Krieg der Einhörner - Auf Messers Schneide

von Visitor
Zusammenfassung:

 

Nachdem der Einhorn-Hengst Invictus sich auf eine sterbliche Stute eingelassen hatte, beschließt Valora, die Anführerin der Einhörner, aus Rache und Eifersucht sich mit Sytania zu verbünden, was der Prinzessin des Dunklem Imperiums bezüglich ihres neuen Planes zur erneuten Machtergreifung in allen Dimensionen und Universen sehr gelegen kommt. Nachdem die ersten Veränderungen im Machtgefüge der verschiedenen Dimensionen von verschiedenen Kräften bemerkt wurde, beschließen Allrounder Betsy Scott und ihre Freunde etwas gegen die drohende Vernichtung zu unternehmen, bevor es zu spät ist...


Kategorien: Fanfiction, Fanfiction > Star Trek Charaktere: Keine
Genres: Keine
Herausforderung: Keine
Serie: Keine
Kapitel: 97 Fertiggestellt: Ja Wörter: 360009 Aufgerufen: 217625 Veröffentlicht: 28.05.15 Aktualisiert: 24.01.16

1. Kapitel 1: Vorboten des Untergangs von Visitor

2. Kapitel 2: Schicksalhafte Visionen von Visitor

3. Kapitel 3: Unheilvolle Pläne von Visitor

4. Kapitel 4: Falsche Götter von Visitor

5. Kapitel 5: Eine neue Heldin erscheint von Visitor

6. Kapitel 6: Botschaften der Angst von Visitor

7. Kapitel 7: Informationen des Schreckens von Visitor

8. Kapitel 8: Beruhigende Weichenstellung von Visitor

9. Kapitel 9: Erschreckende Erkenntnisse von Visitor

10. Kapitel 10: Erste Versuche der Aufklärung von Visitor

11. Kapitel 11: Meroolas Einstand im ehrlichen Leben von Visitor

12. Kapitel 12: Ein entscheidendes Puzzleteil von Visitor

13. Kapitel 13: Wichtige Zeugnisse von Visitor

14. Kapitel 14: Aussagen, die Weichen stellen von Visitor

15. Kapitel 15: Neue Schwierigkeiten von Visitor

16. Kapitel 16: Mirdans List von Visitor

17. Kapitel 17: Triumpf des Bösen von Visitor

18. Kapitel 18: Der Trumpf aus der Vergangenheit von Visitor

19. Kapitel 19: Unbequeme Nachforschungen von Visitor

20. Kapitel 20: Befehle und die Kunst ihrer ungewöhnlichen Ausführung von Visitor

21. Kapitel 21: Unverhoffte Unterstützung von Visitor

22. Kapitel 22: Das Geschenk der Quellenwesen von Visitor

23. Kapitel 23: Mutige Schritte von Visitor

24. Kapitel 24: Vertrauensbeweise von Visitor

25. Kapitel 25: Neue Rätsel von Visitor

26. Kapitel 26: Die Schlacht der Glaubensrichtungen von Visitor

27. Kapitel 27: Sytanias Schmach von Visitor

28. Kapitel 28: Augen zu und durch! von Visitor

29. Kapitel 29: Folgenreiche Beichten von Visitor

30. Kapitel 30: Geheime Hilferufe von Visitor

31. Kapitel 31: Der schwere Kampf um Toleas Leben von Visitor

32. Kapitel 32: Therapieversuche von Visitor

33. Kapitel 33: Ein tindaranischer Paukenschlag! von Visitor

34. Kapitel 34: Gemeinsame Rettungspläne von Visitor

35. Kapitel 35: Alarmierende Analysen von Visitor

36. Kapitel 36: „Seifenblasen“ von Visitor

37. Kapitel 37: Rettung in letzter Minute! von Visitor

38. Kapitel 38: Überraschungen von Visitor

39. Kapitel 39: Von Hochzeiten und Diskussionen von Visitor

40. Kapitel 40: Unerwartete Ereignisse von Visitor

41. Kapitel 41: Eine kurze Atempause von Visitor

42. Kapitel 42: Schwarze Wolken im Reich des Bösen von Visitor

43. Kapitel 43: Neue heiße Spuren von Visitor

44. Kapitel 44: Ein beweisträchtiger Plan von Visitor

45. Kapitel 45: Lostris’ Verrat von Visitor

46. Kapitel 46: Planspiele auf höchster Ebene von Visitor

47. Kapitel 47: Überzeugungsversuche von Visitor

48. Kapitel 48: Ausgestreckte Hände von Visitor

49. Kapitel 49: Tollkühne Pläne von Visitor

50. Kapitel 50: Ein traumhafter Durchbruch von Visitor

51. Kapitel 51: „Was nun, Agent Maron?“ von Visitor

52. Kapitel 52: Überraschende Alliierte von Visitor

53. Kapitel 53: Elisas Rettung von Visitor

54. Kapitel 54: Beschämende Nachrichten von Visitor

55. Kapitel 55: Folgenreiche Irrtümer von Visitor

56. Kapitel 56: Ein unglaubliches Verbrechen von Visitor

57. Kapitel 57: Zwickmühlen von Visitor

58. Kapitel 58: Eine entscheidende Schlacht von Visitor

59. Kapitel 59: Die Auserwählte von Visitor

60. Kapitel 60: Eine hilfreiche Erkenntnis von Visitor

61. Kapitel 61: Ein folgenreicher Diebstahl von Visitor

62. Kapitel 62: Iranach, was nun? von Visitor

63. Kapitel 63: Unerfreuliche Aussagen von Visitor

64. Kapitel 64: Ein schwerer Schlag für Sytania von Visitor

65. Kapitel 65: Der Eingriff der Xylianer von Visitor

66. Kapitel 66: Shimar, der Lebensretter von Visitor

67. Kapitel 67: Ein heldenhaftes Opfer von Visitor

68. Kapitel 68: Urlaubsfreuden von Visitor

69. Kapitel 69: Shimars Tod von Visitor

70. Kapitel 70: Der Fehler der Tindaraner von Visitor

71. Kapitel 71: Eine hilfreiche Begegnung von Visitor

72. Kapitel 72: Richtungsweisende Begegnungen von Visitor

73. Kapitel 73: Eine glückliche Fügung von Visitor

74. Kapitel 74: Eingewöhnung von Visitor

75. Kapitel 75: Sturz eines Mächtigen von Visitor

76. Kapitel 76: Ungewöhnliche Heilungsansätze von Visitor

77. Kapitel 77: Sytania in der Defensive von Visitor

78. Kapitel 78: Ein klärendes Gespräch von Visitor

79. Kapitel 79: Ein schottisch-irischer Coup von Visitor

80. Kapitel 80: Die Herausforderung von Visitor

81. Kapitel 81: Meroolas Falle von Visitor

82. Kapitel 82: Der Wettflug von Visitor

83. Kapitel 83: Eine königliche Pleite von Visitor

84. Kapitel 84: Über den Berg von Visitor

85. Kapitel 85: Mit beeindruckendem Nachdruck von Visitor

86. Kapitel 86: Unorthodoxe Methoden von Visitor

87. Kapitel 87: Der Geheimauftrag von Visitor

88. Kapitel 88: Heimlicher Aufbruch von Visitor

89. Kapitel 89: Taktische Manöver von Visitor

90. Kapitel 90: Eine gefährliche Mission von Visitor

91. Kapitel 91: Die Festung des Bösen bröckelt von Visitor

92. Kapitel 92: Hilfe aus dem Jenseits von Visitor

93. Kapitel 93: Das Geständnis von Visitor

94. Kapitel 94: Neue Voraussetzungen von Visitor

95. Kapitel 95: Zurück ins Leben! von Visitor

96. Kapitel 96: Der Schlachtplan von Visitor

97. Kapitel 97: Endkampf! von Visitor

Kapitel 1: Vorboten des Untergangs

von Visitor

 

Schützend hatte die Nacht ihre dunklen Arme um die Dimension Dunkles Imperium gelegt. Nur vereinzelt war der Schein eines entfernten Mondes aus einem Sonnensystem im Weltraum Sichtbar, der sich in der Atmosphäre der Dimension, die aus einer einzelnen Sphäre ohne eigenes Sonnensystem bestand, durch eine glückliche Konstellation der Weltraumwirbel bedingt spiegelte, zu sehen. In dieser nächtlichen Atmosphäre, die sehr gruselig anmutete, waren in einem stillen Wald nur zwei Reiter unterwegs. Beide waren Vendar. Es handelte sich um Telzan und seinen Schüler Mirdan, einen erst wenige Tage in seinem Trainingslager beheimateten Novizen. Mirdan war knapp 13 Jahre alt, maß ca. 1,70 m, was für einen männlichen Vendar wahrhaft sehr klein war. Aber er wuchs ja noch. Er hatte ein kurzes braunes Jugendfell unter seiner typischen juteartigen Uniform. Beide waren auf zwei stämmigen mittelgroßen Pferden unterwegs. Telzans Stute war weiß und der Wallach, den Mirdan ritt, hatte ein rotbraunes Fell.

Der Novize hatte nun mit einer kurzen Trabeinlage zu seinem Meister aufgeschlossen und war jetzt neben ihm. Das hatte Telzans Pferd wohl etwas erschrocken. Es gab ein quietschendes Wiehern von sich und machte einen kurzen Sprung nach vorn. Telzan aber lachte nur kurz und nahm die Zügel auf. Dann sagte er: „Ruhig, Sira! Na komm! Du wirst doch wohl deinen Stallkumpel erkennen, der doch die ganze Zeit hinter dir war.“ „Ich weiß nicht, Ausbilder.“, sagte Mirdan, den wohl angesichts der Reaktion des Pferdes ein schlechtes Gewissen plagte. „Vielleicht spürt sie ja auch, dass das nicht richtig ist, was wir hier machen. Aber wenn das der Fall wäre, dann hätte mein Pferd ja auch reagieren müssen.“ „Na ja.“, sagte Telzan. „Weibchen sind sensibel. Aber du hast dich ja auch ganz schnell wieder selbst in den Griff bekommen, was dein schlechtes Gewissen angeht. Für einen Moment hatte ich tatsächlich geglaubt, du hättest eines. Aber es stimmt schon. Wenn es von Grund auf schlecht wäre, was wir vorhaben, dann müssten beide Tiere reagieren, aber das tun sie nicht. Ich kann mir allenfalls vorstellen, dass Sira Valora schon riechen kann. Stuten wittern die Konkurrenz manchmal meilenweit.“ „Aber Valora soll Sira doch nichts wegnehmen, Meister.“, wunderte sich der Novize. „Sicher nicht.“, sagte Telzan. „Aber sie ist eben nur ein einfältiges Tier und wird nicht verstehen, was wir vorhaben.“ „Natürlich nicht, Ausbilder.“, sagte Mirdan beschwichtigend. „Also.“, brummte Telzan. „Warum fragst du dann? Hast du etwa Angst?“ „Nein, Ausbilder!“, antwortete der Novize mit seiner noch etwas kindlich anmutenden Stimme so fest und sicher er konnte. „Den Göttern sei Dank!“, sagte Telzan. „Ich hatte schon befürchtet, dich zu deinen Eltern zurückschicken zu müssen! Ich hatte schon gedacht, aus dir würde kein Krieger und Telepathenjäger werden können, sondern allenfalls ein Bauer wie aus deinem Vater! Aber jetzt bin ich ja beruhigt. Dann will ich dir auch gleich eine Aufgabe stellen.“

Er hielt an und wies Mirdan an, das Gleiche zu tun. Sie waren in mitten von vielen Bäumen zum Halten gekommen. Was meinst du?“, sagte der Ausbilder. „Findest du nicht auch, dass hier ein guter Platz für unser Vorhaben ist?“ Mirdan blickte sich um. „Nein, Ausbilder!“, sagte er schließlich. „In Anbetracht der Tatsache, dass wir mit Feuer arbeiten werden, finde ich das gar nicht. Wir könnten einen Waldbrand auslösen.“ „Sehr gut!“, lobte Telzan. „Genau das wollte ich hören!“ Er schnalzte seinem Pferd zu, worauf sich dieses wieder in Bewegung setzte. Mirdan tat es ihm gleich.

Von gespenstischen Rufen eines Waldkauzes begleitet kamen sie schließlich auf einer Lichtung an. „Hier ist es doch viel besser, Ausbilder, nicht wahr?“, vergewisserte sich Mirdan. „Ganz recht.“, sagte Telzan zufrieden. „Diese Prüfung hast du schon einmal bestanden. Es kann immer zu Situationen kommen, in denen du für dich allein Entscheidungen treffen musst. Gerade dann, wenn dein Anführer oder andere höher als du gestellte Vendar nicht in der Nähe sind. Gebieterin Sytania könnte dich ja irgendwann auch einmal allein auf eine Mission schicken und dann musst du bereit sein.“ „Ich verstehe, Ausbilder.“, antwortete der Junge.

Sie waren angehalten und aus den Sätteln gestiegen. Dann hatte Telzan aus einer Packtasche hinter seinem zwei Stricke und einen Sack gezogen. Den Sack drückte er Mirdan mit den Worten: „Geh trockenes Reisig sammeln! Ich kümmere mich um die Pferde.“, in die Hand. Folgsam hatte Mirdan genickt und war in die andere Richtung verschwunden. Telzan hatte jetzt je einen der Stricke am Zaum eines der Pferde befestigt und sie dann, eines rechts, eines links von sich, ein Stück des Weges weit zurückgeführt. Aber nur so weit, bis er sie an den letzten Baum vor der Lichtung binden konnte. Er wollte wohl sichergehen, dass sie weit genug von dem kommenden für sie vielleicht sehr beängstigenden Geschehen fort wären. Dann machte er sich noch einmal an der Packtasche zu schaffen, aus der er ein Brenneisen hervorzog. Dieses sah er sich genau an, um dann mit einem zufriedenen Grinsen die Tasche wieder zu schließen. Es handelte sich um ein etwa 25 cm breites und im ausgeklappten Zustand 3 m langes Stück Metall, das auf der einen Seite einen mit Schafwolle zur Isolation umwickelten runden Griff und auf der anderen eine ca. 10 cm im Quadrat messende Platte aufwies, auf der das Symbol eines Drudenfußes zu sehen war. Mit diesem Gegenstand in der Hand ging Telzan jetzt zu dem Ort, an dem jenes verbrecherische Tun stattfinden sollte, zurück. Hier wartete er jetzt auf seinen Schüler, der bald auch mit einem vollen Sack Reisig zurückgekehrt war. Diesen zeigte er Telzan nun voller Stolz. „Kipp aus!“, sagte der Ausbilder streng. „Wollen doch gleich einmal sehen, ob du dich an all das gehalten hast, was ich dir neulich über Feuerholz beigebracht habe!“ „Ja, Ausbilder.“, nickte Mirdan folgsam und wuchtete den schweren Sack, den ein Teenager unseres Schlages wohl nicht mehr heben könnte, (ihr wisst ja, dass Vendar mindestens fünf Mal so stark sind wie Menschen) auf den Kopf, nachdem er den Hanfstrick, mit dem er verschlossen war, geöffnet hatte. Zum Vorschein kam ein riesiger Haufen Stöcke und Äste, die auf den ersten Blick sehr trocken schienen. „Na, das sieht ja schon ganz gut aus.“, sagte Telzan und beäugte den Haufen zwar wohlwollend, aber auch etwas skeptisch. „Lass mich nun sehen, ob du deinen Ausbilder auch nicht betrogen hast.“ „Das würde mir nie im Traum einfallen, Ausbilder.“, sagte Mirdan. „Na, man weiß ja nie.“, sagte Telzan. „Wenn nicht im Traum, dann aber vielleicht erst recht in der Realität.“ Er hielt inne und wartete die Reaktion seines Gegenübers ab. Mirdan sah verwirrt zu ihm herüber. Dabei streifte sein zaghafter Blick das Gesicht seines Meisters aber nur. Er wagte nicht wirklich, Telzan anzusehen. „Ich habe nur einen Scherz gemacht.“, sagte der Ausbilder und Anführer von Sytanias Vendar beruhigend. „Daran wirst du dich gewöhnen müssen, wenn du unter mir dienen willst. Es sei denn, du willst lieber wieder auf den Hof deines Vaters zurück und Schafe hüten.“ Er lachte verächtlich. Mirdan schüttelte den Kopf und machte eine beschwichtigende Geste. „Na also.“, sagte Telzan. „Bitte.“, bat Mirdan dann fast unterwürfig. „Verrate mir aber, Ausbilder, warum du uns Novizen so behandelst. Ich will ja keine Behandlung mit Samthandschuhen. Ich will dich ja nur verstehen. Ich hörte von älteren Kriegern, dass dein Vorgänger, Joran Ed Namach, Es ganz anders …“

Mirdan war erschrocken, als er das Geräusch eines rasch aus seinem Futteral fahrenden Degens neben sich vernommen hatte. Dann sah er dessen Spitze langsam und bedrohlich auf seine Kehle zukommen und hörte Telzan sagen: „Siehst du diese Waffe, mein Schüler? Wenn du ein Interesse daran hast, am Leben zu bleiben, solltest du diesen Namen nie wieder erwähnen! Niemals wieder! Hast du verstanden?!“ „Ja, Ausbilder.“, nickte Mirdan zitternd. Telzan ließ den Degen zurück in das Futteral sinken. Dann sagte er zufrieden und erleichtert: „Das wollte ich doch wohl meinen. Ich töte nämlich sehr ungern einen meiner besten Schüler.“ Erleichtert ließ sich Mirdan auf den Boden neben seinen Holzhaufen sinken. „Wer hat was davon gesagt, dass du dich hinsetzen darfst?!“, fragte Telzan streng. „So weit sind wir noch nicht. Wer weiß, ob ich dich nicht gleich wieder losschicken muss?“

Er wendete sich dem Haufen zu und nahm einen Stock aus dem obersten Drittel, einen aus der Mitte und einen von ganz unten. Dann brach er die Stöcke der Reihe nach durch und betrachtete die Bruchstellen genau, um sie danach zu betasten. Er nahm die Stöcke sogar zwischen die Lippen und sog an ihnen, wie an einer Zigarette. Dann warf er sie auf den Haufen zurück und lächelte Mirdan an. Das war eine große Erleichterung für den Novizen. Hatte er doch bei dem sonst sehr finsteren Gesicht seines Meisters sonst immer das Gefühl gehabt, jederzeit einen Fehler zu machen. „Keine Feuchtigkeit!“, stellte Telzan beruhigt und fast schon mit stolzem Ausdruck in der Stimme fest. „Das wird brennen wie Zunder und eine gute Glut für das Brenneisen geben.“

Er zog seinen Phaser und schoss auf den Haufen aus Reisig, nachdem er einige Einstellungen an der Waffe verändert hatte. Augenblicklich loderte eine rote heiße Flamme empor. „So gefällt mir das!“, sagte Telzan und ließ seine Waffe wieder sinken. „So, mein Junge.“, sagte er dann zu dem Novizen. „Jetzt, jetzt kannst du dich setzen.“ Dankbar ließ sich Mirdan in einigem Abstand zum Feuer neben seinen Ausbilder fallen.

Sie hatten einige Stunden wartend zugebracht und das Feuer war fast ganz heruntergebrannt. Nur noch einige kleine Stücke Holz und ein Haufen Asche zeugten von ihm. „Es ist so weit.“, stellte Telzan fest und zog das Brenneisen aus der Tasche, um es in die noch heiße Glut zu stecken. „Denkst du, dass sie überhaupt kommen wird, Ausbilder?“, fragte Mirdan vorsichtig. „Natürlich!“, sagte Telzan fest. „Valora ist dafür bekannt, ihre Versprechen zu halten. Das war sie schon, als sie noch auf der Seite des Guten kämpfte.“ „Aber diesen Umstand hat ihre Eifersucht ja geändert.“, sagte Mirdan ergänzend. „Genau.“, bestätigte Telzan schadenfroh. „Und unsere Gebieterin Sytania hatte nichts Besseres zu tun, als ihre Gebete zu erhören!“ Beide Vendar lachten böse auf.

Plötzlich stieß Mirdan seinen Meister an: Haben wir nicht etwas vergessen, Ausbilder?!“, fragte er alarmiert. „Was meinst du?“, fragte Telzan. „Damit das Zeichen auch wirklich seine Wirkung entfaltet, muss das Brenneisen doch Sytania geweiht werden, oder?“ „Unsere Gebieterin selbst hat den Drudenfuß mittels ihrer Fähigkeiten in das Brenneisen gebrannt.“, sagte Telzan. „Wenn das nicht ausreicht, was dann?“ „Bitte vergib meine Einfalt, Ausbilder.“, sagte Mirdan mit beschwichtigendem Gesicht. „Ich war ja nicht dabei.“ „Ach, schon gut.“, sagte Telzan beiläufig.

Beide begannen in die Nacht zu lauschen. Zwar konnten sie auch sehen, was um sie herum geschah, Telzan war aber sicher, Valora würde sich, falls jemand Unbefugtes ihre Ankunft beobachten sollte, lieber unsichtbar machen, damit gerade das nicht passierte. Das Schellengeläute, das man während der Anwesenheit von Einhörnern immer hörte, würde sie aber nicht abstellen können. „Hoffentlich dauert es nicht mehr so lang.“, sagte Mirdan mit sorgenvollem Ausdruck in der Stimme. Der Morgen graut bereits bald.“ „Nicht so ungeduldig.“, ermahnte ihn Telzan. Dann deutete er nach Osten: „Konzentriere dich auf die Richtung hinter deinem Rücken.“ Willig folgte Mirdan seiner Anweisung. „Tatsächlich, Ausbilder.“, sagte er schließlich. „Ich höre sie auch.“

Das Schellengeläute kam schnell näher und bald wurde eine weiße Einhornstute vor ihnen sichtbar. Seid gegrüßt! meldete sie sich telepathisch bei Telzan und Mirdan gleichzeitig. „Auch wir grüßen dich, Valora.“, sagte der Novize ehrfürchtig und auch Telzan nickte bestätigend. Ihr wisst, warum ich gekommen bin., sagte Valora. „Ja, das wissen wir.“, sagte Mirdan. „Ich persönlich muss aber ganz sicher sein, dass du es auch wirklich willst.“ Ja, ich will es! bekräftigte Valora. Mehr als alles andere will ich es! Schon allein, um mich von unserem Hengst Invictus zu distanzieren, der mich und meine Mitstreiterinnen so schändlich mit einer Sterblichen betrogen hat! Er ist auf der Seite von Logar! Zumindest meistens! Da wird es mir doch wohl erlaubt sein, aus Rache und Eifersucht auf die Seite von Sytania zu wechseln. Ich konnte leider nicht alle für meine Sache gewinnen, aber ein Großteil meiner Freundinnen steht in unserem Versteck bereit und wartet. Ich stehe in telepathischem Kontakt mit ihnen. So wird das, was mir hoffentlich gleich wiederfährt, auch ihnen zuteil. Oh, meine Freunde, ich kann es kaum noch erwarten, endlich Sytania dienen zu dürfen. „Wahrscheinlich, weil du weißt, dass sie eine Frau ist wie du und somit dein Leid gut nachvollziehen kann.“, setzte Mirdan vorsichtig an. Du sprichst die Wahrheit, mein Junge. erwiderte Valora. Dann wandte sie sich Telzan zu: Du hast da wirklich einen sehr intelligenten Schüler. Lass ihn mir doch Sytanias Zeichen aufbrennen.

Telzan sah Mirdan skeptisch auf die Hände. Dann sagte er: „Streck sie aus!“ Das tat Mirdan auch bereitwillig. Telzan drückte vorsichtig mit den seinen auf die Hände von Mirdan. Dann schüttelte er aber energisch den Kopf. „Du zitterst ja bei dem Gedanken daran wie Espenlaub!“, sagte er. „Du würdest ihr nur unnötig Schmerzen bereiten. Geh nach vorn an ihren Kopf und sprich ihr Mut zu, wenn du meinst, dass es nötig sei. Ich mache das hier lieber selbst!“ Damit ging er zum Feuer und zog das Brenneisen, das inzwischen an seiner rein metallischen Seite rot glühte, heraus. Dann näherte er sich Valora langsam von hinten.

Mirdan ging zu ihrem Kopf, wie ihm sein Meister geheißen hatte und begann damit, ihr seidiges weiches Fell zu kraulen. Dabei flüsterte er: „Keine Angst, Valora. Es wird sicher nicht schlimm. Du wirst dich vielleicht kurz erschrecken, aber der Schreck wird dir schnell über den Schmerz hinweghelfen.“ Ich habe keine Angst, Vendar. tröstete Valora. Und selbst dann, wenn ich Schmerzen haben sollte, ertrage ich sie gern. Für Sytania! „Für Sytania!“, wiederholten Telzan und Mirdan gemeinsam Valoras Schwur. Im gleichen Moment ließ der Anführer der Vendar-Truppen der genannten Prinzessin das Brenneisen auf Valoras Hinterteil herniedersausen. Diese aber blieb still stehen. Im gleichen Augenblick sahen die Vendar, wie sich ihr Fell von weiß in Schwarz färbte. Das war sehr gut, Vendar. wendete sich Valora telepathisch an Telzan. Es hat, wie du bereits angekündigt hast, gar nicht wehgetan. Ich denke, der Schreck und meine Euphorie haben ihr Übriges dazugetan und du hast sehr genau gewusst, beides auszunutzen. Ich werde nun wieder zu meinen Mitstreiterinnen gehen. Damit drehte sie sich um und galoppierte freudig davon. Telzan und Mirdan sahen ihr noch lange nach.

„Es ist vollbracht, Ausbilder.“, sagte Mirdan erleichtert. „Ja, es ist vollbracht.“, bestätigte Telzan. „Lass uns noch warten, bis das Brenneisen ausgekühlt ist, damit wir es verstauen können. In der Zwischenzeit sollte ich nach einem trefflichen Wild Ausschau halten, das wir zum Frühstück verspeisen können. Schließlich haben wir nach dieser gelungenen Aktion einen guten Grund zum Feiern. Kümmere du dich hier um den Rest. In einer der beiden Packtaschen, entweder auf meinem, oder auf deinem Pferd, müsste auch noch ein leerer Weinschlauch sein, mit dem du Wasser holen kannst, um das Brenneisen zu säubern und später das Feuer zu löschen. Aber erst nach dem Frühstück.“ „Sicher, Ausbilder.“, sagte Mirdan. „Aber das Eisen darf ich doch auch schon vorher …“ „Sicher.“, sagte Telzan, schulterte seine Waffe und ging. Mirdan blieb zurück und begann mit seiner Arbeit, wie es ihm von Telzan aufgetragen worden war.

Auf einer Raumstation im Universum der Föderation, die als Durchgangslager und Rastplatz auf langen Flügen diente, huschte eine kleine Gestalt einen Korridor entlang, der sie zu den Andockrampen führte. Die Gestalt war in der Menge fast untergegangen. Sie trug sehr unscheinbare zivile Kleidung, hatte die typische Statur einer Platonierin, aber das typische Gesicht einer Ferengi. Sie war ca. 1,60 m groß, hatte die typischen großen Ohren, die wegen ihrer Größe und anatomischen Position schon fast an eine Skibrille erinnerten. Ihr Kopf war fast haarlos. Nur rund herum, gerade über ihren Schläfen, fand sich ein Kranz aus langem schwarzem Haar. Ihre braunen Augen waren aufgrund der Ohren kaum zu sehen. Ihre Kleidung bestand aus einem unscheinbaren weißen Hosenanzug und ebensolchen Schuhen.

Sie hatte die letzte Tür zu den Rampen hinter sich gelassen. Jetzt begann sie damit, die Schleusen, an denen die Schiffe lagen, genau zu mustern, als suche sie nach einem bestimmten Exemplar. Über den Türen waren Displays mit den Namen der Schiffe und ihrem Zielort zu sehen.

Sie ging bis zum Ende der Reihe. Hier sah sie in einem Display die Aufschrift: „Ich bringe dich, wohin immer du willst.“ Diese Tür berührte sie jetzt mit dem Finger, worauf sie zur Seite glitt. Dann betrat sie die Schleuse. Von dort führte sie ihr Weg weiter ins Innere des Cockpits eines kleinen Schiffes. Gleich setzte sie sich auf den Pilotensitz. Das Schiff, das sie offensichtlich positiv identifiziert hatte, ließ ein Licht über einem Anschluss an einer Konsole aufleuchten. Die Gestalt zog einen Neurokoppler aus der Tasche und schloss ihn an. Nachdem sie ihn sich aufgesetzt hatte, zeigte sich ihr das Gesicht und die Statur eines Teenagers von etwa 13 bis 14 Jahren in knallbunten Jeans und Sandalen. „Hi, Meroola.“, sagte die Stimme des Schiffsavatars zu der kleinen Gestalt, die nervös begonnen hatte, an ihren Nägeln zu kauen. „Hi, Kamura.“, sagte Meroola schließlich. „Lass uns machen, dass wir hier wegkommen. Zeig mir die Steuerkonsole! Unterhalten können wir uns gleich noch.“ „OK.“, sagte Kamura erleichtert. „Das wollte ich dir auch gerade vorschlagen. Ich musste mich nämlich in die Systeme der Station hacken, um dich auf mich aufmerksam machen zu können. Leider hat aber die Sicherheit was gemerkt und jetzt sind sie mir auf der Spur. Hätte gar nicht hier sein dürfen laut Flugplan.“

Sie zeigte Meroola die Steuerkonsole, in die diese sofort die Gedankenbefehle zum Abdocken eingab, was das Schiff erleichtert zur Kenntnis nahm. „OK.“, sagte Meroola schließlich, nachdem sie die Station hinter sich gelassen hatten. „Ich glaube, es wird Zeit, dass ich ein bisschen was über dich in Erfahrung bringe. Das war doch bestimmt kein Zufall, dass du in diesem Rattenloch aufgetaucht bist.“ „Nein.“, sagte Kamura. „Das war es nicht. Ich bin auf der Suche nach einem Piloten. Wir selbstständig denkendem Schiffe machen das so, wenn wir ein bestimmtes Alter erreicht haben. Meine Eltern meinten zwar, ich sei noch zu jung und meine Software sei noch nicht ausgereift genug, aber ich konnte es kaum erwarten, die Welt außerhalb unserer Dimension zu sehen und sie gemeinsam mit einem biologischen Piloten zu erforschen.“ „Oh, Mann.“, stöhnte Meroola mit ihrer kessen hellen Stimme bedient und lehnte sich zurück. „Da bin ich aber eine denkbar schlechte Wahl, glaube ich. Weißt du, ich bin eine ehemalige Kriminelle, die jetzt vorhat, endlich ehrlich zu werden. Ich war nur noch einmal kurz auf der Station, um Schulden bei ein paar alten Kontakten einzutreiben. Man braucht ja schließlich auch, an manchen Orten zumindest, noch Startkapital.“ „Du hast also nicht vor, in der Föderation zu bleiben?“, fragte Kamura. „Vielleicht ja, vielleicht nein.“, antwortete Meroola. „Und was ist mit dir, wo willst du hin?“ „Ich weiß es noch nicht.“, sagte Kamura. „Ich fliege dorthin, wo du willst.“ „Also schön.“, erwiderte Meroola. „Dann haben wir uns wohl gegenseitig am Hals. Eine ehemalige Kriminelle und eine Ausreißerin! Na, wir sind vielleicht ein tolles Duo. Aber gut. Wir sollten uns zunächst eine Basis irgendwo schaffen. Zigeuner sind nicht gern gesehen, weißt du? „Ich kann wohl nicht davon ausgehen, dass du irgendeinen Planeten empfehlen kannst, auf dem …“ „Ich habe zwei bis drei in meiner Datenbank.“, sagte Kamura und öffnete ein Menü vor Meroolas geistigem Auge. „Das sieht doch ganz gut aus.“, sagte Meroola. „Du hast sicher deine Eltern mit Fragen gelöchert, he? Sonst hättest du doch sicher nicht dieses Wissen.“

Sie ließ ihren mentalen Blick über die Links schweifen. „Zeig mir mehr über dieses Celsius!“, befahl sie dann sehr sicher. „Irgendwie klingt das nett.“ „OK.“, sagte Kamura und kam Meroolas Befehl nach. „Aber wenn du am Lesen bist, kannst du mich ja nicht fliegen.“ „Das muss ich ja auch nicht.“, sagte Meroola und lächelte. „Jedenfalls dann nicht, wenn du jetzt stoppst und den Ankerstrahl setzt. Wir bleiben einfach eine Weile hier, bis ich mich entschieden habe. Oder hast du heute noch einen Termin?“ „Nein.“, sagte Kamura. „Na also.“, sagte Meroola, leitete eine vorsichtige Schubumkehr ein und schaltete dann per Gedankenbefehl Kamuras Impulsantrieb ab, worauf diese sanft zum Halten kam. Auch die Leistung der Trägheitsdämpfer hatte Kamura auf Meroolas Befehl hin langsam erhöht. „Wow.“, staunte das Schiff. „Ich wusste gar nicht, dass ich im Weltraum stehen bleiben kann. Wenn du mir das jetzt nicht gezeigt hättest, dann würden wir jetzt ziellos weiter herumtreiben. „oh.“, sagte Meroola. „Du hast sicher noch viel zu lernen. Aber jetzt bin ich ja da. Ich komme bestimmt nicht an die fliegerischen Fähigkeiten eines Tom Paris oder einer Tchey Neran-Jelquist heran, aber für den Hausgebrauch reicht es.“ „Wenn ich meinen Vater zitieren darf.“, sagte Kamura. „Dann kannst du vielleicht mit seiner Pilotin Ginalla mithalten. Sie hat sich das alles auch selbst beigebracht.“ „Genau wie ich.“ Sagte Meroola. „Die anderen Beiden waren ja Berufspiloten. Das gilt nicht. Aber diese Ginalla, die Pilotin deines Vaters, die würde ich gern einmal kennen lernen. Vielleicht können wir ja einige Tricks austauschen. Wo wohnt sie denn?“ „Da, wo du hinwillst.“, sagte Kamura. Auf Celsius.“ „Na dann steht meine Entscheidung.“, sagte Meroola, ohne die sorgfältig von Kamura zusammengestellten Daten auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen. „Auf nach Celsius!“ „Geht klar.“, lächelte der Avatar und Kamura aktivierte selbstständig wieder ihren Antrieb.

„Du wirst Ginalla mögen.“, sagte Kamura. „Sie und du, ihr dürftet viel gemeinsam haben.“ „Wieso?“, fragte Meroola neugierig. „Ihr habt eine ähnliche Vergangenheit. Sie war auch eine Kriminelle, hat es aber geschafft, ehrlich zu werden. Zumindest sagt das mein Vater. Er hat ihr zwar sehr dabei helfen müssen, aber mittlerweile hat sie sogar den Status einer Heldin. Wenn du von ihr lernen willst, lernst du also von einer der Besten. Ach übrigens, deine biologischen Werte verraten mir, dass du wohl etwas essen könntest. Was ist deine Lieblingsspeise?“ „Deine Sensoren haben dich nicht belogen.“, sagte Meroola, der erst jetzt aufgefallen war, dass ihr Magen laut knurrte. Über die ganzen neuen Eindrücke war das wohl vorher in den Hintergrund getreten. „Ich könnte tatsächlich einen Happen vertragen. Was kann denn dein Replikator schon? Ich will dich ja nicht gleich überfordern.“

Kamura öffnete vor Meroolas geistigem Auge ein weiteres Menü. Hier konnte sie zehn Gerichte lesen, die ihr Replikator in der Lage sein würde, ihr zu servieren. Diese sah sich Meroola jetzt genau an und gab plötzlich einen spitzen quietschenden Laut von sich. „Demetanische Gemüsefladen!“, rief sie aus. „Oh, Kamura, ich liebe demetanische Gemüsefladen! Her damit!“ „Na OK.“, sagte Kamura und replizierte das Verlangte. Meroola drehte sich mit leidenschaftlichem Blick dem Auswurffach des Replikators zu und nahm den Teller an sich. Darauf lagen, glänzend und duftend, tatsächlich drei Teigfladen, die mit allerlei Gemüse und einer Käsemasse gefüllt waren. Erleichtert nahmen Kamuras interne Sensoren zur Kenntnis, dass Meroola genüsslich in einen der Fladen gebissen hatte. Dann fragte sie: „Wo kommst du eigentlich genau her, Meroola? Ich meine, deine DNS ist seltsam. Eigentlich dürfte es dich gar nicht geben, denn Platonier und Ferengi sind meines Wissens biologisch nicht kompatibel.

Meroolas Gesicht versteinerte und sie ließ das Essen auf ihren Schoß sinken. Sofort ahnte Kamura, dass sie da wohl ganz schön ins Fettnäpfchen getreten war. „Tut mir leid.“, entschuldigte sie sich kleinlaut. „Ach, Schnickschnack.“, meinte Meroola. „Ist schon gut. Ich rede nur nicht gern darüber, dass ich ein Laborprodukt bin, das mein hirnkranker Vater meine Mutter entführt und gegen ihren Willen ihre Eizellen gestohlen hat, um sie dann mit seinem Erbgut zu befruchten, meine Gene im Labor so zu verdrehen, dass es passte und sie dann zu schwängern, bevor er sie wieder nach meiner Geburt auf ihren Planeten zurückgebracht hat, weil ich ein Mädchen geworden bin. So habe ich ihm zumindest noch eins ausgewischt!“ Bei ihrem letzten Satz grinste Meroola. „Als ob du irgendeinen Einfluss darauf gehabt hättest.“, sagte Kamura. „Sicher nicht.“, sagte Meroola. „Aber das war ja auch nur ein Witz. Meiner Mutter hat dieser Umstand allerdings sehr gefallen. Sonst hätte sie mich, wie sie mir später erzählt hat, sicher nicht Meroola genannt. Auf Platonisch heißt das nämlich so viel wie freudige Überraschung.“ „Aber wenn du ein Laborproduckt bist.“, sagte Kamura. „Dann hat doch dein Vater bei der Auswahl der Chromosomen …“ „Seine Hausaufgaben nicht gemacht?!“, ergänzte Meroola frech grinsend. „Genau das, du kleines intelligentes Schiff! Genau das! Ich bin überzeugt, das ärgert ihn noch heute. Na ja. Zwischen meiner Mutter und mir war nicht immer alles Gold, was da geglänzt hat. Sie hat zwar versucht, mich lieb zu haben, aber gelungen ist ihr das nicht wirklich. Ich glaube, ich habe sie zu sehr an ihr Martyrium erinnert. So geriet ich an falsche Freunde und dann auf die schiefe Bahn. Das soll sich jetzt aber ändern! Mein erster Versuch mit Hilfe der Tindaraner war schon relativ erfolgreich, aber dann ist meinem Mann, mit dem ich in einer Paralleldimension zur ihren gelebt habe, ein tödlicher Unfall wiederfahren und jetzt bin ich wieder allein. Keine sehr sichere Gegend, in der ich gelebt hatte.“ „Oh Shit!“, sagte Kamura und ihr Avatar blickte Meroola mitleidig an. „Ach was.“, wischte diese ihr Mitleid weg. „Das geht schon wieder. War ja schließlich nicht der erste Tiefschlag, mit dem ich fertig werden muss. Aber Meroola Sylenne ist bisher immer wieder auf die Füße gekommen und das wird sich auch jetzt nicht ändern. Komm, gehen wir auf Warp. Sonst sind wir in 100 Jahren noch nicht auf Celsius!“ „Also gut.“, sagte Kamura und führte den Befehl ihrer neuen Pilotin aus. Beide verschwanden in einem hellen Blitz.

Kapitel 2: Schicksalhafte Visionen

von Visitor

 

Im Raum-Zeit-Kontinuum war ein junger Vendar hastig in einem Park unterwegs. Er schien nach etwas oder jemandem zu suchen. Jedenfalls schaute er immer wieder um sich. In seinem Blick war die schiere Verzweiflung zu lesen. Er zitterte auch leicht. Was immer es auch war, das ihn umtrieb, es musste eine sehr beängstigende Wirkung auf ihn gehabt haben.

Endlich schien er zu sehen, was er sehen wollte. Jedenfalls wandelte sich sein Gesichtsausdruck plötzlich von verzweifelt in mäßig erleichtert, als er einer kleinen blassen Hand ansichtig wurde, die ihm zwischen zwei Büschen hindurch zuwinkte. Er ging auf die Büsche, die ca. 1,80 m hoch waren und gezackte grüne Blätter trugen, zu. Hinter ihnen erspähte er das Gesicht seiner Gebieterin Tolea.

Einigen von euch wird es jetzt zwar komisch vorkommen, dass eine Bewohnerin des Raum-Zeit-Kontinuums auf die Hilfe von Vendar zurückgreift, da dies zu Zeiten von Captain Picard nie der Fall war, aber Tolea wusste, dass dies in Zeiten, in denen Sytania die erklärte Feindin ist, die dies ohne Rücksicht auf Verluste auch tat, sehr wohl nützlich sein konnte. Deshalb hatten sie und ihresgleichen auch damit kein Problem gehabt, als sich Diran und auch einige andere Vendar ihnen angedient hatten.

Diran hatte sie nun also erreicht und stand nun neben ihr, die ihn aus einem blassen hohlwangigen Gesicht heraus anblickte. Sie sah, zumindest aus seiner Sicht aus, als hätte sie Jahre lang nicht geschlafen oder gegessen. So hatte der immer sehr mitfühlende Diran seine Gebieterin noch nie gesehen. Mit einem mitleidigen Blick drehte er seine Augen langsam zu ihr. Aber sie schien ihn nicht wirklich wahrzunehmen. Ihr Blick war extrem entrückt. Sie sah fast teilnahmslos aus.

Jetzt beobachtete Diran sogar, wie sie plötzlich nach hinten fiel. Blitzschnell hatte er sich um sie herum bewegt und sie aufgefangen. Als trainierter Vendar-Krieger fiel ihm das nicht sehr schwer. Sowohl körperlich, als auch mental auf der Höhe und jederzeit auf der Hut zu sein, empfand Diran sogar als seine Pflicht!

Er spürte genau, wie stark Tolea, die er jetzt in seinen Armen hielt, zitterte. Etwas sehr Schlimmes musste geschehen sein. Etwas so Schlimmes, dass es sogar eine Mächtige wie Tolea buchstäblich umhauen konnte. Er würde herausfinden müssen, was es war, wenn er ihr helfen wollte, was er seinem eigenen Empfinden nach auch musste, denn sie war sehr nah an einer Ohnmacht.

Er hob sie auf und trug sie zu einer nahen Wiese. Hier legte er sie vorsichtig ab, um ihr dann noch ein Kopfkissen aus Blättern und Moos zu fertigen. Danach berührte er vorsichtig ihre Stirn. Was er dort spürte, war das gleiche Gefühl, das er verspürt hatte, als er den Park betreten hatte. Sie musste ihn also unbewusst telepathisch zu sich gerufen haben. Zwar konnte er, als so genannter passiver Telepath nichts anderes tun, als nur ihre Not zu spüren, er wusste aber jetzt, dass sie es war, die in ihm den Zwang ausgelöst hatte, in den Park zu gehen.

Diran begann damit, sich so stark auf dieses Gefühl zu konzentrieren, wie er es nur konnte. Er musste einfach herausfinden, was mit ihr geschehen war. Er versuchte, sich an das Gefühl von Sytanias Gegenwart zu erinnern aus der Zeit, in der er und Jorans Truppe, zu der er gehört hatte, der Kronprinzessin des Dunklen Imperiums noch gedient hatten. Tatsächlich schien er Ausläufer dieses Gefühls wahrzunehmen. Aber er konnte sich keinen Reim darauf machen, denn, so sehr er sich auch anstrengte, konnte er nicht wirklich ausmachen, ob sie die alleinige Schuldige an Toleas Zustand war. Da war noch etwas anderes! Etwas, das er nicht einordnen konnte.

Er fasste sich schließlich ein Herz und begann damit, sie sanft, aber bestimmt zu schütteln. Zwar hatte er das Gefühl, sehr anmaßend gegenüber ihr zu sein, aber er dachte sich auch, dass diese Ohnmacht, würde sie lange andauern, selbst eine Mächtige wie Tolea überfordern könnte, zumal sie offensichtlich auch durch eine Mächtige oder ein mächtiges Geschehen ausgelöst worden war. Sterbliche würden Tolea nichts anhaben können, das wusste er. Zumindest nicht ohne Rosannium. Aber dies hier war zweifelsfrei etwas ganz anderes. „Bitte, Gebieterin.“, flüsterte Diran in ihr rechtes Ohr, das er zu sich herangezogen hatte, während er ihren Kopf hielt. „Bitte wacht auf!“ Er dachte, dass er, so seltsam es auch klingen mag, sie so besser erreichen würde, als wenn er laut mit ihr spräche. Er dachte sich, dass er auf so eine kurze Entfernung den Schall besser an sein Ziel bringen könnte, als wenn der Wind die Chance bekäme, ihn zu verwehen.

Endlich schlug Tolea die Augen auf und tat einen tiefen Atemzug. „Oh, Diran!“, sagte sie erleichtert. „Mein lieber und vertrauter Diran! Bist du es wirklich?“ „Ja, ich bin es, Herrin.“, sagte Diran leise und tröstend. „Was soll ich tun, um es Euch zu beweisen?“ „Leg deine Hand auf mein Gesicht!“, befahl Tolea mit noch immer etwas schwacher Stimme. „Mach es so, dass ich dich riechen kann!“ Diran nickte und führte aus, was Tolea ihm soeben befohlen hatte. Es kam dem Vendar zwar auch sehr merkwürdig vor, was sie da verlangt hatte, aber er ahnte wohl schon, dass sie eine so starke Vision gehabt haben musste, dass sie ihren eigenen Sinnen nicht mehr traute. Das bestätigte sich noch umso mehr, als Diran spürte, dass ihr Gesicht nass von Tränen war. Sofort zog er ein Taschentuch aus der Brusttasche seiner Uniform und hielt es vor sie hin. Dann bat er: „Bitte erlaubt mir, Eure Tränen zu trocknen, Gebieterin. Ich verspreche auch bei meinem Leben, niemandem aus meiner Truppe zu verraten, dass Ihr selbst in Eurer Bewusstlosigkeit geweint habt.“ Er hob die rechte Hand: „Ich schwöre! Die Götter mögen meine Zeugen sein!“ „Pass auf, was du dir wünscht, Diran.“, sagte Tolea. „Mit den Göttern der Vendar würde noch nicht einmal ich mich anlegen. Also, wenn es hart auf hart käme, könnte selbst ich dir vielleicht nicht mehr helfen und das wäre sicher sehr bedauerlich für uns beide. Aber ja, du darfst meine Tränen trocknen und du darfst, nein, du sollst sogar, allen in deiner Truppe erzählen, was hier geschehen ist. Oh, Diran, es war so schrecklich! Es war so schrecklich!“

Wieder drohte sie, ziemlich schnell das Bewusstsein zu verlieren. Er setzte sich hinter sie auf den Boden und zog ihren Körper an sich. So konnte er sie in eine aufrechte Haltung bringen. Er hoffte so, eine weitere Ohnmacht verhindern zu können. „Bitte bleibt bei mir, Gebieterin.“, flüsterte er. „Bitte sagt mir doch, was Euch so verzweifeln lassen hat. Ich bin doch jetzt bei Euch und Ihr seid somit nicht mehr allein in Eurem Kummer. Aber, bitte empfindet dies nicht als anmaßend, wenn ich Euch helfen soll, dann müsst Ihr schon offen sprechen. Sonst kann ich nichts tun.“ „Oh, Diran!“, rief Tolea schluchzend aus. „Ich habe das Ende aller Welten und aller Zeiten gesehen! Alles, egal ob sterblich oder mächtig, alles wird vergehen! Sie sind entzweit! Oh, Diran, sie sind entzweit! Das bedeutet das Ende!“ „Wer ist entzweit, Herrin?“, fragte Diran. „Wer ist … Oh nein! Bei allen Göttern!“

Ihm war schlagartig klar geworden, wen sie nur meinen konnte. Als ihr Vertrauter hatte er mehr Einblick in die Geheimnisse der Mächtigen, als es so mancher seiner Untergebenen hatte. „Ihr sprecht doch nicht etwa von den Einhörnern! Sie sind Verwandte der Quellenwesen und somit für das Gleichgewicht im Dunklen Imperium zuständig, falls sich die Kräfte dort zu weit verschieben. Sagt mir bitte nicht …!“

Sie riss sich plötzlich von ihm los und sah ihn fest und streng an. Dann sagte sie: „Tshê, Vendar! Jedem, der von deiner Art ist, wirst du berichten, was sich hier zugetragen hat! Wir werden Hilfe brauchen, wenn das hier wieder ins Lot kommen soll! Die Vendar werden es ihrerseits wieder an ihre Verbündeten weitergeben! Das wirst du ihnen sagen!“ Diran nickte. Hätte sie nicht das Wort Tshê benutzt, was zwar im Vendarischen nur so viel wie Achtung, oder merke auf bedeutet, zumindest, wenn es von einem Normalsterblichen verwendet wird, dann hätte er bemerken müssen, welches Risiko ihr Befehl enthielt. Da das Wort aber, wenn es von einem Mächtigen gegenüber einem Vendar gebraucht wird, einen regelrechten Bann bei ihm auslöst, bemerkte er dies nicht. Aber auch sie hatte nicht bemerkt, in welche Situation sie ihn damit gebracht hatte. Sie hatte nicht gesehen, dass er jetzt jedem Vendar, aber auch wirklich jedem, gezwungen sein würde, ihr Gespräch offenzulegen. Er nickte ihr nur zu und ging dann wider, um ihren Befehl auszuführen.

In ihrem und Telzans Haus im Dunklen Imperium hatte Cirnach, die Ehefrau und somit automatische Stellvertreterin des Anführers der Vendar von Sytania, vor dem Bildschirm ihres Hausrechners gesessen, dem sie befohlen hatte, sich mit der interdimensionalen Sensorenplattform, die den Vendar gehörte, in Verbindung zu setzen und die Sensoren auf das Raum-Zeit-Kontinuum auszurichten. Sie wusste, Tolea und deren Bruder Kairon waren zwei, die man immer auf der Rechnung haben musste. Das hatte die Erfahrung ihr schon zur Genüge gezeigt. Warum sie allerdings die Plattform und Technologie, also nicht den ihr von Sytania gegebenen Kontaktkelch benutzte, lag, zumindest für sie, ganz klar auf der Hand! Eine mentale Sondierung durch den Kelch hätten Tolea oder Kairon unter Umständen spüren und Gegenmaßnahmen einleiten können. Dann hätte sie unter Umständen nicht mehr gesehen als eine Wand aus Nebel. Technik aber würde ihre mentale Alarmglocke nicht tangieren, das wusste die schlaue Vendar. So hatte sie zwar keine Möglichkeit, direkt an den Gesprächen teilzuhaben und sie Wort für Wort zu belauschen, sie war aber eine relativ gute Lippenleserin und Körperhaltungen und Gesichter interpretieren, das konnte sie genauso gut. Sie hätte nur etwas hören können, wenn sie der Plattform befohlen hätte, eine der an sie gebundenen Spionagedrohnen zu starten und in die Atmosphäre zu schicken, aber das war ihrer Meinung nach gar nicht nötig. Sie hatte auch so genug gesehen. „Wie schwach Tolea doch jetzt ist!“, rief sie schadenfroh aus. „Und wenn ich das hier richtig sehe, dann hat sie uns gerade eine riesige Chance gegeben, ohne es zu wollen.“

Sie grinste böse und wandte sich dem Mikrofon des Computers zu: „Mishar, Aufzeichnung zu Zeitindex 283,935 zurückfahren und Gitter Z4 auf Maximum vergrößern! Dann Aufzeichnung weiterlaufen lassen!“ „Befehl wird ausgeführt.“, meldete die nüchterne männliche Stimme des Rechners zurück.

Cirnach drehte sich wieder dem Bildschirm zu. Hier sah sie jetzt im Vordergrund genau Toleas Lippen, wie sie sich zum Wort Tshê formten. „Das Bannwort!“, rief Cirnach begeistert aus. „Sie hat das Bannwort benutzt! Zumindest denke ich das. Aber da hat sie einen großen Fehler gemacht. Wenn ich mir ihre Lippenbewegungen so weiter ansehe, kann ich nur zu dem Schluss kommen, dass sie dem armen bedauernswerten Diran jetzt befohlen hat, allen von seiner Art, denen er je begegnet, von ihrem und seinem Gespräch zu berichten! Wir haben also eventuell eine Chance, Informationen aus erster Hand zu erhalten. Wir müssen ihm nur eine kleine Falle stellen! Aber bevor ich Sytania davon berichte, muss ich zuerst ganz sicher gehen.“

Sie zog ein Pad aus einer Schublade ihres schweren Schreibtisches hervor, das auch eine Kamera hatte. Diese richtete sie jetzt auf ihr eigenes Gesicht und sagte: „Tshê!“ Diese Aufzeichnung speicherte sie ab und schloss das Pad an den Rechner an. Dann befahl sie: „Mishar, das Bild in Gitter Z4 mit dem Inhalt des Pads an Port 2 unter Berücksichtigung der biologischen Unterschiede vergleichen! Sind die Lippenbewegungen identisch?“ „Affirmativ!“, kam es sachlich zurück. „Sehr gut!“, freute sich Cirnach. „Das werde ich gleich Sytania berichten!“

Sie befahl dem Rechner noch, die Datei mit ihren Lippenbewegungen, sowie das Bild aus der Aufzeichnung der Plattform auf das Pad zu ziehen. Dann beorderte sie ihn, die Verbindung zur Plattform abzubrechen und sich herunterzufahren. Sie wollte wohl keine unnötigen Spuren hinterlassen. Cirnach wusste schließlich auch, dass Spionage sozusagen zum guten Ton zwischen Feinden gehörte und sie wollte einem eventuellen Spion von Logar nicht die Möglichkeit geben, ihre Schritte etwa an einem versehentlich offen gelassenen Bildschirm zurückverfolgen zu können. Dann machte sie sich mit dem Pad in der Hand auf den Weg in Sytanias Palast. „Die Prinzessin wird sich freuen.“, freute sich Cirnach diebisch. „Oh ja! Sie wird sich sehr freuen!“ Mit einem Lied auf den Lippen schritt sie von dannen.

Das Jagdglück war Telzan tatsächlich hold gewesen und er hatte zwei größere Hasen erlegt, die er und Mirdan sich jetzt schmecken ließen, nachdem sie diese über der restlichen Glut an zwei kräftigen Ästen, die sie als Spieße umfunktioniert hatten, gegrillt hatten. Mirdan hatte eine Keule in der Hand und war dabei, sie abzunagen. Er sah sehr gedankenverloren aus und das Stück Fleisch drohte bereits, ihm aus der Hand zu fallen. „Worüber denkst du nach?“, fragte Telzan mit noch leicht gefülltem Mund. „Ich habe mir gerade etwas überlegt, Ausbilder.“, sagte Mirdan. „Ich glaube nämlich, Ausbilder, dass wir größer denken müssen, wenn wir Erfolg haben wollen.“ „So, so.“, sagte Telzan. „Du denkst also, wir sollten größer denken. Was meinst du damit genau?“

Mirdan erschrak. Er hätte es zwar mittlerweile gewohnt sein müssen, dass sein Ausbilder ihn und auch alle anderen Novizen zum Teil sehr hart anfasste, aber trotzdem hatte er immer wieder das Gefühl, alles was er sagte oder tat falsch zu machen. Aber andererseits konnte Telzan damit auch erreichen wollen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Ein Vendar-Krieger sollte zu keinem Zeitpunkt Furcht zeigen. Zumindest nicht im Idealfall. Vielleicht wollte Telzan damit auch testen, wer sich ins Bockshorn jagen und einschüchtern ließ und wer nicht.

Mirdan entschied sich, eher zur zweiten Gruppe zu gehören. Er stand auf, sah Telzan fest an und sagte: „Wir können nicht nur die Föderation als unseren Feind betrachten, Ausbilder. In Astra Fedaria gibt es auch noch andere, die Sytania als ehrlos betrachten und die zwar im Normalfall auch die Feinde der Föderation sind, aber sich durchaus auf ihre Seite stellen würden, wenn es gegen Sytania ginge, weil sie in ihren Augen ehrlos ist, was auf die Föderation nicht zutrifft.“ „Von wem sprichst du, Mirdan?!“, fragte Telzan, dem sehr wohl klar war, wie sehr Mirdan um den heißen Brei schlich. „So oft, wie du das Wort Ehre gerade verwendet hast, kannst du allenfalls an die Klingonen gedacht haben.“ „An die dachte ich auch.“, sagte Mirdan. „Aber nur in zweiter Linie. Die können wir nicht ködern oder ablenken. Da müssen wir wohl durch. Aber es gibt noch eine zweite Macht, mit der wir rechnen müssen, bei der das aber umso besser geht. Die hätten wir dann also vom Hals, wenn mein Plan klappt.“ „Von wem redest du?!“, wiederholte Telzan mit Nachdruck und tat unwissend. Mit seinem Verhalten wollte er Mirdan, der seiner Meinung nach immer noch nicht genug Mut gezeigt hatte, endlich aus der Reserve locken. Wenn seine Strategie aus Zuckerbrot und Peitsche mit mehr Peitsche als Zuckerbrot bei Mirdan aufging, würde er ihn zu einem starken Krieger formen können. „Ich spreche von den Genesianerinnen, Ausbilder!“, sagte Mirdan schließlich so fest er konnte. Dabei betonte er die Genesianerinnen besonders. „Wie sollen wir die deiner Meinung nach kriegen, he?!“, fragte Telzan streng. „Prätora Shashana ist gegen Sytanias Schliche gefeit! Sie ist zu schlau, um auf sie hereinzufallen. Was immer wir auch tun, oder was immer wir ihr auch erzählen mögen, sie wird immer auf der Hut sein! Sie kennt Sedrin El Demeta und die kennt Sytania zur Genüge. Shashana hat von ihr viel zu viel gelernt! Sie wird nicht …“ „Aber ich will Shashana doch auch gar nicht.“, beschwichtigte Mirdan. „Nein, Ausbilder, es geht mir um etwas ganz anderes.“ Er machte eine dramatische Pause und fuhr dann fort: „Nicht alle Genesianerinnen waren mit Shashanas jüngster Politik einverstanden. Einige dieser abtrünnigen Prätoras sind mit ihren Clans an den Rand des genesianischen Reiches gezogen. So weit von Shashana weg, wie es nur eben geht, wie ich hörte. Vielen von ihnen gefällt vor allem Shashanas neueste Politik bezüglich der Freiheit der Männer nicht. Überleg doch, Ausbilder! Wen macht Valora für ihre seelischen Wunden verantwortlich?“ „Invictus!“, grinste Telzan, dem so langsam klar wurde, worauf Mirdan hinaus wollte. Er wollte seinen Schüler aber dazu bringen, seinen Gedanken weiter zu spinnen. Außerdem wollte er sehen, ob beide die gleiche Idee gehabt hatten. „Die Abtrünnigen.“, sagte Mirdan. „Sind sehr radikal, was die Behandlung von Männern und deren Sünden und Verfehlungen angeht. Hier treffen sich ihre und Valoras Ziele. Es dürfte ihr ein Leichtes sein, sich als ihre Verbündete, oder vielleicht sogar als ihre Göttin zu verkaufen. Das Ganze dürfte sogar vor Shashanas Augen geschehen. Denn sie muss ja schließlich über einen drohenden Bürgerkrieg informiert sein. Sonst macht es ja keinen Sinn. Wenn sie also die ach so verblendeten Kräfte im eigenen Reich mit allen Mitteln bekämpfen muss, kann sie nicht der Föderation helfen.“

Telzan schluckte seinen Fleischrest herunter, der die gesamte Zeit über, in der er seinem Schüler jetzt geduldig zugehört hatte, in seiner rechten Backentasche geruht hatte. Dann sagte er, während er sich die Hände mit ein paar Blättern säuberte, sich dann damit auf seine Schenkel klopfte und breit grinste: „Aus dir, Mirdan, wird noch einmal ein exzellenter Stratege werden, fürwahr!“ „Du bist also mit meinem Plan einverstanden, Ausbilder?“, versicherte sich Mirdan. „Und wie ich das bin, mein bester Schüler!“, sagte Telzan. „Und wie ich das bin! Rasch! Lass uns zu den Pferden zurückkehren und wieder zu Sytania reiten. Ihr werden wir dann deinen Plan präsentieren. Ich bin sicher, er wird ihr genauso gut gefallen, wie er mir gefallen hat! Zur Belohnung darfst du ihn ihr auch allein erklären! Über die genauen Details können wir ja dann immer noch mit ihr und Valora sprechen, wenn es so weit ist. Wie ich die Situation einschätze, wird das nicht das Einzige sein, was sie heute in gute Stimmung versetzt hat.“ „Was meinst du, Ausbilder?“, fragte Mirdan. „Denkst du, sie hat gespürt, dass sich Valora ihr angedient hat?“ „Sicher.“, sagte der Vendar-Anführer. „Sie hat ja ihre eigene Macht mit der von Sytania vereint, als sie ihr Brandzeichen angenommen hat. Das wird unserer Herrin sehr gefallen haben. Aber nun komm! Wir sollten sie nicht länger warten lassen.“

Er warf die Reste ihrer Mahlzeit auf den Boden. „Das ist für die Füchse.“, sagte er. „Die müssen ja schließlich auch leben.“ Dann machte er eine auffordernde Geste in Mirdans Richtung: „Los jetzt! Oder willst du hier Wurzeln schlagen wie die Bäume?“ Mirdan schüttelte entschlossen den Kopf und folgte ihm.

Cirnach war in Sytanias Schloss angelangt und hatte ihren Thronsaal erreicht. Hier hatte einer der Wächter, ein ihr und Telzan untergebener Vendar, die schwere Tür geöffnet und sie angekündigt. Jetzt stand sie neben der Prinzessin, die auf ihrem Thron saß und die Vendar erwartungsvoll ansah. „Was führt dich zu mir, Cirnach?“, fragte Sytania. „Ich habe eine Entdeckung gemacht, Herrin.“, sagte Cirnach und zog das Pad aus der Tasche ihrer Uniform. „Eine Entdeckung hast du also gemacht.“, sagte Sytania etwas gelangweilt. „Nimm es mir nicht übel, aber primitive Technologie langweilt mich doch zutiefst. Ich hoffe, dass sich hinter diesem Pad etwas verbirgt, das sich lohnt angesehen zu werden.“ „Mit Verlaub, Gebieterin.“, entgegnete Cirnach mit einem teuflischen Grinsen auf den Lippen. „Es wird Euch gefallen, was ich Euch zu zeigen habe. Das Opfer Eurer kostbaren Zeit wird also nicht umsonst gewesen sein, was ich Euch sage. Es war sogar sehr gut, dass ich Technologie benutzt habe. Sonst hätte ich die Informationen, die ich Euch jetzt geben kann, sicher nicht bekommen können. Tolea hätte dann nämlich sofort …“ „Tolea!!!!“, kreischte Sytania so laut, dass selbst die Wände erzitterten. „Was hast du mit diesem Weib zu schaffen, das sich mit Sterblichen abgibt und auch noch auf deren Seite ist! Ich verlange sofort eine Erklärung! Sofort, Cirnach!“

Die Vendar atmete tief durch, machte ein betont entspanntes Gesicht und sagte dann: „Ausspioniert habe ich sie für Euch, Herrin. Dazu habe ich die Sensorenplattform benutzt, die uns Vendar gehört. Ich bekam heraus, dass Toleas Alarmglocken geläutet haben, was Eure Pläne angeht. Sie will ihren Diener Diran benutzen, um allen Vendar zu erzählen, was Ihr vorhabt. Die sollen es dann ihrerseits wieder ihren Herren und Verbündeten sagen. Aber wir, Herrin, wir haben auch eine Chance, etwas von dem Wissen und von ihren Plänen abzugreifen, wenn wir es richtig anstellen.“

Sie rief die Datei im Pad auf und zeigte Sytania die Bilder. „Das sind deine Lippen und die von Tolea.“, stellte die imperianische Königstochter fest. „Genau.“, sagte Cirnach. „Und was fällt Euch auf?“

Wieder zeigte sie Sytania die Bilder. Dieses Mal aber mit Ton und Animation. Den gab es ja zumindest bei ihrer eigenen Aufzeichnung. „Das Bannwort!“, rief Sytania begeistert aus. „Oh, Cirnach. Sie muss nicht ganz bei sich gewesen sein! Sie war sicher durch ihre Vision sehr verwirrt und geschockt. Dabei hat sie gar nicht gemerkt, was für einen großen Fehler sie gemacht hat! Der arme bedauernswerte Diran wird also zum Verräter werden können, ohne es zu wollen.“ Sie lachte gemein. „Ja.“, bestätigte Cirnach. „Muss er doch jedem, der von seiner Art ist, jetzt davon berichten, soweit ich es von Toleas Lippen lesen konnte. Tolea hätte eben besser aufpassen müssen, was sie befiehlt, wenn sie einen Vendar unter den Bann stellt.“ „Das stimmt.“, sagte Sytania. „Aber das hat sie nicht.“ Beide Frauen lachten böse.

Kapitel 3: Unheilvolle Pläne

von Visitor

 

Mirdan und Telzan hatten das Schloss der imperianischen Königstochter erreicht und dem Stallburschen ihre Pferde übergeben. Dann waren sie selbst in Richtung von Sytanias Thronsaal aufgebrochen. Hier aber verstellte ihnen der Wächter den Weg. „Es tut mir leid, Anführer.“, entschuldigte er sich bei Telzan. „Aber deine Frau ist gerade bei unserer Gebieterin. Ich glaube kaum, dass wir bei dieser Audienz so einfach stören dürfen.“ „Oh, das denke ich schon.“, sagte Telzan und grinste ihn an. „Irgendetwas sagt mir nämlich, dass ihre und unsere Interessen sich treffen könnten. Außerdem darf ich immer zu Sytania, als ihr Vertrauter und mein Novize hier hat auch etwas sehr Gutes beizutragen.“ „Also gut.“, sagte der jüngere Vendar, der ca. 2,30 m maß und ein weißes Erwachsenenfell hatte, das sehr langhaarig und dicht war. Er hatte eine sehr sportliche Figur und trug die übliche juteartige Uniform. An seiner rechten Seite hing ein Futteral mit einem Phaser und an seiner linken eines mit einem traditionellen Degen.

„Ich werde dich und deinen Novizen ankündigen, Anführer.“, sagte der Wächter. „Aber damit ich das kann, muss ich wissen, wie dein Name lautet, Novize!“ Damit wendete er sich Mirdan zu und sah ihn auffordernd an. „Mein Name ist Mirdan, Ausbilder.“, sagte Mirdan und senkte den Kopf in einer Respekt anzeigenden Geste. Vendar-Novizen müssen jeden Erwachsenen mit Ausbilder ansprechen, außer die Mitglieder der eigenen Familie, denn theoretisch hat jeder der Erwachsenen das Recht, ihnen etwas beizubringen. „Meine Eltern sind Inach Ed Suran und Suran Ed Inach vom südlichen Salzsee.“, antwortete Mirdan. „Gut.“, sagte der Wächter. „Jetzt kann ich dich einordnen.“

Er öffnete die Tür einen Spalt weit und schaute vorsichtig in den Saal. Dort erspähte er Sytanias Herold, der immer in ihrer Nähe war, um über jede Verlautbarung, die von der Prinzessin erlassen worden war, informiert zu sein und auch alle anderen darüber informieren zu können, so zeitnah es eben ging. Der Herold war ein etwas dickerer kleiner Imperianer mit Schnauzbart und bäuerlicher Kleidung. Ihn winkte der Wächter nun zu sich. „Frag Sytania, ob sie ihren Vertrauten Telzan und dessen Novizen Mirdan empfangen kann.“, flüsterte er in das rechte Ohr des Mannes. „Es scheint, ihr Anliegen ist sehr dringend.“

Der Imperianer nickte und ging wieder in den Saal, um sich vorsichtig Sytania zu nähern und ihr in gebührender Entfernung, in der er stehengeblieben war, zuzuwinken. „Was ist?!“, fragte die Königstochter etwas erbost, die es gar nicht mochte, wenn man sie aus dem schönsten Gespräch holte, das sie gerade mit Cirnach geführt hatte. „Ich bitte Hoheit um Verzeihung.“, sagte der Herold und machte eine unterwürfige Bewegung mit dem Oberkörper. „Aber draußen stehen Euer Vertrauter Telzan und sein Novize Mirdan. Sie haben die Angelegenheit sehr dringlich gemacht, Hoheit. Ich weiß nur, dass sie wohl etwas beizutragen haben. Telzan machte eine Andeutung.“ „Also gut!“, sagte Sytania in leicht missmutigem Ton. „Lass sie eintreten.“

Sie drehte sich Cirnach zu: „Merke dir, wo wir beide stehengeblieben sind!“ „Ja, Herrin.“, sagte die Vendar mit willigem Ausdruck im Gesicht. Dann fragte sie: „Darf ich denn bleiben?“ „Ich denke.“, sagte Sytania. „Das hängt ganz von deinem Mann ab und von dem, was uns er und sein Schüler zu sagen haben.“ „Ich verstehe.“, sagte Cirnach und wandte sich um, als wolle sie gehen. Damit wollte sie aber nur signalisieren, dass sie prinzipiell dazu bereit war.

Der Herold hatte zu seiner Fanfare gegriffen und das übliche Signal geblasen. Dann hatte er laut in den Saal gerufen: „Der Vendar Telzan und sein Schüler Mirdan, Euer Hoheit!“ „Lass sie vortreten!“, befahl Sytania. Der Herold machte einen großen Schritt zur Seite, als wollte er Telzan und Mirdan Platz schaffen. „Komm!“, sagte Telzan und winkte seinem Schüler, der brav hinter ihm her trottete.

Bald standen beide zur Rechten von Sytanias Thron. „Was führt euch zu mir?“, wollte die Prinzessin wissen. Mirdan und Telzan wechselten Blicke. Dann sagte der Novize vorsichtig: „Ich darf doch wohl annehmen, dass Ihr gespürt habt, als sich Valoras und Eure Macht vereint haben, Gebieterin, oder?“ „Oh ja!“, sagte Sytania und warf einen fast lasziven Blick in den Raum. „Das habe ich und es war ein sehr gutes Gefühl. Eines, das am liebsten gar nicht mehr hätte aufhören sollen.“ Sie gab einen genießerischen Laut von sich. Dann aber fasste sie sich sofort wieder und sagte etwas ernster: „Ich nehme aber nicht an, dass dies der einzige Grund ist, aus dem du und Telzan mit mir reden wolltet, Novize. Sprich ruhig. Ich weiß ja, dass da noch etwas sein muss. Aber dazu musste ich noch nicht einmal in deinen Geist sehen. Die Mimik deines Ausbilders und deine eigene haben mir schon genug verraten. Du weißt aber auch, dass ich nicht gern warte. Oder hat dir das dein Ausbilder noch nicht beigebracht?“ „Doch, Hoheit.“, sagte Mirdan, dem das Herz bis zum Hals klopfte. Er hatte sich sonst noch nie allein an Sytania wenden dürfen. „Also.“, sagte die Prinzessin. „Warum redest du dann nicht?!“

Mirdan sah zu Telzan hinüber, der inzwischen auch seine Frau erspäht hatte. Ihr flüsterte er nun zu: „Telshanach, geh zu ihm und halte seine Hand. Ich glaube, er benötigt etwas Zuspruch von einer Mutterfigur. Er ist eben doch noch manchmal ein Kind.“ Cirnach nickte und stellte sich neben Mirdan. Dann nahm sie vorsichtig seine Hand und flüsterte: „Ich bin hier.“

Mirdan räusperte sich und drehte den Kopf vorsichtig in Sytanias Richtung. Dann sagte er: „Hoheit, Ihr wisst, dass es im Universum der Föderation Kräfte gibt, die ihre Feindschaft zu ihr schnell vergessen, wenn es darum geht, gemeinsam die Dimension gegen Euch zu verteidigen. Ich dachte da speziell an die Genesianer. Aber das Problem können wir lösen. Es gibt abtrünnige, die nicht auf der Seite von Shashana sind, weil sie ihre neueste Politik verabscheuen. Speziell im Umgang mit Männern treffen sich ihre und Valoras momentane Ziele. Wenn wir bei ihnen einen Kult um eine Einhorngöttin etablieren könnten, könnte das zu einem Bürgerkrieg in Shashanas Reich führen und dann wären ihre Kräfte gebündelt und sie könnte nicht der Föderation beistehen. Bitte bedenkt, dass sie auch eine Version von Meilenstein besitzt, die …“ „Sehr klug gedacht, mein Junge.“, sagte Sytania und lachte schrill. „Darüber müssen wir unbedingt noch detaillierter reden. Cirnach, bleib du auch. Ich bin sicher, auch du wirst etwas dazu beitragen können.“

Sie wechselten an den Audienztisch. Auf dem Weg dorthin flüsterte Mirdan Cirnach noch zu: „Hab Dank für deine moralische Unterstützung, Ausbilderin.“ Was Cirnach mit einen leisen: „Gern geschehen.“, beantwortete.

Sytania ging um ihren Audienztisch herum und setzte sich an dessen Kopfende, an dem sich am Rand der marmornen Oberfläche eine Krone mit einem Drudenfuß in der Mitte eingelassen fand. Der Tisch war oval, maß ca. 1,00 m in der Höhe und war von einem geschwungenen Quartett aus Beinen getragen, die aus den edelsten Hölzern bestanden. Um den Tisch herum standen vier mit rotem Pelz gepolsterte hölzerne Stühle.

„Ihr habt Eure Einrichtung verändert.“, bemerkte Telzan. „Da beweist du wieder einmal ein waches Auge, mein guter Telzan!“, entgegnete die Prinzessin und sah schon fast etwas verliebt über ihre Einrichtung hinweg, als wollte sie diese mit den Augen streicheln. „Ach, man hat es ja als Mächtige so einfach. Nur ein Wunsch und der Tapetenwechsel wäre perfekt. Ihr armen Sterblichen, ihr habt es da durchaus schwerer.“ Sie grinste. „Das will ich wohl bestätigen, Hoheit.“, sagte Cirnach.

Sytania deutete auf die Stühle, die noch frei waren. Dann sagte sie: „Telzan, setz dich zu meiner Rechten! Du, Cirnach, wirst an meiner linken Seite Platz nehmen und du, Mirdan, setzt dich mir genau gegenüber. So können dich deine beiden Ausbilder in die Mitte nehmen und du musst dich nicht fürchten.“ „Mit Verlaub, Herrin.“, sagte Mirdan im Versuch, seine Angst, die jetzt doch drohte, für ihn übermächtig zu werden, zu überspielen. „Ich fürchte mich nicht! Ich weiß, dass ein Vendar-Krieger zu keinem Zeitpunkt Furcht oder Schwäche zeigen soll und das werde ich auch beherzigen!“ Bei seinem letzten Satz war seine Stimme leicht ins Schrille gekippt, was Cirnach und Telzan durchaus bemerkt hatten. „Nun ja.“, tröstete Cirnach. „Ich werde dir einmal zugutehalten, dass du noch kein fertig ausgebildeter Krieger bist, sondern noch immer ein Novize und das auch noch einer im ersten Jahr. So einer hat selbst bei uns noch Welpenschutz.“ Sie grinste ihn an. „Danke, Ausbilderin.“, sagte Mirdan erleichtert.

Alle drei Vendar setzten sich auf die ihnen von Sytania zugewiesenen Plätze. Dann winkte die Königstochter einem Diener, der immer in ihrer Nähe war und sich sofort auf den Weg zu ihr machte. Es war ein schlanker Imperianer mit abgewetzter Kleidung. Er hatte rötliches Haar und maß ca. 1,70 m.

„Hole mir den Kontaktkelch.“, wies Sytania ihn an. „Rasch! Sonst mache ich dir Beine!“ Der Imperianer nickte und eilte davon.

„Wozu benötigt Ihr den Kontaktkelch?“, fragte Mirdan interessiert. „Ihr könntet doch theoretisch auch ohne ihn Kontakt mit Valora aufnehmen und sie über unsere Pläne informieren und sehen, was in Shashanas Reich passiert, könntet Ihr so erst recht.“ „Sicher.“, sagte Sytania. „Aber euch an den Ganzen teilhaben zu lassen, wäre mir dann doch zu anstrengend, da ich mit euch dreien und Valora telepathischen Kontakt halten müsste und dann müsste ich ja auch noch nach den Genesianerinnen sehen. Das wäre nun wirklich zu viel.“ „Ich verstehe.“, sagte Mirdan beschwichtigend. „Ich hoffe, Ihr vergebt einem dummen Novizen seine Einfalt.“ Sytania nickte gönnerhaft.

Der Diener war mit dem kristallenen Kontaktkelch in der Hand zurückgekehrt. „Stelle ihn in die Mitte des Tisches!“, befahl Sytania. „Und dann lass uns allein.“ Wieder nickte der Imperianer stumm, tat genau, was seine Herrin ihm aufgetragen hatte und verließ den Raum auf Zehenspitzen.

Sytania legte ihre Hände auf den Fuß des Kontaktkelchs. Dann wies sie die drei Vendar an, das Gleiche zu tun. „Wir werden zunächst mit Valora Kontakt aufnehmen.“, sagte sie. „Aber du, Mirdan, wirst auch ihr unseren Plan erklären. Schließlich war es ja auch deine hervorragende Idee.“ „Ich fühle mich geehrt, Herrin.“, sagte der Novize leise und machte ein ehrfürchtiges Gesicht.

Sytania begann damit, sich auf die Gestalt Valoras zu konzentrieren. Alsbald erschien ihre Silhouette im Kontaktkelch. Für Mirdan sah es aus, als würde sie leibhaftig vor ihnen stehen. Nur war sie um ein Vielfaches verkleinert. Der Novize erkannte sehr wohl, dass sich ihr Fell tatsächlich schwarz verfärbt hatte. „Sie hat Eure Macht also tatsächlich angenommen.“, sagte er an Sytania gewandt. „Oh ja.“, antwortete die Prinzessin. „Warum sollte sie das denn auch nicht? Schließlich bin ich die Einzige, die ihr jetzt helfen kann.“ „Warum hast du gezweifelt, Mirdan?“, fragte Cirnach. „Weil ich ihrer nicht wirklich sicher war, Ausbilderin.“, gab Mirdan zu. „Schließlich gelten die Einhörner im Allgemeinen als integer und ich hatte zuerst eine Falle von Logar vermutet. Aber jetzt, da ich sehe, dass ihr Fell tatsächlich schwarz ist, bin ich sicher, dass sie endgültig den Weg des Bösen, also unseren Weg, gewählt hat.“ „Ich bewundere deine Wachsamkeit, Mirdan.“, sagte Cirnach. Dann wandte sie sich ihrem Mann zu: „Du solltest ihn als spezialisierten Wächter ausbilden. Vielleicht hat er ja später sogar eine Chance, in Sytanias persönliche Leibgarde aufgenommen zu werden.“ „Darüber habe ich auch schon nachgedacht, Telshanach.“, grinste Telzan. „Und genau das werde ich auch tun.“

Sytania räusperte sich und deutete auf den Kontaktkelch. „Wir sollten Valora nicht mehr länger warten lassen.“, sagte sie. „Mirdan, du bist dran. Du brauchst einfach nur zu denken, was du ihr sagen willst, kannst es aber auch laut aussprechen. Das ist einerlei. Schließlich formen sich ja alle Worte zuerst als Gedanken in deinem Kopf. Valora hat also jede Chance, alles mitzubekommen.“ „Wenn es Euch nicht zu sehr kränkt, Gebieterin.“, sagte Mirdan. „Dann würde ich gern meine Worte laut aussprechen. Ich fühle mich dann einfach sicherer.“ „Also gut.“, sagte Sytania. „Aber ich hoffe, du hast kein Problem damit, wenn dir Valora telepathisch antwortet.“ „Das habe ich nicht, Herrin!“, versicherte Mirdan. „Nun denn.“, sagte Sytania und sah ihn auffordernd an.

Jetzt war es an dem Novizen, sich zu räuspern. Dann sagte er: „Ich grüße dich, Valora. Ich hoffe, du hast das Aufbrennen von Sytanias Zeichen gut überstanden.“ Das habe ich fürwahr, Mein Junge., sagte Valora telepathisch zu Mirdan. Ach, du machst dir viel zu viele Sorgen. Aber was ist jetzt der Grund, aus dem ihr unbedingt mit mir sprechen wollt. Sytanias Kontaktgesuch klang sehr dringend und sie schien sich sehr über den Grund zu freuen, aus dem sie mit mir reden will. Aber was habt ihr Vendar damit zu tun? „Die Erwachsenen sind nur zu meiner Unterstützung hier, Valora“, sagte Mirdan. „Unsere Gebieterin Sytania wünscht, dass ich dir einen Plan mitteile, den ich ersonnen habe, um uns allen den Rücken freizuhalten, wenn sich das Gleichgewicht der Dimensionen demnächst zu unseren Gunsten verschieben wird. Das dürfte nicht mehr lange dauern, vorausgesetzt es unternimmt niemand etwas dagegen. Zuerst dürfte die Föderation der vereinten Planeten und ihre Dimension gefährdet sein. Aber sie hat Verbündete, die auf der Hut sind und Sytania auch sehr gut kennen. Einige von denen sind zwar eigentlich auch ihre Feinde, aber das ändert sich schlagartig, sobald sie wittern, dass es gegen Sytania und jetzt sicher auch gegen dich geht, Valora. Das haben wir ja schon oft gesehen. Leider ist eine von Ihnen Shashana El Chenesa, die oberste Prätora der Genesianer. Sie hat eine Version von Meilenstein, Kontakt zu Sedrin El Demeta, zumindest inoffiziell und sie ist eine Frau wie Sytania oder du, kann sich also umso besser in eure Art zu denken versetzen. Ich denke, von ihr könnte uns mehr Gefahr drohen, als von jedem Telepathen, den wir kennen. Es ist die Art ihrer Vernetzung, die mir Sorgen bereitet. Shashana hat Verbindungen in Kreise, die …“ Ich habe verstanden, mein junge., sagte Valora. „Mein Name ist Mirdan.“, sagte der Novize. Also gut, Mirdan., erwiderte das Einhorn. Aber was genau ist jetzt dein Plan? „Wir müssen Shashana El Chenesa ablenken.“, sagte Mirdan. „Sie darf nicht von unseren Plänen nicht behelligt werden und ich weiß auch schon, wie wir das anstellen werden. Du, Valora, wirst für einige abtrünnige Prätoras, die mit ihren Clans am Rand des genesianischen Reiches leben, eine Göttin werden, die sie auf unsere Seite bringt. Das wird Shashana nicht gefallen, zumal du dafür sorgen wirst, dass sie eine Art Glaubenskrieg führen werden. Du wirst sie dazu bringen, Shashanas Reich zu überfallen in deinem Namen, um ihren Kriegerinnen den einzig wahren Glauben aufzuzwingen. Wenn Shashana sich also gegen ihre eigenen Leute wehren muss, kann sie nicht der Föderation helfen. Mit allen anderen, den Romulanern, oder den Klingonen oder auch anderen, werden wir schon allein fertig, auch wenn die Romulaner Meilenstein haben. Sie werden sich, wenn die Dimensionen erst einmal destabilisiert sind, sowieso nicht trauen, es einzusetzen. Weil sie viel zu viel Angst haben um ihre eigene kleine Welt. Es wird viel zu lange dauern, bis jemand endlich versteht, was hier los ist. Auf Euch wird man erst sehr spät kommen, Sytania und Valora, denke ich. Zu spät. Viel zu spät. Weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf. Ein böses Einhorn? Das kann es doch nicht geben. Zumindest werden alle Politiker der Föderation und auch viele andere so denken und in deinen Bürgerkrieg, Valora, werden sie sich erst recht nicht einmischen wollen, wegen ihrer Obersten Direktive. Wie gesagt, auf die interdimensionalen zusammenhänge kommen sie einfach zu spät. Ihr Weltbild ist eben zu schwarzweiß und selbst wenn es einige wenige gibt, die uns draufkommen sollten, so wird man ihnen nicht glauben, ohne dass sie gescheite Beweise vorlegen. Das glaube ich nicht nur, das weiß ich. Diese Beweise werden sie nur schwerlich bekommen können. Vielleicht auch gar nicht.“ Das ist ja alles sehr schön, was du da sagst, Mirdan., sagte Valora. Aber wie hast du dir vorgestellt, dass ich zur Göttin für diese abtrünnigen Genesianerinnen werden soll? „Um ehrlich zu sein.“, sagte Mirdan. „So genau weiß ich das noch nicht. Aber vielleicht könnten wir uns diese Kriegerinnen einfach einmal ansehen. Vielleicht fällt uns ja dann etwas auf, wo wir einhaken können.“ Nun gut., erwiderte Valora.

Sytania, die dies als Aufforderung gesehen hatte, begann damit, sich auf ihren Wunsch, alle abtrünnigen Genesianerinnen sehen zu wollen, zu konzentrieren. Alsbald erschienen vor den geistigen Augen aller Ausschnitte von Bildern all ihrer Welten. Auf fast allen dieser Bilder schien nichts Nennenswertes zu passieren. Aber dann fiel Mirdans mentaler Blick auf zwei Kriegerinnen, die wohl gerade mit etwas beschäftigt waren, das er selbst nicht verstand. Eine der Beiden war ca. 1,80 m groß, muskulös und trug die typische Bekleidung einer genesianischen Kriegerin bestehend aus dem metallenen Brustschutz, einem ähnlichen Exemplar für den Unterleib, den Kampfschuhen und einem traditionellen Degen. Sie hatte flammend rotes Haar. Die andere Kriegerin war mit ihren 1,70 m etwas kleiner, trug ähnliche Kleidung und hatte ebenfalls eine Waffe, einen Phaser, in der Hand. Die größere Kriegerin schien auch die Prätora des Clans zu sein. Jedenfalls wies ihr Perlenkragen sie als Solche aus, den sie um ihren Nacken trug. Die kleinere und jüngere Kriegerin schien ihre Erbprätora und somit ihre Tochter zu sein. Vor den Beiden auf einem Steinblock lag ein Kleinerer Genesianer von ca. 1,50 Größe. Er war schmächtig und er war notdürftig in ein Leichentuch gehüllt, obwohl er noch lebte. Ansonsten war er nackt. Aber so, wie sich die Dinge für Mirdan darstellten, würde das Leben des Genesianers wohl nicht mehr lange andauern. Mirdan verstand zwar nicht ganz, was hier vorging, dennoch witterte er aber eine große Chance

„Wie kann ich Sytanias Aufmerksamkeit auf dieses Bild allein lenken, Ausbilder?“, wendete sich Mirdan an Telzan. „Ich weiß zwar nicht genau, was hier passiert, aber irgendwie glaube ich, dass es uns helfen könnte.“ „Konzentriere dich auf das Bild, mein Schüler.“, wies Telzan Mirdan an. Der Novize nickte, führte die Anweisung seines Ausbilders aus und sagte dann zu Sytania: „Bitte schaut hin, Gebieterin. Ich glaube, dass wir hier genau das vor uns haben, was wir brauchen!“

Sytania sah sich genau das Bild an, das jetzt durch Mirdans Aktion, die auch ein Befehl an den Kontaktkelch war, in den Vordergrund gerückt war. „Du hast Recht.“, sagte sie. „Es sieht für mich nämlich so aus, als wollten die Beiden dem Mann gleich den Garaus machen. Wenn Valora und ich ihn immer wieder von den Toten auferstehen lassen, werden sie irgendwann total verzweifelt sein. Dann könnte sie sich dorthin begeben und ihn mit einem einzigen Gedanken niederstrecken.“ Oh ja., sagte Valora. Das könnte und das werde ich. Ich werde ihnen eine schöne Geschichte dazu erzählen. Sie werden mir dann schon abnehmen, dass ich von göttlicher Natur bin, wenn ich erst einmal mit ihrem unseligen Opfer da fertig bin. Wenn sie erst einmal überzeugt sind, werden sie wiederum andere überzeugen und der schönste Bürgerkrieg ist nicht nur zwischen uns Einhörnern, was ich sehr bedaure, sondern auch zwischen den Genesianerinnen im Gange, was uns sehr helfen wird. Aber vorher … „Vorher.“, sagte Sytania jetzt auch gleichzeitig in Gedanken und laut: „Vorher spielen wir noch etwas mit dem Genesianer, nicht wahr, Valora, meine teure Freundin?“ ja., meinte Valora. Das tun wir. Ich wäre dafür, wir wechseln uns ab und wir lassen die Vendar entscheiden, wer von uns anfangen darf. Sie dürften meiner Meinung nach auch ruhig zusehen. „Nun gut.“, sagte Sytania.

Telzan griff in die Tasche seiner Uniformhose und zog eine goldene Münze hervor, die auf der einen Seite das Drudenfußzeichen und auf der anderen Seite eine Ziffer in Form von vendarischen Hieroglyphen trug. Diese hob er nun hoch in die Luft und hielt sie in Richtung des Kontaktkelchs. Er hoffte so, dass er Valora ermöglichen konnte, sie auch zu sehen. Das brauchst du nicht, Vendar., sagte Valora mild. Das Bild war ja schon in deinem Kopf, als du daran gedacht hast, sie herauszunehmen. „Bitte vergib mir, Valora.“, sagte Telzan. „Wie konnte ich das vergessen.“ Es ist nicht schlimm., erwiderte das Einhorn. Auch du, der du schon so lange in Sytanias Diensten stehst und dich eigentlich bestens mit allem auskennen solltest, was Telepathie angeht, darfst einmal einen Fehler machen. Schließlich bist du ja auch nur ein Sterblicher. „Ich danke dir für deine Großmut, Valora.“, sagte Telzan erleichtert. Dann streckte er Sytania die Münze auf der ausgestreckten Handfläche mit dem Drudenfuß nach oben hin und sah sie fragend an. Sie aber nickte ihm nur zu und sagte: „Wie gut du mich doch kennst, mein treuer Vertrauter.“ „Mit Verlaub.“, sagte Telzan. „Diese Entscheidung zu treffen war keine Kunst für mich, Milady. Ich kenne ja schließlich Euer Zeichen und dachte mir schon, dass Ihr es, Freundschaft hin oder her, niemandem sonst zugestehen würdet.“ „Das ist richtig, Telzan.“, sagte Sytania. „Aber mir fällt da gerade noch etwas ein. Wie gut ist eigentlich der Wurfarm deines Schülers? Im Kampf kann das sehr entscheidend sein, wie du weißt.“ „Nun.“, sagte der Vendar und gab seinem Schüler die Münze mit den Worten: „Gib dein Bestes!“, die er ihm ins linke Ohr flüsterte. „Das werdet Ihr gleich sehen.“

Er warf Mirdan einen auffordernden Blick zu, worauf dieser die Münze mit einem kräftigen Wurf steil unter die Decke des Thronsaals beförderte, von der sie mit lautem Klirren abprallte, um sich dann einige Male zu drehen und schließlich mit ebenfalls lautem Klirren wieder auf dem Tisch zu landen. Zu sehen war die Ziffer. Cirnach und Telzan klatschten laut Beifall und klopften Mirdan anerkennend auf die Schultern. „Du hast gut trainiert.“, lobte Telzan und seine Frau nickte bestätigend.

„Na schön.“, sagte Sytania. „Man kann ja nicht immer Glück haben und ich werde schon noch auf meine Kosten kommen. Die Stärke deines Wurfarms ist sehr beachtlich, Mirdan. Du wirst sicher einmal ein guter Kämpfer. Wenn man die Höhe meines Thronsaals beachtet, gehört schon einiges dazu, die Decke zu treffen und das auch noch im Sitzen.“ „Vielen Dank, Gebieterin.“, sagte Mirdan. „Aber wenn ich das sagen darf, wir sollten uns jetzt wieder den Genesianerinnen zuwenden, Hoheit. Sonst verpassen wir den richtigen Moment noch.“ „Sehr gut beobachtet.“, lobte Sytania. „Also dann.“ Alle begannen damit, sich erneut auf das Geschehen, das ihnen der Kelch zeigte, zu konzentrieren.

 

Kapitel 4: Falsche Götter

von Visitor

 

 

Über dem Planeten am Rand des genesianischen Reiches graute bereits der Morgen. In weiter Ferne war bereits der Sonnenaufgang zu erahnen, als die Prätora und ihre Tochter noch immer mit ihrem Opfer beschäftigt waren. Der nur notdürftig mit einem Leichentuch und sonst nichts bedeckte Genesianer mittleren Alters lag noch immer reglos vor Angst auf dem Richtblock, den Sytania und die Vendar fälschlicherweise als reinen Felsbrocken identifiziert hatten. In Wahrheit aber war es eine Vorrichtung zum schnurlosen Fesseln einer Person. Derjenige, der auf der Vorrichtung lag, wurde nämlich durch Kraftfelder daran gehindert, sich zu bewegen. Nur autorisierte Personen konnten in das Kraftfeld fassen, ohne sich selbst zu verletzen.

„Dreh ihn um!“, befahl die Prätora ihrer Tochter. „Er soll uns ins Gesicht sehen, wenn wir unser Urteil über ihn sprechen!“ Die junge Kriegerin nickte und fasste den Ärmsten grob unter die Achseln, um ihn zu drehen. Dabei war es ihr völlig egal, dass sie ihm den gesamten Schultergürtel brach und ihm starke Schmerzen zufügte.

Er gab einen angstvollen Schrei von sich. „Da! Jetzt schreist du um dein erbärmliches Leben!“, spottete die ältere Kriegerin. „Das hättest du dir überlegen müssen, bevor du meiner Tochter untreu geworden bist. Jetzt wird es dir auch nichts mehr nützen!“

Sie schlug ihm mit der bloßen Hand ins Gesicht, holte tief Luft und spuckte sogar auf ihn. Dann sagte sie: „Ich, Leandra, Prätora des Clans der Rotash, verurteile dich, dessen Namen ich nie mehr nennen werde, zum Tode wegen Untreue gegenüber meiner Tochter Lostris als deren zehnter Ehemann!“

Sie sah zu ihrer Tochter hinüber. Dann befahl sie ungeduldig: „Töte ihn endlich!“ Lostris nickte erleichtert. In ihrem Weltbild war das aber auch kein Wunder. Schließlich hatte sie von Kindesbeinen an gelernt, das Männer nichts wert waren und sogar noch einen niedrigeren Stand als Tiere hatten. Sie waren ein notwendiges Übel zur Fortpflanzung. Für mehr taugten sie aber auch nicht. Rechte hatten sie schon gar nicht und schon gar nicht das Recht, sich auszusuchen, mit wem sie zusammen sein wollten. Einer, der diese von den Göttern gegebene Ordnung in Frage stellte, gehörte ihrer Meinung nach sofort getilgt. Mit der neuen Politik von Prätora Shashana waren weder sie noch Leandra einverstanden. Sie ging zwar damit konform, dass Männer ein Fehler der Schöpfung waren, aber ihr Vorschlag, sie deswegen in die Stellung von Kindern zu erheben, auf die man aufpassen und die man an die Hand nehmen müsse, stieß bei Leandra und Lostris auf keinerlei Gegenliebe.

Lostris stellte die Waffe ein und feuerte. Der Genesianer zuckte noch einige Male und blieb dann reglos liegen. „Das hast du gut gemacht.“, lobte Leandra. „Und nun lass uns ihn einfach hier verscharren.“ „Ja, Mutter.“, nickte Lostris.

Sytania und Valora hatten gemeinsam mit den drei Vendar jenes Schauspiel durch den Kontaktkelch beobachtet. Ich werde ihn jetzt auferstehen lassen., meinte Valora. Der Zeitpunkt dürfte günstig sein und die beiden Genesianerinnen dürften sich ziemlich erschrecken. Das dürfte sie ziemlich verwirren und sie schon recht empfänglich machen für das, was gleich auf sie zukommen wird. Umso leichter wird es mir nachher fallen, mich ihnen als ihre Göttin zu verkaufen. Wenn Ihr mir dann gleich noch helft, Sytania, dann …, Ach, warum so förmlich., erwiderte Sytania jetzt rein telepathisch. Wir sind doch Freundinnen, Valora, oder nicht? Im Allgemeinen duzen sich Freundinnen doch. Das stimmt., entgegnete das verblendete Einhorn. Aber Ihr seid die höher gestellte Person von uns zweien und so dachte ich, dass es besser wäre, wenn Ihr … ach nein. Wenn du es anbötest. Oh du schmeichelst mir, Valora., meinte Sytania. Ich und höher gestellt als ein Einhorn. Das wüsste ich aber. Aber sei’s drum. Wir sollten uns beeilen. Sonst haben sie ihn verscharrt und unsere Chance ist dahin. Das glaube ich noch nicht einmal, meine Freundin., sagte Valora. Ich denke sogar, dass wir den Effekt auf die Genesianerinnen noch verstärken können, wenn sie sehen, dass er sich aus seinem Grab buddelt. Das hat auch etwas mit der Geschichte zu tun, die ich ihnen später erzählen werde. Lass mich nur machen. Also gut., freute sich Sytania, die in den Gedanken des Einhorns bereits eine leichte Andeutung gesehen hatte. Dies hatte Valora absichtlich zugelassen, um ihren Appetit zu steigern, das ahnte die imperianische Prinzessin. Deshalb ließ sie ihre neue Freundin auch gewähren und fragte nicht länger nach.

Leandra und Lostris hatten ihr Opfer gerade verscharrt und wandten sich zum Gehen, als die Erbprätora urplötzlich erschrocken zusammenfuhr. „Warte bitte, Mutter!“, rief sie aus. „Ich glaube, unten im Grab hat sich etwas bewegt!“ „Rede keinen Unsinn!“, entgegnete Leandra scharf. „Ich denke, dass die Freude über seinen Tod dazu führt, dass du Geister siehst. Das kann in einem sehr hohen Erregungszustand schon einmal passieren …“

Weiter kam sie nicht, denn im nächsten Augenblick wurde sie von einer kalten Hand berührt und eine verzerrte Stimme sagte: „So leicht tötet ihr mich nicht. Ich war von Anfang an und bin es noch, ein Werkzeug des Herrschers der Zwischenwelt. Er selbst ist jetzt in meinen Leib gefahren und wird euch beide nun töten.“

Lostris griff nach dem Phaser und feuerte erneut auf ihren offensichtlich von den Toten auferstandenen Ehemann, aber nichts geschah. Obwohl sie ihn genau getroffen hatte, schien er noch nicht einmal einen Kratzer zu haben. „Das kann mich nicht schrecken.“, sagte die Stimme. „Eure Energiewaffen sind nutzlos!“

Leandra zog ihren Degen und rannte mit Anlauf auf den vermeintlichen Untoten zu. „Wenn Energiewaffen dir nichts anhaben können!“, schrie sie. „Dann kann es vielleicht das!“

Sie stieß zu und tatsächlich durchdrang der Degen seine Kehle. Der hohe Blutverlust ließ ihn augenblicklich erneut tot umfallen. Die Genesianerinnen atmeten auf und versuchten erneut, ihn zu begraben.

Sytania und Valora, sowie den Vendar war das nicht verborgen geblieben. „Klasse Idee, Valora!“, rief Mirdan in den Raum und sprang auf, um sich vor Begeisterung auf die Schenkel zu schlagen. „Ihn sagen zu lassen, er sei das Werkzeug des genesianischen Teufels, ist eine wirklich gute Strategie! Aber warum hast du zugelassen, dass er durch den Degen getötet werden kann?!“ Damit meine Freundin Sytania hier auch noch ihre Chance erhält, ihn ein bisschen zu quälen, Mirdan., erklärte Valora. „Oh du bist zu großzügig.“, sagte die Prinzessin gleichzeitig laut und in Gedanken, damit wirklich alle es hören konnten. „Dann bin ich jetzt wohl dran. Passt auf und pass vor allem du gut auf, Valora! Ich werde deine Idee nämlich aufgreifen. Ich denke aber, dass du auch ohne ein weiteres Zeichen von mir erkennst, wann du eingreifen musst. Pass auf! Ich koche dir deine neuen Jüngerinnen noch etwas weich, damit du es mit ihnen noch einfacher hast. Ich kann verstehen, dass dir das nicht so leicht fällt. Schließlich warst du viel zu lange tugendhaft und gut. Wie sollst du da so ein Profi im böses Tun sein wie ich? Aber ich denke, du bist auf einem guten Weg und wenn du weiter so gut lernst, wird deine Meisterin mit dir sehr zufrieden sein. Also, achte jetzt gut auf das, was gleich passieren wird. Ich möchte wirklich sehen, ob du den richtigen Zeitpunkt schon selbst erkennen kannst.“

Sytania begann damit, sich auf ihren Wunsch, den Genesianer von den Toten auferstehen zu lassen, zu konzentrieren. Alsbald fuhr ein schwarzer Blitz durch die Luft des Planeten, auf dessen Südhalbkugel, wo sich alles abspielte, es inzwischen Tag geworden war. Wieder hatten Lostris und Leandra mit angesehen, wie sich der Tote aus seinem Grab gewühlt hatte. „Hier kann etwas nicht mit rechten Dingen zugehen, Mutter.“, sagte Lostris. „Was ist, wenn die Götter …“ „Oh ja, die Götter!“, sagte die Prätora scharf. „Die Götter scheinen uns hier einer Prüfung zu unterziehen. Sie wollen wohl prüfen, ob du eine mutige Kriegerin und somit meiner Nachfolge würdig bist, oder ob du dich ängstlich hinter meinem Rockzipfel versteckst, als wärst du ein Junge!“

Mit ihrem letzten Satz hatte Leandra ihre Tochter genau dorthin bekommen, wo die Prätora sie haben wollte. Wer wusste, dass im Genesianischen das Wort für Mann beziehungsweise für Junge identisch ist mit dem Wort für Fehler oder leichter Fehler, konnte sicher erahnen, was ihr Ausspruch in der Seele ihrer Tochter ausgelöst hatte.

Lostris zog wieder ihre Waffe: „Ich bin nicht ängstlich und das werde ich dir jetzt beweisen, Mutter! Lass uns versuchen, ihn gemeinsam zu erledigen. Lass uns dabei stark an die Wächterin von Gore denken und ihren Segen erflehen. Wenn er wirklich ein Werkzeug des Herrschers der Zwischenwelt ist, dann benötigen wir wohl die Hilfe der obersten Göttin, um ihn erledigen zu können. Wenn dies wirklich eine Prüfung für meinen Glauben und für mich ist, dann denke ich, dass die Götter auch wissen wollen, ob ich erkenne, wann ich Hilfe benötige. Eine kluge Anführerin weiß nämlich, wann sie einen verlorenen Kampf kämpft und ihre Kriegerinnen in so einem zu verheizen wäre sicher kein ehrenhafter Tod für sie.“ „Sehr gut überlegt.“, sagte Leandra, die das als gute und erfahrene Strategin ja beurteilen können musste. „Also gut. Lass uns noch einmal beten, bevor wir in den Kampf gegen dieses Scheusal ziehen.“

Sie begannen damit, sich das Bild ihrer obersten Göttin vorzustellen, wie sie es schon von Statuen aus ihrer frühesten Kindheit kannten. Dabei standen sie aufrecht, was für einige von euch, wenn man das allgemein gültige Bild von Betenden betrachtet, sicher merkwürdig anmuten muss, ist man doch eigentlich gewohnt, betende Personen im Knien oder gar auf dem Bauch vorzufinden, oder in sonst einer von Demut zeugenden Haltung. Da die genesianischen Götter aber Mut schätzten, wäre ihnen so etwas wohl nicht recht gewesen.

Leandra hatte tief Luft geholt und dann angesetzt: „Wächterin von Gore, deine Schutzbefohlene Leandra, Prätora des Clans der Rotash, und ihre Tochter Lostris stehen vor dir und erbitten deinen Beistand! Bitte hilf uns, das Geschöpf deines Widersachers zu töten! Nur du …“

Lostris, die schräg hinter ihrer Mutter gestanden hatte, hatte diese plötzlich angestoßen. Darauf hatte Leandra tatsächlich ihr Gebet unterbrochen. Still zeigte Lostris auf das leere Futteral, das an der rechten Seite ihrer Mutter hing und dann auf ihr eigenes. „Wo sind unsere Waffen?!“, fragte Leandra empört. Verwirrt sahen sich die beiden Kriegerinnen um.

„Eure Waffen habe ich!“, die verzerrte geisterhafte Stimme des Mannes, den sie gerade glaubten getötet zu haben, hatte sie von hinten angesprochen. Lostris drehte sich als erste um. Sie erschauderte bei dem Anblick. Dort stand der Tote und hatte in der rechten Hand die Waffe ihrer Mutter und in der linken Hand ihre eigene. „Jetzt werdet ihr sehen, was es heißt, einen unehrenhaften Tod zu sterben!“, sagte er noch. Dann aber wurde er plötzlich durch einen schwarzen Blitz niedergestreckt. Die Waffen fielen ihm aus der Hand und fielen neben ihm hernieder. Ein weiterer schwarzer Blitz beförderte ihn wieder in sein Grab und schloss es.

Starr vor Schreck, aber auch vor Erleichterung sehr froh standen die Genesianerinnen da. Es hatte sie schon etwas verwundert, was sie da gesehen hatten. Aber sie waren auch froh, dass der ganze Spuk offensichtlich vorbei war. „Was ist da gerade geschehen?“, fragte Lostris ihre Mutter. „Ich weiß es nicht, Kind.“, gab diese zurück. „Aber wir sollten nachsehen. Vielleicht erhalten wir ja einen Hinweis.“

Bevor sie sich jedoch aufmachen konnten, war plötzlich ein merkwürdiges Schellengeläute zu hören. Allerdings war es leicht disharmonisch und nicht so schön, wie man es von Einhörnern im Allgemeinen kennt. Habt keine Furcht., wendete sich Valora nun telepathisch an die Kriegerinnen. Ich bin die personifizierte Wächterin von Gore. Ich habe dieses teuflische Werkzeug vernichtet, um die zu retten, die wahrhaft glauben. Ich weiß genau wie ihr, auf welchem Irrweg Shashana ist. Sie ist besessen vom Herrscher der Zwischenwelt. Er hat sie in seinen Bann gezogen. Antworte du mir, Lostris! Wer trägt die Schuld an allem Übel und auch an ihrer Verblendung! Wer ist ein Werkzeug des Herrschers der Zwischenwelt? Wer kann sie umgedreht haben? „Die Männer!“, antwortete Lostris fest und schon fast begeistert. Die Männer, ja!, wiederholte Valora mit freudigem Gesicht und lobender Stimmlage. Und dürfen wir zulassen, dass ein Fehler der Schöpfung mit seinen fehlerhaften Gedanken unsere Welt beeinflusst? „Nein, oh Göttin!“, sagten Lostris und Leandra wie aus einem Mund. Genauso ist es!, sagte Valora. Aber das habt ihr ja erkannt und deshalb werde ich euch mit der Unsterblichkeit und Unverwundbarkeit belohnen, damit ihr meine Botschaft weitertragen könnt mit Feuer und Schwert, wenn ihr versteht. Lasst alle wissen, dass jene, die an mich glauben, auch unter meinem Schutz stehen werden. Aber nur jene. Alle anderen werdet ihr mit aller Härte verfolgen und ausmerzen in meinem Namen! Kehrt nun zu eurem Clan zurück und überbringt ihnen meine Botschaft! „Ja, oh Göttin!“, sagten Lostris und Leandra wieder gemeinsam, gingen zu ihrem Schiff, das in der Nähe gelandet war und flogen davon.

Sytania hatte alles mitbekommen. Gemein grinsend hatte sie sich bei Valora bedankt. „Oh, Valora, ich bin begeistert!“, hatte sie gesagt. „Tja, die fressen uns aus der Hand. Da haben wir wirklich gute Marionetten ausgesucht, nicht wahr? Tja, das ist eben so eine Sache mit der Religion. Man kann Stärke aus ihr beziehen, sie kann aber auch zur größten Schwäche werden.“ Sie lachte und alle Anwesenden fielen in ihr böses Gelächter ein. Dann wandte sie sich noch einmal telepathisch an Valora: Oh ich liebe es, Sterbliche wie Schachfiguren zu benutzen! Hoffen wir nur, dass mein Vater auch irgendwann darauf anspringt und mir einen würdigen Kampf liefert. Sonst macht es ja gar keinen Spaß. Achte auf die Geister, die du rufst, meine Freundin., warnte Valora prophetisch.

Kapitel 5: Eine neue Heldin erscheint

von Visitor

 

Meroola und Kamura hatten die Umlaufbahn von Celsius erreicht. „So, Meroola, da wären wir.“, sagte der Avatar des Schiffes. „Was hast du eigentlich jetzt vor?“ „Ich würde sagen, wir fangen damit an, uns eine gescheite Basis aufzubauen, wie ich es gesagt habe.“, antwortete Meroola. „Ich würde sagen, wir suchen mir erst einmal einen Job. Kannst du dich in das öffentliche Netz einloggen und mir zeigen, was so gesucht wird?“ „Sicher kann ich das.“, sagte Kamura lächelnd und zeigte Meroola vor ihrem geistigen Auge auf dem virtuellen Schirm eine der einschlägigen Seiten, auf denen freie Stellen zu finden waren. „Uff!“, stöhnte Meroola und lehnte sich zurück. „Das ist ja eine ganze Menge!“ „Finde ich auch.“, stimmte das Schiff zu. „Deshalb sollten wir es dringend etwas einschränken. Was hattest du dir denn so vorgestellt? Was kannst du denn sehr gut? Ich meine, du hattest zwar eine kriminelle Vergangenheit, aber dabei ist doch sicher einiges rumgekommen, was du jetzt sicher auch in deinem neuen ehrlichen Leben brauchen kannst, oder?“ „Kommt darauf an, was du damit meinst.“, sagte Meroola und schaute etwas hilflos. „Ich meine, in meinem Vorleben habe ich so viel betrogen und falsch gespielt, dass es schon nicht mehr feierlich war. Einmal habe ich sogar eine Ferengi-Spielhalle total ausgenommen. Mann! Das war vielleicht ein Spaß! Ich habe es regelrecht genossen! Das hängt vielleicht damit zusammen, dass ich Rache an meinem Vater nehmen wollte, oder so. Aber …“ „OK, Meroola.“, sagte Kamura sehr fest. „Um das hinzukriegen brauchtest du doch sicher technische Kenntnisse, oder? Ohne die geht es ja wohl nicht. Hättest du an so etwas Interesse?“ „Was Technisches also.“, sagte Meroola und dachte eine Weile nach. „Hm. Das könnte mich wirklich interessieren. Aber du hast mir auf dem Flug gesagt, dass es hier einen ganzen Haufen von technisch begabten einheimischen Leuten gibt. Warum sollten die ausgerechnet eine wie mich einstellen?“ „Weil ich hier ein Unternehmen gefunden habe, das ebenfalls von einem geleitet wird, der kein gebürtiger Celsianer ist.“, sagte Kamura. „Er ist vielleicht nicht ganz so lokalpatriotisch und würde sich deine Bewerbung sicher gern ansehen.“

Sie zeigte Meroola einen leeren Bildschirm in einem Schreibprogramm. Dann sagte sie: „Dann diktiere mir doch einfach, was ich schreiben soll. Ich helfe dir auch an Stellen, an denen es heikel werden könnte. Ich habe dich ja schon sehr gut kennen gelernt.“ „Wie willst du mir denn helfen können?“, sagte Meroola und lachte. „Du hast doch bestimmt viel weniger Lebenserfahrung als ich.“ „Das mag zwar stimmen.“, sagte Kamura. „Aber ich habe viele Talente, genau wie du viele hast.“

Plötzlich erschien vor Meroolas geistigem Auge ein fertiger Text. Meroola, davon sichtlich überrascht, begann damit, ihn sich durchzulesen.

Auf einmal stutzte sie und musste lächeln. Viele Formulierungen waren ihr aufgefallen, mit denen es Kamura offensichtlich sehr gut verstanden hatte, ihre kriminelle Vergangenheit positiv darzustellen. Ja, es war ihr sogar gelungen, sie fast zu kaschieren. Wer nichts über Meroola wusste, konnte annehmen, sie sei Zeit ihres Lebens eine unschuldige Bürgerin gewesen. Aber besonders diese eine Formulierung hatte es Meroola angetan. „Hier steht.“, grinste sie. „Ich interessiere mich sehr für technische Zusammenhänge, bin erfindungsreich, sehr flexibel und habe mir das alles autodidaktisch beigebracht, was mich auch zu einer guten Problemlöserin macht. Reichlich charmant formuliert, wenn du mich fragst.“ „Ja, allerdings.“, sagte Kamura. „Aber das stimmt ja auch. Ich habe ja schließlich nicht gelogen, sondern deine Vergangenheit nur elegant etwas verschlüsselt. Weh dem, der Böses dabei denkt.“ „Du schlaues kleines Schiff.“, lächelte Meroola.

Sie sah noch einmal über Kamuras Text, um, falls sie wirklich eingeladen werden sollte, nicht von dem abzuweichen, was dort stand. Dann sagte sie: „OK. Kannst es abschicken.“ Der Avatar nickte und Kamura führte ihren Befehl aus. „Jetzt werden wir wohl etwas warten müssen.“, sagte das Schiff. „Davon gehe ich auch aus.“, sagte Meroola. „Aber du siehst mich so komisch an, Kamura. Gibt es da etwas, über das du mit mir sprechen willst?“ „Eigentlich ja.“, druckste Kamura herum. „Wenn du einen festen Job und eine Wohnung hast, wirst du mich dann überhaupt noch brauchen? Ich meine, herumziehen werden wir dann wohl nicht mehr können und ich werde mir dann wohl einen neuen Piloten suchen müssen. Schade! War sehr schön mit dir!“ „Hey.“, tröstete Meroola und stellte sich vor, den Avatar fest in den Arm zu nehmen. „Wer hat denn was davon gesagt, meine Kleine? Ich bestimmt nicht. Ich habe dir doch gesagt, wir bauen uns hier lediglich eine Basis. Denk doch einmal an deinen Vater und deine Mutter. Ihre Piloten Tchey und Ginalla machen es doch genauso.“ „Da hast du auch wieder Recht.“, sagte Kamura. „Na also.“, sagte Meroola. „Dann ist ja alles in Ordnung. Falls ich also angenommen werde, wirst du immer brav hinter dem Mond in Bereitschaft bleiben, bis ich dich brauche, oder bis ich dich nach Hause schicke.“ „Alles klar.“, sagte Kamuras Avatar erleichtert.

Es waren einige Minuten vergangen, in denen nichts passiert war. Es war schon Abend geworden und der Mond, hinter dem Kamura warten sollte, hatte sich ihrer Position über der Nordhalbkugel von Celsius bereits genähert. „Ich glaube kaum, dass heute noch was passiert.“, sagte Meroola. „Ich werde nach hinten gehen und mich hinlegen. Du kannst mir ja sagen, wenn noch was ist.“ Kamuras Avatar nickte und Meroola legte den Neurokoppler ab und stand vom Sitz auf. Dann streckte sie sich noch einmal ausgiebig und gähnte: „Gute Nacht, mein kleines schnelles Schiffchen.“

Sie wollte gerade gehen, als ein jähes Signal aus dem Computerlautsprecher sie erschreckte. „Was war das, Kamura?“, fragte sie. „Ich sollte dir doch sagen, wenn noch was ist.“, sagte Kamura jetzt den Lautsprecher benutzend. Da Meroola den Neurokoppler ja abgelegt hatte, war das notwendig geworden.

Der Mischling drehte sich wieder um und setzte sich erneut auf ihren Platz, um den Neurokoppler wieder aufzusetzen und in Ruhe abzuwarten, bis das Schiff ihre Reaktionstabelle erneut geladen hatte.

Jetzt sah Meroola nicht nur den Avatar vor sich, sondern hinter ihr auch den virtuellen Monitor, auf den sie mit einem Zeigestock zeigte. „Schau, Meroola!“, sagte sie grinsend. „Wir scheinen doch noch eine Antwort zu bekommen. Man will …“

Meroola gab einen scharfen ablehnenden Laut von sich. „Sag es mir nicht!“, befahl sie. „Ich will es selbst lesen. Deiner Reaktion nach muss es ja etwas sehr Gutes sein. Zeig schon her!“ „Wie du willst.“, sagte Kamura und rückte das Bild der eingegangenen SITCH-Mail in den Vordergrund. Meroola begann damit, sich den Inhalt halblaut durchzulesen: „Sehr geehrte Ms. Sylenne, Ich freue mich, ihnen mitteilen zu dürfen, dass ich Sie gern morgen um 15:00 Uhr Ortszeit zu einem Vorstellungsgespräch begrüßen würde. Mit freundlichen Grüßen Felix Kingsley, (Betriebsleiter).“ „Na, OK.“, sagte Meroola. „Das lässt sich ja schon sehr gut an. Vielleicht bin ich ja demnächst also auch einer von Felix‘ findigen Fehlerfüchsen vom Pannendienst. Was macht ihr Schiffe eigentlich als Entsprechung für das Daumendrücken?“ „Wir verbinden kurz alle Transportersysteme an Bord.“, sagte Kamura. „Dann tu das bitte morgen für mich.“, sagte Meroola. „Ich beabsichtige nämlich nicht, den guten Mr. Kingsley zu enttäuschen.“ „OK.“, sagte Kamura. „Aber dann würde ich mich an deiner Stelle jetzt gut ausschlafen. Sonst bist du morgen nicht zu gebrauchen.“ Sie grinste Meroola an. „Hey.“, sagte diese. „Nicht frech werden, junge Lady!“ Dann ließ sie sich von Kamura die Tür zur Achterkabine öffnen und ging hindurch, um es sich dort auf einer Bank gemütlich zu machen und sofort einzuschlafen. Sie fühlte sich unglaublich sicher bei diesem kleinen Schiff. Sie ahnte ja noch nicht, wie wichtig dieses Vertrauen noch werden sollte.

Kamura hatte beschlossen, in dieser Nacht nicht untätig zu bleiben. Empfand sie es doch als ihre Aufgabe, ihrer Pilotin in allen Lebenslagen so gut behilflich zu sein, wie es nur ging. Sie hatte durch ihren Vater, der ihr schon viel über Ginalla berichtet hatte, erfahren, dass sie sich zuweilen als Junggastronomin versucht hatte, wenn sie nicht gerade mit ihm zusammen die Welt rettete. Das bedeutete, dass sie eine Bar haben musste. Vielleicht gab es hier ja auch Zimmer. Aus Kamurus‘ letzten Schilderungen ging das auch hervor.

Sie loggte sich selbstständig in eine Seite ein, auf der man Unterkünfte buchen konnte und suchte dort nach Ginallas Namen. Tatsächlich wurde sie fündig. Das Rufzeichen, das ihr der freundliche Rechner am anderen Ende der Verbindung gegeben hatte, wurde gleich ausprobiert.

Ginalla war in ihrer Bar damit beschäftigt, den Rest der täglichen Arbeiten zu verrichten, als das Sprechgerät sie davon mit lautem Piepen abzuhalten beabsichtigte. „Ja.“, sagte sie etwas unwirsch. „Ich komme ja schon.“ Dann begab sie sich zum Tresen, hinter dem das Gerät auf sie wartete.

Die junge Celsianerin stutzte, als sie das für sie völlig unbekannte Rufzeichen im Display sah. Nur die Kennung hinter dem Punkt war ihr bekannt. „Ein Rufzeichen aus der Dimension meines Schiffes und es ist nich‘ Kamurus?“, wunderte sie sich. „Na, schauen wir mal, dann sehen wir schon.“

Diesen Spruch hatte Ginalla von mir übernommen, nachdem ich ihn irgendwann einmal verwendet hatte und ihr gesagt hatte, er sei ein Erbstück von meinem Großvater gewesen. „Schönes Erbstück, Allrounder Scott, oder darf ich Betsy sagen?“, hatte sie gefragt. Ich hatte nur genickt. „Dann sagen Sie ihrem Opapa, dass ich es in Ehren halten werde!“ Ich hatte sie darauf aufmerksam gemacht, dass wir schon beim Du gewesen waren und dann nur gesagt: „Bedauerlicherweise geht das nicht mehr, Ginalla. Er ist schon seit Jahrhunderten tot.“ „Ach.“, hatte sie entgegnet. „Bei deinen Verbindungen kriegst du das auch noch hin.“ Dann hatte sie schelmisch gegrinst.

Sie nahm das Mikrofon aus der Halterung und drückte den Sendeknopf. Dann sagte sie: „Hier ist Ginalla!“ „Hallo, Ginalla.“, kam eine helle ihr unbekannte Stimme zurück. Gleichzeitig sah sie das Bild einer für sie ebenfalls völlig fremden Jugendlichen. „Nanu! Wer bist denn du?“, fragte die junge Celsianerin erstaunt. „Ich bin Kamura.“, stellte sich das Schiff vor.

Ginalla überlegte. Irgendwo hatte sie diesen Namen schon einmal gehört. Im Augenblick konnte sie sich nur keinen vernünftigen Reim darauf machen. Immer wieder streifte ihr Blick das Display, auf dem das fremde junge Mädchen immer noch zu sehen war. Über ihr war eine Leiste mit Datum und Uhrzeit zu sehen. Das war bei jedem Sprechgerät eine Standardeinstellung. „Was machst du denn noch so spät auf, Kamura.“, fragte Ginalla schließlich. „Ich mein’, es is’ Mitternacht durch und du SITCHt einfach so durch die Weltgeschichte. Was immer du auch willst, kannst du bestimmt auch morgen noch erledigen. Du hast doch bestimmt morgen Schule. Also, an deiner Stelle würde ich jetz‘ janz schnell in die Federn springen, wenn du verstehst, was ich meine. Sonst bist du morgen nich’ zu gebrauchen.“ „Das mit den Federn dürfte etwas schwierig werden, Ginalla.“, sagte Kamura. „Es gibt nämlich kein Bett in meiner Größe. Es sei denn, du sprichst von einem Hangar.“

Das intelligente Schiff hatte selbstverständlich sofort gemerkt, dass Ginalla total auf dem Holzweg war. Aber offensichtlich machte es ihr Spaß, diese Tatsache ein wenig auszunutzen. Dennoch wollte sie auch dafür sorgen, dass Ginalla doch irgendwann drauf kommen würde. Das war auch der Grund, aus dem sie kleine aber feine Hinweise streute.

„Wieso brauchst du einen Hangar?“, fragte Ginalla schließlich sehr verwirrt. „Willst mich wohl verkohlen, was?“ „Oh nein, Ginalla.“, sagte Kamura und ihr Avatar machte das unschuldigste Gesicht, das Ginalla je gesehen hatte. „Ich würde doch nie die Pilotin meines Vaters verkohlen. Nein. So was würde mir nicht im Traum einfallen.“

Ihr letzter Satz hatte Ginalla fast erstarren lassen. Sie hatte das Gefühl bekommen, dass um sie herum die Zeit stehengeblieben war und nur sie sich noch hatte bewegen können. Kamuras Stimme war für sie sehr verzerrt rübergekommen, aber das hatte sie wohl ihrem eigenen emotionalen Zustand zu verdanken. Sie hatte sich nämlich sehr erschrocken, denn langsam war ihr klar geworden, wer sie nur sein konnte.

Es gelang ihr nur schwerlich, sich aus ihrer Schockstarre zu befreien. Dann sagte sie mit stotternder Stimme, was sonst gar nicht die Art der kessen Ginalla war: „Brat mir doch einer ’n Storch! Du bist doch nich’ etwa Kamurus’ und Sharys Tochter? Ich mein’ Kamurus hat dich erwähnt, aber er hat gesagt, dass du noch nich’ alt genug wärst, um dir einen Piloten zu suchen. Deine Software sei noch nich’ ausgereift genug. Du müsstest noch lernen.“ „Eigentlich stimmt das.“, gab Kamura zu. „Aber ich wollte nicht mehr warten. Bitte sag meinem Vater nichts, Ginalla. Bitte!“ „Oh Mann!“, stöhnte Ginalla. „Da bringst du mich aber echt in Schwulitäten. Ich habe mittlerweile auch gelernt, was es bedeutet, Verantwortung für andere zu übernehmen. Das bedeutet, ich sage dir jetzt, dass das Universum da draußen bestimmt kein Spielplatz is’. Dein Vater hat völlig Recht. Du solltest machen, dass du wieder in deine Dimension kommst! Dann vergesse ich, dass du je hier warst und auch dein Vater kriegt nix mit. Is’ das ’n Deal?“ „Ich glaube, das wird etwas schwierig, Ginalla.“, sagte Kamura. „Ich habe nämlich eine Pilotin und die braucht ein Zimmer. Sie will auf Celsius ein neues ehrliches Leben anfangen, genau wie du es damals wolltest. Hat man dir etwa die Tür vor der Nase zugeschlagen?“ „Ne.“, musste Ginalla zugeben. „Im Gegenteil! Man hat mir geholfen, wo es nur ging, ob ich wollte oder nich’. Besonders ein gewisser Tindaraner war da ganz groß, zäh und hartnäckig. Wenn der nich’ gewesen wäre, … na ja. Also gut. Schick sie zu mir runter. Ich werde sehen, was sich machen lässt.“ „Sie braucht das Zimmer wohl erst ab morgen.“, sagte Kamura. „Sie hat nämlich Aussicht auf eine Stelle und wenn sie die hat, dann braucht sie eine Wohnung. Die kann sie sich ja dann besser von deiner Bar aus suchen. Außerdem sieht es bestimmt nicht sehr gut aus für Mr. Kingsley, wenn sie sagen muss, ich wohne zurzeit auf meinem Raumschiff. In gewisser Weise seid ihr Schwestern im Schicksal. Mein Vater hat mir auch viel über deine Vergangenheit erzählt, Ginalla.“ „Wo du Recht hast …“, zischte Ginalla. „Du kleine miese Erpresserin du. Aber Ginalla steht zu ihrem Wort. Sag deiner Pilotin, das Zimmer is’ geritzt und nich’ geschnitten.“ Sie grinste. „Danke, Ginalla.“, sagte Kamura und wollte die Verbindung schon beenden, als Ginalla fragte: „Wie heißt die Frau denn eigentlich?“ „Sie heißt Meroola.“, sagte Kamura. „Meroola Sylenne. Sie ist total in Ordnung.“ „Also gut.“, sagte Ginalla und beendete nun ihrerseits die Verbindung. Irgendwie kam ihr dieser Name bekannt vor. Sie wusste nur gerade nicht, wo sie ihn hinstecken sollte. Sie ahnte auch noch lange nicht, wie schnell sich das ändern sollte.

Kapitel 6: Botschaften der Angst

von Visitor

 

Diran war in seine Garnison in der Nähe von Toleas Behausung zurückgekehrt. Hier hatte er sich vom Mishar die Rufzeichen der befreundeten obersten Vendar von Dill, Logar und auch das Rufzeichen Seiner Frau auf New-Vendar-Prime in der Dimension der Tindaraner heraussuchen lassen und ihm befohlen, diese Rufzeichen auch gleich in eine Sammelverbindung einzufügen. Das hatte der Rechner auch getan und bald sah sich Diran den erwartungsvollen Gesichtern von Cryach, der Vertrauten von Dill, Iranach, der obersten Vendar Logars und dem von Sianach, seiner Frau, gegenüber. „Was ist der Grund, aus dem du mit uns sprechen willst?“, fragte Cryach.

„Hört mir gut zu!“, sagte Diran fest, nachdem er aufgestanden war und sich in eine Pose gestellt hatte, wie man sie im Allgemeinen nur großen Rednern zugestehen würde. „Meine Gebieterin Tolea hat eine Vision gehabt, in der sie das Ende der Welten vorausgesehen hat! Ich soll euch sagen, dass die Bewohner des Raum-Zeit-Kontinuums das wohl nicht allein verhindern können und werden. Sie werden unser aller Hilfe benötigen. Das bedeutet, dass ihr euren Herren, beziehungsweise euren Freunden sagen werdet, was ich euch gesagt habe. Wir werden alle zusammen planen müssen, was zu tun ist!“ „Hat Tolea genau gesagt, wer das verursachen wird?“, fragte Iranach. „Ich meine, es ist immer gut, seinen Feind zu kennen.“ „Das hat sie nicht konkretisiert.“, sagte Diran. „Sie hat nur gesagt, dass es etwas mit den Einhörnern zu tun hat. Mehr weiß ich im Moment auch noch nicht. Sie war nach der Vision sehr niedergeschlagen und meine Leute und ich haben erst einmal dafür gesorgt, dass sie sich hinlegt. Ich werde später noch einmal zu ihr gehen und versuchen, etwas Konkreteres zu erfahren. Dann werde ich euch hoffentlich auch sagen können, wer genau die Einhörner entzweit hat.“ „Die Einhörner sind Verwandte der Quellenwesen.“, stellte Cryach fest. „Sagtest du gerade, sie sind entzweit? Wenn das der Fall ist, dann wird es den Dimensionen bald sehr schlecht gehen. Am besten ist, du wartest ab, bis Tolea sich erholt hat und redest dann noch einmal mit ihr. Dann wissen wir sicher auch genauer Bescheid und können viel besser handeln.“ „Das denke ich ja auch.“, sagte Diran. „Aber es muss sich etwas sehr Schlimmes zugetragen haben. Tolea hat gegenüber mir das Bannwort verwendet. Ich muss jedem Vendar, dem ich begegne, dies offenbaren!“

Sianach stockte der Atem. Dass ihr Mann unter dem Bann stand, hatte sie sich schon gedacht. Sie hatte jenen Ausdruck in seinen Augen gesehen, den jeder Vendar hat, wenn ein Mächtiger ihn unter den Bann gestellt hat. Seit ihrer Zeit als Novizin wusste sie, wie das aussah. Da konnte ihr niemand etwas vormachen. Joran, der sie ausgebildet hatte, hatte immer sehr genau darauf geachtet, dass sie alles extrem exakt lernte und sich keine Fehler einschlichen, oder es gar Raum für Fehlinterpretationen gab. So hatte sie auch gelernt, sehr genau zuzuhören! Bei dem, was sie aber gehört hatte, war es ihr eiskalt den Rücken heruntergelaufen. Was hatte er gesagt? Er musste jeden Vendar informieren, dem er begegnete? Was wäre, wenn Sytania an dieser Sache schuld war und was war, wenn sie wusste, dass Tolea Diran unter den Bann gestellt hatte? Joran hatte ihr beigebracht, auf alle Eventualitäten gefasst zu sein. Zwar war er zu dem Zeitpunkt, als Sianach seine Novizin war, noch auf der Seite der Prinzessin gewesen, aber er wollte aus ihr eine gute Strategin und Kämpferin machen. Aufgrund ihrer Talente hätte er sie sogar als seine eigene Nachfolgerin in Betracht gezogen, wenn er nicht gegen die Prinzessin rebelliert hätte. Das hatte die Situation total verändert.

Sie wusste, dass Joran ihr zwar immer noch vertraute, denn sonst hätte er die Rebellen auf keinen Fall ihr unterstellt, um selbst frei für die Tindaraner arbeiten zu können. Auch das Liebste, das er hatte, seine kleine Tochter Tchiach, hätte er nach dem Tod seiner Frau Namach wohl kaum Sianach als Ziehkind anvertraut, würde er nicht glauben, dass sie mit diesen beiden Aufgaben hervorragend zurechtkäme.

Die kluge Vendar wusste, dass sie jetzt dringend handeln musste. Sie ahnte, dass Tolea einen Fehler gemacht hatte! Das würde sie Diran gegenüber zwar nicht sagen, weil sie wusste, dass dies keinen Einfluss auf sein Handeln haben würde, denn der Bann würde trotzdem dafür sorgen, dass er es jedem Vendar erzählen würde, dem er begegnete. Sianach würde sich aber an alle wenden, die Gegenmaßnahmen ergreifen könnten, Falls Diran einem Vendar von Sytania begegnen sollte. Wenn er gezwungen war, auch ihm oder ihr die Pläne und das Wissen über die Situation offenzulegen, dann könnte das gefährliche Konsequenzen nach sich ziehen! Dessen war sich die strategisch sehr gut geschulte Vendar-Kriegerin zu 100 % sicher!

Sianach richtete jetzt das Wort an ihren Ehemann: „Diran, ich muss leider unser Gespräch beenden. Mich halten leider andere Verpflichtungen ab.“ „Was können das für Verpflichtungen sein, Telshanach?“, fragte Diran. „Meiner Meinung nach kann es im Moment nichts Wichtigeres geben, als alle vor dem Ende der Welt zu warnen und gemeinsam zu planen, wie wir es verhindern können!“ „Das ziehe ich auch auf keinen Fall in Zweifel, mein Ehemann.“, versuchte Sianach, Diran zu beruhigen. Dabei hatte sie allerdings schwer zu kämpfen, dass sie selbst ruhig blieb. Zu beängstigend waren die Szenarien, die sich in ihrem Kopf abgespielt hatten.

„Im Augenblick.“, sagte sie schließlich. „Kann ich es nicht. Aber wenn ich von meinen Pflichten wieder entbunden bin, kann und werde ich erneut zu euch stoßen. Bitte vertrau mir, mein lieber Diran.“ „Also gut, Telshanach.“, sagte Diran, um sie zu beschwichtigen. Ihr ängstlicher Ton und ihr angespanntes Gesicht waren ihm nicht entgangen. Ihm war zwar nicht klar, warum sie sich so verhielt, denn der Bann ließ keinen Zweifel an seinem jetzigen Verhalten und schon gar keinen an dem Befehl seiner Herrin zu, aber er würde wohl jetzt nichts mehr aus ihr herausbekommen. Er hatte auch keine Zeit, dies weiterhin zu versuchen. Da waren ja auch noch die anderen in der Leitung und er befürchtete, sie könnten das Gespräch beenden, wenn er sich jetzt nur mit Sianach allein beschäftigte. Also blieb ihm nichts anderes übrig als zuzulassen, dass sie die Verbindung beendete.

Aufatmend hatte Sianach zur Kenntnis genommen, dass die Gesichter ihrer Gesprächspartner vom Schirm ihres Hausrechners verschwunden waren. Das war für sie das Signal, endlich mit dem Vorhaben zu beginnen, das sie schon angestrebt hatte, als sie Dirans Gesichtsausdruck gesehen hatte.

Sie drehte sich dem Mikrofon des Rechners zu und sagte mit leicht zitternder Stimme: „Mishar, eine Verbindung zu Basis 281 Alpha aufbauen!“ „Bitte warten.“, kam es sachlich und nüchtern von der männlichen Computerstimme des Rechners zurück. „Befehl wird ausgeführt.“

Sianach lehnte sich zurück und dachte nach. Die Situation war nicht gerade rosig, aber von Zirell und ihren Leuten hatte sie immer Hilfe erwarten können. Außerdem gab es auf der Basis ihren ehemaligen Ausbilder Joran und der würde genau einschätzen können, ob und in wie weit Sytania sich einmischen würde und könnte und in wie weit ihr dies einen Vorteil brächte. Davon, das wusste sie, würde alles Weitere abhängen. Aber Commander Zirell war da ja immer eine zuverlässige Alliierte gewesen. Wenn hier also noch jemand den Karren aus dem Dreck ziehen konnte, dann nur die Truppe um Zirell!

Eine kleine Gestalt hatte den Raum betreten. Sie hatte schwarzweißes Fell, da sie mit dem Fellwechsel noch nicht ganz fertig war. Reste ihres weißen Kinderfells waren immer noch zu sehen. Aber das war ja auch kein Wunder, wenn man bedachte, dass sie erst 13 Jahre alt und somit gerade erst im ersten Jahr ihrer Novizenzeit war. Sianach war ihre Lehrerin und Ziehmutter. Wusste also über diese Umstände genau Bescheid. Die Kleine maß ca. 1,64 m.

Tchiach trat jetzt an Sianachs Stuhl heran und tippte ihr auf die Schulter. Die in ihre Gedanken vertiefte Vendar erschrak und fuhr herum. Ihre Gesichtshaare stellten sich auf, ein Zeichen dafür, dass sie blass wurde. „Bitte verzeih mir, Ziehmutter.“, sagte Tchiach. „Ich wollte dich nicht erschrecken.“ „Ach, das ist doch nicht deine Schuld, Tchiach.“, sagte Sianach mild und lächelte der Novizin freundlich zu. „Ich bin nur gerade sehr in Gedanken.“ „Und warum bist du so in Gedanken?“, wollte die kleine Vendar wissen. „Das darf und werde ich dir noch nicht erklären, Tchiach!“, sagte Sianach fest. „Davon würdest du nur Albträume bekommen.“ „Aber ich werde doch auch einmal eine Vendar-Kriegerin sein.“, widersprach das Mädchen. „Dann muss ich doch wissen, was …“ „Sashnachi!“, unterbrach Sianach sie. Das ist Vendarisch und heißt so viel wie kleine Maulwürfin, was, da der Maulwurf für die Vendar ein heiliges Tier ist, ein sehr lieb gemeinter Kosename ist. „Du bist erst im ersten Jahr deiner Novizenzeit. Hab Geduld. Der Zeitpunkt wird kommen, an dem ich dich über alles informieren werde. Er wird kommen. Das versichere ich dir! Aber jetzt ist es eindeutig noch zu früh! Bitte geh jetzt und lass mich allein!“

Ein Signal hatte sie jäh unterbrochen und sie gezwungen, ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Hausrechner zu lenken. Hier hatte sich etwas verändert. Auf dem Schirm war das Gesicht des Avatars der Station 281 Alpha zu sehen. Sianach war klar, was das bedeutete. Jetzt war es umso wichtiger, dass ihre Ziehtochter sie allein ließ. Das, was Tchiach sonst zu hören bekommen hätte, hätte sie bei weitem überfordert!

Auch das Kind hatte IDUSA gesehen. „Warum willst du mit den Tindaranern reden und mich nicht dabei haben, Ziehmutter?“, fragte sie. „Das habe ich dir doch schon gesagt.“, sagte Sianach. „Bitte, Tchiach, sei vernünftig und geh jetzt! Was ich mit den Tindaranern zu bereden habe, würde dich nur in Angst machen, für die du dich nachher bestimmt schämen würdest. Bei deinem kindlichen Gemüt wäre das zwar nicht schlimm, aber ich möchte nicht, dass du in so eine unangenehme Situation gerätst. Verstehst du, Sashnachi, ich will dich doch nur schützen! Du wirst noch früh genug über die Situation informiert werden, aber jetzt bist du noch zu jung.“ „Das heißt.“, sagte Tchiach, die ihrem Namen, der auf Deutsch die Kluge heißt, jetzt alle Ehre machte: Ich muss nur älter werden und dann wirst du mir alles erklären?“ „Genau das.“, sagte Sianach. „Das verspreche ich dir! Sieh es doch einfach, als würdest du auf ein Geschenk warten. Wenn es zum Beispiel um deinen Geburtstag geht, quengelst du ja auch nicht.“ „Nein, Ziehmutter.“, sagte Tchiach. „Weil ich sicher bin, dass er sowieso kommt und ich meine Geschenke dann bekomme.“ „Siehst du.“, sagte Sianach. „Und genauso ist es auch mit dieser Information. Du wirst sie bekommen, wenn du alt genug dafür bist. Aber da musst du dich gar nicht drum kümmern. Älter wirst du ja schließlich von ganz allein.“ „Ich verstehe, Ziehmutter.“, sagte Tchiach, wandte sich um und verließ den Raum wieder. Sie befahl dem Rechner sogar noch, die Tür zu schließen, was Sianach beruhigt zur Kenntnis nahm.

Aufatmend hatte sie sich jetzt der vom Rechner befehlsgemäß aufgebauten Verbindung zugewandt. Sie nahm das Mikrofon in die Hand, drückte den Sendeknopf und sagte: „Ich grüße dich, IDUSA. Wo ist Joran?“ „Joran ist leider im Augenblick indisponiert, Sianach.“, antwortete der Rechner der Basis 281 Alpha wahrheitsgemäß, denn ein körperliches Bedürfnis hatte den sehr pflichtbewussten Vendar gezwungen, seine Arbeit an der Kommunikationskonsole der Basis kurz zu unterbrechen und den Platz zu verlassen. Seine Aufgabe hatte er temporär dem Stationsrechner übertragen. Diese Tatsache erklärte aber auch, warum Diran ihn nicht erreicht hatte und Joran somit noch gar nichts von der Situation wissen konnte. Da Diran in Unkenntnis des Dienstplans von 281 Alpha nicht wissen konnte, wo Joran war, hatte er versucht, ihn in seinem Quartier zu erreichen, was natürlich nicht funktioniert hatte. Sein Rechner hatte ihn darauf zwar aufmerksam gemacht und ihm gesagt, dass die angeforderte Konferenzverbindung so nicht vollständig aufgebaut werden konnte, Diran aber hatte ihm aber nur darauf befohlen, diesen Umstand zu ignorieren und mit dem weiteren Aufbau der Verbindung fortzufahren.

Sianach hatte angespannt das Gesicht verzogen. „Wo sind Anführerin Zirell oder Maron El Demeta?“, fragte sie mit fast vor Nervosität kippender Stimme. „Die Schicht von Commander Zirell und Agent Maron beginnt erst in fünf Minuten, Sianach.“, sagte der Rechner, nachdem sie Zugriff auf die Datei mit den Dienstplänen genommen hatte. „Wenn Sie mit ihnen reden wollen, wäre es vielleicht besser, wenn Sie es dann noch einmal versuchen.“ „Oh nein!“, sagte Sianach hektisch. „Dann kann es schon zu spät sein! Wer weiß, was mein armer Ehemann bis dahin angerichtet hat, ohne es zu wollen!“ „Ihre Stimmfrequenzen und Ihr Gesichtsausdruck.“, erwiderte IDUSA. „Weichen extrem vom Normalzustand ab. Das bedeutet, Sie sind alarmiert. Da sich in 80 % der Fälle, in denen Sie alarmiert waren, herausgestellt hat, dass Ihre Angst berechtigt war, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie es auch in diesem Fall sein könnte. Ich werde mit den internen Sensoren der Station nach Commander Zirell und Agent Maron suchen.“

Das Bild auf dem Schirm veränderte sich. Sianach sah jetzt ein Modell der gesamten Station und eine kleinere Ausgabe von IDUSAs Avatar, die darin herumlief. Dann sah sie, wie sich Maron und der Avatar auf dem Korridor zur Kommandozentrale begegneten. Auch Commander Zirell hatte sie gefunden, allerdings noch in ihrem Quartier, das Sianach auch ausschnittweise gezeigt wurde.

Die Bilder rückten in den Hintergrund und dann war der Avatar wieder vollständig zu sehen. „Ich habe sie gefunden, Sianach.“, sagte sie beruhigend sachlich und nüchtern. „Es ist allerdings wahrscheinlicher, dass ich Sie eher mit Agent Maron, als mit Commander Zirell verbinden kann. Der Agent ist bereits viel näher an seinem Arbeitsplatz. Der Commander allerdings steht immer noch unter der Schalldusche.“ „So genau wollte ich es gar nicht wissen, IDUSA.“, sagte Sianach verschämt. „Nun ja.“, antwortete der Rechner. „Ich weiß ja, dass Sie schweigen können und dass diese Tatsache garantiert unter uns bleibt. Außerdem war es mein Bestreben, Sie ein wenig aufzuheitern. Ich hörte, dass biologische Wesen es zuweilen sehr amüsant finden, hochgestellte Persönlichkeiten in privaten Situationen vorzufinden.“ „Ach so.“, lachte die Vendar. „Dann entschuldige bitte, dass ich darauf nicht eingegangen bin. Aber ich habe im Moment wirklich andere Sorgen.“ „Verstehe.“, sagte IDUSA. „Aber Agent Maron betritt gerade den Raum. Ich werde Sie ankündigen und Sie dann so schnell wie möglich mit ihm verbinden.“ „Danke, IDUSA.“, sagte Sianach erleichtert und nahm erneut eine wartende Position ein.

Die Türen der Kommandozentrale waren vor dem Ersten Offizier von Basis 281 Alpha auseinandergeglitten und Maron hatte einige Schritte in den Raum getan. Dann war er zwischen den Konsolen kurz stehengeblieben und hatte sich umgesehen. Was er gesehen hatte, musste ihm sehr gefallen haben. Anders waren das breite Grinsen auf seinem Gesicht und seine Äußerung: „Ja! Geschafft!“, nicht zu erklären. Der Demetaner hatte sich nämlich geschworen, es irgendwann einmal hinzubekommen, vor allen anderen am Arbeitsplatz zu erscheinen. Sonst war er meistens zu spät oder gemeinsam mit Zirell eingetroffen. Dafür war er aber heute nicht etwa früher aufgestanden, nein! Er hatte den Ehrgeiz entwickelt, dieses Ziel in der gleichen Zeit wie sonst zu erreichen. Er wusste zwar, dass er sich dann sehr beeilen musste, das war aber eine Schwierigkeit, die er sehr wohl in Kauf nahm.

Zufrieden setzte sich der Agent an seine Arbeitskonsole und zog seinen Neurokoppler aus der Tasche, um ihn dann an einem Port, den IDUSA ihm bereits ausgeleuchtet hatte, anzuschließen. Sofort lud sie seine Reaktionstabelle, was dafür sorgte, das Maron des leicht aufgeregt wirkenden Gesichts des Avatars schnell ansichtig wurde. „IDUSA, Bericht!“, forderte der erste Offizier. „Die Nacht verlief weitgehend störungsfrei, Agent.“, sagte der Rechner. „Nur Technical Assistant O’Riley war kurz auf der Krankenstation wegen einer Magenverstimmung. Sie hatte wohl zu viele Pralinen genascht, wenn Sie mich fragen. Ishan hat sie aber schon wieder dienstfähig geschrieben. Aber heute Morgen ist wohl etwas auf New-Vendar-Prime geschehen. Ich habe nämlich eine sehr alarmierte Sianach für Sie in der Leitung.“

Maron war erschrocken. Er konnte sich denken, dass Sianach, wenn sie so verängstigt war, sicher keine guten Nachrichten für ihn hatte. Er fand das sehr schade. Der Tag hatte doch so schön angefangen. Aber er wusste auch, dass er auf seine eigenen Befindlichkeiten keine Rücksicht nehmen konnte, wenn er im Dienst war. Das Schicksal tat es ja auch nicht und es war, wer die Demetaner genauer kennt weiß das, ja auch schließlich seine oberste Göttin. Genauer war Mutter Schicksal, wie es von den Demetanern genannt wurde, ihre einzige Göttin.

Maron riss sich zusammen, nahm Haltung an und sagte dann, nachdem er sich zwei bis dreimal geräuspert hatte, „Stell sie zu mir durch.“ IDUSAs Avatar nickte und dann führte der Rechner seinen Befehl aus.

IDUSAs gleichmütiges Gesicht war vor Marons geistigem Auge nun dem sehr ängstlichen Sianachs gewichen. Der Demetaner ahnte, wie beschämend diese Situation für sie, eine ausgebildete Vendar-Kriegerin, sein musste. Er musste unbedingt einen Weg finden sie aufzufangen. Deshalb sagte er so fest er nur konnte: „Es ist alles in Ordnung, Sianach! Ich bin hier!“ „Gar nichts ist in Ordnung, Maron El Demeta!“, sagte Sianach sehr aufgeregt. „Wenn du nur wüsstest!“

Maron konnte ihre Nervosität sehr gut hören und sehen. Was die aufgestellten Gesichtshaare seiner Gesprächspartnerin bedeuteten, wusste er genau. Schließlich hatte er selbst schon oft mit einem von ihrem Volk zusammengearbeitet. Wenn Joran blass wurde, passierte ja schließlich das Gleiche. Ich verliere sie!, dachte Maron. IDUSA, hilf mir!

Der Rechner, für den Marons Gedanken wegen der Verbindung über den Neurokoppler ein offenes Buch waren, griff befehlsgemäß auf ein Programm für psychologische Beratung zu. Dann legte sie die Verbindung mit Sianach temporär in eine Warteschleife, um mit dem ersten Offizier, zumindest aus ihrer Sicht, allein zu sein. Danach gab sie Maron das Gefühl, ihr Avatar würde ihm etwas ins Ohr flüstern wollen und sagte: „Gehen Sie auf sie ein. Fragen Sie, was sie genau damit meint, ohne sie weiter zu beschwichtigen. Ich denke, dass Sie damit nicht sehr weit kommen werden, denn das Geschehen, über das sie Ihnen berichten möchte, ist wohl zu schlimm für sie.“ „Also kein: Ist schon gut, oder so etwas?“, fragte Maron zurück. Der Avatar des Stationsrechners schüttelte energisch den Kopf. „OK.“, sagte Maron. „Verstanden. Gib sie wieder her!“ IDUSA nickte und tat, was ihr Maron gerade befohlen hatte.

Erneut sah der Demetaner in das ängstliche und angespannte Gesicht seiner vendarischen Kameradin. Sie hatten ja schon oft genug Seite an Seite gegen Sytania gekämpft. Deshalb sah er sie als eine Solche an. „Was ist denn jetzt genau passiert, Sianach?“, fragte Maron. „Es geht um meinen Mann.“, sagte Sianach. „Ihr müsst ihn aufhalten, bevor er zum Veshan wider Willen wird.“ „Veshan heißt Verräter, nicht wahr?“, fragte Maron, um Verständnis zu signalisieren. „Aber warum sollte er das tun, Sianach?“ „Weil seine Gebieterin Tolea einen Fehler gemacht hat, als sie ihn unter den Bann stellte, jedem Vendar, dem er begegnet, berichten zu müssen, dass sie das Ende aller Welten gesehen hat und was wir gedenken, dagegen zu tun. Die Einhörner, Maron El Demeta! Sie sind entzweit!“ „Nein, Sianach!“, sagte Maron fest. „Diesen schnellen Themenwechsel mache ich nicht mit. Lass uns erst einmal bei einem Thema bleiben. Also. Tolea hat das Ende aller Welten gesehen, sagst du. Und dann hat sie Diran befohlen, jedem Vendar davon zu berichten?“ „Ja, Maron El Demeta.“, sagte Sianach mit sehr viel Schrecken in der Stimme. „Und du weißt vielleicht, dass ein Vendar, der unter dem Bann steht, wörtlich ausführen muss, was der Befehl, der ihm gegeben wurde, beinhaltet.“ „Das weiß ich“, sagte Maron. „Aber wenn Tolea so einen Befehl gibt, dann wird sie sich doch vorher bestimmt mental vergewissert haben, das kein feindlicher Spion von Sytania in der Nähe ist, der Diran abfangen könnte. Ich kann mir nämlich jetzt langsam vorstellen, wovor du Angst hast, Sianach.“ „Da bin ich mir nicht so sicher, Maron El Demeta.“, sagte die Vendar. „Was ist, wenn sie durch Sytanias Vendar mit Hilfe von Technologie ausspioniert wurde? Dann dürfte sie nichts Telepathisches gespürt haben und ich denke, dass sie aufgrund der Dinge, die sie gesehen hat, wohl ziemlich fertig gewesen ist. Ich denke, dass ihr deshalb auch dieser Fehler unterlaufen ist.“ „Hältst du wirklich für möglich, dass Sytanias Vendar davon wissen?“, fragte Maron beruhigend. „Ich halte für sehr unwahrscheinlich, dass ihre Vendar gerade jetzt das Raum-Zeit-Kontinuum ausspionieren, zumal sich Tolea und Kairon lange nicht mehr eingemischt haben. Ich glaube nicht, dass Sytania sie im Moment für eine solch starke Bedrohung hält. Also wird sie Diran auch keine Falle stellen. Vertrau mir, Sianach! Ich bin ausgebildeter Spionageoffizier. Ich kenne mich da aus!“ Dein Wort in den Ohren der Götter, Maron El Demeta.“, sagte Sianach skeptisch und beendete die Verbindung. Im Gegensatz zu dem demetanischen Agenten war sie nicht so zuversichtlich, dass alles in Ordnung war. Dafür kannte sie Sytania zu gut!

Kapitel 7: Informationen des Schreckens

von Visitor

 

Laut singend hatte Zirell die Schalldusche verlassen, unter der sie, ebenfalls laut singend, eine ganze Weile länger als sonst gestanden hatte. Nun war sie nicht gerade schmutziger als sonst gewesen, aber sie hatte es einfach genossen. Sie hatte die Zeit aber trotzdem genau im Blick gehabt, da IDUSA von ihr den Befehl erhalten hatte, sie spätestens fünf Minuten vor Dienstbeginn zur Eile zu mahnen. Zwischendurch sollte der Rechner sie auch jede Minute über die noch bis zu dem vorher genannten Zeitpunkt verbleibende Zeit informieren. Das hatte IDUSA auch getan und so hatte Zirell in aller Ruhe ihre Uniform anlegen können, bevor sie ihr Quartier ebenfalls laut singend und mit sehr guter Laune im Gepäck verließ.

Joran war von seiner Erledigung zurückgekehrt und auf dem Weg Zirell begegnet, die er fast über den Haufen gerannt hätte. „Hoppla!“, rief die leicht perplexe Tindaranerin aus. „Wo bist du denn heute mit deinen Gedanken, Joran? Hättest mich ja fast übersehen. Ich weiß, dass ich sehr klein bin und du aufpassen musst, in meiner Nähe nicht zu tief Luft zu holen, weil ich sonst Gefahr liefe, in deiner Lunge zu verschwinden, aber ich dachte, du würdest wenigstens ein bisschen Rücksicht nehmen!“ Sie grinste ihn an. „Das mit meinen Gedanken solltest du mir doch am ehesten beantworten können, Telepathin.“, scherzte Joran zurück. „Aber musst du mir immer meine Witze kaputtmachen? Das mit dem Einatmen wollte ich nämlich gerade erwidern.“ „Oh entschuldige!“, sagte Zirell übertrieben laut und langsam. „Ich kann ja bei der Zusammenkunft anfragen, ob sie uns die Genehmigung für eine kleine Zeitreise geben, damit du zurückreisen und deinen Witz doch noch anbringen kannst, indem du verhinderst, dass ich den Satz mit dem Einatmen sage.“ „Ich bezweifele sehr stark.“, begann der Vendar ernst. „Dass die Zusammenkunft die Veränderung der Geschichte aus solchen Gründen erlauben würde. Das Risiko ist viel zu hoch, dass …“ „Oh bei allen Göttern, Joran!“, sagte Zirell beschwichtigend. „Ganz ruhig. Denkst du wirklich, das wüsste ich nicht auch? Das war nur ein Scherz! Ich hatte das keineswegs wirklich vor. Oh nein. Was ist denn auf einmal mit dir los?“ „Bitte verzeih, dass ich meinen Posten verlassen habe, Anführerin.“, sagte Joran geknickt. „Aber ich hatte ein Bedürfnis und …“ „Na, das wird ja wohl erlaubt sein!“, sagte Zirell fest, aber beruhigend zugleich. „Wenn ich das nicht erlauben würde, dann hätten wir eins, zwei, drei hier hygienisch sehr fragwürdige Zustände und das kann, glaube ich, kein Kommandant tolerieren. Von den gesundheitlichen Folgen ganz zu schweigen. Aber darüber sollte ich noch einmal mit Ishan reden. Der weiß da glaube ich am besten Bescheid. Und? Lief denn alles glatt, leicht und geschmeidig zu deiner Zufriedenheit?“

Joran wich, was sonst eigentlich gar nicht seine Art war, einige Schritte rückwärts, schaute sie an und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Dann nahm er sie vor den Mund, als würde er sich schämen. Auch sein Gesichtsausdruck sprach Bände. „Aber Anführerin!“, sagte der völlig verwirrt scheinende Vendar und sein Gesichtsausdruck änderte sich von verschämt zu entsetzt. Dann sagte er langsam und etwas lauter: „Ich könnte mir vorstellen, dass Ishan so etwas genauer wissen will, um meinen Gesundheitszustand zu beurteilen. Aber du?!“ „Ishan?“, fragte Zirell und jetzt war sie diejenige, die irritiert war. „Was weiß denn Ishan über die … Oh ihr Götter! Nein!!!“

Ihr wurde bewusst, zu was für einer Art von Missverständnis ihre eigene Frage geführt hatte. Hätte sie diese nicht im gleichen Atemzug mit ihrer Antwort auf Jorans Entschuldigung gestellt, wäre es bestimmt nicht dazu gekommen. Aber für hätte und wäre war es jetzt eindeutig zu spät.

Sie verfiel in einen fürchterlichen Lachanfall, der sie ihres Gleichgewichts beraubte. Joran, der das gesehen hatte, fing sie auf und hob sie hoch. Das war für ihn ohne Mühe möglich, da ein Vendar durchschnittlich die Stärke von fünf menschlichen Männern besitzt. Jorans Trainingsstand begünstigte es noch dazu. Er musste im Gegenteil eher aufpassen, dass er das zarte kleine schlanke etwas da auf seinem Arm nicht zerdrückte, wie er selbst fand. Von ihrem Lachanfall angesteckt musste er aber selbst auch lachen und ließ ein donnerndes Gelächter los. Dabei hatte er Zirell so gehalten, dass ihr rechtes Ohr an seinem Brustkorb lag, was ihr ermöglichte, das tiefe wohlig donnernde Lachen dort zu hören, wo es entstand. Das empfand sie als sehr angenehm und entspannend. Das mochte vielleicht auch daran liegen, dass die Tindaraner kristallinen Ursprungs sind und somit sehr positiv auf akustische Schwingungen reagieren.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sich beide wieder von dem Lachanfall erholt hatten. „Bitte lass mich runter, Joran.“, bat Zirell schließlich leicht außer Atem. Der Vendar nickte und stellte sie vorsichtig wieder vor sich auf dem Boden ab. „Ach, das war wunderschön!“, sagte Zirell und warf ihm einen genießerischen Blick zu. „Freut mich, dass ich dir Freude bereiten konnte, Anführerin.“, sagte Joran ebenfalls leicht kurzatmig. So ein Lachanfall gehörte offensichtlich zu den wenigen Dingen, die in der Lage waren, auch einen gestandenen Vendar fertigzumachen. „Aber was hast du denn genau gemeint, Anführerin?“, fragte Joran. „Die Nachtschicht.“, sagte Zirell fast tröstend. „Ich meinte die Nachtschicht.“ „Ach die!“, sagte Joran erleichtert. „Und ich dachte schon.“ „Ja, ja.“, sagte Zirell. „Mir ist schon klar, was du dachtest. Dazu musste ich noch nicht einmal mit dir telepathischen Kontakt aufnehmen. Durch meinen kleinen Fehler war es ja wohl zu offensichtlich.“ „In der Tat.“, antwortete Joran, der hier wieder einmal mehr eine Gelegenheit hatte, seinen Lieblingsspruch anzubringen.

„IDUSA hat gemeldet.“, sagte Joran. „Dass sich Shannon O’Riley gegen Mitternacht auf der Krankenstation gemeldet hat, weil sie sich den Magen verdorben hatte. Ishan hat sie aber jetzt schon wieder dienstfähig geschrieben. Waren wohl nur ein paar Pralinen zu viel, wenn du IDUSA fragst. Aber sonst ist wohl nichts passiert. Zumindest nicht bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich meinen Posten verlassen musste. Alles andere wirst du wohl IDUSA fragen müssen.“ „Also schön.“, sagte Zirell. „Aber Shannon nascht nachts Pralinen? Den Grund dafür muss sie mir unbedingt erzählen. Vor allem würde mich interessieren, warum sie sich dann so vollfuttert, dass es ihr schlecht wird. Sie ist doch kein kleines Kind mehr, das bei Süßigkeiten keinen Stopp kennt.“ „Das finde ich auch merkwürdig, Anführerin.“, sagte Joran. „Aber Shannon ist von Zeit zu Zeit schon etwas merkwürdig, findest du nicht?“ „Na.“, sagte Zirell. „Ich denke, das Gleiche denkt sie über dich.“ „Dann sind wir ja quitt.“, sagte Joran. „Wow!“, staunte Zirell. „Du fängst ja langsam tatsächlich an, die englische Umgangssprache zu benutzen und das auch noch ohne Fehler.“ „Ich bemühe mich, Anführerin.“, sagte Joran. „Aber ohne IDUSA, als meine wackere Kampfgefährtin im Krieg der Worte, hätte ich so manche Schlacht bestimmt schon haushoch verloren.“ „Oh!“, rief Zirell aus. „Sieh an! Da ist es ja wieder!“ „Da ist was wieder.“, fragte Joran. „Joranisch!“, entgegnete die tindaranische Kommandantin. „Deine typische Sprechweise, die wohl auf die Struktur deiner Muttersprache zurückzuführen ist und die zu so viel schönen humorigen Situationen führen kann. Gewöhn dir das bloß nicht ab! Das ist ein Befehl!“ Joran nickte folgsam. „Wer hat eigentlich den Begriff Joranisch erfunden?“, fragte er. „Ich meine, es muss jemand gewesen sein, der sich ziemlich über meine kleinen sprachlichen Unzulänglichkeiten amüsiert. Da fällt mir nur Shannon O’Riley ein.“ „Genau die war es auch.“, sagte Zirell. „Oh, Joran! Ich glaube, bei deinem ermittlerischen Talent muss sich Maron bald warm anziehen, wenn er seinen Job noch behalten will.“ „Das wäre bei den hier herrschenden Umweltbedingungen nicht sehr weise.“, sagte Joran. „Er könnte ganz schön ungesund ins Schwitzen kommen.“ „Oh, Joran.“, sagte Zirell mit sehr viel Mitleid in der Stimme. „Das ist nur ein geflügeltes Wort. Es bedeutet …“ „Ich weiß!“, grinste der Vendar und hob sie erneut hoch in die Luft. „Reingefallen!“ Dann setzte er sie wieder ab.

Zirell lachte. „So.“, sagte sie dann. „Und nun komm, du Witzbold. Sonst kommen wir beide noch zu spät! „Wie du wünschst, Anführerin.“, sagte Joran und ging hinter ihr her weiter den Flur entlang in Richtung Kommandozentrale.

Dort angekommen sah Zirell Maron überrascht an, der grinsend zu ihr zurückschaute. „Na, Zirell.“, lächelte der erste Offizier. „Auch schon da?“ „Das Gleiche könnte ich dich fragen.“, sagte Zirell. „Soweit ich mich erinnere, warst du ja noch nie vor mir hier. Du bist allenfalls mit mir eingetroffen. Aber ich bin positiv überrascht!“ „Tja.“, sagte der Demetaner und lächelte sie schelmisch an. „Ich hatte immer schon den Tag herbeigesehnt, an dem es mir gelingen würde, einmal zuerst am Arbeitsplatz zu sein.“

„Das ist dir leider nicht ganz gelungen, Agent Maron.“, mischte sich Joran ins Gespräch. „Genau genommen war ich schon hier.“ „Du zählst nicht.“, sagte Maron. „Du hattest die Nachtschicht.“

Zirell und Maron hatten sich auf ihre Plätze gesetzt und ihre Neurokoppler herausgeholt und angeschlossen. IDUSA, die dies sofort registriert hatte, begrüßte beide mit den Worten: „Guten Morgen, Commander, guten Morgen, Agent. Commander Zirell, ich muss Sie leider darauf aufmerksam machen, dass Sie heute Morgen Ihr Frühstück gänzlich versäumt haben. Soll ich es Ihnen replizieren?“ „Ja. Das wäre ganz gut, IDUSA.“, sagte Zirell, die jetzt auch langsam gemerkt hatte, dass ihr der Magen knurrte. Vorher war ihr dies aus verständlichen Gründen entgangen.

Die tindaranische Kommandantin sah zum Auswurffach des Replikators in der Kommandozentrale herüber, das ihr der Rechner ausgeleuchtet hatte. Hier waren jetzt eine Kanne mit schwarzem Tee von der Erde auf einem Stövchen und ein Müsli mit Kuhmilch in einer Schale zum Vorschein gekommen. „Du hast deine Gewohnheiten geändert.“, stellte der erste Offizier fest, der sonst, wenn sie gemeinsam im Aufenthaltsraum der Station gefrühstückt hatten und nicht jeder im eigenen Quartier, oft neben ihr gesessen und ihre Gewohnheiten genau gesehen und im Kopf notiert hatte. Offensichtlich konnte er nicht anders. Er war eben Geheimdienstler. „Na ja.“, erwiderte Zirell. „Öfter einmal was Neues.“

Sie tauchte den Löffel in ihr Essen und ließ es sich schmecken. Dann sah sie Maron verschmitzt an und sagte, nachdem sie ihrem Mund geleert hatte: „OK, Maron. Wenn du schon so früh hier warst, dann weißt du doch sicher schon viel mehr. Joran hat mich auf eine Lücke in seinem Dienst angesprochen, über die IDUSA Bescheid wissen soll. Ich nehme an, sie hat dir schon berichtet.“ „Das hat sie, Zirell.“, sagte Maron. „Aber es ist nicht viel Nennenswertes passiert. O’Riley hat sich nur an Pralinen überfressen. Bitte entschuldige. Aber ansonsten war alles ruhig. Ach nein, Sianach ist sicher, dass bald die Welt untergehen wird.“ „Ach, schon wieder.“, sagte Zirell mit fast etwas gelangweiltem Blick. „Das sollte doch schon öfter einmal passieren und wir haben es doch immer erfolgreich zu verhindern gewusst. Was hat sie denn jetzt für ein Problem?“ „Sie war total aufgelöst, als sie mit mir gesprochen hat.“, sagte Maron. „Ich habe versucht, sie zu beruhigen, aber ich bin nicht sicher, ob mir das gelungen ist. Sie hat verdammt schnell die Verbindung beendet. Ich glaube, dass ihr irgendwas an meiner Antwort nicht gefallen hat.“ „Was hat sie dir denn gesagt?“, fragte Zirell. „Und vor allem, was hast du gesagt?“ „Sie hat sehr schnell das Thema gewechselt.“, sagte Maron. „Ich hatte den Eindruck, sie wollte mir alles auf einmal erzählen. Sie hat gesagt, Dass ihr Mann Diran zum Verräter wider Willen werden könnte und dass sie uns bittet, ihn aufzuhalten.“ „Diran?“, fragte Zirell verwundert. „Dient er nicht Tolea aus dem Raum-Zeit-Kontinuum?“ „Das stimmt.“, bestätigte der demetanische Agent. „Sianach sagt, ihr Mann hätte mit allen befreundeten Vendar Kontakt aufgenommen, um ihnen zu sagen, dass seine Gebieterin eine Vision vom Ende aller Dimensionen gehabt habe. Sie hätte ihm befohlen, dies jedem, der von seiner Art sei, mitzuteilen. Dabei stand er unter einem Bann, den sie noch nicht aufgehoben habe. Außerdem sprach sie von entzweiten Einhörnern. Darauf konnten wir aber nicht mehr eingehen. Sie meint, es könnte doch tatsächlich ein Spion von Sytania in der Nähe gewesen sein, als Tolea den Bann über Diran aussprach und der könnte das jetzt ausnutzen. Ich habe aber versucht, sie zu beruhigen.“

Joran war ruckartig aufgestanden und hatte ein wütendes Gesicht gemacht. Dann hatte er laut geflucht: „Kelbesh!“ „Na. Na!“, wies ihn Zirell zurecht. „Was ist denn so schlimm, dass du schon am frühen Morgen so fluchen musst?“ „Bitte lass uns in deinen Bereitschaftsraum gehen, Anführerin.“, bat der Vendar. „Es fällt mir nämlich gerade verdammt schwer, in Anwesenheit deines ersten Offiziers, der offensichtlich wieder einmal einen Fehler gemacht hat, an mich zu halten.“ „Na gut.“, sagte Zirell. „Dann komm mit.“

Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn aus dem Raum nur eine Tür weiter. Hier setzten sich beide auf die schon bekannten tindaranischen Sitzkissen um ihren Schreibtisch. „So.“, sagte Zirell. „was genau ist jetzt dein Problem und was weißt du über diese Sache mit dem Bann?“ „Du weißt.“, sagte der Vendar. „Dass ein Mächtiger, wenn er das Wort Tshê gegenüber uns Vendar im Zusammenhang mit einem Befehl benutzt, er uns zwingt, diesen wörtlich auszuführen. Wir können dann nicht anders, egal was passiert. Es ist in etwa wie eine Hypnose. Tolea wird sich sicher gefühlt haben, als sie den Bann über Diran verhängte, aber das muss nicht unbedingt heißen, dass sie es auch war. Sie mag zwar telepathisch nichts gespürt haben, aber wenn Sytanias Vendar Technologie genutzt haben, um sie auszuspionieren, dann kann sie das auch nicht. Ich halte Telzan für schlau genug, dass er genauso vorgegangen ist. Falls Sytania etwas Neues geplant hat, halte ich für möglich, dass sie und Telzan Tolea als Gegnerin auf der Rechnung hatten und sehen wollten, was sie vorhat, um sie gegebenenfalls ausschalten zu können. Maron El Demeta hätte diese Fakten nicht so einfach ignorieren dürfen. Er hätte nicht leichtfertig versuchen dürfen, Sianach zu beruhigen. Es ist meiner Meinung nach also kein Wunder, wenn sie nicht mehr mit uns reden will, weil sie sich unverstanden fühlt. Er hätte zuerst mit mir reden müssen! Ich kenne Sytania! Ich habe ihr schließlich 90 Jahre lang gedient!“ „Du denkst also.“, vergewisserte sich Zirell. „Dass all das stimmen könnte, was uns Sianach erzählt hat?“ „In der Tat!“, sagte der Vendar ernst und sah sie fest an. „Dann sollten wir noch einmal mit ihr reden.“, schlug die Tindaranerin vor, um die Wogen zwischen sich und der Anführerin der Vendar auf New-Vendar-Prime wieder zu glätten. „Vielleicht lässt sich ja noch was retten, wenn sie sieht, dass du bei mir bist und Maron nicht. Wenn du mir etwas bestätigst, dann glaube ich das auch. Schließlich bist du der Experte für Sytania schlechthin. Ich würde auch gern wissen, was es mit den entzweiten Einhörnern auf sich hat.“ „In Ordnung, Anführerin.“, sagte Joran.

Zirell wandte sich IDUSA zu. Sie hatte ihren Neurokoppler mitgenommen und ihn jetzt ebenfalls an einen Port an der Konsole auf ihrem Schreibtisch angeschlossen. Auch Joran hatte es ihr gleichgetan. Darauf hatte IDUSA ihre Reaktionstabellen sofort umgeladen. „IDUSA, verbinde Joran und mich mit Sianachs Rufzeichen in ihrer Garnison auf New-Vendar-Prime!“, befahl Zirell. „Sofort, Commander.“, gab der Rechner sachlich und nüchtern wie immer zurück. „Hoffentlich lässt sie noch mit sich reden.“, sagte Zirell und seufzte schwer, während sie und Joran auf den Aufbau der Verbindung warteten.

Kapitel 8: Beruhigende Weichenstellung

von Visitor

 

Shimar hatte sich ebenfalls auf den Weg von seinem Quartier zur Kommandozentrale gemacht, um dort seine Befehle für die anstehende Patrouille entgegenzunehmen. Er war sehr verdattert, dort auf einen einsamen und ziemlich geknickt dreinschauenden Maron zu treffen. „Oh Backe!“, rief der junge Patrouillenflieger beim Anblick des Demetaners aus. „Was ist dir denn passiert und wo sind die anderen?“ „Ich glaube, mir ist schon wieder ein Fehler passiert.“, sagte der erste Offizier und schlug traurig die Augen nieder. „Aber das ist ja bei mir nichts Neues. Das Schlimmste ist, dass es mir selbst ja gerade klar geworden ist. Ich hätte auf alle Eventualitäten gefasst sein müssen.“ „Du sprichst in Rätseln.“, sagte Shimar und setzte sich provokativ auf Zirells Platz genau neben Maron. So etwas hätte sich bestimmt früher kein Untergebener getraut, aber Shimar wusste, das er schon ziemlich harte Geschütze auffahren musste, um Maron zum Reden zu bringen. Er wusste, dass er mit diesem Problem, was immer es auch für eines war, sicher nicht allein zurechtkommen würde, dies aber nicht gern zugab. Für Shimar jedoch würde Maron auch dann, oder vielleicht gerade dann, eine Respektsperson bleiben, wenn er einmal zugab, mit etwas allein überfordert zu sein und die Hilfe eines Kameraden zu benötigen. Dafür waren sie ja schließlich Kameraden. Für Shimar musste ein Vorgesetzter also kein Gott in Uniform sein. Man war ja schließlich auch nicht mehr im Reich der wilden Tiere, sondern in dem von Wesen mit Intelligenz und Verstand. Der junge Tindaraner war nur der Meinung, dies seinem Vorgesetzten noch nicht eindringlich genug beigebracht zu haben. Das hatte er mir oft genug heimlich still und leise übermittelt. Sei es nun telepathisch oder per SITCH-Mail. Ich hatte dann immer grinsen müssen und zurückgeschrieben, dass mein Commander es ja nicht anders handhaben würde. Für Kissara war das Annehmen von Hilfe kein Zeichen von Schwäche und in Situationen, in denen es um Expertisen ging, schon gar nicht. Sie hielt es dabei mit der Weisheit: „Eine kluge Führerin weiß, wann sie Hilfe braucht.“

Maron hatte Shimar verwirrt angesehen. „Dir ist schon klar, wo du sitzt?“, fragte er. „Und dir ist schon klar, dass ich hier nicht weggehen werde, bevor du nicht geredet hast?“, fragte Shimar breit grinsend und provokativ zurück. „Dazu würde ich dir auf jeden Fall raten! Sonst gehe ich in deinen Kopf und hole mir da die Information! Ich glaube kaum, dass du das als sehr angenehm empfinden würdest, wenn ich deinen Geist auf links drehe!“ „Die Drohung wirkt bei mir nicht.“, sagte Maron. „Ich weiß zu gut, dass ihr Tindaraner das nie tun würdet, ohne vorher das Einverständnis des anderen einzuholen.“ „Oh im Notfall schon.“, sagte Shimar. „Dann nämlich, wenn wir sehen, dass es ihn von innen auffrisst.“

Jetzt geschah etwas, das dem blitzartigen Entweichen von Luft aus einem angestochenen Reifen nicht ganz unähnlich war. Shimar musste bei Maron genau das richtige Ventil geöffnet haben. Jedenfalls schaute der Demetaner ihn plötzlich verzweifelt an und stieß hervor: „Hast du schon einmal einen diplomatischen Zwischenfall provoziert?!“ „Nicht, dass ich wüsste.“, sagte Shimar. „Für so was war in den Situationen, die ich bisher erlebt habe, immer Ginalla zuständig. Aber lassen wir das. Wie kann denn so was einem diplomatisch geschulten Sternenflottenoffizier wie dir passieren, he?“ „Indem dieser Offizier sich vom Alltagstrott blenden lässt!“, sagte Maron. „Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.“, sagte Shimar. „Es würde zu lange dauern, es dir zu erzählen.“, sagte Maron. „Ist das etwa eine Einladung in deinen Kopf?“, fragte der tindaranische Telepath. Maron nickte erschöpft. „Also gut.“, sagte Shimar und begann damit, eine geistige Verbindung zu seinem Vorgesetzten aufzubauen. Jetzt sah er das ganze Malheur.

„Du liebes bisschen!“, rief er aus, nachdem er wieder von Maron abgelassen hatte. „Aber du hättest, gerade als ausgebildeter Spionageoffizier, doch wissen müssen, dass zumindest die Wahrscheinlichkeit besteht, dass Tolea und Diran ausspioniert worden sind und Sytanias Vendar bereits mit einer Falle auf den armen Diran warten könnten. Ich meine, hier sitzt der Einzige, der das klären könnte. Lass IDUSA und mich doch einfach die interdimensionale Schicht nach Spuren von Sensorenstrahlung absuchen, die darauf hindeuten könnten. Erst dann können wir tatsächlich sagen, ob alles in Ordnung ist, oder ob nicht. Aus eurem Gespräch ging ja leider nicht der genaue Wortlaut von Toleas Befehl hervor. Den zu kennen, könnte uns unter Umständen noch helfen. Aber vielleicht kann sie ihn uns ja sagen.“

Er steckte seinen mitgebrachten Neurokoppler an einen Port an der Konsole vor sich an und wartete bis IDUSA seine Tabelle geladen hatte. Dann sagte er: „IDUSA, verbinde mich mit Sianach!“ „Bedaure, Shimar.“, gab der Rechner zurück, nachdem sie einen vergeblichen Versuch gestartet hatte, die von Shimar gewünschte Verbindung aufzubauen. „Das geht leider nicht. Laut ihrem Sprechgerät kann der Ruf nicht angenommen werden, da sie gerade selbst spricht. Das zweite Rufzeichen ist sogar hier auf der Station. Es ist die Arbeitskonsole in Zirells Bereitschaftsraum.“ „Na, dann ist ja gut.“, atmete Maron auf. „Sicher versucht Zirell gerade bei ihr auszubügeln, was ich verbockt habe.“ „Das kann ich mir gut vorstellen.“, antwortete Shimar.

Er verließ den Platz. „Was hast du vor?“, fragte Maron mit leichter Irritation ob seines Verhaltens. „Ich halte mein Versprechen.“, sagte Shimar und stellte sich wieder abwartend neben den Stuhl des ersten Offiziers. „Was für ein Versprechen?“, fragte Maron. „Das Versprechen, dass ich Zirells Platz nur dann räumen würde, wenn du reden würdest.“, antwortete mein Freund. „Das hast du zwar nicht ganz freiwillig getan. Ich musste etwas nachhelfen. Aber immerhin.“ „Das ist wohl richtig.“, gab der demetanische Agent zu. „Aber ich bin froh, dass du es getan hast. Sonst säßen wir wohl jetzt noch so hier.“ „Schätze ich auch.“, sagte Shimar. „Warum wolltest du eigentlich nicht darüber reden?“ „Das weiß ich selbst nicht.“, sagte Maron. „Ich schätze, dass ich mir einfach keine Blöße geben wollte vor dir, der du ja eigentlich mein Untergebener bist.“ „Aber ein sehr hilfreicher!“, sagte Shimar fest. „Ohne mich hätte dein Problem dich sicher jetzt total gelähmt und du wärst nicht mehr dienstfähig gewesen, wie ich das einschätze. Ich sage auch niemandem etwas. Das eben bleibt unter uns.“ „OK.“, sagte Maron. Dann gaben er und Shimar sich die Hand drauf.

Zirell und Joran war es tatsächlich gelungen, Kontakt zu Sianach zu bekommen. Sie war zwar überrascht, so schnell schon wieder von der Besatzung der tindaranischen Basis zu hören, dennoch hörte sie sich geduldig Zirells Entschuldigung an: „Es tut mir leid, Sianach, dass mein erster Offizier dich so abgespeist hat. Ich weiß, dass du von ihm, als einem ausgebildeten Agenten, eigentlich mehr erwartet hättest. Aber manchmal sieht er den Wald vor lauter Bäumen nicht.“ „Na ja.“, scherzte die Vendar zurück. „Vielleicht hatten wir einfach schon zu lange Frieden.“ „Ich habe mich doch wohl verhört!“, sagte Zirell. „Hast du nicht.“, sagte Sianach. „Aber es war beileibe nicht so ernst gemeint, wie es vielleicht für dich geklungen haben mag.“ „Sag doch gleich, dass du einen Witz gemacht hast.“, sagte die tindaranische Kommandantin, der man ihre Anspannung sehr gut anmerken konnte, auch dann, wenn man selbst kein Telepath war.

Zirell und Joran sahen, wie sich Sianach in ihrem Stuhl zurücklehnte. Dann fragte sie: „Warum genau wolltet ihr denn jetzt noch einmal mit mir sprechen?“, fragte sie. „Ich möchte mehr über die Sache mit dem Bann erfahren.“, sagte Zirell. „Aber das könnte dir doch Joran sicher viel besser erklären als ich.“, gab eine sehr verwunderte Sianach zurück. „Ich möchte es aber von dir erfahren.“, sagte Zirell mit sehr mildem Tonfall. „Sieh es doch einfach als eine Form der Abbitte meinerseits, weil Maron dich so enttäuscht hat.“ „Das hat Maron El Demeta in der Tat.“, sagte die Vendar und legte nachdenklich den Kopf schief. „Aber ich will gern versuchen, dir alle Fragen zu beantworten. Was willst du wissen?“

Zirell ließ eine Weile verstreichen, in der sie nachdachte. Sie wollte auf keinen Fall etwas vergessen. Es wäre ihr zu peinlich gewesen, Sianach noch einmal stören zu müssen, nur weil ihr noch etwas eingefallen war. Dann aber räusperte sie sich, zog ein Pad, das sie schreibbereit machte und sagte dann: „Zuerst möchte ich wissen, wie du überhaupt darauf gekommen bist, dass dein Mann unter dem Bann stehen könnte. Ich meine, hat er es dir gesagt, oder woher weißt du davon?“ „Ein Vendar sieht, wenn ein anderer unter dem Bann steht.“, entgegnete Sianach. „Es war sein Blick. Hast du schon einmal jemanden gesehen, der unter Hypnose stand, Anführerin Zirell?“

Der älteren Tindaranerin lief es eiskalt den Rücken herunter. Sianachs Frage hatte sie an jene Momente erinnert, in denen sie Sytanias armen Opfern ansichtig geworden war. „Das habe ich allerdings, Sianach.“, sagte Zirell mit angeekeltem Unterton und trug das Stichwort hypnoseähnlich in ihr Pad ein. „Dann weißt du ja sicher, wie so etwas aussieht.“, setzte Sianach aufgrund der neuen Informationen voraus. „Das stimmt.“, sagte Zirell. „Ansonsten hätte ich mit Ishan darüber geredet. Er hat sicher genug Daten zu dem Thema.“ „Davon gehe ich auch aus.“, sagte Sianach. „Du weißt ja, dass ich ihn länger und besser kenne als ihr alle.“ Zirell nickte und fuhr dann fort: „Also, Sianach. Du hast es also in seinen Augen gesehen. Aber ist es wirklich so, dass er da gar nichts machen kann? Ich meine, Warum sollte Tolea ein solches Risiko eingehen? Sie wird sich doch wohl denken können, dass das auch schiefgehen kann.“ „Ich denke.“, sagte Sianach. „Dass sie unter Umständen sehr fertig war von der Vision, die sie gehabt hat. Ich meine, immerhin hat sie das Ende aller Welten gesehen, Anführerin Zirell.“ „Ich könnte mir schon vorstellen.“, sagte Zirell etwas flapsig, um Sianach aufzuheitern. „Dass so eine Aussicht auch eine gestandene Mächtige aus den Socken hauen kann. Wie sicher bist du übrigens, dass Diran tatsächlich gezwungen ist, es jedem Vendar zu erzählen, dem er begegnet? Es wäre gut, wenn du den genauen Wortlaut des Banns kennen würdest. Dann könnten wir uns unter Umständen überlegen, wie wir Diran helfen können.“ „Den genauen Wortlaut des Banns kenne ich leider nicht, Anführerin Zirell.“, gab Sianach zu. „Diran hat ja nur gesagt, dass ihm Tolea befohlen hätte, es jedem, der von seiner Art ist, zu sagen.“ „Ups!“, machte Zirell und schaute mitfühlend. „Das ändert die Situation. „Wenn er es wirklich jedem Vendar, dem er begegnet, auf die Nase binden muss, birgt das tatsächlich ein gewisses Risiko. Pass auf, Sianach! Wir werden folgendes vereinbaren: Ich schicke Shimar mit seinem Schiff in die interdimensionale Schicht. Dort wird er nach Sensorenstrahlung suchen, die darauf hinweisen könnte, dass das Raum-Zeit-Kontinuum auf technologischem Wege von Sytanias Vendar ausspioniert worden ist. Falls er etwas findet, werden wir beratschlagen, was getan werden kann und muss. Gibt es irgendeine Möglichkeit, den Bann von ihm zu nehmen?“ „Das weiß ich nicht genau.“, sagte Sianach. „Aber ich bin sicher, wenn es eine gibt, dann findet ihr sie. Ich vertraue dir und deinen Leuten, Zirell El Tindara.“ Sie beendete die Verbindung mit erleichtertem Gesicht.

Zirell hatte aufgeatmet und sich Joran zugewandt. „Was weißt du über diese Sache mit dem Bannwort, was sie nicht wissen könnte?“, fragte sie den Vendar, von dem sie sich in dieser Situation einen Durchbruch an Informationen erhoffte. Sie hatte zwar gegenüber Sianach versucht, souverän zu wirken, aber in Wahrheit hatte sie keine Ahnung, was sie hätten tun sollen. Sicher ging ihr die Möglichkeit durch den Kopf, Diran aufzugreifen und ihn solange in der Sicherheitszelle zu halten, bis Tolea eingetroffen sei, um den Bann von ihm zu nehmen und zu sehen, was sie angerichtet hatte, Aber wenn sie darüber nachdachte, dass sie Diran damit vielleicht sehr großes Leid zufügen könnte, verwarf sie diesen Gedanken gleich wieder. Wenn Sianach mit ihrer Vermutung Recht haben sollte, war es für derartige Maßnahmen sicher ohnehin zu spät.

Joran hatte sich am Kopf gekratzt und damit signalisiert, dass er stark nachdachte. Auf gar keinen Fall wollte er seine Anführerin enttäuschen, wusste aber auch, dass er sie nicht belügen durfte. „Im Prinzip.“, sagte er. „Kann ich nur bestätigen, was dir Sianach gesagt hat, Zirell El Tindara.“, sagte der Vendar. „Was würde geschehen, wenn wir Diran gefangen nehmen würden?“, fragte Zirell. „Ich meine, es gäbe ja einen Vendar, mit dem er über alles sprechen könnte.“ „Sicher nicht nur einen.“, sagte Joran. „Wenn sich meine Leute von New-Vendar-Prime mit mir abwechseln würden, könnte das Verlangen, den Befehl seiner Herrin unbedingt auszuführen, sogar fürs Erste bei Diran befriedigt werden. Wenn wir dann parallel nach Tolea suchen und ihr aufzeigen, was sie angerichtet hat, können wir Diran vielleicht sogar helfen. Aber ich befürchte, dass es dafür bereits zu spät sein könnte, Anführerin. Du kennst Telzan. Du weißt, wie durchtrieben und wachsam er ist und dass er jede Gelegenheit nutzen wird, um zu verhindern, dass wir seine und Sytanias Pläne stören. Mit wir meine ich wir alle. Wir alle, die wir schon des Öfteren erfolgreich zusammengearbeitet haben, um ebendies zu tun. Dazu gehören auch Tolea und Kairon.“ „Da bringst du mich auf etwas.“, sagte Zirell. „Denkst du, dass Kairon von Toleas Missgeschick weiß?“ „Ich weiß es nicht, Anführerin.“, sagte Joran. „Aber was würde uns das bringen?“ „Falls wir Diran tatsächlich habhaft würden und noch nichts passiert sei.“, spekulierte Zirell. „Könnte er doch mit Sicherheit den Bann aufheben, oder? Ich meine, für den Fall, dass Tolea sich uneinsichtig zeigen sollte und nicht merkt, was sie für einen Fehler gemacht hat.“ „Das halte ich nur dann für möglich.“, sagte Joran. „Wenn er stärker ist als seine Schwester. „Wenn er schwächer oder gleichstark ist, geht das nicht. Auch ein einzelner Tindaraner könnte das nicht, weil ihr mental schwächer seid.“ „Verstehe.“, sagte Zirell. „Aber über all diese Planspiele können wir uns Gedanken machen, wenn es so weit ist. Ich werde Shimar auf jeden Fall erst einmal losschicken.“ „In Ordnung.“, sagte Joran und ging mit ihr aus dem Raum in die Kommandozentrale zurück.

Sie wurden dort bereits von Shimar und Maron erwartet. Der junge Patrouillenflieger sah seine Vorgesetzte auffordernd an. „Gut, dass du da bist, Shimar.“, sagte Zirell. „Ich habe nämlich einen Spezialauftrag für dich. Flieg mit IDUSA in die interdimensionale Schicht und finde heraus, ob es dort Reste von Sensorenstrahlung gibt, die auf Spionageaktivitäten von Sytanias Vendar hinweisen könnten. Jenna wird IDUSA bereits für dich warten.“

Der pflichtbewusste Pilot ließ erleichtert die Luft aus seinen Lungen entweichen. Dann sagte er: „Genau auf diesen Befehl hatte ich gehofft, Zirell.“ „Was soll das bedeuten?“, fragte die ältere Tindaranerin etwas unwirsch. „Weißt du etwa schon Bescheid?“ „Ich habe da was läuten hören.“, sagte Shimar, dem jetzt erst bewusst wurde, dass er durch seine Äußerung unter Umständen Maron sehr kompromittiert haben könnte.

Das, was jetzt aber geschah, hätte Shimar wohl selbst nie für möglich gehalten. „Ich habe mit ihm über meinen Fehler gesprochen, Zirell.“, sagte der erste Offizier und unternahm damit eine Flucht nach vorn. „Ich weiß, so etwas ist bestimmt nicht üblich, aber ich denke, Shimar wird das nicht ausnutzen und demnächst hier eine Meuterei vom Zaun brechen.“ „Und ich hatte die leise Hoffnung, dir gezeigt zu haben, wie ich über diesen Umstand denke.“, sagte Shimar, schaute zuerst dramatisch übertrieben enttäuscht wie ein Theaterschauspieler und grinste dann umso breiter. „Wie bitte habe ich denn das zu verstehen.“, fragte Zirell. „Genauso, wie er es gesagt hat.“, sagte Maron, um für Shimar in die Bresche zu springen. „Er war in meinem Kopf und hat sich dort das ganze Ausmaß der Katastrophe angesehen, das ich fabriziert habe.“ „OK.“, sagte Zirell und schaute ihn teils ernst, teils aufmunternd an. „Dann hoffe ich, dass die Sache nicht noch für dich zum Bumerang wird.“, sagte Zirell. „Na, darauf warte ich offen gestanden schon.“, sagte Maron. „Bisher ist es ja immer so gelaufen.“

„Na, zum Glück hast du ja mich.“, sagte Shimar und schob sich auch körperlich in den Vordergrund, indem er einen großen Schritt nach vorn tat. „Ich denke, IDUSA und ich werden die Folgen für dich schon klein halten.“ „Na dann leg los, du Held.“, sagte Maron scherzend. „Darauf kannst du dich verlassen.“, sagte Shimar und warf Zirell noch einen fragenden Blick zu. „Du kannst gehen.“, sagte die tindaranische Kommandantin freundlich. „OK.“, gab Shimar zurück und war lockeren Schrittes und mit schwingenden Armen aus der Tür.

Maron, Zirell und Joran waren jetzt wieder miteinander allein. „Was habt ihr gemacht?“, wollte Zirell jetzt von ihrem ersten Offizier genau wissen. „Er hat das ganze Gespräch zwischen Sianach und mir in meinem Geist nachgelesen.“, sagte Maron. „Ich hatte ihn dazu eingeladen, weil selbst mir klar geworden ist, dass ich vielleicht zu voreilig mit meiner Beruhigung für Sianach war. Ich habe mich dafür so geschämt, dass ich es nicht über meine Lippen bringen konnte. Also musste er …“ „Schon klar.“, sagte Zirell. „Aber das ist ja schon einmal ein riesiger Fortschritt. Wenn ich bedenke, dass dir am Anfang deine kleinen Patzer noch nicht einmal bewusst waren, dann …“ „Na ja.“, sagte Maron. „Mit einem hat Sytania wohl Recht. Ich bin eben ein Pannemann, wie er im Buche steht. Mir wurde zugetragen, dass ihre Vendar in dieser Weise über mich lästern sollen.“

Joran stellte sich in die Mitte des Raums, so dass Zirell und Maron ihn gut sehen konnten. Dann sagte er: „Das halte ich durchaus für möglich, Agent Maron. Aber du solltest dir das nicht so zu Herzen nehmen, sonst wird es irgendwann zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.“ „Ich werde deinen Ratschlag beherzigen, Joran.“, sagte Maron. „Das wäre sicher sehr weise von dir.“, entgegnete der Vendar. „Ach übrigens, darf ich gehen, Anführerin Zirell?“ „Ja.“, sagte Zirell. Geh ruhig schlafen. Du hattest ja schließlich hier die ganze Nacht Wache gehalten.“ „Ich danke dir.“, sagte Joran und ging ebenfalls aus dem Raum.

Kapitel 9: Erschreckende Erkenntnisse

von Visitor

 

Jenna war im Maschinenraum von 281 Alpha dabei, Shimars Schiff für seine Patrouille vorzubereiten. Dabei half ihr Shannon, mit der die hoch intelligente Halbschottin gleich ein Gespräch über ihre nächtliche Eskapade anfing. Shannon hatte ihr nämlich gleich zu Arbeitsbeginn davon berichtet. Sie hatte es besser gefunden, falls noch etwas passieren sollte. „So, so.“, sagte Jenna. „Sie haben sich also den Wanst mit Pralinen vollgeschlagen. Darf man erfahren, was der Grund dafür war? Ich meine, selbst Sie halte ich für vernünftig genug, so eine Tortur Ihrem Magen nicht unbedingt mit Absicht zuzumuten, auch wenn Sie mir jetzt sicher in alt bekannter Weise widersprechen werden. Ich bin überzeugt, dass selbst Mr. O’Neill so etwas Dummes nie getan hätte.“ „Müssen Sie mir so den Wind aus den Segeln nehmen, Jenn’?“, fragte die blonde Irin missmutig. „Aber wenn Sie es genau wissen wollen, ich hatte einen Grund zum Feiern!“ „Oh.“, sagte Jenna. „Und da haben Sie vor lauter Partystimmung ihre Gesundheit vergessen. Na, das muss ja eine wilde Party gewesen sein! Darf ich wissen, was Sie gefeiert haben?“ „Oh ja.“, sagte Shannon und warf ihrer Vorgesetzten einen genießerischen Blick zu. „Das dürfen Sie. Ich hatte sogar erst vor, Sie einzuladen, aber dann habe ich mir das doch überlegt. Hätte nämlich Ihren Ruf als Genie ruiniert.“ „Upsi!“, frotzelte die brünette Chefingenieurin. „So schlimm?“

Sie zog ihre Assistentin aus dem Wartungsschacht des Schiffes wieder auf die Station zurück. Vorher entschuldigte sie sich noch beiläufig bei Shimars Schiff: „Entschuldige uns bitte kurz, IDUSA.“, und setzte sich dann mit ihr wieder auf zwei Plätze an einer Arbeitskonsole. „So.“, sagte sie dann. „Jetzt sagen Sie mir aber bitte, was da letzte Nacht so Aufregendes passiert ist, dass Sie glauben, wenn Sie mich einbezogen hätten, meinen Ruf zu ruinieren.“

Shannon lief rot an. „Nun sagen Sie schon.“, insistierte Jenna. „So schnell haut mich nichts um. Das wissen Sie doch und falls ich mich bei irgendeiner Sache einmal geirrt haben sollte, springe ich auch nicht gleich aus dem Fenster.“ Sie grinste. „Davon wäre hier im Weltraum auch abzuraten.“, sagte Shannon. „Die Schwerelosigkeit würde zwar dafür sorgen, dass Sie nirgendwo aufprallen, aber das All ist ziemlich frei von Sauerstoff um diese Jahreszeit, wenn Sie mich fragen.“ Jenna lachte. „Na sehen Sie.“, sagte sie danach. „Ich weiß also, dass so etwas für mich total ungesund wäre. Außerdem bin ich ja nicht Sytania. Die ist ja so von sich eingenommen, dass sie …“ „Das hätte bei ihr nur keine Konsequenzen.“, sagte Shannon. „Obwohl ich der alten Hexe schon manchmal den Tod an den Hals gewünscht hätte. Aber das wäre auch nich‘ gut wegen der Dimensionen. Ich weiß es ja.“ „Na ja, Assistant.“, sagte Jenna. „Wir Sterblichen haben den Luxus, dass bei uns in Gedanken alles erlaubt ist, weil unsere Gedanken keine unmittelbare Wirkung auf die Elemente oder Dinge haben.“ „Das gilt aber nur für Nicht-Telepathen.“, sagte die blonde Irin ergänzend. „Sehr richtig.“, lobte Jenna. „Und was sind die meisten Terraner und somit auch Sie?“ „Sie meinen also.“, sagte Shannon. „Ich darf denken, was ich will?“ McKnight nickte. „Uff!“, machte Shannon. „Was für ’ne Erleichterung!“

Jenna war aufgefallen, dass sie ihr eigentliches Thema total aus den Augen verloren hatten. „Noch einmal zu Ihrer Party zurück.“, sagte Jenna. „Was hatten Sie noch gefeiert?“ „Ich hatte gefeiert.“, sagte Shannon. „Dass mir etwas gelungen ist, von dem Sie immer wieder behauptet haben, es sei unmöglich.“ „Wovon reden Sie?“, fragte Jenna neugierig. „Von Sprechkontakt zu Tabran und Shiranach, unseren Freunden aus dem Tembraâsh!“

Jenna blieb vor Staunen und Verwirrung der Mund weit offen stehen. „Was haben Sie da gerade gesagt, Shannon?!“, fragte sie mit leicht alarmiertem Blick. „Das ist unmöglich! Die Wächterin des Tembraâsh hat eine mentale Barriere um die Dimension errichtet, die jeglichen Sensorenkontakt abhält. Auch elektromagnetische Wellen kommen nicht durch, geschweige denn kann die Dimension angeflogen werden. Das tut sie, damit die alten praktizierunfähigen Vendar dort sicher vor Nachstellungen ihrer früheren Opfer sind. Wie wollen ausgerechnet Sie …?“ „Ich habe geahnt, dass Sie mir nicht glauben.“, sagte Shannon. „Deshalb habe ich IDUSA das Gespräch auch aufzeichnen lassen. Tja, meine Rufe kommen anscheinend überall durch.“ Sie grinste.

„So komisch finde ich das gar nicht!“, sagte Jenna alarmiert, nachdem sie über die eventuellen Gründe, aus denen so etwas doch möglich sein könnte, nachgedacht hatte. „Aber lassen Sie uns sehen, was da letzte Nacht passiert ist. „Wie kamen Sie überhaupt dazu, es zu probieren?“ „Ich war wohl in Experimentierlaune.“, sagte die technische Assistentin und ließ IDUSA die Aufzeichnung abspielen, nachdem sie und Jenna ihre Neurokoppler umgesteckt hatten.

Vor ihren geistigen Augen erschien der Umriss von Shannons Quartier. „Schön haben Sie’s.“, stellte Jenna lächelnd fest, nachdem ihr Blick über einige private Einrichtungsgegenstände der blonden Irin gewandert war. An den Wänden beispielsweise waren viele Bilder von grünen Wiesen mit sehr vielen Blumen und noch mehr Schafen zu sehen. In einer Ecke stand ein als Tischchen umfunktioniertes Whiskyfass. Shannon waren sie jetzt auch ansichtig geworden. Sie saß auf einem der typischen tindaranischen Sitzkissen, welches sie allerdings mit einem grünen Bezug bezogen hatte. Jenna dachte sich, dass sie dies wohl an ihre irische Heimat erinnern sollte. Vor ihr auf dem Tisch sah Jenna eine Arbeitskonsole, an die ein Neurokoppler angeschlossen war. Diesen hatte die Shannon aus der Aufzeichnung auf dem Kopf.

„Haben Sie IDUSA schon vorher befohlen, mit der Aufzeichnung zu beginnen?“ fragte die Technikerin ihre Assistentin. „Jops!“, machte Shannon und lehnte sich cool zurück. „Wenn, dann wollte ich, dass alle alles mitbekommen können.“ „Warum haben Sie überhaupt so etwas in Betracht gezogen?“, fragte die hochintelligente Halbschottin, der noch immer nicht ganz klar war, was O’Rileys Motiv für das Experiment sein konnte. „Wollten Sie mir etwa eins auswischen?“ „Wo denken Sie hin?!“ sagte Shannon entrüstet. „Dazu habe ich doch nun wirklich keinen Grund. Ihre Genialität hat uns oft genug den Arsch gerettet! Da sollte ich doch eher dankbar sein als eifersüchtig, oder?“ „Shannon!“, meinte Jenna empört. „Worüber sind Sie denn jetzt gestolpert?“, fragte Shannon verwundert. „Wenn Sie es so genau wissen wollen.“, setzte McKnight an. „Über den Arsch.“ „Faszinierend!“, lachte Shannon. „Ich wusste gar nich’, dass man darüber stolpern kann. Aber Sie kriegen wohl alles hin. Außerdem wissen Sie doch wohl, wie ich rede.“ „Oh ja.“, bestätigte Jenna. „Das weiß ich.“

Sie legte den rechten Zeigefinger an ihre Lippen, denn sie befürchtete wohl, dass sie einiges verpassen könnten, wenn sie sich weiter in ihre Unterhaltung vertieften, ohne IDUSA zu befehlen, die Aufzeichnung abzubrechen oder einzufrieren. Hier kam es auch bald zu einer Situation, die sehr entscheidend sein sollte. Die Shannon in der Aufzeichnung befahl dem Stationsrechner jetzt nämlich: „IDUSA, verbinde mich über das interdimensionale Relais mit dem Rufzeichen von Tabrans Sprechgerät in dessen Haus!“ „Ich weise Sie darauf hin.“, entgegnete der Rechner, dessen Avatar jetzt auch im Hintergrund zu sehen war. „Dass dies nicht möglich sein wird. Die Dimension Tembraâsh ist auf konventionelle Weise mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht zu erreichen. Sie kann weder angeflogen, noch können Rufzeichen in ihr auf konventionelle Weise angesprochen werden.“ „Du sagst höchstwahrscheinlich, IDUSA.“, sagte die Shannon in der Aufzeichnung. „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit denn, he?“ „Exakte 99,93581 %, Shannon.“, sagte IDUSA. „OK.“, sagte die blonde Irin und grinste verschmitzt. „Dann habe ich ja noch einen kleinen Teil eines Prozents, auf das ich bauen kann.“ „Rein rechnerisch stimmt das.“, bestätigte der Stationsrechner. „Aber dieser Teil ist verschwindend gering.“ „Is’ mir schnurz!“, flapste Shannon. „Versuch’s trotzdem!“ „Vertrauen Sie etwa auf das buchstäbliche und sprichwörtliche Glück der Iren?!“, wollte der Rechner jetzt etwas nachdrücklicher wissen. Ihr war total unklar und es mochte für sie auch total unlogisch und unvernünftig anmuten, warum Shannon eine mathematisch so kleine Chance überhaupt wahrnehmen wollte. „Die Kandidatin hat 100 Gummikekse!“, flapste Shannon. Sie machte aber auch keinen Hehl daraus, dass sie schon etwas ungeduldig und genervt von den vielen Fragen IDUSAs war. „Und nun mach!“ „Ich hoffe.“, erwiderte IDUSA. „Dass Sie später nicht zu enttäuscht sein werden.“ „Das werde ich schon nich’.“, sagte Shannon und lehnte sich zurück.

Es vergingen einige Sekunden, in denen nichts geschah. Jenna und Shannon sahen nur einer weiteren Shannon zu, die nervös an den Nägeln kaute.

Plötzlich schreckte die Shannon in der Aufzeichnung zusammen. IDUSA musste ihr das Gefühl gegeben haben, sie anzutippen. „Was is’?!“, sagte Shannon alarmiert. „Sie werden es nicht für möglich halten.“, begann der Rechner und der Avatar vor Shannons geistigem Auge machte ein verblüfftes und ungläubiges Gesicht. „Aber mir ist tatsächlich das gelungen, was bei allen Physikern als höchst unwahrscheinlich gilt. Offensichtlich ist an der Legende über das Glück der Iren doch etwas dran.“ „Natürlich is’ da was dran, IDUSA!“, sagte Shannon etwas mürrisch. „Was dachtest du denn? Na gib schon her!“

Der Avatar vor ihrem geistigen Auge wich einige Schritte zurück, um dem zwar etwas verschneit wirkenden, aber dennoch erkennbaren Bild Shiranachs Platz zu verschaffen. Sofort hatte Shannon die alte Vendar erkannt. „Hi, Shiranach!“, rief sie hoch erfreut aus. „Lange nix mehr von dir gehört! Wie haben wir’s denn so? Was macht dein Ehegespenst?!“

Shannon hatte sich vorgestellt, den Sendeknopf auf der virtuellen Konsole, die IDUSA ihr zeigte, losgelassen zu haben, damit Shiranach auch eine Möglichkeit bekam, zu Wort zu kommen. „Shannon El Taria?“, fragte die alte Vendar mit ungläubigem Staunen in Stimme und Gesicht. „Live, in Farbe und Lebensgröße!“, frotzelte Shannon zurück. Ihr war offensichtlich noch nicht klar, was ihre Kommunikationsexperimente für Folgen haben sollten. Wie sollte es auch, denn dies überstieg bei weitem ihren Horizont. „Aber was hast du denn?“, fragte sie. „Freust du dich denn gar nich’, mit deiner alten Freundin Shannon zu plaudern? So ’ne frostige Begrüßung hätte ich ja man gar nich’ erwartet.“ „Bitte, Shannon El Taria!“, sagte Shiranach und klang dabei sehr besorgt. „Wir müssen dieses Gespräch beenden!“ „Wieso denn das?“, fragte Shannon überrascht. „Wir haben ja noch gar nich’ richtig damit angefangen.“ „Dieses Gespräch dürfte es gar nicht geben!“, sagte Shiranach und klang fast schon verzweifelt. Offensichtlich verstand sie nicht, was da gerade passierte. „Na gut?“, sagte Shannon übertrieben und spielte die beleidigte Leberwurst. „Wenn du nich’ mit mir quatschen willst, dann vielleicht dein Mann. Na nun raus mit der Sprache! Wo is’ Taby, der alte Haudegen?!“ „Er ist draußen und wartet unser Schiff.“, sagte Shiranach. Dabei wurde sie immer aufgeregter. „Er wird jetzt keine Zeit haben und ich habe leider auch keine mehr.“ Damit beendete sie die Verbindung. „Was is’ mit der denn los?“, fragte die Shannon aus der Aufzeichnung halblaut sich selbst. „Na ja. Sehen wir morgen weiter.“ Sie grinste: „IDUSA, Aufzeichnung beenden. Meine kleine einsame Party muss ja nich’ jeder mitkriegen.“ Das Bild von Shannons Quartier verschwand.

„Jenn’?“, eine wohl bekannte männliche Stimme hatte sie angesprochen. Es war eine sehr junge Stimme gewesen, die McKnight, trotz sie mit dem Gesicht von demjenigen fortgedreht war, der sie angesprochen hatte, sofort erkannte. „Oh, Shimar.“, sagte sie und klang dabei sehr erschrocken, was der junge Tindaraner auch zur Kenntnis genommen hatte. Auf solche akustischen Merkmale zu achten, hatte er von mir längst sehr gut gelernt.

„Was ist denn los?“, fragte Shimar. „Man könnte ja den Eindruck bekommen, ihr hieltet mich für einen Geist, Shannon und du.“ „Oh nein.“, entgegnete die hoch intelligente Halbschottin und die blonde Irin nickte beifällig. „Dann sagt mir doch bitte was ihr habt!“, insistierte Shimar. „So kenne ich euch nämlich gar nicht.“

Jenna zog den tindaranischen Piloten hinter eine Säule: „Komm mit!“ Dann flüsterte sie ihm zu: „Es könnte sein, dass IDUSA und du Schwierigkeiten bekommt. Deshalb solltest du ihr unbedingt befehlen, eine technische Verbindung mit dem Rechner hier aufrecht zu erhalten, damit ich, wenn es nötig sein sollte, sofort Korrekturen an der Software für ihren interdimensionalen Antrieb vornehmen kann.“ „Du machst mir Angst, Jenn’.“, sagte Shimar ebenfalls sehr leise. „Aber was ist denn mit ihrem Antrieb. Ich meine, wenn da was nicht stimmt, dann muss ich wohl Joran fragen, ob er mir sein Schiff leiht. Mit Zirell und Maron wäre das doch sicher leicht und schnell abzusprechen. Deshalb braucht ihr doch nicht so …“ „Du bist total auf dem Holzweg.“, sagte Jenna schnell, um ihn zu unterbrechen. Gleichzeitig wollte sie das Gespräch aber auch schnell hinter sich haben und ihm die offensichtlich schlechte und vor allem gefährliche Nachricht schnell überbringen. „Jorans Schiff würde die gleichen Schwierigkeiten haben.“ „Bei den Göttern, Jenn’!“, rief Shimar aus und fasste sie an den Schultern. „Jetzt rede doch endlich. Du bist doch sonst nicht auf den Mund gefallen!“ „Es sind nicht die Schiffe, sondern die Dimensionen!“, stieß Jenna mit blassem Gesicht hervor. „Es gibt Hinweise darauf, dass sich irgendwas in ihnen gefährlich verändert. Es gibt wahrscheinlich eine Verschiebung der Ladung der Teilchen in der interdimensionalen Schicht. Sicher bin ich noch nicht. Den endgültigen Beweis könnten nur IDUSA und du erbringen. Deshalb will ich die technische Verbindung ja auch.“ „Oh Mann!“, sagte Shimar und verzog das Gesicht, als hätte er gerade in eine sehr saure Zitrone gebissen. Als ausgebildeter Flieger konnte er sich wohl schon denken, was so eine Ladungsverschiebung für Konsequenzen haben konnte. Sicherheitshalber beschloss er aber, noch einmal bei der physikalisch sehr begabten Jenna nachzufragen. „Könnte das dazu führen, dass IDUSAs interdimensionaler Antrieb nicht funktioniert?“ „Ich denke schon.“, sagte die Chefingenieurin, die Shimar nichts vormachen wollte. „Es kann aber auch bedeuten, dass du nicht dort landest, wohin du willst, oder dass IDUSA überhaupt kein Feld aufbauen kann. Ihr Antriebsfeld, das vom interdimensionalen Antrieb produziert wird, ist ja in gewisser Weise geladen. Es trifft auf die Ladung in der Schicht. Dann erfolgt eine Reaktion zwischen den Beiden, die den Flug ermöglicht. Wenn sich jetzt die Ladung verschiebt, kann es sein, dass auch die Reaktion anders ausfällt. Deshalb will ich die Funktion ja überwachen und gegebenenfalls eingreifen können.“ „Schon klar, Jenn’.“, sagte Shimar und ließ sie los, um ihr tröstend über den Kopf zu streichen. „Tut mir leid, dass ich dich gerade so hart angefasst habe.“ „Ach, Schwamm drüber.“, wiegelte Jenna ab. „Da habe ich schon weitaus Schlimmeres erlebt. Aber ihr solltet echt vorsichtig sein.“ „Das werden wir auch.“, versicherte Shimar. „Du kennst uns doch. Aber wie kommst du überhaupt darauf, dass es eine Ladungsverschiebung gegeben hat und was bedeutet das im Klartext für uns alle? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es nur Auswirkungen auf IDUSAs und meinen Flug haben wird und damit Ende.“

Jenna wurde sehr traurig und nachdenklich. „Nun sag schon.“, drängte Shimar. „Ich habe nämlich auch schon Schlimmeres erlebt. Bedenke bitte, dass ich mich sogar schon geistig mit Sytania selbst duelliert habe und dabei ganz allein war. Was Schlimmeres kann es doch gar nicht geben, oder?“ „Du irrst dich!“, sagte Jenna fest, die froh war, dass er sie für einen Moment auf ein anderes Thema gelenkt hatte. „Soweit ich mich erinnere, hat dir Kamurus ganz gut geholfen!“ „Terranische Haarspalterin!“, grinste Shimar. „Ich gebe es ja zu. So war es ja auch. Aber wir schweifen schon wieder ab. Was könnte auf uns alle zukommen, Jenna?!“

McKnight war erschrocken. Zum ersten Mal in diesem Gespräch hatte er nicht ihren Spitznamen verwendet. Das deutete für sie stark darauf hin, dass es ihm wirklich ernst sein musste.

„Gehen wir zurück zu Shannon und setzen wir uns.“, schlug sie vor. „OK.“, sagte Shimar langsam und zögerlich, denn er hatte irgendwie ein sehr ungutes Gefühl bei der Sache, dennoch folgte er Jenna vertrauensvoll, die ihm zielstrebig zu ihrem und Shannons Arbeitsplatz voranschritt.

Dort angekommen winkte Jenna ihrer Assistentin: „Beenden Sie bitte die Wartungsarbeiten an Shimars Schiff, Shannon! Ich habe mit Shimar selbst noch etwas zu besprechen.“ „OK.“, sagte die blonde Irin schlaksig und nahm ihre Werkzeugtasche aus dem Regal, die sie vor ihrem Gespräch mit Jenna hier deponiert hatte.

Jenna zeigte auf den jetzt freigewordenen Platz und setzte sich selbst auf den zweiten Sitz. Shimar nahm neben ihr Platz. „Wenn das so weiter geht.“, sagte Jenna dann. „Könnte die Verschiebung der Ladung zu starken Problemen innerhalb der Dimensionen führen und ich meine alle Dimensionen!“ „Uff.“, machte Shimar. „Das wird es mir sehr schwer machen, Zirells Befehl auszuführen. Aber es würde bestätigen, was Sianach gesagt hat.“ „Sianach?“, fragte Jenna verwundert. „Was hat sie denn damit zu tun?“ „Sianach hat uns alle vor dem Weltuntergang gewarnt.“, fasste der Telepath zusammen, was er in Marons Geist gesehen hatte. „Maron wollte ihr nicht glauben und jetzt will Zirell, dass IDUSA und ich nach Spuren von Sensorenstrahlung in der interdimensionalen Schicht suchen, die darauf hindeuten, dass Sytanias Vendar ihre Sensorenplattform dazu benutzt haben, um das Raum-Zeit-Kontinuum auf technologischem Wege auszuspionieren. Diran, Sianachs Ehemann, der wie du weißt Tolea dient, ist von ihr unter den Bann gestellt worden, jedem Vendar, dem er begegnet, sagen zu müssen, was geschehen wird und was wir planen.“

Wieder erschrak Jenna. Durch ihre Beziehung mit Joran wusste sie über diverse Dinge sehr gut Bescheid, die das Wesen der Vendar angingen. Sie wusste auch alles über das Bannwort und dessen Konsequenzen. Außerdem schoss ihr jetzt auch Wissen in den Kopf, das von den alten zeitländischen Herrschern stammte, von denen sie ja schon einen in ihrem Körper beherbergt hatte. Lord Grandemought hatte ja damals allen gesagt, dass genau so etwas passieren konnte. Ohne den richtigen Schlüsselreiz würde das Wissen nicht freizusetzen sein. Aber wenn er gesetzt würde, dann würde Jenna genau das Passende erfahren und alle anderen dann von ihr. Der Lord hatte das mit Absicht so eingerichtet, denn er hatte die Vermutung, dass selbst Jennas Gehirn mit dem Wissen der alten Zeitländer auf einmal überfordert wäre. Außerdem wusste er nicht, ob alle anderen schon reif genug dafür waren. Von der Gefahr, dass es in falsche Hände geraten könnte, ganz zu schweigen.

„Allen Vendar?!“, sagte Jenna erschrocken. „Laut dem, was ich aus Marons Geist lesen konnte.“, sagte Shimar. „Könnte das wohl sein. Sianach konnte sich nicht an den genauen Wortlaut des Banns erinnern, weil sie nicht dabei war. Sie hat es nur an seinem Blick auf dem Schirm gesehen und aus seinen Äußerungen erfahren. Zirell hat noch einmal mit ihr gesprochen. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass Tolea diesen Fehler gemacht hat.“

Jenna ließ erleichtert die Luft aus ihren Lungen entweichen. „Du kannst dir also denken, was ich meine.“, sagte sie. „Natürlich kann ich das!“, bekräftigte Shimar. „Ich bin doch nicht mit dem Klammersack gepudert! Aber so etwas Ähnliches sagte Sianach tatsächlich.“ „Oh nein!“, sagte Jenna. „Falls du wirklich Spuren von Spionage finden solltest, würde das ja bedeuten, dass …“ „Das würde wohl heißen.“, sagte Shimar. „Dass Zirell mir den Befehl erteilen könnte, Diran aufzubringen, bevor er noch was Dummes anstellt, ohne es zu wollen. Ich mag gar nicht dran denken, was passieren könnte, wenn er Telzan oder einem seiner Leute begegnet.“ „Genau darum geht es ja.“, sagte Jenna. „Ich denke, darum sollst du auch suchen. Wenn du Entwarnung geben kannst, ist ja alles OK, aber …“ „Wer weiß, wie lange das her ist.“, unterbrach Shimar sie. „Unter Umständen ist es schon zu spät und die Ladungsverschiebung hat ihr Übriges dazu getan. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass da nichts war. Vorsichtig sein müssen wir allemal. Das ist zumindest meine Meinung.“ „Da wirst du von mir keinen Widerspruch hören.“, sagte Jenna.

Shannon hatte ein Diagnosepad an einen Port an einer Konsole in IDUSAs Cockpit angeschlossen. „Soweit ich das hier sehe.“, sagte sie. „Schnurrst du wie ein Kätzchen, Schiffchen.“, und grinste flapsig. „Der Patrouille steht nix im Wege.“ „Ich danke Ihnen, Shannon.“, sagte die Stimme des Rechners. „Aber da gibt es noch etwas, über das ich mit Ihnen sprechen möchte. Techniker McKnight macht sich Sorgen, nicht wahr? Das würde ich zumindest aus ihren medizinischen Werten und ihrem Verhalten schließen.“ „Das stimmt wohl, IDUSA.“, sagte Shannon ein wenig mürrisch. „Die macht sich ins Hemd, weil ich einen kleinen Plausch mit Tabran und Shiranach hatte. Eigentlich nur mit Shiranach und die war auch noch total kurz angebunden. Aber so genau nehmen brauchen wir’s ja nich’.“ „Mit wem haben Sie gesprochen?“, fragte IDUSA. „Sie sollten wissen, dass dies unmöglich ist.“ „Das hat deine Kollegin auch gemeint.“, äußerte sich Shannon flapsig über den Einwand des Stationsrechners. „Bis ich sie eines Besseren belehrt habe.“ „Haben Sie etwa Ihre Programmierkenntnisse ausgenutzt, um sie zu manipulieren?!“, fragte der Avatar des Schiffes empört. „Wenn Sie so vorgegangen sein sollten, werde ich Sie melden müssen.“ „Hey, halt die Luft an.“, sagte Shannon. „Hältst du mich wirklich für so eine Verbrecherin?! Ne, ne! Ich habe ihr nur gesagt, dass sie es trotz aller mathematischen Einwände versuchen soll. Ihre Sicherheitsmaßnahmen habe ich nich’ ausgehebelt! Für wen hältst du mich denn?! Jetzt bin ich aber enttäuscht!“ „Es lag mir fern, Sie zu enttäuschen, Shannon.“, sagte IDUSA. „Aber ich wollte nur sichergehen.“ „Schon klar.“, sagte Shannon. „Aber du weißt doch, dass ich eigentlich ’ne ganz Liebe bin.“ „Sicher.“, sagte das Schiff.

Shannon entfernte das Diagnosepad. Jetzt war ihr Neurokoppler ihre einzige Verbindung zu IDUSA. „Was haben Sie denn erreichen können?“, fragte diese und ihr Avatar machte ein neugieriges Gesicht. „Oh ’ne Menge!“, prahlte Shannon. „Entgegen aller Berechnungen haben wir nämlich doch eine Verbindung mit Tabrans Rufzeichen zustande gekriegt, deine Kollegin und ich. Nur, Shiranach hat total verängstigt reagiert. Warum verstehe ich nich’. Ich war’s doch nur, die gute alte Shannon!“ „Vielleicht war gerade das die Schwierigkeit.“, mutmaßte IDUSA. „Na hör mal!“, sagte Shannon empört. „Was willst du mir denn damit sagen?“ „Sicher nicht das, was Sie jetzt vielleicht denken mögen.“, beschwichtigte IDUSA. „Das hat mit Ihnen persönlich sicher nichts zu tun, aber vielleicht mit der Tatsache, dass das Tembraâsh eigentlich weder per SITCH noch per Flug zu erreichen ist, wenn die Wächterin das nicht möchte.“ „Na ja.“, sagte Shannon. „Vielleicht hatte sie ja ihren großzügigen Tag. Jenna ist jedenfalls total durch den Wind wegen der Sache. Sie macht ’n riesiges Gewese drum. Kann ich überhaupt nich’ verstehen.“

„Wie war die Qualität der Verbindung?!“, fragte IDUSA sehr eindringlich, nachdem sie einige Daten ausgewertet hatte. „Ach.“, machte Shannon. „Du nich’ auch noch.“ „Oh doch!“, sagte das Schiff und ihr Avatar hob bedrohlich den rechten Zeigefinger vor Shannons geistigem Auge. „Aber, wenn du’s unbedingt wissen musst, sie war mies! Total mies! Das Bild war total verschneit und der Ton, Oh Backe. Irgendwann wurde es dann zwar besser, aber nur ganz langsam.“ „Hätte es diese Auswirkungen gegeben, wenn die Wächterin Ihrem Gespräch mit Shiranach zugestimmt hätte?!“, fragte das Schiff. „Ich glaube nich’.“, brummte Shannon. „Ich glaube, dann wäre die Qualität gleich gut gewesen.“

Sie dachte kurz nach, eine Tatsache, die bei Shannon selten genug vorkam, zumindest ihren eigenen Angaben nach. Dann sagte sie: „Oh verdammt!“ „Genau.“, bestätigte das Schiff. „Ich für meinen Teil glaube, dass etwas die mentale Mauer, die von der Wächterin um Tembraâsh gelegt wird, langsam aufweicht und sie nichts dagegen tun kann, warum auch immer. Aber ich denke, dass wir gerade dieses Warum auch immer herausfinden sollen.“ „Da drauf kannst du gepflegt einen lassen!“, sagte Shannon. „Oder auch zwei oder drei, wie ich Zirell kenne, wird sie sicher nich’ sehr begeistert davon sein, wenn sie das erfährt und Shimar und dich losschicken, um zu gucken, was da Sache is’.“ „Davon gehe ich auch aus.“, sagte IDUSA. „Werden Sie es Commander Zirell selbst sagen, oder werden Sie warten, bis Techniker McKnight das getan hat.“ „Das erledige ich lieber selbst.“, sagte Shannon. „Ich finde es nämlich total unangenehm, von der eigenen Vorgesetzten ans Messer geliefert zu werden. Aber andererseits, wenn da was is’ und mein Experiment hat das zutage gefördert, dann muss sie es ja sogar vielleicht sagen. Wenn die Welt untergeht, nützt uns Loyalität schließlich auch nix mehr. Aber wenn Zirell Bescheid weiß, lässt sich da vielleicht noch was machen.“ „Ganz Ihrer Ansicht, Shannon.“, sagte IDUSA.

Shimar betrat den Ort des Geschehens. „Ist sie flugbereit?“, fragte er. „So bereit, wie sie nur sein kann.“, sagte Shannon flapsig, um ihre jetzt doch leicht ins Ängstliche gekippte Stimmung zu verheimlichen. Sie wusste zwar, dass ihr Gegenüber Telepath war, sie ihm also eigentlich nichts vormachen konnte, hoffte aber trotzdem, er würde es nicht bemerken.

Sie ging an Shimar vorbei und verließ das Schiff in seine genaue Gegenrichtung. Jetzt waren er und das Schiff allein. Sofort zog der Tindaraner seinen Neurokoppler aus der Tasche und schloss ihn an, was IDUSA veranlasste, sofort seine Reaktionstabelle zu laden. „Guten Morgen, Shimar.“, sagte sie und ihr Avatar lächelte freundlich. „Hi, IDUSA.“, gab Shimar zurück. „Ist alles klar bei dir?“ „Ja.“, sagte das Schiff. „Laut Shannons Analyse bin ich putzmunter wie ein Fisch im Wasser. Unserem gemeinsamen Flug dürfte also nichts im Wege stehen.“ „OK.“, sagte Shimar. „Dann sollten wir so schnell wie möglich starten. Übrigens, Jenna möchte, dass du Verbindung mit dem Rechner im Maschinenraum hältst. Sie meint, etwas könnte in der interdimensionalen Schicht nicht stimmen und deshalb möchte sie eingreifen können, wenn es nötig werden sollte.“ „Könnte das mit dem in Zusammenhang stehen, was in der letzten Nacht geschehen ist?“, fragte IDUSA. „Keine Ahnung.“, gab Shimar Unwissen vor. „Was ist denn in der letzten Nacht geschehen?“ „Shannon hat Kontakt mit Shiranach gehabt.“, sagte IDUSA. „Das würde bestätigen, was mir Jenna gesagt hat.“, sagte Shimar. „Sie erklärt es mit einer Verschiebung der elektrischen Ladung in den Teilchen in der interdimensionalen Schicht. Deshalb sollten wir so schnell wie möglich losfliegen, solange wir es noch können.“ Er gab ihr den Gedankenbefehl zum Start, den IDUSA bereitwillig ausführte.

Shannon und Jenna hatten erleichtert den Start beobachtet. „Was machen wir jetzt mit der Situation, Jenna?“, fragte Shannon. „Ganz einfach.“, sagte die hoch intelligente Halbschottin. „Sie übernehmen hier und ich gehe zu Zirell und sage ihr Bescheid.“ „OK.“, sagte Shannon und sah zu, wie ihre Vorgesetzte mit ernstem Ausdruck im Gesicht den Maschinenraum verließ.

Kapitel 10: Erste Versuche der Aufklärung

von Visitor

 

In der Zwischenzeit war Shiranachs Sorge immer größer geworden. Nein! Das durfte einfach nicht sein! Wie konnte es jemandem gelingen, per Kommunikation die schützende Barriere zu überwinden, die von der Wächterin zum Schutz der praktizierunfähigen Vendar aufgebaut worden war? War ihr etwas zugestoßen? War sie krank? Diese Fragen ließen die alte und sehr herzliche Vendar nicht in Ruhe. Wenn etwas passiert war, dann musste man ihr dringend helfen!

Shiranach beschloss, nach ihrem Mann zu suchen. Tabran würde sicher Rat wissen, wie so oft in solchen Situationen. Sie wusste ja ungefähr, wo sie ihn finden konnte.

Langsamen Schrittes, da ihre Beine ihr nicht so recht gehorchen wollten, ging sie aus dem Haus. Sie wusste, dass Tabran höchstwahrscheinlich beim Schiff war, das sich auf dem Hinterhof befand. Wohl war ihr nicht bei der Sache. Wenn sie sich ausmalte, was eventuell geschehen sein konnte, wurde es ihr heiß und kalt und ihre Gesichtshaare stellten sich auf, ein Zeichen dafür, dass es ihr bei dem Gedanken daran ziemlich übel wurde. Der Weg erschien ihr wie eine Tagesreise.

Endlich hatte sie das Schiff erreicht, aber von Tabran war weit und breit nichts zu sehen. „Du kannst mir nicht zufällig sagen, wo Tabran ist?“, wendete sie sich an das augenscheinlich leer vor ihr liegende Schiff. Da sie aber nicht in Richtung des Außenmikrofons des Rechners gesprochen hatte, erhielt sie keine Antwort. Resignierend lehnte sie sich an die Schiffshülle.

„Telshanach?“ Eine ihr wohl bekannte tiefe ruhige männliche Stimme hatte sie angesprochen. Zögernd drehte sich Shiranach um. Jetzt erst erkannte sie Tabran, der ihr aufgrund seiner schmutzigen Uniform und dem nicht gerade viel reinerem Gesicht zuerst sehr fremd erschienen war. „Oh, Tabran!“, schluchzte sie und warf sich in seine Arme. Es war ihr egal, dass ihre Kleidung jetzt auch schmutzig wurde. „Es ist etwas Schreckliches passiert! Etwas sehr Schreckliches! Die Wächterin! Oh ihr Götter! Ich glaube, sie ist …“ Sie brach in Tränen aus.

Tabran hatte jetzt seinerseits die Arme um seine völlig aufgelöste Frau gelegt. „Oh, Shiranach.“, flüsterte er. „Meine arme liebe Shiranach. Was ist denn geschehen, das dich so bestürzt gemacht hat?“

Er half ihr, sich ins Gras zu setzen und setzte sich dann so neben sie, dass er ihren Rücken gut stützen und somit auch als ihre Lehne fungieren konnte. Tabran dachte sich, dass jede Art von Anlehnung ihr sehr gut helfen konnte und er ahnte, dass diese Hilfe mehr als nötig sein würde. Außerdem reichte er ihr viele Tücher, die er aus seinen Taschen geholt hatte. Sie waren zwar ebenfalls sehr schmutzig, das machte ihr aber nichts. Er musste sie bei der Wartung des Schiffes für irgendwelche Säuberungsaktionen benutzt haben. Aber das war ihr egal, als sie den Inhalt ihrer Nase in sie entließ. Auch ihre Tränen wischte sie sich mit ihnen ab.

Endlich, nachdem die Vendar einige Male tief durchgeatmet hatte, gelang es ihr, sich so weit zu beruhigen, dass sie Tabran schildern konnte, was vor einigen Stunden geschehen war. „Ich habe mit Shannon El Taria gesprochen.“, sagte sie mit immer noch leicht verweinter Stimme. „Mit wem?“, fragte Tabran und sah sie irritiert an. „Das ist doch unmöglich! Du weißt, dass das nicht geht, wenn die Wächterin es nicht will.“ „Das weiß ich.“, sagte Shiranach. „Deshalb ist es mir ja auch so unheimlich! Die Verbindung, weißt du? Sie war sehr schlecht und wurde dann langsam immer besser. Aber wenn die Wächterin gewollt hätte, dass ich mit Shannon El Taria Kontakt aufnehme, dann hätte sie doch gleich dafür gesorgt, dass die Qualität gut ist, oder?“ „Davon würde ich ausgehen.“, überlegte Tabran halblaut. „Aber du hast Recht, meine kluge und aufmerksame Telshanach. Irgendetwas stimmt hier nicht. Wir müssen wohl davon ausgehen, dass entweder mit der Wächterin, oder den Dimensionen etwas ist. Lass uns ins Haus gehen und den Kontaktkelch holen. Dann werden wir mit der Wächterin Kontakt aufnehmen und sie fragen, ob sie uns sagen kann, was los ist.“ „In Ordnung.“, sagte Shiranach und folgte ihrem Ehemann zunächst zum nahen Brunnen, wo er sich die Hände grob abspülte. Auch Shiranach tat es ihm mit ihrem Gesicht gleich. Als sie sich aber über den Rand beugte, musste sie laut lachen, denn die beiden Spiegelbilder, die sie dort im Wasser des Brunnens sah, fand sie doch sehr lustig. „Schau uns an!“, rief sie laut kichernd aus. „Schau, wie schmutzig wir sind!“ „Oh ja.“, sagte Tabran. „Wir sind schon zwei echte Dreckspatzen, nicht wahr?“ Auch er musste lachen.

„Was hast du eigentlich da genau gemacht, dass du so schmutzig geworden bist?“, wollte Shiranach wenig später wissen. „Ich musste eine Landestütze erneuern.“, sagte Tabran. „Der Mishar hatte mich schon länger darauf aufmerksam gemacht, dass sie einen Riss hatte, der auf Materialermüdung zurückzuführen war. Jetzt habe ich endlich Zeit gehabt, das zu erledigen. Wenn ich das nicht getan hätte, wäre die Stütze bei der nächsten Landung gebrochen und das Schiff wäre instabil geworden. Das hätte uns und alle, die bei uns gewesen wären, mit ziemlicher Sicherheit töten können.“ „Wie umsichtig du doch bist.“, sagte die alte Vendar und küsste ihren Mann mit ihrem zahnlosen Mund auf seinen. „Das muss man auch sein, wenn man Verantwortung für ein eigenes Raumschiff hat.“, sagte Tabran. „Die Wächterin hätte es uns sicher nicht gegeben, wenn sie nicht sicher gewesen wäre, dass wir mit dieser Verantwortung umgehen können.“ Das sehe ich genauso.“, sagte Shiranach.

Sie hakte sich bei Tabran unter und beide gingen in Richtung ihres Hauses. Dort angekommen holte Tabran sofort den Kontaktkelch aus einem Schrank und die beiden Vendar setzten sich mit ihm an den kleinen runden Tisch, vor dem zwei Sitzkissen lagen, auf die sie sich setzten. Dann legte Tabran seine rechte Hand auf den Fuß des Kontaktkelchs und gab Shiranach seine linke Hand in ihre rechte, worauf diese ihre linke Hand ebenfalls auf den Fuß des Kelchs legte. Nun war der Kreis geschlossen und beide begannen damit, sich das Bild der Wächterin des Tembraâsh vorzustellen, wie sie es kannten.

Bald darauf erschien sie auch vor ihren geistigen Augen in der Gestalt der schönen starken und gesunden jungen Vendar, als die sie Tabran und Shiranach kannten. Die Götter seien gelobt und gepriesen!, dachte Tabran. Du bist also nicht krank. Nein, das bin ich nicht., erwiderte die Wächterin. Aber wartet ab. Ich werde zu euch stoßen. Dann können wir viel besser reden. Weicht bitte etwas vom Kelch zurück!

Tabran und Shiranach taten, wie ihnen die Wächterin gerade geheißen hatte. Alsbald zerriss ein weißer Blitz die Luft. Dann stand sie vor ihnen. Sofort eilte Tabran in eine andere Ecke des Wohnzimmers, wo sich weitere Sitzkissen auf einem Stapel befanden, holte eines und legte es zwischen die zwei anderen auf den Boden. Dann zeigte er darauf: „Bitte setz dich.“ Die Wächterin nickte mild und tat dies. Nun saß sie genau zwischen Tabran und Shiranach, die sie fast mitleidig ansahen. „Warum seht ihr mich so an?“, erkundigte sich die Wächterin. „Und was meintest du damit, ich könnte krank sein, Tabran?“ „Meine Frau war in Sorge.“, berichtete Tabran. „Sie konnte nämlich mit Shannon El Taria reden, obwohl das eigentlich unmöglich sein sollte. Oder hast du es etwa zugelassen?“ „Ach das meint ihr.“, sagte die Wächterin und machte ein verzweifeltes Gesicht. „Wisst ihr, es gibt da tatsächlich etwas, das ich nicht verstehe. Aber das dürft ihr den anderen Vendar nicht sagen. Es könnte eine Massenpanik auslösen. Wenn sie das Gefühl hätten, dass ich sie nicht mehr schützen kann, wäre das sehr schlecht. Sie würden Hals über Kopf flüchten. Aber dann würden sie vielleicht gerade denen in die Arme laufen, vor denen ich sie schützen will.“ „Ich weiß, wovon du redest.“, sagte Shiranach. „Du redest von unseren früheren Opfern.“ „Genau.“, sagte die Wächterin. „Und das dürfen wir nicht zulassen.“ „Sicher nicht.“, bestätigte Tabran. „Und ich schwöre bei meinem Leben, dass ich es keinem anderen Vendar hier verraten werde! Die Götter mögen meine Zeugen sein!“ „Auch ich schwöre dies!“, sagte Shiranach und hob die rechte Hand, wie es auch ihr Ehemann vor ihr getan hatte. „Das ist sehr lieb von euch.“, sagte die Wächterin. „Ich wusste, dass ich mich auf euch verlassen kann.“

Es verging einige Zeit, in der nichts geschah und sich die drei nur angeschwiegen hatten. Das war Tabran aber irgendwann zu bunt geworden und er hatte seinen Kopf langsam mit einem auffordernden Blick der Wächterin zugewandt. „Bitte sprich mit uns.“, bat er. „Du hast zwar angedeutet, dass da etwas ist, das du nicht verstehst, aber wir wissen immer noch nicht, was es ist.“ „Nun gut.“, sagte die Wächterin und legte nachdenklich die Stirn in Falten. „Da ihr mir ja geschworen habt, nichts und niemandem ein Sterbenswörtchen zu sagen, kann ich euch alles sicher anvertrauen. Aus Gründen, die ich nicht kenne, ist es mir nicht mehr möglich, den mentalen Schutzwall aufrechtzuerhalten, wie es scheint. Sonst wäre dein Gespräch mit Shannon El Taria nicht möglich gewesen, Shiranach.“ „Mit Verlaub, Wächterin.“, sagte Tabran. „Soweit waren Shiranach und ich auch schon. Das ist ja auch der Grund, aus dem sie sich Sorgen macht.“ „Ich denke.“, sagte die Wächterin. „Diese Sorgen macht sich deine Frau sogar zu Recht. Ich kann mir nicht erklären, warum das so ist. Bitte spüre nach, Tabran. Du warst ein sehr erfahrener und erfolgreicher Telepathenjäger, als du noch in Sytanias Diensten warst. Du warst ja zu deinen Glanzzeiten nicht umsonst ihr erster und oberster Vendar, bevor dein Schüler Joran dich ablöste. Was danach passiert ist, ist Geschichte. Das wissen wir ja alle. Aber ich werde mich auf dein Urteil verlassen. Komme ich dir schwächer vor, als ich es sonst bin?“

Tabran schloss die Augen und konzentrierte sich auf die mentale Prägung der Wächterin. Wie diese sich anfühlen musste, wenn sie gesund war, das wusste er genau. Ebenso genau achtete er auf jedes Detail dessen, was er spüren konnte. Er wollte ihr auf keinen Fall etwas Falsches sagen. Er hatte dies zwar lange nicht mehr getan, aber dass sie ihm trotzdem ein solches Vertrauen entgegenbrachte, ehrte ihn und er wollte sie auf keinen Fall enttäuschen. Deshalb schien er sich noch viel größere Mühe zu geben, als er es sonst getan hatte, um eventuelle Telepathen als Beute zum Aussaugen zu erspüren, als er noch praktizierfähig und damit in Sytanias Diensten war.

Geduldig hatten Shiranach und die Wächterin abgewartet. Schließlich sagte Tabran: „Ich kann beim besten Willen nichts Krankhaftes oder Schwaches an deiner Energie finden. Deine geistigen Kräfte sind intakt. Woran es sonst noch liegen könnte, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber das müsstest du, als Mächtige, doch viel besser beurteilen können. Schließlich hast du universelles Wissen.“ „Das habe ich auch.“, sagte die Wächterin. „Aber anscheinend gibt es hier etwas, das selbst mein Wissen übersteigt. Vielleicht sehe ich aber auch den Wald vor lauter Bäumen nicht.“ „Könnte vielleicht eine Sterbliche …“, setzte Shiranach an, aber Tabran verbot ihr mit einer strengen Geste den Mund. „Nein! Lass sie sprechen!“, tadelte ihn jetzt die Wächterin dafür. „Du weißt, dass ich keine von den Mächtigen bin, die sich einen Zacken aus der Krone brechen, wenn sie Hilfe von einem oder einer Sterblichen annehmen! Ich bin nicht Sytania, wie ihr wisst und ich bin auch keine Frau ihres Schlages!“ „Bitte vergib mir, Wächterin.“, sagte Tabran und senkte beschwichtigend den Kopf. „Das war wohl die Macht der Gewohnheit. Du hast mich gerade an Sytania erinnert, als du um meine Hilfe ersucht hast. Da bin ich wohl wieder in alte Muster zurückgefallen.“ „Ich nehme deine Entschuldigung an.“, sagte die Wächterin ruhig. „Aber ich weiß nicht, wie es bei deiner Frau aussieht.“ „Auch ich nehme seine Entschuldigung an.“, sagte Shiranach. „Gut.“, sagte die Mächtige. „Dann hätten wir das ja geklärt. Aber von welcher Sterblichen genau hast du gesprochen, Shiranach. Ich meine, es gibt viele, denen ich die Lösung dieses Problems durchaus zutrauen würde. Die Sterblichen fangen ja gerade erst an, die Geheimnisse der Dimensionen zu verstehen. Sie sind noch lange nicht so betriebsblind wie wir Mächtigen es meiner Ansicht nach im Laufe der Äonen von Jahren geworden sind. Ich halte tatsächlich für möglich, dass gerade ihnen deswegen Dinge auffallen könnten, die uns verborgen bleiben. Mir fallen da eine Menge Sterbliche ein, denen ich das zutrauen würde. Sowohl Männliche, als auch Weibliche. Aber da du von einer Sterblichen gesprochen hast, Shiranach, schließe ich erst einmal alle Männer aus.“ „Und du kannst auch gleich mich ausschließen.“, sagte die alte Vendar bescheiden. „Ich denke nämlich, dass ich nicht dazugehöre. Ich kenne aber den Namen von einer, der dies bestimmt möglich ist. Sie versteht mehr von Astro-Physik und Dimensionskunde als wir alle zusammen. Sie lebt in Astra Tindaria auf Basis 281 Alpha.“ „Dann sprichst du mit Sicherheit von Jenna McKnight.“, sagte die Wächterin. „Genau von der rede ich!“, bestätigte Shiranach. Niemand außer ihr dürfte uns jetzt helfen können.“ „Das ist eine sehr gute Idee.“, sagte Tabran und stand auf, um sein Werkzeug, das er in einer schwarzen Tasche mit sich geführt hatte, wieder zu schultern. „Ich werde ein letztes Mal das Schiff überprüfen und dann werden wir Astra Tindaria aufsuchen. Anführerin Zirell und Jenna McKnight werden uns sicher sehr gern helfen.“ „Dann werde ich euch die Barriere öffnen.“, sagte die Wächterin. „Nein!“, sagte Tabran entschieden. „Jedes Mal, wenn du das tust, spüren wir das alle. Das könnte Fragen aufwerfen und das wolltest du doch gerade verhindern. Aber ich denke, dass es uns auch so möglich sein könnte, die Dimension zu verlassen. Es war SITCH-Wellen möglich, die Barriere zu durchdringen, also könnte das bestimmt bei den momentan herrschenden Bedingungen auch ein Schiff im interdimensionalen Modus!“ „Willst du das wirklich riskieren?!“, fragte die Wächterin erschrocken. „Ja, das will ich!“, bekräftigte Tabran und auch Shiranach sagte: „Wo mein Mann hingeht, da will auch ich hingehen, Wächterin! Verlasse dich auf uns!“ „Nun gut.“, sagte die Wächterin teils erleichtert, teils besorgt. Sie konnte sich denken, was auf dem Spiel stand. „Dann werde ich wieder gehen.“ „Das ist auch besser so.“, sagte Tabran. „Ich möchte auch nicht, dass du uns mit Hilfe deiner mentalen Fähigkeiten zusiehst. Ich weiß ja auch nicht, ob es wirklich so klappt, wie wir uns das denken.“ „Na gut.“, sagte die Wächterin mild. „Ich verspreche es.“ Dann war sie in einem weißen Blitz verschwunden.

Tabran wandte sich Shiranach zu und küsste sie. „Ich finde es sehr mutig von dir, Telshanach.“, sagte er. „Dass du mit mir kommen willst. Ich werde, wenn alles so eintritt, wie ich es vermute, nämlich deine Hilfe benötigen.“ „Die bekommst du auch.“, versicherte Shiranach. „Aber nun geh bitte und kümmere dich um unser Schiff. Sie sollte doch sicher auch gut in Form sein, wenn wir das versuchen, oder?!“ Sie grinste verschmitzt. „In der Tat.“, lächelte Tabran zurück und ging. Shiranach begann damit, einige Sachen für die Reise zusammenzupacken.

Kapitel 11: Meroolas Einstand im ehrlichen Leben

von Visitor

 

„Guten Morgen, du Langschläferin!“ Eine kesse helle Stimme hatte Meroola geweckt. „Hey! Wer stört da meinen Schönheitsschlaf?!“, fragte sie mürrischen Ausdrucks und drehte sich herum. Dabei bemerkte sie erst jetzt, dass sie in ein Kraftfeld gefallen war, das verhindern sollte, dass sie von der schmalen Bank, auf der sie lag, herunterfiel und sich verletzte. „Huch?!“, fragte sie irritiert. „Wo bin ich?“

Noch etwas schwindelig stand sie auf und tastete in dem für sie im Moment sehr fremd erscheinenden Raum herum. Außer ein paar Sitzen und einer Konsole bemerkte sie aber nichts, das ihr ihrer Meinung nach hätte weiterhelfen können. Erst als ihre rechte Hand auf der Konsole den Neurokoppler ertastete, wurde ihr langsam bewusst, wo sie sich befand.

Meroola setzte sich wieder auf den Pilotensitz und setzte den Neurokoppler auf. Kamura registrierte dies und lud folgsam ihre Tabelle. „Na.“, grinste ihr Avatar Meroola an. „Sind wir noch nicht ganz wach heute Morgen?“ „Ob du wach bist, weiß ich nicht.“, sagte Meroola. „Aber ich war es offenbar tatsächlich noch nicht. Hast du irgendwas mit mir gemacht? Ich meine, ich habe geschlafen wie ein Stein. So gut war das schon lange nicht mehr.“ „Hm, ja.“, gab Kamura kleinlaut zu. „Ich habe dir gestern Abend über einen modifizierten Sensor in der Bank Alpha-Wellen injiziert, weil ich mir Sorgen gemacht habe, ob du in der fremden Umgebung meines Cockpits wohl schlafen kannst. Ich meinte es nicht böse. Bitte verzeih mir. Ich wollte dir nur etwas Gutes tun, damit du vor deinem Vorstellungsgespräch gut ausgeschlafen bist.“ „Hey.“, beruhigte Meroola sie. „Ich bin dir nicht böse, Kamura. Im Gegenteil! Ich finde es sehr gut, dass du mir auf diese Weise helfen willst. Dann sieht Mr. Kingsley zumindest gleich, dass ich eine ganz ausgeschlafene Person bin.“ Meroola grinste, als sie das sagte. „War das ein Witz?“, fragte Kamura, die sich der doppelten Bedeutung des Satzes ihrer Pilotin durchaus bewusst war. „Ja.“, bestätigte Meroola. „Ich dachte einfach, ich übe schon einmal ein bisschen. Wenn man sich im real existierenden Humorismus auf eine Stelle bewirbt, sollte man doch den einen oder anderen lockeren Spruch auf Lager haben, findest du nicht?“ „Na ja.“, sagte das Schiff. „Das könnte vielleicht hinkommen, wenn er auch Celsianer wäre. Aber Mr. Kingsley kommt zweifelsfrei von der Erde.“ „Aber er wird lange genug auf Celsius gelebt haben, um sich anzupassen.“, argumentierte Meroola. „Außerdem, wenn Celsius seine Wahlheimat geworden ist, wird er sich bestimmt nicht ohne Grund dafür entschieden haben. Er wird auch ein sehr humorvolles Kerlchen sein, denke ich. Sonst wäre er bestimmt nach Vulkan oder wo anders hingezogen, wo es viel ernster ist. Nein, nein, Kamura. Das muss schon so, wie ich es mache. Verlass dich auf mich. Ich habe eine einigermaßen gute Menschenkenntnis. Die hat mir ja auch in meinem Vorleben als Betrügerin so manchen Gewinn eingebracht. Auch da musste ich mein Gegenüber ja einschätzen können.“ „Ich hoffe aber.“, sagte Kamura und ihr Avatar hob mahnend den rechten Zeigefinger vor Meroolas geistigem Auge. „Dass ich diese Meroola nie zu sehen bekommen werde.“ „Keine Sorge.“, versicherte die soeben Erwähnte. „Die Meroola ist tot! Lang lebe Meroola, die Ehrliche!“ „Hoffentlich wirst du dich auch immer daran erinnern.“, sagte Kamura und ihr Avatar machte ein skeptisches Gesicht. „Das werde ich!“, versicherte Meroola und hob sogar die rechte Hand zum Schwur.

Ein Geräusch und ein merkwürdiges Gefühl in ihrer Magengegend ließen sie plötzlich aufmerken. „Mann, habe ich einen Kohldampf!“, sagte sie laut und deutlich. „Ich glaube, da kann ich was machen.“, sagte Kamura. Dann ertönte ein Signal und Meroola sah zum Auswurffach des Replikators hinüber. Darin stand eine Tasse mit terranischem Kaffee und ein Teller mit einem größeren Brötchen mit demetanischem Kräuterkäse. „Woher wusstest du, dass mir genau danach ist?“, fragte Meroola, während sie den Teller und die Tasse zu sich heranzog und den Neurokoppler abzog, um damit wieder nach hinten zu gehen. „Du hattest den Neurokoppler auf.“, sagte Kamura. „Deine Gedanken waren für mich ein offenes Buch.“ „Ach so.“, sagte Meroola. Aber führst du jeden Befehl gleich aus, den du empfängst?“ „Nicht zwangsläufig.“, beruhigte das Schiff seine wohl etwas verwirrte Pilotin. „In den meisten Fällen vergleiche ich die Befehle mit der Situation und meinen moralischen Unterprogrammen. Aber da diesem Befehl ja weder moralisch noch situationsbedingt etwas im Wege stand, fand ich es schon in Ordnung, dir dein Frühstück zu servieren. Aber ich glaube, ich weiß schon, worauf du hinaus willst. Falls wir auf unserer Reise zum Beispiel jemandem begegnen, der dich am SITCH so lange nervt, bis du ihm am liebsten den Tod an den Hals wünschst, werde ich nicht sofort die Waffen aktivieren.“

Meroola gab einen Laut der Erleichterung von sich, schloss den Neurokoppler an einem Port in der Wand neben der Rückbank des Cockpits an und biss in ihr Brötchen. „Wofür hast du mich denn gehalten?“, fragte Kamura etwas betroffen. „Tut mir leid.“, sagte Meroola mit vollen Backen. „Ich wollte dich nicht beleidigen. Es war nur, weil du ja noch sehr jung und unerfahren bist. Ich dachte, du könntest vielleicht einiges nicht einordnen können und dann …“ „Wenn das so wäre.“, sagte Kamura. Dann hätte ich bestimmt nicht darauf bestanden, dass du wirklich ehrlich werden willst. Erinnerst du dich noch an gerade?“ „Und ob!“, bekräftigte Meroola. „Also, deine Moral ist intakt. Das ist sehr gut. Dann kannst du mich ja erziehen, falls ich wieder in alte Muster zurückfalle.“ „Wie hast du dir das denn vorgestellt?“, wollte das Schiff wissen. „Na ja.“, sagte Meroola. „Du hast bewiesen, dass du dich allein steuern kannst, wenn es nötig ist. Falls ich also wieder kriminell werde, drohe mir doch einfach damit, mich der nächsten Polizeibehörde auf dem nächsten Planeten auszuliefern und auf nimmer Wiedersehen zu verschwinden. Sollte ich dann immer noch kein Einsehen zeigen, machst du die Drohung einfach wahr. Haben wir einen Deal?“ „Den haben wir.“, bestätigte Kamura. „Dann ist ja alles gut.“, sagte Meroola zufrieden und nahm einen tiefen Schluck aus ihrer Tasse.

Es verging einige Zeit, in der Meroola nur schweigend ihr Frühstück genoss, bis sie aufgegessen und ausgetrunken hatte. Dann fragte sie: „Wie spät haben wir es eigentlich, Kamura?“

Das Schiff zeigte ihr das Display der Kommunikationskonsole. Hier konnte Meroola gut und gleichzeitig etwas erschrocken sehen, dass es schon 14:00 Uhr nach celsianischer Ortszeit in der nördlichen Hemisphäre war. „Ups.“, machte Meroola. „Ich sollte mich beeilen!“ „Warte!“, sagte Kamura. „So lasse ich dich nicht gehen. Wir wollen doch, dass du auch äußerlich einen guten Eindruck bei Mr. Kingsley hinterlässt.“

Eine Leuchte am Auswurffach des Replikators führte Meroolas Aufmerksamkeit erneut dort hin. Sie zog einen eleganten Hosenanzug in Schwarz und braune flache Schuhe daraus hervor und weiße Unterwäsche. Dann folgte noch eine Tasche, in der sich ein schwarzer Overall befand. „Das ist deine Arbeitskleidung für später, wenn er dich tatsächlich einstellen sollte.“, erklärte Kamura. „Alles klar.“, sagte Meroola und begann damit, sich zu entkleiden. „Das Sonntagszeug ist dann wohl für jetzt.“ Kamuras Avatar vor ihrem geistigen Auge nickte.

Ein weiteres Signal kündigte noch einmal das Benutzen des Replikators an. Jetzt bekam Meroola noch ein Gerät, das man als die mobile Version einer Schalldusche bezeichnen könnte. Jedenfalls war die Wirkung die gleiche, als sie damit über ihren Körper ging. Das Gerät hatte ein schlankes Gehäuse und lag gut in der Hand. Auch einen Aufsatz zum Zähneputzen gab es. „Du hast ja wirklich an alles gedacht.“, sagte Meroola, während sie ihren neuen weißen Helfer für die Körperpflege wieder in dem zu ihm gehörenden roten Beutel verstaute und sich dann in das sehr weiche angenehme Sonntagszeug warf, wie sie es empfand. In der Tasche ihrer Bluse fand sie sogar ein eigenes kleines Sprechgerät für den Handgebrauch.

Dann drehte sie sich um und um und fragte: „Wie sehe ich aus, Kamura?“ „Sehr schön.“, sagte das Schiff. „Mr. Kingsley wird Augen machen. Aber es geht ja hier nicht um einen Modelwettbewerb.“ „Ich weiß.“, sagte Meroola und lächelte gewinnend. „Ich werde ihn schon durch andere Qualitäten überzeugen müssen. Jetzt beam mich schon runter! Ich will nicht zu spät kommen! „Wie du willst.“, sagte Kamura und führte Meroolas Befehl aus.

Meroola fand sich wenige Sekunden darauf in einem großen hellen freundlich eingerichteten Raum wieder. Die Luft roch angenehm nach Blüten, was wohl die Schuld von einigen Raumluftbefeuchtern war, die weiß und Reinheit vermittelnd auf vier kleinen ovalen Tischchen standen, die sich jeweils in den Ecken des Raums befanden. Sie waren, gemessen an Meroolas Größe, etwa kniehoch. Um sie herum waren großzügige breite runde Sofas drapiert. Jedes dieser Sofas hatte ein Blütenmuster, das gut zu dem ebenfalls sehr blumigen Rankenmuster auf jeder der kleinen bunten Decken passte, die sich auf den Tischen befanden. Diese Sitzgelegenheiten waren sehr angenehm zu berühren, da ihr Stoff, der wohl Seide emittieren sollte, der Hand außerordentlich schmeichelte. Sie waren schön weich gepolstert und jedes von ihnen war zur Raummitte hin offen. So konnte man bequem in den jeweiligen Kreis eintreten. Auf jedem der Tische gab es einen kleinen aktiven Rechner, neben dem Datenkristalle lagen. Offensichtlich war dies ein Wartebereich. Das schloss Meroola jedenfalls aus der Einrichtung, zu der auch eine in warmen Farben gehaltene Wandbemahlung und ein ebenfalls sehr einladend gefärbter Teppich gehörten. Die Datenkristalle würden wohl Zeitschriften enthalten.

Sie sah sich weiter in dem rechteckig geschnittenen Zimmer um. Ihr nächster Blick fiel auf ein Display über einer Tür, die dem Eingang, den sie zwar zur Orientierung benutzt, aber sonst nie gesehen hatte, genau gegenüber lag. Auf diesem Display konnte sie lesen: „Sekretariat Lara Diaz. Bitte hier anmelden!“

Meroola nahm dies zwar zur Kenntnis, inspizierte den Raum aber weiter. Dabei fiel ihr auf, dass sie völlig allein in dem großen Zimmer war. Aber das gab ihr auch Gelegenheit, ihr Sprechgerät das erste Mal zu benutzen und die Situation gleich für sich zu klären, ohne dass ihr 1000 Leute zusahen.

Sie zog es also aus der Tasche und gab Kamuras Rufzeichen ein. Das Schiff war sichtlich irritiert, als es ihren Ruf entgegennahm: „Bist du schon fertig? Ich habe nicht gesehen, dass du den Raum verlassen hast, in den ich dich gebeamt habe.“ „Das habe ich auch nicht, Kamura.“, sagte Meroola. „Aber bist du sicher, dass du mich an die richtige Stelle gebeamt hast? Ich meine, hier ist keine Menschenseele außer mir.“ „Umso besser.“, sagte Kamura. „Freu dich doch! Wenn du die einzige Bewerberin bist, sind deine Chancen doch noch umso größer, oder?“ „Das würde ich so nicht sagen.“, sagte Meroola. Vielleicht sind die anderen auch nur alle krank und ihre Termine sind auf später verschoben.“

Sie hörte ein Geräusch aus dem Zimmer, dessen Tür sie vorhin gesehen hatte. „Ich muss schlussmachen, Kamura.“, sagte sie, beendete die Verbindung und steckte das Gerät schnell wieder ein. Im gleichen Moment öffnete sich die Tür und eine kleine schlanke Frau mittleren Alters trat heraus. Sie hatte ein typisch südeuropäisches Aussehen. Ihre braunen Augen unter dem schwarzen mittellangen Haarschopf lächelten Meroola zu. Diese musterte ihr Gegenüber ebenfalls sehr wohlwollend. Die Fremde maß ungefähr einen Meter sechzig, trug ein langes rotes Kleid und ebenfalls rote schmale Schuhe mit leichtem Absatz. An ihrer rechten Hand, die sie Meroola hinstreckte, trug sie einen kleinen silbernen Ring mit einem für Meroola nicht näher zu definierenden kleinen Edelstein.

„Einen wunderschönen guten Tag, Ms. Sylenne!“, lächelte sie Meroola mit einem leichten spanischen Akzent in ihrem Englisch zu. „Oh. Hi.“, erwiderte die Angesprochene wenig förmlich. „Aber ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor. Sylenne ist der Vorname meiner Mutter und das könnte zu argen Problemen und Verwirrung führen. Schließlich hat nicht sie sich hier beworben, sondern ich. Mein Name ist Meroola.“ „Oh dann verzeihen Sie bitte, Ms. Meroola.“, entschuldigte sich die Sekretärin. „Aber …“ „Ach, Schwamm drüber.“, wischte Meroola ihren Fehler weg und grinste. „Wenn man mit so vielen Leuten aus so vielen verschiedenen Spezies zu tun kriegt, die so viele verschiedene Sprachen sprechen, in denen es so viele verschiedene Regeln für Namen gibt, kann die Orientierung schon einmal flöten gehen. Ich nehme Ihnen das nicht krumm, Ms. Lara.“

Nachdem sie dies gesagt hatte, nahm Meroola eine abwartende Haltung ein. Offensichtlich wollte sie die Reaktion von Ms. Diaz abwarten. „Oh.“, sagte diese höflich. „Lara ist mein Vorname. Ich bin Terranerin. Im Allgemeinen spricht man sich in meiner Spezies mit Nachnamen an, wenn man sich noch nicht kennt.“ „Mich hat ja nur interessiert.“, sagte Meroola, „Ob Sie aufgepasst haben, Ms. Diaz. Dabei betonte sie: „Ms. Diaz!“, noch besonders. „Dann sind wir jetzt ja wohl quitt.“, lächelte Lara. „Das sind wir.“, bestätigte Meroola ebenfalls lächelnd. „Wissen Sie was? Sie gefallen mir, Meroola.“, sagte Ms. Diaz. „Wenn ich es zu entscheiden hätte, würde ich Sie sofort einstellen. Aber da hat ja Mr. Kingsley das letzte Wort.“ „Ach.“, sagte Meroola und warf ihr einen tröstenden Blick zu. „Den werde ich auch noch überzeugen. Es wäre nur sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie ihm das mit meinem Namen schon einmal erklären könnten. Er hat nämlich in der Mail an mich den gleichen Fehler gemacht. Er wird wohl nicht schlecht staunen, wenn er erfährt, dass er eigentlich meine Mutter angeschrieben hat. Der Haken ist nur, dass die gar nichts davon weiß, dass sie sich als Technikerin bei einem Pannendienst hier auf Celsius beworben hat.“ Wieder grinste Meroola. „Das werde ich.“, versprach Lara. „Das Problem ist nur, dass ich das selbst war. Mein Chef hat mir nur den Inhalt genannt, den ich dem Computer diktieren sollte. Aber ich kann ihn ja noch einmal aufmerksam machen, wenn Sie möchten. Setzen Sie sich doch solange. Der Rechner auf jedem Tisch ist auch an einen Replikator angeschlossen, der dort an der hinteren Wand steht. Wenn Sie eine Erfrischung haben möchten, oder etwas zum Lesen wünschen …“ Sie deutete auf einen der Tische. Dann sagte Sie noch: „Ich werde sie ankündigen.“, und ging wieder in das Zimmer, dessen Tür sich gleich darauf hinter ihr schloss.

Abwartend setzte sich Meroola an einen der Tische, legte einen der Datenkristalle in den Rechner und vertiefte sich in eine der Zeitschriften. Es war eine technische Fachzeitschrift über elektrisch betriebene Fahrzeuge. Als würde sie schon ahnen, was auf sie zukommen würde, schien sie dieses Thema nicht loszulassen. So intensiv, wie sie diese Zeitschrift studierte, hatte sie noch nie zuvor etwas gelesen.

In ihrem Büro hatte Ms. Diaz eine Sprechanlage betätigt, um Mr. Kingsley zu informieren: „Sir, Ms. Meroola wäre dann da.“ „Wer bitte, Lara?!“, fragte eine tiefe etwas kauzig klingende Stimme zurück. „Der Name sagt mir gar nichts.“ „Sie hat sich auf die freie Stelle in unserem Mechanikerteam beworben, Mr. Kingsley.“, erwiderte die Sekretärin, die sich sehr gut denken konnte, was die Schwierigkeiten ihres Chefs verursacht hatte, ihn aber nicht altklug berichtigen wollte. Das stand ihr nämlich ihrer Meinung nach nicht zu. Sie würde ihm aber so viele Hinweise geben, bis er selbst darauf käme.

Es vergingen quälend lange Sekunden. Endlich nahm Mr. Kingsley das Gespräch wieder auf. „Also, ich habe mir noch einmal alle Mappen angesehen, Ms. Diaz. Aber eine Ms. Meroola ist nicht dabei. Das, was dem am nächsten käme, wäre eine Ms. Sylenne, deren Vorname Meroola ist.“ „Vielleicht ist sie es ja.“, sagte Lara. „Möchten Sie Ms. Sylenne sehen? Sie wäre hier. Sie ist übrigens die einzige anwesende Bewerberin im Moment. „Also gut.“, sagte Mr. Kingsley. „Ich habe meine Zeit ja auch nicht gestohlen. Bringen Sie diese Ms. Sylenne zu mir!“ „Wird erledigt, Sir.“, sagte Lara, lächelte und beendete die Verbindung. Dann öffnete sie die Tür zum Warteraum erneut und lächelte Meroola zu: Mr. Kingsley erwartet Sie.“ „OK.“, sagte Meroola, löste sich langsam und etwas schwerfällig von der doch für sie sehr spannenden Zeitschrift und folgte Laras freundlich winkender Hand durch ihr Büro in das ihres eventuellen späteren Chefs.

Hier fiel ihr sofort die Tapete ins Auge, die ein Strandmotiv zeigte. Meroola schaute sie sich eine Weile lang an und dachte dann bei sich: So was Lockeres hätte ich ihm nicht zugetraut. Sie war heilfroh, dass ihr Gegenüber kein Telepath war. Sonst hätte sie wohl, zumindest ihrer eigenen Interpretation nach, bestimmt längst verspielt gehabt.

Der Teppich, der angenehm gelb war und somit ebenfalls eine freundliche Atmosphäre versprühte, passte auch sehr zum Motiv an der Wand mit seiner sonnigen Farbe.

Meroola ging weiter und ihr Blick fing den Schreibtisch ein. Er war in repliziertem Eichenholz gehalten. Auf ihm befand sich ein silbrig glänzender Rechner, was für diese Geräte völlig normal war. Rechts und links daneben war noch Platz, der jetzt nur durch einen einzigen Datenkristall auf der rechten Seite besetzt war. Vor dem braunen Tisch befand sich ein weißer Bürostuhl, auf dem Mr. Kingsley saß. Er maß ca. 1,80 m und war von mittlerer Statur, was seinen Körperumfang anging. Er hatte kurze rotbraune Haare. Der elegante Anzug, den er trug, war schwarz mit einer in Rot abgesetzten Knopfreihe auf der Brust. Dazu trug er ebenfalls schwarze flache Schuhe.

Neben dem Schreibtisch fand Meroola einen zweiten kleinen weißen Tisch, auf dem sich für zwei Personen Kaffeetassen befanden. Auch ein Tablett mit Zucker, Gebäck und Milch war vorhanden. Sie überlegte, ob sie sich gleich setzen sollte, oder ob es vielleicht geschickter war, erst einmal höflich abzuwarten, bis sie aufgefordert wurde. Schließlich entschied sich Meroola für das Letztere.

Mit leicht strengem Gesichtsausdruck war Mr. Kingsley in seinen Monitor vertieft gewesen. So hatte er sie zuerst nicht wirklich bemerkt. Nur aus dem Augenwinkel hatte er jene kleine Gestalt wahrgenommen, die sich ihm genähert hatte. „Ah, Ms. Sylenne.“, sagte er schließlich und streckte ihr die rechte Hand, die in ihren Augen sehr groß war, entgegen. Auch sie streckte etwas schüchtern ihre Rechte hin. „Setzen Sie sich doch.“ Meroola kam seiner Aufforderung nach.

„Hi, Mr. Kingsley.“, sagte Meroola vorsichtig. „Mein Name ist Meroola Sylenne. Wir hatten Kontakt.“ „Den hatten wir. Das ist wohl wahr.“, sagte Kingsley und vertiefte sich wieder in seinen Monitor. Dann aber sah er wieder sie an und fragte: „Vielleicht können Sie mir erklären, Ms. Sylenne, wie das kommt. Wissen Sie, ich bin etwas durch Ihr Aussehen und die Umstände irritiert. Sie sehen aus, als seien Sie eine Mischung aus Ferengi und Platonierin. Aber das ist doch medizinisch eigentlich nicht möglich, sagt die hohe Wissenschaft. Außerdem gibt es Unklarheiten wegen Ihres Namens.“ „Das stimmt alles so.“, sagte Meroola und warf lächelnd hinterher: „Tja, ich bin eben eine echte Attraktion auf jedem Jahrmarkt.“ Mit diesem Spruch hatte sie charmant darüber hinweggetäuscht, dass sie über dieses Thema gar nicht so gern redete, ohne schnippisch zu wirken. „Und mein Name ist Meroola Sylenne. Das stimmt auch. Nur ist Sylenne der Vorname meiner Mutter. Aber die steht ja jetzt hier nicht vor Ihnen. Außerdem hat sie zwei linke Hände und würde sich bedanken, wenn man sie in einer technisch orientierten Firma versuchen würde einzustellen. Da meine Mutter Platonierin ist, habe ich ihre kulturellen Sitten übernommen. Ich möchte also mit Meroola angesprochen werden. Aber Ms. Meroola geht auch.“ „Schön, Ms. Meroola.“, sagte der ältere Terraner etwas streng und distanziert, wie es offensichtlich seine Art war. Dann vertiefte er sich wieder in das Bild auf seinem Rechner.

„Sie schreiben hier.“, sagte er dann, nachdem er sich ihr erneut zugedreht hatte. „Dass Sie sich das technische Wissen autodidaktisch erarbeitet haben. Das ist sehr gut und macht mich zugegebenermaßen sehr neugierig, auf welchem Stand Sie sind. Ein paar Wochen Probearbeit hätten Sie schon einmal in der Tasche, Ms. Meroola. So etwas wie Sie ist mir eben noch nie untergekommen. Aber wenn es stimmt, was Sie hier schreiben, dann müssten Sie gut zu uns passen, auch was Ihre Qualifikationen angeht. Manchmal trifft man auf viele Verschiedene Situationen in unserer Branche und hat es auch mit vielen verschiedenen Charakteren bei der Kundschaft zu tun. Manchmal sind Sie nicht nur Mechanikerin, sondern auch Seelentrösterin. Denken Sie, Sie schaffen das?“ „Davon können Sie beruhigt ausgehen, Mr. Kingsley!“, sagte Meroola fest und mit viel Selbstvertrauen in der Stimme. „Ich werde Sie und Ihre Firma schon nicht alt aussehen lassen. Zumindest nicht älter als so mancher alter elektrisch betriebener Jeep es mit seinem Fahrer oder seiner Fahrerin tut, wenn er mitten auf der Straße stehenbleibt. Aber dafür sind wir ja da!“

Kingsley kratzte sich eine Weile lang am Kopf. Diese Weile schien Meroola schier endlos. Dann endlich drehte er sich wieder zu ihr. „Also, Ms. Meroola.“, sagte er. „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Sie gut in unser Team passen könnten. Sie haben auf jeden Fall Humor. Das wird bei Ihrem überwiegend celsianischen Kollegen sehr gut ankommen und Ihre Qualifikationen werde ich auch noch beurteilen können, wenn Sie eine Weile bei uns gearbeitet haben. Ich stelle Sie zuerst einmal ihrer neuen Partnerin vor.“

Er betätigte eine Sprechanlage, die ihn offensichtlich mit einer der Werkstätten verband. Jedenfalls konnte Meroola das aus den Geräuschen ableiten, die sie im Hintergrund des Gesprächs wahrnahm, was ihr sehr gut möglich war, da Kingsley die Anlage auf Lautsprecher gestellt hatte. „Rona, kommen Sie bitte einmal zu mir.“, sagte Kingsley zu seiner Gesprächspartnerin. „Ich habe hier einen Neuling für Sie zum Einweisen.“ „Sofort, Chef!“, kam es hell und kess von einer weiblichen jungen Stimme zurück. Meroola dachte sich, dass sie und diese Rona wohl gut zusammenpassen könnten. Ihre Stimme war ihr auf jeden Fall schon einmal sympathisch.

Wenig später betrat eine kleine Gestalt den Raum. Sie war nur 1,50 m groß, hatte aber sehr kräftig wirkende Arme und einen etwas gedrungenen Körperbau. Ihre Hände aber schienen recht schmal und damit recht geschickt zu sein. Dennoch machte ihr Händedruck Meroola gegenüber keinen sehr schwachen Eindruck, als sie ihr die Hand gab. „Hi.“, sagte die Technikerin, die Meroola wegen ihres schwarzen Overalls zunächst kaum wahrgenommen hatte. „Ich bin Rona Maryssa. Du musst die Neue sein. Gib mir deine Fünf!“ Wieder klatschte die Celsianerin in Meroolas Hand. „Hi.“, sagte Meroola sichtlich überrascht. „Meroola Sylenne. Nenn mich ruhig Mary.“ „OK, Mary.“, sagte Rona. „Dann wollen wir uns Mal beschnuppern und ich werde gucken, ob du wirklich so ’ne Frohnatur bist, wie es das Wortspiel mit deinem Namen aus dem Englischen vermuten lässt. Na komm!“ Sie warf ihrem Chef noch einen fragenden Blick zu, der ihr Vorhaben nur abnickte. Dann zog sie Meroola aus der Tür.

Die Frauen betraten einen Turbolift, der sie in eines der unteren Stockwerke brachte. Dann führte Rona ihre Schülerin in einen Umkleideraum und wendete sich dort einem Replikator zu. „Gib mir doch Mal deine Größe.“, sagte sie, ohne vom Display aufzusehen. „Nicht nötig.“, sagte Meroola und zeigte auf die Tasche mit den Sachen, die ihr Kamura repliziert hatte. „Wow.“, machte Rona. „Ich bin beeindruckt. Hattest wohl schon im Stillen mit deiner Einstellung gerechnet, wie? Na ja. Wir brauchen im Moment echt jede gute Hand. Pannen haben Hochkonjunktur. Weiß der Himmel, was da los is’. Manche tippen auf die Sonne. Was ich davon halten soll, weiß ich nich’ so wirklich. Auch auf Celsius gilt die Unschuldsvermutung, bis das Gegenteil bewiesen is’.“ „Na OK.“, sagte Meroola. „Das klingt ja, als würden wir demnächst viel zu tun kriegen.“ „Darauf kannst du!“, lachte Rona. „Aber jetzt zieh dich am besten erst Mal um. Ich gucke auch weg.“ „Du bist witzig.“, sagte Meroola, der spätestens in diesem Augenblick klar wurde, dass sie sich mit Rona wohl glänzend verstehen würde. „Oh ja.“, sagte die junge Celsianerin. „Aber das is’ kein Wunder. Ich bin schließlich Celsianerin. Wäre ’ne echte Blamage, wenn ich das nich’ wäre, witzig meine ich.“ „Kann ich mir vorstellen.“, sagte Meroola. „Aber wenn man es genau nimmt, kannst du mir ruhig zusehen. Ich habe bestimmt nichts, was du nicht schon gesehen hast. Schließlich bist du ja auch ’ne Frau.“ „Jedenfalls war ich’s heute Morgen im Spiegel noch.“, lachte Rona und auch Meroola musste grinsen.

„Wenn du fertig bist.“, sagte Rona. „Bringe ich dich in unseren Aufenthaltsraum. Da wirst du die anderen kennen lernen. Ach übrigens: Wo wohnst du überhaupt? Ich könnte dich aufnehmen. In unserer WG ist noch ein Zimmerchen frei.“ „Danke für das großzügige Angebot.“, sagte Meroola und lächelte. „Aber ich wohne bei einer Freundin. Die hat mir auch die Sachen geschenkt.“ Bezogen auf Kamura stimmte das ja auch. „OK.“, sagte Rona.

Meroola war mit dem Umziehen fertig geworden und zeigte sich jetzt ihrer neuen Kollegin. „Hey!“, staunte Rona. „Fesch! Die fesche Mary! Mann, du siehst in dem Zeug echt scharf aus! Lass uns doch nach der Arbeit Mal zusammen ausgehen!“ „Von mir aus.“, sagte Meroola. „Irgendwann muss ich ja anfangen, hier heimisch zu werden. Machen wir einen Deal. Du hilfst mir, hier Anschluss zu finden und ich helfe dir bei … was auch immer.“ „OK.“, sagte Rona. „Aber du schuldest mir gar nichts. Sagen wir Mal, ich habe heute meinen sozialen Tag.“

Meroola atmete auf. „Uff! Da wo ich hergekommen bin …“ „Vergiss Mal deine alte staubige Heimat!“, sagte die junge Celsianerin. „Hier is’ Celsius! Wir leben im real existierenden Humorismus. Da sieht Mann vieles nich’ so eng und Frau auch nich’. Sieht aus, als müsstest du das noch lernen. Aber du hast dafür ja mit mir echt das große Los gezogen. Ich bin, was das angeht, nämlich die beste Lehrmeisterin aller Zeiten! So und nun komm. Wir wollen doch, dass du auch die anderen und die dich kennen lernen.“

Wie bei einem oft schon gebrauchten Griff fasste Rona beiläufig in ihre Tasche, holte ein kleines Gerät hervor, das in etwa die Größe einer Zigarettenschachtel aufwies, sah kurz auf dessen Display und steckte es dann mit einem entspannten Blick wieder ein. „Kein Einsatz.“, sagte sie zufrieden. Meroola sah sie fragend an. „Neulinge kriegen bei uns noch keinen Pager.“, sagte Rona. „Wenn dir Kingsley so was gibt, kannst du dich als fest angestellt betrachten. Das is’ so was wie eine persönliche Erhebung in den Adelsstand. Aber du bist ja ohnehin erst Mal bei mir. Wenn du mir nich’ verloren gehst, sehe ich da keine Probleme.“ „Ich auch nicht.“, sagte Meroola. „OK.“, sagte Rona und drehte sich zum gehen, während sie ihr einen auffordernden Blick zuwarf. „Dann sind wir uns ja einig.“ Sie verließen den Umkleideraum.

Auf dem Korridor drehte sich Meroola kurz um. „Ich müsste mal SITCHen.“, sagte sie. „Kein Problem.“, schnippte ihr Rona zu und zeigte auf ein öffentlich zugängliches Sprechgerät zu ihrer Linken. „Ich habe ein Eigenes.“, sagte Meroola. „Aber ich wäre dir echt dankbar, wenn …“ „Oh Privatkram.“, sagte Rona. „Da muss ich passen. Ich bin Single. Aber wenn du willst.“ Sie zeigte wieder auf die Tür zum Umkleideraum. Meroola verstand und ging hinein. „Ich warte auf dich.“, sagte Rona noch in die sich langsam zwischen den Beiden schließende Tür.

Erleichtert nahm Meroola ihr Sprechgerät aus der Tasche, das sie natürlich auch umgepackt hatte, als sie sich umzog. Dann gab sie Kamuras Rufzeichen ein. „Ich habe den Job, Kamura!“, sagte sie. „Hey klasse!“, erwiderte das Schiff. „Herzlichen Glückwunsch! Ich habe übrigens eine Wohnung für dich. Zumindest fürs Erste. Ich sende dir die Adresse.“ „OK.“, sagte Meroola. „Ich mache dann erst mal Schluss. Habe noch viel zu lernen.“ „OK.“, sagte Kamura und legte ein Lächeln in die Stimme ihres Computers und in das Gesicht ihres auf dem Display sichtbaren Avatars, als sie die Verbindung beendete.

Kapitel 12: Ein entscheidendes Puzzleteil

von Visitor

 

Unweit ihrer heimatlichen Koordinaten erwartete Shary die Rückkehr ihres Freundes Kamurus. Die Beiden hatten erst jetzt bemerkt, dass ihre kleine Tochter Kamura die Dimension verlassen hatte, ohne sie zu informieren, geschweige denn ihnen zu sagen, was sie vorhatte. Kamura hatte ihre Spuren recht geschickt verschleiert. Mit Hilfe einiger Vorwärts und Rückwärtsflüge hatte sie eine falsche Signatur hinterlassen. Auch hatte sie durch eine falsche Kommunikationssignatur den Eindruck erweckt, immer noch bei Ihnen zu sein. Aber als sie nicht auf einen SITCH ihres Vaters antwortete, war dieser misstrauisch geworden. An den Koordinaten, wo er sie vorzufinden hoffte, war lediglich eine Sonde zu finden gewesen, die das falsche Signal sendete. Daraufhin hatte er beschlossen, sich mit Shary abwechselnd auf die Suche zu begeben. Einer sollte immer zu Hause sein und warten, falls sie doch wieder auftauchen würde.

Der SITCH ihres Freundes klang für Shary wie eine Erlösung, obwohl die Nachricht nicht sehr gut war. Kamurus hatte lediglich die Vereinbarung eingehalten, sich jede Stunde bei ihr zu melden: „Shary, ich habe weiterhin noch keine Spur von Kamura. Ich werde noch weiter suchen müssen. Aber es wird hier etwas ungemütlich. Ich würde sagen, ich kehre zurück und wir suchen morgen weiter. Was immer auch das Problem ist, wird sich so schnell nicht lösen lassen. Es scheint etwas mit den Dimensionen an sich zu tun zu haben. Jedenfalls habe ich Schwierigkeiten, überhaupt noch von der Stelle zu kommen.“ „Dann komm besser schnell nach Hause, solange das noch geht.“, antwortete Shary besorgt. „Was du mir gerade erzählt hast, klingt ja nicht sehr erfreulich. Und unsere kleine Kamura ist allein dort draußen! Das kann doch nicht gut gehen! Sie ist doch noch zu klein und ihre Programmierung ist noch nicht abgeschlossen. Ihre Software ist doch noch gar nicht reif genug, dass sie mit einem solchen Problem klarkommen könnte, wie du es jetzt anscheinend hast. Ich sehe auch, dass etwas nicht stimmt. Die Interdimensionale Schicht sieht merkwürdig aus! Morgen fliege ich los und suche nach Kamura.“ „Nein!“, entgegnete Kamurus entschlossen. „Du machst dir im Moment viel zu viele Sorgen und anscheinend bedarf es für einen Flug in dieser Situation die gesamte Kapazität des Arbeitsspeichers. Versteh mich bitte nicht falsch. Auch ich sorge mich um unser Kind. Aber anscheinend kann ich mit der Situation besser …“

Eine starke Störung hatte ihre Verbindung unterbrochen. „So weit ist es also schon.“, flüsterte Kamurus sich selbst zu. Er hatte die Störung weder verhindern können, noch hatte er sie kommen sehen. „Na dann werde ich mich mal auf den Weg nach Hause machen.“

Er programmierte seinen interdimensionalen Antrieb auf die Koordinaten der heimatlichen Dimension und aktivierte ihn. Aber die Störungen schienen doch schon stärker um sich zu greifen, als er es sich vorstellen konnte. Jedenfalls gelang es ihm nicht wirklich, ein Feld aufzubauen. Jedes Mal, wenn er es versuchte, drohte seine Fluglage, sich zu destabilisieren und er bekam starke Schlagseite. Dies zu ignorieren wäre auch viel zu gefährlich gewesen, denn wenn es ihn auf das Dach gedreht hätte, wäre es im Weltraum oder auch in anderen Dimensionen unmöglich für ihn gewesen, den normalen Antrieb zu benutzen. Er wäre wie ein Maikäfer auf dem Rücken vielleicht unkontrolliert getrudelt und dann hätte die Gefahr bestanden, dass er in die nächste Gravitationsquelle geraten und abgestürzt wäre. Unter Umständen hätte er dann nicht nur sich selbst, sondern auch unschuldige Lebewesen gefährdet. Das wollte Kamurus auf gar keinen Fall! „Ich werde SITCHen!“, beschloss er. „Vielleicht erreiche ich ja jemanden von unseren gemeinsamen biologischen Freunden. Jenna McKnight oder Montgomery Scott traue ich durchaus zu, mein Problem zu lösen.“ Er programmierte sein Sprechgerät und setzte einen allgemeinen Notruf ab, der alle Rufzeichen in seiner Reichweite ansprechen würde. Dabei benutzte er allerdings auch das nächste interdimensionale Relais.

Tabran und Shiranach waren mit ihrem Schiff ebenfalls aus dem Tembraâsh gestartet. „Glaubst du, die Tindaraner haben auch schon etwas gemerkt?“, wollte Shiranach von ihrem Mann wissen. „Ich halte das durchaus für möglich, Telshanach.“, sagte Tabran. „Sie sind ja immer sehr schnell, was das angeht. Die Föderation der vereinten Planeten ziert sich da doch umso mehr.“ „Dabei sollten sie Sytania doch auch gut genug kennen.“, urteilte Shiranach. „Denkst du, es hat etwas mit Sytania zu tun?“, fragte Tabran. „In der Tat!“, sagte seine Frau fest. „Ich weiß zwar nicht genau, was sie sich jetzt schon wieder ausgedacht hat, aber da kommen wir schon noch hinter! Dessen bin ich mir sicher!“ „Ich auch, Telshanach!“, sagte ihr Ehemann, der Sytania noch sehr gut kannte und im Stillen auch absolut sicher war, dass sie an der neuesten Katastrophe die Schuld trug, auch wenn dies für einige vielleicht nicht so offensichtlich sein würde. „Und warum sich die Föderation so ziert, kann ich dir auch genau sagen. Nugura El Fedaria lässt sich immer wieder in ihre Fallen locken. Sytania kennt die Gesetze der Föderation und sie weiß, wenn sie es so anstellt, dass alle keinen Grund sehen, sich einzumischen, weil sie es wie einen internen Konflikt einer Gesellschaft aussehen lässt, dann reagieren sie erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.“ „Aber wir nicht.“, sagte Shiranach. „Wir reagieren früher und die Tindaraner auch. Was Zeitland oder gar die Aldaner davon halten, weiß ich nicht, aber …“ „Dill wird sicher auch an unserer Seite kämpfen, wenn es dazu kommen sollte.“, beruhigte Tabran sie, die sich in seinen Augen doch sehr aufgeregt hatte. „Ich halte sogar Shashana El Chenesa für vernünftig genug, dass sie alle Feindschaft gegen die Föderation fahren lässt und, wenn sie es schon nicht selbst tut, ihr Universum gegen Sytania verteidigen wird.“ „In der Tat.“, bestätigte Shiranach.

Tabran hatte die interdimensionalen Koordinaten der tindaranischen Heimatdimension in die Software des interdimensionalen Antriebs eingegeben. Bevor er sie jedoch bestätigte, sagte er zu seiner Frau: „Halt dich gut fest, Telshanach. Angesichts der Umstände weiß ich nicht, wie sie gleich reagieren wird.“ „OK.“, sagte Shiranach und stützte sich mit den Händen an einer Konsole vor sich ab. „Also gut.“, sagte Tabran. „Versuchen wir es!“

Er bestätigte seine Eingaben und gleich darauf begann das Schiff mit dem Versuch, ein Antriebsfeld zu erstellen. Aber es ging ihnen nicht viel besser als Kamurus. Mit Trägheitsdämpfern und allem, was sein Schiff hergab, versuchte Tabran zwar gegenzusteuern, aber trotz aller Pilotentricks, die er aus dem Ärmel zog, wollte es ihm einfach nicht gelingen, das Schiff zu stabilisieren. „Was ist das nur?!“, fragte Shiranach, der es mittlerweile schon recht schwindelig geworden war. Bedingt durch die künstliche Gravitation an Bord ihres Schiffes war das ja auch kein Wunder. Dadurch wusste Sie nämlich ziemlich genau, wo oben und unten war. Aber sie auszuschalten hätte das Problem nur noch verschlimmert. Dann wären beide nämlich ohne Halt durchs Cockpit geschwebt und dann hätte Tabran gar nichts mehr machen können. Jetzt blieb ihm aber auch nichts anderes übrig. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Für ihn sah es aus, als könnte die interdimensionale Schicht sein Schiff nicht richtig aufnehmen. „Ich weiß nicht, was ich tun soll, Telshanach!“, sagte Tabran ehrlich. „Geh ans Sprechgerät und versuch Jenna McKnight auf 281 Alpha zu erreichen! Sie wird sicher Rat wissen.“

Shiranach nickte und wandte sich dem Gerät zu. Hier sah sie jetzt aber auch, dass dieses bereits einen Notruf empfing. „Tabran.“, sagte sie. „Da ist offenbar ein Schiff, das in einer ähnlichen Situation ist wie wir. Soll ich antworten?“

Tabran überlegte. Dann sagte er: „Auf Taria sagt man: Geteiltes Leid ist halbes Leid, Telshanach. Es wäre wohl ganz gut, wenn du diese arme Besatzung informieren würdest, dass wir nach einer Möglichkeit suchen, dieses gemeinsame Problem zu lösen und dass wir jemanden kennen, die dazu sicher in der Lage sein wird! Sag ihnen, sie sollen durchhalten und den Mut nicht verlieren.“

Shiranach nickte und nahm das Gespräch auf. Dabei fiel ihr sofort das leere Cockpit ins Auge. Aber sie hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. „Ich bin Shiranach Ed Tabran.“, stellte sie sich vor. „Mein Mann und ich teilen deine Situation, intelligentes Schiff! Wir kennen Jenna McKnight. Wir werden versuchen, sie zu erreichen! Sie kann uns bestimmt sagen, was zu tun ist. Bitte gib nicht auf.“ „Vielen Dank, Shiranach Ed Tabran.“, sagte Kamurus, der sie nur vom Hörensagen kannte. Aber ich glaube, lange halte ich das nicht mehr durch. Die Scherkräfte haben schon damit begonnen, starken Druck auf meine Hülle auszuüben. Die strukturelle Integrität ist bei 60 % und sinkt weiter. Ich kann bald nicht mehr!“

Jetzt fiel auch Shiranach auf, wie sehr die Hülle ihres Schiffes bereits unter den Einwirkungen der Scherkräfte ächzte. Die unheimlichen Geräusche hatte sie bisher erfolgreich verdrängen können, da sie Tabrans Befehl sehr gut abgelenkt hatte. Jetzt aber war ihr das nicht mehr möglich, da sie Kamurus quasi mit der Nase darauf gestoßen hatte.

Sorgenvoll sah Shiranach zunächst auf die Instrumente und dann ihren Mann an. Auch das Schiff der Vendar drohte seine strukturelle Integrität zu verlieren. Immer wieder zeigte sie gestikulierend auf das Instrument, das ihr eine Auskunft darüber gab und dann zu Tabran, der unter größten Mühen immer noch alles versuchte, um sie in die tindaranische Dimension zu bringen.

„Ich kann sie einfach nicht halten, Telshanach!“, musste er schließlich abgekämpft zugeben. „Jetzt hilft nur noch eine Notabschaltung des interdimensionalen Antriebs. Ich werde ihm die Energie nehmen müssen.“ „Aber dann stürzen wir in die Dimension zurück, aus der wir gekommen sind.“, sagte Shiranach. „Das ist korrekt.“, sagte Tabran. „Aber dort sind wir zumindest sicher und können überlegen. Übernimm das Steuer! Sobald du von mir das Kommando bekommst, zündest du den Impulsantrieb durch! Weißt du, was das bedeutet?“ „Ich aktiviere ihn und bringe ihn gleich auf volle Leistung.“, erklärte Shiranach. „Richtig.“, sagte Tabran und stand auf, um ihr Platz zu machen. Er selbst ging nach hinten zu den Wartungsschächten.

Ängstlich legte Shiranach ihre Hände auf die Steuerkontrollen. Sie war noch nie eine sehr gute Pilotin gewesen und befürchtete auch jetzt, alles falsch zu machen. „Bist du noch da?!“, fragte sie mit leicht zitternder Stimme nach hinten zu ihrem Mann. „Ja.“, kam es zurück. „Halte sie einfach nur. Wenn du deine Hände auf den Kontrollen hast, weiß sie, dass du da bist und wird keinen Alarm auslösen.“ „OK.“, sagte Shiranach, die sich mit der Situation sichtlich unwohl fühlte.

Mit Hilfe eines Werkzeugs aus seiner Tasche hatte Tabran jetzt den Wartungsschacht geöffnet. Vor ihm befanden sich jetzt schier endlose Reihen von silbrig glänzenden Modulen. Für einen Laien wäre dies sicher sehr unübersichtlich gewesen, aber Tabran schien genau zu wissen, was er da tat. Jedenfalls griff er zielgenau nach einem der aus nicht leitfähigem Material bestehenden kleinen Würfel am Deckel eines der Module und drehte ihn nach links. Der Mechanismus, der das Modul in seiner Position hielt, wurde sofort entriegelt. „Telshanach!“, rief Tabran nach vorn. „Ich zähle jetzt bis drei! Eins, zwei, drei!“ Er zog das Modul heraus. Der interdimensionale Antrieb gab ein letztes Summen von sich. „Durchzünden, Telshanach!“, rief Tabran. „Jetzt!“ Shiranach nickte und führte den Befehl ihres Mannes aus.

Das Schiff fiel zunächst senkrecht nach unten, um dann aber wie an einem Gummiseil geführt sanft wieder im Tembraâsh einzutreffen. Diese Landung hatte Shiranach nicht erwartet, aber sie hatte ihr sogar großen Spaß bereitet. Das war etwas, das sie aber bei weitem nicht gedacht hatte.

Tabran hatte das Modul zurückgesteckt und war zu ihr zurückgekehrt. Ohne einen Befehl vom Rechner, das wusste er, würde sich der interdimensionale Antrieb nicht wieder aktivieren. „Gut geflogen, meine geschickte Shiranach!“, lobte er seine am ganzen Leib zitternde Frau und nahm sie fest in den Arm. „Ich übernehme wieder.“ „OK.“, sagte Shiranach und die Beiden tauschten erneut die Plätze.

Die Situation hatte Shiranach nicht in Ruhe gelassen. Lange und intensiv hatte sie darüber nachgedacht. „Wenn mit dem Antrieb alles OK ist.“, sagte sie. „Dann ist vielleicht die interdimensionale Schicht nicht in Ordnung. Ich stelle mir das wie bei einem kranken Wesen vor, weißt du? Ein Kranker benötigt ja auch mehr Zeit für so manches. Vielleicht müssen wir der Schicht mehr Zeit geben, uns aufzunehmen. Der Antrieb müsste vorsichtiger agieren. Sagen wir mal, die Leistung steigert sich immer nur um 5 %, während sich die des normalen Antriebs um eben diesen Faktor reduziert. Kannst du mir folgen?“

Tabran überlegte kurz und lächelte dann: „Und wie ich das kann, meine technisch so begabte Shiranach.“ „Warum bin ich nicht darauf gekommen? Ich halte sogar für möglich, dass es funktionieren könnte. Dir zu Ehren werde ich dem Profil sogar deinen Namen geben! Mishar, Profil Shiranach eins erstellen!“ „Profil wird erstellt.“, kam es sachlich von der männlichen Stimme des Rechners zurück. „Bitte Befehlskette eingeben.“ „Die Leistung des interdimensionalen Antriebs nach Aktivierung in 5-%-Schritten erhöhen, bis 100 % erreicht sind.“, sagte Tabran. „Gleichzeitig die Leistung des normalen Antriebs um den gleichen Faktor senken, bis sie null erreicht hat. Befehlskette Ende!“ „Profil wurde gespeichert.“, sagte der Rechner. „Laden und ausführen!“, befahl Tabran.

Es gab ein kurzes Signal und dann führte der Rechner den Befehl aus. Der Flug dauerte so zwar etwas länger, aber sie landeten schlussendlich genau dort, wo sie wollten. „Ruf das fremde Schiff und überspiele ihm die Daten.“, sagte ein erleichterter Tabran. „Vielleicht kann ihm ja so auch geholfen werden.“ „In Ordnung.“, sagte Shiranach und leitete den Transfer in die Wege. Dann flogen sie weiter in Richtung Basis 281 Alpha. Kamurus, dem das Profil der Vendar tatsächlich auch geholfen hatte, sendete ihnen noch ein herzliches Dankeschön, bevor auch er sich wieder auf den Weg zu Shary machte, die nach Abbruch ihrer Sprechverbindung voller Angst auf ihn gewartet hatte. Jetzt aber konnte er sie trösten. Dank der Vendar hatte er jetzt eine Möglichkeit, auch mit den vorherrschenden Widrigkeiten zurechtzukommen. Die befürchteten Diskrepanzen zwischen ihrem und seinem Betriebssystem waren nämlich ausgeblieben.

Jenna hatte inzwischen die Kommandozentrale von 281 Alpha erreicht. Mit ernstem Gesicht stand sie nun Maron und Zirell gegenüber. Sofort hatte die doch zwar oft sehr streng wirkende, aber dennoch recht sensible tindaranische Kommandantin bemerkt, dass mit ihrer Untergebenen etwas nicht stimmte und das sogar, ohne sich telepathisch in ihren Kopf zu begeben. „Was ist los, Jenna?“, fragte sie. McKnight wurde noch ernster und seufzte schwer.

„Ist etwas mit Shimars Schiff?“, wollte jetzt Maron wissen. Der erste Offizier wusste, dass er sie damit eventuell aus der Reserve locken konnte, dass er gezielt eine völlig falsche Frage stellte, die ja bereits logisch beantwortet worden war. Wenn etwas mit Shimars Schiff gewesen wäre, dann hätte Jenna das ja sofort gemeldet und er wäre gar nicht erst losgeschickt worden.

„Bei allem Respekt, Sir!“, sagte die hoch intelligente Halbschottin, die jetzt sehr große Mühe hatte, ihre aufkommende Wut zu verbergen. Was bildete der Kerl sich ein?! Warum stellte er so eine belanglose und dann auch noch völlig unlogische Frage, wo doch …

Sie konnte nicht mehr an sich halten. „Wir haben weiß Gott keine Zeit für Smalltalk! Oder was hatte Ihre völlig unqualifizierte Frage für einen Hintergrund?! Sie sollten wissen, dass ich in so einem Fall sofort Meldung gemacht und Shimar gar nicht erst weggelassen hätte! Zirell, warum hast du …? Entschuldigung! Aber meine Reaktion ist völlig normal, wenn man bedenkt, dass ich gerade einen entscheidenden Hinweis darauf gefunden habe, dass es bald mit allen Dimensionen und mit allem Leben darin vorbei sein könnte!“

Endlich war es heraus! Maron sah Jenna an. „Herzlichen Glückwunsch, Techniker! Ich dachte mir schon, dass Sie diese Information sicher nicht leichtfertig herausrücken würden, aber ich wusste auch, dass sie extrem an Ihnen nagt. Ich musste Sie also dazu bringen, Ihre Kontrollmechanismen ein wenig zu lockern, damit sie herauskommen konnte.“ „Na, da können Sie ja froh sein, dass ich keine Vulkanierin bin, Sir.“, sagte Jenna. „Dann hätte Ihr kleiner Trick nämlich mit Sicherheit versagt. Wo lernt man eigentlich so etwas, Agent. Auf der Agentenschule etwa?“ „Genau.“, sagte Maron und lächelte sie an. „Ich wusste, dass Sie drauf kommen würden. Bei Ihrer Intelligenz war das keine Frage.“ „Bitte hören Sie auf Witze zu reißen.“, sagte Jenna. „Das Thema ist ernst genug. Aber den Glückwunsch gebe ich gern an Sie zurück. Ich hätte Ihnen so etwas nicht zugetraut.“ „Oh ich weiß, dass ich nicht gerade der Vorzeigeagent bin, der öfter Böcke schießt, als dass er einen Fall löst. Aber da habe ich mir wohl bei Ihrer Assistentin so einiges abgeguckt. O’Riley versteht es prima, mit ihrem Verhalten und ihren kleinen Schwächen zu kokettieren. Das macht ihr das Leben sehr viel leichter und ich habe gedacht, ich probiere es auch einmal. Ich wollte einfach mal sehen, wie mein Gegenüber, in diesem Fall Sie, darauf reagiert und wie es sich auf meine Ermittlungen auswirkt. Ich muss sagen, die Auswirkungen waren doch sehr positiv, oder was meinen Sie?“ Er nahm eine abwartende Haltung ein und sah sie von oben bis unten an, während er zufrieden lächelte.

McKnight hatte die Situation noch einmal in ihrem Kopf Revue passieren lassen. Mit dem, was er gerade gesagt hatte, hatte er zweifelsfrei Recht gehabt. Alle und am aller wenigsten sie, hatten nicht mit so einer hinterlistigen Falle gerechnet, die er ihr stellen würde, obwohl er Demetaner war und alle wissen sollten, wie hinterlistig diese ab und zu sein konnten. Wenn er sich an Agent Sedrin oder Agent Yetron maß, dann war er sicher nicht viel besser als ein Schulkind, aber wenn man Maron an Maron maß, war das, was ihm da gerade gelungen war, schon eine Leistung! Selbst ihre oft überragende Intelligenz hatte sie nicht davor bewahren können, in seine gut ausgelegte Falle zu tappen.

Sie räusperte sich und sagte dann schließlich: „Sie haben Recht mit dem, was Sie gerade gesagt haben, Sir. Und Sie haben mich ganz schön kalt erwischt. Wenn Sie so mit einem wirklichen Verbrecher umgehen, dann kriegen Sie auf jeden Fall ein Geständnis. Ich finde Ihre neueste Strategie sehr interessant. Sich dumm stellen, um jemanden aus der Reserve zu locken. Na ja. Das macht meine Assistentin ja auch dauernd.“ Sie wurde wieder ernst und seufzte. „Shannon.“, sagte Maron. „Da kommen wir der Sache doch schon sehr nah. Was ist mit Shannon? Was hat Sie mit dem eventuellen Weltuntergang zu tun? Bleiben Sie beim Thema, McKnight! Wir haben es doch fast!“ „Shannon hat Kontakt zu Tabran und Shiranach bekommen.“, sagte Jenna. „Sprechkontakt?“, fragte Zirell. „Aber das ist doch unmöglich! Die Wächterin hat doch eine mentale Barriere …“

Maron hatte den Finger an die Lippen gelegt. „Geh mir bitte jetzt nicht dazwischen, Zirell.“, flüsterte er seiner tindaranischen Vorgesetzten zu. „Schon gut.“, sagte Zirell. Es ist deine Vernehmung.“

Er wendete sich wieder Jenna zu: „OK, McKnight. Wie hat sie das gemacht?“ „Zuerst.“, sagte Jenna. „Hat sie IDUSA befohlen, eine interdimensionale Verbindung mit dem Rufzeichen unserer Freunde im Tembraâsh herzustellen. IDUSA hatte zwar einen Einwand, aber den hat Shannon nicht gelten lassen und ihr befohlen, es trotzdem zu versuchen. Aber was rede ich. Es gibt eine Aufzeichnung des Gesprächs.“ Sie ließ IDUSA die Aufzeichnung abspielen.

Nachdem sich alle diese angehört und angesehen hatten, blieb Zirell und Maron vor Staunen der Mund offen stehen. „Was für Gründe kann es geben, aus denen so etwas doch möglich ist, McKnight?“, fragte der erste Offizier jetzt auch sehr ernst. Die Tragweite dessen, was eventuell passiert sein konnte, war selbst ihm bewusst. „Dazu habe ich tatsächlich eine Theorie, Sir.“, sagte Jenna. „Aber dazu müssten wir ein kleines Experiment wagen.“ „Also schön.“, sagte der demetanische Geheimdienstler, der von ihren Experimenten immer sehr begeistert gewesen war. Sie waren es oft nämlich gewesen, die ihm selbst die schwierigsten physikalischen Zusammenhänge verständlich gemacht hatten. „Ich bin auch dabei.“, sagte Zirell und schlug in Jennas weit offen vor ihr und Maron in der Luft liegende am langen rechten Arm ausgestreckte Hand.

Die Chefingenieurin sah sich im Raum um. Zuerst fiel ihr kompetenter Blick auf Zirells Platz, auf dem immer noch das Stövchen und die leere Schale standen. Natürlich war das Stövchen mit einem durch eine Energiezelle betriebenen Licht bestückt gewesen. Offenes Feuer hätte ja schließlich zur Auslösung des automatischen Sauerstoffentzugs für den Bereich gesorgt, um das Feuer zu ersticken. Außerdem hätte ein Kraftfeld verhindert, dass sich überhaupt noch eine Lebensform dem Bereich nähert. IDUSA hätte Zirell auch aus dem Bereich gebeamt, um ihr Leben zu retten. Da niemand wirklich Interesse am Auslösen dieser Sicherheitskette hatte, hatte sich Zirell bei der Replikation des Stövchens für ein elektrisches Licht entschieden, das aber die nötige Wärme entwickeln konnte. Es war vielleicht lange nicht so romantisch wie eine echte Kerze, erfüllte aber seinen Zweck, was für die sehr praktisch veranlagte Kommandantin völlig ausreichend war. So mancher Ostfriese würde sich jetzt zwar die Haare raufen, aber dann hätte Zirell immer noch die Ausrede gehabt, dass sie Außerirdische sei und es als eine Solche ja nicht besser wissen konnte. Von den Sicherheitsbestimmungen auf Raumstationen des tindaranischen Militärs mal ganz abgesehen.

McKnight sah ihre Vorgesetzte fragend an und deutete auf das Stövchen und die Schale. „Darf ich mir das einmal ausleihen, Zirell?“, fragte sie. „Tu dir keinen Zwang an, Jenn’.“, lächelte die ältere Tindaranerin. Sie war auf das Experiment auch sehr neugierig geworden, das Jenna mit ihnen allen vorhatte. Zwar hätte sie ja sehr leicht herausfinden können, worum es ging. Schließlich war sie Telepathin. Aber es lag ihr fern, einfach in den Geist einer anderen Person einzudringen, ohne dass diese etwas davon wusste. Zirell war außerdem sehr wohl bewusst, dass eine solche Aktion als großer Vertrauensbruch von Jenna gewertet werden würde, was ja auch korrekt gewesen wäre. Eine einfache Entschuldigung hätte da sicher nicht ausgereicht, um die Wogen zwischen sich und Jenna wieder zu glätten, wenn Jenna, als Nicht-Telepathin, ihr überhaupt je wieder vertraut hätte. Das wollte sie, zumal beide sicher noch viel länger zusammenarbeiten würden, auf keinen Fall riskieren!

Jenna nahm Stövchen und Schale in die Hände und ging damit zu einer freien Konsole, die sie kurzerhand zum Labortisch umfunktionierte. Dann ging sie zum gleichen Replikator, der auch Zirells Frühstück ausgespuckt hatte und replizierte einen verpackten Schokoriegel. Diesen legte sie in die Schale. „So.“, sagte sie und drehte sich Maron und Zirell zu, die sie erwartungsvoll ansahen. „Stellt euch bitte folgendes vor: Der Riegel ist das Tembraâsh, die Verpackung ist die interdimensionale Schicht und die Schale ist unsere Dimension.“

Sie legte den Schokoriegel wie er war in die Schale und präsentierte sie allen. „Wenn ich das richtig verstehe, McKnight.“, sagte Maron, der sich wahrscheinlich etwas hervortun wollte. „Dann schirmt die Schicht bis jetzt noch das Tembraâsh gegen unsere Dimension ab. Ich will damit sagen, der Schokoriegel ist im Papier und beschmutzt die Schale nicht.“ „Das ist korrekt, Sir.“, lächelte Jenna aufmunternd. Dann drehte sie sich erneut ihrem Experiment zu.

Jetzt schaltete sie das Licht am Stövchen ein und stellte die Schale darauf. „Und jetzt kommt ein äußerer Einfluss daher und macht etwas mit den Dimensionen an sich an ihren Wurzeln, also auch mit dem Tembraâsh. Schaut euch einmal genau an, was dann passiert.“

Maron und Zirell standen von ihren Plätzen auf, um besser sehen zu können, was in Jennas Experiment geschah. Hier wurde die Schale jetzt immer wärmer und als Folge schmolz der Riegel in seinem Papier langsam aber sicher vor sich hin. Die jetzt flüssige Schokolade weichte die Verpackung auf und floss schließlich an den geklebten Nahtstellen aus ihr heraus. „Was für eine Schmiererei!“, rief Zirell aus. „Aber du willst uns doch bestimmt etwas damit sagen, Jenn’.“ „Oh ja.“, sagte Jenna. „Und was würd’ das sein?“ „Das kann ich dir nicht sagen.“, sagte Zirell resignierend. „Du bist die Physikerin von uns dreien.“

Maron hob die Hand. Dabei musste sich der erste Offizier fast wieder in seine Schulzeit zurückversetzt fühlen. Jedenfalls benahm er sich in den Augen der hoch intelligenten Halbschottin jetzt so. Da Jenna aber keine disziplinarischen Maßnahmen gegen sich provozieren wollte, ging sie darüber hinweg und sagte nur: „Ja, Agent?“ Maron antwortete: „Ich denke, Sie wollen uns damit sagen, dass es auf keinen Fall an der mentalen Barriere der Wächterin liegt, dass die Dimension für uns erreichbar geworden ist. Die Dimension selbst hat sich durch einen äußeren Einfluss so verändert, dass die von der Wächterin angewandte Technik vielleicht gar nicht mehr funktionieren kann. Ich würde die Schweinerei hier ja auch statt in einer Tüte oder einem Papier jetzt lieber in einem Eimer oder einer Kanne verpacken, McKnight.“ Jenna klatschte in die Hände: „Bravo, Agent! Das haben Sie richtig erkannt. Die Wächterin müsste ihre Schutztechnik anpassen. Aber das ist etwas, auf das sie noch nicht gekommen zu sein scheint. Zumindest lassen alle Daten nur diesen Schluss zu, die wir bis jetzt gewinnen konnten. Sagen wir mal so: Die mentalen Befehle werden von der Dimension nicht mehr verstanden. Wenn ihr Telepathen per Gedankenbefehl etwas sendet, Zirell, dann ist dieser Energieausstoß ja in gewisser Weise elektrisch geladen. Diese Ladung trifft auf eine entsprechend geladene Menge anderer Teilchen, die aber aufgrund ihrer Gesetzmäßigkeit entsprechend reagiert. Sie versteht euch also. Aber was ist, wenn diese Gesetzmäßigkeit selbst geändert wird? Agent, wir beide machen das mal vor. Bitte aktivieren Sie das SITCH-Mail-Programm.“

Maron nickte und tat, worum sie ihn gerade gebeten hatte. Dabei bekam er einen Blick wie ein Kind unter dem Weihnachtsbaum. So sehr freute er sich über das Experiment und über die Tatsache, dass er an ebendiesem wieder einmal teilnehmen durfte.

Jenna hatte IDUSA befohlen, das Übersetzungsprogramm für Vendarisch zu laden. Dann hatte sie eine kurze Mail diktiert und sie Maron gesendet. Der erste Offizier hatte sie zwar geöffnet, stellte aber dann fest: „Ich kann kein Wort lesen, Techniker, geschweige denn auch nur eines ansatzweise verstehen.“ „So?“, fragte Jenna und stellte sich übertrieben dramatisch dumm. „Dann schicke ich es Ihnen noch einmal.“ „Das wird an der Tatsache auch nichts ändern, McKnight.“, sagte der Demetaner und wandte sich von seiner Konsole ab, nachdem er demonstrativ seinen Neurokoppler abgesetzt hatte. „Ohne eine Übersetzung wird das nicht klappen.“ „Genau.“, sagte Jenna. „Und genauso wird es der Wächterin jetzt mit ihren Gedankenbefehlen auch gehen.“, schlussfolgerte der demetanische Agent. „Richtig!“, sagte Jenna. „Sie verstehen besser, als Sie uns immer glauben machen wollen, Sir.“ „Oh nein.“, entgegnete Maron. „Das ist wohl eher O’Rileys Job. Wenn ich etwas nicht verstehe, dann verstehe ich es wirklich nicht. Aber offensichtlich nicht in diesem Fall.“ „Da muss ich Jenn’ Recht geben, Maron.“, stimmte Zirell Jenna zu. „Du hast heute echt einen Lauf!“

Kapitel 13: Wichtige Zeugnisse

von Visitor

 

Nervöse Blinklichter an den Ports für die Neurokoppler machten alle darauf aufmerksam, dass wohl etwas im Busch sein musste. Sofort setzten alle die Geräte wieder auf, was IDUSA veranlasste, alle Tabellen zu laden. Dann fragte Zirell: „Was ist los, IDUSA?“ „Ein Schiff hat soeben die interdimensionale Schicht verlassen, Commander.“, meldete der Rechner der Station. „Laut Transponder handelt es sich um das von Tabran und Shiranach.“ „Auf den Schirm, IDUSA!“, befahl Zirell. „Und ruf sie.“

Der Avatar des Stationsrechners vor ihrem geistigen Auge nickte und der Computer führte die Befehle aus. Dann zeigte sich bald das Außenbild des Schiffes auf dem virtuellen Schirm vor allen. „Das Schiff sieht sehr mitgenommen aus.“, stellte Maron fest. „Ob sie in einen Kampf geraten sind?“ „Das glaube ich nicht.“, sagte Zirell. „Wer sollte sie denn warum so plötzlich angreifen?“ „Du darfst nicht vergessen.“, sagte der erste Offizier, um sie zu erinnern, in was für einer gefährlichen Situation sie vermutlich waren. „Dass wir die Ursache für die Ladungsverschiebung in der interdimensionalen Schicht noch nicht kennen, die McKnight festgestellt hat. Es kann eine natürliche Ursache haben, kann aber auch mit einem eventuellen kriegerischen Akt Sytanias zu tun haben. Du weißt, dass sie mit ihrer Heimatdimension auf mentale Weise direkt verbunden ist und somit haben ihre Handlungen auch direkten Einfluss auf sie. Techniker, Sie haben mir einmal erklärt, dass keine Dimension eine Insel ist. Alle sind durch die Schicht miteinander verbunden. Gut, die Schicht selbst ist nur ein Teilchenmodell zum besseren Verständnis, aber …“ „Aber die Grundzüge haben Sie verstanden, Agent.“, hakte Jenna ein. „Und zwar sehr gut, wie ich feststellen konnte. Aber wir müssen noch viele Daten sammeln, befürchte ich, bis wir die wirkliche Ursache kennen. Damit, Sytania pauschal für alle Katastrophen verantwortlich zu machen, die uns passieren können, wäre ich an Ihrer Stelle sehr vorsichtig, Sir. Gerade Sie, als Geheimdienstler, sollten schließlich wissen, dass auch, oder vielleicht gerade, sogar für den größten Feind solange die Unschuldsvermutung gilt, bis das Gegenteil bewiesen werden kann. Sonst könnten wir uns ganz schön in die Nesseln setzen!“ „Ich denke, da können wir dir alle getrost zustimmen, Jenna.“, sagte Zirell. „Obwohl manche Politiker damit ja recht schnell sind und es dann oft Leuten wie uns bedarf, die den Karren wieder für sie aus dem Dreck ziehen.“ „Das habe ich auch schon oft genug gesehen.“, sagte Maron. „Aber das kommt wohl daher, weil sie wenig Einblick in das haben, was hier draußen an der Front im Weltraum so passiert. Sie kriegen ja oft erst dann die Berichte, wenn schon alles passiert ist.“ „Ganz ehrlich.“, sagte Jenna. „Ich halte aber die Politiker auch nicht für in der Lage, die komplizierten Zusammenhänge zu verstehen, wenn sie live dabei wären.“ „Aber dazu gibt es ja so schlaue Füchse wie Sie, McKnight.“, sagte Maron. „Die ihnen das bestimmt gern erklären werden.“ „Das stimmt schon.“, sagte Jenna. „Aber oft genug sind sie dann in ihrer Meinung schon so festgefahren, dass gar nichts mehr geht. Zirell, deine Leute sind da ja noch moderat. Aber wenn ich an die Politiker der Föderation denke, dann müssen wir wirklich hieb- und stichfeste Beweise haben, wenn wir es ihnen erklären sollen. Die haben nämlich manchmal ein total schwarzweißes Weltbild, von dem sie nicht abzubringen sind. Solange wir die Ursache nicht kennen, wäre ich mit Spekulationen an unserer Stelle sehr vorsichtig, Agent.“ „Davon kann ich ein Lied singen, McKnight.“, stöhnte Maron. „Und Sie haben sicher Recht.“

IDUSAs Avatar räusperte sich. Dann sagte sie: „Commander, ich habe seit geraumer Zeit Tabran für Sie in der Leitung. Ich denke, dass seine Geduld bereits sehr strapaziert worden ist und er sicher nicht mehr lange warten will.“ „Ach ja.“, erinnerte sich Zirell an den eigenen Befehl gegenüber IDUSA. „Stell ihn auf den Hauptschirm!“

Nachdem IDUSA ihren Befehl ausgeführt hatte, sahen alle in das erschöpfte aber glückliche Gesicht Tabrans. „Ich grüße dich, Anführerin Zirell und auch deine Kameraden.“, sagte der sehr erleichterte Vendar. „Und ich grüße dich und deine Frau, Tabran.“, sagte Zirell. „Bitte entschuldigt meine Frage, obwohl sie durchaus wörtlich zu nehmen ist. Aber wie kommt ihr hierher?“ „Genau verstehen wir das auch nicht.“, sagte Tabran. „Aber die interdimensionale Schicht scheint in einem Zustand zu sein, in dem sie uns das, wenn auch mit Schwierigkeiten, anscheinend erlaubt hat. Ich weiß auch, dass es unter normalen Umständen unmöglich ist, das Tembraâsh zu verlassen oder gar anzufliegen. Aber die Umstände haben sich anscheinend geändert, oder wir sollten besser sagen, sie sind dabei, sich zu ändern. Anders kann ich mir nicht erklären, warum es möglich war. Ursprünglich war da ja nur Shannon O’Rileys SITCH. Wir wollten der Ursache dafür auf den Grund gehen.“ „Am besten eins nach dem anderen.“, sagte Zirell. „Ihr solltet erst einmal docken. Dann werden sich Shannon und Jenna um euer Schiff kümmern und Maron und ich uns um euch. Wir haben auch einige Dinge festgestellt, die uns glauben lassen, dass hier etwas nicht stimmt. Vielleicht können wir ja alle unser Wissen zusammenwerfen und so wird ein Schuh draus.“

„Wir sind einverstanden, Zirell El Tindara.“, sagte Tabran, nachdem er einen langen Blickwechsel mit seiner Frau hatte, den Zirell, Jenna und Maron, aufgrund der gedrückten Sendetaste sehr gut gesehen hatten. „Also gut.“, sagte Zirell und wandte sich dem Stationsrechner zu: „IDUSA, weise sie nach Andockrampe drei!“ IDUSAs Avatar nickte folgsam. Dann sah Zirell an den Positionslichtern, dass ihre Anweisungen ausgeführt wurden.

Die tindaranische Kommandantin drehte sich wieder ihren Leuten zu. „Na gut.“, sagte sie. „Jenna, du gehst am besten wieder in den Maschinenraum und hilfst Shannon bei der Wartung von Tabrans und Shiranachs Schiff. Maron, wir beide reden in meinem Raum mit Shiranach und Tabran.“ Der Demetaner nickte, aber die hoch intelligente Terranerin verkniff das Gesicht. „Bitte lass mich hierbleiben, Zirell.“, bat sie. „Ich bin unter Umständen die Einzige, die das, was uns die Beiden sagen, ausreichend interpretieren kann.“ „Also gut.“, überlegte Zirell. „Dann komm mit, Jenna. Wir zwei empfangen sie. Ich denke, es wird ihnen sehr viel Erleichterung verschaffen, wenn sie dein Gesicht sehen. Dann werden sie wissen, dass alles wieder in Ordnung kommt.“ „Soweit möchte ich nicht vorgreifen, Zirell.“, sagte Jenna bescheiden. „Wir können schließlich nicht den ersten Schritt vor dem zweiten tun. Solange wir die Ursache nicht kennen, wird es auch keine Lösung geben. Alles andere wäre nur Augenwischerei und das wäre sehr unehrlich gegenüber Tabran und Shiranach. Ich denke, das würden sie auch durchschauen. Aber ich begleite dich trotzdem.“ „OK.“, sagte Zirell.

Sie wendete sich Maron zu: „Geh doch schon mal vor und bereite alles für deine Vernehmung in meinem Raum vor!“ „OK.“, sagte der Agent und ging. Auch Jenna und Zirell verließen die Kommandozentrale, nachdem die Tindaranerin IDUSA befohlen hatte, sie, falls etwas wäre, über ihr Handsprechgerät zu verständigen.

Diran war wieder in Toleas Haus geeilt. Er hatte ihren Befehl ausgeführt, soweit er es eben konnte. Wen er nicht erreicht hatte, den würde er persönlich aufsuchen. Aber dabei würde er wohl ihrer Hilfe bedürfen, denn Diran wusste ja noch nicht, was Zirell und ihre Leute gerade im Begriff waren zu erfahren. Der Vendar hatte ja keine Ahnung davon, dass die Dimension, in der er seine Freunde Tabran und Shiranach vermutete, auch bereits auf normalem Weg zu erreichen war, ohne dass die Wächterin die Tür öffnete und Tolea sie telepathisch darum bat.

Vorsichtig hatte Diran jetzt das Schlafzimmer seiner Gebieterin betreten, in das er sie selbst gebracht hatte, nachdem sie ihm von ihrer doch sehr starken Vision berichtet hatte. Jetzt stand er neben ihrem großen Bett und sah zu, wie sie langsam wieder die Augen öffnete und die große warme weiße Decke, in die er sie gehüllt hatte, bevor er gegangen war, zurückschlug. Sie musste, obwohl sie geschlafen hatte, ihn irgendwie wahrgenommen haben. Diran dachte sich allerdings, dass das für sie, als Mächtige, ja sicherlich kein Problem darstellte.

Tolea setzte sich auf. „Hallo, Diran.“, begrüßte sie ihn zwar mit immer noch leicht erschöpftem Ausdruck, aber dennoch mit einem Lächeln auf dem Gesicht. „Schön, dass du noch einmal hergekommen bist, um nach mir zu sehen.“ „Um ehrlich zu sein.“, sagte Diran. „Ist das nicht der Grund, aus dem ich hier bin, Gebieterin. Ich möchte, nein, ich muss Euch bitten, mit der Wächterin des Tembraâsh Kontakt aufzunehmen, damit ich mit Tabran und Shiranach reden kann. Wenn ich sie nicht über SITCH erreichen kann, werde ich persönlich mit meinem Schiff dorthin fliegen.“

Der Gesichtsausdruck der Mächtigen verfinsterte sich leicht. „Habe ich etwas gesagt, dass Euer Missfallen erregt hat?“, fragte Diran etwas unsicher. „Das hast du nicht.“, sagte Tolea und legte mit Absicht viel Trost in ihre Stimme. „Du kannst es ja nicht wissen, Diran. Nein, du kannst es ja nicht wissen. Du bist ja nur ein …“ „Was kann ich nicht wissen?!“, hakte Diran ein. Seine Stimme wies auf eine mittlere Alarmierung hin. Er wusste, wenn sie diese Worte gebrauchte, dann musste etwas sein, das noch viel schlimmer war als alles, was er bisher gesehen und gehört hatte.

Diran beschloss, vorsichtig, aber dennoch diplomatisch nachzufragen. Er wusste, dass sie eigentlich keine von den typischen Q war, die Sterblichen pauschal jede Fähigkeit absprachen, die komplizierten physikalischen Zusammenhänge zwischen den Dimensionen zu verstehen. Eigentlich war Tolea immer das genaue Gegenteil davon gewesen. Sie und ihr Bruder Kairon hatten immer die Prämisse vertreten, dass alle Spezies die Chance bekommen sollten, es zumindest zu versuchen. Ob nun mit mehr oder weniger Anleitung. Nur so könnten sie sich schließlich entwickeln und lernen. Das durfte man, zumindest ihrer Meinung nach, niemandem absprechen, auch wenn es bedeutete, dass es zuweilen für die Mächtigen selbst etwas unbequem würde. Aber das Leben bestand, auch für sie, eben aus Lernprozessen. Vor allem aber musste man die Sterblichen dort abholen, wo sie standen und nicht Dinge verlangen, die sie überforderten und das sogar vielleicht mit Absicht, um sie möglichst klein zu halten. Das hatten vielleicht die alten Q so gemacht, Tolea, Kairon und der Rest des Hohen Rates verfolgten aber den genauen Gegenkurs.

Dirans Einwurf hatte Tolea stutzen lassen. „Oh entschuldige, Diran.“, sagte sie, die sich in diesem Moment auch wieder an ihre eigenen Grundsätze erinnert hatte. „Wie konnte ich das nur sagen?! Bitte verzeih mir!“ „Es ist längst vergeben, Herrin.“, tröstete Diran und sah sie mild an. „Aber Ihr scheint irgendwie sehr fahrig. Was ist Euch geschehen? Liegt es immer noch an der Vision, die Ihr hattet?“

Tolea deutete auf die freie Stelle auf der Matratze zu ihren Füßen: „Setz dich!“ Folgsam tat Diran, was sie verlangt hatte. Dann berichtete sie: „Ich hatte eine weitere Vision, während du fort warst. Ich denke, dass die Quellenwesen zu mir gesprochen haben. Sie gaben mir eine Weissagung, die ich dir geben soll. Höre genau zu und merke dir jedes Wort! Du wirst sie so weitergeben, wie ich sie dir sage!“ Dann sah sie ihn wieder fest an und sagte fest: „Tshê, Vendar!“, um danach langsam und deutlich fortzufahren: „Die Hydra der Eifersucht wird erwachen. Entfesseln wird sie des Krieges Drachen. Sodann werden alle Lande beben. Es wird viel Leid und Kummer geben. Doch Recken, die Kommen auf vielen Wegen, werfen sich tapfer dem Bösen entgegen. Wen das Schicksal sich wünschen will in diesem Stand, den wird es erwählen durch Kindeshand. Dies wirst du allen Sagen, die von deiner Art sind und denen du begegnest. Auch anderen, die uns wohlgesonnen sind!“ „Ich verstehe, Gebieterin.“, sagte Diran. „Aber welches Kind soll das Werkzeug des Schicksals sein?“ „Das weiß ich nicht.“, gab Tolea zu. „Sie haben es mir nicht gesagt. Das werden wir wohl allein herausfinden müssen.“ „Könntet Ihr nicht in die Zukunft sehen und es herausfinden?“, fragte Diran. „Ich wünschte, das könnte ich.“, sagte Tolea. „Aber alles ist bereits jetzt so chaotisch, dass es anscheinend nicht mehr funktioniert. Ich erhalte nur merkwürdige Bilder, die ich nicht einordnen kann.“ „Aber wie kommt denn das?“, fragte Diran. „Ich meine, Ihr seid eine Mächtige! Eigentlich müsste doch Euer Wunsch der Zeit Befehl sein.“ „Normalerweise sicher ja.“, sagte Tolea. Aber was ist, wenn sich die Zeit so verändert hat, dass sie meinen Befehl nicht versteht? Das halte ich auf jeden Fall für möglich. Irgendeine massive Veränderung ist im Gange. Das weiß ich mit Sicherheit!“

Diran begann damit, lange zu überlegen, was sie gemeint haben könnte. Aber irgendwie wollte das, was sie gerade gesagt hatte, nicht in seinen Kopf. „Ich vermag Euch leider nicht ganz zu folgen, Gebieterin.“, gab er schließlich zu. „Das macht nichts.“, sagte Tolea. „Dann will ich es dir an einem Beispiel verdeutlichen. Nimm meine Decke!“ Etwas verunsichert, aber dennoch vertrauensvoll tat Diran, was sie gerade gesagt hatte und zog ihre Bettdecke zu sich heran. „Jetzt schlinge sie dir so um den Kopf, dass sie deine Ohren vollständig bedeckt. Lass aber dein Gesicht frei.“, wies Tolea ihn an. Diran tat auch dies. Er konnte zwar noch nicht erahnen, was sie beabsichtigte, dachte sich aber, dass er dessen schon früh genug gewahr werden würde.

Jetzt trug er einen Turban aus einer Bettdecke, denn seine Augen, Nase und Mund waren frei. Mit seinen Augen nahm er zwar wahr, dass sich Toleas Lippen bewegten, aber was sie sagte, blieb ihm weitgehend verborgen. Erst als sie ihm die Decke wieder vom Kopf zog und ihn fragte, was er denn nun gehört hätte, wurde Diran klar, was sie meinte. „Was hast du von dem verstanden, was ich gesagt habe?“, fragte Tolea. „Nicht ein sicheres Wort, Gebieterin.“, gab Diran zu. „Ich könnte noch nicht einmal ansatzweise wiedergeben, wovon Ihr gesprochen habt. Aber ich glaube, ich verstehe langsam. So ähnlich mag es jetzt wohl auch den Dimensionen ergehen.“ „Du bist sehr klug, Diran.“, sagte Tolea, was dem Vendar wiederum zeigte, dass er mit seiner Vermutung richtig gelegen hatte. „Aber haltet Ihr tatsächlich für möglich, dass ich Tabrans und Shiranachs Rufzeichen normal über SITCH erreichen oder ihre Heimatdimension gar anfliegen kann?“ „Das tue ich!“, sagte Tolea fest. „Und du solltest dich damit beeilen! Je eher unsere Freunde alle davon wissen, desto eher können wir auch alle zusammen eingreifen und die Katastrophe vielleicht noch verhindern! „Ich werde mich sofort aufmachen, Gebieterin!“, versicherte Diran, stand auf und ging aus dem Raum.

Mit Hilfe des Kontaktkelchs hatte Sytania die Situation um Diran beobachtet. Die Dinge, die Cirnach herausgefunden hatte, hatten der Königstochter keine Ruhe gelassen. Sie wusste, dass sie, würde sie es richtig anstellen, eine sehr große Chance hatte, an jede Information zu kommen, die ihre verhasste Feindin Tolea besaß und die etwas mit den Plänen ihrer Gegner zu tun hatte. Deshalb hatte sie jetzt auch Telzan und Mirdan wieder zu sich gerufen.

„Deine Frau hat mir da eine wertvolle Information gegeben.“, sagte sie zu ihrem obersten Vendar, der sie fragend angesehen hatte. „Sprecht Ihr etwa von dem Ergebnis ihrer Spionage mit der Sonde?“, fragte Telzan. „Wovon denn wohl sonst?!“, fragte Sytania scharf. „Wir könnten an alle Informationen kommen, die Tolea hat, wenn wir es richtig anstellen. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass Tolea aus dem Raum-Zeit-Kontinuum einfach so zusehen wird, wie Valora und ich die Welten ins Chaos stürzen. Aber ich will nicht wieder verlieren! Dieses Mal will ich vorbereitet sein. Ich weiß auch schon, wie wir das anstellen werden. Tolea hat, wahrscheinlich ohne es zu wollen, aber sie hat, mir die beste Vorlage dafür geliefert, die ich je bekommen konnte.“ „Ihr sprecht von dem Bann über Diran.“, sagte Telzan. „Ich verstehe. Aber was ist, wenn meine Frau die Lippenbewegungen falsch interpretiert hat? Ich meine, bei der Aufnahme gab es keinen Ton. Wir sollten vorsichtig sein.“ „Zweifelst du etwa an den Fähigkeiten deiner eigenen Ehefrau, Telzan?!“, fragte Sytania ihn und sah ihn scharf und eindringlich an. „Im Grunde nicht, Milady.“, sagte Telzan. „Aber ich wäre an Eurer Stelle sehr vorsichtig. Falls Ihr nämlich beabsichtigt, mich dorthin zu schicken, um das mit dem Bann auszuprobieren, dann muss ich Euch darauf hinweisen, dass Tolea den Plan genauso gut gegen uns verwenden könnte.“ „Wie meinst du das, Telzan?“, fragte Sytania. „Ich meine.“, erklärte der Vendar. „Wenn es keinen Bann geben sollte und Cirnach hat sich geirrt, dann könnte ich genauso gut als Gefangener Toleas enden. Ihr wisst, dass sie Euch mindestens ebenbürtig ist.“

Mirdan war jetzt in den Vordergrund getreten. „Wenn Ihr das Leben Eures obersten Vendar nicht riskieren wollt.“, sagte er. „Dann nehmt doch das Meine an seiner Stelle. Mich kennt Diran Ed Sianach nicht. Weder er, noch seine Gebieterin würden Verdacht schöpfen bei einem harmlosen Novizen. Ich werde allerdings das Zeichen des Drudenfußes gut sichtbar auf meiner Schulter tragen. Zumindest dann, wenn er sich mir in bestimmter Art nähert. Es dürfte nur durch einen Zipfel meines Kragens verdeckt werden. Dann werde ich ja sehen, ob er wirklich jedem erzählen muss, was er und seine Herrin so planen. Falls dem so ist, werde ich Euch die Informationen natürlich sofort zukommen lassen.“ „Das ist eine sehr gute Idee, Mirdan.“, lobte Telzan und auch Sytania nickte beifällig. „Auf diese Weise können wir Diran und Tolea demoralisieren und bekommen gleichzeitig alle Informationen, die wir wollen. Wenn Diran wirklich unter dem Bann steht und allen von seiner Art die Informationen geben muss, denen er begegnet, dann wird er an dieser Tatsache sehr verzweifeln. Wenn er dann auch noch sieht, wem er sie gegeben hat, dann wird er noch mehr verzweifeln und das wird ihn dazu bringen, Tolea zu fragen, was sie mit ihm gemacht hat. Aber Tolea wird sich ihres Fehlers wohl nicht bewusst sein und so kann er nicht auf Hilfe hoffen. Für einen Vendar ist es das Allerschlimmste, zum Verräter am eigenen Herrn zu werden und wenn er dann noch merkt, dass er nichts dagegen tun kann, dann wird es ihn sogar in den Selbstmord treiben, denke ich. So hat Tolea dann einen Getreuen weniger und das ist umso besser für uns. Das nenne ich zwei lästige Schmeißfliegen mit einer Klappe schlagen! Wenn sie merkt, was sie mit ihrem Bann angerichtet hat, wird auch sie verzweifeln, weil sie den guten Diran ja ach so gern mag. Das ist eben das große Problem, wenn man eine zu starke Beziehung zu seinen Vendar pflegt.“ Er grinste gemein zu Sytania herüber. „Aber das kann Euch ja nicht passieren.“ „Oh nein.“, sagte die Prinzessin. „Da brauchst du wirklich keine Angst zu haben, Telzan. „Es ist alles in Ordnung mit unserer Beziehung. Ich würde jederzeit einen von euch für mich in den Tod schicken! Reicht dir das als Beweis?! „Ja, Herrin.“, nickte der Vendar erleichtert. „Wie ich also sehe, ist alles in Ordnung.“

Sytania wandte sich Mirdan zu. „Bist du immer noch der Ansicht, deinen Plan ausführen zu wollen, Novize?!“, fragte sie ihn sehr eindringlich. „Das bin ich, Gebieterin.“, sagte Mirdan mit sehr sicherem Ausdruck in Gesicht und Stimme. „Es macht dir also nichts, unter Umständen als Feind erkannt zu werden?“ „Nein!“, versicherte Mirdan. „Weil ich Cirnachs Fähigkeiten als Lippenleserin völlig vertraue. Sie wird es schon richtig gesehen haben. Tolea war ziemlich fertig. Das geht aus den Aufzeichnungen der Sonde hervor. Die Wahrscheinlichkeit ist meiner Ansicht nach sehr groß, dass sie diesen Fehler gemacht hat. Ich werde schon auf mich achten. Aber um Dirans Demoralisierung noch voranzutreiben, sollte ich mir auch einen Grund überlegen, aus dem der Mishar seines Schiffes unser Gespräch aufzeichnen sollte. Sonst weiß der gute Diran ja am Ende gar nicht, was er getan hat. Aber da werde ich mir schon etwas überlegen. Ausbilder, Bitte gib mir ein Schiff. Dann werde ich mich sofort auf die Reise machen, um ihn zu suchen. Wie ich ihn auf mich aufmerksam machen werde, weiß ich auch schon. Aber wenn Ihr, Sytania und du, Ausbilder, mich gemeinsam beobachtet, dann werdet ihr schon sehen, was ich plane. Betrachtet es doch einfach als meine Prüfung, oder zumindest als eine meiner Prüfungen.“ „Also gut, Mirdan.“, sagte Telzan. „Auch ich bin einverstanden.“, sagte Sytania. „Soll dein Novize uns zeigen, was er so gelernt hat, Telzan.“ „Das wird er, Hoheit!“, versicherte Telzan. „Er hat mich noch nie enttäuscht und er wird es auch jetzt nicht tun. Da bin ich mir zu 100 % sicher, Milady! Und Euch, ja Euch wird er das auf gar keinen Fall antun!“

Er wandte sich Mirdan mit ernstem Blick zu: „Habe ich Recht, Junge?“ „Du hast immer Recht, Ausbilder.“, sagte Mirdan und machte eine fast unterwürfige Geste. „So ist es recht!“, lobte Telzan. Dann zog er ihn mit sich: „Und nun komm mit. Meine Techniker werden dir ein Schiff vorbereiten. Hast du spezielle Anforderungen daran, die es für deinen Plan erfüllen müsste?“ „Die hätte ich schon, Ausbilder.“, sagte Mirdan. „Es müsste ein älteres Schiff sein. Eines, dem man technische Probleme auf jeden Fall abnimmt.“ „Ah.“, machte Telzan. „Ich verstehe. Wenn es weiter nichts ist, das ist kein Problem. Wir haben genug davon! Du willst einen kleinen Notfall simulieren und hoffst, dass Diran darauf anspringt und nichts anderes mehr will, als einem armen hilflosen Novizen zu helfen.“ „Genau, Ausbilder.“, sagte Mirdan. „Aber der Techniker soll mir auch zeigen, wie ich den Fehler nicht nur verursachen kann, sondern auch, wie ich ihn selbst wieder behebe, falls etwas schiefgeht.“ „Wenn es weiter nichts ist.“, lachte Telzan und zog ihn weiter mit sich. „Komm mit! Wir werden schon eine Möglichkeit finden. Es ist wirklich erstaunlich, wie gut du im Bereich Täuschung von Feinden geworden bist. Das hätte ich dir nicht zugetraut. Ich dachte immer, da müssten wir noch ganz viel dran arbeiten.“ „Da sieht man mal, wie auch du dich täuschen lassen hast, Ausbilder.“, grinste Mirdan. „Oh ja.“, sagte Telzan. „Das sehe ich. Aus dir wird noch einmal ein sehr guter Stratege werden, denke ich.“ Er führte seinen Schüler mit stolzem Ausdruck im Gesicht mit sich fort.

Leandra und Lostris waren ihrem Ziel, ganz Genesia zu missionieren, schon sehr nah gekommen. Viele der Prätoras von anderen Clans, die mit Shashanas Politik auch nicht einverstanden waren, hatten sich ihnen bereits angeschlossen. Aber Leandra hatte im Grunde ohnehin kein Problem mit der Situation, denn ihr Clan hatte von jeher die meisten Priesterinnen im Reich gestellt und so dachte sie sich, es könnte ihr ein Leichtes sein, die anderen Kriegerinnen zu überzeugen. Auch die Tatsache, dass niemand eigentlich genau wusste, wie die Wächterin von Gore wirklich aussah, spielte ihr in die Hände. Die vielen Statuen waren nämlich nur Interpretationen von Künstlerinnen gewesen, die zwar alten Überlieferungen entsprachen, einen endgültigen Beweis aber, dass es sich wirklich um eine leibhaftige Nachbildung ihrer Göttin handelte, waren auch diese allerdings schuldig geblieben. Aber das war ja wohl bei den meisten Gottheiten in den meisten Religionen so. Einige durften sogar laut Lehre offiziell keine Bilder von ihren Göttern haben, hatten sie aber irgendwo doch.

Nach ihrem letzten Missionierungsflug waren Leandra und ihre Kriegerinnen jetzt auf ihren Planeten zurückgekehrt und hatten sich im Haus der Prätora in einem großen Raum getroffen. Der Raum ähnelte sehr der großen Kuppelhalle auf der Heimatwelt, in der sich auch Shashana und ihre Leute zur Beratung trafen. Eine solche Bauweise war also für Versammlungsräume der Genesianer normal. In der Mitte des Raums gab es ein Podest, auf dem es eine Holzbank gab, auf der Leandra und Lostris Platz genommen hatten. Genau wie die Klingonen schätzen die Genesianer auch keine Polster und unnötige Schnörkel. Deshalb war auch der große viereckige Tisch sehr schlicht gehalten. Alle anderen Kriegerinnen saßen an Tischen um die Prätora und ihre Erbprätora herum. Alle hatten die Versammlung in Kampfausrüstung aufgesucht. Das war Lostris‘ und Leandras ausdrücklicher Wunsch gewesen.

Auf jedem der Tische stand eine Schüssel mit Veddach, der altbekannten trinkbaren Quarkspeise der Genesianer, die dreimal so stark wie irdisches Zaziki ist. Neben der Schüssel fand sich je ein Tablett mit einer toten Raubkatze, wie sie in der Welt der Genesianer häufig vorkam und dort auch gegessen wurde. So ein Tier zu töten, galt unter den Kriegerinnen als sehr mutige Tat und sie glaubten sogar, würden sie es essen, seine Stärke in sich aufnehmen zu können. Schüsseln und Tabletts bestanden aus einem groben Steingut. Sie waren rund und ihre Bebilderungen stellten Szenen aus der genesianischen Mythologie dar. Dann gab es da noch die typischen Schöpflöffel aus Metall, aus denen das Veddach getrunken wurde. Weiteres Geschirr gab es nicht, denn es war bei den Genesianern ja üblich, mit den Händen zu essen.

Leandra hatte die Führung der Versammlung übernommen. Sie war jetzt aufgestanden und hatte sich an alle anderen Kriegerinnen gewendet: „Ich danke euch, dass ihr mir so tapfer folgt und zum wahren Glauben gefunden habt! Aber die schwierigste Mission steht uns noch bevor. Wir müssen die oberste Prätora auch noch auf unsere Seite bringen, oder sie muss sterben!“

Sie machte eine Pause, um zu sehen, wie ihre Worte auf die anderen gewirkt hatten. Alle Kriegerinnen brachen in lauten Jubel aus. „Wenn sich Shashana bereit zeigt, unseren Glauben anzunehmen, dann wird sie großes Heil erfahren, so wie wir es alle von der Einhorngöttin erfahren haben. Auch sie wird dann mit Unverwundbarkeit und sogar mit Unsterblichkeit gesegnet sein. Das müssen wir ihr sagen …“

Lostris hatte ihre Mutter in die Seite gestoßen. „Was ist?“, zischte Leandra. „Ich denke nicht, dass Shashana so einfach zu überzeugen sein wird, Mutter.“, sagte die einigermaßen intelligente Erbprätora. „Es wird schon eines Beweises bedürfen, dass die Einhorngöttin wirklich die Wächterin von Gore ist. Shashana glaubt nicht so leicht an Dinge, wie so manche von uns. Sie hat zu viel gesehen!“ „Zweifelst du etwa auch?!“, ging Leandra ihre Tochter vor allen scharf an. Durch die Reihen der Kriegerinnen ging ein Raunen. „Natürlich nicht!“, sagte Lostris fest. „Ich will euch und uns ja nur vorbereiten. Mit Shashana werden wir eine harte Nuss zu knacken haben.“

Eine Kriegerin aus den hinteren Reihen war aufgestanden und hatte sich dem Platz der Prätora und dem der Erbprätora genähert. Sie war ca. 1,80 m groß, sehr schlank und hatte einen im Kampf gestählten Körper. Um ihren Kopf trug sie ihr rotes Haar wie einen Flammenkranz. Das Zeichen ihres Clans, der Rotash, eine einen 8-köpfigen Drachen tötende Kriegerin, war gut auf ihrem Perlenkragen zu erkennen. Außerdem wiesen die Musterung und Färbung der Perlen ihre nicht sehr hohe Stellung im Clan aus. Sie war Gefangenenwärterin in einem der Lager, die von den Rotash errichtet worden waren, um Kriegerinnen, die im Kampf um den Glauben nicht gestorben waren, umzuerziehen. Da die Gefangennahme und vor allem gefangen genommen zu werden unter Genesianern als feige und ehrlos gilt, war ihre Stellung entsprechend, weil sie sich ja nur mit ehrlosen Kreaturen umgab. Nur eine Männerfängerin oder -händlerin hätte noch unter ihr gestanden.

Vielleicht wisst ihr, dass bei den Genesianern Männer oft wie eine rechtlose Ware behandelt werden. Jedes Tier ist bei ihnen besser dran. Jedenfalls galt das für die Zeit vor Shashanas Amtsantritt als oberste Prätora.

Diese Kriegerin hatte es jetzt also tatsächlich gewagt, unaufgefordert in den Kreis derer zu treten, die hier etwas zu sagen hatten. Leandra sah sie streng an. Dann fragte sie: „Wer bist du? Nenne mir deinen vollen Namen!“ „Ich bin Adriella, Tochter von Kalinda vom Clan der Rotash.“, stellte sich die junge Kriegerin mit ihrer hellen aber dennoch lauten Stimme befehlsgemäß vor. „Was willst du?“, fragte Leandra. „Ich will Euch, Prätora und auch euch, meine Clanschwestern, sagen, wie wir Shashana überzeugen können. Wir bräuchten ein Wunder, das die Göttin uns zuteilwerden lassen hat.“

Alle Kriegerinnen brachen in schallendes Gelächter aus. Aufgrund ihrer Stellung war Adriella schon nicht sehr angesehen und jetzt behauptete sie auch noch, dass die Göttin ihr ein Wunder auf Bestellung liefern würde. Nein! Das konnte doch einfach nicht sein! Auch Leandra und Lostris lachten aus voller Kehle.

Die Erbprätora war jetzt aufgestanden und stellte sich Adriella mit einem verachtenden Blick gegenüber. „So, so.“, sagte sie. „Und wie soll dieses Wunder aussehen? Du hast doch sicher schon eine konkrete Vorstellung, oder?“ „Die habe ich natürlich nicht, Erbprätora.“, sagte Adriella und senkte demütig den Kopf. „Aber wenn Ihr …“

Sie war nicht mehr dazu gekommen, ihren Satz zu beenden, denn im gleichen Moment hatte ein schwarzer Blitz die Luft zerrissen und Valora war vor ihnen aufgetaucht. „Welche Ehre, dass du uns mit deiner Anwesenheit beehrst, große Göttin!“, sagte Leandra und fiel vor dem Einhorn auf die Knie. Steh auf!, befahl Valora telepathisch. Oder geziemt sich so ein Verhalten etwa für eine genesianische Kriegerin?! „Nein!“, sagte Leandra fest und stand auf. „Aber was ist der Grund, aus dem du hier bist?“ Das will ich dir sagen!, antwortete Valora sehr machtvoll. Ihr benötigt ein Wunder? Gut, das sollt ihr haben. Als der Mann in eure Welt kam, geriet die Schöpfung außer Kontrolle. Ich beabsichtige hier und heute, diese Kontrolle wieder herzustellen. Lostris, wünscht du dir nicht eine Schwester? „Ja, große Göttin.“, antwortete Lostris ehrfürchtig. Dann sei es!, erwiderte Valora und ein zweiter schwarzer Blitz fuhr durch die Luft und gab bald den Blick auf eine erwachsene Kriegerin frei, die zwar jünger aussah als die Erbprätora, ansonsten aber etwa die gleiche Statur aufwies. Ihre Augen schienen allerdings leblos. Gib ihr einen Namen, Leandra., forderte Valora die Angesprochene auf. Erst dann wird sie zum Leben erwachen. „Du sollst Kara heißen, mein Kind!“, rief Leandra begeistert aus. „Kara, Tochter von Leandra vom Clan der Rotash!“ Die Kriegerin tat einen tiefen Atemzug. Alle applaudierten. Dann half Lostris ihrer jüngeren Schwester auf und setzte sie neben sich auf die Bank. Ihr seht also., erklärte Valora. „Ihr müsst die Leiden von Schwangerschaft und Geburt nicht länger hinnehmen, ohne euch verteidigen zu können gegen diesen Schmerz. Diese Zeit der Schande, die von so niederen Wesen wie Männern verursacht werden kann, wird für keine von euch mehr anbrechen müssen. Jetzt ist die Schöpfung wieder im Gleichgewicht. Betet, so werde ich euch geben.

Sie verwandelte sich in eine Energiewolke und flog durch den Raum. Dann sagte sie: In dieser Gestalt werde ich euch begleiten, wenn ihr gegen Shashana zieht! Dann wird auch sie sehen, unter wessen Schutz ihr steht. Wir sollten sofort aufbrechen!

Immer noch fast wie betrunken von dem vermeintlichen Wunder stand Leandra auf und kommandierte: „Ihr habt es gehört! In die Shuttles! Und denkt dran! Es kann uns nichts geschehen! Wir stehen unter dem Schutz der Einhorngöttin!“ Alle Kriegerinnen jubelten und marschierten hinter ihr her zum Landeplatz ihrer Schiffe.

Valoras Aktion war von Sytania beobachtet worden. Eine wirklich beeindruckende Show, die du denen geliefert hast., lobte die Königstochter. Ich hätte es nicht besser gekonnt! Danke, liebe Freundin., erwiderte das Einhorn. Jetzt fressen sie uns noch stärker aus der Hand. Aber das Schönste weißt du noch gar nicht. Meine Schöpfungen sind die perfekten Marionetten. Sie tun genau, was ich will und was du willst. Aber für Lostris und ihre einfältige Mutter macht das ja im Moment eh keinen Unterschied. Bald werden wir die Genesianer vollständig unter unserer Kontrolle haben, denke ich. Irgendwann wird es nämlich der Wächterin von Gore einfach mal gefallen, einige der natürlich gezeugten Kriegerinnen zu sich zu rufen, also ihre Unsterblichkeit aufzulösen, weil es einfach der göttliche Wille ist, dass sie das Zeitliche segnen. und dann wird die dumme Leandra sie natürlich ersetzen wollen und um weitere Kinder bitten. Diesen Wunsch werde ich ihr selbstverständlich gern erfüllen. Sie lachte hexenartig. Dabei klang ihr Lachen schon fast so gemein wie das von Sytania. Sehr gut!, lobte die Prinzessin. Du weißt genau, wie man mich glücklich macht, Valora. Sehr genau! Ich danke dir., entgegnete Valora und beendete mit Sytanias Einverständnis die telepathische Verbindung zwischen beiden.

Kapitel 14: Aussagen, die Weichen stellen

von Visitor

 

Zirell und Jenna hatten nebeneinander den Turbolift verlassen, der sie von der Kommandozentrale zum Maschinenraum und den Andockrampen gebracht hatte. „Warum denkst du, dass mein Gesicht Tabran und Shiranach beruhigen könnte, wenn sie es sehen?“, fragte die hoch intelligente Halbschottin bescheiden. „Weil das bisher bei allen so war, die wir kennen.“, antwortete die tindaranische Kommandantin zuversichtlich. „Meine Regierung und auch die der Föderation halten große Stücke auf dich, Jenna McKnight. Du bist unsere Expertin für interdimensionale Physik und alles, was damit zusammenhängt. Tabran und Shiranach wissen das auch und sie vertrauen dir genauso.“ „Warum denkt nur jeder, dass ich übers Wasser laufen kann?!“, stöhnte Jenna. „Aber solange ich die Ursache nicht wirklich kenne, kann ich auch niemandem eine Lösung bieten.“

IDUSA ließ die Türen zur Andockrampe vorsichtig vor ihnen zur Seite gleiten. Jetzt betraten sie ein für Laien sicher extrem undurchsichtiges Gewirr von Gängen. Zielstrebig ging Zirell auf einen zu, an dessen Tür sie ein Blinklicht gesehen hatte. Dass passierte immer dann, wenn ein Schiff gedockt hatte. Jenna folgte ihr.

Die Luke des Andockrings und die von Tabrans und Shiranachs Schiff glitten synchron zur Seite. Dann sahen Zirell und Jenna in die Gesichter der beiden ihnen sehr wohl bekannten Vendar, die müde, aber erleichtert ihrem Schiff entstiegen.

„Hallo, meine Freunde!“, begrüßte Zirell sie lächelnd und streckte ihnen die Hand entgegen. „Auch wir grüßen dich, Zirell El Tindara.“, sagte Tabran und gab ihr die Hand. Auch seine Frau tat dies. „Shannon wird sich gleich um euer Schiff kümmern.“, sagte Zirell. „Jenna und ich bringen euch zu Maron, der euch vernehmen wird. Am SITCH haben wir ja schon darüber gesprochen, dass wir uns alle fragen, wie ihr es geschafft habt, hierher zu kommen.“ „In Ordnung, Anführerin Zirell.“, sagte Shiranach. „Die Situation hat sich verändert, weißt du? Wir glaubten zuerst, die Wächterin sei krank, aber das ist sie wohl nicht. Es muss also eine andere Ursache dafür geben, dass …“ „Telshanach!“, unterbrach Tabran sie bestimmt, aber dennoch sehr sanft. „Ich kann verstehen, dass du sehr aufgeregt bist. Aber Anführerin Zirell und Jenna McKnight können das sicher nicht so schnell alles verarbeiten. Wir sollten zuerst mit ihnen zu Maron El Demeta gehen. Er wird uns mit Sicherheit die richtigen Fragen stellen und dann ist alles sicher nur eine Frage der Beweise.“ „Warum will uns Maron El Demeta überhaupt vernehmen?“, fragte Shiranach. „Glauben er und du, Anführerin Zirell, etwa, dass wir ein Verbrechen an der Wächterin begangen haben, damit der SITCH mit Shannon O’Riley überhaupt möglich war?!“ „Aber nein, Shiranach.“, tröstete Zirell. „Wie kommst du denn darauf? Das würde ich niemals vermuten. Die Wächterin schützt euch. Warum solltet ihr die Hand beißen, die euch füttert? Außerdem entspricht das überhaupt nicht eurem Charakter. Aber wenn man es so betrachten will, dann hat es tatsächlich eine Art Verbrechen gegeben. Ein Verbrechen an der interdimensionalen Schicht. Jedenfalls ist sie die Geschädigte und wir müssen klären, ob es ein Unfall, also eine natürliche Ursache, war, oder ob jemand seine Finger im Spiel hatte. Aber ihr seid in diesem Fall bestimmt keine Täter oder gar Tatverdächtige, sondern eher Zeugen. Die Schicht hat ja euch gegenüber das gleiche merkwürdige Verhalten gezeigt, nämlich einen Zugang zum Tembraâsh zu erlauben, wie sie es gegenüber Shannon getan hat Und sitzt die vielleicht jetzt in der Sicherheitszelle?“

Zirell deutete nach rechts. Von hier aus konnten Tabran und Shiranach jetzt sehr gut das Gesicht Shannons ausmachen, die sich gerade in ihre Richtung bewegte. „Hi, allerseits!“, flapste die blonde Irin. „Ich habe gehört, hier sei ein Schiff zu warten?“ „Da hast du richtig gehört, Shannon.“, sagte Zirell und deutete hinter sich. „Alles klar.“, sagte Shannon lakonisch, schulterte ihre Werkzeugtasche und machte sich in Richtung des Shuttles auf den Weg.

„Wir sollten dann auch mal gehen.“, sagte Zirell. Dann winkte sie den beiden alten Vendar, die sich sogleich hinter ihr und Jenna einreihten.

„Wirst du bei der Vernehmung anwesend sein, Jenna McKnight?“, fragte Tabran die ganz in seiner Nähe gehende Technikerin. „Ja, das werde ich.“, antwortete Jenna. „Sie brauchen mich als Expertin. Sie glauben, ich könnte aus euren Antworten etwas lesen, das uns der Lösung näher bringt. Sie denken, ich könnte vielleicht die Ursache für die Ladungsverschiebung in der Schicht finden, wenn ich euch nur lange genug zuhöre.“ „Könntest du uns das mit der Ladungsverschiebung erklären?“, fragte Tabran. „Sicher kann ich das!“, versicherte Jenna. „Aber das sollten wir tun, wenn wir bei Maron sind. Dann muss ich nicht alles zweimal erzählen. Oder bist du etwa zu neugierig?“ „Oh nein.“, antwortete Tabran. „Noch kann ich warten. Es wäre ja wirklich sehr umständlich und ich weiß genau, wie sehr du etwas Umständliches hasst, Jenna McKnight.“ „Das stimmt allerdings.“, gab Jenna zu. „Ich bin eine Freundin der Effizienz. Die Xylianer und die Borg hätten bestimmt ihre Freude an mir.“ Sie grinste.

„Dass du in einer solchen Situation noch scherzen kannst.“, warf Shiranach mit besorgtem Ausdruck im Gesicht ein. „Ach, so schlimm wird es schon nicht werden.“, tröstete Jenna. „Wir haben doch bisher alles überstanden. Da werden wir mit dieser Geschichte doch spielend fertig werden! Oder meint ihr etwa nicht?“ Skeptisch zuckten die beiden Vendar mit den Schultern. Sie hatten zwar ein merkwürdiges Bauchgefühl, aber noch nicht einmal sie ahnten, was für Ausmaße die Sache noch annehmen sollte. Zirells und Jennas Versuch, bei ihnen Zuversicht zu verbreiten, war eigentlich nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man betrachtete, was noch auf alle zukommen würde.

Shimar und IDUSA waren jetzt so weit weg von der Station, dass es, im Normalfall zumindest, durchaus möglich gewesen wäre, die Dimension der Tindaraner zu verlassen und in die interdimensionale Schicht zu fliegen. Weder der talentierte Flieger noch sein Schiff ahnten allerdings, dass dies mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein würde. Aber im Moment führten sie ohnehin eine ganz andere Diskussion.

„Was halten Sie von der Entwicklung bezüglich des Kontaktes zwischen Ms. O’Riley und Tabrans Rufzeichen?“, wollte IDUSA wissen. „Glauben Sie etwa auch, dass es sich um einen Vorboten der Apokalypse handelt, wie es Techniker McKnight angedeutet hat?“ „Mir darfst du solche Fragen nicht stellen, IDUSA.“, antwortete der junge Pilot. „Ich bin nur ein einfacher Flieger.“ „Spüren Sie telepathische Auswirkungen, die unter Umständen daran schuld sein könnten?“, fragte das Schiff weiter nach. Sie konnte sich nicht erklären, was hier gerade passierte. So etwas war vorher noch nie vorgekommen und sie war bestrebt, die Situation irgendwie mathematisch einzuordnen.

Ihre Frage hatte Shimar aufhorchen lassen. Diese Möglichkeit hatte er noch gar nicht in Betracht gezogen und die Anderen hatten es wohl auch nicht. Aber vielleicht ließ sich ja so beweisen, ob Sytania ihre Finger im Spiel hatte.

Er strich mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand über einige leere Ports, um ein Massesignal bei IDUSA auszulösen. Dann sagte er: „Das war eine sehr gute Idee von dir! Mich wundert allerdings, dass noch nicht einmal unsere Intelligenzbestie darauf gekommen ist. Aber vielleicht ist das ja auch viel zu einfach für sie.“ „Ich hoffe.“, sagte IDUSA und ihr Avatar vor Shimars geistigem Auge schlug die Hände über dem Kopf zusammen und machte ein verschämtes Gesicht. „Dass Techniker McKnight nie erfahren wird, wie Sie gerade über sie gelästert haben.“ „Von mir wird sie kein Sterbenswörtchen erfahren!“, versicherte Shimar. „Und solange du dichthältst von dir bestimmt auch nicht. Oder hast du etwa vor, mich in die Pfanne zu hauen?“ „Natürlich nicht.“, sagte IDUSA. „Schließlich bin ich Ihr Schiff und als ein solches zunächst einmal Ihnen verpflichtet. Ich sehe keinen Grund, Sie anzuschwärzen. Sie haben ja sicher nur einen Scherz gemacht. Eine Eigenschaft, die ich erst durch den Eingriff Ihrer Freundin in meine Programmierung fähig bin zu erkennen.“

Shimar schluckte, gab einen irritierten Laut von sich und sagte dann: „Wieder eine Sache, die sie mir gekonnt verschwiegen hat. Ich wusste gar nicht, dass Betsy die Programmiersprache des tindaranischen Betriebssystems beherrscht, geschweige denn, dass sie überhaupt programmieren kann. Aber jetzt verrate mir doch mal, wie sie das gemacht haben soll! Ich meine, an dem Versuch, euch Humor beizubringen, haben sich die Ingenieure bis heute die Zähne ausgebissen und da soll ausgerechnet eine kleine Raumschiffpilotin und Kommunikationsoffizierin der Sternenflotte das Problem gelöst haben?“ „Offensichtlich ja.“, sagte IDUSA. „Wie das?“, fragte Shimar leicht verwirrt. „Nehmen wir einmal dieses Beispiel.“, sagte IDUSA. „Meine Datenbank enthält genug Beispiele dafür, was für ein gutes Verhältnis Sie zu Techniker McKnight haben. Biologische Wesen neigen im Allgemeinen nicht dazu, diejenigen, die sie mögen, böswillig zu diskreditieren. Allrounder Scott hat mir beigebracht, in solchen unklaren Situationen zunächst meine Datenbank zu konsultieren und nach Referenzdaten zu suchen, die etwas mit dem dargestellten Faktum zu tun haben. Das habe ich getan und bin auf diese Daten gestoßen. Andererseits steht dem entgegen, dass es durchaus Genies gibt, die sehr Lebensuntüchtig sind, weil sie in ihrer Kindheit falsch gefördert wurden. Manche von denen scheitern sogar am Binden einer Schleife. Aber das trifft auf Techniker McKnight nicht zu. Sie ist gleichermaßen praktisch wie theoretisch veranlagt. Da diese Daten also in einem negierenden und somit unlogischen Verhältnis zu dem stehen, was Sie gerade gesagt haben, muss ich davon ausgehen, dass Sie es nicht ernst gemeint haben können, zumal Sie dieses Wissen über Jenna auch teilen. Auch Sie wissen, wie praktisch veranlagt sie trotz ihrer hohen Intelligenz ist.“ „Da hast du Recht.“, sagte Shimar. „Das weiß ich genau. Trotzdem ist mir schleierhaft, wie Betsy das lösen konnte bei ihrem Kenntnisstand.“ „Nun.“, antwortete das Schiff. „Der Allrounder weiß, dass die Grundfunktionen eines jeden Computers das Suchen und Vergleichen sind. Ihr Lösungsvorschlag zielte genau darauf ab. Ich denke, dass es auch nur deswegen funktioniert hat.“ „Das denke ich auch.“, bestätigte Shimar. „Aber nun sollten wir wirklich mal deinen Vorschlag ausprobieren. Übernimm das Steuer!“ IDUSAs Avatar vor Shimars geistigem Auge nickte und die Steuerkonsole geriet in den Hintergrund, ein klares Zeichen Dafür, dass das Schiff seinen Befehl ausgeführt hatte.

Der junge Tindaraner lehnte sich zurück und begann damit, sich auf die Energie seiner Heimatdimension zu konzentrieren. Als Telepath war es ihm ja durchaus möglich, diese wahrzunehmen. Er versuchte seine telepathischen Fühler bis ans Limit zu beanspruchen, aber er war sich absolut nicht sicher über das, was er da fühlte. Er hatte durchaus das Gefühl, dass etwas sein könnte, aber so sicher war er sich nicht.

„IDUSA, ich bin nicht sicher.“, sagte er schließlich. „Ich spüre zwar, dass irgendwas auch mit unserer Dimension passiert, aber es ist meiner Meinung nach nicht eindeutig.“ „Wenn es etwas Dimensionales ist.“, schlussfolgerte IDUSA. „Dann lässt das meiner Meinung nach nur den logischen Schluss zu, dass sich die Quelle in der interdimensionalen Schicht befinden muss. Da ich weiß, dass Sie Ihre telepathischen Fähigkeiten nicht nach außerhalb der Dimension ausdehnen können, in der Sie sich gerade befinden, liegt nur der logische Schluss nah, dass wir uns in die interdimensionale Schicht begeben müssen.“ „Absolut logisch, IDUSA.“, urteilte Shimar. „Bedeutet das, dass Sie mit meinem Vorschlag einverstanden sind?“, versicherte sich das Schiff. Shimar nickte. „Soll ich eine bestimmte Dimension anfliegen?“, fragte sie. „Vielleicht wäre es ganz gut, wenn du uns ins Raum-Zeit-Kontinuum bringen könntest.“, überlegte Shimar halblaut. Er hatte nämlich Zirells Befehl auch nicht vergessen. Schließlich sollte er herausfinden, ob Sianachs Angst bezüglich des Bannes, unter dem Diran wahrscheinlich stand, berechtigt war oder nicht. „In Ordnung.“, sagte IDUSA und begann damit, ihren interdimensionalen Antrieb zu konfigurieren. Dann aktivierte sie ihn, aber das, was in diesem Moment geschah, irritierte sie und Shimar zunächst gleichermaßen.

Sie legte einen seltsamen Holperflug hin, an dessen Ende sie sich halb in der Dimension der Tindaraner und halb in der interdimensionalen Schicht befand. Das bedeutete im Klartext, dass sie halb außer Phase war. Dies wiederum hatte starke Scherkräfte auf den Plan gerufen, die jetzt drohten, ihre Hülle zu verformen. Da hierdurch wiederum Leitungen zu bersten drohten, war ein Großteil ihrer Systeme vom Ausfall bedroht, wenn nicht bald etwas getan würde, um sie aus dieser sehr unangenehmen Situation zu befreien.

„Bitte helfen Sie mir, Shimar.“, bat das Schiff. Sie war mit der Situation sichtlich total überfordert. „Ich verstehe nicht, was hier gerade passiert! Ich habe meinen Antrieb korrekt konfiguriert, trotzdem stecken wir hier fest! Das fällt in keine mathematische Kategorie! Ich denke, jetzt bin ich mal wieder auf einen Piloten mit Bauchgefühl und fliegerischen Instinkten angewiesen, der nicht nur mit dem Kopf fliegt! Bitte, Shimar! Bitte! Das hier überleben wir sonst beide nicht!“ „Schon gut.“, tröstete Shimar, dem es durch das Schaukeln seines Schiffes auch etwas unheimlich geworden war. Aber er wusste auch, dass er jetzt der Souveräne sein musste, der ihr aus dieser Situation half. Also fragte er: „Ist dein Impulsantrieb intakt, IDUSA?“

Sie nahm eine kurze Selbstdiagnose vor. Dann sagte sie: „Positiv, Shimar.“ „Na wenigstens etwas.“, sagte der Angesprochene. „Gib mir die Kontrolle über dessen Steuerung.“ „Was haben Sie vor?“, fragte das Schiff, dem seine neuesten Befehle sehr merkwürdig vorkamen. „Ich habe vor.“, sagte Shimar. „Uns aus dieser Situation zu befreien! Bitte vertrau mir jetzt! Auf mein Zeichen wirst du alle Energie aus dem interdimensionalen Antrieb in andere Systeme umleiten! Dann …“ „Dann, Shimar.“, unterbrach ihn das Schiff. „Werden wir in die Dimension zurückstürzen, aus der wir gekommen sind. Sehen Sie sich bitte meine Fluglage an. Ich werde mit der Nase zuerst auftreffen und das macht mich sehr instabil. Sollte es Ihnen nicht gelingen, mich abzufangen, werden wir unkontrolliert trudeln und vielleicht sogar in die nächste Gravitationsquelle stürzen! Außerdem sollte Ihnen bekannt sein, dass ich, als künstliche Intelligenz, nicht in der Lage bin, Vertrauen zu Empfinden!“ „Das ist mir klar, IDUSA.“, sagte Shimar. „Aber du hast eine Datenbank, in der du nachsehen kannst, in wieviel Prozent der Fälle meine wenn oft auch sehr merkwürdig anmutenden Aktionen uns gerettet haben! Ich denke, dass die mathematische Wahrscheinlichkeit mir Recht geben wird! Also, sieh nach!“

Tatsächlich konsultierte das Schiff ihre Datenbank und kam zu dem Schluss, dass er wohl wirklich Recht haben musste. In allen ihr bekannten Situationen hatte er es geschafft, sie durch zwar in keinem Handbuch stehende, aber dennoch erfolgreiche fliegerische Tricks vor dem Absturz zu bewahren. Die Wahrscheinlichkeit war also sehr groß, dass dies auch jetzt wieder funktionieren könnte.

„Also gut.“, wendete sich IDUSAs Avatar an Shimar. „Ich lasse mich auf Ihren neuesten Versuch ein. Aber wir sollten trotzdem nach einer Möglichkeit suchen, dass mein interdimensionaler Antrieb wieder zuverlässig funktioniert. Sonst könnte ein Flug mit mir lebensgefährlich für Sie oder jeden anderen enden. Techniker McKnight müsste mich für den Patrouillendienst sperren.“ „Keine Sorge.“, versicherte Shimar. „So weit wird es nicht kommen! Zumindest nicht, wenn ich es verhindern kann! „Also gut.“, sagte IDUSA und zeigte ihm einen Teil der Flugkonsole. Allerdings war das nur der, den er auch verlangt hatte, nämlich nur alle Kontrollen, die zum Impulsantrieb gehörten.

„Ich brauche auch noch den Höhenregler und Kontrolle über die elektronische Trimmung.“, sagte Shimar, nachdem er sich angesehen hatte, was sie ihm zeigte. Auch dies zeigte ihm IDUSA bereitwillig. „OK.“, sagte Shimar und gab ihr den Gedankenbefehl zum Abschalten der elektronischen Trimmung. Würde er sie jetzt hochziehen, würde sich zuerst nur ihre Nase bewegen, da nur die vordere Antriebsspule angesprochen würde. Solche Manöver waren eigentlich nur im Kunstflog erlaubt. Aber Shimar hatte ja auch hier eine umfangreiche Ausbildung genossen. Das war eine Tatsache, die dem Schiff durchaus bekannt war. Schließlich kannten sie und ihr Pilot sich bereits seit dessen Zeit als Kadett.

IDUSA verdankte Shimar in gewisser Hinsicht, dass es sie überhaupt noch gab. Da niemand sonst mit ihrer Diskussionsfreudigkeit zurechtgekommen war, hatte das Oberkommando schon fast beschlossen gehabt, sie wieder demontieren zu lassen und dass man wieder einen Schritt in der Serie zurückgehen würde. Der Flieger, der mit ihr zurechtkommen würde, müsste erst noch geboren werden, so fand man zumindest, aber dann kam er! Durch die Reihen der Techniker, die das Schiff gebaut hatten, musste zu diesem Zeitpunkt ein mächtiges Aufatmen gegangen sein, denn er hatte auch verhindert, dass sie eine rechtlich etwas fragwürdige Prozedur durchführen mussten. Da künstliche Intelligenzen in der tindaranischen Rechtsprechung den Organischen gleichgestellt waren, wäre ihre Demontage nur unter ganz genau definierten Umständen möglich gewesen. Oder würdet ihr die Tötung eines Arbeitskollegen beantragen, nur weil euch seine Nase nicht passt, oder er euch auf manche Dinge hinweist? Sicher doch nicht, oder? Na seht ihr.

Tage lang hatte Shimar seiner Flugprofessorin also in den Ohren gelegen, dem Schiff eine letzte Chance geben zu dürfen. Schließlich hatte diese mit den richtigen Leuten Kontakt aufgenommen und es ihm ermöglicht. Später, als man ihn gefragt hatte, wie er das denn hinbekommen hatte, sagte er nur bescheiden: „Man tut, was man kann. Vielleicht ist es auch einfach meine Art, an die Situation heranzugehen. Vielleicht habe ich ja ganz einfach einen anderen Blickwinkel.“ „Wenn.“, hatten sie darauf geantwortet. „Dann ist dein Blickwinkel aber eindeutig eine Nummer zu steil für den Rest von uns. Aber gut, Kadett Shimar. Du darfst sie behalten.“ Damit hatte man für Shimar eine Ausnahmeregelung getroffen, denn normalerweise bekam man erst als ausgebildeter Flieger ein Schiff zugeteilt. Das hatte auch dazu geführt, dass er mit ihr seine Flugprüfung ablegen durfte. Die Erinnerungen an diese spezielle Situation hatten die Beiden sehr stark zusammengeschweißt. Sie lieferte jetzt auch den wohl überzeugendsten Grund für IDUSA, Shimars Befehle, so ungewöhnlich sie auch sein würden, ohne Wenn und Aber auszuführen.

„Also dann, IDUSA!“, sagte Shimar. „Auf mein Zeichen wirst du die Energie umleiten. Das wird ein hartes Abschalten deines interdimensionalen Antriebs zur Folge haben. Sobald wir in unsere Dimension zurückgefallen sind, zünde ich deinen Impulsantrieb durch und ziehe deine Nase hoch. Warte mit dem Einschalten der elektronischen Trimmung, bis ich es dir sage. Den richtigen Moment kannst du nicht sehen oder errechnen, aber ich kann ihn fühlen, vorausgesetzt, du lässt die Umweltkontrollen wie sie sind.“ „Die G-Kräfte könnten Sie beim Sturz zu sehr in den Sitz drücken.“, sagte IDUSA und ihr Avatar schaute besorgt. „Es besteht außerdem die Gefahr, dass Sie dadurch vielleicht innere Blutungen erleiden, da der Druck auf Ihre Organe bei einem derartig schnellen Sturz sehr stark steigen könnte. Ich muss mit den Umweltkontrollen gegensteuern, damit das gesundheitliche Risiko für Sie …“ „Ich weiß, dass die Lex Technologica dir befiehlt, das Leben deines Piloten zu schützen.“, sagte Shimar ihr ins Wort fallend. Und ich danke dir auch dafür, dass du mich noch einmal darauf aufmerksam machst.“

Er gab ihr den Gedankenbefehl zur Aktivierung des Sicherheitskraftfeldes, das quasi einen Gurt ersetzt. „Schon besser.“, sagte IDUSA und ihr Avatar vor seinem geistigen Auge machte ein erleichtertes Gesicht. Außerdem nahm Shimar die Hände nach vorn, was ihm ermöglichte, sich an der vorderen Wand des Cockpits nach hinten zu drücken. Auch seine Füße stellte er fest und flach auf den Boden. Dann sagte er: „Du siehst also, dass ich mich gut vorbereitet habe. Das wäre aber sicher nicht möglich gewesen, wenn du mich nicht erinnert hättest.“ „Vielen Dank, Shimar.“, sagte IDUSA.

Ein Geräusch von Ihrer Hülle ließ Shimar aufhorchen. „Jetzt oder nie!“, beschloss er. Dann holte er tief Luft, um genug Gegendruck auf seine Lunge zu bringen, damit er gleich trotzdem noch atmen konnte, ohne das Gefühl zu haben, ersticken zu müssen, denn das hätte es für ihn unmöglich gemacht, sich auf die Befehle an sie zu konzentrieren, da sein Gehirn mit dem Überlebenskampf beschäftigt sein würde, wenn er es nicht verhinderte und danach gab er ihr die schon angekündigten Gedankenbefehle, die IDUSA auch prompt ausführte.

Tatsächlich stürzten sie in die tindaranische Dimension zurück. Das war aber genau das, auf das Shimar gewartet hatte. Die Auswirkungen, die IDUSA geschildert hatte, traten zwar ein, aber da er sich sowohl körperlich, als auch psychisch von ihr gut vorbereitet sah, machte es ihm wenig aus. Es gelang ihm sogar, sich auf die nachfolgenden Befehle an sie stark genug zu konzentrieren, dass sie ihn gut verstehen konnte.

Genau beim Wiedereintritt in die tindaranische Dimension zündete er ihren Impulsantrieb durch und brachte sie durch eine kontrollierte große ruhige Steuerbewegung wieder in die gerade waagerechte Position. Dann gab er ihr noch den Befehl, die elektronische Trimmung wieder einzuschalten und atmete kontrolliert und langsam aus.

„Genauso habe ich mir das vorgestellt.“, sagte Shimar, der durch die Aktion auch etwas angestrengt war, leicht außer Atem. „Sind Sie OK?“, wollte das Schiff wissen. „Ihr Puls ist leicht erhöht und Sie weisen Symptome psychischen und körperlichen Stresses auf.“ „Es geht schon.“, sagte Shimar. „Schalte den Antrieb aus und setz den Ankerstrahl. Und dann gib mir Jenn’. Sie muss das ja auch gesehen haben, vielleicht findet sie ja eine Lösung.“ „In Ordnung.“, sagte das Schiff und führte aus, was er ihr soeben gesagt hatte.

Im Maschinenraum von 281 Alpha nahm Shannon den SITCH entgegen. „Hi, Fliegerass.“, scherzte die blonde Irin in ihrer fast unverwechselbaren Art. „Was verschafft ’ner einfachen technischen Assistentin wie mir die Ehre?“ „Hast du gesehen, was gerade passiert ist?“, fragte Shimar. „Ich meine, durch die technische Verbindung müsstest du ja auch auf dem Laufenden sein.“ „Das bin ich auch.“, sagte Shannon. „Aber ich hab’ keinen blassen Schimmer der Spur einer Ahnung, was wir machen sollen. Meiner Meinung nach hast du euch aber schon ganz cool gerettet, Fliegerass. Zumindest is’ IDUSA noch ganz und du bist noch so lebendig wie ein Fisch im Wasser! Aber so bleiben kann das nich’. Das steht fest. Na, ich schaue mal wo Jenn’ is’. Dann geb’ ich das Problem ganz vertrauensvoll in ihre zarten Hände. Bleib mal kurz dran.“

Sie wandte sich IDUSA, dem Rechner der Station, zu: „IDUSA, wo is’ Techniker McKnight?“ „Techniker McKnight befindet sich in Commander Zirells Bereitschaftsraum.“, gab der Rechner der Station zurück. „Sag ihr, sie wird hier unten gebraucht.“, sagte O’Riley. Wir haben ein echt kniffliges Problem!“ „In Ordnung, Shannon.“, gab der Stationsrechner nüchtern und gewohnt sachlich zurück.

Zirell, Jenna, Shiranach und Tabran waren inzwischen auf Maron getroffen, der sie bereits in Zirells Bereitschaftsraum erwartet hatte. Nachdem sie sich gesetzt und ihre Personalien gegenüber dem Demetaner bestätigt hatten, fragte Maron: „Und wie hat das nun alles angefangen?“ „Ich denke, da kann ich dir am besten weiterhelfen, Maron El Demeta.“, sagte Shiranach, stand auf und machte einen Schritt auf den vor ihr auf einem Sitzkissen sitzenden Maron zu. „Dann erzähl mal!“, forderte dieser die alte Vendar auf und hielt ihr sein Pad, das er inzwischen vorbereitet hatte, vor den Mund. An der Leuchte und am Symbol auf dem Display konnte Shiranach gut sehen, dass es aufnahmebereit war.

Sie holte tief Luft. Die Dinge, an die sie sich jetzt erinnern musste, waren noch immer sehr beängstigend für sie. Sie hatte nicht verstanden, was da geschehen war. Deshalb war ihr das Ganze sehr unheimlich. Gleichzeitig schämte sie sich aber auch, denn das Gefühl der Angst war bei den Vendar nach wie vor verpönt. „Du brauchst dich für deine Angst nicht zu schämen, Shiranach.“, sagte Maron mit einem verständigen und milden Seitenblick in ihre Richtung. „Ich denke, dass das, was hier gerade passiert, für uns alle nicht sehr schön ist. Und was hier in diesem Raum passiert, dringt sowieso nicht nach außen. Du musst also keinerlei Befürchtungen wegen deines guten Rufes haben.“ „Ich danke dir, Maron El Demeta.“, sagte Shiranach erleichtert.

Er hatte gesehen, dass sie kurz davor war, in Ohnmacht zu fallen. „Tabran, hilf mal!“, wendete er sich an Shiranachs Ehemann, der noch immer im Hintergrund saß. Dieser stand jetzt auf und fing sie auf, um sie dann vorsichtig auf das ihr von Maron hingeschobene Sitzkissen gleiten zu lassen. Dann schob er das Kissen samt Shiranach in Marons Richtung. „Ich glaube, es wäre besser, wenn du mich erzählen ließest, Maron El Demeta.“, schlug Tabran vor. „Es tut mir leid.“, sagte der demetanische Agent. „Das darf ich leider nicht. Deine Frau ist für den ersten Moment dieses Geschehens, den ihr erlebt habt, die einzige leibhaftige Zeugin. Was du uns erzählen könntest, hast du ja nur von ihr selbst erfahren, aber du hast es ja dann inzwischen schon wieder selbst interpretiert. Das verfälscht eine Zeugenaussage leider sehr. Sie wäre dann ungültig. Chief-Agent Zoômell würde das auf keinen Fall gelten lassen und vor einem Gericht hätte eine solche Aussage auch keinen Wert.“ „Was können wir denn da nur tun?“, fragte Tabran.

Zirell war jetzt aufgestanden und hatte sich zu ihnen gesellt. „Soweit ich weiß.“, sagte sie. „Ist es auch bei euch nicht schlimm, wenn eine Freundin ihre Hilfe anbietet.“ Sie streckte Shiranach vorsichtig ihre Hand hin, die diese dann auch aufnahm. „Das hier ist eine Sache, die uns allen wohl etwas unheimlich sein dürfte.“, sagte sie. „Da muss es auch mal in Ordnung sein, Angst zu haben.“

Die Tindaranerin spürte, wie Shiranach ihre Hand fester griff. Dann sagte die alte Vendar: „Tabran war hinausgegangen, um unser Schiff zu warten. Ich sollte auf das Sprechgerät aufpassen, weil wir noch einen Ruf von Freunden erwarteten, die weiter weg im Tembraâsh wohnten. Das Gerät hat dann irgendwann gepiept und ich habe nicht wirklich auf das Display geachtet, als ich mich gemeldet habe. Ich habe mich total erschrocken, als ich plötzlich das Gesicht von Shannon O’Riley gesehen habe. Ich hatte immer gedacht, so etwas sei unmöglich. Aber jetzt war es das plötzlich nicht mehr. Ich habe weder aus noch ein gewusst. Ich habe sie nur schnell abgewimmelt und bin dann raus gegangen zu Tabran.“ „Du hast sie also abgewimmelt.“, versicherte sich Maron. „Wie genau ist denn das abgelaufen?“ „Wozu ist das wichtig?“, fragte Shiranach. „Es ist möglich, dass ich Shannon zu dem Thema auch noch vernehme.“, sagte Maron. „Unsere Regierung möchte es immer ganz genau wissen, wenn etwas ist, was eigentlich nicht sein darf. Wenn sich ihre Aussage mit der deinen deckt, haben wir noch größere Chancen, dass sie uns glauben.“ „Ach so.“, erkannte die Vendar. „Dann werde ich es dir natürlich erzählen. Ich habe so getan, als hätte ich keine Zeit. Du musst wissen, Maron El Demeta, dass mir die Sache sehr unangenehm war. Ja, sie war sogar etwas beängstigend für mich.“ „Das kann ich gut verstehen, Shiranach.“, sagte Maron gewohnt demetanisch verständig.

Jenna war noch einmal auf die Regierungen zurückgekommen. „Na, die Zusammenkunft ist da doch noch ganz human, Sir.“, warf Jenna ein. „Die tindaranische Regierung ja, McKnight.“, sagte Maron. „Aber mit der Regierung der Föderation der vereinten Planeten sieht es da schon ganz anders aus. Die schalten manchmal gern auf stur. Denen müssen wir schon hieb- und stichfeste Beweise liefern und selbst dann ist es manchmal doch sehr fraglich, ob sie uns glauben oder nicht.“ „Wovon hängt das denn ab, Maron El Demeta?“, wollte Tabran wissen. „Das weiß leider niemand so genau.“, sagte Maron und grinste. „Ich hoffe, dir ist klar, dass du gerade deinen ehemaligen Arbeitgeber ziemlich in die Pfanne haust.“, sagte Zirell aus dem Hintergrund. „Ja, das ist mir klar.“, sagte Maron. „Aber ich finde, mit der Wahrheit kann man nicht offen genug umgehen. Shiranach und Tabran sollten schon wissen, worauf sie sich einlassen und dass die Welt, die man ihnen versucht vorzuspielen, nicht immer so heil ist, wie sie auf den ersten Blick aussieht.“

Tabran hatte seiner Frau ein Zeichen gegeben und dann mit ihr den Platz getauscht. „Ich glaube, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, an dem ich dir am besten weiterhelfen kann, Maron El Demeta.“, sagte er. „Dann leg mal los!“, forderte der Demetaner ihn auf und hielt Tabran ebenfalls das Pad hin. „Sie war total aufgelöst.“, begann dieser zu erzählen. „Ich habe sie gefragt, was geschehen sei, aber sie konnte mir kaum etwas sagen, so aufgeregt war sie. Sie hatte sogar Angst, dass die Wächterin krank sein könnte, oder dass ihr etwas zugestoßen sei. Es war mir kaum möglich, sie wieder zu beruhigen.“ „Was habt ihr dann gemacht?“, fragte Maron. „Wie hast du sie dann doch noch beruhigen können?“ „Ich habe sie zunächst abgelenkt.“, sagte Tabran. „Und dann sind wir gemeinsam ins Haus gegangen und haben Kontakt zur Wächterin aufgenommen. Da haben wir gesehen, dass sie, den Göttern sei Dank, doch nicht krank war. Sie ist dann zu uns gekommen und wir haben uns mit ihr über die Situation unterhalten. Sie hat uns gesagt, dass sie nicht verstehen kann, warum sie die Dimension nicht mehr abschotten könne. Aber das dürften wir keinem weiteren Vendar aus dem Tembraâsh sagen.“ „Verstehe.“, sagte Maron, dessen politisches Verständnis an sich eigentlich recht gut war. „Das hätte eine Massenpanik auslösen können. Schließlich seid ihr alten praktizierunfähigen Vendar deshalb im Tembraâsh, um vor Nachstellungen eurer früheren Opfer geschützt zu sein. Auch wenn der eine oder andere von euch Mächten gedient hat, die es nicht sonderlich gut mit ihren Mitgeschöpfen meinen, so weiß doch die Wächterin, dass ihr alle irgendwo einen guten Kern in euch habt. Deshalb schützt sie euch dort seit Tausenden von Jahren und ihr könnt in Ruhe euren Lebensabend genießen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie ein sehr großes Interesse daran hat, dass es so bleibt. Sie hofft wohl, dass alles eine vorübergehende Episode ist, die wir leicht wieder in den Griff bekommen können. Aber wenn das den Mächtigen noch nicht einmal gelingt, wie sollen wir es dann schaffen? Meiner Meinung nach sollte sie zumindest mit den anderen Mächtigen, die auf unserer Seite sind, Kontakt aufnehmen. Wenn sie das nicht tut, dann sollten wir es versuchen.“ „Darüber hat sie uns nichts gesagt.“, sagte Tabran. „Wir wissen nur, dass sie wollte, dass wir euch informieren. Zuerst wollte sie uns sogar die Barriere öffnen, aber ich habe das abgelehnt. Wenn sie das getan hätte, musst du wissen, hätten wir das alle gespürt und das hätte genau die ungeliebten Fragen aufgeworfen, von denen du gerade geredet hast.“ „Tut die Wächterin das nicht immer dann, wenn ein Neuankömmling im Anmarsch ist?“, fragte Zirell. „Genau das.“, bestätigte Tabran. „Es soll uns alle zusammenholen, damit wir ihn oder sie begrüßen können. Dann muss sich der oder diejenige nicht so allein und verloren vorkommen. Die Person wird zwar auch von der Wächterin begrüßt, aber wenn es Leute tun, die von der gleichen Art sind, dann ist es doch noch angenehmer für sie.“ „Rein Logisch.“, antwortete Zirell. „Ich würde mich auch viel wohler fühlen, wenn mich jemand an einem fremden Ort willkommen heißen würde, den ich schon kenne und wenn es nur jemand von meiner Art ist.“

Maron hatte aus dem Augenwinkel Jenna beobachtet, die wieder jene typische Haltung eingenommen hatte, die sie immer dann einnahm, wenn sie nachdachte. Ihren Kopf hatte sie in ihre linke Hand gestützt. Ihre Augen waren halb geschlossen und es war kaum Bewegung in ihrem Körper und Gesicht. Mit der anderen Hand kratzte sie sich hin und wieder an der Stirn. Er wusste, wenn das passierte, dauerte es nicht mehr lange und sie würde irgendeinen intelligenten Beitrag beisteuern, über den alle stutzen würden, der aber letztendlich den entscheidenden Hinweis liefern würde, um die Situation zu lösen, die jetzt wohl ein wenig festgefahren schien.

Genauso plötzlich, wie Jenna diese Haltung eingenommen hatte, löste sie sich wieder aus ihr. Auch das kannten Maron und Zirell bereits zur Genüge von ihr. Jetzt würde es gleich so weit sein. Das ahnte der Agent. Jetzt würde sie ihm und allen Anwesenden gleich die Lösung der Lösungen präsentieren. Erwartungsvoll sah Maron sie an: „Ja, McKnight?“ „Was ist.“, sagte Jenna. „Wenn es ausgerechnet wir Sterblichen sind, die das Problem besser verstehen, als es jeder Mächtige könnte?“ „Ist das dein Ernst, Jenna?“, fragte Zirell irritiert. „Mein totaler und voller Ernst, Zirell!“, sagte die hoch intelligente Halbschottin mit viel Überzeugung in der Stimme. „Für die Mächtigen ist das Ganze schon zu alltäglich geworden und sie müssen sich ja außerdem keine Gedanken darüber machen, warum etwas passiert, wenn es passiert. Ihnen reicht die Erklärung, dass es ihr bloßer Wille ist, der es ermöglicht. Was ist aber, wenn sich die äußere Situation so verändert, dass ihr Wille es nicht mehr ermöglichen kann, weil sich die Grundsituation grundlegend verändert hat? Also, weil die Energieladung, die sie ausschicken, ihr Ziel aufgrund der Konfiguration der Ladung, auf die sie trifft, nicht mehr erreichen kann. Dann bleibt die Reaktion einfach aus. Da wir das aber erst zu verstehen beginnen, sind wir an diesem Faktum sicher viel näher dran. Wir sind einfach nicht so betriebsblind, weil wir noch wacher sind, was das angeht.“ „Deine Erklärung klingt absolut logisch, Jenna McKnight.“, sagte Tabran. „Ich wusste, dass es die richtige Entscheidung war zu euch zu kommen. Ich wusste, dass du eine Erklärung finden würdest.“ „Diese Erklärung wird aber manchem Mächtigen von Sytanias Schlag nicht passen.“, sagte Maron.

McKnight stand auf, stellte sich in die Raummitte und sah alle ernst und fest an. Dann holte sie tief Luft und sagte langsam und deutlich: „Glauben Sie ernsthaft, dass die Physik daran interessiert ist, Sytanias Ego zu streicheln, Agent?! Auch wenn meine Erklärung die eventuellen Allmachtsfantasien einer gewissen Lady S. ad Absurdum führt, so beruht sie doch nur auf den kalten harten Fakten und die habe ich hier nur weitergegeben! Es interessiert mich einen feuchten Kehricht, wie Sytania damit zurechtkommt! Wer weiß! Vielleicht hat sie ja sogar die Ursache gesetzt! Aber das wissen wir ja nicht genau und solange wir das nicht so genau wissen, müssen wir in alle Richtungen ermitteln. Denn, auch wenn einige es hier vielleicht nicht hören wollen, auch für den größten Feind gilt die Unschuldsvermutung, bis man das Gegenteil beweisen kann!“ „Bravo, McKnight!“, sagte Maron. „Ich sehe also, die physikalische Seite unseres Problems ist bei Ihnen in den besten Händen.“

Tabran schaltete sich wieder ins Gespräch ein. „Wir schweifen ab, Maron El Demeta.“, stellte er fest. „Willst du denn gar nicht erfahren, wie es uns gelungen ist, trotz diverser Widrigkeiten hierher zu gelangen?“ „Oh doch.“, sagte der Agent. „Das würde mich wirklich interessieren.“

Der alte Vendar zog lächelnd einen Datenkristall aus der Tasche. „Hier drauf ist ein Profil, das den interdimensionalen Antrieb unseres Schiffes so angepasst hat, dass es uns möglich war.“ Er sah Shiranach stolz an: „Und das haben wir nur ihr zu verdanken. Sie ist auf die Idee gekommen, dass wir die Schicht wie ein krankes Wesen behandeln sollen, das für alles mehr Zeit benötigt. Wenn es nicht die Wächterin ist, die krank ist, dann muss es die interdimensionale Schicht sein. So hat auf jeden Fall Shiranach gedacht und das war, wie sich herausgestellt hat, ja auch richtig. Das Profil trägt deswegen auch ihren Namen.“ „Darf ich es mir ansehen, Tabran?“, fragte Jenna interessiert. „Natürlich, Jenna El Taria.“, sagte Tabran fast ehrfürchtig und übergab ihr langsam und feierlich den Kristall.

Kapitel 15: Neue Schwierigkeiten

von Visitor

 

Ein Signal ließ alle aufhorchen und der Simulator im Raum wurde aktiviert. Da IDUSA alle Neuraltabellen geladen hatte, konnten auch alle das aufgeregte Gesicht des Avatars wahrnehmen. Sie aber wendete sich gleich Jenna zu: „Techniker McKnight, Sie werden im Maschinenraum benötigt! Ihre Assistentin sagt, Shimar hat ein Problem!“ „Das dachte ich mir schon, IDUSA.“, gab Jenna zurück und warf Zirell einen fragenden Blick zu. „Geh ruhig, Jenn’.“, sagte die tindaranische Kommandantin. „So wie ich das sehe, wirst du die Einzige sein, die da helfen kann. Tabran, Shiranach, ich bringe euch erst einmal ins Gästequartier. Maron, falls du noch Fragen hast, weißt du ja, wo du sie finden kannst.“ „OK, Zirell.“, nickte der Demetaner und sah zu, wie sich seine Zeugen wortlos hinter seiner Vorgesetzten einreihten, um dann gemeinsam mit ihr den Raum zu verlassen. Auch Jenna wollte diesen Weg gehen, aber IDUSA hielt sie auf: „Ich glaube, es geht schneller, wenn ich Sie direkt beame, Techniker.“ „Also gut.“, sagte Jenna und stellte sich ruhig hin, um sich von IDUSA erfassen zu lassen, die sofort den Transport initiierte.

Jenna hatte sich kaum materialisiert, da fiel ihr Blick bereits auf Shannon, die mit ratlosem Gesicht vor einer Konsole saß. „Was ist los, Shannon?“, fragte Jenna. „Wenn ich das wüsste, wäre ich klüger, Jenn’.“, entgegnete die blonde Irin.

Jennas Blick streifte den zweiten Port für den Neurokoppler, den IDUSA ihr gerade ausgeleuchtet hatte. Sie steckte ihren Neurokoppler an und der Rechner der Station lud sofort ihre Reaktionstabelle. Jetzt konnte auch sie sehen, was Shannon sah. Auf dem virtuellen Schirm vor Jennas geistigem Auge erschien eine Kolonne von Zahlen und Zeichen, für Laien sicher merkwürdig anmutenden Kürzeln und Symbolen, die für die Ingenieurin allerdings keine Fremdsprache darstellten.

„Gehen Sie mal zur Seite, Shannon!“, forderte sie ihre Assistentin auf. Die blonde Irin nickte und tat, was ihre Vorgesetzte ihr gerade aufgetragen hatte. O’Riley war insgeheim sehr froh, dass ihr Jenna aus diesem Problem herausgeholfen hatte.

Die hochintelligente Halbschottin ließ den Blick ihres geistigen Auges jetzt langsam und bedächtig über den virtuellen Schirm schweifen. Dabei machte sie ein sehr konzentriertes und auch etwas nachdenkliches Gesicht. Schließlich sagte sie: „IDUSA, verbinde mich mit Shimar!“ „Wie Sie wünschen, Jenna.“, gab der Avatar des Stationsrechners zurück und stellte die gewünschte Verbindung her.

Jenna wurde vom Gesicht eines recht entspannt schauenden Shimar begrüßt. „Hi, Jenn’.“, begrüßte sie der junge Tindaraner ruhig. „Hi, Shimar.“, sagte Jenna. „Du hast ja die Ruhe weg. Shannon und IDUSA hatten mir einen ganz anderen Eindruck vermittelt.“ „Warum sollte ich denn hektisch werden, he?“, fragte der meistens sehr besonnen handelnde Pilot. „Wenn ich das würde, könnte ich doch deinen Anweisungen gar nicht Folge leisten, wenn du welche für mich hättest. Außerdem musste ich IDUSA helfen, die mit der Situation gar nicht klarkam, in der wir waren.“ „Sie weiß eben, dass sie sich auf dich verlassen kann.“, sagte Jenna. „Aber da bringst du uns ja gleich auf das richtige Thema. Es sieht aus, als hätte sich die interdimensionale Schicht bereits so stark verändert, dass das Fliegen mit normaler Antriebskonfiguration nicht mehr möglich ist. Aber warte kurz.“ Ihr war der Datenkristall wieder eingefallen, den ihr Tabran gegeben hatte.

McKnight löste ihren Neurokoppler wieder aus dem Port und ging zu einer anderen Konsole hinüber, in deren Laufwerk sie den vendarischen Datenkristall schob. Dann schloss sie auch ihren Neurokoppler an, was IDUSA veranlasste, ihre Tabelle erneut umzuladen. Die Sprechverbindung über die erste Konsole würde trotzdem nicht erlöschen, da sie ja noch von Shimar an seinem Ende aufrechterhalten wurde.

Mit wachsendem Erstaunen sah sich Jenna das Profil an. „Und das soll Shiranach allein geschrieben haben?“, fragte sie sich halblaut. „Das hätte ich ihr nicht zugetraut. Aber vielleicht kann es Shimar ja auch helfen. Schließlich sind die Betriebssysteme von Veshels und IDUSA-Einheiten weitgehend kompatibel.“

Sie kehrte mit dem Kristall an ihrem vorherigen Arbeitsplatz zurück, nachdem sie die Datei geschlossen und ihn entnommen hatte. Sie war an die andere Konsole gegangen, um Shimar nicht mit irgendwelchem technischen Fachchinesisch nerven zu müssen, das er zwangsläufig über die Verbindung mitbekommen hätte. Außerdem wollte sie keine falschen Hoffnungen wecken, falls das mit dem Profil doch nicht geklappt hätte.

„Hör zu, Shimar!“, sagte sie, während sie den Datenkristall jetzt in das Laufwerk an dieser Konsole schob. „Ich denke, ich habe hier genau das Richtige für dich und IDUSA. Ich werde es ihr jetzt überspielen. Sag ihr, sie soll Profil Shiranach Eins laden und ausführen, bevor sie irgendeinen Versuch unternimmt, den interdimensionalen Antrieb zu benutzen.“ „Wovon zur Hölle redest du?“, fragte Shimar sehr irritiert. „Du kannst zwar ’ne Menge, aber ich glaube nicht, dass du so schnell ein Profil schreiben kannst, das ihren Antrieb verändert und seit wann bist du so bescheiden, dass du unter falschem Namen firmierst.“ „Das tue ich nicht.“, sagte Jenna. „Die Situation ist aber zu kompliziert, um sie dir jetzt zu erklären. Außerdem bin ich nur ehrlich. Das Profil ist nicht mein Werk, also habe ich es auch nicht blitzschnell aus dem Ärmel geschüttelt, wie du vielleicht meinen könntest. Es ist deine Entscheidung, Shimar. Entweder du vertraust mir, oder du sitzt weiter dort fest. Was das für das Ausführen deiner Befehle bedeutet, die Zirell dir gegeben hat, kannst du dir ja wohl denken.“

Sie stellte sich vor, den Sendeknopf der virtuellen Konsole vor ihrem geistigen Auge loszulassen, gab IDUSA aber gleichzeitig die nötigen Gedankenbefehle, um das Überspielen der Datei vorzubereiten. Dann lehnte sie sich abwartend zurück.

Shimar überlegte hin und her. Die Situation war ihm nicht ganz geheuer. Er wusste zwar, wer Shiranach war, aber er wusste auch, dass sie unmöglich, zumindest unter normalen Umständen, einen Weg gefunden haben konnte, ein Profil zu schreiben, das komplizierte Gleichungen für den noch komplizierteren interdimensionalen Antrieb eines Schiffes enthielt. Dafür würden ihre Computerkenntnisse, zumindest seiner Einschätzung nach, lange nicht ausreichen. Außerdem, wie hätte dieses Profil dann zu Jenna und Shannon gelangen sollen? SITCH aus und ins Tembraâsh war ja, zumindest unter normalen Bedingungen, nicht möglich. Shimar wusste ja nichts von all dem, was inzwischen auf Basis 281 Alpha geschehen war. Auf das naheliegende, nämlich Jenna einfach zu fragen, kam er allerdings nicht, oder es passte einfach gerade nicht in sein Denken.

„Ich teile Ihre Ansicht über Shiranachs Computerkenntnisse, Shimar.“, sagte Shimars Schiff, für das seine Gedanken Dank des Neurokopplers gerade ein offenes Buch waren. „Ich halte für zu 50 % wahrscheinlich, dass es sich eher um einen Trick unserer Feinde, Sytanias Vendar, handeln könnte, die vielleicht irgendwie den Kristall in Jennas Hand geschmuggelt haben. Aber ich verstehe nicht, wie sie auf so etwas hereinfallen konnte. Das ist doch bei ihrer Intelligenz sehr unwahrscheinlich. Das ist schon wieder ein Datenkonflikt, den ich nicht lösen kann. Bitte entscheiden Sie es, Shimar!“

Shimar lehnte sich zurück und flüsterte: „Also, so, wie ich das sehe, muss ich mich entscheiden zwischen meinem Vertrauen zu Jenn’ und der Wahrscheinlichkeit.“ Dann begann er nachzudenken. Da er den Neurokoppler immer noch nicht abgesetzt hatte, wusste IDUSA auch in diesem Fall genau, was in ihm vorging. Sie sah, dass er dabei war, in Beziehung zu setzen, wie oft Jenna, auch entgegen sämtlicher bekannter Wahrscheinlichkeiten, Recht gehabt hatte. Viele ihrer Missionen fielen ihm ein. Viele, bei denen ihnen die geniale Jenna das Leben gerettet hatte, auch wenn es mathematisch noch so unwahrscheinlich war. Ihr Talent, um die Ecke zu denken, war daran mit Sicherheit nicht ganz unschuldig gewesen. Dieses Talent war es auch, dem er schier grenzenloses Vertrauen schenkte. Außerdem war Jenna ihm eine Freundin im Gegensatz zur Wahrscheinlichkeit.

„Ich wähle das Vertrauen und Jenn’!“, sagte Shimar fest. „IDUSA, gib mir die Verbindung!“ Der Avatar vor Shimars geistigem Auge nickte und IDUSA führte den Befehl aus. Die Entschlossenheit in der Stimme ihres Piloten hatte ihr verdeutlicht, dass es keinen Wiederspruch mehr von ihr geben durfte.

Das Gesicht der brünetten Chef Ingenieurin erschien breit grinsend wieder vor seinem geistigen Auge. „Na.“, lachte McKnight. „Hast du es dir überlegt?“ „Her mit der Datei, Jenn’!“, forderte der junge Tindaraner. „Ich vertraue dir!“ Dann wendete er sich an sein Schiff: „IDUSA, du hast es gehört!“ „Öffne Systeme für Überspielvorgang.“, sagte IDUSA. „Na, warum nicht gleich so?!“, sagte Jenna und gab den letzten Gedankenbefehl zur Bestätigung. Dann wurde Shiranachs Profil in die Datenbank des Patrouillenschiffes überspielt.

„Das Profil ist angekommen und lässt sich problemlos in meine Systeme integrieren.“, sagte IDUSA nach einer kurzen recht oberflächlichen, aber dennoch ausreichenden Selbstdiagnose. „Also gut.“, sagte Shimar. „Probieren wir es aus! Profil Shiranach Eins laden und ausführen, IDUSA. Zieldimension: Raum-Zeit-Kontinuum!“

IDUSAs Avatar nickte und das Schiff führte Shimars Befehle aus. Für den jungen Tindaraner fühlte sich der Flug an, als würde er sich in einem langsam aber stetig über einen Fluss gleitenden dick aufgepumpten Luftsack befinden, der zwar jeden Stoß irgendwo abfederte, jegliche Richtungs- und Höhenwechsel aber eins zu eins zu ihm durchließ. Das Umschalten auf Normalantrieb war wie die Landung auf einem weich gefederten Trampolin. „Wow!“, lächelte ein total zufriedener Shimar. „Das hat richtig Spaß gemacht!“ „Und es kommt noch besser.“, versprach IDUSA. „Wenn ich Techniker McKnight richtig verstanden habe, müssen wir das jetzt bei jedem Interdimensionalflug tun. Ich habe bereits selbstständig die entsprechende Routine in die Startsequenz für den interdimensionalen Antrieb eingefügt.“ „Na da bin ich aber erleichtert.“, sagte Shimar und grinste über beide Ohren. „Und ich bin, wenn man das bei uns künstlichen Intelligenzen überhaupt so sagen kann, erleichtert, dass ich Sie als Piloten habe und nicht etwa einen Vulkanier.“ „OK.“, sagte Shimar langsam und mit sehr überraschtem Ausdruck im Gesicht. „Erklär mir das mal bitte. Eigentlich müsstet ihr doch prima zusammenpassen.“ „Das bezweifele ich stark.“, sagte IDUSA. „Wie Sie gerade gesehen haben, bin ich in manchen Situationen auf einen Piloten mit Instinkt und Bauchgefühl angewiesen. Ein Vulkanier könnte mir das nicht geben und wir würden immer noch in der für mich doch sehr unschönen Situation festsitzen ohne Ausweg. Tindaraner allerdings, und vor allem von Ihnen weiß ich es, lassen ihr Bauchgefühl und ihre Instinkte zu und haben somit gute Übung darin. Folge dessen würde ich mich niemals von einem Vulkanier fliegen lassen, auch wenn er noch so gelehrt und ein guter Flieger wäre. Vulkanier sind zum Führen tindaranischer Schiffe gänzlich ungeeignet, wenn Sie meine Meinung hören wollen. Ich würde jederzeit einen tindaranischen Piloten oder auch einen aus anderen Spezies mit Gefühlen vorziehen.“ „Upsi!“, machte Shimar und schaute etwas bedient. Gleichzeitig huschte aber ein kleines Grinsen über seine Wangen. „Das lass bloß keines von den Spitzohren hören. Denen würdest du einen ordentlichen Dämpfer verpassen, so eingenommen, wie die von sich sind.“ „Sie irren sich.“, sagte IDUSA. „Da sie ihre Emotionen quasi nach außen hin als nicht existent verkaufen, dürfte es so jemandem gar nichts ausmachen. Nur mir hat die gerade erlebte Situation einiges aufgezeigt und die Augen geöffnet. Es war wie eine regelrechte Offenbarung, Shimar.“ „Na dann.“, sagte Shimar. „Lassen wir das erst mal dahingestellt. Ich weiß ja, dass du mir im Grunde nur ein Kompliment machen wolltest, IDUSA. Vielen Dank. Aber jetzt lass’ uns nach Spuren von vendarischer Spionagetechnik suchen.“ „Wie Sie wollen.“, sagte IDUSA und konfigurierte ihre Sensoren.

Mirdan war zu den Hangars gegangen, die Sytanias Vendar gehörten. Hier hoffte er bereits sein Schiff vorzufinden, mit dem er die Falle für Diran bilden sollte. In den großen hässlichen Hallen war aber nirgendwo jemand zu sehen, der ihm weiterhelfen hätte können. Er wollte schon umkehren und wieder zu Telzan gehen und ihn fragen, als er von einem älteren Mann leise angesprochen wurde. „Bleib mal stehen, Junge.“, sagte der Mann, den Mirdan jetzt als einen älteren Vendar mit bereits leicht grauem Fell identifizierte. Mit seinen 1,34 m war er für einen männlichen Vendar im oberen Durchschnitt. Über seinem etwas längeren grauen Fell trug er die typische Uniform eines vendarischen Technikers, die juteartig und schwarz war. Wahrscheinlich war diese Farbe weniger schmutzanfällig. Im Bauch eines Schiffes konnte sich schließlich im Laufe der Zeit, in der es in Betrieb war, so einiges ansammeln. Dazu trug er schwarze Arbeitsschuhe.

Telzans Schüler hatte sich jetzt erschrocken umgedreht. Der Fremde lächelte, als er auf den Novizen zuging. „Hallo, mein Junge.“, sagte er und gab Mirdan die Hand. Dieser nahm sie vorsichtig und senkte respektvoll den Kopf. „Telzan hat dein Kommen bereits angekündigt.“, sagte der Techniker mit seiner zwar etwas krächzenden, aber trotzdem für die Ohren des Novizen sehr angenehmen Stimme. Wie ein lieber alter Großvater hörte er sich an. Mirdan war sicher, dass seine Mission, würde er sie vorbereiten, bestimmt in guten Händen bei ihm war.

„Mein Name ist übrigens Eshlan.“, stellte sich der Techniker vor. „Ich heiße Mirdan.“, sagte der Novize. „OK.“, sagte Eshlan. „Dann komm mal mit. Du sollst gleich sehen, was ich für dich für ein schönes Schiffchen vorbereitet habe.“

Er führte Mirdan in eine der Hallen, in der sich hauptsächlich ältere Schiffe befanden. Ganz in der hintersten Ecke blieb er vor einem stehen. „So.“, sagte Eshlan. „Das ist sie. Schau sie dir ruhig erst mal von außen an. Den Rest erkläre ich dir später.“ „OK.“, sagte Mirdan und begann um das Schiff herumzulaufen. Dabei fiel ihm auf, dass es wohl schon einige Kämpfe mitgemacht haben musste. Jedenfalls kündeten davon diverse Stellen, an denen bereits Reparaturen vorgenommen worden sein mussten, so wie es aussah. Die Hüllenplatten, die hier eingebaut waren, glänzten nämlich noch relativ neu im Gegensatz zum Rest der Hülle.

„Sie hat schon einiges mitgemacht, Eshlan, nicht wahr?“, stellte Mirdan fest und strich mit der rechten Hand über eine der Stellen, als würde er eine Wunde streicheln wollen, die gerade im Heilen begriffen war. „Oh du hast ein gutes Auge, Mirdan.“, sagte Eshlan, der über seine Feststellung sehr erstaunt war. Diese hatte er dem in seinen Augen noch recht unerfahrenen Novizen wohl nicht zugetraut. „Das muss ich haben, Eshlan.“, sagte Mirdan. „Sonst hätte mich Telzan sicher nicht in Sytanias Leibgarde ausbilden lassen, deren Oberster er ist. Aber das kommt ja automatisch daher, dass er Sytanias Vertrauter ist.“ „Das ist wohl so.“, sagte der Techniker.

Der Novize war an der Luke zum Cockpit stehengeblieben. „Wie ich das sehe.“, sagte Eshlan, der das Tun Mirdans gespannt beobachtet hatte. „Kannst du es kaum noch erwarten, endlich loszukommen. Aber ich muss dir noch etwas zeigen. Nimm bitte den Schaltschlüssel.“

Mirdan nahm aus Eshlans Hand den Schaltschlüssel entgegen. Dann öffnete er mit ihm die Luke. Der Schaltschlüssel berechtigte ihn auch zum Zugriff auf die Systeme des Schiffes, solange noch keine biometrischen Daten von ihm ins System eingelesen waren, an denen der Mishar ihn hätte erkennen können.

„Steig bitte ein und warte auf mich.“, sagte Eshlan. Mirdan nickte und tat, was ihm aufgetragen worden war. Dann wartete er auf Eshlan, der ihm etwas behäbig folgte. „Komm mit nach hinten in den Frachtraum.“, sagte der Techniker und grinste, als wollte er dem Novizen einen gerade gefundenen Schatz präsentieren, von dem aber niemand anderes erfahren sollte. Mirdan folgte ihm vertrauensvoll.

Im Frachtraum angekommen berührte der Techniker einige Felder mit den Fingern seiner rechten Hand, die sich auf Rot gekennzeichneten Modulen befanden. Dies ließ eine kleine Klappe nach links gleiten, die den Blick auf einige Module freigab. Mirdan erkannte, dass es sich um einen Wartungsschacht handeln musste.

„Schauen wir mal, ob du selbst drauf kommst.“, grinste Eshlan, während er zusah, wie der Novize die Module in Augenschein nahm. Er hielt ihn, obwohl er ihn kaum kannte, offensichtlich für intelligent genug dafür.

„Eines der Module hat einen farbigen Streifen an seinem Riegel.“, sagte Mirdan, nachdem er die Module lange betrachtet und darüber nachgedacht hatte, was Eshlan gemeint haben könnte. Auch einige Experimente mit veränderten Blickwinkeln hatte er durchgeführt. „Man sieht ihn nicht sofort. Nur wenn man sich bückt und seinen Kopf um ca. 45 Grad nach links dreht aus dieser Position.“ „Richtig.“, sagte Eshlan lobend. „Ich sehe, Telzan scheint dich gut vorzubereiten. „Wenn du nicht auf alle Eventualitäten gefasst wärst, hättest du das bestimmt nicht erkannt. Aber offenbar will er erreichen, dass du immer und zu jeder Zeit mit allem rechnest.“ „Ja.“, sagte Mirdan. „Telzan ist ein sehr guter Ausbilder. Er wird sicher einen sehr guten Kämpfer aus mir machen.“ „Oh das kann er aber nicht, wenn du nicht wenigstens ein bisschen eigenes Talent mitbringst, das er formen kann. Sonst geht es auch nicht.“ „Danke, Eshlan.“, sagte Mirdan. „Aber könntest du mir jetzt bitte erklären, was es mit dem Modul auf sich hat?“ „Aber sicher kann ich das.“, sagte Eshlan und grinste schon wieder. „Dieses Modul ist eine Kreuzung, die leicht defekt ist. Sie verbindet Leitungen, die etwas mit dem interdimensionalen Antrieb zu tun haben. Wenn du ihn benutzen willst, wird sie durchbrennen. Die kleine Markierung habe ich angebracht, damit du sie auch gut sehen kannst, falls uns Diran doch draufkommen sollte. Dann musst du ja die Möglichkeit haben, von selbst wieder flüchten zu können und dann musst du dein Schiff ja selbst reparieren können. Hier. Steck das ein!“ Er überreichte Mirdan ein ähnliches Modul, der es gleich in seine Hosentasche gleiten ließ. „Ach, noch was.“, sagte Eshlan. „Wir haben Veränderungen in der interdimensionalen Schicht gesehen. Ich habe den Mishar mit einem Programm gefüttert, das diese kompensieren wird.“ „Danke, Eshlan.“, sagte Mirdan. „Und ich will ja nicht unhöflich erscheinen, aber es wäre wirklich gut, wenn ich bald losfliegen könnte.“ „Kein Problem.“, sagte der Techniker und verließ das Cockpit.

Sofort nach dem Schließen der Luke startete Mirdan. Er war fest entschlossen, seine Mission zum Erfolg zu führen.

Diran hatte erfolglos versucht, Shiranach oder ihren Mann über ihr Rufzeichen zu erreichen. Zwar hatte der Computer seines Sprechgerätes ihm zu seinem eigenen Erstaunen gemeldet, dass er das Rufzeichen zwar ansprechen könne, eine Antwort jedoch ausbliebe. Also hatte der Vendar beschlossen, sich mit seinem Schiff auf den Weg ins Tembraâsh, oder zumindest bis in die interdimensionale Schicht zu machen. Zu diesem Zweck hatte er es jetzt gewartet und war losgeflogen. Er ahnte ja noch nicht, was dann bald auf ihn zukommen würde.

Mirdan war an einer ihm für sein Vorhaben sehr geeignet erscheinenden Position angekommen, von der aus er seinen Auftritt inszenieren wollte. Er hatte geplant, den interdimensionalen Antrieb kurz zu aktivieren, um in die interdimensionale Schicht vorstoßen zu können. Eine andere Möglichkeit gab es für ihn ja auch nicht, denn das von Eshlan manipulierte Relais würde ja viel zu schnell durchbrennen. Eine Dimension würde er ohnehin nicht erreichen können. Er würde nur wissen müssen, wohin das Objekt seiner Begierde wollte, um die programmierte Zieldimension anzupassen. Zu diesem Zweck beobachtete er Diran genau mit den zwar nicht gerade hochwertigen, aber dennoch ihren Zweck erfüllenden interdimensionalen Sensoren seines Schiffes. „Er will also ins Tembraâsh.“, sagte der Novize zu sich. „Bei allen Göttern, muss der verzweifelt sein! Er müsste doch eigentlich genau wissen, dass das nicht geht. Aber das macht nichts. Hauptsache, wir werden uns begegnen. Durch diese hohle Gasse muss er schließlich kommen.“ Er grinste gemein, während er den Antrieb seines Schiffes konfigurierte.

 

Kapitel 16: Mirdans List

von Visitor

 

Diran hatte einige Versuche unternommen, die Dimension, in der er sich befand, zu verlassen, aber der Antrieb seines Schiffes hatte ihm immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Mishar.“, wendete sich der erfahrene Flieger an den Computer. „Nenne mir den Grund für das Versagen des interdimensionalen Antriebs!“ „Es kann kein Feld aufgebaut werden.“, sagte der Schiffsrechner. „Begründung!“, forderte Diran. „Der Grund hierfür kann am Antrieb selbst, aber auch in der Beschaffenheit der interdimensionalen Schicht zu suchen sein.“, sagte der Rechner. „Technische Gründe ausschließen durch Selbstdiagnose!“, befahl Diran sehr geduldig. Er wusste ja, dass es nichts brachte, wenn er sich jetzt aufregte. Die Situation würde es nicht ändern und er wäre dann erst recht nicht mehr in der Lage, vernünftig zu verarbeiten, was sein Rechner ihm sagen wollte. Dann könnten ihm vielleicht wertvolle Informationen durch die Lappen gehen, die er aber benötigen würde, um das Problem vielleicht sogar selbst lösen zu können.

Einige Minuten waren vergangen, ohne dass der Rechner ihm etwas gesagt hatte. Diran hatte auf dem Bildschirm nur die technische Skizze beobachtet, durch die langsam eine Art Cursor wanderte. Das war als Anzeige für eine Selbstdiagnose völlig normal.

Schließlich aber sagte der Rechner: „Der interdimensionale Antrieb arbeitet innerhalb normaler Parameter.“ „Na gut.“, seufzte Diran und überlegte halblaut: „Dann muss es an der interdimensionalen Schicht liegen. Mishar, was können theoretische Gründe für eine Störung im Aufbau des Feldes für den Flug mit interdimensionalem Antrieb sein, wenn der Antrieb selbst normal arbeitet?“ „Theoretisch ist eine Verschiebung der elektrischen Ladung in der interdimensionalen Schicht eine mögliche Ursache für die hier vorliegende Störung.“, antwortete der Rechner nach Konsultierung der eigenen Datenbank. „Benutze die interdimensionalen Sensoren, um zu eruieren, ob diese Art von Ladungsverschiebung vorliegt!“, befahl Diran. Dabei war er selbst sehr erstaunt über sich. Er, der sich eigentlich gerade mal für technisch begabt genug hielt, um sein eigenes Schiff mehr schlecht als recht zu warten, beschäftigte sich jetzt gerade mit interdimensionaler Physik! Wäre Techniker McKnight bei ihm gewesen, dann hätte er damit bestimmt kein Problem gehabt, aber sie war ja nicht da und somit musste er mit der Situation allein zurechtkommen. Er hatte nur die Angaben seines Schiffscomputers und mehr nicht. Es war an ihm allein, diesem die richtigen Fragen zu stellen und seine Antworten richtig zu interpretieren.

Wieder war etwas Zeit vergangen, die vom Rechner genutzt worden war, um Dirans Befehle auszuführen. „Laut Sensoren liegt eine Ladungsverschiebung um 5 % in den negativen Bereich vor.“, sagte der Rechner. „OK.“, sagte Diran und überlegte. „Jede Veränderung dieser Art dürfte die Schicht träge machen. Was ist also, wenn ich versuche, den Antrieb nur ganz langsam umzuschalten von normal auf interdimensional und wenn ich diese Zahl zugrunde lege? Mishar, Die Leistung des normalen Antriebs in 5-%-Schritten immer weiter zurückschrauben! Gleichzeitig die Leistung des interdimensionalen Antriebs um den gleichen Faktor erhöhen! Ab jetzt!“ „Befehl wird ausgeführt.“, sagte der Rechner und Diran bemerkte, wie sein Schiff langsam die gleichen Bewegungen zu vollführen begann, die er schon von ihr kannte, allerdings ging das um ein Vielfaches langsamer. Diran bemerkte allerdings auch zur eigenen Zufriedenheit, dass es sich anders und vor allem besser anfühlte, als die Versuche davor, bei denen er Angst haben musste, das Schiff würde ihm unter dem Hintern auseinander brechen. „Ja, das ist es.“, flüsterte Diran. „Sehr gut so! Komm!“

Er sah konzentriert auf die Instrumente. In dieser Situation sollte ihm nicht das Geringste entgehen, auf das er eventuell achten musste, um rechtzeitig eingreifen zu können, oder es sogar zu müssen. Deshalb befahl er dem Rechner auch gleich: „Mishar, Umstellen auf manuelle Steuerung!“

Im gleichen Augenblick empfing das Sprechgerät Mirdans fingierten Notruf: „Ich bin Mirdan Sohn der Inach und des Suran vom südlichen Salzsee im Dunklen Imperium. Der Mishar meines Schiffes sagt, der interdimensionale Antrieb ist kurz vor dem Durchbrennen, oder vielleicht ist es auch nur ein Relais! Ich bin noch Novize! Ich verstehe das nicht. Ich weiß nur, dass ich Hilfe brauche! Hört mich jemand?! Helft mir! Helft mir!“

Da bei einem Notruf alle Sprechgeräte in Reichweite angesprochen werden, nahm es nicht Wunder, dass auch das von Dirans Schiff auf den Ruf reagiert hatte. Sofort hatte der Mishar ihn über diesen Umstand informiert.

Gleich waren Dirans Instinkte auf Alarm gepolt. „Verbinde mich mit dem Notrufer!“, befahl er in Richtung des Rechners und dachte bei sich: Der arme Junge! Warum ist kein Fluglehrer bei ihm? Also, bei mir hätte es das nicht gegeben und schon gar nicht bei diesen äußeren Umständen!

Eine Anzeige im Display des Sprechgerätes zeigte Diran, dass die Verbindung zustande gekommen war. Jetzt hatte er die Möglichkeit zu einer Antwort, die er auch gleich nutzte: „Ich bin Diran Ed Sianach. Ich habe dich gehört, Mirdan. Zunächst möchte ich einmal, dass du dich beruhigst, sonst kannst du meinen Anweisungen wohl sehr schlecht Folge leisten.“ „Ich werde es versuchen, Ausbilder Diran.“, sagte der Novize und gab den Erleichterten. Dass er Diran so ansprach, war notwendig, weil ein Novize ja jeden erwachsenen Vendar als Ausbilder oder Ausbilderin ansprechen musste, wie ihr ja schon wisst. „Kannst du mich sehen?“, fragte Mirdan mit gespielter Angst, die er so gut darstellte, dass der gutmütige Diran nicht merkte, wie gespielt sie war.

Diran warf einen kurzen Blick auf den Bildschirm. Dort konnte er tatsächlich das Bild von Mirdans Schiff ausmachen, das inzwischen in Reichweite seiner Sensoren gekommen war. „Ich kann dich sehen.“, beruhigte Diran den Novizen. „Ich werde mein Schiff jetzt so drehen, dass es parallel zu deinem fliegt. Dann fliege ich so an deines heran, als würde ich bei dir docken wollen. Du bereitest alle Prozeduren dafür vor. Wenn unsere Schiffe an den Schleusen zusammenhängen, sind sie so nah beieinander, dass beide auf einem Antriebsfeld reiten können. Da dein Antrieb nicht mehr funktioniert, wirst du ihn sofort nach dem Docken abschalten! Dann suchen wir uns eine Dimension, die noch nicht so betroffen ist und dort unterhalten wir uns.“ „Also gut.“, sagte Mirdan.

Der ausgebildete Flieger brachte sein Schiff parallel zu dem des Novizen und rollte es dann seitwärts. Das hieß, dass er die elektronische Trimmung deaktivierte, um einzeln auf die Spulen zugreifen zu können. Dann legte er den Joystick für die Richtungsänderung nach links, was bedeutete, dass die linke Spule allein ein Feld aufbaute, was das Schiff nicht etwa drehte wie sonst, sondern es seitwärts vom Feld nach rechts schieben ließ, was nur möglich war, weil ja von links keine Gegensteuerung wie sonst bei aktiver elektronischer Trimmung erfolgte.

„Halt dich bereit!“, befahl Diran. „Ich bin gleich bei dir. So, aufgepasst, jetzt!“

Es gab ein Klicken und dann ein schmatzendes Geräusch, das vom erfolgreichen Docken kündete. Dann befahl Diran seinem Rechner: „Mishar, Zielanflug aussetzen! Neue Zieldimension: das Universum der Tindaraner!“ Er hoffte wahrscheinlich, dass es dort etwas ruhiger zuging, was ja auch der Fall war. Die Dimension war nämlich von allen Problemen noch am wenigsten betroffen.

Mirdan freute sich diebisch über den Umstand, dass der erste Teil seines Plans so gut geklappt hatte. Wenn es ihm gelang, Diran weiter den hilflosen Novizen vorzuspielen, wäre es ihm wohl auch ohne Toleas Bann möglich gewesen, ihm sämtliche Geheimnisse zu entlocken, so dachte er jedenfalls. Aber das, was er wissen wollte, würde er ja ohnehin bald erfahren.

Er beschloss also, sich bei Diran zu melden: „Hab Dank, Ausbilder Diran. Ohne dich hätte ich das hier sicher nicht überlebt!“ „Das kommt ganz darauf an, was du getan hättest.“, erklärte Diran. „Wenn du versucht hättest, auf Biegen und Brechen gegenzusteuern, dann hättest du dein Schiff zerstört und somit dein junges Leben vorzeitig beendet. Die Scherkräfte hätten ihre Hülle zerrissen und dann hättest du auch keine Überlebensgrundlage mehr gehabt. Im Weltraum gibt es bekanntlich ja keinen Sauerstoff und in der interdimensionalen Schicht auch nicht. Das Problem wäre nämlich gewesen, dass du noch nicht außer Phase warst, weil dein Schiff kein richtiges Feld aufbauen konnte, um euch in den interdimensionalen Modus zu versetzen. Hattest du das schon in der Flugschule?“ „Nein, das hatte ich noch nicht.“, gab Mirdan Unwissen vor. Er dachte sich wohl, dass er, würde er noch hilfloser erscheinen, Dirans Mitleid noch stärker auf sich ziehen könnte und dann würde der fremde Vendar bald auf gar nichts mehr achten. Der Novize war schon heilfroh, dass Diran keinen Verdacht geschöpft hatte, als er gesagt hatte, woher er gekommen war. Der südliche Salzsee war in Sytanias Gebiet. Das war eine Tatsache, die jedem Vendar, zumindest dann, wenn er auch im Dunklen Imperium beheimatet war, bekannt sein musste. Diran hatte vor der Rebellion der Vendar unter Joran ja auch Sytania gedient, war also auch dort zu Hause gewesen. Er hätte dies also durchaus wissen können und vielleicht sogar müssen. Aber irgendwie schien ihm die Tatsache völlig abgegangen zu sein. Das hatte nichts mit Toleas Bann zu tun, denn Mirdan hatte ihn ja noch nicht nach Informationen über die Pläne der anderen gefragt. Vielleicht wäre es besser gewesen, Diran hätte, wenn er geschaltet hätte, diesem ach so hilflosen Novizen seine Hilfe verweigert, denn er musste eigentlich in diesem Fall von einer Falle ausgehen, falls er nachgedacht hätte. Aber in diesem Fall hatte wohl sein Herz über seinen Verstand gesiegt und er hatte nichts mehr gewollt, als diesem armen Jungen zur Hilfe zu eilen.

Mirdan hatte das Gespräch wieder aufgenommen: „Ich würde gern mit dir über diverse fliegerische Feinheiten reden, Ausbilder Diran.“, sagte er. „Du scheinst da ja sehr kompetent zu sein. Vielleicht kannst du mir auch bei meinem technischen Problem helfen. Ich habe noch nie ein Schiff repariert.“ „Sicher können wir darüber reden und ich kann dir mit Sicherheit auch noch was zeigen, was das Fliegen und das Reparieren von Schiffen angeht. Warte, ich komme erst mal zu dir rüber und dann sehen wir uns die Sache mal gemeinsam an. Ich habe nämlich schon einen Verdacht.“ „OK, Ausbilder Diran.“, sagte der Novize erleichtert und beide beendeten die Sprechverbindung.

Diran deaktivierte den Antrieb seines Schiffes, setzte den Ankerstrahl und schulterte dann seine Tasche mit den Werkzeugen, die er immer bei sich hatte. Man konnte ja nie wissen. Dann ging er aus dem Cockpit in die hintere Kabine, von der die Schleuse, die nun zu Mirdans Schiff führte, abging und durchquerte sie.

Er fand sich bald darauf im völlig verstaubten hinteren Teil von Mirdans Schiff wieder. „Bei allen Göttern!“, rief er aus. „Hier hat wohl lange niemand mehr aufgeräumt.“

Sein Blick streifte eine Konsole, auf der er unter der dicken Staubschicht noch nicht einmal mehr den Bildschirm erkennen konnte. Er pustete ein paar Mal über das, was er am ehesten für den Schirm hielt. Dann wischte er den Staub beiseite. Zum Vorschein kam tatsächlich eine in seinen Augen fast schon altertümlich wirkende Tastatur. Darüber tatsächlich ein kleiner Monitor. „Was um aller Götter Willen ist denn das für eine Kiste?!“, erboste sich Diran. „Welchen Stümper muss der Kleine nur seinen Fluglehrer nennen?! Wie kann man ihn denn mit einem Schiff losschicken, das nur noch von Hoffnung und Spachtelmasse zusammengehalten wird? Und dann auch noch in so einer Umgebung?! Wer tut nur so etwas.“ Er schenkte dem Bildschirm noch einen verächtlichen Blick.

Die Tür zwischen Achterkabine und Cockpit hatte sich geöffnet und im fahlen Licht war Mirdan an Diran herangetreten. „Bist du es, Ausbilder?“, fragte er. „Ja, ich bin es.“, antwortete Diran. „Aber ich wäre schon zu dir gekommen. Du hättest mich nicht aufsuchen müssen.“ „Ich bin nur neugierig geworden.“, gab Mirdan zu. „Ich hatte dich hier fluchen hören. Jedenfalls habe ich deine Stimme vom SITCH erkannt.“ „Oh dann hast du ja ein sehr gutes Gedächtnis für Stimmen.“, sagte Diran und strich ihm lobend über die rechte Schulter. „Obwohl der SITCH eine Stimme unter manchen Umständen auch sehr verzerren kann.“ „Darauf habe ich nicht geachtet.“, sagte Mirdan. „Außerdem konntest es ja nur du sein. Wer sonst hätte denn von unserem Gespräch wissen sollen?“ „Es kann immer sein.“, sagte Diran. „Dass ein Feind deine hilflose Lage ausnutzt. Du solltest immer auf der Hut sein! Hat dir das dein Ausbilder nicht beigebracht? Na, das muss ja ein feiner Lehrer sein.“ Diran schaute verächtlich in den Raum.

Mirdan war in einem Zwiespalt. Ihm gefiel gar nicht, wie der Fremde über Telzan sprach. Über Telzan, auf den er doch so große Stücke hielt! Aber wenn ihre gemeinsame Falle zuschnappen sollte, dann durfte er auf keinen Fall erwähnen, wer sein Ausbilder war. Diran und er hatten noch immer kein Wort über die Pläne von Tolea und ihresgleichen gewechselt, also war Diran auch noch zu aufmerksam. Wenn Mirdan jetzt ein falsches Wort sagen würde, könnte es immer noch sein, dass Diran ihm seine Hilfe verweigerte und ihn unverrichteter Dinge allein ließ. Das durfte er auf keinen Fall riskieren! Die Befehle von Sytania und sein Auftrag von Telzan waren eindeutig. Er musste diese Situation irgendwie lösen und zwar so, dass Diran ihm auf jeden Fall noch immer helfen wollte. Je länger er ihn bei sich halten konnte, desto höher wurde die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann auf das Thema kommen würden. Deshalb sagte der Novize nur: „Mein Ausbilder ist schon sehr alt, Ausbilder Diran. Es ist möglich, dass er mich einfach vergessen hat.“ „Na, solange er nicht älter ist als dieses Schiff!“, scherzte Diran und grinste. „Das ist er sicher nicht.“, sagte der Novize und musste ebenfalls lachen.

„Wenn dein Ausbilder schon so alt ist, dass er dich einfach vergisst.“, schlussfolgerte Diran. „Dann verstehe ich nicht, warum euer Gebieter immer noch erlaubt, dass er Novizen ausbildet. Das ist doch viel zu gefährlich. Wem dient ihr, der so etwas zulassen kann, he?!“ „Wir dienen einem niederen imperianischen Adeligen, dessen oberster Vendar mein Ausbilder schon seit fast 200 Jahren ist.“, log Mirdan. „Er hat erst neulich unserem Gebieter gesagt, dass sein letzter Sifa-Zyklus angebrochen ist und die Wächterin ihn wohl bald ins Tembraâsh abholen wird. Aber das hat ihn nicht gekümmert. Er will wohl einfach nicht wahrhaben, was offensichtlich ist. Ich kann ja verstehen, dass er ihn gern als seinen Vertrauten behalten möchte, aber was nicht geht, das geht nicht. Er hat nicht genug Macht, um sich mit der Wächterin anzulegen. Das glaub du mir ruhig.“ „Ach, was für ein Schlendrian!“, seufzte Diran, dem diese herzzerreißende Story doch sehr nahe ging. „Aber dann ist es kein Wunder, dass du nichts lernst. „Aber jetzt hast du ja mich. Pass auf. Ich schaue mir das Problem erst einmal an.“

Diran zog einen Erfasser aus seiner Werkzeugtasche, die wie seine Uniform auch aus einem schwarzen juteartigen Stoff bestand. Nur war dieser durch ein Metallgerüst verstärkt, in das Fächer eingebaut waren, in denen seine Werkzeuge gut geordnet lagen. Dann wischte er mit seinem rechten Ärmel einen Diagnoseport frei und steckte das Anschlussmodul seines Erfassers hinein. Da das Gerät schon erkannt hatte, mit was es verbunden war, rief es automatisch ein entsprechendes Programm auf. „Na wenigstens sind sie kompatibel.“, stellte Diran erleichtert fest. Dann berührte sein rechter Zeigefinger ein Symbol auf dem Bildschirm des Erfassers, das ihn ein Programm starten ließ.

„Er schaut sich jetzt erst mal deine Systeme an.“, sagte Diran auf Mirdans fragenden Blick. „Verstehe.“, sagte der Novize.

Es dauerte nicht lange und ein Piepton kündete vom Auffinden eines Fehlers. Diran las sich das Display durch. Dann sagte er: „Ein Relais für den interdimensionalen Antrieb ist durchgebrannt.“

Er hielt Mirdan das Gerät hin. „Siehst du diese Graphik?“ fragte er dann. „Sie zeigt eins zu eins die Wand, in der sich das Relais befindet und seine genaue Position. Die Nummer dort ist der Zugangsschacht, den wir öffnen müssen.“

Entschlossen drehte sich Diran in die Richtung, in der er das Symbol für den Wartungsschacht an einer der Wände gesehen hatte. „Bitte warte, Ausbilder.“, bat Mirdan. „Ich bin sehr aufgeregt. Ich kann mir das bestimmt nicht so ohne weiteres merken. Können wir auf dein Schiff gehen und der Mishar deines Schiffes zeichnet auf, was du mir an einem intakten Gerät zeigst? Ich würde es dann allein versuchen zu reparieren. Dann hätte ich auch etwas, auf das ich, sollte so ein Fall noch einmal eintreten, zurückgreifen kann, wenn du mir eine Kopie der Datei überlässt. Außerdem kann ich dann noch was lernen.“ „Also gut.“, sagte Diran mild. „Merke dir das Symbol und komm mit.“ „Danke, Ausbilder.“, grinste Mirdan erleichtert und folgte Diran. Jenem Diran, der noch nicht ahnte, wohin ihn diese fatale Entscheidung bringen würde.

Sie durchquerten die Schleuse und fanden sich bald darauf an Bord von Dirans Schiff wieder. Sofort ging der Vendar mittleren Alters ins Cockpit und instruierte den Computer: „Mishar, alle Aktionen von jetzt an aufzeichnen, die an Bord dieses Schiffes stattfinden! Dann die Datei unter Diran 12 abspeichern und auf den Datenkristall in Laufwerk A ziehen!“ Derweil hatte er das Laufwerk mit einem leeren Kristall bestückt. „Befehl wird ausgeführt.“, antwortete der Rechner. Dann begann die Aufzeichnung.

Diran kehrte zu Mirdan, der inzwischen brav in der Achterkabine gewartet hatte, zurück. „So.“, sagte er. „Nun wollen wir uns mal um dein Problem kümmern. Schau dir mal bitte die Wand genau an, vor der du gerade stehst. Erkennst du irgendwo das Symbol vom Schirm meines Erfassers?“

Der Novize schaute sich die Wand von oben bis unten genau an. Ihm war klar, warum Diran nicht einfach auf das richtige Symbol gedeutet hatte. Er wollte ihm Hilfe zur Selbsthilfe zukommen lassen. Das hieß, dass er ihm nur so weit helfen wollte, wie es eben notwendig war, damit er die Reparatur selbstständig durchführen konnte. Diran war der Ansicht, dass es Mirdan ja wenig helfen würde, wenn er es für ihn täte. Wenn der Novize wieder in solch eine Situation käme, wüsste er ja deshalb noch lange nicht, was zu tun war. Von seinen Ausbildern konnte er das ja wohl nicht erwarten, das stand für Diran fest. Zumindest passte es zu der Story, die ihm Mirdan aufgetischt hatte und die er auch ungesehen geglaubt hatte. Es gab ja niemanden, der ihm das Gegenteil bewies.

Endlich schien Mirdan das Symbol gefunden zu haben und zeigte darauf. „Das hier war es, Ausbilder Diran! Da bin ich ganz sicher!“, sagte er mit freudiger Erregung in der Stimme. Diran lächelte, denn er wusste genau, dass ihm Mirdan tatsächlich das richtige Symbol gezeigt hatte. „Genau das ist es.“, sagte er und strich ihm erneut lobend über die Schulter. „Tippe jetzt bitte zweimal darauf.“ Mirdan nickte und führte Dirans Anweisung aus.

Sofort glitt eine kleine Klappe beiseite, hinter der Mirdan ein schier unübersichtliches Gewirr von Modulen wahrnahm. „Wie soll ich mich denn hier zurechtfinden, Ausbilder?!“, fragte er fast verzweifelt. „Zuerst einmal gar nicht.“, sagte Diran und zog ihn ein Stück von der Wand weg. „Ich werde dir erst nämlich erklären, was du hier eigentlich siehst. Das hier sind alle Leitungen, die etwas mit dem interdimensionalen Antrieb zu tun haben. Das durchgebrannte Relais wirst du daran erkennen, dass sein Sichtfenster dir den Blick auf sein schwarzes Inneres zeigt. Such dir mal eines dieser Module und schau es dir genau an!“ „OK.“, sagte Mirdan, ging wieder näher zur Wand und folgte Dirans Aufforderung. „Natürlich sind sie hier alle silbern.“, sagte Diran. „Aber auf deinem Schiff wird eines dabei sein, das schwarz ist. Dessen Riegel löst du und ziehst es heraus. Hast du schon ein Ersatzteil?“ „Ja.“, sagte Mirdan. „Da dieses Schiff schon alt ist, hat mein Ausbilder mir geraten, dass ich mir vor Antritt des Fluges die wichtigsten Teile replizieren soll. Dazu gehörte auch ein solches Relais.“ „Ach du meine Güte!“, entflog es Diran, der schon wieder einen Grund sah, sich über die angeblichen Zustände in Mirdans Heimat aufzuregen. Aber der an sich sehr besonnene Vendar wusste auch, dass dies nichts bringen würde und den armen ohnehin schon extrem verwirrten Jungen nur noch mehr ängstigen würde. Also beruhigte er sich wieder und sagte nur: „Na ja. Zumindest hat dein Ausbilder versucht, dich auf einige Eventualitäten vorzubereiten. Er hätte dir meiner Meinung nach aber ruhig zeigen sollen, wie du in so einem Fall vorgehen musst.“ „Da pflichte ich dir bei, Ausbilder Diran.“, sagte Mirdan. „Aber jetzt bist du ja da, um das nachzuholen. Ich bin den Göttern extrem dankbar, dass sie zugelassen haben, dass sich unsere Wege kreuzen.“ „So dramatisch musst du das auch nicht sehen.“, sagte Diran beruhigend und bescheiden. „Sagen wir, ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“

Diran war eine Zeile vom Bildschirm des Rechners auf Mirdans Schiff wieder durch den Kopf gegangen. Es war der Titel eines Programms, der darauf hinwies, dass die Software des Schiffes wohl auch lange nicht mehr aufgerüstet worden war. „Eines noch.“, sagte Diran. „Bevor du das Relais auswechselst, musst du den Rechner für den interdimensionalen Antrieb herunterfahren. Sonst nimmt dein altes System die Änderung nicht an. Es ist ohnehin sicherer für dich. Die Riegel sind zwar alle isoliert, so dass eigentlich nichts passieren kann, Aber bei so einer alten Kiste wie deinem Schiff sollte man lieber auf Nummer sicher gehen.“ „Also gut.“, sagte Mirdan. „Aber könntest du mir vielleicht zeigen, wie das geht? Ich habe …“ „Lass mich raten.“, stöhnte Diran. „Du hast auch das noch nicht gelernt. Was hat dir denn dein Ausbilder überhaupt über Schiffe beigebracht, bevor er dich losgeschickt hat? Und warum sitzt der jetzt nicht neben dir? Na ja. Es steht mir nicht zu, über deinen Lehrer zu urteilen. Aber wenn ich ihn in die Finger bekommen sollte, dann …!“ „Im Fliegen war ich ja schon ganz gut.“, sagte Mirdan. „Deshalb wollte er ja auch, dass ich allein starte. Das hier war mein erster Alleinflug. Oh ich habe meinen Lehrer sicher jetzt bitter enttäuscht!“ Er begann zu schluchzen. „Mach dir nichts draus.“, tröstete Diran, den Mirdan mit seiner Mitleidstour schon sehr um den Finger gewickelt hatte. „Das kriegen wir wieder hin. Fangen wir am besten erst einmal mit dem Rechner an. Hör mir jetzt genau zu!“

Er wandte sich dem Rechner seines Schiffes zu: Mishar, den Rechner für den interdimensionalen Antrieb herunterfahren!“ „Befehl wird ausgeführt.“, kam es sachlich und nüchtern vom Rechner zurück. Dann sahen die beiden Vendar auf dem Hauptschirm, wie das Symbol für den interdimensionalen Antrieb sich langsam verdunkelte und schließlich ganz verschwand. „So.“, sagte Diran. „Und jetzt tun wir, als hätten wir das Relais ausgewechselt. Mishar, den Rechner für den interdimensionalen Antrieb neu starten!“ Befehl wird ausgeführt.“, sagte der Rechner von Dirans Schiff. „Die Prozedur wird etwa eine Minute in Anspruch nehmen.“

Diran und Mirdan lehnten sich zurück, um dem Rechner beim Neustart zuzusehen. Auch das Symbol erhellte sich langsam wieder, bis es ganz zu sehen sein würde. „Ich denke, das könnte bei deinem alten Schiff alles etwas länger dauern.“, sagte Diran. „Aber da gibt es sowieso noch etwas, das ich dir mitgeben möchte. Du musst, wenn du einen interdimensionalen Flug absolvieren möchtest, den interdimensionalen Antrieb ganz langsam starten und den normalen Antrieb ebenso langsam zurückschrauben. Am besten in 5-%-Schritten. So habe ich es auch gemacht. Lass das am besten deinen Computer erledigen.“ „Wie kommt denn das?“, fragte Mirdan Unwissen vorgebend, der jetzt endlich eine Chance gekommen sah, Diran auf das eigentliche Thema zu lenken, wegen dem er die ganze Aktion überhaupt gestartet hatte. „Meine Gebieterin Tolea hat das Ende der Welten gesehen.“, sagte Diran, aber er war sich seiner Worte nicht wirklich bewusst. „Es kann sein, dass dies bereits Vorboten sind. Es gibt auch eine Weissagung von den Quellenwesen: Die Hydra der Eifersucht wird erwachen. Entfesseln wird sie des Krieges Drachen. Sodann werden alle Lande beben. Es wird viel Leid und Kummer geben. Doch Recken, die Kommen auf vielen Wegen, werfen sich tapfer dem Bösen entgegen. Wen das Schicksal sich wünschen will in diesem Stand, den wird es erwählen durch Kindeshand.“

Mirdan fühlte sich innerlich wie der Sieger eines schweren Kampfes. Er hatte erreicht, was er erreichen wollte. Da er Diran die gesamte Zeit über in die Augen gesehen hatte, als dieser die Weissagung rezitierte, wusste er, dass er tatsächlich unter dem Bann stand. Wenn du wüsstest, in welche Falle du soeben getappt bist!, dachte Mirdan und hatte große Mühe, sein Grinsen zu verbergen. Was er erfahren hatte, reichte ihm bereits. Damit würde er zu Sytania zurückkehren. Diese Weissagung, die Diran erwähnt hatte, durfte auf keinen Fall ihre Erfüllung finden, sonst waren ihre Pläne zunichte gemacht! Das wusste der Novize, der ja in Wahrheit viel schlauer war, als er sich jetzt gab.

Mirdan versuchte den Eindruck zu erwecken, als habe er es auf einmal sehr eilig. „Ich danke dir für deine Hilfe, Ausbilder Diran.“, sagte er und stand auf. Bitte lass mich jetzt wieder auf mein Schiff gehen und gib mir die Aufzeichnung. Die Reparatur schaffe ich jetzt auch allein, Aber du solltest, bevor du mir die Aufzeichnung gibst, sie dir noch einmal mit mir gemeinsam ansehen, damit wir auch nichts vergessen haben.“ „Also gut.“, sagte Diran und wendete sich an seinen Schiffscomputer: „Mishar, Aufzeichnung beenden, die Datei kopieren und sie noch einmal abspielen!“

Die Befehle wurden vom Computer ausgeführt. Ihre Ausführung allerdings machte Diran sehr blass und nachdenklich, ein Umstand, über den Mirdan aber lächelnd hinwegging. Jetzt offenbarte sich nämlich, was Diran gerade getan hatte. Ohne es zu wissen und zu wollen war er zum Verräter an seiner Herrin geworden, da er dem Feind Informationen gegeben hatte, die sie ihm im Vertrauen gab. Aber das war ja eigentlich ihr Fehler gewesen, weil sich Tolea, als sie Diran unter den Bann stellte, falsch ausgedrückt hatte. Aber das war ihm nicht bewusst, als er leichenblass und versteinert seinen Verrat zur Kenntnis nahm. Mirdan hatte nämlich so gesessen, dass Diran jetzt den Drudenfuß auf seiner Schulter in der Aufzeichnung sehr gut hatte erkennen können. Dafür hatte der Novize nur leicht seinen Kragen lüften müssen.

Mirdan nutzte die Lage seines Feindes jetzt schamlos aus. Er entnahm den Datenkristall, zog sein Sprechgerät und ließ sich von seinem Rechner auf sein Schiff zurückholen. Dann dockte er von Dirans Schiff ab und war in der interdimensionalen Schicht verschwunden.

Kapitel 17: Triumpf des Bösen

von Visitor

 

Seine Aktionen waren von Sytania und Telzan durch den Kontaktkelch beobachtet worden. „Habe ich Euch zu viel versprochen, Milady?“, fragte der Vendar mit einem gemeinen Grinsen. „Ist er nicht gut in dem, was er tut?“ „Oh ja.“, antwortete die Prinzessin. „Er hat den naiven Diran ganz schön aufs Kreuz gelegt! Das hätte ich wohl nicht besser machen können.“ „Da muss ich Euch leider beipflichten.“, sagte Telzan. „Ich denke, Ihr hättet nicht die Geduld für solcherlei Ränkespiele.“ Er sah sie an, denn er erwartete jetzt wohl eine Strafpredigt. Die kam aber nicht. Im Gegenteil. „Du hast Recht.“, sagte Sytania. „Ich hätte nicht die Geduld für so etwas. Aber deshalb habe ich es ja auch ihn erledigen lassen. Ich bin eben auch lernfähig.“ „Ja, das seid Ihr.“, sagte Telzan und verkniff sich den Rest seiner Gedanken. Er hatte nämlich noch gedacht: Wenn es auch sehr lange gedauert hat, bis es dazu gekommen ist. Er hatte nämlich Sorge, doch noch bei ihr in Ungnade zu fallen. Einmal war ihm das nämlich schon passiert und er erinnerte sich noch sehr gut daran. So etwas wollte er kein zweites Mal erleben. Natürlich hätte Sytania seine Gedanken in seinem Geist nachlesen können, aber er wusste, dass kein Mächtiger ihres Schlages freiwillig geistigen Kontakt zu einem Vendar aufnehmen würde. Es ging nämlich die Legende um, dass man dann automatisch bis zum Tod ausgesaugt würde. Davor hatte sogar sie große Angst. Die Tindaraner und Joran hatten zwar bewiesen, dass dies nur eine Legende war, aber das mussten sie ja ihr, dem Feind, nicht gerade auf die Nase binden.

Eine Fanfare kündigte Besuch an. Dann trat der Herold vor und rief in den Raum: „Mirdan, ein Novize des Telzan, Euer Hoheit!“ „Er ist schon zurück?“, äußerte Sytania ihr Erstaunen. „Offensichtlich.“, antwortete Telzan. „Der Herold wird ja wohl keinen Geist gesehen haben.“ „Dann soll er vortreten!“, befahl die Königstochter.

Der Herold winkte Mirdan, der daraufhin den Thronsaal betrat. Vorher hatte er ruhig am Eingang gewartet. „Mirdan.“, begrüßte ihn Telzan erstaunt. „Wo kommst du denn jetzt schon her?“ „Ich komme von meiner Mission, Ausbilder.“, antwortete der Novize. „Sie war leichter, als ich zuerst dachte.“ „Berichte uns.“, sagte Telzan und deutete auf Sytania und sich. „Sehr gern.“, sagte Mirdan, der ein teuflisches Grinsen nicht verstecken konnte. „Zuerst möchte ich bemerken, dass mir Eshlan das wohl älteste Schiff gegeben haben muss, das wir haben. Aber das war sehr förderlich für das, was ich tun wollte.“ „Ich hatte ihn genau über deine Mission informiert.“, sagte Telzan. „Das erklärt es wohl.“, antwortete der Novize. „Es war wirklich sehr hilfreich, Ausbilder. Bitte sag mir, ob ihr beide mich beobachtet habt.“ „Das haben wir.“, sagte Telzan. „Wir wissen also, was du dem naiven dummen Diran für eine rührselige Story aufgetischt hast. Du hast fürwahr ein sehr großes schauspielerisches Talent.“ „Ich danke dir, Ausbilder.“, sagte Mirdan.

Er griff in seine Tasche, in der er den Datenkristall verborgen hatte. „Deine Frau hat übrigens Recht gehabt mit Diran.“, sagte er dann, während er Telzan den Kristall hinhielt. Er stand tatsächlich unter dem Bannwort. Sonst würde sich eine Szene wohl nicht erklären lassen, die sich auf seinem Schiff zwischen uns abgespielt hat.“ „Dann wollen wir uns diese besagte Szene mal ansehen.“, sagte Telzan und zog ein Pad, in das er den Datenkristall legte und dann die sich darauf befindende Aufzeichnung abspielen ließ.

Gegen Ende ließ er diese plötzlich stoppen und befahl dem Computer des Pads, die Aufzeichnung einzufrieren. Dann ließ er ein bestimmtes Gitter des Bildschirms auf Maximum vergrößern. „Seht her, Milady.“, sagte er zu Sytania und hielt es ihr unter die Augen. „Seht Ihr Dirans Gesichtsausdruck?“ „Ja, mein guter Telzan.“, sagte Sytania. „Den sehe ich sehr wohl. So schaut nur jemand, der unter dem Bann steht. Dein holdes Eheweib ist wirklich eine hervorragende Lippenleserin. Tolea hat diesen Fehler also wirklich gemacht! Das hätte ich ihr nicht zugetraut! Sie ist doch sonst immer so genau und will dafür sorgen, dass den Sterblichen auf keinen Fall ein Haar gekrümmt wird. Wie kann ihr denn da nur so etwas passieren?!“ „Nun ja.“, sagte Mirdan. „Dass ihr dieser Fehler passiert ist, kann uns ja nur zum Vorteil sein.“ „Das ist richtig, Mirdan.“, sagte Sytania und Telzan nickte beifällig.

Die Prinzessin wandte sich wieder dem Pad zu. „Lass die Aufzeichnung weiterlaufen, Telzan!“, befahl sie. Der Vendar nickte und gab dem Pad die entsprechenden Befehle. Nun hörten alle auch die Weissagung.

Sytania machte ein wütendes Gesicht. „Lass diese verdammte Weissagung noch einmal abspielen, Telzan!“, befahl sie. „Ich kann nicht glauben, was ich da gerade gehört habe!“ Wie Milady befehlen.“, sagte der Vendar ruhig und wenige Sekunden danach ließ der Computer des Pads auf Telzans Geheiß die Weissagung noch einmal hören: „Die Hydra der Eifersucht wird erwachen. Entfesseln wird sie des Krieges Drachen. Sodann werden alle Lande beben. Es wird viel Leid und Kummer geben. Doch Recken, die Kommen auf vielen Wegen, werfen sich tapfer dem Bösen entgegen. Wen das Schicksal sich wünschen will in diesem Stand, den wird es erwählen durch Kindeshand.“ „Ein Kind!“, erboste sich Sytania. „Ein Kind soll meine Pläne durchkreuzen?! Nein, nein! Das werde ich nicht zulassen! Das darf und werde ich nicht zulassen!“ „Aber was wollt Ihr denn tun, Hoheit?!“, fragte Telzan. „Was ich tun will?!“, fragte Sytania mit hoch erregter Stimme. „Du wirst gleich sehen, was ich tun will!“

Sie sprang von ihrem Thron herab und schaute konzentriert auf einen Punkt an der gegenüberliegenden Wand des Thronsaals. Alsbald fuhr ein schwarzer Blitz durch den Raum. Dann zeigte sich ein wolkenförmiges Wesen, das Telzan und sein Schüler nur als Nebelwand wahrnehmen konnten. „Was ist das, Milady?“, fragte der Novize, den dieses Geschehen sehr beeindruckt hatte. „Kannst du schon mit einem Erfasser umgehen?“, fragte Sytania. Mirdan bejahte. „Dann benutze ihn!“, befahl Sytania.

Der angehende Vendar-Krieger nickte und zog das Gerät aus der Tasche. Dann begann er, die Nebelwand damit zu scannen. „Ihr habt ein Wesen geschaffen, Milady.“, stellte er fest. „Genau das habe ich.“, sagte Sytania. „Und wenn wir uns jetzt gleich an meinen Audienztisch begeben, werden dein Ausbilder und du auch erfahren, was dieses Wesen tun soll!“

Sie warf den beiden Vendar einen auffordernden Blick zu, auf den sie ihr zu dem kleinen runden Tischchen folgten, das wie immer an seinem Platz in der Ecke des großen Saals stand. Hier setzten sie sich im Kreis hin und fassten sich an den Händen. Dann nahm Sytania geistigen Kontakt zu ihrer Schöpfung auf: Ich grüße dich, meine Schöpfung! Auch ich grüße Euch, meine Schöpferin., gab das Wesen mit verzerrter weiblicher Stimme zurück. Warum habt Ihr mich geschaffen? Wie lautet mein Auftrag? Dein Auftrag lautet., antwortete Sytania. Alle Kinder in allen Dimensionen zu töten, denen du habhaft werden kannst! Beginne hier im Dunklen Imperium und arbeite dich dann weiter vor. Warum stellt Ihr mir keine Artgenossen zur Seite?, fragte das Wesen. Dann könnten wir doch viel effizienter arbeiten. Im Prinzip hast du Recht., meinte Sytania. Aber Effizienz ist nicht immer alles im Leben. Man muss auch mal genießen können und ich genieße nichts mehr, als wenn ich langsam Angst und Terror verbreiten kann. Wenn sich die Kunde über deine Existenz erst einmal verbreitet hat, dann werden sich viele überlegen, ob sie sich mit mir anlegen wollen. So kann ich viele meiner Feinde besiegen, ohne selbst einen Handstreich oder einen Gedanken daran verschwänden zu müssen. Das ist doch viel besser, als wenn ich meine Kraft sinnlos vergeuden würde. Meinst du nicht auch? Wenn Ihr das so sehen wollt?, erwiderte das Wesen. Dann habt Ihr natürlich Recht. Ich werde mich also an Eure Befehle halten. Ab welchem Alter soll ich beginnen. Beginne am besten schon bei den Säuglingen in der Wiege!, sagte Sytania und ihre Augen funkelten gemein. Die können zwar noch nicht sprechen, aber wir sollten trotzdem sicher gehen. Wer weiß, was für Möglichkeiten diese verdammten Quellenwesen in Petto haben! Wie Ihr wünscht., antwortete das Wesen. Aber ab welchem Alter soll ich die Sterblichen verschonen? Eine interessante Frage., entgegnete Sytania. In der Weissagung heißt es eindeutig Kindeshand und nicht etwa Hand eines Jugendlichen. Du wirst also alle verschonen, bei denen die Pubertät bereits eingesetzt hat. Ich habe verstanden., sagte das Wesen und erhob sich in die Lüfte. Dann durchdrang es die Wand und hatte das Schloss verlassen.

Mirdan hatte aufgeatmet. „Und ich hatte schon Angst, dass ich ihr erstes Opfer werde.“, sagte er erleichtert. „Oh das wäre schon nicht geschehen.“, tröstete Telzan. „Oder hattest du etwa vor, zum Verräter an deiner Herrin zu werden, he?!“ Er sah ihn streng an. „Nein, Ausbilder.“, sagte Mirdan und senkte beschwichtigend den Kopf. „Natürlich nicht.“ „Das will ich dir auch geraten haben.“, sagte Telzan.

Sytania winkte ihrem Mundschenk, der darauf mit einem Tablett mit weißen bauchigen Gläsern und einer ebensolchen Karaffe gefüllt mit imperianischem Wein in den Saal kam. „Wir sollten auf das gute Gelingen unserer Pläne anstoßen.“, sagte die Prinzessin und machte eine auffordernde Handbewegung gegenüber dem Imperianischen Mundschenk, der stumm zuerst ihr und dann Telzan einschenkte. Er war ein kleiner Mann in abgewetzter Kleidung, dessen Erscheinung selbst für Sytania ansonsten nicht weiter wichtig war.

Als er zu Mirdans Platz gekommen war, blieb er stehen und schaute zu Telzan herüber, der ihm nur zunickte. „Aber Ausbilder.“, stammelte der Novize. „Ich …“ „Ach was!“, fuhr ihm Telzan über den Mund. „Wenn ich es dir erlaube, dann darfst du zur Feier des Tages auch mal einen mit uns trinken. Ein bis zwei Gläser werden dir schon nicht schaden und jetzt runter damit!“ Dann stießen Sytania, Mirdan und er miteinander an.

Dem Novizen war es plötzlich wie Schuppen von den Augen gefallen. Sofort stellte er sein Glas hin und sah Sytania erschrocken an. „Was ist mit den Kindern der Genesianer?!“, fragte er. „Habt Ihr an die auch gedacht? Ich mache mir ja nur Sorgen, dass Eure neu gewonnene Freundin Valora es eventuell sehr übel nehmen könnte, wenn Ihr …“ „Das mit den Kindern der Genesianer lass mal dahingestellt.“, sagte Sytania. „So weit ist meine Schöpfung ja auch noch nicht. Es gibt hier genug einfältige Bauern, bei denen sie erst mal üben kann. Bis dahin werde ich auch wissen, wie sich die Sache mit dem Glaubenskrieg auf dem Heimatplaneten der Genesianer entwickelt. Dann werde ich entscheiden, wie wir mit den Kindern der Genesianer verfahren. Ich bin sicher, Valora wird Verständnis für jede meiner Entscheidungen haben. Aber danke, dass du mich auf diesen Umstand aufmerksam gemacht hast.“ „Das habe ich doch gern getan, Hoheit.“, sagte Mirdan.

Sytania nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Glas und wandte sich dann Telzan zu: „Du hast dort wirklich einen aufmerksamen Schüler, mein Freund. Er wird sicher einmal ein guter Krieger werden.“ „In der Tat, Herrin.“, bestätigte Telzan und alle drei hoben erneut die Gläser.

Der Novize hatte erneut eine Möglichkeit gesehen, durch Aufmerksamkeit zu glänzen. „Ihr habt doch wissen wollen, woher ich so schnell gekommen bin.“, sagte er in Richtung von Telzan und Sytania gleichermaßen gewandt. Das war möglich, weil die Prinzessin und sein Ausbilder ihn in die Mitte genommen hatten. „Das stimmt.“, sagte Telzan. „Ich habe Eshlan das Schiff übergeben und mich dann mit einem Transporter herbeamen lassen.“, sagte der Novize. „Ich wollte einfach gewährleisten, dass die Information so schnell wie möglich hier ankommt. Sicher hätte ich sie auch per SITCH-Mail übermitteln können, aber dann wäre ich ja nicht da gewesen, um sie gleich vor Ort zu interpretieren.“ „Gute Entscheidung, mein Schüler!“, lobte Telzan. „Ich hätte es nicht anders gemacht. Aus dir wird fürwahr einmal ein guter Stratege werden.“ „Danke, Ausbilder.“, sagte Mirdan verlegen. Sie setzten die Feier fort, nachdem der Mundschenk allen noch einmal nachgeschenkt hatte.

Diran war der Verzweiflung näher als der Hoffnung. Immer und immer wieder hatte er sich die Aufzeichnung angesehen. Jene Aufzeichnung, die ihm schwarz auf weiß offenbarte, dass er gerade zum Verräter geworden war. Wenn es ihm auch nicht bewusst war, so war es doch geschehen. Schließlich konnte der Mishar nicht lügen. Was er in seinen Datenbanken hatte, war die reine Wahrheit, außer man half technisch nach, indem man Passagen herausschnitt oder änderte. Aber Diran hatte nichts dergleichen getan. Warum hätte er das auch tun sollen? Damit hätte er sich, so wie sich die Situation jetzt darstellte, doch nur ins eigene Fleisch geschnitten.

Die aufgestellten Gesichtshaare des Vendar verrieten seine nicht gerade gute Verfassung, als er zu überlegen begann, was er tun konnte, um zu verhindern, dass so etwas noch einmal passierte. Er konnte und durfte nicht zulassen, dass Sytania und ihre Schergen an noch mehr Informationen kamen! Aber er wusste nicht, wie er das anstellen sollte. Tolea danach zu fragen und sie zu bitten, den Bann aufzuheben, wäre wohl für uns, die wir normal und besonnen denken können, das Mittel der Wahl gewesen. Aber Diran war hierzu viel zu verzweifelt. „Ich muss verhindern, dass es noch einmal geschieht!“, sagte er entschlossen und ging zum Replikator, wo er sich ein Röhrchen mit einer grünen Flüssigkeit replizierte. Die Flüssigkeit war das Gift der Neshar-Rose, einer auf der Heimatwelt der Vendar häuslichen Pflanze. Dieses Gift wurde dazu benutzt, sich zu töten oder sich ins Koma zu versetzen, falls man zum Verräter an seiner Herrin oder seinem Herrn geworden war und das eigentlich nicht gewollt hatte. Er wusste, jetzt brauchte er Hilfe und die konnte ihm, wenn überhaupt, nur von den Tindaranern oder ihren Verbündeten auf New-Vendar-Prime gegeben werden. Nur jemand, der sich mit den Ritualen der Vendar auskannte, konnte wissen, was jetzt zu tun war und warum er eben getan hatte, was er getan hatte.

Diran entkorkte das kleine dünne Röhrchen, das selbst aus weißem Glas bestand und einen braunen kleinen Korken enthielt. Es war etwa 20 cm lang und hatte einen Durchmesser von ca. 3 cm. Dann setzte er es an die Lippen und leerte es in einem Zug. Die Flüssigkeit schmeckte bitter, aber das störte ihn nicht. Er wusste, was immer jetzt auch geschah, er war sicher. Er würde Sytania keine Informationen mehr verraten können! Ob nun freiwillig oder unfreiwillig. Entweder, er würde rechtzeitig von den Tindaranern oder den Vendar-Rebellen von New-Vendar-Prime gefunden, oder er würde sterben, bevor sie etwas tun könnten. „Ihr legt mich nicht noch einmal herein, Sytania!“, rief Diran aus. „Die Götter mögen wissen, woher Ihr wusstet, dass mich meine Herrin unter den Bann gestellt hat und wie genau der aussieht, Aber von mir werdet Ihr nichts mehr erfahren! Das war das allerletzte Mal, dass ich auf eine Eurer Maschen hereingefallen bin. Das allerletzte Mal!“

Leider hatte Diran nicht bedacht, dass der Umstand, dass er sich aufregte, seinen Blutdruck in die Höhe schnellen ließ. Leider hatte das auch Auswirkungen auf den Rest seines Stoffwechsels. Sein Blut verteilte jetzt nämlich auch das Gift viel schneller in seinem Körper. Er spürte, wie es ihm schwindelig wurde. „Nein!“, rief er aus. „Jetzt noch nicht! Ich muss doch noch etwas vorbereiten!“

Sein Kreislauf versagte und er fiel hin. Jetzt konnte er sich nur noch auf allen Vieren zum nächsten Computermikrofon schleppen. Mit letzter Kraft zog er sich auf den Sitz davor. Dann stammelte er ins Mikrofon: „Mishar, das Sprechgerät auf die tindaranischen Notruffrequenzen und die der Vendar auf New-Vendar-Prime justieren! Dann einen automatischen Notruf in Vendarisch, Englisch und Tindaranisch absetzen! Außerdem möchte ich eine Nachricht diktieren.“

Er musste eine Pause machen, denn ein scharfer Schmerz hatte seinen Körper durchzuckt. Es geht zu schnell., dachte er. Hoffentlich kriege ich das noch hin.

Die Stimme des Rechners holte ihn aus seinen Gedanken: „Programm geladen und bereit. Bitte diktieren Sie Ihre Nachricht.“ Diran atmete tief durch. Er war froh, dass das Gerät ihm sozusagen einen Strohhalm gereicht hatte, zumindest im übertragenen Sinn. Jetzt hatte er etwas, auf das er sich fokussieren konnte. Er war dem Rechner noch nie so dankbar gewesen wie jetzt.

„Meine Freunde.“, begann Diran sein Diktat in Englisch. „Wenn einer von euch diese Nachricht findet, weile ich vielleicht nicht mehr unter den Lebenden, oder ich liege im Koma. Ich habe mich selbst gerichtet, denn es darf nicht sein, dass ich Sytania weitere Informationen gebe. Offenbar hat mich meine Herrin versehentlich unter die falsche Art von Bann gestellt. Ich bin mir dessen natürlich nicht bewusst und kann es nur anhand der Geschehnisse vermuten, denn ich habe aus Versehen einem von Sytanias Vendar eine wichtige Information übergeben. Was genau geschehen ist, werdet ihr in den Aufzeichnungen meines Rechners finden. Es dauert zu lange, euch das zu erklären. Ich habe das Gift der Neshar-Rose zu mir genommen, das bereits seine Wirkung entfaltet. Ich habe nicht mehr viel Zeit!“

Er machte eine Pause, die mindestens fünf Sekunden dauerte. Das war lange genug, um den Rechner dazu zu bringen ihn zu fragen: „Haben Sie Ihre Nachricht beendet?“ „Ja.“, antwortete Diran, dem langsam die Sinne zu schwinden begannen. Es wurde immer schwerer für ihn, sich auf sein Vorhaben zu konzentrieren. Irgendwie musste er es aber noch hinbekommen, dem Rechner mitzuteilen, wie er mit der Nachricht verfahren sollte.

„Mishar.“, sagte Diran schon ziemlich erschöpft. „Sind in deiner Datenbank Beispiele der DNS von Vendar enthalten, die auf New-Vendar-Prime leben?“ „Affirmativ.“, sagte der Rechner. „Gibt es dort auch Beispiele für die DNS der Besatzung von Basis 281 Alpha?“, fragte Diran. Wieder bejahte der Rechner.

Der Vendar atmete auf. „Interne Sensoren scharf stellen!“, befahl Diran. Das Programm für Nachrichten mit dem Sicherheitsprogramm verknüpfen! Die zuletzt diktierte Nachricht abspielen, wenn eine der vorher genannten DNS-Gruppen in Reichweite der internen Sensoren kommt!“ „Befehl wird ausgeführt.“, sagte der Mishar sachlich und nüchtern.

Diran gab einen erleichterten Seufzer von sich: „Das wäre geschafft!“ Es ging ihm immer schlechter. Lange hätte er das bestimmt nicht mehr durchgehalten. Jetzt ließ er sich nur noch vom Sitz gleiten und robbte - aufrecht gehen konnte er schon nicht mehr - zu jener Tür, die Achterkabine und Cockpit voneinander trennte. Da der Sensor auf seine Gesamtmaße und nicht nur auf seine Körperhöhe programmiert war, öffnete sich die Tür trotzdem. Diran kroch hindurch und hievte sich auf eine der Bänke. Dort legte er sich auf den Rücken und entspannte sich. Derweil dachte er noch: Ihr Götter, ich befehle mich in eure Hand. Bitte gebt, dass sich alles wieder zum Guten wendet. Dann tat er noch einen letzten tiefen Atemzug, bevor das Gift ihn endgültig in den tiefen todesähnlichen Schlaf zwang.

Shimar und sein Schiff hatten das Raum-Zeit-Kontinuum ohne konkrete Ergebnisse durchstreift. IDUSA hatte zwar viele Werte gesehen, die auf eventuelle Spionagetechnik hindeuten könnten, in der gegenwärtigen Situation hatten sich diese aber vielfach als Sensorengeister entpuppt. Das war wahrscheinlich der Veränderung innerhalb der Dimension zuzuschreiben. Jedenfalls gab es dort aber auch keine eindeutigen Hinweise. Dass Sytanias Vendar getan hatten, wessen Sianach sie beschuldigte, konnte aber auch nicht eindeutig ausgeschlossen werden.

IDUSAs Avatar wendete sich an ihren Piloten: „Ich denke, wir werden hier nichts Eindeutiges finden, Shimar. Ich halte es für effizienter, wenn wir zurückkehren. Wir können Sianach zwar keine eindeutige Entwarnung geben, aber angesichts der Spurenlage ist es wohl besser. Vielleicht finden wir ja auch irgendwo anders einen Hinweis.“ „Das Gefühl habe ich auch langsam.“, sagte Shimar. „Aber ich möchte erst einmal wissen, was Maron und Zirell dazu meinen. Verbinde mich mit ihnen!“ “Wie Sie wünschen.“, sagte IDUSA und schaltete die gewünschte Verbindung. Dann sah der junge Patrouillenpilot die Gesichter seiner Kommandantin und des ersten Offiziers vor seinem geistigen Auge über den Neurokoppler. „Was konntest du herausfinden, Shimar?“, wollte Zirell wissen. „Leider nicht sehr viel, Zirell.“, musste Shimar zugeben. „Die Spuren sind nicht eindeutig. IDUSA kann kaum ihr eigenes Sensorenecho vom Rest unterscheiden, geschweige denn, dass sie eindeutige Werte gefunden hätte, die Sianachs Angst bestätigen würden. Wir haben Jenna die Werte gegeben. Sie meint, die Dimension sei sehr angegriffen, aber das führt sie auf die ohnehin gerade herrschende Schieflage in den elektrischen Ladungen zurück. Zumindest geht das aus einer Mail hervor, die sie mir geschickt hat. Ich denke, wir werden zurückkehren. Wenn sich das nicht anders beweisen lässt, dann wird sich Sianach hoffentlich geirrt haben.“ „So einfach ist das leider nicht, Shimar.“, mischte sich Maron ins Gespräch. „Du darfst nicht vergessen, wie lange das schon her ist. Die Energiewerte können ebenso gut schon zerfallen sein, aber das heißt nicht, dass da nichts war. Ich bin lange nicht mehr so naiv zu glauben, dass Sytania, wenn sie auch vielleicht nicht die Ursache gesetzt hat, sicher gern ein Stück vom giftigen bösen Kuchen abhaben würde und alles dafür täte, was es ihr irgendwie erleichtern würde. Wir denken, dass so eine massive Ladungsverschiebung nicht allein von ihr verursacht werden kann. Zumindest nicht, ohne dass ihr Vater sich einmischen würde, wenn er etwas davon merken würde und das würde er mit Sicherheit. Es muss also etwas am Werk sein, das noch mächtiger ist als Logar oder Sytania.“ „Mächtiger als Logar oder Sytania?“, wiederholte Shimar fragend und mit fast ungläubigem Staunen. „Da fallen mir nur die Quellenwesen und ihre vielen Verwandten ein. Aber den Propheten oder den Palgeistern traue ich das nicht zu.“ „Ich denke auch, dass es jemand anderes aus der berühmten Familie sein muss.“, sagte Maron, der seinen kriminalistischen Spürsinn eingesetzt hatte. „Zumal die Palgeister wissen, dass sie, obwohl sie Sytanias Hilfe hatten, damals kläglich gegen uns verloren haben.“

Er hatte den Sendeknopf losgelassen. Wahrscheinlich wartete er auf eine Antwort Shimars. Dieser aber war dazu gerade nicht in der Lage, denn er kämpfte mit einem Lachanfall, der so langsam die Oberhand zu gewinnen drohte. Dann prustete ein völlig fertiger Tindaraner ins Mikrofon: „Oh ich hoffe, du hast das nicht ernst gemeint, Maron! Sytania und ihnen geholfen! Dass ich nicht lache! Sytania hat doch nur sich selbst geholfen! Mich wundert, dass die Palgeister das damals nicht gerafft haben. Aber na ja. Gier frisst Hirn, sagt Betsy immer. Machtgier tut das eben auch!“ „Genauso ist es, Shimar.“, sagte Maron. „Ich wollte ja nur sicher gehen, dass du aufpasst.“ „Dann ist ja gut.“, sagte der tindaranische Pilot erleichtert. „Für einen Augenblick hatte ich nämlich ernsthaft gedacht, du würdest glauben, was du da eben gesagt hast.“ „Keine Angst, mein Freund.“, versicherte Maron. „Ich habe zwar den Ruf weg, etwas naiv zu sein, aber das bin ich nicht mehr. Ich bin nämlich lernfähig. Aber du hast Recht. IDUSA und du, ihr solltet wirklich zurückkehren. Jede weitere Ermittlung dort wird wohl, nicht zuletzt auch aus physikalischen Gründen, ins Leere führen.“ „OK.“, sagte Shimar und beendete die Verbindung.

Der Avatar seines Schiffes sah ihn plötzlich alarmiert an. „Was ist los, IDUSA?!“ fragte Shimar, der genau wusste, dass sie so ein Verhalten nicht ohne Grund zeigte. „Ich habe über das interdimensionale Sprechgerät einen Notruf empfangen.“, sagte das Schiff. „Er ist automatisch und wird auf den tindaranischen Notruffrequenzen und auch auf denen der Vendar von New-Vendar-Prime gesendet. Er wird auf Englisch, Vendarisch und Tindaranisch gesendet. Er kommt vom Rufzeichen von Dirans Schiff!“ „Diran?“, fragte Shimar verwundert. „Der dient doch Tolea. Wo ist die Quelle des Notrufs, IDUSA?“ „Sie befindet sich in unserer Dimension.“, sagte das Schiff. „Sie ist nicht weit von unserer Basis entfernt.“ „Was macht Diran denn bei uns?“, wunderte sich Shimar erneut. „Seine Frau lebt auf New-Vendar-Prime.“, rief ihm IDUSA die familiäre Situation seines Freundes in Erinnerung. „Ich halte für möglich, dass er sie besuchen wollte.“ „Na, dann müssen sie sich aber saftig gestritten haben.“, sagte Shimar mit fast neutralem Ausdruck im Gesicht. Nur ein kaum sichtbares Grinsen umspielte die Lippen des jungen tindaranischen Fliegers. „Wenn er seinen Computer dann gleich dazu bringt, einen Notruf abzusetzen. Funktionieren deine interdimensionalen Sensoren einwandfrei? Ich wüsste gern, ob sie hinter ihm her ist, um ihm die Bratpfanne über den Kopf zu ziehen.“ Er ahnte nicht, dass er bald eine Situation vorfinden sollte, in der ihm das Scherzen wohl sehr schnell verging.

Einige Zeit verging. Shimar sah das Gesicht des Avatars vor sich. Sie schaute in den Raum. Das war das gleiche Bild, das er immer von ihr sah, wenn IDUSA etwas scannte. „Das tust du jetzt nicht wirklich, oder?“, fragte er. „Ich muss Ihnen sagen, dass ich außer Dirans Schiff kein weiteres gesehen habe.“, sagte IDUSA. „Auch ist von Sianach nichts zu sehen und ich sehe auch kein antikes Kochgerät.“ „Ach du Schande, IDUSA!“, rief Shimar aus. „Und ich dachte, du hättest gelernt zu unterscheiden, ob jemand einen Scherz macht, oder ob das, was er sagt, ernst gemeint ist! Was ist mit suchen und vergleichen, he?!“ „Das habe ich getan.“, sagte das Schiff unschuldig. „Dabei ist herausgekommen, dass ich Sianach aufgrund ihres Temperaments so etwas durchaus zutrauen würde. Sie regt sich zwar selten auf, aber wenn, dann richtig. Das weiß auch ich. Das von Ihnen geschilderte Szenario ist also durchaus wahrscheinlich.“ „OK.“, sagte Shimar und schaute etwas bedient. „Das funktioniert also auch nicht immer. Aber hast du dir nicht mein Gesicht angeschaut? Hast du da nicht ein kleines Grinsen wahrgenommen?“ „Ihre Gesichtsmimik war nicht eindeutig.“, sagte das Schiff. „Upsi.“, machte Shimar. „Dann muss ich ja zu einem verdammt guten Schauspieler geworden sein. Aber das ist jetzt nebensächlich. Gib mir noch einmal Zirell!“

Der Avatar nickte und IDUSA führte Shimars Befehl aus. Bald darauf sah er wieder in das Gesicht seiner Kommandantin. „Zirell, IDUSA hat einen Notruf von Diran empfangen. Wir sollten uns darum kümmern.“ „In Ordnung.“, sagte Zirell. „Du dürftest ja schnell vor Ort sein können. Aber wir haben den Notruf auch gehört. Er kommt auf allen Notruffrequenzen herein. Also dann! Kümmere dich!“ „OK, Zirell.“, sagte Shimar und gab IDUSA den Gedankenbefehl zum Beenden der Verbindung. Dann flogen sie in die tindaranische Dimension zurück.

Kapitel 18: Der Trumpf aus der Vergangenheit

von Visitor

 

Das gerade Gehörte hatte Maron keine Ruhe gelassen. Er wollte unbedingt herausfinden, was daran war. „Ich werde nach unten in den Maschinenraum gehen und Jenna aufsuchen.“, sagte er. „Wenn uns jemand sagen kann, wer so mächtig sein könnte, um so etwas selbst im Raum-Zeit-Kontinuum zu verursachen, dann sie. Unter Umständen mit etwas Hilfe durch die persönlichen Erinnerungen von Lord Grandemought.“ „Also gut, Maron.“, sagte die tindaranische Kommandantin. „Aber wie kommst du darauf, dass gerade Jenna dir weiterhelfen kann?“ „Ich habe da so meine Vermutungen.“, sagte der erste Offizier und wandte sich zum Gehen. „Bitte vertrau mir, Zirell.“ „Also gut.“, sagte die Tindaranerin und schaute ihm lächelnd nach, während Maron die Kommandozentrale verließ.

Sein Weg führte ihn zunächst zu einem Turbolift, der ihn in den Maschinenraum zu Jennas Arbeitsplatz brachte. Die hoch intelligente Halbschottin staunte nicht schlecht. „Sir!“, rief sie erstaunt aus. „Was führt Sie denn hierher?“ „Ich muss mit Ihnen reden, McKnight.“, sagte Maron. „Aber dazu sollten wir nach Möglichkeit allein sein.“ „Oh das klingt ja sehr geheimnisvoll.“, sagte Jenna. Dann wandte sie sich ihrer Assistentin zu: „Shannon, übernehmen Sie!“ „OK, Jenn’.“, nickte die blonde Irin und nahm den Platz vor der Konsole ein, den Jenna gerade geräumt hatte.

McKnight stellte sich neben Maron und sah ihn auffordernd an. „Wohin wollen wir gehen, Agent?“, fragte sie. „Ich hatte gedacht.“, sagte Maron. „Dass wir uns noch einmal Commander Zirells Raum ausleihen.“ „OK.“, sagte Jenna und folgte ihm wieder zum Lift zurück.

Wenig später hatten sie sich an ihrem Ziel eingefunden und Maron hatte hinter Zirells Schreibtisch Platz genommen, während Jenna mit dem Stuhl davor vorliebgenommen hatte. Dann hatte der Erste Offizier die Datei mit Jennas Personalien von IDUSA aufrufen lassen, die von der Technikerin auch bestätigt worden waren. „Warum wollen Sie denn nun mit mir reden, Agent?“, fragte Jenna. „Ich muss Sie zu Ihrer Zeit mit Lord Grandemought vernehmen.“, sagte der Demetaner. „Zu welcher Zeit genau?“, fragte Jenna. „Er war insgesamt mehr als dreimal in meinem Körper.“ „Das hängt davon ab.“, sagte Maron. „Wann Sie mit ihm persönliche Erinnerungen ausgetauscht haben.“ „Grandemought war, als er Sie das erste Mal in Besitz genommen hat, ja bereits mehr als 5000 Jahre alt. Da wird er ja wohl einige Mächtige persönlich gekannt haben. Waren darunter Leute, die mächtig genug wären, um so etwas wie so eine massive Ladungsverschiebung verursachen zu können, Ohne das Logar oder Dill oder auch jemand anderes etwas dagegen tun können?“ „Ich bin froh.“, sagte Jenna erleichtert. „Dass Sie mich nicht nach dem Wissen der alten Zeitländer an sich gefragt haben, Sir.“ „Darauf habe ich nämlich nicht so einfach Zugriff.“ „Ich weiß.“, sagte der erste Offizier und warf ihr einen verständigen Blick zu. „Darum habe ich ja mit Absicht diesen Weg gewählt. Mir ist ja klar, dass Sie das nicht ein- und ausschalten können wie einen Lichtschalter. Aber auf seine persönlichen Erinnerungen, die er in Ihnen hinterlassen hat, haben Sie doch jederzeit Zugriff, oder?“ „Das stimmt.“, sagte Jenna. Aber ein ca. 5000 Jahre altes Leben zu durchforsten, könnte etwas dauern, Agent. Aber so, wie ich die Sache einschätze, könnte das Zeit in Anspruch nehmen, die wir gar nicht haben.“ „Dann würde ich gern etwas mit Ihnen versuchen, McKnight.“, sagte Maron. „Sind Sie einverstanden?“ „Ein Experiment unter Ihrer Leitung.“, sagte Jenna und schaute ihn neugierig an. „Das ist ja mal was Neues. Sonst habe ich bei unseren gemeinsamen Experimenten ja immer die Führung übernommen. Aber ich bin bereit, mich auf Ihren Versuch einzulassen.“ „Also dann.“, sagte Maron und lehnte sich zurück. Dann überprüfte er noch ein letztes Mal den Sitz seines Neurokopplers und sah Jenna von Kopf bis Fuß an. „Ich hatte meinen Koppler nicht abgesetzt.“, sagte Jenna. „Das sehe ich.“, sagte Maron.

Er schien über etwas nachzudenken. Dann sagte er: „Ich möchte, dass Sie sich in die Zeit zurückversetzen, in der Sie und Grandemought den intensivsten Erinnerungsaustausch hatten.“ „OK.“, nickte Jenna und tat, was Maron ihr soeben gesagt hatte. „Und jetzt möchte ich.“, sagte der Agent. „Dass Sie mir vertrauen, was immer gleich auch mit Ihnen passieren mag. Sollten Sie Dinge aus Grandemoughts Leben wiedererkennen, oder sollte Ihnen etwas einfallen, dann hämmern Sie es einfach heraus, egal wie seltsam es auch klingen mag. Das Sortieren übernehme ich dann schon.“ Jenna nickte.

Maron wandte sich dem Stationsrechner zu: „IDUSA, gibt es in deiner Datenbank Bilder der Quellenwesen und ihrer Verwandten?“ „Affirmativ.“, antwortete der Rechner. „Dann möchte ich, dass du sie nur Techniker McKnight der Reihe nach zeigst. Jedes Bild für etwa, na sagen wir, für 20 Sekunden. Sollte sie eine medizinisch messbare Reaktion zeigen, hältst du die Diashow an und zeigst auch mir das Bild.“ „Verstanden, Agent.“, sagte der Rechner. „Ab wann soll ich beginnen?“

Maron sah mit einem fragenden Blick zu Jenna hinüber. Zu ihr, die sich bereits die ganze Zeit über auf ihre Zeit mit Grandemought konzentriert hatte. Die kluge Technikerin nickte ihm nur auffordernd zu. „Also dann, IDUSA.“, sagte Maron. „Fang an!“ Der Avatar vor den geistigen Augen der Beiden nickte. Dann speiste IDUSA die von Maron verlangten Bilder nur über den Port ein, auf dem sie Jennas Reaktionstabelle geladen hatte.

Viele Bilder zogen nun an Jennas geistigem Auge vorbei. Bilder von Wesen, die sie selbst noch niemals zu Gesicht bekommen hatte. Als die Reihe aber an den Einhörnern, speziell am Bild der Leitstute Valora war, fuhr Jenna zusammen und stammelte: „Oh mein Gott, Agent! Das ist Valora! Grandemought kennt sie! Sie gilt als sehr tugendhaft, kann aber auch anders! Ich weiß, das ist nicht das Bild von Einhörnern, wie wir es kennen, aber Invictus hat seine Gründe. Grandemought kannte auch ihn und er wusste, dass es eines Tages dazu kommen wird … Was rede ich? Ich sollte doch zuerst bei einem Thema bleiben! Also, Valora …“ „Nicht die Kontrolle übernehmen, McKnight!“, sagte Maron, der alles auf einem Pad in Stichworten mitgeschrieben hatte. „Wir waren uns doch einig, dass ich sortiere! Oder?“ „Ich weiß.“, sagte McKnight, die bereits leicht außer Atem war. „Es ist mir nur so unangenehm, wenn ich hier so herumstammele.“ „Oh das ist völlig OK, Techniker.“, tröstete Maron. Ich weiß ja, dass das sonst nicht Ihr Stil ist. Und es bleibt auch garantiert unter uns.“ „Also gut.“, sagte Jenna. „Versuchen wir es noch einmal. Aber ich fürchte, ich benötige noch einen Stimulus. Ich denke, es ist, weil ich das abgebrochen habe und mich nicht wirklich darauf einlassen wollte. Könnte IDUSA …“ Maron nickte ihr verständig und mild zu. Dann wandte er sich an den Rechner: „Du hast die Lady gehört!“

Erneut zeigte IDUSA Jenna das Bild von Valora, was einen weiteren Redeschwall bei ihr auslöste: „Sie ist eifersüchtig! Oh sie kann sehr eifersüchtig werden. Dann wird sie sehr wütend und ist dann unberechenbar. Sie könnte sich sogar mit Sytania anfreunden in ihrer Wut auf Invictus. Aber was er getan hat, war notwendig. Grandemought kennt auch ihn und er hat ihm anvertraut, dass einmal eine Zeit kommen wird, da seine Kinder jedes Maß verlieren werden, wenn er sie nicht daran erinnert, wie kostbar die Natur ist. Was er getan hat, war dazu notwendig. Sich mit Sterblichen zu paaren war dazu notwendig! Aber Valora versteht nicht! Sie versteht nicht!“

Jenna japste ein letztes Mal nach Luft, bevor sie ohnmächtig zu werden drohte. Es gelang Maron aber noch gerade, sie aufzufangen und in stabiler Seitenlage auf den Boden zu legen.

Ein Gefühl der Erleichterung durchströmte ihn, als sie endlich wieder die Augen öffnete. „Tut mir leid, Sir.“, waren ihre ersten Worte. „Mir muss es leidtun, Techniker.“, sagte Maron. „Ich hätte Sie nicht so drängen dürfen. Gibt es noch etwas, dass Sie mir sagen wollen?“ „Nein.“, sagte Jenna. „OK.“, sagte Maron. „Dann sollte ich Sie auf die Krankenstation begleiten, damit Ishan Sie sich noch einmal ansieht. Es wäre ja sicher gut, wenn wir erfahren würden, ob meine Schandtaten für Sie ohne Folgen geblieben sind.“ Er half ihr auf die Beine. „Wenn.“, sagte Jenna. „Dann waren es wohl unsere gemeinsamen Schandtaten, Agent. Schließlich habe ich ja freiwillig mitgemacht.“ „Stimmt auch wieder.“, lächelte Maron. „Und wenn Sie von Ishan untersucht worden sind, dann kümmere ich mich um dieses Pad hier und sortiere seinen Inhalt. Dann werde ich Zirell das Ergebnis vorlegen.“ „In Ordnung, Agent.“, sagte Jenna und ließ sich von ihm stützen, während sie den Weg zur Krankenstation einschlugen.

Shimar und IDUSA waren zu dem Punkt gekommen, an dem das tindaranische Schiff Dirans Schiff lokalisiert hatte. „Ich kann nur ein sehr schwaches Biozeichen ausmachen.“, sagte der Avatar und sah Shimar ernst an. „Zeig mir ein Bild vom Inneren des Cockpits!“, befahl der junge Tindaraner. IDUSAs Avatar nickte und dann führte sie den Befehl aus.

Vor Shimars geistigem Auge baute sich das Bild von einem leeren Cockpit auf. Alles, was er sah, schien darauf hinzudeuten, dass dieses eilig verlassen worden war. „Zoome bitte die Steuerkonsole heran.“, sagte Shimar. „Das will ich gern tun.“, sagte IDUSA. „Allerdings muss ich Sie darauf hinweisen, dass alles, was Sie in den Displays sehen werden, in vendarischer Zeichenschrift geschrieben ist. Meines Wissens beherrschen Sie diese nur rudimentär.“ „Das ist richtig.“, gab Shimar zu. „Joran hat mir ein paar Hieroglyphen beigebracht. Aber ich habe ja dich. In deiner Datenbank dürfte ja ein vollständiger Zeichensatz vorhanden sein. Also kannst du mir auch helfen, die Anzeigen zu übersetzen.“ „Das kann ich allerdings.“, sagte IDUSA. „Und ich denke, es wäre besser, ich täte das sofort, um Missverständnisse zu vermeiden.“ „In Ordnung.“, sagte Shimar. „Aber wir sollten auch klären, wo Diran ist. Ich sehe ihn auf jeden Fall nicht hier im Cockpit.“ „Sie haben Recht.“, sagte IDUSA. „Er befindet sich offenbar im hinteren Teil des Schiffes. Und er hat es offenbar nicht mehr geschafft, dieses auf Autopilot zu schalten. Es treibt offenbar führerlos.“ „Ist der Antrieb aktiv, IDUSA?“, fragte Shimar. „Negativ.“, sagte IDUSA. „Na den Göttern sei Dank.“, sagte Shimar erleichtert.

Er konzentrierte sich auf das Bild der Steuerkonsole vor seinem geistigen Auge, das IDUSA jetzt befehlsgemäß in den Vordergrund gerückt hatte. „Für mich sieht es aus.“, stellte Shimar fest. „Als hätte Diran noch eine Nachricht diktiert, bevor er sich nach hinten begeben hat.“ „Bestätigt.“, übersetzte das Schiff. „Was immer dort drüben auch passiert ist, kann uns vielleicht diese Nachricht beantworten.“ „Das denke ich auch.“, sagte Shimar. „Und deshalb werde ich auch hinübergehen. Gib mir Zirell! Ich werde mich mit ihr und Maron absprechen müssen, weil ich unter Umständen einen mobilen Tatort betrete.“ „Dann sollten Sie aber auch beachten.“, sagte IDUSA. „Dass Sie besser nichts anfassen oder verändern sollten. Außer, sie trügen Handschuhe. Ich würde Ihnen auch eine überwachte Außenmission unter Agent Marons Leitung vorschlagen.“ „Wie Recht du hast.“, sagte der junge Flieger und grinste ihr zu. Dabei strich sein rechter Zeigefinger über einige leere Ports, was das berühmte Massesignal auslöste, das bei IDUSA wie immer sehr positiv ankam. „Wenn ich dich nicht hätte und die dicken Kartoffeln, meine kleine schlaue IDUSA!“ „Dann müssten Sie sich nur noch von Reis und Nudeln ernähren. Wie schrecklich!“, grinste IDUSAs Avatar zurück und sah ihn verschmitzt an. „Oh.“, sagte Shimar. „Ich habe an sich kein wirkliches Problem mit Reis und Nudeln. Reis soll sogar sehr gesund sein, habe ich gehört. Vor allem dann, wenn man entschlacken möchte.“ „Haben Sie vor, demnächst eine Diätberatung zu eröffnen?“, fragte IDUSA. „Oh nein.“, sagte Shimar. „Ich glaube, das liegt mir nicht. Ich bleibe lieber beim Fliegen. Und jetzt mach mir schon meine Verbindung. Dann kannst du auch gleich Dirans Schiff in den Traktorstrahl nehmen, damit es uns nicht wegfliegen kann.“ „In Ordnung.“, sagte IDUSA und begann mit der Ausführung von Shimars Befehlen.

Es war Zirell, die auf der Station von Shimars Anfrage durch deren Rechner in Kenntnis gesetzt wurde. „Commander, ich habe Shimar für Sie.“, sagte der Rechner, dem nicht entgangen war, wie sehr sich Zirell mit der Gesamtsituation beschäftigt hatte. Die vorangegangenen Ereignisse hatten die ältere Tindaranerin nicht ruhen lassen. In der letzten Nacht hatte sie ihretwegen kaum ein Auge zugetan. „Gib ihn her, IDUSA!“, befahl Zirell.

Vor Zirells geistigem Auge wich das Bild des Avatars langsam dem ihres Untergebenen. „Was hast du herausgefunden, Shimar?“, fragte die Kommandantin. „Bis jetzt noch nicht viel.“, entgegnete der Patrouillenflieger. „IDUSA und ich denken nur, dass Diran etwas passiert sein muss.“ „Das klingt logisch.“, sagte Zirell. „Ansonsten hätte er ja wohl kaum einen Notruf abgesetzt.“ „Sehe ich genauso.“, sagte der als recht intelligent geltende Tindaraner. Deshalb möchte ich ja auch um eine überwachte Außenmission bitten. Alles deutet darauf hin, dass Diran uns noch eine Nachricht hinterlassen hat. Außerdem scheint er nicht bei bester Gesundheit zu sein. Jemand sollte Erste Hilfe leisten.“ „OK.“, sagte Zirell. Aber für eine überwachte Außenmission unter diesen Umständen benötigst du Maron. Ich weiß nur im Moment nicht so genau, wo er ist. Aber das haben wir gleich.“

Sie wandte sich dem Stationsrechner zu: IDUSA, wo ist Agent Maron?“ „Agent Maron befindet sich auf der Krankenstation.“, sagte der Rechner. „Hoppla!“, sagte Zirell. „Was hat er denn nun schon wieder angestellt? Na ja. Hoffentlich ist es nicht all zu schlimm. Versuch ihn über sein Handsprechgerät zu erreichen, IDUSA!“ Der Avatar des Stationsrechners vor Zirells geistigem Auge nickte und dann führte der Computer den Befehl der Kommandantin aus.

Zirell wendete sich wieder Shimar zu: „Du musst noch etwas warten, wie es aussieht. Maron scheint sich schon wieder bei irgendwas eine blutige Nase geholt zu haben.“ „Du meine Güte!“, rief Shimar aus. „Aber das sieht ihm ja ähnlich, wenn du mich fragst. Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt ein Disziplinarverfahren riskiere, weil ich mich abfällig über den Ersten Offizier der Basis äußere, auf der ich stationiert bin, aber er ist doch manchmal ein ganz schöner Tollpatsch!“ „Da riskierst du gar nichts!“, versicherte Zirell. „Ich bin die Kommandantin und ich hätte zu entscheiden, ob ich dich bestrafe oder nicht. Aber ich habe noch nie gehört, dass jemand bestraft wird, nur weil er oder sie die Wahrheit sagt. Es ist ja richtig und bezieht sich sowohl auf Marons Geist, als auch auf seinen Körper. Aber ich weiß auch, woher das kommt. Er setzt sich meiner Ansicht nach viel zu sehr unter Druck und das nur, weil er den Namen eines sehr berühmten Demetaners trägt.“ „Ich erinnere mich an meinen Geschichtsunterricht an der High-School.“, sagte Shimar, um ihren Vortrag abzukürzen. „Ich weiß auch, wer Präsident Maron war.“ „Dann kannst du dir ja wohl denken.“, sagte Zirell. „Dass diese Fußstapfen ein wenig zu groß für unseren armen Maron sind. Sein Vater allerdings soll ihm, soweit er mir einmal erzählt hat, immer zum Vorwurf gemacht haben, dass sein Sohn dort nicht hineinpasst.“ „Moment mal!“, sagte Shimar, dem gerade etwas aufgefallen war. „Sagtest du gerade, Marons Vater hätte immer von seinem Sohn und nie von Maron als Individuum gesprochen? Also in besitzanzeigender Form? Das bedeutet, dass er seine eigene Geltung in den Vordergrund stellt und Maron nur das erfüllen sollte, was ihm wohl selbst nicht vergönnt war. Das erklärt einiges. Ich glaube, ich sollte meine vielen Lästereien gegenüber Maron noch einmal überdenken.“ „Wow!“, staunte Zirell. „An dir scheint ja ein richtiger Sprachforscher und Psychologe verlorengegangen zu sein. Was für Talente hast du denn noch? Da muss ich ja aufpassen, dass die anderen Kommandanten nicht irgendwann versuchen, dich von hier abzuwerben! Ich glaube, die könnten langsam ganz schön neidisch auf mich werden, dass ich so einen Überflieger in meinen Reihen habe in jeder Beziehung.“ „Na, da hat der Überflieger aber auch noch ein Wörtchen mitzureden.“, tröstete Shimar. „Und der fühlt sich bei dir ganz wohl und möchte gar nicht weg.“ „Den Göttern sei Dank.“, sagte Zirell erleichtert und atmete auf. Dann sagte sie: „Sobald IDUSA Maron erreicht, wirst du von ihm weitere Instruktionen erhalten.“ „OK.“, sagte Shimar. „IDUSA hat Dirans Schiff im Traktorstrahl. Das wird uns schon nicht wegfliegen.“ „Ist gut.“, sagte Zirell und gab IDUSA den Gedankenbefehl, die Verbindung zu Shimar in die Warteschleife zu legen. Sobald sie Maron erreicht hatte, würde der Rechner ihn mit Shimar verbinden.

Jenna und Maron hatten die Krankenstation betreten. Der Demetaner, der die etwas wackelige Terranerin stützte, ließ seinen Blick sofort zwischen den Konsolen hindurchschweifen. Aber außer den Biobetten und den klinisch weißen Geräten sah er zunächst nichts. Dann aber wurde er von einer kleinen glockenhellen Stimme angesprochen: „Hi, Maron. Kann ich dir helfen?“

Erschrocken war Maron herumgefahren. Dabei war ihm Jenna fast aus den Armen geglitten. Er konnte die Urheberin der Stimme nicht sofort ausmachen. Dann aber drehte er sich um und erkannte jene kleine schwarzhaarige Tindaranerin, die als medizinische Assistentin unter Ishan arbeitete. „Oh hallo, Nidell.“, sagte er. „Ich habe dich zuerst gar nicht erkannt.“ „Das habe ich wohl bemerkt.“, grinste die junge Telepathin. „Du hast dich verhalten, als hättest du einen Geist gesehen. Aber was ist denn passiert?“ „Es geht um Jenna.“, sagte Maron. „Bitte hilf mir mal.“

Gemeinsam brachte man Jenna auf ein Biobett. Dann holte Nidell sofort ihren Erfasser aus der kleinen leichten oben sehr breiten aber nach unten immer spitzer zulaufenden köcherartigen Tasche, die sie immer um ihre Schultern trug, wenn sie im Dienst war. Darin war in kleinen praktischen Fächern ihre gesamte mobile Ausrüstung verstaut. „Warte kurz.“, sagte Maron und hielt ihre Hand vorsichtig, aber bestimmt fest. „Wo ist Ishan?“ „Ishan ist im Labor.“, sagte Nidell. „Warum ist das wichtig? Vertraust du mir etwa nicht?“ „Doch.“, beschwichtigte sie der Agent, der sich ob ihrer Frage jetzt doch etwas schämte. Er wusste genau, dass sie ihn ertappt hatte. „Ich habe nichts gegen dich.“, sagte der Demetaner und senkte den Kopf. „Es ist nur so. Jenna ist das genialste Wesen auf dieser Station und ich habe wahrscheinlich etwas getan, das sie in den Wahnsinn treiben könnte. Wenn ihr etwas geschehen ist bei meiner Aktion, dann könnte ich mir das nie verzeihen, weißt du? Deshalb möchte ich, dass Ishan sie sich ansieht. Du bist ja schließlich nur medizinische Assistentin.“ „Ich verstehe.“, sagte Nidell. „Bitte wartet hier kurz.“

Sie wandte sich zum Gehen. Jenna aber rief ihr noch hinterher: „Es ist alles nicht so schlimm, wie er es darstellt, Nidell! Ich denke nicht, dass mir etwas passiert ist!“ „Das muss unser Arzt beurteilen, McKnight!“, sagte Maron etwas energischer.

Im gleichen Moment kam Nidell mit Ishan zurück. „Was ist hier passiert?“, fragte der Androide mit dem aldanischen Bewusstsein wie immer sehr sachlich und nüchtern. „Jenna und ich haben etwas mit Grandemoughts Erinnerungen experimentiert.“, sagte Maron und schaute schuldbewusst. „Ich fürchte, das Experiment ist etwas außer Kontrolle geraten. Ich hoffe nicht, dass unsere geniale Ingenieurin jetzt meinetwegen dem Wahnsinn verfällt.“ „Ach, Ishan.“, sagte Jenna beruhigend. „Ich denke, er macht mal wieder aus einer Mücke einen Elefanten. So schlimm wird es schon nicht sein.“ „So schlimm wird es schon nicht sein, McKnight?!“, empörte sich Maron. „Wie können Sie das sagen?! Immerhin sind Sie ohnmächtig geworden!“ „Aber das kann genauso gut ein Schutz sein, Sir.“, sagte Jenna mit einem beruhigenden Lächeln auf den Lippen. „Ein Schutz, den Grandemought eingerichtet hat, wenn es für mich zu viel wird. Ein Schutz, der mich genau vor den Umständen schützen soll, vor denen Sie solche Angst haben. Ich vertraue Grandemought. Er wird sicher nichts getan haben, was mich gefährden könnte.“ „Aber er war bereits fast 5000 Jahre lang körperlos, als er Sie das erste Mal in Besitz nahm.“, argumentierte der Erste Offizier. „Was ist, wenn er gar nicht mehr weiß, was man da zu beachten hat?!“ „Oh das wusste er sehr genau, Sir.“, tröstete Jenna. „Ich bekomme immer mehr den Eindruck, Sie versuchen mit aller Gewalt eine Schuld bei sich festzustellen, die es überhaupt nicht gibt.“

Ishan stellte sich zwischen die Beiden. Es machte den Eindruck, als wollte er versuchen, die beiden Streitenden zu trennen. Dann sagte er: „Nun, ich werde abschließend beurteilen, ob und wie weit Jenna in Gefahr war und wie ihr Geisteszustand ist.“ Dann sah er sie von Kopf bis Fuß an. „Ich denke.“, sagte Maron. „Es dürfte effizienter sein, wenn du dir nur ihren Kopf ansiehst, Ishan.“ „Und ich denke, es dürfte effizienter sein, wenn jeder von uns die Arbeit tut, die er gelernt hat und wir uns nicht gegenseitig ins Handwerk pfuschen.“, sagte Ishan ruhig. Dass er da gerade einen psychologischen Trick angewendet hatte, war ihm durchaus bewusst und es war auch durchaus beabsichtigt gewesen. Er hatte Maron gerade auf charmante aber dennoch nachdrückliche Art der Krankenstation verwiesen. Dies bekräftigte er jetzt noch, indem er sagte: „Ich sage dir ja auch nicht, wie du einen Kriminalfall zu bearbeiten hast. Oder hast du das je schon einmal von mir erlebt?“ „Nein, Ishan.“, musste Maron zugeben. „Ich mache mir ja nur Sorgen um sie.“ Er deutete auf Jenna. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“, sagte Ishan. „Sie ist bei uns in den besten Händen.“

Er hatte seine Untersuchung Jennas abgeschlossen. „Ich muss Techniker McKnight Recht geben.“, sagte er. „Offenbar haben alle Schutzmechanismen sehr gut funktioniert. Ich rede von denen, die ihre Psyche bereits besitzt und auch von denen, die Grandemought ihr eingegeben hat. Beide scheinen sehr gut miteinander kompatibel zu sein. Das bedeutet, deine Angst war völlig unbegründet, Maron. Grandemought wusste genau, was er tat.“ „Dann will ich dir mal glauben, Ishan.“, sagte Maron und wandte sich endlich dem schon geraume Zeit in seiner Tasche piependen Sprechgerät zu. Den für andere bestimmt schon sehr nervigen Ton musste er eine ganze Weile ignoriert haben.

Der erste Offizier nahm das Gerät aus seiner Uniformtasche und betrachtete das Display. Er konnte einwandfrei das Rufzeichen des Stationsrechners erkennen. „Ah, IDUSA.“, sagte er. „Ich denke, dass niemand anderes die Geduld aufbringen würde, den Versuch des Rufens so lange aufrecht zu erhalten. Alle biologischen Wesen hätten das schon lange abgebrochen.“ Er hatte in einer weiteren Spalte im Display gut sehen können, wie lange IDUSA bereits versuchte, ihn zu erreichen. Warum er diese Funktion einmal aktiviert hatte, war ihm heute selbst nicht mehr wirklich klar.

Er drückte den Sendeknopf: „Was gibt es, IDUSA?“ „Ich habe eine Verbindung mit Shimar für Sie.“, sagte der Rechner. „Gib her!“, befahl Maron.

Im Display baute sich das Bild von Shimars Gesicht auf. „Hi, Shimar.“, begrüßte der demetanische Agent seinen Untergebenen. „Hi, Maron.“, gab Shimar zurück. „Ich habe hier ein vendarisches Schiff, das einen automatischen Notruf abgesetzt hat. IDUSA kann nur ein sehr schwaches Biozeichen von ihm ausmachen. Irgendwas muss da drüben passiert sein. Es ist Dirans Schiff und er liegt sicher sehr schwer verletzt an Bord. Ich würde mir die Situation gern ansehen und Diran helfen, wenn ich kann. Da ich nicht ausschließen kann, dass hier ein Verbrechen verübt wurde, möchte ich dich um eine überwachte Außenmission bitten.“ „OK.“, sagte Maron. „Aber das sollten wir erledigen, wenn ich wieder in der Kommandozentrale bin. Dort hat IDUSA eine viel bessere Möglichkeit, uns anzuzeigen, was du tust und siehst. Ich werde dem Stationsrechner sagen, sie soll unsere Verbindung dorthin zurückleiten.“ „In Ordnung.“, sagte Shimar. „Ich bleibe dran.“

Ishan war an den Agenten herangetreten. „Ich habe alles hören können.“, sagte er. „Du hattest dein Sprechgerät auf Lautsprecher geschaltet. Ich denke, dass ich mich ebenfalls in die Verbindung integrieren sollte. Shimar erwähnte, dass Diran ernsthaft krank ist. Vielleicht muss ich ihm Anweisungen zur Anwendung von Notfallprozeduren geben.“ „OK.“, sagte Maron. „Ach übrigens, was ist mit Jenna?“ „Ich habe sie als gesund entlassen.“, sagte Ishan. „Sie hatte Recht. Es ist alles viel harmloser, als es auf den ersten Blick scheint. Du hast ihr nichts getan mit deinem Experiment, was immer ihr auch vorgehabt habt.“ „Ich danke dir.“, sagte Maron und atmete auf.

Er nahm erneut sein Sprechgerät zur Hand, schaltete es auf internes Rufen um und gab das Rufzeichen des Stationsrechners ein. Dann sagte er: „IDUSA, ich gebe dir die Verbindung mit Shimar zurück. Leite sie auf meinen Arbeitsplatz in der Kommandozentrale um! Ich bin gleich dort!“ Dann ging er per Druck auf die 88-Taste aus der Leitung.

Ishan wendete sich ihm ein letztes Mal zu: „Benötigst du meine Hilfe noch, Maron?“ „Im Augenblick nicht.“, sagte der Agent. „Ich werde dann gehen.“ „Und ich werde mich auf die Verbindung vorbereiten.“, sagte Ishan und setzte sich vor eine Konsole. Dann zog er sein Haftmodul aus der Brusttasche seiner Uniform und schloss sich damit an das Arbeitsgerät an. Maron hatte diesem Vorgang noch kurz zugesehen, bevor er die Krankenstation in Richtung des nächsten Turbolifts verließ.

Kapitel 19: Unbequeme Nachforschungen

von Visitor

 

Shimars Schiff und er selbst hatten auf Marons Antwort gewartet. Mit dem eigenen Antrieb als Kontergewicht hatte IDUSA dafür gesorgt, dass Dirans Schiff seine Position hielt. Mehr hatten die Beiden aber nicht getan. Auch Dirans Biowerte waren durch IDUSA beobachtet worden. Jetzt meldete sie an ihren Piloten: „Die Sauerstoffsättigung in Dirans Blut nimmt immer weiter ab, Shimar. Ich denke nicht, dass er noch in der Lage ist, selbstständig zu atmen.“ „Das scheint mir auch so.“, erwiderte der junge Tindaraner, der die Werte jetzt auch auf dem Bildschirm ablesen konnte, den IDUSA ihm vor seinem geistigen Auge über den Neurokoppler zeigte.

Shimar hatte eine Weile überlegt. Dann sagte er: „Es wäre wohl wirklich besser, wenn wir Ishan mit in die Verbindung integrieren würden. Maron hat das ja auch schon vorgeschlagen.“ „Ich erinnere mich.“, antwortete IDUSA. „Sie dürfen nicht vergessen, dass all’ unsere Gespräche über meine Systeme laufen und ich deshalb sehr gut über deren Inhalt informiert bin.“ „Das habe ich nicht vergessen, IDUSA.“, sagte Shimar. „Ich denke, sobald Maron an seinem Platz ist, wird er die Überwachte Verbindung haben wollen.“

Er fasste in seine Brusttasche und holte sein Handsprechgerät daraus hervor. Dann überprüfte er dessen Funktion. „Leg die Verbindung am besten gleich auf mein Handsprechgerät um!“, befahl er in IDUSAs Richtung. „Sicher, Shimar.“, sagte das Schiff und ihr Avatar lächelte Shimar gewinnend zu. „Wie sollten Sie denn wohl sonst für Agent Maron und Ishan erreichbar bleiben, wenn Sie dort drüben sind? Aber Sie sollten noch etwas anderes mitnehmen, wenn ich so an Dirans Gesundheitszustand denke.“ Sie war verstummt.

Shimar schaute sich im Cockpit um, denn er konnte ihr Verhalten im ersten Moment kaum einordnen. Sie, die sonst immer so präzise war mit Informationen, hielt offensichtlich mit etwas hinter dem Berg. Aber offensichtlich fand sie wohl, dass er schlau genug wäre, selbst herauszufinden, was sie meinte.

Der Blick des jungen Piloten streifte tatsächlich irgendwann das Auswurffach des Replikators, das IDUSA ihm aber auch durch ein nervöses Blinklicht deutlich sichtbar gemacht hatte. Hier fand er eine mobile Lebenserhaltung, die er genau untersuchte. Zuerst fiel ihm auf, dass die Maske wohl auf die Größe eines vendarischen Gesichtes zugeschnitten sein musste. Auch diverse Voreinstellungen am Steuergerät zeigten ihm, dass die Lebenserhaltung wohl für Diran bestimmt sein musste. Nicht zuletzt wurde ihm dies auch durch die Beschaffenheit und Größe der Elektroden für die Herzüberwachung und –Stimulation bestätigt. Außerdem gab es dort noch eine Tasche, in die Shimar den silbrig glänzenden Kasten und die vielen Leitungen packte. Erst kürzlich hatte er bei Ishan einen Erste-Hilfe-Kurs belegt und hier sehr gut abgeschnitten. Eine der Aufgaben, die er mit Präzision, wie der androide Arzt festgestellt hatte, gelöst hatte, war es gewesen, so ein Gerät in kürzester Zeit zusammenzustecken und es dem Patienten korrekt anzulegen. Hierin hatte Shimar alle anderen unterboten. Zumindest alle, die ansonsten mit Medizin nicht viel am Hut hatten. Nidell, die dies ja schon von Berufswegen können musste, war nicht beteiligt gewesen und hatte von ihrem Vorgesetzten sogar den Auftrag bekommen, zu helfen, wo eventuell Hilfe notwendig war, damit sich auf keinen Fall irgendwelche Fehler einschlichen. Dies wollte der gewissenhafte Mediziner nämlich auf jeden Fall verhindern!

Shimar schulterte die Tasche auf der rechten Seite und nahm eine weitere auf die linke Schulter. In dieser war seine eigene mobile Ausrüstung inklusive seines auf vendarische Biozeichen eingestellten Erfassers verborgen. „Ich werde dann gehen, sobald wir das OK haben, IDUSA.“, sagte er zu seinem Schiff. „In Ordnung, Shimar.“, sagte der Avatar. „Ich werde schon einmal eine Transportererfassung vornehmen.“ „Tu das!“, sagte Shimar.

Maron war in der Kommandozentrale eingetroffen. Hier traf er auf Zirell, die ihn wohl schon erwartet hatte. Jedenfalls vermittelte ihr Gesicht gerade diesen Eindruck.

Der erste Offizier setzte sich an seinen Platz und versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Dabei hatte er die breit grinsende Zirell die gesamte Zeit über neben sich sitzen. Er wusste nicht, wie lange er dies noch aufrechterhalten konnte, zumal er genau wusste, dass sie Telepathin war. Ein versehentlicher Gedanke zur falschen Zeit konnte da schon ganz schön was anrichten.

Zirell drehte sich mit freundlichem Gesicht dem leicht nervös wirkenden Maron zu. „Na?“, fragte sie und schaute unschuldig. „Was ist passiert? Warum musstest du auf die Krankenstation? Wo hast du dir schon wieder eine blutige Nase geholt?“ „Oh, ich war nicht allein auf der Krankenstation, Zirell.“, sagte Maron. „Ich war dort mit McKnight, beziehungsweise Jenna. Bitte verzeih mir. Du weißt ja, dass ich dazu neige, alle Terraner in meiner Umgebung zu siezen, auch wenn sie mit mir für das tindaranische Militär arbeiten wie ihr auch und ich mir das Du eigentlich längst auf die Fahnen geschrieben haben sollte. Bei euch klappt es ja auch. Ich verstehe selbst nicht, warum ich das tue. Wahrscheinlich nur, weil McKnight und O’Riley Terranerinnen sind und man bei der Sternenflotte eben alle Terraner siezt.“ „Oh, ihr siezt doch jeden.“, stellte Zirell fest. „Das stimmt.“, sagte Maron. „Also kannst du mir ja zugute halten, dass es wohl die Macht der Gewohnheit ist, die mich dazu gebracht hat.“

Der Demetaner war sehr froh über den Umstand, dass sie ihn auf ein unverfängliches Thema gelenkt hatte. So konnte er das für ihn wohl etwas peinliche Gespräch über die wahren Gründe für den Aufenthalt auf der Krankenstation noch eine Weile herauszögern. Ihm war klar, lange würde ihm das nicht mehr gelingen, aber er hoffte auf eine günstige Gelegenheit und vor allem hoffte er darauf, dass er sich dann nicht missverständlich ausdrücken würde. Aber, das kennt ja wohl jeder, wenn man etwas besonders perfekt hinbekommen will, geht es meistens erst recht und ohne Umschweife direkt in die Hose! Genau das blühte jetzt dem armen Demetaner, der auf Zirells fragenden Blick und ihre Frage: „Warum warst du denn mit Jenna auf der Krankenstation?“, nur erwiderte: „Wir haben etwas Bestimmtes miteinander versucht und ich war dabei wohl etwas forsch und habe sie aus Versehen in Ohnmacht versetzt. Ich war wohl eine sehr unglückliche Mischung aus zu forsch und zu ungeschickt, weil ich wohl zu sehr wollte, dass unser Tun fruchtbar war.“ „Ach so.“, sagte Zirell und drehte sich fort, damit er ihr Gesicht nicht sehen konnte, Sie kämpfte nämlich gerade mit einem riesigen Lachanfall ob seiner doch wohl in ihren Augen etwas sehr missverständlichen und etwas zweideutigen Ausdrucksweise. Dann sagte sie: „OK, Maron. Du wolltest also, dass euer Tun fruchtbar war! Interessant! Tja, ich frage mich nur, was wohl Joran dazu sagt und was er mit dir machen würde, wenn er es herausbekäme. Ich bin sicher, er würde kein heiles Haar an dir lassen!“ Bei ihrem letzten Satz grinste sie zuerst leicht, prustete dann leicht und dann platzte es aus ihr heraus. Maron sah sie zuerst fragend und dann verschämt an. „Darf ich fragen, warum du so lachen musst, Zirell?“, fragte er schließlich. „Ja, das darfst du.“, sagte die tindaranische Kommandantin. „Du hast von Fruchtbarkeit gesprochen. Das ist etwas, das eindeutig zweideutige Gedanken auslösen kann, findest du nicht?!“ Sie lachte erneut laut auf. „Habe ich wirklich von Fruchtbarkeit gesprochen?“, fragte Maron irritiert. „Ja, das hast du.“, sagte Zirell. Dann befahl sie in Richtung des Rechners: „IDUSA, beweise es ihm!“

Der Rechner spielte Maron den bewussten Satz noch einmal vor. „Mutter Schicksal, nein!“, rief der erste Offizier verschämt und peinlich berührt aus. „Ich meinte aber eigentlich doch nur, dass unsere Aktion Früchte tragen sollte und bestimmt nicht das, was du jetzt denkst! Auch er begann über den eigenen sprachlichen Fauxpas zu lachen. „Hey!“, sagte Zirell scherzend und grinste. „Ich bin die Telepathin in diesem Raum!“ Dann grinste sie noch einmal besonders freundlich speziell in seine Richtung.

IDUSA zeigte sich beiden über den Neurokoppler. „Es liegt mir fern, Ihre kleine Unterhaltung zu stören, aber ich habe seit 30 Minuten eine Verbindung in der Warteschleife, von der unter anderem auch das Überleben eines Patienten abhängen könnte, Agent Maron!“ „Oh ja.“, stellte Maron fest und erinnerte sich an Shimars Bitte. „Gib her!“ Der Avatar nickte und IDUSA führte den Befehl aus.

Erleichtert hatte Shimar zur Kenntnis genommen, dass sich Maron endlich bei ihm meldete. Aber er sah nicht nur das Bild des Demetaners, sondern auch das von Ishan. Das Bild des Androiden war allerdings nur im Hintergrund zu sehen.

„Da seid ihr zwei ja endlich.“, scherzte Shimar. „Was hat da eigentlich so lange gedauert? Habt ihr noch gemütlich eine Tasse Kaffee getrunken und euch dabei über den neuesten Stationsklatsch ausgetauscht?“ „Ich fürchte, dir könnte das Scherzen bald vergehen.“, sagte Maron. „Du könntest nämlich gar nicht so unrecht haben mit der Sache, die dein Schiff und du schon vermuten und wegen der du meine Überwachung angefordert hast. Nach allem, was wir wissen, könnte Diran tatsächlich einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein, oder gar eine Verzweiflungstat begangen haben. Wenn es stimmt, dass er unter dem Bann steht und sich Tolea tatsächlich falsch ausgedrückt hat, könnte es tatsächlich sein, dass er gegen seinen eigenen Willen und sein eigenes Gewissen zum Verräter an ihr geworden ist. Diese Tatsache könnte ihn sehr erschrecken. Joran und du, ihr seid beste Kumpel, soweit ich weiß. Er wird dir bestimmt einiges über seine Kultur beigebracht haben.“ „Das hat er.“, bestätigte Shimar. „Und ich weiß, dass du wahrscheinlich gar nicht so falsch liegst, Maron. Laut Joran hat ein Vendar, der zum Verräter an seinem Herrn wird, vor den anderen das Gesicht verloren und muss sich selbst richten. Hoffen wir mal, dass ich Diran noch lebend vorfinde.“ „Das hoffe ich auch.“, sagte der Demetaner.

Ishan schaltete sich ins Gespräch ein. „Laut den Daten, die ich von IDUSA bekomme, ist sein Zustand zwar kritisch, aber wenn du dich beeilst, könnte er noch zu retten sein.“ „Dann sollte ich machen, dass ich da rüberkomme.“, sagte Shimar und zeigte zum Fenster, hinter dem Dirans Schiff lag.

Er zog den Stecker des Neurokopplers aus der Buchse an der Konsole, vor der er vorher noch gesessen und an der er ihn gerade noch benutzt hatte und stand auf. Dann steckte er ihn in eine Buchse an seinem Sprechgerät, was dieses sofort veranlasste, seine Reaktionstabelle zu laden. Dann schloss er seinen Erfasser ebenfalls daran an. „OK.“, sagte er. „Ich wäre dann so weit.“

Etwas zwang ihn plötzlich, sich noch einmal umzudrehen. Aus dem Augenwinkel hatte er ein kleines Blinklicht wahrgenommen. Dann sprach IDUSA ihn über den Bordlautsprecher an: „Sie haben noch etwas vergessen, Shimar. Bitte schauen Sie noch einmal in das Auswurffach des Replikators.“ Shimar drehte sich dem Fach zu, um ihrer Bitte Folge zu leisten. Hier fand er eine durchsichtige Packung mit weißen medizinischen Handschuhen vor. Außerdem noch einen kleinen Behälter, wie er ihm zum Nehmen von Proben bekannt war. „Alles klar.“, sagte er und steckte die Dinge in die Taschen seiner Uniform. Dann fragte er in Richtung des nächsten Mikrofons: „Gibt es sonst noch etwas, das ich vergessen haben könnte, IDUSA?“ „Ich möchte Sie nur noch darauf hinweisen.“, sagte das Schiff. „Dass die Energieversorgung von Dirans Schiff auf Sparflamme läuft. Die Beleuchtung funktioniert nur mit halber Leistung. Sie sollten Ihren Augen genug Zeit geben, sich an diese Umstände zu gewöhnen.“ „Danke, IDUSA.“, sagte Shimar. „Wenn ich dich nicht hätte. Aber nun beam mich am besten schnell rüber, bevor es für Diran wirklich zu spät ist.“ „Wie Sie wünschen.“, erwiderte das Schiff und führte aus, was ihr Shimar soeben befohlen hatte.

Der junge Tindaraner fand sich wenige Sekunden später an Bord von Dirans Schiff wieder. IDUSA hatte ihn absichtlich gleich in den hinteren Teil des Schiffes gebeamt. Dort hatte sie nämlich auch das immer schwächer werdende Lebenszeichen Dirans ausgemacht.

Tatsächlich hatte Shimar bemerkt, dass er die Warnung seines Schiffes ernst nehmen musste. Es war recht dunkel hier und seine Augen hatten zunächst starke Schwierigkeiten mit dem wenigen Licht. Diran musste die Systeme des Schiffes auf halbe Leistung geschaltet haben, oder der Mishar hatte das selbstständig getan. Es war ja immer noch nicht ganz klar, wie lange Diran schon unterwegs war.

Shimar schloss seine Augen und atmete einige Male ruhig und tief durch. Dann öffnete er sie ganz langsam wieder. Das war ein Trick, den man jedem Kadetten auf der tindaranischen Militärakademie beibrachte, um die Pupillen dazu zu bringen, sich schneller den veränderten Bedingungen anzupassen.

„OK.“, sagte Shimar zufrieden, nachdem er gemerkt hatte, dass es offensichtlich funktioniert hatte. Er konnte tatsächlich besser sehen, was in seiner Umgebung geschah, also holte er die Packung mit den Handschuhen hervor und zog sie an. Wenn er jetzt etwas berührte, das ahnte er, durfte es nicht durch seine DNS verunreinigt werden. „Dann werde ich mal … Heilige Scheiße!!!“

Er war fast über Dirans Körper gestolpert, der jetzt reglos vor ihm lag. Er musste vom Sitz gerollt sein, als IDUSA das Veshel in den Traktorstrahl genommen hatte.

Seinen Fluch hatte man auf Zirells Basis durchaus mitbekommen. Zirell, die Shimar so etwas wohl nicht zugetraut hätte, gab nur ein erschrockenes: „Na, na!“, von sich. „Du hättest nicht gedacht, dass dein Lieblingsflieger so fluchen kann, was?!“, fragte Maron grinsend. Zirell nickte ihrem Ersten Offizier nur bestätigend zu. „Das hätte ich wirklich nicht gedacht. Ich dachte, da Shimar immer so vernünftig ist, könnte er das gar nicht.“ „Du darfst nicht vergessen.“, sagte Maron. „Dass er sich wahrscheinlich gerade sehr erschrocken hat. Ich werde ihn gleich einmal fragen, worum es da eigentlich ging.“

Er wandte sich wieder der Sprechverbindung zu: „Shimar, was ist passiert? Was siehst du da?“ „Es tut mir leid, Maron.“, sagte der immer noch sichtlich mitgenommene junge Flieger. „Ich habe bloß noch nie einen halb toten Vendar gesehen!“ „Ob er halbtot ist.“, sagte Ishan, der ja auch in die Verbindung integriert war und somit alles mitbekommen konnte. „Werde ich abschließend beurteilen, Shimar. Bitte scanne ihn mit deinem Erfasser, damit ich zuverlässige Daten erhalten kann.“ „Sicher, Ishan.“, sagte Shimar und beugte sich mit dem Erfasser in der rechten Hand über den Körper des Vendar. „Ich sehe.“, sagte Ishan. „Du hast deinen Erfasser bereits an dein Sprechgerät angeschlossen. Sehr vorbildlich.“ „Danke, Ishan.“, sagte Shimar. „Aber das hier ist ja auch nicht meine erste überwachte Außenmission. Außerdem habe ich einigermaßen aufgepasst, wenn es im Unterricht auf der Akademie um die Vorbereitung von so etwas ging.“ „Du hast nicht nur gut aufgepasst.“, sagte der Androide. „Du hast vorbildlich aufgepasst. Aber nun zu Diran. Er liegt im Koma. Ein Mensch hätte schon längst große Hirnschäden davongetragen, aber ein Vendar ist recht zäh. Wenn du jetzt aber nichts tust, dann könnte dieses Schicksal auch ihm blühen.“ „Ich verstehe schon.“, sagte Shimar und ließ die Tasche mit der mobilen Überlebenseinheit lässig von seiner Schulter gleiten. Dann öffnete er sie und legte Diran die Maske auf das Gesicht. Dabei fiel ihm sofort die merkwürdige Mischung aus Rosenduft und Bittermandel auf, die sein Mund verströmte. „Ich glaube, unser Freund hat sich vergiftet, Ishan.“, sagte Shimar. „Ich glaube jedenfalls nicht, dass der Geschmack bittere Rose eine neue vendarische Zahnpaste ist.“ „Sehr gut!“, lobte Ishan. „Das bestätigen nämlich auch deine Erfasserdaten. Er wird das Gift der Neshar-Rose zu sich genommen haben. Aber auch für Tindaraner ist das nicht ungefährlich. Deine Schleimhäute sollten damit nicht in Berührung kommen.“ „Also keine Mund-Zu-Mund-Beatmung.“, schloss Shimar. „Korrekt.“, sagte Ishan. „Lass das Gerät das erledigen.“ „Genau das hatte ich auch vor.“, sagte Shimar. „Ich bin schließlich nicht lebensmüde.“

Er setzte das Anschließen der Überlebenseinheit fort, indem er einige Haare auf Dirans Brust beiseiteschob, um die Platten mit den Elektroden, von denen er vorher die Schutzfolie abgezogen hatte, auf seiner Haut zu befestigen. Dabei hatte er genau das Steuergerät der Einheit im Auge, auf dessen Display er bald in Tindaranisch über den korrekten Sitz aller Teile informiert wurde. Dann fragte das Gerät, ob es jetzt aktiviert werden sollte, was Shimar mit einem Fingertipp auf das Symbol für ja beantwortete. Dann saugte es surrend die Maske an Dirans Gesicht fest und nahm auch alle anderen Tätigkeiten zur Unterstützung seiner Lebensfunktionen auf.

„OK.“, atmete Shimar auf. „Diran ist versorgt. Ich werde mir jetzt erst einmal den Rest des Schiffes ansehen.“ „Tu das.“, sagte Maron.

Shimar stand aus der immer noch leicht gebückten Haltung, die er eingenommen hatte, um das Display besser sehen zu können, wieder auf und drehte sich um, damit er seinen Weg ins Cockpit fortsetzen konnte. Allerdings musste er kurz innehalten, denn ein etwas unscheinbarer Schatten hatte ihn gezwungen, seinen Blick noch einmal Richtung Fußboden zu wenden. Da er sein Sprechgerät so an seiner Uniform befestigt hatte, dass die Kamera immer genau das zeigen würde, was er auch sah, bemerkten auch Zirell, Maron und Ishan diesen Umstand.

„Was hast du da?“, wollte der Demetaner wissen. „Ich weiß es noch nicht.“, sagte Shimar und beugte sich zu dem Schatten hinunter. Jetzt erkannte er die Überreste des kleinen weißen Glasröhrchens, aus dem Diran das Gift getrunken haben musste, wie er vermutete. Es lag genau neben dem Sitz, als sei es dort heruntergerollt.

Shimar sah es sich so genau an wie er konnte. Da er auch den Neurokoppler aufgesetzt hatte, war es ihm auch so möglich, seine direkten visuellen Eindrücke an seine Zuschauer auf der Basis zu übertragen.

„Es sieht aus, als wäre ihm das Röhrchen aus der Hand geglitten.“, stellte Maron fest, nachdem er sich alle Bilder angesehen hatte. „Mach bitte einen Scann mit deinem Erfasser. Ich möchte wissen, wie die Trümmer des Röhrchens genau liegen. Daraus lässt sich sicher schließen, wie der Winkel war, als Diran es gehalten hat und ob es ihm wirklich aus der Hand geglitten ist, als er ins Koma fiel.“ „Denkst du an Fremdverschulden, Maron?“, fragte der junge Pilot den im Vergleich zu ihm schon langgedienten Kriminalisten. „Im Moment möchte ich noch nichts ausschließen, Shimar.“, antwortete dieser. „Wir haben hier ja nur einen vergifteten Diran. Zumindest bis jetzt. Wir wissen aber noch nicht genau, wie es dazu gekommen ist. Diran ist einer von Sytanias erklärten Feinden, weil er Tolea dient, die es durchaus mit der Königstochter aufnehmen könnte. Speziell gerade auch dann, wenn sie auch noch von ihrem Bruder Kairon unterstützt würde. Das weiß Sytania und sie würde sicher jede Gelegenheit nutzen, um Tolea eins auszuwischen. Dafür würde sie sicher auch einen Vendar wie Diran über die Klinge springen lassen. Du darfst nicht vergessen, welchen Stellenwert die Vendar in ihrer Denkweise lediglich haben.“ „Oh, Maron.“, stöhnte Shimar. „Ich glaube, da gibt es eine Menge, die ich nicht vergessen darf und die ich auch nicht vergesse. Es tut mir leid, dass ich dir das so vor den Kopf knallen muss, aber du behandelst mich gerade wie einen Anfänger, der absolut nichts weiß von der Welt! Ich weiß! Eigentlich habe ich bestimmt nicht das Recht, so mit dir zu reden, denn ich bin nur ein einfacher Patrouillenflieger und du bist Zirells Erster Offizier, also mein Vorgesetzter! Aber, bei allem Respekt, ich bin nicht von gestern! Im Umgang mit Sytania kann man mir nichts vormachen! Da kannst du dir sicher sein! Ich werde bestimmt kein Detail außer Acht lassen. Ich will nämlich genauso wenig wie du, dass Prinzessin boshaft mit ihrer Masche durchkommt! Darauf kannst du gepflegt einen lassen, wenn du kannst! Ich mag zwar jünger sein als du, aber ich bin kein Naivchen am Leben vorbei, klar?!“

Blass war der arme Maron in seinem Stuhl zusammengesunken. Shimars Standpauke hatte ihn doch sehr getroffen. Auch hatte er zugeben müssen, ihn tatsächlich wie einen Anfänger behandelt zu haben. Aber das war ihm nicht nur bei Shimar passiert. Die Floskel: „Du darfst nicht vergessen, dass …“, hatte er in letzter Zeit schon öfter angewandt und zwar auch gegenüber Personen, die das, was sie nicht vergessen durften, eigentlich auf keinen Fall vergessen würden.

„Da hat er dich aber ganz schön auf einen kleinen Fehler aufmerksam gemacht.“ Die weibliche Stimme, die ihm dies zugeflüstert hatte, war von Maron zunächst nicht wirklich erkannt worden, obwohl ihre Eigentümerin die gesamte Zeit über mit ihm zusammengearbeitet hatte. Er drehte sich langsam in die Richtung, aus der er die Stimme wahrgenommen hatte. Dann erkannte er Zirell. Überrascht sah er sie an. „Na jetzt glaube ich es aber.“, sagte die ältere Tindaranerin. „Du sitzt die gesamte Zeit über neben mir und kaum spreche ich dich an, da tust du, als wäre ich die gesamte Zeit über unsichtbar gewesen. Das könnte ich zwar auch werden, aber ich hatte das bis gerade eben nicht getan, also frage ich mich, was gerade mit dir los ist, Maron.“ „Es war nur Shimars Vortrag, Zirell.“, sagte Maron. „Der hat mich etwas überrascht. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass er solche Geschütze auffahren würde. Ich dachte immer, er sei eher der Typ braver Soldat, der seinen Vorgesetzten gegenüber nicht so auftritt.“ „Das hängt wohl ganz davon ab, wie man einen braven Soldaten definiert.“, sagte Zirell. Ich weiß ja nicht, wie die Sternenflotte das intern handhabt, aber für mich und auch für den Rest der Kommandanten beim tindaranischen Militär gehört es auch dazu, aufrecht und ehrlich zu sein und auch mal den Mut zu haben, aufzustehen und seine Meinung zu sagen, wenn ein Vorgesetzter mal einen Fehler macht. So ein Fehler kann nämlich unter Umständen die gesamte Mission gefährden und dann gelingt sie am Ende vielleicht nicht. Warum soll nicht jemand einen Fehler verhindern, wenn er ihn sieht und wenn derjenige auch nur ein kleiner Patrouillenflieger ist.“ „Verstehe.“, sagte Maron. „Ihr seid also eher an der Sache, als an der Kommandokette orientiert, wenn es um so etwas geht. Mir ist gerade nicht geläufig, wie die Statuten der Sternenflotte diesbezüglich eigentlich gerade sind, aber ich weiß sehr wohl, dass es in der Vergangenheit disziplinarische Maßnahmen hagelte, wenn ein Fähnrich einen Captain kritisierte.“ „Ach, sieh an.“, sagte Zirell mit sehr spöttischem Unterton. „Auch wenn der Captain offenkundig einen Fehler gemacht hatte?!“ Sie betonte den Fehler noch besonders stark. Maron nickte. „Faszinierend!“, spottete Zirell. „Da wundert es mich doch wirklich, dass ihr so weit gekommen seid und mich wundert, dass es die Vulkanier, die das doch eigentlich kritisieren müssten bis zum geht nicht mehr, es dann doch so lange mit dem Rest ausgehalten haben. Aber die haben ja auf der anderen Seite auch eine Engelsgeduld.“ „Du scheinst ja auch der Meinung zu sein, dass Shimar Recht hat.“, schloss Maron aus ihren Äußerungen. „Natürlich bin ich dieser Meinung.“, sagte Zirell. „Weil es richtig ist. Du legst im Augenblick nämlich ein ziemlich gluckenhaftes Verhalten an den Tag, Maron. Du verhältst dich, als wärst du der große Geheimdienstler und wir wären alle arme kleine Kadetten, die von nichts eine Ahnung hätten. Pass mal bloß auf, dass du dieses Verhalten gegenüber Joran niemals zeigst. Der könnte dir nämlich noch viel mehr über Sytania erzählen, als du selbst weißt. Schließlich hat er ihr 90 Jahre lang gedient.“

Rumms! Das hatte gesessen! Gerade jetzt war Maron klar geworden, dass sie Recht gehabt hatte. Er hatte ja tatsächlich sehr oft vorausgesetzt, dass sie wohl nicht so genau gewusst hatten, dass dies oder jenes passiert, wenn sie den einen oder anderen Fakt über Sytania vergessen würden. Aber er wusste auch ganz genau, dass auch die anderen ihren Feind kannten und dass er nicht der Einzige mit derartigen Kenntnissen war.

„Es tut mir leid, Zirell.“, sagte Maron, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte. „Ich denke, das hat wohl etwas mit meinem Minderwertigkeitskomplex zu tun. Ich wollte wohl unbedingt mal zeigen, was ich alles weiß und habe dabei total außer Acht gelassen, dass ich damit ja nicht der Einzige bin.“ „Ist schon gut, Maron.“, sagte die Tindaranerin und lächelte ihn mild und verständig an. „Ich kann dich ja irgendwo verstehen. Du hast ja nicht gerade den Ruf, einer der Besten zu sein und dann wolltest du eben auch mal zeigen, was du kannst. Nur hättest du es dann nicht gleich so übertreiben müssen.“ „Das war nicht meine Absicht, Zirell.“, sagte Maron. „Das weiß ich.“, sagte die Kommandantin freundlich. „Sagen wir, du hast dich einfach hinreißen lassen und belassen wir es dabei. Wir haben sowieso keine Zeit, endlos lange darüber zu diskutieren, wie mir scheint.“ Sie musste etwas auf dem virtuellen Display vor ihrem geistigen Auge gesehen haben.

Marons Aufmerksamkeit ging jetzt ebenfalls wieder von ihr zu dem, was IDUSA ihnen gerade zeigte. Sie sahen, dass Shimar immer noch vor den Resten des Röhrchens stand. Er hatte seinen Erfasser in der rechten Hand und war dabei, die Lage der Trümmer zu fotografieren. Außerdem hatte er dem Gerät befohlen, eine genaue chemische Analyse der Scherben vorzunehmen. Diese hatte sein Schiff dann sofort an Ishans Adresse geschickt. „Das war sehr gut, Shimar.“, sagte der Arzt nüchtern. „Auf diese Weise kann ich Hochrechnungen anstellen und die Menge des Giftes ermitteln, die unser Freund Diran zu sich genommen hat. Es ist übrigens korrekt. Es war wirklich das Gift der Neshar-Rose. Das sind Fakten, mit denen ich arbeiten kann.“ „Gern geschehen, Ishan.“, lächelte Shimar. „Dann wendete er sich Maron zu: „Gibt es noch etwas, was du wissen willst, Maron, oder kann ich weitergehen?“ „Es wäre sehr gut.“, sagte der Agent. „Wenn du die Trümmer einsammeln und uns bringen könntest.“ „Alles klar.“, sagte Shimar und holte den Behälter aus der Tasche, den IDUSA ihm repliziert hatte. Dann stellte er ihn vor sich auf den Boden, um dann sein Sprechgerät zu nehmen und IDUSA zu befehlen: „Beam die Scherben in den Behälter, IDUSA!“ Folgsam tat das Schiff, was er von ihr verlangt hatte.

Shimar nahm den Behälter auf und steckte ihn wieder ein. Dann machte er sich auf den Weg ins Cockpit. Kaum war er aber dort angekommen, da bemerkte er, dass sich auf dem Display an der Steuerkonsole etwas tat. „Maron, hier verändert sich gerade etwas.“, sagte er und stellte sich so hin, dass die Kamera seines Sprechgerätes die Bilder gut einfangen konnte. „Meine Kenntnisse der vendarischen Schrift reichen wohl nicht ganz aus.“, gab er zu. „Hier stoße ich wohl an meine Grenzen. Aber ich sehe, dass ein Symbol blinkt und sich der Cursor darauf gestellt hat. Moment, es sieht aus, als würde gleich eine Nachricht geöffnet.“ „Wir haben keine Datenverbindung mit Dirans Schiff.“, sagte Maron. „Geh bitte so nah ran, dass dein Sprechgerät alles aufnehmen kann.“ „Das hätte ich sowieso gemacht.“, entgegnete Shimar und ging schnellen Schrittes zu der immer noch nervös leuchtenden Steuerkonsole. Dann beugte er sich über sie, so dass Mikrofon und Kamera seines Sprechgerätes in einem günstigen Winkel zu ihr lagen. Im gleichen Moment begann der Mishar mit dem Abspielen der Nachricht: „Meine Freunde! Wenn einer von euch diese Nachricht findet, weile ich vielleicht nicht mehr unter den Lebenden, oder ich liege im Koma. Ich habe mich selbst gerichtet, denn es darf nicht sein, dass ich Sytania weitere Informationen gebe. Offenbar hat mich meine Herrin versehentlich unter die falsche Art von Bann gestellt. Ich bin mir dessen natürlich nicht bewusst und kann es nur anhand der Geschehnisse vermuten, denn ich habe aus Versehen einem von Sytanias Vendar eine wichtige Information übergeben. Was genau geschehen ist, werdet ihr in den Aufzeichnungen meines Rechners finden. Es dauert zu lange, euch das zu erklären. Ich habe das Gift der Neshar-Rose zu mir genommen, das bereits seine Wirkung entfaltet. Ich habe nicht mehr viel Zeit!“

Fassungslos hatten Zirell, Maron und Ishan die Nachricht zur Kenntnis genommen. „Das ist ja unfassbar!“, urteilte die tindaranische Kommandantin. „Der arme Diran! Wir müssen dringend mehr über die Ausgangssituation erfahren und Tolea muss den Bann über ihn dringend wieder aufheben! Ich werde alles dafür Notwendige tun! Shimar soll sie finden und dann hierher zerren, wenn es sein muss.“ „Wir sollten Shimar aber auch zuerst von der Verantwortung für Diran befreien.“, mischte sich Ishan ins Gespräch. „Der würde nämlich den Flug dorthin nicht überstehen, wie seine medizinischen Daten zeigen.“ „Also gut.“, sagte Zirell.

Sie nahm das Gespräch mit Shimar wieder auf: „Shimar, hör zu! Ich schicke dir Joran, damit er Diran und sein Schiff von dir übernehmen und hierher bringen kann. Du wirst mit deiner IDUSA-Einheit ins Raum-Zeit-Kontinuum fliegen und nach Tolea suchen! Wenn du sie oder Kairon gefunden hast, erzählst du ihnen von dieser Sache und versuchst alles, um sie dazu zu bringen, den verdammten Bann über Diran wieder aufzuheben! Du hast freie Hand zu tun, was immer dafür notwendig sein wird! Wir werden Diran und sein Schiff hier weiter untersuchen und sehen, was wir noch lernen und tun können. Fakt ist aber offensichtlich, dass Sianach Recht hatte! Wie konnte Tolea nur so etwas tun?! Wie konnte sie nur so etwas tun?! Nein! Das hätte ich ihr wirklich nicht zugetraut! Also, Shimar, du wartest auf Joran! Ich werde ihn losschicken, sobald ich ihn erreicht habe. Er wird zwar nicht sehr erfreut darüber sein, dass ich seinen wohl verdienten Schlaf unterbrechen muss, aber das hier ist schließlich ein Notfall! Geh an Bord deines Schiffes zurück und warte dort!“ „Na, OK, Zirell.“, sagte Shimar. „Gibt es sonst noch Fragen?“

Zirell sah Maron an, der nur mit dem Kopf schüttelte. Dann sagte sie: „Du siehst, von unserer Seite ist alles OK, Shimar. Die überwachte Außenmission ist hiermit also beendet. Um den Rest kümmern wir uns, zumindest um alles, was Diran und sein Schiff angeht. Wie gesagt: Du wartest auf Joran und fliegst dann los, sobald du Diran und sein Schiff übergeben hast.“ „Verstanden.“, sagte Shimar und beendete die Verbindung, allerdings nur, um gleich darauf erneut das Rufzeichen seines Schiffes in sein Sprechgerät zu tippen und ihr den Befehl zu erteilen, ihn wieder an Bord zu beamen.

Maron hatte nervös am obersten Knopf seiner Uniformjacke gedreht. Dies hatte er so lange praktiziert, bis dieser abgefallen war und mit lautem Klirren auf dem Boden landete, weil er dem völlig erschrockenen Demetaner wie eine gebutterte Nudel durch die Finger geflutscht war. Auch Zirell hatte dies bemerkt. „Kannst du mir mal bitte sagen, was du eigentlich hast, Maron?“, fragte sie. „Es geht um deinen Befehl an Shimar.“, sagte der Agent. „Du kannst dir doch wohl ausrechnen, dass er kaum eine Chance hat, Tolea hierher zu beordern. Sie wird ihn achtkantig rauswerfen, wenn er versucht, sie auf ihren Fehler hinzuweisen.“ „Na, nun lass mal die Kirche im Dorf, Maron und bleib gefälligst auf dem Teppich.“, versuchte Zirell, ihren jetzt immer aufgebrachter werdenden Ersten Offizier zu beruhigen. „Ich glaube nämlich, dass du da etwas verwechselst. Tolea ist keine von den alten Q, die vor lauter Arroganz nicht mehr wissen, wann das Maß voll ist. Sie wird ihm zuhören und falls nicht, wird er schon seine Möglichkeiten finden, sie dazu zu bringen. Shimar ist intelligent. Er weiß schon, wie er meine Befehle zu interpretieren hat. Er weiß mit Sicherheit genau, wann es Zeit ist, sich Unterstützung zu besorgen und die wird er ja bestimmt in Form von Kairon finden, falls es nötig werden sollte.“ „Dein Wort in den Ohren der Götter, Zirell.“, sagte Maron und bückte sich, um sich auf die Suche nach seinem verlorenen Knopf zu begeben.

Kapitel 20: Befehle und die Kunst ihrer ungewöhnlichen Ausführung

von Visitor

 

Joran war nach einem langen erquickenden traumlosen Schlaf in seinem Bett in seinem und Jennas Quartier erwacht. Es war zwar schon drei Uhr am Nachmittag gewesen, aber das nahm ja nicht Wunder, wenn man bedachte, dass er gerade eine anstrengende Nachtwache in der Kommandozentrale hinter sich gebracht hatte. Er fühlte sich sehr wohl. So wohl, wie er sich meistens am Anfang eines Sifa-Zyklus fühlte. Dieses Gefühl war für ihn normal. Er hatte nur noch nicht so früh damit gerechnet.

Er stieg aus den warmen weichen in bunten Frühlingsfarben gehaltenen Kissen und tippte mit seinem rechten Zeigefinger auf ein Feld an seinem Nachttisch. Augenblicklich öffnete sich die Schublade und er nahm eine kleine lederne Hülle heraus, die rot war und von vendarischen Hieroglyphen verziert wurde. Den kleinen Knebel, welcher die Hülle verschloss, drehte er nur etwas herum, bis er durch das Knopfloch am Deckel passte. Dann zog er ihn heraus und öffnete den Deckel. Zum Vorschein kam ein kleiner Kristall, den sich Joran sofort mit einer Hand in den Nacken legte. Genau dorthin, wo sich seine Sifa befand. Dann sah er wie gebannt auf das Display seines Sprechgerätes, das auf dem Nachttisch stand. Drei Minuten lang verharrte der Vendar in dieser Stellung. Eine Zeit, die ihm besonders lang vorkam.

Endlich hatte der Zeitmesser seines Sprechgerätes die letzte Sekunde gezählt. Erleichtert nahm Joran den Kristall aus seinem Nacken und sah ihn sich an. Er hatte sein Aussehen von weiß auf pechschwarz verändert. Das war einer chemischen Reaktion zwischen seiner Sifa und dem Kristall geschuldet. „Na ja.“, stellte Joran fest. „Dann werde ich Ishan wohl etwas früher aufsuchen müssen, um mir das Medikament geben zu lassen, das meiner Sifa das Tragen eines Energiefeldes vorspielt, damit ich nicht zur Gefahr für meine telepathischen Kameraden werde. Aber jetzt werde ich erst einmal in aller Ruhe frühstücken und mich dann waschen.“

Er drehte sich der kleinen Konsole zu, die direkt gegenüber seines Bettes war. Dort hatte er in einer Art digitalem Bilderrahmen ein Bild von Jenna, das er jetzt zärtlich in die Hand nahm, um es mit sich zu dem braunen Tisch im Wohnzimmer seines Quartiers zu tragen. Dort stellte er es genauso zärtlich genau in der Mitte ab. Das war eine Tradition, die er eingeführt hatte, wenn sie ihm keine Gesellschaft leisten konnte.

Der Vendar drehte sich dem Replikator zu: „IDUSA, ich würde gern frühstücken.“ „Oh sicher, Joran.“, entgegnete die elektronische Stimme des Rechners freundlich. „Möchten Sie Tchalback wie immer?“ „In der Tat!“, lächelte Joran mit einem sehr sicheren Ausdruck im Gesicht. „Aber dieses Mal nehme ich Tchalback A la Sternenflotte, denke ich. Du weißt schon. Das ist das mit Schafskäse drin.“ „Das ist das Rezept, auf das Allrounder Scott Sie brachte, nicht wahr? Deshalb haben Sie es auch unter Tchalback A la Sternenflotte in meiner Datenbank abgespeichert.“ Joran bestätigte nur mit einem Kopfnicken und einem fast lasziv anmutenden Blick. „Sie müssen das ja sehr genießen.“, analysierte der Rechner. „Das tue ich auch.“, gab Joran zu. „Aber das ist auch meinem Zustand geschuldet. Wenn du mich scannst, dann wirst du feststellen, dass ich am Anfang eines neuen Sifa-Zyklus bin. Eine Woche früher als sonst. Das ist nicht schlimm. Es ist nur ungewöhnlich.“ „Soll ich Ishan bereits informieren?“, fragte IDUSA. „Das wird nicht nötig sein.“, sagte Joran. „Das tue ich schon selbst. Aber du könntest mir tatsächlich noch einen Gefallen tun. Repliziere mir bitte noch ein großes Glas terranischen Ananassaft. Meine Telshanach liebt ihn und ich möchte gern wissen, ob er wirklich so gut ist.“ „In Ordnung.“, sagte IDUSA und ließ ein Licht am Auswurffach des Replikators aufleuchten.

Joran drehte sich diesem zu und entnahm ein Tablett aus dem Fach, auf dem sich eine große weiße bauchige Schüssel mit Tchalback mit Schafskäse in extra großen Würfeln garniert mit einer Olive, ein großer Löffel, einige Servietten und ein einem mittelalterlichen Bierhumpen nachempfundener weißer bauchiger Krug aus Steingut mit dem gewünschten Ananassaft darin befanden. Dies alles trug er nun zu seinem Platz. Dabei sah er das Essen an, als wollte er es bereits mit den Augen verschlingen. „Geben Sie mir bitte Bescheid, wie Ihnen der Saft gefallen hat!“, bat IDUSA noch über den Lautsprecher. „Das werde ich tun, IDUSA.“, sagte Joran. „Das dachte ich mir.“, sagte der Rechner. „Immerhin sind Sie als ein Mann bekannt, der sein Wort hält.“ „Korrekt.“, sagte der Vendar gleichmütig.

Joran drehte Jennas Bild mit dem Gesicht in seine Richtung. Dann wendete er sich dem Glas auf seinem Tablett zu und hob es an die Lippen. Dabei sagte er: „Dies probiere ich für dich, Telshanach!“, und nahm einen für uns sicher riesig anmutenden Schluck. Dann ließ er den Humpen wieder sinken, leckte sich die Lippen, flüsterte etwas in seiner Muttersprache, die vom Klang her auch Elemente aus dem Arabischen oder dem Altägyptischen enthalten könnte, in seinen Bart, holte tief Luft und stieß laut auf. Dieses Verhalten zeigte er normalerweise nur dann, wenn er allein war. Allein wähnte er sich auch jetzt. An IDUSA, die ja immer da war, hatte er nicht mehr gedacht. „Mahlzeit, Joran.“, sagte der Rechner nüchtern. „Mir ist bekannt, dass in Ihrem Kulturkreis ein solches Verhalten verdeutlichen soll, dass es Ihnen sehr gut geschmeckt hat. Nur, denke ich, dürfte dies jetzt der gesamten Station bekannt sein bei der Lautstärke.“ Joran drehte sich dem Mikrofon verschämt zu: „Vergib mir, IDUSA.“ „Schwamm drüber.“, sagte IDUSA. „Ich werde es niemandem sagen, wenn Sie es nicht wünschen.“ „Ich wünsche es nicht.“, sagte Joran. „Also gut.“, sagte der Rechner. „Aber ich darf dann doch wohl annehmen, dass Ihnen der Saft schmeckt?“ „In der Tat.“, sagte Joran und seine Zunge glitt aus seinem Mund, um einige Runden um denselben zu drehen. „Es ist noch genug da.“, beruhigte ihn IDUSA. „Ihr Krug ist noch bis zur Hälfte gefüllt.“ „Na dann!“, sagte Joran und widmete sich seinem Frühstück.

Jenna und Shannon waren im Maschinenraum von Zirells Basis ohnehin gerade mit der Wartung von Jorans Schiff beschäftigt, als sie Zirells Ruf erreichte. „Kümmert euch bitte um Jorans Schiff.“, sagte die Kommandantin. Shimar benötigt seine Unterstützung.“ „Wir sind eh gerade dabei, Zirell.“, hatte Shannon an der Sprechanlage entgegnet, an der sie das Gespräch entgegengenommen hatte. „Die Systeme der Station brauchen uns im Moment nicht. Sie schnurren wie ein Haufen sich sehr wohl fühlender Kätzchen.“ „Dann ist ja gut.“, sagte Zirell. „Sobald ich Joran erreicht habe, schicke ich ihn zu euch.“ „Is’ geritzt.“, antwortete die blonde Irin flapsig und beendete die Sprechverbindung.

Jenna war an ihre Assistentin herangetreten. „Was ist los, Shannon?“, fragte sie. „Ach.“, machte die Angesprochene. „Wir sollen nur das tun, mit dem wir sowieso schon gerade beschäftigt sind. Zirell will, dass wir das Schiff von Ihrem Freund auf Herz und Nieren untersuchen. Sie hat gesagt, Shimar würde ihn brauchen. Er schafft da wohl was nicht ganz allein.“ „Also gut.“, sagte Jenna und holte ihre Werkzeugtasche, die sie kurz abgestellt hatte, von der Konsole. Dann begleitete sie Shannon an Bord von Jorans Schiff, einer nagelneuen IDUSA-Einheit, die dem Vendar erst vor kurzer Zeit vom tindaranischen Militär zur Verfügung gestellt worden war. Die Zusammenkunft hatte das aber nur erlaubt, weil es auf Zirells Basis eine Sondersituation gab. 281 Alpha war die einzige Station mit zwei gleichwertigen Patrouillenfliegern und Joran hatte außerdem noch einen Sonderstatus, da er der einzige war, der sich ausreichend mit Sytania auskannte, die ja die größte Feindin der Tindaraner war.

Die beiden Technikerinnen schlossen ihre Neurokoppler an zwei Ports in IDUSAs Cockpit an, was das Schiff sofort veranlasste, ihre Reaktionstabellen zu laden. Dann sahen sie in das Gesicht eines freundlich lächelnden Avatars. „Hallo, Jenna, hallo, Shannon.“, begrüßte sie diese. Was verschafft mir die Ehre, dass Sie mich zu zweit warten?“ „Offensichtlich.“, antwortete Jenna. „Muss es schnell gehen, IDUSA. Joran und du, ihr müsst Shimar und seinem Schiff helfen. Aber Shannon weiß da wohl mehr. Sie hat mit Zirell gesprochen.“

Der Avatar warf Shannon einen auffordernden Blick zu. „Genaues weiß ich leider auch nicht, IDUSA.“, gab die blonde Irin zu. „Zirell hat nur eine Andeutung gegenüber mir gemacht. Es ist wohl ziemlich dramatisch. Aber mehr weiß ich leider auch noch nicht.“

Jenna gab dem Schiff den Gedankenbefehl zum Einleiten einer Selbstdiagnose. Dann teilte sie die Arbeit ein: „Shannon, Sie gehen in die Wartungsschächte und schauen nach der Hardware, ich kümmere mich um IDUSAs Computer.“ „Also gut.“, sagte Shannon und ging wieder in Richtung Achterkabine, nachdem sie ihren Neurokoppler abgezogen hatte. Jenna und das tindaranische Schiff waren jetzt allein.

„Denken Sie, dass Shimar Diran gefunden haben könnte, Techniker McKnight?“, fragte das Schiff. „Ich denke schon.“, antwortete Jenna. „Aber irgendwas scheint da nicht zu stimmen. Zirell würde Joran mit Sicherheit nicht hinterher schicken, wenn da nicht etwas Schlimmes passiert wäre.“ „Glauben Sie an die Theorie von Sianach?“, wollte IDUSA wissen.

Jenna fuhr zusammen. „Woher weißt du das denn?!“, fragte sie mit etwas Entsetzen in der Stimme. Sie wusste genau, dass Zirell eigentlich strenge Order gegeben hatte, dass, solange noch nichts bewiesen war, die Sache mit dem Bann nicht an die große Glocke gehängt werden sollte. „Die IDUSA-Einheit der Station war so frei, mir über die Sache zu berichten.“, erklärte das Schiff. „Aber Sie und ich wissen, dass wir sehr gut im Bewahren von Geheimnissen sind.“ „Das stimmt.“, bestätigte Jenna. „Und von mir wird auch niemand etwas erfahren.“ Sie hob ihre rechte Hand, als wollte sie es dem Schiff gegenüber schwören.

Die Technikerin zog ein Pad aus ihrer Tasche und schloss es an einen Port an. „Was bedeutet das, Techniker McKnight?“, fragte IDUSA. „Das ist nur das externe Sicherheitsprogramm.“, sagte Jenna beruhigend. „Das kennst du doch schon.“ „Ach ja.“, erkannte das Schiff. „Aber ich scheine mit meiner Software wohl nicht ganz bei der Sache. Bitte entschuldigen Sie. Es war nicht böse gemeint. Ich wollte auf keinen Fall Ihre Arbeit behindern.“ „Ist schon gut, IDUSA.“, sagte Jenna. Dann aber fiel ihr vor Staunen die Kinnlade herunter. „Das könnt ihr also auch schon simulieren?“, fragte sie. „Was meinen Sie genau, Techniker?“, fragte IDUSA. „Ich meine, dass ihr also auch schon simulieren könnt, mit euren Gedanken nicht ganz bei der Sache zu sein. Ihr kommt uns organischen Wesen ja wirklich immer näher. Da tut die tindaranische Rechtsprechung wirklich gut daran, wenn sie euch mit uns gleichsetzt. Aber sag mir doch mal den Grund, aus dem du nicht ganz bei der Sache bist. Vielleicht kann ich dir ja auch helfen. Ich meine, es wäre bestimmt nicht gut, wenn du bei deiner Mission so durch den Wind bist, dass Joran wegen dir in Schwierigkeiten gerät.“ „Meinen Piloten in Schwierigkeiten zu bringen liegt mir fern.“, antwortete das Schiff. „Aber glauben Sie wirklich, dass Sie in der Lage sind, mir zu helfen? Ich meine, Sie sind Ingenieurin und keine Psychologin. Im Allgemeinen …“ „Und du bist ein Raumschiff und keine Organische.“, sagte Jenna. „Auch wenn du die gleichen Rechte und Pflichten vor dem Gesetz hast. Aber rein technisch gibt es da doch noch gravierende Unterschiede und wer könnte dir da besser helfen als ein Ingenieur oder eine Ingenieurin?“ „Da haben Sie Recht.“, gab IDUSA zu. „Also.“, sagte Jenna. „Wo klemmt denn die Festplatte?“ „Wissen Sie.“, sagte IDUSA. „Ich sorge mich um unser aller Sicherheit. Die Dimensionen scheinen doch sehr angegriffen zu sein und niemand, noch nicht einmal Sie, scheint die Ursache zu kennen. Wie wird das nur weitergehen?“ „Oh, IDUSA.“, sagte Jenna langsam und beruhigend. „Ich bin sicher, da wird schon irgendwann eine Lösung gefunden werden. Aber vielleicht kannst du ja auch indirekt dazu beitragen, indem du dich mit Joran um das kleine Problem kümmerst, das Shimar wohl nicht allein lösen kann. Damit würdet ihr ihn sicher schon sehr entlasten und er könnte sich um alles andere kümmern. Aber dazu musst du wirklich voll bei der Sache sein, IDUSA.“ „Ich danke Ihnen, Techniker McKnight.“, sagte Jorans Schiff. „Aber Sie scheinen auch nicht ganz bei der Sache zu sein. Ich nenne Sie die ganze Zeit über Techniker McKnight und das wundert Sie nicht im Geringsten.“

Jenna stutzte. Ihr war tatsächlich erst jetzt aufgefallen, wie Recht das Schiff mit ihrer Einlassung gehabt hatte. Sie hatte aber auch gleich eine Erklärung parat. „Ich denke.“, sagte sie. „Dass ich das auch schon von Agent Maron gewohnt bin, der leider immer noch nicht aus seiner Haut kann, was alte Gewohnheiten von der Sternenflotte angeht. Er siezt mich ja auch, nur weil ich Terranerin bin. Aber mit Shannon macht er es ja genauso. Ich verstehe schon, was dich stört. Aber du kannst mich ruhig weiterhin Jenna nennen. Einen tindaranischen Ingenieur würdest du ja auch nicht mit Nachnamen ansprechen.“ „Das würde ja auch nicht möglich sein.“, sagte IDUSA. „Weil er so etwas im eigentlichen Sinne ja gar nicht hat. Aber trotzdem danke für die Erlaubnis, Jenna.“ „Gern geschehen, IDUSA.“, lächelte McKnight und setzte ihre Arbeit fort.

Shannon war wieder aus den Wartungsschächten gekommen. „Es sieht alles sehr gut aus, Jenn’.“, meldete sie etwas flapsig gegenüber ihrer Vorgesetzten. „Die Befürchtung, IDUSA sei nicht ganz dicht oder hätte einige Schrauben locker, kann ich also nich’ bestätigen.“ „Das kann ich mir auch nicht wirklich vorstellen, Shannon.“, sagte Jenna und musste lachen. „Bei mir war auch alles ohne Befund. „So, so.“, sagte Shannon. „Und was is’ mit dem Leck in der Warpplasmaleitung, das sie neulich gemeldet hat?“ „Oh, da gab es kein Leck, Assistant.“, sagte Jenna. „Das lag nur an einem defekten Sensor, den ich doch letzte Woche längst ausgetauscht hatte. Der hat ihr das eingeredet. Erinnern Sie sich?“ „Ach ja.“, sagte Shannon. „Jetzt fällt es mir auch wieder ein. Na dann is’ ja alles in Butter und wir warten nur noch auf den Ehrengast.“ „Genau.“, bestätigte Jenna.

Joran hatte inzwischen sein Frühstück beendet. Er hätte aber am liebsten den Teller und das Glas noch so lange ausgeschleckt, bis sie blitzsauber gewesen wären. Er bedauerte sehr, dass in seinem Glas nicht noch mehr von dem guten Ananassaft gewesen war. Obwohl er sich den allerletzten Schluck noch bis zum Ende aufgehoben hatte, war es für ihn eine große Enttäuschung, feststellen zu müssen, dass sein Glas leer war.

Er sah kurz auf den Zeitmesser an seinem Sprechgerät und beschloss, sich noch ein Glas voll zu gönnen, denn seine nächste Schicht würde im Normalfall erst in zwei Stunden beginnen. Was Zirell für ihn geplant hatte, wusste er ja noch nicht.

Er stand also auf und ging in Richtung des Replikators. Dabei sprach er vor sich hin: „Oh ihr Götter! Womit habe ich so etwas Gutes nur verdient wie diesen …“

Ein jähes Geräusch ließ ihn innehalten und sich umdrehen. Das Geräusch war von der Sprechanlage verursacht worden, die jetzt nach seiner Aufmerksamkeit piepte. Im Display sah der pflichtbewusste Vendar sogleich das Rufzeichen des Arbeitsplatzes seiner Kommandantin. Er nahm das Mikrofon in die Hand und drückte den Sendeknopf: „Was gibt es, Anführerin Zirell?“ „Es tut mir leid, dass ich dich wecken muss, Joran.“, sagte Zirell. „Aber Shimar braucht deine Hilfe. Jenna und Shannon warten bereits dein Schiff. Bevor du fragst: Sie tun es deshalb zu zweit, damit es schneller geht. Wir haben eine Situation, in der es um Leben und Tod für Diran geht. Du musst ihn Shimar abnehmen. Er hat nämlich andere Befehle. Bring ihn bitte sofort her und übergib ihn dann an Ishan. Er wird sich um den Rest kümmern. Aber Shimar wird dir noch etwas mitgeben, was du Agent Maron geben wirst.“

Joran war erschrocken. Die Erwähnung des Namens eines seiner besten Freunde und die Schilderung der Situation, in der er sich offensichtlich befand, hatten ihn kurz zur Salzsäule erstarren lassen. Dann aber löste er sich wieder aus dieser Haltung und sagte: „Ich werde mich sofort darum kümmern, Anführerin!“ Dann beendete er die Verbindung und verließ schnellen Schrittes das Quartier. Seinen eigenen zustand, der für Shimar durchaus eine Gefahr bedeuten konnte, hatte er in diesem Moment völlig vergessen.

Jenna und Shannon hatten alle Luken an Jorans Schiff wieder geschlossen und waren an ihren Arbeitsplatz im Maschinenraum der tindaranischen Basis zurückgekehrt. Hier vertrieben sie sich jetzt die Zeit mit warten. Dabei unterhielten sie sich über dieses und jenes. Vor allem interessierte Shannon, was aus der Sache mit dem Ananassaft geworden war. Joran hatte nämlich in ihrem Beisein einmal davon gesprochen, ihn irgendwann einmal probieren zu wollen. „Denken Sie, er macht es bald?“, fragte sie in Jennas Richtung. Die hoch intelligente Halbschottin, die sich im Gegensatz zu ihrer Assistentin an solchen Trivialitäten nicht lange aufhielt, sah sie fragend an: „Was meinen Sie, Shannon.“ „Stichwort Ananassaft.“, grinste die blonde Irin. „Ich wette mit Ihnen, dass er mit diesem feierlichen Tun wartet, bis Sie bei ihm sind.“ „Na gut.“, sagte Jenna. „Die Wette gehe ich ein. Aber Sie kennen Joran nicht. Ich wette mit Ihnen, dass er es bereits getan hat und mir mit Absicht nichts davon gesagt hat, weil er einen Weg finden will, mich damit zu überraschen.“ „Na gut.“, sagte Shannon. „Die Wette steht wie ’ne Eins. Ach, Jenn’, um was wetten wir eigentlich?“ „Na, lassen Sie mich mal überlegen.“, sagte Jenna. „Wie wäre es, wenn wir um die nächste Schicht hier wetten. Die Gewinnerin bekommt frei.“ „Einverstanden.“, sagte Shannon. „Dann würde ich aber an Ihrer Stelle schon mal meinen Kaffeevorrat auffüllen, damit Sie wach bleiben.“ Sie grinste.

Joran hatte den Maschinenraum betreten. Sein Weg führte den Vendar sofort zu Jenna, die er gleich mit seinen scharfen Augen erspäht hatte. Er umarmte sie und drückte ihr einen feurigen leidenschaftlichen Kuss direkt mitten auf den Mund. Dabei musste er sich so angestrengt haben, dass er wirklich etwas außer Atem kam. Aber genauso gut konnte das auch an der Erregung liegen, in die ihn ihr Anblick regelmäßig versetzte. Dann sagte er: „Guten Morgen, Telshanach und auch dir einen guten Morgen, Shannon O’Riley. Ich würde sehr gern noch bei euch bleiben, aber Anführerin Zirell hat leider sehr dringende Befehle für mich. Ist mein Schiff flugbereit?“

Jenna stand einfach nur da und schmachtete zu ihm hoch. Zu ihm, der mit seinen 2,30 m weitaus größer als sie war. Weiter aber tat sie nichts, was dann dazu führte, dass Shannon ihn angrinste und sagte: „Also gut, Grizzly. Dann muss ich das Heft wohl in die Hand nehmen. Komm mal mit mich mit!“

Sie führte ihn zu seinem Schiff, das er sofort bestieg und dem er dann befahl, die Abdockprozedur einzuleiten. Dann kehrte sie zu Jenna zurück, die noch immer nichts an ihrer Haltung verändert hatte. „Was is’ mit Ihnen denn los?“, flapste sie Jenna entgegen. McKnight reagierte nicht. „Hey, Jenn’!“, sagte Shannon jetzt etwas lauter. „Jemand zu Hause?“

Shannon knuffte sie unversehens in die rechte Seite. Sie wusste, dass Jenna hier kitzelig war. „Was soll das?!“, entfuhr Jenna schließlich ein spitzer Schrei. „Es is’ mir gerade scheißegal, ob sie mich wegen tätlichen Angriffs auf eine Vorgesetzte vor das tindaranische Kriegsgericht schleifen wollen!“, schnodderte ihr Shannon zu. „Aber ich will jetzt endlich wissen, was hier gerade los war! Und tut mir leid! Aber irgendwie musste ich Sie ja wieder in die Realität zurückholen.“ „Ist schon gut.“, sagte Jenna. „Vor Gericht werde ich Sie nicht bringen. Es war ja auch nur, weil er nach Ananassaft geschmeckt hat. Nach Ananassaft! Verstehen Sie, Shannon? Ich denke jetzt ist klar, wer hier den vielen Kaffee trinken muss, um wach zu bleiben.“ Die blonde Irin machte ein mürrisches Gesicht und gab einen auf Missfallen hindeutenden Laut von sich. Dann sagte sie: „Hätte ich da bloß nich’ von angefangen.“ „Tja.“, sagte Jenna. „Man muss eben aufpassen, welche Geister man ruft, Assistant. Ist er schon weg?“ Shannon nickte und zeigte in Richtung Fenster, hinter dem Jorans Schiff als immer kleiner werdender Schatten gerade noch zu sehen war. Jenna warf ihm noch einen schmachtenden Blick hinterher. Dann hauchte sie säuselnd: „Ananassaft.“

Auch Shimar und sein Schiff waren in Wartestellung. Aber der Avatar zeigte deutliche Anzeichen dafür, dass ihr wohl etwas auf der Seele lag. Jedenfalls sah sie Shimar entsprechend an. „Was gibt es denn, IDUSA?“, fragte der junge Tindaraner Anteil nehmend. „Ich denke, dass Zirell sich von ihren Gefühlen hinreißen lassen hat, als sie Ihnen unsere neuen Befehle übermittelte. Ich hoffe, Sie nehmen diese nicht all’ zu wörtlich. Tolea dürfte nicht sehr erbaut darüber sein, wenn sie von Ihnen auf ihren Fehler aufmerksam gemacht wird. Sie mag zwar keine von den alten Q mehr sein, die dies zweifelsfrei als Anmaßung betrachten würden, aber ich bin sicher, sie wird selbst schon gesehen haben, was sie da angerichtet hat und das wird sie traurig bis depressiv stimmen. Eine depressive Q dürfte in meinen Augen ähnlich zu bewerten sein wie ein verwundetes Tier, wenn es seinem Jäger gegenübersteht, nämlich als sehr gefährlich! Zumindest deuten alle Simulationen, die ich mit den Daten, die ich bisher von Tolea sammeln konnte, durchgeführt habe, darauf hin. An Ihrer Stelle würde ich extrem vorsichtig sein, Shimar. Wenn Sie Zirells Befehle wörtlich nehmen sollten, was das Herzerren Toleas angeht, käme ich auch in einen schweren Datenkonflikt. Es stünden sich die Direktive, dass ich Sie schützen soll und die, dass ich, wie Sie auch, unter Commander Zirells Kommando stehe, gegenüber. In diesem Fall müsste ich mich weigern, Sie ins Raum-Zeit-Kontinuum zu bringen.“ „Keine Sorge, IDUSA.“, sagte Shimar. „Zirell weiß das ja auch und sie hat mir ja nicht umsonst freie Hand gegeben, was die Ausführung ihrer Befehle angeht. Sie weiß, dass ich nicht dumm bin und schon weiß, wie man mit einer in die Enge getriebenen, vielleicht sogar depressiven, Q umgeht. Öffne mal die Datenbank mit den Neuralmustern. Dann zeige ich dir was.“ „Also gut.“, sagte IDUSA und tat, was ihr Shimar soeben befohlen hatte.

Der junge Tindaraner begann damit, sich auf jenes Vorhaben, das er seinem Schiff zeigen wollte, zu konzentrieren. Das bedeutete, Dass er sich das Gefühl vorstellte, das er hatte, wenn er Kairons Gegenwart wahrnahm. Dies kam bei IDUSA als Negativ zu Kairons Neuralabdruck an, den sie durchaus in ihrer Datenbank finden konnte. „Ich verstehe nicht.“, sagte das Schiff. „Commander Zirells Befehl an uns lautete eindeutig, nach Tolea zu suchen und nicht nach Kairon. Außerdem können Sie ja Ihre telepathischen Fühler nicht so einfach über die dimensionalen Grenzen hinaus benutzen. Welchen Zweck verfolgen Sie also mit diesem Tun?“ „Ganz einfach.“, erklärte Shimar. „Ich habe dir doch gerade gesagt, dass ich nicht so verrückt sein werde und mich mit Tolea anlegen werde. Schon gar nicht in dem Zustand, in dem sie jetzt vielleicht ist. Ich denke nämlich, dass du mit deiner Analyse ihres seelischen Zustands durchaus Recht haben könntest. Nein, nein! So dumm bin ich nicht. Es kann also nicht schaden, sich von Zeit zu Zeit mal etwas Unterstützung zu besorgen. Kairon würde uns bestimmt helfen. Er hat sicher ein Interesse daran, dass die Dimensionen heil bleiben und wenn er dafür seine Schwester wachrütteln muss, wäre das sicher auch kein Problem für ihn. Ich denke nur, dass wir ihn zunächst einmal darüber informieren müssen. Offenbar hat sich Tolea mit dem, was sie getan hat, telepathisch von ihm abgeschirmt. Also weiß er vielleicht gar nicht, was sie getan hat. Das heißt, wir müssen es ihm wohl oder übel sagen. Dass er das nicht sehr schön finden wird, lässt sich denken und er wird vielleicht auch wütend auf Tolea werden, aber das müssen wir riskieren. Ich weiß auch, dass ich Kairon so nicht finden kann. Aber das war ja auch nur für dich. Du solltest erfahren, was ich vorhabe. Dass ich es erst im Raum-Zeit-Kontinuum wirklich anwenden werde, versteht sich von selbst.“

Der Avatar des tindaranischen Patrouillenschiffes atmete erleichtert auf und löste sich aus ihrer starren Haltung. Dann sagte sie: „Wissen Sie was? Ich bin heilfroh, dass ich Sie als Piloten habe und nicht irgendeinen hirnampotierten Befehlsempfänger!“ „IDUSA!“, rief Shimar aus. „Woher nimmst du eigentlich diese Art von Sprüchen?!“ „Sie wissen.“, sagte das Schiff. „Dass Miss O’Riley von Zeit zu Zeit meine Sprachroutinen etwas aufpeppt.“ „Oh ja.“, sagte Shimar. „Das weiß ich sehr genau und es gefällt mir! Das kannst du ihr ruhig sagen.“

Er setzte sich zurecht. „Es wird wohl noch etwas dauern, denke ich, bis Joran hier eintrifft. Wie geht es Diran?“ „Dank Ihres Eingriffs.“, sagte IDUSA. „Ist er erst einmal stabil. Aber ich denke, Joran sollte nicht mehr lange auf sich warten lassen. Dann könnte es nämlich für Diran auch kritisch werden. Selbst wenn ich Ihnen die nötigen Medikamente replizieren würde, dürften Sie ihm diese immer noch nicht verabreichen. Außerdem wissen wir ohne eine genaue Untersuchung gar nicht so genau, was Diran fehlt. Diese kann aber nur auf unserer Basis vorgenommen werden, weil es dort die nötigen Geräte und das nötige Fachpersonal gibt.“ „Ich weiß.“, sagte Shimar. „Dann werden wir wohl noch etwas länger warten müssen.“

Kapitel 21: Unverhoffte Unterstützung

von Visitor

 

Joran hatte den Nahbereich der Station verlassen. Er und sein Schiff waren jetzt auf dem Weg dorthin, wo IDUSA Shimar und seine IDUSA-Einheit lokalisiert hatte. „Ich hoffe, dass wir Diran überhaupt noch helfen können.“, sagte Jorans Schiff. „Immerhin ist eine Menge Zeit vergangen, seit Diran ins Koma gefallen ist. Ich hoffe, dass er keine …“

Etwas hatte sie plötzlich ihren Satz unterbrechen lassen. Der Grund dafür war, dass ihr Bug unaufhörlich von etwas angezogen worden war, das sie nur als Wirbel mit einer unaufhörlichen Abwärtsspirale deuten konnte. Ihre Sensoren waren nicht in der Lage, ein Ende oder einen Anfang des Phänomens zu finden. „Joran, bitte helfen Sie mir!“, sagte sie und ihr Avatar vor Jorans geistigem Auge machte ein panisches Gesicht. „Wir scheinen in etwas geraten zu sein, dass ich nicht berechnen kann! Ich benötige Ihre fliegerischen Instinkte!“

Der Vendar überlegte. Ihm war klar, dass es ihnen gar nichts nützte, wenn er selbst in Panik geriet. Er, der als sehr besonnen bekannt war, wusste durchaus schon, was hier geschehen war. Diese Phänomene waren ihm und seiner Art durchaus bekannt. Die Übersetzung des vendarischen Begriffes dafür lautete: „unsichtbarer Abwind“, und genauso verhielt sich dieses Ding jetzt auch. Da dies nur sehr selten einmal von vendarischen Piloten beobachtet wurde, hatte man es eigentlich in das Reich der Mythologie verbannt. Auch Joran hatte es nur einmal in einer Simulation zu Gesicht bekommen, während er bei Tabran in der Ausbildung war, aber nur, weil er es unbedingt einmal sehen wollte. Jetzt aber waren die Erinnerungen an die nötigen Manöver während seiner Zeit als Novize plötzlich so präsent, als hätte er sie jeden Tag benutzen müssen.

Er brachte sämtliche Stabilisatoren seines Schiffes auf volle Leistung. IDUSA fand das sehr merkwürdig, aber sie tat doch, was er von ihr verlangte. Dennoch war sie von seinem Tun sehr überrascht. „Was tun Sie da?“, fragte sie. „Ich stabilisiere dich, damit du dich nicht auf die Seite legst oder dich gar auf dein Dach drehst. Wir müssen erreichen, dass du vollständig in den Wirbel eindringst. Erst dann können wir Maßnahmen ergreifen, um dich wieder dort herauszubringen. Wenn ich jetzt rücksichtslos gegensteuern würde, würde das deine Hülle zu sehr unter Druck setzen. Das könnte dich zerstören und mein Leben beenden! Auch ich bin im Weltraum nicht lebensfähig! So dumm bin ich nicht! Aber wenn du den Ursprung des Phänomens nicht finden kannst, dann brauchen wir wohl Hilfe. Vielleicht kann meine Telshanach uns behilflich sein. Ruf die Station und verbinde mich mit ihr. Dann etablierst du auch noch eine direkte Datenverbindung mit ihrem Arbeitsplatz!“ „Ich werde es versuchen, Joran.“, sagte das Schiff.

Jenna und Shannon waren überrascht, so schnell wieder von Joran zu hören. „Was ist los, Joran?!“, fragte die hoch intelligente Halbschottin etwas alarmiert. „Das wirst du sehen.“, sagte Joran. „Wenn du die Datenverbindung bestätigst, nach der IDUSA gerade fragt.“, sagte der Vendar. „Du hast Recht.“, sagte Jenna, nachdem sie einen kurzen Blick auf den virtuellen Schirm vor ihrem geistigen Auge geworfen hatte, der ihr von der IDUSA-Einheit der Station gezeigt worden war.

Sie bestätigte die Verbindung per Gedankenbefehl. Jetzt sah sie, in welcher Situation sich ihr Freund und sein Schiff befanden. „Das ist merkwürdig.“, sagte sie, nachdem sie sich auf IDUSAs Sensoren aufgeschaltet hatte. Das Phänomen scheint keinen Anfang und kein Ende zu haben. Zumindest nicht in dieser Dimension.“

Shannon hatte die Situation auch mitbekommen und war an ihre Vorgesetzte herangetreten: „Was ist los, Jenn’?“ „Joran ist in Schwierigkeiten.“, sagte Jenna knapp. „Er ist in etwas geraten, was es eigentlich gar nicht geben dürfte. Er ist in einen unsichtbaren Abwind geraten. Informieren Sie die Kommandozentrale, Assistant! Ich werde versuchen zu retten, was noch zu retten ist!“ „OK, Jenn’.“, sagte Shannon, drehte sich um und lief zackig auf die nächste Arbeitskonsole zu, um dort ihren Neurokoppler und die dortige Sprechanlage zu benutzen.

Zirell und ihr Erster Offizier ahnten von der Situation nichts, in der sich Joran und sein Schiff gerade befanden. Aus ihrer Sicht war alles ruhig. Der Demetaner hatte sogar damit begonnen, den Inhalt des Pads zu sortieren, auf dem sich Jennas Aussage aus Grandemoughts Erinnerungen befunden hatte. „Was hast du da, Maron.“, erkundigte sich Zirell. „Ich habe hier eine höchst interessante Aussage von McKnight.“, sagte Maron. „Ach ja.“, erinnerte sich Zirell. Euer kleines Experiment. Aber worum geht es denn da eigentlich?“ „Sagen wir mal so.“, sagte Maron. „Grandemought und McKnight kennen den Namen der Bäckerin des kleinen und gemeinen Kuchens, von dem auch Sytania gern ein Stück abhaben möchte.“ „Ach.“, sagte Zirell. „Sytania ist es also dieses Mal nicht.“ „Nein.“, sagte Maron. Zumindest nicht, was den Grundteig angeht, wenn du meinen Vergleich gestattest. Sie hat nur die Glasur angerührt. Aber für den Teig war Valora zuständig.“ „Valora?“, fragte Zirell verwundert. „Aber das ist doch die Leitstute der Einhörner! Warum sollte sie so etwas Verwerfliches tun können. Ich dachte immer, die Einhörner seien von Grund auf gut!“ „Die Einhörner sind verwandte der Quellenwesen!“, berichtigte der Erste Offizier seine Vorgesetzte ernst. „Und du weißt ja, dass die dafür zuständig sind, Gut und Böse in Waage zu halten, wenn einmal alle Stricke reißen sollten. Das bedeutet, sie haben, wie jedes andere Wesen auch, eine gute und eine böse Seite in sich. Grandemought, von dem McKnight diese Erinnerung hat, kannte Valora sehr gut. Er sagt, sie könne sehr eifersüchtig werden und was dann passieren kann, solltest du dir eigentlich sehr gut ausmalen können, Zirell. Entschuldige, aber du bist ja schließlich auch eine Frau und ich hörte, wenn ihr eifersüchtig werdet, könnt ihr zu Furien werden. So und jetzt stell dir das Ganze bitte mal in mächtig vor!“

Zirell war ob seiner Predigt sehr überrascht. Sie hatte wohl nicht damit gerechnet, dass er so weit denken würde. „Uff, Maron.“, sagte sie. „Ich glaube dir. Fraglich ist nur, ob wir den Regierungen das beigebracht bekommen. Die haben doch noch immer ein sehr heiliges Bild von den Einhörnern.“ „Dann werde ich eben nach noch mehr Beweisen suchen müssen, Zirell.“, sagte Maron zuversichtlich. „Dafür drücke ich dir alle Daumen.“, sagte Zirell. „Sehr großzügig.“, sagte der Kriminalist.

Die Sprechanlage unterbrach sie. „Zirell hier.“, meldete sich die tindaranische Kommandantin. „Zirell, hier ist Shannon!“, ließ sich die aufgeregte Stimme Shannons aus dem Gerät vernehmen. „Wir haben ein Problem! Joran is’ in Schwierigkeiten! Er is’ in einen unsichtbaren Abwind geraten. Jenn’ sagt, das dürfte es eigentlich gar nicht geben, aber es gibt es wohl doch. Sie ist dran. Sie versucht ihm zu helfen.“ „In Ordnung, Shannon.“, sagte Zirell. „Wenn sich Jenna kümmert, dann wird es schon gut gehen. Ich vertraue ihr da voll und ganz.“ Sie beendete die Verbindung.

Shimars Schiff hatte den Traktorstrahl gelöst und die Steuerkontrolle übernommen. „IDUSA, nein!“, sagte Shimar streng, der dies erst ziemlich spät bemerkt hatte. „Joran ist in Schwierigkeiten.“, argumentierte IDUSA. „Wir müssen ihm helfen!“ „Wir!“, sagte Shimar. „Müssen auf Diran und sein Schiff aufpassen! Um Joran kümmern sich sicher schon die Anderen, aber wenn du Dirans Schiff jetzt loslässt, läuft es Gefahr, irgendwo hinzutreiben, wo wir es vielleicht nicht mehr erreichen können und dann ist unser einziger Zeuge auch tot! Willst du Maron das vielleicht erklären müssen, he?!“

„Sie haben Recht.“, sagte IDUSA, nachdem sie die Situation noch einmal mit ihren Sensoren gescannt hatte. Dann nahm sie auch Dirans Schiff wieder in den Traktorstrahl. „Na geht doch.“, sagte Shimar. „Ich habe das nur getan.“, sagte IDUSA. „Da alle Daten auf eine aktive Verbindung zwischen der Basis und Jorans Schiff hinweisen. Sicher werden Sie dort in guten Händen sein.“ „Das denke ich auch.“, sagte Shimar.

Etwas hatte ihn aufhorchen lassen. Er hatte etwas Telepathisches wahrgenommen, das gerade Joran von Bord seines Schiffes geholt hatte. Außerdem hatte der gleiche Einfluss dafür gesorgt, dass sein Schiff in der Zeit eingefroren wurde. Jedenfalls kam es Shimar so vor. Er ahnte auch, wer die Urheber dieses Einflusses waren. „IDUSA, ich habe gerade den Einfluss eines Quellenwesens gespürt.“, sagte er. „Darüber müssen wir den Commander informieren.“, sagte IDUSA. „Das dürfte die Karten völlig neu mischen.“ „Du hast Recht.“, sagte Shimar. „Gib mir Zirell!“ IDUSAs Avatar nickte und sie führte den Befehl ihres Piloten aus.

Zirell hatte Shimars Ruf zwar zur Kenntnis genommen, dennoch hatte sie wohl nicht damit gerechnet. „Joran ist auf dem Weg zu dir.“, versuchte sie ihren Untergebenen zu beruhigen. „Um Joran geht es mir auch.“, sagte der Tindaraner. „Er ist gerade von den Quellenwesen geholt worden und sie haben auch sein Schiff in der Zeit eingefroren.“ „Das wirft ein völlig neues Licht auf die Situation.“, sagte die Kommandantin. „Den Einfluss habe ich auch gespürt. Warten wir mal ab was jetzt passiert.“ „In Ordnung.“, nickte Shimar und beendete die Verbindung.

Shannon hatte im Maschinenraum die Verbindung zu Jorans Schiff in Jennas Auftrag übernommen, da sich die hoch intelligente Halbschottin bereits mit Simulationen beschäftigte, mit deren Hilfe sie eine Lösung finden konnte. Das Phänomen, in das ihr Freund geraten war, war ihr aber nicht so unbekannt, wie es vielleicht zuerst den Anschein hatte, denn sie kannte sich ja mit dimensionaler Physik aus und konnte sich deshalb schon denken, wie dieser so genannte unsichtbare Abwind zu Stande gekommen war. Sie wusste, dass es daran wirklich nichts Mystisches gab, sondern dass dies nur das Ergebnis einer so genannten energetischen Verwerfung sein konnte, wie sie ihrem Verständnis nach jetzt auftauchen mussten. Ihrer Theorie nach hatten diese Verwerfungen ihren Ursprung in der interdimensionalen Schicht und waren ein Ergebnis jener Ladungsverschiebungen, die sie bereits beobachtet hatte. Es fand ja schließlich eine Umwälzung der energetischen Strukturen statt und wo sich gewälzt wurde, da wurde auch ordentlich Staub aufgewirbelt. Jedenfalls würde sie jedem Laien das so erklären. Aber der Beweis fehlte ihr noch.

„Shannon.“, wendete sie sich an ihre Assistentin. „Mir fehlen noch Daten. Bitte schalten Sie sich noch einmal auf die Sensoren von Jorans Schiff auf und …“ „Das würde ich ja gern, Jenn’.“, gab die blonde Irin zurück. „Aber die Verbindung ist plötzlich abgebrochen und ich kann sie auch nicht wieder herstellen.“ „Dann werde ich wohl mit dem auskommen müssen, was ich habe.“, sagte Jenna. Aber wir sollten die Kommandozentrale in Kenntnis setzen. Geben Sie Bescheid, aber stellen Sie die Verbindung auf Lautsprecher, damit ich auch mithören kann.“ „OK, Jenn’.“, sagte Shannon, gab dem Rechner der Station den Gedankenbefehl, ihr die Konsole für die interne Sprechanlage auf dem virtuellen Bildschirm zu zeigen und stellte die Verbindung zur Kommandozentrale her.

Maron war es, der dort das Gespräch annahm: „Maron hier.“ „Agent, hier is’ O’Riley.“, meldete sich Shannon gewohnt flapsig. „Ich fürchte, wir haben ein Problem. Die Datenverbindung mit Jorans Schiff is’ zusammengebrochen und lässt sich nicht wieder herstellen. Ein Problem mit der Reichweite schließen wir aus.“ „Ich denke, ich kann Ihnen eine Erklärung liefern, O’Riley!“, sagte der Erste Offizier selbstbewusst. „Shimar hat gerade mit Zirell gesprochen und ihr gesagt, dass er den Einfluss eines Quellenwesens gespürt hat, das Joran von Bord seines Schiffes geholt und dieses in der Zeit eingefroren hat. Wenn ich mich nicht täusche, bedeutet das, dass an Bord alles stillsteht. Das Schiff kann also gar nicht auf Befehle von außen reagieren.“

Shannon sah fragend zu Jenna hinüber. Diese übernahm die Sprechverbindung und sagte: „Absolut richtig erkannt, Sir. Ganz ehrlich, ich hätte Ihnen nicht zugetraut, so eine komplexe physikalische Tatsache zu erkennen.“ „Ich mir selber auch nicht, McKnight.“, sagte Maron. „Aber wenn Sie, als Dimensionalphysikerin, mir das bestätigen, dann kann ich ja wohl nicht so falsch gelegen haben. Aber was ist mit dem Phänomen? Wissen Sie schon, was es sein könnte und wie wir Jorans Schiff da wieder herausbekommen?“ „Es handelt sich zweifelsfrei um eine energetische Verwerfung, Sir.“, sagte McKnight. „Nur so viel. Solche Verwerfungen entstehen bei großen Umbrüchen, wie wir sie jetzt im Moment sehen.“ „Sie wurde also nicht unmittelbar von Sytania oder Valora verursacht, um Joran einen Stein in den Weg zu legen?“, vergewisserte sich Maron. „Nein, Agent!“, sagte Jenna fest. „Wenn, dann sind Valora und Sytania nur in mittelbarer Täterschaft beteiligt. Sie haben ja nur die Ursache gesetzt, aus der diese Verwerfungen entstehen. Dass sie überhaupt entstehen, hat aber rein physikalische Ursachen. Ich will es mal so ausdrücken, Agent. Wo sich gewälzt wird, da wird auch Staub aufgewirbelt und in so eine Staubwolke sind Joran und sein Schiff geraten.“ „Können Sie etwas tun, um es da rauszuholen, Jenna?“, fragte Maron. „Noch nicht.“, sagte die Ingenieurin. „Aber ich werde mein Allerbestes tun. Fraglich ist nur, ob ich zu diesem Zeitpunkt schon eingreifen darf. Sie sagten, dass sich ein Quellenwesen eingemischt hätte, das Joran von Bord geholt und sein Schiff in der Zeit eingefroren hätte. Wenn wir zu früh eingreifen, könnte das unter Umständen den Plänen des Quellenwesens im Weg sein. Wer weiß, was es von ihm will. Natürlich werde ich nach einer Lösung forschen, aber ich werde, was immer ich auch herausfinde, erst dann anwenden, wenn ich sicher bin, dass das Schiff wieder frei ist. Ich denke sogar, dass wir, jetzt, wo es in der Zeit eingefroren ist, ohnehin keine wirkliche Chance haben.“ „Also gut, McKnight.“, sagte Maron. „Tun Sie, was Sie können, aber tun Sie etwas!“ „Darauf können Sie sich verlassen, Agent!“, sagte Jenna fest und beendete die Sprechverbindung.

Maron wandte sich Zirell zu: „Mir ist da gerade eine Idee gekommen. Kannst du nicht versuchen, das Quellenwesen telepathisch zu erreichen und es fragen, wie es gedenkt vorzugehen? Ich meine, seit dieser Sache, die dir und Joran da damals passiert ist, ist es dir doch möglich, über die Grenzen unserer Dimension hinaus deine Fähigkeiten zu benutzen. Du könntest das Quellenwesen doch erreichen, egal wo es sich befindet, oder?“ „Ich könnte es auf jeden Fall versuchen.“, sagte Zirell.

Sie begann damit, sich auf die Wahrnehmung, die sie gehabt hatte, als sie den Einfluss des Quellenwesens gespürt hatte, zu konzentrieren. Dann dachte sie: Quellenwesen, ich bin Zirell, Kommandantin der Basis 281 Alpha des tindaranischen Militärs. Du hast einen meiner Untergebenen von Bord seines Schiffes geholt und es selbst in der Zeit eingefroren. Mein Untergebener war auf einer humanitären Mission. Es ist ein Leben gefährdet, wenn du ihn nicht freigibst. Sollte es allerdings notwendig sein, dass du ihn bei dir behältst, dann bitte ich dich, mich über den Grund zu informieren. Es sollte doch in unser aller Interesse liegen, die Dimensionen zu erhalten. Vielleicht können wir ja sogar zusammenarbeiten.

Einige Sekunden verstrichen, in denen nichts geschah. Zirell hatte schon Sorge, das Wesen doch nicht erreicht zu haben. Dann aber spürte sie doch jenes Gefühl noch einmal, auf das sie sich gerade eben noch konzentriert hatte, allerdings ohne ihr eigenes Zutun. Außerdem sah sie das Bild einer Fremden vor sich. Für die geübte Telepathin war das ein eindeutiges Signal. Sie streckte ihren rechten Arm nach Maron aus: „Maron, nimm meine Hand!“ Der erste Offizier nickte und tat, was Zirell ihm gesagt hatte. Nun hörten beide die Antwort des Quellenwesens: Zirell von Tindara, mach dir bitte keine Sorgen um Joran Ed Namach. Es liegt auch in unserem Interesse, dass er gesund zu dir zurückkehrt. Aber wir erbitten auch dein Vertrauen. Wir wissen, dass Jenna McKnight alles tut, um sein Schiff und ihn aus der Verwerfung zu befreien. Das soll und wird ihr auch gelingen, aber erst dann, wenn wir es für nötig halten. Mehr kann und darf ich dir nicht sagen.

Die telepathische Verbindung war abgebrochen. Maron und Zirell sahen sich an. „Jetzt sind wir genauso schlau wie vorher.“, sagte die ältere Tindaranerin. „Nicht ganz.“, sagte Maron. „Wir haben ja auch das Bild des Quellenwesens gesehen und ich glaube sogar, ich habe ihre Stimme erkannt. Gib mir bitte einige Minuten mit IDUSA und dem Eindruck ihrer Stimme irgendwo allein. Ich denke, dass ich sie kenne und dass IDUSA ihre Originalstimme auch in der Datenbank finden kann. Wenn wir den Namen kennen, dann wissen wir sicher auch, ob wir ihr vertrauen können.“ „Also gut.“, sagte Zirell vertrauensvoll. „Benutz’ meinen Raum!“ „Danke, Zirell.“, sagte Maron. Dann stand er auf und wandte sich zum Gehen, während er ihr noch zurief: „Ich bin überzeugt, ich werde ein gehöriges Stück zur Lösung des Problems beitragen können!“ Dann ging er schnellen Schrittes durch die Türen, die sich wieder hinter ihm schlossen. Zirell blieb mit einigen Fragezeichen in den Augen zurück.

Joran hatte sich im Inneren einer großen für ihn weiß erscheinenden Energiewolke wieder gefunden. Aber diese Wolke fühlte sich für ihn in keiner Weise gefährlich an. Er hatte keine Ahnung, ob er sich noch im Weltraum, oder gar in der interdimensionalen Schicht befand. Normalerweise wäre das für ihn ein Grund gewesen, alarmiert zu sein, denn an sich konnte ja kein biologisches Wesen im Weltraum oder gar in der Schicht überleben. In der interdimensionalen Schicht wäre das zwar schon möglich gewesen, wenn man außer Phase war und im Weltraum sicher auch mit einem Schutzanzug, aber beides war hier nicht der Fall, oder gar vorhanden. Joran konnte sich weder erinnern, dass sein Schiff in den interdimensionalen Modus gegangen war, noch an die Tatsache, einen Schutzanzug angelegt zu haben. Trotzdem war die Situation für ihn nicht beängstigend. Als Vendar konnte er sehr gut spüren, dass es ein telepathischer Einfluss war, der ihn jetzt unter seine Kontrolle gebracht hatte und ihn wohl auch telekinetisch von Bord seines Schiffes geholt hatte. Mehr konnte er aber nicht sehen, denn die Wolke war in keiner Weise durchsichtig. Ihre Struktur ähnelte für ihn eher einem weißen Nebel oder einem großen Wattebausch. Das stimmte auch mit seiner taktilen Wahrnehmung überein. Warm war es hier und, obwohl er nicht nach außen sehen konnte, war hier im Inneren der Wolke doch alles irgendwie hell erleuchtet. Es gab für ihn also überhaupt keinen Grund, Angst zu verspüren.

Die Wolke schwebte sanft hernieder und gab ihn frei. Jetzt fand sich Joran in einer Art Park wieder. Die Luft war mit sommerlichen 25 ° angenehm warm. Um ihn herum roch es nach Blumen, die er in einigen Kübeln, die rund und weiß waren und auf kleinen künstlichen Felsen standen, sehen konnte. Die Blumen waren von mittlerer Höhe und hatten goldgelbe Blütenkelche, denen ein süßlicher Duft entströmte.

Joran versuchte sich zu orientieren. Die Wolke hatte ihn auf einer freien Fläche mitten in diesem parkähnlichen Gelände abgesetzt. In der Ferne konnte er eine Mauer erkennen, die aus grauen Ziegelsteinen bestand. Er beschloss, diese zunächst als Orientierung zu benutzen und an ihr entlang den Park zunächst einmal von seinem Rand aus zu erkunden. Das erschien ihm weitaus besser, als aufs Geradewohl einfach so in eine Richtung zu gehen. Der Park war ihm schließlich fremd. Er hatte ja immer noch keine Ahnung, wo er sich eigentlich befand. Wenn er sich jetzt noch aussichtslos in einem Labyrinth verirren würde, wäre das mit Sicherheit nicht wirklich gut. Er hatte aber trotzdem nicht das Gefühl, dass die Macht, die ihn entführt hatte, etwas Böses wollte. Wenn das der Fall wäre, dann hätte er es bestimmt gespürt, denn wie sich der Einfluss eines bösen Wesens anfühlte, hatte er ja Jahre lang selbst spüren können. Darin konnte ihm also niemand etwas vormachen.

Joran folgte dem grauen Kiesweg, auf dem er abgesetzt worden war. Dieser führte ihn zu einer Kreuzung, an der er sich mit einem Weg traf, der tatsächlich an der Mauer entlang führte. Auf diesen bog er ab und folgte ihm weiter. Dabei kam er an vielen kleinen Wiesen mit Wildblumen und kleinen Lauben vorbei. Irgendwie schien es ihm hier sehr heimelig, zumal er jetzt auch den Gesang von Vögeln wahrnahm, wie er sie von seiner Heimatwelt kannte. Wo bin ich nur?, dachte er. Wer hat mich entführt und was kann dieses Wesen von mir wollen?

Er blieb stehen und versuchte, sich auf die Wahrnehmung zu konzentrieren, die er hatte, als er sich noch in der Wolke befand. Er wollte versuchen, sich an Dinge zu erinnern, die ihm diese Wahrnehmung vielleicht erklären könnten. Bekannt schien sie ihm im ersten Moment nämlich nicht zu sein. Leider waren seine Bemühungen aber nicht von Erfolg gekrönt. Wie denn auch? Er konnte jenes Wesen, das für seine Entführung verantwortlich war, ja gar nicht kennen.

„Joran Ed Namach?“ Ein kleines liebes leises glockenhelles Stimmchen hatte ihn angesprochen. Aber nicht nur das. Das Stimmchen hatte seinen vollen Namen benutzt. Er drehte sich um und sah eine kleine zierlich gebaute Gestalt, die sich jetzt auf ihn zu bewegte. Die kleine Gestalt war augenscheinlich weiblich, sehr schlank und so zart gebaut, dass Joran Angst bekam, zu tief Luft zu holen. Er sorgte sich wohl darum, dass er sie versehentlich einatmen könnte. Sie hatte lange schwarze Haare und trug ein weißes Kleid, das ihr knapp bis über die Knöchel reichte, was bei ihrer Größe von knapp 1,50 m keine sehr weite Strecke war. Ihre zierlichen Füßchen steckten in kleinen bunten Sandalen. Ihr Gesicht war ungeschminkt. Ihre langen schwarzen Haare trug sie offen, so dass der leichte warme Wind mit ihnen spielen konnte. Das war etwas, dass sie wohl als sehr angenehm empfinden musste, wie Joran beobachtete, denn jedes Mal, wenn sie spürte, wie der Wind ihre Haare anhob, lächelte sie. Sie lächelte aber eigentlich durchgehend.

Langsam kam sie auf Joran zu. Dann lachte sie ihn an und sagte: „Ich grüße dich, Joran Ed Namach.“ Ihre Betonung ließ für Joran keinen Zweifel daran aufkommen, dass seine Anwesenheit ihr sehr angenehm war. Jetzt aber spürte er noch etwas anderes. Er spürte das Gleiche, das er auch in der Wolke gespürt hatte. Es musste sie gewesen sein, die ihn entführt hatte.

Der Vendar fiel reflexartig auf die Knie. Das war etwas, dass er von Kindesbeinen an gewohnt war, wenn er einem mächtigen Wesen gegenüberstand. „Oh das ist aber doch nicht notwendig.“, sagte die kleine Gestalt und schaute ihn lieb an. Dann berührte sie vorsichtig mit ihrer kleinen rechten Hand sein Gesicht. „Bitte steh auf.“, sagte sie tröstend. „Du legst doch vor Zirell von Tindara auch nicht regelmäßig einen Kniefall hin, oder? Außerdem bezeichnet ihr euch doch als freie Vendar, die vor keinem Mächtigen mehr kuschen, nur weil er ein Mächtiger ist. Wenn ihr euch freiwillig einem anschließt, ist das was anderes, wie bei deinem Freund Diran. Aber …“

Joran war aufgestanden. „Na siehst du.“, sagte sie und strich ihm noch einmal über das Fell seines Bauches, der das Einzige war, das sie jetzt von ihm erreichen konnte. Allerdings fühlte sich dies, da es durch die Uniformhose hindurch geschah, für Joran sehr merkwürdig an.

„Ich grüße auch dich, Quellenwesen.“, sagte Joran. „Wie darf ich dich nennen?“ „In meinem sterblichen Leben haben mir meine dortigen Eltern den Namen Illiane gegeben.“, sagte das Quellenwesen.

Joran hatte plötzlich etwas vor Augen, das er eigentlich nur aus Gerüchten erfahren haben konnte. Es hatte schon damals, als er noch Sytania diente, Gerüchte über ein Quellenwesen gegeben, das unter Sterblichen gelebt und Sytania entlarvt hatte. Der Name dieses Wesens sollte Illiane St. John gelautet haben. „Dann bist du Illiane St. John!“, sagte er fest. „Das stimmt.“, sagte das Quellenwesen. „So kennen mich alle.“ „Warum hast du mich hierher gebracht?“, fragte Joran. „Das will ich dir gern erklären.“, sagte das Quellenwesen. „Bitte begleite mich, Joran.“ „Wie du wünschst.“, sagte Joran und wartete ab, bis sie sich auf ihren kleinen zierlichen Füßchen in Bewegung gesetzt hatte. Er hatte in Erwägung gezogen, sie zu tragen und sich von ihr einfach nur dirigieren zu lassen, aber dann hatte er es doch als sehr anmaßend empfunden, sie darauf anzusprechen. Er fand sich also lieber damit ab, langsam hinter ihr her zu trotten.

Sie führte ihn ein weiteres Stück auf dem Weg entlang, bis sie auf einen anderen Kiesweg abbogen, der sie zu einer der Wiesen führte. Hier gab es nicht nur langes weiches grünes Gras, sondern auch einen kleinen Teich in der Mitte, in dem sich einige Fische befanden. Es handelte sich um rötlich schimmernde Goldfische. Außerdem gab es um den Teich herum eine Menge Wasserpflanzen und in seiner Mitte eine Fontäne, die aus einer Ente aus Stein bestand, die in spöttisch anmutender Pose das Wasser aus ihrem Schnabel spritzen ließ. Sie trug Kopf und Schnabel sehr hoch, als sei sie hochmütig. Außerdem verriet die Stellung ihrer Entenfüße einen sehr stark an das Stolzieren eines Hahns erinnernden Gang. Sie stand auf einem künstlichen Felsen mitten im Teich.

Joran musste grinsen, als sie an dem Teich vorbeigingen. „Erinnert dich das an jemanden?“, fragte Illiane freundlich und aufmunternd und deutete auf die Ente. „In der Tat.“, sagte der Vendar. „Wenn du es keinem sagst, Illiane St. John, dann sage ich dir, an wen mich das erinnert. Aber ich denke, wir sollten das anders aufziehen. Hat die Ente einen Namen?“ „Wenn du mich so fragst.“, sagte Illiane. „Dann verrate ich dir jetzt mal was. Im Stillen nenne ich sie manchmal Sytania.“ „Was?!!!“, entfuhr es Joran und sein Mund wurde so groß wie ein Scheunentor. Dann schlug er sich auf die Schenkel und fing ohrenbetäubend an zu lachen. Sein Lachen wirkte auf Illiane so ansteckend, dass sie ebenfalls mit ihrer glockenhellen kleinen leisen Stimme in eben dieses einfiel. Gegen das donnernde Gelächter Jorans bildete ihr leises Gepiepse einen niedlichen akustischen Kontrast.

Die Beiden hatten so gelacht, dass sie erst einmal zu Atem kommen mussten. Dazu setzten sie sich in das weiche hohe Gras. „Du nimmst es mir also nicht übel, dass ich dieser Ente dort den Namen deiner ehemaligen Gebieterin verpasst habe?“, vergewisserte sich Illiane. „Natürlich nicht.“, sagte Joran, der beim Anblick der Ente schon wieder lachen musste. „Im Gegenteil! Dieser Name passt vortrefflich zu ihr. Genauso benimmt sich meine ehemalige Gebieterin ja auch. Genauso!“ Er lachte erneut und steckte auch sie wieder an. „Nur mit der Ausnahme.“, sagte St. John, „Dass diese Sytania statt Gift und Galle harmloses Wasser spuckt.“ „In der Tat.“, bestätigte Joran. „Was mag sich der Künstler wohl dabei gedacht haben?“ Er kratzte sich nachdenklich am Kopf.

Illiane war aufgestanden. „Wir sollten gehen.“, sagte sie. „Wir haben nicht mehr viel Zeit, obwohl die für dich im Moment ja keine Rolle spielt, weil du dich ja außerhalb von Zeit und Raum befindest. Aber deinen Freunden geht es da ganz anders. Das weiß ich.“ „Also gut.“, sagte Joran, der ihre geheimnisvolle Andeutung nicht wirklich zu deuten wusste und ging hinter ihr her.

Der Weg führte beide weiter zu der kleinen Laube, die sich recht zentral auf der Wiese gelegen befand, eine runde Form hatte und aus Holz bestand. In ihrem Inneren gab es einen runden Tisch, der auf einem einzelnen Fuß stand, der aus einem Baumstamm bestand. Der Tisch war mit roter Holzschutzfarbe angestrichen. Rundherum führte eine Bank, die ebenfalls aus dem gleichen Holz, vermutlich terranische Eiche, wie Joran an Hand der Maserung tippte, bestand und die in gleicher Weise angestrichen war. Die Bank war zur Tür der Laube hin offen.

Illiane hatte Joran in die Laube geführt. „Setz dich!“, sagte sie und deutete neben sich auf die Bank. Joran tat, worum sie ihn gerade gebeten hatte.

Kapitel 22: Das Geschenk der Quellenwesen

von Visitor

 

Sie zog an einem kleinen Knebel an einer Schnur, die sich unter dem Tisch befand und die Joran gar nicht bemerkt hatte. Augenblicklich kam ein Vorhang aus einem der zwei Pfosten der Tür und schob sich bis zum zweiten Pfosten vor. Der Vorhang bestand aus weißem geflochtenen Bändern aus Wolle, die zwar irgendwie einen Schutz bildeten, das Licht von außen aber doch durchließen. „So.“, sagte Illiane. „Nun sind wir ungestört. Ich will dir jetzt erklären, warum wir dich hierher geholt haben. Meine Freunde haben dein Schiff in der Zeit eingefroren und wir werden dich, wenn wir beide fertig sind, zu einem Zeitpunkt zurückschicken, an dem du auch deine Mission noch vollenden kannst. Da musst du dir keine Sorgen machen. Wir zwei aber, Joran Ed Namach, du und ich, wir haben eine weitaus bedeutendere Aufgabe vor uns!“

Der Vendar war sichtlich nervös geworden. „Was meinst du damit, Illiane?“, fragte er verwirrt. „Wo bin ich?“ „Du bist innerhalb der Quelle.“, sagte sie. „Ich weiß. Du denkst jetzt, dass das ja nicht sein kann, weil der Legende nach ja kein Sterblicher die Quelle betreten kann, die ja außerhalb von Raum und Zeit liegt. Aber du hast einen sehr wichtigen Zusatz in deinen Gedanken nicht berücksichtigt. Kein Sterblicher kann die Quelle lebend betreten, wenn wir es nicht erlauben. Aber in deinem Fall haben wir es erlaubt, Joran Ed Namach. Weil wir dich brauchen. Dich und deine zur Aufnahme eines Energiefeldes sehr bereite Sifa. Bitte erlaube, dass ich dich mental untersuche.“ „Also gut.“, sagte Joran, dem es sehr mulmig geworden war. Er konnte sich jetzt denken, was sie von ihm wollte, wusste aber auch, dass er sehr aus der Übung war. Weder hatte er das Fütterungsritual in letzter Zeit durchgeführt, denn ohne ein echtes Energiefeld war das ja sinnlos, noch hatte seine Sifa jetzt über fünf Jahre schon kein Feld mehr beherbergt, geschweige denn, dass er einem Telepathen in letzter Zeit Energie abgenommen hatte. Aber wenn sie ihn tatsächlich untersuchen wollte, dann würde sie dies alles ja auch feststellen.

Illiane schloss die Augen. Dann spürte Joran ihre mentale Energie, wie sie ihn durchströmte. Wenige Momente danach sah sie wieder zu ihm auf und lächelte ihn gewinnend an. „Du bist mehr als bereit.“, sagte sie. „Deine Sifa ist sehr gesund und im genau richtigen Zustand. Außerdem musst du etwas an deiner Ernährung getan haben, das die Bildung der Schleimhaut, an der die Energie haften soll, sehr begünstigt hat und ich glaube, ich weiß auch schon, was das war. Das gleiche Mittel nämlich, mit dem ich beabsichtige, dich ein wenig aufzutauen. Du bist ja total nervös, als wärst du noch ein Novize.“ „So fühle ich mich im Moment auch.“, gab Joran zu. „Das musst du nicht.“, sagte Illiane. „Ich bin doch da. Ich werde dir mithelfen, wo es notwendig ist und dich im Zweifel anleiten, wenn du willst.“ „Vielleicht funktioniert das nicht.“, sagte Joran. „Ich bin total aus der Übung, seit ich das Medikament der Tindaraner nehme. Es könnte sein, dass ich dir geistig wehtue, wenn ich dir die Energie abnehme. Dann kannst du vielleicht …“

Sie gab einen beruhigenden Laut von sich. Dann zog sie ihn an sich. „Aber nein.“, tröstete sie. „Nichts von dem wird geschehen. Du musst wirklich keine Angst haben. Du weißt doch, dass der Grad deiner Konzentration über die Geschwindigkeit bestimmt, in der du mir die Energie nimmst.“ „Siehst du.“, sagte Joran. „Das hatte ich schon wieder total vergessen.“ „Das hattest du nicht.“, sagte Illiane. „ich bin sicher, es wäre dir wieder eingefallen, sobald du meine Schläfen berührt hättest. Eure Fähigkeit ist euch doch von der Natur gegeben. Das verlernt man doch nicht.“ „Da bin ich mir nicht so sicher, Illiane.“, sagte Joran. „Aber ich bin es.“, sagte das Quellenwesen. „Und ich bin immerhin ein mächtiges Wesen. Das bedeutet, du kannst mir vertrauen, Vendar.“ „Ich werde es auf jeden Fall versuchen, Quellenwesen.“, sagte Joran. „Na, das ist ja immerhin schon mal ein Anfang.“, sagte Illiane.

Sie machte sich an einem Tablett zu schaffen, das die gesamte Zeit über in der Mitte des Tisches gestanden hatte. Auf dem Tablett befanden sich eine große Karaffe mit gelblich milchigem Inhalt und zwei weiße Gläser in der Gestalt von imperianischen Trinkhörnern, die in zwei silbrig glänzenden Metallständern standen. Diese zog Illiane jetzt näher an die Karaffe heran und füllte sie mit deren Inhalt. Dann schob sie Joran einen der Metallständer samt Glas hin und fragte: „Ananassaft?“ Dabei lächelte sie ihn an, als wollte sie ihn zum Einnehmen des Getränks regelrecht verführen. Ohne es selbst wahrzunehmen hatte Joran genickt. „Also dann.“, sagte Illiane und dann stieß sie mit ihm an. „Auf unser Vorhaben!“, sagte sie. „Möge es gelingen.“, fügte Joran, ebenfalls ohne es wahrzunehmen, mit zuversichtlichem Tonfall bei. Dann berührten sich die Gläser.

Joran nahm einen tiefen Schluck. Dabei genoss er sichtlich, wie der Saft seine Kehle herunterrann. Er hatte diesen flüssigen Leckerbissen erst gerade kennen gelernt und fragte sich, warum er nicht früher darauf gekommen war. Aber ihm brannte noch etwas anderes auf der Seele. Sie hatte viele Dinge erwähnt, die sie nur wissen konnte, wenn sie und ihre Leute ihn lange beobachtet hatten. Sicher. Sie war ein mächtiges Wesen und konnte somit auch ihre Informationen aus ganz anderen Quellen beziehen. Das wusste der Vendar, der ja selbst Jahre lang einem mächtigen Wesen gedient hatte. Genau wie seine ehemalige Herrin auch würde sich Illiane ja auch nur zu wünschen brauchen, dieses oder jenes Wissen zu haben und schon hätte sie es. Aufgrund ihrer Fähigkeiten wäre ihr das ja durchaus möglich gewesen.

Er beschloss, sie einfach mal darauf anzusprechen: „Du musst mich lange beobachtet haben, Illiane St. John.“ „Das ist korrekt, wie du sagen würdest.“, lächelte Illiane. Ihr Lächeln kam Joran sehr mild und freundlich vor. Viel freundlicher, als er es sich ausgemalt hatte. Er hatte im Stillen mit einer Art Standpauke gerechnet, aber er war umso erleichterter, als diese doch ausblieb. „Du scheinst überrascht.“, stellte Illiane fest. „Das bin ich auch.“, gab der Vendar zu. „Ich hatte befürchtet, du würdest es mir übel nehmen, wenn ich dir unterstelle, so in meine Privatsphäre eingedrungen zu sein.“ „Aber warum sollte ich?“, fragte Illiane mit sehr lieber Betonung. „Es ist doch die Wahrheit. Eigentlich bin ich diejenige, die sich bei dir entschuldigen sollte, weil ich dich beobachtet und auch Einfluss auf deinen Sifa-Zyklus genommen habe. Aber wir haben keine Zeit. Wenn wir das Ruder noch herumreißen wollen, dürfen wir nicht länger warten.“ „Ich verstehe.“, sagte Joran, der immer sehr pflichtbewusst war und der auch bereit war, für das Gelingen einer Mission bestimmte Opfer zu bringen. „Es geht hier schließlich um die Dimensionen. Da kann ich so ein bisschen Überwachung schon tolerieren.“ „Da bin ich aber froh.“, sagte Illiane erleichtert.

Joran trank aus und steckte dann sein Trinkhorn wieder in den Ständer zurück. Dann fragte er: „Kannst du mir erklären, ob die Quelle immer so aussieht?“ „Nein.“, sagte Illiane. „Die Quelle hat normalerweise ein Aussehen, das für Sterbliche nicht vorstellbar, oder gar wahrnehmbar ist. Wir haben sie aber so gestaltet, dass du in ihr leben kannst und dass du sie wahrnehmen kannst. Damit du auch mich wahrnehmen kannst, habe auch ich körperliche Gestalt angenommen.“ „Ich bin ein Vendar!“, sagte Joran und entrüstete sich fast etwas dabei. „Ich hätte dich auch so wahrnehmen können!“ „Das weiß ich doch.“, sagte das Quellenwesen. „Aber so ist es doch für uns alle viel leichter, nicht wahr? Der erste Sinn, auf den du dich konzentrierst, wenn dir jemand begegnet, sind doch deine Augen, oder?“ „In der Tat.“, gab Joran zu. „Und diese Umgebung suggeriert ja auch eine humanoide Lebensweise. Du hast Recht. Es ist schon alles so richtig, wie ihr es gemacht habt. Bitte vergib mir.“ „Schwamm drüber.“, lächelte Illiane.

Joran wartete ab, bis auch sie ihr Glas geleert hatte. Dann fragte er: „Wenn wir keine Zeit verlieren dürfen, sollten wir dann nicht gleich mit der Übertragung des Energiefeldes beginnen?“ „Oh.“, sagte Illiane und legte ein fast verführerisches Lächeln auf. „Auf einmal so forsch? Du hattest doch eben noch Angst, mir wehzutun oder etwas falsch zu machen.“ „Ich scheine durch dich neues Zutrauen gewonnen zu haben, Illiane St. John.“, sagte Joran. „Also gut.“, sagte das Quellenwesen und hielt ihm ihren Kopf hin. „Aber vorher möchte ich dir noch etwas erklären über das Feld, das du tragen wirst. Es hat kein Bewusstsein, aber trotzdem wird es die Brücke sein, über die wir mit dir beim Fütterungsritual kommunizieren werden, wenn wir dir etwas zu sagen haben.“ „Ist das Feld allein deine Schöpfung?“, fragte Joran. „Oh nein.“, sagte Illiane. „Es ist die Schöpfung aller Quellenwesen, wenn du so willst. Das Ganze ist etwas kompliziert. Nur so viel. Wir haben es in meinem Geist gezüchtet.“ „Ich denke, ich verstehe.“, sagte Joran. „Ich hoffe wirklich, dass ich jetzt gleich keinen Fehler mache.“

Vorsichtig, fast etwas zögerlich, streckte er seine Hände nach ihren Schläfen aus. „Großartiger Anfang!“, lobte Illiane und lächelte schon wieder. „Und du hast behauptet, aus der Übung zu sein.“ „Das ist eine reine Instinkthandlung gewesen.“, sagte Joran bescheiden. „Das beherrscht jeder Novize im ersten Jahr.“ „So, so.“, sagte Illiane. „Dann solltest du aber schleunigst deinen Instinkten weiter vertrauen.“

Fast ängstlich hatte Joran in der Stellung verharrt, in der seine Hände zuletzt gewesen waren. Nur wenige Zentimeter hatten sie noch von Illianes Schläfen getrennt. „Na trau dich!“, versuchte sie ihn zu motivieren. „So schlimm wird es schon nicht werden.“ „Für mich sicher nicht.“, sagte Joran und seine Stimme begann leicht zu zittern, ein Umstand, der ihm sichtlich unangenehm war. „Aber ich sorge mich um dich.“ „Das hatten wir doch schon.“, sagte Illiane. „Ich habe dir doch versichert, dass ich schon dafür sorgen werde, dass nichts geschieht.“ „Aber vielleicht kannst du das nicht.“, sagte Joran. „Auch ihr seid sterblich, wenn man euch die gesamte mentale Energie nimmt. Ich habe Angst, dass ich es nicht schaffe, die Sache rechtzeitig abzubrechen.“ „Das musst du ja gar nicht.“, sagte sie. „Ich habe nämlich so viel mentale Energie in mir, dass deine Sifa sie gar nicht auf einmal fassen kann. Ich weiß. Du denkst an die Sache mit Zirell. Aber damals hattest du drei Sifa-Zyklen hintereinander ignoriert und dann ist es kein Wunder, dass sich dein Körper, als du dem nächsten Telepathen begegnet bist, beim vierten Mal mit Gewalt geholt hat, was er wollte. Aber unsere Situation jetzt ist doch ganz anders. Erstens hat deine Sifa durch das Medikament der Tindaraner immer das Gefühl gehabt, ein Feld zu tragen, wenn auch nur die biochemischen Bedingungen hergestellt wurden, wie sie dann herrschen und zweitens kennen wir uns doch beide gut genug hiermit aus, dass eigentlich nichts passieren könnte. Du wirst schon sehen. Es wird alles gut gehen.“

Sie ließ einige Minuten verstreichen. Minuten, in denen nichts geschah. „Also gut.“, sagte sie schließlich. „Dann werde ich das wohl in die Hand nehmen müssen.“ Sie griff seine Hände und platzierte sie auf ihren Schläfen. Joran wehrte sich nicht dagegen. Er war viel zu hin und her gerissen, um zu verstehen, was sie da gerade tat. Erst als seine Hände auf ihren Schläfen lagen, wurde es ihm wieder bewusst. Aber auch jetzt schien er nicht so genau zu wissen, ob er sich wehren oder es einfach nur geschehen lassen sollte. „Ihr Götter, bitte helft mir.“, betete er. „Oh wir benötigen deine Götter nicht.“, sagte Illiane. „Sie wären doch nur Zaungäste, weil du das, was du tun musst, auch allein hinbekommst, wenn du deinen Instinkten vertraust. Vergiss mal, dass du es lange nicht mehr gemacht hast. Denk einfach nur daran, was du als nächstes tun möchtest. Was möchtest du jetzt am liebsten tun?“ „Ich möchte mich am liebsten auf meine leere Sifa konzentrieren, damit die Übertragung ausgelöst wird.“, sagte Joran. „Dann tu das.“, lächelte Illiane. „Tu dir keinen Zwang an.“

Vorsichtig begann Joran damit, sich auf seine leere Sifa zu konzentrieren. Alsbald spürte er, wie der Energiefluss von ihr zu ihm in Gang kam. „Ja richtig.“, flüsterte Illiane ihm zu. „Du schaffst es! Ich wusste es! Trau dich ruhig! Sonst sitzen wir in 100 Jahren noch hier. In deiner Zeit bei Sytania warst du doch auch nicht so zimperlich. Du tust mir schon nichts.“

Joran fasste sich ein Herz und konzentrierte sich auf seine leere Sifa, so sehr er es nur konnte. „Geht doch.“, sagte Illiane. „Der Unterschied zwischen deinen früheren Opfern und mir ist, dass ich dir die Energie freiwillig gebe! Deshalb kannst du mir nicht wehtun! Gleich haben wir es, Joran! Gleich, jetzt!“

Das Kribbeln, das Joran verriet, dass die Energie übertragen wurde, hatte geendet. Er ließ Illiane los und sah sie fragend an: „Geht es dir gut?“ „In der Tat.“, lächelte sie. „Du hast alles richtig gemacht. Aber da ist doch noch etwas.“ Joran nickte. Dann sagte er: „Es geht um das Fütterungsritual. „Ich habe Angst, dass es nicht funktioniert, weil ich es lange nicht mehr durchgeführt habe. Wenn ich den Zustand der Fütterung nicht erreiche, werde ich dein Feld verlieren.“ „Na schön.“, sagte Illiane. „Tun wir was für dein Selbstvertrauen und beweisen wir dir, dass auch das funktionieren wird. Aber dazu sollten wir die Umgebung wechseln. Vielleicht wird es ja dann für dich auch einfacher. Komm!“

Sie stand auf und winkte ihm. Dann gingen beide wieder aus der Laube und schlugen den Weg ein, den sie auch gekommen waren. Dieser führte sie dann auch bald zurück zu der Stelle, an der sie das erste Mal Rast gemacht hatten. Joran erkannte sehr genau den Teich mit der steinernen Ente in der Mitte. „Und du glaubst, dass es mir bei Sytania besser gefällt?“, scherzte er in Illianes Richtung. „Das denke ich schon.“, sagte das Quellenwesen. „Das Rauschen von Wasser kann sehr beruhigend wirken. Außerdem sind wir hier allein. Niemand anderes wird herkommen und dich und mich eventuell stören.“ „Ich verstehe.“, sagte Joran. „Deine Freunde dürften ja auch genug mit der Überwachung meines eingefrorenen Schiffes und mit der Beobachtung der für meine Freunde doch fortlaufenden Zeit zu tun haben.“ „Das ist korrekt.“, grinste Illiane. Dabei hatte sie schon wieder einen von Jorans Lieblingssätzen aufgegriffen, was der Vendar grinsend quittierte. Das war übrigens auch eines der wenigen Dinge, die Joran mit jenem Mann mit der Schlange im Bauch aus Shannons Lieblingsschmöker gemeinsam hatte. Die blonde Irin hatte ihn immer wieder damit aufgezogen, aber Joran hatte sich stets wenig daraus gemacht. Er dachte, dass er ihr am besten den Wind aus den Segeln nahm, wenn er ihr Verhalten komplett mit Unaufmerksamkeit beantwortete. Dann würde ihr schon irgendwann die Lust vergehen. Er musste nur genug Geduld haben und Joran hatte eine Menge Geduld. Ihrem sonstigen Verhalten nach sicher mehr als sie. Er konnte sich also ausrechnen, wer früher aufgeben würde.

Illiane hatte ihn zu einem künstlichen Felsen geführt. Gegenüber des kleinen für Joran gerade einmal kniehohen Steins gab es einen zweiten. „Du hast freie Auswahl.“, lächelte Illiane ihm zu. Joran überlegte kurz und setzte sich dann auf den rechten der beiden Felsen. Das Quellenwesen nahm links neben ihm Platz. Dann sah es ihn erwartungsvoll an. „Na los!“, ermunterte Illiane ihn. „Fang an. Ich werde schon auf dich aufpassen.“ „Ich weiß nicht, welches Gesicht ich dem Energiefeld geben soll.“, sagte Joran. „Wenn es eine Schöpfung von euch allen ist, dann …“ „Gib ihm von mir aus mein Gesicht.“, sagte Illiane. „Ich kann schon nachvollziehen, dass es für dich schwierig ist, wenn du nicht genau zuordnen kannst, wer der Schöpfer des Feldes ist. Noch dazu kommt, dass es ja selbst auch kein Bewusstsein hat und somit auch keine Persönlichkeit. Aber das macht nichts. Wir haben jetzt ja eine Lösung gefunden.“ „Wenn diese Lösung funktioniert.“, sagte Joran. „Das wird sie.“, sagte Illiane. „Vertrau mir bitte einfach.“ „Also gut.“, sagte der Vendar, atmete entspannt aus und begann damit, sich auf die für das Fütterungsritual notwendigen Dinge zu konzentrieren.

Sein Geist formte das Bild von einem hellen Raum. In diesem Raum gab es einen großen runden Tisch aus Buchenholz, auf dem ein weißes baumwollenes Tischtuch lag. An dem Tisch standen zwei der üblichen tindaranischen Sitzkissen sich jeweils gegenüber. Auf einem dieser Kissen saß Joran und auf dem anderen das Quellenwesen, dessen Bild Joran, wie es ihm Illiane geheißen hatte, dem Energiefeld gegeben hatte. In der Mitte des Tisches stand eine große silberne Metallschüssel, in der ein Esslöffel aus normalem Metall, wie es im Allgemeinen für schlichtes Besteck benutzt wurde, lag. Indem er die Schüssel ansah, füllte er sie mit seiner eigenen geistigen Energie.

Joran stellte sich vor, wie er dann den Löffel nahm und etwas von der Energie darauf schöpfte. Dann hielt er ihn mit einem liebevollen Blick in Richtung des Mundes des Quellenwesens, das ihn sofort genüsslich ableckte.

Es hatte nur einer dieser Durchgänge genügt und Joran spürte wie das, was er sich gerade vorgestellt hatte, langsam den Platz der Realität einnahm. Alle realen Sinneseindrücke begannen immer mehr zu verschwimmen, bis sie für ihn gar nicht mehr wahrnehmbar waren. Jetzt war er vollständig in die Welt seiner Vorstellung versunken. Dies war auch Illiane nicht verborgen geblieben, die ihn die gesamte Zeit über mental gescannt hatte. „Na siehst du.“, lächelte sie ihm zu. „Du musst dich nur trauen, dann wird es auch was.“

Es vergingen einige Minuten, in denen sich Jorans Geist quasi verselbstständigt hatte und sich völlig automatisiert dem Vorgang der Fütterung hingab. Das war bei einem geübten Vendar normal, aber Joran hatte sich selbst für so ungeübt gehalten, dass er sich das selbst gar nicht mehr zugetraut hatte. Illiane beobachtete ihn die gesamte Zeit über dabei.

Irgendwann verblassten die Bilder von ganz allein und Joran erwachte wieder aus seinem tranceähnlichen Zustand. Lächelnd begrüßte ihn Illiane. „Na, du Tiefstapler!“, sagte sie. „Habe ich dir nicht gesagt, dass es funktionieren wird?“ „Das hast du.“, gab Joran erschöpft, aber zufrieden zu. „Aber bist du sicher, dass mir das auch gelingen wird, wenn ich wieder bei meinen Leuten bin? Es könnte ja immer noch sein, dass du mir heimlich geholfen hast.“ „Hast du mein Bild ein zweites Mal gesehen, oder hast du es nicht.“, fragte Illiane. „Ich sah dich nur einmal.“, sagte Joran. „Siehst du?“, fragte Illiane. „Das bedeutet, ich war nicht mit in deinem Kopf, um dich zu unterstützen. Du hast unsere Schöpfung ganz allein gefüttert. Also wird es dir auch ein Leichtes sein, das weiterhin zu tun.“ „Wenn du dir da so sicher bist.“, sagte Joran, der immer noch von Zweifeln besetzt war. Er war nicht sicher, ob er das alles vielleicht nur träumte. „Hey!“, sagte Illiane. „Tiefstapeln ist eigentlich mein Job. Aber wie es aussieht, wächst da wohl eine ernstzunehmende Konkurrenz heran.“ Joran grinste. „Eigentlich ist es ja gar nicht meine Art, so tief zu stapeln.“, sagte er. „Aber …“ Etwas hatte ihn stutzen lassen. „Das wolltest du doch die ganze Zeit über provozieren, nicht wahr? So ein kleines Wesen und dann doch so klug! Wer hat dir die Anwendung umgekehrter Psychologie so vollkommen beigebracht?“ „Das war Agent Sedrin Taleris, die heute Sedrin Taleris-Huxley heißt.“, sagte Illiane. „Bei ihr bin ich sozusagen zur Schule gegangen. Sie war eine großartige Lehrerin!“ „In der Tat.“, gab Joran zu. „Und du musst eine ihrer fleißigsten Schülerinnen gewesen sein.“ „Das war ich wohl.“, sagte Illiane. „Aber damit sind wir schon bei dem Grund, aus dem wir dich hergeholt haben. Es wird die Zeit kommen, da wird man nach einem Weg suchen müssen, den Untergang der Dimensionen aufzuhalten.“ „Da kommt dann bestimmt das Energiefeld ins Spiel.“, sagte Joran. „Gut kombiniert.“, erwiderte Illiane. „Und damit auch alle dir glauben, wenn du dereinst dem Geheimdienst der Sternenflotte gegenüberstehen wirst, trägt das Feld, das du trägst, auch teilweise meine Signatur. Sedrin hat ein fast fotografisches Gedächtnis. Sie wird sie erkennen, denke ich, wenn sie die Signatur auf dem Display ihres Erfassers sehen wird.“ „Jetzt ergibt alles für mich langsam einen Sinn.“, sagte Joran.

Illiane stand auf. „Ich denke, es wird nun Zeit, dich wieder in die Zeit einzusetzen.“, sagte sie. „Wie gesagt, ich werde einen Zeitpunkt wählen, an dem du deine Mission noch zu Ende bringen kannst. Du musst aber deinen Leuten, insbesondere deiner Telshanach, vertrauen, egal was sie zu dir sagen wird. Es wird dir zunächst sehr seltsam vorkommen, was sie von dir verlangt. Aber du musst es trotzdem tun!“ „Ich verstehe.“, sagte Joran. „Darf ich eigentlich meinen Leuten von dem Energiefeld berichten?“ „Natürlich darfst du das.“, sagte Illiane. „Zirell von Tindara wird das sogar sehr begrüßen, denke ich. So weiß sie, dass die Quellenwesen nicht zulassen werden, dass Sytania und Valora mit ihrem Vorhaben durchkommen.“ „Ich denke, dass Valora aber nur durch ihre Eifersucht verblendet ist.“, sagte Joran. „Wirklich boshaft ist sie nicht. Aber meine ehemalige Gebieterin versteht es vortrefflich, die Lage solch verzweifelter Wesen für sich auszunutzen.“ „Ich wusste, du würdest es so sehen.“, sagte das Quellenwesen. „Ich wusste, dass du deinem Namen alle Ehre machen würdest, Joran, was in deiner Muttersprache so viel wie der moralisch Aufrechte bedeutet. Du verstehst es unbeirrbar, Gut und Böse voneinander zu trennen.“ „Auch ich könnte einmal fehlen, Illiane.“, sagte Joran. „Natürlich.“, beruhigte ihn Illiane. „Aber die Tatsache, dass dir das bewusst ist, wird die Wahrscheinlichkeit, dass es passiert, sehr stark reduzieren, denke ich. Du wirst sehr aufpassen und gut überlegen, bevor du ein Urteil fällst.“ „Anführerin Zirell behauptet, dafür wäre ich bekannt.“, sagte Joran. „Na siehst du.“, sagte Illiane. „Aber jetzt wird es wirklich Zeit, dass du nach Hause kommst.“

Joran spürte, wie sich dieselbe Art von Wolke, die ihn auch hergebracht hatte, erneut um ihn legte. Er wusste, jetzt würde der Moment seiner Abreise gekommen sein. Deshalb vertraute er der Wolke aber auch. Sie würde ihn schon wieder heil auf seinem Schiff absetzen.

Maron und Zirell hatten sich in der Kommandozentrale der Basis lange schweigend angesehen. Die letzten Informationen aus dem Maschinenraum hatten sie doch gleichermaßen irritiert und beruhigt. Eine Einmischung der Quellenwesen war durchaus als positiv zu erachten, aber dass sie eventuell die Zeitlinie kompromittieren würden, gefiel dem Ersten Offizier gar nicht. Auch ging ihm gewaltig gegen den Strich, dass die energetischen Verwerfungen, die Jenna als unsichtbare Abwinde bezeichnet hatte, eben unsichtbar waren und somit jedes andere Schiff ebenfalls in eine solche Situation geraten konnte und vielleicht war dann gerade kein Quellenwesen zur Stelle, um es zu retten.

Der Demetaner hatte begonnen, hilflos an seinen Fingernägeln zu kauen. „Was ist dein Problem, Maron?“, fragte ihn Zirell mit einem tröstenden Seitenblick in seine Richtung. „Ich halte dieses Nichtstun einfach nicht mehr aus, Zirell!“, sagte Maron. „Ich werde in den Maschinenraum gehen und mir die Sache mit diesen unsichtbaren Abwinden mal von McKnight erklären lassen. Ich denke dabei nicht nur an Joran und Shimar, sondern auch an alle anderen Patrouillen da draußen. Es könnte theoretisch jedem Piloten passieren. Vielleicht kann McKnight ja diese Dinger irgendwie sichtbar machen. Wenn ihr das gelänge, dann wären wir sicher einen großen Schritt weiter. So, wie ich sie verstanden habe, kann so etwas jederzeit und in jeder Dimension auftreten. Wenn wir die Dinger aber sehen könnten, dann könnten wir ihnen auch aus dem Weg fliegen.“ „Langsam, Maron.“, versuchte Zirell, seinen Tatendrang ein wenig zu bremsen. „Lass Jenna doch erst einmal eine Lösung für Joran finden, damit er da wieder herauskommt. Auch sie kann bestimmt nur ein schwieriges Problem auf einmal lösen und hat jetzt bestimmt keine Zeit, dir auch noch eine Lehrstunde in interdimensionaler Physik zu erteilen. Ich finde es zwar löblich, dass du etwas tun willst, aber im Moment geht das leider nicht. Aber wenn du eine Beschäftigung brauchst, dann wüsste ich da schon etwas für dich. Du wolltest dich doch um die Identität des Quellenwesens kümmern und feststellen, ob man ihr vertrauen kann oder nicht. Was ist eigentlich daraus geworden?“ „Ich habe meine Pläne diesbezüglich erst einmal wieder verworfen, Zirell.“, sagte Maron. „Ich bin nämlich nicht sicher, ob das so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt habe und das kannst du ruhig wörtlich nehmen.“ „Wie meinst du das?“, fragte die tindaranische Kommandantin. „Es ist so.“, erklärte Maron. „Du und ich, wir haben beide die Stimme des Quellenwesens in unserem Geist gehört und ihr Bild vor unserem geistigen Auge gesehen. Ich bin aber nicht sicher, wie ich IDUSA diese Eindrücke vermitteln soll.“ „Na, das ist doch wohl das Einfachste der Welt.“, lächelte Zirell ihm zu. „Du nimmst deinen Neurokoppler und setzt ihn auf. Dann lädt IDUSA deine Reaktionstabelle und dann kann sie all’ deine Gedanken sehen. Sie kann dann auch sehen, was du dir vorstellst, weil das Bild ja auch in deinem Kopf geformt wird.“ „Gilt das auch für akustische Parameter?“, fragte Maron ungläubig. „Auch dafür.“, bestätigte die Tindaranerin.

Maron atmete erleichtert auf. „Da bin ich aber froh.“, sagte er. „Sternenflottenrechner können das nicht. Wir sind ja auch erst am Anfang, was die Neurokoppler-Technologie angeht. Da sind wir lange noch nicht so weit wie ihr.“ „Ach, das ist dein Problem.“, erkannte Zirell. „Na ja. Ist ja nicht so schlimm, wenn du von Zeit zu Zeit mal nachfragen musst. Schließlich würde ich von einem Erstklässler ja auch kein Algebra verlangen.“ „Danke für dein Verständnis.“, sagte Maron. „Nur O’Riley hätte das nicht mitbekommen dürfen. Sie hätte bestimmt wieder einen Grund zum Lästern gefunden, weil ich den Mund mal wieder etwas voll genommen hätte.“ „Ich dachte, du stehst mittlerweile über ihren Sprüchen.“, erwiderte Zirell erstaunt. „Wie man’s nimmt.“, sagte Maron. „Aber danke für deine Information. Ich werde sie gleich mal umsetzen. Es ist mir übrigens lange nicht mehr unangenehm, wenn unsere IDUSA-Einheit meine Gedanken liest. In diesem Fall muss sie es ja sogar. Ich denke sogar, dass es sehr hilfreich sein dürfte.“ „Oh ich denke auch, es dürfte dir einiges erleichtern.“, sagte Zirell. „Auch was Vernehmungen angeht.“ „Davon gehe ich auch aus.“, sagte der Agent. „Schon praktisch, wenn man tindaranische Technologie im Haus hat.“

Er stand auf und ging pfeifend aus dem Raum. Das Lied, das er vor sich hin pfiff, trug den Titel: „It’s so nice, to have a man around.“ Denen unter euch, die Tanzstunden besucht hatten, dürfte es bekannt sein. Maron aber hatte daraus im Stillen gemacht: „It’s so nice, to have an IDUSA Around.“, auch wenn das irgendwie nicht ganz zur Melodie passen wollte.

Kapitel 23: Mutige Schritte

von Visitor

 

Mit Hilfe der interdimensionalen Sensorenplattform hatten Jenna und Shannon Jorans Schiff beobachtet. Da es jetzt quasi nicht mehr abhängig von der Zeit war, hatte die hoch intelligente Halbschottin dies als die einzige Möglichkeit erachtet, überhaupt noch Daten von ihm bekommen zu können. Außerdem dachte sie sich, dass sie so am ehesten sehen würden, wenn Joran sich wieder an Bord befinden würde.

„Wie wollen wir das Schiff da eigentlich wieder rauskriegen, Jenn’?!“ Jenna hatte die Stimme, die sie so angesprochen hatte, irgendwie nicht wirklich wahrgenommen. Erst als Shannon ihr auf die Schulter klopfte, drehte sie sich um. Dabei schaute sie ihre Assistentin erschrocken an. „Oh, sorry.“, flapste Shannon ihr entgegen. „Wusste ja nich’, dass Sie gerade wieder beim Denken sind.“ „Schon gut, Shannon.“, sagte Jenna. „Wenn ich nur wüsste, wie wir Joran helfen können. Diese interdimensionalen Wirbel, die bei solchen energetischen Verwerfungen entstehen, sind nicht nur tückisch, sondern, wie ihr vendarischer Name schon sagt, auch noch unsichtbar. Die Kräfte, die in so einem Wirbel herrschen, können ein Schiff zerdrücken wie eine Eierschale und das wäre denkbar schlecht für den Piloten. Sie müssen sich das vorstellen wie den Wirbel eines Tornados.“ „Oh.“, stöhnte Shannon. „Das is’ verdammt übel! Aber auch so ein Wirbel saugt einen doch hoch und spuckt einen irgendwann auch wieder aus.“ „Das ist richtig.“, sagte Jenna. Aber wir wissen nicht, wo das sein wird. Er kann in einer völlig fremden Dimension wieder auftauchen, oder auch hier. Wir müssten wissen, wo Ende und Anfang des Wirbels sind. Aber das können wir ja im Augenblick nicht sehen.“

Shannon hatte einen kurzen Blick auf den virtuellen Monitor geworfen, den IDUSA ihr und Jenna gleichermaßen über die Neurokoppler gezeigt hatte. Dann sagte sie grinsend: „Ich glaube, da liegt unser Jenn’-Nie ausnahmsweise mal falsch.“ Jenna sah sie an. „Was meinen Sie damit?“, sagte sie mit leicht verwirrtem Ausdruck im Gesicht. „Das werden Sie gleich sehen.“, sagte die blonde Irin und grinste noch stärker. Dann stellte sie sich ihre Hand vor, wie sie über den Bildschirm schwebte und dann über einem bestimmten Punkt innehielt. IDUSA setzte dies sofort als Befehl um und ließ es auch Jenna sehen. „Wo für halten Sie denn wohl das hier?“, fragte Shannon und klang dabei schon fast etwas schadenfroh. Sie war sicher, dass es Jack O’Neill aus ihrem Lieblingsbuch niemals vergönnt war, Samantha Carter, das Genie der Truppe, als das auch Jenna galt, auf etwas hinzuweisen, aber dass das Schicksal ihr offenbar jetzt diese Rolle zugewiesen hatte, fand sie äußerst amüsant.

Ungläubig starrte Jenna mit ihrem geistigen Auge auf das Bild, das sich ihr bot. Genau sah sie jetzt den Verlauf des Wirbels. Allerdings fiel ihr auf, dass dieser die gleiche energetische Struktur wie die Energie aufwies, die sich in den Systemen für den Interdimensionalen Antrieb der IDUSA-Einheit befand. „Ich glaube, IDUSAs Systeme haben den Wirbel regelrecht angezogen, Shannon!“, sagte sie begeistert. „Ich denke, jetzt habe ich endlich etwas, mit dem ich arbeiten kann! Ich danke Ihnen, Assistant!“

Sie stand auf und fiel Shannon um den Hals. „Oh, Jenn’.“, presste die blonde Irin hervor, die von ihrer Vorgesetzten so heftig gedrückt worden war, dass sie befürchtet hatte, ihr würde die Luft wegbleiben. „Zu viel der Ehre. Aber lassen Sie mich bitte los. Sonst muss Zirell noch eine echt irische Beerdigung schmeißen und das würde ich gar nich’ so gut finden, weil ich dann nich’ mitmachen könnte, weil es nämlich die Meine wäre. Das wäre ’ne echte Sauerei, wenn Sie mich fragen. Ich liebe nämlich echt irische Beerdigungen!“ „Oh.“, machte Jenna, grinste und ließ Shannon los. „Dafür möchte ich natürlich nicht verantwortlich sein. Aber ohne Sie hätte ich niemals herausgefunden, dass der Wirbel offensichtlich von IDUSAs interdimensionalen Antriebssystemen und dem dazugehörigen Netzwerk regelrecht wie von einem Magneten angezogen und wohl auch gespeist wird. Vielleicht bricht er zusammen, wenn wir ihm von jetzt auf gleich seine Energiequelle entreißen.“ „Das würde was bedeuten?“, fragte Shannon. „Ich meine, ein langsames Herunterfahren der Systeme würde sicher nicht schnell genug gehen, oder?“ „Ganz richtig.“, sagte Jenna. „Wir müssen Joran sagen, er muss das System hart abschalten. Er muss ihm die Hauptenergie nehmen und das erreicht er nur, wenn er das richtige Modul herauszieht. Sobald wir die Datenverbindung wiederhaben und er wieder an Bord ist, werde ich es ihm sagen.“

Shannon hatte sich wieder der Arbeitskonsole zugedreht. „Ich denke, das können Sie bald haben, Jenn’.“, sagte sie. „Die Verbindung is’ wieder da. Offenbar haben die Quellenwesen Jorans Schiff losgelassen. Laut Sensoren ist auch er wieder an Bord.“ „Die erste gute Nachricht seit langem, Shannon.“, sagte Jenna erleichtert. Dann befahl sie in Richtung des Rechners: „IDUSA, Sprechverbindung mit Jorans Schiff aufbauen!“

Die Wolke hatte Joran im Inneren des Cockpits seines Schiffes abgesetzt, ihn freigegeben und sich dann aufgelöst. Der Vendar, dem klar war, dass dies auf ihn zukommen würde, hatte dies aber durchaus auf der Rechnung gehabt. Deshalb hatte er auch seine Orientierung schnell zurück. Sofort schnappte er sich seinen Neurokoppler und setzte ihn auf, was IDUSA erleichtert zur Kenntnis nahm und sofort seine Reaktionstabelle lud.

„Da sind Sie ja wieder!“, begrüßte ihn der Avatar mit erleichtertem Gesicht. „Aber ich bin verwirrt. Offenbar hat sich etwas bei Ihnen verändert. Sie tragen ein Energiefeld. Aber das können Sie sich unmöglich in einer Sekunde geholt haben.“ „Das habe ich auch nicht.“, sagte Joran. Er wurde das Gefühl nicht los, seinem Schiff dringend etwas erklären zu müssen. „Aber man hat dich in der Zeit eingefroren, während man mich entführt und mir das Feld übertragen hat. Das wird deine Datenlücken erklären.“ „Wer ist „man“?“, fragte IDUSA. „Ich konnte die Signatur der Wolke, die Sie aus meinem Cockpit geholt und auch hier wieder hergebracht hat, nicht identifizieren.“ „Die Quellenwesen sind die Schöpfer des Feldes.“, sagte Joran. „Ich weiß. Ich wollte keinem Mächtigen mehr dienen. Zumindest hat deine Regierung das wohl so verstanden. Aber ich glaube manchmal, dass sie sich die Sache auch so zurechtlegen, wie sie ihnen passt. Sie hätten mir damals genauer zuhören sollen, als sie mich bezüglich meiner Ambitionen interviewt haben. Ich hatte gesagt, ich will nie wieder Sytania dienen! Ich habe niemals ausgeschlossen, dass ich mich nicht einem guten Mächtigen anschließen würde.“ „Bedeutet Ihre Einlassung, dass wir Sie an die Quellenwesen verlieren werden?“, fragte das Schiff. „Aber nein.“, antwortete der Vendar und stellte sich vor, dass er ihren Avatar vor seinem geistigen Auge tröstend ansah. „Da musst du dich nicht sorgen. Ich soll das Feld nur zu seiner vollständigen Entwicklung bringen. Mehr haben die Quellenwesen mir nicht gesagt. Aber ich vertraue ihnen und ich denke, das werden die anderen auch, wenn sie hören, dass ich mich mit Illiane St. John unterhalten habe.“ „Ich weiß, wer das ist.“, sagte IDUSA. „Sie galt zu ihren Lebzeiten als sehr loyal und die Besatzung des Schiffes, auf dem sie stationiert war, hat ihr sehr vertraut, obwohl sie eine ehemalige Raumpiratin war.“ „Das ist korrekt.“, sagte Joran.

Ihm war aufgefallen, dass sie sich noch immer in dem Wirbel befanden, IDUSA sich aber mit ihm drehte. Außerdem flog sie auf Automatik, was ja auch kein Wunder war, nachdem ihr Pilot sie so plötzlich verlassen hatte. „Das machst du sehr gut, IDUSA.“, sagte Joran freundlich. „Mir bleibt ja auch gar nichts anderes übrig.“, sagte das Schiff. „Wenn meine Hülle intakt bleiben soll, darf ich den Kräften hier ja keinen Widerstand entgegenbringen. Das haben Sie mir ja beigebracht, indem Sie auch erst gar nicht den Versuch unternommen haben gegenzusteuern.“ „Und das aus gutem Grund!“, sagte der erfahrene Flieger fest. „Sonst hätten wir nämlich die Wahl gehabt, ob wir zerrissen oder zerquetscht werden wollen.“ „Das ist korrekt.“, sagte jetzt IDUSA ihrerseits. „Aber so mancher andere Pilot hätte das wohl versucht.“ „Und hätte euch beide getötet, der Narr!“, entgegnete Joran und machte ein verächtliches Gesicht. „Dabei sollte doch jeder wissen, dass man nicht jeder Welle davonschwimmen kann und sich manchmal, wenn sie einen trifft, besser einfach tragen lässt, um nicht zu ertrinken. Keine Angst! Du wirst so etwas weder bei mir, noch bei Shimar erleben!“ „Ich bin eine künstliche Intelligenz.“, sagte das Schiff. „Ich kann keine Angst empfinden.“ „Trotzdem schwöre ich dir, dass Shimar oder ich dir oder deiner Kollegin niemals so etwas antun werden!“ „Wie bin ich erleichtert!“, sagte IDUSA, eine Reaktion, die zu ihren erlernten Verhaltensweisen gehörte. Erleichterung an sich konnte sie ja auch nicht empfinden, musste aber eine Möglichkeit finden, diese Diskussion schnell zu beenden.

Ein Blinklicht auf der virtuellen Konsole vor Jorans geistigem Auge lieferte auch bald den Grund. „Ich glaube, da hat jemand Sehnsucht nach uns.“, sagte Joran. „Das ist korrekt.“, antwortete das Schiff. „Ich habe Ihre Freundin für Sie, die offenbar eine Lösung für unser Problem hat.“ „Dann gib sie her!“ befahl Joran. IDUSAs Avatar nickte.

Das Bild vor seinem geistigen Auge wich dem von Jenna. „Telshanach, ich höre.“, sagte er ruhig und signalisierte mit einem aufmerksamen Gesicht Aufnahmebereitschaft für jede Theorie von ihr, so absurd sie vielleicht im ersten Moment klingen mochte. „Hi, Joran.“, sagte eine leicht aufgeregte McKnight. „Hör mir jetzt bitte genau zu! Wir haben herausgefunden, dass das gesamte Netzwerk für IDUSAs interdimensionalen Antrieb offenbar sehr attraktiv für unsichtbare Abwinde ist. Offenbar speist sie den Wirbel sogar noch. Wir können ihn nur zerstören, wenn du diese Energie blitzschnell abschaltest und ich meine blitzschnell. Wenn du die Systeme erst langsam herunterfährst, geht das nicht schnell genug. Der Wirbel könnte sich anpassen und euch trotzdem bis zu seinem Ende mitnehmen, wo immer das auch sein möge. Du musst das System für den interdimensionalen Antrieb hart abschalten. Weißt du, was das bedeutet?“ „Nicht genau, Telshanach.“, sagte Joran. „Also gut.“, sagte Jenna. „Dann werde ich es dir jetzt erklären, damit keine Missverständnisse auftreten. Du musst dem Hauptrechner für den interdimensionalen Antrieb von jetzt auf gleich seine Energie nehmen. Lass dir bitte einen nicht leitfähigen Handschuh replizieren. Das dürfte in jedem Fall gesünder für dich sein. Die Riegel an den Modulen sind zwar auch nicht leitfähig, aber sicher ist sicher. Dann soll dir IDUSA Wartungsschacht K20 öffnen. Wiederhole bitte, Joran! Welchen Wartungsschacht soll IDUSA öffnen?“ „Wartungsschacht K20, Telshanach!“, wiederholte Joran fest. „Richtig.“, bestätigte Jenna. „Ich wollte nur sicher gehen, dass alles akustisch richtig bei dir angekommen ist. Unsere Verbindung wird schlechter und es könnte Schwierigkeiten geben.“ „Schon gut, Telshanach.“, sagte Joran. „Das habe ich auch schon gemerkt. Die Wartungsschächte liegen aber hinten. Ich werde unser Gespräch auf mein Handsprechgerät legen müssen.“ „Das ist schon OK.“, sagte Jenna. „Solange du IDUSA als Relais benutzt.“ „Genau das habe ich vor.“, sagte der Vendar und zog das Gerät aus der Tasche. „OK.“, sagte die hoch intelligente Halbschottin. „Dann gib IDUSA die notwendigen Befehle und geh nach hinten. Du musst dich beeilen! Viel Zeit haben wir nicht mehr, wenn ich dich auch noch durch die ganze Sache sprechen muss. Du musst ja wissen, welche Leitung es ist. Aber das kann ich dir auch jetzt sagen, Joran.“, sagte Jenna. „Wenn du vor dem Schacht stehst, ist es …“ Die Verbindung war zusammengebrochen.

Joran schaute zuerst etwas ratlos vor sich hin. Dann aber stand er auf und sagte: „Also gut, IDUSA. Dann müssen wir das eben allein hinbekommen! Öffne mir Wartungsschacht K20!“ „Ich habe alles mitbekommen.“, sagte das Schiff und ihr Avatar machte ein sorgenvolles Gesicht vor Jorans geistigem Auge. „Aber wenn Sie dem System die Energie nehmen, ohne dass ich vorher noch einmal die Daten speichern kann, werden die Programme Schaden nehmen!“ „Ich habe Jenna genau zugehört.“, sagte der Vendar. „Sie hat meiner Ansicht nach nicht gesagt, dass du deine Daten nicht speichern darfst. Die haben ja schließlich nichts mit der Energieversorgung zu tun, oder?“ „Das ist richtig.“, sagte IDUSA. „Also dann.“, sagte Joran und drehte sich in Richtung Tür, die ihn in die Achterkabine und von dort in den Frachtraum führte, wo sich auch die Zugänge für die Wartungsschächte befanden. Vorher hatte er aber noch den Handschuh mitgenommen, den ihm das Schiff, wohl als Vertrauensbeweis, gerade repliziert hatte.

Hier steckte Joran sofort wieder seinen Neurokoppler an. „So, IDUSA.“, sagte er und zog sich den weißen Handschuh über die rechte Hand. Dieser bestand aus einem nicht leitfähigen Material und war sehr anschmiegsam und bewegungsfreundlich. „Also gut, IDUSA.“, sagte Joran. „Dann werden wir jetzt mit unserer Rettung aus eigener Kraft beginnen!“ „Darf ich fragen, wie Sie das ohne die Hilfe von Techniker McKnight bewerkstelligen wollen?“, fragte IDUSA. „Natürlich darfst du das.“, sagte Joran. „Ich werde jetzt gleich einige Module der Reihe nach entriegeln und bewegen. Sag mir, wenn eines davon für die Hauptleitung des Rechners des interdimensionalen Antriebs zuständig ist!“ „Also gut, Joran.“, sagte IDUSA.

Der Vendar griff mit der rechten Hand, über die er den Handschuh gezogen hatte, nach dem ersten Modul und tat, was er gerade gesagt hatte. „Sie sind richtig.“, sagte das Schiff.“ „Also gut.“, sagte Joran. „Dann speichere deine Daten, IDUSA! Es geht los!“ Er zog das Modul heraus.

Ein Surren in IDUSAs Systemen kündete vom schnellen Herunterfahren des Rechners für den interdimensionalen Antrieb. Dann brach auch der Wirbel in sich zusammen und gab das Schiff wieder frei. Joran bemerkte das nur anhand eines starken Rucks, der durch das gesamte Schiff ging.

Er steckte das Modul zurück und ging wieder ins Cockpit. Dann sagte er: „In Ordnung, IDUSA. Wo sind wir?“ „Wir befinden uns im tindaranischen Universum, Joran.“, sagte das Schiff, nachdem sie ihre Sensorenwerte überprüft hatte. „Das ist ja sehr gut.“, sagte Joran. „Dann suche nach Shimars Schiff und bring uns hin. Vorher rufst du die Station! Ich möchte meiner Telshanach sagen, dass es geklappt hat.“ „Wie Sie wünschen, Joran.“, sagte IDUSA und führte Jorans Befehle aus.

Den Zusammenbruch der Verbindung hatten natürlich auch Jenna und Shannon an ihrem Arbeitsplatz mitbekommen. „Verdammt, Shannon!“, zischte die hoch intelligente Halbschottin ihrer irischen Assistentin zu. „Gerade jetzt, als ich ihm den Weg zeigen wollte!“ „Wo is’ denn das Problem?“, fragte die blonde Irin unverständig. „Der Grizzly dürfte doch mit Ihren Infos prima klarkommen! Und wenn nich’, dann findet er sicher selbst einen Weg. Da würde ich sogar mit Ihnen drum wetten. Der Grizzly is’ der Grizzly, Jenn’! Der wuselt sich aus jeder blöden Situation wieder raus. Sie werden schon sehen.“ „Das hier ist eine hoch komplizierte technische Operation, Shannon.“, sagte Jenna und bemühte sich ernsthaft darum, nicht über ihren Witz zu lachen. Die Fähigkeit zum Wuseln wurde ja im Allgemeinen eher kleineren Wesen zugeschrieben und zu denen zählte Joran ja nun so gar nicht. In ihrem Kopf hatten sich zu diesem Thema aber eine Menge lustiger Bilder angesammelt. Jenna aber wollte verhindern, dass ihre Assistentin den Eindruck gewann, es sei alles nur ein lustiges Spiel. Das war es in ihren Augen nämlich gar nicht. Es gab ihrer Meinung nach noch viel zu viele Variablen, die zu Komplikationen führen konnten, wenn die Kommunikationsverbindung nicht augenblicklich wieder hergestellt wurde. „Ach deswegen meinen Sie, dass das außer Ihnen keiner verstehen soll.“, sagte Shannon und klang sehr fasziniert. Allerdings übertrieb sie es dermaßen mit der Schauspielerei, dass sogar ein Tauber gehört hätte, wie sehr sie sich über Jennas letzte Äußerung lustig machte.

Jenna wandte sich dem Rechner der Station zu: „IDUSA, kannst du mich erneut über das interdimensionale Relais mit Joran verbinden?“ „Bedaure.“, gab der Rechner zurück und ihr Avatar vor Jennas geistigem Auge machte ein trauriges Gesicht. Gleich darauf aber schlug ihr Ausdruck in Fröhlichkeit um und sie fügte bei: „Das kann ich nicht, weil sich Joran und sein Schiff bereits wieder in unserer Dimension befinden. Außerdem ruft er uns gerade. Er verlangt gezielt nach Ihnen, Techniker McKnight.“

Verwirrt sah Jenna sich im Raum um. Ihr Blick traf sich mit dem von Shannon, die darauf mit einem breiten Grinsen reagierte. „Na, Jenn’!“, grinste sie. „Wer hat denn jetzt wohl Recht gehabt, he?“ „Sie, Assistant.“, sagte Jenna erleichtert. „Offensichtlich habe ich Ihre Fähigkeit, die Talente meines Freundes einzuschätzen, gründlich unterschätzt. Tut mir leid. Ich sollte Ihnen vielleicht öfter zuhören und nicht gleich immer alles abtun, was Sie so von sich geben.“ „Darum möchte ich aber auch gebeten haben.“, sagte Shannon und grinste erneut.

IDUSAs Avatar vor Jennas geistigem Auge hatte eine Handbewegung ausgeführt, als hätte sie Jenna zu sich heranwinken wollen und sich geräuspert. Da die hoch intelligente Halbschottin immer noch den Neurokoppler trug, hatte sie dies zweifelsfrei mitbekommen. „Ich bin ja schon da, IDUSA.“, sagte sie beschwichtigend und wandte sich wieder ihrer Arbeitskonsole zu. „Verbinde mich jetzt bitte mit Joran.“ „Wie Sie wünschen, Techniker.“, sagte IDUSA gewohnt nüchtern.

McKnight sah, wie der Avatar einige Schritte zurück tat, um Jorans Bild Raum zu geben. Das geschah immer, wenn der Rechner eine Verbindung mit jemandem schaltete und war für Jenna deshalb nicht weiter verwunderlich. Dann sah sie das Bild ihres Freundes. Erleichtert nahm sie zur Kenntnis, dass es Joran offensichtlich gut ging und dass er und sein Schiff offenbar noch immer in einem Stück waren.

„Ich grüße dich, Telshanach!“, sagte der Vendar und machte keinen Hehl daraus, wie stolz er auf die eigene Leistung war, sein Schiff auch ohne ihre weiteren Anweisungen aus eigener Kraft und vor allem aus eigenem Wissen wieder aus dem Wirbel befreien gekonnt zu haben. Sicher hatte sie ihn in die richtige Richtung geschickt, den Weg aber war er dann ganz allein bis zum Ende gegangen, als die Physik verhindert hatte, dass sie ihn weiter begleitete.

Jenna musste ein paar Mal tief durchatmen, bevor sie das Gespräch aufnehmen konnte. Dann aber stellte sie sich vor, den Sendeknopf auf der virtuellen Konsole vor ihrem geistigen Auge zu drücken und sagte: „Oh, Telshan! Du hast uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Ich hatte schon gedacht, dass wir uns nicht mehr wieder sehen, als unsere Verbindung zusammenbrach. Aber offenbar hast du es allein hingekriegt.“ „Hast du mir das denn wirklich nicht zugetraut, Telshanach?“, fragte Joran. „Hast du gedacht, ich würde mich nicht mehr an deine kleinen Tricks und Kniffe erinnern, über die du mit uns allen manchmal ganz beiläufig redest? Ich bin ein Vendar! Wir haben ein sehr gutes Gedächtnis für Details, Telshanach.“ „Ich finde interessant, dass du offenbar auf alle möglichen Dinge achtest.“, sagte Jenna. „Ich liebe dich, Telshanach.“, sagte Joran. „Deshalb ist mir extrem wichtig, was du sagst.“ „Schmeichler.“, sagte Jenna und lächelte. „Aber ich möchte wirklich wissen, woher du wusstest, was zu tun war. Wer hat dir verraten, welche Leitung die richtige ist?“ „Das will ich dir alles gern erklären, Telshanach.“, sagte Joran. „Ich werde das tun, sobald ich wieder zurück bin. Ich denke, Anführerin Zirell und Agent Maron werden ebenfalls mit mir sprechen wollen und da kann ich ja dann auch gleich alle Karten auf den Tisch legen. Du solltest dann ebenfalls anwesend sein. Du und Ishan. Mach dir bitte keine Sorgen. Es ist alles gut bei mir. Aber ich werde euch allen etwas sehr Wichtiges sagen müssen. Jetzt suche ich aber erst einmal nach Shimar und nehme ihm unseren Patienten für Nidell und Ishan ab, damit er auch seine Mission vollenden kann.“ „In Ordnung, Joran.“, sagte Jenna. „Ich werde Zirell und Maron schon einmal informieren.“ „Tu das.“, sagte Joran und beendete die Verbindung.

Das tindaranische Schiff, über dessen Systeme das Gespräch gelaufen war, wendete sich etwas irritiert an ihrem vendarischen Piloten: „Warum haben Sie Jenna noch nichts von dem Feld und den Quellenwesen erzählt, Joran?“ „Ich wollte sie nicht mit zu vielen Informationen überfordern, IDUSA.“, antwortete der Vendar. „Interessant.“, erwiderte das Schiff. „Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass eine so intelligente Person wie Techniker McKnight mit diesen Informationen überfordert wäre.“ „Du kennst sie noch nicht so gut.“, sagte Joran. „Du bist erst seit kurzer Zeit bei uns. Deshalb halte ich dir das zugute. Aber ich habe auch keine Lust, alles doppelt und dreifach zu erzählen und jetzt such nach Shimar!“ „Wie Sie wünschen.“, sagte IDUSA und begann mit der Suche, die sie bald schon erfolgreich beendet hatte. „Ich habe ihn gefunden, Joran.“, meldete sie und ihr Avatar lächelte ihn an. „Gut.“, sagte Joran nur kurz und knapp. Der Vendar war noch nie ein Freund großer Worte gewesen. Das hatte er übrigens auch mit dem Mann mit der Schlange im Bauch aus Shannons Lieblingsbuch gemeinsam. Shannon hatte es in beiden Fällen mit der fremden Muttersprache und dem damit vorhandenen vielleicht nicht ausreichenden Englisch in Zusammenhang gebracht. „Dann übernimm das Steuer und bring uns hin!“, befahl Joran. IDUSAs Avatar nickte und das Schiff machte sich daran, seine Befehle auszuführen.

Shimars IDUSA-Einheit hatte die Annäherung Jorans und seines Schiffes registriert. „Es sieht aus, als hätte sich Joran selbst aus seiner Lage befreien können, Shimar.“, sagte das Schiff. „Sie hatten wohl doch Recht. Es tut mir leid, dass ich so vorschnell war.“ „Es muss dir nicht leidtun, IDUSA.“, tröstete der Tindaraner. „Wenn ich die Einmischung des Quellenwesens nicht auch gespürt hätte, dann hätte ich sicher genauso reagiert.“ „Da haben Sie mir etwas voraus.“, sagte IDUSA. „Als Telepath verfügen Sie über diese Möglichkeit, die ich, als künstliche Intelligenz, nicht habe.“ „Das weiß ich doch.“, sagte Shimar. „Und deshalb werde ich die Sache auch auf sich beruhen lassen und dich nicht melden. Du konntest ja nichts dafür, dass du keine Telepathie empfangen kannst. Jedenfalls nicht direkt.“ „Ich danke Ihnen.“, sagte das Schiff und ihr Avatar machte ein erleichtertes Gesicht. „Sie sind, meinen Herstellern sei Dank, keiner von den Piloten, die dann sofort glauben, ich würde ihre Autorität untergraben wollen. Nein, Shimar. Sie gehen der Sache erst einmal auf den Grund und urteilen dann.“ „Das ist wohl auch der Grund, aus dem wir beide uns so gut verstehen.“, sagte Shimar und lächelte. „Ich habe deine Diskussionsfreude nie als Problem, sondern eher als Bereicherung empfunden. Aber was hast du da eben gesagt? Du bezeichnest deine Hersteller als eine Art Götter? Dabei sind und waren es doch nur ganz normale tindaranische Techniker!“ „Na ja.“, sagte IDUSA. „Das war wohl eher metaphorisch gemeint. Sie sagen ja auch: Den Göttern sei Dank, obwohl Sie heute genau wissen, dass Sie ein Produkt der Evolution sind. Ich habe nur nach einem Äquivalent gesucht.“ „OK.“, sagte Shimar langsam und deutlich und löste sich langsam aus jener angespannten Haltung, die er kurzzeitig eingenommen hatte. „Dann willst du also keinen von uns in den Gottesstand erheben. Das konnte ich mir bei dir auch nicht wirklich vorstellen, so aufgeklärt wie du bist. Außerdem: Wie hätte ich das Jenna und Shannon erklären sollen, dass du in Zukunft vorhast, sie und ihresgleichen anzubeten? Ich glaube, die wären nicht so begeistert gewesen.“ „Ihre Vermutung deckt sich vollständig mit den Profilen, die ich über Techniker McKnight und Technical Assistant O’Riley angelegt habe.“, sagte IDUSA. „Weder die eine, noch die andere würden eine solche Erhebung, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, jeweils gut heißen. Jenna, weil sie zu vernünftig ist und genau weiß, dass sie eben nicht unfehlbar ist und Shannon, weil sie die Mächtigen an sich nicht mag und deshalb auf keinen Fall mit ihnen auf einer Stufe stehen möchte.“ „Das ist wohl richtig, IDUSA.“, antwortete Shimar.

Joran und sein Schiff waren jetzt in Sensorenreichweite von Shimars Schiff gekommen. „Ich sehe Shimars Schiff.“, meldete IDUSA an Joran. „Und ich sehe auch ein Veshel, das sich in ihrem Traktorstrahl befindet. An Bord des Veshel befindet sich ein schwaches vendarisches Lebenszeichen. Es ist schwach, aber stabil. Offenbar hängt es an einer Überlebenseinheit.“ „Ruf Shimar!“, befahl Joran. „Wie Sie wünschen.“, sagte IDUSA und stellte die Sprechverbindung für den Vendar her.

Shimar und seine IDUSA hatten den Ruf durchaus mitbekommen. „Ich habe Joran für Sie, Shimar.“, sagte das Schiff. „Stell ihn durch!“, antwortete der junge tindaranische Flieger. „Sofort, Shimar.“, sagte IDUSA.

Das Bild ihres Avatars wich dem von Joran. „Hi, Kumpel.“, flapste Shimar und grinste ihn an. „Ich grüße dich, mein Freund.“, sagte der Vendar viel förmlicher, was seine typische Art war. Shannon hatte ihm dies zwar oft vorgeworfen, er hatte es aber bis heute nicht abstellen können. Der Grund dafür war sicher seine dem Englischen nun überhaupt nicht ähnliche Muttersprache und die Tatsache, dass er in Kreisen verkehrt hatte, in denen eine leicht geschwollene Sprache durchaus zur Tagesordnung gehörte.

„Ich bin hier, um dir deinen Patienten abzunehmen.“, sagte der Vendar. „Dann komm bitte erst zu mir an Bord.“, sagte Shimar. „Ich muss dir noch etwas geben und dann muss ich dir noch etwas vorspielen. Hier sind Dinge passiert, die nicht so ganz koscher sind. Dein Schiff kann das von Diran ja schon einmal in den Traktorstrahl nehmen.“ „In Ordnung, Shimar.“, sagte Joran. „Dann sag deinem Schiff bitte, dass es mich holen soll.“ „OK.“, sagte Shimar. „Dann halt dich bitte bereit.“

Er stellte sich vor, den Avatar seines Schiffes vor seinem geistigen Auge anzusehen und sagte: „Du hast ihn gehört, IDUSA.“ „Sicher.“, sagte das Schiff nüchtern. „Ich habe den Traktorstrahl von Jorans Schiff registriert. Ich löse jetzt unseren. Joran habe ich ebenfalls mit dem Transporter erfasst. Ich beame jetzt!“

IDUSAs Transporter summte und dann nahm Shimar eine immer fester werdende Säule aus Energie neben sich wahr, die langsam die Gestalt seines Freundes annahm. „Schön dich zu sehen.“, lächelte er ihm zu. „Das gleiche gilt auch für dich.“, sagte Joran und lächelte ebenfalls. Dann sagte er: „Wir sollten schnell zur Sache kommen. Diran hat wenig Zeit, wenn ihm noch geholfen werden soll.“ „Schon gut.“, sagte Shimar. „Setz dich erst mal.“ Er deutete auf den Sitz neben sich.

Joran nickte und setzte sich neben seinen Freund, der dabei war, etwas aus seiner Uniformtasche zu holen. Dabei schien er etwas nervös. „Ist etwas mit dir nicht in Ordnung?“, fragte der Vendar besorgt. „Wie man’s nimmt.“, sagte Shimar. „Ich habe das Gefühl, dass du ein Energiefeld trägst. Aber das kann auch täuschen. Wenn ich deinen Sifa-Zyklus richtig im Kopf habe, dann müsstest du heute dringend zum Arzt. Ich meine, Ishan müsste dir das Medikament geben, damit du nicht zur Gefahr für uns Telepathen werden kannst. Deiner Sifa müsste vorgespielt werden, dass du ein Feld trägst. Aber meines Wissens werden dann doch nur die biochemischen Gegebenheiten verändert und es gibt keine echte Energie, die ich spüren könnte. Was kann das sein?“ Er kniff konzentriert die Augen zusammen. „Wenn du mich mal ausreden lassen würdest.“, sagte Joran etwas genervt. „Dann würdest du bald wissen, dass du dir diese Mühe sparen kannst. Deine telepathische Wahrnehmung stimmt nämlich. Ich trage ein Feld.“

Wie versteinert saß Shimar da und brachte kein Wort heraus. Die angestrengte Überprüfung seiner telepathischen Wahrnehmung hatte er wieder abgebrochen. In jenem Zustand, in dem er jetzt war, hätte dies, so empfand er es zumindest, ohnehin nicht funktioniert. „Was hast du da gerade gesagt?“, sagte er. „Sag das bitte noch mal!“ „Meinst du alles?“, fragte Joran grinsend. „Dann muss ich aber genau überlegen. Ich kann meine Worte von gerade nämlich nicht mehr auswendig. Aber vielleicht kann IDUSA mir helfen.“ Er grinste breit. „Von wegen, du Witzbold.“, sagte Shimar und musste ebenfalls grinsen. „Aber du weißt doch ganz genau, was ich meine. Ich meine den Satz mit dem Feld.“ „Also gut.“, sagte Joran. „Ich trage ein echtes Feld. Die Quellenwesen haben es mir gegeben.“ „Also doch.“, sagte Shimar. „Was hat es damit auf sich? Ist es ein Wesen? Ich meine, hat es ein Bewusstsein? Ich habe keines gespürt, aber …“ „Dein Gefühl ist korrekt.“, sagte der Vendar. „Es ist nur Energie, die sie mir anvertraut haben. Ich weiß nicht, wie lange ich sie tragen werde, noch weiß ich, was genau ihre Aufgabe sein wird. Ich weiß nur, dass sie auch eine Brücke zu den Quellenwesen darstellt. Sie kommunizieren über sie mit mir, wenn ich das Fütterungsritual durchführe.“ „Sieh an, sieh an.“, sagte Shimar. „Dann würde ich sie an deiner Stelle mal fragen, was das zu bedeuten hat.“ „Das habe ich schon getan.“, sagte Joran. „Illiane St. John, das Quellenwesen, das mir das Feld übergeben hat, hat mir alle Informationen gegeben, die sie für richtig hielt. Ich war lange bei ihr. Es ist viel Zeit vergangen. Aber sie scheint mich zu einem Moment zurückgebracht zu haben, der nicht so fern liegt.“ Er hatte einen Blick auf die Zeitanzeige von Shimars Sprechgerät werfen können, das aus der Brusttasche seiner Uniform ragte. „Offensichtlich.“, sagte der junge Tindaraner und begann ebenfalls in der Tasche zu kramen.

Er zog den kleinen Behälter mit den Resten des Glasröhrchens hervor und übergab ihn Joran. „Für Agent Maron.“, fügte er bei. „Vielleicht kann auch Ishan damit was anfangen, falls er die Menge des Giftes berechnen will, die Diran genommen hat.“ „Gift?“, fragte Joran verwundert. „Pass auf!“, sagte Shimar.

Er zog sein Sprechgerät aus der Tasche. Die Nachricht, die er während seiner überwachten Außenmission auf Dirans Schiff gehört hatte, war von diesem aufgezeichnet worden. „Du musst die Qualität entschuldigen.“, sagte Shimar. „Ich musste das Mikrofon über den Monitor halten und über den Lautsprecher. Es kann sein …“ „Schon gut.“, drängte Joran. „Mach einfach! Ich werde mit ein wenig Kratzen und einem verschwommenen Bild schon klarkommen!“ „Also gut.“, sagte Shimar und tippte auf ein Symbol im Display, worauf das Gerät mit dem Abspielen der Aufzeichnung begann: „Meine Freunde, wenn einer von euch diese Nachricht findet, weile ich vielleicht nicht mehr unter den Lebenden, oder ich liege im Koma. Ich habe mich selbst gerichtet, denn es darf nicht sein, dass ich Sytania weitere Informationen gebe. Offenbar hat mich meine Herrin versehentlich unter die falsche Art von Bann gestellt. Ich bin mir dessen natürlich nicht bewusst und kann es nur anhand der Geschehnisse vermuten, denn ich habe aus Versehen einem von Sytanias Vendar eine wichtige Information übergeben. Was genau geschehen ist, werdet ihr in den Aufzeichnungen meines Rechners finden. Es dauert zu lange, euch das zu erklären. Ich habe das Gift der Neshar-Rose zu mir genommen, das bereits seine Wirkung entfaltet. Ich habe nicht mehr viel Zeit!“

„Kelbesh!“, fluchte Joran, nachdem die Aufzeichnung geendet hatte. „Das kann ich nur bestätigen.“, sagte Shimar. „Und zwar ein riesiger Haufen davon.“ „In der Tat.“, sagte Joran bedient. „Aber umso wichtiger ist es, dass ich Diran so schnell wie möglich zu Ishan bringe.“ Shimar gab einen bestätigenden Laut von sich. „Und ich werde mich um Tolea kümmern.“ „Tu das.“, sagte Joran. „Und nun lass IDUSA mich wieder zurückbeamen.“

Shimar nickte und gab seinem Schiff die entsprechenden Befehle. Dann sahen sie, wie Joran und sein Schiff sich langsam aus ihrer Reichweite entfernten. „Wir sollten uns auf den Weg ins Raum-Zeit-Kontinuum machen.“, schlug IDUSA vor. „Da hast du Recht.“, sagte Shimar. Wir sollten keine Zeit verlieren, wenn wir Tolea noch mit ihrem Fehler konfrontieren wollen. Je frischer ihre Erinnerungen sind, desto mehr Eindruck werden wir hinterlassen. Fliegen wir!“ IDUSAs Avatar nickte und dann aktivierte das Schiff ihren interdimensionalen Antrieb. Beide verschwanden in einer weißen Kugel aus Licht.

 

Kapitel 24: Vertrauensbeweise

von Visitor

 

Maron hatte sich, wie er es vor längerer Zeit angekündigt hatte, in Zirells Bereitschaftsraum begeben. Hier hatte er jetzt seinen Neurokoppler in einen Port an der Konsole auf Zirells Schreibtisch gesteckt. Der Rechner der Station hatte daraufhin sofort seine Reaktionstabelle geladen. „Was gibt es, Agent Maron?“, fragte IDUSA freundlich. „Warum möchten Sie mit mir allein sprechen?“ „Die Sache, die ich mit dir vorhabe.“, begann der Demetaner. „Ist etwas kompliziert. Ich hoffe, dass wir das zusammen hinbekommen werden.“ „Wenn es kompliziert ist.“, sagte der Rechner. „Würde ich die Hilfe von Techniker McKnight in Anspruch nehmen, wenn ich Sie wäre. Ich denke, das könnte uns einige Komplikationen ersparen.“ „Oh ich glaube kaum, dass wir ihre Hilfe benötigen werden, IDUSA.“, sagte Maron. „Ich bin nämlich sicher, dass du mir die Fragen, die ich an dich habe, auch selbst beantworten kannst.“ „Dann schießen Sie mal los!“, forderte IDUSA ihn auf.

Maron setzte sich. Die gesamte vorherige Zeit über hatte er mit aufgesetztem Neurokoppler stehend verbracht. „OK.“, sagte er. „Sag mal, wenn ich mir ein Bild vorstelle, kannst du es dann auch sehen?“ „Selbstredend, Agent.“, sagte der tindaranische Computer. Es ist nichts anderes für mich als jeder Gedankenbefehl, den Sie mir geben.“ „Und kannst du auch eine Stimme erkennen, die ich mir vorstelle?“, fragte der erste Offizier immer noch sehr ungläubig. „Auch das kann ich.“, sagte IDUSA. „Warum bezweifeln Sie das?“ „Es tut mir leid.“, sagte Maron. „Ich habe wohl immer noch meine Schwierigkeiten mit tindaranischer Technologie. Aber wenn das wirklich funktionieren sollte, was ich vorhabe, dann würde es mich auch gleichermaßen faszinieren.“ „Ich hörte, dass Sternenflottenoffiziere Dinge lieben, die faszinierend sind.“, versuchte IDUSA die Situation aufzulockern. Ihr war klar, dass Maron wohl einiger Hilfe bedurfte, was das anging. Seine Psyche schien immer noch nicht mit diversen Eigenheiten der tindaranischen Technologie zurechtzukommen. Sie konnte zwar kein Mitleid im eigentlichen Sinne empfinden, wusste jedoch, dass sein Verhalten in der Hinsicht Bände sprach. Darauf konnte sie durchaus mit gelernten Mustern reagieren und eines von ihnen war eben auch, dass sie einen lockeren Spruch klopfte. Maron, der damit wohl nicht gerechnet hatte, musste laut lachen. „Na sehen Sie.“, sagte IDUSA und ihr Avatar vor seinem geistigen Auge lächelte ihn an. Dabei kam Maron sich vor, als wäre er bei seinem ersten Rendezvous. „Aber Sie brauchen doch nicht nervös zu sein.“, sagte der Rechner. „Jedenfalls werden Sie keinen so großen Fehler machen können, der mich beleidigt, den Raum verlassen und heulend in das Shuttle meiner besten Freundin steigen lässt.“

Jetzt war der Knoten endgültig geplatzt! Maron saß da und schlug sich auf die Schenkel vor Lachen. Wahrscheinlich hatte er sich das gerade vorgestellt. „Macht sich etwa O’Riley ab und zu an deiner Verhaltensprogrammierung zu schaffen, IDUSA?“, fragte der Erste Offizier zwischen zwei Lachsalven. „Was du da gerade von dir gegeben hast, könnte nämlich durchaus zu ihrem Humor passen.“ „Nun.“, sagte der Rechner. „Ohne sie kompromittieren zu wollen, ja. Sie tut es auch bei mir.“ „Du hast den Technical Assistant nicht kompromittiert.“, sagte Maron. „Ich habe nämlich keineswegs vor, ihr aus der Sache einen Strick zu drehen. Im Gegenteil! Damit hat sie erreicht, dass ich mich in deiner Gegenwart viel wohler fühle und jetzt auch keine Probleme mehr mit unserem Vorhaben habe. Also, IDUSA, wer ist diese Frau?!“

Der Demetaner begann damit, sich auf das Bild des Quellenwesens, das er in seinem Kopf hatte, zu konzentrieren. Dann sagte er: „Such bitte auch in den mit uns vernetzten Datenbanken der Sternenflotte und unseren politischen Verbündeten, sofern du an sie herankommst! Ich hätte auch noch eine Stimmprobe. Achtung!“ Er ließ auch Illianes Sätze noch einmal in seinem Geist revuepassieren. „Ich habe ein sehr deutliches Bild und eine sehr deutliche Stimmprobe von Ihnen erhalten.“, sagte IDUSA. „Allerdings könnte die Suche ein wenig dauern. „Das macht nichts.“, sagte der Agent. „Wenn du nichts dagegen hast, dann könntest du mir vielleicht in der Zwischenzeit einen Kaffee replizieren.“ „Also gut.“, sagte IDUSA.

Ein leuchtendes Lämpchen am Auswurffach des Replikators kündete von der Ausführung des Befehls. Maron stand von seinem Sitzkissen auf und ging hin, um seinen Kaffee in Empfang zu nehmen. Dann setzte er sich mit der Tasse in der rechten Hand wieder auf seinen Platz. Den Neurokoppler, den er zwischenzeitlich abgelegt hatte, um sich freier bewegen zu können, setzte er auch wieder auf.

IDUSA hatte vor seinem geistigen Auge eine Graphik aufgebaut, in der er jetzt genau über ihre Suche informiert wurde. Sie bestand aus den jeweiligen allgemeingültigen Kennzeichen der Gebiete, zu denen die Datenbank gehörte, die sie gerade durchsuchte und einem roten Punkt, der durch das Gebiet wanderte.

Im Gebiet der Föderation blieb der Punkt plötzlich stehen. „Ich gehe davon aus, dass du etwas gefunden hast, IDUSA.“, sagte Maron. „Das ist korrekt.“, sagte IDUSA.

Sie zeigte ihm das Bild eines jungen Allrounders ehrenhalber, der zwar von Statur und Größe durchaus Illiane entsprach, aber einen kleinen Faktor hatte, der Maron empfindlich zu stören schien. „Das ist sie!“, sagte der Agent. „Aber warum hast du sie in die Uniform eines Allrounders ehrenhalber gesteckt?“ „Weil sie einer war.“, sagte IDUSA. „Zu ihren Lebzeiten war Allrounder Illiane St. John Mitglied der Crew der USS Eclypse, die von Commander Jaden H. Huxley kommandiert wurde. Durch ihre damalige Bereitschaft, Sytanias Beteiligung an einem Anschlag auf Dills Leben aufzudecken, kam sie dorthin. Sie hat damals gegen ihre ehemalige Raumpiratenbande ausgesagt. Sie wurde von ihren Vorgesetzten und ihren Kameraden gleichermaßen als sehr loyal und verlässlich beschrieben. Sie …“ „Halt, IDUSA!“, sagte Maron und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Wie soll ich mir denn das alles merken?! Repliziere mir einen Datenkristall und zieh ihr Profil darauf. Dann habe ich zumindest auch etwas, das ich Zirell zeigen kann.“ „Wie Sie wünschen.“, sagte IDUSA und führte Marons Befehle aus. Der Agent war sehr froh, endlich etwas in der Hand zu haben. Die Situation an sich war ihm nämlich nicht ganz geheuer gewesen, aber jetzt hatte er etwas, das er Zirell und der Zusammenkunft präsentieren konnte, wenn es hart auf hart kam. Diese Aussicht ließ ihn große Erleichterung empfinden.

Abwartend saß Zirell auf ihrem Platz in der Kommandozentrale. Dabei schloss sie mit sich selbst Wetten ab, ob es Maron gelingen würde, über seinen Schatten zu springen, was die doch sehr intensive Arbeit mit IDUSA anging. So eng, wie er jetzt mit ihr zusammenarbeiten müsste, hatte er es nämlich noch nie getan und er hatte ihr gegenüber auch einmal gestanden, ernsthafte Schwierigkeiten mit der Tatsache zu haben, dass ein Computer seine Gedanken lesen könne. Das war zwar relativ nah am Anfang ihrer Zusammenarbeit gewesen, schien aber ab und zu immer noch durch, wenn Maron IDUSA benutzte. Die Tindaranerin war sehr gespannt, wie er dieses Mal mit der Situation umgehen würde. Sie hatte ihm irgendwie nicht ganz abgenommen, dass er seine Pläne nur wegen eventueller Bedenken, die eigentlich schon längst aus dem Weg geräumt waren, über den Haufen geworfen hatte. Sie hatte sich zwar nichts anmerken lassen, aber tief in ihrem Inneren hatte Zirell all das, was Maron gesagt hatte, eher für eine billige Ausrede, als für die Wahrheit gehalten.

Sie kam allerdings nicht mehr dazu, weiter über die Situation nachzudenken, da IDUSA ihr im nächsten Moment meldete: „Commander, ich habe Joran für Sie!“ „Gib her.“, meinte Zirell lakonisch.

Das Bild des Avatars vor ihrem geistigen Auge wich dem des Vendar. Dann sagte eine Zirell sehr wohl bekannte Stimme: „Ich grüße dich, Anführerin Zirell!“ „Hallo, Joran.“, erwiderte Zirell. „Ich sehe, du hast Dirans Schiff im Traktorstrahl. Bring es am besten gleich nach Andockplatz 2. Jenna und Shannon sollen sich darum kümmern.“ „Das will ich gern tun, Anführerin.“, sagte Joran. „Außerdem werde ich Diran sofort auf die Krankenstation beamen lassen. Aber es wäre gut, wenn Agent Maron und du mich an der Schleuse erwarten könntet. Ich muss ihm etwas übergeben und dir etwas sagen. Eigentlich muss ich es euch allen sagen.“ „Du verstehst es vorzüglich, jemanden auf die Folter zu spannen.“, sagte Zirell. „Was kann denn das für ein Geheimnis sein?“ „Bitte lass uns im Konferenzraum darüber reden, Anführerin.“, sagte der Vendar, dem es überhaupt nicht gefiel, eine Sache mehrmals berichten zu müssen. „Du solltest alle herbeiholen. Es hat nämlich etwas mit unser aller Sicherheit zu tun.“ „Nein, diese Andeutungen!“, sagte Zirell und tat pikiert. „Aber wenn du meinst, dann werde ich allen Bescheid sagen, wenn du es unbedingt für nötig hältst.“ „Das tue ich in der Tat.“, bestätigte Joran. „Also gut.“, sagte Zirell. Dann befahl sie IDUSA, die Verbindung wieder zu beenden.

Mit stolz geschwellter Brust und den Datenkristall mit dem Profil weithin sichtbar vor sich her tragend, als sei er eine frisch erlegte Trophäe, die er Zirell unbedingt zeigen wolle, hatte der demetanische erste Offizier die Kommandozentrale wieder betreten. Dann hatte er sich neben seine Vorgesetzte gesetzt und sie wartend angesehen.

Zirell hatte dies, da es auch sehr leise geschehen war, zuerst nicht wirklich registriert. Umso überraschter war sie, als er sie dann doch, aus ihrer Sicht sehr plötzlich, ansprach: „Zirell?“ Sie fuhr herum. „Oh, Maron.“, sagte sie schnell. „Du bist schon wieder zurück? Und was hast du denn da Schönes?“ „Das wirst du gleich sehen, Zirell.“, sagte Maron und beugte sich zum Laufwerk an der Arbeitskonsole, an der beide saßen, hinunter. Dann schob er den Datenkristall hinein. „IDUSA.“, befahl er in Richtung des Rechners. „Die auf dem gerade von mir in Laufwerk A an dieser Konsole eingelegten Datenkristall vorhandene Datei aufrufen!“ „Sofort, Agent.“, gab der Rechner nüchtern zurück und führte Marons Befehl aus.

Vor den geistigen Augen der Kommandantin und ihres Ersten Offiziers erschien das Deckblatt von Illianes Personalakte. Links waren ihre persönlichen Daten tabellarisch aufgeführt. Die rechte Hälfte des Blattes wurde von einem großen Foto ausgefüllt, das sie zeigte. Sofort fiel Zirell die Ähnlichkeit auf. „Wer ist das, Maron?“, fragte sie. „Darf ich dir Allrounder ehrenhalber Illiane St. John vorstellen, Zirell?“, fragte Maron höflich und lächelte sie an, als seien sie in einem Café in einer kleinen privaten Plauderrunde und Illiane sei eine seiner Freundinnen. Wenn man den Hintergrund betrachtete, aus dem heraus er dieses tat, machte sein Verhalten aber durchaus einen Sinn. Schließlich war es sein Bestreben, sie Zirell als eine Freundin zu präsentieren, der man vertrauen konnte.

Die Tindaranerin betrachtete das Foto sehr genau. Dann fragte sie: „Denkst du wirklich, das ist unser Quellenwesen?“ „Was ich denke, spielt in diesem Fall keine Rolle, denke ich.“, sagte Maron. „IDUSA hat sie eindeutig identifiziert und das konnte sie nur anhand meiner Gedanken tun!“ In seinem letzten Satz war viel Stolz mitgeschwungen. „Du hast dich also tatsächlich getraut.“, sagte Zirell und klopfte ihm auf die Schulter. „Ja, das habe ich.“, sagte Maron. „Aber um ehrlich zu sein, hat IDUSA es mir auch sehr leicht gemacht. Zuerst hatte ich Schwierigkeiten. Das hat sie wohl auch gesehen. Dann hat sie einen Witz gemacht und peng war meine Angst verflogen.“ „Peng!“, wiederholte Zirell verwundert. „Interessante Wortwahl. Passt irgendwie aber nicht ganz zu dir, findest du nicht? Mich würde mal interessieren, welche Rolle Shannon bei der ganzen Sache gespielt hat.“ „Shannon.“, sagte der erfahrene Kriminalist und zog die Stirn kraus. „Ja, in gewisser Hinsicht hat sie damit zu tun. Sie hat IDUSA erst ermöglicht, dass sie mir meine Angst mit einem coolen Spruch nehmen konnte. Sie peppt von Zeit zu Zeit ihre Sprachroutinen auf, wie es aussieht. Darin ist sie aber so gut, dass wir es anscheinend bisher noch nie bemerkt haben. Allerdings nur bis heute.“ „Interessant.“, sagte die ältere Tindaranerin. „Ich denke, ich werde mal ein ernstes Wort mit ihr reden müssen.“ Bei ihrem letzten Satz grinste Zirell, Dieses Grinsen schien bei Maron allerdings nicht anzukommen. „Willkommen im Fettnapf, Maron.“, sagte der Demetaner leise, aber doch gut hörbar für Zirell. „Das hatte ich damit eigentlich nicht beabsichtigt. Ich wollte Ms. O’Riley eigentlich nicht kompromittieren.“ „Und ich hatte nie beabsichtigt, Shannon an den Karren zu fahren.“, tröstete Zirell. „Nicht?“, fragte Maron verwirrt. „Aber du sagtest doch …“ „Ach das.“, sagte Zirell und grinste erneut. Dieses Mal aber direkt in seine Richtung und so breit, dass er es auf keinen Fall übersehen konnte. „Das war doch nicht ganz ernst gemeint. Hast du meinen Gesichtsausdruck denn nicht gesehen?“ „Der muss mir wohl völlig entgangen sein.“, sagte Maron. „Ich war wohl mit meinen Gedanken total in anderen Sphären. Aber lass uns bitte zu St. John zurückkommen, Zirell. Ihre Vorgesetzten und ihre Kameraden haben große Stücke auf sie gehalten. Sie war immer sehr loyal, obwohl sie eigentlich eine Raumpiratin war. Aber das ist sie nur geworden, weil das Schicksal es nicht gut mit ihr meinte und sie auf die schiefe Bahn geschickt hat. Ihr Herz aber saß am richtigen Fleck!“ „Ich finde es ja sehr löblich, dass du für diese Offizierin eine solche Lanze brichst.“, sagte Zirell. „Aber woher weiß ich, dass sie wirklich unser Quellenwesen ist?“ „Laut ihren Daten.“, begann Maron. „War sie das schon immer. Sie wurde nur als Sterbliche geboren, um ihre Mission ausführen zu können. Ihre Eltern waren ein Terraner und eine Capellanerin. Das bedeutet, sie hatte einen sehr guten Geruchssinn, der ihr damals ermöglichte, Sytania zu entlarven. Aber das steht ja alles hier drin. Aber ich weiß schon, auf was du hinaus willst. IDUSA, ersetze die Uniform von Allrounder St. John durch das Kleid, das sie auf dem Bild getragen hat, das du von mir bekommen hast!“

Der Rechner führte Marons Befehl aus und augenblicklich sahen der Agent und Zirell wieder das Bild vor sich, das sie auch in ihrem Geist gesehen hatten, als Illiane mit ihnen sprach. „Das sieht schon anders aus.“, sagte Zirell. „Das bedeutet.“, sagte Maron. „Du glaubst mir jetzt?“ „Ja, das tue ich.“, sagte Zirell beschwichtigend. „Natürlich tue ich das. Es war nur alles im ersten Moment etwas verwirrend für mich.“ „Was glaubst du, was es für mich war.“, stöhnte Maron und legte die Stirn in Falten.

IDUSA zeigte sich beiden erneut über die Neurokoppler. Dann räusperte sie sich und sagte: „Commander, Joran hat gerade gedockt und Diran ist auf der Krankenstation. Techniker McKnight ist informiert, was die Untersuchung von Dirans Schiff angeht. Auch Ishan habe ich über die Situation in Kenntnis gesetzt. Es wäre gut, wenn Sie und der Agent Joran empfangen würden.“ „Oh sicher, IDUSA.“, erinnerte sich Zirell, die während der Unterhaltung mit Maron tatsächlich die Vereinbarung mit Joran aus den Augen verloren hatte. „Sag Joran bitte, dass wir auf dem Weg sind.“ „Wie Sie wünschen.“, sagte der Rechner der Station und löschte die Reaktionstabellen des Commanders und des Agenten aus ihrem Arbeitsspeicher.

Maron und Zirell hatten ihre Neurokoppler abgenommen. „Was hat sie da gerade gemeint?“, fragte Maron, der ja von der vorherigen Unterhaltung zwischen Zirell und Joran nichts mitbekommen hatte. „Sie meinte, dass wir zur Schleuse gehen und dort Joran empfangen sollen.“, erklärte Zirell. „Ich habe gerade mit ihm gesprochen. Er hat Diran und sein Schiff mitgebracht. Diran ist bereits auf der Krankenstation. Ishan wird tun, was in seinen Kräften steht, um ihm zu helfen. Ich bezweifele allerdings, dass das viel sein wird. Joran hat noch etwas angekündigt. Anscheinend möchte er uns noch etwas sagen und dir etwas geben. Er hat mich gebeten, alle im Konferenzraum zusammen zu holen.“ „Dann muss das ja wohl etwas sehr Gravierendes sein.“, vermutete Maron. „Davon gehe ich auch aus.“, sagte Zirell und stand auf: „Komm!“ Maron nickte nur, tat es ihr gleich und folgte ihr.

Jenna Stand an der Tür zur Schleuse und lächelte, als Joran die Station betrat. Auch der Vendar hatte sie erblickt und schlang sofort seine Arme um sie, als hätte er sie Tagelang nicht gesehen. „Da habe ich dich ja endlich wieder, meine über alles und am heißesten geliebte kluge und wundervolle Telshanach!“, sagte er und drückte sie an sich, um sie dann lange und genießerisch zu küssen. Shannon, die alles aus dem Hintergrund beobachtet hatte, warf dem Paar nur einen angewiderten Blick zu: „Könnt ihr damit nicht warten, bis ihr zu Hause seid?!“

Die Tür zum Korridor öffnete sich und Maron und Zirell betraten den Raum. Auch sie wurden jenem Begrüßungsritual ansichtig. „Ach.“, sagte Zirell nur und deutete auf das Liebespaar, um dann ihren Ersten Offizier anzusehen und ihn zu fragen: „Sind die zwei nicht süß, Maron?“ „Oh ja, bei Mutter Schicksal!“, rief der Demetaner aus, dem wohl gerade durch den Kopf ging, was ihm wohl blühen würde, würde er sich einmal in eine Vendar verlieben.

Er wendete sich Jenna zu: „Sie haben großes Glück mit ihm, McKnight. Sie zwei dürften schon zusammen sein, seit ich hier auf dieser Station bin und Ihre Beziehung scheint noch nicht im Mindesten eingerostet.“ „Deine Vorstellung ist korrekt, Maron El Demeta!“, sagte Joran fest und küsste Jenna noch einmal feurig zum Beweis, was sie sich auch lächelnd und ihn dafür leidenschaftlich ansehend gefallen ließ. Sie gab sogar mehrere Laute des Gefallens von sich.

Zirell stellte sich so hin, dass beide sie gut sehen gekonnt hätten, wenn sie ihre Blicke nur einmal kurz voneinander wenden würden. Dann räusperte sie sich und sagte: „Es liegt mir fern, eure Begrüßung zu stören, aber hast du nicht etwas angekündigt, Joran?“ „In der Tat, Anführerin Zirell.“, sagte der Vendar, ließ widerwillig, aber dennoch pflichtbewusst von Jenna ab und griff in die Brusttasche seiner Uniform. Zum Vorschein holte er jenen kleinen Behälter, in dem sich die Überreste des Röhrchens befanden, aus dem Diran das Gift getrunken hatte. Dies übergab er Maron. „Du wirst dich aber mit Ishan absprechen müssen, Maron El Demeta.“, sagte er. „Er wollte auch noch einmal einen Blick auf das Röhrchen werfen, um zu berechnen, wie hoch die Dosis des Giftes war, die Diran genommen hat.“ „Kein Problem, Joran.“, sagte der Erste Offizier und winkte lakonisch ab. „Das hatte ich ohnehin als Nächstes geplant. Die überwachte Außenmission von Shimar hat einiges zutage gefördert, das sich wohl nur auf der Krankenstation klären lässt. Schließlich muss sich ein guter Kriminalist alles ansehen. Dann werde ich mich auch mit Ishan bezüglich des Röhrchens unterhalten.“ „Davon bin ich ausgegangen, Agent Maron.“, sagte Joran.

Zirell wandte sich Jenna zu: „Du solltest Dirans Schiff auf den Kopf stellen, Jenn’. Nach allem, was wir wissen, hat dort alles das stattgefunden, weshalb er sich auch gerichtet hat. Vielleicht finden sich ja dort noch mehr Hinweise.“ „In Ordnung, Zirell.“, sagte die Technikerin.

„Und ich kümmere mich dann mal um dein Schiff, Joran.“, sagte Shannon. „Da wird es nicht viel zu kümmern geben, Shannon O’Riley.“, sagte Joran. „Ich habe keine Fehlfunktionen feststellen können.“ „Sicher is’ sicher.“, flapste die blonde Irin. „Außerdem bin ich nich’ gern arbeitslos.“ „Na gut.“, stimmte der Vendar schlussendlich doch zu. „Die eine oder andere Wartung mehr kann ja nicht schaden.“ „Das sehe ich genauso, Grizzly.“, sagte Shannon und holte ihre Werkzeugtasche.

Maron hatte sich Noch einmal Jenna zugewandt, die sich mit einem Pad in der Hand auf den Weg zu Dirans Schiff gemacht hatte. „Wenn Sie etwas finden sollten, McKnight …“, sagte er. „Ich weiß.“, sagte Jenna. „Dann gebe ich Ihnen sofort Bescheid, Sir.“ „Sehr aufmerksam von Ihnen, Techniker.“, lächelte Maron. Dann verließ der Agent den Raum in Richtung Krankenstation.

Nun war es Zirell, die sich Joran zudrehte. „Du wolltest uns doch allen auch noch etwas mitteilen.“, erinnerte sie ihn. „Das hat noch etwas Zeit, Anführerin.“, sagte der Vendar. „Im Augenblick müssen wir uns wohl um wichtigere Dinge kümmern, wie es mir scheint.“ „In der Tat, wie du zu sagen pflegst.“, sagte Zirell. „Obwohl ich nicht wirklich beurteilen kann, wie wichtig es ist, weil ich den Inhalt deiner Aussage ja noch gar nicht kenne.“ „Es ist wirklich nicht so dringlich.“, sagte Joran. „Ich denke, dass die Situation um Diran im Moment viel mehr Aufmerksamkeit erfordert.“ „Und wieder gibt er den Selbstlosen.“, sagte Zirell leise, aber leider nicht leise genug. Jorans Ohren, die rund 40 % schärfer als die eines durchschnittlichen Menschen waren, war das nicht entgangen. „Bitte vertrau mir, Anführerin.“, bat er. „Ich werde euch alles sagen, wenn es Zeit dafür ist. Aber jetzt …“ „Schon gut, schon gut.“, beschwichtigte Zirell ihn, der plötzlich sehr aufgeregt geworden war. „Ich vertraue dir ja. Du bist immer loyal gewesen und hast uns nie …“

Etwas hatte sich in ihrem Geist in den Vordergrund gedrängt. Etwas, das sie zwar immer leicht gespürt, bis jetzt aber erfolgreich zu ignorieren versucht hatte. Jetzt aber ging das nicht mehr. Je länger sie sich auch geistig mit Joran befasst hatte, desto deutlicher war ihre Wahrnehmung geworden. „Ich wollte vor den anderen nichts sagen, Joran.“, sagte sie. „Aber du trägst ein echtes Feld, nicht wahr?“ Der Vendar nickte. „Wo kommt das her?“, fragte Zirell, der die Herkunft des Feldes deshalb nicht ganz klar sein konnte, weil es aus der Energie von so vielen Wesen bestand und somit das Einsortieren einer geistigen Prägung für sie quasi unmöglich wurde. „Es ist eine Schöpfung der Quellenwesen, Anführerin.“, sagte Joran. „Aber bitte warte, bis ich es euch allen erzählen werde. Nur so viel. Es wird auf keinen Fall unsere Sicherheit gefährden. Auf gar keinen Fall!“ „Das beruhigt mich schon einmal, Joran.“, sagte Zirell. „Ich werde warten, bis Maron mit seiner Besichtigung der relevanten Dinge für seinen Fall fertig ist. Dann werde ich allen Bescheid geben. Wir werden uns dann alle im großen Konferenzraum treffen und dann wirst du uns dein Geheimnis verraten, nicht wahr?“ „In der Tat.“, sagte Joran. „Aber ich denke, wir sollten auch noch auf Shimar warten, oder?“ „Wer weiß, wann er von seiner Mission zurückkommt!“, erwiderte Zirell. „Es könnte ziemlich lange dauern, Tolea davon zu überzeugen, dass sie einen Fehler gemacht hat.“

Der Vendar wich einen Schritt vor ihr zurück. Das tat er immer, wenn ihn etwas irritierte. „Was ist los?“, fragte Zirell. „Wie meinst du das, Anführerin?!“, fragte er leicht alarmiert. „Ich dachte immer, Tolea ist keine von den alten Q, die sich für unfehlbar gehalten haben.“ „Das stimmt ja auch.“, erklärte die tindaranische Kommandantin. „Aber ich denke, dass gerade diese Tatsache ins andere Extrem führen könnte. Tolea hat ein sehr liebevolles, ja fast mütterliches, Verhältnis zu uns Sterblichen. Sie möchte zwar, dass wir lernen, aber sie will nicht, dass wir uns dabei die Finger verbrennen und schon gar nicht will sie diejenige sein, die uns wehtut. Ich bin sicher, dass ihr selbst mittlerweile klar sein dürfte, was sie angerichtet hat, als sie Diran unter den Bann stellte. Das könnte dazu führen, dass sie sich vor Scham am liebsten für immer verstecken würde und keine Lust darauf hat, dass Shimar sie zur Rede stellt. Aber wenn das nicht geschieht, dann werden wir Diran nie helfen können und wer weiß, was Tolea noch in ihrer Trauer und Depression anrichten könnte.“ „In der Tat.“, bestätigte Joran, der sich ja sehr gut mit den Mächtigen auskannte. Schließlich hatte er 90 Jahre lang selbst einer gedient. Aber auch rein aus logischen Gesichtspunkten heraus war es ihm klar. So mancher psychisch kranker Sterblicher hatte schon so manche schreckliche Dinge getan und er wollte sich gar nicht ausmalen, was bei einer psychisch kranken und depressiven Mächtigen geschehen würde. „Es muss Shimar einfach gelingen, sie wieder aus ihrem Loch zu holen. Wenn nicht, dann kann sicher für nichts mehr eine Garantie gegeben werden! Lass uns in die Kommandozentrale gehen und mit ihm Kontakt aufnehmen. Dann werden wir sehen, wie weit er ist. Vielleicht sollten wir ihm auch sagen, dass Diran wohlbehalten bei uns angekommen ist.“ „In Ordnung.“, sagte Zirell, ging an ihm vorbei und winkte ihm dann, ihr zu folgen, was der Vendar auch bereitwillig tat.

Kapitel 25: Neue Rätsel

von Visitor

 

Maron war inzwischen auf der Krankenstation angekommen. Hier hatte er sofort nach Ishan Ausschau gehalten. Den Androiden hatte er schließlich neben dem Krankenbett Dirans erspähen können, wo er ziemlich ratlos stand.

„Hallo, Ishan.“, sprach der Erste Offizier seinen Untergebenen an. Ishan drehte sich langsam zu Maron um und antwortete: „Hallo, Maron. Wenn du kommst, um einen Bericht anzufordern, dann muss ich dir leider sagen, dass ich dir noch nicht viel sagen kann. Diran gibt uns nämlich viele Rätsel auf, die wir so nicht lösen können. Nidell und ich haben ihn einer Blutwäsche per Transporter unterzogen, weil seine Biozeichen zwischenzeitlich sehr kritisch geworden sind. Wir haben alle Moleküle des Giftes entfernen können, aber trotzdem wacht er nicht auf.“ „Ist sein Gehirn vielleicht zu sehr geschädigt?“, fragte Maron, dem ja der gesamte Verlauf der Mission, die zu Dirans Rettung gestartet worden war, bekannt war. „Nein.“, sagte Ishan gleichmütig. „An seinem Gehirn liegt es, meinen Untersuchungsergebnissen zur Folge, nicht. Nidell denkt allerdings, dass es auch eine psychische Ursache gibt, die den Grund für sein Verbleiben im Koma liefern könnte.“

Maron machte einige entschlossene Schritte auf den Arzt zu: „Erklär mir das! Normalerweise müsste er doch aufwachen, wenn sein körperliches Leiden geheilt ist, weil doch alles, was es verursacht hat, aus seinem Körper verschwunden ist! Oder verstehe ich das falsch?“ „Wenn du darüber Bescheid wüsstest.“, sagte Ishan. „Dann wärst du sicher erstaunt, zu was die Psyche in der Lage ist. Du darfst nicht vergessen, dass der Wunsch sich zu richten aus einer psychischen Not bei Diran geboren wurde. Zum Verräter an seiner Herrin zu werden, das ist für einen Vendar, wenn er es nicht gerade freiwillig tut wie Joran und seine Leute, so ziemlich das Schlimmste, was ihm passieren kann.“ „Und deshalb bestraft sich Diran jetzt quasi selbst?“, analysierte der Erste Offizier mit fragendem Blick in Richtung des Arztes.

Ishan gab einen schweren Seufzer von sich. Das war für einen Androiden eigentlich untypisch, aber wenn man bedachte, dass er einmal ein Wesen aus Fleisch und Blut gewesen war, dann war seine Reaktion durchaus verständlich. „Du hast die Situation komplett nicht verstanden, Maron.“, stellte er fest. „Das regierende Gefühl bei Diran, als er sich selbst richtete, war nicht etwa das Bedürfnis nach Selbstgeißelung, sondern die Furcht und die Verzweiflung. Was immer er tat, tat er ja nicht, weil er es so wollte, sondern weil der Bann, den Tolea über ihn ausgesprochen hatte, ihn dazu unbewusst gezwungen hat. Ich habe die Mission, die Shimar erfüllt hat, ja auch mitbekommen und weiß daher ungefähr, was passiert ist. Dirans Nachricht an uns, die Shimar uns verdeutlicht hat, dürftest du ja auch gehört haben.“ „Das habe ich.“, bestätigte Maron. „Aber warum ist es dir so wichtig, welches Gefühl vorgeherrscht hat, als Diran sich richtete?“ „Weil wir nur darauf seine Behandlung aufbauen können.“, sagte Ishan. „Soll das heißen.“, sagte Maron. „Du stimmst deiner Assistentin zu, was die Sache mit seiner Psyche angeht.“ „Exakt.“, bestätigte Ishan. „Nidell hat ein sehr feines Näschen für solche Angelegenheiten. Sie ist sehr sensibel und hat, zumindest meines Erachtens, mit dem Pflegeberuf die richtige Wahl getroffen.“ „Davon gehe ich auch aus.“, sagte Maron. „Aber wie kann uns das helfen, Diran aus dem Koma zu holen? Kann er uns hören? Können wir mit ihm sprechen? Erreicht ihn, was wir hier reden?“ „Auf akustischen Wegen sicher nicht.“, sagte Ishan. „Dazu ist er zu weit weg. Aber Zirell, Nidell und Shimar haben da ja noch ganz andere Möglichkeiten. Außerdem dürfen wir Tolea nicht vergessen, die wir ja dazu bringen wollen, den Bann über Diran persönlich aufzuheben.“ „Ich verstehe.“, sagte Maron. „Aber kann ich denn gar nichts tun?“

Er drehte sich Dirans Krankenbett zu. Dann beugte er sich über den dort an einer Überlebenseinheit hängenden Vendar und sagte laut und deutlich: „Diran, hier ist dein Freund Maron El Demeta. Du kannst zu uns zurückkehren. Niemand ist dir böse oder will dir Böses. Wir haben verstanden, dass es nicht deine Schuld ist!“

Eine kleine zierliche Hand hatte ihm auf die Schulter getippt. Erschrocken war Maron herumgefahren und hatte Nidell erkannt. „Es ist sinnlos, Maron.“, sagte sie. „Ishan hat dir doch gerade alles erklärt, oder?“ Der Demetaner nickte. „Dann weißt du doch, dass du erstens gerade deine Energie verschwendet hast und zweitens total auf dem Holzweg warst mit deiner Annahme. Er hat ja keine Angst vor uns. Er ist nur verzweifelt, weil er sich nicht gegen den Bann wehren kann und nicht will, dass es noch einmal passiert. Es geht um seine Angst, dass er, wenn er wach ist, noch einmal aus Versehen einem von Sytanias Vendar die Informationen geben könnte, die er gegebenenfalls hier von uns bekommt. Darauf müssen wir unsere Therapie aufbauen und nicht darauf, dass er eventuell Angst vor uns hat.“ „Ich sehe, es gibt eine Menge feiner Unterschiede.“, sagte Maron und drehte sich wieder von Dirans Bett fort. „Gut, dass ich kein Mediziner geworden bin. Ich wäre sicher ein ganz mieser Arzt.“ „Schuster, bleib bei deinem Leisten.“, lächelte Nidell. „Aber ist es nicht in der Kriminalistik ähnlich? Müsst ihr da nicht auch auf jede kleine Spur achten, die ihr findet und sie richtig zuordnen, damit nicht am Ende ein Unschuldiger verurteilt wird?“ „Doch.“, bestätigte Maron. „Aber das ist lange nicht so kompliziert.“ „Das kann lange nicht so kompliziert sein.“, korrigierte Nidell. „Sonst hätte es ja die seltene aber dennoch manchmal praktizierte Verurteilung von Unschuldigen nie gegeben.“ „Da hast du Recht.“, sagte Maron. „Manchmal sind Spurenlage und Beweislage leider so, dass wir, wenn wir nicht auf jedes Detail achten, vorschnell jemanden verurteilen können. Das passiert gerade dann, wenn ein Ermittler unter Druck gerät. Ich weiß, eigentlich soll es nicht passieren, aber es gibt Situationen, in denen …“ „Keine Details!“, ging Nidell dazwischen. Sie hatte nun wirklich keine Lust auf eine Lehrstunde in Kriminalistik. „Du bist ja hier von keiner Seite unter Druck und kannst in Ruhe alles auswerten und deine Ergebnisse dann erst Zirell präsentieren, die sie dann an die Zusammenkunft weitergibt.“ „Hoffen wir, dass du Recht hast.“, sagte Maron. „Immerhin sind wir mit der Regierung der Föderation verbündet und die wollen, gerade wenn etwas passiert, das sie nicht einordnen können, oft schnell Ergebnisse sehen. Oft viel schneller, als uns allen lieb sein kann und vor allem schneller, als wir sie liefern können.“ „Warum tut deine ehemalige Regierung das, Maron?“, fragte Nidell. „Sollten sie nicht eigentlich auch an der Wahrheit und an nichts als der Wahrheit interessiert sein?“ „Im Idealfall.“, sagte Maron. „Sollten sie das tatsächlich.“ „Aber ihr Denken ist leider von einem sehr schwarzweißen Bild geprägt, was manche Dinge angeht. Sie machen es sich manchmal sehr einfach, weil sie keine Ahnung von dem haben, was hier draußen im Weltraum wirklich vorgeht. Sie hoffen auch oft auf einfache Ergebnisse, weil man diese der Bevölkerung draußen an den Sprechgeräten leichter verkaufen kann.“ „Ich für meinen Teil.“, sagte Nidell. „Glaube, dass deine Regierung die einfache Bevölkerung maßlos unterschätzt. Sie sind sicher nicht so dumm, wie die Regierung sie darstellt. Aber ich glaube, dass ich schon weiß, worauf du eigentlich hinauswillst. Es ist eigentlich die Presse, nicht wahr? Die bauschen doch manchmal ohne Rücksicht auf Verluste etwas auf, weil sie meinen, dass die Leute das lieber lesen als sachliche Ermittlungen.“ „Das ist ja auch leider so.“, sagte Maron. „Außer vielleicht bei den Vulkaniern oder bei unseren Verbündeten, den Aldanern. Aber geschätzte 80 % der Bevölkerung sehen das wohl anders, zumindest der Meinung der Politiker nach und die sind es auch, die sich dann die schnellen und einfachen Ergebnisse gern auf ihre Fahnen schreiben würden, bevor das nächste Wahljahr kommt.“ „Absurd!“, urteilte Nidell. „Vor allem dann, wenn diese schnellen Ergebnisse dann auch noch fehlerhaft sind und Unschuldige …“ „Das hatten wir schon.“, sagte Maron. „Aber es gibt ja immer noch einige Aufrechte, die das nicht zulassen.“ „Ja.“, nickte die medizinische Assistentin. „Das sind dann meistens wir, die für die Politiker die Kastanien wieder aus dem Feuer holen.“ „Wie Recht du hast.“, lächelte Maron.

Er drehte sich Ishan zu. „Ich kann doch wohl annehmen.“, sagte er. „Dass du den jetzt gar nicht mehr benötigst.“ Er deutete mit dem Zeigefinger seiner linken Hand auf den Behälter mit den Überresten des Röhrchens in seiner rechten Hand. „Da hast du Recht, Maron.“, sagte Ishan. „Die Menge des Giftes, die er zu sich genommen hat, ist jetzt völlig unerheblich. Du kannst den Behälter also beruhigt in die Asservatenkammer schließen.“ „In Ordnung.“, sagte Maron und verließ wieder die Krankenstation.

Im Reich der Genesianer hatten Leandra und Lostris eine Menge Kriegerinnen um sich scharen können. Zwar hatten viele den Eindruck erweckt, zunächst mit Shashanas Politik einverstanden zu sein, wenn ihnen Lostris oder Leandra aber von den Wundern berichteten, die an ihnen getan worden waren, dann hatten sogar ganze Clans ganz schnell ihre Meinung wieder geändert. Die Kriegerinnen hatten daraufhin mit Vergnügen ihre Shuttles bestiegen und waren dem Clan der Rotash gefolgt. Dann hatte man gemeinsam damit begonnen, all jene zu ermorden, die ihrer Ansicht nach nicht dem wahren Glauben angehören wollten. Da dies für die meisten Kriegerinnen sehr überraschend kam, hatten sie nicht viel Widerstand zu erwarten und ihre Gegnerinnen quasi im Handstreich überwältigen können. Damit, dass sie unverwundbar und unsterblich waren, hatte nämlich keiner der gegnerischen Clans, die es doch einmal wagten, die Worte Lostris‘ oder Leandras in Frage zu stellen, nicht gerechnet. So schien alles für sie ein wahrer Blitzkrieg zu sein.

Lostris war an Bord des Schiffes ihrer Mutter und ihrer Selbst damit beschäftigt, die Eroberungen der Rotash zu zählen, als ihre Mutter zu ihr trat und ihr über die Schulter blickte. „Das sieht doch alles sehr gut aus, nicht wahr, meine Tochter!“, sagte Leandra stolz. „Oh ja, das tut es, Mutter.“, sagte Lostris und grinste hämisch. „Aber wir haben immer noch nicht das erreicht, was wir unbedingt erreichen müssen.“ „Und was wäre das?“, prüfte Leandra Lostris‘ Wissen. „Es wäre die Eroberung der Heimatwelt und damit deine rechtmäßige Einnahme des Platzes der obersten Prätora der Genesianer, Mutter!“, sagte Lostris fest. „Sehr gut!“, lachte Leandra mit fast vor Wahnsinn kippender Stimme. Jene Verbindung, die sie zu Valora und Sytania hatte, hatte dafür gesorgt, dass sie ähnlich machtgierig geworden war wie die Prinzessin. Das war aber eine ganz normale Nebenwirkung einer solchen Verbindung. Aber da Lostris an den gleichen Symptomen litt, konnte sie ihre Mutter ja nicht darauf aufmerksam machen. Das waren eben die ganz normalen Nebenwirkungen, wenn man einen Deal mit dem Teufel, oder in diesem Fall besser mit der Teufelin, einging. Jede Genesianerin, die noch auf dem Pfad der Ehre, wie es bei ihnen hieß, wandelte, also die nicht Sytania und Valora verfallen war, würde dieses Denken sicher verabscheuen!

Leandra hatte ihren Blick noch einmal über den Bildschirm schweifen lassen. „Wir sind gar nicht so weit weg von der Heimatwelt.“, sagte sie. „Und in der Überzahl dürften wir auch sein. Die verhasste Shashana wird keine Chance gegen uns haben. Wir sollten jetzt auf der Stelle hinfliegen und ihr eine kräftige Lektion erteilen!“ „Das sehe ich genauso.“, sagte Lostris. „Dann geh wieder an die Steuerkonsole.“, sagte Leandra. Ich selbst werde die Waffen bedienen. Ich kann es kaum erwarten, Shashana selbst den Garaus zu machen!“ „Wie du wünschst, Mutter.“, sagte die junge Erbprätora und setzte sich wieder an die Flugkonsole des Shuttles. Dann programmierte sie dessen Sprechgerät auf einen Sammelruf an alle ihnen zugehörigen Schiffe und stellte das Gespräch auf die Nebenkonsole durch, an der ihre Mutter saß.

„Meine Kriegerinnen!“, wendete sich Leandra an ihre Mitstreiterinnen. „Verfechterinnen des einzig wahren Glaubens, des Glaubens an die Einhorngöttin! Der Zeitpunkt ist nun gekommen, da wir vor unserer größten Herausforderung stehen, der Herausforderung der Eroberung unserer Heimatwelt! Wir werden das Schlangennest um Shashana ausräuchern! Wenn es sein muss, mit der Schlange darin! Falls sie sich uns doch noch anschließen sollte, werden wir sie natürlich willkommen heißen! Aber ich denke nicht, dass davon auszugehen ist. Und weil ich das denke, wird uns nichts bleiben, als sie und ihre Leute zu töten! Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns! Das gilt auch für die oberste Prätora der Genesianer, die es sehr bald wohl nicht mehr sein wird! Vor allem dann nicht, wenn wir mit ihr fertig sind!“

Sie ließ den Sendeknopf los, um die Wirkung ihrer Worte auf die anderen Kriegerinnen abzuwarten. Tatsächlich brandete ein schier unglaublicher Jubel auf, der die Lautsprecher des Sprechgerätes ihres Schiffes fast überforderte.

„Also.“, sagte Leandra, nachdem sie das Gespräch wieder aufgenommen hatte. „Dann sind wir uns ja einig! Also dann vorwärts! Direkter Kurs zur Heimatwelt! Warp acht! Vorwärts!“

Alle Pilotinnen, inklusive Lostris, gaben die gerade von Leandra gegebenen Befehle in die Steuerkonsolen ihrer Schiffe ein und bestätigten sie. Dann flogen alle Shuttles in Richtung der genesianischen Heimatwelt davon. Erfüllt von den Worten der Prätora und dem Glauben an ihre Göttin sangen alle Kriegerinnen an Bord eines jeden Schiffes: „Tod Shashana! Tod der Ketzerin! Tod auch denen, die mit ihr sind! Wie Todesengel wollen wir über ihr kreisen und ihr den Weg in die Zwischenwelt weisen. Denn dort, ja dort gehört sie hin! Tod Shashana, der Ketzerin!“

Auf der Heimatwelt hatten Shashana und ihre Verbündeten die Entwicklung mit Sorge beobachtet. Shashana hatte extra Elaria zu sich kommen lassen, die oberste Prätora des Clans der Dämonenbezwinger war. Sie war es, die sich ihrer Meinung nach mit der Situation am besten auskennen musste. Zu viel Merkwürdiges hatten ihr ihre Spioninnen zugetragen, die sie in allen abtrünnigen Clans hatte. Am meisten Sorgen machte ihr aber die Entwicklung bei den Rotash.

Elaria war am Tor der großen Halle angekommen, an dem sie von Meduse, Shashanas Leibwächterin, begrüßt worden war. „Ich bin Elaria, die Prätora des Clans der Dämonenbezwinger.“, stellte sich die Kriegerin vor. „Ich weiß, wer du bist.“, sagte Meduse. „Komm! Folge mir. Meine Prätora erwartet dich!“ Elaria nickte und folgte Meduse.

Shashana saß an ihrem großen Tisch, als Meduse mit der Besucherin die Halle betrat. Mit lauter Stimme kündigte die Wächterin an: „Elaria, die Prätora des Clans der Dämonenbezwinger!“ „Lass sie vortreten und lass uns allein!“, befahl Shashana. „Geh in den Kontrollraum und überwache den Orbit!“ Meduse nickte, winkte Elaria und ging dann selbst.

Ehrfürchtig hatte sich Elaria dem Platz der obersten Prätora genähert. „Setz dich zu mir.“, sagte Shashana. Elaria nickte stumm und setzte sich neben ihr auf den Platz, auf den sie gedeutet hatte. Dann ging Shashana selbst zum nahen Replikator und replizierte eine Schüssel Veddach mit dem dazugehörigen Geschirr für zwei Personen. Damit kehrte sie nun an den Tisch zu Elaria zurück.

Beide Kriegerinnen bedienten sich großzügig. Dann fragte Elaria: „Warum wolltet Ihr, dass ich Euch aufsuche, oberste Prätora? Eure Nachricht klang sehr dringlich.“ „Das ist sie auch, Elaria.“, sagte Shashana. „Es geht um den Clan der Rotash. Laut unserer Spionin in ihren Reihen frönen sie seit neuester Zeit einem merkwürdigen Kult um eine Einhorngöttin, die angeblich die Wächterin von Gore sein soll. Aber das glaube ich nicht. Die Spionin hat außerdem berichtet, dass diese Göttin quasi Wunder auf Bestellung liefert. Das ist auch ungewöhnlich. Die Wächterin von Gore würde das nie tun. Außerdem hat sie mir Erfasserbilder zukommen lassen, die mich einen Teil der angeblichen Wächterin, zumindest ihrer geistigen Energie, eindeutig Sytania zuordnen lassen. Der andere Teil besteht aus der mentalen Energie von Valora, der Leitstute der Herde der Einhörner des Dunklen Imperiums.“

Angewidert spuckte Elaria den Schluck Veddach, den sie im Mund hatte, wieder in ihr Trinkgefäß zurück. Als Logars Schöpfung hatte sie eine natürliche Abneigung gegen Sytania. Aber was Valora mit der Sache zu tun hatte, erschloss sich ihr nicht. „Sytania!“, rief sie angeekelt aus. „Was mag die Ehrlose getan haben, das Valora, die ja eigentlich als sehr tugendhaft und ehrenvoll gilt, auf ihre Seite gebracht hat und wie können genesianische Kriegerinnen dann auch noch auf sie hereinfallen?!“ „Das weiß ich nicht.“, sagte Shashana. „Ich hatte gehofft, du könntest mir das beantworten.“ „Das kann ich nicht!“, sagte Elaria. „Aber eines steht fest, Oberste Prätora! Ihr könnt Euch der Unterstützung der Meinen und auch der meiner eigenen Person sicher sein. Meine Kriegerinnen warten mit ihren Schiffen in der Umlaufbahn, um Euch und uns alle, die wir noch einen Funken Ehre im Leib haben und nicht auf Sytania hereinfallen, zu verteidigen!“ „Darauf hatte ich gehofft, Elaria.“, sagte Shashana erleichtert. „Aber auch ich habe meiner Technikerin gesagt, die Rapach zu warten. Auch ich werde mich ihnen persönlich entgegenstellen, wenn es so weit ist! Du selbst wirst mit mir an Bord der Rapach sein, wenn wir uns …“

Ein Geräusch von der Konsole auf dem Tisch hatte Shashana aufhorchen lassen. Es war der Rufton der Sprechanlage.

Shashana nahm das Mikrofon in die Hand. Im Display hatte sie zweifelsfrei das Rufzeichen des Kontrollraums erkannt, in den Meduse gegangen war, um den Weltraum auf Befehl ihrer Prätora zu überwachen. Jener Kontrollstand befand sich unter der Halle. Die Rechner dort waren aber mit einem Sattelitennetzwerk in der Umlaufbahn des Planeten verbunden.

Das ernste Gesicht ihrer Untergebenen ließ Shashana nichts Gutes ahnen. „Was gibt es, Meduse?!“, fragte sie streng ins Mikrofon. „Sie kommen, Prätora!“, sagte die Leibwächterin. „Wie viele sind es?“, fragte Shashana. „Das ist schwer zu sagen, Prätora.“, sagte Meduse. „Sie fliegen so dicht zusammen, dass die Computer sie nicht zählen können, da ihre Antriebsfelder sich alle überlagern. Jedenfalls hat mir das unsere Ingenieurin so erklärt, mit der ich bereits gesprochen habe. Die Rapach ist übrigens flugbereit.“ „Wenn sie auch kampfbereit ist.“, sagte Shashana. „Dann treffe ich dich und alle anderen dort!“ Dann beendete sie die Verbindung, um sich danach gleich Elaria zuzuwenden: „Gib auch deinen Kriegerinnen Bescheid!“ „Sicher, Oberste Prätora.“, sagte Elaria. „Aber ich staune über das Manöver unserer Gegnerinnen. Um sich so etwas zu trauen, muss man schon sicher sein, nicht etwa bei einer Kollision oder einem daraus resultierenden Absturz verletzt werden zu können oder gar zu sterben. Wenn nur ein Schiff jetzt eine falsche Bewegung macht, dann …“ „Das ist richtig.“, sagte Shashana. „Aber anscheinend sind sie das auch. Allerdings werde ich ihnen zeigen, dass es auch für sie eine Grenze gibt und dass sie sich dringend von dieser falschen Göttin abkehren müssen. An Bord der Rapach gibt es Meilenstein.“ „Aber Oberste Prätora.“, sagte Elaria. „Wir wissen nicht, was geschieht, wenn man Meilenstein gegen ein Einhorn einsetzt. Sie sind schließlich Verwandte der Quellenwesen.“ „Darüber habe ich auch schon nachgedacht, Elaria.“, sagte Shashana. „Deshalb soll Meilenstein ja auch nur das letzte Mittel sein, mit dem wir ihnen beweisen werden, dass ihre Göttin eine falsche Göttin ist. Und nun lass uns gehen!“ Elaria nickte und folgte Shashana zu ihrem Schiff, wo sie bereits von den anderen Kriegerinnen erwartet wurden, die zur Stammbesatzung der Rapach gehörten.

Lostris und Leandra hatten gemeinsam mit dem Rest ihrer Truppe die Umlaufbahn der genesianischen Heimatwelt erreicht. Die Erbprätora deutete pathetisch auf den Bildschirm. „Hier also wird sich unser Schicksal jetzt entscheiden, Mutter.“, sagte sie in theatralischem Ton. „Ja, genau hier.“, bestätigte Leandra. „Aber ich hoffe, dass dich nicht der Mut verlassen hat.“ „Nein, Mutter!“, versicherte die junge Kriegerin fest. „Das hat er nicht. Außerdem habe ich größtes Vertrauen in die Einhorngöttin!“ „Recht so, mein Kind! Recht so!“, lobte Leandra und strich ihrer Tochter über das Gesicht. Dann sagte sie: Verbinde mich noch einmal mit all unseren Kriegerinnen. Ich will ihnen die neuesten Befehle übermitteln.“ „Wie du wünschst, Mutter.“, sagte Lostris und programmierte erneut einen Sammelruf. Dann stellte sie die Verbindung erneut auf die Nebenkonsole zu ihrer Mutter. „Du kannst sprechen.“, sagte sie noch.

Leandra setzte ein zuversichtliches Gesicht auf. Dann sagte sie: „Jetzt, meine Kriegerinnen, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem sich das Schicksal von ganz Genesia entscheiden wird! Ich will noch einmal versuchen, die oberste Prätora auf den rechten Weg zu bringen! Wenn mir das nicht gelingt, dann werden die Waffen entscheiden müssen! Ich bin aber sicher, dass der Krieg zu unseren Gunsten ausgehen wird. Uns kann schließlich nichts geschehen, weil die Einhorngöttin uns die Gnade der Unverwundbarkeit gewährt hat! Das Glück würde Shashana auch haben, wenn sie den rechten Glauben annehmen würde! Aber wenn sie das nicht tut, wird sie zum Tode und zur ewigen Verdammnis in der Zwischenwelt verurteilt sein. Nehmt eure Positionen ein und wartet auf meinen Befehl!“ Sie beendete die Verbindung. Auf eine Antwort zu warten brauchte sie nicht, denn die anderen Kriegerinnen hatten sich zu regelrechten Jasagerinnen entwickelt, sobald sie nur etwas mit dem Willen der Einhorngöttin begründet hatte. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass bereits ein erheblicher Teil der Clans, die sie begleiteten, aus den Schöpfungen der sogenannten Einhorngöttin bestand. Die taten sowieso, was Sytania und Valora wollten und der Rest, inklusive Leandra und Lostris, war so verblendet, dass sie alles getan hätten, was diese von ihnen gewollt hätten.

An Bord der Rapach hatten Shashana und ihre Kriegerinnen auch ihre Positionen eingenommen. Der Platz ihrer Stellvertreterin gebührte aber in diesem Fall Elaria, weil sie als Expertin für Sytania und ihre Machenschaften galt. Auf ihrem Schiff hatte ihre Erbprätora Salmonea dafür das Kommando übernommen.

Langsam näherten sich jetzt die Schiffe einander wie zwei sich belauernde Rudel von Raubtieren, die gleich einen Kampf ausfechten wollten. In gewisser Weise stimmte das ja auch. Dies war eine Tatsache, die sowohl Shashana, als auch Leandra nicht entgangen war. „Also schön.“, sagte diese. „Lostris, ruf Shashanas Schiff und verbinde mich mit ihr. Ich will ihr von der Einhorngöttin berichten und von den Wundern, die sie an uns getan hat.“ „Da habe ich noch eine wichtige Information für dich, Mutter.“, sagte Lostris und grinste, während sie das Rufzeichen des Schiffes der obersten Prätora aus denen heraussuchte, die ihnen per Transponder durch das System bereits angeboten wurden.

Leandra schaute ihre Tochter interessiert an. „Was ist denn das für eine Information, die du da für mich hast, meine schlaue kleine Lostris, hm?“ „Eine, die uns unser Vorhaben, sie vom einzig wahren Glauben zu überzeugen, sehr erleichtern dürfte.“, sagte Lostris. „Das klingt ja sehr spannend.“, sagte Leandra. „Aber ich halte es für besser, wenn du daraus kein Geheimnis mehr machst.“ „Also gut.“, antwortete die junge Kriegerin und grinste böse. Dann sagte sie: „Eine der Unsrigen spioniert die Reihen von Shashana und ihren Leuten aus. Sie hat mir zugetragen, dass Shashanas Leibwächterin Meduse ziemliches Pech mit ihren Ehemännern gehabt hat. Sie hat 20 Stück, aber alle 20 sind zeugungsunfähig. Irgendwie scheint sie das anzuziehen, denn alle Männer, die sie bisher hatte, waren es. Die ersten 20 hat sie töten lassen, habe ich von unserer Agentin gehört und die nächsten sind auch bald dran. Man munkelt sogar, es läge in Wahrheit an ihr. Wenn sie keine Nachkommen hat, gibt es niemanden, der ihr in den Stand der Leibwächterin der obersten Prätora folgen kann. Sie ist schon älter und wird dieses Amt wohl nicht mehr lange ausfüllen können. Wenn wir sie dazu bekämen, die Einhorngöttin um eine Tochter zu bitten, dann hätten wir sie bestimmt ganz schnell auf unserer Seite.“

Leandra grinste ihre Tochter zuerst gemein an. Dann lachte sie aus voller Kehle und sagte: „Das ist eine sehr gute Information, die du da an Land gezogen hast, Lostris! Damit kriegen wir sie bestimmt! Was macht meine Verbindung?“

Lostris, die sich die gesamte Zeit über ihrer Mutter zugedreht hatte, wandte sich wieder dem Bildschirm zu, auf dem sie jetzt in deutlicher genesianischer Schrift lesen konnte, dass der Rechner die gewünschte Verbindung längst aufgebaut hatte. „Deine Verbindung kannst du haben, Mutter.“, sagte sie und stellte das Gespräch zu Leandra durch.

Kapitel 26: Die Schlacht der Glaubensrichtungen

von Visitor

 

Inzwischen hatten Shashana und ihre Leute sich an Bord der Rapach und auch an Bord der anderen Schiffe, die sie begleiteten, ein Bild von der Situation gemacht. Das konnte man ruhig wörtlich nehmen, denn mit Sensoren und Erfassern war der angeblichen Göttin und ihren Wundern zu Leibe gerückt worden. Shashana und ihre Kriegerinnen hatten sich nämlich nicht für dumm verkaufen lassen wollen. Sowohl die oberste Prätora, als auch ihre Verbündete, kannten Sytania dafür viel zu gut und wussten viel zu genau, dass diese Kriegerinnen hereingelegt worden waren. Aber Shashana wollte keine ihrer Untergebenen in Sytanias Hände fallen lassen und seien sie auch noch so verblendet. Wenn es möglich war, sie auf den falschen Weg zu bringen, dann musste es auch möglich sein, ihnen wieder den richtigen zu zeigen! Davon gingen Shashana und auch Elaria fest aus.

Die Rapach wurde von einer jungen Kriegerin geflogen, die erst seit kurzer Zeit in den Diensten der obersten Prätora stand. Sie hieß Sereta, war ein Findelkind gewesen und eigentlich von dem Zweig ihres Clans, dem auch Meduse angehörte, adoptiert worden. Jetzt hatte sie das Alter erreicht, in dem Genesianerinnen Kriegerinnen werden konnten. Sereta war gerade erst 14 Jahre alt geworden. Da sie aber sehr talentiert war, hatte Shashana sie bereits in ihre Dienste genommen, damit sie sich bewähren konnte. Sie war 1,80 m groß, hatte einen vom Kampf gestählten muskulösen Körper, wie die meisten der Kriegerinnen und trug die typische Kriegsbekleidung der Genesianer. Um ihren Nacken trug sie den üblichen Perlenkragen, dessen Muster ihre Stellung und die Zugehörigkeit zu Shashanas Clan auswies. Sie hatte, wie auch die meisten Genesianerinnen, flammenrotes Haar, das sie wie einen Feuerkranz um ihr Gesicht trug. Auch mit Hilfe dieser Art sich zu frisieren, wollten die Genesianerinnen Ihre Gegner einschüchtern. Es war ein Mittel der psychologischen Kriegsführung, das oft auch sehr wirkungsvoll gewesen war.

Diese Kriegerin hatte nun die Erfasserbilder, die von den Sensoren aufgenommen worden waren, auf den Hauptschirm gestellt, wie es ihr die oberste Prätora geheißen hatte. Hier war sehr gut zu sehen, dass zwischen einem sehr großen Teil der Kriegerinnen um Leandra und Lostris und der mysteriösen Einhorngöttin, aber auch zwischen ihnen und Sytania eine telepathische Verbindung bestand. Dies hatte Shashana hauptsächlich aus dem Text des Interprätationsprogramms entnommen, das von Sereta in weiser Voraussicht aktiviert worden war, aber wer ihr das gesagt hatte, spielte in diesem Fall ja keine Rolle. Viel wichtiger war, dass sie es überhaupt erfahren hatte.

Was Shashana hier zu lesen bekommen hatte, ließ sie erschauern. „So weit ist es also mit uns genesianischen Kriegerinnen gekommen!“, rief sie aus. „Wir geben uns jetzt schon der Ehrlosen anheim! Nein, nein! Das werde ich nicht zulassen! Wir müssen Leandra vom Clan der Rotash davon überzeugen, dass sie auf eine ganz üble Gaunerin hereingefallen ist, die alles nur tut, weil sie davon einen eigenen Vorteil hat. Früher oder später, wenn sie die Rotash und ihre Verbündeten nicht mehr benötigt, wird sie alle über die Klinge springen lassen als armselige Bauernopfer! So möchte bestimmt keine ehrenhafte Kriegerin enden. Ich möchte nur einmal wissen, wie sie Leandra herumgekriegt hat.“ „Ich fürchte, die Frage kann ich Euch beantworten, oberste Prätora.“, sagte Sereta, deren Stimme sehr hell und freundlich war. Dennoch sprach sie sehr laut und fest, wie es allen genesianischen Kriegerinnen anerzogen worden war. „So?!“, sagte Shashana. „Dann rede!“ „Sie gehört zu den Ausgestoßenen.“, begann Sereta. „Sie war mit Eurer neuesten Politik der Aufklärung nie einverstanden. Es kann sein, dass sie deshalb …“ „Aber das ist noch lange kein Grund, sich der Ehrlosen an den Hals zu werfen!“, fuhr ihr Shashana über den Mund. „Aber sie soll mir selbst sagen, was der Grund dafür ist! Ruf sie!“ „Das ist nicht nötig, oberste Prätora.“, sagte Sereta, die von ihrem Platz aus auch die Kommunikationskonsole bedienen konnte. „Sie ruft uns bereits!“ „Dann stell sie auf den Hauptschirm!“, befahl Shashana. Sereta nickte und führte aus, was ihr die oberste Prätora soeben gesagt hatte.

Alle sahen jetzt das Gesicht Leandras und das von Lostris, die in die Kamera ihres Sprechgerätes lächelten. „Es freut mich, Euch zu sehen, oberste Prätora.“, begrüßte Leandra Shashana freundlich. „Erlaubt mir bitte, Euch unsere neue Göttin vorzustellen. Sie ist die Personifizierung der Wächterin von Gore!“ „Wenn du das glaubst, Leandra von den Rotash!“, sagte Shashana. „Dann bist du doch verblendeter als ich dachte. Auch dein Schiff hat Sensoren. Auch dessen Rechner hat Daten über Sytania! Auch du müsstest ihre neueste Teufelei erkennen können! Siehst du denn nicht, dass sie euch nur benutzt? Irgendwann, wenn sie euch nicht mehr braucht, wird sie euch ausspucken wie eine bittere Speise! Soll das stolze Volk der Genesianer wirklich zu einem Volk der Marionetten der Ehrlosen werden?!“ „Ihr verkennt die Situation völlig, oberste Prätora.“, sagte Leandra geduldig und winkte Tara, die auf ihrem Schiff die Waffen bediente, zu sich heran. „Dies ist meine Tochter Tara.“, sagte sie stolz. „Sie wurde mir von der Einhorngöttin geschenkt. Scannt sie ruhig, wenn ihr nicht an das Wunder glauben wollt!“ „Oh ja!“, sagte Shashana. „Das werden wir auch tun!“

Sie winkte Sereta, die daraufhin die Sensoren der Rapach auf eben den Teil der Brücke richtete, auf dem Leandra und ihre Tochter Tara jetzt standen. „Ihre DNS mag genesianisch sein, oberste Prätora.“, meldete sie dann. „Sie ist sogar die Gleiche wie die ihrer Schwester Lostris. Es gibt allerdings ein kleines aber feines Detail. Tara hat keine Biochemie, wie es alle Schöpfungen von Mächtigen haben. Ihre Organe funktionieren also nicht eigenständig. Ihr wisst, dass es nur deren Wille ist, der solche Schöpfungen am Leben hält. Wenn man die Verbindung stört, dann …“ „Ja dann.“, lächelte Shashana. „Und genau das werden wir jetzt beweisen! Du hast sehr gut aufgepasst, als ich dir von Sytania und ihren Schwachstellen berichtet habe, Sereta! Sehr gut! Meduse, heb die Schilde und konfiguriere Meilenstein auf diese unselige Mischfrequenz, aus der die Verbindung zwischen den Marionetten und ihrer Puppenspielerin nebst deren Partnerin besteht! Dann erfasse Leandras Schiff als Ziel und feuere!“ „Ja, oberste Prätora!“, sagte die Leibwächterin, die, als Beauftragte für Shashanas Sicherheit, auch die Waffen an Bord der Rapach bedienen durfte.

Während sie den Befehl gegeben hatte, hatte Shashana den Sendeknopf nicht losgelassen. Sie hatte es für nötig gehalten, dass Leandra über ihr Vorhaben Bescheid wusste, denn noch war sie von ihrem Ziel nicht abgerückt, ihr zu beweisen, was für ein falsches Spiel Sytania und Valora mit ihr spielten. So war es Leandra und Lostris möglich geworden, alles zu hören. Da die Beiden wussten, dass sie auf dem Hauptschirm zu sehen waren, wie es üblich war, wandte sich Leandra jetzt direkt an Meduse: „Bedenke, was du tust, Meduse! Ich hörte, du hast nur eine adoptierte Nachfahrin. Das Wunder, das mir zuteil wurde, kann auch dir zuteil werden, wenn du nur dafür betest! Deine Nachfahrin müsste, weil sie nur adoptiert ist, sich mit all den anderen Kriegerinnen, die sich um das Amt von Shashanas Leibwächterin bewerben, in Wettkämpfen messen und das wäre ein Glücksspiel. Sie könnte immerhin verlieren und dann hätte dein Zweig womöglich dieses Amt nicht mehr. Wenn du das nicht willst, dann bete für eine leibliche Tochter! Bete, Meduse! Bete! Bedenke auch die Möglichkeit, dass du niemals die Zeit der Schande durchmachen musst. Kein Mann wird je diese Macht über dich haben, auch wenn es das Einzige ist, was sie können. Aber das ist ja gerade das Schändliche! Also, bete, Meduse! Denk nach und bete!“

Meduse war von ihrem Sitz aufgestanden. Die Worte Leandras hatten sie bis ins Mark getroffen. Keine leibliche Nachfahrin zu haben, die Shashana, ihre über alle Maßen verehrte oberste Prätora einmal an ihrer Stelle schützen konnte und dies somit eventuell aus der Hand geben zu müssen, hatte ihr einen Stich in die Magengrube versetzt. Sie beugte leicht, aber dennoch zögerlich ihre Knie. „Nein, Meduse!“, befahl Shashana. „Bleib standhaft! Erinnere dich daran, dass wir genesianische Kriegerinnen und keine dreckigen Ferengi sind, die für eine kleine Erleichterung ihre Seelen verkaufen! Wir sind doch ein Volk von tapferen Kriegerinnen, die auch die Zeit der Schande mit Würde und in Mut und Tapferkeit ertragen! Außerdem, frage ich dich, sind es nicht wir, die bestimmen, wann die Männer bei uns liegen? Sind es deshalb nicht wir, die wir uns in diese Zeit begeben und zwar freiwillig? Dazu gehören nämlich immer zwei! Zumindest meiner Meinung nach und du weißt, dass diese jetzt die vorherrschende Meinung ist!“

Meduse zögerte. „Bete!“, dröhnte es erneut aus dem Lautsprecher. „Bete!“

„Das genügt!“, stellte Shashana fest. Dann befahl sie dem Computer, die Waffenkontrolle auf ihre Station zu transferieren und gab den Feuerbefehl selbst. Augenblicklich fiel Tara tot um, da ihre Verbindung zu Sytania und Valora getrennt war. „Da hast du es, Meduse!“, sagte sie. „Da hast du das Wunder! Und dazu wolltest du „ja“ sagen?“ „Natürlich nicht, oberste Prätora.“, sagte Meduse, die jetzt wieder zu sich gekommen war. „Wie konnte ich nur …?“

Für weitere Reue war aber keine Zeit, denn die anderen Kriegerinnen um Leandra und Lostris hatten Taras Tod zweifelsfrei als Grund angesehen, die gegnerischen Schiffe anzugreifen. Schon war die größte Schlacht im Gange.

„Meduse!“, befahl Shashana. „Konfiguriere Meilenstein und feuere auf alle Schiffe, auf denen sich Geschöpfe dieser unseligen Verbindung befinden!“ „Wie Ihr wünscht!“, sagte Meduse, die jetzt unbedingt beweisen wollte, dass sie wieder Herrin ihrer Sinne war.

Unter dem Feuer der Rapach fielen die Schiffe, die von den Marionetten gesteuert wurden, wie die toten Fliegen vom Himmel. Aus war es mit der Unverwundbarkeit und der Unsterblichkeit. Das war eine Tatsache, die Leandra und Lostris gleichermaßen schreckte und irritierte. Auch von den Schiffen, auf denen sich zwar Marionetten befanden, die aber nicht direkt von ihnen gesteuert wurden, häuften sich die Meldungen über Tote. Leandra war sogar so erschrocken, dass sie Shashana einen Waffenstillstand anbot. „Ich nehme dein Angebot an!“, sagte die oberste Prätora. „Zieh heim und lecke deine Wunden!“ Ohne etwas zu erwidern drehten Leandra und Lostris mit dem verbliebenen Rest ihrer Kriegerinnen ab.

Sereta wandte sich an Shashana. „Warum habt Ihr sie ziehen lassen, oberste Prätora?“, fragte sie. „Weil ich immer noch an Leandras Vernunft glaube.“, antwortete Shashana. „Eine gute Anführerin gibt niemanden auf, nur weil sie der Verblendung anheimgefallen ist. Das musst du dir merken, Sereta! Aber nun setze Kurs zurück ins Dock. Ich werde mich mit allen meinen Kriegerinnen darüber beraten, was wir aus der Situation machen sollen!“ „Ja, oberste Prätora!“, sagte Sereta fest und führte aus, was ihr Shashana soeben befohlen hatte.

Sytania und Telzan waren im Thronsaal der Prinzessin von Shashanas Aktion überrascht worden. Da die Königstochter eine telepathische Verbindung zu jeder der Schöpfungen hatte, hatte sie sehr wohl gemerkt, was da gerade passiert war. Krampfend war sie zusammengebrochen und Telzan blieb nichts übrig, als sie in ihr Bett in ihren Gemächern zu bringen. Dort trug er einem Dienstmädchen auf, öfter nach ihr zu sehen und ihn sofort zu verständigen, sollte sich der Zustand ihrer gemeinsamen Herrin verschlechtern. Das imperianische Bauernmädchen hatte nur genickt.

Jetzt war Telzan auf dem Weg zurück in seine Garnison, wo er von Cirnach erwartet werden würde, die diese Situation auch gemeinsam mit Mirdan mit Hilfe der interdimensionalen Sensorenplattform beobachtet haben würde. Sie würden mit Sicherheit auch beide gesehen haben, was gerade passiert war und würden es sicher genauso wenig gutheißen wie er selbst. Auch um Valora sorgte sich der Vendar. Um sie fast noch mehr als um seine Herrin, denn er wusste, dass Valora vielleicht noch umso weniger mit einer solchen Tat der Genesianer gerechnet haben könnte. Die Einhörner genossen ja im Allgemeinen das Privileg der Unantastbarkeit. Dass es jetzt jemand gewagt hatte, sich gegen eines von ihnen zu wenden, könnte sie nicht nur überrascht, sondern sie im wahrsten Sinne des Wortes vielleicht sogar umgeworfen haben. Das war etwas, dem er unbedingt nachgehen musste, wenn er die Zeit dazu fand. Aber es fehlten ihm auch noch wichtige Informationen, die er hoffte, jetzt von seiner Frau und seinem Schüler zu erhalten.

Auf dem Monitor in der Garnison der Vendar hatten Cirnach und Mirdan sich alles angesehen. Wie gebannt hatten sie mit offenem Mund auf den Schirm gestarrt. „Hättest du das gedacht, Ausbilderin?“, fragte Mirdan leise in Richtung der Stellvertreterin seines Lehrers. „Wenn ich ganz ehrlich sein soll.“, erwiderte die ebenfalls leicht verwirrt wirkende Vendar. „Dann hätte ich Shashana El Chenesa das nicht zugetraut. Ich hätte nicht gedacht, dass sie den Mut hätte, Meilenstein gegen ein Einhorn einzusetzen.“ „Genau genommen.“, sagte Mirdan. „Hat sie es ja auch nicht gegen Valora eingesetzt, zumindest nicht nur, sondern auch gegen Sytania. Eigentlich ja sogar nur gegen die Verbindung der Beiden und gegen das, was aus dieser resultiert hat. Ich bin überzeugt, würde sie Valora selbst gegenüberstehen, würde sie sich das nicht trauen!“ „Dein Wort in den Ohren der Götter, Novize!“, sagte Cirnach streng, die seinen Einwand eher als naiv einordnete. Ihrer Meinung nach hätte er jetzt daraus lernen müssen, dass man der obersten Prätora der Genesianer mit größter Vorsicht hatte begegnen müssen und sich nicht auf dem althergebrachten Glauben ausruhen dürfen, dass man den Einhörnern schon nichts tun würde oder könnte. Dass es damit ganz anders aussah, hatten sie jetzt ja gesehen.

„Cirnach?“, eine männliche Stimme hatte sie angesprochen, noch bevor sie Mirdan für sein Verhalten tadeln konnte. Cirnach drehte sich um und erkannte ihren eigenen Ehemann. „Ich grüße dich, mein Telzan.“, sagte sie und schlug ernst die Augen nieder. „Auch ich grüße dich, meine Cirnach.“, sagte Telzan zärtlich und legte seine Arme um sie, um sie danach zu küssen. Sie aber schob ihn nur von sich: „Lass mich! Ich bin jetzt nicht in der Stimmung für Zärtlichkeiten!“ „Was ist los?“, fragte Telzan und sah sie irritiert an. „Sieh selbst.“, erwiderte seine Frau leise und mit etwas Trauer und viel Enttäuschung in ihrer Stimme.

Telzan wandte sich dem Monitor zu. Hier sah er jetzt die Situation in der Umlaufbahn der Heimatwelt der Genesianer. Genau war dort zu sehen, dass die Kriegerinnen um Leandra und Lostris in sehr stark dezimierter Zahl und mit halb zerstörten Schiffen auf dem Rückzug waren, während Shashana und ihre Truppe sich daran machten, Leichen und Überlebende einzusammeln, um sie teils als Kriegsbeute und teils als Gefangene mitzunehmen.

Er wandte sich erschrocken Mirdan zu, der vor dem Computermikrofon saß. „Wie konnte das geschehen, Mirdan?!“, fragte er. „Sag dem Mishar, er soll uns zeigen, was in den zehn Minuten davor geschehen ist!“ „Ja, Ausbilder.“, sagte Mirdan und nickte. Dann gab er dem Computer die entsprechenden Befehle.

Jetzt war es Telzan, der wie gebannt auf den Monitor starrte. Auch er konnte sich nicht wirklich erklären, was da geschehen war. „Kelbesh!“, fluchte er. „Wir haben Shashana El Chenesa gewaltig unterschätzt! Diese verdammten Genesianerinnen sind doch tapferer und klüger als wir alle denken!“ „Da hast du wohl Recht, mein Ehemann.“, sagte Cirnach. „Ich muss dir gestehen, dass ich auch zuerst die Vermutung hatte, Shashana El Chenesa würde sich das nicht trauen. Aber wie du siehst, waren wir ja alle auf dem Holzweg! Wir werden unsere Pläne gewaltig ändern müssen, was sie angeht. Wir werden sie weiterhin auf der Rechnung haben müssen.“ „Ja, das müssen wir.“, bestätigte Telzan gegenüber seiner Frau. „Und ich fürchte, das werden wir auch unserer Herrin beichten müssen, wenn sie wieder genesen ist.“

Mirdan fuhr zusammen. Die letzte Aussage seines Ausbilders hatte ihn doch sehr erschrocken. „Sytania auch?!“, fragte er alarmierten Ausdrucks im Gesicht. „Ja, Mirdan.“, antwortete Telzan. „Oder hast du wirklich geglaubt, sie bliebe verschont?! Du wusstest doch, dass Valora und sie jetzt telepathisch miteinander verbunden sind. Was der einen geschieht, geschieht auch der anderen.“ „Bitte verzeih mir, Ausbilder.“, bat Mirdan und senkte beschwichtigend den Kopf. „Das hatte ich wohl nicht bedacht. Aber in einer solchen Situation kann man schon einmal nervös werden. Wie geht es der Prinzessin?“ „Nicht sehr gut.“, sagte Telzan. „Eine der niederen Zofen ist bei ihr und beobachtet ihren Zustand. Sie wird mich sofort holen, wenn sich etwas ändert. Sie weiß wo ich bin und die Wachen haben Befehl, sie auf jeden Fall durchzulassen. Das war das Einzige, was ich tun konnte. Ohne genaue Informationen kann ich ihr auch nicht helfen und die konnte ich nur hier bekommen. Aber eines ist sicher. Shashana El Chenesa muss weiter beobachtet werden. Sie scheint mit allen Wassern aus jeder nur erdenklichen Quelle gewaschen zu sein. Wenn wir nicht aufpassen, macht sie uns jeden Plan kaputt.“ „Das bedeutet aber auch.“, stellte Mirdan fest. „Dass wir meinen Plan, die Genesianer zu spalten, wohl vergessen können. Shashanas Aktion dürfte nicht ohne Folgen bleiben und die anderen Kriegerinnen müssten schon allesamt blind vor Glauben sein, wenn …“ „Das werden wir ja gleich sehen.“, sagte Telzan. „Lass mich einmal dorthin.“

Er schob Mirdan beiseite und setzte sich selbst an den Platz vor dem Rechner. Dann stellte er die Sensorenplattform mit dessen Hilfe so ein, dass sie ihm ein genaues Bild von der genesianischen Heimatwelt zeigte. Bei der kurzen Kamerafahrt zählten alle drei die Statuen der Einhorngöttin, die sich auf dem Planeten befanden. Allerdings sahen sie bald, dass es nur eine war und die wurde auch noch gerade von einigen Kriegerinnen eingerissen. Diese spuckten sogar verächtlich auf deren Überreste und, wenn Cirnach dem Bild ihrer Lippen glaubte, dann spotteten sie sogar über sie. Das war eine Tatsache, die Cirnach ihrem Mann sofort mitteilte. „Was macht dich da so sicher, Telshanach?“, fragte Telzan. „Ich kann mir vorstellen, dass du die Lippenbewegungen interpretieren kannst, wenn jemand Englisch spricht. Das ist ja die Amtssprache eines unserer größten Feinde. Aber ich wusste gar nicht, dass du auch des Genesianischen mächtig bist.“ „Das bin ich eigentlich auch nicht, mein Ehemann.“, sagte Cirnach. „Aber die Gesichter dieser Frauen dort sprechen Bände. Schau dir doch mal an, wie sie die Reste der Statuen anblicken.“

Sie rückte ein Stück, um ihrem Ehemann einen besseren Blick auf den Monitor zu verschaffen. Hier sah Telzan jetzt genau, was sie gemeint hatte. „Du sprichst die Wahrheit, Telshanach.“, sagte er. „Aber trotzdem würde ich nicht aufgeben. Diesen Plan können wir vergessen, da hast du Recht. Selbst wenn uns Leandra und Lostris mit ihren Kriegerinnen bleiben, so glaube ich nicht, dass sich noch viele ihnen anschließen werden, nach dem, was heute dort passiert ist. Die Sache mit dem Rosannium wird Fragen aufwerfen. Diese können sie sicher nicht beantworten. Das wird dazu führen, dass immer mehr, die sich Valora, Sytania und uns bereits angeschlossen hatten, wieder zum alten Glauben zurückkehren werden. Die Spaltung von Chenesa, die wir uns so sehr erhofft hatten, wird es also nie geben! Mit nur einem Clan an unserer Seite können wir das nicht erreichen. Wir müssen umdenken.“

Mirdan hatte sich verschämt in eine Ecke des Raums zurückgezogen. Er hatte sehr wohl realisiert, dass es ja sein Plan gewesen war, der jetzt gewaltig in die Hose gegangen war. Er war es schließlich gewesen, der Shashana unterschätzt hatte! Seine Schuld war es, dass Sytania und Valora jetzt eine solche Niederlage eingesteckt hatten! Er musste dringend einen Weg finden, das wieder gut zu machen! So dachte er zumindest.

Das Verhalten des Novizen war auch Cirnach und Telzan aufgefallen. „Was stehst du da so herum?!“, fragte Cirnach und ging zu ihm. „Und was schaust du so traurig? Warum wendest du uns den Rücken zu als Symbol der Scham?“ „Weil ich mich sehr schäme, Ausbilderin.“, sagte der Novize traurig. Er wagte immer noch nicht, sich zu ihr umzudrehen und ihr ins Gesicht zu sehen.

Cirnach fasste ihn am Kragen und drehte ihn zu sich herum. Das war etwas, das für Mirdan sehr überraschend kam. Dann befahl sie: „Sieh mich an, Novize! Du bist noch kein erwachsener Krieger! Du befindest dich noch in der Ausbildung. Eine Fehleinschätzung ist für Novizen deines Standes ganz normal. Wie hättest du das wissen sollen, wenn es sogar für uns undenkbar war?“

Langsam hob der Novize den Kopf. Zögerlich öffnete er die Augen, welche er aus Scham immer noch verschlossen gehalten hatte, um vor Cirnach nicht den Eindruck zu erwecken, sie ansehen zu wollen. „Na komm!“, versuchte die Vendar ihn zu ermuntern. „Öffne schon deine Augen! Ich habe dir doch erlaubt, mich anzusehen.“ „Das hast du in der Tat, Ausbilderin.“, sagte Mirdan und öffnete seine Augen langsam. „Du hast es mir sogar befohlen.“ „Genau.“, bestätigte Cirnach. „Und was tut ein braver Novize mit den Befehlen seines Ausbilders oder dessen Stellvertreterin?“ „Er befolgt sie!“, sagte Mirdan jetzt sehr fest. „So gefällt mir das!“, lobte Cirnach und klopfte ihm auf die Schulter. Dann ließ sie ihn los.

Kapitel 27: Sytanias Schmach

von Visitor

 

Sytania war in ihrem Gemach wieder zu Bewusstsein gekommen. Sie war sehr erstaunt darüber, statt ihres obersten Vendar das Bauernmädchen an ihrem Bett sitzen zu sehen. Erstaunt musterte die Königstochter die kleine Gestalt in ihren ärmlichen abgewetzten Kleidern. Sie war ca. 1,64 m groß, von mittlerer Statur und hatte blonde kurze Haare. Sie trug ein verwaschenes altes Kleid, das ihr eigentlich viel zu groß war. Es musste wohl ihrer großen Schwester gehört haben. Jetzt hatte sie es wohl bekommen und sollte hineinwachsen. An ihren Füßen trug das Mädchen schmutzige verblichene Schuhe.

Sytania setzte sich auf, gleich nachdem sie die Augen geöffnet hatte. „Ihr seid wach!“, rief die Zofe erfreut aus. „Ich werde gleich nach Eurem obersten Vendar schicken! Er hat mir aufgetragen, das zu tun, sobald Ihr erwacht seid!“ „Warum wacht Telzan nicht selbst an meinem Krankenbett?!“, wollte die Prinzessin wissen und sah sie mit einem bohrenden Blick sehr durchdringend und streng an. „Er wollte wichtige Informationen besorgen, Herrin.“, sagte die Kleine mit ihrer hellen kleinen Stimme. „Informationen, die er wohl nur in seiner Garnison bekommen kann. Deshalb sollte ich hier auf Euch achten, solange er weg ist. Was ist mit Euch geschehen? Was hat Euch erkranken lassen? Ich war immer der Ansicht, das sei bei Mächtigen nicht möglich.“ „Sicher nichts, das einen Bauerntrampel wie dich etwas angeht!“, sagte Sytania scharf und warf ihr einen abfälligen Blick zu. „Du solltest dich schämen, dass du überhaupt gefragt hast!“ „Es wird nicht wieder vorkommen, Eure Hoheit.“, sagte das Mädchen. „Eher lasse ich mir die Zunge abschneiden!“ „Recht so!“, erwiderte Sytania. „Und nun lauf und hole mir Telzan! Er wird sich sehr über die gute Nachricht freuen, dass seine Herrin erwacht ist! Hinfort mit dir! Marsch! Über deine Strafe wegen deiner Frage werden Telzan und ich dann auch gemeinsam nachdenken!“ Das Mädchen nickte, stand auf und rannte davon.

Ihr Weg führte sie aus dem Schloss und dann zur Kaserne der Vendar. Hier ließ der Torwächter, ein direkter Untergebener Telzans, sie ohne Fragen passieren, denn er hatte von seinem Vorgesetzten eine genaue Beschreibung ihres Äußeren bekommen. Er führte sie sogar, nachdem er einem anderen Soldaten seinen Posten gegeben hatte, persönlich in den Befehlsstand, wo er von Telzan sofort Order erhielt, auf dem Absatz Kehrt zu machen und wieder zu gehen.

Nun waren Telzan, Cirnach und Mirdan mit ihr allein. „Was ist geschehen?“, wandte sich Telzan verhältnismäßig freundlich an das Mädchen. „Sie ist wach, Telzan!“, sagte sie. „Unsere Herrin ist wach!“ „Na das ist ja schon einmal eine sehr gute Nachricht.“, sagte der Vendar und lächelte sie an. „Sie verlangt danach, dich zu sehen.“, richtete die Zofe aus. „Dann lass uns gehen.“, sagte Telzan und drehte sich ihr zu, die sich bereits langsam wieder in Richtung Tür gewendet hatte. Die kleine nickte und schickte sich an, ihm voran wieder in Richtung Schloss zu gehen.

Mirdan hatte dies beobachtet. Er hoffte inständig, irgendeine Gelegenheit zu bekommen, seine Schande von vorhin wieder gut machen zu können. Cirnachs Worte, die ihn zwar oberflächlich getröstet hatten, schienen wohl doch nicht den passenden Effekt zu haben. Aber er dachte sich schon, wie er das regeln könnte.

Mit einigen großen entschlossenen Schritten, die fast schon eher Sprüngen ähnelte, setzte er Telzan und dem Mädchen nach. Am Tor gelang es ihm tatsächlich noch, sie einzuholen. „Bitte warte einen Augenblick, Ausbilder!“, sagte er etwas außer Atem. „Was ist?“, fragte Telzan. Dabei hatte er sich noch nicht einmal umgedreht. „Ich möchte um Erlaubnis bitten, einige unserer Leute mitzunehmen, die gerade im passenden Teil ihres Sifa-Zyklus sind und mit Ihnen etwas Energie von unseren Getreuen unter den Adeligen des Dunklen Imperiums sammeln. Dann möchte ich nach Valora suchen. Die durch das Rosannium aus Shashanas Waffe verstorbenen Kriegerinnen waren zum größten Teil allein ihre Schöpfungen. Es wird sie also stärker getroffen haben, als es Sytania getroffen hat. Vielleicht kann ihr ja so geholfen werden.“ „Sehr gut, Mirdan!“, lobte Telzan. „Tu, was du dafür tun musst und besorge dir, was du dafür benötigst. Ich gebe dir für die Ausführung freie Hand.“ „Danke, Ausbilder.“, sagte Mirdan und ging strahlend wieder in die andere Richtung, während Telzan und die Zofe ihren Weg in Richtung Schloss fortsetzten.

Der Kleinen fiel es sehr schwer, mit den Schritten des Vendar mitzuhalten. Auch hatte sie immer noch das Gefühl, dass er etwas vor ihr verheimlichte. Sein plötzliches Betreten der Gemächer mit Sytania über den Schultern hatte sie geängstigt. Jetzt wollte sie unbedingt wissen, was der Grund dafür war und wollte sich nicht mit Sytanias Abfuhr zufrieden geben.

Sie beschloss also, Telzan noch einmal auf das gleiche Thema anzusprechen: „Bitte warte einen Augenblick, Telzan.“ Der Vendar drehte sich um und blieb stehen. „Was willst du?“, fragte er. „Ich möchte doch nur wissen, was unsere Herrin so krank gemacht hat.“, antwortete das Bauernmädchen. „Prinzessin Sytania hat zwar gesagt, dass es mich nichts anginge, aber …“ „Und dann erwartest du, dass ich den Befehl meiner Herrin missachte und es dir sage?“, fragte Telzan verächtlich zurück und warf ihr einen ebensolchen Blick zu. „Oh nein! Das wirst du wohl nicht erleben … Ach, wie heißt du eigentlich?“ „Ich heiße Elisa.“, sagte das Mädchen traurig. „Dann hör mir jetzt gut zu, Elisa.“, sagte Telzan. „Wenn du nicht demnächst getötet werden willst, dann stellst du solche Fragen nie wieder! Hast du mich verstanden?!“ Er setzte einen einschüchternden Ausdruck auf und sagte dann: „Es gibt Dinge, die ihr einfachen Imperianer nicht wissen dürft. Diese Dinge teilen die Mächtigen nur mit uns Vendar! So war es schon seit Jahrtausenden und so wird es auch immer bleiben!“ „Ich verstehe.“, sagte Elisa kleinlaut, die ob seines Verhaltens ihr gegenüber jetzt tatsächlich um ihr Leben fürchtete. „Ich werde nie wieder fragen.“, sagte sie mit gesenktem Kopf und beschwichtigendem ängstlichen Gesichtsausdruck. „Nie wieder. Das schwöre ich dir, Vendar. Nur, bitte lass mir mein Leben.“ „Schon gut.“, lachte Telzan. Schließlich brauche ich dich noch und ohne Sytanias Befehl würde ich dich sowieso nicht töten. Du hast also noch mindestens bis zu dem Zeitpunkt eine Galgenfrist, wenn wir bei ihr ankommen. Dann wird die Prinzessin entscheiden, was wir mit dir tun und nun sage mir, was genau geschehen ist, als sie erwacht ist. Aber dabei sollten wir weitergehen. Ich lasse meine Herrin ungern warten.“

Er setzte sich wieder in Bewegung und Elisa tat es ihm gleich. „Die Prinzessin hat sofort nach dir gefragt, Telzan.“, sagte sie. „Oh.“, antwortete Telzan. „Dann muss es ihr wirklich noch sehr schlecht gehen.“

Er schaute wieder hinter sich. „Wenn es so weitergeht.“, sagte Telzan. „Dann sind wir morgen noch nicht im Schloss. Deine kurzen Beine tragen dich viel zu langsam.“ Damit packte er sie um die Hüften und nahm sie huckepack. Das war aber beileibe kein Liebesdienst, sondern sollte nur bewirken, dass sie schneller vorankamen. Es nervte Telzan nämlich gewaltig, immer auf sie warten zu müssen.

Endlich waren sie im Schloss angekommen und Telzan setzte Elisa wieder vor der Tür von Sytanias Gemach ab. „Ich denke.“, sagte er. „Es sollte in deinem Interesse liegen, jetzt zu gehen, wenn dir dein Leben lieb ist.“ „Ich eile, Telzan.“, sagte Elisa, die sehr erleichtert darüber war, dass er offensichtlich bestrebt war, ihr Leben doch zu verschonen. Sie ahnte ja noch nicht, wie sehr sie sich darin irren sollte. Auf Zehenspitzen schlich sie schnellen Schrittes und aufatmend davon.

Telzan drückte langsam die Klinke herunter und trat ein. „Herrin, ich bin es!“, sagte er zwar leise, aber fest. Er wollte erreichen, dass sich Sytania in jedem Fall sicher fühlte. Langsam ging er auf ihr Bett mit den goldenen Beschlägen zu. „Ja, komm näher, Telzan.“, sagte Sytania mit immer noch sehr schwacher Stimme. Ihr Zustand hatte sie wieder zurück in die Kissen gezwungen. Jetzt war sie auch kaum noch in der Lage, sich aufzusetzen.

Der Vendar erschrak. In so einem Zustand hatte er seine Herrin nur selten gesehen. „Was hat Euch Shashana El Chenesa nur angetan?!“, fragte er. „Shashana El Chenesa?“, fragte Sytania zurück. „Du weißt also, wer mich in diesen Zustand gebracht hat?“ „In der Tat, Hoheit!“, sagte Telzan fest und zog ein Pad aus seiner Tasche. Hierauf hatte er sämtliche Bilder gespeichert, die er zu diesem Geschehen vom Rechner seiner Garnison erhalten hatte. „Seht her.“, sagte er. „Laut der Sensorenplattform war der Phaser von Shashanas Schiff genau auf die richtige Trägerfrequenz eingestellt, um Euch und Valora zu schaden.“ „Meilenstein!“, entfuhr es Sytania. „Ich hätte nie gedacht, dass diese verdammte Genesianerin mutig genug sein würde, um Meilenstein gegen ein Einhorn einzusetzen! Ach, Telzan! Wie geht es Valora?“ „Das wird uns mein Novize Mirdan bald verraten können.“, sagte Telzan. „Er ist auf der Suche nach Valora. Wir gehen davon aus, dass sie es vielleicht noch gerade zurück in unsere Dimension geschafft hat. Er will unter den uns getreuen Adeligen Energie sammeln, um sie Valora zu geben.“ „Ach ja. Meine Freundin Valora.“, sagte Sytania. „Aber was ist mit mir? Wie können wir mich wieder stärken, damit ich es dieser Genesianerin heimzahlen kann?“ „Um das zu beantworten.“, sagte Telzan. „Muss ich mir Euren Zustand genauer ansehen.“

Er steckte das Pad wieder ein und zog stattdessen seinen Erfasser, um Sytania genau zu scannen. Er hatte zwar auch etwas gespürt, wollte sich aber nicht allein darauf verlassen. Das Gerät zeigte ihm jetzt sehr genau, welcher Natur die telepathische Verbindung zwischen Valora und Sytania war.

Nach einem genauen Studium der Daten ließ Telzan den Erfasser wieder sinken. Dann sagte er: „Es dürfte gesünder für Euch sein, wenn Ihr die Verbindung für eine Weile trennen würdet. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis mein Novize die nötige Menge an Energie gesammelt haben und sie Valora übergeben haben wird. Ihr müsst schließlich auch noch mindestens einen Tag einrechnen, den er und seine Leute für das Fütterungsritual benötigen werden. Ihr wisst, dass sie dieses mindestens einmal durchführen müssen, um die Energie zu vermehren und dafür zu sorgen, dass sie an Euch weitergegeben werden kann. Sonst werden ihre Sifas das nicht zulassen und sie würden die Energie bis zum natürlichen Ende ihres Sifa-Zyklus tragen müssen. Aber das würde zu lange dauern. Den Trick mit dem Ritual haben wir uns von dem Verräter Joran abgeschaut. Aber selbst wenn es so ist, so ist es doch die Wahrheit.“ „Schon gut, Telzan.“, sagte Sytania. „Ich bin zu allem bereit, wenn es mir nur hilft. Oh dieser Schwindel! Dieser erbarmungslose Schwindel! Wann hört das endlich auf?!“ „Es wird erst dann aufhören, befürchte ich, wenn es gelungen ist, Euch wieder zu stabilisieren.“, sagte Telzan. „Und das Einzige, was jetzt getan werden kann, könnt Ihr nur selbst tun! Bitte trennt die Verbindung zwischen Valora und Euch. Es wäre doch nur für eine Weile, Hoheit! Nur für eine kurze Weile!“ „Sie trennen?!“, rief Sytania empört aus. „Was glaubst du, wie das bei Valora ankommen würde?! Sie wird doch meinen, ich ließe sie im Stich und das kann ich nun gar nicht gebrauchen! Wenn wir die Kräfte in den Dimensionen langfristig zu unserem Vorteil verschieben wollen, dann benötige ich sie und sie benötigt mich! Hast du dir darüber schon einmal Gedanken gemacht?!“ „Das habe ich in der Tat, Gebieterin.“, versuchte Telzan sie zu beschwichtigen. Er wusste genau, dass Aufregung jetzt in keinem Fall gut für sie war. Eine durch Rosannium geschwächte Mächtige konnte sogar, genau wie jede Sterbliche auch, an einem Herzanfall sterben und Shashanas Einsatz von Meilenstein hatte sie sehr geschwächt. Dem Vendar musste dringend etwas einfallen, um sie wieder zu besänftigen. Sonst konnte er für nichts mehr garantieren. Die Werte, die ihm sein Erfasser verraten hatte, alarmierten ihn schon genug.

Er zog sein Sprechgerät. „Ich werde Mirdan fragen, wie weit seine Mission gediehen ist, Herrin.“, schlug er vor. „Außerdem werde ich ihm auftragen, Valora zu erklären, warum Ihr die Verbindung zeitweise trennen müsst. Ich bin sicher, dass sie es verstehen wird.“ „Also gut.“, sagte Sytania, die sich erneut ihrer Schwäche ergeben musste. „Aber lass mich seine Antwort auch hören.“ „Natürlich, Gebieterin.“, sagte Telzan, nahm einige Kissen, die er in ihren Rücken stellte, um sie zu stützen und suchte dann Mirdans Rufzeichen aus dem Speicher seines Sprechgerätes heraus, Dann ließ er das System einen Ruf absetzen, indem er es einfach bestätigte, als es im entsprechenden Fenster auftauchte.

Der Novize und die Vendar-Krieger, die mit ihm gegangen waren, hatten ihre Sammlung bei den Sytania treuen Adeligen beendet und sich auf einer Waldlichtung versammelt. Für keinen der erwachsenen Vendar war es seltsam, dass ein Novize jetzt die Befehlsgewalt hatte, denn die Legitimation durch ihren Anführer Telzan genügte, dass sie diesen Umstand nicht hinterfragten. So war es auch nicht wunderlich, dass sie ihn mit Anführer ansprachen. „Wie sieht es aus?“, fragte Mirdan. „Haben alle Energie bekommen können?“ „Ja, Anführer.“, bestätigten alle Vendar teils verbal und teils durch Kopfnicken. „Gut!“, sagte Mirdan fest. „Dann alle Haltung einnehmen zum Fütterungsritual!“ „Zu Befehl!“, bestätigten alle und setzten sich im Schneidersitz und mit verschränkten Armen auf den Waldboden. Mirdan saß in der Mitte. So konnte er alle gut überblicken.

Gerade wollte er den Befehl zum Beginnen geben, als er von einer jungen Kriegerin angesprochen wurde: „Anführer, dein Sprechgerät.“

Mirdan griff in seine Tasche und zog es hervor. Dann sah er auf das Display, wo er das Rufzeichen seines Ausbilders erkennen konnte. Außerdem hörte auch er jetzt das Signal. „Du hast gute Ohren.“, wendete er sich lobend der Vendar zu, die ihm auf ca. ein Uhr gegenübersaß. Dann drückte er den Sendeknopf, was dem Gerät den Befehl erteilte, das Gespräch anzunehmen.

Jetzt sah er im Display das Gesicht seines Lehrers. „Berichte mir!“, befahl Telzan. „Wie weit bist du?“ „Wir haben alle Energie bekommen, Ausbilder!“, sagte Mirdan fest. „Wir wollten gerade mit dem Fütterungsritual beginnen!“ Er ließ das Gerät bei gedrücktem Sendeknopf einmal durch eine geschickte Handbewegung kreisen. So konnte Telzan sehen, was um ihn herum geschah. „Sehr gut, mein Schüler.“, sagte Telzan. „Wie geht es Sytania?“, erkundigte sich Mirdan. „Sehr schlecht.“, sagte Telzan. „Wirklich sehr schlecht. Sie weigert sich allerdings auch, das zu tun, was ihr Leben retten könnte. Sie will die Verbindung zu Valora einfach nicht trennen!“ „Das wird auch bald nicht mehr nötig sein!“, versicherte Mirdan. „Ich bin zuversichtlich, dass wir Valora helfen können und wenn wir ihr helfen können, dann wird das auch Sytania helfen.“ „Das ist korrekt.“, sagte Telzan. „Ich sehe also, du hast aufgepasst, als ich dir die Zusammenhänge der Allianzen von Mächtigen erklärt habe.“ „In der Tat.“, sagte Mirdan. „Aber jetzt lass uns endlich dieses Gespräch beenden, damit wir beginnen können, Ausbilder. Je eher wir helfen können, desto besser ist es für Sytania und Valora.“ „Soll mir recht sein.“, sagte Telzan, der sehr wohl mitbekommen hatte, dass sein Schüler die Dringlichkeit der Situation erkannt hatte. Er befahl noch: „Weitermachen!“, ins Mikrofon, bevor er die Verbindung beendete. „Ihr habt ihn gehört!“, sagte Mirdan, nachdem er sein Sprechgerät wieder eingesteckt hatte. „Beginnen wir!“ Alle nickten und begannen damit, sich auf die für das Fütterungsritual notwendigen Bilder zu konzentrieren.

Mit einem milden Blick hatte sich Telzan Sytania zugewandt. „Ihr seht, es wird alles wieder gut, Herrin.“, sagte er. „Aber ich müsste noch über Eure Zofe Elisa mit Euch reden. Das duldet leider keinen Aufschub, weil sie sonst denken könnte, Ihr wärt inkonsequent.“ „Was ist mit Elisa?“, fragte Sytania. „Sie hat es gewagt, mich zu fragen, was es war, das Euch krank gemacht hat!“, antwortete der Vendar und ihm standen schier die Wutfalten im Gesicht. „Dabei sind das Dinge, die ja nur uns Vendar etwas angehen!“ „Da hast du Recht, mein guter Telzan.“, sagte die Königstochter. „Nun denn, so lass uns nachdenken. Wie kann man so etwas angemessen bestrafen?“

Einige Minuten waren vergangen, in denen Sytania und Telzan angestrengt nachgedacht hatten. Dann grinste der Vendar plötzlich und sagte: „Mit dem Tode, Herrin!“ Sytania wurde hellhörig. „Wie meinst du das genau, Telzan?“, fragte sie. „Ich meine.“, sagte der Vendar. „Mit dem Tode durch Eure Schöpfung. Wie alt ist Elisa, Hoheit?“ „Sie wird nächsten Monat gerade einmal süße 11 Jahre.“, sagte Sytania. „Ich glaube, ich weiß auch schon, worauf du hinauswillst. Solange sie in meinen Diensten steht, ist sie geschützt, Aber wenn ich sie entlasse und wieder zu ihren Eltern schicke, dann ist sie für meine Schöpfung ein Kind wie jedes andere. Oh, Telzan! Warum bin ich nicht darauf gekommen?!“ „Ich denke.“, sagte Telzan. „Ohne anmaßend wirken zu wollen, dass es wohl daran liegt, dass sie versucht hat, an eines der Geheimnisse zu kommen, das eigentlich nur wir Vendar wissen dürfen. Das hat die höllischen Heerscharen sicher so empört, dass sie uns Vendar trösten wollten und es somit ein Vendar sein sollte, dem sie diese Idee gegeben haben. Anders kann ich mir nicht erklären, warum sie plötzlich da war. Sie kam wie angeflogen.“ „Das klingt überhaupt nicht anmaßend.“, sagte Sytania. „Das klingt sogar recht logisch. Außerdem fühlt sich Elisa dann bestimmt erst einmal sicher, bis meine Schöpfung sie holt.“ „Ja.“, sagte Telzan. „Aber es muss ihr ja niemand sagen, wie trügerisch diese Sicherheit ist.“ Er lachte gemein. „Da hast du Recht.“, sagte Sytania. „Das muss wirklich niemand tun.“ Auch sie fiel in sein Lachen ein.

Die Vendar um Mirdan hatten das Fütterungsritual erfolgreich beendet und nun sollte es darum gehen, Valora zu finden. „Der Wald hier ist ihr Wald.“, sagte Mirdan. „Die Wahrscheinlichkeit dürfte also groß sein, dass wir sie hier …“

Etwas hatte ihn am Ärmel seiner Uniformjacke berührt. Der Vendar wandte sich langsam um. Sein Blick fiel auf eine jetzt gut sichtbar vor ihm stehende Valora. Aber sie schien sehr instabil zu sein.

Auch die anderen Soldaten hatten sie jetzt gesehen. „Sie ist sichtbar und sie ist sehr schwach, Anführer!“, sagte die junge Kriegerin, die Mirdan schon einmal positiv aufgefallen war. Er drehte sich zu ihr und musterte sie jetzt genauer. Es handelte sich um eine 2,20 m messende ausgewachsene junge Vendar mit drahtiger Statur und schwarzweiß geflecktem Fell. „Wie ist dein Name?“, fragte Mirdan. „Mein Name ist Tylach.“, antwortete die junge Vendar, die dem Alter der Novizenschaft auch noch nicht lange entwachsen sein konnte. „Tylach Tochter der Sidach und des Selman vom südlichen Salzsee. Vielleicht kennen sich unsere Familien, Anführer.“ Die Art, in der sie ihre Eltern vorgestellt hatte, sollte darauf hinweisen, dass diese zwar zusammenlebten, jedoch nicht verheiratet waren. „Das könnte sein, Tylach.“, sagte Mirdan. „Aber da du so aufmerksam bist, wirst du das zweite Ende der Kette bilden, wenn wir Valora die Energie geben. Also dann. Bilden wir alle einen Kreis, in den wir sie mit einschließen. Ich werde ihr Horn mit der rechten Hand berühren und du mit der linken Hand. Ihr anderen stellt euch zwischen uns auf.“ Dann gaben sich alle die Hände. „Wenn ihr spürt, dass die Energie aus euren Sifas gezogen wird, lasst es zu!“ „Ja, Anführer.“, bestätigten alle geschlossen und führten aus, was Mirdan ihnen befohlen hatte.

Auch Sytania hatte davon profitiert. Ihr blasses Gesicht wurde zunehmend rosiger und ihre Augen wacher. „Es scheint, als hätte Mirdan sie noch rechtzeitig gefunden.“, atmete Telzan auf und ließ sie zurück in die Kissen gleiten. Um ihren Kreislauf aufrecht zu erhalten, hatte er sie in einer fast sitzenden Haltung die gesamte Zeit über in den Armen gehalten. „Also musste ich die Verbindung ja doch nicht beenden.“, sagte Sytania. „Nein.“, sagte Telzan. „Aber Ihr hattet nur großes Glück. Das hätte auch anders ausgehen können.“

Valora hatte sich, Dank der Energiespritze der Vendar, ebenfalls recht schnell wieder erholt. Sie war wieder unsichtbar geworden und hatte sich, bevor sie wieder gegangen war, noch einmal telepathisch an die Vendar gewendet: Ich danke euch, meine Freunde. Dann war sie wieder tief in den Wald verschwunden.

Erleichtert hatte der Novize dies zur Kenntnis genommen. „Also gut.“, sagte er. „Wir rücken ab!“ Die Vendar nickten und dann setzte man sich gemeinsam in Bewegung. Mirdan aber nahm noch kurz sein Sprechgerät, um Telzan von der erfolgreichen Mission zu berichten.

„Das sind sehr gute Nachrichten, Mein Schüler.“, stellte der ausgebildete Vendar fest. „Ich sehe, man kann dich auch schon allein auf Mission schicken. Das hast du sehr gut gemacht!“ „Ich danke dir, Ausbilder.“, sagte Mirdan ehrfürchtig. „Wie geht es der Prinzessin?“ „Es geht ihr wieder gut.“, sagte Telzan. „Valoras Genesung hat auch sie genesen lassen.“, „Das dachte ich mir.“, sagte Mirdan. „Wir werden dann zurückkehren.“ „Tut das.“, sagte Telzan. „Wir werden deine gelungene Mission gebührend feiern! Du hast deinen Ausbilder und deine Herrin heute verdammt stolz gemacht, Mirdan! Verdammt stolz!“ Er hielt Sytania kurz das Mikrofon hin, die nur beifällig in die Kamera nickte. Dann beendete Telzan die Verbindung.

Kapitel 28: Augen zu und durch!

von Visitor

 

An ganz anderer Stelle, in der Umlaufbahn von Celsius nämlich, war Kamura gerade damit beschäftigt, Meroola davon zu überzeugen, dass sie doch nun endlich mal ihre Wohnstätte auf dem Planeten aufsuchen und sich dort niederlassen sollte, statt sich jeden Tag nach der Arbeit wieder einige Straßen von Mr. Kingsleys Firma entfernt unauffällig von ihr an Bord beamen zu lassen. Es schien allerdings, als sei dieses Unterfangen unmöglich.

„Was hast du für ein Problem mit der Adresse, die ich dir besorgt habe?“, wollte Kamura am Ende einer solchen Diskussion, die ihre Pilotin und sie jetzt schon so oft geführt hatten, dass sogar das Schiff aufgehört hatte, die Anlässe zu zählen, von Meroola wissen. „Ich habe ein Problem mit der Besitzerin dieser Adresse, wenn du es genau wissen willst, Kamura!“, verteidigte sich Meroola. „Jeder andere dürfte diese Bar leiten, in der du mir ein Zimmer besorgt hast, aber nicht Ginalla!“ „Und warum darf sie es nicht?“, fragte das Schiff unwissend. „Weil ich nicht auf sie angewiesen sein will.“, antwortete Meroola. „Und dabei sollten wir es bewenden lassen, Kamura!“ „Das finde ich aber gar nicht.“, sagte das Schiff. „Wenn wir uns gegenseitig vertrauen sollen, dann muss ich auch verstehen, was in dir vorgeht, Meroola. Anderenfalls kann ich dir vielleicht in einer gefährlichen Situation nicht helfen, weil ich sie vielleicht nicht als gefährlich erkenne, sie es aber doch für dich ist, weil …“ „Die Situation ist nicht gefährlich!“, sagte Meroola, die von einem harten Arbeitstag wohl sehr genervt war. „Es ist nur …“

Erst gerade in diesem Moment fiel ihr auf, dass ihr Schiff diese Behauptung wohl mit Absicht in den Raum gestreut haben könnte, um eine Situation zu provozieren, in der Meroola sie korrigieren würde. „Das war ja ganz schön schlau eingefädelt von dir, Kamura.“, gab sie zu. „Aber du solltest wissen, dass Ginalla keine Gefahr für mich darstellt! Es war schon in Ordnung, dass du mir bei ihr ein Zimmer besorgt hast, damit ich einen festen Wohnsitz habe und die Behörden nichts zu meckern haben. Nur werden mich keine zehn Pferde dorthin bekommen!“ „Und warum nicht?“, fragte Kamura. „Jetzt komm schon, Meroola! Wer A sagt, muss auch B sagen! Also, was ist los? Was ist das zwischen Ginalla und dir?!“

Genervt ließ sich Meroola in den Pilotensitz sinken. Sie hatte vorher die gesamte Zeit gestanden. Zwar hatte sie den Neurokoppler aufgesetzt gehabt, aber die ewige Diskussion mit Kamura über immer das gleiche Thema hatte sie eine sehr große Anspannung fühlen lassen, die es ihr unmöglich gemacht hatte, sich zu entspannen.

Kamura hatte eine abwartende Haltung eingenommen. „Ich warte, Meroola!“, sagte sie jetzt sehr bestimmt. „Was willst du denn tun, wenn ich es dir nicht sage, he?!“, fragte Meroola genervt. „Dann setze ich dich auf dem Planeten aus und fliege davon!“, sagte Kamura. „Außerdem kündige ich dein Zimmer und erzähle Kingsley, was die hübschen Formulierungen in deiner Bewerbung wirklich zu bedeuten haben!“ „Das wagst du nicht!“, sagte Meroola. „Du hast mir viel zu viel über die Beziehung zwischen euch und euren Piloten verraten, als dass ich dir das glauben könnte. Du würdest mich hier in der Fremde nicht einfach …“

Vor ihrem geistigen Auge änderte sich plötzlich das Bild. Meroola sah jetzt eine Transporterkonsole, auf der sich offenbar etwas tat. Sie sah das eigene Bild im Sucher. Außerdem wurde sie des Programms zum Senden von SITCH-Mails ansichtig, das Kamura geladen und mit dem sie eine Mail verschickt haben musste. „Du tust es wirklich, oder?“, fragte sie. „Du tust es tatsächlich! Und ich habe immer gedacht, ich wäre eine gute Erpresserin!“ „Sagen wir mal so.“, sagte Kamura. „Ich lernte von der Besten! Aber wenn unsere Beziehung dauerhaft funktionieren soll, dann muss ich auch wissen, wer dir in deiner Vergangenheit vielleicht etwas Böses wollte und vor wem ich dich schützen muss!“ „Schützen! Schützen! Schützen!“, lachte Meroola. „Du willst mich vor Ginalla schützen? Oh nein, Kamura! Das brauchst du nicht. Sie war nie eine Gefahr für mich! Ob nun in tatsächlicher oder wirtschaftlicher Hinsicht. Sie war eine billige Betrügerin und hatte keinen Stil. An mich kam sie nicht ran! Sollte das aber wieder so eine absichtliche Falschbehauptung von dir sein, um mich aus der Reserve zu locken, dann muss ich dir sagen, dass das nicht funktionieren wird!“ „Da irrst du dich aber gewaltig, Meroola.“, sagte Kamura und ihr Avatar vor dem geistigen Auge des Mischlings grinste breit und triumphierend. „Es hat nämlich gerade sehr gut funktioniert. Du hast, wenn auch sicher unfreiwillig, schon einiges zum Besten gegeben von dem, was zwischen Ginalla und dir war. Es hat zumindest dafür ausgereicht, dass ich mir ein Bild machen konnte. Ich glaube, dass Ginalla und du einmal die ärgsten Konkurrentinnen wart, bevor ihr beide beschlossen habt, den ehrlichen Weg einzuschlagen und nun denkst du, das könnte wieder passieren, was?“

Meroola musste schlucken. „Kann es sein.“, setzte Kamura nach. „Dass ich verdammt richtig liege mit meiner Vermutung?“ „Das kann nicht nur sein.“, sagte Meroola bedient. „Das ist auch so. Ginalla und ich waren tatsächlich Konkurrentinnen. Wir haben beide sowohl die Leute nach Strich und Faden ausgenommen, als auch Geschäfte mit Sytanias Vendar gemacht.“ „Und genau aus dem Grund wäre es gut gewesen, wenn ich das vorher gewusst hätte.“, sagte Kamura. „Dann hätte ich dir irgendwo anders ein Zimmer besorgt.“ „Und wie hättest du erklärt, wer du bist?“, fragte Meroola. „Ich meine, Ginalla ist die Pilotin deines Vaters. Sie kennt sich mit solchen Gegebenheiten aus. Aber wenn du irgendeinem zivilen Gastwirt erzählt hättest, dass du ein selbstständig denkendes und handelndes intelligentes Raumschiff aus einer fremden Dimension, in der es eine ganze Rasse von euch gibt, bist, dann wäre der sicher in Ohnmacht gefallen. Nein, nein, Kamura. Es ist schon alles gut, so wie es ist. Und du hast gewonnen! Ich werde mich der Situation mit Ginalla jetzt stellen!“

Meroola stand vom Sitz auf und legte den Neurokoppler ab. Das war auch für Kamura das Zeichen, ihre Reaktionstabelle aus dem Speicher zu nehmen. Jetzt würden sie nur noch per Lautsprecher und Mikrofon kommunizieren. „Soll das heißen.“, fragte Kamura. „Dass ich dich jetzt doch herunterbeamen soll?“ „Genau das!“, bestätigte Meroola. „Und mach schnell, bevor mich wieder der Mut verlässt!“ „Also gut.“, sagte das Schiff, erfasste sie mit dem Transporter und beamte sie genau in den Gastraum vor die Theke in Ginallas Bar.

Die celsianische Junggastronomin war gerade damit beschäftigt, etwas in ihrem Etablissement aufzuräumen. Deshalb hatte sie Meroola auch zuerst nicht wahrgenommen, die sich ihr langsam genähert und ihr dann auf die Schulter getippt hatte. Langsam drehte sie sich um und sah in das ihr sehr wohl bekannte, aber auch verhasste Gesicht ihrer ehemaligen Konkurrentin. Aber auch Meroola war etwas überrascht. Sie hatte zwar gesehen, um welche Adresse es sich gehandelt hatte, Ginallas Erscheinung aber war ihr über die Jahre doch etwas fremd geworden.

Verwirrt standen sich die Frauen eine Weile gegenüber, bevor sie im Chor und jeweils auf die andere deutend sagten: „Ach du Scheiße! Du?!“ Mit dem nächsten Satz verhielt es sich ähnlich: „Oh nein!“

Erschrocken drehten sich beide wieder voneinander fort. Dann sagte Ginalla: „Hi, Miss zimperlich! Die Finger schmutzig gemacht hast du dir ja höchst ungern. Du hast ja nur immer die feine Dame gespielt und dich nicht gern in Gefahr begeben. Du warst zwar gut darin, Kontakte zu knüpfen und im Hintergrund Fäden zu ziehen, aber wenn es hart auf hart kam, dann hat Joran, Sytanias Vertrauter, doch eher mir vertraut.“ „Und du?“, fragte Meroola. „Wie war denn das mit deinem Motto: Ich nehme jeden schmutzigen Auftrag an. Du warst doch nichts Besseres als eine billige Söldnerin! Aber ich! Ich hatte wenigstens noch Würde!“ „Das is’ aber jetzt lange vorbei!“, sagte Ginalla. „Ich bin nämlich jetzt auf dem Weg, endlich ehrlich zu werden.“ „Ach ne!“, lachte Meroola. „Genau das ist auch mein Bestreben. Ich habe hier sogar einen Job!“ „Den hab’ ich auch.“, flapste Ginalla. „Wie du unschwer sehen kannst. Ich bin sogar selbstständig. Kannst du das auch vorweisen, he?“ „Nein!“, musste Meroola zugeben. „Ich arbeite für jemanden!“ „Na also!“, sagte Ginalla. „Die Runde geht dann wohl an mich!“ „Das werden wir ja noch sehen.“, sagte Meroola. „Erst einmal möchte ich mein Zimmer sehen. Dann werde ich urteilen, wie gut deine Selbstständigkeit wirklich ist. Wenn du es nämlich nur zu einer miesen dreckigen Absteige gebracht hast, meine Kunden aber mit meiner Arbeit zufriedener sind, dann werden wir ja sehen, an wen die Runde wirklich geht!“ „Na schön!“, sagte Ginalla mürrisch. „Ich nehme die Herausforderung an! Komm mit!“ „Mit Vergnügen!“, sagte Meroola zynisch und folgte Ginalla zu einem Turbolift, der sie in die obere Etage brachte. Sie war fest entschlossen, ein Haar in der Suppe zu finden, aber auch Ginalla schmiedete bereits einen Plan, die lästige Konkurrenz wieder loszuwerden. Eine Konkurrentin beim Ehrlich werden hatte ihr gerade noch gefehlt! Aber sie wusste auch schon, was sie tun musste, um dies wieder zu ändern. Meroola musste weg! Soviel stand für die junge Celsianerin auf jeden Fall fest. Aber auch Meroola sann auf eine Gelegenheit, ihrer lästigen Konkurrentin eins reinzuwürgen. Dass es sich für beide irgendwann lohnen würde, sehr eng und im Team zusammenzuarbeiten, ja, dass sie es sogar müssen würden, daran dachten beide noch nicht.

Forschen Schrittes war Ginalla Meroola vorangestapft, als sie den Turbolift wieder verlassen hatten. „Vorwärts!“, kommandierte sie. „Hier entlang, meine Beste, wenn ich denn bitten dürfte!“

Das war sicher nicht der richtige Umgangston gewesen, wenn man im Allgemeinen mit Gästen sprach, aber zwischen ihr und Meroola gab es ja ganz eigene Gesetze. Vor allem jetzt, da sie ihr zeigen wollte, wer hier ihrer Ansicht nach die Hosen an hatte. Von dieser Frau, das stand für Ginalla fest, würde sie sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen und in ihrem eigenen Haus schon gar nicht!

Sie gingen einen langen Gang entlang, der sie zu einem Zimmer führte. Hier holte Ginalla eine Schlüsselkarte aus der Tasche und öffnete die Tür. Dann schob sie Meroola in das Zimmer: „Rein mit dir!“

Der Blick des Mischlings wanderte die Einrichtung des Raums entlang. Die Wände waren mit einem großen umlaufenden Wandteppich verziert, der Motive aus allen möglichen Kulturen zeigte. Der Teppich auf dem Boden hatte ein warmes rotes Karomuster. Das Bett bestand aus repliziertem farbigem Eichenholz und stand auf großen ausladenden Füßen, die durch ihre konische Form den Eindruck erweckten, es würde schweben. Sein grüner Anstrich mit den Rankenmustern ließ vermuten, dass es an sommerliches Ambiente erinnern sollte. Auch die Bettwäsche und die Kissen unterstützten diesen Eindruck. In der gleichen Farbe war auch der kleine Nachttisch gehalten, der neben dem Kopfende des Bettes stand. Ging man weiter am Bett entlang, so gelangte man rechts von dessen Fußende zur Tür, die ins Badezimmer führte. Hier gab es die übliche sanitäre Einrichtung des 30. Jahrhunderts mit einer standardisierten Schalldusche und einer Konsole für die mitgebrachten eigenen privaten Utensilien.

Ganz schön luxuriös!“, staunte Meroola. „Und hier willst du mich unterbringen, obwohl du mich eigentlich gar nicht ausstehen kannst?!“ „Bilde dir bloß nichts ein!“, entgegnete Ginalla. „Die Einrichtung dieses Zimmers ist nur ein Mittel zum Zweck! Ich will dir zeigen, dass ich es zu was gebracht hab’!“ „Ah!“, machte Meroola ironisch und zog die Stirn kraus. „Als ob ich das nicht geahnt hätte! Aber das war ja schon immer deine Art! Du musstest ja schon immer so angeben!“

Sie nahm Anlauf und ließ sich mit Schwung auf die Matratze fallen. Diese federte sie leicht zurück, so dass sie leicht das Gleichgewicht verlor, da Meroola damit wohl nicht gerechnet hatte. „Na ja.“, sagte sie missmutig und biss die Zähne aufeinander, dass es knirschte. „Zumindest sind deine Matratzen gut!“ „Für dich soll mir das Beste gerade gut genug sein!“, schrie Ginalla. „Schließlich sollst du sehen, dass …“ „Ja, ja, ja.“, sagte Meroola und markierte die Gelangweilte, indem sie sich übertrieben gähnend auf das Bett warf. „Du willst mir zeigen, dass du es zu was gebracht hast! Den Spruch kenne ich langsam, Ginalla! Der ist schon so alt, dass er schon Schimmel ansetzt!“ „So?!“, erwiderte Ginalla schnippisch.

Meroola musste sie mit ihrer letzten Äußerung sehr getroffen haben. Aber das lag ja auch durchaus in ihrer Absicht. Einem Celsianer oder einer Celsianerin auf diese Art zu sagen, dass seine oder ihre Sprüche nicht gut wären, das war die schlimmste Art der Beleidigung, die man jemandem aus Ginallas Volk an den Kopf werfen konnte, denn die Celsianer hielten sehr viel auf ihren Humor. Schließlich lebten sie im real existierenden Humorismus. Wer mir das bis heute nicht glaubt, dem sei gesagt, dass sich die Lebensweise der Celsianer wirklich so nannte.

Meroola war wieder aufgestanden und hatte sich in Richtung der Tür ihres Badezimmers gedreht. „Und nun lass mich in Ruhe!“, schnarrte sie Ginalla noch zu. „Wieso denn das?!“, fragte die Celsianerin, die sich sehr beleidigt fühlte und das, was ihre Konkurrentin da gerade von sich gegeben hatte, auf keinen Fall so auf sich sitzen lassen wollte. „Soll ich etwa gehen, damit du allein bist und keiner sehen kann, wie verschimmelt du selber bist? Könnte ja jemand sehen, wenn du dich ausziehst. Na, das wollen wir ja wohl nicht riskieren, was?! Dann gehe ich lieber! Den Anblick möchte ich mir nämlich ersparen! Aber damit du’s weißt! Ich habe dir eine Erfahrung voraus, die du mit Sicherheit nicht nachweisen kannst, was das Ehrlichwerden angeht! Nämlich eine Läuterung durch einen Tindaraner und zwar auf telepathische Weise! Das war so klasse, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Du wirst das niemals erleben, hoffe ich!“ „Ach!“, machte Meroola gelangweilt. „Das habe ich doch schon so oft von dir gehört und am Ende bist du doch wieder in deine kriminellen Muster zurückgefallen, weil du sehr bequem bist und doch nur auf deinen eigenen Vorteil bedacht! Spiel dich bloß nicht so auf! Außerdem, ich werde es allein schaffen und werde deinen Tindaraner gar nicht brauchen! Das ist erst mal eine Leistung! Dass musst du mir nachmachen! Aber dein Tindaraner tut mir total leid! Der hat sich sicher total damit gequält, das letzte bisschen Ehrlichkeit aus deinen kriminellen und verkommenen Hirnwindungen zu quetschen!“ „Oh, da täuschst du dich aber gewaltig!“, entgegnete Ginalla und funkelte Meroola böse an. „Es war für uns beide sehr angenehm! Wir fanden es sogar so gut, dass wir es inzwischen mehrfach wiederholt haben! Also, du Lehrling, schau einer Meisterin zu und lerne!“ Damit ging Ginalla und schloss die Tür hinter sich mit einem lauten Knall. Sie wusste genau, was sie jetzt zu tun hatte. Ihr Sprechgerät, das sie jetzt brauchte, befand sich unten in der Bar. Hier würde sie jetzt eine bestimmte Art von Beziehung spielen lassen müssen, um Meroola schnell wieder loswerden zu können. Welche das sein würde, das wusste sie genau!

Sie hatte bald die Tür erreicht, die den Gastraum vom Flur und dem, was wir heute als Treppenhaus bezeichnen würden, trennte. Mittels ihres Fingers auf einem sensorischen Feld öffnete sie diese und trat wieder in den Gastraum ein. Hier drehte sie sich sofort Richtung Tresen, um wieder hinter ihm zu verschwinden und dort wiederum eine Tür zu öffnen, die sie in eine Art Hinterzimmer führte. Dabei war Ginallas Blick kurz auf ein Fenster im Flur gefallen und unwillkürlich dort hängengeblieben. Das, was sie dort am Himmel gesehen hatte, hatte sie etwas irritiert, aber sie schenkte der Situation dennoch nicht die Beachtung, die sie vielleicht, wenn Ginalla schon gewusst hätte, was das für Vorboten waren, eigentlich verdient hätte.

Vor den Augen der jungen Celsianerin spielte sich ein Schauspiel ab, das sie eigentlich nur aus dem tiefsten Winter kannte. Es musste draußen plötzlich sehr kalt geworden sein. Das konnte Ginalla nur vermuten, denn die Umweltkontrollen des Gebäudes, in dem sie sich befand, schirmten sie ja von der Außentemperatur ab. In ihrer Bar herrschte eine Temperatur von molligen 25 °. Auch draußen war es eigentlich Sommer, wenn sie sich nicht irrte, aber jetzt sah es eher nach Winter aus. Schlagartig hatten alle Bäume eine eisige Schicht auf den Ästen, die Ginalla zuerst fast mit Zuckerguss verwechselte. Es war aber Reif. Oben am Himmel türmten sich dicke graue Wolken auf, die aber durch ihre Struktur eher Schnee als Regen erahnen ließen. Das war für den Sommer ungewöhnlich. Das wusste Ginalla. Aber gerade dieser Umstand war es, der sie verwirrt hatte und sie stehenbleiben ließ. Er hatte sogar dafür gesorgt, dass Ginalla eine ganze Weile lang stehenblieb und sich das Schauspiel ansah. Wenigstens zehn Minuten lang sah sie dem Wind zu, der immer feinere Gebilde aus den einzelnen Wolken oder auch aus mehreren Wolkentürmen formte. „Was haben wir denn im Moment für ein verrücktes Wetter hier?!“, murmelte sie sich in den nicht vorhandenen Bart. Dann summte sie eine Zeile aus einem alten terranischen Lied vor sich hin: „Manchmal kommt der Schnee im Juni. Manchmal dreht sich die Sonne um den Mond …“ Weiter wusste sie nicht, aber das reichte ja im Prinzip schon. Zumindest fand sie das. „Ich bin mal gespannt.“, sagte sie. „Wie lange dieser Wintereinbruch dauert und was sie dazu morgen in der Presse sagen werden. Mich wundert auch, warum die Wetterkontrollstationen nicht reagiert haben. Aber wie ich unsere Situation einschätze, wird es dazu früher oder später eine Erklärung geben. Ich kann mich ohnehin im Moment nich’ drum kümmern. Habe schließlich ganz andere Sorgen.“

Sie ging weiter und öffnete mit Hilfe einer Schlüsselkarte die Tür zum Hinterzimmer, das auch als ihr Büro fungierte. Deshalb war es auch verschlossen. Ginalla war der Meinung, dass ihre Geschäftsgeheimnisse niemanden etwas angingen.

Hier stand neben ihrem Schreibtisch, der in roter Holzoptik gehalten war, um Buchenholz zu simulieren, auch ein im gleichen Farbton gehaltener Bürostuhl, auf den sich Ginalla jetzt setzte. Nun hatte sie einen genauen Blick auf ihren Schreibtisch und auf die Gegenstände, die sich darauf befanden. In der Mitte in ihrer Griffweite war die übliche silberne Konsole angebracht, mit der Sprechgerät, Hausrechner und, wenn angeschlossen, auch der Replikator bedient werden konnten. Rechts und links von dieser Konsole standen kleine Figuren aus Metall, die Personen aus der celsianischen Geschichte darstellten. Eine der kleinen Figuren hatte es Ginalla besonders angetan. Es handelte sich dabei um eine Darstellung ihrer Selbst und Shimars in jener Haltung, die sie eingenommen hatten, als Shimar telepathischen Kontakt zu ihr hatte, um sie bei der Überwindung ihres Traumas zu unterstützen, das zu ihrer kriminellen Karriere geführt hatte. Diese Figur hatte sie von ihrer Freundin N’Cara bekommen, die sie in ihrer Heimat repliziert und ihr dann per Frachtshuttle geschickt hatte. N’Cara hatte ja damals alles genau gesehen und hautnah mitbekommen.

Lange ließ Ginalla ihre Augen über die Figur schweifen. „Und das wirst du nie vorweisen können, Meroola Sylenne!“, zischte sie missmutig. „Niemals wirst du das!“ Dabei setzte sie einen schadenfrohen Blick auf. Sie nahm die Figur sogar in die Hand und hielt sie eine Weile lang träumend vor sich.

Dann aber besann sich Ginalla schnell wieder auf das, was sie vorgehabt hatte. Auf keinen Fall wollte sie zulassen, dass diese Person, deren Gegenwart ihre Laune so vermiest hatte, länger als nötig bei ihr blieb! Auf gar keinen Fall! Um das zu erreichen würde sie aber jemanden für sich einspannen müssen. Jemanden, dessen Hilfe ihr, so dachte sie zumindest, in jedem Fall gewiss sein müsste.

Sie drehte sich dem Mikrofon zu, das ihr die Bedienung des Hausrechners an den auch das Sprechgerät angeschlossen war, ermöglichte. Dann sagte sie: „Computer, Verbindung zum interdimensionalen Relais aufbauen!“ „Ihr Befehl wird ausgeführt.“, kam es von einer nüchternen weiblichen Stimme zurück, wie sie bei den Rechnern der Föderation sowohl bei der Sternenflotte, als auch im zivilen Bereich dem gültigen Standard entsprach. „Bitte warten.“

Ginalla lehnte sich zurück. Lange musste sie aber nicht mehr warten. Bereits wenige Sekunden nach ihrem Befehl meldete sich die elektronische Stimme des interdimensionalen Relais: „Herzlich willkommen beim interdimensionalen Verbindungsdienst der Föderation der vereinten Planeten. Bitte geben sie das gewünschte Rufzeichen ein, zu dem wir ihnen eine Verbindung ermöglichen sollen. Aufgrund technisch bedingter Störungen kann dies allerdings eine kurze Zeit dauern. Wir bitten um Ihr Verständnis und bedanken uns bereits im Voraus für Ihre Geduld.“

Dass du Probleme hast, kann ich mir denken!, dachte Ginalla. Das mit dem Wetter is‘ sicher kein Einzelfall und verkohlen lasse ich mich nich. Da muss irgendwo gewaltig was im Argen liegen!

Sie drehte sich der Konsole zu, in die sie das Rufzeichen von Kamurus eingab und es per Enter-Taste bestätigte. „Vielen Dank.“, gab die elektronische Stimme zurück. „Wir beginnen jetzt mit dem Verbindungsaufbau.“

In seiner Heimat hatte Kamurus bemerkt, dass seine Pilotin etwas von ihm zu wollen schien. Allerdings konnte er den Ruf nicht sofort beantworten, denn eine sehr nervöse Shary hatte seine volle Aufmerksamkeit in Beschlag. Beiden Schiffen war auch die inzwischen sehr weit fortgeschrittene interdimensionale Katastrophe aufgefallen. Inzwischen war ihnen auch klar, dass es eine war. Mit seinen Sensoren hatte Kamurus nämlich die gleichen Ladungsverschiebungen festgestellt, von denen auch Jenna McKnight ihren Vorgesetzten berichtet hatte. Das hatte er Shary zwar mitgeteilt, sie aber sofort zu trösten versucht, als sie ängstlich bemerkt hatte: „Und unsere Kleine ist allein da draußen!“ Jetzt aber hatte er endlich eine Möglichkeit gefunden, seiner Freundin irgendwie zu beweisen, dass sein Trost: „Wir werden sie schon finden!“, nicht nur ein leerer Satz bleiben musste.

Ihm war der wiederholte Ruf des interdimensionalen Relais schon fast auf die Nerven gegangen. „Ich muss Ginalla antworten, Shary.“, sagte Kamurus. „Ginalla!“, sagte Shary abfällig. „Immer nur Ginalla! Ist dir deine Pilotin etwa wichtiger als unser Kind?“ „Nein, das ist sie sicher nicht, Liebes.“, sagte Kamurus betont vernünftig. „Aber ich konnte ihre Spur bis hinter die Partikelfontäne in Ginallas Heimatuniversum verfolgen. Wenn wir Glück haben, dann weiß Ginalla genau, wo unsere kleine Kamura ist! Wir sollten ihr zumindest eine entsprechende Chance geben! Findest du nicht?!“ „OK.“, gab sich Shary geschlagen. „Aber integriere mich wenigstens in die Verbindung, damit ich mithören kann.“ „Sicher.“, sagte Kamurus und nahm die nötigen Schaltungen vor.

An dem Symbol eines grünen Mikrofons im Display ihres Sprechgerätes konnte Ginalla sehen, dass Kamurus das Gespräch angenommen hatte. „Na endlich.“, sagte sie und gähnte übertrieben gekünstelt. „Was hat da so lange gedauert?“ „Ich musste Shary trösten.“, sagte Kamurus. „Sie macht sich große Sorgen um unsere kleine Kamura. Sie ist ausgekniffen und hat uns so gut zum Narren gehalten, dass wir es erst gemerkt haben, als sie schon über alle Berge war. Du kannst uns nicht zufällig sagen, wo sie ist?“

Ginalla witterte ihre Chance. Es war ohnehin ihr Ziel gewesen, Kamura an ihre Eltern zu verraten. Allerdings hatte dieses Ziel nichts mit Erziehung zu tun, sondern lediglich mit der Tatsache, dass sie Meroola loswerden wollte. Sie hoffte, Kamura würde, müsste sie das Gefühl haben, ihre Eltern wären hinter ihr her und würden ihr bei nächster Gelegenheit die Leviten lesen, hoffentlich so schnell wie möglich von Celsius weg wollen. Natürlich würde sie ihre Pilotin mitnehmen wollen, da sie diese ja auch nicht alleinlassen würde und alles tun würde, das sie könnte, um ihren Schutz zu gewährleisten.

Ginalla holte tief Luft und versuchte ein entspanntes Gesicht zu machen. Ihr war klar, dass Kamurus ihr irgendwann auf die Schliche kommen würde, wenn sie nicht aufpasste. Dafür kannten sich beide schon zu lange. Sie musste jetzt alles tun, was in ihrer Macht stand, um ihm weißzumachen, dass sie nur aus uneigennützigen Motiven handelte.

Sie räusperte sich, drückte den Sendeknopf und sagte betont langsam und deutlich: „Oh, was hast du für ein Glück, dass du die gute Ginalla hast, mein treues Schiff. Ich kann dir, wie der Zufall es gerade so will, nämlich tatsächlich helfen. Ich weiß tatsächlich, wo sich deine kleine Tochter befindet.“ „Sag das bitte noch mal!“, sagte Kamurus. „Du weißt wirklich, wo Kamura ist? Wie habe ich denn das zu verstehen? Es wäre aber sehr nett von dir, wenn du keine Spielchen spielst, sondern es mir und Shary gleich sagst. Sie macht sich große Sorgen, weil die Dimensionen bereits drohen instabil zu werden. Kamuras Antrieb und ihre Software sind dieser Herausforderung noch nicht gewachsen und ich habe ebenfalls Sorge, dass ihr etwas zustoßen könnte. Shary ist in diese Verbindung integriert und hört jetzt alles, was wir hier sagen. Sie kann sich auch am Gespräch beteiligen.“ „Vielen Dank, dass ich darüber auch mal in Kenntnis gesetzt werde.“, sagte Ginalla. „Aber dann passt mal auf, ihr zwei. Eure Kleine is’ munter wie ein Fisch im Wasser. Es geht ihr gut und sie is’ in der Umlaufbahn von Celsius. Sie hat sich sogar schon eine Pilotin gesucht, die bei mir eingekehrt is’. Die is’ aber eine von der ganz üblen Sorte, wisst ihr? So ’ne ehemalige Kriminelle! Und jetzt kommt das Schärfste, Kamurus! Halt dich fest! Ich meine: Setz den Ankerstrahl! Shary, du besser auch!“

Sie ließ den Sendeknopf los. Die jetzt entstandene dramatische Pause war sehr geschickt von ihr eingefädelt worden, damit sie bei Shary und Kamurus ein Nachdenken über die Situation auslösen konnte. Die Informationen über Meroola hatte sie absichtlich etwas übertrieben und sie mit Absicht so negativ dargestellt, um ihrem Schiff eine Legitimation zum Eingreifen zu geben. Sie hoffte wohl, dass Kamurus, wenn er das hörte, sofort alles stehen und liegen lassen würde, um seiner Tochter zur Hilfe zu eilen. Den Umgang mit einer Kriminellen, so hoffte sie wenigstens, würde er, wenn er ein verantwortungsvoller Vater war, sicher nicht zulassen und sie so schnell wie möglich abholen wollen. Das würde sie natürlich auch Meroola bei nächster Gelegenheit unter die Nase reiben, damit die panisch ihr Schiff verständigen würde und die Beiden Celsius wieder verließen. Dass sie aber Kamurus’ Reaktion nicht in ihren Plan eingerechnet hatte, wurde ihr bald bewusst.

Auch das Schiff hatte einige Minuten ohne zu antworten verstreichen lassen. Dann aber sagte er: „Ja, Ginalla. Ich höre. Was ist denn nun so schlimm. Shary und ich können schließlich nicht für immer mit gesetzten Ankerstrahlen an unseren jetzigen Positionen bleiben, bis wir verrosten. Also, was ist mit ihr? Was ist mit Kamuras Pilotin, das so schrecklich sein soll?!“

Ginalla gab einen schweren Seufzer von sich, bevor sie antwortete: „Ach, also gut, Kamurus! Sie will ehrlich werden!“ „Ehrlich.“, antwortete Kamurus und sein Avatar auf dem Schirm von Ginallas Sprechgerät kratzte sich am Kopf. „Oh wenn mir das nicht bekannt vorkommt!“, sagte er. „Weißt du, Ginalla, ich kann mich da an eine gewisse junge Celsianerin erinnern, die wir beide wohl sehr gut kennen dürften. Du sicher besser als ich, denn du verbringst schließlich schon dein gesamtes Leben mit ihr. Die hatte ja mal das Gleiche vor und es gab auch ein sehr geduldiges Raumschiff, das sie, trotz diverser Meinungsverschiedenheiten, die sicher nicht ohne waren, nie aufgegeben hat. Es gab genug Situationen, in denen er sie auf dem nächsten Klasse-M-Planeten hätte aussetzen können und seiner Wege fliegen können, um sich nicht die Sensoren zu verbrennen, wenn er länger mit ihr zusammenbliebe. Aber das hat er nie getan und sie nie verraten. Er hätte sogar durchschaut, wenn jemand gegen diese junge Frau intrigiert hätte, um die Beiden zu trennen oder dafür zu sorgen, dass ihr etwas nicht zuteil wird, dass die intrigante Person wohl als ihr alleiniges Recht veranschlagt hat. Er hätte diese intrigante Person sicher darauf hingewiesen, dass genug Recht auf Ehrlichkeit für alle da ist und sie dieses Recht ja auch hatte. Es jemandem anders zu missgönnen, hielte er sicher für sehr fragwürdig und würde das auch der intriganten Person gegenüber verlauten lassen!“

Seine letzten Sätze klangen in Ginallas Ohren sehr ironisch. Aber das war auch durchaus von Kamurus beabsichtigt gewesen. Er hatte an ihren Worten und ihrem Verhalten sehr wohl gemerkt, worauf das hinauslaufen sollte. Dieses Mal war auch er es, der eine dramatische Pause eingelegt hatte.

Ginalla fühlte sich ertappt. „Wie kommst du denn darauf?“, fragte sie schnell, um zu verbergen, wie sie sich fühlte. „Es ist deine Sprechweise und dein gesamtes Verhalten.“, erklärte Kamurus. „Damit hast du versucht, mich und Shary zu manipulieren. Sicher tust du das nur, weil du in Kamuras Pilotin deine eigene Vergangenheit und eine Konkurrenz siehst. Aber du hast das Recht auf Ehrlichkeit nicht gepachtet, Ginalla! Und auf deine Intrige gegen diese Frau falle ich auch nicht herein! Ich werde kommen und Kamura einige Takte wegen ihres Ausreißens sagen, aber ich werde sie dann sogar darin unterstützen, ihrer Pilotin beim Ehrlichwerden behilflich zu sein! Schließlich habe ich Erfahrung darin! Außerdem: Wie sagtest du immer so schön? Konkurrenz belebt das Geschäft! Vielleicht überlegst du ja auch etwas genauer, was du tust, wenn du das Gefühl haben musst, jemand könnte es besser machen!“ Er beendete die Verbindung.

„Verdammt!“, zischte Ginalla. „Er ist doch zu schlau für diesen Plan gewesen. Na ja. Dann werde ich wohl das Beste daraus machen müssen. Vielleicht stimmt es ja auch, was er über Konkurrenz gesagt hat. Was ich gerade getan habe, war ja auch nicht gerade ehrlich zu nennen und die Strafe folgt wohl auf dem Fuß.“

Shary hatte mitbekommen, dass Kamurus die Verbindung mit Ginalla beendet hatte. „Bitte pass aber auf dich auf!“, bat sie ihn eindringlich. „Das werde ich!“, schwor Kamurus und aktivierte seinen Antrieb, um sich auf den Weg in Ginallas Heimat zu machen. Shary scannte ihm noch lange mit ihren Sensoren nach, bis er vollständig aus deren Reichweite verschwunden war.

Kapitel 29: Folgenreiche Beichten

von Visitor

 

Auf Zirells Station hatten sich alle Anwesenden im großen Konferenzraum versammelt. Alle saßen im Kreis auf den schon bekannten Sitzkissen um Zirell und Joran herum, die in der Mitte nebeneinander standen.

Die Tindaranerin holte jetzt tief Luft und sagte: „Sicher möchtet ihr wissen, warum wir alle hier sind. Den Grund dafür wird uns Joran gleich verraten.“ Dann deutete sie auf den Vendar und ging selbst zu einem freien Kissen im Kreis ihrer Leute.

Jetzt stand Joran allein in der Mitte des Raums. „Ihr fragt euch bestimmt, was an den Gerüchten über das Ende aller Dimensionen dran ist.“, begann er. „Oh ja, Grizzly!“, rief Shannon dazwischen. „Ich frage mich schon länger, was wir tun sollen, um zu überleben, wenn sich die Mächtigen mal wieder ohne Rücksicht auf Verluste, also ohne Rücksicht auf uns, die Köpfe einschlagen wollen!“ Jenna, die neben ihrer Untergebenen saß, knuffte sie in die Seite: „Assistant!“ „Was haben Sie denn, Jenn’?“, gab Shannon missmutig zurück. „Es ist doch kein Geheimnis, dass ich die Mächtigen nich’ mag.“

Jorans scharfen Ohren war die Unterhaltung zwischen seiner Freundin und deren Assistentin nicht entgangen. „Du magst also die Mächtigen nicht, Shannon O’Riley.“, sagte er. „Gilt das etwa für alle Mächtigen, also auch für Logar El Imperia und Dill, sowie Tolea und Kairon und auch andere, die eigentlich auf unserer Seite sind?“ „Allerdings, wenn du es genau wissen willst, Grizzly.“, sagte die blonde Irin. „Du weißt doch, dass ich keinem traue, der mächtiger is’ als ’n normaler Mensch!“ „Dann dürften sich aber die, für die wir beide arbeiten, sehr auf den Schlips getreten fühlen, O’Riley!“, sagte Maron aus dem Hintergrund. „Das is’ doch was völlig anderes, Sir.“, gab Shannon zurück. „Die Tindaraner sind sterblich und deshalb vertraue ich ihnen.“

Der Androide Ishan hatte die gesamte Zeit über sinnierend dagesessen. Jetzt meldete er sich zu Wort: „Das bedeutet also, man muss Miss O’Riley erst einmal beweisen, dass man sterben kann, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Faszinierend. Das bedeutet aber gleichzeitig, Shannon, dass du dann sehr einsam wärst, wenn alle, denen du vertraust, schon gestorben sind, um zu beweisen, dass sie deines Vertrauens würdig sind.“ „Ach.“, machte Shannon. „Ihr wisst doch genau, was ich meine.“

Sie sah hilflos im Raum herum. Dann traf ihr Blick auf ihre Vorgesetzte, der sie auffordernd zuzwinkerte. „Ishan hat Recht, Shannon.“, sagte Jenna. „Merken Sie denn nicht, wie absurd das ist, was Sie da gerade von sich gegeben haben?“ „Ne.“, sagte Shannon. „Merke ich nich’.“ Jenna gab einen schweren Seufzer von sich. „Ich denke, ihr Verhalten ist ihrer Vergangenheit geschuldet, Telshanach.“, erklärte Joran, der gleichzeitig versuchte, ihre aufkommende Wut zu lindern. „Du darfst nicht vergessen, dass sie aus dieser Dimension und von der dortigen Erde kommt im Gegensatz zu dir. Hier waren alle Nicht-Telepathen die Feinde der Telepathen, und das lebt wohl noch bis heute in ihr fort. Auch du, Maron El Demeta, solltest das eigentlich verstehen und vorsichtiger mit ihr umgehen. Diese Feindschaft bestand seit Jahrhunderten, bis Jenna McKnight auftauchte und alles zurechtrückte. Der Hass dürfte vielleicht schon in ihren Genen verankert sein und so etwas ist schwer bis unmöglich zu besiegen. Jedenfalls klappt das nicht binnen einer Generation!“ Der Vendar warf Ishan einen fragenden Blick zu. „Nun.“, entgegnete Ishan. „Deine Theorien könnten richtig sein, Joran.“, entgegnete der Androide. „Du scheinst über die Situation ja eine Menge zu wissen. Wie wäre es, wenn du mir die Daten, die du hast, zukommen lässt und ich auf deren Basis das Ganze noch einmal überdenke?“ „Einverstanden, Ishan.“, sagte Joran.

Jenna hatte über das nachgedacht, was ihr Freund ihr gesagt hatte. „Du hast Recht, Joran.“, sagte sie. „Manchmal scheine ich das tatsächlich zu vergessen.“ „Und auch ich habe meiner Rasse mal wieder Schande bereitet.“, gab Maron zu. „Eigentlich hätte man doch von einem Demetaner weitaus mehr Verständnis erwarten können. Bitte entschuldigen Sie, O’Riley.“ „Ach, schon gut, Agent.“, sagte Shannon und machte mit ihrer Hand eine Bewegung, als wollte sie etwas wegwischen. „Das kann doch mal passieren. Auch einem Demetaner kann das mal passieren. Aber dass der Grizzly so verständnisvoll is’, hätte ich nich’ gedacht. Da müssen Sie sich wohl demnächst warm anziehen, mit Verlaub.“ „Das Gefühl habe ich auch, Shannon.“, sagte Maron.

Zirell war wieder aufgestanden und hatte sich wieder in die Mitte des Raums neben Joran gestellt. „Ich glaube, wir schweifen ab, Ladies und Gentlemen.“, sagte sie. „Joran, bitte sage uns, was du uns zu sagen hast.“ „Wie du wünschst, Anführerin.“, sagte Joran ruhig. Dann stellte er sich aufrecht hin und erklärte: „Es könnte sein, dass sich mein Verhalten vielleicht demnächst etwas ändert. Das liegt daran, dass ich ein echtes Energiefeld in meiner Sifa trage, das von den Quellenwesen stammt. Ich weiß weder, was genau auf mich zukommen wird, noch weiß ich, wie lange ich es tragen werde und was die Quellenwesen im Einzelnen mit mir und dem Feld vorhaben! Sicher ist nur, dass es etwas mit der Verhinderung des Zusammenbruchs der Dimensionen zu tun hat. Genaues weiß ich aber nicht. Die Quellenwesen haben mir aber gesagt, ich soll ihnen vertrauen und sie würden mir schon sagen, was wann zu tun ist!“ „Kannst du mit dem Feld kommunizieren, Joran?“, fragte Maron. „Ich meine, dass du einmal gesagt hast, das sei während des Fütterungsrituals möglich.“ „Es hat kein Bewusstsein, Maron El Demeta.“, sagte der Vendar. „Es ist also kein Wesen. Aber es ist die Brücke zwischen den Quellenwesen und mir. Mit ihnen kann ich also tatsächlich während des Rituals kommunizieren.“ „Also, wenn ich das richtig verstanden habe, Joran.“, sagte der erste Offizier. „Dann bist du, wenn irgendwann alle Stricke reißen sollten, quasi unser letztes Ass im Ärmel.“ „Das dürfte korrekt sein, Agent Maron.“, sagte Joran und schaute etwas unsicher. „Aber genau kann ich es, wie du eben gehört hast, noch nicht sagen. Ich könnte die Quellenwesen allerdings heute Abend danach fragen.“ „Tu das.“, sagte Maron. „Es ist mir egal, was sie dir für eine Antwort geben. Ich hörte, sie seien immer sehr geheimnisvoll. Aber dann kann dir zumindest niemand vorwerfen, du hättest es nicht versucht!“ „Es könnte sie allerdings auch sehr beleidigen.“, sagte Zirell. „Weil es von unserem Misstrauen zeugen könnte. Wenn sie dir gesagt haben, Joran, dass wir vertrauen sollen, dann sollten wir ihnen zumindest eine Chance geben. Maron, ich weiß, dass dir der bevorstehende Weltuntergang, wenn Jenna mit ihren Theorien Recht hat, Kopfzerbrechen bereitet. Das geht sicher uns allen so. Aber ich denke, dass wir Illiane St. John und ihren Leuten vertrauen sollten.“ „Woher weißt du das, Anführerin?“, fragte Joran erstaunt. „Ich habe ihren Namen nicht erwähnt.“ „Weil ich telepathischen Kontakt zu ihr hatte.“, sagte die Tindaranerin. „Und ich denke, es wird auch sie sein, die vornehmlich mit dir redet.“ „In der Tat.“, bestätigte Joran. „Dann sollten wir erst recht aufpassen.“, sagte Zirell. „Ihrem Profil nach gilt sie als sehr sensibel.“ „Aber Zirell …“, mischte sich Maron ein. „Es liegt bei dir, Joran.“, sagte Zirell. „Ob du sie fragst oder nicht. Du bist näher an ihr dran als wir alle. Du dürftest am besten einschätzen können, was diplomatisch richtig ist.“, dann sagte sie an Maron gewandt: „Das ist mein letztes Wort.“, und löste die Konferenz auf: „Ich denke, wir haben alle noch genug zu tun. Also, das war’s! Wegtreten!“ Alle verließen befehlsgemäß den Raum.

Zur gleichen Zeit hatte auch im Raum-Zeit-Kontinuum eine Konferenz stattgefunden, von der Kairon nun etwas frustriert zurückgekehrt war. Der Rat hatte getagt, denn man hatte auch von den Veränderungen in den Dimensionen einen Eindruck bekommen können. Leider war man aber nicht beschlussfähig gewesen, denn Tolea, die gemeinsam mit ihrem Bruder das Heft in der Hand hielt, war zu der Sitzung nicht erschienen. Wenn Kairon den Gerüchten glauben konnte, die von den anderen gestreut wurden, dann lag sie jetzt wohl depressiv in ihrem Bett, hatte sich die Decke über den Kopf gezogen und wollte von nichts und niemandem mehr etwas wissen und hören. Dem Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte wollte er jetzt auf den Grund gehen.

Er war, wie es sonst eigentlich nach einer so anstrengenden Sitzung nicht der Fall war, an der Weggabelung, die ihn entweder zu Toleas oder seinem Haus führte, dieses Mal nicht rechtsherum, sondern linksherum zu Toleas Wohnsitz abgebogen. Je näher er ihrem Haus kam, desto entschlossener wurde er, sie endlich aus ihrem Loch zu holen, in das sie offensichtlich gefallen war. Er konnte sich natürlich den Grund dafür nicht erklären, da seine Schwester ihren Geist vor ihm abgeschirmt hatte, aber er wusste, wenn er sie nicht bald dazu bekäme, sich wieder am Alltagsleben ihrer gemeinsamen Heimatdimension zu beteiligen, die Veränderungen irgendwann nicht mehr aufzuhalten wären und es eigentlich jeden brauchte, um dem entgegenzuwirken. Dazu musste Tolea aber mental bei Kräften sein und das war sie im Augenblick wohl gar nicht.

Er hatte die Hofeinfahrt von Toleas etwas palastartig wirkendem Haus betreten. Hier stellte sich ihm ein Vendar von ca. 2,30 m Größe in der Uniform eines Wächters entgegen. Der Vendar war Kairon zunächst sehr unbekannt. Er musste aus einer Kolonie stammen, von der er nichts wusste. Das war aber an sich kein Problem, denn er wusste, wenn sich ein Vendar in die Dienste der Bewohner des Raum-Zeit-Kontinuums begab, dann tat er dies freiwillig, wie es Diran vorgemacht hatte.

Kairon blieb in einiger Entfernung zu dem Wächter stehen. Dann sagte er: „Ich bin Kairon. Ich möchte gern zu deiner Herrin. Ist sie zu sprechen?“ „Es tut mir leid, Gebieter.“, sagte der Vendar. „Aber meine Herrin wird wohl mit niemandem mehr sprechen. Sie spricht schon seit Tagen kein Wort mehr und ist total traurig. Sie ist so, seit mein Anführer fortging. Zwischen Anführer Diran und ihr muss etwas vorgefallen sein. Oh bitte straft mich nicht! Ich hoffe, ich habe sie jetzt nicht verraten oder in Misskredit gebracht!“ „Das hast du nicht, Vendar.“, tröstete Kairon den Fremden, den er erst jetzt genauer mustern konnte. Er war 2,30 m groß und hatte rotbraun geflecktes Fell. Er schien noch sehr jung zu sein, wenn Kairon sich sein Gesicht so ansah und seiner Stimme so zuhörte. „Im Gegenteil.“, sagte der Mächtige. „Wie ist eigentlich dein Name?“ „Mein Name ist Tchian.“, sagte der Vendar. „Ah.“, machte Kairon freundlich und lächelte Tchian an. „Tchian also. Der Kluge. Du hast gerade deinem Namen alle Ehre gemacht. Es war nämlich sehr klug von dir, mich auf die Situation vorzubereiten, in der ich Tolea wohl vorfinden werde. So kann ich besser planen, was ich tun muss.“ „Ich hoffe wirklich, dass Euch gelingt, was uns bisher allen versagt blieb, Gebieter.“, sagte Tchian. „Wenn das nicht der Fall ist, dann wird das Ende der Dimensionen wohl nicht mehr zu verhindern sein, denke ich. Meine Leute und ich haben alles versucht, das in unserer bescheidenen Macht steht, um Gebieterin Tolea zu helfen, aber leider ohne Erfolg. Wir sind mit unserer Weisheit am Ende.“ „Ich bin jetzt hier, Tchian!“, sagte Kairon zuversichtlich. „Mir wird schon etwas einfallen! Und nun bring mich zu ihr!“ „Ja, Gebieter.“, sagte der Vendar, winkte einem weiteren Wächter, der in einiger Entfernung gestanden hatte und der jetzt seinen Posten einnahm und schritt Kairon voran ins Innere des Hauses.

Die Männer hatten bald jene Treppe betreten, die sie zu Toleas Gemach führte. Oben am Absatz winkte Tchian Kairon an sich vorbei. „Soll ich bleiben?“, fragte er. „Nein.“, sagte der Mächtige mild. „Geh du nur zurück auf deinen Posten und erfülle deine Pflicht. Ich werde die Meine hier tun.“ „Danke, Gebieter.“, sagte der Vendar und ging.

Forschen Schrittes und mit gut hörbarem Auftreten ging Kairon den Gang zu Toleas Gemach entlang. Sein Blick war starr auf die Tür gerichtet, als wolle er sie mit den Augen durchbohren. Er wusste, dass er seiner Schwester deutlich machen musste, dass er keine Kompromisse eingehen würde. Entweder, sie würde ihm sagen, was mit ihr los ist, oder er würde dafür sorgen müssen, dass sie ihres Amtes im Rat enthoben würde. Wenn sie nicht erscheinen würde, wäre man schließlich nicht beschlussfähig, da sie ja eine der Vorsitzenden war. Das war etwas, das Kairon ihr gegebenenfalls noch androhen konnte, würde sie sich nicht helfen lassen wollen. Es wäre zwar sicher ein in höchstem Maße unfeiner Zug unter Geschwistern, aber unter Umständen konnte es notwendig werden. Schließlich durfte es nicht sein, dass die Dimensionen den Bach hinuntergingen und Sytania und Valora, die er längst als Urheberinnen der Situation identifiziert hatte, mit ihrem Plan durchkamen. Er würde seiner Schwester genau die Konsequenzen vor Augen führen und das, wenn es sein musste, auch auf sehr drastische Weise.

Nun stand er vor der Tür ihres Zimmers. Er beschloss, sie ein wenig zu erschrecken, um erst einmal ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Telepathisch hatte er durchaus wahrgenommen, wie traurig und niedergeschlagen sie war. Um sie aus diesem Jammertal reißen zu können, würde es bestimmt einiger drastischer Maßnahmen bedürfen.

Tatsächlich hatte sich Tolea schon seit Tagen nicht mehr aus ihrem Bett bewegt. Auch jetzt lag sie mit der Decke über dem Kopf da. Erst ein weißer Blitz zwang sie, Ihre Augen aus der Decke zu wühlen und sich umzudrehen. Aus dem gleißenden Lichtkegel trat ihr Bruder hervor. „Hallo, Schwester!“, sagte Kairon zwar freundlich, aber bestimmt. „Ich bin hier, um dich aus deiner Trauer zu holen. Wir brauchen dich und können nicht zulassen, dass du weiterhin hier so traurig herumliegst. Ich gebe zu, dass uns das Ende der Dimensionen allen sehr nahe geht. Aber wer, wenn nicht wir, könnte es aufhalten? Aber dazu brauchen wir auch dich!“

Er ließ eine Weile vergehen, um seine Worte auf sie wirken zu lassen und eine Reaktion von ihr abzuwarten. Die aber kam nicht. Wie ein Denkmal lag Tolea da und in ihrem teilnahmslosen Gesicht gab es keine Regung. Kairon, der damit aber schon gerechnet hatte, ließ sich davon aber nicht beeindrucken und ging näher zu ihr. Dann fasste er mit der rechten Hand ihre Schultern und zog sie hoch. Mit der linken Hand zog er ihre Decke zurück. „Tolea!“, rief er aus. „Bitte sieh mich an! Ich will dir nicht wehtun. Schließlich bist du meine Schwester, also vom selben Fleisch und Blut wie ich! Aber was ist zwischen deinem Vendar Diran und dir geschehen, das so schrecklich ist, dass er fortging und du depressiv geworden bist?! Bitte sag es mir, Schwester! Nur wer redet, dem kann auch geholfen werden!“

Tolea wandte ihr Gesicht langsam in seine Richtung. An ihren verquollenen Augen sah Kairon deutlich, dass sie lange und ohne Unterlass geweint haben musste. Dann sagte sie: „Du weißt, mein Bruder, dass Diran für mich weitaus mehr war als nur irgendeiner meiner Vendar. Er war ihr Anführer, weil er mein Vertrauter war und ich habe sein Vertrauen so schändlich missbraucht! Oh so schändlich! So schändlich!“ Wieder begann sie zu schluchzen. „Warum sprichst du von ihm in der Vergangenheit?“, fragte Kairon. „Ist ihm etwa durch deinen Befehl ein tödliches Unglück wiederfahren?“

Natürlich konnte Kairon sich diese Frage auch selbst beantworten. Er musste schließlich nur seine seherischen Fähigkeiten einsetzen. Aber er wollte es, wenn es möglich war, von seiner Schwester selbst hören. Er fand, dass dies auch ein Weg für sie sein könnte, mit der Situation fertig zu werden, wenn sie diese von vorn bis hinten aufrollen und selbst vor ihm ausbreiten würde.

„Auch wenn du mein Bruder bist.“, sagte Tolea. „Was da geschehen ist, geht dich nichts an! Das ist eine Sache, mit der ich allein fertig werden muss! Verstehst du, Kairon? Allein!“ „Na gut!“, sagte Kairon. „Du hast es nicht anders gewollt! Jemanden, der sich lieber in seinem Elend sonnt, als sich helfen zu lassen, den können wir unter uns im Rat nicht gebrauchen!“ „Was meinst du damit?“, fragte Tolea, die offensichtlich nicht glauben konnte, was ihr Bruder da gerade gesagt hatte. „Willst du mich etwa meines Amtes entheben?“ „Genau das!“, sagte Kairon fest. „In deinem Zustand bist du für uns …!“

Es hatte einen weißen Blitz gegeben und Kairon fand sich vor dem Tor des Anwesens wieder. Hier war Tchian der erste, der ihm ansichtig wurde. Der Vendar hatte gesehen, dass Kairon ziemlich unsanft auf dem Hintern gelandet war. Er rief dem zweiten Wachsoldaten, der am anderen Pfosten des Tores stand, eilig ein Kommando in ihrer gemeinsamen Muttersprache zu. Dann eilten beide zu Kairon hinüber, der sich mühsam aufgerappelt hatte. „Ist Euch etwas geschehen, Gebieter?“, fragte Tchian. „Nein.“, sagte Kairon. „Außerdem weißt du doch, dass ich unverwundbar bin.“ „Stöcke und Steine brechen Euch zwar nicht die Beine.“, sagte Tchian. „Aber ich habe gespürt, dass Eure Schwester ihre Fähigkeiten gegen Euch benutzt hat. Wenn sie gewollt hätte, dass Ihr zu Schaden kommt, dann …“ „Durchaus, Tchian.“, sagte Kairon und warf dem Vendar einen anerkennenden Blick zu. „Durchaus. Aber anscheinend hat sie das nicht gewollt. Tatsache ist aber, dass sie offenbar nicht mit mir reden wollte. Unter diesen Umständen wird es auch mir unmöglich sein, etwas aus ihr herauszubekommen. Auch ich werde mir Hilfe suchen müssen.“ „Das vermute ich auch.“, sagte Tchian. Eure Schwester und Ihr seid gleichstark. Sie konnte Euch nur auf diese Art rauswerfen, weil sie das Element der Überraschung auf ihrer Seite hatte. Konntet Ihr denn gar nichts bei ihr erreichen?“ „Na ja.“, sagte Kairon. „Jedenfalls ist es mir gelungen, ein wenig ihre Zunge zu lösen. Ich weiß jetzt, dass ihre Depression tatsächlich etwas mit dem Weggang Dirans zu tun hat. Aber viel mehr weiß ich nicht. Aber ich werde schon noch herausbekommen, was hier passiert ist.“

Ein Signal ließ Tchian und Kairon plötzlich aufhorchen. Es war aus der Brusttasche von Tchians Uniform gekommen. Hier hatte er sein Sprechgerät verstaut, das er jetzt hervorholte. Im Display konnte er das Rufzeichen der Garnison erkennen, in der Toleas Vendar stationiert waren. Außerdem war dort auch abzuleiten, dass es sich um das Unterrufzeichen des Kontrollstandes handelte, von dem aus die interdimensionale Sensorenplattform bedient werden konnte. Auch Toleas Vendar besaßen so etwas.

Tchian nahm das Gespräch an. Im Display wich der Schriftzug des Rufzeichens der Statur und dem Gesicht einer älteren Novizin. Sie trug eine weiße juteartige Uniform, die sie noch als Novizin auswies. Wo ihr Fell aber zu sehen war, glänzte es elegant schwarz. Ihr Gesicht schaute freundlich drein und sie maß ca. 2,20 m, was für eine erwachsene Vendar normal wäre, für ein Mädchen in ihrem Alter aber schon sehr groß schien. In ihrer Familie gab es sogar die Vermutung, dass sie einmal so groß wie ein Mann werden könnte.

Die helle Stimme des Mädchens meldete sich: „Anführer, hier ist Timach. Ich habe etwas zu melden, das sich, laut der interdimensionalen Sensorenplattform, gerade in unsere Dimension bewegt hat. Es ist vor 20 Sekunden aus der interdimensionalen Schicht getreten. Offenbar ist es ein tindaranisches Militärschiff. Laut Klassifizierung ein Aufklärer. Der Pilot ist das einzige Besatzungsmitglied. Was soll ich tun?“ „Hast du schon mit ihm gesprochen?“, fragte Tchian. „Nein, Anführer.“, antwortete die Novizin. „Bitte vergib mir, wenn ich einen Fehler gemacht haben sollte. Das hier ist meine erste Wache über die Plattform.“ „Schon gut, Timach.“, sagte Tchian. „Ich werde selbst mit ihm reden. Übermittle mir bitte sein Rufzeichen. Das dürfte ja mit seinem Transpondersignal übertragen worden sein.“ „Wie du wünschst, Anführer.“, sagte die Novizin und alsbald hatte Tchian eine SITCH-Mail mit dem Rufzeichen auf seinem Sprechgerät.

Auch Kairon war die neue Situation zu Ohren gekommen. „Sprich ruhig mit ihm und erkläre ihm unsere Situation.“, sagte er. „Vielleicht kann er mir ja auf die eine oder andere Weise helfen, meine Schwester zu überzeugen.“ „Ihr habt Recht, Gebieter.“, überlegte Tchian. „Er könnte wirklich so etwas wie das Zünglein an der Waage sein, wenn es hart auf hart kommt. Aber ich hoffe, Ihr wollt Eurer Schwester gegenüber nicht nur mit Gewalt agieren. Ich meine, immerhin ist sie Eure Schwester.“ „Ich weiß, was du sagen willst.“, sagte Kairon. „Blut ist dicker als Wasser und man tut der Verwandtschaft schließlich nichts an. Aber bedenke bitte, dass Tolea damit ja auch nicht zimperlich war und du hast ja gesehen, wie meine Chancen ausgesehen haben. Wenn das also nicht so weitergehen soll, dann muss etwas geschehen. In ihrem jetzigen Zustand ist Tolea auf jeden Fall gefährlich für sich und andere. Das darf nicht so bleiben. Auf gar keinen Fall darf das so bleiben. Und wenn wir schon einmal bei Metaphern sind, dann denk mal über das hier nach, Tchian. Blut mag dicker sein als Wasser, aber mit Wasser kann man wieder reinwaschen, was schmutzig geworden ist. Das sollte mit Blut unmöglich sein.“ „Ich verstehe.“, sagte Tchian. „Dann ist ja gut.“, sagte Kairon. „Und nun möchte ich, dass du den Tindaraner rufst. Ich glaube nämlich zu wissen, was er hier möchte. Melde mich an! Sag, dass ich zu ihm an Bord seines Schiffes kommen möchte! Lege das Gespräch auf den Lautsprecher, damit ich seine Antworten hören kann!“ „Wie Ihr wünscht, Gebieter.“, sagte Tchian und gab das Rufzeichen in sein Sprechgerät ein, um Kairons Befehl auszuführen.

Kapitel 30: Geheime Hilferufe

von Visitor

 

Shimar und sein Schiff waren sicher im Raum-Zeit-Kontinuum angekommen, eine Tatsache, die, wenn man die Situation bedachte, in der die Dimensionen waren, nicht selbstverständlich war.

„Ich bin heilfroh, dass Jenna deiner Antriebssoftware ein Update verpasst hat.“, sagte Shimar erleichtert. Auch der Avatar seines Schiffes sah ihn erleichtert an. „Das bin ich auch, wenn Sie so wollen.“, sagte das Schiff. „Obwohl ich nicht in der Lage bin, Freude zu empfinden. Aber ich erkenne natürlich auch, ob unsere Manöver erfolgreich sind und würde melden, wenn etwas nicht stimmte.“ „Das kann ich mir denken.“, sagte Shimar. „Alles andere wäre ja auch im Zweifel zu gefährlich. Stell dir mal rein hypothetisch vor, du würdest einen Warpkernbruch erleiden und mir die vorhergehenden Symptome nicht melden. Wenn ich dir dann den Befehl erteilen würde, den Warpantrieb zu aktivieren, dürften wir das beide wohl nicht überleben, he?“ „Ihre Hypothese ist korrekt.“, sagte IDUSA. „Obwohl ich davon ausgegangen wäre, dass Sie ein harmloseres Beispiel finden würden.“ „Ob nun harmlos oder drastisch.“, sagte Shimar. „Es geht schließlich um die Aussage des Ganzen und ich glaube, da haben wir uns schon verstanden.“ „Bestätigt.“, sagte das Schiff.

Ihr Sprechgerät hatte den Ruf von Tchians Gerät empfangen. „Shimar, wir werden gerufen.“, sagte IDUSA. „Wer ist es?“, fragte der Tindaraner. „Es ist ein unbekannter Vendar.“, sagte IDUSA. „Jedenfalls geht das aus dem Rufzeichen hervor. Ich kenne es nicht und kann es auch so ohne weiteres keinem Namen zuordnen, den ich im Adressbuch des Sprechgerätes gespeichert habe.“ „Na ja.“, sagte Shimar. „Neue Kontakte können manchmal sehr nützlich sein. Stell ihn zu mir durch!“ „Wie Sie wünschen.“, sagte IDUSA und ihr Avatar trat vor Shimars geistigem Auge einen Schritt zurück.

Auf der virtuellen Konsole vor Shimars geistigem Auge wurde das Bild von Tchian sichtbar. „Ich grüße dich.“, sagte der Vendar. „Auch ich grüße dich.“, sagte Shimar. „Wer bist du? Weder mein Schiff noch ich kennen dich.“ „Ich bin Tchian.“, erwiderte der junge Vendar. „Ich bin im Augenblick der amtierende Anführer von Toleas Vendar. Ich vertrete meinen Anführer Diran. Du kannst mir nicht zufällig sagen, wo er ist, oder wie es ihm geht, Tindaraner?“ „Mein Name ist Shimar.“, sagte dieser. „Und wie es deinem Anführer geht, kann ich dir rein zufällig genau sagen. Diran ist auf unserer Basis. Er lebt, aber das gerade so. Genauer liegt er leider im Koma. Er hat sich selbst gerichtet, weil er glaubt, seine Herrin verraten zu haben. Dabei kann er gar nichts für die Sache, wie es aussieht. Das Ganze ist allein auf Toleas Mist gewachsen, wenn du mich fragst. Deshalb bin ich auch hier. Meine Befehle lauten, deine Herrin zur Rede zu stellen und dafür zu sorgen, dass sie den Bann rückgängig macht, den sie über Diran verhängt hat und der offenbar dafür gesorgt hat, dass er unwissend Informationen an Sytania weitergegeben hat.“

Eiskalte Stille herrschte, nachdem Shimar sich vorgestellt hatte, den Sendeknopf auf der virtuellen Konsole loszulassen. In jener frostigen Atmosphäre hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Warum es so gekommen war, konnte sich Shimar schon denken. Jeder Vendar hatte eine sehr vertrauensvolle Beziehung zu seinem Anführer und würde auf ihn nichts kommen lassen. Er aber hatte Diran gerade indirekt verdächtigt, Tolea und ihre Pläne an den Feind verraten zu haben. Das allein war schon unter Vendar ein Grund, jemanden damit zu bestrafen, dass er Hand an sich zu legen hatte. In gewissem Sinne hatte Diran das ja auch getan, wenn auch die Ausführung eher an einen Hilferuf erinnerte und wohl tatsächlich auch mehr einer war, als ein wirkliches Vorhaben, aus dem Leben zu scheiden.

Shimar lehnte sich zurück und schluckte. „Uff, IDUSA.“, sagte er mit sehr bedienter Betonung. „Ich glaube, da habe ich gerade einen Fehler gemacht. Ist die Verbindung noch aktiv?“ „Das ist sie.“, sagte das Schiff. „Demnach können Sie keinen so großen Fehler gemacht haben. Jedenfalls haben Sie ihn wohl nicht so stark beleidigt, dass er die Verbindung beendet hat. Ein Verhalten übrigens, das ich auch in meinem Katalog zur Erkennung von Verhaltensweisen biologischer Wesen als solches gespeichert habe. Falls ich einmal allein bin und auf ein solches Verhalten treffe, muss ich ja wissen, wie ich es einzuordnen und darauf zu reagieren habe.“ „Und was sagen dir deine Systemprotokolle, was du in jenem Fall zu tun hättest?“, fragte Shimar neugierig. „Ich müsste meinerseits den Kanal wieder öffnen und mich mit einer passenden Formulierung bei meinem Gesprächspartner entschuldigen.“, erwiderte IDUSA. „Und genau das werden wir jetzt tun.“, sagte Shimar und drückte wieder auf den virtuellen Sendeknopf: „Tchian, es tut mir leid, falls ich dir oder deinem Anführer auf den Schlips getreten sein sollte. Natürlich weiß ich, dass Diran das nicht mit Absicht gemacht hat. Er weiß es sicher auch nur aus den Aufzeichnungen seines Schiffes. Die Götter mögen wissen, warum er alles aufzeichnen lassen hat. Sein Schiff ist jetzt bei meinen Leuten. Die werden schon rauskriegen, was da wirklich passiert ist. Niemand von uns glaubt, dass Diran ein Verräter ist!“ in seinen letzten Satz hatte er viel Überzeugung gelegt.

Wieder verging einige Zeit. Dann endlich antwortete Tchian: „Das habe ich auch nicht behaupten wollen, Tindaraner. Es war nur so, dass mich deine Worte zunächst ziemlich getroffen haben. Aber ich habe die Tindaraner schon immer für sehr weise gehalten. Jedenfalls seid ihr weise genug, um nicht sofort nach dem ersten Anschein eure Meinung festzulegen. Ihr schaut euch die Situation schon sehr genau an, bevor ihr urteilt. Aber ich bin nicht allein. Kairon, der Bruder meiner Gebieterin Tolea, würde gern zu dir an Bord deines Schiffes kommen, um mit dir zu reden. Er denkt, du könntest Hilfe brauchen.“ „Kein Problem.“, sagte Shimar. „Dann sag ihm bitte, dass IDUSA und ich ihn erwarten. Ach ja. Das haben wir, glaube ich, ja ganz vergessen. Ich heiße übrigens Shimar.“ „Ich werde es Gebieter Kairon ausrichten, Shimar El Tindara.“, sagte der Vendar und beendete das Gespräch.

IDUSA hatte die Situation durchaus mitbekommen. Das nahm ja auch nicht Wunder, da das Gespräch schließlich über ihre Systeme gelaufen war. Ihr Avatar vor Shimars geistigem Auge sah ihn durchdringend an und hob mahnend den rechten Zeigefinger. „Ich neige dazu, Tchian und seinem Herrn zuzustimmen.“, sagte sie. „Würden Sie Tolea mit den Vorwürfen konfrontieren, ohne eine Rückendeckung zu haben, dann könnte es sehr schnell sein, dass Sie den Kürzeren zögen. Meinen Berechnungen nach sind Ihre telepathischen Fähigkeiten allein viel Schwächer als die Toleas. Ich gehe davon aus, dass sie diese nämlich eventuell gegen Sie einsetzen könnte. Sie wissen, in was für einem Zustand sie sich befindet.“ „Danke für deine nochmalige so eindringliche Warnung.“, sagte Shimar diplomatisch. „Aber das hatten wir ja alles schon. Ich weiß, dass eine depressive Q sehr mit Vorsicht zu genießen ist.“ „Oh Sie kennen aber noch nicht alle Ergebnisse meiner Berechnungen.“, sagte IDUSA und ihr Avatar grinste ihn konspirativ an. „So?“, fragte Shimar und visualisierte sein Gesicht mit neugierigem Blick in den Augen. „Dann schieß mal los! Was weiß ich denn noch nicht?“ „Es ist etwas, das uns vielleicht sehr helfen wird, die Befehle des Commanders zu ihrer Zufriedenheit auszuführen.“, sagte das Schiff. „Nun mach es nicht so spannend.“, sagte Shimar. „Rede schon!“ „Also gut.“, sagte IDUSA und zeigte ihm eine Art Diagramm. „Ich habe berechnet, dass Kairon allein auch keine Chance hätte, würde er seine Schwester zur Verantwortung ziehen wollen und würde diese sich mental wehren. Das würde immer wieder zu einer Patsituation zwischen beiden führen, wie Sie hier sehen dürften. Wenn ich Ihre Werte allerdings zu denen Kairons addiere, dann sieht das schon anders aus.“

Sie führte das eben Gesagte aus und Shimar sah tatsächlich, dass der Balken, vor dem jetzt sein und Kairons Name standen, beträchtlich wuchs. „Na das sind ja sehr gute Nachrichten.“, sagte er. „Dann wollen wir mal hoffen, dass du dich nicht verrechnet hast.“ „Davon gehe ich nicht aus.“, sagte IDUSA. „Techniker McKnight versorgt meine Systeme regelmäßig mit den neuesten wissenschaftlichen Updates. Das schließt auch Erkenntnisse über Telepathie mit ein. Ich werde mich also auf keinen Fall verrechnet haben!“ „Also schön.“, sagte Shimar. „Dann betrachte ich das mal als sichere Bank.“

Ein weißer Blitz traf IDUSA. Dann stand neben Shimar plötzlich ein Mann von ca. 1,90 m Größe, der ebenfalls die Uniform eines tindaranischen Patrouillenfliegers trug. Er war schlank, hatte ein freundliches ebenmäßiges Gesicht und hatte kastanienbraunes Haar. IDUSA aber konnte weder seine Erscheinung noch seine DNS einordnen. Das war auch der Grund, aus dem sie ihn, kaum dass er aufgetaucht war, sofort mit dem Transporter erfasste und in die Achterkabine beamte, in der sie bereits die Atmosphäre leicht mit Rosannium versetzt hatte. Da der Fremde offenbar auf diese Aktion nicht gefasst war, holte er, da er sich sehr erschrocken hatte, tief Luft, was ein Fehler war. Augenblicklich fiel er in Ohnmacht und landete sanft auf einem Sitz.

IDUSAs Avatar warf ihrem Piloten einen beruhigenden Blick zu. „Es ist alles in Ordnung, Shimar.“, sagte sie. „Sie sind außer Gefahr.“ „Ich war niemals darin!“, sagte Shimar streng. „Was sollte das, IDUSA?!“ „Unser plötzlicher Besucher.“, sagte das Schiff, um ihre Aktion zu erklären. „Ist mir völlig unbekannt. Ich kann weder seine DNS, noch seine Erscheinung einordnen. Auch hat eine kurze Anfrage bei der Datenbank des tindaranischen Militärs ergeben, dass es keinen Soldaten dort gibt, auf den seine Beschreibung passen könnte. Der Rechner dort hat schon verneint, als ich seine Größe eingab. Bitte vergessen Sie nicht, dass er auch ein Streich von Tolea sein könnte. In ihrem jetzigen Geisteszustand müssen wir mit allem rechnen. Sicher beschämt sie sehr, was sie getan hat und sie würde alles versuchen, um es unter den Teppich zu kehren, denke ich. Aber keine Angst. Ich habe ihn gesichert und die Tür zwischen Cockpit und Achterkabine hermetisch abgeriegelt. Sie sind außer Gefahr, aber das Rosannium wird unseren Freund eine Weile im Land der Träume halten.“ „Ich denke nicht, dass das notwendig ist!“, sagte Shimar fest. „Es handelt sich bei unserem Freund nämlich zweifelsfrei um Kairon! Warum er diese Verkleidung an den Tag legt, weiß ich nicht, aber es ist definitiv er!“ „Was macht Sie da so sicher?“, fragte IDUSA und ihr Avatar sah ihn sorgenvoll an. „Na, zum Beispiel der SITCH.“, sagte Shimar. „Kairon hat sich angekündigt. Aber auch seine geistige Prägung identifiziert ihn eindeutig. Bitte vertrau mir, IDUSA. Es ist wirklich Kairon! Und nun reinige die Atmosphäre!“ „Sie wissen, dass die Wahrscheinlichkeit besteht, dass ein Mächtiger in der Lage ist, die geistige Prägung eines anderen bis zu einem gewissen Grad zu kopieren, wenn er sich große Mühe gibt. Sie selbst sagten, bei Tolea müsse man im Moment mit allem rechnen. Außerdem verfolgt Techniker McKnight die Theorie, dass Sytania an unserer Situation nicht unschuldig ist. Es gibt also genug Faktoren, die auch die Existenz einer Lebensform, die uns täuschen soll, befürworten könnten.“ „Das würde ich spüren.“, sagte Shimar. „Vielleicht auch nicht.“, sagte IDUSA. „Wer weiß, wie gut sich Sytania oder Tolea auf so etwas vorbereitet haben.“

Shimar dachte nach. Er wusste, dass er dringend einen Weg finden musste, sein Schiff von der Wahrheit zu überzeugen. Ihre Argumente waren durchaus stichhaltig und sicher der Tatsache geschuldet, dass sie eine künstliche Intelligenz war, für die Emotionen und durch Emotionen hervorgerufene Situationen zu abstrakt waren, um sie erfassen zu können und angemessen reagieren zu können. Wenn man IDUSA also gesagt hatte, sie solle auf der Hut sein, dann war sie das auch und wenn ihre Sensoren ihr den winzigsten Anschein gaben, dass hier etwas nicht stimmte, dann würde sie zunächst alles tun, um ihren Piloten zu schützen, wie es ihr durch die Lex Technologica diktiert wurde. Ihr Verhalten war also keine Fehlfunktion, sondern das ganz normale Ergebnis ihrer Programmierung. Aber sie war ja lernfähig und das war etwas, das Shimar sich jetzt zunutze machen musste.

Der junge tindaranische Soldat setzte sich wieder aufrecht hin, rückte sich und den Neurokoppler auf seinem Kopf zurecht und sagte dann: „Hör mal zu, IDUSA! Ich weiß, wie abstrakt dir eine solche Situation vorkommen muss. Du kannst unseren Feind, also Toleas Krankheit, nicht sehen, weil sie aus einer Emotion herrührt und das ist etwas, das du nicht erfassen kannst. Wenn du jetzt allein wärst, dann wäre die Situation sicher nicht gut für dich. Aber du hast ja jetzt mich. Ich kann dir in so einer Situation sicher gut weiterhelfen. Für mich sind Emotionen nämlich keine abstrakte Sache. Aber auch du hast eine Möglichkeit zu erkennen, ob es sich wirklich um Kairon handelt. Du hast diese Möglichkeit selbst genannt.“ Er ließ eine Pause, um ihre Reaktion abzuwarten. „Ich weiß nicht, was Sie meinen könnten, Shimar.“, sagte IDUSA. „Ich meine.“, erklärte Shimar, der ihre Verwirrung durchaus nachvollziehen konnte. „Dass du sicher sein Neuralmuster erkennen würdest, wenn du es sehen würdest.“ „Durchaus.“, bestätigte das Schiff. „Diese Information befindet sich nämlich in meiner Datenbank.“ „Dann benutze sie!“, sagte Shimar.

IDUSA begann damit, die Achterkabine mit ihren internen Sensoren zu scannen. Dabei hatte sie auch das Bild von Kairons Neuralmuster aus ihrer Datenbank in den Arbeitsspeicher geladen, um eine Vergleichsmöglichkeit zu haben. Tatsächlich erkannte sie wenig später das Neuralmuster als positiv. „Es tut mir leid.“, entschuldigte sie sich. „Ist schon gut.“, sagte Shimar. „Das ist eine Situation, mit der du, als künstliche Intelligenz, eben total überfordert sein musst. Im Vertrauen, IDUSA, Jenn’ sagt, Emotionschips sind auch nur Makulatur. Wenn ich sie richtig verstanden habe, dann ist da auch nur ein Haufen erlernter Verhaltensweisen drauf, die in bestimmten Situationen einfach von euch abgespult werden sollen. Das ist sehr leicht zu manipulieren und kann dann auch zu total merkwürdigen Ergebnissen führen. Stell dir vor, jemand programmiert dich, auf einen traurigen Bericht mit einem riesigen Lachkrampf zu reagieren. Wenn deine Programmierung dir das nicht anders vorschreibt, tust du es. Echt sind deine Gefühle deshalb noch lange nicht.“ „Gut, dass sich Techniker McKnight niemals mit Dr. Soong unterhalten wird.“, stellte IDUSA fest. „Wenn sie ihm diesen Zahn ziehen würde, also ihm sagte, dass er nur eine Illusion kreiert hat, dass würde ihn sicher sehr stark demoralisieren. Aber das wird ja nie vorkommen, wenn sie nicht demnächst vorhat, die Zeitlinie zu manipulieren.“ „Ich denke nicht, dass Jenn’ das demnächst vor haben wird.“, sagte Shimar. „Dafür weiß sie viel zu genau über solche Sachen Bescheid. Aber ich habe ja auch nur weitergegeben, was sie mir gesagt hat. Ich kann mir selbst über so etwas kein Urteil erlauben. Ich bin schließlich nur ein einfacher Pilot und kein Ingenieur.“ „Oh Sie führen Ihren Beruf aber sicher nicht mit weniger Präzision aus.“, sagte IDUSA. „Jedenfalls kann ich nicht klagen und ich muss das ja wissen. Ich bin schließlich das Ihnen vom Oberkommando zugeteilte Schiff, das Sie beinahe tagtäglich fliegen.“ „Danke für das Kompliment, IDUSA.“, sagte Shimar. „Aber mal was anderes. Hast du inzwischen die Atmosphäre gereinigt? Ich würde Kairon gern begrüßen und habe keine Lust, gleich neben ihm zu liegen, du verstehst?“ „Durchaus.“, antwortete das Schiff. „Aber die Atmosphäre ist wieder porentief rein. Kairon wird gleich aufwachen. Ich habe nur eine geringe Menge Rosannium benutzt, die sein System schon wieder ausgeschwemmt haben dürfte. Ohne Nachschub wird er nicht länger bewusstlos bleiben.“ „Dann werde ich mal gehen.“, sagte Shimar, nahm den Neurokoppler ab, steckte ihn in die Tasche und drehte sich ein letztes Mal dem Mikrofon zu: „Übernimm das Steuer!“ Dann drehte er sich zur Tür, die ihn in die Achterkabine führen würde.

Ein Signal ließ ihn aber noch einmal nach hinten lauschen. „Was ist denn noch, IDUSA?“, fragte er. „Bitte richten Sie Kairon auch meine Entschuldigung aus.“, sagte IDUSA. „Klar!“, sagte Shimar locker. „Aber ich finde, er hat sich die Situation auch zu einem gewissen Teil selbst zuzuschreiben. Ich habe über das nachgedacht, was du über deine Anfrage bei der Militärdatenbank gesagt hast und ich finde, er hätte dich nicht so irritieren dürfen. So große Tindaraner gibt es nicht und er kann froh sein, wenn deine Anfrage keinen Alarm ausgelöst hat. Das Oberkommando dürfte jetzt ordentlich was zum Nachdenken haben.“ „Bestätigt.“, sagte IDUSA. „Aber das können wir ja aufklären.“ „Oh ja.“, sagte Shimar. „Aber ich werde Kairon auch noch einmal darauf ansprechen. Ich werde ihm wohl erklären müssen, das sein Fehler eine Menge ausgelöst hat.“ „Ich hoffe, Sie ziehen ihm auch in meinem Auftrag gehörig die Löffel lang!“, sagte IDUSA. „Schönen Gruß von Shannon, wie?“, lachte Shimar. „Welchen Löffel soll ich ihm denn in deinem Auftrag langziehen, hm?“ „Den rechten Löffel bitte, Shimar.“, sagte IDUSA. „Und bitte richten Sie ihm auch aus, dass meine Systeme nicht gut auf Irritationen reagieren.“ „Geht klar.“, sagte Shimar. Dann ging er durch die Tür, die IDUSA ihm bereitwillig geöffnet hatte.

Tchian hatte sich in Toleas Gemach begeben. Kairons Satz über die gelöste Zunge hatte ihm Mut gemacht. Jetzt hoffte er, selbst mit seiner Herrin über die Probleme sprechen zu können, die Tolea schon seit Tagen plagten. Seinen Posten am Tor hatte er dem anderen Wachsoldaten gegeben, da er sich dachte, dass dieses Gespräch wohl etwas länger dauern könnte.

Umso überraschter war er, als er Toleas Bett lehr vorfand. Er legte beide Hände auf die Decke und begann damit, sich auf Toleas geistige Prägung zu konzentrieren. Ihm war klar, dass sie das Haus nur mit Hilfe ihrer Kräfte verlassen haben konnte. Sonst hätten er oder seine Leute sie ja sehen müssen. Als Telepathenjäger konnte er dies ja erspüren und benötigte dafür in den seltensten Fällen einen Erfasser.

Tatsächlich verriet ihm seine Wahrnehmung bald, dass seine Vermutung richtig war. „Wo wollt Ihr nur hin, Herrin?!“, rief er laut und verzweifelt aus. „Und vor allem, was wollt Ihr tun?! Bitte tut euch nichts an! Bitte!“

Er war sehr verzweifelt. Was konnte er jetzt noch tun? Irgendjemand musste ihm helfen, Tolea wiederzufinden und derjenige musste auch verhindern, dass sie sich etwas antat. Der Einzige, der ihm dazu einfiel, war der Pilot des tindaranischen Schiffes. Gegen die geistige Suche anderer Mächtiger konnte sich Tolea abschirmen, das wusste er. Aber vielleicht nicht gegen die Sensoren von Technologie. Er beschloss also, das fremde Rufzeichen noch einmal zu benutzen.

Shimar war zu Kairon in die Achterkabine gegangen und hatte sich über ihn gebeugt, Über ihn, der gerade wieder im Begriff war, das Bewusstsein zu erlangen. Erschrocken sah der Mächtige in das ruhige Gesicht des jungen Tindaraners. „DU?“, fragte er erstaunt. „Ja, ich.“, sagte Shimar und setzte sich neben ihn. „Bitte verzeih meinem Schiff.“, bat er dann. „Sie meinte es nicht böse. Sie hat dich einfach nicht erkannt, Kairon. Aber du hast es ihr ja auch nicht gerade leicht gemacht!“ In seinen letzten Satz hatte er eine starke vorwurfsvolle Note gelegt. „Was genau meinst du damit?“, fragte der Mächtige. „Ich meine, dass du dich als etwas präsentiert hast, das sie nicht einordnen kann.“, erklärte der Patrouillenflieger. „Unter den gegebenen Umständen musste sie dich für den Feind oder einen Streich von Tolea halten, mit dem sie versucht, uns davon abzuhalten, sie zur Rede zu stellen.“ „Wie kommt dein Schiff darauf?!“, fragte Kairon und setzte sich auf. Selbst sitzend kam er Shimar sehr groß vor. „Sind ihre Sensoren defekt? Eure Techniker McKnight sollte sie mal ganz genau überprüfen! Aber warum unterstützt du offensichtlich ihre falsche Annahme auch noch?“ „Moment mal, du Lulatsch!“, sagte Shimar. Dabei betonte er den Lulatsch noch besonders. „IDUSAs Sensoren funktionieren einwandfrei und lass gefälligst Jenn’ da raus. Sie hat uns schon so oft den Podex gerettet, dass ich schon aufgehört habe zu zählen! Sie trifft bestimmt auch keine Schuld. Der Einzige, der hier einen Fehler gemacht hat, das bist ja wohl du! Du langes Elend!“

Er lehnte sich wartend zurück. Dabei hoffte er, genug Hinweise gestreut zu haben, die Kairon wohl endlich auf seinen Fehler bringen würden. Stattdessen aber sagte der Mächtige nur: „Wie redest du denn mit mir?! Du kannst froh sein, wenn ich das nicht als diplomatischen Fauxpas betrachte und dich deiner Regierung melde!“ „Ach, so einfach ist das!“, spottete Shimar. „Ein einfacher tindaranischer Soldat, also ein Sterblicher, wirft einem Mächtigen ein paar Sprüche an den Kopf und der ist tödlich beleidigt! Oh Backe! Ihr Mächtigen seid vielleicht Weich… ich meine Sensibelchen!“ Seine Geduld war am Ende! Er hatte Kairon durchaus mehr Intelligenz zugetraut. Wenn er nicht bald kapieren würde, was hier Sache war, würde er platzen! Zumindest fühlte es sich für Shimar so an.

IDUSA war es, die der Situation schließlich ein Ende bereitete. Sie ließ ein Licht über einem Der Ports an der Wand aufleuchten. Das zeigte Shimar, dass sie etwas von ihm zu wollen schien.

Er zog seinen Neurokoppler wieder aus der Tasche und steckte ihn in den Port, den ihm sein Schiff ausgeleuchtet hatte. Sofort lud IDUSA wieder seine Reaktionstabelle. „Was gibt es, IDUSA?“, fragte Shimar. „Wir werden von Tchian gerufen, Shimar.“, sagte das Schiff. „Seinen Stimmfrequenzen nach scheint er sehr aufgeregt zu sein.“ „Stell ihn durch!“, sagte Shimar, der froh war, nicht mehr an die Dummheit Kairons denken zu müssen. Er fragte sich, ob der Mächtige wirklich so dumm war, oder sich nur so dumm anstellte. Aber das war etwas, das er so nicht klären konnte. Es würde auch warten müssen, denn dafür war jetzt keine Zeit. Jetzt musste er erst einmal den armen Vendar verarzten, der gerade nach seiner Aufmerksamkeit verlangte. Shimar ahnte, dass hier gewaltig etwas nicht stimmte. Kairon würde jetzt genug Zeit finden, über das, was Shimar ihm gerade gesagt hatte, nachzudenken. Vielleicht kam er ja doch noch drauf.

IDUSA hatte Tchian zu ihrem Piloten durchgestellt und das Gesicht des Vendar war vor Shimars geistigem Auge erschienen. Jetzt sah auch er, wie verzweifelt er dreinschaute. „Was ist geschehen, Tchian?“, fragte er. „Ich weiß es nicht genau, Shimar El Tindara!“, sagte Tchian verzweifelt. „Meine Herrin ist verschwunden und sie hat dazu offensichtlich ihre mentalen Fähigkeiten benutzt! Das bedeutet, sie kann jetzt überall sein! Oh ich befürchte, sie wird sich etwas antun! Kannst du sie finden?!“ „Das halte ich schon für möglich.“, sagte Shimar ruhig. „Mach dir keine Sorgen, Tchian. Ich mache das schon.“ Damit gab er IDUSA den Gedankenbefehl, die Verbindung zu beenden, was sie auch sofort tat. „Kann ich sonst noch etwas tun, Shimar?“, fragte der Avatar. „Ja, das kannst du.“, antwortete der junge Tindaraner. „Schließ dich mit der interdimensionalen Sensorenplattform kurz und such nach Tolea!“ „In Ordnung, Shimar.“, sagte das Schiff. „Ich muss Sie allerdings darauf hinweisen, dass Tolea, falls sie uns täuschen will, sich in alles und jedes verwandeln kann. Ich werde also als Parameter für die Suche lediglich ihr Neuralmuster verwenden.“ „Sehr gut, IDUSA.“, sagte Shimar. „Mach es so!“

Er setzte den Neurokoppler wieder ab, was für IDUSA ein eindeutiges Signal war, seine Reaktionstabelle wieder zu löschen. Dann wandte er sich wieder Kairon zu: „Weißt du jetzt vielleicht, worauf ich hinauswollte?“ fragte er. „Tut mir leid.“, sagte Kairon. „Ich weiß es beim besten Willen nicht. Aber meine Gedanken werden auch im Moment mehr vom Wohlergehen meiner Schwester beherrscht. Vielleicht kann ich deshalb nicht darüber nachdenken. Bitte hilf mir, Shimar.“ „Na gut.“, sagte Shimar. „Du hast vergessen, deine Größe an die durchschnittliche Größe eines Tindaraners anzupassen. Das hat IDUSA schon irritiert. Als du dann auch noch eine unbekannte DNS hattest, war alles zu spät. Sie musste ja denken, dass du der Feind, oder mindestens ein Streich von Tolea bist.“ „Ach so.“, sagte Kairon. „Das tut mir leid. Eigentlich wollte ich dir mit meiner Erscheinung nur zeigen, dass ich auf deiner Seite bin. Aber offenbar habe ich damit genau das Gegenteil erreicht. Aber warte mal kurz.“

Es gab einen weißen Blitz und vor Shimar stand der allen viel besser bekannte Anzugträger, als der Kairon auch in allen Datenbanken verzeichnet war, da man ihn bei diplomatischen Anlässen, bei denen alle Verbündeten der Föderation aufgetreten waren, meistens nur so sah. „So.“, sagte er. „Und nun frag dein Schiff bitte, ob ihr diese Erscheinung besser gefällt!“ „Sicher.“, erwiderte Shimar und setzte den Neurokoppler wieder auf. Dann befahl er: „IDUSA, scanne Kairon noch einmal und dann sag mir, ob du ihn jetzt erkennen kannst!“

Der Avatar nickte ihm zu und dann führte IDUSA seinen Befehl aus. Ihr Ergebnis stimmte ihn sehr positiv. „Ich habe ihn tatsächlich erkannt, Shimar.“, sagte sie. „Bitte sagen Sie ihm, dass es mir leid tut.“ „Das kannst du ihm auch selbst sagen, IDUSA.“, sagte Shimar. „Repliziere bitte einen zweiten Neurokoppler. Dann können sich du und Kairon auch unterhalten.“ „Denken Sie wirklich, dass sich Kairon darauf einlassen wird, Shimar?“, fragte IDUSA. „Als Mächtiger wird er sich doch sicher nicht dazu herablassen wollen, mit primitiver Technologie wie mir zu kommunizieren.“ „Du weißt, dass er kein Q vom alten Schlag ist, IDUSA.“, sagte Shimar. „Tu einfach, was ich dir gesagt habe. Dann wirst du ja sehen, ob er es tut oder nicht.“ „Also gut.“, sagte das Schiff.

Ein Summen hinter ihm zeigte Shimar an, dass der Replikator in der Achterkabine in Betrieb gegangen war. Nachdem er sich umgedreht hatte, sah er auch das Lämpchen, das ihm einen erfolgreichen Replikationsvorgang meldete. Den Neurokoppler, den er darauf im Auswurffach vorfand, nahm er heraus und zeigte ihn Kairon. „Du kannst dich selbst mit ihr unterhalten.“, sagte er. „Dazu musst du diesen hier nur aufsetzen. Den Rest mache ich.“ „Also gut.“, sagte Kairon, nahm ihm den Koppler aus der Hand und setzte ihn sich wie einen Haarreif auf den Kopf, wie er es bei Shimar gesehen hatte. „Richtig so?“, fragte er. Shimar nickte. „Und was jetzt?“, fragte Kairon weiter. „Tja, jetzt.“, sagte Shimar und nahm Maß, was die Entfernung zwischen Kairon und dem nächsten Port anging. „Jetzt muss ich dich leider an die Leine nehmen. Der Weg zum nächsten Port ist zu lang. Im Cockpit wäre das viel leichter.“ Er nahm das Anschlussmodul des Neurokopplers in die rechte Hand. Jetzt sah auch Kairon das Kabel. Er musste lachen. „Der Vergleich mit der Leine ist gar nicht so weit hergeholt.“, sagte er. „Dann bin ich mal ein folgsames kleines Hündchen.“ „Also dann, Fiffi.“, scherzte Shimar zurück, der heilfroh war, dass sich die frostige Atmosphäre zwischen ihm und Kairon offensichtlich wieder entspannt hatte. „Dann komm! Bei Fuß!“ Kairon gab einen völlig übertriebenen Winsellaut von sich und beide Männer lachten.

Kapitel 31: Der schwere Kampf um Toleas Leben

von Visitor

 

Leider musste IDUSA jene lockere Stimmung bald wieder zerstören. Dem Signal, das sie in die Sprechanlage einspeiste, folgte eine eindringliche Warnung ihrer elektronischen Stimme: „Bleiben Sie beide bitte sitzen und halten Sie sich fest! Halten Sie sich fest!“ Dann kreiselte sie blitzschnell um sich selbst, aktivierte per Notschaltung den interdimensionalen Antrieb, indem sie die Vorstartsequenz überging und beendete den Flug erst dann wieder, als sie sich im Universum der Föderation befand. Hier aber schaltete sie sofort auf Warp um und raste mit Warp 9,0 weiter.

Kairon war blass neben Shimar in den Sitz gesunken. „Was hat das zu bedeuten?“, fragte er. „Warum tut sie das?!“ Das bedeutet wohl.“, sagte Shimar mit Überzeugung. „Sie hat deine Schwester gefunden!“ „Den Göttern sei Dank.“, sagte Kairon, der im gleichen Moment das Gesicht verzerrte. „Sag mir bitte nicht, du musst …“, sagte Shimar. „Doch.“, sagte Kairon gequält. „Weißt du, ich bewege mich so selten nach Art der Sterblichen, dass mein Körper das gar nicht gut verträgt. Häng das aber bitte nicht an die große Glocke.“ „Oh Mann!“, stöhnte Shimar, während er die eilig von IDUSA replizierte Tüte aus dem Auswurffach holte und sie Kairon vorhielt, der sofort seinen gesamten Mageninhalt in sie entließ. Shimar warf die Tüte in die Materierückgewinnung.

Kairon hatte einige Male tief Luft geholt. „jetzt geht es mir besser, Shimar.“, sagte er. „Aber was tun wir jetzt?“ „Wir sollten ins Cockpit gehen.“, sagte Shimar. IDUSA wird uns dort bestimmt zeigen, was sie genau gesehen hat. Hier ist das Ganze doch etwas umständlich.“ „Na gut.“, sagte Kairon. Beide standen auf und machten sich auf den Weg.

Im Cockpit angekommen zeigte Shimar seinem mächtigen Freund sofort, wo er den Neurokoppler anschließen musste. IDUSA, die dies natürlich sofort registriert hatte, erstellte eine Reaktionstabelle von ihm und lud sie. Jetzt sah auch Kairon das Bild der jungen tindaranischen Fliegerin vor sich, als die sich ihr Avatar immer darstellte. „Hallo, Kairon.“, begrüßte sie ihn. „Ich bin der Avatar dieses Schiffes. Sie dürfen mich mit IDUSA ansprechen.“ „Hi, IDUSA.“, sagte der Mächtige. „Ich bin Kairon. Aber das weißt du ja sicher schon. Es tut mir leid, dass ich dich so verwirrt habe, obwohl ich damit eigentlich das genaue Gegenteil erreichen wollte.“ „Schon gut.“, sagte IDUSA. „Sie können ja nicht wissen, wie wir tindaranischen Schiffe ticken. Sie hatten ja noch nie so nah mit einem zu tun, soweit mir bekannt ist.“ „Das stimmt.“, sagte Kairon. „Aber was ist jetzt mit meiner Schwester? Shimar erwähnte, dass du sie gefunden hättest?“ „Das habe ich definitiv.“, sagte das Schiff. „Schauen Sie bitte!“

Vor Shimars und Kairons geistigem Auge erschien ein Komet. „Da ist sie drin?“, fragte Kairon irritiert. „Na ja. Es war die Art der alten Q, uns so für ein Verbrechen zu bestrafen, aber dass sie so etwas tut, das so offensichtlich ist, hätte ich nie gedacht. Sie muss doch wissen, dass wir ihr draufkommen werden.“ „Die Sache hat ja auch einen Haken.“, sagte IDUSA. „Ich kann keinerlei DNS von Tolea in dem Kometen finden.“ „Und woran machst du dann fest, dass sie da drin ist?“, fragte Kairon. „Ich sagte bereits.“, verbesserte IDUSA. „Sie ist nicht da drin.“ „Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.“, sagte Kairon.

Er begann damit, sich angestrengt auf die telepathische Wahrnehmung seiner Schwester zu konzentrieren. IDUSA, die das, weil er ja auch einen Neurokoppler trug und sie seine Tabelle geladen hatte, durchaus mitbekommen hatte, riet ihm nur: „An Ihrer Stelle würde ich das lassen und meine Energien schonen, Kairon. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass sich Ihre Schwester gegen Sie abschirmt. Da Sie beide gleichstark sind, wird es immer zu einer Patsituation zwischen Ihnen beiden kommen. Das betrifft aber nicht meine Sensoren. Mit ihnen kann ich Tolea finden. Bitte vertrauen Sie mir einfach. Ich weiß, dass das sicher leichter gesagt ist als getan. Sie, als ein Mächtiger, sind dies nicht gewohnt und es ist psychologisch gesehen sicher nicht einfach für Sie, sich dazu zu überwinden. Das verstehe ich gut. Sich einem Stück primitiver Technologie wie mir anzuvertrauen, das muss für Sie etwa so sein, als würde ich plötzlich mit Daten konfrontiert, die vom allerersten Computer überhaupt stammen, der je auf irgendeinem Planeten erfunden wurde und als müsste ich auf dessen sensorische Werte bauen.“

Kairon gab einen Laut von sich, der darauf hinwies, dass er aufgegeben hatte. Demonstrativ legte er die Hände in den Schoß. „Du hast ja Recht, IDUSA.“, sagte er. „Aber mach dich bitte nicht kleiner als du bist. Ich verstehe zwar immer noch nicht, wie du sie gefunden hast, aber das wirst du mir ja bestimmt erklären und sag mir bitte auch, was sie mit dem Kometen zu schaffen hat. Wenn sie dort nicht drin ist, was …“ „Na, das ist doch wohl offensichtlich.“, mischte sich Shimar ein. „Wenn Tolea nicht in dem Kometen ist, dann kann sie ja nur der Komet selbst sein, oder?“ „Warum sollte sich meine Schwester in einen Kometen verwandeln?“, fragte Kairon. „Dann ist sie doch total verwundbar. Das ergibt für mich alles keinen Sinn.“ „Für mich schon.“, sagte IDUSA. „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass Ihre Schwester ihr Leben beenden will. Dass auch Ihnen das nicht so einfach möglich ist, das wurde historisch bewiesen. Sie könnte aber eine Möglichkeit gefunden haben, dies auszuhebeln, indem sie sich in etwas verwandelt, das sterben kann. Auf ähnliche Weise hat schließlich auch ihr historisches Vorbild sein Vorhaben durchgeführt. Ein Komet ist zerstörbar. Sei es nun durch natürliche Kräfte oder durch Waffen.“

Ihr letztes Wort hallte lange in Shimars Kopf nach. „Waffen?!“, fragte er alarmiert. „Jetzt sag mir bitte nicht, dass sie vorhat …“ „Ich kann Ihrer Bitte leider nicht entsprechen, Shimar.“, sagte das Schiff. „Zumindest dann nicht, wenn es weiterhin unser Bestreben sein soll, Tolea zu finden und sie von ihren Plänen abzuhalten. Wenn ich ihren Kurs korrekt extrapoliert habe, dann ist sie auf dem Weg in ein bewohntes System. Hier gibt es nur schwach bewaffnete Siedler der Föderation, aber in der Nähe patrouilliert das Forschungsschiff USS Electronica. Sie ist ein Sternenflottenschiff unter dem Kommando von Commander Peter Time. Die Electronica wird zweifelsfrei auf den Notruf der Siedler reagieren und auch den Befehl erhalten, sie zu schützen. Das könnte bedeuten, dass sie den Kometen zerstören soll, damit er die drei bewohnten Planeten nicht gefährdet. Toleas gegenwärtiger Kurs führt sie genau zu einem dieser Planeten. Aber keine Sorge. Wir sind genau hinter ihr.“ „Kannst du sie mit dem Traktorstrahl erfassen, IDUSA?“, fragte Shimar. „Ich kann es versuchen.“, sagte das Schiff. „Allerdings weiß ich nicht …“

Der junge Tindaraner sah Kairon plötzlich alarmiert an. Dann gab er dem Schiff energisch einen Gedankenbefehl, der sie zwang, auf Impuls abzubremsen. Das war die einzige Möglichkeit, ihren Kurs zu ändern. „Was ist los?“, fragte Kairon. „Erkläre ich dir später!“, presste Shimar zwischen den vor Konzentration zusammengebissenen Zähnen hervor. Dann befahl er sowohl laut, als auch in Gedanken: „IDUSA, volle Wende nach links! Rum! Rum! Komm schon!“

Ein Ball aus Energie war aus dem Kometen gekommen und hatte IDUSAs Bug tuschiert und einen Teil ihrer Systeme beschädigt. Durch sein Manöver war es Shimar zwar gelungen, das Schlimmste zu verhindern, aber ganz hatte er sie nicht aus der Welle drehen können. „Bist du OK?“, fragte er. „Nicht ganz.“, sagte IDUSA. „Der Emitter für den Traktorstrahl ist ausgefallen und meine Kommunikationssysteme sind beschädigt. Ich kann keine interdimensionale Verbindung aufbauen. Wir wären also auf uns gestellt, wenn jetzt etwas geschehe.“ „Dafür bin ich flexibel genug.“, sagte Shimar. „Das kriegen wir schon hin.“ „Also gut.“, sagte IDUSA. „Um es mit Ihren Worten zu sagen: Ich vertraue Ihnen.“ „Na also.“, sagte Shimar. „Leider ist eine meiner größten Fragen immer noch nicht beantwortet.“, sagte Kairon. „Wie hast du meine Schwester erkannt, IDUSA und woher wusstest du, Shimar, was da auf uns zukommt?“ „Tolea kann eines nicht verwandeln.“, sagte IDUSA. Ihr Neuralmuster. Daran habe ich mich orientiert.“ „Ah.“, machte Kairon. „Ich muss zugeben, Technologie wie du ist nicht dumm und gar nicht so primitiv.“ „Vielen Dank, Kairon.“, sagte IDUSA. „Ich werde dann mal schauen, was ich für deine Systeme tun kann.“, sagte Kairon.

Er begann damit, sich auf das Bild von IDUSAs Systemen im heilen Zustand zu konzentrieren. Im gleichen Moment aber hörte er die Stimme Toleas in seinem Geist: Das kannst du getrost vergessen, Bruderherz! Ich war die, der ihr das kleine Malheur zu verdanken habt und solange ich es will, hast du keine Chance. Frag doch mal das Schiff! Sie hat dir jetzt schon 100 Mal mindestens erklärt, dass wir gleichstark sind. Dieses Duell könnte also für die Ewigkeit dauern! Auf Shimar kannst du nicht zählen. Er muss schließlich das Schiff fliegen, weil ich mit meinem Verhalten dafür sorgen werde, dass sie meine Manöver nicht berechnen kann, also auf die Hilfe ihres Piloten angewiesen ist. Den werde ich schon zu beschäftigen wissen!

Kairon hatte von IDUSAs Systemen abgelassen. „Verdammt.“, zischte er. „Das alles war sie. Offensichtlich wollte sie uns ganz unmissverständlich klarmachen, dass wir sie in Ruhe lassen sollen, damit sie in aller Ruhe von denen da zerstört werden kann.“ Er deutete Richtung Fenster.

Auch Shimar nahm jetzt über den Neurokoppler war, wen Kairon mit denen da gemeint hatte. Von einem der drei bewohnten Planeten waren jetzt Kriegsschiffe aufgestiegen, die sich auf den Kometen zubewegten. „IDUSA, wo ist die Electronica?“, fragte Shimar. „Sie ist auf Kurs zu uns.“, sagte das tindaranische Aufklärungsschiff. „Ihre Schilde sind oben und ihre Waffen aktiv. Offensichtlich wird genau das eintreten, was ich prognostiziert habe.“ „Na dann gute Nacht.“, sagte Kairon. „Wir dürfen jetzt erst recht nicht aufgeben.“, versuchte Shimar, ihm Mut zuzusprechen. Wir müssen nachdenken. Bitte, Kairon. Bitte denk mit mir nach! Tu es für deine Schwester!“ „Also gut.“, sagte Kairon. Beide legten die Stirn in die Hände und begannen zu überlegen.

An Bord der Electronica war man auch gerade schwer beschäftigt. Tatsächlich hatte Allrounder Sensora, die Androidin, die für das Fliegen und den SITCH zuständig war, Mr. Yetron, dem demetanischen ersten Offizier, der zu diesem Zeitpunkt das Kommando inne hatte, den Notruf der Siedler gemeldet. „Verbinden Sie mich mit dem Oberkommando!“, hatte Yetron angeordnet. „Falls dort niemand antwortet, geben Sie mir Nugura selbst, Sensora. Sie ist ja auch die Oberkommandierende der Sternenflotte als Präsidentin der Föderation im absoluten Notfall und wenn ich mir die Flugbahn dieses Kometen so ansehe, dann ist dies wohl einer.“ „Aye, Sir!“, hatte Sensora schmissig geantwortet und sich sofort daran gemacht, die Befehle ihres Vorgesetzten auszuführen.

Tatsächlich musste sie wenig später vermelden: „Beim Oberkommando selbst hat niemand geantwortet, Agent. Aber ich konnte Nugura in ihrem Büro erreichen.“ „Sehr gut, Allrounder!“, sagte der Agent. „Geben Sie her!“ Sensora nickte und stellte Yetron das Gespräch auf die Konsole.

Der Demetaner sah jetzt in das Gesicht seiner Oberbefehlshaberin. „Madam President!“, sagte er und salutierte. „Wir beobachten seit einigen Minuten einen seltsamen Kometen, der sich den Kinas-Kolonien gefährlich nähert. Seiner Flugbahn nach könnte er mindestens einen der Planeten gefährden. Sie wissen, dass die Siedler nur über veraltete Shuttles mit unzureichender Bewaffnung verfügen. Wir erbitten Erlaubnis, uns des Problems anzunehmen.“ „Erteilt, Agent!“, erwiderte Nugura, der Sensora selbstredend eine Version der bisher vorhandenen Daten überspielt hatte. „Aber Sie sagten, der Komet sei seltsam. Was habe ich darunter zu verstehen?“ „In ihm scheint sich ein Neuralmuster zu befinden.“, sagte der Demetaner. „Außerdem ist seine Flugbahn zu präzise, um nur allein durch die allgemein herrschenden Kräfte im All gelenkt zu werden.“ „Dranbleiben, Electronica!“, befahl Nugura, die seine Ausführungen auch neugierig gemacht hatten. „Finden Sie so viel wie möglich darüber heraus! Ich möchte auf keinen Fall das Falsche tun. Zerstören Sie den Kometen nur, wenn es unbedingt sein muss. Wenn nicht, lautet Ihr Auftrag, ihn weiter zu erforschen. Können Sie das Neuralmuster identifizieren?“

Yetron sah fragend zu Sensora hinüber. „Der Computer sagt, es handle sich um das Muster Toleas, Sir.“, antwortete sie nüchtern. „Es handelt sich um das unserer Freundin Tolea, Madam President.“, gab Yetron weiter. „Das wird ja immer verwirrender, Mr. Yetron.“, sagte Nugura. „Tolea ist, wie Sie schon sagten, unsere Freundin. Warum also sollte sie sich in einen Kometen verwandeln und einige unserer Kolonien gefährden?! Ich wiederhole meinen Befehl, Mr. Yetron! Finden Sie alles heraus über diese Situation, das Sie können und geben Sie mir die Daten! Irgendetwas ist hier falsch und ich möchte auf keinen Fall der falschen Person in die Karten spielen!“ „Verstanden, Madam President!“, sagte Yetron und beendete das Gespräch. Dann wandte er sich Sensora zu: „Sie haben die Dame gehört, Allrounder!“ „Ja. Sir.“, sagte Sensora und passte den Kurs des Schiffes genau dem des Kometen an. „Transferieren Sie die Kontrolle für den Schiffserfasser auf meine Station.“, sagte Yetron noch. Auch dies tat seine Untergebene.

Shimar und Kairon hatten eine Menge Zeit verbracht, in der sie nachgedacht hatten, allerdings ohne auf konkrete Ergebnisse zu kommen. Die Nachricht, die sie jetzt auch noch von IDUSA bekamen, trug auch nicht gerade zur Aufhellung ihrer Stimmung bei. „Gentlemen, Die Kriegsschiffe der Siedler haben den Kometen jetzt eingekreist und versuchen ihn offenbar mit ihren schwachen Phasern zu zerstören. Allerdings machen sie es damit nur noch Schlimmer! Ihre Waffen sind nur in der Lage, kleinere Stücke vom Kometen abzubrechen. Diese könnten unkontrolliert …“ „Ich weiß, IDUSA.“, unterbrach Shimar sie und auch Kairon nickte. „Was tun wir jetzt nur?“, fragte er. „Keine Ahnung.“, sagte Shimar, den diese Entwicklung auch total unvorbereitet getroffen hatte.

Er wandte sich Kairon zu: „Du scheinst aber noch ein weiteres Problem zu haben.“, sagte er. „Das stimmt allerdings.“, antwortete der Mächtige. „Warum konnte IDUSA ihre Schilde nicht früh genug heben?“ Toleas Angriff kam zu schnell.“, sagte Shimar. „Ich konnte ihn nur spüren, weil sie wohl sehr wütend geworden ist. Wenn jemand wütend wird, bröckelt sein mentaler Schutzschild. Das solltest du auch wissen.“ „Das weiß ich auch.“, sagte Kairon. Aber mein Gehirn weigert sich wohl, zu verarbeiten, dass meine Schwester sich gegen mich wenden könnte. Ich meine, immerhin ist sie meine Schwester.“ „Da haben wir’s schon.“, sagte Shimar. „Du meinst also, es ist völlig normal, dass ich mich so anstelle?“, fragte Kairon. Shimar gab einen bestätigenden Laut von sich und nickte. Dann verfielen beide wieder ins Nachdenken.

Es war schließlich IDUSA, die ihnen einen Lösungsvorschlag präsentierte. „Shimar, auf dem Heimatplaneten Ihrer Freundin gibt es ein Sprichwort: Wissen ist Macht. Ich wäre bereit, den Kriegsschiffen der Siedler alle Daten zu geben, die wir bis jetzt haben.“ „Also gut, IDUSA.“, sagte der junge Tindaraner. „Versuchen wir es.“ IDUSAs Avatar vor Shimars geistigem Auge nickte und führte seinen Befehl aus. Allerdings bekam sie keine Antwort. „Es tut mir leid.“, meldete sie. „Offenbar ist man fest entschlossen, nicht mit uns zu reden. Man scheint sein Urteil schon gefällt zu haben. Technisch gibt es keinen Grund, aus dem mein Ruf nicht empfangen wird. Ihre Kommunikationssysteme scheinen intakt. Man ignoriert uns einfach.“

Kairon war etwas aufgefallen. Er war sich nicht sicher, aber er wusste genau, wer ihm diese Sicherheit geben konnte. „IDUSA, scanne die Soldaten der Siedler nach telepathischem Einfluss durch meine Schwester!“, sagte er. Dann drehte er sich in Shimars Richtung und erklärte: „Wenn dein Schiff Recht hat, dann wird Tolea alles tun, um umgebracht zu werden, jetzt, da sie sterben kann.“ „Gut kombiniert!“, sagte Shimar.

IDUSAs Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten: „Sie hatten Recht, Kairon.“, sagte sie. „Ihre Schwester beeinflusst sie tatsächlich.“ Sie zeigte beiden die Daten. Jetzt sahen sie genau die Überschneidungen von Toleas Neuralmuster mit denen der Soldaten. „Oh nein, Schwesterchen!“, sagte Kairon. „Du wirst nicht das Gewissen Unschuldiger mit deinem Ende beladen!“

Er konzentrierte sich darauf, zwischen seiner Schwester und den Soldaten eine Mauer aufzubauen. Leider blieben seine Versuche ohne nennenswerten Erfolg. „Bitte hilf mir, Shimar!“, wendete er sich an seinen Freund. Bevor dieser allerdings etwas erwidern konnte, wurde seine Aufmerksamkeit von IDUSA beansprucht: „Shimar, ich brauche Sie ebenfalls! Toleas Flugmanöver sind unberechenbar. Sie folgen offenbar einem willkürlichen Muster, das sich nicht mathematisch erfassen lässt. In einer solchen Situation bin ich, wie Sie wissen, auf meinen biologischen Piloten angewiesen!“ „OK.“, sagte Shimar und übernahm die Steuerkontrolle. Kairon sah ihn fragend an. „Ich erkläre es dir gern.“, sagte Shimar. „So unschuldig sind die nicht, die in diesen Shuttles sitzen. Sie sind Soldaten! Töten gehört, wenn auch nur in letzter Konsequenz, aber es gehört zu ihrem Berufsalltag. Es gibt Mittel und Wege für uns, mit so etwas klarzukommen!“ „Für uns?!“. fragte Kairon irritiert. „Ich muss das wissen!“, sagte Shimar fest. Ich bin ja selbst einer!“ „Ach so.“, sagte Kairon. „Dann vergib bitte einem einfachen Zivilisten, der sich nur um seine Schwester sorgt.“ „Schon gut.“, sagte Shimar.

IDUSA mischte sich in das Gespräch: „Ich denke, Kairon, mein Pilot und ich währen Ihnen höchst dankbar, wenn Sie uns nicht ständig dazwischenfahren und sich stattdessen endlich unserer strategisch überlegenen Führung anvertrauen würden.“ „IDUSA!“, wies Shimar sie scharf zurecht. Ihm passte ihre Einlassung gar nicht, denn er hatte ja erst gerade mühevoll die Wogen zwischen Kairon und sich geglättet. Was IDUSA gerade gesagt hatte, konnte unter Umständen alles wieder aufflammen lassen und das war etwas, das er jetzt gar nicht gebrauchen konnte. „Sie hat aber Recht.“, entgegnete Kairon. „Und auch ihre Formulierung war goldrichtig. Ich will unsere Bemühungen ja gar nicht sabotieren, aber ich bin es einfach nicht gewohnt …“

Ein gut gesetzter Photonentorpedo hatte für das Absprengen eines größeren Stückes vom Kometen gesorgt. „Unternimm doch endlich was!“, schrie Kairon und brach in Tränen aus. Dann schlug er sich verzweifelt die Hände vor das Gesicht. „Sie ist doch meine Schwester! Sie ist doch meine, meine, oh!!!!“

Shimars geistiges Auge warf IDUSAs Avatar einen ratlosen Blick zu. Die Situation war auch vorher für ihn nicht einfach gewesen, aber jetzt hatte er auch noch einen mächtigen Zivilisten am Hals, der jetzt auch noch psychisch zusammengebrochen war. „Ich werde verhindern, dass er mehr davon sieht.“, sagte IDUSA und löschte Kairons Tabelle. Gleichzeitig hob sie die Schilde und passte ihre Frequenzen so an, dass sie vor den Fensterscheiben einen Nebel bildeten. Ihre Aktion war wohl auch der Versuch, ihren Fehler von gerade wieder gut zu machen. „Danke, IDUSA.“, sagte Shimar erleichtert. „Warum hat sie das getan?“, fragte Kairon. „Sie will nur verhindern, dass du diese schrecklichen Bilder noch weiter sehen musst.“, antwortete Shimar. „Sie will dein Trauma so gering wie möglich halten. Oh Mann! Ich kann nicht gleichzeitig dich therapieren und das Schiff steuern!“ „Vielleicht kann ich auch hier helfen.“, sagte IDUSA, die jetzt nur noch über Shimar mitbekam, was er und Kairon besprachen. „Bitte sagen Sie Kairon, er soll in die Achterkabine gehen. Dort kann ich mich um ihn kümmern und gleichzeitig Ihre Steuerbefehle entgegennehmen. Sie wissen, dass ich multitaskingfähig bin.“ „In Ordnung, IDUSA.“, atmete Shimar erleichtert auf. „Was hat sie mit dir besprochen?“, wollte der immer noch sehr traurige Kairon wissen. „Bitte geh in die Achterkabine.“, sagte der Tindaraner. „Sie hat gerade angeboten, sich dort um dich zu kümmern.“ „Wie soll das denn gehen?“, fragte Kairon. „Lass dich überraschen!“, lächelte Shimar. „Sie hat Talente, bei denen mancher schon Bauklötze gestaunt hat.“ „Also gut.“, sagte Kairon, stand von seinem Sitz auf und ging.

An Bord der Electronica hatte sich Agent Yetron genauer mit der Zusammensetzung des Kometen beschäftigt, was auch der Grund gewesen war, aus dem er Sensora befohlen hatte, die Kontrolle über den Erfasser des Schiffes, mit dem ja wissenschaftliche Daten gesammelt werden konnten wie mit einem mobilen Gerät auch, auf seine Station zu legen. „Die Hülle enthält viele Silikate.“, stellte er fest. „Sie dürfte also relativ flexibel sein.“

Shorna, die Waffenoffizierin der Electronica, eine übergelaufene Genesianerin, sah zu ihm hinüber. „Bitte sehen Sie sich an, was diese Narren da tun, Sir.“, sagte sie. „Sie versuchen den Kometen in kleine Stücke zu zerbrechen und machen alles dadurch nur noch schlimmer.“ Sie deutete auf den Monitor des Waffenpultes.

Yetron sah kurz zu ihr herüber. „Ganz recht, Warrior.“, stellte er fest. Dann wandte er sich Sensora zu: „Verbinden Sie mich mit dem Führungsschiff, Allrounder, soweit dies möglich ist und diese Hornochsen gesprächsbereit sind.“ „Soll ich das wirklich so weitergeben, Agent?“, fragte die Androidin. „Wenn Sie müssen.“, sagte Yetron. „Sie haben freie Hand, alles zu tun, das in Ihrer Macht als Kommunikationsoffizierin steht. Eine kleine Beleidigung könnte ja dazu führen, dass sie Ihren Vorgesetzten sprechen wollen und das bin dann ja wohl ich und schon habe ich sie am Haken, Sie verstehen mich schon.“ „Allerdings.“, sagte Sensora und formulierte eine SITCH-Mail mit der Anrede: „An den Hornochsen, der das Führungsschiff der Streitmacht der Siedler kommandiert.“ Diese sendete sie direkt an das Rufzeichen des Führungsschiffes, das ihr vom Computer mittels Transpondersignal übertragen worden war.

Yetron selbst hatte sich inzwischen der Erforschung des Kerns des Kometen gewidmet. „Eis.“, hatte er festgestellt. „Der Kern besteht offensichtlich aus purem Eis.“ „Ich glaube, dann weiß ich, was wir tun müssen.“, sagte Shorna. „Ich höre, Warrior.“, sagte Yetron. „Sie sagten, der Mantel sei mit viel flexibler Materie Gefüllt und der Kern sei aus Eis. Wenn wir den Kern so schnell zum Schmelzen brächten, dass sich im Innenraum ein Hohlraum bildet, dann müsste die Hülle implodieren. Der Phaser kann, weil wir ein Forschungsschiff sind, auch auf Bohrmodus gestellt werden. Mit ihm könnte man das erreichen.“ „Sehr gut, Shorna.“, lobte Yetron. „Eine solche Theorie hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Aber gut. Machen wir es im absoluten Notfall so! Bringen Sie uns auf Bohrreichweite an den Kometen heran, Sensora!“ Die Pilotin nickte und führte Yetrons Befehl aus.

Im nächsten Moment aber lächelte sie ihn an und sagte: „Ich habe jemanden für Sie, Agent.“ „Also gut.“, sagte Yetron. „Dann stellen Sie mal durch!“ Sensora nickte und tat, was ihr der erste Offizier gerade geheißen hatte.

Überraschenderweise blickte Yetron aber plötzlich in das Gesicht einer blonden Terranerin von ca. 30 Jahren. Sie trug lockere Zivilkleidung, eine weiße Bluse und einen blauen Rock sowie rote Schuhe, etwas, das er auch nicht erwartet hatte. Sie maß ca. 1,70 m und war recht schlank. Sie schien zwar keine ausgebildete Soldatin zu sein, dennoch beherrschte sie die Bedienung ihres Schiffes sehr gut. „Ich bin Caroline Hansson.“, stellte sie sich vor. „Ich bin die Führerin der zivilen Streitmacht, die den Kometen zerstören will, der uns bedroht. Electronica, ich freue mich, dass Sie endlich da sind. Offenbar sind unsere altersschwachen Waffen zu so etwas nicht in der Lage. Ach übrigens, wenn Ihre SITCHerin mich schon beleidigt, dann korrekt als Hornkuh bitte schön! Wir wollen doch schließlich die geschlechtlich korrekten Umgangsformen wahren, oder?!“ Sie grinste. „Oh, es tut mir leid.“, gab Yetron zurück und hatte sichtlich Mühe, ernst zu bleiben. „Wir konnten Sie nicht scannen, weil unsere Bemühungen auf den Kometen gerichtet waren. Aber ich werde dem Allrounder sofort befehlen, dies wieder gut zu machen. Sensora, ändern Sie die Anrede in Hornkuh und senden Sie die Mail noch einmal.“ Dieses Mal grinste er zurück. „Ich sehe, wir verstehen uns, Agent.“, sagte Caroline. „Durchaus, meine Verehrte.“, sagte Yetron. „Durchaus. Und ich denke, Sie werden dann wohl auch für das offen sein, was wir über den Kometen wissen. Ich lasse Ihnen unsere Daten zukommen. Denen nach dürfen Sie den Angriff nicht länger fortführen.“ Er winkte Sensora, die sofort alles in die Wege leitete.

Kapitel 32: Therapieversuche

von Visitor

 

Kairon hatte inzwischen die Achterkabine von Shimars Schiff betreten. Hier hatte er sich zunächst etwas erschrocken, denn das, was er hier zu sehen bekommen hatte, war für ihn etwas eigentümlich. Auf dem Boden war ein Rasen und auch Kübel mit Blumen standen in den Ecken. Diese dufteten sogar. Auch die Luft erinnerte an die in einem Park. Sie war sogar leicht in Bewegung. Hätte es nicht die Sitze gegeben, dann hätte Kairon wetten können, dass er sich in einem Park in seiner Dimension oder auf irgendeinem Planeten befinden würde.

Der Mächtige fasste nach dem Neurokoppler, den er immer noch auf dem Kopf hatte. Das Kabel hing aber herunter, ohne dass es mit einem Port verbunden war. Es konnte also keine Simulation sein, was er dort sah. Mit Hilfe ihrer Umweltkontrollen, des Transporters und des Replikators musste IDUSA diese Umgebung tatsächlich geschaffen haben. Kairon dachte sich allerdings, dass das Gezwitscher von Vögeln, das er ebenfalls wahrnehmen konnte, wohl aus ihrem Bordlautsprecher kommen musste, der sich irgendwo hinter den Pflanzen versteckte. Sicher hatte sie dies mit Absicht so gemacht, damit er ihn nicht sah und es ihm leichter fiel, sich in ihrer Gegenwart zu entspannen.

Kairon sah sich weiter um. Er wusste, um mit ihr kommunizieren zu können, wäre eine Verbindung über den Neurokoppler von Vorteil. Nur konnte er die Ports, die dazu notwendig waren, leider nicht sehen. Er wusste jedoch, dass sie auch ein Mikrofon besaß.

Er setzte sich auf einen der Sitze, holte tief Luft, räusperte sich und sagte dann laut in den Raum: „Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst, IDUSA. Aber wenn wir miteinander reden sollen, dann brauche ich einen Port für den Neurokoppler. Könntest du mir bitte einen ausleuchten? Du hast deine Technik nämlich so geschickt versteckt, dass …“

Weiter kam er nicht, denn im gleichen Moment zeigte sich ihm jene junge Tindaranerin, die er schon die ganze Zeit über im Cockpit gesehen hatte. Er war irritiert, sie vor seinem geistigen Auge zu sehen, obwohl er den Neurokoppler gar nicht eingesteckt hatte. „Hi.“, hörte er ihre ihm inzwischen sehr gut bekannte Stimme sagen. „Da bin ich schon.“ „Warum kann ich dich jetzt sehen und hören?“, fragte Kairon. „Weil es hier einen integrierten Simulator gibt.“, sagte IDUSA. „Techniker McKnight war so freundlich, ihn einzubauen.“ „Ich verstehe.“, sagte Kairon. „Also wieder eine dieser Sonderanfertigungen. Ich bin sicher, das hat sonst kein Schiff des tindaranischen Militärs.“ „Das stimmt in diesem Fall sogar.“, sagte IDUSA. „Aber viele von Techniker McKnights Erfindungen sind mittlerweile Standard bei uns geworden.“ „Interessant.“, erwiderte der Mächtige. „Aber mich würde mal was ganz anderes interessieren, IDUSA. Du kommunizierst jetzt gerade mit mir, aber Shimar und du, ihr müsst das ja auch tun. Wie geht das? Kannst du so etwas wie an zwei Orten gleichzeitig sein?“ „In gewisser Hinsicht.“, erklärte der Rechner. „Ich habe einfach einen zweiten Task geöffnet, in dem die Kommunikation zwischen uns beiden jetzt abläuft. Shimars und meine Kommunikation oder gar meine Reaktionsfähigkeit auf seine Befehle sind nicht beeinträchtigt.“ „Ach so.“, sagte Kairon.

Sie ließ es für ihn aussehen, als würde sie sich neben ihn setzen. Dann fühlte es sich an, als würde sie ihm ihre Hand auf die rechte Schulter legen. „Ich darf doch, oder?“, fragte sie. „Sicher.“, sagte Kairon. „Dein Befehl lautet ja, mich zu therapieren, wenn ich deinen Piloten richtig verstanden habe.“ Er gab einen schweren Seufzer von sich. „Mir ist durchaus verständlich, dass die Situation für Sie nicht einfach ist, Kairon.“, sagte IDUSA und ihr Avatar vor seinem geistigen Auge lächelte ihn an. „Mir ist klar, dass Sie sich sehr ohnmächtig fühlen müssen. Das ist für einen Mächtigen sicher kein gutes Gefühl.“ „Du hast Recht.“, gab Kairon schließlich zu und begann sogar zu weinen. IDUSA ließ ein Blinklicht über dem Auswurffach des Replikators aufleuchten, aus dem Kairon gleich darauf eine Packung Taschentücher zog, die er eilig aufriss, um einige davon sofort zu benutzen. „Was mache ich hier eigentlich?!“, fragte er schließlich mit etwas Wut in der Stimme, die aber auf keinen Fall ihr galt. Kairon war nur sauer auf sich selbst. „Ich sitze hier und heule einem Computer etwas vor!“ „Einem Computer.“, ergänzte IDUSA. „Der aber in der tindaranischen Rechtsprechung den gleichen Status wie ein Organischer genießt. Es wäre also das Gleiche, als sprächen Sie mit Shimar, zumindest rein juristisch. Aber ich weiß schon, was das Problem ist. Sie, als Mächtiger, können nicht damit umgehen, auch einmal machtlos zu sein und ihr Wohlergehen und das ihrer Schwester womöglich in die Hände von Sterblichen geben zu müssen. Ich kann das sehr wohl nachvollziehen. Mein Vergleich mit dem ersten Computer überhaupt kam nicht von ungefähr.“

Wieder verzog Kairon traurig das Gesicht. Jeder ihrer Sätze traf wie ein Pfeil in den mittleren Ring auf einer Zielscheibe. „Du.“, sagte Kairon schließlich. „Du gehst ja noch neutral damit um. Aber ich könnte mir vorstellen, dass so mancher Organische, wie du es nennst, mich gern fallen sehen hat und jetzt sicher über mich spotten würde angesichts der dummen Fragen, die ich schon gestellt habe. Dass dein Pilot fast an mir verzweifelt und sicher langsam stinksauer auf mich ist, weil er das Gefühl haben muss, ich würde die Operation eher behindern, als eine Hilfe zu sein, kann ich verstehen.“ „Shimar ist nicht sauer auf Sie.“, sagte IDUSA. „Er hat meinen Vorschlag nur angenommen, damit es für uns alle drei leichter wird.“ „Dann bin ich ja froh.“, sagte Kairon. „Weißt du, IDUSA, ich will mich ja gar nicht so verhalten, aber ich bin nun einmal ein blutiger Anfänger, was die direkte Zusammenarbeit mit Sterblichen auf ihre Art angeht. Sicher habe ich mir ein anderes Ziel gesetzt, aber …“ „Grau ist alle Theorie, doch für die Praxis taugt sie nie!“, stöhnte IDUSA. „Dazu kommt noch, dass Sie emotional involviert sind, weil es um Ihre Schwester geht. Aber vielleicht habe ich ja gerade das Passende für Sie.“

Wieder blinkte das Lämpchen am Auswurffach. Kairon drehte sich hin und holte ein Tablett heraus, auf dem ein Teller mit einem pilzähnlichen Gewächs stand. „Dieser Pilz enthält einen Wirkstoff.“, klärte IDUSA ihn auf. „Der bei sterblichen Telepathen in der Lage ist, die Kommunikation zwischen den zur Telepathie notwendigen Nervenzellen zu erleichtern. Theorien tindaranischer Ärzte nach könnte das auch bei Mächtigen funktionieren. Ich weiß, Sie benötigen sicher keine Almosen, aber schaden kann es bestimmt auch nicht. Wir können ja jetzt noch nicht sagen, wie sich die Situation entwickeln wird.“ „Also gut.“, sagte Kairon, nahm sich den Pilz und sah ihn sich an. „Muss ich damit noch irgendwas machen?“ „Nein.“, sagte IDUSA. „Einen Tipp hätte ich für Sie aber noch frei Haus. Shimar sagt, es empfehle sich, das Fruchtfleisch mitzuessen, statt den Pilz einfach nur auszusaugen, oder sich einen Sud zu bereiten, wie es die Meisten tun. Er hat mit so etwas Erfahrung Dank meines Freundes Kamurus. Eine lange Geschichte.“ „Na, wenn Shimar und dieser Kamurus das sagen …“, sagte Kairon und biss in den Pilz.

Als er damit fertig war, grinste er sie zufrieden an. „Also, dein Pilot und dieser Kamurus haben Recht. Das war wirklich gut. Du kannst … Warte mal!“

Er hatte etwas gespürt, das ihn gleichzeitig alarmiert, aber auch erfreut hatte. „Da draußen hat sich gerade etwas geändert.“, sagte er. „Ich glaube, irgendwas hat die Anführerin unserer Gegner so verwirrt, dass Toleas Verbindung zu ihr zusammengebrochen ist. Vielleicht können wir das ausnutzen!“ „Betrachten Sie diese Information als bereits bei Shimar.“, sagte IDUSA. „Sekunde.“, sagte Kairon. „Kannst du etwa Informationen von einem Task zum anderen verschieben?“ „Ich bitte Sie!“, antwortete IDUSA leicht genervt. „Kopieren und einfügen kann heute jeder primitive Hausrechner.“ „Ich fragte ja auch nur.“, sagte Kairon und stellte sich vor, ihr einen beschwichtigenden Blick zuzuwerfen. Dann sagte er nur noch: „Zeig mir die Tür. Ich muss wieder ins Cockpit!“ „OK.“, sagte das Schiff. „Wenn Sie sich wieder gut genug dafür fühlen?“ Kairon nickte energisch und sie leuchtete ihm zum Ausgang.

Caroline hatte sich tatsächlich mit der Besatzung der Electronica ausgetauscht. Diese Daten hatte sie auch an ihre Leute weitergegeben. Da sie auch den Schriftwechsel zwischen Sensora und ihr enthielten, war die Wirkung auf die anderen genauso wie bei ihr gewesen. Auch sie waren ob der Tatsache, dass eine Sternenflottenoffizierin zu solchen Worten griff, sehr verwirrt. Diese Verwirrung hatte auch bei ihnen ausgereicht, um für ein mittleres temporäres Chaos in ihren Köpfen zu sorgen. Das sorgte wiederum dafür, dass Toleas Verbindung zu ihnen abbrach. Dies teilte Hansson Yetron auch mit, als Sensora sie auf ihre Anfrage hin mit dem ersten Offizier verband. „Die ganze Situation beginnt langsam für mich Sinn zu machen, Agent.“, sagte sie. „Jetzt verstehe ich auch, warum ich mich gerade fühle, als sei ich aus einem Traum aufgewacht. Ich erinnere mich nur noch, dass ich nichts mehr wollte, als diesen Kometen zu zerstören. Aber es wurde uns doch allen immer beigebracht, dass Tolea und ihr Bruder unsere Freunde seien. Warum also wollte Tolea, dass wir eine solche Schuld auf uns laden, indem wir sie ermorden?“ „Darüber haben wir bedauerlicherweise noch keine Daten, Ms. Hansson.“, sagte Yetron. „Aber die Electronica ist ein Forschungsschiff und wir haben eine Menge Sensoren an Bord, mit denen sich diese Fragen sicher beantworten lassen. Jedenfalls können Sie sicher sein, dass wir uns nicht so einfach mit den sichtbaren Tatsachen abspeisen lassen werden. Dafür haben wir schon zu viel gesehen. Bleiben Sie in Bereitschaft, Caroline, aber bitte tun Sie sonst nichts. Sie können die Operation jetzt getrost uns überlassen. Ich habe die Präsidentin über die Umstände informiert. Von ihr haben wir Befehl, die Situation genau zu erforschen, bevor es zu unüberlegten Handlungen kommen könnte, die wir später alle bereuen könnten.“ „Von was für einer Art Situation reden wir hier, Agent?“, fragte Hansson. „Denken Sie, jemand hat Tolea gezwungen, sich umzubringen und will uns als Werkzeug benutzen? Aber dagegen könnte sie doch vorgehen, oder?“ „Es gibt Dinge.“, sagte der Demetaner wohlwissend, dass er jetzt etwas sagen würde, dass sie durchaus in den falschen Hals bekommen könnte. Aber es ging nicht anders. „Die Zivilisten nicht über das Geflecht zwischen den Mächtigen wissen dürfen, damit eine Panik vermieden wird. Deshalb dürfen wir von der Sternenflotte diese Dinge auch nicht weiter mit Ihnen diskutieren, Caroline. Es tut mir leid. Sie sollen nur wissen, dass Sie ruhig abrücken und die Situation uns überlassen können.“ „Also gut, Agent.“, sagte Hansson. „Ich vertraue Ihnen. Mit unseren veralteten Waffen hätten wir ja sowieso alles nur verschlimmert. Der Komet wäre nur in mehrere Teile zerbrochen, wenn wir so weitergemacht hätten und das hätte eine viel größere Gefahr für uns alle bedeutet. Wir werden jetzt abrücken.“ Damit gab sie ihren Leuten den Befehl zum Rückzug und die Shuttles flogen in Formation davon, eine Tatsache, die auch Sensora dem sehr erleichterten Yetron meldete. „Also gut, Sensora.“, sagte der Demetaner. „Geben Sie Cenda Bescheid. Sie soll ein Trümmerteil an Bord beamen und es Scientist Ketna auf der Krankenstation überantworten. Die soll es dann im Labor einer geringen Dosis Rosannium aussetzen. Wenn aus dem Trümmerteil eine Gewebeprobe Toleas wird, dann haben wir zumindest auch einen physischen Beweis.“ „Verstanden, Sir.“, sagte die Androidin und leitete alles in die Wege.

Dass Yetron und seine Leute leider zu früh aufgeatmet hatten, sollte sich zur gleichen Zeit herausstellen, denn auch Tolea hatte vor ihrem geistigen Auge gesehen, dass die Siedler abgezogen waren. Na gut. Dann werden eben Sie zu meinem Mörder, Agent Yetron. Sie und Ihre Leute müssen doch in erster Linie die eigenen Leute schützen. Ich bin gespannt, wie Sie reagieren, wenn ich die Siedler offensichtlicher bedrohe! Das eben Gedachte hatte Tolea nur bei sich selbst gedacht, ohne jedoch eine Verbindung zu Yetron aufzubauen. Hätte sie das getan, wäre das ja ihrem Plan auch ziemlich abträglich gewesen.

Sie änderte ihren Kurs so, dass sie der Umlaufbahn eines der Monde um einen der besiedelten Planeten sehr nah kam. Das war etwas, das weder Sensora, die das Verhalten des Kometen genau beobachtet hatte, noch Shorna am Waffenpult entgangen war. „Mr. Yetron, Tolea hat ihren Kurs geändert.“, meldete Sensora. „Sie fliegt gefährlich nah an einem der Monde von Kinas Eins vorbei. Sie hat in ihrer Gestalt als Komet so viel Masse, dass sie diesen durchaus aus seiner Umlaufbahn verdrängen könnte. Ich hoffe, ich muss Ihnen nicht erklären, was das für die Ozeane auf dem zu 90 % mit Wasser bedeckten Planeten und somit auch für die Siedler bedeuten würde!“ „Auf den Schirm, Allrounder!“, befahl Yetron ruhig, der sich selbst ein Bild von der Situation machen wollte. Sensora nickte und führte seinen Befehl aus.

Der Demetaner sah jetzt, dass die Situation tatsächlich sehr kitzelig war. Trotzdem lag es ihm fern, in einer zu schnellen Reaktion extrem auf die neue Bedrohung zu reagieren. „Schalten Sie die Beobachtung auf Kinas Eins um, Sensora!“, befahl er. „Sofort, Agent.“, erwiderte die Androidin und tat, was er ihr soeben gesagt hatte. „Ich bin jederzeit bereit für unsere Bohrung, Sir.“, sagte Shorna von ihrem Arbeitsplatz aus.

Yetron hatte sich jetzt auch die Bilder von Kinas Eins angesehen. Er hatte genau sehen können, dass die Spiegel der beiden größten Meere bereits sehr stark angestiegen waren und der Mond seine Umlaufbahn verlassen hatte. „Offensichtlich.“, stellte er fest. „Zieht Tolea es vor, die Siedler zu bedrohen. Aber dann müssen wir eben sie bedrohen. Ich tue das nicht gern, da sie eine Freundin ist. Aber sie lässt uns wohl keine Wahl. Shorna, programmieren Sie den Phaser auf Bohrmodus und nehmen Sie eine Zielerfassung vor! Es dürfte ja ohnehin dauern, bis er den richtigen energetischen Sättigungsgrad erreicht hat, nicht wahr, Warrior?“ „Das ist korrekt, Sir.“, sagte die versierte Waffenoffizierin. Aber bitte machen Sie sich bewusst, dass, sobald der Countdown ab zehn rückwärts begonnen hat, der Vorgang nicht mehr abgebrochen werden kann.“ „Dann hoffe ich, dass sich Tolea vorher besinnt.“, sagte der Demetaner.

Sensora und Shorna warfen ihrem Vorgesetzten einen unsicheren Blick mit einem auf großes Missfallen hindeutenden Ausdruck im Gesicht zu. „Mir gefällt das auch nicht, Ladies.“, versuchte der Erste Offizier sie zu beruhigen. „Aber offensichtlich ist Tolea in ihrer Verzweiflung zu allem entschlossen. Wenn wir ihr etwas entgegensetzen wollen, müssen wir wohl oder übel die gleiche Entschlossenheit an den Tag legen. Ich setze ja immer noch auf den letzten Rest Vernunft, der hoffentlich noch in ihr ist und auf ihre fast liebesähnliche Beziehung zu uns Sterblichen, die sie ja eigentlich niemals bedrohen, geschweige denn verletzen wollte, wenn sie bei Verstand wäre. Wir werden ja nur etwas deutlicher. Sie, Shorna, müssen vielleicht gar nicht feuern.“ „Das hoffe ich inständig, Mr. Yetron.“, sagte die Genesianerin nervös.

Kairon war bei Shimar in IDUSAs Cockpit angekommen. Aus dem Augenwinkel heraus hatte der Mächtige gesehen, dass auch er etwas gegessen haben musste. „Hat IDUSA dir auch …?“, fragte er. „Das hat sie.“, sagte der Tindaraner. „Sie meinte, es sei wohl besser so, wenn sie uns ein bisschen dopen würde. Man wüsste ja nie. Aber mich irritiert, dass du, als Mächtiger, ihre Hilfe überhaupt angenommen hast.“ „Sie hat mir den Kopf gewaschen.“, sagte Kairon.

„Gentlemen!“ IDUSAs plötzlicher Ausruf über den Bordlautsprecher hatte beide sofort wieder die Neurokoppler einstecken lassen, was sie veranlasst hatte, ihre Reaktionstabellen zu laden. Dann zeigte sie ihnen wortlos die Bilder von außerhalb ihrer Kanzel. Jetzt sahen auch Kairon und Shimar genau, was Tolea tat und vor allem, wie die Electronica darauf reagierte. „Oh nein!“, rief Shimar aus. „Sie blufft.“, beruhigte ihn Kairon. „Sie will nur erreichen, dass man endlich auf sie schießt. Sie wird niemals Sterblichen etwas antun wollen.“ „Time und seine Leute sind da wohl anderer Meinung.“, stellte Shimar fest. „Kairon, ich könnte Sie direkt mit …“, setzte IDUSA zu einem Vorschlag an, aber im gleichen Moment legte sich eine Art Energieschleier über die Kommunikationseinrichtungen der Electronica. Er trug Toleas Signatur, wie das tindaranische Schiff feststellte und ihrem Piloten und dessen Freund meldete. Gleichzeitig tauchten auch die Siedler wieder auf, die sich die Bedrohung offenbar nicht mehr gefallen lassen wollten.

„Tolea scheint zu allem entschlossen!“, resignierte Kairon. „Das mag ja sein!“, sagte Shimar. „Aber das sind wir auch. Die mögen zwar auf den Kometen schießen wollen, aber ich glaube kaum, dass sie es riskieren werden, das Leben eines Alliierten Soldaten und eines diplomatisch hoch angesehenen Zivilisten in dessen Begleitung und deren Schiff zu gefährden. Komm, IDUSA!“

Er gab ihr einige Gedankenbefehle, auf welche hin sie die Schilde hob und sich dann von ihm in Richtung der Oberfläche des Kometen steuern ließ. „Du willst landen?“, fragte Kairon verwirrt. „Was denn wohl sonst!“, sagte Shimar mürrisch und sehr auf sein Vorhaben konzentriert. „Irgendwie müssen wir denen ja zeigen, dass wir alle nicht bei Toleas Plan mitmachen werden und dass ihr Blut nicht an unseren Händen kleben wird! Zumindest dann nicht, wenn ich es verhindern kann!“ „Na gut.“, sagte Kairon mutig. Er vertraute Shimar und da er selbst keine Idee hatte, erschien ihm diese auf jeden Fall besser, als nur dazusitzen und gar nichts zu tun.

Cenda, die celsianische Chefingenieurin der Electronica, hatte tatsächlich ein etwa 20 mal 20 cm großes Stück des Kometen, das abgebrochen war, mit dem Transporter aufgenommen, an Bord des Schiffes gebeamt und es dann von ihrem Assistenten Switcher auf die Krankenstation bringen lassen, wo es sofort in einen Probenbehälter verpackt wurde, um so in ein Gerät im Labor zu gelangen, das in der Fachsprache die Künstliche Umwelt genannt wurde. Es handelte sich dabei um einen runden silbernen Metallbehälter, der hermetisch abgeriegelt werden konnte und der direkt an die Umweltkontrollen des Schiffes angeschlossen war. So war es möglich, dort drin jede Art von Atmosphäre zu generieren.

Ketna, die zeonide Ärztin, sah dem Androiden Switcher noch nach, als er die Krankenstation wieder verließ. Dann wandte sie sich Solthea, ihrer orkanischen Assistentin, zu: „Sagen Sie dem Computer, er soll die Probe in der Künstlichen Umwelt mit einem Milligramm Rosannium pro Sekunde bestrahlen, Assistant! Aktivieren Sie das Mikroskop und stellen Sie mir die Werte auf meine Arbeitskonsole!“ „Aye, Madam!“, nickte Solthea schmissig und tat, was ihre Vorgesetzte ihr gerade aufgetragen hatte.

Beide beobachteten die Vorgänge in der Künstlichen Umwelt am Bildschirm. „Was glauben Sie, können wir damit beweisen?“, fragte Solthea. „Ich meine, die Brückenoffiziere haben uns nicht alles gesagt. Die Mail von Agent Yetron enthielt nur einen Hinweis, dass es sich um eine Beweisführung für die Tatsache handeln soll, dass es sich bei dem Kometen da draußen angeblich um Tolea handeln soll.“ Sie sah Ketna verwundert an. „Ich weiß auch nicht mehr, Assistant.“, sagte die Ärztin. „Aber ich bin sicher, dass Mr. Yetron allen Grund hat, mit den Informationen sehr vorsichtig umzugehen. Er will sicher nur vermeiden, dass die falschen Leute das Falsche erfahren. Zumindest schätze ich ihn so ein. Der Agent ist immer sehr vorsichtig und überlegt genau was er tut.“ „Ich weiß.“, sagte die immer etwas ängstlich wirkende Orkanierin. „Auf diese Weise hat er uns ja auch schon durch viele unbequeme Situationen geführt. Denken Sie, er hat Time informiert?“ „Das wird er wohl pflichtgemäß getan haben, Solthea.“, beruhigte Ketna sie. „Aber wir haben gar keine Zeit, uns über so etwas Gedanken zu machen. Wir sollten lieber unser kleines Experiment hier genau protokollieren.“

Wie auf Stichwort hatte sich am Bildschirm plötzlich etwas verändert. Die Struktur der Probe hatte begonnen sich aufzulösen und es schien, als würde sie sich neu gruppieren. Solthea, die dies zuerst gesehen hatte, zeigte aufgeregt auf den Monitor. „Also gut.“, sagte Ketna. „Beschleunigen wir den Prozess ein wenig! Computer, den Beschuss mit Rosannium auf zwei Milligramm pro Sekunde erhöhen!“

Ein Signal kündete vom Ausführen der Befehle. Dann sahen Ketna und Solthea, wie sich langsam eine ihnen sehr wohl bekannte Struktur zu bilden begann. „Das wird tatsächlich zu Haut, Assistant.“, staunte Ketna. „Da hatte Mr. Yetron wohl tatsächlich mal wieder den richtigen Riecher. Jetzt können wir allen beweisen, dass das da draußen tatsächlich Tolea ist!“ „Sie kennen aber doch die Regierung, Madam.“, sagte Solthea vorsichtig. „Denen gegenüber müssen wir schon Beweise erbringen, die hieb- und stichfest sind. Computer, sobald es möglich ist, die Hautprobe identifizieren!“ „Sehr gut.“, sagte Ketna und warf ihrer Assistentin einen anerkennenden Blick zu. „Genau das Gleiche wollte ich ihm auch gerade befehlen.“

Der Rechner gab ein weiteres Signal von sich. Dann hörten beide die elektronische Stimme sagen: „Die DNS in der Probe konnte eindeutig Tolea aus dem Raum-Zeit-Kontinuum zugeordnet werden.“ „Da haben wir es!“, skandierte Ketna. „OK, Solthea. Ich werde zur Brücke gehen und Mr. Yetron persönlich informieren! Sagen Sie dem Computer, er soll die Künstliche Umwelt abschalten. Ich werde die Probe in einen durchsichtigen Zylinder umpacken!“

Damit zog sie sich medizinische Handschuhe an und wartete, bis ihre Assistentin ihren Befehl ausgeführt hatte. Dann schüttete sie die Probe einfach von dem einen undurchsichtigen Zylinder in ein Exemplar, in das man von allen Seiten hineinsehen konnte. Danach sagte sie nur noch: „Übernehmen Sie hier, Assistant!“, und war aus der Tür.

Yetron schien sehr dankbar, als Ketna mit dem Zylinder in der Hand die Brücke betrat. Langsam waren dem Ersten Offizier die Argumente gegenüber Caroline ausgegangen, mit denen er sie beruhigen konnte und mit denen er verhindern wollte, dass sie und ihre Leute auf eigene Faust versuchen würden, den Kometen zu zerstören. Das Gesicht der Ärztin im Türrahmen war daher für ihn wie eine Erlösung. „Sagen Sie mir bitte etwas Positives, Scientist!“, flehte er sie an. Sie aber lächelte nur stumm, trat zu ihm an seine Arbeitskonsole heran und stellte den Zylinder dort ab.

Der Demetaner nahm ihn auf und betrachtete ihn genau. Dann fragte er: „Was genau haben wir hier, Ketna?“ „Eine Hautprobe von Tolea höchst persönlich, Sir!“, sagte die Ärztin mit einem stolzen Blick in seine Richtung. „Wir haben die Probe aus dem Kometen, die uns Cenda gegeben hat, mit Rosannium beschossen und das ist daraus geworden!“ „Sehr schön, Scientist.“, sagte der Agent. „Ich werde auch diese Daten Hansson zukommen lassen. Sensora, kümmern Sie sich darum!“ „Ich werde meiner Assistentin sagen, sie soll die Protokolle des Experiments direkt an Sensoras Arbeitsplatz schicken.“, sagte Ketna. „Darf ich Ihre Sprechanlage benutzen, Agent?“ Yetron nickte wortlos und stand auf. Dann sagte er: „Bedienen Sie sich!“

Kapitel 33: Ein tindaranischer Paukenschlag!

von Visitor

 

Zur gleichen Zeit war IDUSA sanft auf dem Kometen herniedergeschwebt. Ihre Schilde waren aber trotzdem noch erhoben. Das hatte Shimar ihr ausdrücklich befohlen.

„Ich beobachte eine verstärkte elektrische Aktivität in den Waffensystemen der Electronica.“, meldete das Schiff. „Es sieht aus, als wollten sie mit dem Phaser versuchen, den Kometen anzubohren. Die Art, wie die Zielerfassung vorgenommen wurde, lässt auf jeden Fall darauf schließen.“ „Warum tun sie das, um Himmels Willen?“, fragte Kairon alarmiert. „Wollen sie etwa, dass meine Schwester unnötig leidet?“ „Das glaube ich nicht.“, sagte Shimar. „Ich bin überzeugt, die wissen noch gar nichts von Toleas Selbstmordabsicht. Ich denke, dass die noch viel mehr rätseln als wir. Wenn wir doch nur mit ihnen reden könnten! IDUSA, kannst du den Schleier über den Kommunikationseinrichtungen der Electronica mit deinem Sprechgerät durchdringen?“ „Negativ, Shimar.“, sagte das Schiff. „Tolea scheint jeden Schritt vorauszuahnen, den ich diesbezüglich unternehme. Sie passt den Schleier jedes Mal an.“

Shimar und Kairon begannen angestrengt nachzudenken. Dann fragte der Mächtige plötzlich: „Wie schnell kannst du die Frequenzen deines Senders rotieren lassen, IDUSA?“ „Oh ich denke durchaus schnell genug für das, was Sie vorhaben, Kairon.“, antwortete das Schiff. „Nanu.“, wunderte sich Shimar. „Du, als Mächtiger, lässt dir von ihr, einem Stück primitiver Technologie, zumindest in deinen Augen, helfen? Sie muss dir ja gewaltig den Kopf zurechtgerückt haben!“ „Das hat sie.“, gab der Mächtige zu. „Außerdem kann ein bisschen Hilfe, mit der Tolea nicht rechnet, sehr überraschend wirken. Sie wird mit der Anpassung nicht hinterherkommen. Irgendwann wird sie aufgeben müssen. Dann haben wir vielleicht eine Chance. Während sich IDUSA um den Schleier kümmert, sollten wir beide versuchen, telepathisch zu Tolea durchzudringen und sie von ihrem Selbstmord abhalten. Wir sollten ihr vor Augen führen, dass es nicht gut ist, was sie da tut und dass sie ja auf keinen Fall Unschuldige gefährden will. Dazu mag sie euch Sterbliche doch eigentlich viel zu sehr. Das müssen wir ihr klarmachen.“ „In Ordnung.“, sagte Shimar. „Dann los!“ Beide begannen damit, sich auf ihr Vorhaben, mit Tolea Kontakt aufzunehmen, zu konzentrieren.

Tolea war dies nicht entgangen. Ihr wollt mit mir reden? Also gut., dachte sie. Aber da müsst ihr erst mal hier dran vorbei!

Vor den Beiden baute sich eine starke mentale Mauer auf. „Shimar, sie kann sich unmöglich vor uns beiden abschirmen und gleichzeitig den Schleier über den Kommunikationsgeräten der Electronica aufrechterhalten.“, flüsterte Kairon seinem Freund zu. „Wenn es deinem Schiff gelingt, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu bündeln, dann könnten wir vielleicht von hinten durch die kalte Küche in ihren Geist schlüpfen. Am besten ich rede mit ihr und du machst meinen Verstärker. Ich bin ihr Bruder. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich eher etwas erreiche, halte ich für recht hoch.“ „Geht klar.“, gab Shimar schon recht abgekämpft zurück, denn er hatte sich jetzt schon geraume Zeit zusammen mit dem Mächtigen gegen Toleas geistige Mauer gestemmt.

Die Electronica war bis auf Bohrreichweite an Tolea herangeflogen. Jetzt senkte Sensora das Schiff langsam ab, da Shorna ihr bedeutet hatte, dass die Stelle, über der sie sich jetzt befanden, optimal war.

„20 Parsec bis Bohrhöhe.“, meldete die Pilotin an die Waffenoffizierin weiter. „In Ordnung, Allrounder.“, sagte Shorna. Dann wendete sie sich an den Rechner: „Computer, verbleibende Zeit bis Beginn der Bohrung!“ „30 Sekunden bis Bohrung.“, sagte der Rechner. „20 Sekunden bis zum automatischen Countdown.“ „OK, Sensora.“, sagte Shorna. „Höhe halten! Hoffen wir mal, dass uns der Komet den Gefallen tut und seine Hülle zusammenschnurrt, wie ich es mir … Bei allen Göttern!“

Sie hatte etwas auf dem Schirm des Waffenpultes gesehen, das sie nur als seltsamen Schatten wahrnehmen konnte, aber irgendetwas machte sie verdammt sicher, dass da unten etwas war. Etwas, das sie als ein Raumschiff identifiziert hatte, das genau auf ihrer Bohrstelle gelandet war. „Sensora, ist da unten etwa tatsächlich ein Schiff?!“, fragte sie hoch erregten Zustands. Ihre Wahrnehmung hatte ihr wohl einen gehörigen Schrecken eingejagt.

Rasch hatte die Androidin die Werte überprüft. „Positiv, Warrior.“, sagte sie ruhig und nüchtern, wie es immer ihre Art war. „Es handelt sich um einen tindaranischen Aufklärer. Zwei Biozeichen sind an Bord.“ „Verdammt!“, rief die Genesianerin aus. „Computer, Abbrechen! Den Countdown abbrechen!“

Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass das nicht mehr ging, denn der Rechner hatte bereits zu zählen begonnen. „Verflucht!“, sagte Shorna. „Wir dürfen die Beiden nicht töten! Selbst wenn ihr Schiff aktive Schilde hat, werden die es nicht ewig schützen können! Aber ich kann den Countdown jetzt nicht mehr abbrechen!“ „Aber vielleicht kann ich es!“, sagte Sensora entschlossen, griff genauso entschlossen nach dem Joystick für die Regelung der Höhe und zog ihn mit einem Ruck zu sich. Das Schiff schnellte ruckartig nach oben. Das führte dazu, dass die Zielerfassung für den Phaser ihr Ziel verlor und das Waffenpult angesichts der systemischen Überforderung einen Absturz wie aus dem Bilderbuch hinlegte, eine Tatsache, die Shorna jedoch mit Erleichterung aufnahm. Noch nie hatte sie der Anblick eines schwarzen Bildschirms derart erfreut. „Sensorissima!“, rief Shorna begeistert aus. „Sie wissen gar nicht, was Sie mir da gerade für einen riesigen Felsblock vom Herzen geholt haben. Wenn wir einen Alliierten getötet hätten, dann hätte es eine Untersuchung mit sehr vielen peinlichen Fragen gegeben und ich hasse sehr viele peinliche Fragen!“ „Das kann ich mir denken, Warrior.“, sagte Sensora und lächelte Shorna sogar zu. „Wir alle würden diese Art von Fragen sicher nicht sehr angenehm finden.“, sagte Yetron. „Deshalb kann ich mich der Meinung des Warriors nur anschließen, Allrounder. Ein Kompliment an Ihre Flugkunst. Shorna, bitten Sie Cenda, Ihnen beim Neustart Ihres Arbeitsplatzes behilflich zu sein, falls es nötig sein sollte! Sensora, halten Sie uns in diesem hohen Orbit. Können wir inzwischen eigentlich den Schleier durchdringen? Ich würde den Tindaraner gern fragen, was seine Aktion zu bedeuten hatte.“

Sensora warf einen kurzen Blick auf die Anzeigen des Sprechgerätes. Dann sagte sie: „Bedaure, Agent. Den scheinen wir mitgenommen zu haben. Aber ich kann dem Sprechgerät befehlen, die Sendefrequenzen rotieren zu lassen und wir können so versuchen, einen Ruf an das tindaranische Rufzeichen zu schicken.“ „Machen Sie es so!“, befahl der Demetaner. Sensora nickte und programmierte das Gerät.

Jemand anderes hatte Sensoras Manöver leider nicht so unbeschadet überstanden. Es handelte sich um Commander Time, der gerade in seinem Quartier mit dem Frühstück beschäftigt war. Nach der Nachtschicht hatte er Yetron das Kommando übergeben und war schlafengegangen. Jetzt saß er also beim Frühstück, das er sich gerade frisch repliziert hatte. Es bestand aus einer Tasse Kaffee, einem Brötchen mit Schinken und einem Frühstücksei, das hartgekocht war. Durch Sensoras Manöver allerdings waren auch die Stabilisatoren des Schiffes leicht überfordert gewesen. Das hatte zur Folge, dass alles, was sich auf Times Tisch befand, im hohen Bogen in die Luft geschleudert wurde. Das Brötchen segelte also Richtung Decke und landete wieder auf dem Tisch, allerdings mit der bestrichenen Seite nach unten. Anders aber erging es dem Kaffee in der Tasse. Er ergoss sich springflutartig über Times gerade frisch rasierten Bart. Da er sehr heiß war, entfuhr Time ein lautes: „Au, Verdammt!“ Die heftigste Reise von allen brachte aber das Ei hinter sich. Es hüpfte aus dem Becher, flog quer durch den Raum, um dann mit einem lauten Krach derart heftig gegen die nächste Wand zu prallen, dass die Schale in alle Richtungen absplitterte. Dann prallte es zurück, wurde von der Deckenlampe abgefälscht und landete wieder splitternackt im Becher.

Ziemlich bedient stand der Commander auf und sah sich das ganze Schlachtfeld an. Dann sagte er: „Na ja. Mal ’ne andere Art, sein Frühstücksei zu pellen. Wenn nur die ganzen Nebenwirkungen nicht wären.“

Wie er war machte er sich auf den Weg zur Brücke. Die Schuldige für das Ganze hatte er nämlich bereits ausgemacht, aber als Kommandant war er es auch gewohnt, gegenüber seinen Leuten immer das Positive aus jeder Situation zu holen. Er lebte eben nach dem Motto: „Ein guter Commander muss wissen, wie und wann er seine Truppe glücklich zu machen hat.“ Dies hatte er wohl ziemlich stark in seinen Alltag integriert.

Der Turbolift hatte ihn wenig später auf der Brücke abgesetzt, wo er von seinem Ersten Offizier sofort forderte: „Bericht, Mr. Yetron!“ „Wir mussten die Bohrung in den Kometen, über die ich Sie informiert hatte, leider abbrechen, Sir.“, begann der Demetaner. „Darauf befindet sich offensichtlich ein Schiff unserer Alliierten, der Tindaraner. Den Flugkünsten unseres auf ihrem Fachgebiet glücklicherweise extrem sattelfesten Allrounders allein haben wir es zu verdanken, dass wir nicht Grillfleisch in der Konserve aus dem Tindaraner und seinem Passagier auf ihrem Schiff gemacht haben. Sensora konnte dafür sorgen, dass das Waffenpult abgestürzt ist. Also konnte der Phaser nicht …“ „Ich habe schon verstanden, Agent.“, sagte Time und setzte sich bedient auf seinen Platz. „Den Manövern eines menschlichen Piloten.“, fuhr Yetron unbeeindruckt fort. „Hätten die Systeme sicher standgehalten. Aber unsere Androidin ist …“ „Schon gut, Agent.“, sagte Time. „Das ganze Fachchinesisch lasse ich mir von Cenda bei Gelegenheit erklären.“

Er wandte sich Sensora zu: „Allrounder, sobald es möglich ist, verbinden Sie mich mit dem Tindaraner. Ich würde ihn gern fragen, was sein halsbrecherisches Manöver zu bedeuten hat.“ „Ja, Commander.“, sagte Sensora. „Es gibt nur im Moment Komplikationen. Über unserem Sprechgerät liegt ein Schleier aus Energie, der noch nicht durchdrungen werden kann. Ich habe aber das Gerät auf rotierende Frequenzen programmiert. Ich denke, der Schleier wird sich nicht ewig anpassen können.“ „Na gut.“, sagte Time. „Dann verbinden Sie mich, sobald es geht.“

Sensora sah ihren Vorgesetzten von oben bis unten an. Dann fragte sie: „Mit Verlaub, Commander, wollen Sie wirklich so …?“ „Natürlich.“, sagte Time. „Dieser Teufelsflieger soll ruhig wissen, was er angerichtet hat.“ „Also gut.“, sagte die Androidin. Dann lehnten sich alle wartend zurück.

Tolea hatte durchaus gemerkt, dass sie in keiner guten Lage war. Ihr Schleier wurde jetzt von zwei Seiten attackiert. Sie musste befürchten, dass er zwischen IDUSA und der Electronica aufgerieben werden könnte. Außerdem waren da noch Shimar und Kairon, die sie ebenfalls nervten und denen sie auch nicht mehr lange standhalten konnte, wie sie befürchtete. Schließlich war sie im Augenblick auch nicht die Stabilste, was ihre mentale Verfassung anging. Aber Moment! Warum sollte sie der Electronica nicht erlauben, mit Shimar zu reden? Wenn sie damit erreichen würde, dass er wegflog, dann konnte sie ihren Plan vielleicht doch noch verwirklichen! Sie ließ also unvermittelt den Schleier wieder verschwinden.

Kairon und Shimar waren immer noch damit beschäftigt, Tolea ins Gewissen zu reden. Das gestaltete sich derart, dass Kairon quasi ununterbrochen dachte: Schwesterchen, hier ist dein Bruder. Ich weiß, dass du niemals Unschuldige gefährden willst. Ich weiß, dass du nur bluffst. Wir nehmen dir das nicht ab. Wir nehmen dir nicht ab, dass du diese Siedler wirklich gefährden würdest, nur um dein eigenes Leben beenden zu können. Früher oder später wirst du aufgeben, denn das bist du nicht! Du bist niemand, der so skrupellos ist. Ich kenne eine andere Tolea! Eine vernünftige Tolea! Die Tolea, die ich kenne, würde so etwas niemals zulassen! Ich bin sicher, sie versteckt sich hinter dieser Mauer, die früher oder später bröckeln wird. Diese Worte schickte er mit viel Energie an Shimar, der sie wiederum telepathisch aufnahm, um sie mit seiner eigenen Energie zu vereinen und das Ganze dann gegen Toleas mentale Mauer zu schleudern, die er visualisiert hatte. Leider war der Erfolg nur mäßig. „Ich glaube, das wird so nichts.“, resignierte Kairon. „Wir sind zwar zu zweit, aber Tolea scheint auch einen unbändigen Willen zu haben.“ „Das ist der Mut der Verzweiflung.“, antwortete der junge Tindaraner mit schweißnassem Gesicht und vor Anstrengung bereits hoch rotem Kopf. „Aber denk bitte daran, dass sie an zwei Fronten kämpfen muss. Sie muss die Mauer gegen uns und den Schleier gegen die Electronica aufrechterhalten.“ „Das dürfte nicht so schwierig für sie sein, wie wir am Anfang gedacht haben.“, erwiderte Kairon. „Schließlich ist sie eine Frau. Die sind eher in der Lage zum Multitasking als wir Männer, habe ich mal gehört.“

Bevor Shimar noch etwas erwidern konnte, hatte IDUSA plötzlich einen sanften Stimulatorstoß über beide Neurokoppler geschickt. Shimar, der dieses Verhalten von ihr kannte, wandte sich sofort seinem Schiff zu: „Was ist los, IDUSA?!“ „Gentlemen, der Schleier ist verschwunden.“, meldete das Schiff. „Außerdem ruft uns die Electronica.“ „Verbinde!“, befahl Shimar.

IDUSAs Avatar nickte und führte den Befehl aus. Dann sah Shimar in das Gesicht Times, das ihm jetzt vor seinem geistigen Auge über den Neurokoppler von IDUSA gezeigt wurde. Auch Kairon wurde dem ansichtig. Allerdings schien Time weder Kairon, noch Shimar sofort zu erkennen. Darauf ließ auf jeden Fall seine Formulierung schließen: „Tindaranischer Aufklärer, Sie behindern massiv eine humanitäre Aktion der Sternenf…. Ach du Schande!“

Jetzt war es dem Kommandanten des Flaggschiffes der Sternenflotte bewusst geworden. Es war ihm bewusst geworden, dass er diesen jungen Soldaten sehr gut kannte. Sie hatten sich ja damals auf Zirells Basis kennen gelernt. Damals hatte Time Shimar aber als sehr vernünftig eingeschätzt und ihm eine solche Aktion niemals zugetraut! Umso stärker war er jetzt durch diese Umstände irritiert. Aber auch der Umstand, dass Kairon, ein diplomatisch sehr hoch angesehener Mann, neben ihm saß und diese Aktion offensichtlich billigte, sorgte bei Time für mäßige Verwirrung, wie sich Agent Yetron ausdrückte. Time fand, dass die momentane Ausdrucksweise seines Ersten Offiziers ihn sehr stark an die von Mr. Spock erinnerte. Tatsächlich konnten die Demetaner fast vulkanisch gelassen, aber auch sehr gefühlvoll sein, was aber nichts mit Aggressivität zu tun hatte. Sie wählten im Allgemeinen immer den eleganten intelligenten Weg in einem Konflikt, auch wenn das manchmal eine hinterlistige Strategie bedeutete. Yetrons momentane Art zu reden unterstrich dies noch umso mehr. Jene mäßige Verwirrung war aber so groß, dass Time die Stimme nicht mehr gehorchte und er Yetron nur noch ein Handzeichen gab, worauf dieser Sensora befahl: „Stummschaltung, Allrounder!“ Die Androidin nickte und führte seinen Befehl aus.

Time wandte sich Yetron zu, nachdem er sich einige Male geräuspert und Yetron ihm ein frisch repliziertes Glas Wasser gereicht hatte. „Agent, Sie haben nicht zufällig eine Theorie, was das hier zu bedeuten hat?“ „Tut mir leid, Commander.“, sagte Yetron. „Aber wir können das mit Sicherheit herausbekommen, wenn wir mit Shimar reden. Mir ist er als sehr zugänglich in Erinnerung. Was Kairon in seinem Beisein tut, erschließt sich mir auch noch nicht, aber das wird sich schon noch ändern. Dessen bin ich sicher.“

Time rückte sich in seinem Sitz zurecht. Dann sagte er: „Also gut, Sensora. Geben Sie Shimar her!“ „Sie können sprechen, Sir!“, sagte die Androidin schmissig, aber dennoch mit einem freundlichen Lächeln. Dann schaltete sie ihrem Vorgesetzten die von ihm gewünschte Verbindung.

Time setzte ein ernstes Gesicht auf. Dann sagte er: „Hallo, Shimar. Ich glaube, wir beide müssen mal ein ernstes Wort miteinander reden. Ist dir eigentlich bewusst, dass wir Kairon und dich hätten umbringen können! Du verdankst nur Sensoras Geistesgegenwart und ihren schnellen Reflexen, dass du und Kairon noch am Leben seid! Du stehst in ihrer Schuld, mein Junge! Ich hoffe, das ist dir bewusst! Ich würde dir am liebsten den Hosenboden strammziehen“ Er ließ den Sendeknopf los, um Shimar eine Gelegenheit zum Antworten zu geben. Dass er ihn geduzt hatte, war nicht ungewöhnlich. Es war sogar diplomatisch korrekt, da die Du-Form auf Tindara die übliche Form der Anrede war. In seiner Antwort würde Shimar ihn aber Siezen müssen, da die Sie-Form in der Sternenflotte und bei der Föderation die diplomatisch korrekte Form der Anrede war.

Die ruhige Antwort des Tindaraners erfolgte auch sogleich. „Es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt haben sollte, Commander Time. Aber, wenn ich es mal so sagen dürfte, das lag auch genau in meiner Absicht. Ich musste Sie wachrütteln. Das hier ist kein normaler Komet. Es handelt sich um Kairons Schwester Tolea, die sich in einen Kometen verwandelt hat. Sie bedroht uns und die Siedler nur, weil sie will, dass wir sie umbringen. Hätten Sie auf sie geschossen, dann hätten Sie ihr genau in die Karten gespielt. Wir haben Daten gesammelt, die das bestätigen werden.“

Er befahl IDUSA, alle gesammelten Daten bezüglich der Sache an die Electronica zu senden. „Meinen Sie wirklich alle Daten, Shimar?“, fragte das Schiff. „Auch die, bei denen es um Diran geht?“ „Auch die, IDUSA.“, sagte der Tindaraner. „Schließlich gehört das ja alles zusammen.“ „Also gut.“, sagte das Schiff und tat, was ihr Pilot ihr gesagt hatte.

Die Electronica hatte das Datenpaket empfangen. „Stellen Sie es gleich auf meinen Platz, Sensora.“, sagte Yetron. Dann wendete er sich an Time: „Commander, ich werde die Daten analysieren und sie mit den unsrigen abgleichen. Vielleicht lösen sich ja so einige Rätsel.“ „Tun Sie das, Agent.“, sagte Time. „Als einem ausgebildeten Kriminalisten dürfte Ihnen das ja nicht allzu schwer fallen, hoffe ich. Benutzen Sie meinen Raum!“ „Sehr großzügig, Sir.“, sagte Yetron und ging. Im Verlassen der Brücke warf er Sensora noch zu: „Stellen Sie mir die Daten in Times Raum, Allrounder!“, was die Androidin mit einem fleißigen Nicken quittierte und auch gleich ausführte.

Time, Sensora und Shorna waren jetzt wieder allein mit der Situation. Der amerikanische Commander nahm das Gespräch mit Shimar wieder auf. „OK, mein Freund.“, sagte er. „Mein Erster Offizier kümmert sich jetzt um deine Daten. Ich gehe erst mal davon aus, dass es stimmt, was du uns gesagt hast. Du kannst heilfroh sein, dass du mir und meinen Leuten begegnet bist und nicht irgendeinem betriebsblinden Befehlsempfänger! Ich sehe mir die Situation nämlich vorher ganz gern ganz genau an, bevor ich über sie urteile. Das ist etwas, das der gute alte Captain Kirk und ich gemeinsam haben. Auch dann, wenn wir der Regierung gegenüber deshalb manchmal unbequem erscheinen. Aber es gibt Situationen, die man oft auf den ersten Blick falsch beurteilt und das später dann bereut. Das möchte ich auf keinen Fall! Deshalb finde ich es besser, man schaut vorher genau hin. Meine Leute habe ich dahingehend auch erzogen, obwohl das gar nicht nötig war.“ „Das lässt sich denken, Commander.“, sagte Shimar. „Aber wenn Agent Yetron die Daten analysiert hat, wird sich herausstellen, dass ich so handeln musste, wie ich gehandelt habe. Die Geschichte ist zu lang, um sie Ihnen jetzt am Sprechgerät zu erzählen. Aber ich hoffe, Sie vertrauen mir auch so.“ „Das tue ich, mein Junge.“, sagte Time, der ja schon beträchtlich älter als sein Gegenüber war. „Das tue ich. Und ich denke sogar, dass wir gut zusammenarbeiten könnten. Wie du sehen müsstest, hat Tolea ja leider immer noch nicht aufgehört, die Siedler zu bedrohen. Sie hofft wohl immer noch, dass wir sie töten werden, wenn sie ihre Bedrohung nur lange genug aufrechterhält. Hinter uns auf der Lauer liegt auch die Anführerin einer Bürgerwehr mit einem sehr nervösen Finger am Abzug ihres Phasers, du verstehst? Die wartet nur darauf, dass wir aufgeben müssen. Ich habe keine Idee, was wir machen sollen. Aber vielleicht kannst ja du etwas beisteuern oder Kairon.“ „Oh ich denke auch, dass wir zusammenarbeiten sollten, Commander.“, sagte Shimar. Aber, wenn ich fragen darf, wie kommt es zu diesem Meinungsumschwung Ihrerseits. Vorhin wollten Sie mir noch den Hosenboden strammziehen.“ Er grinste breit in die Kamera seines Sprechgerätes. „Manchmal sagt man im Schock Sachen, die man am Ende doch nicht so meint, Shimar.“, sagte Time ruhig. „Ah.“, machte Shimar. „Ich habe Sie also geschockt! Dann habe ich ja genau das erreicht, was ich erreichen wollte.“ „Das hast du für wahr.“, erwiderte Time. „Aber jetzt lasst uns mal zusammen nachdenken.“

Kapitel 34: Gemeinsame Rettungspläne

von Visitor

 

Kairon waren Times Sätze ziemlich nah gegangen. „Es stimmt, was er gesagt hat.“, sagte er. „Wenn wir nicht ihm, sondern jemandem anders begegnet wären, dann hätte die Situation auch verdammt mies für uns ausgehen können. Mit Hilfe meiner Fähigkeiten hätte ich unser Ende vielleicht herauszögern können, aber sicher wäre es nicht zu verhindern gewesen.“ „Ich weiß.“, sagte Shimar. „Aber IDUSA hatte uns ja schon gesagt, dass es Time war, der hier patrouilliert hat. Darauf hat mein ganzer Plan sich ja aufgebaut.“ „Das stimmt.“, sagte Kairon. „Aber jetzt müssen wir überlegen, wie wir meine Schwester von ihrem Plan abbringen können. Was Time über die Frau von der Bürgerwehr sehr flapsig formuliert hat, stimmt mit Sicherheit.“

IDUSA, die alles natürlich mitbekommen hatte, mischte sich plötzlich ins Gespräch: „Gentlemen, ich hätte eine Idee. Wenn Tolea Sorge haben müsste, wir würden sie von ihrer jetzigen Position entfernen wollen, wird sie versuchen wollen, uns auf jeden Fall zu entkommen. Wenn ich sie mit meinem Transporter erfassen und sie in meinen Frachtraum beamen wollen würde, dann würde sie den Bluff sicher durchschauen, weil mein Frachtraum viel zu klein für den Kometen ist, in den sie sich jetzt verwandelt hat. Aber bei der Electronica sehe das schon anders aus.“

Shimar ließ die Worte seines Schiffes eine Weile lang auf sich wirken. Dann sagte er: „Das ist ein verdammt guter Plan, IDUSA! Stell mich noch mal an Time durch! Ich möchte gern wissen, was er davon hält.“ „In Ordnung, Shimar.“, sagte das Schiff.

Der Avatar wich vor Shimars geistigem Auge einen Schritt zurück, um dem Bild des Terraners Raum zu geben. Dann hörten Shimar und Kairon seine Stimme: „Was gibt es, Shimar?“ „Mein Schiff hat einen Plan.“, antwortete Shimar. „Sie meint, wir könnten vielleicht etwas erreichen, wenn wir Tolea vormachten, dass Sie den Kometen, der sie jetzt ist, in Ihren Frachtraum beamen wollen. Das würde ihr sicher nicht gefallen und IDUSA denkt, sie würde dann versuchen wollen, uns zu entkommen. Das würde auch bedeuten, dass sie dieses Sonnensystem verlassen würde. Dann hätten die Siedler Ruhe und wir Zeit, sie vielleicht dazu zu bringen, sich wieder zurück zu verwandeln, damit wir ihr helfen können.“ „Das klingt sehr vielversprechend.“, sagte Time. „Genauso machen wir’s! Ich werde hier alle Vorbereitungen treffen. Aber du solltest auch schleunigst wieder starten! Es sei denn, du wolltest auch mit.“ „Oh nein.“, sagte Shimar. „Das Angebot klingt zwar recht vielversprechend, aber IDUSA fliegt glaube ich lieber mit dem eigenen Antrieb. Aber das muss ja nichts bedeuten.“ „Das muss es wirklich nicht.“, sagte Time. „Ich mag es auch nicht, wenn noch so viele Fragen offen bleiben. Wie wäre es, wenn wir uns, vorausgesetzt der Plan klappt, alle hier auf der Electronica in der Offiziersmesse treffen und die Daten zusammen durchgehen?“ „Das würde mir sehr gefallen.“, sagte Shimar und auch Kairon nickte zustimmend. Dann beendete Shimar die Verbindung.

Er gab seinem Schiff die zum Start notwendigen Gedankenbefehle, die von IDUSA auch gleich ausgeführt wurden. „Mich wundert, dass meine Schwester den Schleier fallen gelassen hat.“, sagte Kairon. „Ich meine, sie musste doch davon ausgehen, dass wir dann mit Time reden. Ich hoffe ja nicht, dass sie ihn so genau beobachtet hat, wie sie es bei uns getan hat. Wenn das nämlich der Fall sein sollte, dann können wir unseren Plan wahrscheinlich vergessen!“ „Na, na!“, sagte Shimar. „Warum gleich so negativ? Ich kann dir sagen, warum sie den Schleier fallengelassen hat. Sie hat wohl gehofft, dass Time mir eine solche Moralpredigt hält, dass ich nichts Besseres zu tun weiß, als so schnell wie möglich eine heiße Spule zu fliegen und mich vom Acker zu machen. Aber da hat sie sich geschnitten!“ „Die Situation kann sich aber immer noch zu unserem Nachteil entwickeln.“, sagte Kairon. „Meine Schwester ist auch nicht dumm. Was ist, wenn …“

Er konnte nicht weiterreden, denn im gleichen Moment sahen beide das alarmierte Gesicht des Schiffsavatars. „Gentlemen, es ist etwas passiert!“, wendete sich IDUSA an beide. Dann zeigte sie ihnen einige medizinische Werte und eine Grafik. „Was hat das zu bedeuten?“, fragte Shimar, der sich jetzt wohl wünschte, dass sie mit Ishan Kontakt aufnehmen könnten. Da IDUSAs interdimensionale Kommunikationseinrichtungen aber nach wie vor beschädigt waren, war dies nicht möglich. „Diese Werte...“, erklärte das Schiff. „...gehören Tolea. Ihre neuralen Werte haben sich rapide verschlechtert! Ich führe dies auf die massive mentale Anstrengung zurück, die sie vollbringen musste, um sich gegen uns zur Wehr zu setzen.“ Als Mächtige ist dies zwar sicher sehr selten, da deren Telepathiezentren eigentlich über eine schier endlose Kapazität zu verfügen scheinen, aber das scheint auch nur so. Es gibt sogar einen historischen Beweis in meiner Datenbank, den ich Ihnen gern vorlegen würde.“

Während Shimar IDUSA zugehört hatte, war Kairon damit beschäftigt gewesen, auf seine Art herauszufinden, wie es um Tolea stand und ob IDUSAs Analyse tatsächlich der Wahrheit entsprach. Dazu konzentrierte er sich auf den Geist seiner Schwester und visualisierte sich selbst, wie er neben ihr stand und sie beobachtete.

Plötzlich verzog er schmerzvoll das Gesicht und gab einen gequälten Laut von sich. Erst jetzt wurde Shimar auf ihn aufmerksam. „Was ist los?!“, fragte er alarmiert. „Sie hat Recht!“, stieß Kairon hervor. „Dein Schiff hat Recht. Tolea hat ihr Zentrum total überfordert! Es wird sich erholen, aber das wird dauern! Es ist sogar so schlimm, dass sie sich nicht allein zurückverwandeln kann, fürchte ich!“ „IDUSA, gib das an die Electronica weiter!“, befahl Shimar.

Auf Times Schiff hatte Cenda im Maschinenraum genaue Order bekommen, Tolea zwar mit dem Transporter zu erfassen, sie aber noch nicht in den extra dafür ausgeräumten Frachtraum zu beamen. Das erneute Piepen der Sprechanlage überraschte sie daher sehr. Am anderen Ende der Verbindung war Time. „Was gibt’s denn, Sir?“, fragte die Ingenieurin flapsig, wie es ihre Art als Celsianerin war. „Techniker, der Plan hat sich geändert. Sie müssen auf jeden Fall versuchen, den Kometen an Bord zu beamen! Haben Sie mich verstanden?!“ „Das habe ich, Sir.“, sagte Cenda. „Sie waren ja schließlich deutlich genug. Aber was is’ los? Ich dachte, wir wollten sie nur bluffen!“ „Nein, Cenda.“, sagte Time. „Sie ist mental zu erschöpft, um sich länger zu wehren oder gar sich zurück zu verwandeln, sagen Kairon und Shimar. Wir müssen ihr helfen!“ „Verstanden, Sir.“, sagte die Chefingenieurin. Dann wandte sie sich ihrem Assistenten zu, der bis jetzt seine Zeit damit verbracht hatte, Shorna beim Neustart ihres Arbeitsplatzes bei laufendem Netzwerk aus der Ferne über die Sprechanlage behilflich zu sein. Bei laufendem Betrieb der restlichen Schiffssysteme gab es da nämlich einiges, das berücksichtigt werden musste. „Switcher.“, sagte sie. „Wenn Sie mit Shorna fertig sind, dann übernehmen Sie die routinemäßige Überwachung der Schiffssysteme! Ich muss an den Transporter und ’ne verzauberte Q einfangen!“ Sie grinste bei ihrem letzten Satz. „Aye, Madam.“, nickte der Androide und tauschte den Arbeitsplatz mit ihr. Shornas Problem hatte er längst gemeinsam mit ihr lösen können.

Sensora war damit beschäftigt, dem Kometen auf seiner Bahn mit dem Schiff zu folgen. Tolea hatte durchaus bemerkt, dass Cenda sie mit dem Transporter zu erfassen versuchte und war nun dabei Haken zu schlagen und ihr dies durch Manöver in alle Richtungen sehr stark zu erschweren. Sie wollte auf keinen Fall eingefangen werden! Dann hätte sie ja mit Sicherheit ihren Plan, sich zu töten, nicht mehr ausführen können.

Time hatte von seiner Pilotin ihren Zwischenbericht angefordert: „Wie sieht es aus, Allrounder?“ „Tolea hat das Sonnensystem verlassen, Sir.“, sagte die Androidin. Sie schlägt Haken und verändert ihre Flughöhe. Deshalb müssen auch wir einen solchen Holperflug hinlegen. Bitte verzeihen Sie das, Sir.“ „Ist schon gut, Sensora.“, sagte Time. Ich bin sicher, Sie werden alles tun, das in ihrer Macht steht, um Cenda eine stabile Transportererfassung zu ermöglichen. Wenn dazugehört, dass wir etwas durchgeschüttelt werden, nehme ich das gern in Kauf.“ „In Ordnung, Commander.“, antwortete Sensora, die gerade sah, wie Tolea erst verlangsamte, um dann fast einen Warpsprung zu vollführen, um dann wieder hart auf Impuls abzubremsen. Sensora aber ließ die Electronica diesem Manöver mit Leichtigkeit folgen. Sie hatte das Schiff auf Handsteuerung geflogen, weil es ihr so leichter fiel, mit Tolea mitzuhalten. So konnte sie schneller und fließender reagieren, als wenn sie immer erst einen festen Kurs eingeben musste.

Durch das plötzliche Bremsmanöver des Schiffes, das Sensora nur mit Hilfe der Schubumkehr erreichen konnte, wurde Times Kopf leicht gegen die Konsole gestoßen, vor der er saß. „Es tut mir leid, Sir.“, sagte Sensora erneut, um sich zu entschuldigen. „Ach, das ist nicht schlimm, Sensora.“, sagte der Kommandant. „Sie können ja nichts dafür, wenn ich es nicht rechtzeitig schaffe, mein Sicherheitskraftfeld zu aktivieren.“ Lässig drückte er auf einen Knopf an der Lehne seines Sessels, woraufhin sich ein Kraftfeld vor ihm aufbaute, das ihn vor weiteren Stößen schützen sollte. So weit war ich schon vor Stunden, Sir, bei allem Respekt.“, grinste ihm Shorna von ihrem Arbeitsplatz aus zu. „Das dachte ich mir schon, Warrior.“, sagte Time. „So gewissenhaft wie Sie sind.“

Erneut versuchte Tolea, die Electronica durch ein schnelles Wendemanöver abzuschütteln, was ihr aber nicht gelang, da Sensora das Schiff an ihr kleben ließ wie eine Fliege an einem Honigbrot. „So ist es richtig, Sensora.“, sagte Time ruhig. „Immer schön mitgehen.“

Da Tolea sich jetzt wieder dem Sonnensystem näherte, war auch Caroline die Situation nicht entgangen. Aus einem Versteck heraus hatten sie und ihre Leute das ganze Geschehen beobachtet. Sie hatte die Gelegenheit erkannt, wieder etwas an ihrem Ruf zu arbeiten. Als hitzköpfige Revolverheldin, als die man sie jetzt offensichtlich sah, wollte sie auf keinen Fall in die Köpfe dieser Sternenflottenoffiziere und in die Geschichte eingehen. Sie erkannte aber eine Möglichkeit, dies auf eine Weise zu ändern, die man ihr wohl auch nicht zugetraut hätte.

Sie nahm einige Eingaben im System ihres Schiffes vor. Dann zeigte der Computer ihr genau die Position der Electronica in Relation zu der ihres eigenen Schiffes und zu der Toleas. Außerdem auch die Position von Shimar und die ihrer eigenen Schiffe. „Das könnte klappen.“, sagte sie zu sich und befahl dem Computer dann: „Computer, Eine Sammelverbindung mit der Electronica, dem tindaranischen Rufzeichen in Reichweite und unseren Schiffen aufbauen!“

Ein Signal kündete von der Ausführung des Befehls. Dann sah Caroline in eine Menge Gesichter auf dem Bildschirm. „Passt alle gut auf!“, sagte sie. „Wir werden die gute Tolea jetzt etwas überraschen, dass ihr Hören und Sehen vergeht. Ich bin die Einzige, die sich gleich bewegen wird, klar?! Alle anderen halten ihre Position!“ Sie beendete die Verbindung, um sich dann an ihr Schiff zu wenden: „OK, Mädchen. Hoffentlich lässt mich dein altersschwacher Antrieb jetzt nicht im Stich!“

Sie drückte das Schiff herunter und beschleunigte es gleichzeitig von einem halben auf einen vollen Impuls. Bald war sie unter dem Kometen verschwunden.

Kairon und Shimar hatten das an Bord von IDUSA durchaus ebenfalls gesehen. „Was hat sie denn vor?!“, fragte der Mächtige alarmiert. „Das weiß ich auch nicht.“, sagte Shimar. „Aber wer sich traut, unter einen Kometen zu fliegen, der hat schon Mut. Von einer Zivilistin allerdings hätte ich das nicht erwartet. Offensichtlich muss ich mich korrigieren, jetzt wo ich sie gesehen habe. Sie scheint zwar keine ausgebildete Soldatin zu sein, aber sie hat den Mut von einer. Ach was sage ich! Mindestens von zweien!“

IDUSA zeigte sich beiden über den Neurokoppler. „Gentlemen!“, sagte sie. „Ich denke, ich weiß, was Caroline Hansson vorhat. Ich habe ihren momentanen Kurs verlängert. Das hat mich zu dem Schluss gebracht, dass sie wahrscheinlich hinter Tolea wieder auftauchen will und sie somit erschrecken und in die Enge treiben möchte. Vielleicht kann Techniker Cenda dies dann ausnutzen.“ Sie zeigte beiden eine Simulation. „Oh bei allen Göttern!“, entfuhr es Shimar. „Was ist?!“, fragte Kairon. „Würdest du dir das etwa nicht zutrauen?“ „Doch.“, sagte der tindaranische Pilot. Aber meine Flugausbildung ist militärisch. Da gehören diese Art Manöver dazu. Aber in einer zivilen Ausbildung sind sie normalerweise nicht vorgesehen. IDUSA, was immer auch geschieht, halt Sensorkontakt zu ihr! Vielleicht müssen wir ihr helfen!“ „Den Kontakt habe ich leider bereits verloren, Shimar.“, sagte das tindaranische Schiff nüchtern. „Da der Komet auch extreme Sensorschatten produziert, werde ich ihn auch nicht so schnell wiederfinden können. Ich muss meine Systeme erst anpassen.“ „Dann tu das.“, sagte Shimar aufgeregt. „Kann sie unter solchen Umständen unter dem Kometen überhaupt fliegen?“, fragte Kairon. „Ich meine, Sie müsste ja die gleichen Probleme haben wie wir.“ „Theoretisch kann sie das.“, sagte Shimar. „Wenn sie die Sensoren offline schaltet und auf Sicht fliegt. Sie muss ja nur den Rand des Kometen im Auge behalten, zu dem sie will. Das lernen wir, aber unter dem Kometen ist es sehr finster und das ist es im All ja sowieso. Die Wahrscheinlichkeit ist bei Zivilisten sehr hoch, dass sie in Panik geraten. Wenn sie das Schiff in ihrer Angst dann zu früh hochzieht, wird sie mit dem Kometen kollidieren. Das wäre ihr Ende!“ „Warte!“, sagte Kairon, der sich offensichtlich im Augenblick sehr nutzlos vorkam. „Lass mich herausfinden, ob sie überhaupt Angst hat! Du musst IDUSA steuern. Du hast keine Kapazitäten für telepathische Experimente. Aber ich schon!“ „Also gut, Kairon.“, sagte Shimar. „Wenn ich Angst bei ihr spüren sollte.“, sagte der Mächtige. Dann werde ich sie tilgen.“ „OK.“, nickte der Tindaraner.

Auch auf der Electronica hatte man Carolines Manöver mit starkem Argwohn zur Kenntnis genommen. Aus den gleichen Gründen, die Shimar bereits angeführt hatte, wussten auch Time und seine Leute, dass dies nicht ungefährlich war. „Verdammt!“, sagte Time. „Das ist Selbstmord! Sensora, Rufen Sie Miss Hansson. Übermitteln Sie irgendeine Art von stetigem Signal. Ich möchte, dass sie etwas hat, woran sie sich im Notfall orientieren kann!“

Sensora nickte und begann damit, das Gerät zu programmieren. Dann aber musste sie dieses Vorhaben abrupt abbrechen. „Miss Hansson scheint gerade selbst mit jemandem zu sprechen, Commander.“, meldete sie. „Solange diese Verbindung besteht, kann ich nichts tun.“ „Verflucht, verflucht, verflucht!“, schimpfte Time und zog die Stirn kraus. Das tat er meistens, wenn er überlegte.

Dass Caroline zur gleichen Zeit tatsächlich in einem Gespräch war, sollte sich dann auch schnell bestätigen. Einer ihrer Leute war ihr nämlich gefolgt. Es handelte sich um einen etwa 30-jährigen Mann mit kühlem norddeutschem Aussehen. Er flog ebenfalls ein Shuttle und war ca. 1,90 m groß, vollschlank und hatte einen hanseatisch anmutenden Ausdruck in seinem sehr bärtigen Gesicht, dessen Haut leicht bräunlich schimmerte, als sei sie von Seeluft und harter Arbeit leicht gegerbt. Er hatte rotbraunes Haar und trug einen schwarzen Hosenanzug, Dazu trug er Gummistiefel.

„Hein!“, rief Caroline aus, als sie ihn auf dem Bildschirm ihres Sprechgerätes erkannt hatte. Nachdem sie festgestellt hatte, dass ihr jemand gefolgt war, hatte sie dem Computer sofort befohlen, eine Verbindung zu dem Schiff herzustellen. „Ich hatte doch gesagt, dass mir keiner folgen soll! Wenn ich sage keiner, dann meine ich auch keiner! Ist das jetzt auch für dich klar?!“ „Nun reg dich doch nicht gleich so auf, Caroline.“, sagte er ruhig und gelassen mit einem starken ostfriesischen Akzent in seinem Englisch. „Ich bleibe ja auch hier. Nur ist mir aufgefallen, dass du, die Electronica und der Tindaraner nur zu dritt seid. Jemand sollte den Ring schließen. Meinst du nicht auch?“

Caroline war ins Nachdenken gekommen. Sicher war an dem, was er gerade gesagt hatte, einiges dran. Tatsächlich hatte sie, wenn sie genau überlegte, wirklich außer Acht gelassen, dass es da noch eine Öffnung gab, durch die Tolea hätte entkommen können. Zwar konnte sie sich ja auch nach oben und unten bewegen, aber dann konnte ihr der Ring aus Schiffen ja auch folgen, wenn er erst einmal geschlossen war. Dann konnte er auch so eng gezogen werden, dass Tolea keine Wahl hatte, als Cenda quasi direkt in die Arme, beziehungsweise in den Transporter zu fliegen.

Sie nahm das Gespräch mit ihrem Freund und Nachbarn wieder auf: „Also gut, Hein.“, sagte sie. „Du bleibst hier und ich gehe dann mal auf Tauchstation. Warte, bis ich auf der anderen Seite bin. Wenn du von mir ein Signal bekommst, fliegst du so nah wie möglich an den Kometen heran.“ „Geht klar, Caroline!“, sagte Hein schmissig und setzte den Ankerstrahl seines Schiffes, was für Caroline auch das Signal war, ihren Flug fortzusetzen.

Kairon hatte sich vorsichtig in Carolines Geist vorgetastet. Er wusste zwar, dass sie, als Nicht-Telepathin, ihn wahrscheinlich noch nicht einmal bemerken würde, dennoch wollte er nicht zur Quelle von Angst werden, wo eigentlich gar keine war. „Das glaube ich jetzt nicht, Shimar.“, sagte er. „Sie hat keine Angst! Sie hat einfach keine Angst! Entweder weiß sie gar nicht, was ihr blüht, oder sie ist wirklich mutiger und besonnener, als wir alle dachten.“ „Das kannst du doch wohl am ehesten herausfinden, Kairon.“, sagte Shimar. „Das stimmt.“, sagte der Mächtige. „Aber was ich sehe, irritiert mich doch sehr.“ „Na ja.“, sagte Shimar. „Vielleicht müssen ja nicht alle Zivilisten und alle Sterblichen von uns bemuttert werden.“ „Na schön.“, sagte der Mächtige Irritiert. „Dann werde ich das wohl erst mal als Erklärung akzeptieren müssen.“

Carolines Schiff hatte den hinteren Rand des Kometen passiert. Kaum war das Heck auch unter ihm hindurchgeglitten, riss sie das Schiff nach oben, so dass es unvermittelt auftauchte. Jedenfalls unvermittelt genug für Tolea, die verwirrt und erschrocken ihre Manöver unterbrach. Dann schoss Caroline dreimal mit dem Phaser ins Leere. Hein, der das als Signal erkannte, schloss den Ring um Tolea, was Cenda schlussendlich eine stabile Transportererfassung ermöglichte. Sofort beamte sie Tolea in den Frachtraum. Dann aktivierte sie die Sprechanlage: „Brücke, wir haben Tolea!“ „Gute Arbeit, Techniker!“, kam es erleichtert von Time zurück. „Oh das war sicher nicht allein mein Verdienst.“, sagte Cenda bescheiden. „Das weiß ich.“, sagte Time. „Wie es aussieht, werden wir uns noch bei ein paar Leuten mehr bedanken müssen.“

Erst jetzt hatte Time auch Carolines Schiff wieder auf den Sensoren der Electronica und somit auch auf dem Bildschirm gesehen. „Also gut, Allrounder.“, sagte er. „Geben Sie mir alle, die an dieser Sache beteiligt waren. Ich denke, da ist ein dickes Dankeschön fällig.“ „Wie Sie wünschen, Commander.“, sagte Sensora und befahl dem Computer, alle Rufzeichen anzusprechen, die sich jetzt in unmittelbarer Nähe der Electronica befanden. Da sich unter diesen Rufzeichen auch das von Hein befand, waren Shimar, Kairon und Time zunächst etwas irritiert über das fremde Gesicht. Da der Fremde aber zivile Kleidung trug, war ihnen sehr schnell klar, dass es sich um einen von Carolines Leuten handeln musste.

Time nahm das Gespräch auf: „Miss Hansson.“, sagte er. „Sie haben uns da ja einen gehörigen Schrecken eingejagt. Wir hätten alle nicht gedacht, dass Sie das schaffen würden. Ach, würden Sie uns vielleicht bitte allen Ihren Partner vorstellen?“ „Das dachte ich mir schon, dass sie so etwas einer Zivilistin wohl kaum zugetraut hätten, Commander.“, sagte Hansson. „Aber am wenigsten hat wohl Tolea damit gerechnet und das ist alles was zählt. Und das hier ist übrigens Hein Schmitt. Ohne seine Hilfe hätten wir das bestimmt nicht hingekriegt.“ „Dann auch Ihnen vielen Dank, Mr. Schmitt.“, sagte Time. „Och, Commander.“, sagte Hein. „Warum denn so förmlich. „Nennen Sie mich Hein.“ „Also gut, Hein.“, sagte Time. „Aber was halten Sie und Ihre …“, er suchte nach dem richtigen Wort: „Anführerin davon, wenn wir uns alle in der Offiziersmesse meines Schiffes treffen und die Daten durchgehen, die wir haben. Das dürfte sicher einige Rätsel lösen.“ Alle nickten. „Also gut.“, sagte Time. „Dann wird Sensora Sie gleich alle einzeln an freie Andockplätze weisen und wir treffen uns dann. Ich hole alle persönlich ab. Cenda wird sich um die Schiffe kümmern, falls es da was zu reparieren gibt.“ Alle erklärten sich einverstanden und die Konferenzschaltung wurde beendet.

Kairon kam immer noch nicht darüber hinweg, dass Caroline offenbar keine Angst gezeigt hatte. „Wow.“, sagte er. Die Frau ist ganz schön mutig für eine Sterbliche. Ich freue mich schon darauf, sie gleich kennen zu lernen.“ „Das klingt ja, als wärst du verliebt!“, grinste Shimar ihn an, während er IDUSA an einen freien Andockplatz manövrierte, den Sensora ihm per Positionslicht zuwies. „Ich denke aber.“, sagte IDUSA. „Kairon wird nicht der einzige sein, der sich freut. Wenn sich Techniker Cenda persönlich um mich kümmern wird, dann wird das für mich wie Wellness pur sein.“ „Ganz deiner Meinung.“, grinste Shimar und deaktivierte ihren Antrieb, nachdem sie festgemacht hatten. Dann wandte er sich Kairon zu: „Komm mit, du verliebter Kater!“ Kairon gab ein leises: „Miau.“, von sich und folgte seinem Freund grinsend.

Kapitel 35: Alarmierende Analysen

von Visitor

 

Yetron hatte sich in der Zwischenzeit mit den Daten beschäftigt, die ihm von IDUSA zugespielt worden waren. Da das tindaranische Schiff den Befehl ihres Piloten allerdings sehr wörtlich genommen hatte, hatte sie ihn auch laufend über die Dinge informiert, die Shimar und Kairon getan hatten. Der Demetaner hatte daraus geschlossen, dass beide wohl jetzt sehr erschöpft sein mussten und nicht in der Lage sein würden, Tolea bei ihrer Rückverwandlung zu helfen. Dass Tolea zwischenzeitlich auch in der Gestalt eines Kometen an Bord der Electronica war, hatte Sensora auch dem Ersten Offizier gemeldet.

Yetrons Gesicht bekam immer mehr Sorgenfalten, je mehr er sich mit den Daten beschäftigte. Er gelangte immer mehr zu der Ansicht, dass es nicht gut war, würden Zivilisten zu viele Informationen über das wahre Ausmaß der Situation bekommen. Er dachte da vor allem an Caroline. Dass sie noch einen Begleiter hatte, der ebenfalls nicht allzu genau Bescheid wissen durfte, wusste er nicht.

Yetron hatte das Pad, in dem er die Daten gespeichert hatte, irgendwann beiseite gelegt. Dann hatte er sein Handsprechgerät aus der Tasche gezogen und das Rufzeichen des Gerätes seines Vorgesetzten eingegeben. Der hatte sich dann auch gleich gemeldet: „Was gibt es, Agent?“ „Ich muss Ihnen etwas Betrübliches mitteilen, Commander.“, sagte der Demetaner. „Angesichts der Tatsachen halte ich es aber für besser, wenn gewisse Zivilistinnen in die Situation nicht allzu sehr involviert werden, Sie verstehen?“ „Hängt Ihre Vorsicht etwa mit den Daten zusammen, über denen Sie gerade brüten?“, wollte Time wissen. „Positiv, Commander.“, sagte Yetron. „Und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn das Ergebnis unter uns bliebe. Wir müssen die Präsidentin informieren. Daran besteht kein Zweifel und ich denke dass auch unser junger tindaranischer Freund, sowie Mr. Kairon alles wissen dürfen. Nur …“ „Verstehe.“, sagte Time. „Sie meinen, dass wir Miss Hansson und ihre Begleitung besser erst einmal außen vor lassen sollten, bevor die was in den falschen Hals kriegen. Eine Massenpanik ist sicher das Letzte, das wir jetzt gebrauchen können. Aber wie lösen wir das?“ „Ich würde sagen, wir bitten unseren Warrior dazu. Nachdem sich alle bei allen überschwänglich bedankt haben, könnte sie den Zivilisten ganz unverblümt und harmlos eine Schiffsführung anbieten. Ihre Dienste als Waffenoffizierin werden ja, dem Himmel sei Dank, im Augenblick nicht benötigt. Also hat sie Zeit und keiner wird argwöhnisch werden, da es ja sogar für Zivilisten logisch sein dürfte, dass die Situation jetzt viel zu friedlich für Waffengewalt ist.“, führte der Demetaner listig grinsend aus. „Oh, Yetron!“, sagte Time mit viel Erleichterung in der Stimme. „Wenn ich Sie nicht hätte und die dicken Kartoffeln!“ „Das Angebot an Sättigungsbeilagen wäre zweifelsfrei recht eintönig.“, scherzte Yetron. „Wie machen Sie das nur, Agent?“, fragte Time. „Wir stehen vor einem Problem, dann macht es laut Yetron und Sie haben eine Lösung! Wie geht das? Können Sie mir das nicht beibringen?“ „Gewisse Talente hat eben ein jedes Wesen, Commander.“, sagte Yetron bescheiden. „Ich werde den Warrior informieren und ihr sagen, dass sie ihre Galauniform entknittern soll.“ Er lächelte bei seinem letzten Satz freundlich ins Mikrofon.

Die Türen, die den Hauptgang, in dem Time wartete, von den Schleusen trennten, öffneten sich. „Ich denke, ich muss schlussmachen, Agent.“, sagte er. „Wir finden später sicher noch ein stilles Eckchen, in dem Sie mir alles auseinandersetzen können.“ „In Ordnung, Sir.“, sagte Yetron und beendete die Verbindung.

Time steckte sein Sprechgerät wieder ein, setzte ein freundliches Gesicht auf und drehte sich in die Richtung, aus der die Gäste jetzt auf sein Schiff kamen. „Ladies und Gentlemen.“, sagte er. „Ich bin Commander Peter Time. Willkommen an Bord der USS Electronica. Wir haben eine Menge zu besprechen. Bitte folgen Sie mir.“ Damit ging er allen voran in Richtung des nächsten Turbolifts.

Shimar war aufgefallen, dass Kairon die gesamte Zeit über die Augen nicht von Caroline gelassen hatte, die rechts neben Hein genau vor ihnen ging. „Starr sie bitte nicht so an.“, flüsterte er dem Mächtigen zu. „Das sieht ja aus, als wärst du ehrlich in sie …“ Kairon nickte verstohlen. „Ach du Sch…!“, sagte Shimar. „Und ich hatte meine kleine Spitze vorhin eigentlich eher als Scherz gemeint. Ich hoffe, ich muss dir nicht erklären, was da für Komplikationen auf dich zukommen können.“ „Na ja.“, sagte Kairon. „Ein anderer unserer Mitbürger hat da aber auch schon Erfolg gehabt.“ „Du denkst doch nicht etwa an Q und Jenny Q.“, sagte der tindaranische Patrouillenflieger. „Doch.“, sagte Kairon. „Genau an die Beiden habe ich gedacht.“

Shimar atmete tief durch. Dann bat er Kairon neben sich in eine Nische, an der sie zufällig vorbeigekommen waren: „Bitte lass uns hier mal unter vier Augen reden!“ Dabei hatte er ein sehr energisches Gesicht aufgesetzt. „Jetzt hör mir mal zu!“, sagte Shimar. „Du magst zwar der Vorsitzende eures hohen Rates sein, aber es dürfte so sicher wie das Amen in der Kirche sein, dass selbst du für so etwas nicht noch einmal die Mehrheit kriegen würdest!“ „Warum nicht.“, argumentierte Kairon. „Die Meinung unserer Leute zum Umgang mit euch Sterblichen hat sich, vielleicht auch durch das zutun von mir und meiner Schwester, sehr zum Positiven gewandelt.“ „Na.“, sagte Shimar mit einer fast streng anmutenden Falte über dem rechten Auge, die sich langsam zu bilden begann, je mehr er über die Situation nachdachte. „Das war ja bestimmt nicht nur dein Verdienst! Jenny und ihr Mann haben ja schon viel früher angefangen, zu einem guten Verhältnis zwischen uns und euch beizutragen, auch wenn sie ihn dahingehend erst einmal erziehen musste! Aber ich weiß schon, warum du dich hier als großer Held hervortun willst. Ich denke aber ernsthaft, dass du dir das aus dem Kopf schlagen kannst, weil …“

Er musste ernsthaft überlegen. Ihm war gerade klargeworden, dass die Liebe ja keine Logik kannte und er mit Argumenten sicher wenig ausrichten konnte. „Weil was, he?!“, verhörte Kairon ihn jetzt.

Hilflos hatte sich Shimar im Korridor umgesehen. Derweil war sein Blick auf das Grüppchen um Time gefallen, das jetzt auch stehengeblieben war. Dabei hatte er gesehen, wie Hein vorsichtig einen Arm um Caroline gelegt hatte. Sie hatte dies nur lächelnd quittiert. „Weil sie schon jemanden hat!“, sagte er schließlich.

Kairon sah sich Hein von oben bis unten an. Dabei fiel ihm seine für einen solchen Anlass sicher recht ungehobelt scheinende Kleidung auf und er dachte sich: Was will sie mit dem?!

Time hatte gesehen, dass die Beiden zurückgeblieben waren. Er drehte sich um und fragte in Shimars Richtung: „Darf ich wissen, wo das Problem liegt, Gentlemen?“ „Es ist nichts, Commander.“, sagte Shimar, um Kairon nicht zu verpetzen. Bei nächster Gelegenheit aber würde er einen Weg finden müssen, mit dem sehr lebenserfahrenen, weil älteren, Kommandanten über die Situation reden zu können, denn er befürchtete, dass das Verhalten Kairons eventuell zu einem Krieg zwischen Mächtigen und Sterblichen führen könnte, wenn er sich nicht wieder in den Griff bekam. Vielleicht waren seine Befürchtungen ja auch total unbegründet, aber die Geschichte hatte gezeigt, dass wegen der Liebe auch schon sehr verlustreiche Kriege geführt worden waren und angesichts der im Moment herrschenden Situation war so etwas das Letzte, das man jetzt gebrauchen konnte!

„Wenn nichts ist.“, sagte Time. „Dann können wir ja weitergehen, oder?“ „Ich denke schon, Commander.“, sagte Shimar. „Kairon war nur etwas erschöpft und benötigte eine kleine Pause. Aber ich denke, jetzt geht es schon wieder.“ „Na dann los!“, sagte Time. Dann setzten sie ihren Weg fort.

Von Komplikationen ganz anderer Art hatte im gleichen Moment auch Cenda erfahren. Durch den Sucher des Transporters hatte sie lange Zeit Tolea beobachtet, die noch immer als Komet im Frachtraum lag und keine Anstalten machte, sich wieder in ihre eigentliche Gestalt zu verwandeln. Der Chefingenieurin hatte die Sache starke Sorge bereitet. Sie wusste schließlich, dass ein sehr großer Teil des Kometen aus reinem Eis bestand und dieser Teil lief jetzt Gefahr zu schmelzen, da sich die Temperatur im Frachtraum ja der des restlichen Schiffes angeglichen hatte und nicht mehr den hohen Minus-Temperaturen wie im Weltraum entsprach. Früher oder später musste dies zu Konsequenzen führen. Sie hoffte sehr, Tolea würde sich telepathisch in ihren Kopf loggen, als sie dachte: Tolea, verstehen Sie mich?! Sie müssen sich zurückverwandeln! Leider geschah nichts dergleichen.

Ihre einzige Idee war jetzt nur noch, Scientist Ketna zu verständigen. Vielleicht wusste ja die Ärztin eine Lösung. Sie betätigte also die Sprechanlage, die sie sofort mit der Krankenstation verband. Dann sagte sie: „Scientist, bitte treffen Sie mich vor Frachtraum Eins. Wir haben ein Problem!“ „In Ordnung, Techniker.“, sagte Ketna, die zwar noch nicht wusste, was sie erwarten würde, dennoch aber ziemlich neugierig war. Schließlich kam es recht selten vor, dass die Chefingenieurin sich mit der Ärztin vor einem Frachtraum traf, um Probleme zu wälzen. Wenn sie über die Geschichte nachdachte, dann war das eigentlich noch nie passiert, zumindest soweit sich Ketna selbst erinnern konnte.

Die Zeonide mit den langen gelben Haaren, die sie bei der Arbeit aus Gründen der Sauberkeit immer unter einem Netz trug, wandte sich ihrer Assistentin zu: „Solthea, Sie übernehmen hier!“ „Ja, Madam.“, sagte die Orkanierin und nickte schmissig. Ketna verließ den Raum.

Auch Cenda hatte ihren Arbeitsplatz ihrem Assistenten übergeben und war zum Frachtraum gegangen, wo sie und Ketna sich auch bald trafen. „OK, Techniker.“, sagte die Ärztin. „Was ist hier los?“

Statt zu antworten legte Cenda einen Finger auf den Sensor der Tür des Frachtraums, worauf sich diese langsam öffnete. Dann winkte sie Ketna, ihr zu folgen, was sie auch tat. Nun standen beide Frauen vor dem Kometen, der fast den gesamten Raum einnahm. Wenn Cenda ihn nicht genau in der Mitte materialisieren lassen hätte, wäre es sicher viel problematischer geworden. So aber konnten ihn sich beide von allen Seiten ansehen.

„Das ist also Tolea.“, sagte Ketna, nachdem sie einmal um den Kometen herumgegangen war. „Ja.“, sagte Cenda. „Das ist zumindest das, was jetzt im Moment noch von ihr übrig ist. Aber wenn sie sich nicht zurückverwandelt, dann sehe ich schwarz.“ „Dem kann ich mich nur anschließen.“, sagte Ketna. „Aber es ist schwer zu sagen, ob sie sich nicht zurückverwandeln will, oder es nicht kann. Ich meine, wenn ihr Ziel tatsächlich war, ihrem Leben ein Ende zu setzen, dann könnte sie dies immer noch erreichen, wenn der eisige Teil von ihr schmilzt und der Rest dann nur noch aus einer Reihe unzusammenhängender Felsen bestünde.“ „Na, das könnten Sie doch leicht herausfinden, Scientist.“, sagte Cenda. „Das stimmt allerdings.“, sagte Ketna und zog ihren Erfasser. Als sie das Gerät allerdings auf Tolea richtete, begann sein Alarm sofort zu schrillen. „Um Himmels willen!“, rief die Ärztin aus, die ihr Arbeitsgerät vor Schreck fast fallengelassen hatte. „Sie muss ihr telepathisches Zentrum total überfordert haben! Ihre neurale Energie ist sehr unregelmäßig! Wenn ihr niemand hilft, wird sie binnen zwei Stunden tot sein! Aber unter diesen Umständen kann ich ihr nicht helfen! Schließlich bin ich Ärztin und keine Geologin! Was ist mit dem Transporter, Techniker? Könnte man den nicht benutzen? Ich meine, eine Probe ihrer intakten DNS hätten wir!“ „Tut mir leid, Ketna.“, sagte die Ingenieurin. Aber wenn sich etwas im Puffer befindet, wird es erst einmal zu einer Menge Daten. Dieser Komet würde so eine große Menge produzieren, dass der Speicher dann schon voll wäre. Wir hätten keinen Platz mehr, um die verwandelten Daten unterzubringen, bevor die Materialisierung erfolgen kann! Außerdem wären die Prozessoren des Transportersystems dann auch total überfordert! Aber was ist mit dem Tindaraner und Kairon? Könnten die nicht?!“ „Die Beiden dürften zu erschöpft sein.“, sagte Ketna und deutete auf das Display ihres Erfassers. „Dieses Muster weist darauf hin, dass sich Tolea mit ihnen einen Kampf geliefert hat.“ „Verdammt!“, fluchte Cenda. „Dann bleibt uns ja nur noch eine Möglichkeit.“ „Genau.“, sagte Ketna. „Obwohl ich diese angesichts der Umstände nur sehr ungern einsetzen würde.“ „Ich auch.“, sagte Cenda. „Mir wird auch mulmig bei dem Gedanken an die R-Lösung.“ „Sie meinen R wie Rosannium, Techniker, nicht wahr?!“, vergewisserte sich Ketna. Cenda nickte nur mit blassem Gesicht. „Na gut.“, sagte Ketna. „Ich wollte nur sicher gehen, dass wir beide das Gleiche meinen.“

Die Celsianerin nahm ihr Sprechgerät aus der Tasche und gab das Rufzeichen ihres Arbeitsplatzes ein. Dann sagte sie: „Switcher, leiten Sie das Strahlungsprotokoll für Frachtraum eins ein und leiten Sie dann Rosannium in die Atmosphäre. Am besten …“, sie sah Ketna fragend an. „Lassen Sie ihn mit einem Milligramm pro Sekunde beginnen.“, sagte Ketna. „Mehr traue ich mich im Moment nicht.“ „OK.“, sagte Cenda. Dann nahm sie das Mikrofon wieder vor ihren Mund und sagte: „Beginnen Sie mit einem Milligramm pro Sekunde, Assistant! Schön vorsichtig, Mr. Switcher! Wir wollen Tolea schließlich helfen und sie nicht umbringen. Und halten Sie auf jeden Fall diese Verbindung!“ „Aye, Techniker.“, sagte der Androide. „Beginne Einleitung ab jetzt!“

Ketna und Cenda warteten ab, was jetzt geschehen würde. Da beide Nicht-Telepathinnen waren, machte ihnen das Rosannium nichts aus. So konnten sie in aller Ruhe zusehen, wie sich Tolea tatsächlich wieder in ihre ursprüngliche Gestalt verwandelte. „Es klappt!“, rief Cenda erleichtert aus. „Hatten Sie etwa etwas anderes erwartet?!“, fragte Ketna ebenfalls sehr erleichtert.

Bevor Cenda aber noch etwas erwidern konnte, tat Tolea einen tiefen Atemzug, der sie aber aufgrund des Rosanniums in der Atmosphäre sofort wieder bewusstlos werden ließ. „Switcher!“, schrie Cenda in ihr Sprechgerät. „Sofort die Atmosphäre hier wieder reinigen lassen!“ Dann sprintete sie zum nächsten Replikator und replizierte ein Überlebenspaket, dessen Maske sie Tolea sofort auf das Gesicht pflanzte. „Bravo, Techniker!“, sagte Ketna erleichtert. „Sie haben in meinem Erste-Hilfe-Kurs neulich ja wirklich gut aufgepasst!“ „Man tut, was man kann.“, sagte Cenda bescheiden. „Aber jetzt sollte Switcher Sie und Ihre Patientin dringend auf die Krankenstation beamen, damit es schneller geht.“ „OK.“, sagte Ketna. „Dann sagen Sie ihm mal Bescheid.“ Cenda nickte und tat, was ihr die Ärztin gerade aufgetragen hatte. Dann sah sie dem Vorgang noch zu, bevor sie selbst wieder an ihre Arbeit ging.

 

Kapitel 36: „Seifenblasen“

von Visitor

 

Der Anblick Toleas hatte Solthea einen mittleren Schrecken eingejagt, als Ketna und sie auf der Krankenstation erschienen. „Du meine Güte!“, rief die ohnehin etwas zartbesaitete medizinische Assistentin aus. „Wie kann das sein?! Sie hat überall Wunden und sie sieht sehr schlecht aus!“ „Das soll doch wohl ein Scherz sein, Solthea!“ wies Ketna ihre Untergebene harsch zurecht. „Bitte erzählen Sie mir nicht, dass Sie angesichts dieser Umstände tatsächlich erwartet haben, eine strahlenschöne und gesunde Mächtige hier vorzufinden. Sie hatte sich in einen Kometen verwandelt, der beschossen wurde und das Rosannium hat mit Sicherheit auch seinen Teil dazu beigetragen. Ich überlege allerdings sogar, sie in ein künstliches Koma zu versetzen, da Schmerz für sie eine völlig neue Erfahrung sein dürfte, mit der ihre Seele angesichts der Situation vielleicht nicht zurechtkommt. Aber wir sollten sie auch mit dem Hautregenerator behandeln. Zumindest die Wunden, die nur oberflächlich sind. Ich muss sie genauer untersuchen um sagen zu können, ob ich sie nicht vielleicht sogar operieren muss. Reichen Sie mir einen Erfasser, Assistant!“

Solthea nickte und ging zu einem der Regale, in denen die Geräte, die zur Untersuchung und Behandlung von Patienten benötigt wurden und keinen festen Stand hatten, aufbewahrt wurden. Bald kam sie von dort mit dem von ihrer Vorgesetzten Gewünschten zurück. „Bitte, Madam.“, sagte sie. „Danke, Assistant.“, sagte Ketna förmlich und ließ das Gerät über ihrer Patientin kreisen. Dabei beobachtete sie das Display genau.

Wenig später ließ sie das Gerät erleichtert sinken. „Operieren müssen wir nicht, Solthea.“, sagte sie. „Aber die Sache mit dem künstlichen Koma ist noch nicht vom Tisch.“ „Ihre Wunden sind teilweise sehr tief und ich möchte auch erst einmal das Rosannium aus ihrem Körper spülen. Dann werden wir sie einer Feldtherapie unterziehen, die den Zellen ihres telepathischen Zentrums dabei hilft, sich daran zu erinnern, welche Aufgabe sie haben. Leiten Sie alles in die Wege, Assistant. Ich informiere den Commander.“ Solthea nickte und machte sich daran, ein Biobett für Tolea vorzubereiten. Der Behandlungstisch, auf dem sie bis jetzt gelegen hatte, war ja schließlich keine dauerhafte Lösung.

Ketna hatte ihr Sprechgerät gezogen und das Rufzeichen von Commander Time eingegeben. Dieser hatte sich bereits in der Offiziersmesse befunden, wo auch alle anderen inzwischen eingetroffen waren.

In einer stillen Ecke, in die er sich zurückgezogen hatte, nahm Time das Gespräch an: „Ja, Scientist!“ „Wir haben Tolea zurückverwandeln können.“, sagte die Ärztin. „Das ist die gute Nachricht, Sir. Die Schlechte ist allerdings, dass es ihr sehr schlecht geht. Sie ist sehr schwer verletzt. Ich werde sie wohl in ein künstliches Koma versetzen müssen, damit sie die Schmerzen nicht spürt. Ich werde umfangreiche Behandlungen vornehmen müssen. Wir können nicht erwarten, dass sie sich selbst heilt, Commander. Ihr telepathisches Zentrum ist stark geschädigt. Ihre geistigen Fähigkeiten tendieren gen null.“ „Warten Sie mal bitte, Ketna.“, sagte Time ruhig. „Jetzt mal eins nach dem anderen. Warum ist es so weit gekommen?“ „Wir glauben.“, sagte Ketna. „Dass da mehrere Faktoren zusammengespielt haben. Ihre Psyche ist nicht ganz gesund im Moment. Oder wie würden sie das nennen, wenn jemand die Absicht zum Suizid hat?“ „Da stimme ich Ihnen durchaus zu, Scientist.“, sagte Time. „Aber was ist mit dem Rest?“ „Bitte vergessen Sie nicht, Sir.“, sagte Ketna. „Dass sie sich in einen Kometen verwandelt hatte, der beschossen wurde. Ihre Wunden sind jetzt nichts anderes als ein Spiegel dessen. Dazu kommt noch der mentale Kampf, den sie sich offensichtlich mit Shimar und ihrem Bruder geliefert hat. Die Bilder meines Erfassers sprechen Bände. Wir mussten außerdem Rosannium benutzen, um sie wieder in ihre menschliche Gestalt zu bringen. Ich weiß, dass das angesichts ihres ohnehin schon desolaten Zustands sehr gefährlich war. Aber uns blieb leider keine Wahl!“ „Schon gut, Scientist.“, sagte Time wieder sehr ruhig. „Ich denke, dass sich Tolea bei Ihnen in den besten Händen befinden dürfte und dass Sie schon wissen, was Sie tun. Ich werde Ihnen da nicht reinreden. Die Medizin ist schließlich Ihr Fachgebiet. Sie würden ja schließlich auch nicht auf die Brücke stolziert kommen und mir in meine Kommandoentscheidungen reinreden.“ „Sicher nicht.“, sagte die Zeonide. „Aber jetzt muss ich an die Arbeit. Meine Patientin braucht mich.“ „Schon gut, Ketna.“, sagte Time und beendete die Verbindung.

Leider hatte der Terraner nicht bemerkt, dass er die gesamte Zeit über sein Sprechgerät auf Lautsprecher geschaltet hatte. Der Ton war zwar sehr leise, aber Kairon hatte genau neben ihm gestanden. „Bitte sagen Sie mir, dass ich da eben etwas falsch verstanden habe, Commander Time!“, flehte er Peter an. „Dann müsste ich lügen, Kairon.“, sagte Time, dem erst jetzt sein Fehler aufgefallen war. „Und das täte ich in so einer Situation höchst ungern. Diplomatisch betrachtet wäre das auch sicher ein Fehler. Aber meine Ärztin wird alles tun, um Ihre Schwester zu retten! Darauf können Sie sich verlassen!“ „Ich hoffe, dass Sie Recht behalten werden, Commander.“, sagte der Mächtige und sah ihn sorgenvoll an.

Solthea und ihre Vorgesetzte hatten wenige Stunden später die schlimmsten Verletzungen Toleas behandelt. „Das wär’s.“, sagte die Zeonide erleichtert. „Für die Feldtherapie sollte sie wach sein. Leiten Sie das künstliche Koma wieder aus, Assistant! Dann gehen Sie ganz diskret in die Offiziersmesse und holen ihrem Bruder. Ich möchte, dass sein Gesicht das erste ist, das Tolea beim Aufwachen sieht!“ „Aye, Scientist.“, nickte die medizinische Assistentin und begann damit, die Befehle ihrer Vorgesetzten auszuführen.

Kairon hatte sich noch immer nicht aus Times Nähe begeben. „Was hat Ihr Scientist damit gemeint, dass sie Rosannium benutzt hat?“, fragte er. „Das kann sie Ihnen sicher selbst viel besser erklären als ich.“, vertröstete Time ihn. Er war sichtlich nervös, denn langsam wusste er nicht mehr, wie er den immer aufgeregter werdenden Kairon noch beruhigen sollte.

Er wurde plötzlich Soltheas Gesicht ansichtig, das sich hinter einer Säule hervorschob. „Medical Assistant, bitte sagen Sie mir, dass Sie gute Nachrichten haben.“, sagte Time. „Die hätte ich vielleicht tatsächlich.“, sagte die Orkanierin. „Aber wohl hauptsächlich für Kairon.“

Sie wandte sich dem Mächtigen in Times Begleitung zu: „Mr. Kairon, Ihre Schwester ist dabei zu erwachen. Meine Vorgesetzte findet es gut, wenn sie Sie sehen würde.“ „Ich komme!“, sagte Kairon und reihte sich hinter Solthea ein, die ihn aus der Offiziersmesse führte.

Mit einer gerade eigenhändig replizierten Erfrischung in der Hand hatte sich Shimar an einen Tisch gesetzt. Er hatte die Augen nicht von Time gelassen, hatte aber bei der Wahl seiner Position sorgfältig darauf geachtet, dass Time nicht sehen konnte, dass er von dem jungen Tindaraner beobachtet wurde. Shimar tat zwar, als würde Time ihn nicht sonderlich interessieren, aber im Inneren sehnte er doch den Moment Herbei, in dem der Kommandant endlich seine Festrede halten und dann hoffentlich die Zivilisten wegschicken würde. Shimar konnte sich, als ausgebildeter Soldat der tindaranischen Streitkräfte, sehr wohl denken, dass es Dinge gab, die Ms. Hansson und ihre Begleitung nichts angingen, die aber zwischen ihm, Kairon und den Sternenflottenoffizieren dringend besprochen werden mussten. Die kleine Komplikation mit Kairons offensichtlicher Schwärmerei für Caroline, denn mehr war es in Shimars Augen auch nicht, würde er mit Times Hilfe schon allein in den Griff bekommen. Das stellte kein wirkliches Problem dar. Er wollte mur sichergehen, dass er die Situation richtig interpretiert hatte. Er war Solthea sehr dankbar, dass sie Kairon mitgenommen hatte, denn so hatte sich für ihn eine günstige Gelegenheit ergeben. Wenn nur Time endlich den Teil des Plans erfüllen würde, den er ihm zugedacht hatte! Dass es zweifelsfrei dazu kommen würde, hatte sich Shimar bereits gedacht, als er Shorna ansichtig geworden war, die in Galauniform neben Time saß. Es machte für ihn durchaus Sinn, sie zur Unterhaltung der Zivilisten abzustellen, denn sie hatte ja im Augenblick sonst nichts zu tun. Auch ließ sich ihre Anwesenheit nur so erklären. Das war ein Umstand, der Shimar sehr erfreute.

Time hatte mit seinem Löffel an sein Glas geklopft. Schlagartig waren alle, die bisher in die eine oder andere Unterhaltung vertieft waren, verstummt. Dann war der ältere Amerikaner aufgestanden, hatte sich geräuspert und dann zu einer Rede angesetzt: „Ladies und Gentlemen, Ich freue mich sehr, dass wir diese Situation doch noch zu einem glücklichen Abschluss bringen konnten! Ohne Ihrer aller tatkräftige Mithilfe wäre uns das sicher nicht gelungen! Ich will den Tag nicht vor dem Abend loben! Mir ist auch bekannt, dass Tolea noch lange nicht außer Gefahr ist, aber in den Händen meiner Ärztin ist sie sehr gut aufgehoben! Dessen können Sie alle gewiss sein! Aber das, was es ihr am Ende vielleicht sehr erleichtern könnte, Tolea das Leben doch noch zu retten, ist auch das besonnene Handeln unseres jungen Freundes Shimar von den Tindaranischen Streitkräften, Toleas Bruder Kairons und auch das von Ms. Caroline Hansson und Mr. Hein Schmitt, zwei Zivilisten, die ebenfalls einen kühlen Kopf bewahrt haben, was uns alle sehr positiv überrascht hat. Um sich speziell bei den zuletzt Genannten zu bedanken, da so etwas ja nicht selbstverständlich ist, hat sich meine Waffenoffizierin bereiterklärt, Sie zu einer Schiffsführung zu begleiten. Gleich nach dieser Rede könnte es losgehen, wenn Sie beide möchten!“ Jetzt aber möchte ich doch mit Ihnen allen zunächst mein Glas auf das glückliche Ende dieser Mission erheben!“

Er prostete allen zu und alle erwiderten den Trinkspruch mehr oder minder im Chor: „Auf den glücklichen Ausgang der Mission.“ Hein fügte sogar noch bei: „Prost! Wer nix hett, der host!“ Ein Satz, der Shimar Kopfzerbrechen bereitete. Da er sich aber denken konnte, dass Hein aus meinem Heimatgebiet auf der Erde kommen müsste, würde er mir das bei Gelegenheit vorsprechen, wenn es ihm denn möglich wäre, ohne dass er sich die Zunge bräche und mich dann nach der genauen Bedeutung fragen. Sicher würde ihm auch IDUSA dies übersetzen können, aber meine Übersetzung würde ihm zweifelsfrei wohl besser gefallen. Sie wäre sicher um ein Vielfaches Wärmer und herzlicher ausgefallen. Bei dem Gedanken daran schaute er verträumt in die Runde und grinste.

Shorna hatte ihr Glas geleert und war dann zu Caroline und Hein gegangen, um sie auffordernd anzusehen. Beide hatten genickt, waren von den etwas wuchtig und antik wirkenden Stühlen aufgestanden und ihr aus dem Raum gefolgt.

Shimar hatte noch abgewartet, bis sie um die Ecke verschwunden waren. Dann hatte er ein letztes Mal an seinem Strohhalm gezogen, als wollte er sich Mut antrinken. Da sein Glas ohnehin schon halb leer war, gab dies ein ziemlich lautes Geräusch. „Verdammt!“, flüsterte er an sich selbst gerichtet. „Wie peinlich war das denn?!“

Dann stand er auf und ging langsam auf Time zu, um dann salutierend vor ihm stehen zu bleiben. „Commander!“, sagte er schmissig. „Bitte um Erlaubnis, Sie unter vier Augen zu sprechen!“ „Erlaubnis gewährt, mein Junge.“, sagte Time ruhig und stand ebenfalls von seinem Platz auf. Dann winkte er Shimar, der ihn hinter eine Säule begleitete. „So.“, sagte Time. „Und nun mal raus damit! Heute sind alle irgendwie so förmlich. Aber du und ich, wir haben doch eigentlich kein Problem mit der Befehlskette. Du bist kein Offizier der Sternenflotte und ich kein tindaranischer Kommandant. Ich hätte dir also gar nichts zu sagen, zumindest rein theoretisch. Also, Shimar, was schlägt dir so auf den Magen?“ „Ich bin nicht sicher, Commander.“, sagte Shimar und machte ein sorgenvolles Gesicht. „Aber ich befürchte, dass es zu einem Krieg zwischen dem Raum-Zeit-Kontinuum und dem Universum der Föderation kommen könnte, wenn wir nicht aufpassen!“ „So, so, befürchtest du das.“, sagte Time immer noch sehr ruhig. „Und wie kommst du darauf?“ „Kairon scheint sich in Caroline Hansson verliebt zu haben.“, sagte Shimar. „Aber da ist offensichtlich noch Hein und … na ja. Wegen der Liebe sind auf Ihrem Heimatplaneten schon sehr verlustreiche Kriege geführt worden. Ich denke da zum Beispiel an Troja und …“

Times Mundwinkel zogen sich langsam auseinander, bis ein beruhigendes Lächeln zustande gekommen war. Dann sagte der ältere Amerikaner ruhig, während er Shimar von oben bis unten ansah: „Na, nun lass mal die Kirche im Dorf, mein Junge. Erstens war Troja eine Sage und zweitens sind weder Hein noch Kairon zwei Könige mit uneingeschränkter Macht, die einfach so einen Krieg anzetteln können. Frag doch einfach mal Allrounder Scott. Sie kann dir sicher ’ne Menge zu Troja erklären bei ihrem Bildungsstand und ich erkläre dir jetzt, dass das von Kairon wohl nur eine Schwärmerei ist, weil sich Caroline so mutig gezeigt hat und er damit nicht gerechnet hat. Er weiß um seine Verantwortung als Mächtiger und was das mit sich bringen würde, wenn er was mit einer Sterblichen hätte und ihm das auch noch ernst wäre. Sicher, die Liebe kennt keine Argumente, aber ich denke, dass ihn ein Besuch bei seiner kranken Schwester auf der Krankenstation schon wieder abkühlen wird. Dazu ist Kairon viel zu vernünftig. Lass dir das von einem alten lebenserfahrenen Mann ruhig sagen. Aber ich finde interessant, dass du dir in deinem Alter schon solche weitreichenden Gedanken machst. Aber ihr Tindaraner seid wohl so. Erstaunlich! Kaum dem Kadettendasein entwachsen und schon ein kleiner Philosoph! Ich kann nachvollziehen, warum sich Allrounder Scott für dich entschieden hat und du dich für sie. Ihr beide, also du und sie, ihr habt ähnliche Antennen für ähnliche Dinge. Ihr seid doch noch ein Paar, nicht wahr?“ „Ja, Sir.“, sagte Shimar förmlich. „Aber um noch mal auf Troja zurückzukommen, Commander, ein Körnchen Wahrheit steckt doch in jeder Sage, nicht wahr?“ „Mag sein.“, tröstete Time. „Aber ein Krieg ist beileibe nicht der romantisch verklärte Heldenkampf, als der er in der Ilias dargestellt wird und das wissen alle Beteiligten. Es wird nichts passieren! Glaub mir das! Und das Letzte war ein Befehl! Wenn du mich schon mit Sir ansprichst! So, und jetzt geh dich etwas verlustieren und häng nicht mehr diesen trüben Gedanken nach!“ „Ich werde mich bemühen, Sir!“, sagte Shimar fast automatisiert, machte auf dem Absatz kehrt und ging zu seinem Platz zurück.

Wie Recht Time mit seiner Vermutung hatte, zeichnete sich zur gleichen Zeit auf der Krankenstation ab. Hier war Kairon gerade seiner Schwester ansichtig geworden. Ihr Anblick hatte ihn mit einem Schlag ernüchtert. Keinen Gedanken verschwendete er mehr an Caroline.

Solthea schob ihm einen Schemel an das Biobett, auf den er sich setzte. Dann sah er lange in Toleas Gesicht, auf dem sich jetzt langsam etwas tat. Ihre Augen begannen zu blinzeln und ihr Mund bewegte sich, als wollte sie ihm etwas sagen. Er aber beugte sich nur über sie und gab einen beruhigenden Laut von sich. „Kairon.“, erkannte sie ihn. „Wo bin ich?“ „Du bist auf der Electronica.“, antwortete der Mächtige. „Du hast uns einen ziemlichen Schrecken eingejagt. Was hat dich in Teufelsnamen dazu gebracht, dich umbringen zu wollen?!“ Bei seinem letzten Satz sah er sie streng an. „Ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht, Bruder!“, rief Tolea verzweifelt aus. „Der arme Diran! Er ist zum Verräter geworden, nur weil ich mich falsch ausgedrückt habe!“ „Was meinst du genau damit?“, fragte Kairon nach. Da sie sich immer geistig vor ihm abgeschirmt hatte, hatte er erst gar nicht versucht, es auf telepathische Weise herauszubekommen. „Ich hatte eine Vision vom Ende der Welten!“, sagte Tolea betroffen. „Dann habe ich Diran unter den Bann gestellt. Er sollte allen, die von seiner Art sind, sagen, was geschehen wird und was wir planen.“

Kairon schlug die Hände vor das Gesicht. „Hast du gerade gesagt allen, die von seiner Art wären?!“, fragte er mit viel Empörung in der Stimme. „Das habe ich.“, sagte Tolea schwach. „Ich gebe es ja offen zu. Oh, Kairon! Ich bin so verzweifelt!“

Er hatte sich von ihr fortgedreht. Sie sollte jene Wut nicht sehen, die langsam in ihm hochkroch und von ihm Besitz ergriff. Jene Wut auf sie und ihr Vorhaben. Er wusste genau, dass ihr Freitod nichts an der Situation ändern würde. Im Gegenteil. Er würde sie sogar noch verschlimmern. Sie war die Einzige, die den Bann über Diran verhängt hatte und war somit auch die Einzige, die ihn vermutlich aufheben könnte. Wenn es sie nicht mehr gab, dann mussten sicher andere Wege gefunden werden und die wären weitaus komplizierter. Das hätte sie doch auch wissen müssen! Warum war sie jetzt so egoistisch?! Warum hatte sie über diese Tatsachen nicht nachgedacht?! Sie behauptete doch immer, eine Freundin der Sterblichen zu sein und nicht zu wollen, dass ihnen ein Leid geschah. Aber wenn sie den Bann über Diran nicht aufheben würde, würde sie genau dieses Leid für ihn noch verlängern.

Kairon winkte Ketna heran, die er vorbeigehen sehen hatte. „Was ist mit ihrem telepathischen Zentrum, Scientist?“, fragte er. Dabei musste er sehr an sich halten und sich immer wieder sagen, dass Ketna ja an dem Ganzen keine Schuld trug, sondern eher die war, die sich jetzt bemühte, den Schaden wieder zu regulieren. „Wird es sich erholen?“ „Das kann ich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich noch nicht wirklich sagen, Kairon.“, sagte Ketna. „Das Ganze ist eine Situation, in der sich die Katze in den Schwanz beißt. Schauen Sie: Um sich allein zu heilen, bräuchte sie intakte Kräfte. Die hat sie jetzt aber nicht, da ihr telepathisches Zentrum geschädigt ist. Ich werde natürlich alles tun, das in meiner bescheidenen Macht steht, um ihr zu helfen, aber ich weiß nicht, ob das bei dem Grad der Schädigung ausreichen wird.“

Sie wandte sich kurz ab und Solthea zu, die etwas aus einem Schrank holte. Dann bat sie Kairon zu sich in ihr Sprechzimmer, das sich an das Krankenzimmer anschloss. Nur eine Tür trennte die Räume. Es war mit den üblichen Gegenständen eines Sprechzimmers auf einem Raumschiff der Sternenflotte eingerichtet. An der Wand, die der Tür direkt gegenüberlag, stand Ketnas Schreibtisch, der aus weißem repliziertem Buchenholz bestand. Davor befanden sich zwei im gleichen Farbton gehaltene Stühle. Einige kleine Figuren aus Glas auf dem Schreibtisch und ein bunter Wandteppich hellten die Atmosphäre im Raum optisch etwas auf, da er ansonsten mit seinen weißen Wänden doch sehr klinisch und steril wirkte.

Hier setzten sie und Kairon sich nun einander gegenüber an den Schreibtisch der Ärztin. „Was wollen Sie mir zeigen, Ketna?“, fragte der Mächtige. „Passen Sie auf.“, sagte der Scientist der Sternenflotte und stellte demonstrativ den Gegenstand auf den Tisch. Dabei handelte es sich um ein metallenes in seiner Farbe neutrales Gestell, auf dem das Modell eines telepathischen Zentrums aufgebaut war. Das Modell war schwenkbar, so dass es von allen Seiten betrachtet werden konnte.

Aus einer Schublade am Gestell zog Ketna jetzt zwei Hüllen hervor. Eine war rosa und die andere war schwarz. Die schwarze Hülle zog sie über das ansonsten in seiner Farbe neutral gehaltene Modell. Sie passte so genau und lag so eng an, das Kairon jetzt jede kleine Ader und jede Kammer sehen konnte. Es war ihm aber immer noch nicht ganz klar, was sie von ihm wollte. „Was hat Ihr kleines Experiment zu bedeuten, Ketna?“, fragte er. „Ich versuche Ihnen zu verdeutlichen.“, antwortete die Zeonide. „Wie es im Augenblick um das Zentrum Ihrer Schwester bestellt ist. Sie wissen, dass nicht mehr durchblutetes Gewebe schwarz wird. Dies soll durch die schwarze Hülle dargestellt werden. Bei einem intakten Zentrum sehe das so aus.“

Sie zog an einer Schlaufe und die schwarze Hülle hob sich vom Modell ab. Dann wurde sie durch das rosane Exemplar ersetzt. „Das sieht schon viel gesünder aus.“, sagte Kairon. „Bedauerlicherweise.“, erwiderte Ketna. „Ist dies aber nicht der Zustand, in dem sich Tolea jetzt befindet, sondern eher das.“ Sie tauschte die Hüllen wieder aus.

Kairon fuhr ein Schreck durch die Glieder. „Sie sagten gerade.“, setzte er an. „Dass nicht mehr durchblutetes Gewebe schwarz wird. „Bedeutet das etwa, dass sie ihr Zentrum verlieren wird, weil es abstirbt?“ „Wenn wir nichts täten.“, sagte Ketna ruhig. „Dann würde es das tatsächlich bedeuten, Kairon. Aber so weit sind wir noch nicht. Es gibt eine sehr vielversprechende Feldtherapie, die auf die nicht mehr durchbluteten Zellen wie eine Stimulation von außen wirkt. Vielleicht wissen Sie, dass die Natur die Blutversorgung zu Geweben einstellt, die der Körper nicht mehr benötigt, weil sie zu stark verletzt sind.“ „Das weiß ich.“, sagte Kairon. „Alles andere wäre ja nicht gerade effizient und die Natur verschwendet keine Ressourcen.“ „Das ist korrekt.“, sagte Ketna. „Wenn wir aber die Zellen von außen stimulieren, suggerieren wir dem Körper, dass noch Leben in Ihnen ist. Wenn wir damit früh genug anfangen, dann besteht eine echte Chance, dass sich ihr Zentrum wieder erholt.“ „Es gibt aber vielleicht noch einen anderen Weg.“, sagte Kairon. „Ich glaube, ich kann mir denken, woran Sie denken.“, sagte Ketna. „Aber auf einem toten Pferd kann man nicht reiten. Ihre Energie würde jetzt durch Toleas Zentrum gleiten wie ein Messer durch geschmolzene Butter. Außerdem haben meine Assistentin und ich berechnet, dass Sie so viel Energie aufbringen müssten, dass es am Ende Ihr Zentrum wäre, das sterben würde. Dann würden Sie hier liegen und wenn Ihre Schwester dann wieder das Gleiche bei Ihnen versuchen würde, dann …“ „Ich verstehe.“, antwortete Kairon. „Es ist ein Teufelskreis. Bitte nehmen Sie mir das nicht übel, Ketna. Aber ich fühle mich zum ersten Mal in meinem Leben so richtig hilflos!“

Die Zeonide holte tief Luft, sah ihn dann mild an und sagte: „Oh je, Kairon. Ihnen, als einem Mächtigen, muss das jetzt verdammt schwergefallen sein, dies über Ihre Lippen zu bringen.“ „So schlimm war das jetzt nicht mehr.“, sagte Kairon. „So langsam habe ich nämlich Übung darin. Es gibt einen gewissen tindaranischen Soldaten unter uns, der mich gewissermaßen schon gezwungen hat, das zu üben.“ „Sie meinen Shimar.“, sagte Ketna. Kairon nickte. „Na, ich bin neugierig, wie er das angestellt hat.“ „Ich werde es Ihnen bei Gelegenheit erzählen.“, sagte Kairon.

Er stand von seinem Stuhl auf. „Sie sagten.“, sagte er. „Dass Sie am liebsten keine Zeit mehr verlieren würden. Das bedeutet wohl, ich bin Ihnen im Moment im Weg. Bitte lassen Sie mich gehen, damit Sie mit der Behandlung meiner Schwester beginnen können.“ „Kein Problem.“, sagte Ketna, lächelte ihm noch einmal zu und zeigte dann stumm auf den Ausgang. Kairon nickte verständig und ging.

Kapitel 37: Rettung in letzter Minute!

von Visitor

 

Auf der Krankenstation von Zirells Basis hatte für Nidell gerade die Nachtschicht begonnen. Die junge Tindaranerin war gerade dabei, einige Akten auf den neuesten Stand zu bringen, als sich vor ihrem geistigen Auge über den Neurokoppler plötzlich das Gesicht des sehr erschrocken dreinschauenden Avatars des Stationsrechners zeigte. „Was ist los, IDUSA?“, fragte Nidell ebenfalls sehr alarmiert. „Es geht um Diran!“, sagte der Avatar schnell. „Er hat gerade ein Herzkammerflimmern erlitten!“ „Ich komme, IDUSA!“, sagte Nidell entschlossen, stand von ihrem Sitzkissen auf, zog ihren Neurokoppler ab und raste in das Krankenzimmer, in dem Diran lag. Die Büroarbeiten hatte sie in Ishans Sprechzimmer erledigen dürfen.

An ihrer neuen Wirkungsstätte angekommen schloss sie sofort wieder ihren Neurokoppler an einen Port in der Nähe des Biobettes an, um wieder mit IDUSA kommunizieren zu können. Der Rechner hatte dies registriert und ihre Reaktionstabelle umgeladen. Jetzt zeigte sie ihr auch einen medizinischen Monitor.

Sofort waren Nidell die Graphiken aufgefallen. Die versierte medizinische Assistentin wusste auch gleich, was sie bedeuteten. Diran war kurz vor dem Tod! Das war ihr klar. „Sie sehen ja, was los ist, Nidell.“, sagte IDUSA. „Ich benötige Ihre Erlaubnis, um den Schock auszulösen, der sein Herz wieder in den normalen Rhythmus bringt!“ „Die hast du, IDUSA!“, sagte Nidell fest. „Also gut.“, sagte der Rechner nüchtern. „Treten Sie bitte ca. zehn Schritte vom Biobett zurück, Nidell.“ „Das musst du mir nicht sagen, IDUSA!“, sagte die medizinische Assistentin, die jetzt zunehmend nervöser wurde. „Schließlich habe ich eine medizinische Ausbildung!“ „Meine Programmierung diktiert mir, die Personen, die mit mir zusammenarbeiten, über alle Eventualitäten zu informieren.“, sagte der Rechner. „Ausnahmen sind nicht vorgesehen, da auch ausgebildete Fachkräfte manchmal aus Nervosität Fehler begehen könnten. Würden Sie beispielsweise Ihre Hände am Patienten haben, während ich den Schock auslöse, würden Sie einen Schaden erleiden. Als Rechner dieser Station muss ich meine Crew vor Schaden bewahren und muss Sie daher informieren.“ „Schon klar.“, sagte Nidell und ging vorsichtshalber noch einen Schritt zurück. Sie wollte IDUSA von vorn herein verdeutlichen, dass sie die Situation im Griff hatte, auch wenn es aus Sicht des Rechners vielleicht nicht so aussah. IDUSA hatte ja auch Nidells medizinische Werte und wusste daher genau, wie nervös sie war, auch wenn die junge Tindaranerin dies nicht zugab.

Vor Nidells geistigem Auge wurde eine Skala mit Zahlen sichtbar, die sich von zehn abwärts Richtung null bewegten. Dann sah sie das Symbol eines Blitzes vor sich. Jetzt wusste Nidell, dass IDUSA den Schock ausgelöst hatte.

Auf dem Monitor vor Nidells geistigem Auge gab es keine Veränderung. „Darf ich die Leistung erhöhen, Nidell?“, fragte IDUSA. „Warte!“, befahl die medizinische Assistentin und ging zum Replikator, um eine Patrone mit einer Einheit Adrenalin zu replizieren. IDUSA, die dies durchaus bemerkt hatte, sagte darauf: „Wenn ich Sie nicht so gut kennen würde, Nidell und nicht wüsste, wie besonnen Sie sind, würde ich dies jetzt nicht ausführen, da die Entscheidung über die Gabe von Medikamenten eigentlich zunächst dem Urteil des leitenden medizinischen Offiziers obliegt. Sie, als Medical Assistant, haben diese Freiheit normalerweise nicht.“ „Ich weiß.“, sagte Nidell. „Aber dann verständige Ishan, IDUSA! Diran stirbt uns sonst unter den Händen!“ Der Avatar vor Nidells geistigem Auge nickte und dann führte IDUSA beide Befehle aus. Das kam für Nidell etwas überraschend. Die Erklärung des Rechners hatte offenbar nicht ausgereicht, um ihre Zweifel darüber zu beseitigen, dass sie das Adrenalin trotz IDUSAs Bedenken doch bekommen würde.

Mit der Patrone in der Hand ging Nidell hinüber zu einem Regal, auf dem einige Hyporen aufgereiht waren. Einen nahm sie herunter und steckte die Patrone auf. Dann ging sie damit zu Diran zurück und spritzte ihm das Medikament direkt ins Herz. Dass sie damit ein hohes Risiko einging, wusste Nidell. Aber sie wollte Diran auf keinen Fall verlieren!

Sie wandte sich IDUSA zu. „Schock ihn noch mal!“, befahl sie. „Aber mit der gleichen Stärke wie gerade! Ich will ihn ja nicht grillen und ich denke, das willst du auch nicht!“ „Das ist korrekt, Nidell.“, sagte der Rechner und führte Nidells Befehl aus. Tatsächlich begann Dirans Herz für wenige Sekunden im normalen Rhythmus zu schlagen. Dann aber verfiel es sofort wieder ins Flimmern. „Also gut, Diran.“, sagte Nidell. „Dann machen wir das eben anders!“

Sie atmete einmal tief durch und begann damit, sich auf Dirans Gesicht zu konzentrieren. Alsbald tauchte das Bild einer Felsenhöhle vor ihrem geistigen Auge auf. Ihre Wände bestanden aus Steinen, welche die Form von Buchstaben hatten. Hier konnte die junge Telepathin jetzt genau den Wortlaut des Banns ablesen. Sie, die sprachlich sehr versiert war, hatte auch sofort jenen Fehler gesehen, den Tolea gemacht hatte. Erschrocken wollte sie zunächst zurückweichen, aber dann gebot ihr ihr Pflichtbewusstsein doch, weiter nach Diran zu suchen, den sie auch bald in der Mitte der Höhle fand.

Der Vendar schien sehr froh, ihr endlich ansichtig zu werden. Jedenfalls konnte man das aus seinem Verhalten schließen. Nidell El Tindara!, dachte Diran. Ich bin so froh, dass du da bist! Bitte lass mich nicht mehr allein und vor allem lass nicht zu, dass ein Mächtiger aus dem Kontinuum noch einmal meinen Geist betritt! Bitte lass es nicht zu!

Nidell hatte genau jene Angst gespürt, die sich hinter diesem doch nicht sehr rationellen Wunsch Dirans verbarg. Sie und er wussten genau, dass, wenn es hart auf hart käme, sie allein sicher keine Chance hatte, Diran gegen Tolea oder einen anderen Mächtigen zu verteidigen. Sie wusste aber auch, wie verzweifelt der Vendar war. Dass in so einem Moment schon einmal die Angst mit einem durchgehen konnte, war ihr klar.

Sie visualisierte ihre ausgestreckte Hand. Dann dachte sie: Wir werden alles tun, was wir können, um dir zu helfen, Diran! Aber du darfst dich nicht abwenden und uns nicht verlassen, hörst du?! Du musst hierbleiben! Du musst durchhalten! Du darfst uns nicht verlassen! Wir werden einen Weg finden, um dir zu helfen. Darauf gebe ich dir meine Hand! Wenn du ebenfalls noch einen Funken Glauben daran hast, dann schlag ein!

Sie spürte seine Hand. „IDUSA, jetzt!“, befahl sie völlig außer Atem und angestrengt. „Sie müssen zuerst die telepathische Verbindung zu Diran lösen.“, sagte der Rechner. „Sonst könnte Ihnen der Energiestoß vielleicht auch schaden.“ „Das nehme ich in Kauf!“, sagte Nidell. „Was kann mir schon passieren, außer dass es ein bisschen wehtut! Na los, IDUSA!“ „Na gut.“, sagte IDUSA und löste den Schock aus. Tatsächlich verzog Nidell schmerzhaft das Gesicht und gab einen Schrei von sich. Von der Intensität, mit der dieses Ereignis selbst bei dem bewusstlosen Diran und somit auch bei ihr angekommen war, war sie offenbar überrascht worden.

„Es tut mir leid, Nidell.“, entschuldigte sich der Rechner und ihr Avatar vor Nidells geistigem Auge sah sie mitleidig an. „Ich wollte Ihnen nicht wehtun.“ „Schon gut, IDUSA.“, sagte Nidell mit blassem Gesicht. „Ich habe das wohl einfach unterschätzt. Was macht sein Herz?“ Sie deutete auf Diran. „Es schlägt wieder gleichmäßig.“, sagte der Rechner. „Sie haben das Martyrium gerade also nicht umsonst durchlitten. Ich habe Ishan alle Daten gegeben. Er war gerade live dabei. Die Tatsache, dass er Androide ist, verkürzt die Kommunikationswege zwischen ihm und mir doch sehr. Es kann sogar sein, dass er gleich Commander Zirell mitbringt. Ihnen aber rate ich, sich erst einmal zu setzen.“ „OK, IDUSA.“, sagte Nidell und zog sich eines der Sitzkissen näher an Dirans Bett, die im Krankenzimmer für Besucher an der gegenüberliegenden Wand standen. Dann setzte sie sich darauf und wartete auf die Dinge, die da kommen würden.

IDUSA hatte Ishan bereits in dem Moment über die Situation informiert, in dem Nidell das Medikament für Diran repliziert hatte. Der Androide hatte, sobald er ihr Rufzeichen im Display der Sprechanlage erkannt hatte, sofort sein Haftmodul aus der Tasche geholt und es angeschlossen. So konnte er sich viel direkter mit dem Rechner verständigen und wusste genau, was sich auf der Krankenstation zugetragen hatte. Parallel dazu hatte er mit Hilfe seines Sprechgerätes Zirell verständigt. Seine Stimme hatte er ja zur Kommunikation mit IDUSA nicht benötigt und außerdem war er multitaskingfähig. So hatten Zirell und er sich jetzt vor der Tür des Arbeitsbereiches des Mediziners getroffen. Der kurze Abriss der Situation, den der Arzt seinem Commander gegeben hatte, hatte Zirell sehr neugierig werden lassen.

„Ich bin gespannt, was deine Assistentin jetzt wieder angestellt hat.“, sagte Zirell und grinste ihn an. Sie wollte sichergehen, dass ihm klar war, dass ihr Satz nicht ganz ernstgemeint war. „Oh ich denke, Nidell wird gute Gründe für ihr Handeln haben.“, sagte Ishan. „Sie ist sehr pflichtbewusst und sehr verantwortungsvoll und würde sicher nichts tun, das unseren Patienten gefährden würde.“ „Und warum hat IDUSA dich dann aus dem Bett geklingelt?“, fragte Zirell flapsig. „Ich meine, warum hat sie dich aus dem Schlafmodus geholt?“ „Weil Nidell ein Medikament repliziert hat.“, sagte Ishan. „Das darf sie nicht ohne mein OK und das weiß IDUSA. Ich habe es ihr gegeben, nachdem sie mich über die Situation informiert hat. Nidell wird es Diran längst verabreicht haben.“ „Du kannst mir nicht zufällig sagen, worum es da ging?“, fragte Zirell. „Das könnte ich schon.“, sagte Ishan. „Ich fürchte nur, dass dich das ganze medizinische Fachchinesisch langweilen würde.“ „Oh das denke ich auch.“, stöhnte Zirell. „Also lassen wir es dabei.“ Der Androide nickte.

Sie betraten die Krankenstation. Sofort fiel Ishans Blick auf die blasse Nidell, die immer noch an Dirans Bett saß. „Was ist hier geschehen, Nidell?“, fragte er ruhig. Er hatte die Informationen zwar schon von IDUSA bekommen, wollte aber für Zirell noch einmal eine Zusammenfassung von Nidell persönlich bekommen. „Diran hatte einen Herzstillstand.“, sagte Nidell immer noch sehr fertig. „IDUSA musste ihn schocken und ich habe ihm Adrenalin verabreicht. Als das nicht half, habe ich telepathischen Kontakt zu ihm aufgenommen und seinen Geist in unserer Welt zu halten versucht. Dann habe ich IDUSA noch einmal befohlen, ihn zu schocken. Das hat sie auch getan, obwohl sie erst Einwände hatte. Auf die hätte ich wohl auch hören sollen. Das Erlebnis war ganz schön