann. „Ich weiß, dass du weißt, dass ich mir auch holen kann, was ich will, aber wenn es freiwillig geschieht, ist es doch für uns beide viel angenehmer, nicht wahr?“ Radcliffe nickte. „Bitte vergebt einem dummen Nicht-Telepathen.“, sagte er. „Aber wie kann ich Euch erlauben …“ „Entspann dich einfach.“, flüsterte Sytania ihm zu. „Ich tue den Rest.“

Radcliffe sah eine Art Nebelwand vor sich, die sich langsam lichtete und den Blick auf IDUSA, Shimar und mich freigab. „Warum zeigt Ihr mir das?“, fragte Radcliffe. „Mich wundert, dass du überhaupt verstanden hast, dass ich dir etwas zeige.“, bemerkte Sytania konzentriert. „Die Meisten anderen würden erschrocken zurückweichen. Aber du scheinst doch sehr intelligent zu sein, Nathaniel Radcliffe.“ „Wer sind diese Frau und dieser Mann, Sytania?“, fragte Radcliffe und deutete im Geist auf die Bilder von Shimar und mir. „Das sind zwei, denen du glaubhaft versichern musst, dass du geheilt bist. Die Frau dürftest du gut kennen.“, antwortete Sytania.

Sie rückte mein Bild in den mentalen Fokus. „Das ist Allrounder Betsy Scott!“, erkannte Radcliffe. „Genau.“, sagte Sytania. „Sie ist doch diejenige, welche, nicht wahr?“ „Ich denke, das wisst Ihr besser als ich.“, sagte der Professor. „Aber der Mann, der bei ihr ist, ich meine, er ist Tindaraner! Wir sollten das hier so schnell wie möglich beenden, Sytania! Ich flehe Euch an! Ich meine, er ist Telepath und als solcher sicher in der Lage, Euch jetzt zu spüren. Wenn …!“ „Ruhig Blut.“, beruhigte ihn Sytania. „Ich werde uns schon abschirmen.“ „Es wäre mir aber sicherer.“, sagte Radcliffe. „Ich weiß ja jetzt, dass es um die Beiden geht. Bitte, Sytania, bitte!“

Sie machte ein wütendes Gesicht, gab einen grummelnden Laut von sich und zog ihre Hände vom Kelch und aus den Seinen. „Wenn wir weiter zusammenarbeiten wollen!“, sagte sie mit strengem Unterton. „Dann wirst du unbedingt an deiner Ängstlichkeit arbeiten müssen, mein Lieber!“ „Verzeiht.“, bat Nathaniel. „Aber ich bin das hier noch nicht gewohnt. Ich meine, durch den Kegel weiß ich, wie ich mit den Fähigkeiten umgehen muss, die Ihr mir zur Reinwaschung diverser Individuen gegeben habt. Aber mit der Aussicht, selbst ausspioniert zu werden, habe ich Schwierigkeiten.“ „Mir scheint.“, sagte Sytania. „Dass du einfach auch noch lernen musst, deiner neuen Freundin zu vertrauen.“ „Das wird es wohl sein, Sytania.“, sagte Radcliffe. „Das wird es wohl sein.“

Er leerte sein Glas in einem Zug, was Sytania insgeheim sehr gefiel. Würde er doch dadurch noch gefügiger und leichter zu beeinflussen werden. „Warum muss ich Allrounder Scott davon überzeugen, dass ich geheilt bin?“, fragte Nathaniel. „Weil sie dir sonst immer wieder hinterher spionieren wird!“, sagte Sytania. „Sie weiß, was ihr auf dem Planetoiden erlebt habt und sie kann sich sicher denken, dass ich daran schuld bin, obwohl ich es ja eigentlich ziemlich gut verkleidet habe, nicht wahr?“ „Das habt Ihr für wahr.“, sagte Radcliffe. „Aber sie ist ausgebildete Sternenflottenoffizierin und hat …“ „Genau das.“, sagte die Prinzessin. „Was für ein kluger Junge du doch bist. Aber wenn du sie überzeugt hast, dass du harmlos bist, dann wird sie dich deiner Wege gehen lassen. Wenn sie sieht, dass du von deinem cholerischen Anfallsleiden geheilt bist, wird sie alles andere außer Acht lassen. Sie wird froh sein, dass deine Krankheit den armen kleinen Malcolm nicht mehr gefährdet und das wird alles sein, was für sie zählt. Das war ja auch letztlich das Argument, mit dem du sie rumgekriegt hast.“ „Das stimmt.“, sagte Radcliffe. „Aber was ist, wenn dieser Tindaraner mitbekommt, dass Ihr hinter allem steckt?“ „Das wird er nicht!“, sagte Sytania mit Überzeugung. „Dafür werde ich schon sorgen.“

Sie zog eine Krawattennadel aus einem Täschchen ihres Kleides und gab sie Nathaniel. „Wenn du dies trägst.“, sagte sie. „Dann kannst du dir meines Schutzes sicher sein. Damit kannst du auch Kontakt zu mir aufnehmen. Sie gilt auch als Kontaktkelch, sobald du sie mir geweiht hast.“ „Und wie mache ich das?“, fragte Radcliffe. „Halt sie mit beiden Händen vor dich!“, wies Sytania ihn an. „Und nun sprich mir nach: Ich weihe dich Sytania, der Kronprinzessin des Dunklen Imperiums!“

Radcliffe nahm die Nadel in beide Hände, hielt sie vor sich und wiederholte feierlich: „Ich weihe dich Sytania, der Kronprinzessin des Dunklen Imperiums!“ Alsbald fuhr ein schwarzer Blitz herab und zeichnete einen Drudenfuß in die Brosche der Nadel. Radcliffe ließ sie vor Schreck los. „Recht so.“, sagte die Königstochter. „Und nun sollst du lernen, wie du sie benutzt, um mich zu kontaktieren. Nimm sie wieder in beide Hände und stell dir mein Gesicht vor.“ Auch das tat Radcliffe. Sie spürte seinen Kontaktversuch. „Geht ja wirklich gut vonstatten mit dir, der Unterricht!“, lobte sie. „Ich hatte da schon weitaus schwierigere Schüler. Aber nun nimm dein Schiff und dann ab nach Celsius mit dir! Ach, bevor ich es vergesse: Kümmere dich bitte unbedingt um diese Ginalla! Versuch unter allen Umständen, sie reinzuwaschen, damit es ihr genau so geht wie den anderen und damit sie keinen Verdacht schöpfen kann. Denk an die kleine aber feine Nebenwirkung, die diese Reinwaschung hat.“ „Ihr könnt Euch meiner sicher sein, Sytania.“, sagte Radcliffe. „Wenn die Vendar nur mein Schiff fertig haben.“

Sie winkte Telzan, der die gesamte Zeit über anwesend gewesen war. Dieser zog sein Sprechgerät, gab ein Rufzeichen ein und führte ein Gespräch in seiner Muttersprache mit einem weiteren unbekannten Mann. Dann sagte er an Radcliffe gewandt: „Dein Schiff ist bereit, Nathaniel El Taria. Bitte folge mir.“ Radcliffe nickte und ging mit dem Vendar fort.

Während des gesamten Weges zu seinem Schiff schien Radcliffe sehr nachdenklich, was Telzan durchaus registrierte. „Was ist dir, Nathaniel El Taria?“, fragte der Vendar, dessen Ausdrucksweise dem Professor etwas seltsam vorkam. Da er sich als Archäologe mit alten Kulturen beschäftigt hatte, wusste er, dass die Muttersprache des Vendar Elemente enthalten musste, die auch im Altägyptischen und im Arabischen zu finden waren. Dazu kam noch die hier im Dunklen Imperium vorherrschende mittelalterliche Struktur. So konnte er sich seine merkwürdige Sprache durchaus erklären und es fiel ihm, der an sich immer sehr korrekt war, nicht im Traum ein, Telzan zu verbessern. Vielmehr antwortete er: „Was mir ist? Nun, ich frage mich, wie ich es anstellen soll, Allrounder Scott zu überzeugen. Ich meine, du warst die gesamte Zeit anwesend und hast alles mitbekommen, was deine Herrin und ich besprochen haben.“ „In der Tat.“, sagte Telzan. „Aber ich weiß, wie du sie überzeugen wirst. Du wirst deine Familie dazu benutzen.“

Er drehte sich um und zog gleichzeitig sein Sprechgerät wieder aus der Tasche, an dem er die Taste für die Rufwiederholung betätigte. Da er das Gerät auf Lautsprecher gestellt hatte, bekam auch Nathaniel mit, dass er eine Antwort von jenem Techniker erhielt, mit dem er vorher auch über die Wartung des Breenschiffes gesprochen haben musste. Was er ihm jetzt auftrug, verstand der Professor nicht, aber es musste wohl so etwas wie: „Es wird eine kleine Verzögerung geben. Bitte warte nicht auf uns!“, bedeuten.

Das Gespräch war schnell beendet und Telzan gab ein weiteres Rufzeichen ins Gerät ein, über das sich seine Frau meldete. Dieses Mal aber sprach er Englisch mit ihr. Dabei verwendete er aber einen einzigen vendarischen Begriff, der im Allgemeinen sehr bekannt sein durfte. „Bereite bitte Nathaniels Familie darauf vor, dass sie abreisen werden, Telshanach. Sie werden ihm helfen müssen, ein Unheil von uns abzuwenden, damit unsere Herrin ihren Plan weiter verfolgen kann.“ „Ich werde es ihnen sagen, Telshan.“, erwiderte Cirnach und beendete die Verbindung.

Irritiert sah Radcliffe Telzan an. „Was hieß das und worum geht es hier?“, fragte er. „Sprichst du von dem Gespräch mit meinem Untergebenen, oder von dem mit meiner Frau?“, fragte der Vendar. „Um ehrlich zu sein.“, sagte Radcliffe. „Ich rede ein wenig von beiden. Ich meine, ich werde mich noch an einiges gewöhnen müssen, wenn ich mit deiner Herrin zusammenarbeiten soll und ich habe sicher noch eine Menge Fragen. Zum Beispiel: Was ist die primäre Aufgabe von dir und deiner Truppe? Seid ihr so eine Art Leibwache?“

Telzan grinste, blieb stehen und wandte Nathaniel seinen Rücken zu. Dem Terraner war die leichte Erhebung längst aufgefallen, die er in seinem Nacken trug. Aber er hatte sich noch nicht getraut, ihn darauf anzusprechen. „Sieh her.“, sagte Telzan, fasste Nathaniels Hand und führte sie auf die Erhebung. Da der Professor ja in gewisser Weise auch telepathisch war, fühlte er bald Rückstände von Energie. „Es heißt Sifa in meiner Sprache.“, erklärte Telzan. „Darin können wir Energie von Telepathen speichern und sie dann Sytania geben. Das ist unsere primäre Aufgabe. Wir können aber so auch ganze Bewusstsein gefangen nehmen.“ „Faszinierend.“, sagte Nathaniel. „So tragt ihr also dazu bei, dass Sytania auch unter den hiesigen Mächtigen gefürchtet bleibt.“ „In der Tat.“, sagte Telzan. „Und was hieß das Wort, das du zu deiner Frau gesagt hast?“, fragte Nathaniel. „Das bedeutet einfach nur Liebling.“, antwortete der Vendar. „Du wirst noch viel über uns erfahren, Nathaniel El Taria. Noch sehr viel.“

Cirnach hatte Mutter und Sohn in ihre Gemächer gebracht. Malcolm war sehr beeindruckt von dem großen Spielzimmer gewesen, das ihm Cirnach als Allererstes präsentiert hatte. Dort waren alle seine Lieblingsspielsachen zu finden! Alle, von denen er sich eigentlich auf der Erde symbolisch verabschiedet hatte. „Wie kommt das alles hier her, Tante Cirnach?!“, fragte der Junge begeistert, den die Freude über die Sachen bereits seine Angst vor der seltsamen Frau vergessen lassen hatte. „Meine Herrin weiß, was kleine Kinder mögen.“, antwortete die Vendar lächelnd. „Dann verdanke ich das alles hier der Märchenprinzessin?“, fragte Malcolm. „In der Tat.“, antwortete Cirnach. „Dann sag ihr bitte danke von mir.“, erwiderte der Junge und schnappte sich die Fernsteuerung eines kleinen Raumschiffes, das er vorher in die Hand genommen hatte, welche er als Startrampe benutzte. Beeindruckt sah Cirnach zu, wie er das Schiffchen einige kunstvolle Manöver unter der Decke des hohen Zimmers fliegen ließ. Dann sah sie, wie es langsam genau in der Mitte des runden Tisches, der aus Ebenholz war und in der Mitte des Zimmers stand, landete. „Du wirst einmal ein sehr talentierter Pilot werden, wenn du groß bist, Malcolm El Taria.“, sagte Cirnach fast ehrfürchtig. „Die meisten unserer Novizen beherrschen ferngesteuerte Fluggeräte nicht halb so gut, wie du dein Spielzeug beherrschst und sie sind erheblich älter.“ „Echt?“, fragte Malcolm stolz. „Echt in der Tat.“, antwortete die Vendar, was in Nayales Ohren, deren Muttersprache Englisch zwar auch nicht war, die es aber gut gelernt hatte, etwas unbeholfen klang. „Kannst du mir zeigen, wie man ein echtes Raumschiff fliegt, oder dein Mann?“, fragte Malcolm. „Ich müsste all diese Dinge mit meinem Mann besprechen.“, sagte Cirnach. „Aber du bist ja auch noch zu jung. Wenn du in das Alter der Novizenschaft kämst und du würdest in unsere Kreise aufgenommen, dann wärst du der erste Nicht-Vendar, den wir unterrichten. Aber ich werde auf jeden Fall für dich ein gutes Wort bei Telzan einlegen nach dem, was ich gerade gesehen habe. Es wird Dinge geben, von denen du beim Unterricht ausgeschlossen werden sein wirst, weil du einfach nicht die körperlichen Fähigkeiten dazu hast, aber das Fliegen eines Schiffes könntest du sicher bei uns lernen.“

Telzan und Nathaniel betraten den Raum. „Hallo, Daddy!“, begrüßte Malcolm seinen Vater stolz. „Stell dir vor! Die Tante Cirnach meint, ich kann ein Vendar werden!“ Nathaniel sah zuerst die Vendar und dann seine eigene Frau verwirrt an. „Sie hat ihm Hoffnung darauf gemacht, dass er von ihren Leuten lernen kann, wie man ein Schiff fliegt.“, erklärte Nayale. „Vielleicht hat er da etwas durcheinander gebracht.“ „Das glaube ich auch.“, sagte der Professor, dem durch Telzans Aufklärung ja einiges klarer geworden war. „Aber sie muss es noch mit ihrem Mann besprechen. Immerhin wäre er der erste Mensch, den sie unterrichten würden.“, fügte Nayale noch hinzu. „Dann hat sie dafür genug Zeit.“, sagte Nathaniel. „Wir werden nämlich erst einmal in den Urlaub nach Celsius fliegen.“ „Nach Celsius?“, fragte Nayale verwirrt. „Wir sind doch gerade erst angekommen und du willst schon wieder weg?“ „Prinzessin Sytania hat einen Auftrag für uns.“, sagte Nathaniel und sein Gesicht verriet, dass er wohl keinen Widerspruch duldete.

Nayale überlegte. Die Zusammenhänge waren ihr zwar noch nicht ganz klar, aber sie ahnte, dass diese Sytania ihren Mann nur benutzen würde, und zwar für ein paar ganz böse Spiele. Aber das konnte sie auf keinen Fall den Jungen merken lassen! Sein kindliches Gemüt würde nicht in der Lage sein, das ganze Ausmaß der Situation zu erfassen und es würde unter Umständen ein Trauma zurückbleiben. Deshalb sagte sie entschlossen: „Dann werde ich mal packen! Malcolm, such dir deine liebsten Spielzeuge aus, die du mitnehmen willst.“ „OK, Mummy.“, sagte der Junge, dem gegenüber sie es Gott sei Dank noch immer sehr gut verstanden hatte, ihre Angst und ihr Wissen zu verbergen. Mit Hilfe der Spielsachen würde Malcolm auf dem Flug gut abgelenkt sein und nicht unbedingt mitbekommen, was seine Eltern besprachen. „Beeilt euch bitte.“, sagte Radcliffe freundlich. „Ich will nicht, dass die Vendar so lange warten müssen.“ „Schon gut, Nathaniel.“, sagte Nayale mit einem Lächeln, das nur ihre Unsicherheit überspielte. Dann stellte sie Malcolm einen leeren Koffer hin: „Tu deine Spielsachen da rein, ja?“ Der Junge nickte, schaute kurz über den bunten Haufen an Spielzeug und packte dann einiges in den Koffer. „Ich bin fertig, Mummy.“, sagte er und trug den schwarzen kleinen Koffer stolz hinter seinen Eltern her zum Schiff. Dann stiegen sie ein und flogen ab.

IDUSA, Shimar und ich waren ins celsianische Sonnensystem eingeflogen. Mein Gesundheitszustand hatte zugelassen, dass ich die Steuerkontrolle übernommen hatte, die mir das Schiff bereitwillig gab. Sie kannte mich und wusste, dass ich durchaus mit ihr umgehen konnte. Jetzt waren wir von der celsianischen Raumkontrolle gerufen worden und ein älterer Celsianer mit Schnauzbart hatte nach unseren Absichten, unseren Namen und der Kennung unseres Schiffes gefragt. „Ich bin Allrounder Betsy Scott von der Sternenflotte.“, stellte ich mich vor. „Bei mir ist Shimar von den tindaranischen Streitkräften. Wir sind hier, weil unser Schiff eine Wartung bekommen soll und wir Urlaub machen möchten.“ „Interessant.“, sagte der Celsianer. „Aber die Sache mit der Wartung eines tindaranischen Schiffes is’ hier bei uns sogar bestätigt, Allrounder Scott. Sobald Sie in der Atmosphäre sind, setzen Sie Kurs 52 Vertikale 81. Das bringt Sie direkt zum Flugplatz der Werft.“ „Danke, Kontrolle.“, sagte ich und wies IDUSA an, die Verbindung zu beenden. Dann gab ich ihr die entsprechenden Gedankenbefehle.

Shimar, der sich in der Achterkabine aufgehalten hatte, betrat das Cockpit. Ihm war nicht entgangen, dass wir in die Atmosphäre eingetreten waren. „Wir sind wohl bald da, Kleines.“, sagte er. Ich nickte. Aber im gleichen Moment bekam ich das seltsame Gefühl, dass etwas mit ihm nicht stimmte. „Ist was passiert?“, fragte ich. „Ach.“, sagte er. „Ich hatte nur kurz das Gefühl, Sytania würde uns beobachten. Aber sie hat sich ganz schnell wieder aus dem Staub gemacht. Vielleicht bin ich auch nur überarbeitet und meine telepathische Wahrnehmung spielt mir einen Streich.“ „Oder.“, mischte sich IDUSA ein, die inzwischen auch seine Reaktionstabelle über seinen angeschlossenen Neurokoppler geladen hatte. „Sytania, das Mimöschen, macht sich vor uns ins Höschen.“ „IDUSA!“, zischte ich. „Was haben Sie denn, Allrounder?“, fragte sie. „Ich habe doch nur die Wahrheit gesagt.“ „Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall, IDUSA!“, stellte sich Shimar auf meine Seite. „Ich muss dich doch wohl nicht erinnern, dass dich Sytania auch schon in manch unangenehme Situation gebracht hat. Also Vorsicht! Trotzdem war dein Spruch sehr humorvoll. Dass Shannon deine Sprachroutinen von Zeit zu Zeit aufpeppt, scheint ja wirklich sehr sinnvoll zu sein.“

„Unter uns ist die Werft, Allrounder.“, meldete das Schiff einige Sekunden später. „Ich registriere ein Positionslicht.“ „Folgen, IDUSA.“, befahl ich. Ihr Avatar nickte und führte meinen Befehl aus. Wir landeten an der zugewiesenen Stelle. Dass man uns erwartete, konnte ich mir denken. Wir würden sie dem Werftpersonal übergeben und uns dann selbst zu Ginalla begeben. Meine Kenntnisse des celsianischen öffentlichen Nahverkehrs würden dazu schon ausreichen.

Mit den Worten: „Ich muss gleich zur Nachtschicht, Ginalla.“, hatte Scotty die Bar seiner Freundin wieder verlassen. Jetzt saß Ginalla über den Listen für die Zimmer. Hier hoffte sie, uns ein ganz besonderes Zimmer heraussuchen zu können, denn für spezielle Gäste war ihr das Beste gerade gut genug. Allerdings schaute sie nur mit einem Auge hin, denn das andere war aus irgendeinem unbekannten Grund ständig auf die Tür gerichtet. Diese öffnete sich alsbald und ein Luftzug kündigte den Einflug eines Wesens an. Der Luftzug hatte aber auch die unangenehme Nebenwirkung, dass alles, was sich auf den Tischen bei der Tür befand, auf den Boden fiel, oder wie das Tischtuch selbst vom Wind getragen einmal durch die gesamte Kneipe segelte, um dann am nächsten Kronleuchter hängen zu bleiben. „Horch, was kommt von draußen rein.“, murmelte Ginalla mürrisch, der die soeben in ihrer Bar betriebene Sachbeschädigung gar nicht gefiel. Sie war neugierig, wer wohl hierfür verantwortlich sein könnte.

Sie stand von ihrem Stuhl hinter dem Tresen auf und riskierte einen vorsichtigen Blick um die Ecke. Dieser Blick fiel auf ein Wesen, das sich einige Zentimeter über dem Boden dem Tresen näherte. Es hatte eine Spannweite, die Ginalla nicht wirklich in Ziffern bemessen konnte und sah aus wie ein riesiger Schmetterling. Jetzt versuchte es auch noch, auf einem der Barhocker zu landen, was ihm schlussendlich doch gelang. Durch die Anstrengung, in geringer Höhe in einem schmalen Umkreis manövrieren zu müssen, war es allerdings sehr außer Atem. Schnell holte Ginalla ein einem Blumenkelch ähnliches Gefäß, füllte es am Replikator mit künstlichem Nektar und schob es dem Fremden hin. „Na, das ist ja wohl das Mindeste.“, keuchte dieser. „Ich dachte, Sie könnten Ihre Kneipe ruhig etwas barrierefreier für Wesen wie mich gestalten.“ „Jetzt schauen Sie mal zum Dach, Mister!“, erwiderte Ginalla, die durchaus nicht auf den Mund gefallen war, mit ihrer celsianischen Kodderschnauze auf seine Beschwerde.

Der fremde Insektoide hob den Kopf aus seiner Haltung, die uns eventuell an Bauchlage erinnern würde, und richtete seine Fassettenaugen zum Dach. Hier sah er eine Luke, an der es sogar ein Schild in seiner Muttersprache gab, auf dem er deutlich das Wort Ausgang entziffern konnte. Auf der anderen Seite der Luke, die sich wohl außen befinden musste, würde wohl dann Eingang stehen. Außerdem sah er ein ausgeklügeltes System von Klappen und Röhren, die wohl die verdrängte Luft ableiten würden, wenn die Luke benutzt würde. So konnte verhindert werden, was gerade geschehen war. „Tut mir leid.“, sagte der Fremde verschämt. „Nein wirklich. Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Da hat man schon den Rundumblick und kriegt es nicht auf die Reihe, ihn anständig zu benutzen. Das Chaos da geht dann wohl auf meine Rechnung.“ „Na, wir wollen mal nicht so sein.“, sagte Ginalla. „Sie sind ja einsichtig. Also, was führt Sie her?“ „Ich brauche ein Zimmer.“, sagte der Fremde, den Ginalla irgendwo her zu kennen vermutete. Auf der Hochzeit der Miray hatten wir uns unterhalten und ich hatte meine Begegnung mit einem schmetterlingsartigen Wesen erwähnt. „Oh, klärchen.“, sagte die Celsianerin, drehte sich ihrem Computer zu und gab einen verbalen Befehl auf Celsianisch. Darauf spuckte der Rechner eine Grafik aus.

„Sie haben Glück.“, sagte die celsianische Junggastronomin, nachdem sie sich wieder zu dem mysteriösen Fremden gewandt hatte. „Unser Spezialzimmer ist noch frei.“ Damit drehte sie sich nach hinten und rief: „Jasmin, zeig unserem Gast das Spezialzimmer!“

Eine zierliche Terranerin mit blonden langen Haaren kam hinter dem Tresen hervor. Sie war die Tochter terranischer Siedler und als Lehrling in Ginallas Kneipe angestellt. Mit großen Augen betrachtete sie das Wesen, das auf dem Barhocker vor ihr saß. Sie wich sogar vor Schreck einige Zentimeter zurück. „Ganz ruhig.“, beschwichtigte der Fremde mit seiner tiefen leisen beruhigenden Stimme. „Lernen wir uns doch erst mal kennen. Dann wirst du auch bald merken, dass ich weder beiße noch steche. Also, du heißt Jasmin, hörte ich und ich heiße Korelem.“ „Hab ich’s doch geahnt.“, zischte Ginalla in ihren nicht vorhandenen Bart. „Er is’ es tatsächlich.“

Ratlos starrte die Jugendliche abwechselnd auf die Tür und auf Korelem. „Wo ist das Problem?“, fragte er. „Wie machen wir das mit dem Lift?“, fragte Jasmin. „Ich meine, ich kann ihn benutzen, aber Sie … Ich meine, es gibt hinter der Tür zum Flur auch ein System von Röhren, das zum Durchflug für Leute wie Sie geeignet ist. Es verbindet die Stockwerke. Aber das kann ich ja wiederum nicht benutzen.“ „Na, dann würde ich mal sagen, du sagst mir, in welchem Stock das Zimmer ist und wir treffen uns dort. OK?“, versuchte Korelem, ihre Aufregung zu lindern und die Wogen zwischen ihnen zu glätten. „Vierte Etage.“, stammelte Jasmin. „Also dann.“, sagte Korelem. „Treffen wir uns in der vierten Etage. Den Zimmerschlüssel bringst du mit. OK?“ Das Mädchen nickte und Korelem nahm seinen Koffer, den er immer noch bei sich trug, mit Vorder- und Hinterfüßen auf, nachdem er vom Barhocker wieder gestartet war.

Ginalla zog etwas aus einer Schublade. Es war eine kleine Karte, die sie ihrem Lehrling übergab. „Du bist ja total aufgeregt.“, stellte sie fest. „Aber du wirst dich hier noch an einiges gewöhnen müssen. Wir haben eben nich’ nur humanoide Kunden.“ „Ich werde es mir merken, Chefin.“, erwiderte Jasmin besserungsbereit. „Entschuldigung.“ „Ach.“, sagte Ginalla locker. „Is’ schon OK. Schwamm drüber. War ja auch dein erstes Mal, dass ich dich auf so einen losgelassen habe. Wollte halt mal sehen, wie du reagierst. Solange das nich’ schlimmer wird, hab’ ich da gar keine Bedenken. Wirst dich schon dran gewöhnen, so wie du gebaut bist. Aber nun mach dich hinterher. Mr. Korelem wartet sicher schon.“ Jasmin nickte und witschte in Richtung Lift davon.

Tatsächlich hatte sich Korelem in der Nähe eines Blumenkübels niedergelassen und wartete hier auf seine Begleitung. Das Röhrensystem hatte für ihn kein Hindernis dargestellt. Die Luken zum Ein- und Ausflug waren gut beleuchtet und großzügig bemessen gewesen.

„Tut mir leid, Mr. Korelem.“, sagte Jasmin, als sie den Lift in der vierten Etage verließ. „Ich hoffe, Sie sind in den Durchflugröhren zurechtgekommen.“ „Oh, ja.“, beruhigte der Alaraner. „Sie sind ja sehr gut ausgeschildert. Das mit dem Eingang war ja mein Fehler. Da kann ja keiner von euch was für, wenn ich meine Augen überall habe aber nicht dort, wo sie sein sollten. Aber nun zeig mal. Wo ist euer Spezialzimmer?“

Jasmin winkte und wuselte voran. Korelem folgte ihr in langsamem Flug. Dabei blieb er immer in Höhe ihrer rechten Schulter. In den weit verzweigten Gängen kannte sie sich aus.

Endlich waren sie bei einer Tür angekommen. Jasmin zog die Schlüsselkarte aus der Tasche und schob sie in ein Laufwerk neben dem Eingang, aber leider falsch herum. Das hatte zur Folge, dass der Rechner folgende Meldung ausspuckte: „Sicherheitskarte ungültig. Bitte wenden Sie sich an die Rezeption.“ „Das kann ich mir nicht erklären.“, sagte Jasmin hektisch. „Aber ich.“, lächelte Korelem und stellte seinen Koffer ab, um seine Vorderfüße zum Halten der Karte frei zu haben. „Gib mal her.“ Dann nahm er ihr die Karte vorsichtig ab und drehte sie langsam, was für den Teenager gut sichtbar war. „Ach so.“, sagte Jasmin erleichtert. „Und ich dachte schon.“

Die Tür glitt in den Boden und gab den Blick auf die Inneneinrichtung des Zimmers frei. Korelem und Jasmin sahen einen in Grasgrün eingerichteten Raum. In seiner Mitte gab es ein Gestell, das einer riesigen künstlichen Blume von ca. einem Meter Höhe glich. Die Blüte dieser Blume hatte einen Durchmesser von ca. zwei Metern und war wie eine riesige runde Matratze aufgebaut, die mit Schaumstoff in Blattform umrandet war. Bezogen war sie mit gelbem Stoff. Das Ganze stand auf einer Spiralfeder, um Bewegungen einer Blume im Wind nachahmen zu können. „Na, das wird mein Schlafplatz sein.“, erklärte Korelem auf Jasmins fragenden Blick. „Sorry, Mr. Korelem.“, entgegnete die Jugendliche stammelnd. „Ist alles noch neu für mich.“ „Mein aufgeregtes Mäuschen!“, rief Korelem aus. „Du warst hier drin noch nie, was?“ Jasmin schüttelte den Kopf. „Was kann ich tun, um dich zu beruhigen?“, fragte der Schmetterlingsartige mit mitleidigem Blick. „Sie könnten mir sagen, dass alles in Ordnung ist.“, sagte Jasmin. „Gleich.“, sagte Korelem. „Erklär’ mir doch noch mal bitte, was ich dort wohl finde.“ Er deutete mit einem seiner Flügel auf eine weitere etwa drei Meter hohe Knospe aus Metall, die sich in der rechten hinteren Ecke des Zimmers befand. An ihrer Spitze befand sich ein Bedienfeld mit einem Sensor. „Ihr Kleiderschrank.“, sagte Jasmin knapp. „Wenn Sie das Feld mit den Fühlern berühren, geht er auf.“ „Ah.“, machte Korelem und sah sich weiter im Zimmer um. Die Tür zum Bad, die wie die Eingangstür auch in den Boden verschwand, hatte er erspäht. Die Dusche glich einer Regenwolke. Auch eine weitere Blüte in Holzoptik, in welcher der Replikator stand, war in der linken vorderen Ecke des Wohnraums vorhanden. Die Displays an den Wänden zeigten Pflanzenmotive. Bei der Tür befand sich auch die Sprechanlage und der Rechner, die ebenfalls mit den Fühlern zu bedienen waren. Das Display war in einem Winkel angebracht, der sehr bequem für Fassettenaugen war.

Korelem zog sie zu dem einzigen an der Rückwand des Zimmers vorhandenen normalen Stuhl und sagte: „Setz dich, bevor du mir hier noch umkippst.“ Dann replizierte er eine riesige Tasse mit heißer Schokolade, die er ihr schluckweise einflößte. Jasmin war erstaunt, wie kunstfertig er beim Fliegen und mit seinen Vorderfüßen war. „Das lernen wir genau so wie ihr das Laufen.“, sagte Korelem. „Schon gut.“, sagte Jasmin und schaute beschwichtigend.

„Wenn dir die Begegnung mit anderen Spezies solche Angst macht.“, sagte Korelem, nachdem er die Tasse, die sie inzwischen vollständig geleert hatte, abgestellt hatte. „Dann solltest du über einen anderen Beruf nachdenken, in dem du keinen Kundenverkehr hast. Ich kann dir allerdings auch anbieten, dass du an mir üben darfst, solange ich hier bin. Sicher kann ich mit deiner Chefin darüber reden.“ „Sie sind in Ordnung, Mr. Korelem.“, sagte Jasmin, die kurz vor dem Weinen war und nur hoffte, er würde das nicht sehen. Wenn sie die Nervennahrung in Form der heißen Schokolade nicht gehabt hätte, wäre es sicher schon dazu gekommen. „Danke, Mrs. Jasmin.“, lächelte Korelem, wonach sie ihn verwirrt ansah. „Nur Jasmin.“, korrigierte sie leise. „Genau wie bei mir.“, sagte er. „Ich heiße auch einfach nur Korelem. Und nun hör mal her. Es ist alles in Ordnung! Ich komme jetzt zurecht. Jetzt werde ich erst mal auspacken.“ „Dann werde ich Sie nicht mehr stören.“, sagte Jasmin höflich und ging.

Korelem zog sich seinen Koffer heran, klopfte einen bestimmten Code mit den Fühlern an einen Sensor und wartete ab, bis der Deckel sich geöffnet hatte. Dann nahm er einen Gegenstand, der wie ein großes Weinglas aussah, heraus und verschloss den Koffer wieder. Für das, was er vorhatte, konnte er zunächst keine Gesellschaft gebrauchen und war froh, jetzt endlich allein zu sein.

Er stellte den Kelch vor sich auf den blütenartigen Tisch. Der Kontaktkelch war mit imperianischen Blumen und den geflügelten Löwen, den Wappentieren Logars, verziert. Dann atmete Korelem konzentriert aus, um sich das Gesicht des imperianischen Herrschers vorzustellen, nachdem er seine Vorderfüße auf den Fuß des Kelches gelegt hatte. Du kontaktierst mich spät!, hörte er Logars tadelnde telepathische Stimme in seinem Geist. Es tut mir leid, Milord. Aber es gab Komplikationen. Wenn Ihr mich mit Euren seherischen Kräften beobachtet habt, dann wisst Ihr ja Bescheid., erwiderte Korelem ebenfalls in Gedanken. Sehr selbstbewusst., lobte Logar. Ich weiß schon, warum ich dich in diesem Fall zu meinem Auserwählten gemacht habe. Wenn du weiterhin ein solches Selbstvertrauen an den Tag legst, sehe ich keine Probleme bei dem, für das ich dich brauche. Ich auch nicht, Majestät., lächelte Korelem. Dann sind wir uns ja einig., dachte Logar. Es wird auch bald los gehen für dich. Die Beiden, um die es geht, nahen bereits. Du weißt, was du zu tun hast. Das weiß ich, Milord., versicherte Korelem. Das weiß ich. Damit ließ er seine Vorderfüße vom Kelch gleiten und diesen in einem Fach seines Kleiderschrankes verschwinden. Niemand sollte ihn zu Gesicht bekommen. Zumindest noch nicht.

Scotty war zu seiner Schicht auf der Werft angetreten und die Schichtleiterin, eine alte Freundin, hatte ihm die Wartung IDUSAs übertragen. Auf einem Steg, der eine Brücke zwischen den Andockplätzen bildete, ging er nun auf den Platz zu, an den sie von einem celsianischen Schlepper nach unserer Übergabe gebracht worden war. Sofort nachdem ihre Sensoren ihn erkannt hatten, öffnete sie bereitwillig die Luke und ließ ihn einsteigen.

Scotty setzte sich auf den Sitz hinter der Steuerkonsole und drehte sich zum Bordmikrofon. „Hallo, Schiffchen.“, sagte er. „Na, kennst du mich noch?“ „Ich kenne und erkenne Sie, Techniker Scott.“, sagte IDUSA, die jetzt ihrerseits den Bordlautsprecher benutzte, denn sie hatte längst registriert, dass Scotty keinen Neurokoppler bei sich trug. „Sind Sie für meine Wartung zuständig?“ „Ja, das bin ich.“, sagte der ältere Terraner. „Du musst dir also keine Sorgen machen. Du bist in den besten Händen, Schiffchen, nämlich in meinen.“ „Danke, Techniker Scott.“, erwiderte IDUSA höflich. „Aber wenn Sie es genau wissen wollen, sorge ich mich auch nicht um mich, sondern eher um Ihre Frau. Der Gesundheitszustand des Allrounders ist bedenklich, seit sie …“

Scotty wurde blass, was sie sofort bemerkt hatte. Dies war auch der Grund, aus dem sie ihren Satz nicht beendet hatte. „Was is’ mit meiner Frau, Schiffchen?!“, fragte Scotty aufgeregt. „Was weißt du?!“ „Ich müsste es Ihnen eigentlich zeigen.“, sagte IDUSA. „Aber Sie haben ja keinen Neurokoppler und ich weiß, dass Sie so etwas auch nicht gern benutzen.“ „Da hast du wohl was falsch verstanden, Schiffchen.“, sagte Scotty. „Ich hab’ nix gegen Neurokoppler. Sie zu benutzen, bin ich nur nich’ gewohnt. Aber du kannst mir doch sicher mit einem aushelfen. Ich mein’, für deinen Replikator is’ so was doch ’ne Fingerübung, nich’ wahr?“ „Da haben Sie Recht.“, sagte IDUSA und ein Lämpchen am Auswurffach des Replikators zeigte an, dass das von Scotty geforderte Gerät dort bereitlag. „Ah, danke, Schiffchen.“, sagte Scotty und nahm es heraus. Dann steckte er den Anschluss in den Port, den IDUSA ihm ausleuchtete. „Ich werde jetzt eine Neurotabelle von Ihnen erstellen.“, erklärte sie. „Das wird etwas dauern. Bitte bewegen Sie sich nicht und sprechen Sie bitte auch nicht.“

Scotty wartete bereitwillig ab, bis sie mit der Ableitung seiner Nervensignale fertig war. Dann sah er in das Gesicht des Avatars. „Endlich lernen wir uns mal richtig kennen, Schiffchen.“, sagte er mit einem Lächeln. „Das stimmt, Techniker Scott.“, antwortete sie. „Ach, nenn mich doch einfach Scotty.“, bot er an. „Dann nennen Sie mich aber auch nicht mehr Schiffchen, sondern IDUSA.“, machte sie zur Bedingung. „OK, IDUSA.“, entgegnete Scotty. Dabei betonte er ihren Namen besonders. „Dann zeig mal her, was du weißt.“ „Ich muss Sie warnen.“, sagte IDUSA, bevor sie die Aufzeichnung, die sie von meiner Aussage gegenüber Shimar und dem, was er aus meinem Geist gelesen hatte, erstellt hatte, abspielte. Shimar hatte ihr alles übermittelt, was er bei mir gesehen hatte. Da er einen Neurokoppler getragen hatte, war das für ihn kein Problem gewesen.

Die Details der Aufzeichnung ließen Scotty erneut erblassen. „Um Himmels Willen!“, rief er aus. „Meine arme, arme Betsy! Tut mir leid, IDUSA, aber unter den Umständen kann ich mich nich’ auf die Arbeit konzentrieren.“ „Was wollen Sie Ihrer Schichtleiterin sagen?“, fragte das Schiff. „Ich werde sagen, dass ich etwas Falsches gegessen hätte.“, sagte Scotty. „Das zieht meistens. Sie wird ja nicht wollen, dass ich dir deine empfindliche Elektronik voll kotze.“ „Davon würde ich auch abraten.“, sagte IDUSA. „Vom tindaranischen Militär könnte es sonst Regressforderungen hageln. Ihre Chefin wäre sicher nicht begeistert, wenn das auf die Werft zukäme.“ „Also.“, sagte Scotty. „Dann lass mich mal schnell raus und ins Büro von meiner Chefin. Wenn ich noch so schön blass bin, könnte das meine Ausrede noch untermauern.“ „Ich weiß was Besseres.“, sagte IDUSA, erfasste ihn mit dem Transporter und setzte ihn genau vor seiner völlig verdutzten Schichtleiterin ab.

Milarah, eine ältere Celsianerin mit langen roten Haaren, staunte nicht schlecht, als sie ihres Untergebenen plötzlich ansichtig wurde. „Wie kommst du denn hier her, Scotty?“, fragte sie. „Hatte ich dich nicht gerade zur Wartung des tindaranischen Schiffes eingeteilt?“ „Das hast du, Milarah.“, sagte Scotty etwas leidend und hielt sich den Magen. „Aber sie hat mich ganz schnell hierher gebeamt. So zu sagen aus Selbstschutz.“ Er verzog theatralisch das Gesicht. „Selbstschutz?“, fragte Milarah. „Was soll ich darunter … Ach du meine Güte!“ Erst jetzt war ihr aufgefallen, wie schlecht es Scotty gehen musste. Die daraus entstehenden Konsequenzen für IDUSA konnte sie sich denken. „Na, ich würde mal sagen.“, begann sie. „Du besuchst gleich erst mal die sanitären Anlagen und dann gehst du nach Hause und kurierst dich aus. Du siehst ja echt nich’ gut aus, Scotty. Jemand von deinen Kollegen wird IDUSA übernehmen.“ „Danke, Milarah.“, sagte Scotty leidend und ging aus der Tür. Sein Weg führte ihn tatsächlich in Richtung der Bäder für das Werftpersonal, aber er nahm dort eine kleine Hintertür, die ihn direkt auf den Parkplatz führte. Hier stieg er in seinen Jeep und fuhr in Richtung Ginallas Bar davon. Hier, oder irgendwo zwischen dort und der Werft, würde er schon auf uns treffen.

Shimar und ich waren unter den Straßen des Städtchens, in dem Scotty und Ginalla wohnten, im unterirdischen Netz für Ort zu Ort Transporte unterwegs. Vor einem der Terminals warteten wir jetzt in der Schlange, bis wir dran waren. Derweil führten wir eine Unterhaltung, in der Shimar das Thema aus irgendeinem unerfindlichen Grund auf die Vergangenheit der Föderation lenkte. „Sag mal, Kleines.“, begann er. „Wenn der Mississippi ein Fluss auf der Erde ist und die Shuttles auf Deep Space Nine alle nach Flüssen benannt wurden, warum gab es dann dort keine Mississippi? Ich meine, das war doch irgendwo nahe liegend, oder?“

Ich stand wie erstarrt da. Erst jetzt war mir etwas aufgefallen. Auf dem Flug hatte Shimar noch behauptet, sich an dem Wort Mississippi die Zunge zu brechen und jetzt hatte er es, wenn man das Mal im Shuttle mitzählte, mindestens drei mal geschafft, es fehlerfrei über die Lippen zu bringen.

Ich schlang meine Arme um ihn, drückte ihn an mich und quietschte aus voller Kehle: „Ich flipp’ aus! Ich schnall’ ab! Ich mach ’n Flickflack rückwärts! Du hast es schon wieder hingekriegt!“ Dabei wurde meine Stimme immer höher. Besonders bei den I-Lauten. Dann drückte ich ihm noch zwei feuchte Küsse links und rechts auf die Wangen und einen direkt auf den Mund, bevor ich ihn wieder losließ. Was ich die gesamte Zeit über nicht bemerkt hatte, war, dass wir von einer Gruppe Celsianer umringt waren, die Beifall klatschten. Auf jedem anderen Planeten hätte mein Verhalten vielleicht eher ein peinliches Achselzucken bei den Umstehenden ausgelöst, aber nicht im real existierenden Humorismus. Hier schien man sich mit mir zu freuen und eine der Frauen aus der Gruppe sagte sogar so laut, dass es wirklich alle hören konnten: „Jawohl, Mädel! Schlabber ihn mal richtig ab dafür! Is’ ja auch ’ne ganz schön stramme Leistung. An dem Wort sind nämlich echt schon viele gescheitert!“ Dann schwankte ein Mann auf uns zu, der wohl schon einiges getrunken hatte und wandte sich an Shimar: „Herzlichen Glückwunsch, Soldat. Ich hoffe, ich krieg’ irgendwann in meinem Leben auch mal eine ab, die sich so köstlich freuen kann.“ Dann hickste er einige Male und verschwand mit ordentlich Schlagseite hinter der nächsten Ecke. Dabei sang, oder besser lallte, er eine celsianische Liebesschnulze. Allerdings völlig schief und aus dem Takt und um einiges zu laut. „Wieso wusste der, dass ich …“, flüsterte Shimar mir zu. „Kann es sein, mein lieber Schatz.“, vermutete ich. „Dass du noch immer deine Uniform trägst? Ich meine, ich bin in Zivil, aber du …“ Shimar sah an sich herunter. „Tatsächlich.“, bemerkte er. „Verdammte Gewohnheit!“

„Hey, meine zwei Turteltäubchen!“ Eine bekannte Stimme hatte uns dies zugerufen und schwere bekannte schnelle männliche Schritte kamen um die Ecke. Die Stimme und die Schritte hatte ich längst erkannt. „Scotty!“, rief ich. „Wir sind hier!“

Es dauerte eine weitere kurze Weile und dann stand er vor uns. „Da seid ihr ja.“, sagte er atemlos. „Ich dachte schon, ich würde euch verpassen. Passanten haben euch hier rein gehen seh’n. Aber wer steht schon gern in der Schlange vor dem Transporter, wenn er eine Fahrt im privaten Jeep haben kann?“ „Wir bestimmt nicht.“, lächelte Shimar und nahm meine Hand: „Komm, Kleines.“

Mit einem Turbolift verließen wir die Transporterstation und dann ging es zum nahen Parkplatz, auf dem Scotty sein Fahrzeug abgestellt hatte. „Ich hab’ schon alles geregelt.“, sagte Scotty, als er gemeinsam mit Shimar unsere Koffer in den Kofferraum lud. „Ich mein’, die Sache mit dem Zimmer bei Ginalla und so.“ „Wenn wir dich nicht hätten und die dicken Kartoffeln.“, rezitierte Shimar einen terranischen Spruch, den er wohl irgendwann von mir gelernt haben musste. „Du machst dich, Junge, du machst dich!“, lobte Scotty und klopfte ihm auf die Schulter.

Ich war hinten in den Jeep gestiegen. „Aber Darling.“, wunderte sich Scotty. „Möchtest du denn nach so langer Zeit gar nich’ bei deinem Mann sitzen?“ „Sie fühlt sich nicht wohl.“, antwortete Shimar für mich. „Sie hat …“ „Ich weiß.“, unterbrach Scotty ihn, während er den Jeep startete, um ihn dann auf die Hauptstraße zu lenken. „Dein Schiff war so frei.“ „Oh.“, machte Shimar bedient. „Dann weißt du …“ „Ich weiß alles.“, sagte Scotty. „Aber dann weiß ich auch, dass wir uns um so mehr um sie kümmern müssen. Irgendwann müssen wir die ganze Geschichte aber auch bestimmt melden. Ich mein’, das geht sicher nich’ so einfach von allein wieder vorbei. Wenn wir nich’ rechtzeitig die Bremse ziehen, dann fährt Sytania uns auf direktem Weg in die Scheiße. Wir müssen uns was einfallen lassen.“ „Sehe ich genau so.“, stimmte Shimar zu. „Aber das muss gut durchdacht sein.“ „Oh ja.“, sagte Scotty. „Sonst zerreist Lady Widerlich unseren schönen Plan in der Luft, bevor wir piep sagen können. Aber jetzt erst mal ab zu Ginalla!“ Damit beschleunigte er den Jeep.

Kapitel 14: Tcheys Beichte und deren Konsequenz

von Visitor

 

Die Rettungsshuttles und die Schiffe vom Geheimdienst hatten die Umlaufbahn der Erde erreicht. Dort hatte man sich wieder getrennt. „OK, D/4.“, sagte Sedrin. „Sobald wir am Raumflughafen der Einsatzzentrale gelandet sind, beamen Sie die Leiche unseres Aldaners direkt in einen portablen Stasecontainer. Ich will nicht, dass die Stasekette irgendwie unterbrochen wird, bevor Cupernica ihn sich ansehen kann.“ Die Sonde nickte und nahm über ihr Antennenset, das sie immer bei sich hatte und das in Verbindung mit den Systemen des Shuttles stand, direkten Kontakt zu dessen Rechner auf. „Es sind zwei Leichen im Stasecontainer im Laderaum, Agent.“, meldete sie. „Außerdem registriere ich ein Biozeichen.“ „Ein Biozeichen?!“, echote Sedrin leicht empört. Sie dachte sich schon, dass hier etwas nicht stimmen musste. Die Andeutungen, die Tchey am SITCH gemacht hatte, waren eindeutig zweideutig gewesen, zumindest dann, wenn man sich auf das Thema Ehrlichkeit bezog. Da die Agentin wusste, dass die reptiloide Pilotin für ihre Eskapaden bekannt war wie ein bunter Hund, stellte sie sich mit einem strengen Blick direkt neben Tcheys Platz. Dann sagte sie: „Was in aller Welt haben Sie wieder gemacht, Tchey?!“ „Wieso ich.“, tat die Angesprochene unschuldig. „Ich habe uns nur eine Zeugin besorgt. Mehr nicht.“

Seufzend ließ sich Sedrin auf den Copilotensitz fallen und zählte in Gedanken bis zehn. Sie wusste, mit Strenge würde sie hier nicht weit kommen. Tchey würde so schnell nicht einknicken. Außerdem war ihr durchaus bekannt, dass sie, wenn ihre Methoden auch oft sehr merkwürdig anmuteten, im Ergebnis oft doch sehr gut zur Lösung eines Problems hatte beitragen können. Deshalb fragte sie nur ganz ruhig: „Was ist das mit dieser Zeugin, Tchey?“ „Sagen wir mal so.“, sagte die Reptiloide in der Absicht, noch nicht ganz mit der Sprache herauszurücken. „Es könnte etwas schwierig werden, mit ihr zu kommunizieren.“ „Was meinen Sie damit, Tchey?“, fragte Sedrin nach, die langsam genug von Tcheys Herumschleichen um den heißen Brei hatte. „Wir haben Universalübersetzer, die fast jede Sprache können. Es dürfte nicht schwierig werden, uns mit ihr zu verständigen. Aber warum reist sie im Frachtraum? Warum haben Sie ihr nicht gestattet, in der Achterkabine mitzufliegen? Ich finde dies eine sehr unwürdige Behandlung!“ „Weil es nicht anders ging, Agent.“, sagte Tchey. „Sie ist größer, als die Bänke in der Achterkabine breit sind. Sie wäre bei jeder Kurve ins Kraftfeld gefallen und das hätte sie nicht verstanden. Dann wäre sie noch durchgedreht. Glauben Sie mir, es war so viel besser.“ „Was zur Hölle meinen Sie damit, Tchey.“, bohrte Sedrin nach. „Ich meine, man hätte ihr doch sicher alles erklären können. Ich wundere mich ohnehin, dass sich jemand einfach so von Ihnen in den Frachtraum sperren lässt. Aber unter den Umständen, die wir auf dem Mars gesehen haben, ist das wohl völlig normal. Trotzdem finde ich es ziemlich fies von Ihnen, die Lage einer so willenlosen Person derart auszunutzen.“ „Ich habe keine Lage ausgenutzt.“, sagte Tchey. „Und eine Person ist sie auch nicht.“ „Was ist Ihre Zeugin denn dann?!“, fragte Sedrin in leicht aufgeregtem Zustand. „Etwa ein Geist? Na ja. Wir werden ja gleich sehen!“

Sie stiefelte durch die Achterkabine des Shuttles in den Frachtraum. Tchey hatte dem System des Schiffes befohlen, ihr alle Türen zu öffnen. Sie wusste, jetzt war die Stunde der Wahrheit gekommen. Es gab kein Zurück mehr. Bald würde sie Farbe bekennen müssen.

Die Agentin war bei der letzten Tür angekommen. Als diese zur Seite glitt, traute Sedrin ihren Augen kaum. Vor ihr schob sich ein schwarzer Schatten aus dem Raum und blieb vor ihr stehen. Dann begann dieser Schatten auch noch, aus voller Kehle zu schnurren und drückte sich an sie. Da Yara gut 60 kg wog, hatte Sedrin ganz schön zu tun, stehen zu bleiben. „Ist ja gut.“, sagte sie. „Du bist also unsere Zeugin. Na ja. Wir werden eine Möglichkeit finden müssen, mit dir zu reden, wie es scheint. Aus den menschlichen Überlebenden ist ja nichts heraus zu bekommen. Da hat Tchey wohl doch richtig gehandelt. Ich nehme jetzt eine DNS-Probe von dir. Das tut nicht weh. Dann kann man auch ganz leicht herausfinden, wie du heißt und wem du gehört hast.“

Sie zog ihren Erfasser und stellte per Menü ein bestimmtes Programm ein, mit dessen Hilfe das Gerät die DNS des Tieres fotografierte. Dann schloss sie es an ihr Sprechgerät an, um darüber mit einer schnell verfassten Mail einen Rundruf an alle Tiermediziner zu schicken. Irgendeiner von denen würde sie hoffentlich in seiner Patientenkartei finden. Auch das zentrale Haustierregister der Föderation vergaß sie nicht.

Das Schiff machte plötzlich eine Abwärtsbewegung und das Schnurren des Tieres verstummte. Es stellte sich aufrecht hin und sein peitschender Schwanz verriet Angst oder Aufregung. Sedrin, die solche Tiere aus ihrer Kindheit auf Demeta kannte, wusste sofort, wie sie dieses Verhalten zu deuten hatte. Sie strich der Wollkatze beruhigend über den Rücken und flüsterte: „Ist gleich vorbei, Schmusi. Wir landen doch nur. Wenn wir damit fertig sind, bringen wir dich erst mal ins Tierheim, bis wir wissen, wo du hingehörst. Dann kümmere ich mich persönlich um jemanden, der zwischen uns und dir vermitteln kann. Wenn du irgendwas gesehen hast, dann ist es wichtig, dass du es uns sagst. Sonst finden wir nie heraus, was da bei euch eigentlich los war.“

Rescue One setzte auf und Sedrin benutzte die Außenluke des Frachtraums, um es zu verlassen. Yara war zurückgeblieben. Die Umgebung, in der sie sich jetzt befand, barg für sie zu viele fremde Eindrücke und hier im Bauch des Shuttles fühlte sie sich sicher.

Entlang am Schiff führte Sedrin ihr Weg nun zum Cockpit. Hier stiegen auch gerade Tchey und D/4 aus. „Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Tchey.“, sagte sie. „Sie haben alles richtig gemacht. Nur hätten Sie mich über die Sache mit der Wollkatze informieren müssen.“ „Hätten Sie denn die Erlaubnis gegeben, Agent?“, fragte Tchey verwundert, die wohl angesichts von Sedrins Standpauke vorhin eine andere Reaktion erwartet hatte. „Ich meine, normalerweise ziehen Sie und Ihre Kollegen doch menschliche Zeugen vor.“ „Normalerweise.“, sagte die demetanische Agentin ruhig. „Aber wenn Sie wüssten, Tchey, was ich weiß, dann würden Sie auch auf ungewöhnliche Wege zurückgreifen, um diesen Fall zu lösen.“ „Soll das bedeuten, Sie lassen Davis tatsächlich nach so ’nem Verhaltenstypen suchen?“, fragte Tchey ungläubig, die sich die Reaktion der Agentin irgendwie immer noch nicht ganz erklären konnte. „Ja, Tchey!“, sagte Sedrin. „Weil so ein Verhaltenstyp, oder besser gesagt Tiertrainer, der Einzige ist, der uns jetzt helfen kann. Er oder sie wird wissen, wie ich meine Fragen an dieses Tierchen zu richten habe und auch ihre Antworten interpretieren können. Ein normales Verhör wird hier wohl nicht möglich sein. Aber jetzt … Entschuldigung.“

Sie war auf ein Signal ihres Sprechgerätes aufmerksam geworden. „Hier Agent Sedrin.“, meldete sie sich. „Ich bin Nara.“, sagte eine hohe leise liebe Stimme am anderen Ende der Verbindung. „Ich bin Mitarbeiterin des zentralen Haustierregisters der Föderation. Es geht um die DNS-Probe, die Sie uns geschickt haben, Agent Sedrin. Es ist uns immer ein Vergnügen, den Ordnungsorganen behilflich zu sein. Aber was macht der Geheimdienst mit dem Haustier einer unserer Klientinnen? Ich meine, Sie greifen doch nur ein, wenn feindlicher außerirdischer Einfluss zu befürchten ist. Wenn das Mäuschen ausgerissen ist, dann ist das doch normalerweise Sache der Polizei, oder?“

Sedrin überlegte. Sie durfte dieser Zivilistin dort am Sprechgerät auf keinen Fall sagen, was wirklich passiert war! Sie hatte gelernt, dass es das A und O war, keine Massenpanik zu verbreiten, aber genau das würde unter Umständen geschehen, wenn sie ihr alles verraten würde. Also log sie: „Ich habe sie auf einem privaten Spaziergang aufgelesen.“ „Ach so.“, lächelte die schwarzhaarige Frau, eine Elyrierin in heller freundlicher Bürokleidung, ins Mikrofon. „Na dann: Ihr Name ist Yara und sie gehört Lorana, die 135 Miller Street in der Marskolonie wohnt.“ „Ach, da bin ich gleich um die Ecke.“, log Sedrin weiter. „Ich bringe sie sofort vorbei.“ „Tun Sie das.“, lächelte Nara unwissend. „Lorana wird sich bestimmt sehr freuen. Mich wundert nur, dass noch keine Vermisstenmeldung zu der Kleinen eingegangen ist. Aber vielleicht hat es ihr Frauchen auch noch nicht gemerkt.“ Damit beendete sie die Verbindung.

„Wo lernt man eigentlich, so eiskalt zu lügen?“, fragte Tchey. „Auf der Agentenschule.“, sagte Sedrin kalt lächelnd. „Glauben Sie mir. Es wird für alle Beteiligten besser so sein. Aber jetzt benötige ich erst mal einen Jeep. Wir müssen Yara ins Tierheim bringen. Dann werde ich Kelly alle Leute raussuchen lassen, die sich mit dem Verhalten von demetanischen Wollkatzen auskennen. Ach, da sind ja noch die Leichen. Beamen Sie beide in die Gerichtsmedizin und verständigen Sie Cupernica.“ „Sofort, Agent.“, sagte Tchey erleichtert. „Ich hoffe nur, Sie finden es nicht schlimm, dass beide in einem Container reisen mussten. Hätte ich den Zweiten in Betrieb genommen, hätte das noch mehr Fragen aufgeworfen. Aber …“ „Angesichts der Tatsachen wäre das sicher nicht schlimm gewesen.“, sagte Sedrin. „Sie wissen doch, dass Sie mir vertrauen können. Ich urteile niemanden schnell ab, egal, was für einen Ruf derjenige auch immer haben mag und ab jetzt keine Geheimnisse mehr zwischen uns, in Ordnung?“ „In Ordnung, Frau Geheimdienst.“, sagte Tchey bedient. Mit einer solchen Reaktion ihres Gegenüber hatte sie wohl nicht gerechnet.

Im Antiuniversum hatten sich die böse T’Mir und die Antinugura auf Antivulkan getroffen. Die Präsidentin der Antiföderation hatte ja bereits mit der vulkanischen Präsidentin gesprochen. Allerdings bemerkte sie erst jetzt, wie gut man mit ihr böse Pläne schmieden konnte.

Die Beiden saßen in einem Garten vor dem Haus T’Mirs, das einem Schloss ähnelte, zusammen. Sicherlich würde dies den Meisten etwas seltsam erscheinen, sind doch die Vulkanier im Allgemeinen als sehr bescheiden bekannt. Da aber die böse T’Mir nach eigenen Angaben das genaue Gegenteil ihres positiven Ich war, ließ sich auch denken, dass sie ein viel größeres Streben nach Macht besaß. Also hatte sie sich auf ihrem Planeten auch diesen Palast bauen lassen. Der Park, in dem sie nun mit der Antinugura saß, war nicht weniger protzig, als das Haus selbst, das mit seinen Türmchen und Rundbögen einem mittelalterlichen Herrenhaus glich. Die Wände waren mit Gold verziert und Statuen im Eingang zeigten alte heidnische vulkanische Götter, die von den Vulkaniern lange vor der Umkehr zur Logik angebetet wurden. Der Gott des Todes auf der Rechten und der des Krieges zur linken Seite flankierten sogar das Eingangstor.

Durch dieses war die Antinugura nun also geschritten und saß nun neben T’Mir auf einer Bank, die in einem Gartenhäuschen stand, das in seiner Aufmachung einem der Tempel für ebendiese Gottheiten glich. „Sie haben es sehr schön hier.“, bemerkte die böse Nugura. „Oh, ja, das habe ich wohl.“, bestätigte die böse T’Mir und ließ ihren Blick über den Park schweifen, als wollte sie ihre Augen buchstäblich in ihrem Besitz baden lassen. „Das hier ist alles meins! Alles meins!“ Sie lachte gierig auf.

Die Antinugura folgte ebenfalls dem Blick ihrer Sitznachbarin. Dann sagte sie: „Mir fällt auf, dass es hier übermäßig viele terranische Kakteen gibt. Hat das einen bestimmten Grund?“ „Ja, den hat es.“, antwortete die Vulkanierin kalt. „Kakteen haben Stacheln. Sie sind das Sinnbild der Bewaffnung! Zumindest sind sie das für mich!“ „Das ist wohl auch der Grund für die vielen Dornenhecken, die Ihren Garten umgeben, nicht wahr?“, fragte die Antinugura, die sich ihre Antwort eigentlich schon denken konnte, sie aber in der Absicht, sich bei T’Mir einzuschmeicheln, gern aus ihrem eigenen Mund gehört hätte. „Genau das.“, bestätigte T’Mir. „Aber Sie sind doch sicher nicht gekommen, um mit mir über Pflanzen zu debattieren.“ „Nein, liebe Kollegin.“, sagte die Antinugura. „Das bin ich fürwahr nicht. Ich bin hier, um mit Ihnen zu besprechen, auf was für eine Mission wir unsere neue Sternenflotte schicken sollen.“ „Ist sie denn schon so weit?“, fragte die Vulkanierin. „Und ob sie das ist.“, grinste die Antinugura kalt. „Radcliffe hat ihre Bildung gut vorangetrieben und ich denke, wir können sie bereits auf Mission hinter einer ungeliebten Zeugin herschicken. Warten Sie einen Moment, Nugura. Ich werde Ihnen verdeutlichen, was ich meine.“

Sie zog einen portablen Rechner aus einer Tasche ihres Kleides und startete das System. Dann zeigte sie auf den Bildschirm: „Sehen Sie! Das ist das Register aller Schiffe, die unsere Sternenflotte jetzt schon besitzt.“ Nugura ließ beeindruckt die Namen auf sich wirken. „Das bedeutet ja.“, stellte sie nach einer Weile fest, „Dass quasi jedes Schiff im guten Universum bei uns ein genaues Gegenstück hat.“ „Genau das.“, sagte T’Mir. „Aber es bedeutet noch etwas anderes. Die Zeugin, von der ich gerade sprach, wird gar nicht darauf gefasst sein, von den Schiffen attackiert zu werden. Sie wird glauben, sie kämen, um sie in ihre Arme zu schließen und ihr eine Aussage abzunehmen. Aber da hat sie sich geschnitten! Wir werden ihr den Garaus machen!“ „Wer ist diese Zeugin, T’Mir?“, fragte die böse Nugura. „Es handelt sich um ein halbbiologisches Raumschiff, das einer Offizierin aus dem guten Universum gehört. Diese Frau wollte sich bedauerlicherweise nicht von Radcliffe reinwaschen lassen. Sie hat uns ertappt! Leider hat sie das! Aber jetzt wird ihr Schiff dafür den Preis zahlen! Ich finde es sehr bedauerlich, dass wir kein Alterego von ihr haben, denn das könnte uns mit Sicherheit die Schwachstellen ihres Schiffes nennen. Aber jetzt müssen wir halt allein danach suchen. Wir sollten versuchen, das Schiff zunächst zu überlisten. Wir sollten so tun, als wären wir die gute Sternenflotte. Vielleicht lässt sie uns dann ja sogar in ihre Systeme und wir können sie quasi von innen heraus zerstören!“

Die böse Nugura stand auf und klopfte sich begeistert auf die Oberschenkel. Dabei lachte sie aus vollem Hals. „Was für ein guter Plan, T’Mir!“, rief sie aus. „Und wer, meinen Sie, soll das ganze Komplott anführen? Wer soll die Honigfalle für dieses Schiff auslegen?“ „Niemand anders, als Agent Mikel, der erste Offizier unserer Granger. Das Schiff wollte doch eh zu ihm und eine Aussage machen. Zumindest kann ich mir vorstellen, dass seine Pilotin ihm dies als pflichtbewusste Sternenflottenoffizierin befohlen haben wird.“ „Davon gehe ich auch aus.“, sagte die böse Nugura. „Mein gutes Ich kennt sie sehr gut, also kenne ich sie auch. Wir haben ja alle Informationen, die unsere guten Gegenstücke auch haben. Und es ist wahr, dass diese Allrounder Betsy sehr pflichtbewusst und ehrlich ist. Sie hat eine sehr hohe moralische Integrität und wird nicht zulassen, dass wir mit unseren Plänen durchkommen. Zumindest wird sie es versuchen. Wenn wir ihr Schiff allerdings an einer Aussage hindern, dann müssen die Zuständigen viel zu lange rätseln und wir haben alle Zeit der Welt. Also, wo ist dieses verdammte Schiff, T’Mir?“ „Eine Sensorenboje hat es in der interdimensionalen Schicht registriert.“, sagte die Vulkanierin und ließ den Rechner eine weitere Graphik aufrufen. „Aber da wird sie nicht mehr lange sein. Ich werde Agent Mikel sagen, er soll auf den interdimensionalen Antrieb des Schiffes feuern lassen. Wenn der außer Gefecht ist, dann fällt sie in die Dimension zurück, aus der sie gekommen ist. Wenn wir sie dann zerstören, ist alles zu spät.“ „Ja, zu spät für sie und zu spät für eine Aussage.“, meinte Nugura schadenfroh. „Aber der Agent und seine Leute werden sich an ihrem Transpondersignal orientieren, das auch ihren Namen enthält. Wie hieß sie noch mal?“ „Das kann ich Ihnen sagen, Nugura.“, sagte T’Mir. „Anhand ihres Signals haben wir sie nämlich längst identifiziert. Ich glaube, man spricht es Lycira!“ „Dann sollten wir Agent Mikel schnellstens den Befehl geben, Lycira aufzubringen und auszuschalten!“, sagte die böse Nugura mit gierigem Blick. „Gibt es eine Möglichkeit, wie ich von hier mit ihm reden kann?“ „Selbstverständlich.“, lächelte T’Mir kalt und gab einige Befehle auf Vulkanisch in ein Programm auf dem Rechner ein. Dann erschien das Gesicht des blinden Agenten auf dem Schirm. „Was gibt es, Präsidentin T’Mir?“, fragte seine ebenfalls sehr gemeine Stimme. „Ihre Oberbefehlshaberin sitzt neben mir, Agent.“, sagte T’Mir. „Sie hat einen Spezialauftrag für Sie.“ Sie übergab den Rechner an Nugura. „Agent!“, wendete sich Nugura an Mikel. „Ich möchte, dass Sie sich mit dem Rest der Flotte bei Ihrer Basis treffen. Von dort aus werden Sie in die interdimensionale Schicht vordringen. Ihr Befehl lautet, das halbbiologische Raumschiff Lycira zu finden und es zu zerstören! Es hat leider eine Information, die uns sehr schaden würde. Sie dürfen nicht zulassen, dass diese Information durch Lycira in die aus unserer Sicht falschen Hände kommt! Haben Sie verstanden, Agent?!“ „Und ob ich das habe, Madam President!“, versicherte der böse Mikel fest. „Ich nehme an, es geht darum, dass sie keine Informationen über unsere Entstehung weitergeben kann. Wenn sie das täte, wäre das nicht gut für uns.“ „Da haben Sie Recht, Agent.“, sagte Nugura. „Das wäre beileibe nicht gut. Man würde nämlich versuchen, uns wieder in unsere guten Alter Egos zu integrieren und das wäre nicht das Dasein, das mir für den Rest meines gerade erst begonnenen Lebens vorschwebt.“ „Mir auch nicht.“, sagte der böse Mikel. „Also, Madam President, Sie können sich auf mich und meine Leute verlassen! Schließlich kämpfen wir dann nicht nur gegen dieses Schiff, sondern auch um unser Leben.“ „Noch eines, Agent.“, sagte Nugura. „Die Art, wie Sie versuchen sollen, dieses Schiff zunächst in falscher Sicherheit zu wiegen, bedeutet, dass Sie ihr vormachen werden, Sie seien die gute Sternenflotte. Wenn sie dann freiwillig ihre Systeme öffnet, dann werden Sie sie von innen heraus zerstören. Reden Sie mit Ihrem Techniker Jannings darüber. Er wird Ihnen sicher eine Möglichkeit nennen können. Falls Lycira den Köder nicht schluckt, können Sie ja immer noch andere Saiten aufziehen!“ „Schon verstanden, Madam President!“, grinste der böse Mikel und beendete die Verbindung.

Inzwischen hatte T’Mir eine Flasche aus einem Schränkchen in der Laube geholt. Dann folgten noch zwei bauchige vergoldete Gläser. Sie entkorkte die weiße bauchige Flasche und goss von dem Inhalt großzügig in beide Gläser ein. Dann gab sie der bösen Nugura eines davon, während sie das andere behielt. Neugierig betrachtete und beroch die Präsidentin den Inhalt und stellte fest, dass es sich um ein sehr hochprozentiges alkoholisches Getränk handeln musste. Dass T’Mir ihr jetzt so etwas anbot, nahm nicht Wunder, denn sie repräsentierte ja eine Seite der Vulkanier, die sonst immer unterdrückt war. „Lassen Sie uns feiern!“, sagte sie und stieß mit ihrer Komplizin an. „Ich bin nämlich davon überzeugt, dass Mikel dieses Schiff finden und besiegen wird. Es wird sich wohl kaum gegen eine ganze Flotte zur Wehr setzen können.“ „Also dann.“, sagte die böse Nugura und erwiderte das Prosten. „Auf den Sieg!“ „Auf den Sieg!“, wiederholte T’Mir und leerte ihr Glas gierig in einem Zug.

Der böse Mikel war in den Maschinenraum seines Schiffes gegangen, um sich dort mit Jannings und seiner Assistentin zu unterhalten. Zwar gab es kein direktes Gegenstück von Elektra, da sie als Androidin ja nicht für Telepathie empfänglich war und Radcliffes Kräfte also auf sie nicht hätten wirken können, aber Sytania hatte dies durch die Schöpfung einer weiteren Elektra, die ebenfalls einen bösen Charakter hatte, längst kompensiert. So war sie übrigens bei allen Androiden auf den Sternenflottenschiffen vorgegangen. Elektra war auch die Erste, die Mikel antraf. „Wo ist Ihr Vorgesetzter, Technical Assistant?“, fragte Mikel. „Dort drüben an Konsole vier.“, antwortete sie. „Er wartet gerade das Kommunikationssystem. Ich werde Sie zu ihm führen.“

Sie hakte ihn unter und bald standen sie vor Jannings. „Techniker, ich muss mit Ihnen reden!“, sagte Mikel fest. Der Ingenieur, der ihn zunächst nicht gesehen hatte, sah erst jetzt vom Bildschirm auf. „Oh, Sir.“, sagte er. „Es tut mir leid. Ich habe Sie nicht gesehen.“ „Das ist wohl eher meine Ausrede.“, sagte Mikel. „Aber lassen Sie es gut sein. Sicherlich gab es ein kleines technisches Rätsel, das Ihre gesamte Aufmerksamkeit gefordert hat.“ „Nein.“, gab Jannings zu. „Das gab es nicht. Den Systemen des Schiffes geht es ausgesprochen gut, wenn ich das so sagen darf.“ „Um so besser.“, sagte Mikel. „Dann werden sie ja um so besser für das geeignet sein, zu dem wir gerade den Befehl erhalten haben.“ „Und was ist das für ein Befehl, Agent?“, fragte der Chefingenieur. „Ich meine, warum kommen Sie damit zu mir? Wäre es nicht besser und auch protokollgerechter, die Brückenbesatzung zuerst zu informieren?“ „Sie sollten sich glücklich schätzen, der Erste zu sein, der diese Information bekommt.“, sagte Mikel grimmig. „Aber ich gebe sie Ihnen nicht ohne Grund zuerst, mein kleiner Virenprogrammierer und Systemknacker. Bevor ich nämlich für unsere Mission die Jobs verteile, möchte ich gern von Ihnen wissen, ob ihre Ausführung überhaupt technisch so möglich ist, wie sich die Präsidentin das vorstellt.“ „Was ist denn unsere Mission?“, wollte Jannings wissen. „Wir sollen ein Raumschiff stoppen, das eine bestimmte Information auf keinen Fall an die falschen Leute weitergeben darf. Verstehen Sie mich?“ „Oh, das sollte kein Problem darstellen, Agent.“, sagte Jannings. „Die Waffen habe ich heute morgen schon gewartet. Sie funktionieren tadellos.“ „Das ist beruhigend zu wissen, Mr. Jannings.“, sagte Mikel. „Aber es interessiert mich eigentlich nur am Rande. Vielmehr würde ich gern einiges über die Leistungsfähigkeit unserer Computer und der Kommunikation erfahren.“

Jannings, dem offensichtlich nicht klar war, worauf der erste Offizier hinaus wollte, überlegte krampfhaft, wie er seinem blinden Vorgesetzten seine Situation verdeutlichen konnte. Einem Sehenden gegenüber wäre dies sehr einfach gewesen, denn ihn hätte er einfach nur verwirrt ansehen müssen. Da ihm bekannt war, dass Mikel dies aber nicht wahrnehmen konnte, wusste er nicht, wie er es anstellen sollte. Nur das lange Schweigen seines Gegenüber verriet Mikel, dass hier etwas nicht stimmen konnte. „Gibt es ein Problem, Jannings?!“, fragte Mikel streng. „Wenn Sie es genau wissen wollen, Sir.“, setzte Jannings an. „Dann gibt es das tatsächlich. Ich verstehe nämlich nicht, was unsere Computer und die Kommunikation mit dem Stoppen eines Raumschiffes zu tun haben.“ „Dann werde ich es Ihnen eben erklären, Techniker!“, sagte Mikel, den seine offensichtliche Begriffsstutzigkeit doch sehr ärgerte. „Die beiden Systeme werden einen entscheidenden Anteil zum Gelingen unserer Mission beitragen. Wir werden dem Schiff vormachen, dass wir die gute Sternenflotte seien und dass wir ihre Aussage aufnehmen werden. Aber wenn sie dann ihre Systeme für uns öffnet, um uns die Daten zugänglich zu machen, werden wir ein bisschen in ihren Systemen herumpfuschen. Wir werden ihren interdimensionalen Antrieb außer Gefecht setzen. Außerdem werden wir ihre Selbstzerstörung aktivieren und auf eine Sekunde nach Aktivierung stellen. Dann hat sie keine Zeit mehr für eventuelle Gegenmaßnahmen. Sie ist nur ein kleines Schiff. Die Druckwelle ihrer Explosion werden wir allerhöchstens als kleines Schaukeln wahrnehmen, wenn nur die Schilde halten. Hier kommen jetzt Sie ins Spiel, Jannings. Sie könnten doch sicher ein entsprechendes Virus schreiben, oder?“ „Gewiss kann ich das, Sir.“, antwortete Jannings, dem die Idee immer besser gefiel. „Aber ich kenne hier im Maschinenraum jemanden, die das noch viel besser kann. Sie ist mit Technologie auf Du und Du.“

Er winkte Elektra, die sich sofort auf den Weg zu den beiden Männern machte. „Ich nehme an, Sie haben alles mitbekommen, Assistant.“, sagte er. Die Androidin nickte. „Dann wissen Sie ja sicher auch, dass höchste Eile geboten ist.“, sagte Mikel. „Das ist mir bekannt.“, sagte Elektra. „Ich nehme an, aus diesem Grund wollten Sie auch, Mr. Jannings, dass ich das Virus schreibe.“ „Das stimmt, Elektra.“, sagte der Chefingenieur. „Dann werde ich damit gleich beginnen.“, sagte sie, drehte sich fort und ging in Richtung einer freien Arbeitskonsole, an die sie ihr Haftmodul anschloss.

„Sie ist immer so ein fleißiges Bienchen.“, stellte Jannings fest. „Oh, ja, das ist sie.“, bestätigte Mikel. „Ich werde Nugura nach dieser Mission vorschlagen, sie ebenfalls zum Techniker zu befördern. Dieses Schiff hat zwar schon einen Chefingenieur, mit dem ich sehr zufrieden bin, aber es gibt ja noch genügend andere Schiffe in der Sternenflotte, die einer fähigen Ingenieurin gegenüber sicher nicht abgeneigt wären.“

Jannings wurde blass. „Aber Agent.“, sagte er. „Das können Sie mir nicht antun. Ich habe viel zu lange mit Elektra gearbeitet. Außerdem könnte niemand sie ersetzen. Es gibt zwar genügend fähige Köpfe unter den technischen Assistenten in der Sternenflotte, aber keiner von denen kann sich direkt mit den Schiffssystemen verbinden. Das war eine Eigenschaft, die ich an Elektra immer sehr bewundert habe und die uns schon sehr viel geholfen hat.“ „Ich weiß.“, sagte Mikel beruhigend. „Aber dazu gehören ja auch immer zwei. Elektra hat ja schließlich dazu auch noch etwas zu sagen, Mr. Jannings und wie ich sie einschätze, halte ich durchaus für möglich, dass sie das Angebot ohnehin ablehnen würde, weil sie es für effizienter hält, hier an Bord der Granger weiter unter Ihnen zu arbeiten und ich habe weniger lästigen Papierkram.“ „Da sprechen Sie ein wahres Wort gelassen aus, Sir.“, sagte Jannings, der sich inzwischen wieder beruhigt hatte. „Als Androidin ist sie ja nicht auf Prestige aus, sondern es zählen nur die sachlichen Argumente. Wenn sie glaubt, sie könne hier besser zu unserem Sieg beitragen, dann bitte.“ „Na sehen Sie, Techniker.“, sagte Mikel.

Elektra winkte von der Konsole herüber. „Ich habe das Virus fertig gestellt, Sirs.“, sagte sie und sah Mikel und Jannings gleichermaßen erwartungsvoll an. Der Chefingenieur warf einen prüfenden Blick über die Gleichungen. Dann sagte er: „Ausgezeichnet, Elektra!“ „Hatten Sie von ihr ernsthaft etwas anderes erwartet, Techniker?“, fragte der erste Offizier mit einem gemeinen Grinsen. „Nein, Agent.“, negierte Jannings. „Und sie hat alles berücksichtigt. Es wird uns sicher gelingen, dieses Schiff zu stoppen. Sie können das Virus von ihrem Platz aus auf der Brücke aktivieren. Es tarnt sich als Suchbefehl nach dem Schlagwort Verbrechen.“ „In Ordnung, Jannings.“, sagte Mikel und ging mit einem dreckigen Grinsen auf den Lippen.

Bald hatten sich auch alle anderen Schiffe, die ebenfalls Bescheid bekommen hatten, mit der Granger bei der 817 getroffen. Dies hatte Mikel auf dem Weg zur Brücke durch den Computer und eine SITCH-Mail erfahren. Die Erste, die Mikels gute Laune bemerkte, war Ribanna. „Sie scheinen eine sehr gute Nachricht bekommen zu haben, Sir.“, sagte sie und zwinkerte ihn von der Flugkonsole aus an. „Oh, ja, Allrounder.“, sagte Mikel. „Das habe ich.“

Er stellte sich in die Mitte des Raumes. „Ladies und Gentlemen.“, begann er. „Wir haben unsere allererste Mission! Sie lautet, ein Schiff zu stoppen, das uns unter Umständen sehr gefährlich werden könnte. Der Name des Schiffes ist Lycira und ihre Koordinaten in der interdimensionalen Schicht habe ich von Präsidentin Nugura und Präsidentin T’Mir persönlich erhalten. Wenn dieses Schiff mit ihren Informationen zu den falschen Leuten fliegt, dann könnte unsere Existenz bald ausgelöscht sein. Also, Sie und ich, wir kämpfen nicht nur gegen Lycira, sondern auch für unser Leben! Ribanna, ich übermittle Ihnen jetzt die Koordinaten. Ich hoffe, Sie haben in der Schulung für Interdimensionalflug gut aufgepasst.“ „Davon werde ich Sie gleich sicher überzeugen, Sir!“, sagte die junge Indianerin selbstbewusst und gab die von Mikel erhaltenen Koordinaten in das Programm für den Interdimensionsantrieb ein. „Von meiner Seite sollte es da auch keine Probleme geben, Agent.“, versicherte Kang. „Die Waffen funktionieren sehr gut und ich bin ebenfalls kerngesund. Das hat mir Loridana auf jeden Fall bescheinigt.“ „Die Waffen werden wohl zunächst nicht gebraucht werden, Mr. Kang.“, sagte Mikel. „Lyciras Zerstörung wird auf eine viel listigere und hinterhältigere Weise passieren. Aber falls das nicht klappt, erhalten Sie sicher Ihre Chance, Mr. Kang. Und jetzt aktivieren, Ribanna! Ich will dieses verdammte Schiff auf keinen Fall verpassen!“ Der indianische Allrounder nickte und bestätigte ihre Eingaben. Alsbald verschwand die Antigranger als schimmernde Säule.

Lycira war damit beschäftigt, in der interdimensionalen Schicht eine falsche Spur zu legen. Der Kampf mit der Flotte der Vendar hatte sie vorsichtig werden lassen. Außerdem hatte sie durch den Datenaustausch mit Elektra auch von der Theorie der Androidin erfahren. Unter gewissen Umständen würde die Antigranger ihr vielleicht nachstellen, wenn es wirklich eine Antiföderation und somit auch eine Antisternenflotte gab. Sie musste die Dimension der selbstständig denkenden Schiffe in jedem Fall unbehelligt erreichen.

„Ich habe das Schiff direkt voraus, Agent.“, meldete Ribanna, als die Antigranger die Koordinaten erreicht hatte, an denen Lycira zuletzt gesehen worden war. „Auf den Schirm, Ribanna!“, befahl der erste Offizier hoch aufgeregt. „Sind sonst noch Schiffe in der Nähe, Allrounder?“ „Wenn Sie darauf hinaus wollen, Agent.“, erwiderte Ribanna. „Dass sie vielleicht Hilfe haben könnte, dann müssen Sie sich keine Sorgen machen. Außer uns und ihr ist hier niemand.“ „Also gut.“, sagte Mikel. „Rufen Sie Lycira, Ribanna und dann verbinden Sie mit mir.“

Die Kommunikationsoffizierin und Pilotin nickte und führte seinen Befehl aus. „Sie können sprechen, Sir.“, sagte sie dann, nachdem Lycira scheinbar nichts ahnend die Verbindung angenommen hatte. Mikel drückte den Sendeknopf: „Ich bin Agent Mikel von der USS Granger, Lycira. Du musst dir keine Sorgen machen. Du bist bei mir in den richtigen Händen. Ich werde gleich deine Aussage aufnehmen. Wir können es auch so machen, dass ich direkt nach den Daten suche. Unser Ingenieur hat einen Suchalgorhythmus verfasst, der …“

Noch bevor Mikel weiter sprechen konnte, verriet ein Signal ihm, dass Lycira die Verbindung beendet haben musste. „Holen Sie mir diese verdammte Verbindung wieder, Ribanna!“, schnauzte er die Angesprochene an. „Das würde ich gern, Sir.“, sagte der junge Allrounder ruhig. „Aber sie hat laut unserem Computer die Frequenz blockiert. Auch auf unser Rufzeichen selbst reagiert sie mit Blockade. Ein Wechsel der Frequenz würde also nichts bringen.“ „Verschonen Sie mich mit ihrem SITCHer-Fachchinesisch!“, schrie Mikel, der im Gegensatz zu seinem guten Gegenstück nicht sehr besonnen war und leicht aus der Haut fuhr. „Ich habe nur versucht, Ihnen zu verdeutlichen, dass wir so keine Chance haben, Sir.“, verteidigte sich Ribanna. „Was ist mit den Frequenzen zur Datenübermittlung?“, fragte Mikel. „Sie sind auch in die Blockade einbezogen.“, erwiderte die junge Indianerin. „Aber Augenblick. Lycira scheint gerade die Blockade ihrer Audiofrequenz aufgehoben zu haben und ruft uns.“ „Lassen Sie hören.“, sagte Mikel genervt. „Sofort, Agent.“, entgegnete Ribanna und schaltete die von ihm verlangte Verbindung. „Dass ihr von der Sternenflotte seid, das könnt ihr einem melonischen Müllfrachter erzählen, aber mir nicht!“, sagte Lycira und klang dabei sehr selbstbewusst. „Ich weiß, dass es nicht die Art der Sternenflotte ist, in ein fremdes System einzudringen, um sich Daten zu klauen. Da müssen Sie schon früher aufstehen, Agent Mikel. Sie wollten doch in Wahrheit ein hübsches kleines Virus bei mir deponieren, nicht wahr? Das sollte dann meine Systeme zerstören, weil ich etwas weiß, was Ihnen gefährlich werden kann. Ich bin nicht dumm. Ich kann mir denken, dass Sie aus dem aggressiven Teil von Agent Mikel bestehen. Ihre neuralen Frequenzen haben Sie verraten. Ich weiß, wie das Neuralmuster eines Humanoiden normalerweise auszusehen hat. Aber Ihre Frequenzen sind nur die aus dem Mandelkern, genau wie beim Rest Ihrer sauberen Bande, die Sie Sternenflotte nennen. Aber Sie sollten sehen, dass ich mich nicht verarschen lasse!“ Sie beendete die Verbindung.

„Sir, Lycira konfiguriert ihren Antrieb.“, meldete Ribanna. „Es sieht für mich aus, als wollte sie in eine Dimension einfliegen.“ „Das werden wir ihr gründlich versauen.“, sagte Mikel. „Mr. Kang, zielen Sie auf ihren interdimensionalen Antrieb und feuern Sie einen Photonentorpedo ab!“ „Aye, Sir.“, antwortete der Klingone an der Waffenkonsole erleichtert über den Umstand, jetzt doch noch seinen Teil zum Gelingen der Mission beitragen zu können und tat, was der erste Offizier ihm soeben befohlen hatte.

Mikel hängte sich mit seinem Hilfsprogramm direkt an Kangs Konsole. Er wollte nicht warten, bis ihm ein eventueller Treffer gemeldet würde. Wenn, dann wollte er es aus erster Hand erfahren. Kang bestätigte die Anfrage und ließ seinen Vorgesetzten somit gewähren. „Direkter Treffer in den Energiehauptverteiler für den interdimensionalen Antrieb des beschossenen Schiffes.“, meldete der Computer Mikel. „Sehr gut, Warrior.“, lobte der erste Offizier mit einem freudigen Blick in den Augen. „Direkt ins Schwarze. Ribanna, in welche Dimension ist sie gestürzt?“ „In das Heimatuniversum der guten Föderation, Agent.“, entgegnete die Angesprochene nach einem kurzen Blick auf ihren Bildschirm. „Dann kann ich mir denken, wohin sie will!“, sagte Mikel. „Folgen, Ribanna! Wir werden sie nicht entkommen lassen!“

Lycira hatte auf normalen Warpantrieb umgeschaltet. So schnell wie möglich musste sie jetzt eine Partikelfontäne aufsuchen, um von dort in die Dimension der selbstständig denkenden Schiffe zu kommen. Tatsächlich hatten ihre Sensoren auch bald eine entdeckt, aber der Weg dort hin war noch sehr weit und die Schiffe der Antisternenflotte waren ihr immer noch auf den Fersen. Sie beschloss, durch das Schlagen von Haken eine falsche Signatur zu erzeugen. Vielleicht würden sie darauf hereinfallen.

In der Dimension der Schiffe hielt sich ein sehr kleines, eine Art Sportshuttle für Rennen, in der Nähe einer Partikelfontäne auf. Der Name des Schiffes war Kamura. Sie war die Tochter von Kamurus und Sharie. Die selbstständig denkenden Schiffe konnten sich ähnlich vermehren, wie es auch die Xylianer taten.

Die Kleine spielte also dort. Sie schlug Purzelbäume, drehte Schleifen im Stand auf dem Heck und ähnliches. Das machte ihr großen Spaß. Ihre Eltern hatten ihr zwar verboten, die Dimension zu verlassen, aber sie wollte doch wissen, was sich hinter den Partikelfontänen verbarg. Wenn sie weiter so gut übte, würde sie ihren Vater und ihre Mutter vielleicht doch einmal begleiten dürfen. Aber auch noch etwas anderes stand für sie fest. Wenn sie einmal alt genug wäre, um sich einen biologischen Piloten suchen zu dürfen, dann sollte es ein Kunstflieger sein.

Jetzt aber trieb die Neugier sie immer näher an die Fontäne heran. Ihr Vater hatte ihr zwar gesagt, dass sie ihren Antrieb noch nicht gut genug im Griff habe, um darin manövrieren zu können, aber sie wollte ja auch nur mal hineinsehen. Bis zum Rand der Fontäne tastete sie sich vor. Hier stoppte sie und stellte ihre Sensoren auf aktiven Scann. Was sie dort allerdings sah, verwirrte sie. Da war ein fremdes Schiff, das offensichtlich einen Schaden am interdimensionalen Antrieb hatte und Schiffe der Sternenflotte, die es verfolgten. Jetzt begannen die Sternenflottenschiffe auch noch, auf das arme beschädigte Schiff zu schießen und zwei von ihnen schnitten ihm auch noch den Weg zur Fontäne ab. Kamura verstand die Welt nicht mehr! Das war nicht das Verhalten, von dem ihr ihre Eltern erzählt hatten. Aus den Erzählungen von Sharie und Kamurus war hervorgegangen, dass die Sternenflotte nie eine solche Taktik benutzen würde, weil sie sehr unfair war. Das alles überstieg ihre kindliche Programmierung. Sie wollte ihre Eltern holen, aber dann riskierte sie eine Strafe, weil sie sich so nah an die Partikelfontäne gewagt hatte. Fast zu nah, denn, hätte sie sich nicht mit ihrem Traktorstrahl an einem nahen Kometen festgehalten, wäre sie fast hineingezogen worden. Das fremde Schiff tat ihr aber doch zu leid. Deshalb SITCHte sie dann doch die Rufzeichen ihrer Eltern an.

„Die Melbourne und die Berlin schneiden Lycira den Weg ab, Agent.“, meldete Ribanna. „Außerdem sind alle bereit, auf Ihr Zeichen auf sie zu feuern.“ „Das ist sehr erfreulich, Allrounder.“, sagte Mikel. „Aber wir sollten so tun, als ließen wir sie zunächst in Ruhe. Wenn wir das tun, wird sie sich vielleicht wieder sicher fühlen und die Blockade ihres Sprechgerätes aufheben. Dann hat unser Virus vielleicht doch noch eine Chance. Signalisieren Sie der Melbourne und der Berlin, sie sollen in die Formation zurückkehren. Dann drehen wir alle scheinbar ab. Aber Sie halten sich bereit, auf mein Zeichen zu wenden und dann nehmen wir sie aus allen Rohren unter Feuer, falls sie die Blockade nicht aufhebt. Sagen Sie das auch den anderen!“ „Ja, Agent.“, sagte Ribanna und initiierte die notwendigen Verbindungen.

Kamurus und Sharie hatten auf den Notruf ihrer Tochter reagiert und waren zu der Stelle geflogen. Sie konnten kaum glauben, was sie dort sahen. „Was habe ich dir denn gesagt?!“, tadelte Kamurus sie, als er sah, wie nah sie an der Fontäne war. „Es tut mir leid, Vater.“, sagte Kamura kleinlaut. „Aber schau doch mal da!“ Sie ließ ihr Positionslicht in Richtung des Ausgangs der Fontäne scheinen. Sharies und Kamurus’ Sensoren folgten dem Schein. „Hier stimmt was nicht.“, stellte Sharie fest. „Das ist Lycira! Ihre biologische Pilotin ist Betsy, eine gute Freundin von meiner Pilotin Tchey!“ „Ginalla kennt Betsy auch.“, sagte Kamurus. „Aber diese Sternenflottenschiffe sind merkwürdig. Ihre Kampftaktik ist merkwürdig. Sharie, ruf die Anderen zur Hilfe. Wir werden Lycira beschützen! Kamura, das hier ist nichts für Kinder! Du fliegst nach Hause, OK?!“ „Na gut, Vater.“, sagte das kleine Schiff enttäuscht und drehte ab.

Tatsächlich schien die Taktik der Antisternenflotte zunächst aufzugehen, denn Lycira hatte tatsächlich das Gefühl, sie abgeschüttelt zu haben. Das führte dazu, dass sie ihr Sprechgerät tatsächlich wieder öffnete. Über die Transpondersignale, die sie aus der fremden Dimension heraus empfing, war sie sehr erleichtert. Dann flogen eine Menge Schiffe unter Kamurus’ Führung auf sie zu. Direkt neben ihm flog Sharie, die sie ansprach: „Du musst dir jetzt keine Sorgen mehr machen, Lycira. Wir werden dich beschützen.“ „Vor wem denn?“, entgegnete sie. „Die böse Sternenflotte habe ich glaube ich abgehängt.“ „Da bin ich nicht so sicher.“, sagte Sharie.

Kaum hatte sie ausgesprochen, da fielen die Schiffe der bösen Sternenflotte auch schon wieder über sie her. „Also gut.“, stellte Kamurus fest. „Sie wollen einen Kampf, dann sollen sie auch einen bekommen. Wie ich das sehe, sind wir ihnen vier zu eins überlegen. Also, ihr bildet Viererteams und jedes Team kümmert sich um ein Schiff. Stört ihre Kommunikation, damit sie sich nicht absprechen können. Feuert auf ihre Antriebe und ihre Waffen mit den Phasern und Torpedos, was das Zeug hält.“ „Deine Taktik bedeutet aber.“, sagte Sharie, die ebenfalls die Schiffe gezählt hatte. „Das eines von uns übrig bleibt.“ „Das stimmt.“, sagte Kamurus. „Und das wirst du sein. Bleib in Lyciras Nähe. Sobald ich dir ein Signal gebe, nimmst du sie in den Traktorstrahl und bringst sie zu einem sicheren Ort. Aber erst dann, wenn ich meine, dass unsere saubere böse Sternenflotte da draußen genug abgelenkt ist.“ „OK, Kamurus.“, sagte Sharie.

Mit Freude nahm der Anführer der Schiffe zur Kenntnis, dass sich bereits Vierergruppen gebildet hatten. „Wenn alle bereit sind, dann los!“, befahl Kamurus, schloss sich selbst einem Team an und preschte dann mit allen anderen gemeinsam mit Warp sieben auf die Antisternenflotte zu.

„Sir.“, meldete Ribanna irritiert. „Da kommen hunderte von …“

Sie konnte nicht mehr weiter sprechen, denn im gleichen Moment ging ein Regen aus Photonentorpedos auf die Antisternenflotte nieder. Durch die Ausweichmanöver entstanden Lücken zwischen den Schiffen, die von den intelligenten Schiffen sofort genutzt wurden. Immer vier selbstständig denkende Schiffe umstellten ein Sternenflottenschiff, wie Kamurus es befohlen hatte. Dann schoss man es kampfunfähig. Auch die Antigranger war betroffen. „Verdammt noch mal!“, fluchte Mikel. „Was ist hier los?!“ „Wir werden beschossen, Sir.“, berichtete Kang. „Jannings meldet, dass uns bald der Warpkern um die Ohren fliegt. Wir sollten uns zurückziehen!“ Auch der Computer warnte jetzt vor einem Warpkernbruch. „Ich schätze, die anderen haben ähnliche Probleme.“, sagte Mikel zähneknirschend. „Also gut, Ribanna. Signalisieren Sie den anderen, wir ziehen uns zurück, solange wir es noch können. Die haben uns tatsächlich überrascht.“ „Ich kann nicht.“, sagte Ribanna. „Sie stören unsere Kommunikation und das Sprechgerät kann die Störung nicht durchdringen.“ „Dann fliegen Sie uns hier raus. Ein voller Impuls! Die anderen werden schon sehen, was wir meinen.“, sagte Mikel. „Aye, Sir.“, sagte Ribanna resignierend und tat es.

Sharie hatte Lycira in ein sicheres Versteck gebracht. Dort warteten sie jetzt auf Kamurus, der auch bald zu ihnen stieß. „Denen haben wir es gegeben!“, stellte er stolz fest. „Das mag ja sein.“, meinte Sharie. „Aber ich mache mir ernsthaft Sorgen um Lycira. Ihr Antrieb ist beschädigt und ich weiß nicht, wie wir …“ „Ich habe eine Idee.“, sagte Kamurus und replizierte ein vollständiges neues Antriebsmodul für ihren interdimensionalen Antrieb. „So.“, sagte er. „Pass auf, Lycira. Ich werde jetzt versuchen, dein beschädigtes Modul heraus zu beamen und das Neue dann einfach an die Stelle setzen.“ „OK.“, erklärte sich Lycira einverstanden. „Sharie.“, wendete sich Kamurus dann an seine Freundin. „Zieh sie bitte näher an deine Hülle und steuere mit dem Antrieb gegen, wenn sie driftet.“ Ohne Antwort führte Sharie seine Bitte aus. Lycira machte das nichts. Sie fühlte sich sicher.

Das Herausbeamen des beschädigten Teils stellte kein wirkliches Problem für Kamurus dar, aber mit dem exakten Einpassen des neuen Moduls und der Anschlüsse hatte er Schwierigkeiten, weil doch noch leichte Bewegung zwischen Lycira und Sharie war. „Ich sehe das einfach nicht.“, gab er nach einigen Fehlversuchen auf. „Die Auflösung meiner Sensoren reicht einfach nicht aus. Wir werden doch die Hände eines biologischen Wesens brauchen.“ „Dann brauchen wir einen Ingenieur.“, stellte Sharie fest. „Aber woher willst du einen holen?“ „Oder eine Celsianerin!“, sagte Kamurus mit eindeutig konspirativer Betonung. „Ich werde mich aufmachen, um meine biologische Pilotin zu holen. Pass du auf unsere Kranke auf.“ „OK.“, sagte Sharie. Dann sah sie zu, wie er in Richtung Partikelfontäne davonflog.

 

Kapitel 15: Trügerische Urlaubsfreuden

von Visitor

 

 

Shimar, Scotty und ich waren bei Ginallas Kneipe angekommen. Scotty stellte den Jeep ab und wir stiegen gemeinsam aus. „Wir sollten versuchen, Ginalla zu überraschen.“, schlug Shimar mit einem gehörigen Schalk im Nacken vor. „Sie wird sicher ihren Augen nicht trauen.“ „OK.“, sagte Scotty lächelnd. „Ich kenne sogar den Weg zum Hintereingang.“

Wir gingen also hinten herum so zu sagen durch die kalte Küche. Tatsächlich traute Ginalla ihren Augen nicht, als sie uns sah. Schon an der Tür empfing sie uns mit den Worten: „Mann, ich kann’s ja gar nich’ fassen, dass ihr tatsächlich alle drei hier seid. Darauf muss ich erst mal selber Einen heben. Kommt mit! Die Rückkehr alter Freunde muss schließlich gebührend gefeiert werden!“ „Dass du dich noch erinnerst.“, sagte Shimar verwundert. „Warum sollte ich das nich’, Soldat.“, scherzte Ginalla. „Ich hab’ den Tag herbeigesehnt, an dem wir uns mal wieder über den Weg laufen. Was hab’ ich euch vermisst!“

Sie spazierte voran und führte uns hinter den Tresen in jenen Raum, in dem sie auch mit Scotty gesessen hatte, um seine Probleme zu besprechen. „Setzt euch.“, sagte sie. „Dieser Raum is’ nur was für die Prominenz.“ „Also schön.“, sagte Shimar und führte mich zu einer Sitzgelegenheit. „Ich bin gleich wieder da.“, schnippte Ginalla und war auf und davon. Wenn sie mit uns über alte Zeiten reden wollte, hatte ich ein gewaltiges Problem! Es gab Dinge, an die ich mich als Einzige erinnerte, die aber niemand sonst wissen durfte. Ich würde mich also gehörig zusammenreißen müssen. Mein Benehmen als Sternenflottenoffizierin würde jetzt arg auf die Probe gestellt werden.

Sie war zurück und hatte ein riesiges Tablett bei sich. Darauf befanden sich Schüsseln und Teller sowie Gläser und Flaschen, die mit allerlei Köstlichkeiten gefüllt waren. Das Tablett wurde von ihr auf dem Tisch abgestellt und in seine Mitte geschoben. Dann setzte sie sich selbst auf einen Stuhl und begann damit, für uns drei aus einer Flasche einzugießen. Dann schob sie Scotty, Shimar und mir je eines der Gläser hin, bevor sie sich selbst das Letzte nahm, um sich auch einzugießen. „Das dynamische Quartett wieder vereint!“, sagte sie mit einem genießerischen Blick. „Ich kann’s nich’ fassen! Na ja. Auf eine coole Zusammenarbeit!“ Wir prosteten uns zu. „Was meint sie mit Zusammenarbeit?“, zischte Shimar Scotty zu, der ganz schön ins Schwimmen geriet. Hatte er doch mit ihr einen Deal geschlossen, der ihn verpflichten würde, ihr in jedem Fall alles zu berichten und dafür zu sorgen, dass sie früher oder später in die Sache eingebunden würde. „Ich weiß nich’.“, flapste Scotty ebenso leise zurück. „Aber das sagt man halt so.“ Dass er gelogen hatte, war dem jungen Telepathen nicht verborgen geblieben, aber Shimar ließ sich nichts anmerken. Gern hätte er herausbekommen, was zwischen der Celsianerin und dem Terraner eigentlich gespielt wurde, erinnerte sich aber daran, was er versprochen hatte und was auch der Grundsatz aller Tindaraner war. Er würde nie in einen fremden Geist ohne Einverständnis eindringen.

Mein sensibles Gespür hatte mir gesagt, dass hier Spannung in der Luft lag. Wenn ich diese nicht auf der Stelle entschärfen würde, könnten vielleicht Dinge passieren, die wir alle vier später sehr bereuen könnten. Ich überlegte, wie ich die Situation lösen konnte und beschloss, meine Behinderung dafür zu benutzen. Ich nahm mir also einen Teller vom Tablett und tat, als würde ich mich gleich auf den Inhalt stürzen wollen. „Halt, Kleines!“, rief Shimar aus und nahm mir Teller und Besteck zunächst wieder fort. „Du weißt ja gar nicht, was du da isst. Du magst doch keine Überraschungen. Schon vergessen?“ Das hatte ich natürlich nicht vergessen und ich wusste, dass er Recht hatte. Natürlich hatte er das und natürlich wusste ich dies. Aber genau das war ja auch mein Plan gewesen. „Wärst du dann vielleicht so süß und würdest mir verraten, was das ist?“, fragte ich mit spitzen Lippen.

Minuten lang starrte Shimar auf den Teller. Dann sagte er: „Ich glaube, es handelt sich um klingonische Blutpastete.“ Mir lief ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter. Aber damit war ich wohl nicht allein. Auch Scotty und Shimar schienen das Gleiche zu verspüren. „Ich glaube, Ginalla.“, sagte Scotty. „Das klingonische Zeug nimmst du besser wieder weg. Das mag glaub’ ich keiner von uns. Oder stehst du etwa selbst drauf?“

Erst jetzt schien Ginalla zu bemerken, was ihr da eigentlich für ein Fehler unterlaufen war. „Ach du liebes Lottchen.“, meinte sie. „Da hab’ ich doch glatt die beiden Replikatorprogramme verwechselt! Wisst ihr, übermorgen kommt eine klingonische Hochzeitsgesellschaft. Für die habe ich das Essen schon einmal vorgebucht und in ein eigenes Programm gespeichert. Ich muss mich wohl verlesen haben, als ich die Programme auswählte. War meine Schuld! Sorry.“ Eilig entfernte sie das Tablett. „Ich helfe dir.“, sagte Scotty und stand auf. „Kommt nich’ in Frage.“, flapste sie zurück. „Du bist schließlich hier Gast.“ „Ich habe aber das dringende Bedürfnis dir zu helfen.“, widersprach mein Mann. „Wenn’s denn sein muss.“, stöhnte Ginalla und winkte ihm langsam und gelangweilt. Dann verschwanden beide mit dem Tablett in Richtung Gastraum.

Mich hatte ein merkwürdiges Gefühl beschlichen. Warum waren die Beiden so geheimnisvoll? Was war zwischen Scotty und ihr los? Bei meiner Beurteilung von Ginallas eventueller Eignung, uns bei was auch immer behilflich sein zu können, musste ich vom Stand einer Ginalla ausgehen, wie ich sie auf der Hochzeit der Miray kennen gelernt hatte. Die Ginalla, die laut meinem Wissen einen großen Beitrag zur Wiederherstellung der Geschichte geleistet hatte, durfte ich nicht als Maßstab ansetzen, denn streng genommen hatte es sie ja nie gegeben. „Was ist mit dir, Kleines?“, fragte Shimar, der wohl bemerkt hatte, was für einen innerlichen Kampf ich mit mir ausfocht. „Ach.“, sagte ich nicht ganz wahrheitsgemäß. „Ich glaube, ich bin einfach nur total kaputt. Lass uns Ginalla fragen, wo unser Zimmer ist. Ich würde mich am liebsten auf der Stelle hinlegen.“ „OK.“, sagte er und legte stützend seinen rechten Arm um meine Schultern.

Ginalla und Scotty waren erneut mit einem Tablett zurückgekehrt. Auf diesem befanden sich ebenfalls Gläser, Flaschen, Teller und Schüsseln, aber es war wohl definitiv keine Blutpastete oder Ähnliches dabei. „Was für ein Glück, dass sie bemerkt hat, dass du uns das falsche Essen servieren wolltest, Ginalla.“, sagte Shimar, um das Thema auf mich zu lenken. „Sonst hätten die Klingonen übermorgen in die Röhre geguckt und ich glaube, das mögen sie gar nicht.“ „Ich hab’ doch gar nicht.“, sagte ich leise. „Vielleicht nicht absichtlich.“, meinte Shimar. „Aber durch dein Missgeschick sind wir doch erst darauf gekommen.“ „Würde ich auch mal behaupten.“, nickte Ginalla. „Aber nun eben Zuprosten die Zweite.“ „Lass mich vorher noch was sagen.“, setzte Scotty zu einem Witz an. Wir alle spitzten gespannt die Ohren. „Wenn die Klingonen in die Röhre geschaut hätten.“, begann Scotty. „Dann wäre das für sie verdammt schlecht gewesen. Mit einem Tunnelblick jagt und schießt es sich ja so schlecht.“ Ich musste grinsen, aber Shimar und Ginalla gaben einen abschätzigen Laut von sich. „Deine Witze waren auch schon mal besser, Kumpel.“, meinte die junge kesse Celsianerin. „Tut mir leid.“, sagte Scotty. „Ich hab’ wohl noch nich’ wieder zu meiner alten Form zurückgefunden.“

Ich gähnte und flüsterte Shimar etwas auf Tindaranisch ins Ohr. Darauf stand er auf und meinte in Ginallas Richtung: „Es war ein langer Tag. Ich halte es für besser, wenn wir uns alle hinlegen. Ginalla, Scotty meinte, er hätte das mit dem Zimmer schon geregelt. Wo ist …“ „Na gut, ihr Partybremsen.“, witzelte Ginalla. „Obwohl ich nich’ ganz kapiere, warum ihr euch schon schlafen legen wollt, wo die Nacht doch noch gar nich’ angefangen hat. Aber ich bin ja eine gute Gastgeberin. Dann kommt mal mit.“

Durch einen Nebenausgang verließen wir den Raum und waren bald im Flur. Ginalla führte uns zu einem Turbolift. Hier gab sie als Fahrziel den vierten Stock an. Wenn ich damals schon geahnt hätte, wen ich als Nachbarn bekommen würde, wäre ich sicher nicht so überrascht von dem gewesen, was mich noch erwarten sollte.

Wir entstiegen dem Lift und gingen einen langen Gang herunter, der rechts und links mit weichen Teppichen an den Wenden verziert war, die allerlei sommerliche Motive zeigten. Vor einem der Wandteppiche blieb Shimar stehen und übermittelte mir grinsend das Bild, das er darauf sah. Auf dem Bild war eine Familie beim Eisessen zu sehen, die offensichtlich von einem großen weißen Hund begleitet wurde, dessen Zunge immer näher an das Eis des Kindes heranzukommen schien. Die Familie selbst war in bunte Sommerkleider gekleidet. Es handelte sich offensichtlich um Terraner. „Wie süß!“, quietschte ich leise. Zumal ich das Gefühl hatte, das Kind würde ziemlich verträumt dreinschauen und den eventuellen Diebstahlversuch gar nicht bemerken. „Ich wusste, dass es dir gefällt.“, lächelte Shimar.

Ginalla und Scotty waren bereits vor unserer Zimmertür eingetroffen und sie hatte begonnen, die Schlüsselkarten zu verteilen. „Da seid ihr ja, ihr Nachzügler.“, lächelte sie uns zu, als wir uns auch dazugesellt hatten. Dann führte sie uns alle drei in den Raum. Hier gab es neben der Tür ein Sprechanlagenterminal, was mir sofort auffiel. Wenn man sich an der Wand weiter orientierte, kam der Abzweig ins Bad. Daneben an der Rückwand ein Schreibtisch mit drei Stühlen.

Ich wollte gerade die dritte Wand inspizieren, als mich etwas in die Luft und dann auf einen weichen Gegenstand warf, der sich in der Mitte des Zimmers befand. „Hey, Shimar!“, äußerte ich meinen Verdacht. „Das war so …“ „Ich weiß.“, grinste er. „Aber du weißt ja, dass ich dich nicht fallen lasse, Kleines.“ „Ich weiß.“, sagte ich und erkannte, dass ich mich auf einem riesigen Bett befand, in dem wir drei gut Platz finden würden.

„Hier kommt Testobjekt Nummer eins!“, rief Shimar und warf eine weiche Decke über mich. „Sag uns einfach, welche Decke und welches Kissen du als das Weichste empfindest.“, sagte Scotty und hob mit der Rechten meinen Kopf, um mit der Linken ein Kissen darunter zu schieben. „Das Weichste soll deins sein. Wir kommen mit der harten Realität schon klar.“, meinte Scotty. „Ihr seid so süß!“, schmeichelte ich. Aber ich fand, dass das Verwöhnprogramm ruhig noch eine Weile so weiter gehen konnte. Wenn die Beiden so weiter machten, würde ich meine Angst um unser aller Sicherheit bestimmt für eine Weile vergessen können. Das war sicher auch in Cupernicas Sinn, die mir diesen Urlaub ja in gewisser Weise verschrieben hatte.

Die Antisternenflotte hatte der Antinugura ihre Schlappe mitgeteilt. Die Präsidentin der bösen Föderation war nicht gerade froh über diesen Umstand. „Wie konnte das passieren, Mikel?!“, fragte sie den ersten Offizier der Antigranger streng. „Das können wir uns auch nicht erklären, Madam President.“, gab Mikel kleinlaut zu. „Auf einmal waren da diese Schiffe.“ „Schiffe?!“, echote die Antinugura empört. „Was für Schiffe?!“ „Genau wissen wir das nicht.“, sagte Mikel und versuchte dabei, sie irgendwie zu beschwichtigen. „Sie kamen aus einer Partikelfontäne.“ „Dann kann ich mir denken, Sie Beispiel an Inkompetenz, woher sie kamen und was das für Schiffe waren!“, schäumte die Präsidentin. „Es wird sich um selbstständig denkende Schiffe handeln, zu denen das Schiff von Allrounder Betsy Scott unterwegs war! Wo ist es jetzt?“

Mikel musste schlucken. Ihr gegenüber zuzugeben, dass er sie aus den Augen verloren hatte, würde sie nur noch wütender machen. Aber sie wusste zu viel, als dass es ihm noch möglich sein konnte, sie zu belügen. Er wusste nicht, was er tun sollte. „Wo ist sie jetzt?!“, wiederholte die böse Nugura ihre Frage und setzte ihm somit weiterhin gehörig die Pistole auf die Brust. „Sie muss in der Dimension der Schiffe sein.“, vermutete Mikel. „Wir haben sie nämlich leider aus den Augen verloren. Ein Teil der Schiffe hat uns in einen Kampf verwickelt. Ich vermute, dass ein anderer Teil, oder vielleicht nur ein einzelnes Schiff, sie dann verschwinden lassen hat.“ „Sie vermuten, Agent!“, schrie Nugura. „Sie vermuten! Wenn ich das schon höre! Sie haben die gleichen Informationen wie Ihr gutes Gegenstück und einen viel stärkeren Willen. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie so schnell aufgeben und außerdem: Sie wissen doch viel genauer, als Sie jetzt zugeben, was das für Schiffe waren und was ihr Plan war!“ „Das stimmt eigentlich auch, Madam President.“, sagte Mikel. „Aber ich habe, ganz offen gesagt, den Eindruck, dass irgendwas nicht stimmt.“ „Was meinen Sie damit?“, fragte die Antinugura. „Reden Sie gefälligst nicht immer um den heißen Brei!“ „Ich meine, dass es mir nicht ganz gelingt, meinem guten Ich seine Willenskraft und Energie zu nehmen. Ich glaube, er kann mich irgendwie bekämpfen. Ich kann mir auch schon denken, wie das vonstatten geht. Er weiß eine Menge über Telepathie und dergleichen. Es könnte sein, dass er …“ „Aber das gleiche Wissen haben auch Sie!“, tadelte die böse Nugura ihren Untergebenen. „Machen Sie gefälligst was draus!“ Sie beendete die Verbindung.

Ratlos saß der böse Mikel da. Ihre Standpauke hatte ihn ziemlich getroffen. Was konnte er jetzt nur tun? Es war die Wahrheit, dass er sich nicht erklären konnte, warum er das Handeln der Schiffe nicht vorausgesehen hatte. Es war auch die Wahrheit, dass er feige den Schwanz eingezogen hatte, als die Schiffe ihren Überraschungsangriff durchgezogen hatten. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht. Er würde die Krankenstation aufsuchen müssen und das Ganze mit Loridana und Learosh besprechen müssen. Vielleicht konnten sie ihm ein Medikament geben, das ihm bei der Vernichtung seines guten Ich helfen würde, denn, wenn alle geistige Energie abgezogen war, würde es nicht mehr existieren.

Nugura und T’Mir aus dem bösen Universum saßen immer noch zusammen im Garten der Vulkanierin. „Was ist geschehen, Nugura?“, fragte T’Mir. „Es ist Mikel!“, antwortete die Präsidentin erbost. „Er hat versagt!“ „Was genau ist geschehen?“, bohrte T’Mir nach, die das Gespräch nicht genau verfolgt hatte. „Er hat sich von ein paar intelligenten Schiffen in die Flucht schlagen lassen!“, meinte Nugura mit einem verächtlichen Blick. „Er hat feige den Schwanz eingezogen!“ „Wie konnte das passieren?!“, fragte T’Mir. „Das hätte ich nicht gedacht. Ich dachte, er sei viel willensstärker als sein gutes Gegenstück. Bei uns allen ist das doch nicht anders. Also, warum bei ihm?“ „Er sagt, es sei, weil sein gutes Ich es irgendwie schaffe, ihn zu bekämpfen.“, gab Nugura die Nachricht an ihre Kollegin weiter. „Wie kann das sein?“, meinte die Antivulkanierin verwundert. „Er ist Terraner. Er kann doch nicht …“ „Anscheinend kann er doch.“, sagte die böse Nugura. „Wir dürfen nicht vergessen, dass er eine Menge Wissen über Telepathie hat. Er ist immerhin der Adoptivsohn eines Mächtigen. Dill wird ihn bei Zeiten gut informiert haben. Die Verbindung zwischen unseren guten Ichs und uns könnte man auch als telepathisch bezeichnen.“ „Sie meinen also.“, erwiderte T’Mir. „Dass der Kampf gegen sein gutes Ich sein Urteilsvermögen derart geschwächt hat?“ „Genau das, verehrte Kollegin.“, sagte Nugura. „Genau das.“ „Dann wollen wir mal hoffen, dass es bei uns nicht irgendwann genau so wird.“, meinte die Antivulkanierin. „Da müssen Sie sich doch nun wirklich am wenigsten sorgen.“, meinte Nugura lächelnd. „Ich meine, Ihr positives Ich dürfte froh sein, Sie los zu sein. Sie dürfte begrüßen, dass Sie jetzt eine eigene Person sind und sie nicht mehr belästigen können. Sie ist jetzt reiner Verstand und Sie sind reine Emotion und weit weg von ihr. Das ist ein Zustand, von dem sie immer geträumt hat. Selbst wenn sie also einen Weg finden sollten, uns wieder mit unseren guten Ichs zu vereinen, bevor wir sie getötet haben, wird sie Widerstand leisten. Ihr dürften die Umstände, wie sie jetzt vorherrschen, sehr gefallen. Aber damit spielt sie uns ja nur in die Hände.“ „Ja, das tut sie.“, sagte T’Mir. „Wenn auch nicht absichtlich.“ Sie lachte gemein. „Sehen Sie.“, sagte die böse Nugura. „Sie haben also den wenigsten Grund zum Jammern.“ „Ich jammere nicht.“, setzte sich T’Mir zur Wehr. „Ich habe lediglich darauf hingewiesen, auf welch tönernen Füßen unsere Existenz steht.“ „Aber sicher nicht mehr lange.“, meinte Nugura. „Ich denke nämlich, dass ich weiß, wer uns aus diesem Dilemma heraushelfen kann.“

Sie griff in ihre Tasche und holte einen altertümlich wirkenden Kugelschreiber hervor. „Was wollen Sie mit diesem Museumsstück?“, fragte T’Mir irritiert. „Schauen Sie ihn sich genau an.“, grinste Nugura und schob ihr das antiquierte Schreibgerät unter die Nase. T’Mir nahm ihn auf und besah ihn sich von allen Seiten. Dabei fiel der Telepathin etwas auf. Der Schreiber schien erfüllt von Sytanias geistiger Energie. Die Bestätigung fand sich alsbald auf der Rückseite. Hier fand sich, wenn auch nur sehr klein, die Abbildung eines Drudenfußes, des Wappen- und Weihezeichens der imperianischen Prinzessin. „Wie genial!“, lobte T’Mir. „Niemand würde auf den ersten Blick darauf kommen, dass Sie einen Kontaktkelch besitzen.“ „Genau.“, sagte Nugura. „Weil ich nämlich keinen riesigen Weinkelch mit mir herumschleppe. Genau darauf hat nämlich mein Plan gefußt, als ich ihn der Prinzessin weihte. Sie wissen vielleicht, dass jeder Gegenstand zum Kontaktkelch werden kann, wenn man das Weiheritual durchführt und ich weiß zufällig, wie das geht.“ „Dann lassen Sie uns keine Zeit verlieren, Nugura.“, geiferte T’Mir. „Lassen Sie uns Sytania so schnell wie möglich kontaktieren.“ „Genau das hatte ich ja auch vor, liebe Kollegin.“, beruhigte Nugura sie und führte ihre linke Hand auf den Schreiber, bevor sie dann die rechte Hand T’Mirs in ihre Linke nahm, um die eigene Rechte ebenfalls auf dem vor den Frauen auf dem Tisch liegenden Gegenstand zu platzieren. Dann dachten beide intensiv an Sytania, deren Gesicht auch bald vor ihren geistigen Augen erschien. Was gibt es?, fragte sie. Wir haben ein Problem, Hoheit., gestand Nugura. Der Versuch der Antisternenflotte, Lycira zu vernichten, ist gescheitert. Es gibt wohl irgendwelche Komplikationen mit dem negativen Ich von Agent Mikel. Das weiß ich!, erwiderte die Prinzessin und klang dabei sehr erbost. Ich habe alles mit meinen seherischen Fähigkeiten beobachtet. Meine Frage ,warum ihr mich kontaktiert, war also nur rein rhetorisch. Ich wollte wissen, ob ihr den Schneid besitzt, eure Niederlage mir gegenüber überhaupt zuzugeben. Den Göttern sei Dank habt ihr mich in dieser Hinsicht nicht enttäuscht. Aber das ist alles nicht so schlimm. Ich kenne jemanden, der das für euch erledigen wird und der definitiv nicht versagen wird. Er und seine Truppe werden sich um das Schiff kümmern, das jetzt auf dem Weg ist, die Information weiter zu geben. Lycira kann das ja gerade nicht, weil sie in der Dimension der intelligenten Schiffe festsitzt. Aber mehr Sorge macht mir Kamurus, dem sie alles gesagt hat und der jetzt auf dem Weg zu seiner Pilotin Ginalla ist. Die ist nicht dumm. Aber die Vendar werden das schon erledigen. Ich werde auch meiner neuesten Marionette Bescheid geben. Nathaniel wird auch seinen Teil dazu beitragen müssen. Ich werde seinen Befehl, sich um Betsy und Ginalla zu kümmern, etwas dringlicher machen müssen. Ich danke Milady für Eure Hilfe!, atmete Nugura auf und T’Mir nickte ihr beifällig zu. Geschenkt!, geiferte Sytania. Schließlich profitiere ich auch davon. Ihr Bild verschwand vor den geistigen Augen der Politikerinnen, ein eindeutiges Zeichen, dass Sytania die Verbindung beendet hatte. „Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass sie uns nicht im Stich lassen wird?“, fragte Nugura T’Mir. „Das haben Sie.“, gab die Antivulkanierin zurück. „Aber ich hätte nicht gedacht, dass sie so einfach über unser Versagen hinwegsieht.“ „Das tut sie mit Sicherheit auch nicht.“, meinte die Antinugura. „Ich bin überzeugt, sie kocht innerlich vor Wut. Aber sie hat es uns nicht spüren lassen.“

Wie Recht sie damit hatte, sollte sich zum gleichen Zeitpunkt im Thronsaal der imperianischen Königstochter herausstellen. Dort hin bestellte sie nämlich jetzt Telzan. Der Vendar sah gemeinsam mit seiner Herrin durch den Kontaktkelch und meinte dann: „Das ist kein Problem für uns, Gebieterin. Mit diesem Schiff werden wir schon fertig.“ „Das will ich hoffen.“, sagte Sytania. „Sonst ist nämlich alles gefährdet und mein zweiter Plan, von dem ich dir bei Zeiten berichten werde, kommt nie zur Ausführung.“ „Dazu werde ich es nicht kommen lassen, Hoheit.“, sagte Telzan mit Überzeugung, wandte sich ab und ging mit entschlossenem Gesicht. Sytania sah ihm noch eine Weile nach, bevor sie beschloss, Nathaniel zu kontaktieren, denn auch er würde eine große Rolle bei ihrem Vorhaben spielen.

Über der Nordhalbkugel von Celsius war bereits der frühe Abend angebrochen, als das Breenschiff mit Radcliffe und seiner Familie in die Umlaufbahn zu schwenken begann. Nayale hatte Malcolm früh ins Bett gebracht, denn sie wollte unbedingt mit ihrem Mann über die merkwürdigen Vorkommnisse sprechen, die der intelligenten jungen Frau ein solches Kopfzerbrechen bereiteten, dass sie schon Nächte lang nicht geschlafen hatte. Sie ahnte im Gegensatz zu ihrem Mann sehr wohl, dass sie alle hier nur benutzt werden sollten und dass es besser für sie wäre, sich so schnell wie möglich aus dieser Abhängigkeit zu befreien. Sie wusste nur nicht, wie sie dies anstellen sollte. Aber auf Celsius gab es Behörden und vielleicht lief ihr ja auch der eine oder andere Sternenflottenoffizier über den Weg. In jedem Fall würde sie einen passenden Moment abwarten, um sich dann an die entsprechenden Organe zu wenden. Nur ihren Sohn, den wollte sie am liebsten da heraushalten. Er war, wie sie fand, durch die ganze Angelegenheit schon traumatisiert genug. Insgeheim war Nayale froh, dass seine kindliche Fantasie dafür sorgte, dass er sich noch immer in einer Märchenwelt wähnte. Die Wahrheit wäre zu schrecklich und wohl kaum verständlich für ihn gewesen. Das wusste die Mutter. Deshalb blieb sie auch noch so lange bei Malcolm in der Achterkabine sitzen, bis er eingeschlafen war.

Im Cockpit hatte Radcliffe den Autopiloten des Breenschiffes aktiviert. Sytanias Versuch, mit ihm telepathischen Kontakt aufzunehmen, hatte er durchaus registriert. Wie kann ich Euch behilflich sein, Hoheit?, dachte Nathaniel. Ich muss mit dir über unser weiteres Vorhaben beraten., antwortete ihm Sytania. Immer doch, Prinzessin., meinte Radcliffe unterwürfig. Ich bin allzeit bereit. Das möchte ich dir auch geraten haben., drohte die Imperianerin. Sonst kann ich dich ganz schnell wieder zu dem machen, der du einst warst, das Nervenbündel mit der psychischen Krankheit und das wollen wir doch nicht, oder? Auf keinen Fall!, dachte Radcliffe fest. Na also., keifte Sytania. Dann sind wir uns ja einig. Also, Nathaniel. Ich möchte, dass du diese Ginalla rein wäschst. Dann möchte ich, dass du Betsy und ihren beiden Männern vorspielst, dass alles wieder in Ordnung mit dir ist. Lass dich auf jedes Spiel ein, mit dem sie dich zu prüfen gedenken. Du musst dafür sorgen, dass sie zu 100 % sicher ist, dass du wieder genesen bist. Falls dir das nicht gelingen sollte, musst du sie mit meiner Hilfe töten! Mit Eurer Hilfe, Milady?, fragte Radcliffe. Ja, mit meiner Hilfe., meinte Sytania. Weil wir die beiden zunächst ablenken müssen, damit dieser Telepath ihr nicht etwa zur Hilfe kommen kann. Der Terraner wird sowieso nicht viel tun können bei dem, was ich vorhabe. Wir werden es wie einen Unfall aussehen lassen.

Es gab einen schwarzen Blitz und vor Radcliffe auf der Konsole stand eine Amphore. Verwahre sie gut!, befahl Sytania. Ich hoffe zwar, dass du sie nicht benötigen wirst, aber falls doch … Ich verstehe., dachte Radcliffe und steckte das Gefäß ein. Darin ist ein imperianischer Trank., informierte ihn Sytania. Falls wir sie doch töten müssen, träufelst du etwas davon in ihr Getränk, wenn du vorgibst, mit ihr auf die Versöhnung trinken zu wollen. Ihr seid ja damals nicht gerade im Guten auseinander gegangen, nicht wahr? Das ist wahr, Hoheit., erinnerte sich Radcliffe. Na also., entgegnete Sytania. Dann weißt du ja, wovon ich rede. Aber nun noch einmal zu dem Trank. Er wirkt wie eine Droge, die Hypnose begünstigt. In der Nähe der Kneipe ist ein See. Ich werde Betsy, wenn sie schläft, den hypnotischen Befehl erteilen, ins Wasser zu gehen. Es wird am nächsten Morgen aussehen, als wäre sie Schlaf gewandelt und tragischerweise ertrunken. Niemand wird mich verdächtigen und dich auch nicht. Hoffen wir, dass Ihr Recht habt., erwiderte Nathaniel. Das brauchst du nicht zu hoffen!, empörte sich Sytania, der es überhaupt nicht gefiel, dass er Zweifel hatte. Zweifel waren nämlich für ihre Pläne sehr gefährlich, denn Zweifel führten zu Forschung und die konnte dazu führen, dass Radcliffe sich eventuell nicht mehr so bereitwillig von ihr benutzen ließ, wenn sie nicht aufpasste. Bitte vergebt mir, Milady., bat der verblendete Professor. Es ist nur so, dass ich noch nie in meinem Leben jemanden getötet habe. In diesem Leben vielleicht nicht., deutete Sytania an. Was meint Ihr?, wunderte sich Radcliffe. Lassen wir das., lenkte Sytania ab. Wichtig ist, dass du mir auf den Kopf zusagst, dass du dieser Aufgabe gewachsen bist, mein guter Nathaniel. Du weißt ja, was ich mit dir machen kann, wenn du kneifst!

Radcliffe fuhr zusammen. Er wusste genau, was sie damit meinte. In der Zeit, in der er für sie gearbeitet hatte, war er sehr stabil gewesen und das wollte er auf keinen Fall wieder verlieren. Er wusste, wenn er wieder krank würde, dann würde er auch seine Familie verlieren und das wollte er nicht. Also nahm er sich zusammen und versicherte fest: Ihr könnt Euch auf mich verlassen, Hoheit! Genau das wollte ich hören., lobte Sytania. Und zur Belohnung für deinen Mut sollst du jetzt auch noch ein Geschenk von mir erhalten, das dir sehr nützlich sein wird.

Es gab einen erneuten schwarzen Blitz und auf dem Armaturenbrett im Cockpit erschien eine weitere Schalttafel, auf deren Display in großen Lettern das Wort Tarnvorrichtung zu sehen war. Die wirst du sogleich aktivieren!, befahl Sytania. Dann wird niemand das Schiff sehen. Zumindest so lange nicht, wie ich es will, oder bis ich dir etwas anderes sage. Deine Familie und du, ihr werdet nach Celsius hinunter gehen und euch dort in Ginallas Kneipe einmieten. Über den Rest haben wir ja schon gesprochen. Ja, Prinzessin., nickte Nathaniel. Dann betätigte er den Knopf, der die Tarnvorrichtung aktivierte.

Das Geräusch der Tür ließ ihn aufhorchen. „Malcolm ist endlich eingeschlafen.“, sagte eine freundliche helle weibliche Stimme hinter ihm und jemand setzte sich auf den Copilotensitz. Erst jetzt erkannte Nathaniel seine Frau. „Das ist zwar sehr gut, Nayale.“, sagte er. „Aber du musst ihn leider gleich wieder wecken. Er wird nämlich die heutige Nacht mit uns auf Celsius verbringen.“ „Auf Celsius?“, fragte Nayale. „Sind wir denn schon da?“ „Ja, das sind wir.“, entgegnete Nathaniel. „Wir befinden uns bereits in der Umlaufbahn. Wir werden uns in einer Kneipe in einer gemütlichen Kleinstadt einmieten.“ „Werden wir landen, oder wie hast du dir das vorgestellt?“, fragte Nayale. „Ich meine, wohin mit dem Schiff?“ „Das bleibt hier oben in der Umlaufbahn.“, sagte Radcliffe. „Wir benutzen den Transporter.“ Damit stellte er das Gerät entsprechend ein.

Nayales Augen waren über die Instrumente gewandert. Wenn sie bereits in der Umlaufbahn waren, dann hätte doch die celsianische Raumkontrolle längst Kenntnis von ihnen haben müssen und sie rufen müssen. Auf dem Display des Sprechgerätes war aber kein Anhaltspunkt dafür zu erkennen. Im gleichen Moment fiel der intelligenten jungen Frau aber auch der Grund dafür auf. „Seit wann hat unser Schiff eine Tarnvorrichtung?!“, fragte sie sehr laut und deutlich. „Kommt die etwa von deiner Prinzessin?! Tu nicht so! Ich weiß genau, dass du mit ihr geredet hast! Ich weiß, dass du den Kontaktkelch unter dem Pult versteckst!“ „Du bist so süß, wenn du eifersüchtig bist.“, versuchte Nathaniel, sie zu beschwichtigen, denn er ahnte, dass sie ihm auf die Schliche gekommen sein könnte. „Eifersucht!“, empörte sich Nayale. „Darum geht es hier doch überhaupt nicht! Hast du schon mal darüber nachgedacht, warum sie dir all diese Gefallen tut?! Nein, das hast du nicht! Sonst hättest du garantiert auch festgestellt, dass sie dich nur benutzen wird, solange es ihr beliebt! Dann wird sie dich wieder fallen lassen, jawohl! Ich erkenne dich nicht wieder, Nathaniel! Seit du wieder bei mir bist, erkenne ich dich nicht wieder! Du bist eine leere willenlose Hülle geworden, ein Schatten deiner Selbst! Wach endlich auf! Wach auf!“

Sie griff nach dem Kontaktkelch, der, wie sie richtig vermutet hatte, unter dem Steuerpult versteckt lag und warf ihn mit all ihrer Kraft gegen die Wand des Schiffes, von der etwas Farbe abplatzte. Dem Kelch selbst geschah nichts, denn ein zu einem Kontaktkelch geweihter Gegenstand kann nicht durch einen Sterblichen zerstört werden. Die Krawattennadel fiel also unversehrt wieder zu Boden. „Nicht so laut.“, versuchte Nathaniel, seine Frau zu beschwichtigen. „Der Junge schläft.“ „Das ist mir egal!“, schrie Nayale. „Du wolltest ihn doch sowieso wecken! Aber da hasst du ja eine feine Ausrede gefunden!“

Sie nahm die Nadel auf und hielt sie vor ihren Mund. Dann schrie sie hinein: „Damit Ihr es wisst, Sytania! Ich will den Mann zurück, den ich geheiratet habe und wenn ich persönlich mit Euch um ihn kämpfen muss!“ „Wie willst du das denn anstellen?“, lachte Nathaniel spöttisch. „Das weiß ich noch nicht.“, drohte Nayale. „Aber ich denke, mir wird schon bei Zeiten etwas einfallen!“

Eine kleine blasse Gestalt erschien im Rahmen der Tür. „Warum seid ihr so laut?“, fragte die kleine Stimme MalcolMrs. „Ich kann gar nich’ schlafen, wenn ihr so laut seid.“ „Entschuldige, mein Schatz.“, sagte Nayale mild. „Mummy und Daddy haben nur einen kleinen Streit. Aber das wird schon wieder gut. Wir werden jetzt gleich erst einmal auf einen fremden Planeten gehen, wo wir Urlaub machen.“ Sie führte ihn zur Transporterplattform. „Was is’ mit dem Schiff?“, wollte Malcolm wissen. „Macht das auch Urlaub?“ „Nein.“, sagte Radcliffe, der den Transporter auf Selbstauslöser gestellt und sich dazugesellt hatte. „Das bleibt in der Umlaufbahn und passt auf uns auf.“

Der Transporter gab ein Signal von sich und summte. „Wiedersehen, Schiff!“, rief Malcolm. „Wir kommen bald wieder zu dir.“ Sie verschwanden in drei durchsichtiger werdenden Säulen.

Sie wurden auf einem Sandweg materialisiert, der ein leichtes Gefälle aufwies. Rechts und links des Weges fanden sich Pflanzen, die an Gewässern üblicherweise beheimatet waren, was bereits darauf hinwies, dass man sich einem See näherte.

Nathaniel deutete in eine Richtung und ging voran. Nayale und Malcolm, der seinen Teddy im Arm hatte und nur mit einem Schlafanzug bekleidet war, folgten. Bald waren sie am Ufer des Sees, zu dem der verblendete Professor offensichtlich die ganze Zeit gewollt hatte, angekommen. Hier stand Nathaniel jetzt da und schien die Tiefe des Sees erkunden zu wollen. Jedenfalls starrte er unentwegt Richtung Grund, als wollte er etwas ausmessen. „Kannst du mir mal verraten, was du suchst?!“, fragte Nayale ernst, der es in diesem Moment völlig egal war, dass ihr Kind, das sie eigentlich hatte schützen wollen, das Gespräch mitbekommen würde. „Ich suche nichts!“, versicherte Nathaniel mit einer Stimme, die Nayale das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Ich nehme nur für etwas Maß. Ich hoffe aber, dass es nicht dazu kommen wird, dass ich dieses Maß tatsächlich brauche.“ „Du sprichst schon wieder in Rätseln.“, stellte die junge intelligente Zeonide fest. „Aber das bist nicht du. Das kommt alles von deiner Prinzessin! Ich wünschte, du würdest endlich aufwachen!“ „Warum denkst du so schlecht über Sytania?“, wollte Nathaniel wissen. „Du solltest wirklich dankbarer gegenüber ihr sein! Schließlich hat sie mich geheilt.“ „Was für ein Unsinn!“, sagte Nayale mit einer großen Sicherheit. „Wenn sie dich wirklich geheilt hätte und sie wirklich wollen würde, dass du wieder gesund wirst, dann hätte sie dich längst deiner Wege geschickt und nicht erst so ein obskures Arbeitsverhältnis zwischen euch begonnen. Aber sie scheint dich ja immer noch mit irgendwas in der Hand zu haben. Oder wie erklärst du dir dein eigenes Verhalten?“ „Was meinst du?“, tat Nathaniel unschuldig. „Wess’ Brot ich ess’, dess’ Lied ich sing’!“, zitierte Nayale ein altes irdisches Sprichwort, das sie schon in der Schule gelernt hatte. „Du meinst also allen Ernstes.“, sagte Radcliffe und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Dass Sytania meinen Willen diktiert? Da kann ich dich beruhigen. Der ist so frei wie eh und je. Ich werde es dir beweisen.“

Er nahm einen Kieselstein auf und warf ihn ins Wasser. „Warum meinst du, dass ich diesen Stein geworfen habe?“, fragte er rhetorisch. „Ich warf ihn, weil ich ihn werfen wollte! Du siehst also, mein Wille ist frei.“ „Mach dir nur weiter selbst etwas vor, Nathaniel Radcliffe.“, flüsterte Nayale zynisch.

„Mummy, mir is’ kalt.“, quengelte Malcolm von hinten. Nayale warf den Kopf herum und erblickte ihren zitternden und bibbernden Sohn. „Oh, sicher, mein Spatz.“, sagte sie mitleidig. „Wir gehen gleich ins Warme. Du hast ja nur einen Schlafanzug an.“

Sie nahm den Jungen bei der Hand und drehte sich in Richtung der Kneipe, die Hügel aufwärts lag. Dieses Mal war Nathaniel derjenige, der folgte. Bald waren sie an der Drehtür zum Gastraum eingetroffen.

Ginalla selbst war die Erste, die ihnen ansichtig wurde. „Ach ne!“, sagte sie und lachte aus vollem Hals. „Wie süß is’ das denn? Da kommt aus dem Nichts ’ne Familie an mit einem kleinen Hosenmatz im Schlafanzug mit Teddy im Arm. Sag mal, mein Süßer, hatten deine Eltern keine Zeit, dir was Anständiges anzuziehen? Is’ doch verdammt kalt hier auf Celsius in der Nacht!“ „Es tut mir leid, Miss.“, sagte Nayale, die auf keinen Fall wollte, dass über sie oder ihre Familie ein falscher Eindruck entstand. „Aber wir hatten wirklich keine Zeit. Mein Mann wollte unbedingt so schnell wie möglich hier runter und deshalb …“ „Du musst wissen, Tante.“, unterbrach Malcolm seine Mutter. „Dass wir mit einem Raumschiff gekommen sind.“ „Mit ’nem Schiff.“, sagte Ginalla. „Sicher. Aber der letzte Liner is’ doch vor drei Stunden gelandet. Ich denke, da wäre genug Zeit gewesen, den Kleinen auf der Toilette umzuziehen, nich’ wahr?“

Nathaniel warf seiner Frau einen mahnenden Blick zu. Er wollte auf jeden Fall sicher gehen, dass sie nichts verriet. „Wir standen zu lange in der Schlange.“, redete sich Nayale raus. Sie wollte auf keinen Fall in der Öffentlichkeit einen Streit beginnen. „Drei Stunden lang.“, grinste Ginalla, die ja durch Scotty über alles informiert war, dies aber auch nicht zeigen wollte und durfte. „Na ja, sei’s drum. Sie brauchen ja sicher ein Zimmer.“ Sie ließ den Blick über die Buchungslisten schweifen. „Oh, Mist.“, murmelte sie und wendete sich wieder ihren drei neuen Gästen zu. „Das einzige Dreierzimmer habe ich schon vergeben. Aber ich hätte da noch was. Ein Einzel- und ein Doppelzimmer nebeneinander. Ich würde sagen, das Doppelte für Mutter und Kind und das Einzelne für den Ehemann und Vater. Das is’ auch für den Kleinen angenehmer in der Fremde, nich’, kleiner Matz?“ Sie grinste ihn lieb an und strich Malcolm über das Haar. „Ist in Ordnung, Miss …“, sagte Nayale und überlegte. „Oh, schlicht und einfach Ginalla.“, flapste selbige. Auch Radcliffe nickte den Vorschlag ab. Er war insgeheim sehr froh, doch von seiner Frau getrennt zu wohnen, denn sie hatte in seinen Augen schon zu viel herausbekommen und er machte sich Sorgen um den Deal zwischen sich und Sytania.

Ginalla durchschritt eine kleine Pforte, die sie von hinter dem Tresen direkt in den Gastraum führte. Dann stellte sie sich vor die Radcliffes und winkte ihnen, ihr zu folgen. „Kommen S’e mal mit.“, flapste sie. „Hier zeigt die Chefin noch selbst, wo die Zimmer sind.“ Nathaniel, Nayale und Malcolm folgten ihr.

Scotty, Shimar und ich lagen in unserem Zimmer auf dem Bett und die Beiden hatten nichts Besseres zu tun, als mich zu entspannen. Das geschah in der Art, dass Shimar ein Bild, das er in meinem Geist gefunden hatte, so sehr verstärkte, dass ich den Eindruck hatte, alles noch einmal wirklich zu erleben. Dass die Tindaraner dazu in der Lage waren, war mir durchaus bekannt und ich hatte es auch schon am eigenen Leib zu spüren bekommen. Scottys Aufgabe bestand darin, die Behandlung zu unterstützen, indem er mich im Arm hielt und mir ab und zu, wenn ich drohte, doch unruhig zu werden, zuflüsterte: „Bleib bei dem Bild, Darling. Bleib in der Stimmung.“ Dann gab ich meistens einen Laut von mir, der auf ein gewisses Wohlgefühl hindeutete und versank wieder in der Entspannung. Dazu trug auch bei, dass Scotty mich unentwegt wie eine verängstigte Katze kraulte und streichelte.

Bei dem für mich sehr positiven Bild, das Shimar benutzte, handelte es sich um die Darstellung einer Landschaft, die sich wohl im Dunklen Imperium auf Logars Seite der Dimension befinden musste. Außerdem sah ich Shimar und mich auf zwei kleinen stämmigen Pferden sitzen und durch ebendiese Landschaft reiten. Ich hatte aber keinen Strick in der Hand, an dem ich sein Pferd unter Umständen halten würde. Das musste bedeuten, dass er gelernt haben musste, völlig selbstständig zu reiten. Ich erinnerte mich sehr wohl an die gesamte Begebenheit, zu der dieses Bild gehörte, wusste aber, dass ich es auf keinen Fall dazu kommen lassen durfte, dass er mehr über den Zusammenhang herausfand. Er war zwar Telepath und hätte dies durchaus können, aber ich hatte das starke Gefühl, dass er sich mit dem zufrieden gab, was er wahrnahm. Darüber war ich insgeheim sehr froh. Jede weitere Nachforschung seinerseits hätte unter Umständen Dinge zutage fördern können, über die ich ja nicht reden durfte, weil ich die Einzige war, die sich daran erinnerte. Falls er mich darauf ansprechen sollte, würde ich mir eine gute Ausrede überlegen müssen.

Kapitel 16: Radcliffes Versagen

von Visitor

 

Ginalla hatte Radcliffes zu ihren Zimmern in der vierten Etage geführt. Zuerst hatte sie Nayale und Malcolm das Ihre gezeigt, da die besorgte Mutter darauf bestanden hatte, den völlig übermüdeten Jungen so bald wie möglich in sein Bett bringen zu können. In dem Zimmer stand an der hinteren Wand ein Bett mit normalen Ausmaßen für Erwachsene. Daneben befand sich eines, das durchaus für ein Kind in Malcolms Alter geeignet war. Es war erheblich niedriger mit seinen 20 cm Höhe vom Boden aus gemessen. Außerdem war es keine zwei Meter, sondern nur 1,60 m lang. Die Breite betrug statt 90 nur 60 cm. Das Kissen stellte einen weichen Plüschhundekopf mit Schlappohren dar. Auch die Decke war in Felloptik gehalten. „Ui, is’ das weich.“, staunte Malcolm und strich liebevoll über das Bettzeug. „Da wirst du dann ja um so besser schlafen können, kleiner Matz.“, lächelte Ginalla, hob ihn auf die Matratze und deckte ihn zu. „Danke, Tante Ginalla.“, lächelte Malcolm und war auf der Stelle eingeschlafen.

Nayale sah sich weiter im Zimmer um. Neben ihrem normal mit einem dekorativen Blumenmuster verzierten Bett befand sich der Nachttisch, auf dem sich eine kleine Lampe befand, die mit ihren zwei Bäuchen als Schirm irgendwie an einen Schneemann erinnerte. Der hatte den Schalter auf dem Bauch und seine Augen waren die Leuchtkörper. Auch einen Schreibtisch und das übliche Rechner- und Sprechanlagenterminal gab es. „Ich werde jetzt Ihren Mann in sein Zimmer bringen.“, flüsterte Ginalla und drehte sich von der ihr noch zunickenden Nayale fort.

Das Zimmer, in das sie Mr. Radcliffe brachte, unterschied sich nicht sehr von einer normalen Einrichtung in anderen Zimmern auch. Es gab die in ihrer Kneipe übliche Bebilderung an den Wänden und auch den Schreibtisch, ein schlicht bezogenes Einzelbett mit normalen Maßen und die schon erwähnte Technik. „Is’ alles zu ihrer Zufriedenheit?“, fragte sie. „Noch nicht ganz.“, antwortete Mr. Radcliffe. „Was kann ich denn noch für Sie tun?“, wollte Ginalla wissen. „Sie sollten viel eher fragen, was ich noch für Sie tun kann.“, antwortete Radcliffe. Die junge Celsianerin sah ihn verwirrt an. „Ich kann mir denken, dass Sie es nicht verstehen.“, sagte Radcliffe. „Wie sollten Sie auch? Aber auch Sie tragen die Erbsünde in sich, weil Sie Bürgerin der Föderation der vereinten Planeten sind.“

Ginalla schien zu ahnen, wohin das führen würde, aber sie wollte sich nichts anmerken lassen. Deshalb spielte sie weiterhin das Dummchen. „Ich kann mir beim besten Willen nich’ erklären, was Sie meinen.“, sagte sie. „Das werden Sie wissen, wenn ich Sie rein gewaschen habe.“, sagte Radcliffe. „Allerdings bin ich dabei auf ihre Freiwilligkeit angewiesen.“ „Aha.“, sagte Ginalla. „Aber dann muss ich doch wohl zumindest wissen, um was für ’ne Erbsünde es hier geht, nich’?“ „Vor 800 Jahren.“, sagte Radcliffe. „Ist etwas Ungeheuerliches geschehen! Ein Offizier der Sternenflotte hat Gesandte der Romulaner ermorden lassen wollen und es den damaligen Kriegsgegnern in die Schuhe geschoben, um sich eine Allianz mit den Romulanern zu erschleichen. Seither tragen alle Generationen, die danach gekommen sind, diese Blutschuld in sich.“ „Verstehe.“, täuschte Ginalla Bereitschaft vor, seine Reinwaschung über sich ergehen lassen zu wollen. „Alle tragen diese Schuld, weil sie Bürger der Föderation sind.“ „Genau.“, sagte Nathaniel. „Aber ich bin auserwählt, sie von Ihnen zu nehmen. Niemand Geringeres, als die Propheten von Bajor, hat mich auserwählt.“ „Na dann.“, sagte Ginalla und setzte sich auf sein Bett. „Was muss ich tun?“, fragte sie. „Bleiben Sie genau so sitzen.“, sagte Radcliffe und näherte sich ihr langsam. Im gleichen Moment aber streckte sie blitzschnell ihr rechtes Bein aus, was zur Folge hatte, dass ihre Schuhspitze Radcliffes linken Hoden traf, denn er stand ihr genau gegenüber. Dann geschah das Gleiche mit der linken Schuhspitze auf der anderen Seite. Als ob das noch nicht genug war, zog Ginalla ihm, der in gebückter Haltung vor ihr kauerte, noch die neben ihr auf dem Nachttisch stehende Lampe mit einem Kampfschrei über den Schädel, der selbst einen japanischen Karatemeister hätte neidisch werden lassen. Dann schob sie den Gebeutelten noch mit einem Fußtritt in die Mitte des Raumes, stand vom Bett auf und schloss mit ihrer Stimmgenehmigung, die wie ein Generalschlüssel wirkte, die Zimmertür von außen ab, nachdem sie den Raum verlassen hatte.

Shimar hatte von mir abgelassen und Scotty und er lagen jetzt rechts und links neben mir. „Eines würde mich interessieren.“, fragte mein Freund. „Woher hast du dieses Bild, Kleines? Ich meine, wenn ich reiten könnte, wüsste ich das ja sicher und wann waren wir schon einmal im dunklen Imperium unterwegs?“ „Oh.“, redete ich mich heraus. „Da war wohl eher der Wunsch der Vater des Gedanken.“ „Und deine Fantasie seine Mutter.“, sagte Shimar und küsste mich. „Aber es hat sich für mich so angefühlt, als hättest du es wirklich schon einmal erlebt.“ „Na ja.“, sagte ich. „Ich habe eben eine ziemlich rege Fantasie.“ „Das kann ich mir denken, Darling.“, mischte sich Scotty in die Unterhaltung ein. „Aber mir is’ alles recht, was dich von deiner Angst kuriert. Willst du ’ne Hand? Ich mein’, Shimar und ich hätten glaub’ ich gerade jeweils eine übrig.“ „OK.“, sagte ich und Scotty steckte mir seine rechte und Shimar mir seine linke Hand in die Meine. So lagen wir einfach nur eine Weile lang da.

„Warum hast du eigentlich mit der Behandlung so plötzlich aufgehört?“, wollte Scotty von Shimar wissen. „Meine Konzentration hat nachgelassen.“, sagte er. „Wenn das passiert, dann verfliegt der Effekt. Außerdem haben wir erreicht, was wir für heute erreichen wollten.“ „Das kann ich nur bestätigen.“, sagte Scotty. „Woher weißt du denn das?“, fragte Shimar. „Dazu muss man kein Telepath sein.“, antwortete der Schotte. „Man braucht nur ein gutes Gehör.“ „Wieso?“, mischte ich mich ein. „Weil du so was Ähnliches gemacht hast wie Schnurren, du kleine liebe Miezekatze.“, scherzte Scotty. „Was?!“, lachte ich. „Oh, ja.“, bestätigte Shimar und ließ mich telepathisch noch einmal hören, was für Laute ich von mir gegeben hatte. Die kleine Pause musste seiner mentalen Verfassung bereits sehr gut getan haben. „Ups.“, machte ich verschämt. „Das muss dir nicht unangenehm sein, Kleines.“, tröstete Shimar. „Dadurch wussten wir alle beide zumindest, dass wir auf dem richtigen Weg waren.“ „Zumindest war das für mich ’ne Bestätigung.“, sagte Scotty. „Wir Nicht-Telepathen benötigen ja in der Hinsicht ’n Wink mit dem Gartenzaun.“ „Ach.“, machte Shimar. „Dass du dein Licht immer so unter den Scheffel stellen musst.“ „Aber es stimmt doch.“, wehrte sich Scotty. „Im Gegensatz zu dir bin ich doch ein unsensibler Klotz.“ „Das meinst du doch jetzt wohl hoffentlich nicht ernst.“, empörte sich Shimar, verstummte aber gleich wieder, denn er hatte meinen alarmierten Blick gesehen. „Was ist, Kleines?“, fragte er. „Ich weiß nicht.“, sagte ich. „Da waren Geräusche. Ich glaube sogar, dass ich Ginallas Stimme erkannt habe. Sie hat geschrieen. Bitte, irgendwas stimmt da nicht.“ „Wir werden mal nachsehen!“, sagte Scotty fest und warf Shimar einen auffordernden Blick zu. Beide standen vom Bett auf und verließen schnell das Zimmer. Ich stand ebenfalls auf und begab mich zur Sprechanlage, um im Notfall einen Notruf absetzen zu können. Als ausgebildete Kommunikationsoffizierin war mir das entsprechende Vorgehen nicht fremd. Auch wo sich die dafür notwendige Taste befand, wusste ich, da die Sprechgeräte alle genormt waren. Ich hoffte nur, dass Shimar mir telepathisch Bescheid geben würde, ob dies nötig war. Sonst würde ich hier wohl noch ewig mit dem Mikrofon in der linken Hand und dem rechten Zeigefinger auf der Taste sitzen.

Meine beiden Männer hatten den Flur betreten und standen nun vor einer über beide Ohren grinsenden Ginalla. „Ihr kommt viel zu spät, Jungs.“, sagte sie ruhig. „Ich hab’ mir schon selbst geholfen. Kann mich ganz gut allein wehren, wie es aussieht.“ „Was ist denn passiert, Ginalla?“, fragte Shimar fürsorglich. „Ach.“, sagte die junge Celsianerin mit einem verächtlichen Blick auf die Zimmertür von Mr. Radcliffe. „Da wohnt jemand, der mir weiß machen wollte, es gebe ’n Grund, mich von innen zu waschen, oder so. Aber Ginalla, die war fit! Sie trat ihm in den Schritt und traf dabei, oh, weih, wohl voll sein linkes Ei. Und gleich darauf, so ’n Pech, geschah das Gleiche rechts! Schade um meine neuen Schuhe und um die schöne Nachttischlampe, die ich auf seinem Schädel zerdeppern musste, aber diese widerliche Kellerassel wollte mir an die Wäsche und an die geistige Gesundheit!“ Sie hielt die Reste der Lampe hoch, die sie mitgenommen hatte. „Komm, gib her, Ginalla.“, sagte Scotty. „Die werde ich reparieren! Dann is’ sie wieder wie neu.“ „Danke, Scotty, du Teufelsbastler.“, scherzte Ginalla und gab ihm die Einzelteile. Soweit es möglich war, verstaute er sie in seinen Taschen.

Etwas störte Shimar an der Angelegenheit gewaltig! Was wusste Ginalla und vor allem, warum wusste sie überhaupt etwas? Für ihn war sie immer noch nichts weiter als eine Zivilistin, die bestimmte Dinge am besten gar nicht wissen sollte. Aber anscheinend wusste sie mehr, als ihm unter den gegebenen Umständen lieb sein konnte. Auch er hatte die telepathische Wahrnehmung wieder erkannt, die er auf Khitomer gehabt hatte. Sie kam zweifelsfrei von hinter dieser Tür, auf die sie gerade gedeutet hatte. Aber wer konnte sie entsprechend informiert haben? Wer wusste genug von der …?

So leid es ihm tat, aber dafür kam nur einer in Frage. Und die Tatsache, dass er ihr offensichtlich trotz seiner militärischen Ausbildung geheime Informationen zukommen lassen hatte, machte ihn sehr wütend. Scotty war viel älter und ein Offizier mit viel mehr Erfahrung als er. Aber nun war offensichtlich er es, der ihm sagen musste, dass dies so nicht ging. Er, der gerade mal in einem Alter war, in dem zu früheren Zeiten, als es noch eine andere Struktur bei der Sternenflotte gab, allenfalls als Fähnrich durchgegangen wäre und noch als sehr grün hinter den Ohren gegolten hatte. Wie konnte Scotty zulassen, dass eine arme Zivilistin Informationen ausgesetzt wurde, die ihr unter Umständen jede Nacht den Schlaf rauben würden und sie vielleicht sogar vor Angst in den Selbstmord treiben könnten. Oder, noch viel schlimmer, es konnte dazu kommen, dass diese Zivilistin aus Angst die Informationen noch an andere weitergab und dann könnte es zu einer Massenpanik kommen. Zumindest waren dies Szenarien, die ihm auf der tindaranischen Akademie beigebracht worden waren. Aber all dies wurde doch sicher auch auf der Akademie der Sternenflotte gelehrt und Scotty musste es doch wissen! Wie hatte er dies zulassen können?!

Shimars Wut wurde so groß, dass er beschloss, Scotty einen Denkzettel zu verpassen. Mein Mann bemerkte nur noch, dass er in Richtung Decke schwebte und dort anstieß, um im nächsten Moment kleben zu bleiben. „Hey, was soll das?!“, rief Scotty. „Lass mich gefälligst wieder runter, du verrückter Telekinetiker du!“ Ginalla, die alles mit ansah, musste laut lachen. „Das werde ich erst dann tun!“, sagte Shimar mit Nachdruck in der Stimme. „Wenn du mir verrätst, welcher Teufel dir eingeflüstert hat, Ginalla über die Sache mit dem Professor zu informieren! Sie ist Zivilistin, verdammt! Du weißt doch wohl viel besser als ich, dass man so jemanden nicht über derart gefährliche Dinge informiert! Du dürftest dir ja wohl denken können, wohin das führen kann! Wieso hast du es ihr gesagt? Wolltest du eine Massenpanik auf Celsius provozieren?! Was habt ihr für ’n verdammten Deal?! Was ist das für ’ne Nummer, Scotty?!“

Mein Mann schwieg eisern. „Na gut!“, sagte Shimar. „Es liegt bei dir! Wenn du hier runter willst, dann brauchst du nur zu reden! Ansonsten lasse ich dich da oben verhungern!“ „Ich bin mal gespannt, wie lange du das durchhältst.“, sagte Scotty. „Irgendwann wird deine Konzentration nachlassen.“ „Aber das ist wohl nicht sehr bald!“, ließ Shimar seine mentalen Muskeln spielen. „Ich bin überzeugt, vorher steigt dir das Blut in den Kopf und das ist dir so unangenehm, dass du freiwillig redest!“

Ginalla wurde die ganze Situation langsam peinlich. Dazu gehörte bei ihr, die bei so etwas ja eigentlich als komplett schmerzfrei galt, zwar schon einiges, aber der ganze Wirbel um ihre Person war ihr sichtlich unangenehm, zumal jetzt auch noch ein guter Freund von ihr in einer unglücklichen Situation war und das nur, weil ein anderer Freund sie ziemlich unterschätzt hatte. Ihr war klar, dass sie hier nichts machen konnte, denn Shimar würde in seinem Eifer, sie, die arme Zivilistin, vor der bösen Welt da draußen schützen zu wollen, ihr nicht glauben, wenn sie ihm versichern würde, schon mit der Information zurechtzukommen. Das müsste schon jemand tun, der eine ähnliche Ausbildung wie Shimar selbst aufweisen können würde. Wenn die Person noch dazu eine Frau wie sie selbst wäre, dann wäre das noch viel besser. Sie wusste auch gleich, wo sie eine solche Person finden würde, die alle Voraussetzungen erfüllte.

Sie drehte sich in Richtung unserer Tür und betätigte die Sprechanlage. Da ich das Mikrofon immer noch in der Hand hatte, überraschte meine schnelle Antwort sie etwas. „Ich glaub’, ich brauch’ mal Hilfe.“, sagte sie. „Hier sind zwei Typen, die sich wegen mir wohl am liebsten prügeln würden und in gewisser Weise tun sie das auch. Sie sind die Einzige, die noch Schlimmeres verhindern kann, Allrounder Betsy Scott!“ „Ich verstehe nicht ganz, Ginalla.“, sagte ich. „Wenn die Beiden sich wegen Ihnen bekämpfen, dann müssten doch eigentlich Sie …“ „Bitte, schnell!“, insistierte Ginalla. „Ich hab’ keine Zeit für lange Erklärungen. Wenn Sie nich’ bald raus kommen, passiert hier noch ’n Unglück!“ „OK.“, sagte ich genervt, obwohl ich mir nicht erklären konnte, was hier vorging.

Ich hängte also das Mikrofon ein und verließ mein Zimmer, um der völlig verwirrten Ginalla direkt in die Arme zu laufen, die mich sofort zum Ort des Geschehens zog. „Ihr Freund hat Ihren Mann unter die Decke geklebt.“, flüsterte mir Ginalla zu. „Was?!“, fragte ich ungläubig. „Ja.“, sagte sie. „Und alles nur, weil er Angst hat, dass ich mir wegen der Sache mit dem verrückten Professor in die Hose mache. Aber so eine Angsthäsin bin ich nich’! Ich mag zwar Zivilistin sein. Das is’ unstrittig. Aber ich bin nich’ doof. Der, der hier so doof war, auf Sytania hereinzufallen, das war wohl eher unser zerstreuter Professor. Von wegen Propheten!“ Sie zeigte auf die Zimmertür, hinter der sie Radcliffe weggesperrt hatte. „Das kann der seiner Großmutter erzählen, aber nich’ mir! So was funktioniert mit mir nämlich nich’! Nich’ mit Ginalla!“ „Ach so.“, begriff ich. „Und jetzt glauben die Jungs, dass … Gehen Sie mal zur Seite. Ich mache das schon!“

Um mir anzuzeigen, in welcher Richtung Shimar stand, tippte sie mir auf die rechte Schulter. Ich drehte mich entsprechend um und sagte dann mit spitzen Lippen und einer schmeichelnden Stimme: „Mein süßer über alles geliebter Schatz. Würdest du mir bitte erklären, was das hier zu bedeuten hat?“ „Dein verblendeter Professor ist uns nachgereist.“, sagte Shimar schon etwas angestrengt, denn mittlerweile trat wohl fast das ein, was Scotty bereits prophezeit hatte. „Er hat wohl versucht, Ginalla einer Gehirnwäsche zu unterziehen.“ „Ach so.“, verstand ich. „Und du meinst, dass er sie vorher über alles informiert hat.“, sagte ich und zeigte nach oben in Richtung Scotty. „Genau.“, bestätigte Shimar. „Du hast doch gerade gesehen.“, sagte ich. „Dass sich Ginalla offensichtlich sehr gut helfen konnte, was das angeht. Kann es dann also nicht vielleicht doch möglich sein, dass sie gar keine so unbedarfte Zivilistin ist, als die du sie gern darstellen würdest? Du darfst nicht vergessen, Srinadar, ...“ Ich musste nachdenken, denn beinahe hätte ich über die Sache mit den Cobali und Ginallas Verwicklungen in Mikels diplomatische Mission berichtet. Statt dessen sagte ich und meine Stimme wechselte plötzlich von freundlich zu streng, was für mich als Laienschauspielerin kein Problem war: „Ohne Ginalla säßen N’Cara und du heute wohl immer noch in Sytanias Felsenkerker!“

Shimar überlegte. „Du hast Recht, Kleines.“, sagte er schließlich. „Und dann wäre die Sache mit Miray bis heute nicht aufgeklärt. Also gut.“ Sanft ließ er Scotty wieder zu Boden schweben. „Danke, Darling.“, sagte mein blasser Ehemann erleichtert. Ich lächelte nur zufrieden. „Gern geschehen, Kumpel.“, sagte Shimar und betonte den Kumpel noch besonders. Er wollte in jedem Fall, dass mir gegenüber deutlich wurde, dass meine Standpauke dafür gesorgt hatte, dass er Scotty verzeihen würde. „Ich erzähl’ euch jetzt auch, was Ginalla und ich für einen Deal hatten.“, sagte Scotty. „Ich musste ihr versprechen, sie über alles zu informieren, was wir tun. Sonst hätte sich das was gehabt mit den Zimmern.“ „Aber es hätte doch mit Sicherheit noch andere Herbergen gegeben, Scotty.“, sagte Shimar, denn er hatte das Gefühl, dass Scotty sich erpressen lassen hatte. „Willst du etwa, dass das Ganze noch größere Kreise zieht?!“, sprang ich für Scotty in die Bresche, bevor er antworten konnte. „Überleg mal.“ „Hast schon wieder Recht, Kleines.“, sagte Shimar. „Noch mehr Unschuldige sollten hier wirklich nicht mit hineingezogen werden. Da ist es mir schon lieber, die Herbergsmutter, unter deren Dach das alles stattfindet, gehört zu uns.“ „Na siehst du.“, sagte ich. „Und jetzt sollten wir alle erst mal drüber schlafen.“ „Ganz deiner Ansicht.“, nickten meine beiden Männer und auch Ginalla ging. Was allerdings keiner von uns ahnte, war der Umstand, dass unsere Situation aus einem anderen Zimmer heraus von Fassettenaugen beobachtet worden war, deren Besitzer sich königlich darüber amüsierte.

Cupernica war im gerichtsmedizinischen Institut von Little Federation dabei, die Leichen des unbekannten Aldaners und Loranas zu untersuchen. Neben ihrem Job als Hausärztin der meisten Bürger der Stadt waren sie und ihr Assistent Oxilon auch als staatlich vereidigte Gerichtsmediziner bestellt, wenn es um so genannten feindlichen außerirdischen Einfluss ging. Da Sedrin aufgrund der bisher bekannten Fakten genau das vermutete, war Cupernica wohl die richtige Wahl für diesen Job. Die Androidin galt als verschwiegen und ihre Ausbildung als Sternenflottenoffizierin qualifizierte sie obendrein. Zudem hatte sie auch Kenntnisse über Sytania und ihr Vorgehen im Speziellen. Genau diese Kenntnisse waren es jetzt, die sie ein gutes Stück in ihren Ermittlungen weiter bringen sollten.

Mit Lorana war sie gerade fertig geworden. „Wir können die Leiche der Zeonidin freigeben, Mr. Oxilon!“, wies sie ihren Assistenten an. „Sie ist an einer telepathischen Einwirkung auf das Reizleitungszentrum ihres Herzens gestorben. Die Bisswunde am rechten großen Zeh wurde ihr Post mortem zugefügt. Gehen Sie bitte in Agent Sedrins Büro und sagen Sie ihr das! Sagen Sie ihr aber bitte auch, dass ich sie bei der Untersuchung des Aldaners gern dabei hätte!“ „Wird erledigt, Madam!“, erwiderte der Talaxianer eifrig und trat zur Tür. Cupernica drehte sich ebenfalls in seine Richtung und sah ihn ernst an. „Ich hoffe, Mr. Oxilon.“, begann sie eine Erinnerung an die ihnen von Gesetzeswegen auferlegten Regeln. „Dass Sie über die Dinge, die Sie hier sehen, Stillschweigen bewahren. Außer der leitenden ermittelnden Agentin und ihrem Stab sollten die Informationen niemandem zukommen! Ich hoffe, wir verstehen uns! Falls Sie sich an diese Anordnung nicht zu halten vermögen, werde ich gezwungen sein, mir einen anderen Assistenten zu suchen!“ „Das wird nicht notwendig sein, Madam!“, versicherte Oxilon. Dann verließ er den Raum und ließ sie darin allein.

D/4 hatte sich ebenfalls auf den Weg ins Polizeigebäude von Little Federation gemacht. Hier wollte sie das gegenüber den Agenten des Sternenflottengeheimdienstes aussagen, was ich ihr gesagt hatte. Die Situation hatte sich zugespitzt und die Sonde war der Meinung, dass es jetzt dafür an der Zeit war, wenn man noch das Schlimmste verhindern wollte. Wie weit das Ganze tatsächlich bereits um sich gegriffen hatte, konnte sie ja nicht wirklich ahnen.

Sie betrat also das Gebäude und stand nun vor jenem kleinen Anmeldehäuschen, in dem Kelly Davis saß und ihren Dienst versah. Die Vermittlerin öffnete per Knopfdruck die Scheibe und lächelte der Sonde freundlich entgegen. „Sie wünschen?“, sagte sie mit einer leicht fragenden Betonung in der Stimme. „Meine Kennung lautet: Systemeinheit D/4 viertes Mitglied der D-Gruppe.“, stellte sich die Sonde vor. „Sie können mich D/4 nennen. Ich bin hier, um lückenhafte Daten zu vervollständigen. Die Daten betreffen das Geschehen auf dem Mars.“

Leicht irritiert schaute Davis zur Seite. Sie wusste zwar, dass sie selbst die Rettungsshuttles und die Schiffe des Geheimdienstes in Sedrins Auftrag dorthin beordert hatte, aber sie konnte sich nicht vorstellen, welche Informationen diese Frau haben konnte, die ihr oder den anderen unbekannt waren. Außerdem hatte sie strenge Anweisung von Sedrin und Peters bekommen, selbsternannte Zeugen, die sich nur wichtig machen wollten und glaubten, etwas gesehen zu haben, von vorn herein auszufiltern. Von denen hatte es nämlich in letzter Zeit genug gegeben. Außerdem hatte die Presse nicht minder zu diversen Spekulationen beigetragen, indem sie die obskursten Theorien durch Artikel in den einschlägigen Blättern in Umlauf gebracht hatte. Von derlei fruchtlosen Vernehmungen hatten Sedrin und Peters die Nase gestrichen voll. Sie fanden, dass sie ihre Zeit durchaus besser verbringen konnten.

Kelly überlegte. Sie dachte sich, dass D/4, weil sie ja von Anfang an dabei gewesen sein musste, sicher nicht mehr Informationen haben konnte, als alle anderen Anwesenden auch. Es sei denn, dass ihr das System vielleicht Daten zukommen lassen hatte. Sie würde zunächst mit Sedrin und Peters darüber reden müssen, wie sie in diesem speziellen Fall vorgehen sollte. Also betätigte sie die Sprechanlage, deren Mikrofon Peters am anderen Ende der Verbindung in die Hand nahm. „Hier Agent Peters.“, sagte seine etwas sehr norddeutsch angehauchte Stimme. Kellys empfindliches Gehör war dies durchaus gewohnt, dennoch überkam sie jedes Mal eine Gänsehaut, wenn sie diesen Akzent vernahm, denn selbst dann, wenn Peters Englisch sprach, war nicht zu überhören, woher der Deutschstämmige tatsächlich kam. „Agent, hier ist Mrs. Davis.“, gab sich Kelly zu erkennen. „D/4 ist bei mir und sagt, dass sie Dinge wüsste, die noch zu den Ermittlungen beitragen könnten, wenn ich sie richtig verstanden habe.“ „Soll reinkommen.“, brummelte Peters, der sich wohl auch nicht wirklich vorstellen konnte, was das für Daten sein konnten. Aber trotzdem wusste er, dass sie bei dem momentanen Stand ihrer Ermittlungen nichts außer Acht lassen durften.

Davis hängte das Mikrofon wieder ein und wandte sich der Sonde zu. „Agent Peters erwartet Sie.“, sagte sie ruhig und mit neutraler Stimme. „Vielen Dank.“, antwortete die Sonde und schickte sich an, den Flur in Richtung der Büros zu betreten. Ihre hoch auflösenden Augen hatten das Büro von Peters und Sedrin längst an seiner Beschilderung ausmachen können.

Die gerade erwähnte Demetanerin hatte parallel zu dem Geschehen in der Zentrale das Büro verlassen und war mit dem Turbolift in den Keller des Gebäudes gefahren. Hier hatte sie das Untersuchungszimmer betreten. Dort sah sie zunächst einen etwa zwei Meter in der Länge und 90 Zentimeter in der Breite messenden beweglichen Tisch, auf dem sich Loranas Leiche in einem Totenhemd befand. Da dieser Tisch sehr nah an der Tür stand, dachte sie sich bereits, dass diese abgeholt werden konnte.

Sie ging weiter und traf auf einen weiteren Tisch, an dessen Kopfende sich eine Lampe befand. Dieser Tisch war nicht beweglich und außerdem an eine Diagnoseeinheit angeschlossen. Auf dem Tisch lag die Leiche des Aldaners in einem Stasefeld, das von einem mobilen Generator erzeugt wurde. „Sieht aus, als könnten Sie uns mehr sagen, als Ihre Nachbarin, mein Freund.“, flüsterte sie dem toten Aldaner zu, über den sie inzwischen mittels der gefundenen Personaldaten etwas mehr herausfinden hatte können. Aus seinen Ausweispapieren war hervorgegangen, dass sein Name Lomādo Baldāri war. Er war unverheiratet und lebte seit zehn Jahren in der Kolonie auf dem Mars. Sein Alter betrug 40 Jahre, also nach Föderationszeit 200 menschliche Jahre. Er war also im Jahr 2795 auf Aldania Prime geboren. Seine Eltern waren beide bereits tot und weitere Verwandte hinterließ er nicht.

Der Blick der Agentin streifte den Tisch erneut, als sie sich abwendete und im Raum nach Cupernica Ausschau hielt. Endlich hatte sie die Androidin erspäht, die vor einer Konsole stand und mittels ihres Haftmoduls Daten überspielte. „Cupernica?“, sprach sie die Ärztin an. Diese wandte den Kopf, nachdem sie sich und das Modul vom Rechner gelöst hatte. „Ach, Sie sind es, Agent.“, sagte Cupernica und simulierte Überraschung. Wie Commander Data auch war es ihr möglich, menschliche Reaktionen zu simulieren. Aus ihrer langen Zusammenarbeit an Bord der Eclipse unter Huxley kannte Sedrin dieses Verhalten von ihr bereits sehr gut. „Also, Scientist.“, sagte Sedrin. „Was haben Sie für mich? Oxilon sagte, …“ „Das stimmt.“, sagte Cupernica. „Ich habe einige höchst interessante Entdeckungen gemacht.“

Sie aktivierte den Monitor der Konsole und rief einige Daten auf. Aus den vor ihren Augen erscheinenden Diagrammen wurde Sedrin zuerst nicht wirklich schlau. „Würden Sie mir bitte erklären, was das ist, Cupernica?!“, bestand die Agentin auf näheren Ausführungen. „Sicher, Agent.“, erwiderte die Androidin unbeeindruckt von der etwas unwirschen Stimme ihrer ehemaligen Vorgesetzten.

Sie holte einen Zeigestock aus einer Schublade, trat dann einige Schritte zurück und zeigte auf eine Stelle auf dem Monitor. Sedrin konnte die Überschrift eines der Diagramme erkennen. „Energieverteilungsmuster im Hirngewebe des Patienten.“, war groß, breit und deutlich zu lesen. Auch vor allen Balken befanden sich Überschriften, die medizinische Ausdrücke enthielten, die für Sedrin, wie sie selbst zugab, zum größten Teil böhmische Dörfer waren. Nur der Ausdruck: „telepathischer Kortex.“, sagte ihr etwas. Der Balken, der die Energiemenge anzeigte, die sich dort befand, war allerdings sehr kurz. Lange sah Sedrin sich diesen Umstand an. Dann sagte sie: „Sind Sie sicher, Cupernica, dass Sie hier keinen Fehler gemacht haben?“ „Ist Ihre Frage ernst oder rhetorisch gemeint, Agent?“, fragte die Androidin zurück. „Teils, teils.“, sagte Sedrin. „Ich weiß, dass Sie im Allgemeinen keine Fehler machen, außer Sie leiden selbst an einer Fehlfunktion. Da Sie dann aber nicht dienstfähig wären, allerdings hier in Arbeitskleidung vor mir stehen, also offensichtlich doch dienstfähig sind, weiß ich nicht, wie ich die Umstände einordnen soll.“ „Dann werde ich Ihnen gern dabei helfen.“, sagte Cupernica und ließ den Rechner das Bild auf dem Schirm durch ein noch Detailreicheres ersetzen. Hier sah Sedrin jetzt auch Wellenmuster, die ihr den genauen Verlauf des Kampfes zwischen dem Aldaner und dem fremden Wesen offenbarten, wenn sie diese richtig interpretieren konnte. Da sie aber keine gelernte Medizinerin war, ging ihr diese Fähigkeit ab. „Was in Mutter Schicksals Namen bedeutet das, Cupernica?!“, fragte Sedrin. „Das werde ich Ihnen zeigen.“, sagte die Androidin geduldig und fügte bei: „Computer, Programm Cupernica zweiundvierzig!“

Sedrin sah jetzt eine Animation, in der sich der Aldaner und ein Fremder gegenüberstanden. Dann sah sie schwarze und weiße Blitze, die zwischen ihnen hin und her flogen. Diverse Gegenstände, die im Raum waren, wurden herumgeschleudert, allerdings schien der Aldaner es vermeiden zu wollen, seinen Gegner direkt zu treffen. Der aber schien das genaue Gegenteil erreichen zu wollen. Trotzdem kämpfte der Aldaner weiterhin defensiv. Er schien sogar absichtlich einige Schläge einstecken zu wollen. Die Simulation endete mit seinem Tod.

Sehr beeindruckend, Cupernica.“, lobte Sedrin. „Und das haben Sie aus den Daten hergeleitet, die Sie aus seinem Hirngewebe entnehmen konnten?“ „Nicht nur daraus.“, sagte die Androidin. „Auch die Daten, die Sie über die Energieverteilung in den Gegenständen und den Wänden seines Hauses gesammelt hatten, dienten mir als Grundlage. Ich schätze, Mr. Baldāri hat geahnt, dass er gegen den Fremden nicht allein ankommt, hat uns aber so viele Beweise wie möglich hinterlassen wollen.“ „Ich liebe solche Zeugen!“, sagte Sedrin und machte ein fast laszives Gesicht. „Aber das scheint ja bei unserem Fremden Mutter Schicksal sei Dank nicht angekommen zu sein.“ „Davon gehe ich aufgrund der Daten auch aus.“, sagte Cupernica. „Es scheint tatsächlich, als hätte der alles gegeben, um unseren Zeugen zu töten.“

Sedrin rief sich das Bild noch einmal in Erinnerung. „Warum haben Sie die Blitze des Fremden schwarz darstellen lassen, Scientist?“, fragte sie. „Was wissen Sie, das ich nicht weiß. Ich meine, laut Davis’ Aussage hat Mrs. Lorana gemeldet, der Fremde habe im Auftrag der Propheten gehandelt. Schwarze Blitze kommen doch eher von Sytania.“ „Nun, Agent.“, sagte die Medizinerin. „Das hat der Fremde, der durch einen mysteriösen Umstand, den wir noch nicht kennen, diese Kräfte bekommen hat, sicher selbst auch geglaubt. Ich aber habe ein Detail gefunden, das diesen Glauben lügen straft.“ „Ich bin gespannt.“, antwortete Sedrin und ließ sich lässig auf den Rand eines freien Untersuchungstisches sinken. Sie ahnte, dass dies wohl ein noch längerer Vortrag werden würde. Aber auch von hier hatte sie jenen Bildschirm noch gut im Blick, auf dem jetzt eine weitere Graphik zum Vorschein kam. Sie zeigte das Energiemuster des Fremden in Großaufnahme. „Wie ist eine so genaue Darstellung möglich, Cupernica?“, fragte die Agentin staunend, denn so etwas hatte sie allenfalls dann gesehen, wenn sie einen Feind direkt hatte scannen können. Aber wenn der Aldaner sich gewehrt hatte, dann musste das Muster ja von seinem Eigenen durchschnitten worden sein und eine so genaue Darstellung wäre unmöglich. „Ich sagte ja bereits.“, begann Cupernica. „Unser Aldaner, oder nennen wir ihn doch beim Namen: Mr. Baldāri, hat es darauf angelegt, uns so viele gute Bilder wie möglich zu liefern. Erinnern Sie sich bitte an die Graphik vom Anfang, Agent. Wissen Sie noch, dass der Balken, der seine eigene Energie darstellt, im Bezug auf sein Telepathiezentrum sehr kurz war?“ „Daran erinnere ich mich, Cupernica.“, bestätigte die Demetanerin, der so langsam ein Licht aufzugehen schien. „Das muss aber bedeuten.“, äußerte sie eine Theorie. „Dass er genau wusste, was ein Erfasser oder die Augen eines Androiden sehen, wenn sie so ein Energiemuster betrachten. Solche Kenntnisse würden aber auch zu seinen beruflichen Daten passen. Er war Ingenieur mit Fachgebiet Positronik. Hätte Ihr Hausarzt werden können.“ Bei ihrem letzten Satz grinste die Agentin. „Das kann ich nur bestätigen.“, sagte Cupernica. „Wenn wir weiterhin davon ausgehen, dass er mit Absicht so gehandelt hat, komme ich aber noch zu einem anderen Ergebnis.“

Sie wandte sich wieder dem Rechner zu und steckte ihr Haftmodul ein. Dann übermittelte sie einen Befehl, der einen kleinen Teil des Musters schwarz einfärbte. Der Teil war aber so klein, dass Sedrin ihn erst zu sehen vermochte, als sie aufgestanden und näher an den Schirm getreten war. „Genau diese Reaktion wollte ich bei Ihnen provozieren, Agent.“, sagte Cupernica und schaute dabei schon fast zufrieden. „Ich kann mir vorstellen, dass Sie es langsam leid sind, durch meine Reifen zu springen und dass ich Sie ständig mit den normalen Reaktionen einer biologischen Lebensform provoziere. Aber …“, führte sie weiter aus, aber Sedrin winkte nur ab. „Es ist schon OK.“, sagte sie. „Auf diese Weise haben Sie mich früher schon auf Details und Dinge aufmerksam gemacht, die ich sonst mit Sicherheit übersehen hätte. Offensichtlich begreifen wir biologischen Lebensformen die Dinge am besten, wenn wir sie am eigenen Leib erfahren. Also nur weiter, Cupernica. Was wollen Sie mir denn jetzt hiermit sagen?“

Im rechten unteren Eck des Schirms erschien eine ähnliche Graphik, die mit einer Bildunterschrift versehen war. Hier las Sedrin deutlich: „Hirnwellenmuster der Propheten.“ Ihr Blick strich zwischen den beiden Mustern hin und her. Dabei viel ihr auf, dass das Muster des Fremden genau an der Stelle eine Abweichung aufwies, die schwarz markiert war. Aber dieses schwarze Muster hatte Sedrin schon einmal irgendwo gesehen! „Ersetzen Sie das Muster der Propheten bitte durch das von Sytania!“, sagte Sedrin selbstsicher. „Warum sollte ich das tun?“, fragte die Androidin und tat dabei absichtlich unwissend. Das zeigte sie aber so deutlich, dass es selbst einem Tauben hätte auffallen können. „Weil mir gerade etwas aufgefallen ist.“, antwortete Sedrin. „Das ich nur noch bestätigen muss!“ „Na gut.“, sagte Cupernica mit der ihr eigenen Gleichmut und tat, was Sedrin ihr aufgetragen hatte.

Der Blick der Agentin wich nicht von dem oberen Muster, während das Untere ersetzt wurde. Man konnte sogar den Eindruck gewinnen, sie wollte das Muster allein durch ihren Blick verhaften. Erst, als ein Signal ihr sagte, dass der Bildschirm zum Stillstand gekommen und das gewünschte Bild aufgerufen war, sah sie es sich an. Dann klatschte sie in die Hände und rief: „Sie sind identisch! Bingo! Dachte ich’s mir doch!“ „Das ahnte ich, Agent.“, sagte Cupernica. „Offensichtlich hat sich Sytania alle Mühe gegeben, das Energiemuster der Propheten exakt nachzuahmen. Aber wirklich gelungen ist es ihr nicht, wie wir hier sehen. Die Abweichung beträgt nur 1,005 %, aber das reicht aus, um jemanden wie Sie und jemanden wie mich zu irritieren. Ein biologischer Gerichtsmediziner und ein anderer leitender Agent hätten dem vielleicht nicht diese Bedeutung beigemessen, aber …“ „Aber wir tun das.“, unterbrach Sedrin sie. „Weil Sie Androidin sind und ich Sytania gut genug kenne. Uns beiden kann sie nicht erzählen, sie sei über Nacht zu einem Propheten mutiert.“ Sie warf dem Schirm einen abschätzigen Blick zu. „Aber anscheinend jenem bedauernswerten Fremden, der jetzt da draußen herumläuft und in ihrem Namen brandschatzt und mordet.“, ergänzte Cupernica. „Exakt, Scientist.“, sagte die Demetanerin. „Es wäre mir verdammt lieb, wenn wir mehr Details über die Begebenheiten hätten, die zu seiner Wandlung geführt haben und noch lieber wäre mir sein momentaner Aufenthaltsort.“ „Das kann ich mir vorstellen.“, sagte Cupernica. „Leider gibt es aber keine Zeugen, durch die Derartiges in Erfahrung zu bringen wäre.“ „Sie irren vielleicht, meine Liebe.“, grinste Sedrin. „Es gibt eine Zeugin. Ihr Name ist Yara und sie lebt zur Zeit im hiesigen Tierheim. Sie war das Haustier Ihrer zweiten Patientin, Mrs. Lorana, die eine Tochter Namens Nayale hat, die auf Terra mit einem gewissen Professor Nathaniel Radcliffe verheiratet ist. Sie haben einen 6-jährigen Sohn Namens Malcolm. Davis hat gesagt, die Melderin, also Mrs. Lorana, hätte gesagt, ihr Schwiegersohn sei es gewesen, der die Marskolonie angegriffen hätte. Was aber noch viel schlimmer ist, scheint die Tatsache zu sein, dass er mit der Frau und dem Kind auf der Flucht ist!“ „Sie haben Recht, Agent.“, sagte Cupernica. „Die Infektion mit Sytanias Energie macht ihn unberechenbar. Aber wie soll uns dieses Tier helfen können?“ „Abwarten.“, sagte Sedrin. „Davis sucht zur Stunde alle Verhaltenstrainer heraus, die sich mit traumatisierten demetanischen Wollkatzen auskennen. Vielleicht kann uns ja einer von ihnen den Weg zu Yaras Erinnerungen ebnen.“ „Ihre Verhörmethoden sind ungewöhnlich.“, sagte Cupernica. „Das ist ja gerade der Grund, aus dem Sytania sich an mir so oft die Zähne ausgebissen hat.“, lächelte Sedrin. „Ich bin eben schwer zu durchschauen.“ Cupernica nickte bestätigend.

Kapitel 17: Ungewöhnliche Wege

von Visitor

 

D/4 hatte das Büro der beiden in diesem Fall zuständigen Agenten betreten und stand nun Agent Peters gegenüber, der an seinem Schreibtisch saß. „Meine Kennung lautet: Systemeinheit D/4 viertes Mitglied der D-Gruppe. Sie können mich D/4 nennen.“, stellte sie sich in altbekannter Weise vor. „Angenehm, D/4.“, antwortete Peters höflich. „Ich bin Agent Karl Peters. Sie können mich Agent Peters nennen.“ Dabei lächelte er freundlich. „In Ordnung, Agent Peters.“, sagte die Sonde.

Der deutschstämmige Terraner rückte ihr einen Stuhl zurecht: „Setzen Sie sich doch.“ „Vielen Dank.“, sagte die Sonde höflich und kam seiner Aufforderung nach. Im Gegensatz zu den Borg waren die Xylianer bereit, auch mal unsere „Schwächen“ zu akzeptieren und sich ebenfalls entsprechen zu verhalten, um uns das Gefühl zu vermitteln, dazugehören zu wollen. Das kam aber auch dadurch, dass jeder A/1 bisher dafür gesorgt hatte, dass keine Sonde vergaß, dass einer ihrer Urahnen ein biologisches Wesen, ja sogar ein Mensch, gewesen war. Anscheinend hatte es V’ger so sehr gefreut, damals endlich in der Lage zu sein, Emotionen zu verstehen und zu empfinden, dass er dies in jede Programmierung seiner Nachfahren hatte einfließen lassen, so zu sagen als kleines Dankeschön an Commander Decker.

Peters schloss ein Pad an seinen Rechner an und öffnete ein Menü. Darin waren eine Menge Formulare zu sehen, die nummeriert und nach verschiedenen Spezies geordnet waren. Das kam daher, weil aufgrund verschiedener Fortpflanzungstechniken eventuell Unterschiede in manchen Fragen, die das Geburtsdatum oder den Geburtsort betrafen, bei der Formulierung gemacht werden mussten, damit sich niemand auf den Schlips getreten fühlen konnte. Er blätterte das gesamte Menü durch, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Dann sagte er: „Wie machen wir das? Es ist leider kein Formular für Ihre Spezies dabei.“ „Bitte erlauben Sie mir, Ihnen zu assistieren.“, sagte die Sonde, der durchaus ein gangbarer Kompromiss aufgefallen war. Ihr war durchaus klar, womit Peters sich schwer tat.

Peters rückte wortlos zur Seite und überließ ihr den Platz am Tisch. Den nutzte sie auch gleich, um den Cursor des Rechners auf das Formular zu stellen, das ihrer Meinung nach adäquat war. Tatsächlich gab es nämlich ein neutral formuliertes Formular, das im Allgemeinen bei Hologrammen oder Androiden in deren Vernehmung Verwendung fand. Da D/4 die erste künstliche Lebensform zu sein schien, die Peters vernahm, sah sie großzügig über die kleine Schwäche seinerseits hinweg.

Sie bestätigte den Punkt und das Formular wurde in das Pad geladen. „Danke, D/4.“, sagte Peters erleichtert. „Gern geschehen.“, antwortete die Sonde. „Ich denke, wir können aber von Glück sagen, dass Ihre Partnerin gerade nicht anwesend ist. Sie wäre sicher nicht so großzügig mit Ihnen umgegangen.“ „Das kann ich mir vorstellen.“, sagte Peters. „Sedrin hat manches Mal den Ruf, mehr Haare auf den Zähnen zu haben, als ein Klingone am ganzen Körper.“ „Dieses Faktum ist mir bekannt.“, sagte D/4 und zog sich das Pad mit dem Formular heran. Es war sicherlich ungewöhnlich, dass eine Zeugin die Angaben zu ihren Personalien selbstständig ausfüllte, aber Peters war ihr insgeheim sehr dankbar. Er mochte es gar nicht, beim Stellen eventueller Fragen in Fettnäpfchen zu treten. Erst neulich war es ihm wieder passiert, als er das falsche Formular bei der Vernehmung einer Insektoiden verwendet hatte, die ihn harsch daran erinnerte, dass ihre Spezies ja keine so genannten Körperbrüter seien und dass sie darauf bestehe, ein Formular zu bekommen, in dem vom Schlupf und nicht von der Geburt die Rede sei. Das war ihm wohl sehr peinlich gewesen und er hatte deshalb beschlossen, allen seinen Zeugen ruhig zu erlauben, bei der Auswahl der Formulare dabei zu sein und die entsprechenden Angaben selbst einzutragen. Dieses Problem war aber, wie ihr euch sicher schon denken könnt, typisch deutsch. Ein amerikanischer Agent hätte das sicher etwas lockerer gesehen. Aber die Rechtsprechung der Föderation verlangte nun einmal, dass auf die Eigenheiten von Lebensformen Rücksicht genommen wurde. Das war sogar gesetzlich verbrieft und die Insektoide hatte sogar mit Klage gedroht, wenn Peters diesen Umstand nicht auf der Stelle bereinigen würde.

Die Sonde schob dem Agenten das Formular wieder hin. Fasziniert sah er sich einige Zeilen genau an. „Ist Ihnen das Formular nicht bekannt?“, fragte die Sonde im Bestreben, ihm eventuell noch einmal behilflich zu sein. „Doch, doch.“, sagte Peters. „Ich habe es sicher schon einmal gesehen, aber Sie sind meine erste künstliche Lebensform, die ich vernehme.“ „Dann werde ich besonders rücksichtsvoll sein und gewisse eventuell auftretende Fehler ignorieren.“, sagte D/4. „Alles andere wäre einer effizienten Vernehmung nur abträglich.“ „Danke für Ihre Rücksichtnahme.“, sagte Peters erleichtert. „Wissen Sie, ich bin heilfroh, dass Sie keine Borg sind. Wenn ich da an Seven of Nine denke, von der ich auf der Akademie gehört hatte …“ D/4, der durchaus auch bekannt war, wovon er redete, sagte nur: „Derartiges müssen Sie von uns Xylianern nicht befürchten. Schließlich war einer unserer Urahnen menschlich und er hat uns ein großes Geschenk gemacht. Warum sollten wir also die Hand beißen, die uns gefüttert hat und ohne die es uns gar nicht erst geben würde?“ „Wenn Sie das so sehen?“, sagte Peters. „Positiv.“, entgegnete D/4. „Sehen Sie doch mal hier. Die Worte: Ort und Datum der Entstehung sind doch ein guter Kompromiss, nicht wahr?“ Peters nickte. „Aber nun sollten wir mit meiner Vernehmung beginnen.“, sagte die Sonde. „ Mir ist bekannt, dass Ihre Daten über die Geschehnisse auf dem Mars lückenhaft sind. Ich beabsichtige, sie zu vervollständigen.“ „Also gut.“, sagte Peters und stellte das Pad auf Aufnahme, um es dann so zwischen den Beiden zu platzieren, dass es sowohl ihre, als auch seine Stimme aufnehmen konnte. „Im Grunde gebe ich die Aussage von Allrounder Betsy Scott weiter, die gerade einen medizinisch verordneten Urlaub auf Celsius verbringt.“, sagte die Xylianerin. „Laut ihr hat sich die Sache folgendermaßen entwickelt. Wir haben einen neuen Nachbarn, Professor Nathaniel Radcliffe. Er leidet unter einer geistigen Krankheit, die dafür sorgt, dass er sich von Zeit zu Zeit für Captain Sisko hält. Das ist aber nicht das Einzige. Wenn er diese anfallsartigen Zustände erlebt, wird er auch gefährlich für sich und andere. Allrounder Scott sagt, er sei zu ihr gekommen und hätte sie gebeten, ihn auf einen Planetoiden zu begleiten, den ihm die Propheten von Bajor gezeigt hätten.“ „Sagen Sie bitte nicht, das hat sie getan!“, unterbrach Peters sie blass. „Doch.“, erwiderte die Sonde gleichmütig. „Weil er sie mit der eventuellen Gefährdung seines Kindes durch ihn selbst unter Druck gesetzt hat, wenn er krank bliebe und sie ihm nicht helfen würde. Dort würde er angeblich durch die Propheten Heilung erfahren können. Laut ihrer eigenen Aussage haben sie und der Professor ihr Schiff genommen und sind damit zu dem Planetoiden geflogen. Aber Radcliffe wurde immer unberechenbarer in seinem Verhalten. Er tötete sogar den Leiter einer weiteren Expedition, obwohl dieser ihm nichts getan hatte. Das Schlimme ist, dass er gleichzeitig der Vater einer minderjährigen Tochter war, die ihn begleitet hatte. Die Beiden sind Breen. Der Planetoid hat ein Wüstenklima. Dank Allrounder Scotts Umsicht hat das Mädchen überlebt. Aber jetzt ist sie allein und unter den genannten medizinischen Umständen sicher in Gefahr.“ „In Lebensgefahr!“, korrigierte Peters. „Wenn sie nicht vielleicht sogar längst tot ist. Breen vertragen keine Hitze. Verfügen Sie über die Koordinaten des Planetoiden?“ „Negativ.“, antwortete die Sonde. „Allrounder Scott war nicht in der Lage, sie mir zu nennen. Als ich sie traf, hatte sie einen Schock. Ihr Gesundheitszustand war bedenklich.“ „Was ist auf dem Planetoiden genau geschehen, das eine ausgebildete Sternenflottenoffizierin so umhauen kann?“, erkundigte sich Peters. „Haben Sie nähere Angaben?“ „Sie sagt, sie und der Professor wären auf einen merkwürdigen Kegel aus Kristall getroffen, der ihm Kräfte verliehen hätte, wie Sytania sie hat. Mit Hilfe ihres Erfassers sei es ihr auch möglich gewesen, dies nachzuweisen, aber Radcliffe hatte in der Absicht, das Schiff der Breen zu erbeuten, mit seinen neuen Kräften ein Feld generiert, das alle Technologie zerstört hat. Daran ist auch der Breen gestorben, der sich nicht an die Anweisung des Allrounders gehalten hat, alle Geräte von sich zu werfen. Das Mädchen aber hat dies getan. Deshalb lebt sie noch.“ „Um Gottes Willen!“, rief Peters aus. „Wir müssen sie finden! Eine Minderjährige auf einem fremden Planetoiden, der noch dazu sehr unwirtlich für sie ist! Aber eines will mir nicht in den Kopf. Warum wollte Radcliffe das Schiff der Breen? Wäre es für ihn nicht nahe liegender gewesen, das Schiff von Allrounder Scott zu kapern?“ „Das Schiff des Allrounders kann selbstständig denken und handeln.“, klärte die Sonde ihn über Lycira auf. „Das Schiff der Breen ist befehlsabhängig und kann das nicht.“ „Sie meinen, Scotts Schiff hätte sich gegen ihn zur Wehr setzen können, trotz er über diese Kräfte verfügt?“ „Das ist korrekt.“, sagte die Sonde. „Lycira hätte die Atmosphäre im Cockpit nur mit Rosannium versetzen müssen, was sie sicher auch getan hätte.“ „Kann ich mir vorstellen.“, sagte Peters, für den nach ihrer Aussage jetzt endlich einiges zusammenzupassen schien. Aber auch einige neue Fragen waren aufgetaucht, die vielleicht nur das Breenmädchen oder ich hätten beantworten können.

„Also.“, fasste der Agent ihre Aussage zusammen. „Der Allrounder ist im Moment gesundheitlich nicht in der Lage, uns zu helfen. Unsere einzige weitere Spur ist die minderjährige Breen. Vielleicht können wir von der tindaranischen Regierung Hilfe bei der Suche nach ihr erwarten. Soweit ich weiß, verfügen die über eine interdimensionale Sensorenplattform. Damit finden wir sie vielleicht noch früh genug. Aber warum hält sich dieser Radcliffe für Sisko? Denkt er, dass er so etwas wie dessen Reinkarnation ist?“ „Diese Theorie wird gegenwärtig vom System examiniert.“, berichtete die Sonde. „Dass Ihre Leute sich für solche Spinnereien hergeben.“, sagte der Agent abfällig. „Bis wir die eine oder andere Theorie wirklich wissenschaftlich ausschließen können.“, sagte die Sonde. „Haben alle den gleichen Stellenwert. Die Theorie einer Reinkarnation ist die Einzige, die wir bisher haben und auch Sie sollten sie meiner Meinung nach nicht verwerfen, nur, weil sie persönlich nicht an so etwas glauben. Ein guter Kriminalist muss meines Wissens alle Spuren verfolgen, bis sich eine als die Richtige herausstellt.“ „Sie haben ja Recht.“, sagte Peters geknickt. „Trotzdem klingt es doch sehr merkwürdig, nicht wahr?“ „Merkwürdigkeit ist nicht relevant.“, sagte die Sonde. „Es kann sich immer noch als die Wahrheit herausstellen. Oder haben Sie einen schlüssigen Gegenbeweis?“ „Nein.“, musste Peters zugeben.

Er schob der Sonde das Pad hin. „Haben Sie noch etwas hinzuzufügen?“, fragte er. Sie schüttelte den Kopf. „Dann werde ich Ihre Aussage zu den Akten nehmen. Danach werde ich mit Sedrin sprechen, was ihre Ermittlungen bei Cupernica ergeben haben und dann werden wir mit der Regierung der Tindaraner Kontakt aufnehmen wegen der Breen. Sie ist wahrscheinlich die Einzige, die uns noch etwas sagen kann.“ „In Ordnung.“, sagte die Sonde. „Dann werde ich jetzt gehen.“ „Tun Sie das.“, sagte Peters.

In Gegenrichtung zu D/4 hatte Sedrin ihr und Peters’ gemeinsames Büro betreten. Das etwas verkniffen wirkende Gesicht ihres Partners war ihr sofort aufgefallen. „Was ist dein Problem, Karl?“, fragte sie gewohnt demetanisch verständnisvoll. „Mein Problem sind die Dinge, die mir D/4 gerade gesagt hat.“, antwortete der deutschstämmige Terraner leicht genervt. „Ach ja.“, sagte Sedrin. „Ich sah sie aus der Tür gehen. Aber was kann sie dir schon Schlimmes verraten haben. Sie kann doch nicht mehr über die Sache auf dem Mars wissen, als wir, die den Trümmerhaufen genauer in Augenschein genommen haben. Sie war ja auch dabei. Es sei denn, sie hat Daten vom System, die wir noch nicht haben. Also, was ist los?“ „Ich fürchte, ich muss deine Hoffnungen in einem Punkt zerstreuen.“, sagte Peters. „Vom System sind die Daten nicht, die sie hat.“ „Haarspalter!“, zischte Sedrin ihm zu. „Aber spuck es bitte endlich aus. Von wem sind die Daten?“ „Genau genommen sind sie von Allrounder Betsy Scott.“, sagte Peters und hielt einen Moment inne, um ihre Reaktion abzuwarten. „Wie kommt sie an Daten von Allrounder Betsy Scott und was um Himmels Willen hat sie ihr gesagt?! Ich weiß, dass sie Betsy wegen eines Schocks behandelt hat und dass sie mir gesagt hat, dass der Allrounder nicht vernehmungsfähig sei.“ „Deine Information scheint veraltet zu sein.“, sagte Peters. „D/4 gegenüber scheint sie nämlich ausgesagt zu haben.“

Sedrin ließ sich auf ihren Stuhl sinken. „Und was hat sie ausgesagt?“, fragte sie. „Laut D/4.“, begann Peters. „Hat der Allrounder einen großen Teil dazu beigetragen, dass die Situation jetzt ist wie sie ist. Sie soll unserem Wäscher vom Mars sogar ermöglicht haben, zu tun, was er getan hat.“ „Hör gefälligst auf, hier die unqualifizierten Überschriften aus der Regenbogenpresse zu zitieren!“, tadelte die Demetanerin ihren terranischen Kollegen. „Von dir als einem ausgebildeten Agenten hätte ich so etwas nicht erwartet.“ „Entschuldige.“, sagte Karl. „Ich bin doch auch nur ein Mensch.“ „Schon gut.“, sagte Sedrin mild. „Ich wollte ja nur vermeiden, dass du jemanden aufgrund einer vorgefassten Meinung falsch beurteilst. Das Problem habt ihr Terraner nämlich ab und an. Ich muss es wissen. Ich bin schließlich mit einem verheiratet.“ „Tut mir leid, Sedrin.“, entschuldigte er sich. „Aber danke, dass du mich erinnerst, dass ich von Berufswegen neutral zu bleiben habe. Meine private Meinung muss dann eben mal zurückstehen.“

Sie stand auf und replizierte beiden einen Kaffee am Replikator des Büros. Dabei achtete sie darauf, dass sich in Peters’ Tasse auf jeden Fall ein Stück Zucker und der von ihm so geliebte Schuss Karamell befand. Betont langsam und vorsichtig stellte sie die Tasse vor ihm hin. Dann setzte sie sich mit ihrer eigenen Tasse, in der sich normaler Kaffee mit Milch und Zucker befand, neben ihn. Ihr Blick, der sehr freundlich und fast bittend war, irritierte ihn leicht.

Peters nahm einen Schluck aus seiner Tasse. „Was hast du zu verbergen, Sedrin Taleris-Huxley?“, fragte er. „Wie kommst du darauf, dass ich etwas verberge?“, fragte sie zurück. „Es ist nur, weil du versucht hast, dich bei mir einzuschmeicheln.“, stellte Peters fest und sie erschrak. Er schien einen wunden Punkt bei ihr erwischt zu haben. „Ich schmeichle nicht!“, wehrte sich Sedrin. „Ich wollte nur … Ach, du hast ja Recht.“

Sie setzte ihre Tasse an und tat, als wolle sie sich Mut antrinken. Da der Kaffee aber sehr heiß war, brach sie das Unterfangen gleich wieder ab. „Es ist nur.“, begann sie. „Weil ich das Gefühl habe, mich ebenfalls von einer vorgefassten Meinung leiten lassen zu haben.“ „Du?!“, fragte Karl ungläubig und mit einem leichten Lachen in der Stimme. „Du, die große immer neutrale Agent Sedrin Taleris-Huxley?!“ „Genau die.“, sagte Sedrin verschämt. „Ich bin keine Vulkanierin und schon gar keine künstliche Lebensform. Ich kann Freundschaft empfinden und das tue ich gegenüber Allrounder Betsy Scott. Aber offensichtlich hat genau das zu einem Fehlurteil geführt, wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was ich vermute.“ „Du denkst jetzt vielleicht, sie hätte ihm absichtlich geholfen.“, sagte Peters. „Aber wenn ich D/4 richtig verstanden habe, dann wurde sie auch mit falschen Tatsachen dazu gebracht und genau so benutzt, wie Mr. Radcliffe.“ „Raus damit!“, insistierte Sedrin. „Was hat dir D/4 gesagt?!“ „Sie hat gesagt.“, erwiderte Peters. „Dass Allrounder Scott ihr gesagt hätte, Radcliffe habe sie verzweifelt aufgesucht. Er habe ihr gesagt, dass seine Ehe vor einem Scherbenhaufen stehe und er sogar das Sorgerecht für seinen Sohn verlieren könne, wenn er weiterhin an seiner geistigen Krankheit leide, die ab und zu dafür sorgt, dass er sich für Captain Sisko hält. Dann würde er unberechenbar und auch gefährlich für seine Familie. Aber die Propheten von Bajor hätten ihm einen Ort gezeigt, an dem er Heilung finden könnte. Dorthin sind sie mit Scotts Schiff geflogen. Dort sei er dann auf einen mysteriösen Kristallkegel und eine Expedition der Breen getroffen, die aus einem Archäologen und dessen minderjähriger Tochter bestand. Der Kegel hätte Radcliffe die Kräfte verliehen, die er jetzt hat. Dann habe er den erwachsenen Breen getötet, um an sein Schiff zu kommen, nachdem er sich geweigert hatte, die so genannte Reinwaschung über sich ergehen zu lassen. Inzwischen hatte Scott nämlich erkannt, wohin der Hase läuft und die beiden Zivilisten informiert. Auch sie hat sich geweigert, nachdem sie gesehen hatte, dass Sytania offensichtlich hinter allem steckt. Radcliffe hat ein Feld generiert, mit dem er sämtliche Technologie, also auch Scotts Erfasser, zerstört hat. Sie hat nur deshalb überleben können, weil sie alles von sich geworfen hat. Natürlich hat sie das auch den Zivilisten gesagt, aber nur das Mädchen hat sich daran gehalten. Der Mann ist durch die elektrischen Entladungen zu Tode gekommen. Das Ganze fand auf einem Wüstenplanetoiden statt. Die Kleine wird nicht mehr lange leben, wenn sie das in der Zwischenzeit überhaupt noch tut.“ „Verstehe.“, sagte Sedrin. „Das würde auch das Breenschiff erklären, das Zeugen in der Umlaufbahn des Mars beobachtet haben wollen. Warum Scotts Schiff nicht in Frage kam, kannst du dir ja wohl denken. Lycira würde sich nicht einfach kapern lassen. Aber offensichtlich konnte sie das Mädchen nicht erfassen, um es ebenfalls an Bord zu holen. Die Störungen, die durch das Feld von Radcliffe entstanden sind, werden sie gezwungen haben, sich zwischen ihrer Pilotin und ihr zu entscheiden. Ihrer Prämisse gemäß hat sie dann wahrscheinlich Betsy gewählt.“ „Das weiß ich.“, sagte Peters. „D/4 hat mich aufgeklärt. Ich werde den Chief-Agent informieren.“

Er ging zum Sprechgerät und schickte sich an, das Rufzeichen des Chief-Agent einzugeben. Aber Sedrin, die ja in dieser Hinsicht etwas mehr wusste, sprang hinzu und nahm ihm das Mikrofon aus der Hand. „Du verschwändest deine Zeit!“, sagte sie. „Sie wird uns nicht helfen. Sie wird von Tag zu Tag entscheidungsunfähiger werden.“ „Wovon redest du?!“, fragte Karl alarmiert. „Ich habe auf dem Flug mit ihr gesprochen.“, sagte Sedrin. „Sie ist lange nicht mehr die energische Tamara, die wir kennen. Sie scheint auch ein Opfer unseres Wäschers geworden zu sein. Ich kann mir denken, wo das passiert ist. Ich denke, das war auf Khitomer! Lass mich mal da ran!“

Damit stieß sie ihn, der gar nicht richtig wusste, wie ihm geschah, samt Stuhl zur Seite und setzte sich dann selbst auf ihrem eigenen Sitzmöbel vor das Sprechgerät, um dann das Rufzeichen des interdimensionalen Relais einzugeben. Als Zielrufzeichen gab sie: „281 Alpha.tin.“, ein, obwohl sie nicht wirklich wusste, ob das Rufzeichen von Zirells Basis tatsächlich so lautete. Deshalb war sie auch etwas überrascht, im nächsten Moment statt einer Fehlermeldung tatsächlich Jorans Gesicht auf dem Bildschirm zu sehen. „Ich grüße dich, Sedrin El Demeta.“, sagte der Vendar. „Hallo, Joran.“, entgegnete die sichtlich überraschte Sedrin. „Ich muss dringend mit deiner Kommandantin reden. Kannst du das einrichten?“ „Ich denke schon.“, sagte der Vendar zuversichtlich. „Anführerin Zirell betritt nämlich gerade die Kommandozentrale.“ „Dann gib sie bitte her!“, verlangte Sedrin. „Es ist sehr dringend.“ „Wie du wünschst.“, sagte Joran und Sedrin hörte die üblichen Schaltgeräusche und dann Zirells Stimme: „Was gibt es, Sedrin?“ „Hast du von der Sache auf Khitomer gehört?“, fragte die Agentin. „Das habe ich.“, antwortete die Kommandantin. „Inzwischen ist viel passiert.“, sagte Sedrin. „Unter anderem suchen wir eine überlebende Breen, die sich auf einem Wüstenplanetoiden befinden soll. Sie ist eine wichtige Zeugin. Aber wir brauchen wohl eure Sensorenplattform, um die ganze Dimension scannen zu können.“ „Ich werde sofort mit der Zusammenkunft sprechen.“, versprach die Tindaranerin. „Eine Breen auf einem Wüstenplanetoiden! Hoffentlich lebt sie überhaupt noch! Falls ja, werde ich sofort eine Patrouille schicken! Die Zusammenkunft hat Shimars und Marons Bericht. Die interessiert auch brennend, was da passiert ist und wenn diese Zeugin es uns sagen kann, um so besser.“ „Danke, Zirell.“, sagte Sedrin erleichtert, die sich an ihre letzte fruchtbare Zusammenarbeit – sogar als Sedrins erste Offizierin - noch gern erinnerte. Sie wusste, die Regierung der Tindaraner würde ihnen in diesem Zusammenhang sicher keine Steine in den Weg legen. Darüber war sie sehr erleichtert. Sie ahnte, dass es mit der Plattform ein Leichtes sein müsste, die Kleine zu lokalisieren und zu bergen. Zirell würde sie auf keinen Fall im Stich lassen!

Peters hatte beobachtet, dass sie abgeschweift war. „Sedrin?“, fragte er. „Was?“, fragte sie zurück, ohne von ihrer Tasse, in die sie gedankenverloren geschaut hatte, aufzusehen. „Du warst doch bei Cupernica.“, erinnerte Karl sie. „Was konntest du dort in Erfahrung bringen?“ „Cupernica hat die beiden Leichen untersucht, die wir mitgebracht haben.“, sagte die Agentin. „Bei der Zeonidin hat sie wohl festgestellt, dass sie in Folge einer direkten telepathischen Einwirkung auf das Zentrum gestorben ist, über das der Herzschlag kontrolliert wird. Das können zwar die wenigsten Spezies bewusst, Loranas auch nicht, aber ein Telepath könne schon einen Befehl dort unterbringen, der dieses Zentrum derart durcheinander bringt, dass es seinen Dienst quittieren muss. Die Folge ist dann das Aussetzen des Herzens und in dessen Folge der Tod.“ „Das steht auch in dem Bericht, den mir Cupernica gerade geschickt hat.“, sagte Peters. „Aber sie erwähnt hier noch die Untersuchung des Aldaners, die viel fruchtbarer gewesen sein soll. Sie schreibt, du könntest mich aufklären.“ „Das kann ich auch.“, sagte Sedrin. „Ich war bei der Untersuchung des Aldaners, beziehungsweise bei ihrer Auswertung der Daten, schließlich dabei. Also, anscheinend haben wir es hier mit Sytania zu tun, die sich als Prophet tarnen wollte, um alle, vor allem Radcliffe, in die Irre zu führen.“ „Aber warum gerade als Prophet?“, fragte Peters in der Hoffnung, wohl die von ihm so ungeliebte Theorie über Siskos Wiedergeburt nicht noch einmal hören zu müssen. „Weil sich Radcliffe offensichtlich ab und zu für Commander Sisko hält und es vielleicht sogar ist, oder besser, es war.“ „Du nicht auch noch!“, stöhnte Peters. „So etwas hätte ich von dir schon gar nicht erwartet. Und Cupernica? Sag bitte nicht, sie bestätigt das auch noch.“ „In gewisser Weise.“, begann Sedrin. „Hat sie es bestätigt. Sie hat gesagt, dass dies die einzige Erklärung dafür ist, warum sich Sytania als Prophet tarnen würde. Aber wir haben sie erkannt, weil ein kleiner Prozentsatz der Energiesignatur leider nicht übereinstimmte!“ Sie grinste schadenfroh. „Aber das ist doch absurd.“, sagte Karl. „Dir persönlich mag es absurd erscheinen.“, sagte Sedrin. „Aber bisher ist es die einzige Spur, die wir haben. Du musst aufhören, deine persönliche Meinung über die Beweise zu stellen. Sonst wirst du immer nur ein Hilfsagent bleiben und nie selbst ein Team leiten können.“

Das saß. Kleinlaut stellte Peters seine Tasse ab. „So was Ähnliches hat D/4 auch gesagt.“, sagte er. „Sie hat sogar gesagt, das System würde tatsächlich die Möglichkeit einer Wiedergeburt von Sisko untersuchen.“ „Natürlich tun sie das.“, sagte Sedrin. „Sie werden genau so von den Tatsachen ausgehen wie wir. Aber ich habe hier noch etwas Unerhörtes für dich, mein lieber Karl. Demnächst werden wir ein Tier vernehmen. Genauer, eine demetanische Wollkatze, die das Haustier unserer toten Zeonidin war.“ „Was werden wir tun?“, fragte Karl blass. „Wie soll denn das gehen? Willst du einen Telepathen auf das Tier loslassen?“ „Auf keinen Fall!“, sagte Sedrin, die das Gefühl hatte, er würde ihr nicht zugehört haben. „Wenn ich das täte, dann würde ich mir Yara garantiert nicht zur Freundin machen. Schließlich ist sie erst durch einen Telepathen in diese Situation geraten. Man sagt allen Katzenartigen nach, dass sie in der Lage seien, Telepathie zu spüren. Nein. Aber Davis sucht gerade alle Verhaltenstrainer heraus, die sich mit diesen Tieren auskennen.“ „Auch das noch.“, stöhnte Peters. Er war von seiner Partnerin zwar einiges gewohnt, dies aber schlug, wie er fand, dem Fass den Boden aus. „Und du meinst wirklich, dass das etwas bringt?“, fragte er skeptisch. „Ja, das meine ich!“, entgegnete sie fest. „Es ist der einzige Anhaltspunkt und Sytania soll nicht denken, dass sie mit ihrem Plan nur deshalb durchkommt, weil wir uns nicht trauen, ungewöhnliche Wege zu beschreiten!“ „Wer wird hier jetzt unsachlich?!“, fragte Peters, der sich mit der Situation immer schlechter zu fühlen schien. „Man könnte ja fast meinen, du würdest den Fall als persönliche Rache gegen Sytania verwenden wollen.“ „Das hat mit Unsachlichkeit oder Rache gar nichts zu tun!“, verteidigte sich Sedrin. „Du kennst Sytania nicht so gut wie ich! Du weißt nicht, was für eine Art von Feind sie ist! Sie ist eine Mächtige, die sich einen Dreck um unsere Konventionen schert. Sie studiert sie sogar nur zu dem Zweck, sie gegen uns zu benutzen! Wir müssen also für sie so unberechenbar wie möglich werden und dazu gehört auch mal, dass man ungewöhnliche Wege beschreitet!“ „Es ist nur.“, sagte Karl. „Weil mir das alles, was man hier so erlebt, manchmal schon zu viel wird. Manche Dinge hier in Little Federation wollen einfach nicht in meinen Kopf. Aber nicht nur in Little Federation! Weißt du, warum ich mich in diese Kleinstadt habe versetzen lassen? Ich wollte endlich mal einen ruhigen Dienst ohne Seltsames!“

Sedrin stand auf, klatschte in die Hände und lachte so laut, dass man ihr Gelächter auch einige Büros weiter gut hören konnte. „Also, wenn du vorgehabt hast, alten Omis ihre gestohlenen Handtaschen zurückzubringen, oder gar Ähnliches, dann hättest du kein Agent der Sternenflotte werden dürfen. Augen auf bei der Berufswahl!“ „Als ob ich die je gehabt hätte!“, empörte sich Peters. „Mein Großvater war Agent, mein Vater war Agent, also haben sie alles in die Wege geleitet, und das schon in meiner Kindheit, dass ich ja die gleiche Laufbahn einschlage!“ „Oh, Mutter Schicksal, vergib mir!“, sagte Sedrin mit einem Blick, der ihr Bedauern ausdrückte. „Ein Familienfluch! Das tut mir leid. Dann werde ich dich wohl zukünftig etwas sanfter anfassen müssen. Aber heute, da du erwachsen bist, könntest du doch sicher jederzeit einen anderen Beruf wählen.“ „Sicher.“, sagte Karl. „Aber ich sehe es als Herausforderung an, mich an vieles zu gewöhnen. Gott sei Dank habe ich ja eine Partnerin wie dich, die mich ab und zu daran erinnert, dass eine Freakshow in der Föderation etwas ganz Normales ist.“

Sedrin räusperte sich und hob drohend die rechte Hand. „Ein Scherz.“, beschwichtigte Peters. „Nur ein kleiner Spaß. Ich habe nichts gegen fremde Spezies und ihre Verbrechen und kann mich sicher auch mit der Vernehmung eines Tieres anfreunden. Wie weit ist Davis?“ „Sie wird mir Bescheid geben, wenn sie ein Ergebnis hat.“, sagte Sedrin. „Ich habe ihr freie Hand gegeben, was die Gespräche über Termine angeht.“ „In Ordnung.“, sagte Peters. „Dann wird uns ja nichts anderes übrig bleiben, als zu warten.“

Kelly hatte inzwischen bereits einige Stunden vor dem Rechner verbracht, um unter den Schlagworten: „demetanische Wollkatze“, und „Verhaltenstrainer“, im allgemeinen Netzwerk der Föderation nachzusehen. Sie war erstaunt darüber gewesen, wie viele Einträge es dort gab. Allerdings hatte Sedrin, nachdem sie ihr ihre ersten Ergebnisse wie abgesprochen präsentiert hatte, zunächst alle Telepathen aus den bekannten Gründen aussortiert, was Kelly die Arbeit schon etwas erleichtert hatte. Aber selbst jetzt waren noch um die 200 Einträge übrig geblieben, die noch bearbeitet werden mussten. Das bedeutete für die Notrufkoordinatorin, zunächst die herauszusuchen, die sie per SITCH-Mail erreichen konnte und eine Sammelmail an sie zu verfassen, in der sie um Antwort bat. Dann würde sie alle, die nur über Sprech-SITCH erreicht werden wollten, direkt zu rufen versuchen. Falls keiner der Trainer bereit wäre, mit dem Geheimdienst zusammenzuarbeiten, würde sie dies Sedrin auch mitteilen und diese würde entscheiden, ob eventuell in diesem besonderen Fall einer von ihnen durch ein Gericht bestimmt werden sollte, der dann eventuell vorgeladen würde, wenn die Justiz dem Antrag stattgäbe. Aber so weit, das hoffte Davis auf jeden Fall, sollte es nicht kommen.

Einige Minuten waren jetzt schon vergangen, in denen sie auf Antworten auf die Mail wartete und die verbliebene Zeit für einige Gespräche mit den Sprechern, wie sie die reinen Sprechgerätkandidaten genannt hatte, nutzte. Aber viele hatten ihr abgesagt oder sich gar nicht erst gemeldet. Kelly persönlich dachte sich, dass die Aussicht, eventuell mit dem Geheimdienst zu arbeiten, den Meisten vielleicht zu heiß war. Sie hatte schon die Befürchtung, Sedrin doch mitteilen zu müssen, dass sie doch die Mühlen der Justiz bemühen müsse, als ein Ruf sie erreichte. Dieser Ruf kam ausgerechnet von dem Rufzeichen, das sie als Allererstes gerufen hatte, auf dem sie aber nur einen SITCH-Rufbeantworter angetroffen hatte.

Sie nahm das Mikrofon in die Hand und drückte kurz die Sendetaste, was dem Gerät befahl, die Verbindung anzunehmen. Dann sah sie in das lächelnde Gesicht eines Demetaners mittleren Alters, der eine schlanke sportliche Figur hatte, einen schwarzen kurzen Bart trug und eine leichte Halbglatze über der Stirn aufwies. Dahinter hatte er noch einige schwarze kurze Haare zu bieten. Er trug eine blaue Jeans, ein rotes Hemd und ebenfalls rote Schuhe. „Hallo, Mrs. Davis.“, begrüßte seine sanfte tiefe Stimme sie. „Mein Name ist Tymoron. Ich rufe sie zurück, um mich für den Posten des Übersetzers bei der Vernehmung von Yara zu bewerben.“ „Hi, Mr. Tymoron.“, meldete sich Davis zurück. „Ich denke, da haben Sie sehr gute Chancen. Im Augenblick sind Sie nämlich der einzige Bewerber.“ „Wie bitte?!“, fragte der Demetaner ungläubig. „Will denn niemand von meinen Kollegen …?“ „Wie es aussieht, nein.“, antwortete Kelly. „Wissen Sie, ich glaube, sie haben sich alle erschrocken wegen der Sache mit dem Geheimdienst. Ich musste ja sagen, in wessen Auftrag ich anrufe.“ „Sicher, sicher.“, antwortete Tymoron. „Da könnte ja sonst jeder kommen. Aber der Geheimdienst ist auch mit ein Grund, warum ich das unbedingt möchte. Wissen Sie, als ich den Namen Ihrer Auftraggeberin hörte, fiel mir gleich etwas auf. Ich bin nämlich mit einer Sedrin Taleris zur Schule gegangen. Sie war damals schon recht strebsam und ich könnte mir gut vorstellen, dass sie Karriere bei der Sternenflotte gemacht hat.“ „Ich kann Ihnen natürlich nicht sagen, Mr. Tymoron.“, sagte Kelly. „Ob es sich bei unserer Agent Sedrin wirklich um Ihre Klassenkameradin handelt, aber ich könnte Sie gleich mit ihr verbinden. Vielleicht können Sie das ja dann gleich mit ihr klären.“ „Wenn sie jetzt noch erreichbar ist, nur zu!“, ermutigte Tymoron sie. „Aber ich habe das Gefühl, dass Sie etwas irritiert. Ich meine, dass Sie von Berufswegen sehr diplomatisch sein müssen, kann ich mir vorstellen. Aber ich glaube, dass Sie mir aus irgendeinem Grund ständig ausweichen.“ „Es ist nur.“, sagte Kelly. „Weil Sie gleich so ungezwungen geplaudert haben. Ich hatte damit nicht gerechnet und es war mir irgendwie unheimlich, obwohl ich mich andererseits auch sehr wohl gefühlt habe.“ „Dann habe ich ja zumindest die Hälfte von dem erreicht, was ich erreichen wollte.“, sagte Tymoron. „Wissen Sie, die meisten Haustierbesitzer, die uns holen, haben ein Problem, das meistens am oberen Ende der Leine hängt. Ich will aber nicht als Oberlehrer und schon gar nicht als Richter daher kommen. Deshalb versuche ich erst einmal, eine freundliche Atmosphäre aufzubauen. In so einer lässt es sich doch viel besser arbeiten, nicht wahr? Das ist mein Konzept. Dann sind die Leute nämlich auch viel ehrlicher gegenüber mir und spielen mir nichts vor. So kann ich ihnen und ihren Vierbeinern auch viel besser helfen.“ „Stimmt.“, sagte Kelly. „Damit werben Sie ja auch auf Ihrer Seite. Aber ich hätte nicht gedacht, dass dieses Werbeversprechen der Wahrheit entspricht.“ „Aber warum sollte ich meine Klienten denn belügen?“, fragte Tymoron mit der ihr schon bekannten bestimmten Sanftheit in der Stimme. „Was würde ich denn damit erreichen? Doch wohl gar nichts, oder allerhöchstens das, meinen guten Ruf selbst in den Schmutz zu ziehen. Aber jetzt verbinden Sie mich erst mal mit Ihrem Agent Sedrin Taleris-Huxley. Ich möchte doch zu gern wissen, mit wem ich demnächst arbeiten werde.“ „Sofort, Mr. Tymoron.“, sagte Kelly. „Bleiben Sie bitte in der Leitung.“ Sie nahm die notwendigen Schaltungen vor.

Sedrin war überrascht über Kellys Ruf. „Ich hatte Ihnen doch erlaubt, das mit dem Termin und alles, was daran hängt, selbst in die Hand zu nehmen, Kelly.“, sagte die Demetanerin, die von dem Gespräch mit Peters immer noch leicht genervt war. Es hatte ihr gar nicht gefallen, dass er sich so unflexibel gegeben hatte, was die Theorien über Siskos Wiedergeburt anging. Das war eine Prämisse gewesen, die ihre Lehrer auf der Akademie ihnen bereits im ersten Jahr ihrer Ausbildung eingetrichtert hatten. „Eine Spur ist eine Spur, ist eine Spur, ist eine Spur und wenn sie noch so absurd scheint. Solange es keinen Gegenbeweis gibt, ist sie zu verfolgen!“, hatten ihre Professoren sie jeden Morgen bei Unterrichtsbeginn allesamt wiederholen lassen. Deshalb ärgerte sie um so mehr, dass er dies vergessen zu haben schien. „Es tut mir leid, Agent.“, entschuldigte sich Kelly. „Aber der Verhaltenstrainer, der sich als Einziger bereiterklärt hat, behauptet, mit einer Sedrin Taleris zur Schule gegangen zu sein. Er meint, dass könnten vielleicht Sie sein. Das möchte er klären.“

Sedrin überlegte kurz und ließ ihre Zeit auf der High School noch einmal Revue passieren. Tatsächlich hatte es während ihrer Zeit dort einen Jungen gegeben, der sich gleichermaßen für sie, aber auch für das Verhalten von Tieren interessiert hatte. Sie lächelte, als ihr die Gedanken an ihre gemeinsame Zeit durch den Kopf huschten. Sie und der gewisse Junge Namens Tymoron waren nämlich als Teenager einmal ein halbes Jahr lang ein Paar gewesen. Aber wie das so ist bei Beziehungen in dem Alter, gab es irgendwann auch wieder eine Trennung. Ob diese nun von ihr oder ihm ausgegangen war, vermochte Sedrin nicht mehr mit Gewissheit zu sagen. Sedrin wusste nur noch, dass es wohl keine Trennung aus Hass gewesen sein musste, denn sie waren danach auch weiterhin Freunde geblieben. Zumindest hatte es für einen flüchtigen Briefkontakt und ab und zu Gespräche am Wochenende ausgereicht, bevor sie zur Sternenflottenakademie gegangen war. Dann hatte man sich aus den Augen verloren. Sollte dieser „Geist“ aus der Vergangenheit sie jetzt tatsächlich wieder einholen?

Sedrin rückte ihre Kleidung zurecht und räusperte sich. Dann sagte sie: „Geben Sie her, Kelly.“ Die Notrufkoordinatorin nickte und ging per 88-Taste aus der Leitung. Ihr Bild auf dem Schirm wich dem des Demetaners. „Hallo, Sedrin.“, sagte er. „Wie ich sehe, bist du es tatsächlich. Wir sind zwar beide etwas älter geworden, aber dein verschmitztes Gesicht erkenne ich unter tausenden. Eure SITCHerin hat dich mit einem Doppelnamen vorgestellt. Das heißt, dass du wohl heute verheiratet bist und das auch noch mit einem Außerweltlichen. Ich meine, Huxley klingt nicht sehr demetanisch. Ich bin neugierig, wie deine konservativen Eltern das aufgenommen haben.“ „Meine Mutter hat sich damit arrangiert.“, sagte Sedrin. „Und mein Vater, du weißt ja, dass er tot ist.“ „Interessant.“, sagte Tymoron. „Aber jetzt zum Geschäftlichen. Du ließest ausrichten, es ginge um eine Wollkatze Namens Yara, welche die Ermordung ihres Frauchens gesehen haben soll?“ „Das stimmt.“, sagte Sedrin bestätigend. „Es ist wahrscheinlich durch den Schwiegersohn des Opfers geschehen, der durch einen hier am SITCH nicht unbedingt zu erwähnenden Umstand telepathisch geworden ist. Er ist Terraner.“ „Ah ja.“, brummelte Tymoron und notierte etwas in ein Pad. „Dann weiß ich schon, welchen Dummy wir brauchen. Es wäre gut, wenn du an getragene Kleidungsstücke unseres Verdächtigen Nummer eins kommen könntest. Wollkatzen sind zwar eigentlich Sichtjäger, aber der Geruch spielt auch eine Rolle. Je nach dem, wie sich Yara dann verhält, werden wir sehen, ob er es wirklich war und ob der Wäscher vom Mars endlich ein Gesicht bekommt. Du hörst, ich lese auch Zeitung. Wir werden aber auch noch jemanden benötigen, zu dem das Tier eine positive Beziehung hat. Notfalls den Lieblingspfleger aus dem Tierheim.“ „Das lässt sich bestimmt machen.“, sagte Sedrin. „Wichtiger ist mir jetzt, ob du überhaupt noch einen Termin frei hast.“ „Hätte ich sonst hier so lange mit dir geredet?“, fragte Tymoron und kam dabei für sie schon etwas altklug rüber. „Sicher nicht.“, beschwichtigte sie. „Na also.“, sagte er. „Dann würde ich sagen, dass ich nächste Woche Mittwoch bei euch aufschlage.“ „Das ist OK.“, sagte die Demetanerin und beendete die Verbindung: „Bis dann.“ Auch sie war neugierig geworden und freute sich insgeheim bereits sehr auf seine Ankunft.

Kapitel 18: Unbequeme Wahrheiten

von Visitor

 

Saron war in den Keller des Regierungsgebäudes auf Elyrien gegangen, wo sich das Archiv befand. Er hatte diese Arbeit immer wieder vor sich her geschoben, wusste aber jetzt, dass es wohl keinen Ausweg mehr geben würde. Er fühlte sich aber sehr schlecht dabei. Er wusste noch genau, was seine Vorgesetzte ihm auf dem Flug gesagt hatte. Von Heldentötung hatte sie gesprochen! Er hoffte sehr, dass die Seine nicht die Hand an der Klinge sein würde, durch die dieser Held, von dem ihm bereits in der Grundschule erzählt worden war, sterben würde. Sisko wurde ihm immer als ein sehr integerer Mann, ja fast schon als gottgleiche Lichtgestalt, dargestellt. Er war ja auch zur Hälfte ein außerirdisches Wesen, das sogar von einer Spezies in seinem heimatlichen Quadranten als göttlich verehrt wurde. Also konnte doch an ihm nichts Böses sein, oder? Aber was war, wenn in diesem Fall seine menschliche Hälfte die Oberhand gehabt hatte und ihn quasi dazu gezwungen hatte. Der Mensch war schließlich zu vielen Schandtaten fähig, wenn es um sein eigenes kleines Leben ging. Aber einen Überlebensinstinkt zu besitzen, konnte doch im Grunde auch nicht schlecht sein, denn die Natur hatte es doch so eingerichtet, dass die Spezies leben sollten. Warum sonst hätte sie dann erst Wesen entstehen lassen? War es also doch auf einer gewissen philosophischen Ebene legitim, was Sisko eventuell getan haben sollte?

Unfähig, diese Frage für sich zu entscheiden, setzte er sich an einen der Rechner, die zur Suche nach historischen Dateien allen Mitarbeitern hier zur Verfügung standen und gab seine Benutzerdaten ein. Dabei schlug ihm das Herz bis zum Hals. Er hoffte inständig, nichts zu finden, denn er wollte wie gesagt nicht am Sturz eines Helden schuld sein. Er wusste, dass man die Suche auf jeden Fall zu ihm zurückverfolgen konnte, wenn er etwas finden würde.

Das Programm war geladen und die Frage nach dem zu suchenden Schlagwort trieb ihm die Tränen in die Augen, denn der Sekretär ahnte, dass er jetzt nichts gegen den Sturz des Helden seiner Kindheit mehr tun können würde. Die Zeilen: „Willkommen, Mr. Saron! Bitte Suchbegriff eingeben!“, waren für ihn schon fast wie eine Aufforderung zur Revolte. Er starrte Minuten lang auf den Schirm, ohne irgendwas zu tun.

„Kann ich helfen?“, eine glockenhelle Stimme hatte ihn erschreckt. Erst jetzt sah Saron die Silhouette einer Frau, die langsam hinter den Regalen mit den Datenkristallen hervortrat. Sie war Celsianerin. Das konnte der hoch gebildete Sekretär durchaus erkennen. Zumal ihre herzförmigen Augen auch noch sehr durch ihre Art, sich zu schminken, betont wurden. Sie war etwa 1,70 m groß, schlank und trug ein blaues Kleid aus seidigem Stoff, das ihr knapp bis über die Knöchel reichte. Ihre Arme waren von langen Ärmeln bedeckt, die von neckischen Rüschen abgeschlossen wurden und sich in Richtung der Bündchen leicht verjüngten. Im flachen züchtigen Ausschnitt, der ihre weiblichen Reize nicht zu sehr betonte, prangte der Anhänger einer silbernen Halskette, der die Form eines Katzenkopfes hatte. Die grünen Augen der Katze, die aus replizierten Smaragden bestanden und sich vom Silber des Anhängers abhoben, schauten feurig und geheimnisvoll zu gleich. Das gab dem Anhänger ein sehr geheimnisvolles und rätselhaftes Aussehen, was, wie die Frau fand, als sie sich den Schmuck ausgesucht hatte, sehr gut zu einer Archivarin passte. Zu dem Kleid trug sie rote Schuhe, die auf der Spitze kleine weiße Bommel hatten und mit kleinen etwa 2 cm hohen Absätzen versehen waren.

Erneut fühlte sich Saron ertappt. Er hatte sogar das Gefühl, in seine Kindheit zurückversetzt worden zu sein und war für einen Augenblick wieder der kleine Junge, den man beim Genuss verbotenen Naschwerks erwischt hatte. Er warf ihr einen verschämten Blick zu, konnte sich aber nicht wirklich vom Bildschirm und der Eingabeaufforderung lösen. Dass der Computer ihn sogar mit seinem Namen identifiziert hatte, machte die Situation nicht wirklich leichter für ihn. Im Gegenteil!

Immer noch im Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, stellte er zunächst die Bedienung des Programms im Systemmenü von Stimm- auf Tastaturbedienung um. Aber kaum hatte er die Einstellungen beendet, war die ungeliebte Eingabeaufforderung wieder da.

Verloren sah sich Saron im Raum um. Wieder streifte sein Blick die Silhouette der Fremden, die er hier zuvor noch nie gesehen hatte. Er beschloss, zunächst mit ihr ein unverfängliches Gespräch zu beginnen. Das würde ihn sicher ablenken von dem, was er unter Umständen zu tun hatte. „Oh, ich habe Sie gar nicht bemerkt, Miss …“ Er überlegte merklich. „Dalylla Sendor.“, stellte sie sich lakonisch vor. „Ich bin die neue Archivarin.“ Wieder zuckte Saron zusammen. Ihr Nachname, der zugleich wie in den meisten Sprachen üblich, die keine Familiennamen an sich kannten, der Vorname ihres Mannes sein musste, wies ihn darauf hin, dass sie wohl mit einem der Netzwerker verheiratet sein musste. Andererseits war Sendor vielleicht auch ein auf Celsius sehr weit verbreiteter Name und er musste sich keine Sorgen machen, dass die Sache demnächst noch größere Wellen schlagen würde. Die Netzwerker überwachten ja sicher auch die Rechner im Archiv und hatten sicher schon gesehen, dass er jetzt bereits gefühlte zwei Stunden in der Eingabeaufforderung fest hing, ohne, dass sich etwas Signifikantes getan hatte. Wenn die Sprechanlage jetzt piepen würde, hätte er Gewissheit, was die Situation für ihn nicht gerade besser machte.

Jener ungeliebte Ton gellte auch bald durch den Raum. Er tat Saron regelrecht in den Ohren weh. „Entschuldigen Sie mich kurz.“, sagte Dalylla und wendete sich kurz der Anlage zu, die sie auf Lautsprecher gestellt hatte, um im Notfall die Hände für anderes frei zu haben. Im Display war das Rufzeichen der Informatikabteilung mit dem Unterrufzeichen von Sendors Arbeitsplatz zu sehen, der zugleich Leiter der Abteilung war. „Is’ bei dir alles klar, Schatz?“, fragte er. „Ich mein’, ich seh’ gerade, dass sich der Sekretär von Nugura im Archiv angemeldet hat, aber nichts macht. Der Rechner hängt aber nich’ fest. Kommt ihr klar?“

Erneut schnürte sich Saron die Kehle zusammen. Er wusste jetzt genau, dass es sich um jenen Mr. Sendor handeln musste, mit dem diese Frau verheiratet war, den er selbst sehr gut kannte. „Bitte sagen Sie, dass alles in Ordnung ist.“, bat er sie inständig. „Bitte, Dalylla. Es ist sehr wichtig!“ „Das werde ich nicht tun!“, sagte Dalylla fest. „Weil ich nämlich den Eindruck habe, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt, Mr. Saron. Sie sind ausgebildeter Sekretär und benehmen sich hier gerade, als könnten Sie den Rechner nicht bedienen. Was zur Hölle is’ hier los?!“

Saron war nicht entgangen, dass sie sich mit dem Sprechen zunächst große Mühe gegeben hatte, um ihre flapsige celsianische Sprache gut zu verschleiern, denn sie ahnte wohl, dass es einen sehr ernsten Hintergrund haben musste, wenn Saron solche Schwierigkeiten hatte. Das war ihr auch gut gelungen, bis auf ihren letzten Satz. „Bitte wenden Sie sich ab, Dalylla.“, bat Saron. „Ich möchte nicht, dass Sie das sehen.“ „Was soll ich denn nich’ sehen?“, flapste sie zurück. „Wenn Sie Geheimsachen nachzusehen haben, dann wäre es doch bestimmt besser gewesen, das von Ihrem Büro aus zu machen. Ich mein’, die Rechner sind doch alle untereinander vernetzt. Wenn Sie dabei nich’ klar gekommen wären, hätten Ihnen mein Mann und seine Mitarbeiter sicher geholfen.“ „Nein! Um Mutter Schicksals Willen!“, sagte Saron und betonte es so, dass sie denken musste, sie habe etwas Schreckliches von sich gegeben. Etwas, das einer Aufforderung zu einem Verbrechen gleich kam, oder zumindest dem Angebot zur Mittäterschaft bei eben diesem.

Dalylla ließ ihn nicht aus den Augen. Sie sah jetzt, wie er versuchte, die Schlagworte: „Sisko, romulanische Gesandte.“, und: „Mord.“, einzugeben, sich aber mehrmals dabei vertippte. Sie bemerkte, dass er dabei immer wütender auf sich selbst wurde. „So was.“, brummelte er vor sich hin. „Ein ausgebildeter Sekretär und kann noch nicht mal richtig schreiben!“

Erneut war das Piepen der Sprechanlage zu hören, das ihn erschreckte. Dalylla nahm das Gespräch entgegen. „Es tut mir leid, Schatz.“, hörte Saron erneut die Stimme des ihm bekannten Netzwerkers aus dem Lautsprecher. „Aber ich konnte einfach nich’ widerstehen. Was bitte macht dieser Saron da unten bei dir? Ich glaub’, hier braucht mal jemand Hilfe! Ich komm’ am besten selbst.“ Damit hängte er das Mikrofon für beide gut hörbar ein und die Verbindung wurde automatisch beendet, da die Sprechanlage entsprechend eingestellt war. „Er ist unterwegs.“, sagte Dalylla. „Ab jetzt gibt es kein Zurück mehr.“ „Bitte, wimmeln Sie ihn wieder ab.“, bat Saron verzweifelt. „Es ist besser, wenn so wenige Leute wie möglich von der Sache erfahren. Haben Sie eine Ahnung, was das auslösen könnte, wenn …“

Er begann plötzlich zu zittern und fiel vor ihren Augen vom Stuhl. Sie hockte sich neben ihn und zog ihn an sich im Versuch, ihm beim Aufstehen behilflich zu sein. Da er aber sehr weiche Knie hatte, gelang ihr das nicht. Deshalb nahm sie ihn einfach so in den Arm, wie die Beiden jetzt hier auf dem Boden des Archivs saßen.

Saron bemerkte, wie gut ihm ihre Anwesenheit tat. Er genoss den Duft ihres Parfums, das ihn stark an eine heimische demetanische Blume erinnerte. Auch der weiche seidige Stoff ihres Kleides gab ihm ein Gefühl der Geborgenheit. „Sch.“, machte Dalylla. „Is’ ja gut. Oh, Backe! Dass der Job in Nuguras Büro so stressig is’, hätte ich nich’ gedacht. Sie verhalten sich ja, als hätten Sie einen Schock!“ Sie sah, dass er immer blasser und blasser wurde.

Die Tür öffnete sich. „Bist du hier, Dalylla?!“, fragte eine tiefe Stimme ins Halbdunkel des Raumes. „Ja, Sendor.“, antwortete sie, die diese Stimme durchaus erkannt hatte. Dann sah sie, wie sich ihr Mann auf die Beiden auf dem Boden sitzenden zu bewegte. „Ach du Scheiße!“, urteilte Sendor, packte Saron mit seinen kräftigen Händen an den Schultern, zog ihn hoch und verfrachtete ihn, auch gegen seinen Willen, auf einen Stuhl. Dann holte er zwei kleine in der Höhe verstellbare Hocker, die an sich als Tritthilfe dienten, um an die oberen Etagen der Regale kommen zu können, stellte sie auf die größtmögliche Höhe ein und schob sie unter Sarons Beine. „So, mein Bester!“, sagte er nach getaner Arbeit. „Meine Frau holt Ihnen jetzt erst mal ’n Arzt und ich seh’ mir die Bescherung mal an, die sie hier verzapft haben!“ Damit wandte er sich dem Rechner zu: „So, mein Kleiner! Zeig Papa mal, was du hast!“

Unfähig, sich in dieser Situation noch irgendwie zu wehren, saß Saron da und sah sich an, was Sendor ans Tageslicht zauberte. „Was haben Sie denn da für Suchbegriffe eingegeben?“, fragte Sendor. „Na, bei denen würde ich auch einen Schock erleiden. Fragt sich nur, wer hier wen umgebracht haben soll. Sisko die Romulaner, oder die Romulaner Sisko.“ Er lachte, denn er hoffte mit diesem kleinen Witz Sarons Stimmung etwas aufheitern zu können. Durch einen Seitenblick bemerkte er aber bald, dass er genau das Gegenteil erreicht hatte. „Oha.“, machte er. „Dann sind die Geschichten, die dieser Wäscher vom Mars erzählt, eventuell doch wahr?“

Saron schlug die Hände über dem Kopf zusammen und begann bitterlich zu weinen. „Ach du dicker Hund!“, meinte der Netzwerker lakonisch. „Das bedeutet, sie will tatsächlich wissen, ob da was Wahres dran is’. Na gut. Dann wollen wir mal!“ Er bestätigte Sarons Eingaben. „Bitte nicht, Mr. Sendor!“, schluchzte Saron verzweifelt. „Bitte nicht!“ „Is’ schon zu spät.“, sagte Sendor. „Er sucht bereits und das tut er im ganzen Netz. Das könnte jetzt etwas dauern.“

Er nahm die Hand seiner Frau und zog sie hinter eines der Regale, wo er mit ihr gleich ein Gespräch in ihrer Muttersprache begann, von dem Saron nur die Worte: „Nang.“, und: „Quet.“, verstehen konnte, die: „Ja.“, beziehungsweise: „Nein.“, bedeuteten. Die Sprache erinnerte das gut geschulte Ohr des Sekretärs entfernt an die Sprache der Thai, die auf der Erde gesprochen wurde. Was die Beiden jetzt besprachen, konnte er allerdings nicht heraushören, da sich seine Kenntnisse des Celsianischen auf nur diese beiden Worte beschränkten. Aber da sie ihre Diskussion sehr aufgeregt führten, konnte er sich denken, dass es wohl um seine Situation ging. Dann sah er, wie sich Dalylla zu einer Sprechanlage begab und ein externes Rufzeichen eingab, während sich Sendor zurück an den Rechner setzte.

Mit einem Seitenblick zu ihm beobachtete der Netzwerker den Bildschirm. „Also.“, sagte er. „Er is’ jetzt fertig. Zu Ihrer Beruhigung: Gefunden hat er nichts. Aber das muss ja nichts heißen. Wenn das wirklich so ’ne Geheimsache war, dann wird auch nichts darüber an die Öffentlichkeit geraten sein. Wir könnten noch bei den Geheimdiensten nachfragen, aber dann brauchten wir ’ne Sondergenehmigung.“ „Ist schon OK, Sendor.“, sagte Saron, der sich angesichts seiner Worte sehr erleichtert vorkam.

Dalylla war von ihrem Gespräch zurückgekehrt und setzte sich jetzt auch zu Saron und ihrem Mann. „Ich habe unserem Hausarzt Bescheid gegeben.“, sagte sie und legte Saron tröstend ihre kleine rechte Hand auf die Schulter. „Er ist sehr freundlich und kommt gleich. Er ist auch psychologisch geschult. Von ihm werden Sie sicher Hilfe bekommen.“ „Danke, Dalylla.“, sagte Saron. „Aber ich glaube, es geht mir schon viel besser.“

Er versuchte aufzustehen, aber seine Beine versagten ihm den Dienst, was zur Folge hatte, dass er gleich wieder hinfiel. Dalylla raunte ihrem Mann aufgeregt etwas auf Celsianisch zu, was ihn veranlasste, sofort hinzu zu springen und ihn auf einen Bürostuhl zu ziehen, den sie ihnen eilig hingeschoben hatte und der jetzt als Rollstuhl zweckentfremdet wurde. „Ne, ne, mein Junge.“, lachte der etwas kräftig gebaute Celsianer. „Nich’ ohne mich. Nich’ ohne Onkel Sendor. Bis der Arzt hier war, machen Sie keinen Schritt allein, verstanden?“ „Aber ich muss ...“, stammelte Saron. „Die Ergebnisse …“ „Das lassen Sie mal unsere Sorge sein.“, sagte Sendor zuversichtlich und Dalylla pflichtete bei: „Ich werde ihr mitteilen, dass Sie nichts gefunden haben. Ich werde ihr ja ohnehin melden müssen, dass Sie krank geworden sind, weil es an meinem Arbeitsplatz geschehen ist.“ „Bitte nicht, Dalylla.“, sagte Saron mit einem Flehen in den Augen. „Sie darf es nicht erfahren!“ „Und wie wollen Sie dann Ihre Abwesenheit im Büro erklären, he?“, fragte Sendor. „Sie haben ja Recht.“, sagte Saron. „Aber es ist doch wirklich beschämend, wie ich mich verhalten habe, oder?“ „Ne.“, urteilte Sendor. „Also, in meinen Augen is’ Ihr Verhalten ganz normal. Wenn mir plötzlich jemand den Boden unter den Füßen weg ziehen würde, dann würde ich sicher genau so reagieren. Ich mag zwar nur ’n ungehobelter Celsianer sein, der oft flapsig daher quatscht, aber ich bin nich’ doof. Hab zufällig auch vor ’nem Sprechgerät gesessen, als die Übergabe von Meilenstein übertragen werden sollte. Ich weiß auch, wessen die Romulaner und der Fremde uns beschuldigen und dass wir nix finden, heißt nich’, dass da nix war. Immerhin war Sisko ein Held und das gebe einen hübschen schwarzen Fleck auf seiner weißen Weste. Aber irgendwoher muss die Info ja kommen. Mein Bauch sagt mir auf jeden Fall, dass der komische Fremde sich das alles nich’ ausgedacht hat und ich hab’ ’n großen Bauch. Wenn wir da mal nich’ ’ner ziemlich unbequemen Wahrheit auf der Spur sind, mein Lieber!“

Die Worte des Netzwerkers, der wohl nicht ganz an die Unschuld Siskos glaubte, waren für den Sekretär, der dies immer noch tat, wie ein Stich ins Herz. Aber wenn nur die Hälfte von dem stimmte, was vermutet wurde, dann musste er sein Bild vom strahlenden Helden wohl noch einmal überdenken. Aber im Augenblick war er dazu überhaupt nicht in der Lage. Das würde sich wohl erst nach einigen therapeutischen Sitzungen bei Dalyllas und Sendors Hausarzt ändern.

Dalylla, die vor das Haus getreten war, kam jetzt mit einem älteren Terraner im weißen Kittel, der etwa 1,80 m maß und eine drahtige Figur und rote kurze Haare hatte, zurück, der seinen Jeep gut sichtbar auf dem Parkplatz abgestellt hatte. „Ich bin Doktor Joseph Jenkins.“, stellte er sich bei Saron vor. „Ich werde mich jetzt um Sie kümmern. Keine Sorge, Mr. Saron. Überarbeiten kann sich jeder mal.“ Damit gab der fremde zivile Mediziner Sendor einen Wink und die Männer verfrachteten Saron gemeinsam auf die Rückbank des Jeeps, während Dalylla ihnen alle Türen aufhielt. Insgeheim war Saron sehr froh, dass ihm jetzt Hilfe zuteil wurde. Er hätte nicht gewusst, wie er allein mit den schlimmen Gedanken an Siskos eventuelle Schuld fertig werden sollte.

Wesentlich neutraler gingen die Xylianer mit der Situation um, obwohl sie eigentlich viel mehr Grund gehabt hätten, erschüttert zu sein, denn sie hatten tatsächlich etwas gefunden. Aus den alten Aufzeichnungen der Station Deep Space Nine, die ihnen durch Nuguras Anordnung überantwortet worden waren, ging tatsächlich eine eindeutige Schuld Siskos hervor! Man hatte bei der Untersuchung der Kristalle aus der Station und den Shuttles eindeutige Dinge zutage gefördert. Da waren nicht nur die Aufzeichnungen von Gesprächen und die danach erfolgte Entdeckung der Fälschung des thermolytischen Datenstäbchens, sondern auch das Gespräch zwischen Sisko und dem Zivilisten Garak zu sehen, der den Mord schließlich ausgeführt und sich sogar noch damit gebrüstet hatte. Aber es gab keinen Weg, der an Siskos Schuld vorbeiführte, den Mord geplant zu haben, auch wenn ein anderer die makabere Gelegenheit ergriffen hatte. Auf einem Datenkristall des Shuttles Rio Grande war nämlich ein vollständiges Geständnis des Captains zu finden. Er hatte dies zwar gelöscht, nachdem er, so zu sagen als Therapie, dem Logbuch alles mitgeteilt hatte, diese Löschung war aber nicht durch Expertenhand, sondern nur durch einen einfachen laienhaften Löschbefehl erfolgt, was es den Xylianern sehr leicht machte.

Ein kleines Modul machte sich also auf den Weg zum Zentralring, um A/1 die neuen Fakten mitzuteilen. Es war mit zwei Sonden, die eine männlich, die andere weiblich, besetzt. Die Sonden hatten den Datenkristall mit den Beweisen dabei. Nachdem das Staatsoberhaupt informiert war, würde er die Fakten sicher Nugura und den Romulanern gleichermaßen mitteilen, wie es ihnen versprochen worden war.

Das Modul näherte sich einer freien Andockrampe am Zentralring und machte fest. Dann verließ die weibliche Sonde es, während die Männliche an Bord blieb. Ihr Weg führte sie nun durch unzählige Gänge zum Mittelpunkt des Ringes, wo sie A/1 antraf. Sofort hatte dieser sie registriert und über ihr Rufzeichen, das ihm durch ihr Präsenzsignal, von dem es ein Teil war, mitgeteilt wurde, Verbindung zu ihr aufgenommen. „Welche Erkenntnisse hast du gewonnen, J/12?“, fragte er die Daten von der vor ihm stehenden Sonde ab. „Die Bioeinheit Benjamin Sisko ist schuldig.“, sagte die Sonde. „Er hat den Mord an den romulanischen Gesandten tatsächlich geplant. Die Informationen der fremden Bioeinheit sind also korrekt. Es gibt eine weitere in den Fall verstrickte Bioeinheit Namens Garak. Er hat den Mord schließlich ausgeführt.“ „Handelte die Bioeinheit Garak auf Befehl der Bioeinheit Sisko?“, wollte das xylianische Staatsoberhaupt von der ihm unterstellten Wissenschaftlerin erfahren. „Die Fakten sind meiner Interpretation nach in dieser Frage nicht eindeutig.“, antwortete J/12. „Wir müssen eine Sonde in unsere Konferenz integrieren, die eine fundierte Expertise zum Verhalten von Bioeinheiten abgeben kann.“ „Zeig mir die Daten, die du gesammelt hast!“, befahl A/1 und J/12 steckte den mitgebrachten Datenkristall in ein Laufwerk an einer Konsole. An die gleiche Konsole hefteten sich dann auch sie und A/1 per Kommunikationsverbindung. Dann sahen sie sich alles an, was die wissenschaftlichen Ermittlungen der Sonden erbracht hatten.

A/1 löste sich als Erster wieder von der Konsole und sah seine Untergebene niedergeschlagen an. „Diese Daten sind zu 80 % eindeutig.“, stellte er fest. „Wir sollten aber abschließend klären, ob die Bioeinheit Garak auf Befehl der Bioeinheit Sisko gehandelt hat, oder nicht. Die Fakten wird das nicht ändern, aber es wird der Bioeinheit Nugura ein besseres Verständnis ermöglichen. Allerdings wird die Beziehung zwischen den Romulanern und der Föderation enden, wenn wir das Verhalten von Bioeinheiten korrekt einschätzen. Ein Krieg scheint sogar möglich.“

Er heftete sich wieder an die Konsole und gab einen Suchbefehl ein, der den Rechner nach Daten über das Verhalten von Bioeinheiten im Allgemeinen suchen ließ. Außerdem nach der Kennung der Sonde, die am meisten Daten zu diesem Thema eingestellt hatte. Am Ende dabei heraus kam die Kennung von D/4, mit der A/1 über einige Relaisstationen sofort Kontakt aufnahm. „Es existieren ungeklärte Fakten im System.“, begründete er die Störung ihrer Regeneration, zu der sich D/4 gerade an ihre Dockingstation begeben hatte. „Deine Expertise ist notwendig. Bitte schalte deine Systeme frei, um in unsere Konferenz integriert zu werden. Die fraglichen Daten werden dann auch dir zur Verfügung gestellt. Deine Assistenz bei der Lösung dieser Frage ist unverzichtbar!“ „Verstanden.“, gab D/4 zurück und tat, worum sie gerade von ihrem Staatsoberhaupt gebeten worden war. Jetzt konnte auch sie sich ansehen, vor welcher Frage er und J/12 standen. „Eure bisherige Einschätzung ist korrekt.“, urteilte sie. „Das Ende der Beziehung zwischen der Föderation und den Romulanern ist eminent. Ein derart schweres Verbrechen wird nicht toleriert werden. Dieser Fakt wird zu einem Bruch zwischen Nugura und dem Staatsoberhaupt der Romulaner führen. Dieser Bruch wird das Ende der Beziehungen herbeiführen. Ein politischer Bruch ist eminent. Die Romulaner könnten dies sogar als einen Grund sehen, die Föderation, welche sie so hintergangen und belogen hat, erneut als Feind anzusehen. Ein Krieg wäre eventuell das Ergebnis.“ „Kannst du beantworten, ob die Bioeinheit Garak auf Befehl der Bioeinheit Sisko gehandelt hat?“, fragte A/1. „Affirmativ.“, erwiderte die ältere weibliche Sonde. „Das kann ich. Meiner Analyse des Verhaltens der Bioeinheit Sisko gegenüber der Bioeinheit Garak nach hat die Bioeinheit Garak nicht auf Befehl der Bioeinheit Sisko gehandelt. Aber dieser Nebenfakt ist irrelevant. Er ändert nichts an dem Fakt der Schuld der Bioeinheit Sisko, auch wenn die Bioeinheit Garak auf eigene Faust gehandelt hat. Aber Fakt bleibt, dass die Bioeinheit Sisko den Mord geplant hat, um den Formwandlern später die Schuld zuzuweisen. Dies ist ein Verhalten, zu dem ein Sternenflottenoffizier den eigenen Angaben der Föderation nach niemals greifen darf. Da Sisko als ein Solcher aber dagegen verstoßen hat, werden die Romulaner dies der Föderation vorwerfen. Das Ende der Beziehung wird eminent sein.“ „Hältst du auch einen Krieg für eminent?“, fragte J/12, die eine noch sehr junge Sonde war und sich noch nicht so gut mit der Welt außerhalb des Systems auskannte, direkt an D/4 gerichtet. „Negativ.“, sagte D/4. „Ich halte einen Krieg für möglich, aber nicht für eminent. Die Bioeinheiten haben immer wieder gezeigt, dass sie sich auch entgegen der Wahrscheinlichkeiten verhalten können. Das Verbrechen, den Mord an den romulanischen Gesandten, werden sie aber nicht verzeihen.“ „Auch dann nicht, wenn er durch einen einzelnen Zivilisten ausgeführt wurde?“, fragte die junge Sonde. „Auch dann nicht!“, sagte D/4 mit Überzeugung. „Denn die vorliegenden Fakten und dieses Geständnis zeigen eindeutig, wer die treibende Kraft war und das war ein Föderationsoffizier. Er hat den Zivilisten so zu sagen zu seiner Handlung inspiriert. Zumindest werden meiner Analyse nach die Romulaner es so betrachten. Die meisten Bioeinheiten handeln sehr emotional. Unsere Erkenntnisse werden die Beziehung beenden. Eine politische Eiszeit ist eminent!“

A/1 bedankte sich noch bei seiner Untergebenen und beendete dann schnellstens die Verbindung. Es war ihm klar geworden, dass J/12 die Situation ziemlich zusetzte. Da die Xylianer ja in gewisser Weise ein Verständnis für Emotion besaßen, war ihm klar, dass sie das Ganze wohl ziemlich unheimlich finden musste. „Denkst du, dass D/4 mit ihrer Analyse Recht hat?“, fragte sie. „Affirmativ.“, antwortete das Staatsoberhaupt der Xylianer. „Sie lebt jetzt schon seit über zehn Jahren unter Bioeinheiten. Ihre Kenntnisse über deren Verhalten sind fundiert. Die Bioeinheiten der Föderation und der Romulaner haben einen Grundsatz in ihrem Strafrecht: Mord verjährt nicht! Allein aufgrund dieses Faktums werden sie den Mord an den Gesandten nicht verzeihen. Noch dazu werden sie nicht tolerieren, dass die Föderation die Romulaner 800 Jahre lang belogen hat. Etwas, das laut ihrem Kodex auch nicht passieren darf. Die Romulaner hätten also jedes Recht, der Föderation die bekannten Fakten vorzuwerfen.“ „Wie wirst du vorgehen?“, wollte die junge Sonde wissen. „Ich werde mich mit dem Modul, mit dem du gekommen bist, zum Regierungsgebäude der Föderation bringen lassen. Dann werde ich Nugura die Fakten selbst überbringen. Danach werde ich mit ihr gemeinsam entscheiden, ob sie oder wir den Romulanern die Ergebnisse mitteilen sollen.“

Mittels seiner internen Kommunikationseinheit nahm er Kontakt zu einer weiblichen Sonde auf, die im Hintergrund wartete. Es war A/2, die immer mit ihm im Zentralring anwesend war. Per Datenlink übergab er ihr quasi seine Amtsgeschäfte und wandte sich dann wieder an die junge Sonde: „Bring mich jetzt zu eurem Modul!“ Sie nickte und winkte ihm, ihr zu folgen.

Kapitel 19: Agent Mikel, was nun?

von Visitor

 

Auf der positiven Granger saß Mikel in seinem Quartier und verfasste eine SITCH-Mail an Warrior Kang, mit dem er heimlich über sein weiteres Vorgehen sprechen wollte. Dem versierten Spionageoffizier, der extrem großes Wissen über Mächtige und deren Kräfte hatte, war längst klar, dass er wohl etwas getan hatte, was Kissara nicht von ihm angenommen hätte. Er wusste, wenn sie davon erführe, würde sie sehr enttäuscht sein und Kompensation verlangen.

Mit zitternden Händen schickte Mikel die Mail ab. Er wusste, dass es Kang ähnlich gehen würde wie ihm selbst. Er dachte sich, dass der Klingone lange nicht so dumm sei, wie alle dachten und dass er auch längst über den ersten Schock hinweg sein musste und begriffen hatte, was er getan hatte, als er sich freiwillig reinwaschen ließ. Die Föderation mochte sich im Krieg gegen die Formwandler in dieser Hinsicht ehrlos verhalten haben, aber sein eigenes Verhalten war noch viel ehrloser, wenn man betrachtete, wem er sich da anheim gegeben hatte.

Die Türsprechanlage piepte drei mal, wie Mikel es Kang in der Mail aufgetragen hatte. „Kommen Sie herein, Mr. Kang.“, sagte Mikel. Dann entriegelte er die Tür. Leise betrat der klingonische Stratege das Quartier des terranischen ersten Offiziers. „Sind Sie allein, Mr. Kang?“, fragte der blinde Mann, als er seinen Untergebenen auf dem Flur abholte und mit sich ins Wohnzimmer führte. „Allein, wie Sie es verlangt haben, Sir.“, sagte Kang und setzte sich neben Mikel auf die Couch. Der replizierte gleich eine riesige Kanne Blutwein und eine ganze Kiste Kölsch. Verwirrt sah der Klingone auf die Flaschen und die Kanne, die Mikel auf den Tisch stemmte. „Mit Verlaub, Agent.“, setzte er leise an, denn es war auf keinen Fall seine Absicht, den ersten Offizier zu kompromittieren. Obwohl er wusste, dass die Quartiere schalldicht waren, wäre es ihm sehr peinlich gewesen, wenn jemand Unbeteiligtes von seiner Vermutung erfahren hätte. „Sie haben mich doch hoffentlich nicht hergeholt, um sich gemeinsam mit mir maßlos zu betrinken, oder?“ „An sich haben Sie Recht, Kang.“, sagte Mikel. „Das ist eigentlich nicht mein Stil. Aber ich weiß weder aus, noch ein. Sie wissen, was wir Beide zugelassen haben.“ „Ja, Agent.“, erwiderte Kang. „Das weiß ich. Ich weiß, zu was für einer ehrlosen Handlung ich mich hinreißen lassen habe und, mit Verlaub, Sie auch, Sir, obwohl Kissara Sie noch ermahnt hat, keine Dummheiten zu machen. Ich denke, von Ihnen, der so viel Wissen über Mächtige hat, hätte sie das, was passiert ist, am wenigsten erwartet und von mir, der ein hohes Empfinden von Ehre besitzt, sicher auch nicht.“ „Sie haben Recht.“, sagte Mikel und öffnete eine Flasche, um sie sich ohne Glas an den Mund zu setzen. „Ich denke, Mr. Kang.“, sagte er dann zu seinem klingonischen Untergebenen und Leidensgenossen. „Es wird nicht schlimm sein, wenn Sie auch gleich aus dem Humpen trinken. Es sieht ja eh keiner.“ „Aber Sie sind doch hier, Sir.“, versuchte Kang, auf seine gute Kinderstube aufmerksam zu machen. „Das stimmt.“, bestätigte Mikel. „Aber ich sehe es nicht.“ „Aber Sie wüssten es und das stört mich.“, sagte Kang. „Wir sollten auch aufhören, hier vor Selbstmitleid zu vergehen! Damit werde ich gleich einmal anfangen. Mit dem Aufhören, meine ich!“

Für seine momentanen Verhältnisse entschlossen ging er zu Mikels Replikator und ließ sich ein großes bauchiges Glas geben. „Ihr Volk behauptet, in bauchigen Gläsern entfaltet sich das Aroma von Wein am besten.“, sagte er zur Begründung. „Das können wir ja gleich einmal ausprobieren.“ Dann setzte er sich wieder zu Mikel.

„Was wollten Sie denn jetzt wirklich mit mir besprechen, Agent?“, fragte der Klingone, nachdem beide ihre Trinkgefäße kurz angesetzt hatten, um einen großen Schluck aus ihnen zu nehmen. „Einen Ausweg, Mr. Kang.“, sagte Mikel. „Einen Ausweg aus dieser unsäglichen Situation! Können Sie sich vorstellen, was geschieht, wenn sie davon erfährt? Wenn sie erfährt, dass zwei ihrer fähigsten Offiziere Sytania auf den Leim gegangen sind?!“ „Wenn Sie von ihr reden.“, erkundigte sich Kang. „Dann meinen Sie sicher unseren Commander, oder?“ „Natürlich meine ich unseren Commander, Warrior. Sie sind doch sonst nicht so begriffsstutzig!“ „Bitte vergeben Sie mir, Sir.“, bat Kang. „Es ist nur, weil mir mein böses Gegenstück immer mehr von meiner mentalen Energie entzieht.“ „Denken Sie etwa, mir geht es anders, he?!“, schrie Mikel ihn an. Es war ihm jetzt völlig egal, dass jemand etwas hören hätte können. Von ihm aus durfte das ganze Schiff mitkriegen, dass er Kang gerade zusammenfaltete. „Ich quäle mich auch jeden Morgen aus dem Bett! Seit Khitomer ist Aufstehen für mich der reinste Kampf und Krampf! Aber wenn wir zulassen, dass diese Antriebslosigkeit uns kontrolliert, dann hat Sytania gewonnen! Vergegenwärtigen Sie sich das, Kang!“ „Ich werde es versuchen, Sir.“, sagte Kang für klingonische Verhältnisse doch recht kleinlaut. „Versuchen reicht mir nicht!“, gab Mikel zurück. „Ich will hören, dass Sie es tun werden, nicht nur, dass Sie es versuchen!“

Kang stand auf, holte tief Luft und sagte dann in ähnlicher Lautstärke: „Ich werde es tun, Sir!“ „Geht doch.“, lobte Mikel und klopfte ihm auf die Schulter, nachdem sich Kang zu ihm heruntergebeugt hatte. Zwischen dem verhältnismäßig kleinen Terraner und dem großen Klingonen gab es eben doch signifikante Unterschiede. „Setzen Sie sich wieder!“, befahl Mikel und wartete ab, bis Kang erneut neben ihm auf dem Sofa Platz genommen hatte. „Kommen wir nun zum geschäftlichen Teil. Wenn wir nicht wollen, dass uns unsere bösen Gegenstücke vernichten, müssen wir einen Weg finden, sie zu zwingen, nach unseren Regeln zu spielen. Mir schwebt da schon etwas vor, aber ich müsste zunächst Ihre fachliche Meinung einholen, ob meine Idee strategisch überhaupt durchführbar ist und, ob Sie meinen, dass sie Erfolg haben wird. Natürlich werden wir Kissara zu gegebener Zeit darüber informieren, aber wenn wir ihr dann gleich eine Lösung präsentieren können, wird sie vielleicht gnädig gestimmt sein und uns nicht zum Schrubben des Warpkerns in den Maschinenraum abkommandieren.“ „Und Elektra bekommt unsere beiden Jobs simultan.“, grinste Kang. „Ich hoffe, dass es nicht so weit kommt.“, sagte Mikel ernst. „Ich habe versucht, einen Scherz zu machen, Agent.“, sagte Kang. „Aber nun mal Spaß bei Seite. Was ist denn genau Ihr Plan?“ „Ich denke, wir müssen es irgendwie hinbekommen, die negative Sternenflotte zur Erde zu locken. Dort ist das Hauptquartier von unseren Leuten, sie aber wären vom Nachschub abgeschnitten. Ich denke, das wird kein Problem sein, wenn wir meinem Gegenstück noch intensiver verdeutlichen, dass ich am Leben bin und auch beabsichtige, es zu bleiben. Da es offenkundig auf der anderen Granger keine Kissara gibt, wird er wohl dort das Kommando führen. Er wird wissen, dass ich ihn bekämpfe und wird mich deshalb um so schneller vernichten wollen.“ „Das leuchtet mir ein, Agent.“, sagte Kang. „Aber wie wollen Sie …?“ „Ich werde einfach ein noch größerer Stachel in seinem Fleisch werden. Dill hat mir einiges beigebracht und Sie wissen, welche Gabe ich besitze. Notfalls kann ich ja immer noch den Computer konsultieren. Der wird mir sicher auch noch einige Tipps aus der paranormalen Datenbank geben können. Lassen Sie das meine Sorge sein, Kang. Ich kenne mich da aus!“

„Ich sehe, Sie haben das alles gut durchdacht, Sir.“, sagte der Stratege, nachdem er sich Mikels Vorschlag durch seinen fachkundigen Kopf gehen lassen hatte. „Meiner Ansicht nach könnte Ihr Plan tatsächlich funktionieren. Wir sollten damit zu Kissara gehen. Das würde zwar bedeuten, dass wir zugeben würden, einen Fehler gemacht zu haben, aber wie Sie schon sagten, wenn wir dann gleich eine Lösung präsentieren, stimmt sie das vielleicht versöhnlich.“ „In Ordnung.“, sagte Mikel. „Lassen Sie mich bitte nur kurz die Reste von unserem Gelage hier entfernen. Ich will nicht, dass jemand auf falsche Gedanken kommt.“ „Ich werde Ihnen behilflich sein, Agent.“, sagte Kang und schnappte sich einige Flaschen und die noch nicht mal bis zur Hälfte geleerte Kanne Blutwein, um alles der Materierückgewinnung zu übergeben.

Im gleichen Moment piepte die Sprechanlage. „Wer kann das denn sein?!“, fragte Mikel nervös und nahm das Mikrofon, um zu antworten. „Wer ist dort?“, fragte er. „Technical Assistant Elektra, Sir.“, kam eine nüchterne Antwort von außen. „Ich bitte um Erlaubnis, Ihr Quartier zu betreten. Ich fürchte, ich muss Ihnen etwas melden.“

Mikel wusste, dass Ausflüchte ihm nicht helfen würden. Wenn sie es war, die zu ihm wollte, würde er zweifelsfrei Farbe bekennen müssen. Aber auf der anderen Seite wusste er auch, dass sein Geheimnis bei ihr eine neutrale Behandlung erfahren würde und er sich vor ihr als einer künstlichen Lebensform sicher nicht so sehr schämen musste wie vor einem biologischen Wesen, das seine Situation unter Umständen als Anlass für Spott und Häme sehen könnte. Dies könnte zu erheblichen Einbußen beim Respekt führen. Aber nicht bei ihr. Mikel begriff ihre Störung also eher als Segen, denn als Fluch. „Kommen Sie rein, Elektra.“, sagte Mikel.

Elektra betrat das Quartier und ging gleich ins Wohnzimmer durch, ohne die Abholung durch ihren Gastgeber abzuwarten. Der Blick der Androidin fiel sofort auf die unordentlich zusammengerafften Flaschen. „Nun, Agent.“, sagte sie mit neutralem Tonfall. „In Anbetracht der Situation, in der Sie und der Warrior sich offensichtlich befinden, ist das eine durchaus gängige Reaktion bei Organischen, wenn es schwerwiegende Probleme gibt.“

Ihr Satz hatte Mikel erschauern lassen. Dieser eine Satz, mit dem sie kurz und prägnant alles auf einen Punkt gebracht hatte und mit dem sie gleichzeitig signalisiert hatte, dass sie wusste, wo hier das Problem lag. Er wollte sich zu ihr wenden, aber das gelang ihm nicht. Statt dessen drohte er, lang vor ihr hinzuschlagen, was sie aber durch eine schnelle Bewegung verhinderte. Dann verfrachtete sie ihn wieder auf seine Couch zurück. „Ich bin Androidin.“, erklärte sie dem sie hilflos anblickenden Mikel. „Meine Reflexe sind um einiges besser, als die so mancher biologischen Lebensform.“ „Das ist es nicht, Elektra.“, sagte Mikel gleichzeitig erschöpft, aber auch erleichtert. „Dass das bei Ihnen so ist, weiß die Sternenflotte schon seit Commander Data. Aber ich habe ein ganz anderes Problem.“ „Die Fakten sind mir bekannt, Sir.“, sagte sie. „Meine Augen funktionieren wie die Sensoren eines Erfassers. Deshalb sehe ich Ihr Problem im wahrsten Sinn des Wortes sehr genau. In diesem Raum sind zwei Energiefelder, die einmal von Warrior Kang und einmal von Ihnen ausgehen. Wenn ich ehrlich bin, was außer Frage steht, da Androiden nicht lügen können, dann sehe ich das Gleiche auch bei Techniker Jannings, Allrounder Ribanna und den Medizinern. Das Feld scheint Ihre Mandelkerne anzuzapfen, Gentlemen. Die Zentren, die für Ihr Aggressionsverhalten zuständig sind. Aber diese Zentren regeln auch Ihre Entschlossenheit. Ich habe mir die medizinischen Daten auf dem Weg zu Ihnen vom Computer geben lassen. Die Felder scheinen sich auf den Subraum und die interdimensionale Schicht zu erstrecken. Entkommen können Sie also nicht. Aber sie mit einem Phaser mit Rosannium zu durchbrechen, könnte Sie beide und auch alle anderen töten.“

Mikel fühlte sich erwischt und erleichtert zugleich. Offensichtlich hatte ihr ein einziger Blick genügt, um die Fakten zu sehen. Fakten, die jetzt dringend an Kissara weitergegeben werden mussten. „Würden Sie uns begleiten, Technical Assistant?“, fragte er. „Natürlich.“, sagte Elektra ruhig. „Eine sachlich fundierte Meinung könnte die Situation sicher abschwächen und es uns erleichtern, mit Commander Kissara gemeinsam zu einer vernünftigen Lösung zu kommen.“ Damit hakte sie Mikel rechts und Kang links unter und dann verließen sie Mikels Quartier in Richtung von Kissaras. Dass dies auch mit Elektras Unterstützung zu einem Gang nach Canossa werden würde, wusste der erste Offizier. Da machte er sich und auch Kang nichts vor.

Kissara war in ihrem Quartier mit dem Abfassen von Berichten und mit dem Sortieren von Listen und Einträgen ins Diary beschäftigt, als die Sprechanlage ihre Arbeit jäh unterbrach. „Wer ist dort?“, fragte die Thundarianerin, ohne aufs Display zu sehen. Das war eigentlich nicht ihre Art, aber in diesem speziellen Fall hätte das ohnehin keinen großen Sinn ergeben, da das Kommunikationssystem ihr lediglich die Auskunft erteilt hätte, dass jemand die äußere Sprechanlage für die Tür betätigt hätte. Aber heute war Kissara auch in einer etwas genervten Stimmung, denn Papierkram war nicht gerade das, mit dem sie gern ihre Zeit verbrachte.

Draußen vor der Tür schienen alle drei darauf zu warten, dass der jeweils andere die Sprechanlage betätigen würde. Den Vorschriften nach wäre das am ranghöchsten Offizier, also an Mikel, gewesen, aber er traute sich nicht wirklich. Auch Kang rutschte, für einen Klingonen sicher ungewöhnlich, das Herz in die Hose. Also musste Elektra es wohl im wahrsten Sinn des Wortes in die Hand nehmen, was sie nun auch mit dem Mikrofon tat: „Commander, Technical Assistant Elektra, Warrior Kang und Agent Mikel bitten um Erlaubnis, Ihr Quartier zu betreten.“ Sie hatte sich nur deshalb zuerst genannt, weil sie diejenige war, welche die Sprechanlage bedient hatte. So wusste Kissara gleich besser, woran sie war. „Erteilt, Technical Assistant!“, kam es zurück und die Türen glitten vor ihnen auseinander. Nun führte Elektra ihre beiden Vorgesetzten hinein. Dabei fühlten sich Mikel und Kang wie zwei Lämmer, die von ihrer Schäferin zur Schlachtbank geführt wurden. Die Schlachterin würde wohl Kissara sein. „Warum um alles in der Welt müssen mein erster Offizier und mein Stratege einen einfachen Technical Assistant vorschicken, um mir ihre Belange vorzutragen, Elektra?!“, wendete sich Kissara gleichzeitig verwundert und empört direkt an die Androidin. Mikel und Kang fuhren zusammen. Sie würde mit der Wahrheit nicht hinter dem Berg halten. Wenn Kissara sie direkt gefragt hatte, dann musste sie vielleicht bereits eine Vermutung haben und glauben, Mikel und Kang würden sich zu sehr in Ausreden verstricken.

Mikel versuchte durch eine Flucht nach vorn die Situation noch zu retten und holte tief Luft, um dann mit einem Geständnis zu beginnen. Kissara aber winkte deutlich ab und sagte energisch: „Ich habe Elektra gefragt!“

Die angesprochene Androidin löste sich von den beiden Männern und machte einen Schritt nach vorn in Richtung Raummitte. Dann begann sie: „Nun, Commander, ich habe etwas Beunruhigendes beobachtet. Auf diesem Schiff gibt es Energiefelder, welche die Mandelkerne aller biologischen Wesen, mit Ausnahme des Ihren, anzapfen. Sie funktionieren wie Energietransferstrahlen. Sie transferieren offensichtlich alle Energie aus den Kernen heraus zu einer Stelle in einer anderen Dimension. Das schließe ich daraus, weil die Felder auch durch den Subraum und die interdimensionale Schicht verlaufen. Ihnen zu entkommen ist also nicht möglich. Da der Mandelkern bei den meisten Humanoiden nicht nur für die Regelung des Aggressionsverhaltens, sondern auch für die Regelung der Entschlussfähigkeit zuständig ist, werden alle immer willen- und antriebsloser werden, wenn meine Berechnungen stimmen. Bei Agent Mikel und Warrior Kang geht das allerdings erheblich langsamer vor sich.“ „Seit wann beobachten Sie das, Elektra?“, wollte Kissara wissen, die bereits eine Vermutung hatte, was sie meinen könnte. „Seit unserem kürzlich erfolgten Aufenthalt auf Khitomer, Ma’am.“, antwortete die Androidin wahrheitsgemäß. „Meine Systeme verzeichnen dies bei allen, die sich von dem Fremden berühren lassen hatten, sofort nach der Berührung.“

Kissara sträubten sich die Nackenhaare unterhalb ihres Uniformkragens, was ein klares Zeichen dafür war, dass sie ziemlich wütend wurde, sich aber bemühte, dies nicht zu zeigen. „Haben Sie das auch bei den beiden Gentlemen hier beobachtet, Technical Assistant?!“, sagte Kissara etwas energischer. „Ja, Commander.“, sagte Elektra nüchtern.

Kissara holte tief Luft und seufzte, während Elektra und Kang gut sehen konnten, dass ihre Krallen aus ihrer ausgestreckten rechten Hand hervortraten. Elektra drehte sich langsam um und signalisierte ihr damit ihre Bereitschaft, die Räumlichkeiten zu verlassen, denn sie ahnte, dass gleich ein thundarianisches Donnerwetter auf ihre Vorgesetzten hernieder prasseln würde. Im Allgemeinen schickte es sich für Untergebene nicht, bei so etwas dabei zu bleiben, denn, bei biologischen Lebensformen würde man riskieren, dass die angeklagten Offiziere dem Spott und Hohn ausgesetzt würden und erheblich an Respekt verlören, was nicht gut für die Disziplin wäre. Aber bei Elektra als einer künstlichen Lebensform musste man deshalb ja keine Angst haben. Also sagte Kissara: „Nein, Sie bleiben, Elektra! Ich mache mir sonst viel zu viele Sorgen darum, dass mir ein erheblicher Teil der Wahrheit abhanden kommen könnte. Wenn Sie keine Androidin wären, hätte ich Sie wegtreten lassen, aber so bin ich ganz froh, dass Sie da sind.“

Sie wendete sich an Mikel: „Was haben Sie mir zu sagen, Agent?! Sind ihre Worte wahr?!“ Verstockt stand Mikel nur da und brachte kein Wort heraus. „Spricht sie die Wahrheit?!“, bohrte Kissara nach. „Haben Sie sich von dem Fremden berühren lassen?!“ Wieder vergingen einige Sekunden. „Ich höre nichts!“, sagte Kissara und ihre Katzenaugen leuchteten feurig grün vor Wut, Strenge und Enttäuschung. Endlich nickte Mikel. „Das hätte ich von Ihnen, der so großes Wissen über Mächtige und deren Kräfte hat, nicht erwartet!“, sagte Kissara mit erbostem Ton. „Was zur Hölle glauben Sie, habe ich damit gemeint, als ich zu Ihnen sagte, Sie sollten keine Dummheiten machen?! Bei Kang kann ich ein solches Verhalten unter Umständen noch verstehen! Ihn, als einen Klingonen, muss es sehr schockiert haben, ein solch ehrloses Verhalten zu sehen, dessen der Fremde die Föderation beschuldigt hat! Auch von Jannings und den anderen ist es unter Umständen verständlich, wenn man bedenkt, dass wir alle auf der Akademie ein Idealbild eines Sternenflottenoffiziers eingeprägt bekommen, zu dem ein solches Verbrechen nun so gar nicht passen will. Man bringt uns bei, auch dann, wenn wir einen Krieg oder eine Schlacht verlieren würden, handeln wir nie niederträchtig oder eigennützig und wir lassen schon gar keine Unschuldigen für uns über die Klinge springen. Dann zu sehen, dass einer von uns genau das getan haben soll, kann schon einmal zu einer Schockreaktion führen. Aber von Ihnen, Mikel, von Ihnen, von Ihnen hätte ich das nicht gedacht! Sogar mir war klar, dass wir es hier mit Sytania zu tun hatten, die nur wieder einen Weg suchte, uns zu attackieren!“

Elektra hob die Hand. Sie wusste, dass Kissara gerade sich selbst in gewisser Hinsicht widersprochen hatte. „Bitte um Erlaubnis, frei zu sprechen, Commander.“, sagte die Androidin nüchtern. „Von mir aus!“, sagte Kissara etwas genervt. „Sie wissen, dass ich nicht nur als Vertreterin der Wahrheit, sondern auch als Anwältin von Agent Mikel und Warrior Kang hier bin.“, sagte Elektra. „Eine Anwältin!“, sagte Kissara immer noch sehr aufgewühlt. „Oh, ja, die wird vor allem mein erster Offizier, der mich maßlos enttäuscht hat, gut brauchen können! Aber sagen Sie ruhig, was Sie zu seiner Verteidigung zu sagen haben!“ „Wie Sie gerade selbst festgestellt haben.“, setzte Elektra an. „Neigen alle biologischen Lebensformen an Bord dieses Schiffes zu Angst- und Schockverhalten, wenn etwas eintritt, das die Integrität ihrer Welt beeinträchtigt. Sie, Commander, haben dem nur widerstehen können, weil Sie als Thundarianerin eine so genannte passive Telepathin, also in der Lage sind, den Einfluss von Telepathie zu fühlen, eine Fähigkeit, die allen anderen Besatzungsmitgliedern abgeht, da sie keine Katzenartigen sind. Der Agent hat zwar das nötige Wissen, aber dennoch fehlt ihm diese entscheidende Fähigkeit. Er war also genau so prädestiniert, ein Opfer des Fremden und Sytanias zu werden, wie alle anderen auch.“

Kissara überlegte. „Sie haben Recht, Elektra.“, sagte sie, nachdem sie ihre Worte reflektiert hatte. „Die Wenigsten hier auf diesem Schiff haben eben eine ständige Alarmglocke. Agent, ich fürchte, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen.“ „Entschuldigung angenommen, Ma’am.“, sagte Mikel. „Und ich glaube, ich habe auch eine Möglichkeit, meinen Fehler gleich wieder gut zu machen.“ „Ich höre.“, sagte Kissara und gab sich große Mühe, dabei sehr interessiert zu klingen. „Wir sollten die böse Sternenflotte zu unserer Erde locken. Dort könnten wir sie vielleicht beschäftigen, weil wir dort Nachschub erhalten können, sie aber nicht. Mein Gegenstück wird alles daran setzen, mich zu vernichten. Weil es Sie dort nicht gibt, Kissara, wird er das Kommando über die dortige Granger führen und wenn sie mit uns beschäftigt sind, können sie nirgendwo anders Unruhe stiften und so manche unschuldige Spezies wird sich bei uns bedanken.“ „Wie wollen Sie das anstellen, Mikel?!“, fragte sie. „Indem ich ein noch größerer Stachel im Fleisch meines Gegenstückes werde, Kissara. Dill hat mir da einiges …“ „Ah ja.“, sagte sie konspirativ. „Aber ich denke, davon sollten alle profitieren, wenn es gelingen soll. Sie können doch sicher allen ein paar mentale Kniffe und Tricks zeigen, nicht wahr?“ „Natürlich, Kissara.“, grinste Mikel zurück. Er wusste, dass sie ihm zugute hielt, dass er trotz seines Fehltrittes nie aufgehört hatte, so gut es ging sein böses Ich zu bekämpfen, was Elektra auch indirekt bestätigt hatte. Zur Ausführung ihres Plans würden sie auf dem Weg zur Erde viel Zeit haben, das dachten sie zumindest. Dass sich alles ganz anders entwickeln sollte und sie die Erde früher wieder sehen würden, als gedacht und zu einem ganz anderen Anlass, ahnten sie noch nicht.

Noch immer lag Radcliffe in seinem Zimmer auf dem Boden. Er war sehr benommen und eine gewisse intime Stelle tat ihm immer noch sehr weh! Ginalla musste voll ins Schwarze, beziehungsweise mitten in die Krohnjuwelen, getroffen haben.

Er tastete um sich. Schließlich traf seine Hand auf die Schlüsselkarte, die links neben ihm gelegen hatte. Die hatte Ginalla ihm gelassen, damit er sich zu gegebener Zeit aus dem Zimmer hätte befreien können. Bis dahin, so hatte sie ausgerechnet, würde sie längst aus seiner Reichweite verschwunden sein. Aber auch die Krawattennadel fand Radcliffe und überlegte, Sytania zu kontaktieren, um ihr von seiner Pleite zu berichten. Er ahnte zwar bereits, dass dies bei ihr nicht gut ankommen würde, aber das war ihm jetzt auch egal.

Er nahm den Kontaktkelch in beide Hände und stellte sich das Gesicht der Königstochter vor, wie er es von ihr gelernt hatte. Tatsächlich hörte er auch bald ihre Stimme in seinem Geist: Was gibt es, Nathaniel?, Ich muss Euch leider berichten, Milady, dass mein Versuch, Ginalla rein zu waschen, fehlgeschlagen ist. So?, gab Sytania zurück und tat dabei unwissend. Was ist denn passiert? Sie hat mich getäuscht und dann verletzt., jammerte Radcliffe und dachte an den Schmerz in seinem Unterleib. Damit hättest du rechnen müssen., meinte Sytania. Ich meine, es ist Ginalla! Diese niederträchtige Schlange hat selbst mich besiegt und mein schönes Gefängnis zerstört. Gut, damals hatte sie Hilfe von zwei mir ebenso verhassten Telepathen, aber sie war diejenige, die auf den Bolzen mit dem Erzeugen von Blitzen und die Synchronisierung durch ihren Gesang gekommen ist! Dafür könnte ich sie heute noch zum Teufel wünschen, aber ich frage mich, ob ich dem Armen ihre Gesellschaft antun sollte! Obwohl sie eine einfache Sterbliche ist, ist sie für mich bereits eine fast so schlimme Geißel geworden wie Time oder Zirell, oder Kissara und andere Sterbliche, die ich leider immer wieder unterschätze! Was ist mit dieser Allrounder Betsy Scott?, wollte Radcliffe wissen. Oh, ja., seufzte Sytania. Sie ist mir auch ein ganz schöner Dorn im Auge. Aber du weißt ja, was du zu tun hast. Wenn sie irgendwie den Anschein erwecken sollte, dass sie dir dein neues kinderliebes und gesundes Verhalten, ohne dass du dich für Sisko und deine Familie für die Seine hältst, nicht abnimmt, dann tötest du sie! Aber Milady., äußerte Radcliffe Bedenken. Der imperianische Schlafwurz, den Ihr mir für sie gegeben habt, ist doch nachweisbar. Was ist, wenn …? Ach was!, gab Sytania lakonisch zurück. Hältst du mich etwa für eine solche Anfängerin? Ich habe den Inhalt des Gefäßes so verändert, dass er bereits 20 Minuten, nachdem er seine Wirkung entfaltet hat, einfach so aus ihrem Blut verschwindet. Diese 20 Minuten werden nämlich ausreichen, damit ich sie ins Wasser schicken kann. Außerdem gibt es im See starke mineralische Ablagerungen, die dafür sorgen werden, dass kein Erfasser vernünftig funktioniert. Das bedeutet, sie werden auch nicht sehen können, dass ich an einer kleinen plötzlichen Unterströmung schuld bin, die ich verursachen werde. Dieses Mal werden sie mir gar nichts nachweisen können, rein gar nichts! Sie lachte hämisch. Und mir damit auch nicht., atmete Radcliffe auf. Nein, dir auch nicht, mein Lieber., bestätigte die Prinzessin.

Er legte den Kelch wieder zur Seite und richtete sich langsam auf, was ihm immer noch sehr schwer fiel. Insgeheim hoffte er, mich doch nicht töten zu müssen, aber er war auch bereit, es jederzeit zu tun, wenn ich nur den kleinsten Eindruck erwecken würde, ihm sein neues gesundes Verhalten nicht abzunehmen. Seine Frau und sein Sohn durften aber keinesfalls von dieser Unterredung zwischen Sytania und ihm erfahren. Deshalb war er froh, dass er so gut gelernt hatte, auch als eigentlicher Nicht-Telepath mit einer telepathischen Verbindung doch so gut umzugehen. So gut, dass er kein lautes Wort von sich gegeben hatte und Nayale so sicher keinen Anlass sah, weiter nachzuforschen. Sie hatte schon sehr viel herausbekommen, seiner Meinung nach schon zu viel, aber er konnte sie und Malcolm ja auf keinen Fall auch einfach beseitigen. Zu viele Tote auf einmal würden zuviel Aufsehen erregen.

Nathaniel fragte sich allerdings, was Sytania bewogen haben könnte, sein Versagen bei Ginallas Reinwaschung doch so locker zu sehen. Seine Vermutung war, dass sie wohl an einer anderen Stelle ihres Plans einen sehr großen Fortschritt gemacht haben musste oder einen erwartete. Sonst hätte sie sicher nicht so verständnisvoll reagiert, ein Wesenszug, für den Sytania sonst eigentlich nicht bekannt war.

Der Grund für Sytanias gute Laune waren Telzan und seine Truppe. Sie hatten sich mit ihren Schiffen in der Nähe des celsianischen Sonnensystems auf die Lauer gelegt. Hier gab es eine Menge Planetoiden, die ihre Energiesignaturen durch ihre Pole abschwächen, wenn nicht sogar ganz verstecken, würden. Dirshan, der seinen Anführer, wie meistens in solchen Fällen, heute auch begleitet hatte, sah aufmerksam auf den Schirm. „Bist du sicher, dass dieses Schiff hier entlang fliegen wird?“, fragte der Novize neugierig. „Durch diese hohle Gasse muss es kommen.“, grinste Telzan fast süffisant zurück. „Es führt kein anderer Weg nach Celsius.“

Immer noch verhältnismäßig guter Dinge und nichts von der Falle ahnend, die Sytanias Vendar ihm gestellt hatten, flog Kamurus seiner Wege. Er wusste, dass Lycira bei seiner Freundin und seiner Tochter in Sicherheit war. Dass es ihm selbst bald erheblich schlechter und fast an den Kragen gehen würde, wusste er nicht. Woher auch? Seine Sensoren waren ja nicht in der Lage, die Gefahr, die über den Polen auf ihn wartete, zu erkennen. Deshalb sah er die Schiffe der Vendar auch erst, als sie ihn schon umkreist hatten und wie Heuschrecken aus allen Richtungen auf ihn zu flogen. Durch Manöver, in denen er seine Flughöhe schnell änderte, versuchte er, ihnen zu entkommen, aber sie passten sich ihm immer wieder an. Das war auch ein Verdienst Dirshans, der Telzans und sein Schiff flog und die anderen auch über SITCH ständig über Kamurus’ Tätigkeit informierte. „Du denkst sehr vorausschauend, mein Schüler.“, lobte Telzan. „Ich tue, was ich kann, Anführer.“, sagte der jugendliche Vendar bescheiden. „Aber mir ist nicht klar, warum wir nicht einfach auf dieses Schiff das Feuer eröffnen. Ich meine, wir sind in einer sehr guten Position und würden es bestimmt zu einem Häuflein Asche werden lassen, wenn …“ „Ich habe nur darauf gewartet, dass du das von dir aus erkennst.“, sagte Telzan stolz. „Also, übermittle den anderen den Befehl zum Angriff!“ „Ja, Anführer!“, nickte Dirshan und tat, was Telzan ihm soeben erlaubt hatte. Es war dem Novizen sehr angenehm, so hoch in der Gunst seines Ausbilders zu stehen, dass er sogar eigene Befehle an die Vendar, die zum größten Teil schon vollwertige Krieger und keine Novizen mehr waren, übermitteln durfte. Er programmierte also einen Sammelruf und sagte, nachdem dieser von allen entgegengenommen worden war: „Angriff!!!“ Alle folgten seinem Befehl, ohne ihn auch nur im Geringsten zu hinterfragen. Die erwachsenen Vendar wussten, welchen Stellenwert Dirshan bei ihrem Anführer, der gleichzeitig sein Ausbilder war, hatte.

Trotz gehobener Schilde war Kamurus ständig damit beschäftigt, den auf ihn herab prasselnden Schwaden von Photonentorpedos und dem Phaserfeuer auszuweichen. Er konnte und wollte nicht riskieren, von einem von ihnen unter Umständen doch noch flugunfähig geschossen zu werden und seine Mission nicht mehr fortführen zu können. Er war leider noch nicht in Rufweite der celsianischen Raumkontrolle und erst recht nicht in der von Ginallas Sprechgerät. Selbst dann, wenn er einen von ihnen hätte kontaktieren können, würde es viel zu lange dauern, bis Hilfe bei ihm wäre. Bis dahin hätten die Vendar ihn bestimmt vernichtet. Dass Hilfe allerdings näher war, als er zu diesem Zeitpunkt ahnte, hätte er sich nie träumen lassen.

Immer enger zogen die Vendar ihren Kreis um das arme sich nach Kräften wehrende selbstständig denkende Schiff. Kamurus’ Schilde hatten schon einige Treffer abbekommen und er wusste nicht, wie lange sie dem Feuer noch standhalten würden, zumal er bereits einige Ausfälle von Generatoren zu verzeichnen und auf Reservesysteme geschaltet hatte. Wenn Ginalla jetzt schon bei ihm gewesen wäre, hätte sie das sicher in Windeseile repariert, oder sich eine andere Lösung, zumindest zur temporären Überbrückung, einfallen lassen. Aber er war allein, das dachte er zumindest, bis er plötzlich vor sich etwas sah, das von fern wie ein riesiges Loch im Raum aussah. Er flog näher heran und sah, dass sich hinter dem Loch ein komplexes Geflecht aus Gängen und Tunneln befand. In Mitten dieses Geflechts bemerkte er ein Biozeichen! Diese Art von Biozeichen war Kamurus aber bekannt. Er hatte sich damals, als er an der Regierungsbasis angedockt hatte, gut mit der Granger und mit IDUSA unterhalten. Durch diesen Datenaustausch wusste er bald genau, um was für eine Art Wesen es sich handelte. Es war ein Wesen, wie es in der Sternenflottendatenbank zuerst durch die Voyager verzeichnet worden war, das Raumschiffbesatzungen anlockte, um sich von ihnen und der Materie ihrer Schiffe zu ernähren. Aber er wusste auch, dass diese Wesen normalerweise eine Täuschung anwendeten, um biologischen Wesen vorzuspielen, ihren größten Wunsch erfüllen zu können, um sie in seine Falle zu locken. Bei ihm, der ja im Moment keinen biologischen Piloten hatte, bei dem das funktionieren könnte, würde es nicht klappen. Aber das Wesen musste das doch merken! Ihm musste doch klar sein, dass Kamurus sehen würde, was wirklich hinter ihm steckte! Warum war es hier, wo es doch sehen musste, dass es keine Chance gab, einen Happen abzugreifen?! Kamurus war allein! Er war Technologie! Er war außerdem nicht von Ginallas Befehlen abhängig und konnte selbstständig entscheiden! Warum wartete dieses Wesen nicht, bis sie bei ihm war und kam erst dann zum Vorschein? Was war nur seine Absicht?!

Auch die Vendar hatten das Wesen gesehen. „Schau mal, Dirshan!“, grinste Telzan dreckig. „Dieses Wesen wird den Job für uns erledigen!“ „Oh, ja.“, bestätigte der Junge. „Es wird nicht mehr lange dauern, dann ist von ihm nichts mehr übrig. Es ist zwar schade, dass wir es nicht waren, die das geschafft haben, aber wenn es nicht mehr da ist, dann ist Sytanias Befehl ja auch Genüge getan. Ich finde nur, wir sollten es ihm noch in mundgerechte Happen zerkleinern! Sieh mal, Anführer, es ist gerade so schön in Schussweite!“ „Dann lass mich das Steuer übernehmen und tu es selbst.“, sagte Telzan. „Wenn du so scharf darauf bist.“ Dirshan nickte und rückte einen Platz weiter.

Kamurus waren langsam die Tricks ausgegangen, mit denen er versuchen konnte, den Vendar auszuweichen. Er dachte schon darüber nach, sich dem Wesen geschlagen zu geben. Aus seiner Sicht hatte er die Wahl zwischen Pest und Cholera. Er konnte sich aussuchen, entweder von einem grobschlächtigen Vendar-Ingenieur in seine Einzelteile zerlegt, oder von einem Wesen bei lebendigem Leib aufgefressen und verdaut zu werden. Wenn er sich für die Vendar entscheiden würde, liefe er aber auch Gefahr, Sytania kostbare Informationen zu liefern, was er auf keinen Fall wollte! Wenn er doch nur die wahre Absicht des Wesens herausfinden könnte! Wenn er doch nur mit ihm kommunizieren könnte! Aber Moment mal! Dieses Wesen war telepathisch und er hatte doch einen Neurokoppler an Bord. Vielleicht würde es ihm möglich sein, durch eine geschickte Platzierung des Gerätes per Transporter in der Nähe seines Cockpitfensters dafür zu sorgen, dass es die Signale des Wesens empfangen konnte. Wenn er seine Empfindlichkeit auf Maximum stellen würde, müsste er doch eigentlich in der Lage sein, von dem Wesen Signale für eine Neurotabelle abzuleiten und so eine Kommunikation herstellen können! Aber er sah noch ein Problem, das es vorher zu lösen galt. Er musste es irgendwie hinbekommen, den Stecker in den Port zu stecken. Da das Manöver mit der Antriebsspule und Lyciras Warpgondel nicht geklappt hatte, war er etwas entmutigt, was sein Geschick mit dem eigenen Transporter anging. Warum, verdammt noch mal, musste Ginalla nur die verdammte Angewohnheit haben, den Stecker zu ziehen?! Aber der Punkt, zu dem der Stecker gebeamt werden sollte, war doch statisch und bewegte sich nicht so sehr wie Lycira. „Ich muss es einfach versuchen!“, sagte er zu sich und nahm eine beherzte Transportererfassung vor. Tatsächlich gelang der Vorgang auf Anhieb. Jetzt musste er das andere Ende der Verbindung, an dem der für den Kopf des Organischen gedachte Teil des Kopplers hing, nur noch nahe an die Fensterscheibe bringen, was auch funktionierte. Jetzt stellte er den Koppler so empfindlich ein, wie es nur ging. Nach nur kurzer Suche konnte er sogar bereits verwertbare Signale empfangen, ein Umstand, der ihn sehr freute. Dann war auch die nötige Reaktionstabelle bald erstellt.

Das Wesen war erstaunt, das Gesicht eines backenbärtigen Mannes vor sich zu sehen, der aber irgendwie keine emotionale Substanz hatte, die es telepathisch erfassen konnte. „Ich weiß, dass dich das irritieren muss.“, versuchte Kamurus, ihm seinen ersten Schrecken zu nehmen. „Aber ich bin Technologie.“ Ich weiß., gab das Wesen zum Erstaunen des Schiffes telepathisch zurück. Ich bin hier, um dir zu helfen! Du musst dich aber von mir verschlucken lassen. Ich frage mich nur, wie du meinen Verdauungssäften entkommen sollst. Eine Schildkonfiguration wird dich wohl nicht auf ewig schützen. „Wenn ich genau wüsste, wann du schluckst.“, überlegte Kamurus. „Dann könnte ich in deiner Speiseröhre kurz auf Warp eins gehen. Danach schalte ich sofort wieder auf Impuls. Der Schwung dürfte ausreichen, um mich schnell genug durch deinen Magen zu tragen, wo die schädlichen Säfte sind. Wenn ich diese Passage hinter mir habe, dürfte der Rest nicht mehr so gefährlich sein und ich könnte in deinem Darm überdauern, bis du … Na ja, du weißt schon und die Vendar weg sind. Damit mein Durchflug durch deinen Körper für dich nicht so schmerzhaft wird, werde ich meine Schilde deinen internen Strukturen anpassen. Ich hoffe, dann wirst du nicht mehr von mir spüren, als ein leichtes Kribbeln.“ Klingt in der Theorie ja ganz einfach., gab das Wesen zurück, das Kamurus inzwischen auch als männlich wahrgenommen hatte. Aber du wirst mit einigen Turbulenzen rechnen müssen. „Dann muss ich eben genau Kurs halten!“, sagte Kamurus und bereitete seine Systeme auf die Manöver vor. Während dessen schickte er ein Stoßgebet zu seinen Göttern: „Weise Erbauer, bitte gebt, dass ich diesem Wesen wirklich keinen Schmerz zufüge. Ich weiß, ich habe mich lange nicht mehr bei euch gemeldet. Aber bitte seid mir deshalb nicht böse und lasst mich jetzt nicht allein. Bitte lasst mich die richtigen Konfigurationen für meine Systeme finden!“

Achtung, mein Freund! Jetzt! Der telepathischen Warnung des Wesens folgte ein Sog, in den Kamurus geriet. Es gelang ihm gerade noch so, seine Fluglage zu stabilisieren. Dann schaltete er auf Warp eins und hob seine Schilde, wie er es mit dem Fremden vereinbart hatte, um dann sofort wieder auf Impuls zu schalten. Tatsächlich transportierte ihn der Schwung durch die gefährlichen Säfte. Er flog weiter und gelangte in einen langen Kanal, dessen Ende noch versperrt war. Hier deaktivierte er seinen Antrieb zunächst völlig. Dann flüsterte er erleichtert: „Habt Dank, weise Erbauer.“ Wer sind diese weisen Erbauer, zu denen du betest?, erkundigte sich das Wesen. „Sie sind unsere Götter.“, antwortete Kamurus. „Wir glauben, dass wir selbstständig denkenden Schiffe aus einer Gruppe von Raumschiffen hervorgegangen sind, die einmal von jemandem erbaut wurde.“ Verstehe., gab das Wesen zurück.

Telzan sah, wie ein von Dirshan abgefeuerter Torpedo eine Explosion verursachte. Dann glaubte er, Trümmer zu sehen. „Ausgezeichneter Schuss, mein Schüler!“, lobte er. „Du hast genau den Warpantrieb getroffen. Das hat einen Warpkernbruch verursacht. Dieses Schiff wird niemanden mehr holen und das heißt, dass Allrounder Betsys Schiff auch zu niemandem kommen kann, um eine Aussage zu machen, denn niemand, der es reparieren könnte, wird davon erfahren.“ Er grinste gemein: „Lass uns nach Hause fliegen.“

Zufrieden sah das Wesen zu, wie die Schiffe der Vendar abdrehten. Meine Täuschung haben sie geschluckt., beruhigte er Kamurus. Es war mir ein Leichtes, ihren größten Wunsch zu erkennen und zu erfüllen. „Mich tot zu sehen.“, ergänzte Kamurus. Genau., meinte das Wesen. Wohin kann ich dich bringen? „Nach Celsius!“, sagte Kamurus fest. „Weißt du, wo das ist?“ Nein., gab das Wesen zurück. Aber du wirst es mir doch bestimmt sagen können. „Das stimmt.“, sagte Kamurus. „Aber du musst dich einmal umschauen, damit ich weiß, wo wir sind.“ Das Wesen folgte seiner Aufforderung. „Ah, ja.“, sagte Kamurus, der die Signale empfangen hatte. „Wenn du diesen Kurs hältst, dann sind wir schon richtig. Übrigens, warum hilfst du mir?“ Ich weiß, wer die geschickt hat, die dir ans Leder wollten., erklärte das Wesen. Das war Sytania und ich mag Sytania nicht! „Wer mag die schon?“, seufzte Kamurus leise und schaltete seine Systeme auf Stand By. Ein Schläfchen würde ihm jetzt gut tun. Das Wesen würde ihn schon wecken, wenn sie angekommen wären.

Kapitel 20: Rettungspläne

von Visitor

 

Darell, die Oberste der Zusammenkunft, hatte mit Zirell über Sedrins Anfrage, die von der tindaranischen Kommandantin weitergegeben worden war, gesprochen. Von ihr hatte die Besatzung der 281 Alpha tatsächlich das OK bekommen, für den Geheimdienst der Föderation nach der kleinen Breen zu suchen. Damit wurde IDUSA auch gleich beauftragt, die eine Datenverbindung zur Plattform herstellte und die Befehle entsprechend weitergab. „Denkst du, dass wir sie überhaupt noch lebend finden werden, Zirell?“, fragte der erste Offizier, Agent Maron, der gemeinsam mit dem Rest der verbliebenen Brückenbesatzung auf die Suchergebnisse wartete. „Ich hoffe es auf jeden Fall!“, sagte Zirell. „Falls nicht, haben wir leider eine Zeugin weniger. Dann können sich Agent Sedrin und du nur auf die Aussage von D/4 verlassen. An Allrounder Betsy Scott kommt ja zur Zeit niemand ran. Sie ist ja krankgeschrieben.“

Ein Signal von IDUSA verriet allen, dass der Rechner der Station wohl etwas von ihnen wollen könnte. „Bitte setzen Sie die Neurokoppler auf, Ladies und Gentlemen.“, bat der Avatar höflich über den Bordlautsprecher. Da alle sehr neugierig waren, was IDUSA wohl gefunden haben könnte, folgten sie der Aufforderung. Vor ihren geistigen Augen erschien das Bild des bekannten Avatars. Sie hatte einen Zeigestock in der Hand, mit dem sie auf eine Sternenkarte zeigte. „Dort ist Ihr Biozeichen, Agent.“, wendete sich IDUSA direkt an Maron, der ja für Sedrin hier auf der Station quasi die Ermittlungen führte. „Zeig es uns, IDUSA!“, befahl Maron und sah, wie die Frau auf dem Bild einen Erfasser zog, um mit ihm die kleine Breen, deren Umrisse er jetzt auch vor sich sah, zu scannen. Dann ließ IDUSA es so aussehen, als hielte sie den Erfasser in Marons Richtung. Der Agent sah deutlich, dass Herzschlag und Atmung des Mädchens stark verlangsamt und unregelmäßig waren. „Ich muss kein Arzt sein, um zu beurteilen, dass sie dies nicht überlebt, wenn wir uns nicht beeilen!“, sagte Maron mit Überzeugung. „Die neue IDUSA-Einheit und ich könnten dir da bestimmt behilflich sein, Agent.“, schlug Joran vor. „Eine sehr gute Idee.“, sagte Zirell lobend. „Du wolltest doch ohnehin auf Mission mit ihr. Habe ich Recht?“ „Das hast du, Anführerin.“, sagte der Vendar zuversichtlich. „Also dann.“, sagte Zirell. „Aber während du unterwegs bist, sollten wir hier alles schon einmal für eine außergewöhnliche Patientin vorbereiten. Ich selbst werde mich zu Ishan auf die Krankenstation begeben und dafür sorgen, dass es unserer Breen an nichts fehlen wird, wenn sie hier ist. Ich hörte, es gebe medizinisch einiges zu beachten. Beispielsweise haben sie kein Blut und fühlen sich in einer sehr kalten Umgebung wohl. Je kälter, desto besser.“ Dabei sah sie ihren ersten Offizier fragend an. „Was du gesagt hast, kann ich nur bestätigen, Zirell.“, sagte Maron. „Obwohl wir auch kaum Daten über die Breen haben. Die Föderation ist ihnen das erste Mal wirklich eigentlich in feindlicher Absicht begegnet. Im Krieg mit den Formwandlern waren sie deren Verbündete. Aber dass die Föderation an dem Krieg nicht ganz unschuldig war, weißt du ja bestimmt.“ „Dass ihr immer alles so verharmlosen müsst!“, ärgerte sich Zirell. „Begonnen hat die Föderation den Krieg! Wir wollen doch schön bei der Wahrheit bleiben, Maron, nicht wahr?“ „Du sprichst über Sektion 31.“, sagte der Geheimdienstler und schluckte. „Ja, da hast du Recht. Da hat sich die Föderation wirklich nicht mit Ruhm bekleckert.“ „Nein, das hat sie nicht.“, sagte Zirell. „Und ich will auch nicht behaupten, dass Tindara keine Leichen im Keller hätte. Wenn man lange genug suchen würde, dann gebe es da bestimmt auch einiges in der Vergangenheit, auf das die Zusammenkunft sicher auch nicht stolz wäre. Wir sind eben alle nur Lebensformen und Lebensformen machen Fehler, was meiner Ansicht nach ein Teil eines jeden normalen evolutionären Prozesses ist. Nur, wenn man nachher nicht dazu steht, könnte ich sauer werden!“ „Nicht nur du.“, sagte Maron. „Oder wenn man versucht, anderen ein Idealbild zu verkaufen, was zu erreichen zwar schön wäre, an das man aber mit Sicherheit noch nicht heranreicht und es vielleicht auch nie wird. Wie du schon gesagt hast, perfekt ist keiner.“

Joran, der das Gespräch zwischen seinen beiden Vorgesetzten beobachtet hatte, kratzte sich bedeutungsschwanger am Kopf. „Jetzt kommt’s.“, flüsterte Maron grinsend, dem das Verhalten des Vendar sehr gut bekannt war. Der Demetaner wusste, wenn Joran das tat, würde bald ein sehr kurzer aber treffender Satz vom großen Schweiger, wie Shannon den Vendar ab und zu scherzhaft nannte, folgen. Das passierte dann auch. Joran ging von der Tür, auf die er sich bereits zu bewegt hatte, ein Stück weg und stellte sich wieder den anderen zugewandt hin. Dann holte er tief Luft und sagte ganz ruhig und leise: „Das wäre ja auch höchst langweilig, nicht wahr?“ Zirell lächelte ihm verspielt zu, aber Maron, der überhaupt nicht verstanden zu haben schien, worum es ging, sah seine Vorgesetzte verwirrt an. „Na, stell dir mal vor, du würdest schon mit allen Kenntnissen und allem Wissen geboren, Maron. Was hätte dir denn das Leben dann noch zu bieten. Du würdest einen langweiligen Job machen, weil es ja keine Forschung mehr geben müsste und überhaupt wäre das Leben doch echt öde und reizlos.“ Sie gähnte übertrieben. „Da bin ich ganz Jorans und deiner Meinung.“, überlegte Maron.

„Würde sich jetzt vielleicht endlich jemand um mein Suchergebnis kümmern?“, warf IDUSA ein. „Sonst haben Sie die Kleine bald im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode diskutiert.“ „Oh, sicher.“, sagte Zirell etwas hektisch und sah Joran auffordernd an. „Bin schon auf dem Weg, Anführerin!“, sagte dieser zackig und war aus der Tür.

Das Modul mit den beiden Xylianern hatte Elyrien und damit den Hauptsitz der Regierung der Föderation der vereinten Planeten erreicht. Die männliche Sonde, die es geflogen hatte, fädelte es geschmeidig in eine Umlaufbahn ein. Dann bedeutete er seiner Kollegin und A/1, dass sie angekommen waren. „Verständige die planetare Kontrolle!“, befahl A/1. „J/12 und ich werden hinuntergehen.“ Der Pilot nickte und gab einige Befehle über seine permanente Datenverbindung mit dem Rechner des Moduls ein. Dann sagte er zu der sich meldenden Kontrolloffizierin: „Dies ist das mobile xylianische Modul 141 Untermodul zu Ring 513. Meine Kennung lautet K/15 15. Mitglied der K-Gruppe. Bei mir sind J/12 und A/1. Sie benötigen die Erlaubnis, mit Ihrem Staatsoberhaupt zu sprechen.“ „Einen Augenblick bitte.“, lächelte die Kontrolloffizierin und gab das Rufzeichen von Nuguras Büro ins Sprechgerät ein. Da Saron krankgemeldet war, nahm der Computer die Verbindung entgegen. Ohne ihren Sekretär hatte Nugura ihm viele Aufgaben übertragen müssen, die der Demetaner sonst erledigt hatte. Aber sie hatte auch viel selbst gemacht. Sie war ohnehin als ein Staatsoberhaupt bekannt, das sich nicht vor Arbeit scheute, wenn es notwendig war. Über die Geschehnisse im Keller des Archivs hatte sie zwar wenig Kenntnis, aber sie wusste, dass hier etwas geschehen sein musste, was den armen Saron zutiefst beunruhigt hatte.

Das unbekannte Rufzeichen im Display irritierte Nugura zunächst etwas. Aber dann nahm sie das Gespräch doch an. „Hier ist Präsidentin Nugura.“, sagte sie. Auch ihr stellte sich der Xylianische Flieger vor, gab dann aber sofort die Verbindung an A/1 weiter. „Ich muss mit Ihnen in der Angelegenheit sprechen, in der Sie unser Angebot, Ihnen zu assistieren, akzeptiert haben.“, sagte das Staatsoberhaupt der Xylianer. „Wenn Sie schon persönlich kommen, dann muss es ja höchst beunruhigende Nachrichten geben.“, sagte Nugura. „Das Beste wird sein, Sie beamen herunter und wir besprechen alles hier.“

Von Xylianischer Seite wurde die Verbindung ohne ein weiteres Wort beendet und dann standen plötzlich A/1 und J/12 vor Nugura. Der Xylianische Machthaber hatte sich von der Wissenschaftlerin nicht ohne Grund begleiten lassen. Sie würde alles Nugura gegenüber ausführen, was sie entdeckt hatten.

Nach einem kurzen stummen Händeschütteln kam der Xylianer gleich zur Sache. „Ihre Annahme, dass wir eine beunruhigende Entdeckung gemacht haben, ist korrekt, Bioeinheit Nugura.“, begann er und winkte seiner Untergebenen, die sich einer Konsole näherte und einen Datenkristall aus der Tasche ihrer Kleidung zog. Normalerweise hätten xylianische Sonden keine Kleidung nötig, aber in ihrem Bestreben, Bioeinheiten Freunde zu sein, hatten sie diese Sitte einfach übernommen. Sie holte also den Kristall aus der Brusttasche ihres roten Kleides und steckte ihn in ein Laufwerk an der Konsole. „Bitte erlauben Sie uns, Ihnen zu zeigen, was wir entdeckt haben, Nugura.“, sagte A/1 nüchtern. Die Präsidentin nickte und die Sonde, die sich auch mit dem Betriebssystem von Föderationsrechnern auskannte, ließ den Inhalt des Kristalls abspielen.

Erschüttert hatte Nugura den Inhalt des Kristalls zur Kenntnis genommen. Sehr blass war sie geworden und extrem zittrig, was die Sonden auch registriert hatten. „Die Biozeichen der Bioeinheit Nugura sind unregelmäßig.“, stellte J/12 fest. „Bestätigt.“, sagte A/1. „Wir werden die Assistenz einer kompetenten Einheit benötigen.“ „Wir sollten erneut Kontakt zu D/4 aufnehmen.“, schlug die Wissenschaftlerin vor. „Sie hat genug Daten über die Funktionsweise von Bioeinheiten, um uns assistieren zu können.“ „Dein Vorschlag ist effizient.“, sagte A/1 und leitete die Konferenzverbindung zwischen sich, J/12 und D/4 in die Wege. Dann wandte er sich Nugura zu, die ihre Augen nicht vom Bildschirm lassen konnte. Immer und immer wieder las sie sich Siskos Geständnis durch. „Nein!“, rief sie aus. „Das kann nicht wahr sein! Ein Offizier der Sternenflotte plant etwas so Ungeheuerliches. Wie konnten meine Vorgänger im Amt das zulassen? Wie konnten sie nur?! Das verstößt gegen alles, an das wir glauben! Oh, mein Gott! Das bedeutet, der Fremde hatte Recht! Er hatte Recht!“

Die gebeutelte Präsidentin versuchte, von ihrem Stuhl aufzustehen, um sich ein Taschentuch vom Replikator zu holen, aber die neuen Erkenntnisse hatten sie so schockiert, dass es ihr die Beine wegzog. A/1 gelang es gerade noch, sie aufzufangen. Er setzte sie auf den Stuhl zurück, auf dem sie gesessen hatte und besorgte ihr das Taschentuch selbst. Er wusste, dass so etwas oft auch als tröstende Geste empfunden wurde, auch dann, wenn derjenige vielleicht selbst im Besitz von Taschentüchern war. „Ich danke Ihnen, A/1.“, schluchzte Nugura. „Oh, ich bin so erschüttert! Eine solche Bosheit! Nein! Ein solches Verhalten hätte ich Captain Sisko niemals …!“ Sie bekam einen Schreikrampf, bei dem sogar der Kaltblütigste mitbekommen musste, wie sehr ihr das Herz blutete.

Die beiden Sonden, die rechts und links von ihrem Stuhl standen, sahen sich verwirrt an. Sie hatten geahnt, dass die Daten, die sie gefunden hatten, Bestürzung bei Nugura auslösen würden, aber dass es so schlimm würde, damit hatten sie nicht gerechnet.

D/4, die alles live mitbekommen hatte, schaltete sich ein. „Übermittelt mir die Biodaten der Bioeinheit Nugura.“, sagte sie und A/1 kam ihrer Aufforderung nach. „Das neurale Muster der Bioeinheit Nugura ist unvollständig.“, stellte die in medizinischen Fragen versierte Sonde fest. „Es fehlen alle Frequenzen, die sonst im Mandelkern zu finden währen. Dieses Organ regelt das Aggressionsverhalten, aber auch die Entschlossenheit von Bioeinheiten. Eines geht mit dem anderen einher. Um entschlossen handeln zu können, bedarf es ja einer gewissen Energie. Dies ist vielleicht auch der Grund, aus dem Nugura so erschüttert reagiert. Meiner Theorie nach besteht ihre Persönlichkeit jetzt nur noch aus ihrer positiven friedlichen Seite. Deshalb sind aggressive Handlungen völlig unverständlich für sie. Wenn die Föderation jetzt überfallen würde, würde sie noch nicht einmal die Sternenflotte rufen, um sie verteidigen zu lassen.“ „Wenn deine Theorie korrekt ist.“, sagte A/1. „Dann ist die Föderation so nicht lebensfähig. Jeder Feind könnte sie überfallen und besiegen. Ihr Ende wäre eminent. Wir, als ihre Verbündeten, werden auf sie achten müssen. Informiere die Behörden auf Terra, wenn es dir möglich ist. Suche dort nach Verbündeten. Da du erkennen wirst, wessen neurales Feld noch intakt ist, wird deine Suche effizient sein. Ich werde alle politischen Verbündeten der Föderation informieren.“ „Verstanden.“, gab D/4 zurück.

J/12 hatte es übernommen, Nuguras Tränen zu trocknen. „Vielen Dank.“, sagte die Präsidentin, die immer noch sehr verzweifelt war. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie so fürsorglich sein können.“ „Sie dürfen nicht vergessen, woher wir kommen.“, sagte J/12 mit ihrer hellen freundlichen Stimme. „Das habe ich nicht vergessen.“, sagte Nugura. „Aber ich kann es einfach nicht verstehen! Nein! Ich kann es einfach nicht verstehen!“ „Unserer Theorie nach.“, sagte A/1 und sah sie dabei mild an. „Werden Ihnen die Romulaner Meilenstein nicht geben.“ „Natürlich nicht!“, sagte Nugura traurig und mit verschämtem Gesicht. „Ich würde auch keiner Macht eine neue Erfindung anvertrauen, die einige meiner Leute ermorden lassen hat, nur um sich ein Bündnis zu erschleichen! Warum hat er das nur getan?! Warum?!! Warum?!!!“ Erneut begann sie, laut zu weinen.

Die Sonden überlegten gemeinsam, wie sie Nugura eine Erklärung liefern könnten. Schließlich sagte J/12: „Eine Erklärung könnte Siskos Verzweiflung sein. Wenn ich die Gespräche auf Deep Space Nine richtig interpretiere, war er über die ständigen Verluste sehr verzweifelt, was in einer solchen Situation eine normale Reaktion bei einer menschlichen Bioeinheit darstellt. Das ist sicherlich keine Entschuldigung, aber vielleicht eine Erklärung.“ „Aber trotzdem dürfen wir so etwas nicht!!!“, schrie Nugura. „Wir dürfen es nicht! Das steht in all unseren Gesetzen!“ „Vielleicht sollten Sie Ihre Ansprüche an sich selbst noch einmal überdenken.“, schlug A/1 vor. „Sie haben sich ein Ziel gesetzt, das für 90 % aller Bioeinheiten unerreichbar ist. Und selbst den 10 %, die es vielleicht erreichen könnten, können theoretisch Fehler unterlaufen, wenn man Verzweiflungshandlungen als solche betrachten will. Dass sie ihre Emotionen unterdrücken, bedeutet ja nicht, dass diese nicht vorhanden sind. Aber auch ein gefühlloses Wesen kann sich moralisch falsch verhalten. Stellen Sie sich vor, ein medizinisch ausgebildeter Androide ohne moralische Unterprogramme würde einen Kranken töten, weil die Wahrscheinlichkeit seiner Gesundung weniger als 50 % betrüge. Das würde doch auch für moralische Empörung sorgen und wäre auch Mord, obwohl es nicht aus emotionalen, sondern aus mathematischen Motiven heraus geschehen ist.“ „Ihr Beispiel ist verständlich.“, sagte Nugura. „So oder so. Perfekt ist keine Lösung. Mann muss immer bereit sein, den goldenen Mittelweg zu suchen. Es gibt im Leben so viele Situationen, in denen es kein eindeutiges Ja oder Nein gibt und sicher haben Sie Recht mit Ihrem Vorschlag, unsere Politik zu überdenken. Wir sind eben alle nur Lebewesen, die Fehler machen. Hätten wir das nur früher gegenüber den Romulanern zugegeben!“ „Ihre Schlussfolgerung ist korrekt.“, sagte A/1.

„Werden Sie die Romulaner informieren?“, fragte Nugura. „Falls Sie es erlauben?“, fragte A/1 zurück. Die Präsidentin nickte und sagte: „Bitte lassen Sie mich jetzt allein. Ich habe über einiges nachzudenken.“ Die Sonden nickten und nahmen Kontakt zum Rechner ihres Moduls auf, um sich wieder an Bord beamen zu lassen. Dann verließ das Schiff die Umlaufbahn des Planeten Elyrien.

Nugura blieb allein zurück. Sie wusste, dass sie jetzt vor einer schweren Aufgabe stand. Irgendwie musste sie den Parlamentariern klar machen, dass man die Politik der Föderation wohl grundlegend ändern musste, wenn man seine Verbündeten auf die Dauer halten wollte. Viel ehrlicher musste man sein, vor allem gegenüber sich selbst. Man musste aufhören, einem unerreichbaren Ziel nachzujagen. Wenn die Xylianer Recht hatten und das hatten sie mit Sicherheit, dann war das die einzige Lösung. Nur, sie zu verwirklichen, das durfte schwierig werden, denn viele Parlamentarier gefielen sich in der Rolle des vermeintlich moralisch erhöhten Wesens. Sie in die harte Realität zurückzuholen, durfte nicht leicht, vielleicht sogar unmöglich, sein.

Es war mir gelungen, mich von meinen beiden überaus fürsorglichen Jungs zu lösen, aber erst nach dem ich mich Ginalla anvertraut hatte, die mich mit ihrem Jeep zu einem Abschnitt des Strandes gebracht hatte, der zu dem See gehörte, der wiederum ein Teil ihres Grundstückes war. Dann hatte sie mir noch ein Sprechgerät in die Hand gedrückt mit den Worten: „Rufen Sie, wenn Sie was brauchen. Mein Rufzeichen ist auf Speichertaste eins!“ Dann war sie gefahren und ich hatte mich in den Sand gelegt. Außer diesem Sprechgerät hatte ich nicht viele Dinge bei mir. Mein Ziel war es gewesen, hier im Sand bei dem schönen Wetter einfach mal die Seele baumeln und mir die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Deshalb trug ich auch nur ein leichtes T-Shirt und eine kurze Hose. Um meinen Kreislauf nicht so sehr zu beanspruchen, hatte ich etwas Sand zu einem Hügel aufgehäuft, auf den ich meinen Kopf legte. Das war zwar kein Kissen, auf dem ich eine ganze Nacht verbringen würde, aber für den Anfang und für ein Sonnenbad würde es meinen Ansprüchen schon genügen.

Hier lag ich also jetzt und dachte nach. Ich dachte über die Situation nach, in die ich das ganze Universum gebracht hatte. Trotzdem mir Shimar und Scotty versichert hatten, dass ich nicht schuldhaft gehandelt hatte, glaubte ich noch immer, schuldig zu sein. Sicher hätte ich Radcliffe scannen können und dann bestimmt erkannt, dass Sytania hinter allem steckte, aber ich konnte ja auch nicht jedem Besucher, der mein Haus betrat, gleich sonst was unterstellen. Wenn ich wie eine Paranoide jedes Mal den Erfasser zöge, wenn mich jemand besuchte, würde ich mir bestimmt auf die Dauer keine Freunde machen. Du machst dich ja schon wieder verrückt, Kleines!, hörte ich plötzlich eine mir sehr gut bekannte mahnende telepathische Stimme in meinem Geist. Spätestens jetzt wusste ich, dass meine zwei Männer mich nicht ganz so allein gelassen hatten, wie ich mich wähnte. Sie würden bestimmt auf dem Balkon unseres Zimmers stehen und mich beobachten. Zwar war ich auf der ganz anderen Seite des großen Sees, um den Ginalla mich einmal herumgefahren hatte und somit sicher, Scotty würde mich nicht sehen können, aber Shimar hatte wohl eine heimliche telepathische Verbindung zu mir aufgebaut. Vielleicht hatte er Scotty ja sogar in diese integriert. Weiter darüber nachzudenken fand ich jedoch müßig, denn es war ja eher ein sehr guter Umstand, den ich sehr genoss, wenn ich Shimar im Kopf hatte. Ich gab einen genießerischen Laut von mir und streckte mich.

Wenige Sekunden später hörte ich ein Geräusch, das mir noch sehr gut bekannt war, das ich aber lange nicht mehr gehört und hier sicher auch nie vermutet hätte. Es war ein: „Woush! Woush! Woush!“, wie ich es noch sehr gut aus der Zeit in Erinnerung hatte, die Korelem auf der Granger verbracht hatte. Wir waren sporadisch in SITCH-Mail-Kontakt geblieben, aber ich hatte ihn lange nicht mehr gesehen. Sollte er etwa auch hier auf Celsius sein? Geschrieben hatte er mir auf jeden Fall bei unserem letzten Kontakt darüber nichts. Allerdings war das auch lange bevor diese ganze Sache angefangen hatte.

Das Geräusch kam näher und bald hörte ich eine tiefe sanfte bekannte Stimme: „Hallo, Allrounder.“ Ich konnte es nicht glauben! Offensichtlich war er es wirklich. Aber welcher Zufall sollte dafür gesorgt haben, dass wir uns ausgerechnet hier auf Celsius an einem lauschigen kleinen See wieder über den Weg liefen, beziehungsweise flogen? Auch die Art, in der er mich angesprochen hatte, ließ für mich keinen anderen Schluss zu. Es musste Korelem sein.

Er landete und streifte dabei mit einem seiner weichen seidigen Flügel mein Gesicht. „Entschuldigung.“, grinste er. „Manchmal bin ich wirklich ungeschickt.“ „Das nehme ich Ihnen nicht ab, Korelem.“, sagte ich und drehte mich in die Richtung, aus der ich seine Stimme gehört hatte. „Das haben Sie mit Absicht gemacht, um sicher zu gehen, dass ich Sie erkenne. Die gleiche Nummer haben Sie mit mir nämlich auch abgezogen, als ich Sie nach Alaris gebracht hatte.“ „Kluges Kind.“, lobte Korelem. „Ihnen kann man nichts vormachen. Aber was tut eine so hübsche und intelligente junge Frau zu dieser Tageszeit hier allein am Strand?“ „Ich lasse die Seele baumeln.“, antwortete ich. „Oh, dann weiß ich etwas, bei dem das auf Garantie noch viel besser geht.“, sagte Korelem. „Ich würde Sie gern zu einem kleinen Ausflug einladen.“ „Wie soll das gehen?“, fragte ich. „Wir haben kein Schiff und …“ „Wer braucht ein Schiff, wenn sie mich hat?“, sagte er und richtete sich in Sitzposition auf. Dann griff er meine rechte Hand mit einem seiner Vorderfüße und führte sie an seine Brustmuskulatur, die für das Fliegen unerlässlich war und spannte diese an. Er ließ erst wieder locker, nachdem ich sie ausführlich betastet hatte. „Überzeugt?!“, fragte er. „Sie müssen ziemlich stark trainiert haben.“, vermutete ich. „Aber wenn Sie glauben, dass Sie mein Gewicht schaffen?“ „Oh, ja!“, sagte er mit Überzeugung und startete, um mir dann von oben eine Anweisung zuzurufen: „Gehen Sie bitte in den Vierfüßlerstand!“ „OK!“, gab ich zurück. „Aber warten Sie bitte einen kleinen Moment. Vielleicht kann ich etwas tun, um uns beim Start zu helfen!“ Damit klopfte ich den Hügel, den ich mir als Kopfkissen gebaut hatte, wieder flach. So hatte ich eine feste Piste, von der ich mich abdrücken würde, wenn er es mir sagen würde. Dann stellte ich mich im Vierfüßlerstand direkt in deren Mitte. „Sehr gut!“, rief er und ging in Sinkflug zu mir herunter. „Achtung, ich komme!“

Seine Vorderfüße fassten meine Schultern und seine Hinterfüße fanden um meine Hüften ihren Platz. Dann spürte ich, wie sich seine Brustmuskulatur anspannte und hörte, wie seine Flügel stärker und schneller schlugen. Auch ich spannte die Muskeln in Beinen und Armen an, bereit, mich jederzeit abzustoßen. Seine Greiffüße bohrten sich in meine Haut. Lange würde es nicht mehr dauern, das dachte ich mir. Aber vielleicht würde er vor Anstrengung nicht in der Lage sein, mir Bescheid zu sagen. Ich musste also vielleicht selbst einen Zeitpunkt wählen.

Ich bemerkte, dass sich kein weiterer Druck aufbaute. Aber er ließ auch nicht nach. Jetzt oder nie!, dachte ich und stieß mich ab. Dabei gab ich einen Schrei von mir, bei dem selbst jeder japanische Karatemeister neidisch geworden wäre. Dann zog ich blitzschnell meine Beine unter meinen Körper, um keinen unerwünschten Widerstand zu produzieren, der ihn nur unnötig Energie kosten würde. Hier kam mir meine eigene fliegerische Ausbildung sehr zugute. „Ja! Sehr schön!“, rief Korelem begeistert. Dann zog er uns hoch. „Danke.“, sagte ich, die ich immer noch mit angewinkelten Beinen in seinem festen Griff hing. „Woher wussten Sie, dass Sie Ihre Beine einziehen mussten?“, fragte er. „Jedes Flugzeug zieht das Fahrwerk ein nach dem Start, um Energie zu sparen und leichter manövrieren zu können.“, lächelte ich. „Was zur Hölle ist ein Flugzeug?!“, überlegte er halblaut.

Wie ich es vermutet hatte, waren Scotty und Shimar auf den Balkon gegangen und hatten von dort die schöne Aussicht genossen. Aber außer der schönen Aussicht sah mein Mann jetzt auch noch etwas anderes. Etwas, das ihn fast zu Tode erschreckte! Blass stolperte er vom Balkon zurück ins Zimmer, wo Shimar gerade aus dem Bad kam, wo er etwas erledigt hatte. „Hilfe!!!“, schrie Scotty ihm entgegen. „Hol IDUSA! Ich werde denen auf der Werft später alles erklären! Tu was!!!“ „Kannst du mir mal verraten, was du eigentlich hast?!“, fragte Shimar vergleichsweise ruhig. „Da is’ ’n riesiger Schmetterling!!“, erklärte Scotty mit vor Panik weit aufgerissenen Augen. „Und der hat meine Frau, deine Freundin! Mach was!! Wir brauchen dein verfluchtes Schiff!!!“

Der ausgebildete Pilot gab einen genervten Laut von sich und ließ sich betont ruhig auf seine Seite unseres gemeinsamen Bettes fallen, ohne sein Sprechgerät, das Scotty ihm hinhielt, auch nur eines Blickes zu würdigen. „Da sieht man mal wieder, dass du keine Ahnung von der Fliegerei hast.“, sagte Shimar. „Mein verfluchtes Schiff würde mit ihren Atmosphärentriebwerken die Luft so stark aufwirbeln, dass der Schmetterling erst recht in eine instabile Lage kommen würde. Dann wäre Betsy erst recht in Gefahr. Soweit ich das hier sehe, hat er sie aber sicher und Angst hat sie auch keine. Ich halte nämlich für alle Fälle eine telepathische Verbindung zu ihr. Außerdem bin ich Telekinetiker, wie du weißt. Wenn was ist, kann ich jederzeit eingreifen und sie retten. Und jetzt beruhige dich gefälligst und renn’ hier nicht rum wie ein aufgescheuchter Gockel ohne Kopf!“

Das hatte wohl stärker gesessen, als Shimar beabsichtigt hatte, denn Scotty ließ sich augenblicklich dort auf den Boden fallen, wo er stand. „So habe ich das auch nicht gemeint.“, flüsterte Shimar. „Oh, Mann, Junge.“, sagte der Schotte bedient. „So etwas hätte ich nicht von dir gedacht. Normalerweise bin ich doch der Sprücheklopfer bei uns.“ Dann stand er schwerfällig auf und torkelte wieder in Richtung Balkon zu dem Stuhl, auf dem er gesessen hatte. Frische Luft würde ihm jetzt bestimmt gut tun. Außerdem wollte er den Schmetterling und mich weiter beobachten. Persönlich kannten sich Scotty und Korelem nicht, denn ich hatte ihn ja frühzeitig wieder in seine Heimat gebracht und auf der Hochzeit der Miray war er nicht gewesen.

Wir waren über der Mitte des Sees. Ich hatte begonnen, mich immer wohler zu fühlen, was auch dazu geführt hatte, dass ich mich immer mehr entspannte. Ich genoss den warmen Wind, der um meinen Körper strich. Ich sog die wohlriechende Luft in meine Lungen. Ich lächelte in einem fort. Meine Arme waren eng an meinen Körper gelegt und meine Beine immer noch angezogen. „Denken Sie, wir schaffen eine Kurve?“, fragte Korelem. Dabei schien er keineswegs angestrengt, obwohl er mich ja die ganze Zeit festhalten und dabei auch noch fliegen musste, was ich mir für ihn rein körperlich nicht gerade als sehr leicht vorstellte. „Versuchen wir es.“, sagte ich leise, denn ich war nicht ganz davon überzeugt, dass das gut gehen würde. Irgendwie war ich von der Vorstellung gefangen, ihm zu schwer zu sein. „Also dann.“, sagte Korelem und ich spürte, wie er in eine ca. 45-Grad-Kurve nach rechts einschwenkte. Ich streckte meinen linken Arm aus, um uns zur anderen Seite hin zu stabilisieren. „Richtig!“, lobte er. „Sie können wunderbar mithelfen! Ganz toll machen Sie das! Ich liebe Passagiere, die mitdenken! Aber wen wundert’s? Sie sind ja schließlich vom Fach!“ Ich lächelte.

Die Kurve hatte uns in die Richtung gebracht, in der sich unsere Herberge befand. „Ich sehe Ihren Mann auf dem Balkon dort sitzen.“, sagte Korelem. „Wollen wir ihm einen kleinen Schrecken verpassen?“ „Wie sieht er aus?“, fragte ich, die auf keinen Fall riskieren wollte, dass Scotty noch an einem Herzanfall starb. „Er ist recht entspannt.“, sagte Korelem. „Aber er scheint etwas geknickt, als hätte ihm jemand eine Standpauke verpasst.“ „Na dann wollen wir ihn mal aufheitern!“, forderte ich ihn auf. „Na gut.“, sagte Korelem und nahm Kurs auf den Balkon.

Irritiert sah Scotty zu, wie wir immer weiter in Richtung Grund kamen. „Oh, Gott!“, rief er. „Was macht der mit dir, Darling?!“ Ich hatte zwar mitbekommen, was er gesagt hatte, aber im Moment dafür kein Ohr, denn ich achtete nur auf Korelems leise Anweisungen und nur darauf. „Wenn ich sage.“, flüsterte er mir zu. „Dann strecken Sie die Beine nach unten. Keinen Moment früher und keinen später.“ „Geht klar, Korelem.“, lächelte ich, die den Flug mit ihm doch sehr genossen hatte. „Und drei, zwei, eins, jetzt!“, zählte er.

Ich spürte den Boden unter meinen auf sein Kommando ausgestreckten Füßen. Er ließ mich erst los, nachdem er sicher war, dass ich fest stand. Dann drehte er ab in Richtung einer offenen Luke, die ihn in sein Zimmer führte. Diese wurde dann durch einen Strich seiner Fühler über einen Sensor von innen geschlossen.

Zitternd schloss mich Scotty in seine Arme. „Oh, Darling.“, stotterte er. „Mein armes Baby. Versprich mir, dass du das nicht wieder tust.“ „Das kann ich dir leider nicht versprechen, mein allerliebster Ehemann.“, sagte ich. „Es hat mir dafür nämlich viel zu viel Spaß gemacht. Aber Shimar wird dir doch sicher versichert haben, dass ich bei Korelem in guten festen sicheren Händen war.“ „Korelem heißt dieser Draufgänger also.“, sagte Scotty. „Den Namen werde ich mir merken und dem Flattermann bei Gelegenheit mal ’n paar Takte erzählen! Was hat der gemacht, um dich dazu zu zwingen?“ „Er hat mich zu gar nichts gezwungen!“, sagte ich zuversichtlich. „Zu rein gar nichts.“ „Aber so was kann ich mir bei dir nicht vorstellen.“, sagte Scotty.

„Sie hat Recht, Scotty.“, sagte Shimar aus dem Hintergrund, der unsere Diskussion aus sdem Zimmer heraus beobachtet hatte. „Du musst es ja beurteilen können.“, sagte Scotty bedient und wir setzten uns wieder alle drei auf den Balkon, um den Rest jener celsianischen lauen Sommernacht gemeinsam zu genießen.

Korelem war in seinem Zimmer damit beschäftigt, mit Hilfe seines Kontaktkelchs Verbindung mit Logar aufzunehmen. Was hat deine Prüfung ergeben?, wollte der imperianische Herrscher wissen. Ich kann ihr Gewicht jetzt einschätzen, Milord., gab Korelem zurück. Bei dem, was auf uns zukommen wird, werdet Ihr Euch also keiner Veränderung der Geschichte beziehungsweise der vorbestimmten Handlungen schuldig machen müssen. Das freut mich., sagte der König. Aber vergiss nicht, dass sie dir nicht so schön helfen können wird, wenn eintritt, was eintreten muss. Trotzdem werde ich tun können, was zu tun ist!, gab Korelem selbstsicher zurück. Macht Euch also keine unnötigen Sorgen, mein König. Kühne Worte., sagte Logar. Aber wir werden sehen, ob du halten kannst, was du hier so vollmundig versprichst. Da könnt Ihr sicher sein!, versicherte der Alaraner und wollte den Kontaktkelch wieder zudecken, aber Logar verhinderte dies mit einem kleinen telekinetischen Eingriff. Was ist noch, Majestät?, fragte Korelem. Ich möchte nur sicher gehen, dass du meine Tochter nicht unterschätzt., sorgte sich der imperianische Machthaber. Da müsst Ihr Euch nicht sorgen, Milord!, versicherte Korelem. Die kenne ich Dank Euch gut genug! Auf die werde ich nicht hereinfallen und ich werde schon gar nicht zulassen, dass sie unsere Pläne stört! Ich bin ein Sterblicher, nur ein Sterblicher, aber damit auch einer von der Sorte Wesen, die Sytania liebend gern unterschätzt. Seid gewiss! Ich bin in diesem Fall die beste Wahl, wenn es darum geht, Euch in Euren erzieherischen Maßnahmen als Vater zu unterstützen! So ist es recht, Korelem!, lobte Logar. Ich wollte mich nur versichern, dass du nicht bei nächster Gelegenheit einknickst, auch wenn es schwierig wird. Für wen haltet Ihr mich?!, bemerkte der Alaraner und deckte nun tatsächlich den Kelch wieder zu. Dieses Mal behelligte Logar ihn dabei nicht. Warum auch? Der König wusste, was er wissen musste. Er wusste, dass Korelem für das Unterfangen, bei dem er seine Hilfe benötigte, mutig genug war.

Telzan und seine Truppe waren auf dem Weg zu Sytania, um ihr ihren scheinbaren Erfolg zu melden. Dass sie hereingelegt worden sein könnten, war ein Umstand, den sie nicht im Geringsten in Betracht zogen. Vielmehr gefiel ihnen der Gedanke, Kamurus so leicht vernichtet zu haben.

Sytania, die das Ganze mit Hilfe ihrer seherischen Fähigkeiten beobachtet hatte, erwartete sie bereits im Schlosshof, wo die verbliebenen Vendar, ganz der Tradition nach, den Landeplatz für die Shuttles mit Fackeln markierten. Telzan war allerdings sehr überrascht, in das Gesicht seiner Gebieterin zu sehen. „Wollt Ihr uns beglückwünschen, Gebieterin?“, fragte er ahnungslos. „Beglückwünschen!“, fauchte Sytania. „So weit käme es noch!“ „Was meint Ihr?“, fragte Telzan, der immer noch keinen Schimmer hatte. Nur Dirshan schien ein Licht aufzugehen. Der Novize hob also die Hand. „Ja, Dirshan!“, keifte Sytania. „Was hast du uns zu sagen? Hör gut zu, Telzan. Jetzt wird dir ein Novize die Welt erklären!“ „Ich befürchte.“, setzte Dirshan an. „Dass Milady allen Grund haben, uns zu tadeln. Ich hatte auf dem Flug viel Zeit zum Nachdenken und bin zu dem Schluss gekommen, dass es sein könnte, dass wir auf eine Kreatur getroffen sind, die sich von Raumschiffen und deren Besatzungen ernährt. Diese Wesen benutzen Täuschungen, um die Ahnungslosen anzulocken. Was ist, wenn es das Schiff gerettet hat, uns aber vorgemacht hat, dass wir es zerstört hätten. Ich halte für möglich, dass so etwas diesen Wesen auch möglich ist. Das Schiff zu zerstören, war nämlich meiner Meinung nach viel zu leicht.“ „Genau das ist geschehen!“, schrie Sytania. „Du bist fürwahr ein kluger Junge, Dirshan! Aber du, Telzan! Du scheinst ziemlich nachzulassen! Wie kann es sein, dass du nicht erkannt hast, was offensichtlich ist?! War dein Wunsch, dieses Schiff zu zerstören, denn so übermächtig?“ „Mit Verlaub, ich hatte nur den Wunsch, Milady gefällig zu sein.“, schmeichelte Telzan und versuchte so, ihre Wut auf ihn abzumildern. Aber leider gelang ihm das nicht. Im Gegenteil. All seine Schmeicheleien, waren sie nun verbaler oder optischer Natur, schienen ihren Groll gegen ihn nur noch zu verstärken. „Was glaubst du eigentlich, was du für ein Krieger bist?!“, schimpfte Sytania. „Du, als ein ausgebildeter Telepathenjäger, lässt zu, dass diese Kreatur dich verlädt! Und der Einzige, der das kapiert, ist – welch Ironie – ein einfacher Novize! Ich denke ernsthaft darüber nach, ihm die Führung über deine Truppe zu geben und dich abzusägen, wenn du so weiter machst! Viel Kredit hast selbst du nicht mehr bei mir, Telzan! Selbst du!“ „Bitte vergesst nicht, Hoheit.“, versuchte Telzan, sich zu verteidigen. „Ich habe Euch lange Jahre treu und effizient gedient. Nur, weil ich jetzt einmal einen Fehler gemacht habe, wollt Ihr mich …?“ „Es kommt darauf an, welche Art von Fehler man macht!“, belehrte ihn Sytania. „So ein Fehler, den du gemacht hast, bleibt bei mir nicht ungestraft! Du wirst tatsächlich die Führung über deine Truppe für einen Sonnenlauf an diesen Jungen abgeben! Dann hast du genug Zeit, über deinen Fehler nachzudenken! Es ist ein Gräuel mit dir! Ein ausgebildeter Telepathenjäger und spürt die geistige Prägung dieses Wesens noch nicht einmal!“ „Die habe ich gespürt, Hoheit.“, widersprach Telzan. „Ach ja?!“, verhörte ihn Sytania. „Und warum hast du dann nicht im Geringsten in Betracht gezogen, dass dieses Wesen dich täuschen könnte, he?!!!“ „Weil ich in seinen Handlungen keinen Grund dafür sah, Prinzessin.“, sagte Telzan. „Ich meine, was für ein Motiv sollte es haben, dem Schiff zu helfen und Euch zu täuschen? Was weiß denn so ein Wesen schon von Euch und Eurem momentanen Zwist mit dem Schiff?“ „Gar nichts.“, erwiderte Sytania. „Da hast du Recht, wie ich zugeben muss. Aber es weiß, wer ich bin und es kennt mit Sicherheit meinen Ruf. Vielleicht ist es einfach im Herzen so widerlich edelmütig, dass es mir einfach nur den Sieg missgönnt, weil ich nun einmal die bin, die ich bin!“

Das Gesicht der Königstochter färbte sich puterrot vor Wut. Rasch winkte sie einer Dienerin, die eilig den Raum verließ, um wenig später mit einem Tablett voller Gläser ebenso eilig zurückzukehren. Dies stellte sie vor der Prinzessin ab, welche die Gläser dann eines nach dem anderen mit großem Genuss telekinetisch an die Wand pfefferte, dass die Scherben nur so spritzten. „Siehst du, Telzan?!!!“, schrie sie. „Sogar dieses Bauernmädchen hat kapiert, was ich jetzt brauche und du, als mein oberster Elitekrieger, du bist dazu nicht in der Lage?! Du bist nicht in der Lage, einen einfachen Job für mich zu erledigen?! Lässt sich von so einer Kreatur aufs Kreuz legen! Das glaube ich einfach nicht!“

Sie entfernte telekinetisch alle Zeichen von Telzans Uniform, die ihn als Anführer der Vendar auswiesen und heftete sie auf dem gleichen Wege Dirshan an. „Komm zu mir, Dirshan!“, befahl sie dann. Willig folgte der Novize, der aber eigentlich noch gar nicht verstanden hatte, was hier gerade passierte, ihrem Befehl. „Deine erste Amtshandlung als Anführer wird sein, dass du alle Vendar im Schlosshof versammeln wirst und wir ihnen erklären, dass du ab heute ihr Anführer von meinen Gnaden bist.“ „Aber wolltet Ihr mich nicht nur für einen Tag zum Anführer machen, Herrin?“, fragte Dirshan irritiert. „Ich habe meine Meinung soeben geändert.“, sagte die Prinzessin. „Ich bin eine Frau. Wir sind wankelmütig und haben daher dieses Privileg. Du wirst so lange Anführer meiner Vendar bleiben, wie es mir gefällt und das ist im Augenblick weitaus länger als nur ein Tag. So und nun geh in die Garnison und sage den Anderen Bescheid.“ „Einen Augenblick bitte noch, Milady.“, sagte der Novize, dem die taktische Lage durchaus klar war. Er wusste, sehr rosig war sie nicht, denn die Tatsache, dass Kamurus gerettet worden war, hatte ein ganz anderes Licht auf sie geworfen. „Ich weiß, dass es taktisch für uns im Moment nicht gerade zum Besten steht, Milady.“, sagte Dirshan. „Wir müssen die positive Sternenflotte irgendwie ablenken, damit sie uns nicht draufkommen. Wenn das Schiff seine Pilotin holt und die Allrounder Betsys Schiff repariert, wird dieses aussagen und dann weiß man sofort, was los ist.“ „Und wie willst du die positive Sternenflotte ablenken?!, fragte Sytania vergleichsweise freundlich, der sein Plan besser und besser gefiel, obwohl sie ihn noch nicht wirklich kannte. Sicher hätte sie in seinem Geist nachsehen können, aber die Freude, ihn von ihm mitgeteilt zu bekommen, wollte sie sich nicht selbst nehmen. „Sagt Eurer Marionette, er soll Allrounder Betsy Scott töten, egal, ob sie ihm nun draufkommt, oder auch nicht. Dann werden sie vollauf mit der Beerdigung und den Ermittlungen zu ihrem plötzlichen bedauerlichen Tod beschäftigt sein und wir können in aller Ruhe unsere Pläne verwirklichen. Außerdem solltet Ihr dafür sorgen, dass die Tarnvorrichtung des Breenschiffes im rechten Moment ausfällt, damit dieses tindaranische Schiff auf der Werft es sieht und Alarm schlägt. Dann wird sie ihren Piloten holen wollen, wie es ihre Protokolle verlangen und der wird so sehr mit ihr beschäftigt sein, dass er sich nicht um Betsy kümmern und sie aus Eurer Hypnose befreien kann. Es ist ein langer Weg per Jeep vom Gasthaus zur Werft. Sorgt eventuell noch für ein paar Verkehrshindernisse, damit sie Umwege fahren müssen. Bis sich Shimar El Tindara umsehen kann, ist alles schon vorbei.“ „Ein sehr guter Plan!“, grinste Sytania, die sich schon sehr darauf freute, mich endlich aus dem Weg zu haben. Da ich über ein ähnliches Wissen wie Agent Mikel verfügte und damit ihren Plänen hätte sehr gefährlich werden kann, war sie froh, bald eine Bedrohung weniger auf dem Zettel haben zu müssen.

Dirshan war in die Kasernen gegangen und bald an der Spitze der Vendar in den Schlosshof zurückgekehrt. Sytania, die dies genau beobachtet hatte, erschuf ein Phänomen und sprach dann in ihre Geister: Tshê, Vendar! Ab sofort wird der Novize Dirshan auf unbestimmte Zeit euer Anführer von meinen Gnaden sein! Ihr werdet ihm den gleichen Gehorsam entgegenbringen, wie ihr es auch gegenüber Telzan getan habt!

Sie ließ das schwarze Licht, das ihre Botschaft begleitet hatte, sich auflösen. Alle Vendar knieten respektvoll vor Dirshan nieder und küssten seine Stiefel. Das war ein Zeichen, dass sie seine Führung anerkannt hatten. Auch Telzan hatte sich - höchst widerwillig - in die Reihen eingeordnet. Wie lange dieser Zustand andauern würde, wusste er nicht, aber er kannte Sytanias Launen und er wusste, dass Dirshan trotz allem nur ein Novize war, der noch viel zu wenig über das Kriegshandwerk wusste, um diese Stellung dauerhaft behaupten zu können. Er ahnte, dass Sytania sich ihn beim kleinsten Fehler seines Schülers wieder an die Spitze der Vendar-Krieger zurückwünschen würde. Früher oder später würde sie also ihre Entscheidung, die sie in einem akuten Tobsuchtsanfall getroffen hatte, bitter bereuen. Darauf würde Telzan sein Leben verwetten!

 

Kapitel 21: Schwierige Rettung

von Visitor

 

Mehr Glück, als der in euren Augen bestimmt nicht wirklich bedauernswerte Telzan, sollte ein anderer gewisser Vendar haben, der in diesem Augenblick den Maschinenraum der Basis 281 Alpha betrat. Bereits am Eingang hielt Joran nach Jenna Ausschau, die gerade das Cockpit der zweiten IDUSA-Einheit verlassen hatte. „Wie sieht es aus bei ihr, Telshanach?“, fragte Joran. „Oh, es sieht sehr gut aus bei ihr, Telshan.“, flötete die hoch intelligente Halbschottin zurück. „Um in unseren sprachlichen Dimensionen zu sprechen: Sie ist kerngesund.“ „Dann ist ja alles in Fett, wie man so schön sagt.“, gab Joran zurück. „Was?“, fragte Jenna und musste mit einem Lachen kämpfen, das sie sich dann doch nicht verkneifen konnte. „Was ist so lustig, Telshanach?“, fragte Joran. „Dein erneuter sprachlicher Ausrutscher.“, antwortete die Chefingenieurin. „Ich weiß ja, was du meintest. Du meintest, es sei alles in Butter.“ „Wusste ich’s doch.“, überspielte Joran seinen Fehler mit einem Lächeln und dem ihm ganz eigenen Charme. „Es war irgendein fettiges Zeug zum aufs Brot Streichen.“ Jenna musste jetzt erst recht lachen.

Joran ging an ihr vorbei in Richtung der Tür von IDUSAs Cockpit. Dann stieg er ein und setzte sich auf den Pilotensitz, um danach seinen Neurokoppler anzuschließen. Das Schiff, das seine Reaktionstabelle längst erstellt hatte, lud diese sofort. Jetzt sah Joran in das Gesicht des ihm bereits bekannten Schiffsavatars. Ihm fiel nur auf, dass sie heute einen Scheitel trug, der ihm bei ihrer ersten Begegnung nicht aufgefallen war. „Hallo, Joran.“, sagte sie mit ihrer etwas jung wirkenden hellen Stimme. „Ich grüße auch dich, IDUSA.“, sagte der Vendar. „Ich nehme an, Anführerin Zirell hat dir durch die Einheit der Station bereits unsere Befehle mitteilen lassen.“ „Ich weiß, dass wir eine vermisste Person suchen sollen.“, sagte das Schiff. „Aber ich denke, dass wir angesichts der Situation, in der sich diese Person befindet, kaum eine Chance haben werden, sie noch lebend zu bergen.“ „Du wirst Recht behalten, wenn wir uns nicht beeilen!“, sagte Joran energisch und gab ihr ebenso energisch den Gedankenbefehl zum Start.

Sie dockten ab und bald waren sie ein ganzes Stück weit von der Station entfernt. Der Vendar stellte den Interdimensionsantrieb des Schiffes auf die Koordinaten ein, die ihm die IDUSA-Einheit der Station gegeben hatte. Dann befahl er IDUSA, den Antrieb zu aktivieren. „Warum schickt uns der Commander auf so eine aussichtslose Mission, Joran?“, wollte das noch sehr unerfahrene Schiff von ihrem Piloten wissen. „Kannst du das näher ausführen?“, fragte Joran, der für ihren Einwand durchaus Verständnis hatte. „Nun.“, setzte das Schiff an. „Ich meine, die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass wir zu spät kommen. Ihre Biozeichen waren schon sehr schwach und sie wird bei den in meinem Cockpit herrschenden Temperaturen auch nicht überleben.“ „Das Leben ist keine Rechenaufgabe, IDUSA.“, sagte Joran ruhig und ließ sie aus dem Interdimensionalmodus wieder in den normalen Raum zurückfallen. Nun waren sie im Universum der guten Föderation angekommen, aber sie befanden sich noch ein Stück weit von dem Planetoiden entfernt. „Warum haben Sie gerade diese Koordinaten gewählt, Joran?“, fragte IDUSA. „Ich hätte auch noch viel näher heran fliegen können. Oder trauen Sie sich das selbst nicht zu? Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe keine Daten über Ihre fliegerische Ausbildung, deshalb muss ich das alles jetzt von Ihnen persönlich herausfinden.“ „Ich nehme dir das nicht übel, IDUSA.“, tröstete Joran. „Aber der Grund, aus dem ich dir so weit von unserem Ziel entfernt befohlen habe, in Normalmodus zu gehen, liegt nicht bei mir, sondern in gewisser Hinsicht bei dir.“ „Was meinen Sie damit?“, fragte IDUSA. „Hat Techniker McKnight Ihnen nicht versichert, dass ich tadellos funktioniere?“ „Das hat sie in der Tat.“, sagte Joran. „Aber es geht auch weniger darum, dass ich glaube, dass bei dir etwas kaputt ist, als darum, dass wir etwas tun müssen, das naturgemäß etwas dauert und leider auch nicht zu beschleunigen ist.“

Er nahm per Gedankenbefehl Zugriff auf ihre Umweltkontrollen und programmierte diese so um, dass die Temperatur im Frachtraum auf winterliche -50 Grad sank. Dann gab er ihr noch den Befehl, es dort kräftig schneien zu lassen und Eis zu produzieren. „Ich nehme an, das soll ihr Krankenzimmer werden.“, sagte IDUSA, während sie seine Befehle ausführte. „In der Tat.“, sagte Joran und strich mit den Händen über die freien Ports, wie er es auch bei dem anderen Schiff getan hatte und es von Shimar gelernt hatte, der ihm den Hinweis gegeben hatte: „IDUSAs mögen das.“ „Sobald sie an Bord ist, verbindest du mich mit Ishan. Er soll mir sagen, was zu tun ist, um sie notfalls wieder zu beleben oder ihr Überleben zu sichern.“, sagte er. „Wie Sie wünschen.“, sagte das Schiff. „Ich möchte nur anmerken, dass Sie bei Ihrer Planung zwar sehr auf unsere Patientin, aber weniger auf sich geachtet haben.“ „Ich bin ein Vendar.“, antwortete Joran. „Ich habe ein Fell! So schnell wird mir nicht kalt!“ „Darum geht es mir nicht.“, sagte das Schiff. „Es geht mir eher darum, dass ich vermeiden muss, dass Sie einen Kreislaufschock erleiden, wenn Sie aus meinem wohl temperierten Cockpit in den Frachtraum gehen. Ich schlage vor, dass wir aus der Achterkabine, die ja zwischen Frachtraum und Cockpit liegt, eine Temperaturschleuse für Sie machen. In der können Sie sich auch umziehen. Ich werde Ihnen winterfeste Kleidung replizieren. Sobald Sie sich umgezogen haben, senke ich die Temperatur in der Achterkabine langsam auf das Niveau des Frachtraums ab. Wenn Sie zurückkehren, mache ich es umgekehrt.“ Sie zeigte ihm ihren Grundriss. „Eine sehr gute Idee, IDUSA.“, sagte Joran. „Ach, das ist doch gar nichts.“, gab das Schiff zurück. „Das ist doch nur mein Job. Ich bin ein Beschützerschiff und als solches programmiert, alles zu tun, um das Leben meines Stammpiloten oder meiner Besatzung und/oder beider zu bewahren.“ „Du musst dich nicht immer hinter den tindaranischen Gesetzen verstecken.“, sagte Joran. „Ich weiß längst, dass du es nicht nur deshalb getan hast. Und jetzt komm! Suchen wir die Kleine!“

Er steuerte sie in die Umlaufbahn des Planetoiden. Von hier aus würde sie mit ihren Sensoren nach dem Mädchen Ausschau halten. Aber an den Koordinaten, an denen sie sein sollte, war sie nicht mehr. Zumindest konnte IDUSA sie dort nicht mehr ausmachen. „Hat man sie entführt?“, wollte Joran wissen. „Den Spuren nach zu urteilen.“, sagte das Schiff. „Hat man das nicht. Es gibt zumindest keine Transporterspuren, aber wenn die Entführung lange her ist, könnten diese auch schon längst zerfallen sein. In der Atmosphäre haben sich aber vor einiger kurzer Zeit starke Gewitter entladen. Es ist durchaus möglich, dass die Reste noch immer meine Sensoren stören.“ „Kannst du eine Sonde starten?“, fragte Joran. „Negativ.“, sagte das Schiff. „Auch deren Sensoren würden vermutlich gestört.“ „Dann werde ich selbst gehen müssen.“, sagte der Vendar und stand auf. „Aber ich werde einen Transportverstärker mitnehmen. Wenn ich sie finde, kannst du uns so leichter erfassen. Außerdem kannst du dadurch eine Peilung von mir behalten.“ „Das ist korrekt.“, sagte das Schiff und replizierte Joran das gewünschte Gerät. „Ich danke dir.“, sagte er ruhig und nahm es an sich, um sich dann in eine transportgerechte Position zu begeben. Außerdem setzte er den Neurokoppler ab, was für sie ein sicheres Zeichen war, die Steuerkontrolle zu übernehmen. Dann befahl er in Richtung Bordmikrofon: „Aktivieren, IDUSA!“ Bereitwillig führte das Schiff seinen Befehl aus.

Joran fand sich unweit der Koordinaten wieder, an denen Nitprin eigentlich hätte sein sollen. Nachdem er per Sprechgerät überprüft hatte, dass er Verbindung zu seinem Schiff hatte, ging er vorsichtig los. Es war dunkle kalte Nacht und ein normaler Mensch hätte sicher die Hand vor Augen nicht gesehen. Aber da ein Vendar ja ohnehin eine ca. 40 % höhere Sehschärfe und somit auch eine effizientere Lichtverarbeitung besitzt, konnte er sich doch noch sehr gut orientieren. Bald hatte er tatsächlich das bewusstlose Mädchen gefunden. Er beugte sich über sie und heftete ihr den Transportverstärker an ihre Kleidung. „Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst.“, flüsterte er ihr zu. „Aber du kannst gewiss sein, dass jetzt alles wieder gut wird.“ Dann zog er sein Sprechgerät und befahl: „IDUSA, erfasse das Signal des Verstärkers und beame uns an Bord!“ „Sofort, Joran.“, gab der Avatar nüchtern zurück. „Soll ich Sie gleich im präparierten Frachtraum absetzen?“ „Genau das!“, sagte Joran entschlossen. „Auch, wenn es mir etwas kalt um die Nase werden wird, aber das muss ich dann wohl aushalten. Sobald wir dort sind, gibst du mir Ishan!“ „In Ordnung.“, sagte das Schiff. „Ich aktiviere.“

Joran fand sich mit Nitprin im Frachtraum wieder. Sie lag vor ihm im Schnee. Er zog einen Erfasser und stellte ihn auf die Biozeichen von Breen ein. Dann scannte er sie und schloss ihn an sein Sprechgerät an. Im gleichen Moment legte IDUSA die Verbindung mit Ishan darauf. „Sehr gute Vorbereitung, Joran.“, lobte der Androide mit dem aldanischen Bewusstsein, der auf Zirells Station der leitende medizinische Offizier war. „Aber ihre Temperatur ist immer noch zu hoch. Wenn das so bleibt, wird sie sterben! Du musst sie entkleiden und sie mit Schnee verhüllen. Außerdem musst du in all ihre Körperöffnungen Eiszapfen stecken. Das muss schnell gehen, Joran. Sehr schnell!“

Jorans Gesichtsfell stellte sich auf, ein Zeichen, dass es ihm mit dem ihm von Ishan gegebenen Auftrag nicht wirklich gut ging. „Aber ich kann doch nicht … Ich meine, was wird sie von mir denken?! Es muss eine andere Lösung geben, Ishan!“ „Es gibt keine andere Lösung!“, sagte der Androide jetzt ziemlich energisch und jedem sollte klar sein, dass er auf der Ausführung seiner Anweisungen bestand. „Du bist jetzt mein verlängerter Arm. Normalerweise würde ich genau das Gleiche tun. Also, wenn du ein ernsthaftes Interesse daran hast, dass sie durchkommt, dann befiehlst du IDUSA jetzt, dir die Eiszapfen, die sie bereits auf meinen Befehl repliziert hat, in den Frachtraum zu beamen und entkleidest unsere Patientin! Sonst wirst du Zirell, Maron und der Zusammenkunft erklären müssen, warum du den Befehl des leitenden medizinischen Offiziers verweigert hast und somit eine wichtige Zeugin gestorben ist, nur weil du Angst hattest, nicht mehr als Gentleman anerkannt zu werden. Es wird dir übrigens nichts nützen, wenn IDUSA dich mit Zirell verbindet. In medizinischen Angelegenheiten stehe ich im Rang über ihr und dies ist eine medizinische Angelegenheit!“

Joran wollte etwas erwidern, aber der Alarm seines Erfassers schrillte. Er nahm das Gerät hoch und befahl ihm, das Interpretationsprogramm zu aktivieren. Dort konnte er jetzt lesen, wie schlecht es wirklich um die Kleine stand. „Kelbesh!“, fluchte er. „Dann muss ich es wohl wirklich tun.“

Er machte sich daran, den defekten Kälteanzug des Mädchens zu öffnen und sie auszuziehen. Dann hüllte er sie völlig mit Schnee ein, wie Ishan es ihm befohlen hatte. „Bist du zufrieden?“, fragte er in sein Sprechgerät. „Nein!“, gab der Arzt vom anderen Ende der Verbindung zurück, der über die Kamera auch gesehen hatte, was Joran tat. „Wo sind die Eiszapfen?!“ „Das kann ich nun wirklich nicht tun!“, sagte Joran. „Ich meine, meinst du wirklich alle Körperöffnungen?“ „Ja, alle!“, bestand Ishan auf der korrekten Ausführung seiner Befehle. „Ihre Körpertemperatur muss sinken! Das können wir nur erreichen, indem wir sie gleichermaßen von außen und innen senken. Du musst, Joran! Du musst! Sonst wird sie sterben! Sie wird sterben!“

Verschämt warf der Vendar einen Blick auf seinen Erfasser. Er hoffte so sehr, dass das Gerät ihm anzeigen würde, dass es dem Mädchen schon so gut gehen würde, dass es außer Lebensgefahr war und Ishan sich vielleicht geirrt hatte. Aber den Gefallen tat der Erfasser ihm nicht. Er zeigte ihm nur hässliche rote Zahlen und daneben einen Text vom Interpretationsprogramm, der besagte: „Das gescannte Individuum ist in Lebensgefahr! Bitte wenden Sie sich an einen Mediziner oder schalten Sie das Anleitungsprogramm für erste Hilfe zu!“ Joran überlegte, letzteres zu tun, aber er dachte sich, dass dieses Programm ihm wohl auch nichts anderes als Ishan sagen würde und einen Mediziner, den hatte er ja schließlich schon in der Leitung.

Erneut schrillte der Alarm und ein Totenkopf wurde im Display des Erfassers sichtbar. Außerdem zählte das Gerät herunter, wie lange es voraussichtlich noch dauern würde, bis die Kleine ihren letzten Atemzug tun würde. Joran, der die ganze Zeit in Hockstellung neben dem Mädchen verbracht hatte, sprang auf und hechtete zum Mikrofon der Sprechanlage: „IDUSA, schaff mir die verdammten Eiszapfen her! Auf der Stelle!“ Er wusste, dass er keine Wahl hatte und war sehr froh, sie bald in Händen zu halten. Dann ging er damit zu Nitprin zurück und grub eine Körperöffnung nach der anderen frei, um sie mit einem Eiszapfen zu versehen. Dann deckte er sie wieder zu. „Vergib mir.“, flüsterte er dem Mädchen zu, obwohl er sicher war, dass sie ihn nicht hören würde. Dann nahm er sein Sprechgerät, das er abgelegt hatte, wieder auf. Die Verbindung mit Ishan war noch immer aktiv. „Ich habe es getan.“, sagte er verschämt. „Du hast das Richtige getan.“, versicherte der Arzt. „Ich hoffe nur, dass es noch rechtzeitig war.“ „Das hoffe ich auch.“, sagte Joran und beendete die Verbindung. Dann ging er in Richtung Tür, die ihn in die Temperaturschleuse führte.

Wie IDUSA es ihm vorgeschlagen hatte, glich sie die Temperatur der Achterkabine langsam an. Außerdem zeigte sie sich ihm über den Simulator im Raum, da Joran jetzt seinen Neurokoppler nicht aufgesetzt hatte. „Ist alles mit Ihnen in Ordnung, Joran?“, fragte der Schiffsavatar besorgt. „Warum nicht?“, fragte Joran, der wohl glaubte, sie hätte nichts von dem Gespräch zwischen Ishan und ihm mitbekommen. Da alles aber über ihre Systeme gelaufen war, wusste sie doch besser Bescheid, als er sich träumen lassen hatte. „Es geht mir prächtig, IDUSA.“, überspielte Joran den kleinen psychischen Dämpfer, den ihm das Gespräch mit Ishan verpasst hatte. „Das nehme ich Ihnen nicht ab.“, sagte das Schiff. „Schließlich dürfen Sie nicht vergessen, dass ich ganz genau weiß, worüber Sie und Ishan gesprochen haben. Das Gespräch fand schließlich über meine Systeme statt.“ „Dann hat es wohl keinen Zweck, dich zu belügen.“, sah Joran ein. „Nein, den hat es nicht.“, bestätigte IDUSA.

Hinten im Frachtraum wurden IDUSAs Sensoren auf eine Änderung der Situation aufmerksam. „Joran, unsere Patientin ist wach.“, sagte sie und zeigte ihm das Sensorenbild auf einem virtuellen Bildschirm. „Den Göttern sei Dank!“, rief der Vendar aus. „Lass mich zu ihr!“

Der Avatar nickte und das Schiff öffnete ihm erneut die Tür zum Frachtraum, nachdem sich Joran jetzt winterliche Kleidung angezogen hatte. Seine Schritte führten ihn jetzt zu der vor ihm am Boden sitzenden Breen. Auch er setzte sich hin. „Wer bist du?“, fragte Nitprin in leicht verständlichem akzentfreien Englisch. Joran war darüber sehr überrascht. Er hatte zunächst geglaubt, IDUSAs Kenntnisse in Anspruch nehmen zu müssen, damit sie ihm bei der Übersetzung der doch für die Meisten eher wie ein Nuscheln klingenden Sprache der Breen helfen würde. „Ich heiße Joran Ed Namach.“, sagte er. „Es tut mir leid, dass du nackt bist, aber es war überlebenswichtig für dich.“ „Schon OK, Joran. Ich bin Nitprin.“, sagte das Mädchen mit noch immer sehr schwacher Stimme. „Welcher Spezies gehörst du an? Ich meine, für einen Klingonen bist du …“ „Ich bin ein Vendar.“, erklärte Joran. „’n Vendar?“, versicherte sich Nitprin. „Welchem Mächtigen dienst du?“ „Ich diene niemandem.“, sagte Joran, der sehr überrascht über ihr doch wohl sehr umfangreiches Wissen war. „Ich bin ein freier Vendar! Aber ich arbeite für die Tindaraner. Zu denen bringe ich dich auch. Sie werden einige Fragen an dich haben.“ „Nur zu.“, lächelte Nitprin. „Ich habe auch einiges zu sagen, schätze ich.“ „Na dann.“, sagte Joran und ging in Richtung Tür. „Du siehst die Sprechanlage dort.“, sagte er noch zu dem Mädchen. „Ich werde im Cockpit sein. Ruf mich ruhig, wenn du etwas benötigst. Wir sind bald da.“ Die kleine Breen nickte und sah zu, wie er hinter der Tür verschwand. Erleichtert ließ sie sich wieder in den schönen kalten und für sie sehr wohltuenden Schnee zurückfallen. Sie fühlte sich sicher bei Joran. Sie wusste, er würde sie zu einem noch viel sichereren Ort bringen. Dort würde sie endlich alles loswerden können, was sie erlebt hatte. Vielleicht konnte man ihr dort auch helfen, das Erlebte zu verarbeiten.

Man hätte meinen können, die Daten des Systems hätten die Romulaner in Panik versetzt, wenn man beobachtete, was sich in diesem Moment in der Nähe des Labors abspielte, in dem Meret und Toreth arbeiteten. Es war ein schöner Sommertag gewesen und die Beiden hatten das Fenster ihres Aufenthaltsraums, in dem sie ihre Pausen verbrachten, geöffnet. Deshalb nahmen sie auch bald die lauten Geräusche wahr, die ein Convoy von Jeeps verursachte, der sich dem Gebäude von Süden näherte. Die Jeeps fuhren schnell die Straße herunter, um dann mit einigen scharfen Bremsmanövern auf dem Parkplatz des Labors zum Halten zu kommen. Zwei von ihnen parkten den Jeep von Meret und zwei den von Toreth so zu, dass es keine Chance für die Wissenschaftler geben würde, ihnen per Fahrzeug zu entkommen, wenn sie es denn vorgehabt hätten. Aber Toreth und ihr Assistent hatten ja noch nicht einmal die Spur einer Ahnung einer Idee, was hier passieren sollte. Sie sahen nur, dass es sich bei den Jeeps um große schwarze Wagen handelte, wie sie zuweilen von Geheimdiensten benutzt wurden. „Mir ist die Sache da draußen ziemlich unheimlich, Professor.“, sagte Meret und deutete auf das Geschehen vor dem Fenster. „Ich meine, warum tun die so etwas und wer ist das überhaupt? Dass sie gerade unsere Fahrzeuge eingeparkt haben, gibt mir zu denken. Aber auf der anderen Seite war ihr Tun doch so offensichtlich, dass wir sehen mussten, was hier passiert. Was soll das?“ „Das kann ich Ihnen auch nicht beantworten, Remus!“, sagte Kimara mit leicht nervösem Unterton. „Aber ich schätze mal, dass wir es noch früh genug erfahren werden.“

Wie Recht sie damit hatte, sollte sich zum gleichen Zeitpunkt vor dem Labor abzeichnen. Aus den Jeeps waren Agenten des romulanischen Geheimdienstes gestiegen. Sie waren nur als große 2-beinige Gestalten zu erkennen, weil sie sehr vermummt waren. Auch über den Gesichtern trugen sie Masken. Nur eine Person, die aus dem vordersten Jeep gestiegen war, war sehr gut zu erkennen. Es war Senatorin Talera Rakal! Sie stellte sich jetzt vor die Agenten und begann: „Wir gehen rein, Gentlemen! Aber Sie lassen mich reden! Das wird für alle das Beste sein. Der Professor und ich sind gemeinsam zur Grundschule gegangen. Ich hoffe, sie erinnert sich noch an unsere Freundschaft und vertraut mir. Es wäre mir ein Gräuel, Gewalt anwenden zu müssen gegen sie. Das Einzige, was sie mit Gewalt behandeln dürfen, ist Meilenstein! So, nun werden wir reingehen! Ich werde uns anmelden!“ Die Männer nickten ihre Anweisungen ab und folgten ihr ins Gebäude.

Toreth und ihr Assistent waren in ihr Labor zurückgekehrt und arbeiteten an einigen Berechnungen, als der Computer sie auf die Benutzung der Sprechanlage von außen aufmerksam machte. „Verbinde mit mir, Computer.“, sagte Toreth und wartete ab, bis der Rechner das Gespräch an ihre Konsole durchgestellt hatte. Sie war sehr überrascht, in das Gesicht ihrer alten Schulfreundin aus Kindertagen zu blicken. „Talera?“, fragte sie. „Was tust du hier und wer ist deine Begleitung?“ „Ich wünschte, ich müsste nicht tun, was ich tun muss.“, sagte die Senatorin traurig. „Aber die Umstände lassen mir keine Wahl. Ich muss dich warnen, Kimara. Es wird gleich ungemütlich. Du kannst aber einen großen Beitrag dazu leisten, dass es nicht ganz so schlimm für uns alle drei, also deinen Assistenten, dich und mich, wird, wenn du uns einfach einlässt.“ „Du hattest schon immer einen Hang zum Dramatischen.“, lächelte die Wissenschaftlerin und gab dem Computer auch für Talera gut hörbar den Befehl, die Tür zum Labor zu entriegeln.

Im nächsten Augenblick wurde dieses auch schon von den Geheimdienstlern gestürmt. Zwei Agenten machten sich an Meilenstein zu schaffen. Der Eine ging zum Computer und legte einen Datenkristall ins Laufwerk, der den Rechner veranlasste, einen Suchvorgang nach allen Daten zu starten, die etwas mit der Waffe zu tun hatten. Dann wurden sie gelöscht. Der andere Agent zog einen Phaser und ging damit direkt zu Meilenstein, das in einem anderen Nebenraum stand. Dann feuerte er direkt auf das Gerät. Von ihm blieben nur noch einige geschmolzene Teile von Kristallen und ein Haufen Asche übrig.

Kimara stand blass an der Tür zum Nebenraum. Sie hatte noch versucht, Meilenstein durch ihre pure Anwesenheit zu retten, indem sie sich vor das Gerät gestellt hatte. Aber der Agent, der es auch zerstört hatte, stieß sie einfach zur Seite und sagte nur: „Glauben Sie mir, Professor. Es ist besser so. Machen Sie es uns doch allen bitte nicht so schwer.“

Verwirrt sah Kimara ihre Freundin an. „Erklärst du mir vielleicht mal, was das soll, Talera?!“, fragte sie energisch. „Der Senat hat es so beschlossen angesichts der neuen Daten, die uns die Xylianer gegeben haben, Kimara. Aber keine Angst, dir wird nicht das gleiche Schicksal blühen, für dich, deinen Assistenten und mich hat der Senat eine andere Art zu sterben vorgesehen.“ Sie holte einen Picknickkorb hinter ihrem Rücken hervor. „Ich verstehe nicht, Talera.“, sagte die Wissenschaftlerin, die jetzt zusah, wie der Rest ihres Werkes der Materierückgewinnung überantwortet wurde. „Achten Sie darauf, dass kein Staubkorn übrig bleibt, Gentlemen!“, befahl Talera. „Ja, Senatorin!“, sagte der Eifrigste der Agenten schmissig.

Toreth näherte sich vorsichtig ihrer Freundin. „Talera, bitte.“, flüsterte sie in deren rechtes Ohr. „Also gut.“, seufzte die Senatorin. „Du wirst es ja ohnehin bald erfahren. Gehen wir in dein Büro! Mr. Meret sollte uns begleiten. Dann tun wir es am besten gleich dort.“

Kimara winkte ihrem Assistenten und die Frauen und er verließen den Versuchsraum, um durch eine kleine Tür in das Büro der Professorin zu gehen. Hier stellte Rakal den Picknickkorb auf dem Tisch ab, der normalerweise für Gespräche mit Besuchern reserviert war. Es war ein kleiner rotbrauner Tisch in ovaler Form in Holzoptik, der terranische Eiche emittieren sollte. Er stand auf einem großen runden Fuß, der sich in der Mitte verjüngte und nach oben hin wieder breiter wurde, um die Platte tragen zu können. Um diesen Tisch standen vier leichte Korbstühle, die Rakal lakonisch mit den Worten: „Schön hast du’s hier. Magst wohl terranische Einrichtung.“, kommentierte. Dann begann sie, den Korb auszupacken und bedeutete Kimara und Remus mit einem Fingerzeig, sich zu setzen. Ihr Blick dabei verriet, dass sie keinen Widerspruch duldete. „Was meintest du, als du sagtest, wir würden alle drei sterben, Talera?“, fragte die Professorin. „Du scheinst dir noch nicht darüber im Klaren zu sein, was die Konsequenzen der neuen Erkenntnisse sind, Kimara.“, sagte die Senatorin und sah ihre Freundin dabei streng an. „Die Xylianer haben herausgefunden, dass die Föderation sehr wohl schuldig ist, wie du weißt. Das bedeutet, Meilenstein darf auf keinen Fall in ihre Hände geraten. Deshalb werden alle Daten und auch das Gerät selbst vernichtet. Es hat sie nie gegeben, klar?! Aber auch jegliches Wissen über Meilenstein muss vernichtet werden und seine Träger mit ihm. Die Föderation hat starke telepathische Verbündete. Wenn nur jemand noch ein Fitzelchen wüsste und in deren Gefangenschaft geriete, dann … Deshalb werden wir drei das Geheimnis mit ins Grab nehmen. Du magst doch so gern alles, was von der Erde kommt, Kimara. Kennst du Schneewittchen?“ „Willst du damit sagen, diese Nahrung ist vergiftet?“, fragte Kimara angewidert. „Genau das.“, sagte Talera mit Überzeugung. „Aber wir könnten doch Meilenstein und uns Sytania anbieten.“, plädierte die Wissenschaftlerin für ihr Leben. „Ich meine, sie ist immerhin auch eine Feindin der Föderation und würde die Waffe sicher gern gegen ihren Vater …“ „Kein Risiko!“, sagte Talera streng. „Was ist, wenn auf dem Weg zu ihr etwas schief geht und Meilenstein oder wir in die Hände der Föderation oder ihrer Verbündeten gelangen? Willst du das? Aber ich weiß genau, worum es dir geht. Bist du etwa keine Patriotin? Willst du etwa nicht für Kaiserpaar und das romulanische Imperium sterben? Hängst du wirklich so sehr an deinem kleinen unbedeutenden Leben, dass du so etwas Heroisches nicht zu tun bereit bist?!“

Sie zog ein Tuch zur Seite und biss demonstrativ in eine Frucht. Dabei streifte ihr Blick Remus, der sich mit den Worten: „Du gehörst jetzt erst mal mir!“, eine große replizierte Hirschkeule genommen hatte, die er jetzt genüsslich abnagte. „Nimm dir ein Beispiel an deinem Assistenten!“, mahnte Rakal. „Der zetert nicht so herum! Sehr gut, Mr. Meret! Sie wissen wenigstens, was es heißt, ein treuer Bürger des romulanischen Imperiums zu sein! Und du, Kimara, du solltest dir das Ganze jetzt auch mal schleunigst überlegen, sonst kommt einer der Mediziner, die ich mitgebracht habe und verpasst dir das Gift per Spritze! Eure persönlichen Angelegenheiten sind längst geregelt. Verwandte habt ihr ja keine mehr und so fällt all euer Besitz ohnehin an den Staat.“ Sie schloss sich Remus an, der gemeinsam mit ihr die restliche Fleischplatte leerte.

Kimara überlegte. Sie hing an ihrem Leben, aber dann siegte doch die allgegenwärtige romulanische Erziehung über ihren Selbsterhaltungstrieb. „Lassen Sie Ihrer alten Professorin noch was übrig, Remus.“, lächelte sie ihrem Assistenten zu. „Schließlich können auch Sie und meine Freundin hier nur einmal für das Imperium sterben. Ich bin überzeugt, das Gift in einem dieser Nahrungsmittel allein wird schon ausreichen, um uns zu töten.“ „Genau.“, nickte Talera mit vollem Mund, die sich inzwischen dem Fisch zu widmen begonnen hatte. „Wir werden gleich eine gewisse Müdigkeit spüren. Dann werden wir einschlafen und nicht wieder erwachen. Um den Rest kümmern sich die Agenten. Wie schön, Kimara, dass du doch noch zur Vernunft gekommen bist. Ich mag keine Gewalt gegen Freunde.“ „Was tut man nicht alles für den Staat.“, sagte die Professorin und bediente sich ebenfalls an dem von ihrer Freundin mitgebrachten Picknick.

Kapitel 22: Ankunft eines „Eisbrechers“

von Visitor

 

Über Little Federation war ein neuer Tag angebrochen, als Sedrin ihren weinroten Jeep zum Raumflughafen der Stadt Washington lenkte. Ihr Freund hatte sich angekündigt. Er würde den Nachtliner von Demeta nehmen. Sedrin wusste, dass es dann nicht mehr lange dauern würde, bis er ankäme. Wie sie ihn kannte, würde er gleich zur Arbeit schreiten wollen. Das war ja auch sehr wichtig, wenn man bedachte, was Yara unter Umständen gesehen haben könnte. Ihre Erinnerungen würden jetzt noch sehr frisch sein. Da Tiere ja im Allgemeinen im Hier und Jetzt leben und kein Denken in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wie wir kennen, müsste ihre „Vernehmung“ auch so schnell wie möglich über die Bühne gehen.

 

Die Demetanerin stellte den Jeep auf dem Parkplatz ab und ging in Richtung der Ankunftshalle. Hier war alles noch fast wie ausgestorben, was kein Wunder war, wenn man die frühe Zeit – es war immerhin erst sechs Uhr morgens – betrachtete. Nur vereinzelt saßen Mitarbeiter hinter Schaltern und regelten Buchungen für gemietete Jeeps oder etwas Ähnliches. Ihr Weg führte sie in Richtung der Gepäckbänder. Sie wusste, dass ihr Freund sicher einiges mitbringen würde. Er hatte ja schon Andeutungen gemacht.

Mit geschärftem Blick hielt die Agentin, die sich Personenbeschreibungen schon aus beruflichen Gründen gut einprägen konnte, nach dem Mann Ausschau. Sie und Tymoron hatten verabredet, dass er genau das Gleiche tragen sollte wie bei ihrem Gespräch auch, damit sie ihn besser erkennen würde. Außerdem wanderte ihr Blick ab und zu zur Tafel, auf der sie die Ankündigung der Landungen verfolgen konnte. Sonderflüge wie der Nachtliner wurden ohnehin noch zusätzlich durch einen Gong angekündigt, den Sedrin auch bald hörte. Jetzt richtete sie ihre Augen nur noch starr auf das Gepäckband. Irgendwann würde er ja kommen und seine Koffer abholen. Diese waren es auch, die ihr als Erstes auffielen. Etwa zehn gleichfarbige Koffer mit gleicher Aufschrift wurden durch das Band heran geschoben. Dann folgte ihnen ein älterer Demetaner mit schlanker sportlicher Figur zu Fuß, der in blaue Jeans, ein rotes Hemd und rote Schuhe gekleidet war. Er ging mit jedem Koffer einzeln zur Plattform für den Transporter, der die Koffer sofort in einen Jeep auf dem Parkplatz beamen konnte. Die Anfrage nach Hilfe, die ihm die zuständige Mitarbeiterin, eine blonde Terranerin von kleinem Wuchs und zierlicher Statur stellte, lehnte er höflich aber bestimmt ab. Du wolltest schon immer alles allein machen, Tymoron., dachte Sedrin, die ihn längst erkannt hatte.

„Werden Sie abgeholt?“, fragte die Flughafenangestellte. Tymoron nickte. „Dann nennen Sie mir doch bitte das Kennzeichen des Fahrzeugs, mit dem Sie abgeholt werden.“, erläuterte sie die Arbeitsweise der von ihr bedienten Geräte. „Der Transporter kann danach suchen, wenn es schon auf dem Parkplatz ist.“

Sedrin drängte sich nach vorn und übernahm den Rest. „Das Kennzeichen lautet LF- SH 3035.“, sagte sie. „Es ist mein Fahrzeug.“ „Danke, Mrs.“, sagte die junge Frau mit ihrer hellen etwas piepsigen Stimme und gab die Buchstaben- und Zahlenkombination in das Suchfeld ein. „Er hat es gefunden.“, sagte sie dann und ließ die Koffer genau in den Kofferraum beamen, was Sedrin und Tymoron am Bildschirm verfolgten.

„Immer gleich da, wenn man gebraucht wird.“, lächelte Tymoron. „Da ist so etwas wie eine Begrüßung doch glatt Nebensache.“ „Entschuldige.“, sagte Sedrin ruhig. „Hi.“ „Schon besser.“, lobte Tymoron. „Aber ich denke, wir sollten uns jetzt so schnell wie möglich zu unserer Patientin begeben. Auspacken kann ich immer noch später. Außerdem enthalten fast alle meine Koffer Werkzeug, das wir brauchen werden.“ „Und du bist immer noch der gleiche arbeitsame Streber, als den ich dich in Erinnerung habe. Aber wenn du drauf bestehst.“ Sie winkte und er folgte ihr.

Sie verließen den Raumflughafen durch die Drehtür. Dann standen sie auch bald vor dem Jeep. „Nettes Kennzeichen.“, stellte Tymoron fest und deutete auf den kleinen Bildschirm an der Vorderseite des Fahrzeugs, auf dem der von Sedrin genannte Schriftzug zu sehen war. „Ich nehme an, die Jahreszahl symbolisiert euer Hochzeitsjahr. Das Erste sind die Kennbuchstaben von Little Federation und das in der Mitte deine neuen Initialen.“ Sedrin nickte. „Du sprichst mich doch sicher nicht umsonst darauf an.“, sagte sie dann. „Ich komme immer noch nicht über die Tatsache hinweg, dass du einen Terraner geheiratet hast.“, sagte Tymoron. „Und dann war er auch noch dein vorgesetzter Offizier. Was hat er gemacht, um dich dazu zu bringen. Hat er es dir befohlen?“ „Nein.“, lächelte Sedrin. „Wir haben uns ganz normal ineinander verliebt.“ „Nicht zu fassen!“, staunte Tymoron. „Dabei haben dich die terranischen Jungs doch früher immer so genervt mit ihrem ständigen Posen und ihrem eingebildeten Gehabe!“ „Jaden war nichts davon.“, stellte Sedrin fest. „Um ehrlich zu sein, war er ein kleiner Tollpatsch, den man an die Hand nehmen musste.“ „Ah, ein Helfersyndrom.“, scherzte Tymoron, während er auf der Beifahrerseite des Jeeps einstieg. „Zu Anfang.“, sagte Sedrin, während sie das Fahrzeug in Bewegung setzte. „Waren ihm meine Erinnerungen an bestimmte Dinge oft ziemlich zuwider und er hat mich mit T’Pol verglichen, die Archer ja auch oft wieder auf den richtigen Weg gebracht hat. Aber unsere Ingenieurin hat es schon immer gewusst. Sie hatte wohl von Anfang an ein Näschen dafür. Was sich liebt, das neckt sich. Tressa weiß nicht, dass ich weiß, dass sie mit ihrem Assistenten des Öfteren darüber gescherzt hat und ich wäre dankbar, wenn es so bliebe!“ „Keine Angst.“, tröstete Tymoron. „Ich kenne deine Techniker Tressa ja gar nicht. Also komme ich auch nicht in Versuchung, ihr irgendwas zu verraten.“

Sie bogen vom Highway auf jene Landstraße ab, die zum Tierheim von Little Federation, das etwas außerhalb lag, führte. „Wir sind bald da, Tymoron.“, sagte Sedrin. „Wirst du noch Helfer benötigen?“ „Kommt auf die Situation an, die sich mir bietet.“, sagte Tymoron. „Ich werde mich wohl erst einmal mit Yara bekannt machen. Das Tier bestimmt das Tempo, in dem wir arbeiten. Mal sehen, wie weit wir heute kommen.“ „OK.“, sagte Sedrin und stellte das Fahrzeug auf dem Parkplatz vor dem Tierheim ab. „Dann komm mit.“ Beide stiegen aus.

Dass sich noch jemand auf dem Gelände befinden würde, ahnten die beiden Demetaner nicht, denn sie hatten noch keinen weiteren Jeep gesehen. Der Grund dafür war, dass jene weitere Person zwar motorisiert angekommen war, sich aber eigentlich nur von ihrem Mann auf dem Weg zur Arbeit vorbeibringen lassen hatte. Sie wollte Yara, mit der sie bereits eine tiefe freundschaftliche Beziehung verband, einen der üblich gewordenen Besuche abstatten, bei denen sie mit ihr spielte und ihr meistens ein dickes repliziertes Putenschnitzel mitbrachte. Später, wenn es Zeit wäre, würde Tchey zu Fuß zur nicht sehr weit vom Tierheim entfernten Einsatzzentrale des Rettungsshuttles gehen. Sie fand, dass ein Spaziergang am Morgen nicht verkehrt war. Außerdem hielt sie das ihrer Meinung nach fit. Um Yaras Fitness zu erhalten, hatte sich die Reptiloide ein Spiel überlegt, bei dem - wie sollte es anders sein - ein Flugobjekt eine große Rolle spielen sollte. Es handelte sich um ein ferngesteuertes Modellraumschiff, wie sie in jedem guten Spielwarenladen zu haben waren. Unten an diesem Schiff hatte ihr Ehemann eine kleine Kiste angebracht, in der sich immer ein Stück des von Yara so sehr geliebten Putenschnitzels befand. Das füllte Tchey jedes Mal nach, wenn Yara die Beute so zu sagen zur Strecke gebracht hatte, um das Schiff dann wieder per Fernbedienung starten und einige Manöver kurz über dem Boden vollführen zu lassen. Ab und an ließ sie es aber auch mal höher steigen, um Yara zum Springen zu animieren. Dies wurde von ihr stets mit dem Kommando: „Yara, hopp!“, angekündigt. Bei der ganzen Aktion hatte Tchey aber auch bemerkt, dass nicht nur Yara gefordert wurde, sondern dass auch sie sich ständig neue Manöver ausdenken musste. Als geübte Pilotin hatte sie damit aber nicht wirklich ein Problem. „Du forderst mich ganz schön, Süße!“, lächelte Tchey, der auffiel, dass die demetanische Wollkatze offensichtlich ein Talent zum Voraussehen ihrer Aktionen besaß.

Von hinten hatte sich ihr jemand genähert, den Tchey nicht sehen konnte, weil sie mit dem Spiel völlig beschäftigt war. Erst dann, als sie von der Person angesprochen wurde – und das auf eine unverwechselbare Art – konnte sie sich denken, wer das war. „Die quadropode Lebensform scheint zu Ihnen eine Affinität entwickelt zu haben.“, sagte jene Gestalt, die Tchey zuerst nur aus dem Augenwinkel ihres rechten Sehorgans wahrgenommen hatte. Erst jetzt hob sie den Kopf von der Fernbedienung, auf der sie das nächste Manöver programmiert hatte und drehte ihn in die Richtung, aus der dieser Satz gekommen war. „D/4!“, rief sie erstaunt aus. „Was tun Sie denn hier? Konnten Sie nicht regenerieren?“ „Meine Regeneration verlief in korrekten Parametern.“, versicherte die Sonde. „Ich habe sie nur mit Absicht einwenig verlegt, um mehr Freizeit mit einer meiner besten Arbeitskolleginnen verbringen zu können. Schließlich weiß ich, dass Sie um diese Zeit meistens hier sind.“

Tchey musste sich setzen. Mit so einer Reaktion der Sonde hatte sie nicht gerechnet. Auch die Fernbedienung für das Modellschiff landete langsam aber sicher auf einem der Pfähle, die den Zaun des Zwingers, in dem sich Yara befand, an seinem Platz hielten. „Ihre medizinischen Werte zeigen mir, dass Sie verwirrt sind.“, stellte die Sonde fest. „Das stimmt.“, gab Tchey - die sonst immer so coole und unerschütterliche Tchey - unumwunden zu. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich Ihnen so viel bedeute, dass Sie für mich sogar Ihre Regenerationszeit verändern. Das haut mich echt voll aus den Socken, D/4!“ „Wenn Sie das schon aus den Socken haut.“, sagte die Sonde. „Dann möchte ich nicht wissen, wie Sie auf Mr. Jelquists Heiratsantrag reagiert haben. Ich schätze, danach musste man Sie wiederbeleben.“ Tchey grinste und sogar die Lippen der Sonde verformten sich entsprechend. „Was war das denn?“, fragte die Reptiloide irritiert. „Haben Sie eben gegrinst?“ „Das ist korrekt.“, antwortete D/4.

Sie sah sich um und ihr Blick fiel auf die Fernbedienung und das sich in Tcheys Hand befindende Schiffchen. „Was tun Sie damit?“, fragte sie. „Ich spiele mit Yara.“, erwiderte Tchey. „Welcher Art sind die Spiele?“, fragte D/4. „Ich zeige es Ihnen.“, sagte Tchey und ging innerhalb des Radius der Fernbedienung ein Stück weit vom Gehege fort. Dann rief sie: „Yara, auf deinen Posten!“ Die demetanische Wollkatze sprang folgsam auf den künstlichen Felsen, der ihr auch als Werkzeug zum Schärfen ihrer Krallen diente. Dann begab sie sich in Hockstellung, was ihr ermöglichte, jederzeit abzuspringen. Ihre Vorderbeine waren durchgedrückt und gerade, ihre Hinterbeine leicht eingeknickt und jeder Muskel ihres Körpers war angespannt. Ihr Schwanz peitschte vor freudiger Erregung hin und her. Ihre Augen waren starr auf das Schiff gerichtet, ihre Ohren gespitzt. Sie gab keinen Laut von sich. „Und aufgepasst!“, rief Tchey und startete den Antrieb des Schiffchens. Dann drehte sie ihre Hand so, dass sie als Startrampe dienen konnte und ließ es los fliegen. Yaras aufmerksamen Augen war das nicht entgangen. Sie sprang vom Felsen und versuchte, dass Schiffchen noch im Flug zu fangen, was ihr dieses Mal auch gelang, da Tchey den Antrieb mitten im Flug deaktiviert hatte. Dann gab sie ein lautes und siegessicheres Fauchen von sich. „Fein! Ich komme schon.“, sagte Tchey. Dann zog sie einen Datenkristall aus der Tasche und ging um das Gehege herum zu dessen Tür. Hier steckte sie den Kristall in ein Laufwerk. „Autorisationskristall akzeptiert.“, sagte eine Rechnerstimme und das Schloss wurde entsichert. Dann betrat sie den Zwinger. Yara saß vor dem Schiff. Hier wartete sie, bis Tchey die kleine Kiste geöffnet hatte. Dann ließ sie sich das Stückchen Fleisch schmecken. Tchey nahm das Schiff mit und ging wieder hinaus. Nachdem sie das Gehege verlassen und den Datenkristall entfernt hatte, schloss auch der Schließmechanismus wieder.

D/4 hatte das Geschehen erstaunt beobachtet. „Warum besitzen Sie einen Datenkristall, der Ihnen den Zutritt zu einem dieser Zwinger ermöglicht?“, wollte die Sonde wissen. „Weil Lasse und ich ’n paar verdammt heiße Anwärter auf Yaras neue Familie sind.“, antwortete Tchey. „Ich habe mir auch schon ’ne Menge Wissen angeeignet.“ „Bestätigt.“, sagte die Sonde. „Sonst hätten Sie ja bestimmt nicht gewusst, dass demetanische Wollkatzen bereit sind, unter gewissen Umständen ihre Beute einzutauschen.“ „Oder, dass sie halt einfach bequem genug sind, sie herzugeben, wenn es ihnen einen Vorteil bringt.“, brillierte Tchey. „Yara weiß, dass es gut für sie ist, wenn sie wartet, bis ich die Büchse geknackt habe.“ „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie sich so sehr engagieren.“, sagte die Xylianerin. „Warum nicht?“, fragte Tchey. „Sie wissen doch. Wenn ich etwas wirklich will, dann …“ „Dieser Wesenszug ist mir von Ihnen sehr wohl bekannt.“, sagte die Sonde.

Die Frauen wurden auf einen sich langsam nähernden silberfarbenen Jeep aufmerksam. „Es sieht aus, als würden wir Besuch bekommen.“, sagte die Sonde. „Wer kann das sein?“, fragte Tchey. „Unbekannt.“, sagte D/4.

Wenig später wurde das Fahrzeug auf dem Parkplatz abgestellt und jemand näherte sich dem Gelände. Er hatte eine Tasche dabei. Erst beim Näher kommen wurde klar, um wen es sich handelte. „Agent Peters.“, erkannte die Sonde, die erst kürzlich bei ihm eine Aussage gemacht hatte. „Genau, D/4.“, sagte der Agent. „Aber ich frage mich, was Sie und Tchey hier tun.“ „Ich habe mit Yara gespielt.“, antwortete die Reptiloide. „Und ich habe ihr Gesellschaft geleistet.“, fügte die Sonde bei. Dann fiel ihr Blick auf die Tasche. Ihre Sensoren hatten schnell den Inhalt erfasst. „Warum tragen Sie fremde getragene Kleidung mit sich herum?“, fragte sie den Agenten verwundert. „Diese Wäsche gehört unserem Verdächtigen Nummer eins.“, sagte der Terraner deutscher Herkunft. „Da Gefahr im Verzug ist, habe ich sie aus seinem Haus besorgen können und dürfen. Sedrin und der Verhaltenstrainer brauchen sie, damit Yara ihn gegebenenfalls besser und leichter identifizieren kann. Ich habe heute Nacht noch eine Mail von ihr bekommen, in der sie ihn und sich angekündigt hat. Ist sie schon hier?“

„Das bin ich, Karl!“ Eine Stimme aus dem Hintergrund hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Er drehte sich um und sah in das konzentriert dreinschauende Gesicht seiner demetanischen Partnerin. „Hi, Sedrin.“, sagte er. „Und das ist dann wohl unser Experte.“ Er deutete auf Tymoron. „Mein Name ist Tymoron.“, stellte sich dieser vor. „Ach, wer sind denn die zwei reizenden Ladies?“ Damit zeigte er auf D/4 und Tchey. „Ich bin Tchey Neran-Jelquist.“, stellte sich selbige vor. „Ich bin die feste Pilotin des Rettungsshuttles. Das ist Systemeinheit D/4 viertes Mitglied der D-Gruppe. Sie können sie D/4 nennen. Sie ist unsere Bereitschaftsärztin.“ „Na, es wird schon nicht so schlimm werden, dass wir die Rettung benötigen.“, lächelte Tymoron. „Ich fürchte, dass es hier ein Missverständnis gegeben hat.“, klärte die Sonde auf. „Tcheys und mein Interesse an Yara ist rein privater Natur. Aber falls es notwendig sein sollte, wären wir bereit, Ihnen bei ihren Experimenten zu assistieren.“ „So kann man auch umschreiben und tarnen, dass man neugierig ist, D/4.“, flapste Tchey. „Warum sollte ich zu so einem reizenden Angebot nein sagen.“, sagte Tymoron. „Also gut. Sie sind hiermit eingestellt. Aber heute werde ich mich Yara sowieso erst einmal vorstellen. Sedrin, wir sollten zunächst einen Tierpfleger aufsuchen, der Yara kennt und uns mit ihm beraten.“ „OK.“, nickte die Agentin und beide drehten sich Richtung Bürogebäude.

D/4 hatte beobachtet, wie sie um die nächste Ecke verschwunden waren. Dann drehte sie sich zu Agent Peters um und sagte: „Ihre Ausführungen sind inkorrekt.“ „Was meinen Sie damit?“, sagte der Agent. „Ich meine, dass die Gefahr nicht nur im Verzug, sondern schon eminent ist. Sie können gegenüber Tchey und mir ruhig ehrlich sein. Ich weiß, dass Sie es gegenüber einem Zivilisten vielleicht nicht dürfen, aber Tchey ist eine ausgebildete Offizierin der Sternenflotte.“, referierte die Sonde. „Das stimmt.“, sagte Peters. „Aber es gibt hier einen unbedarften Zivilisten, nämlich Mr. Tymoron.“ „So unbedarft ist er sicher nicht.“, erwiderte die Sonde. „Er weiß bestimmt mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Ihre Partnerin wird ihm sicher die notwendigen Daten übergeben haben.“ „Das denke ich auch.“, überlegte Peters. „Aber manchmal kann ich nicht anders. Wenn etwas wie ein Zivilist aussieht, dann ist es einer für mich und ich spule das in der Agentenschule gelernte Verhalten einfach ab, ohne auf eventuelle Abweichungen zu achten.“ „Dieses Verhalten ist kurzsichtig!“, urteilte die Sonde. „Mag sein.“, sagte Peters. „Aber ich kann leider nicht aus meiner Haut. Ich bin Deutscher. Vielleicht wissen Sie das nicht, aber mein Menschenschlag ist dafür bekannt und berühmt, sich extrem stark an Vorschriften und Regeln zu halten. Manchmal vielleicht auch etwas zu stark und dann ist uns genau dieses Verhalten im Weg. Reichlich ineffizient, was?“ „Bestätigt.“, sagte D/4. „Das ist ineffizient. Aber ich weiß, dass Ihr Volk auch in gewissen anderen Dingen wiederum sehr effizient sein kann. Beispielsweise werden Sie als gute Handwerker gehandelt und Sie achten bei Ihrer Arbeit sehr auf Qualität, was wiederum sehr effizient ist. Ich denke, es kommt immer auf die Situation an. Ihre Partnerin und Mr. Tymoron werden Ihnen diesen kleinen Lapsus sicher verzeihen, wenn ich die Daten zugrunde lege, die ich über das Verhalten des demetanischen Agent sammeln konnte. Sie kann sicher auch nicht aus ihrer Haut. Demetanerinnen sind dem System als sehr verständnisvoll bekannt. Aber wir wissen auch, dass sie eine Bioeinheit ist, die sich auch komplett entgegen jeder mathematischen Wahrscheinlichkeit verhalten kann.“ „Sind Sie online?“, fragte Peters irritiert ob ihrer letzten Sätze. „Hören Ihre Leute uns etwa jetzt zu?“ „Negativ.“, sagte die Sonde. „Was ich Ihnen mitteilte, ist reines allgemeines Wissen des Systems.“ „Ach so.“, atmete Peters auf. „Und ich dachte schon.“ „Dass Sie mich gefragt haben, ob ich online sei, zeugt aber doch von einem gewissen Bildungsstand über uns Xylianer, den Sie zweifelsfrei besitzen.“ „Das stimmt.“, sagte der Agent. „Ich weiß, dass Sie im Gegensatz zu den Borg auch völlig selbstständig operieren können, ohne an irgendwelchen Folgen zu leiden. Sie können sich vernetzen, müssen es aber nicht.“ „Das ist korrekt.“, lobte die Sonde.

Die Demetaner hatten das Bürogebäude des Tierheims betreten und sich am Empfang gleich den Weg in die Chefetage erklären lassen. Tymoron wollte direkt mit der Leitung sprechen, denn dort würde man ihm am besten sagen können, wer von den Tierpflegern geeignet sein würde, bei den Experimenten um Yara und ihre „Aussage“ mitzumachen. Jetzt gingen sie einen langen Gang entlang, der rechts und links von Wandteppichen mit Tiermotiven gesäumt war. Der Flur selbst war mit einem weichen braunen Teppich ausgelegt. Am Ende des Ganges kamen sie zu einer Tür, über der sich ein Schild mit der Aufschrift Besprechungszimmer befand. Hier, so hatte man ihnen am Empfang berichtet, würden sich alle aufhalten, die wichtig wären.

Gerade hatte Sedrin überlegt, ob sie die Sprechanlage betätigen sollte, als sich die Tür des Raumes öffnete und eine kleine zierliche Gestalt mit blonden langen Haaren und einem blauen wallenden Kleid diesen verließ, um in ihre Richtung zu gehen. „Sie müssen der vom Geheimdienst angekündigte Verhaltenstrainer sein.“, wendete sie sich sogleich an Tymoron. „Und Sie sind sicher Agent Sedrin Taleris-Huxley.“ Die Demetaner nickten. „Kommen Sie doch mit.“, sagte die Frau mit ihrer lieben hohen Stimme. „Wir reden auch gerade über Yara. Dann können Sie gleich sicher noch einiges erfahren, Mr. Tymoron.“ „Ja, ja.“, nickte der Demetaner hurtig und bedeutete Sedrin, ihm zu folgen, aber mit ihm einige Schritte hinter der Frau zu bleiben. Dann raunte er ihr etwas auf Demetanisch zu, was ungefähr die Bedeutung von: „Sie ist sicher Telepathin.“, hatte. „Wenn die mit Yara arbeiten soll, sehe ich schwarz. Ich denke, ich sollte mich hier einmischen, um das Schlimmste noch zu verhindern. Immerhin ist Yara keine Hauskatze, sondern ein 70 kg schweres Tier, das, wenn es will, sehr gefährlich werden kann. Ihr Frauchen wurde ihr durch einen Telepathen genommen. Das Trauma hat sie bestimmt noch nicht verarbeitet und es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Wollkatzen Telepathie spüren können.“ Auf all seine Sätze nickte Sedrin nur bestätigend.

Sie waren in dem mit gemütlichen Sofas, Sesseln und kleinen Tischen ausgestatteten Zimmer angekommen. Die Fremde führte sie zu zwei Sesseln. Dann sagte sie zu der platonischen Tierheimleiterin: „Mrs. Deria, sie sind jetzt hier.“ „Sehr gut, Inat.“, sagte diese. „Vielleicht kann uns ja dann Mr. Tymoron gleich die Frage beantworten, warum Yara Ihnen gegenüber so skeptisch ist und Sie nur auf Entfernung toleriert.“ „Ich denke, das kann ich wirklich!“, brachte sich der Demetaner ein. „Inat ist kein terranischer Name, ist mir aufgefallen. Ist einer Ihrer Elternteile unter Umständen telepathisch?“ „Mein Vater ist Olianer.“, sagte die junge Frau. „Ach, Sie meinen …“ „Genau.“, sagte Tymoron. „Also, es wäre wohl besser, wenn ein Nicht-Telepath mit Yara arbeitet. Da wird sich doch unter Ihren Leuten sicher jemand finden, Mrs. Deria, oder?“ „Ach, aber natürlich.“, sagte die Tierheimleiterin und schlug verschämt die Hände über dem Kopf zusammen. „Dass die Lösung so einfach ist. Vielen Dank, Mr. Tymoron! So heißen Sie doch.“ „Ja, das ist richtig.“, sagte der Demetaner freundlich und zog ein Tuch aus der Tasche, das er Inat übergab. „Halten Sie das bitte für ca. 30 Sekunden in der Hand!“, instruierte er sie. „Dann wird es Ihre geistige Prägung aufnehmen. Wir werden Yara damit konfrontieren müssen, um eine fundierte Aussage zu bekommen, wenn man so will.“ „OK.“, sagte Inat. „Übrigens, ich heiße Inat Williams und bin hier eigentlich immer für die schwierigeren Fälle eingeteilt gewesen. Aber in diesem Fall geht das wohl nicht.“ „Nein!“, sagte der Demetaner überzeugt und nahm ihr nach Ablauf der Frist das Tuch wieder ab, um es in ein ebenfalls mitgebrachtes energiedichtes Röhrchen zu stecken.

„Ich wäre gern bei den Experimenten mit Yara anwesend.“, äußerte die Tierheimleiterin eine Bitte. „Ich meine, ich habe so etwas noch nie gesehen.“ „Wenn Sie es zeitlich einrichten können.“, sagte Tymoron und deutete an, den Raum verlassen zu wollen. „Aber ich werde mich Yara heute sowieso erst mal nur vorstellen.“ „Wie ich die Kleine einschätze.“, sagte Deria. „Könnte sie aber heute vielleicht schon mehr wollen.“ „Auch gut.“, sagte Tymoron. „Aber das bleibt es ja erst mal abzuwarten. Trotzdem können Sie gern mitkommen.“ „In Ordnung.“, sagte Deria, übergab ihrem Stellvertreter noch die Leitung der Konferenz und ging dann mit Sedrin und Tymoron hinaus.

D/4, Peters und Tchey sahen sie bald um die nächste Ecke biegen. „Ah, da seid ihr ja wieder.“, sagte der deutschstämmige Agent. Dann viel sein Blick auf die beide Demetaner begleitende Platonierin. „Deria, was machst du denn dabei?“ „Ich wollte einfach mal mit ansehen, was mit unserem traumatisierten Sorgenkind aufgestellt wird, Schatz.“, lächelte die Angesprochene. „Ich wusste gar nicht, dass ihr zusammen seid.“, schob Sedrin ein. „Du darfst vielleicht alles essen, aber nicht alles wissen, meine liebe Kollegin.“, neckte Peters. „Ihre Daten sind inkorrekt.“, gab D/4 ihren Kommentar ab. „Der Agent darf auch nicht alles essen. Sie leidet unter der Replikatorkrankheit.“ „Das war ja auch nicht so wörtlich gemeint, D/4.“, sagte Sedrin.

Tymoron räusperte sich. „Ich finde, wir sollten jetzt endlich zur Tat schreiten. Schließlich haben Sie mich ja sicher nicht umsonst hergeholt.“ „Nein!“, sagte Sedrin energisch. „Wie willst du jetzt vorgehen?“ „Ich werde mich zunächst in einem Winkel zum Zaun verstecken, in dem Yara mich nicht sehen, aber gut hören kann. Dann werde ich sie rufen und ihre Reaktion beobachten.“ „In Ordnung.“, sagte Sedrin und begann, mit ihm gemeinsam nach einem Versteck zu suchen. Schließlich fiel ihre gemeinsame Wahl auf ein Gebüsch in der Nähe. Tymoron begab sich dort hin. Dann rief er: „Yara, komm her!“

Die demetanische Wollkatze lauschte, aus welcher Richtung der Ruf gekommen war. Dann schlich sie in geduckter Haltung in Richtung Zaun. Ihre Augen waren mit starrem Blick in Richtung Stimme gerichtet. Ihr Fell war gesträubt, ihre spitzen Ohren verrieten hohe Aufmerksamkeit. Ihr Schwanz war durch das Aufstellen ihrer Haare leicht angeschwollen. Ihr Fang war leicht geöffnet und sie hechelte, was auf Stress hinwies. Trotzdem gab sie ein auf einer höheren Frequenz angesiedeltes Schnurren von sich. Die einzelnen Laute waren außerdem sehr kurz, was wohl auch mit ihrer schnelleren Atmung zusammenhing. „Ich glaube, sie fühlt sich mit Ihnen sehr wohl, Mr. Tymoron!“, rief Peters dem immer noch im Gebüsch wartenden Verhaltenstrainer zu. „Da irren Sie sich gewaltig!“, gab der Demetaner zurück und verließ sein Versteck. Dann stellte er sich neben den ob seiner Antwort sichtlich verwirrten Agenten und erklärte: „Den Fehler machen aber die Meisten. Wenn ein katzenartiges Wesen schnurrt, dann meinen sie, es fühlt sich grundsätzlich wohl. Das ist aber nicht immer der Fall. Man muss immer das Gesamtpaket des Verhaltens sehen. Sehen Sie Yaras Schwanz? Er ist angeschwollen und peitscht. Wenn sie sich freuen würde, wäre er hoch aufgerichtet, normal dünn und würde sich nicht bewegen. Ihr Nackenfell ist außerdem gesträubt und ihre Gesichtsmimik verrät Anspannung. Wenn ich jetzt ihre Fluchtdistanz verletzen würde, würde sie mich mit Sicherheit angreifen!“ Sein Vortrag hatte bei Karl zu einem Aha-Erlebnis geführt. „Und ich dachte immer …“, sagte er. „Ja, Sie dachten.“, sagte Tymoron. „Aber jetzt sind Sie hoffentlich eines Besseren belehrt.“ „Aber was bedeutet dann das Schnurren?“, fragte Peters. „Das ist ein Beschwichtigungsverhalten!“, erklärte Tymoron. „Sie sagt: Tu mir nichts. Komm nicht näher. Dann tue ich dir auch nichts.“ „Das heißt, dass sie eigentlich Angst hat.“, erkannte der Agent. „Sehr richtig.“, lobte der Tiertrainer. „Aber das heißt ja, dass wir schon mitten in der Arbeit sind.“, mischte sich Sedrin ein. „Ich meine, sie hat dich nicht gesehen, Tymoron. Sie hat nur deine Stimme gehört und reagiert gleich mit Angst und Angriffsbereitschaft, obwohl sie dich gar nicht kennt. Das bestätigt mir, dass ihr Trauma durch ein männliches Wesen verursacht wurde.“ „Richtig.“, nickte Tymoron begeistert. „Die junge Dame scheint ein sehr großes Arbeitstempo vorzulegen.“, stellte Sedrin fest, die noch gut ihr Gespräch aus dem Jeep in Erinnerung hatte.

Tymoron sah sich unter den Umstehenden um. Dann ging er zu Tchey hinüber. „Es scheint, als würde ich jemanden brauchen, die Yara erklärt, dass ich harmlos bin, obwohl ich ein Mann bin. Sie haben doch eine so gute Beziehung zu ihr. Wie wäre es, wenn Sie mich vorstellen?“ „OK.“, lächelte die Reptiloide, die noch nicht genau wusste, was sie erwarten sollte. „Was muss ich tun?“ „Wir gehen zusammen am Zaun in Yaras Sichtweite entlang.“, erklärte der Demetaner. „Aber ich werde Ihre Hand halten müssen, damit sich unsere Gerüche vermischen. Wenn ich es Ihnen sage, geben Sie Yara Ihre Hand zum riechen, mit der Sie vorher die Meine gehalten haben.“ „In Ordnung.“, lächelte Tchey. „Das bedeutet also, dass ich zwischen Ihnen und Yara gehe.“ „Genau.“, sagte Tymoron und nahm sie bei ihrer linken Hand. Dann gingen sie einfach nur wie zwei Spaziergänger um das Gehege herum. Yara beobachtete jeden Schritt. Sie fragte sich wohl gerade, was der seltsame Fremde mit ihrer Bezugsperson zu schaffen hatte. „Bleiben Sie ganz locker und entspannt.“, sagte Tymoron. „Wir wollen mich ja schließlich als das Normalste der Welt vorstellen. Wenn Sie so tun, als wäre ich etwas Besonderes, verstärken wir Yaras Angstverhalten unter Umständen noch.“ „Ist geritzt.“, flapste Tchey und entspannte sich merklich.

Auch Tymoron hatte Yara nicht wirklich aus den Augen gelassen. Er sah jetzt, wie sich ihr vorher gesträubtes Fell immer weiter legte, bis es wieder normal an der Haut anlag. Auch ihr Schwanz wurde wieder dünner und bewegte sich immer langsamer, bis er schließlich ganz zum Stillstand kam und sogar herunterhing. „Jetzt hat sie sich auch entspannt.“, übersetzte Tymoron. „Sie hat gelernt, dass ich ihr wohl doch nichts tue. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um dies noch zu bestätigen. Wenn Sie ihr jetzt die Hand unter die Nase halten, an der Sie mich vorher gehalten haben, dann riecht sie, dass wir zu ein und derselben Gruppe gehören, ich also auch nichts Böses von ihr wollen kann, wenn Sie mich akzeptieren. Wollkatzen sind weder echte Einzelgänger, noch echte Rudeltiere. Sie tolerieren eine Art Familienverband, der meistens nur aus weniger als fünf Tieren besteht.“ „Mit Yara wären wir aber schon drei.“, begriff Tchey. „Das stimmt.“, sagte Tymoron.

Die Reptiloide blieb stehen und zog ihre Hand aus der Tymorons. Dann schnippte sie mit den Fingern und rief: „Yara!“ Die demetanische Wollkatze ging zu ihr hinüber und schnupperte aufgeregt durch den Zaun an ihrer Hand. Ihr vorher so ruhiger Schwanz wippte leicht. Das konnte Tchey sehen. Auch ihre Atmung war noch immer sehr schnell, was gut durch die hohen kurzen Schnurrlaute, die sie in schmeichlerischer Absicht von sich gab, zu hören war. „Ruhig, Süße.“, sagte Tchey. „Er will dir nichts tun. Er ist ein ganz lieber.“ Dabei war ihre Stimme betont leise und freundlich. „Sehr gut.“, lobte Tymoron. „Obwohl ich Sie eigentlich nicht als eine so sensible Person eingeschätzt hätte.“ „Was soll das heißen?!“, fragte Tchey empört. „Nun ja.“, sagte der Demetaner. „Sie genießen einen gewissen Ruf. Sie gelten als etwas burschikos und vielleicht auch als etwas rebellisch und verantwortungslos, wenn ich ehrlich sein soll. Man vergleicht Sie des Öfteren mit Thomas Eugene Paris.“ „Na ja.“, sagte Tchey. „Auch den hat man verkannt.“ „Das ist wohl wahr.“, sagte Tymoron und setzte einen Blick auf, als wollte er sich bei ihr entschuldigen. „Immerhin hat die Stadt Sie als Pilotin für das Rettungsshuttle eingestellt, was ja ein sehr verantwortungsvoller Posten ist und das hätten sie sicher nicht einfach so getan.“ „Das glaube ich auch.“, sagte Tchey. „So ein starker Arbeitskräftemangel herrscht schließlich nicht, dass sie nehmen müssen, wer sich ihnen gerade anbietet und ich war definitiv damals nicht die einzige Bewerberin auf den Job.“

Ihre entspannte Plauderei hatte dafür gesorgt, dass sich Yara mitten im Gehege hingesetzt und mit der Körperpflege begonnen hatte. Das hieß, sie hatte ihren Kopf gesenkt, sich hingesetzt und ihre Augen von jeglichem Geschehen abgewendet. So hätte sie auf keinen Fall einer potentiellen Gefahr begegnen können, was wohl auch bedeutete, dass sie wohl keine erwartete. „Ich denke, es ist an der Zeit, den nächsten Schritt zu tun.“, sagte Tymoron und ging zum Jeep zurück, um sich vorsichtshalber doch ein Paar Schutzhandschuhe zu besorgen. Dann wandte er sich an Deria: „Könnten Sie mir wohl das Gehege aufschließen?“ „Ich dachte, du wolltest dich Yara zuerst nur vorstellen.“, mischte sich Sedrin ein. „Stimmt, Sedrin.“, sagte Tymoron. „Das wollte ich. Aber wie du weißt, halten sich die lieben Tierchen selten an unsere Pläne. Wie du sicher auch schon festgestellt hast, sind wir bereits mitten in der Arbeit.“

Deria winkte dem Demetaner und beide gingen zur Tür des Zwingers, die dann von der Heimleiterin mit einem Datenkristall geöffnet wurde. „Vielen Dank.“, sagte Tymoron ruhig und ging hinein. Dabei achtete er darauf, dass Yara ihn trotz ihrer Haltung gut wahrnehmen konnte. Er stampfte absichtlich etwas stärker auf, während er sich in eine Ecke begab, die für Yara zwar einsehbar, aber etwas weiter von ihr entfernt war. Dort setzte er sich hin und tat einfach eine Weile lang gar nichts.

Peters war die ganze Sache etwas unheimlich geworden. „Kannst du mir mal verraten, was dein Exfreund da macht?“, fragte er an Sedrin gewandt. „Ich denke, er versucht Yara noch mehr zu verdeutlichen, dass er nichts Schlimmes von ihr will.“, vermutete die Demetanerin. „Er muss sich ihr wahrscheinlich im Laufe unserer Arbeit noch stärker nähern.“

Plötzlich begann Yara, die einzelnen Schnurrlaute viel länger auszudehnen. Ihre Atmung wurde langsamer und tiefer. Sie unterbrach sogar ihre Körperpflege, um langsam aufzustehen. Dann schlich sie langsam zu Tymoron hinüber und setzte sich laut schnurrend neben ihn, um dann ihr Kinn an seinem Bauch zu reiben. Dann fuhr sie, immer noch laut schnurrend, mit der Körperpflege fort. Tymoron näherte sich zunächst mit seiner rechten Hand, über die er einen Schutzhandschuh gezogen hatte, vorsichtig ihrem Rücken. Dann berührte er sie sogar und konnte sie streicheln! Er öffnete mit seiner freien linken Hand den Verschluss des Handschuhs und schlüpfte langsam heraus. Immer mehr seiner fünf Finger waren nackt und ungeschützt. Mit ihnen berührte er nun ihr weiches wolliges Fell. Schließlich fiel der Handschuh ganz in den Sand. Jetzt war Tymorons gesamte Hand schutzlos auf Yaras Rücken. Wenn sie sich jetzt umdrehen würde, um ihn anzugreifen, könnte er viele Kratzwunden davontragen. Aber nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil! Yara schien seine Streicheleinheiten sogar sehr zu genießen. Sie drückte sich gegen seine Hand und schnurrte, aber mit seltsamen gurrenden Lauten dazwischen. Es war außerdem ein sehr tiefes langes Schnurren, das sie jetzt von sich gab. „Siehst du, Jinya.“, lächelte Tymoron. „Wir beide scheinen uns ja doch noch gut zu verstehen. Das ist auch gut so. Du musst uns nämlich helfen.“

Peters hatte die ganze Situation gebannt beobachtet. „Ist der wahnsinnig?!“, wendete er sich an Sedrin. „Ich meine, wenn er sie anspricht, dann weiß sie doch noch viel eher, dass er ein …“ „Dass er ein Mann ist, weiß sie schon längst.“, erwiderte Sedrin genervt. „Außerdem ist er ausgebildeter und lizenzierter Verhaltenstrainer! Er weiß genau, was er tut!“

Diese These Sedrins wurde jetzt auch durch Yara bestätigt, die laut schnurrend ihren Kopf hob, um mit ihrer langen breiten rauen Zunge Tymorons Hand zu liebkosen, die sich inzwischen bis unter ihr Kinn vorgearbeitet hatte. „Sie weiß, dass so einer wie ich nicht der Angreifer war!“, erklärte Tymoron durch den Zaun. „Wir müssen das Ganze jetzt aber genauer eingrenzen und sie fragen, ob unser Verdächtiger Nummer eins der Schuldige sein könnte! Ich komme erst mal wieder raus! Wir müssen noch einiges vorbereiten!“

Er stand langsam auf, um Yara gegenüber nicht doch noch bedrohlich zu wirken. Tymoron wusste, dass jede schnelle Bewegung unter Umständen von ihr als Herausforderung zum Kampf aufgefasst werden konnte, auch, wenn sie sich scheinbar gut verstanden. Er hatte es hier mit einem traumatisierten Tier zu tun, dessen Verhalten unter Umständen unberechenbar sein konnte!

Er war bei den anderen angekommen. „OK.“, sagte er. „Ich werde jetzt einige Jobs verteilen. Bitte kommen Sie alle mit mir.“ Damit folgten ihm alle Anwesenden zu Sedrins Fahrzeug. Hier holte er einige der zehn Koffer aus dem Gepäckraum und öffnete sie. Dann holte er Teile eines Dummys heraus. Außerdem einige merkwürdig anmutende magazinartige Gegenstände, von denen jeder jeweils fünf kg wog. Diese zählte er durch. „18.“, sagte er. „Das dürfte passen. Wenn wir von einem durchschnittlichen Gewicht von 90 kg des Angreifers ausgehen. D/4, würden Sie bitte zu mir kommen?“ Die Sonde nickte und näherte sich in mittlerer Geschwindigkeit seiner Position. „Als Bereitschaftsärztin sind Sie doch bestimmt mit der menschlichen Anatomie vertraut.“, sagte er. „Das ist korrekt.“, erwiderte die Xylianerin. „Dann könnten Sie mir diesen Dummy hier zusammenbauen, während ich den anderen alles erkläre. Sie werden sehen, dass es im Inneren der Körperteile Führungsschienen gibt. Da müssen die Gewichte rein. Unser Freund hier wird also später um die 90 kg wiegen. Der Rest sind einfache modulare Steckverbindungen, die sich ganz leicht durch Druck auf markierte Punkte verriegeln und entriegeln lassen. Die notwendige Elektronik ist schon eingebaut. Sehen Sie?“ Er demonstrierte es, indem er einen Arm an die Schulter des Torsos steckte, um ihn gleich wieder zu entfernen. „Verstanden.“, sagte D/4 und begann mit ihrer Arbeit.

Tymoron wandte sich Tchey zu. „Wir benötigen Sie als eventuelle Schutzbefohlene für Yara.“, erklärte er. „Da Sie die positivste Beziehung zu ihr haben, wird sie unter Umständen bereit sein, Sie gegen einen eventuellen Angriff zu verteidigen. Vor allem Sie!“ „Das bedeutet was?“, fragte Tchey interessiert. „Es bedeutet.“, sagte Tymoron. „Dass Sie sich gleich in Yaras Gehege begeben. Der Dummy wird schon dort sein und ich werde ihn Bewegungen vollführen lassen, wie sie der Angreifer womöglich gemacht hat. Er soll Sie bedrohen. Sie bekommen das hier.“ Er reichte ihr ein Gerät, das wie ein überdimensionierter Ohrhörer aussah. „Stecken Sie es bitte in Ihr rechtes Ohr.“, instruierte er Tchey. „Es wird unter Umständen sehr laut und hektisch werden, wenn Yara den vermeintlichen Bösewicht angreift, weil sie fauchen und knurren wird. Sie müssen dann trotzdem noch in der Lage sein, meinen Anweisungen zu folgen. Schaffen Sie das? Trauen Sie sich das zu?“ „Vergessen Sie bitte nicht, mit wem Sie hier reden, Mr. Tymoron!“, erinnerte ihn Tchey selbstbewusst. „Na schön.“, sagte der Demetaner und reichte ihr noch eine verstärkte Schürze. Tchey nahm sie auf und prüfte ihr Gewicht. „Oh, Gott!“, sagte sie leicht übertrieben. „Das können Sie nicht ernst meinen! Warum soll ich dieses Monstrum denn überhaupt anlegen?! Ich meine, ich bin nicht diejenige, die von Yara angegriffen werden soll. An Ihrer Stelle würde ich mir eher Sorgen um Ihren Dummy machen!“ „Haben Sie keine Angst vor Querschlägern?!“, fragte der Tiertrainer ernst. „Yaras Tatzen könnten durchaus mal daneben hauen. Sie wollen doch nicht verletzt werden, oder?!“ „Oh, nein.“, überlegte Tchey. „Darauf habe ich ja nun wirklich keine Lust.“ „Sehen Sie?! Und deshalb wird es für uns alle besser sein, Sie ziehen das hier an!“, setzte sich Tymoron durch. Widerwillig legte Tchey die Schürze an. „Jetzt weiß ich ungefähr, wie sich ein Ritter im terranischen Mittelalter gefühlt haben muss.“, stöhnte Tchey. „Na, wir wollen mal nicht übertreiben.“, sagte Tymoron und zog sie zum Eingang des Zwingers. „Bleiben Sie hier bitte erst einmal stehen.“, sagte er. „Aye-Aye, Sir.“, scherzte Tchey.

Tymoron drehte sich in Richtung der alles beobachtenden Heimleiterin. „Deria, gibt es eine Möglichkeit, das Gehege abzuteilen und Yara vorübergehend umzusperren?“ „Die gibt es.“, sagte die Heimleiterin, zog eine Fernbedienung aus der Tasche und ließ damit zwei große metallene Flügel aus zwei Pfeilern des Zaunes kommen, die sich in der Mitte begegneten. Nun war das Gehege in zwei Hälften aufgeteilt. „Ausgezeichnet.“, sagte Tymoron. „Machen Sie zunächst wieder auf. Dann möchte ich, dass Sie ihr Lieblingsfutter holen und es in einer Hälfte platzieren. Wenn Yara dort ist, sperren Sie zu, damit wir in Ruhe in der anderen Hälfte des Geheges sicher arbeiten können.“ „Ist gut.“, sagte Deria, um dann zu verschwinden und wenige Minuten später mit einem dicken Putenschnitzel zurückzukehren. Dieses warf sie von außen in Yaras Napf, was der demetanischen Wollkatze nicht entgangen war. Sie sauste hinüber und tat sich an ihrem Gratishappen gütlich, während Deria das Gehege teilte.

Der Demetaner wendete sich D/4 zu. Er stellte fest, dass sie den Dummy bereits fertig gestellt hatte. „Sehr gut.“, sagte er und gab ihr eine Fernbedienung in die Hand. „Mit der hier können Sie sich schon einmal vertraut machen. Ich möchte, dass Sie unseren Angreifer später lenken. Außerdem können Sie uns somit gleich mal helfen, wenn wir ihn von einem Mr. Nichts sagend in unseren Verdächtigen Nummer eins verwandeln. Sie können ihn seine Arme und Beine bewegen lassen, was uns sehr helfen dürfte, ihn anzuziehen. Dann werden wir ihn einfach an seinen Platz im Gehege führen, denn Sie werden ihm das Laufen beibringen.“ „Ich verstehe.“, sagte die Sonde gleichmütig und studierte die Schriftzüge auf der Fernbedienung. „Ich bin mit der Bedienung dieses Gerätes vertraut.“, sagte sie. „Das ging aber schnell.“, lächelte Tymoron. „Na dann. Karl, würden Sie bitte die getragenen Sachen herbringen?“ Der Agent nickte und brachte die Tasche. Dann machten sich Tymoron und D/4 daran, den Dummy anzuziehen. Auch das Tuch mit der telepathischen Prägung wurde ihm in die Tasche seines Anzugs gesteckt. Dann zogen sich Peters und Tymoron geruchsneutrale Handschuhe an und nahmen den Dummy bei den Händen. „Wir sind so weit, D/4.“, sagte der Verhaltenstrainer. Die Sonde nickte und setzte den vermeintlichen Mr. Radcliffe in Bewegung.

Bald hatten die Männer und die Sonde ihn im Gehege platziert. „Jetzt kommen Sie, Tchey.“, sagte Tymoron. „OK.“, antwortete die Reptiloide und schlurfte lässig heran. „Stellen Sie sich dem Dummy bitte gegenüber.“, wies Tymoron sie an. Tchey nickte und tat, worum er sie gebeten hatte. „Deria, jetzt Sie.“, sagte er und zeigte auf die Fernbedienung in der Hand der Tierheimleiterin. Diese öffnete den Schieber und Yara kam aus ihrem temporären Arrest. Sofort fiel ihr jener Geruch in ihrem Gehege auf! Jener verhasste Geruch, der sie sofort an die Angriffssituation erinnerte. Auch die vermeintliche Anwesenheit eines Telepathen spürte sie. Wieder sträubten sich ihre Nackenhaare, ihr Schwanz wurde dick und sie begann zu knurren und zu fauchen, was ein schier ohrenbetäubendes Spektakel auslöste. „D/4!“, rief Tymoron der Sonde zu. „Lassen Sie es so aussehen, als würde sich unser Angreifer von Yaras Imponiergehabe nicht abschrecken lassen. Tun Sie, als wolle er sie wirklich angreifen!“ „Verstanden.“, sagte die Sonde und ließ den Dummy seinen rechten Arm nach Tcheys Kopf ausstrecken, ein Verhalten, das sie bei Telepathen schon oft beobachtet hatte.

Yara hielt jetzt nichts mehr! Sie sprang auf den Dummy zu und verbiss sich in sein Handgelenk. Dann stieß sie ihn mit ihren Tatzen und den ausgefahrenen Krallen an und versuchte, ihn zu Fall zu bringen. Gleichzeitig drängte sie Tchey mit ihrem Hinterteil ab. Tymoron nahm ein kleines Sprechgerät, das er bei sich hatte, schaltete es ein und flüsterte ruhig hinein: „Tchey, lassen Sie sich beschützen. Gehen Sie langsam weg. Kommen Sie vorsichtig zu uns.“ Die Reptiloide nickte und tat, was er ihr aufgetragen hatte.

Tymoron und die Agenten beobachteten, was Yara mit der neuen Situation anfing. „Sie scheint nicht bemerkt zu haben, dass ihre Schutzbefohlene weg ist.“, sagte Sedrin, die genau sah, dass sie sich noch immer im Handgelenk des Dummys verbissen hatte und nicht daran dachte, irgendwann loszulassen. „D/4, zeigen Sie mir die Fernbedienung.“, instruierte er die Sonde. Diese tat es bereitwillig. „Dachte ich mir.“, sagte Tymoron und deutete auf einen kleinen Bildschirm am Gerät, auf dem eine Graphik zu sehen war. Es handelte sich um ein Tortendiagramm, in dem genau die Druckverteilung auf das Handgelenk des Dummys zu sehen war. „Wovon redest du?“, fragte Sedrin. „Schau mal.“, sagte Tymoron. „Diese Graphik zeigt eindeutig, dass Yara verstärkt mit den Fangzähnen festhält. Das bedeutet, sie will ihren Gegner festhalten, aber nicht zerfleischen.“ „Das ist mir klar.“, sagte Sedrin. „Trotzdem finde ich, sie sollte bald loslassen, um sich nicht die Zähne auszubeißen. Woraus ist die Hülle des Dummys?“ „Duranium.“, sagte Tymoron. „Und du hast Recht. Sie sollte bald loslassen. Ich weiß zwar auch, dass Zahnschmelz das härteste Material im Körper ist, aber mit Duranium kommt es nicht mit. Außerdem mache ich mir Sorgen um den Halteapparat ihrer Zähne.“ „Aus, Yara!“, ging Peters dazwischen, was ihn aber nur einen abfälligen Seitenblick von Tymoron ernten ließ.

Die, welche dann schließlich genau das Richtige tat, war D/4. Durch einige schnelle Abfolgen von Tastenkombinationen auf der Fernbedienung ließ sie den Dummy hinfallen. Dann biss ihm Yara in die Kehle, worauf D/4 ihn ein eingespeichertes Röcheln abspielen ließ. Dann deaktivierte sie in Windeseile all seine Systeme.

Yara ließ endlich ab. Dann schlich sie durch ihr Gehege und markierte alles mit Pfoten, Krallen und Kinn. Danach ging sie zu ihrem Toilettenplatz und machte einen großen dicken Haufen. „Was hat das zu bedeuten, Tymoron?“, fragte Sedrin. „Sie feiert so zu sagen ihren Sieg.“, erklärte der Angesprochene. „Sie nimmt ihr Revier quasi neu in Besitz. Deria, wenn Yara sich beruhigt hat, möchte ich, dass Sie sie wieder kurz umsperren, damit ich meine Sachen holen kann.“ „Sicher.“, lächelte die junge Platonierin. „Mr. Peters, helfen Sie mir bitte.“, sagte Tymoron zu Karl. „Wenn es dann sicher ist.“, äußerte der Agent Bedenken. „So sicher wie im Leib Ihrer Mutter.“, sagte Tymoron. „Wenn sie umgesperrt ist, kann niemandem etwas passieren.“ „Ich hole noch ein Schnitzel.“, lächelte Deria und ging.

Tymoron wandte sich mit einem breiten Grinsen der Sonde zu, die er zunächst kaum beachtet hatte. „D/4, das war großartig!“, sagte er. „Ich wollte Ihnen genau diese Anweisung geben! Woher wussten Sie, dass …“ „Dies herauszufinden war einfach.“, sagte die Xylianerin. „Das Operationsziel des Tieres lautete, den Angreifer zu besiegen und zu töten, um Tchey zu beschützen. Dies habe ich erkannt und ermöglicht. Yaras Ablassen war das meiner Theorie nach eminente Ergebnis.“ „Wow!“, machte Tymoron. „Einer künstlichen Lebensform wie Ihnen hätte ich das nicht zugetraut. Aber anscheinend besitzen Sie auch ziemlich sichere Instinkte. Ich suche noch nach einer Assistentin. So eine wie Sie würde ich vom Fleck weg einstellen!“ „Ich empfinde meine jetzige Arbeitsstelle als adäquat.“, sagte D/4. „Oh, das glaube ich.“, sagte Tymoron. „Aber falls Sie von der Arbeit als Rettungsärztin einmal die Nase voll haben sollten, steht Ihnen meine Tür jederzeit offen.“ „Den zuerst von Ihnen genannten Umstand bezweifle ich.“, sagte D/4. „Ich denke, das wird niemals eintreten. Langeweile im Job kann ich nicht empfinden.“ „Schade.“, sagte Tymoron und lächelte. „Wir wären sicher ein effizientes Team, nehme ich an.“ „Ihre Annahme wäre sicher korrekt.“, sagte die Xylianerin. „Aber ich muss ablehnen.“

Deria kam mit dem Putenschnitzel zurück. „So.“, sagte sie. „Jetzt kann es losgehen.“ Es folgten die gleichen Aktionen wie vorhin. Während Yara sich auf das Schnitzel stürzte, holten Peters und Tymoron den Dummy aus dem Zwinger, demontierten ihn und verstauten die Einzelteile wieder in den Koffern, die sie im Jeep verstauten. „Ist der Geheimdienst dir gegenüber jetzt irgendwie regresspflichtig?“, fragte Sedrin in Tymorons Richtung. „Aber nein.“, sagte er. „Dass mal was verschrammt wird oder kaputt geht, ist in meiner Branche normal. So ein Handgelenk für einen Dummy macht mein Replikator zu Hause im Schlaf. Das ist eben Berufsrisiko.“

Deria trat heran. „Wie sieht es mit Yaras Vermittlung aus?“, wollte sie wissen. „Ich meine, wir haben da eine Familie von Betazed mit einem reizenden kleinen Jungen , die würde …“ „Sind Sie wahnsinnig!“, fragte Tymoron streng und seine sanfte Stimme, die zuweilen an die des ersten Offiziers der Voyager erinnerte, war plötzlich gar nicht mehr so freundlich. „Yara kann, darf und soll niemals an einen Telepathen vermittelt werden, niemals! Den Grund werde ich Ihnen zeigen!“ Er nahm das Tuch und warf es ins Gehege. Yara, die es sofort sah, stürzte sich darauf und zerfetzte es. „Stellen Sie sich vor, Deria, das wäre der reizende kleine Junge gewesen!“ „Es tut mir leid.“, sagte die schockierte Tierheimleiterin. „Das sollte es auch!“, sagte Tymoron mit immer noch sehr strengem Gesicht. „Von einer ausgebildeten Kraft hätte ich ein vernünftigeres Urteil erwartet!“ „Es gibt keine Telepathen bei den Neran-Jelquists.“, buhlte Tchey bei Tymoron um die Erlaubnis, Yara adoptieren zu dürfen. „Ich denke, Tchey.“, sagte die Heimleiterin. „Dass wir uns dann doch für Sie entscheiden werden.“ „Na also.“, sagte Tchey siegessicher. „Jetzt muss ich meinen Mann nur noch darauf vorbereiten, dass wir Familienzuwachs bekommen.“ Sie ging grinsend.

Tymoron sah auf seine Uhr. „Eventuell kann ich heute noch den Liner zurück nehmen.“, sagte er. „Wenn du mich gleich nach Washington bringst, Sedrin.“ „Gern.“, sagte die Demetanerin. „Wenn ich könnte, dann würde ich dich sogar ganz bis nach Demeta bringen. Schließlich hast du uns bei den Ermittlungen sehr geholfen. Dank dir und Yara hat der Wäscher vom Mars endlich ein Gesicht.“ Sie stiegen in den Jeep und verließen das Gelände des Tierheims.

Während der Fahrt bemerkte Sedrin, dass sich ihr Freund trotz des guten Ausgangs des Experimentes nicht wirklich entspannte. „Was für ein Problem hast du noch?“, fragte sie und hielt demonstrativ am rechten Fahrbahnrand an. „Es ist Systemeinheit D/4 viertes Mitglied der D-Gruppe.“, sagte Tymoron. „Diese kleine Sonde hat mich ganz schön beeindruckt. Am liebsten hätte ich sie sofort eingepackt und mitgenommen und mich nicht mehr mit im Gegensatz zu ihr zweitklassigen Bewerbern herumgeschlagen. Das Beste in Sichtweite zu haben, aber zu wissen, dass man sich dann doch mit dem Zweitbesten zufrieden geben muss, ist kein sehr angenehmes Gefühl, Sedrin. Aber vielleicht ändert sie ihre Meinung ja noch.“ „Davon gehe ich nicht aus!“, sagte die Demetanerin, die jene Sonde ja schon etwas länger kannte, als es ihr Freund je tun würde. „Wenn D/4 etwas durchziehen will, dann tut sie das auch. Sie hat dir ja wohl verdeutlicht, dass sie ihre Arbeit als Bereitschaftsärztin des Rettungsshuttles nicht aufgeben wird, egal was für Versprechungen du ihr auch immer machen würdest.“ Sie startete den Antrieb des Fahrzeugs erneut und sie fuhren weiter in Richtung Raumflughafen. Dort half sie ihm noch kurz mit seinem Gepäck, bevor sie sich dann verabschiedete.

Kapitel 23: Sytanias List

von Visitor

 

Dirshan und Sytania hatten das Geschehen vom Palast der Prinzessin aus durch den Kontaktkelch beobachtet. „Sie werden Eurer Marionette draufkommen, Milady.“, äußerte der Vendar. „Das macht nichts.“, tröstete Sytania. „Selbst, wenn sie durch dieses Tier jetzt wissen, wer der Wäscher vom Mars ist, so kann ich sie immer noch sehr gut ablenken, Dirshan. Mach dir darüber bitte keine unnötigen Sorgen.“ „Was habt Ihr vor, zur Ablenkung zu tun, Hoheit?“, fragte Dirshan interessiert. „Bitte vergebt mir. Ich bin eben nur ein Novize und habe bei Weitem nicht das Wissen meines Ausbilders. Vielleicht wäre es bei Zeiten besser, ihn wieder in sein Amt einzusetzen und mich wieder zu einem einfachen Jungkrieger zu machen, der ich ja auch eigentlich bin.“ „Du musst dich nicht um deinen nichtsnutzigen Ausbilder sorgen, Dirshan.“, sagte die Königstochter lapidar. „Er hat sich sein Versagen selbst zuzuschreiben. Deshalb musst du schon gar kein schlechtes Gewissen haben, nur weil du jetzt so schnell zu meinem obersten Vendar, meinem Vertrauten, aufgestiegen bist. Ich habe zwar den Ruf, nicht zu den gerechtesten Wesen zu zählen, aber wer eine Strafe verdient, der kriegt sie von mir auch und wer eine Belohnung verdient, für den gilt das Gleiche. Es ist also alles in Ordnung. Und jetzt werde ich dir beweisen, dass ich es ernst meine. Pass auf!“

Sie fasste nach Dirshans linker Hand und führte sie erneut auf den Kontaktkelch, von dem er sie zunächst selbst entfernt hatte. Dann nahm sie sich seine Rechte mit ihrer Linken und legte ihre Rechte auf den Fuß des Kelches. Danach begann sie, sich auf das Bild von Radcliffes Schiff zu konzentrieren. Dirshan sah, wie es auch vor seinem geistigen Auge Gestalt annahm. „Warum können wir es sehen, obwohl es getarnt ist, Gebieterin?“, fragte Dirshan fast ehrfürchtig. „Weil ich will, dass wir es sehen.“, sagte Sytania. „Ich bin eine Mächtige, wie du weißt. So etwas Lächerliches wie Naturgesetze kann ich Kraft meines Willens ganz leicht aus den Angeln heben! Der Plan, den ich verfolge, hat sehr viel mit diesem Schiff zu tun. Aber nicht nur mit diesem, sondern auch mit dem Schiff des Tindaraners und mit dem Tod von einer gewissen terranischen Sternenflottenoffizierin, die mir schon lange ein Dorn im Auge ist. Heute Nacht wird sie sterben, Dirshan! Ja, heute Nacht wird Allrounder Betsy Scott sterben!“ „Aber was hat das Schiff damit zu tun?“, fragte Dirshan. „Ganz einfach.“, sagte Sytania. „Wir müssen den Tindaraner ablenken und Scotty, das dumme Schaf, das auch. Ich hörte, du bist in technischen Dingen sehr bewandert. Was sagt dir das?!“

Es gab einen schwarzen Blitz und Sytania hatte das Bild des Schiffes durch eines von IDUSAs Cockpit auf der Raumwerft ersetzt. Nun sahen die Beiden, wie sich ein schwarzhaariger Celsianer in Scottys Abwesenheit mit einem Diagnosepad an den Systemen des tindaranischen Schiffes zu schaffen machte. „Was tut er da?“, fragte die Königstochter ihren neuen Truppenführer. „Er scheint Vorbereitungen für die Wartung der Sensoren zu treffen.“, antwortete Dirshan. „Zumindest sieht es für mich so aus, wenn ich das hier richtig interpretiere.“ „Und bedeutet das nicht auch, dass die Sensoren irgendwann ausprobiert werden müssen?“, fragte Sytania spitzfindig. „Ja, Gebieterin.“, sagte Dirshan. „Das bedeutet es.“ „Dann wirst du hier bleiben und das Geschehen weiter überwachen!“, befahl Sytania. „Gib mir Bescheid, wenn sie kurz davor sind. Dann werde ich so zu sagen die Tarnvorrichtung von Nathaniels Schiff deaktivieren, damit das tindaranische Schiff es in jedem Fall sehen kann. Wenn ich dies erreicht habe, läuft der Rest meiner Ablenkung von ganz allein.“ „Was meint Ihr?“, fragte Dirshan. „Nun.“, sagte Sytania. „Ich meine, dass dieses Schiff dann nach ihrem Piloten schreien wird und nicht mehr zulassen wird, dass jemand anderes sich ihr auch nur nähert. Das ist ein in tindaranischen Militärschiffen installiertes Systemprotokoll. Es dient dazu, dass die Schiffe bei feindlichem Einfluss alles daran setzen, diesen zu melden, wenn sie ihn sehen und allein sind. IDUSA wird das plötzliche Auftauchen des Breenschiffes nicht einordnen können und es als genau solchen deklarieren, weil sie mich in Verdacht haben wird. Aber das macht nichts. Es ist sogar sehr gut für uns in diesem Fall. Die Dummköpfe von der Werft werden das plötzliche merkwürdige Verhalten des Schiffes nicht einordnen können und werden versuchen, Scotty und vor allem Shimar zu erreichen. Shimar wird Scotty bitten, ihn im Jeep zur Werft zu fahren, damit er das mit IDUSA klären kann. Nur ihr Stammpilot oder dessen Commander können eine IDUSA-Einheit aus diesem Protokoll holen. Dann ist Betsy allein! Allein und schutzlos! Das ist eine gute Gelegenheit für Radcliffe, sich mit ihr scheinbar zu versöhnen. Du weißt schon, was ich meine. Sie wird nicht argwöhnisch sein, weil sie bereits am Vorabend genug Anhaltspunkte dafür bekommen haben wird, dass sich Radcliffe wieder von seiner geistigen Krankheit erholt hat.“ „Das heißt, Ihr werdet ihn entsprechend instruieren?“, fragte Dirshan. „Genau das heißt es!“, sagte Sytania. „Aber dann werdet Ihr den Kontaktkelch brauchen, Milady.“, stellte der Novize fest. „Ach was.“, sagte Sytania. „Den benötige ich nicht unbedingt. Ich kann auch so mit jemandem über dimensionale Grenzen hinaus telepathischen Kontakt aufnehmen. Den benutze ich meistens nur dann, wenn ich einen Sterblichen in die Verbindung einbinden muss. Es macht vieles für mich leichter. Aber den Kontakt mit Nathaniel bekomme ich auch so hin. Du, als Sterblicher, bist aber auf den Kelch angewiesen und ich benötige deine Expertenmeinung.“ „Woher wisst Ihr überhaupt so genau über die Systemprotokolle tindaranischer Schiffe Bescheid?“, fragte Dirshan erstaunt. „Nicht nur mein Vater hat Spione unter meinen Vendar.“, sagte Sytania. „Auch ich lasse die freien Vendar auf New-Vendar-Prime ausspionieren und auch die meines Vaters. Sianach und ihre Leute verkehren mit den Tindaranern. Das gibt auch Datenaustausch. Gegen ein bisschen Spionage ist nichts einzuwenden. So etwas tun verfeindete Mächte. Ich bin sicher, auch mein Vater und Iranach, seine oberste Vendar, tauschen sich öfter über die Dinge aus, die hinter diesen Mauern passieren.“ „Ihr sagt das, als wäre es etwas völlig Normales.“, stellte der junge Vendar fest. „Das ist es ja auch.“, sagte die Prinzessin und stand von ihrem Thron auf. „Ich werde mich jetzt zurückziehen.“, sagte sie. „Ich werde in meine Gemächer gehen und von dort in aller Ruhe Nathaniel kontaktieren. Schick nach mir, wenn du etwas erfährst.“ Sie deutete in einer großen Handbewegung auf die umstehenden Wächter. „Ja, Gebieterin.“, nickte Dirshan und legte beide Hände auf den Fuß des Kelches, der ihm gleich darauf die Bilder von der Werft auf Celsius präsentierte.

Nicht nur Sytania, auch Radcliffe hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen. Hier lag er nun auf seinem Bett und entspannte sich. Nathaniel!, hörte er plötzlich Sytanias telepathische Stimme in seinem Geist. Sofort war er hellwach! Er setzte sich auf und dachte: Was gibt es, Hoheit? Ich will mit dir über deinen Auftrag sprechen., gab Sytania zurück. Über den Auftrag, Allrounder Betsy Scott zu beseitigen! Heute Nacht, Nathaniel, heute Nacht muss es geschehen! Aber zuvor wirst du deine Familie und sie überzeugen, wie gesund du eigentlich bist. Lade sie zu einer kleinen Feier unten in der Bar ein. Lass dich auf alle Spielchen ein, mit denen sie dich zu prüfen gedenken. Später, wenn es Mitternacht schlägt, gehst du mit dem Schlafwurz und zwei präparierten Gläsern zu Betsy und …! Ich weiß, Prinzessin., meinte Radcliffe, der für Sytania alles getan hätte in seiner momentanen Verfassung! Wie sehr er sich in ihr täuschte, ahnte er ja noch lange nicht. Dann sind wir uns ja einig., grinste Sytania mit verbrecherischer Miene. Das sind wir, Prinzessin., bestätigte Radcliffe.

„Nathaniel?!“ Die etwas lautere fragende Stimme seiner Frau hatte Radcliffe kaum wahrgenommen. Erst jetzt drehte er sich um. „Was gibt es, Nayale?“, fragte er und machte ein unschuldiges Gesicht. „Hast du wieder mit deiner Prinzessin …?“ „Kein Grund, um eifersüchtig zu sein.“, tröstete der verblendete Professor. „Sytania und ich haben nur noch über die weiteren Bedingungen meiner Heilung gesprochen.“

Nayale war hellhörig geworden. Das Wort Bedingungen hatte er in diesem Zusammenhang zum ersten Mal benutzt. „Was für Bedingungen?!“, fragte sie ihn jetzt sehr ernst. „Ich muss ein paar harmlose Dinge für Sytania erledigen.“, sagte Radcliffe. „Oder hast du ernsthaft gedacht, sie heilt mich, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen? Nein! So selbstlos ist sie nicht.“ „Und was sind das für Dinge, die du für sie tun musst?!“, wollte die junge intelligente Zeonide wissen. Immer mehr schien sich ihr Verdacht zu bestätigen, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zu ging. „Sytania will, dass ich mich mit allen, die ich im Zusammenhang mit meiner Krankheit und Heilung vor den Kopf gestoßen habe, wieder versöhne.“, log Radcliffe. „Das schließt selbstverständlich auch unseren Sohn, Allrounder Scott und dich ein. Sie will, dass ich euch den Vorschlag mache, bei Ginalla unten in der Bar eine kleine Party zu feiern.“ „Na schön.“, sagte Nayale, die sich nur zum Schein auf diesen Vorschlag einließ. Sie wusste, dass er gelogen hatte! Tief in ihrem Inneren wusste sie es, konnte es aber nicht beweisen. „Es wäre nur das Beste, wenn du gehen könntest und Allrounder Scott und ihren Mann informieren könntest. Selbstverständlich ist auch ihr tindaranischer Besucher mit eingeladen. Wenn ich ihr jetzt unter die Augen trete, dann …“ „Ich verstehe schon.“, lächelte Nayale, um gute Miene zum bösen Spiel, das sie langsam durchschaute, zu machen. „Dann werde ich mal rüber gehen und mein schönstes Lächeln aufsetzen.“ „Das schaffst du schon, meine kleine Zaubermaus.“, flötete Radcliffe. Dann schaute er ihr noch lächelnd hinterher, während sie langsam und fast feierlich aus der Tür schritt.

Unentwegt diskutierten Shimar und Scotty über meinen Ausflug mit Korelem, allerdings, ohne mich dabei einzubeziehen, obwohl ich mit ihnen im Raum war. Ich beobachtete dieses Spektakel grinsend, obwohl ich mich ja eigentlich hätte zu Wort melden können. Bei passender Gelegenheit würde ich dies auch tun, aber die Gelegenheit war eben noch nicht da. Statt dessen fühlte ich mich sehr geschmeichelt über die Tatsache, dass sich die beiden Jungs solche Sorgen um mich machten. Eigentlich sorgte sich aber nur Scotty, denn Shimar war die ganze Zeit damit beschäftigt, ihn, der sich immer mehr aufregte, wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. „Jetzt hör auf, hier den großen Lärm um nichts zu veranstalten!“, ermahnte Shimar Scotty, der inzwischen schon sehr laut geworden war. So laut, dass jeder, der unter dem Balkon vorbeiging, alles hätte mitbekommen können. Da es ein lauer celsianischer Sommernachmittag war, hatten wir die Tür offen gelassen. „Sie war zu keinem Zeitpunkt in Gefahr. Korelem hat die Situation sehr gut managen können. Ich glaube sogar, er hat heimlich dafür trainiert. Er hätte sie nicht fallen lassen. Außerdem ist er in keine übermäßig große Höhe aufgestiegen. Er hätte sich jederzeit einen Landeplatz suchen können, wenn er nicht mehr gekonnt hätte. Er weiß es nicht, aber ich war zwischendurch auch in seinem Geist und weiß daher, wie er zum Zeitpunkt des Ausflugs gedacht hat. An sich mache ich so etwas nicht, aber du hast mir ja keine Wahl gelassen!“ „Wieso hab’ ich dich jetzt dazu gezwungen, in den Geist von diesem Flattermann einzudringen?!“, empörte sich Scotty. „Du tust ja gerade so, als wäre ich der Angsthase der Nation und hätte …!“ „So benimmst du dich aber auch gerade!“, sagte Shimar, dessen Tonfall jetzt auch von ruhig in energisch umgeschlagen war. „Wie kannst du bloß so ruhig damit umgehen?!“, fragte Scotty. „Ich meine, an ihrer Unversehrtheit müsste dir doch auch einiges liegen. Ich dachte, du liebst sie auch!“ „Natürlich!“, sagte Shimar. „Aber ich bemuttere sie nicht wie eine liebeskranke Glucke!“

Das war zu viel! Gern hätte ich meinen beiden Männern jetzt einige Takte gesagt, aber die Sprechanlage, die sich schon seit geraumer Zeit bemerkbar machte, hielt mich davon ab. Vielleicht war es eine Berufskrankheit aller Kommunikationsoffiziere, aber ich konnte das arme Gerät nicht immer weiter piepen und piepen lassen, ohne etwas zu tun. Am Ende wäre es vielleicht sogar noch heiser. „Hier Allrounder Betsy Scott!“, meldete ich mich fest, wie ich es von der Granger gewohnt war. Dass ich mich mittlerweile im Urlaub befand, war mir wohl völlig entgangen. Außerdem befürchtete ich, dass es einer unserer Zimmernachbarn sein könnte, der sich durch den lauten Streit meiner zwei Jungs gestört fühlte. Das mit dem Zimmernachbarn stimmte in gewisser Weise sogar. Es war aber eher eine Zimmernachbarin. Und beschweren wollte sie sich auch nicht. „Ich bin Nayale Radcliffe.“, sagte die mir unbekannte Stimme. „Mein Mann und ich würden Sie, Ihren Mann und den Tindaraner gern zu einer kleinen Feier einladen. Da können wir uns dann gleich kennen lernen. Ich hörte, Sie und meine Familie sind auch in Little Federation Nachbarn.“ „Sicher, Mrs. Radcliffe.“, sagte ich freundlich. „Kommen Sie doch herein.“ Dann entriegelte ich per Knopfdruck die Tür, während ich zu Shimar und Scotty herüber rief: „Jungs, wir kriegen Besuch! Benehmt euch bitte, oder regelt das vor der Tür!“

Schlagartig war Ruhe! Als Erster schlich Shimar reumütig zu mir heran und fragte: „Besuch? Wer ist denn da, Kleines?“ In diesem Moment stand Nayale im Türrahmen. „Oh, es tut uns leid.“, entschuldigte sich Shimar. „Wir waren wohl etwas laut.“ „Darum geht es doch gar nicht.“, sagte Nayale lächelnd. „Wenn Sie Streit haben, geht mich das ja gar nichts an. Aber es geht mir und meinem Mann eigentlich um etwas ganz anderes. Wenn ich es Ihnen jetzt sage, wird es bei Ihnen ankommen, als hätte er mich vorgeschickt. Genau so ist es eigentlich auch. Nathaniel ist ein furchtbarer Diplomat, wissen Sie? Aber er möchte Sie und Ihre Freunde zu einer kleinen Feier unten bei Ginalla einladen. Ihm tut sehr leid, was geschehen ist und er möchte vieles wieder gut machen. Er weiß, dass er Sie mit dieser Sache ziemlich schockiert hat. Das wollte er nicht. Vielleicht dachte er, dass Sie, als ausgebildete Sternenflottenoffizierin, das besser wegstecken. Aber es ist nun einmal geschehen. Die Auswirkungen des Kegels auf ihn konnte er ja auch nicht voraussehen, aber jetzt ist alles wieder gut. Er würde es Ihnen auch sehr gern beweisen. Sie dürfen sogar die Bedingungen diktieren, zu denen er den Beweis antreten soll.“

Ich überlegte. Etwas seltsam kam mir die ganze Geschichte schon vor. Wenn man bedachte, wer im Hintergrund bei den Radcliffes die Fäden zog, dann musste man schon jedes Wort auf die Goldwaage legen, das sie gerade gesagt hatte. Als ausgebildete Sternenflottenoffizierin wusste ich das natürlich. Aber ich wusste auch, dass ich, wenn ich nicht zunächst mitspielen würde, diese Zivilistin hier vor mir in hohem Maße gefährden könnte. Wenn etwas nicht so liefe, wie Sytania es sich vorstellte, dann würde sie sich den Schwächsten aussuchen, um ihn, oder besser in diesem Falle sie, ihre gesamte Wut und Enttäuschung spüren zu lassen. Unter Umständen würde sie diejenige auch gleich töten und die Schwächste war in diesem Fall Nayale, die als Zivilistin ja von nichts eine Ahnung hatte. Deshalb sagte ich nur: „Ich werde meine beiden Jungs mal fragen, Mrs. Radcliffe.“

Bevor ich mich noch umdrehen konnte, waren Scotty und Shimar schon bei mir. „Wir haben nichts dagegen, Kleines.“, sagte Shimar und Scotty fügte hinzu: „Ich habe schon immer gern gefeiert, Darling. Wann soll’s denn losgehen?“ „Vielleicht so gegen acht?“, fragte Nayale. „Acht ist OK.“, sagte ich und Shimar und Scotty nickten zustimmend. „Dann also bis heute Abend. Bringen Sie gute Laune mit!“, sagte Nayale lächelnd und drehte sich zur Tür, um zu gehen. „Bis heute Abend!“, bestätigte ich.

Zum Feiern war auch Ishan und Nidell zumute. Entgegen seiner eigenen Prognose war es dem Androiden mit aldanischem Bewusstsein und seiner tindaranischen Assistentin doch gelungen, Nitprin durchzubekommen. Er hatte sich zwar zuerst auf die Tatsache berufen, dass das Gehirn des Mädchens unter Umständen sehr stark geschädigt sein konnte, da sie sehr lange einer für sie lebensfeindlichen Umgebung ausgesetzt war, denn es war ja am Tag auf dem Wüstenplanetoiden sehr heiß gewesen, aber die Kleine war wohl doch zäher, als Ishan gedacht hatte. So war er sehr überrascht, als sie dann doch auf der Krankenstation die Augen aufschlug, nachdem Joran und IDUSA sie dort hin gebeamt hatten und Nidell und er begonnen hatten, sie zu behandeln.

„Wo bin ich?“, wollte Nitprin wissen. „Du bist auf der Krankenstation der Basis 281 Alpha.“, antwortete Nidell, die sich zu ihrer Patientin ans Bett gesetzt und sie nicht aus den Augen gelassen hatte. „281 Alpha?“, fragte Nitprin etwas verwirrt. „Was für eine Basis ist das? Sie sind außerdem keine Sternenflottenoffizierin, Medical Assistant, oder?“ „Wenn du das erkennst.“, lächelte Nidell. „Dann muss dein Gehirn ja noch prima funktionieren.“

Sie winkte Ishan, der sofort herüber kam und einen Blick auf die Monitore warf, mit denen das Mädchen gesundheitlich überwacht worden war. „Wir können sie entkoppeln, Nidell!“, instruierte er seine Untergebene. Diese nickte und begann sogleich damit, seine Anweisung auszuführen. „Bitte gib mir deine rechte Hand, Kleine.“, sagte sie ruhig. „Ich werde dich von der Tropfkonsole befreien.“ „Danke, Medical Assistant.“, sagte Nitprin und hielt der jungen zierlich gebauten Tindaranerin bereitwillig ihr Handgelenk hin. Nidell löste einen Verschluss an dem Armband, das die Tropfkonsole fixiert hatte und das Gerät fiel in ihre Hand. „Heißt das, ich bin wieder gesund?“, fragte Nitprin. „Zumindest fast.“, lächelte ihr Nidell zu. Erst jetzt fiel dem Teenager auf, was für eine liebe freundliche Stimme sie hatte. „Du wirst dich noch eine Weile schonen müssen, aber das kannst du ja auch im Gästequartier. Jedenfalls ist deine Zeit hier auf der Krankenstation erst mal vorbei.“ „Aber ich kann doch noch gar nicht allein für mich sorgen.“, stellte Nitprin fest. „Ich bin doch erst 13 Jahre alt.“ „Stimmt.“, sagte Ishan. „Das bedeutet, wir müssen jemanden finden, der sich um dich kümmert, solange du hier bist. Kannst du uns ein Rufzeichen auf deiner Heimatwelt nennen, unter dem Angehörige von dir erreichbar sind?“

Seine Frage musste Nitprin sehr traurig gemacht haben. Jedenfalls begann sie, sehr stark zu schluchzen. „Mein Vater ist tot und meine Mutter kenne ich nicht.“, sagte Nitprin. „Sie soll einen tödlichen Unfall gehabt haben, als ich zwei war. Jetzt habe ich niemanden mehr!“ „Es tut mir leid.“, entschuldigte sich Ishan. „Aber das sind Routinefragen, die wir in so einem Fall stellen müssen. Nur, du hast natürlich Recht. Das ist keine sehr angenehme Situation für dich. Ich werde meinem Commander Bescheid geben und ihr die Situation schildern. Wir werden bestimmt jemanden finden, der für dich sorgt, solange du bei uns bist, Kleine.“ „Ich heiße Nitprin.“, stellte sie sich vor. „OK, Nitprin.“, sagte Ishan. „Jedenfalls scheint dein Gedächtnis ja noch zu funktionieren, wenn du dich noch an deinen eigenen Namen erinnerst. Ein Symptom von Amnesie ist normalerweise, dass man sich nicht mehr an die eigenen persönlichen Daten erinnern kann.“ „Aber das kann ich!“, sagte Nitprin. „Ich weiß noch, wo und wann ich geboren bin, wie meine Eltern hießen und wo ich wohne. Aber das wird sich ja wohl bald ändern. Ich muss bestimmt in ein Heim!“ „Tja.“, sagte Ishan. „Da muss ich dir leider Recht geben. Wir können leider keine Adoptiveltern für dich suchen und werden dich nach deiner Aussage wohl der Fürsorge übergeben müssen. Das tindaranische Militär ist nun einmal keine Adoptionsagentur.“ „Schon gut.“, sagte Nitprin. Dann fragte sie: „Tindaranisch? Dann bin ich bei den neuen Verbündeten der Föderation gelandet?“ „Genau.“, sagte Nidell. „Und wenn du möchtest, kann ich dir die ganze Station zeigen. Etwas Bewegung täte deinem Kreislauf sicher gut.“ „Ich möchte erst mal aussagen.“, sagte die kleine Breen. „Jetzt sind meine Erinnerungen noch frisch und …“ „Ich halte für nicht unbedingt medizinisch vertretbar, dass du dich gleich solchem Stress aussetzt.“, sagte Ishan gewohnt ruhig und sachlich. „Wir sollten zunächst klären, wo du wohnen kannst und wer sich um dich kümmert. Dann können wir den Rest immer noch erledigen. Warum nimmst du Nidells Angebot nicht erst mal an? Eine kleine Ablenkung wird dir gut tun.“ „Na gut.“, sagte Nitprin und hob ihre Beine aus dem Bett. „Langsam.“, sagte die junge tindaranische medizinische Assistentin und griff ihr unter die Arme. „Denk daran, dein Kreislauf muss sich erst noch gewöhnen. Du warst sicher lange bewusstlos, bevor Joran dich gefunden hat. Wir machen das anders.“

Sie holte ein Gerät, das mit seinen Spulen an der Unterseite zunächst an eine Weste mit Antrieb erinnerte. Diese zog sie Nitprin jetzt an und verschnallte sie. „Was ist das, Medical Assistant Nidell?“, fragte Nitprin höflich, die das Tun ihrer erklärten Lieblingskrankenschwester nicht wirklich einordnen konnte. „Das ist eine Gehhilfe.“, sagte Nidell zur Erklärung. „Und auf Tindara ist es auch üblich, sich zu duzen. Nenn mich einfach Nidell und lass den Medical Assistant doch weg.“ „OK.“, sagte Nitprin. „Aber warum die Gehhilfe? Ich habe doch nichts mit den Beinen.“ „Nein.“, erklärte Ishan. „Aber wenn dir schwindelig wird, kannst du dich in das Feld fallen lassen. Versuch es mal.“

Er warf seiner Untergebenen einen Seitenblick zu, worauf diese ihre Position gegenüber Nitprin veränderte, um ihr den rechten Arm um die Schulter zu legen. Dann sagte sie: „Na komm!“, und half dem Mädchen beim Aufstehen.

Die veränderte Situation wurde von den Sensoren der Gehhilfe auch registriert. Das Gerät gab ein Signal von sich und im gleichen Moment baute sich unter ihm ein Kraftfeld auf, das Nitprin durch den Umstand bedingt, dass sie fest mit dem Gerät verschnallt war, stützte. „Die Reichweite des Feldes beträgt einen so großen Radius, dass alle Richtungen um deinen Körper abgedeckt sind.“, erklärte Ishan. „Lass dich doch einfach mal in eine Richtung fallen. Dann wirst du es selbst sehen.“ „Ist das wirklich sicher?“, fragte Nitprin. „Natürlich ist es das!“, tröstete Nidell. „Jenn’ wartet all unsere Geräte regelmäßig. Du brauchst also keine Angst zu haben. Lass dich doch jetzt einfach mal fallen.“ „Wenn du meinst?“, sagte Nitprin skeptisch und tat, wozu sie gerade von Nidell ermutigt worden war. Augenblicklich wurde sie von dem Gerät aufgefangen und wieder vorsichtig in eine aufrechte Position gestellt. „Wow.“, sagte sie. „Aber woher weiß es, dass ich gefallen bin und mich nicht einfach nur hinsetzen wollte?“ „Wenn du dich setzt.“, sagte Ishan. „Dann machst du doch viel langsamere Bewegungen. Das sieht es. Falls es dann doch mal ein Missverständnis gibt, kannst du es jederzeit über das Bedienelement nachregeln, das Nidell jetzt noch hat. Für einen Spaziergang über die Station wird es auch noch so bleiben müssen, aber wenn du es länger benötigen würdest, bringt sie dir bestimmt die Bedienung bei.“ „Ich hoffe, dieser Zustand dauert nicht so lange.“, sagte Nitprin. „Ich fühle mich wie eine Invalide.“ „Es ist doch nur zur Vorsicht.“, tröstete Nidell. „Ich weiß.“, sagte Nitprin. „Es tut mir leid. Aber wenn ich traurig bin, dann bin ich unausstehlich.“ „Ach was.“, tröstete Nidell und strich ihr über den Kopf, den inzwischen ein für die Breen typischer Helm zierte. Die Mediziner hatten für sie einen neuen Kälteanzug repliziert, damit sie sich in der Umgebung der Tindaraner, die an sich viel zu warm für sie war, frei bewegen konnte, ohne auf in der Temperatur angepasste Räume angewiesen zu sein. In dem Helm gab es auch ein Mikrofon, über das Reize von Außen direkt an ihre Ohren weitergeleitet wurden. Umgekehrt war dies durch einen Außenlautsprecher mit ihrer Stimme möglich.

Nidell nahm Nitprin jetzt bei der Hand. „Wir werden zuerst beim Commander vorbeischauen.“, erklärte sie. „Ich denke, es ist gut, wenn Zirell dich gleich sieht. Dann kann sie sich über das weitere Vorgehen besser ein Urteil bilden.“ „OK.“, sagte Nitprin und griff ihrerseits die Hand der medizinischen Assistentin fester. „Was muss ich jetzt beachten?“, fragte sie. „Gar nichts.“, lächelte Nidell. „Setz einfach nur einen Fuß vor den anderen wie sonst auch.“ Nitprin machte einen zaghaften Schritt. „Na siehst du! Geht doch.“, lobte Nidell und lächelte erneut. Sie verließen die Krankenstation und Ishan, der ihnen noch ebenfalls lächelnd nachsah.

Zirell saß gemeinsam mit ihrem ersten Offizier in ihrem Bereitschaftsraum. Die Beiden warteten mit einigen Tassen Kaffee auf Nachricht von der Krankenstation. Sie wussten, dass das Leben der kleinen Breen am seidenen Faden hing und das machte vor allem Maron sehr nervös. War sie doch die einzige Zeugin, die es wohl für die seltsamen Vorkommnisse im Universum der Föderation gab. Beobachter der Zusammenkunft hatten Nugura eine fast schon gleichgültige Natur bescheinigt, seit sie von Khitomer zurückgekehrt war und das war ein Zustand, der ihrer Meinung nach jetzt schon viel zu lange andauerte. Den Grund dafür vermochten sie noch nicht sicher festzustellen, aber man ahnte, dass es etwas mit dem Fremden zu tun gehabt haben musste. Auch die von IDUSA gemeldete Tatsache, dass der Fremde mit einem zivilen Breenschiff angereist war, ließ sie denken, dass die Kleine eventuell etwas Licht ins Dunkel bringen und einige Lücken in diesem Puzzle schließen könnte.

Maron hatte sich jetzt schon die zehnte Tasse Kaffee vom Replikator servieren lassen. „Wenn du so weiter machst.“, sagte Zirell. „Dann muss ich Ishan noch befehlen, dich auf der Krankenstation erst einmal anständig zu entgiften! Und vernehmen könntest du dann auch niemanden. Wenn du einen Kaffeerausch hast, kannst du schließlich nicht gut aufpassen.“ „Ach was.“, sagte Maron, dessen nervöses Verhalten durch den vielen Kaffee nur noch verstärkt wurde. „IDUSA zeichnet doch alles auf. Wenn die Zusammenkunft noch Fragen hat, können sie die Antworten ja im Protokoll nachlesen.“ „Es geht aber auch darum, dass die richtigen Fragen gestellt werden.“, erinnerte Zirell ihn an einige grundlegende Dinge, die er eigentlich schon auf der Agentenschule gelernt haben sollte. „Manchmal resultieren diese Fragen auch aus Aussagen, die ein Zeuge spontan macht. Wenn du das nicht wirklich auf dem Schirm hast, dann …“ „Schon klar.“, sagte Maron. „Aber ich hoffe wirklich, dass es noch eine Zeugin geben wird, wenn …“

Statt das elfte Mal die Tasse zu treffen, hatte Maron sich den ganzen Kaffee über die Uniform gekippt. „Na, ich würde sagen, du lässt das mit dem Kaffee erst mal.“, sagte Zirell und half ihm großzügig bei der Säuberung. „Du bist ja schon viel zu zittrig. Wir müssen so oder so warten. An der Überlebenschance der kleinen Breen wird dein Kaffeekonsum nichts ändern. Das liegt eben einfach nicht in unserer Hand. Vielleicht in Ishans, vielleicht aber auch nicht. Falls sie nicht überleben sollte, wirst du dich nach einem anderen Zeugen umsehen müssen, aber da wird es mit Sicherheit noch einige geben. Ich meine, ihr wart ja schließlich nicht allein auf Khitomer und …“ „Von den Politikern der Föderation kannst du keine Aussage erwarten, Zirell!“, ging Maron dazwischen. „Sie sind genau so willenlos wie ihre Präsidentin. Viele dürften nicht einmal mehr in der Lage sein, ihr alltägliches Leben zu bestreiten. Aber nicht nur den Politikern geht es so. Fast jeder einfache Bürger ist betroffen. Zumindest dann, wenn ich den Sattelitenbildern Glauben schenken kann, die mir Zoômell und der Rest meiner Kollegen übermittelt hat.“ „Pfui Spinne!“, rief Zirell aus. „Jetzt müssen wir schon unsere Freunde ausspionieren! Aber wenn wir rausbekommen wollen, unter was für einer rätselhaften Krankheit die Föderation leidet, dann müssen wir das wohl. Uns bleibt ja keine andere Wahl. Von sich aus melden werden sie es nicht. Das können sie ja wohl gar nicht mehr. Außerdem sind da noch die Daten der Xylianer. Weißt du, dass sie herausgefunden haben, dass die Anschuldigungen gegen die Föderation, die von den Romulanern ausgesprochen worden sind, der Wahrheit entsprechen?“ „Die Daten habe ich auch gelesen.“, sagte Maron betroffen. „Das bedeutet, der Fremde hatte in diesem Fall Recht.“ „Genau das.“, sagte Zirell. „Ich weiß mit Sicherheit, dass Sytania hier irgendwo eine Möglichkeit gefunden hat, einen Hebel anzusetzen. Ich denke, dass sie irgendwas mit der mysteriösen Krankheit der Föderation zu tun hat. Vielleicht ist der Fremde ihre neue Marionette. Wissen die Götter, womit sie ihn erpresst, damit er für sie arbeitet!“ „Oh, sie ist eine Mächtige.“, sagte Maron mit ironischer Betonung. „Sie wird mit Sicherheit einen extrem miesen Weg gefunden haben, ihn von sich abhängig zu machen.“ Zirell nickte zustimmend.

Nidell und Nitprin waren auf den Flur eingebogen, der sie direkt zu Zirells Bereitschaftsraum führte. „Sie wird wahrscheinlich sehr überrascht sein, dich doch so gesund zu sehen.“, sagte Nidell. „Das glaube ich auch.“, stimmte Nitprin zu. „Dein Vorgesetzter war ja nicht sicher, ob ich das hier überhaupt überlebe.“ „Das stimmt.“, sagte Nidell. „Aber so ist Ishan. Das hängt vielleicht auch mit seinem aldanischen Bewusstsein zusammen. Soweit ich weiß, sind die Aldaner immer sehr sachlich und nüchtern. Ähnlich wie die Vulkanier. Ich denke einfach, er wollte keine falschen Hoffnungen bei uns wecken, die er dann doch nicht erfüllen kann. Dein Zustand war wirklich sehr ernst, als Joran dich fand. Du hättest tatsächlich um ein Haar nicht überlebt. Ishan und ich haben alles mit angesehen.“ „Was hat er denn gemacht, damit ich doch noch überlebt habe?“, fragte Nitprin, der klar war, dass auf der Reise zur Station etwas geschehen sein musste, um sie zu stabilisieren.

Nidell blieb stehen und begann nachzudenken. Sie wusste nicht, ob sie ihr tatsächlich so genau sagen sollte, was mit ihr geschehen war. Das sensible Geschöpf befürchtete wohl, dass es bei der Kleinen zu einer Art von Missverständnis führen könnte, wenn sie alle Details erführe. „Bitte, Nidell.“, drängte Nitprin.

Die junge Tindaranerin wendete sich einer Nische zu, in der es eine Sitzgelegenheit für Wartende gab. Dann setzten sich Nitprin und sie auf zwei der auf Tindara üblichen bunten Sitzkissen vor einen in hellen Farben gestalteten Tisch. Nidell befahl dem Replikator etwas auf Tindaranisch und dieser spuckte zwei riesige Eisbecher aus. „Das sieht ja aus wie eine Entschuldigung im Namen des tindaranischen Militärs!“, stellte die kleine doch für ihr Alter sehr intelligente Breen fest. „Ist es denn so schlimm, was Joran mit mir machen musste?“

Nidell nahm einen Bissen von ihrem Eis, der allerdings sehr schnell heruntergeschluckt wurde. Es schien Nitprin fast, als sollte dieser Bissen etwas mitnehmen, das bereits an die Oberfläche drängte, aber dort nicht hin sollte. „Du kannst es ruhig sagen.“, sagte Nitprin. „Joran hat mein Leben gerettet! Was immer er tun musste, hat er bestimmt nicht böse gemeint.“, sagte Nitprin. „Du kannst es mir ruhig sagen.“ „Na gut.“, sagte Nidell. „Du weißt vielleicht, dass du nackt warst, als du in IDUSAs Frachtraum erwacht bist. Joran hatte von Ishan Befehl bekommen, dich zu entkleiden, weil dein Kälteanzug defekt war. Außerdem musste er dir eilig Eiszapfen in alle Körperöffnungen stecken, um dich schnell genug herunterkühlen zu können. In alle, Nitprin. Es kann also sein, dass deine …“ „Na und?!“, sagte Nitprin laut. „Das ist doch aus medizinischer Sicht nur ’ne Hautmembrane! Was hätte mir die denn genützt, wenn ich tot gewesen wäre? Gar nichts! So lebe ich wenigstens und kann aussagen! Ich sag’ dir jetzt mal was! Der Typ, der meinen Vater getötet und unser Schiff geklaut hat, darf damit nich’ davonkommen, der kranke Freak! Außerdem schulde ich das Allrounder Scott. Ohne sie hätte ich nicht überlebt. Ich muss das aufklären! Ich bin die Einzige, die das kann! Jetzt bring mich bitte zu eurem Commander und eurem ersten Offizier, Nidell, damit ich das bald hinter mir habe. DA is’ so ’ne Hautmembrane doch wohl das kleinste Übel. Aber du weißt ja gar nicht, ob es wirklich passiert ist. Aber das könntest du ja mit deinem Erfasser herausfinden.“ „Den habe ich jetzt nicht bei mir.“, gestand die medizinische Assistentin. „Ich müsste ihn erst von der Krankenstation holen.“ „Ach.“, sagte Nitprin gelangweilt. „Das ist doch jetzt völlig unwichtig. Wenn das passiert is’, dann war ich, als es passiert is’, doch eh bewusstlos und hab’ nix gemerkt. Wichtig is’, dass ich lebe! Und jetzt bring mich bitte sofort zu Zirell und Maron!“

Nidell war tief beeindruckt über die offensichtliche Tatsache, dass dieses kleine Mädchen doch so tapfer mit der für sie selbst wohl viel peinlicheren Situation umging. Deshalb ließ sie ihren Eisbecher halb leer in die Materierückgewinnung gleiten, stand auf und sagte: „Dann komm.“ Dann ging sie mit Nitprin weiter in Richtung Bereitschaftsraum.

Kapitel 24: Unverhoffte Heilung

von Visitor

 

Immer noch waren Maron und Zirell in die Diskussion über die Situation der Föderation vertieft. „Sie sind jetzt sehr schwach und angreifbar.“, sorgte sich Zirell. „Denkst du, dass eventuelle Feinde das ausnutzen könnten? Ich denke da insbesondere an die Genesianer oder Sytania.“ „Die Genesianer kann ich ausschließen.“, lächelte Maron. „Sie würden einen Angriff auf eine so wehrlose Macht nicht wagen, weil es in ihren Augen unehrenhaft wäre, einen geschwächten Gegner zu bekämpfen. Bei Sytania wäre ich mir da allerdings nicht so sicher. Du hast Recht.“ „Zumal das Ganze ja ohnehin sehr nach ihr stinkt, wenn du mich fragst.“, meinte Zirell. „Oder was sagt dir deine demetanische entenschnabelartige Spürnase?“

Maron lehnte sich zurück und tat, als wolle er die Luft im Raum einsaugen. Natürlich wusste er, dass es unmöglich war, Sytanias Absichten zu erriechen, aber er wollte den Scherz seiner Vorgesetzten bezüglich seiner für die Meisten sicher ungewöhnlich geformten Nase gern aufgreifen. „Du hast Recht, Zirell.“, sagte er betont angeekelt. „Hier stinkt es wirklich gewaltig nach den bösartigen Absichten einer gewissen imperianischen Königstochter. Vielleicht sollten wir mal das Fenster öffnen.“

„Unterstehen Sie sich!“ Der Einwand des Stationsrechners kam für Maron und Zirell gleichermaßen erschreckend und überraschend. Beide wussten zwar, dass sie alles zwangsläufig mitbekommen würde, waren aber nicht darauf gefasst, dass sie den Simulator im Raum benutzen würde, um sich ihnen mit einem dermaßen erschrockenen Gesicht zu zeigen. „Er hat nur einen Scherz gemacht, IDUSA.“, beruhigte Zirell mit einer betont langsamen und ruhigen Geste, die ihre freundlichen und von einem Grinsen begleiteten Worte unterstrich. „Es ist alles in Ordnung. Niemand von uns beabsichtigt, sich den lebensfeindlichen Bedingungen des Weltraums auszusetzen.“ „Du könntest es aber mal mit einer atmosphärischen Reinigung versuchen.“, lächelte Maron. „Das ist unnötig.“, sagte IDUSA. „In der Raumluft sind keine Moleküle vorhanden, die auf eine übermäßige Luftverschmutzung jenseits der programmierten Parameter schließen lassen.“ „Hör gefälligst auf, sie so zu ärgern!“, ermahnte ihn Zirell. „Du kannst dir doch wohl denken, dass ein Computer wie sie das Konzept des Humors nicht versteht.“

Maron sah seine Vorgesetzte irritiert an. „Ich verstehe euch Tindaraner manchmal nicht.“, gab er zu. „Auf der einen Seite soll ich die Computer rein rechtlich wie Lebensformen behandeln, aber auf der anderen Seite soll ich verstehen, dass …“ „Nehmen wir zum Beispiel Allrounder Betsy.“, warf Zirell ein, um ihrem ersten Offizier das Verständnis der Situation zu erleichtern. „Du hast ihr Hilfe angeboten, weil sie eine Behinderung hat. Wenn du sie vernommen hast, hast du darauf geachtet, dass du bestimmte Fragen nicht stellst. Beispielsweise nach Farben, weil du weißt, dass sie diese nicht beantworten kann. Du hast also Rücksicht auf ihre Behinderung genommen.“ „Ah, ich glaube, ich verstehe.“, sagte Maron. „Wenn ich das Humorproblem als eine Art Behinderung der IDUSA-Einheiten sehe, dann werde ich darauf selbstverständlich Rücksicht nehmen.“ „Na siehst du.“, sagte Zirell. „Du bist ja gar nicht so dumm, wie du dich selbst gern darstellst.“

Maron rief sich den Ausgangspunkt ihrer Diskussion noch einmal in Erinnerung. Dann sagte er: „Ich finde, wir sollten mit der Zusammenkunft besprechen, ob wir die Föderation beschützen dürfen. Ich meine, eine Entscheidung in der Hinsicht können wir von Nugura wohl kaum erwarten. Deshalb können wir sie auch leider nicht in die Entscheidung mit einbeziehen.“ „Im Normalfall.“, sagte Zirell. „Würde ich dir nicht zustimmen, Maron, denn das käme einer Entmündigung der Föderation gleich. Aber wir haben hier ja nun einmal keinen Normalfall.“ „Und entmündigt hat sich die Föderation ja auch schließlich selbst.“, sagte Maron. „Und zwar in dem Moment, in dem sie sich diesem Wäscher anheim gegeben hat.“ „Genau.“, sagte Zirell. „Aber wir sollten auch keine Alleingänge versuchen. IDUSA soll mir eine Verbindung mit der Zusammenkunft schalten. Ich denke, wir müssen, wenn wir das wirklich tun, auch die Aldaner und andere Verbündete der Föderation mit einbeziehen. Wir, oder besser die Zusammenkunft, sollten ihnen erklären, was hier vorgeht und sie über unseren Schlachtplan in Kenntnis setzen.“ „Das sowieso.“, sagte Maron und nickte. „Aber du kannst doch so gut mit deiner Schulfreundin Darell. Es wäre wohl besser, wenn du ihr den Vorschlag unterbreitest.“ „Das hatte ich auch vor.“, sagte Zirell. Dann wendete sie sich der Sprechanlagenkonsole zu: „IDUSA, mach mir eine Verbindung mit …“

 

Bevor sie weiter sprechen konnte, hörte sie ein vertrautes Piepen aus dem Gerät. „Das ging aber schnell.“, scherzte Maron. „Ich kann mich nicht erinnern, dass du den Neurokoppler aufgesetzt hast. Also wie hat IDUSA deine Gedanken gelesen?“ „Das hat sie nicht.“, sagte Zirell. „Das Rufzeichen ist nicht das der Zusammenkunft, sondern das der äußeren Türsprechanlage.“ „Wer könnte da draußen sein?“, fragte Maron. „Das werden wir gleich wissen.“, sagte Zirell und nahm das Mikrofon in die Hand: „Hier Commander Zirell!“ „Zirell, hier ist Nidell.“, kam es zurück. „Ich habe die kleine Nitprin bei mir. Du weißt schon. Das Breenmädchen, das von Joran geborgen worden ist. Sie möchte dringend gegenüber Maron aussagen.“

Marons Gesicht lief blass an. Er hatte nicht mehr damit gerechnet, dass seine einzige Zeugin tatsächlich noch am Leben sein konnte. Zwar hatte er das Display der Sprechanlage auch übersehen können, hatte sich aber noch keinen Reim auf den Schatten hinter Nidell machen können. Da sich die Beiden in der Körpergröße nicht wirklich unterschieden, hatte er die Kleine erst für eine verzerrte Spiegelung seiner tindaranischen Untergebenen gehalten, obwohl sich das Aussehen von Nidell und Nitprin doch eigentlich nicht wirklich ähnelte. Aber ihm war wohl immer noch Ishans letzter Satz in Erinnerung, in dem der Arzt keine sehr gute Prognose für Nitprin abgegeben hatte. Vielleicht konnte einfach nicht sein, was nicht sein durfte. Aber offensichtlich war Nitprin doch sehr zäh. „Was hat sie gerade gesagt?!“, fragte Maron mit einer Mischung aus Freude und Erstaunen. „Die Kleine lebt?!“

Zirell und Maron bekamen mit, wie Nidell das Mikrofon mit gedrückter Sendetaste an Nitprin weitergab. Dann flüsterte sie ihr zu: „Hier, sag was.“ „Hallo, Commander Zirell, hallo, Agent Maron.“, sagte die kleine Breen etwas schüchtern. „Hallo, Nitprin.“, sagte Zirell. „Anscheinend geht es dir schon wieder besser, was?“ „Ja, Commander.“, antwortete Nitprin. „Aber ich würde jetzt gern eine Aussage machen.“ „Nicht so schnell!“, sagte Zirell. „Du kommst jetzt erst mal rein und setzt dich zu uns! Ich könnte mir vorstellen, dass du trotz allem noch sehr schwach bist. Schließlich wärst du beinahe gestorben. Ich bin sicher, das steckt man nicht einfach so weg. Über alles andere können wir dann immer noch reden.“ „OK.“, sagte Nitprin und gab das Mikrofon an Nidell zurück, die es wieder einhängte. Dann betraten sie und das Mädchen den Bereitschaftsraum.

Zirell schob ihnen zwei der üblichen zylindrischen Sitzkissen hin, die sie aus einer Ecke geholt hatte. „Setzt euch.“, bot sie an. Nidell und Nitprin kamen dieser Aufforderung bereitwillig nach. Dann drehte sich die ältere Tindaranerin von ihrem Schreibtisch weg und wandte sich ihrem Gast zu. „Erst einmal willkommen im Leben, Kleine. Anscheinend hat unser medizinischer Offizier etwas übertrieben, was deinen Gesundheitszustand angeht.“ „Das kann schon sein, Commander.“, sagte Nitprin förmlich. „Oder ich bin zäher, als ich aussehe.“ „Das kann natürlich auch sein.“, sagte Zirell. „Aber noch mal was anderes. Nidell wird dir doch sicher einiges über unsere Gepflogenheiten erzählt haben. Warum nennst du mich nicht einfach Zirell?“ „Weil das für mich komisch ist, Commander.“, sagte Nitprin. „Ach, das muss es nicht sein.“, sagte Zirell. „Hier auf Tindara ist das sogar üblich. Die IDUSA-Einheiten sind die Einzigen, die uns siezen. Ansonsten wird sich geduzt. Sogar mein erster Offizier nennt mich beim Vornamen und Nidell darf das auch. Sogar Shannon, obwohl sie nur ein Technical Assistant ist. Du siehst also, Kleine, vom höchsten bis zum niedrigsten Rang wird sich auf tindaranischen Stationen und Schiffen geduzt von früh bis spät.“

Immer noch recht hilflos sah sich Nitprin im Raum um. Ihr Blick war auf Maron gefallen, in dessen Gesicht das Mädchen mit durchschnittlicher Bildung einer Schülerin der Junior High School gut erkennen konnte, welcher Spezies er angehörte. „Sie sind Demetaner.“, erkannte sie. „Oh, jetzt hast du mich aber erwischt.“, sagte Maron scherzhaft und machte ein reumütiges Gesicht. „Ab sofort sage ich nichts mehr, ohne meinen Anwalt.“ Nitprin grinste unwillkürlich. „Na siehst du.“, sagte Maron. „Du lachst ja schon wieder.“ „Ich meinte damit nur.“, sagte Nitprin. „dass es für Sie doch auch zuerst sehr seltsam gewesen sein musste, hier zu arbeiten, Agent, oder?“ „In gewisser Hinsicht hast du Recht.“, gab Maron zu. „Vor allem mit der Behandlung der IDUSA-Einheiten hatte ich meine Probleme. Der Rechner der Station könnte dir bestimmt ein oder zwei Lieder davon singen. Mit dem zusammengenommen, was der Rechner des Schiffes, das jetzt in Wartung auf Celsius ist, mit mir erlebt hat, kriegen die Beiden sicher ein schönes Album zusammen.“ „Oh, der Stoff reicht sicher für eine ganze Konzerttour.“, scherzte Zirell. „Die zwei sollten eine Band gründen.“ „Einen reumütigen Fan hätten sie in jedem Fall schon.“, sagte Maron und machte ein bedientes Gesicht. Dann murmelte er sich etwas auf Demetanisch in seinen 3-Tage-Bart. Zirell verstand zwar nicht, was er gemeint hatte, konnte sich aber denken, dass er sich mal wieder ermahnt haben musste, sich stärker an die tindaranische Kultur zu halten, oder dergleichen. Das wusste sie, auch wenn sie ihre telepathischen Fähigkeiten nicht eingesetzt hatte. Dafür kannte sie ihren ersten Offizier einfach zu gut. „Na, so schlimm ist es auch nicht, Maron.“, tröstete sie. „Du hast ja schon erstaunliche Fortschritte gemacht.“ „Wenn du das meinst.“, sagte Maron bescheiden.

„Hör mal, Kleine.“, wendete sich Maron danach an Nitprin. „Wenn sogar ich das hinkriege, dann dürfte das doch für dich wohl kein Problem darstellen. Du scheinst ziemlich schlau zu sein, wenn man bedenkt, dass du einen Notrufsender aus den primitivsten Teilen zusammengebaut hast, der uns erst auf deine Spur gebracht hat.“ „Ach, Agent.“, sagte Nitprin. „Das sind doch nur einige physikalische Grundkenntnisse.“ „Das kann ja sein.“, sagte Maron. „Aber die muss man erst mal umsetzen können. Ich denke, dass ich dazu wohl kaum in der Lage wäre, weil ich offen gestanden zwei linke Hände und einen manchmal nicht gerade zuverlässigen Verstand habe.“ „Jetzt übertreiben Sie aber, Agent.“, sagte Nitprin höflich. „So schlimm wird es schon nicht sein mit Ihnen.“ „Was hat dir Zirell denn gerade erklärt?“, fragte der Agent. „Ich traue mich nicht.“, gab Nitprin verschämt zu.

Zirell legte den Kopf in die Hände und dachte nach. „Was sie hier gerade sah, erinnerte sie sehr stark an die Anfangszeit mit einem gewissen Demetaner, der das aber jetzt eigentlich gut im Griff hatte. Wenn sie einfädeln könnte, dass dieses kleine Mädchen vielleicht bei ihm bleiben würde, dann könnte sie sehr gut von einem ehemaligen Leidensgenossen lernen. „Ich habe einen Vorschlag.“, sagte sie mit einem diplomatischen Lächeln auf den Lippen. „Die Kleine Maus hier wird doch sicher jemanden benötigen, der sich um sie kümmert. Schließlich ist sie noch minderjährig.“ Sie sah Maron mit schmeichlerischem Blick über den Rand einer Kaffeetasse hinweg an. „Nein, das wird nichts, Zirell!“, lehnte der erste Offizier zunächst fest ab. „Ich halte mich für einen miserablen Vater. Bei mir würde sie garantiert zu kurz kommen. Ich erinnere mich noch gut an ein Projekt aus meiner Schulzeit. Damals sollte ich mich um einige terranische Nacktschnecken kümmern. Die sind aber leider alle eingegangen. Vor kurzem habe ich im Heimaturlaub auch die talaxianischen Tila-Blumen meiner Nachbarin eingehen lassen, obwohl ich wirklich alles beachtet habe, was in den Datenbanken über ihre Pflege stand. Sogar einen Blumendoktor habe ich konsultiert. Aber das Ergebnis war, dass alles nichts gebracht hat und meine Nachbarin heute kein Wort mehr mit mir redet. Die Lehrer haben mir damals auch ziemlich die Ohren lang gezogen. Ich bin einfach kein guter Pfleger.“ „Sie ist weder eine Schnecke, noch eine Pflanze, Maron und du bist kein Schüler mehr.“, sagte Zirell. „Du wirst also feststellen, dass dein Beispiel gewaltig hinkt. Warum versuchst du es nicht einfach mal? Ich meine, dann könntet ihr das Angenehme gleich mit dem Nützlichen verbinden. Sie hat ein Zuhause und du kannst sie vernehmen, wann immer du willst, ohne vorher mit jemandem anders Verabredungen treffen zu müssen.“ „Sie hat Recht, Agent.“, stimmte Nitprin Zirell zu. „Außerdem bin ich kein Baby mehr. Wenn mir etwas fehlt, kann ich es selbstständig sagen.“ „Und das würdest du auch tun?“, versicherte sich Maron. „Da haben Sie mein Wort drauf, Agent.“, sagte Nitprin.

Eine Weile lang dachte Maron nach. Dann sagte er: „Also gut. Versuchen wir es. Wenn ich Fragen habe, dann …“ „OH, IDUSA wird sicher bereit sein, dich mit jedem Erziehungsratgeber der Galaxie zu verbinden, oder dir Daten von dort zu besorgen.“, unterbrach Zirell. „Das bezweifle ich nicht.“, sagte Maron. „Und im Zweifel kann ich ja immer noch Joran fragen. Immerhin hat er Erfahrung in der Vaterschaft.“ „Oh, ja.“, sagte Zirell. „Die hat er.“

Nitprins Gesicht wurde blass. „Ich glaube, wir sollten dich ins Bett bringen, Jinya.“, sagte Maron. „Du bist schließlich noch immer nicht ganz gesund.“ „Aber meine Aussage.“, sagte Nitprin mit immer schwächer werdender Stimme. „Die kannst du sicher auch noch morgen machen.“, sagte Maron. „Ich halte es für viel wichtiger, dass du dich jetzt erst mal ausschläfst.“ „Aber ich habe doch schon sehr lange geschlafen.“, sagte Nitprin. „Das kann schon sein.“, mischte sich Nidell ein. „Aber das war eine Bewusstlosigkeit und kein gesunder entspannender Schlaf. Den braucht dein Körper aber, um das, was mit ihm passiert ist, verarbeiten zu können. Für deinen Kreislauf und dein Nervensystem war das Überleben unter widrigen Umständen ein ziemlicher Stress.“ „Also gut.“, sagte Nitprin und hakte sich bei Maron unter, der sich zu ihr gewandt hatte und der daraufhin nur sagte: „Also gut, Jinya. Ich zähle jetzt bis drei und dann stehen wir zusammen auf. Eins , zwei, drei!“

Zu seinem eigenen Erstaunen war es ihm tatsächlich gelungen, Nitprin auf ihre Beine zu ziehen. Aber wahrscheinlich hatte auch die Gehhilfe, die sie immer noch trug, ihren Teil dazu beigetragen. Nidell gab Maron die Fernsteuerung für das Gerät in seine freie Hand. „Ich würde sagen, du begleitest uns noch, Nidell.“, sagte der Agent und gab ihr das Gerät zurück. „Ich meine, jemand sollte mir beibringen, wie man mit so etwas umgeht, bevor ich sie noch aus Versehen zu Fall bringe.“ „Das hätte ich sowieso getan, Maron.“, lächelte die medizinische Assistentin. „Schließlich endet meine Verantwortung erst dann, wenn sie wieder völlig gesund ist. Ishan und ich werden während ihrer Erholungsphase selbstverständlich immer für dich erreichbar sein.“ „Das ist sehr beruhigend.“, sagte der Demetaner und machte einen langsamen Schritt in Richtung Tür. Langsam und etwas zittrig folgte Nitprin. „Keine Angst, Jinya.“, sagte Maron leise, während sie den Bereitschaftsraum verließen. „Ich habe dich und Nidell hat die Gehhilfe unter Kontrolle. Wir werden dich schon nicht fallen lassen.“

Zirell blieb lächelnd zurück. Ihr war klar, dass es in diesem Zusammenhang noch viele ungeklärte Dinge gab, aber das würde sich jetzt alles langsam aber sicher aufklären. Sie war sicher, dass die Kleine in ihrer jetzigen Situation auf ihrer Basis am allerbesten aufgehoben war. Jetzt bereits die zivile Fürsorge zu informieren, hielt die tindaranische Kommandantin für reichlich verfrüht! In einem Kinderheim auf Tindara oder auch in der Föderation würde man nicht für ihre Sicherheit garantieren können und das war ein Umstand, den Sytania sicher liebend gern ausgenutzt hätte, wenn das tindaranische Militär ihr diese Möglichkeit gelassen hätte. Aber daran dachte Zirell nicht im Traum! Sie kannte Sytania gut genug, um zu wissen, dass sie dies auf keinen Fall zulassen durfte.

Sie wendete sich der Sprechanlage zu, kam aber nicht wirklich zu dem, was sie vorhatte, denn IDUSA meldete sich: „Commander, denken Sie wirklich, dass der Agent für das Kind Verantwortung übernehmen sollte? Ich meine, dies ist in der gegenwärtigen Situation sicher kein Ort für ein Kind.“ „Normalerweise würde ich dir zustimmen, IDUSA.“, sagte Zirell. „Die Protokolle besagen eindeutig, dass sich in so einer angespannten Situation eigentlich keine Zivilisten und schon gar keine Minderjährigen auf einer tindaranischen Militärstation aufhalten sollen. Aber sie ist nun einmal eine wichtige Zeugin. Wir sollten also alles daran setzen, für ihre Sicherheit zu garantieren und das werden wir jetzt auch tun, indem wir gegenüber der Föderation und Sytania ein Zeichen setzen. Wir werden der Föderation sagen, dass sie nicht allein ist und Sytania, dass wir uns nicht gefallen lassen, dass sie unsere Freunde bedroht! Mach mir eine Verbindung mit der Zusammenkunft!“ „Wie Sie wünschen, Commander.“, sagte IDUSA und begann mit der Ausführung ihres Befehls.

Maron, Nidell und Nitprin waren bei Marons Quartier eingetroffen. Hier führten die Erwachsenen das Mädchen sofort ins Gäste- oder in diesem Fall wohl eher Kinderzimmer. Dann halfen sie ihr noch in das weiche gemütliche Bett. Da sie noch immer ein Nachthemd von der Krankenstation über ihrem Kälteanzug trug, war es nicht nötig, sie umzuziehen. „Du solltest IDUSA beauftragen, Nitprins Gesundheit zu überwachen und dir sofort zu melden, wenn etwas nicht stimmt.“, schlug Nidell vor. „Parallel sollte sie Ishan und mich in Kenntnis setzen. Aber wenn sonst irgendwas ist, sollte dich Nitprin auch erreichen können. Zeig ihr am besten gleich mal, wo der Knopf an der Sprechanlage ist, der sie mit deinem Arbeitsplatz verbindet.“ „Das muss er mir nicht zeigen, Nidell.“, warf Nitprin ein. „Ich bin schließlich zur Schule gegangen und kann lesen. Ach übrigens, wie machen wir das eigentlich damit? Ich meine, ich will nichts verpassen.“ „Du bist wohl die erste Jugendliche, die ich kenne, die freiwillig zur Schule geht, Jinya.“, sagte Maron lachend. „Na ja.“, sagte Nitprin. „Ich will schließlich später mal was werden. Außerdem macht mir das Lernen Spaß. Vielleicht trete ich später einmal in die Fußstapfen von meinem Vater und wenn ich Archäologin werden will, dann muss ich ja wohl einiges auf dem Kasten haben, oder?“ „Da hast du sicher Recht, Jinya.“, sagte Maron fast zärtlich. „Aber jetzt bist du erst mal krank und Kranke brauchen nicht zur Schule. Bis du wieder gesund bist, werden wir sicher eine Möglichkeit für Fernunterricht gefunden haben. So etwas gibt es ja heute schon.“ „Das weiß ich.“, sagte Nitprin. „Meine High School bietet es sogar an. Ich kann euch das Rufzeichen vom Direktorat geben.“ „Das ist zwar sehr löblich.“, sagte Maron. „Aber das hat sicher Zeit bis morgen. Wenn du mir das Rufzeichen dann sagst, werde ich sicher eine Möglichkeit finden, alles mit deinem Direktor zu besprechen. Aber jetzt wird geschlafen! Sonst wirst du ja nie wieder gesund! Gute Nacht, Jinya!“

Er wendete sich zum Computermikrofon: „IDUSA, die Beleuchtung in diesem Raum langsam auf Nachtstatus reduzieren!“ „Sofort, Agent.“, sagte die Stimme des Rechners und dieser führte seinen Befehl aus.

Maron drehte sich in Richtung Tür, wo Nidell ihn bereits erwartete, aber Nitprin schien noch nicht zufrieden zu sein. „Warte bitte, Maron!“, rief sie ihm zu. „Du benutzt da dauernd ein Wort, das ich nicht verstehe!“ „Was meinst du?“, fragte Maron und wandte sich ihr ein letztes Mal zu. „Dieses Jinya.“, sagte Nitprin. „Was heißt das?“ „Es heißt Mäuschen, Schatz oder Liebling auf Demetanisch.“, sagte Maron. „Dann hast du mich gern?“, fragte Nitprin und wirkte dabei sehr überrascht. „Warum nicht?“, fragte Maron. „Du bist doch eine liebe kleine süße Maus, die in einer sehr schlimmen Situation ist. Der Vater wurde von Sytanias Marionette getötet und die Mutter ist auch tot, außerdem bist du krank. Warum sollte ich dich nicht gern haben und mich nicht um dich kümmern wollen?“ „Weil du ein ehemaliger Sternenflottenoffizier bist und ich eine Breen.“, sagte Nitprin. „Vor 800 Jahren waren wir mal Feinde.“

Maron stützte sich übertrieben an der Wand ab und tat auch sonst, als sei er ein gebrechlicher alter Mann, der schon leicht schwerhörig und fast blind war. Dann stakste er im Zimmer auf und ab. Nidell, die sein Verhalten zwar lustig fand, sich aber noch keinen wirklichen Reim darauf machen konnte, fragte nur: „Was soll denn dein Verhalten bedeuten, Maron?“ „Was haben Sie gerade gesagt, junges Fräulein?“, fragte Maron und machte in übertriebener Weise die Stimme eines alten Mannes nach, dessen Zahnersatz wohl auch schon mal genauer passende Tage gesehen haben musste. „Sie müssen schon lauter sprechen. Meine Ohren sind nicht mehr so gut. Wer hängt heute am Balken?“ „Ich würde gern wissen, welche Bedeutung dein Verhalten hat, Maron!“, spielte Nidell laut und deutlich sein Spiel mit. „Ach so, mein Verhalten. Was das bedeutet, willst du wissen.“, lispelte Maron und fuhr fort: „Ach weißt du, ich möchte der Kleinen hier nur etwas verdeutlichen. Hoffentlich machen meine alten morschen Knochen das noch mit. Ach, habt ihr hier vielleicht was zum Sitzen für einen alten Mann?“ Nidell schob ihm ein Sitzkissen hin, auf das sich Maron laut stöhnend fallen ließ. „Ach, danke, junges Fräulein.“, sagte er. „Wissen Sie, mit über 800 Jahren ist das mit der Bewegung gar nicht mehr so einfach.“ „Nun tu mal nicht so.“, lachte Nitprin vom Bett aus. „So alt kannst du ja noch gar nicht sein, Maron. Vor 800 Jahren warst du doch noch gar nicht geboren.“

Ratzfatz hatte sich der gebrechliche Maron wieder in den jungen Offizier verwandelt, der er eigentlich war. Er setzte sich zu Nitprin aufs Bett, streichelte ihr Gesicht und sagte: „Siehst du, Jinya? Und genau das ist der Grund, aus dem wir keine Feinde sein können. Außerdem hat der Lauf der Geschichte ein ganz anderes Licht auf das Ganze geworfen. Es ist also alles OK. Du musst dir keine Sorgen mehr machen. So und jetzt wird geschlafen! Für heute hast du genug durchgemacht und gelernt. Schluss jetzt!“ „Na gut.“, sagte Nitprin und drehte sich um. Dann schlief sie auf der Stelle ein. Maron und Nidell verließen leise den Raum und das gesamte Quartier.

Zirell hatte mit der Zusammenkunft alles besprochen, was es zu besprechen gab. Ihre Freundin Darell hatte sich tatsächlich einverstanden erklärt, mit dem Rest ihrer Leute das Problem Föderation in der nächsten Versammlung der Zusammenkunft zu besprechen. „Es wird wohl notwendig sein, dass diese Besprechung so schnell wie möglich über die Bühne geht, Darell!“, drängte Zirell. „Mein erster Offizier meint, dass die Föderation jetzt wohl ziemlich schutzlos gegenüber Sytania wäre, wenn sie angreifen sollte. Ich bin sogar sicher, das wird sie bald tun!“ „Da kann ich dir nur zustimmen, Zirell.“, sagte das tindaranische Regierungsoberhaupt. „Unseren Informationen zu Folge gibt es Vorbereitungen im Dunklen Imperium, die auf nichts Gutes schließen lassen. Zoômells Leute haben die Vermutung, dass die Sache mit dem Wäscher vom Mars nicht ihr letzter Streich sein wird.“ „Was haben die Agenten denn gesehen?“, fragte Zirell. „Und warum hat mich Maron darüber nicht informiert?“ „Weil er auch noch nichts davon weiß.“, sagte Darell. „Die Informationslage ändert sich im Moment so schnell, dass wir kaum noch mit dem Verteilen von Informationen nachkommen. Bestätigt ist allerdings, dass Sytania eine Umgruppierung an der Spitze ihrer Vendar vorgenommen hat. Sie werden jetzt von einem Novizen Namens Dirshan angeführt und …“ „Ein Novize!“, lachte Zirell. „Wenn sich Sytania da mal nicht selbst ein dickes Ei ins Nest gelegt hat.“ „Wir sollten diesen Jungen nicht unterschätzen, Zirell.“, sagte Darell eindringlich. „Ich denke, dass wir von ihm noch einiges zu erwarten haben. Aber Sytanias momentanes Verhalten macht mir eher Sorgen. Sie ist unberechenbar und man weiß nie, was sie als Nächstes planen könnte. Die Strategen können sich auf ihr momentanes Verhalten einfach keinen Reim machen. Aber ich denke auch, dass die Föderation unseres Schutzes bedarf. Ich werde dich selbstverständlich über den Ausgang der Versammlung informieren.“ „Danke, Darell.“, sagte Zirell erleichtert und ließ IDUSA die Verbindung beenden.

Kapitel 25: Fröhliche Feiern und finstere Absichten

von Visitor

 

Pünktlich wie die Maurer hatte ich zwischen Scotty und Shimar die Bar unterhalb der Zimmer betreten. „Na, ihr drei?“, fragte Ginalla und grinste über den Tresen hinweg. „Wollt ihr das Versöhnungsangebot von Radcliffes etwa wirklich annehmen?“ „Warum nicht, Ginalla.“, lächelte ich. „Nayale schien mir ehrliche Absichten zu verfolgen.“ „Nayale bestimmt.“, zischte die junge Celsianerin. „Aber bei ihrem Mann wäre ich mir da nich’ so sicher. Der mag zwar gesund tun, aber meiner Meinung nach hat der immer noch ’n gehöriges Ei am Wandern!“ „Spielst du etwa auf die gewisse Nacht an, Ginalla?“, wollte Shimar wissen. „Genau auf dieselbe.“, flüsterte sie. „Ich wette mit euch, dass da gewaltig was faul is’. Darauf verwette ich mein kleines süßes Leben.“

Ich drehte meinen Kopf spontan in Shimars Richtung und schlug die Augen nieder. Das war ein Zeichen, das er von mir gut kannte und dessen Bedeutung ihm auch nicht fremd war. „Ich kann nichts Schlimmes spüren, Kleines.“, beruhigte mich mein Freund. „Aber das muss ja nichts heißen. Falls Ginalla doch Recht haben sollte und hier was nicht stimmt, dann kann es ja auch sein, dass Sytania ihm hilft, sich gegen mich abzuschirmen. Ich weiß, dass sie das nur macht, weil es ihr im Moment nützt. Radcliffe ist ihr egal. Das weiß ich so gut wie du. Aber es ändert nichts an den Tatsachen. Aber wir können ja das Angebot von Mrs. Radcliffe einmal ausprobieren.“ „Also gut.“, sagte ich.

Wir setzten uns an einen der Tische, die Ginalla wohl in weiser Voraussicht zu zweien zusammengestellt hatte. Bei uns an der Versöhnungstafel, wie Ginalla dieses Arrangement scherzhaft nannte, saßen Radcliffes. „Bist du die berühmte Allrounder Betsy Scott?“, fragte eine kleine kecke vorlaute Kinderstimme in meine Richtung. Ich kannte diese Stimme noch nicht, ordnete sie aber spontan einem Jungen von etwa sechs Jahren zu. „Ja, kleiner Mann.“, lächelte ich ihm zu. „Die bin ich. Und wer bist du?“ „Ich heiße Malcolm Radcliffe.“, sagte der Junge. „Darf ich Tante Betsy zu dir sagen?“ „Oh, sicher, Spatz.“, sagte ich freundlich. „Und dass sind der Onkel Shimar und der Onkel Scotty.“

Mir fiel auf, dass der Kleine seine Tasse heiße Schokolade, die er vor sich stehen hatte, lange nicht mehr bewegt haben musste. „Nun trink aus, Malcolm.“, sagte Nayale, deren Stimme ich jetzt rechts neben ihrem Kind wahrnahm. „Sonst beschwerst du dich nachher wieder über die fiese ekelige Haut.“ „Ich mag auf einmal nich’ mehr, Mummy.“, sagte Malcolm und stand auf. „Ich muss auf Klo!“

Er wuselte zwischen uns durch und hatte den Raum verlassen. „Ui.“, stellte Shimar fest. „Da ist aber jemand aufgeregt. Mr. Radcliffe, ich glaube, es wäre gut, wenn Sie Ihren Sohn begleiten würden. Ich verstehe zwar nicht viel von Kindererziehung, aber ich …“ „Er ist alt genug.“, sagte Nathaniel. „Er wird schon zurechtkommen. Wichtiger ist jetzt, dass wir uns Gedanken darüber machen, wie ich Ihnen, Allrounder, beweisen kann, dass mich Sytanias Kegel wieder gesund gemacht hat.“ „Da muss ich wirklich überlegen.“, sagte ich. „Gibt es etwas, das Sie vorher getan haben und bei dem Ihr Sohn …“ „Wie wär’s mit Bowling!“, warf Nayale spontan ein, die sich noch sehr gut an die Situation mit D/4 auf dem Hof der Radcliffes in Little Federation erinnern konnte. „Ich weiß nicht, wie wir das bewerkstelligen sollen.“, sagte ich. „Soweit ich weiß, hat Ginalla hier keine Simulationskammer und …“

„Dafür habe ich aber was viel Besseres!“, rief Ginalla vom Tresen herüber und wedelte mit einem Datenkristall. Ich drehte mich spontan in ihre Richtung. „Was meinen Sie damit, Ginalla?!“, fragte ich. „Das werden Sie gleich sehen.“, grinste sie und kam hinter dem Tresen hervor, nachdem sie einem ihrer Angestellten die Aufgabe des Barmixers übertragen hatte. „Kommt mal mit, ihr trüben Tassen.“, sagte sie. „Jetzt geht’s ins Eingemachte!“

Wir standen auf und reihten uns hinter Ginalla ein, die uns zu einer ziemlich geheimnisvoll anmutenden Tür links neben dem Tresen führte. Die Tür sah aus, als sei sie im 21. Jahrhundert erbaut worden. Aber wir sollten bald sehen, dass ihre Klinke und ihr Schloss nur eine optische Täuschung waren, hinter der sich ein Laufwerk für Datenkristalle verbarg. „Was wird das, Ginalla?“, fragte Shimar. „Na nu!“, sagte Ginalla und machte eine übertriebene beschwichtigende Geste. „Vertraust du etwa deiner alten Freundin nich’ mehr? Na, wo hab’ ich ihn denn?“

Sie kramte umständlich den Datenkristall aus ihrer Kittelschürze hervor, den sie dann mit einer Art ungelenker Zauberbewegung in das Laufwerk steckte. „Autorisationskristall akzeptiert.“, sagte eine Rechnerstimme und die Tür glitt zur Seite, um den Blick auf eine Art Gewölbe freizugeben, das weder Shimar noch Scotty wirklich einordnen konnten. Ich, die ich wohl ziemlich von der Neugier getrieben war, hob meinen rechten Fuß, um in das geheimnisvolle Kabinett vorzudringen, aber Scotty packte meinen Arm und hielt mich zurück. „Warte, Darling!“, sagte er. „Du siehst doch gar nicht, was da drin is’. Am Ende passiert dir noch was und ich bin schuld, weil ich nich’ aufgepasst hab’. Das würde ich mir nie verzeihen! Nein, wir gehen zusammen, wenn hier überhaupt einer geht!“ „Na gut.“, sagte ich. Dann gingen wir zwei in der üblichen Führhaltung, die ich Scotty beigebracht hatte, hinein. Shimar war zurückgeblieben und beobachtete uns aus der Entfernung. Ich war sicher, dass er auch gesehen haben musste, was sich in dem Gewölbe abspielen würde. Ich glaubte sogar, dass er schon etwas ahnte, sich aber den Moment nicht verbauen wollte, Scottys Gesicht zu sehen, wenn er darauf kommen würde.

An der veränderten Akustik bemerkte ich bald, dass wir uns mitten in dem Gewölbe befinden mussten. Scotty war stehen geblieben und schaute sich jetzt um. „Was siehst du?“, fragte ich. „Also, da sind erst mal vier Rinnen im Boden vor uns.“, beschrieb mein Mann. „Zwischen jeweils zweien davon is’ so was wie ’ne Lauffläche. Sieht auf jeden Fall sehr glatt aus.“ „Lass mich fühlen!“, sagte ich und befreite mich aus seinem Griff, um beide Hände zur Verfügung zu haben. Dann hockte ich mich hin und betastete die ersten Zentimeter der Lauffläche. Sie war wirklich sehr glatt. Ihre Form erinnerte mich tatsächlich an die einer echten Bowlingbahn! Ich wusste, dass es so etwas im Zeitalter von Simulationskammern eigentlich gar nicht, oder zumindest kaum noch, gab. Aber Ginalla musste wohl mit ihrem Hang zum Echten eine Marktlücke gefunden haben. Bei ihr schien es tatsächlich nicht nur echten Alkohol in den so genannten Real Rounds, sondern auch noch eine echte Bowlingbahn zu geben, auf der man sich noch wirklich bewegen musste!

Ich stellte mich wieder aufrecht hin und fragte: „Scotty, siehst du eine erhöhte Rinne mit Kugeln?“ „Ja, Darling.“, sagte er. „Sie ist in der Mitte zwischen den Bahnen. Die Kugeln sind alle verschieden groß und haben jede jeweils drei Löcher.“ Er hätte mir natürlich sagen können, welche Farben die Kugeln hatten, wusste aber, dass mir diese Information eh nichts bringen würde. Deshalb ließ er sie, pragmatisch eingestellt wie er war, einfach weg. „Sind am Ende der Bahnen jeweils 12 stehende Kegel an Seilen aufgehängt?“, fragte ich weiter. „Genau!“, nickte Scotty erstaunt. „Woher weißt du das, Darling?“ „Weil ich glaube, dass ich weiß, was das hier ist.“, sagte ich. „Ich glaube, Ginalla hat eine echte Bowlingbahn!“

Scotty schoss ein Bild durch den Kopf, das er noch gut aus dem Geschichtsunterricht kannte. Außerdem wusste er um Gerüchte, dass es so etwas in Ginallas Kneipe geben sollte und dass sie es nur ganz besonderen Kunden zur Verfügung stellte.

„Deine Frau hat Recht, Scotty!“, rief uns Ginalla plötzlich zu und kam angewuselt. „Bei mir gibt’s eben noch was Echtes und nich’ nur diesen virtuellen Scheiß! Den hat heute ja wohl jeder! Natürlich habe ich auch eine Simu-Kammer, aber da wollt ihr doch wohl nich’ wirklich hin, oder?“ „Oh, keine Panik, Gin’.“, schnodderte Scotty. „Wir stehen auch eher auf was Handgemachtes und Echtes, als auf virtuellen Scheiß! So und jetzt zeig uns mal bitte, wie man das Ding programmiert!“ „Darauf hab’ ich gewartet.“, sagte Ginalla lächelnd. „Und ich weiß auch schon, wem von euch ich das zeig’. Komm mal her, Shimar! Du siehst heute so clever aus.“ Mein Freund nickte und folgte ihrer Aufforderung. Dann bekam ich mit, wie sich beide im Flüsterton zu unterhalten begannen, nachdem sie sich hinter eine Konsole gesetzt hatten. Sie hatten eindeutig etwas vor. Das ahnte ich.

Ich wandte mich wieder Scotty zu: „Bitte bring mich zum Tisch zurück.“ „OK, Darling.“, sagte er und ließ mich wieder meine linke Hand auf seinen rechten angewinkelten Arm legen. Dann gingen wir langsam wieder Richtung Tisch, wo Nayale und ihr Mann uns bereits erwarteten. „Was tun Ihr Freund und die Wirtin da, Allrounder Scott?“, fragte mich Mr. Radcliffe. „Oh, so genau weiß ich das nicht.“, sagte ich und machte eine Kopfbewegung, als wollte ich sagen, dass alles in Ordnung sei. Ich wusste, eigentlich war eine Beschwichtigung nicht notwendig, aber angesichts der Situation, in der sich Mr. Radcliffe befand, konnte alles passieren. Ich vertraute Shimar und Ginalla. Shimar wusste um die ganze Sache und würde sicher aufpassen, dass Ginalla nichts Unüberlegtes tat. Er hatte die gleiche Ausbildung wie ich und konnte daher sicher sehr gut auf eine Zivilistin wie sie aufpassen und im Notfall sicher entsprechend auf sie einwirken. Aber andererseits war ich mir auch darüber klar, dass dies unter Umständen vielleicht gar nicht notwendig sein musste, denn Ginalla hatte ja auch ihre Erfahrungen mit Sytania. Dumm war sie nicht! Sie würde mit Sicherheit auch nichts tun, was uns oder sie und vor allem nicht die Radcliffes gefährden würde.

Erst jetzt war mir aufgefallen, dass mich Radcliffe die ganze Zeit Allrounder Scott genannt hatte. Eigentlich wäre das ja auch richtig gewesen, denn terranische Offiziere in der Sternenflotte wurden im Allgemeinen mit ihren Nachnamen angesprochen. Dass Mikel und ich aufgrund unserer Vergangenheit als intertemporale Flüchtlinge und Pendler eine Ausnahme bildeten, stand auf einem anderen Blatt. Ich überlegte tatsächlich, Radcliffe zu korrigieren, verwarf den Gedanken dann doch aber schnell wieder, denn mir war ein stichhaltiges Gegenargument eingefallen. Er war unter der Fuchtel von Sytania und die durfte schließlich über solche Sachen nicht informiert sein. Schließlich war sie der Feind! Mich also von einem ahnungslosen Zivilisten ab und zu mal Allrounder Scott nennen zu lassen, war da ja wohl das kleinere Übel.

Ginalla und Shimar kehrten an unseren Tisch zurück. Dann trennten sich ihre Wege. Vorher schnippte sie mir aber noch zu: „So, Allrounder, das war’s. Die Grundzüge hat er drauf.“ „Aber ich habe doch gar nicht verlangt, Ginalla, dass Sie …“, gab ich verwirrt zurück, aber sie war schon wieder hinter dem Tresen verschwunden.

Scotty stupste mich an. „Ich glaube schon, dass du hast, Darling.“, sagte er. „Wenn auch nicht bewusst, aber ich bin sicher, unser kleiner Telepath hat ihr was von unserem Gespräch mit Nayale gesteckt. Ui, der is’ stolz wie Bolle! Ginalla kann auch bis drei zählen. Sicher soll Shimar ein Spiel aussuchen, in dem wir uns messen und wo der Kleine …“ „Stimmt genau.“, sagte Shimar. „Ginalla und ich haben uns gemeinsam für celsianisches Zielkegeln entschieden. Ich habe mir den Hilfetext und die Spielregeln durchgelesen. Ich glaube, das könnte was werden.“ „Ich nehme nicht an, dass du es auswendig gelernt hast.“, sagte ich. „Da hast du Recht, Kleines.“, sagte er. „Das habe ich nicht. Aber ich kann es in Grundzügen erklären. Pass auf.“

Er begann eine telepathische Übermittlung. Aus irgendeinem Grund schien er nicht zu wollen, dass alle mitbekamen, worum es ging. Einerseits konnte ich mir diesen Umstand sehr gut erklären, war es doch an mir, die Entscheidung zu treffen, in welcher Weise Radcliffe seine Prüfung ablegen sollte. Aber auf der anderen Seite hätte ich gedacht, dass wenigstens Nayale und der Junge auch davon erfahren könnten. Alles, was ich von den Spielregeln verstand, war unter anderem, dass der Computer auf eine bestimmte Form und somit auf eine bestimmte Gruppe von Kegeln programmiert wurde, die in jedem Fall fallen mussten. Schaffte man dies mit einem Wurf, so bekam man die höchste Punktzahl. Mit jedem weiteren Versuch staffelte es sich nach unten. Je nach Schwierigkeitsgrad der Form konnte es von fünf bis zu zehn möglichen Punkten gehen. Alle Kegel, die nicht zu der Form gehörten, gaben keine Punkte. Damit man aber von Fall zu Fall auch die richtigen Kegel traf, konnte es auch notwendig werden, eine kleinere Kugel oder eine andere Technik zu verwenden. Das war in der Tat etwas ganz anderes als das plumpe alle Umwerfen, das Mr. Radcliffe so gern praktizierte und wegen dem er seinen Sohn aufgrund von eventueller Unfähigkeit schon oft getadelt hatte. Hier ging es nicht nur um Kraft, sondern vor allem auch um Köpfchen! Ein Problem gab es allerdings, auf das ich ihn jetzt ebenfalls still aufmerksam machen wollte, wusste aber nicht, ob er noch in meinem Geist war, um meine Antwort abzuwarten. Vorstellen konnte ich es mir aber sehr gut, denn Scotty hatte eine entsprechende Anmerkung gemacht. Hör mal, Srinadar., dachte ich. Das wäre sicher sehr gut, wenn wir alle sehend wären. Aber ich habe das Gefühl, du übersiehst da ein grundlegendes Problem. Wie soll ich wissen, welche Kegel in dem Bild noch stehen, he?!

Statt einer Übermittlung in Worten folgten Reihen mit Zahlen von eins bis 12. Dann einige Bilder aus Kegeln. Noch Fragen?!, fügte er noch bei, bevor er unsere Verbindung trennte. Dabei gab er mir immer ein verabredetes Zeichen, das er auch benutzte, wenn er sie aufbaute. So wusste ich, auch als Nicht-Telepathin, immer Bescheid. Mir war klar, was er mir mit diesen Bildern zeigen wollte. Der Computer würde jedes Mal die Ziffern der für das Bild wichtigen Kegel ansagen, die noch standen. Außerdem würde er mir jedes Mal erst das Gesamte und dann das Bild übermitteln, das noch zu Fall gebracht werden musste. Er würde also nicht mitspielen, sondern an der Konsole sitzen bleiben und die Bilder programmieren. Außerdem würde er als mein lebender Monitor fungieren und mir bei Bedarf die Bilder übermitteln, wenn es mir nicht möglich sein sollte, die noch umzuwerfenden Kegel nur anhand der Ansage des Computers zu lokalisieren. Die Grundform, eine auf einer Ecke stehende Raute, war mir bekannt. Mein räumliches Denken sollte also theoretisch ausreichen. Schließlich flog ich im Alltag ein Raumschiff und da ging es ja auch, wenn ich die Informationen von meinem Hilfsmittel zu interpretieren hatte. Mit den physikalischen Gesetzen eines rollenden Gegenstandes kannte ich mich auch einigermaßen aus. Ich fragte mich nur, ob das auch für den Professor galt, der sich ja immer als der Champion hervortun wollte. Nayale und sogar dem Kind traute ich das ohne weiteres zu, auch wenn der Kleine keine komplizierten Formeln kannte, um Geschwindigkeiten zu berechnen oder Winkel zu tarieren. Aber er wusste, was passierte, wenn er eine Kugel so oder so aufsetzte oder ihr einen Schwung in die eine oder andere Richtung gab. Wenn ich ehrlich war, würde ich nichts anderes tun, denn ich war noch nie ein Ass in Mathematik gewesen. Aber es ging hier ja auch schließlich nur um ein Spiel, dessen vordergründiges Ziel der Spaß sein sollte. „OK.“, sagte ich. „Damit kann ich mich anfreunden.“ Auch Radcliffes nickten. „Dann ist ja alles klar.“, sagte Shimar. „Ihr müsst mich nur für einen Moment entschuldigen.“

Er stand auf und verließ Tisch und Raum. „Kannst du mir sagen, was er hat?“, fragte Scotty, der wohl geahnt hatte, dass es zwischen ihm und mir eine Art telepathische Konferenz gegeben hatte. „Genau weiß ich das nicht.“, sagte ich leise. „Aber wenn du in zehn Minuten nichts von ihm gehört hast, dann …“ „OK.“, verstand mein Ehemann. „Dann gehe ich nachsehen. Ich glaube, ich weiß schon, wo ich ihn dann finde.“

Ich nickte und grinste Nayale zu, deren leichte Unsicherheit über die Situation selbst für mich zu erspüren war. Dann winkte ich ihr zu und stand auf mit den Worten: „Bitte entschuldigt uns, Scotty und Mr. Radcliffe. Nayale und ich gehen uns mal die Nase pudern. Wie man weiß, kann das bei uns Mädels ganz schön dauern.“ Dann zog ich sie vom Stuhl hoch und wir gingen ebenfalls und ließen Scotty und Nathaniel zurück.

Ginalla kam an unseren Tisch. „Ihr zwei solltet was trinken.“, sagte sie und stellte zwei riesige einen Liter fassende Gläser vor den Männern ab. In ihnen befand sich ein auf Kaffee und Whisky basierendes Getränk. „Geht aufs Haus.“, flapste sie. „Aber Vorsicht! Nich’ so schnell. Der Abend is’ schließlich noch lang. Sonst habt ihr morgen ’n Riesenkater und eure armen Frauen dürfen das dann ausbaden. Is’ ja auch nur zur Belustigung, bis die Mädels wieder da sind. Wenn Mädels sich die Nase pudern, dauert das im Allgemeinen. Ihr könnt mir vertrauen. Ich kenn’ mich da aus. Bin ja selbst eins.“ „Danke, Gin’.“, sagte Scotty, nahm seinen Humpen hoch und prostete Radcliffe zu. „Auf ’n faires Spiel!“, sagte er. „Auf das Spiel.“, nickte Nathaniel. Dann nahmen beide einen großen Schluck.

Nayale hatte außerhalb des Gastraums die Führung übernommen und mich jetzt in Richtung der Toiletten gezogen. Hier, im Vorraum der Damentoilette, holte sie tatsächlich ihre Schminktasche hervor und öffnete sie, nachdem sie diese auf der kleinen weißen Konsole abgestellt hatte. „Man weiß ja nie.“, sagte sie und ich hörte an ihrer Betonung genau, dass sie sehr nervös sein musste. „Es ist alles in Ordnung, Nayale.“, tröstete ich. „Soweit mir bekannt ist …“

Ich musste nachdenken. Dass ihr Mann unter der Fuchtel von Sytania stand, durfte ich sie auf keinen Fall wissen lassen, oder musste wenigstens vorfühlen, wie weit sie bereits selbst informiert war. Anhaltspunkte hatte es ja bestimmt genug gegeben und durch unsere Unterhaltung war mir nicht verborgen geblieben, dass sie sehr intelligent war. Ich musste also genau herausfinden, was sie wusste und dann entsprechend der neuen Situation reagieren.

„Sie müssen mir nichts verheimlichen, Allrounder.“, sagte Nayale, die wohl schon gemerkt hatte, dass ich mir Sorgen machte. „Ich weiß alles! Ich weiß, dass mein Mann unter der Fuchtel von Sytania steht und dass sie ihn unter Umständen zu Dingen verleiten könnte, die sehr schlimm für uns alle werden können. Aber wenn ich ihn damit konfrontieren würde, liefe ich bestimmt G