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Zirell hatte mich in ein leeres Quartier geführt. Warum sie das tat, konnte ich mir nicht erklären, hoffte aber um so mehr auf eine Erklärung von ihr. Diese erfolgte auch sogleich. „Kamurus hat uns ein Datenpaket überspielt.“, erklärte die tindaranische Kommandantin. „Jenna hat gesagt, es enthielte ein Programm zur Replikation von genesianischer Kleidung. Ich denke, die sollte für Ginalla und dich sein. Wenn du deinen Clanuntergebenen entgegentrittst, musst du ja schließlich standesgemäß auftreten.“ „Es heißt Clanschwestern, Zirell!“, verbesserte ich. „Oh, tut mir leid.“, entschuldigte sie sich. „Aber ich fürchte, du wirst mir sowieso noch viel über die Genesianer erklären müssen. Warum hast du überhaupt ein so gutes Verständnis für sie? Ich dachte immer, die Genesianer seien die Feinde der Föderation und keine fremde Kultur, über die es wert sei …“ „Willst du mich testen?!“, fragte ich mit leichter Empörung in der Stimme und richtete mich vor ihr auf. „Na also.“, sagte Zirell. „Da ist sie ja, die Haltung einer genesianischen Kriegerin.“ „Darum ging es dir also die ganze Zeit.“, sagte ich. „Genau.“, gab sie zu. „Aber es gibt tatsächlich ein paar Dinge, die ich nicht verstehe.“ „Dann werde ich sie dir eben erklären.“, sagte ich und wandte mich dem Auswurffach des Replikators zu, vor dem mich Zirell geparkt hatte. Hier waren ein genesianischer Brustpanzer, ein ebensolcher Unterleibsschutz und die üblichen Schuhe zum Vorschein gekommen. Außerdem der Kampfhelm, der übliche Gurt mit dem traditionellen Dolch und das Schulterhalfter für den Phaser. Außerdem der Perlenkragen, der meine Zugehörigkeit und mein Amt zum und im Clan der Ginalla auch anderen offenbarte.

Zirell drehte sich um. „Darf ich bleiben, während du dich umziehst?“, fragte sie. „Sicher.“, sagte ich, während ich meine Sternenflottenuniform ablegte. „Du bist ja auch eine Frau und kannst mir somit nichts wegschauen. Außerdem beantworten sich deine Fragen doch dann mit Sicherheit viel besser.“ „Davon gehe ich auch aus.“, sagte Zirell und setzte sich auf einen Mauervorsprung. Dann sah sie mir zu, wie ich die genesianische Kleidung anlegte. Danach stolzierte ich vor ihr auf und ab. „Hübsch!“, kommentierte sie mein Aussehen. „Wenn du meine Meinung hören willst, das steht dir viel besser als deine Uniform. Es gibt dir so ein erhabenes Aussehen. Aber über Mode lässt sich ja bekanntlich gut streiten.“ „Das lass aber meinen Commander nicht hören.“, grinste ich. „Ich werde mich hüten.“, versprach sie.

Ihre Augen schienen nicht von dem um meinen Nacken gelegten Perlenkragen weichen zu wollen. „Welche Bedeutung haben die einzelnen Perlen genau?“, fragte Zirell interessiert. „Kannst du solche Kragen lesen? Ich meine, du bist wohl die einzige Sternenflottenoffizierin, die so viel von den Genesianern versteht, wie ich es noch nie gesehen habe. Du musst den Unterricht zum Thema verstehe deinen Feind ja regelrecht verschlungen und deinen armen Professor auf der Akademie extrem gelöchert haben.“ „Oh ja.“, sagte ich. „Aber auch meine Klassenkameraden meinten, dass ich eine sehr wissbegierige Kadettin war. Aber du machst die ganze Zeit einen Denkfehler, Zirell. Du redest immer von Feindschaft. Ich könnte mich jedes Mal schütteln, wenn ich auch unsere Politiker und das Oberkommando so reden höre. Die scheinen nicht zu kapieren, dass der einzige Grund, aus dem die Genesianer mit uns Krieg führen, der ist, dass sie uns als gleichwertige und ehrenvolle Gegner sehen, mit denen sich zu messen ihren toten Kriegerinnen den Zugang ins Gore verschafft. Für eine genesianische Kriegerin ist dies das höchste Ziel, das sie erreichen kann.“ „Eine reichlich lebensverneinende Einstellung, wenn du mich fragst.“, sagte Zirell. „Da ist so manche Religion auf der Erde aber auch nicht besser!“, verteidigte ich die genesianische Philosophie. „Da scheint es ja auch Fälle zu geben, in denen man die ganze Zeit darauf hinarbeitet, ins Paradies zu kommen, aber kein Interesse daran zu haben scheint, dieses ach so schlimme Jammertal Leben besser zu machen, weil man es ja eh irgendwann wieder verlässt!“

Sie gab einen Laut von sich, der mir sagte, dass ich sie damit ganz schön getroffen haben musste. „Na ja.“, meinte sie nur. „Den Göttern sei Dank, kann ja jeder heutzutage mit dem Glauben glücklich werden, den er oder sie für sich wählt. Aber wir haben auch keine Zeit zum Philosophieren. Ihr müsst schließlich noch einen genesianischen Clan hierher einladen, Erbprätora.“ „Das muss ich fürwahr, Tindaranerin.“, schauspielerte ich. „Aber du hattest doch auch noch eine Frage, Zirell.“

Ich nahm meinen Perlenkragen wieder ab und hielt ihn in ihre Richtung. Dabei zeigte ich auf die oberste und dickste Perle. „Du siehst.“, erklärte ich. „Dass die Perlen, aus denen das Grundmuster des Kragens besteht, alle klein sind. Nur einige heben sich in Größe und Farbe von den anderen ab. Ist die Perle, auf die ich gerade zeige, blutrot, Zirell?“ „Ja, das ist sie.“, antwortete die Tindaranerin. „Dann ist es Ginallas Perle.“, sagte ich. „Die darunter müsste etwas heller sein.“ Sie gab einen bestätigenden Laut von sich. „Dann ist es meine.“, gab ich eine weitere Erklärung ab. „Die Grundfarbe der Perlen, aus denen der Kragen an sich besteht, ist genau so wie deine Perle.“, sagte sie. „Aber ich verstehe nicht, warum die Perlen darunter alle in einer Reihe sind.“ „Sie symbolisieren all meine Schwestern.“, sagte ich. „Moment mal.“, meinte Zirell. „Du willst mir doch nicht wirklich sagen, dass die alle leibliche Schwestern sind und von dir und Ginalla schon mal gar nicht.“ „Natürlich nicht.“, stöhnte ich. „Wenn ich in diesem Zusammenhang von Schwestern rede, meine ich Clanschwestern. Wir gehören schließlich alle zum Clan der Ginalla. Lass IDUSA doch mal Ginallas Kragen replizieren. Dann zeige ich es dir noch einmal im Vergleich.“ „OK.“, sagte Zirell und ließ den Rechner den von mir vorgeschlagenen Befehl ausführen. „Warum ist die Perle der Prätora eines Clans eigentlich immer blutrot?“, wollte sie wissen. „Weil das Blut für die Genesianer eine heilige Flüssigkeit ist.“, antwortete ich. „Die Allerheiligste, um genau zu sein.“ „Aha.“, sagte Zirell. „Und dann wird sie auch sicher nicht einfach so vergossen.“ „Oh, nein!“, bestätigte ich fest. „Dafür muss es schon einen ebenso heiligen Grund geben.“ „Wie einen Krieg mit einem ehrenhaften Gegner.“, ergänzte Zirell. Ich nickte. „Aber wie kommen die damit klar, dass auf Sternenflottenschiffen auch Männer dienen dürfen?“, fragte Zirell. „Da gibt es Verhaltensprotokolle für uns.“, erklärte ich, die genau wusste, worauf Zirell hinaus wollte. „Und wenn man die Waffenkontrolle in den Maschinenraum transferieren muss, damit sie nicht durch die Hand eines Mannes unehrenhaft zu Tode kommen. Dass die Sternenflotte sich so strikt an die Buchstaben der eigenen Gesetze hält, andere Kulturen sogar im Kriegsfall zu respektieren, hat sie in den Augen der Genesianer ja erst zu einem ehrenvollen Gegner gemacht.“ „Verstehe.“, sagte Zirell. „Aber nun folgt mir bitte, Erbprätora.“

Sie führte mich zur Kommandozentrale. Hier ließ sie mich auf einem Stuhl ganz in ihrer Nähe Platz nehmen. Dann gab sie mir einen Neurokoppler. Ich setzte den Helm kurz ab und den Koppler dafür auf. Dann zeigte sich mir IDUSA. „Dank Kamurus’ Datei bin ich bereits informiert.“, sagte der Avatar der Basis. „Mit welchem Rufzeichen soll ich Sie verbinden, Allrounder?“ „Das siehst du gleich, IDUSA.“, sagte ich und gab per Gedankenbefehl das Rufzeichen von Salmoneas Schiff und auch die der anderen genesianischen Shuttles in eine Konferenzschaltung ein. „Ah, ja.“, sagte IDUSA. Dann stellte sie die Verbindung her, ohne weitere Fragen zu stellen. „Kriegerinnen des Clans der Ginalla.“, wendete ich mich auf Genesianisch an ebendiese. „Ich, Betsy Tochter von Renata Erbprätora des Clans der Ginalla, lade euch hiermit in die tindaranische Dimension ein, um gemeinsam mit den Tindaranern gegen Sytanias unehrenhaften Plan vorzugehen! Kommt zur Basis 281 Alpha und lasst uns dort gemeinsam beraten!“ „Wir folgen Eurer Einladung, Erbprätora!“, gab Salmonea fest zurück und auch alle anderen pflichteten bei. Zirell, die nicht wirklich verstanden hatte, was ich gesagt hatte, sah mich fragend an. „Du wirst wohl einige Parkplätze freimachen müssen.“, übersetzte ich flapsig.

„Haben die genesianischen Schiffe denn überhaupt interdimensionale Antriebe, Allrounder?“, wollte Maron wissen, der sich auf Zirells Zeichen hin zuerst gemeinsam mit Joran unter dem Pult verkrochen hatte und jetzt langsam und behäbig wieder hervorkam. „Sicher, Agent.“, sagte ich, als sei es das Natürlichste der Welt. Er seufzte. „Na, ganz so schlimm wird es schon nicht sein, Maron.“, tröstete Zirell. „Die Electronica legt in zehn Minuten schon mal ab. Die nehmen Ribanna auch mit zurück. Das macht schon mal ein großes Schiff weniger. Den Rest kriegen wir sicher auch noch irgendwie geregelt. IDUSA, um wie viele Schiffe handelt es sich?“ „60 genesianische Kampfshuttles, Commander.“, sagte der Rechner. „Oh.“, meinte Zirell. „Da werden wohl einige tatsächlich in zweiter Reihe parken müssen. Betsy, wem kann ich das zumuten und wem nicht? Ich glaube, dabei werde ich noch deine Hilfe brauchen.“ „Sicher, Zirell.“, lächelte ich.

Sie setzte sich ebenfalls und ich bekam den Eindruck, dass sie noch über etwas nachdachte. „Woher kommen eigentlich die ganzen Kriegerinnen, Betsy?“, fragte sie. „Aus Splitterclans vermute ich, Zirell.“, lautete meine Antwort. „Was zur Hölle sind Splitterclans?“, fragte die meinem Eindruck nach schon leicht mit der Situation überforderte Tindaranerin. „Das sind Reste von Clans, die immer dann entstehen, wenn zum Beispiel ein Clan durch den Tod seiner Prätora aufgelöst wird, weil es keine Nachfolgerin gibt.“, klärte ich sie auf. „Ach so.“, sagte sie. Dann nahmen wir die Koordination der Shuttles gemeinsam in Angriff.

Shimar Ginalla und Kamurus waren vor Brotheas in Position gegangen, nachdem das Schiff seinem Freund ihr Vorhaben erklärt und dieser sich damit einverstanden gezeigt hatte. „So, Ginalla.“, sagte der junge Tindaraner, nachdem er sich noch einmal die genaue Lage des Tumors hatte geben lassen. „Jetzt geht sie gleich los, die wilde Achterbahnfahrt. Am besten, du hältst dich gut fest und Kamurus aktiviert dein Sicherheitskraftfeld.“ „Und was is’ mit dir?“, flapste Ginalla. „Ich kann mich auch so halten.“, sagte Shimar. „Das habe ich ja schließlich gelernt.“ „Darf ich vielleicht mit den Umweltkontrollen …?“, schlug Kamurus vor. „Nein!“, sagte Shimar energisch. „Wenn du die Umweltbedingungen veränderst, fühle ich deine Bewegungen nicht mehr. Aber das ist extrem wichtig bei Kunstflugmanövern. Was ich sehe, reicht da bei Weitem nicht aus. Zumal dann nicht, wenn wir uns innerhalb eines Wesens bewegen, das wir mit einer falschen Steuerbewegung verletzen könnten.“ „Also gut.“, sagte Kamurus. „Aber da dies ein medizinischer Eingriff ist, möchte ich dich noch etwas fragen. Möchtest du eine Verbindung mit Ishan? Ich meine, er weiß sicher auch nicht viel über Operationen bei bioplasmischen Wesen, aber wenn ich ihm unsere Daten gebe, könnte er vielleicht im Hintergrund als Informationsquelle dienen und unser Tun gegebenenfalls absegnen.“ „Gute Idee.“, sagte Shimar. „Wenn er Zeit hat?“, „Das werden wir ja gleich sehen.“, sagte das Schiff und initiierte die Verbindung.

Tatsächlich hatte Ishan einige Minuten, denn Loridana und er hatten sich die Aufsicht über Professor Radcliffe geteilt und sie war dran gewesen. Nachdem der Androide die Daten studiert hatte, die ihm Kamurus überspielte, sagte er: „Das sieht von meiner Warte her sehr gut aus, was ihr da ausbaldowert habt. Ich denke auch, dass es gute Chancen hat, zu funktionieren. Ich biete mich hiermit sogar als euer Narkosearzt an. Ich will damit sagen, dass ich die Biozeichen unseres Freundes überwachen werde. Dann ist Kamurus damit schon mal entlastet und hat mehr Arbeitsspeicher zur Verfügung, um vielleicht schneller auf eure Befehle reagieren zu können. Das könnte vielleicht sogar entscheidend sein.“ „Also gut.“, sagte Shimar und auch Kamurus’ Avatar machte ein erleichtertes Gesicht. „Ich hoff’ nur.“, meinte Ginalla. „Dass wir die Verbindung auch noch halten können, wenn wir in Brotheas’ Innerem sind.“ „Ich halte das nicht für problematisch.“, tröstete Shimar. „Aber wenn du ganz sicher gehen willst, können wir ja eine Boje mit einem Verstärker absetzen, die das Signal übermittelt.“ „Wäre mir schon lieber.“, sagte die Celsianerin. „Na dann.“, sagte Shimar und wandte sich an das Schiff: „Du hast sie gehört.“ Der Avatar nickte und Kamurus setzte die Boje ab. Dann leitete er die Verbindung mit 281 Alpha darüber um.

„Ist jetzt alles bereit?“, fragte Ishan. „Ja.“, nickte Shimar. „Gut.“, sagte der Androide. „Dann speichere ich jetzt die Biozeichen eures Freundes, wie sie jetzt sind, als Basiswert.“ „Tu das.“, sagte Shimar. Dann fragte er in Kamurus’ Richtung: „Wirst du ausführen, was ich dir befehle, ohne es zu hinterfragen? In einigen Fällen könnte uns eine Erklärung vielleicht wertvolle Sekunden kosten. Ich werde vielleicht merkwürdige Manöver von dir verlangen, die du noch nie geflogen hast.“ „Schon gut, Shimar.“, sagte das Schiff. „Verlang von mir, was du willst. Ich vertraue dir, wenn man bei einer künstlichen Intelligenz wie mir überhaupt von Vertrauen reden kann. Aber ich weiß, dass du ein ausgebildeter Kunstflieger bist und daher sicher genau weißt, was du tust.“ „Danke, mein Freund.“, sagte Shimar. Dann befahl er gleichzeitig laut und in Gedanken, damit Ginalla es auch mitbekam: „E-Trimmung aus, Kamurus, und dann setz die vordere Impulsspule unter Energie, als wolltest du steigen!“ Ohne zu zögern führte Kamurus die Befehle aus, was zur Folge hatte, dass er bald nicht mehr gerade, sondern schräg im Weltraum stand. Die Position seines Hecks war aber so, dass es bereits in Brotheas’ aufgehaltenen Mund ragte. „Verschaff mir einen Rund-Um-Blick.“, befahl Shimar. Auch das tat Kamurus. „OK.“, stellte der Tindaraner fest. „Das passt. Jetzt Schubumkehr und danach den Winkel so lange weiter anspitzen, bis du auf deinem Heck stehst! Dann weiter rückwärts!“

Ginalla hatte durchaus mitbekommen, in was für einer Lage sie sich jetzt befanden. „Oh, Gott!“, meinte sie. „Bilde ich mir das ein? Oder liegen wir beide wirklich auf dem Rücken, Shimar?“ „Die erste Frage kann ich dir mit nein, die zweite mit ja beantworten.“, sagte Shimar, dem die Manöver im Gegensatz zu seiner celsianischen Freundin richtig Spaß zu bereiten schienen. „Das ist doch wohl die logische Folge, wenn dein Schiff auf seinem Heck steht. Kamurus, zeig mir mal die Position deiner Warpspulen in Relation zum Umfeld des Tumors!“ „Wie du wünschst.“, sagte der Avatar und sah Shimar erstaunt an. „Worüber staunst du?“, fragte dieser. „Ich staune.“, sagte Kamurus. „Weil ich nicht geglaubt hätte, dass ich so etwas überhaupt zuwege bringen kann.“ „Man lernt doch nie aus.“, grinste Shimar.

Er hatte sich die Positionierung der Warpspulen angesehen. „Das passt noch nicht ganz.“, stellte er fest. „Dein Warpfeld würde den Tumor und seine Umgebung nur halb abdecken. Ich muss dich drehen und dann versuchen wir einen neuen Anflug.“ „Wie willst du ihn denn in dieser engen Umgebung drehen?!“, fragte Ginalla, der es aufgrund ihrer Position im Sitz schon leicht übel wurde. „Zwischen dem Tumor und der Wand dessen, was ich als Speiseröhre erkennen würde, is’ doch kaum Platz! Wir passen da mal gerade so rein und du willst uns drehen?!“ „Hast du schon mal was von einer Heckschraube gehört?“, fragte Shimar. „Nein.“, sagte Ginalla. „Aber verschone mich bitte mit Details. Mir is’ schon schlecht!“

Kamurus replizierte eine Spucktüte und beamte sie direkt in ihre rechte Hand. „Sehr aufmerksam, Kumpel.“, stöhnte Ginalla und entließ ihren gesamten Mageninhalt hinein. Dann beförderte sie die Tüte in die Materierückgewinnung. Shimar warf ihr einen sorgenvollen Seitenblick zu. „Kriegst du das mit den Waffen trotzdem hin?“, wollte er wissen. „Das kann doch ’ne Ginalla nich’ erschüttern!“, sang sie, um seine Sorgen zu zerstreuen. „Na dann!“, meinte er und befahl Kamurus, seine rechte Impulsspule mit voller Energie zu versorgen. Dadurch drehte er sich tatsächlich wie ein Kreisel auf seinem Heck einmal um die eigene Achse. Dieses Manöver führten sie so lange durch, bis der Tumor vollständig zwischen Kamurus’ Warpspulen eingeschlossen war. „So, Kamurus!“, sagte Shimar. „Jetzt gib mal für eine Sekunde Energie auf alle Warpspulen!“ „Aber dann schießen wir doch …!“, meldete Ginalla Bedenken an. „Wir schießen gar nicht!“, korrigierte Shimar. „Eine Sekunde reicht noch nicht mal aus, um ein Warpfeld aufzubauen. Das wird allerhöchstens ein Warprülpser, aber nicht mehr. Aber es wird reichen, um den Tumor und sein Umfeld zu betäuben, hoffe ich. Wir werden nämlich im Gesunden schneiden müssen, wenn wir sicher gehen wollen, ihn richtig zu entfernen, nicht wahr, Ishan?“ „Du hast Recht.“, gab der Androide über die Verbindung zurück. „Und die Einzige, die gleich schießt, wirst du sein, Ginalla.“, sagte Shimar. „Sobald ich dir sage und solange ich dir sage, lässt du den Phaser Dauerfeuer abgeben! Kamurus, sobald sie das tut, feuerst du aus den Achterrampen die neu konfigurierten Torpedos ab!“ „OK.“, stimmten das Schiff und Ginalla zu. Dann setzte Kamurus für eine Sekunde seine Warpspulen unter Energie.

Auf 281 Alpha hatte sich Ishan die neuen Daten angesehen. „Faszinierend.“, stellte er fest. „Die Warpenergie von Kamurus scheint tatsächlich auf einem Frequenzband zu schwingen, das bestimmte Signale nicht mehr zum Gehirn des Wesens durchlässt. Trotzdem solltet ihr euch beeilen. Die Betäubung wird nur so lange anhalten, bis sich die Energie verflüchtigt hat.“ „Wir werden uns das zu Herzen nehmen, Ishan.“, sagte Shimar. „Was machen Brotheas’ Biozeichen?“ „Er ist noch immer ganz ruhig, soweit ich das beurteilen kann.“, sagte Ishan. „Also dann.“, sagte Shimar und befahl in Kamurus’ Richtung: „Langsam voraus! Ginalla, du fängst an zu schießen!“ Der Schiffsavatar und die Celsianerin nickten und taten das, was ihnen Shimar soeben gesagt hatte. Ginalla aber konnte immer noch nicht ganz einordnen, was um sie herum geschah. „Warum habe ich das Gefühl, dass wir steigen, wenn wir doch eigentlich vorwärts fliegen?“, fragte sie. „Weil Kamurus immer noch auf seinem Heck steht.“, erklärte Shimar. „Die Spule, die ihn sonst nach vorn drückt, befindet sich ja dort.“ „Stimmt ja auch.“, sagte die Celsianerin. „Da hätte ich auch drauf kommen müssen. Aber bei der ganzen Dreherei weiß ich ja schon nich’ mehr, wo mir der Kopf steht.“ „Das war ja noch gar nichts.“, sagte Shimar und ließ Kamurus auf die Seite kippen, um ihn dann an der Vorderseite des Tumors entlang schweben zu lassen. Danach stellte er ihn auf seinen Bug. So nahmen sie die andere Seite in Angriff.

Plötzlich erschien Ishans alarmiertes Gesicht auf dem virtuellen Schirm vor ihren geistigen Augen. „Hört sofort auf zu schneiden!“, sagte er. „Brotheas’ Stresslevel steigt an. Ich glaube, er merkt was und das nicht zu knapp.“ „Wie kann das sein?!“, fragte Shimar zurück. „Das Umfeld des Tumors ist noch gut mit Warpenergie gesättigt. Er dürfte eigentlich nichts spüren.“ „Das weiß ich nicht.“, sagte Ishan. „Tatsache aber ist, dass er laut den Daten, die ich hier empfange, wirklich etwas spürt.“

„Stell das Feuer ein, Ginalla!“, sagte Shimar leicht frustriert. „Und jetzt lasst uns mal gemeinsam überlegen, was wir falsch gemacht haben.“ „Wir waren doch fast fertig.“, stellte Kamurus fest. „Es fehlte doch nur noch der untere Teil des Tumors.“ „Das stimmt.“, sagte Shimar und zog nachdenklich die Stirn kraus. „Aber das können wir ihm jetzt so eben nicht zumuten. Wir müssen aber rauskriegen warum nicht!“ „Ich hätte ’ne Idee, Fliegerass.“, meinte Ginalla. „Dann raus damit!“, sagte Shimar. „Wenn der Tumor nur noch am seidenen Faden hängt.“, sagte sie. „Dann dürfte sein Gewicht ordentlich am Gewebe ziehen. Ich denke, das is’ das, was Brotheas merkt. Wenn wir den Tumor irgendwie abstützen würden, während wir den Rest schneiden, dürfte das schon helfen. Wir müssten ihn auf einer Art Kissen lagern, versteht ihr?“ „Aber klar doch!“, sagte Shimar. Dann befahl er Kamurus: „Die gleiche Strecke langsam zurück! Dann schiebst du deinen Bug unter den Tumor und hebst deine Schilde, die das Dach schützen. Du musst sie der Struktur des Tumors so anpassen, dass er quasi auf ihnen abgefedert wird.“ „Verstanden.“, sagte Kamurus und führte Shimars Befehle aus.

„Ishan.“, sagte Shimar wenig später. „Wir sind jetzt unter dem Tumor und stützen ihn ab. Was macht der Stresslevel?“ „Der ist wieder auf null gesunken.“, sagte der Androide mit zufriedenem Ausdruck in der Stimme. „Exzellente Arbeit von euch dreien. Versucht jetzt bitte vorsichtig, den Rest abzuschneiden. Aber vergesst auch hier die Blutstillung bitte nicht.“ „Für wie dumm hältst du uns?“, fragte Ginalla. „Ich wollte euch ja nur daran erinnert haben, dass ihr es hier mit einem empfindungsfähigen Wesen zu tun habt.“, sagte Ishan. „Wissen wir.“, sagte Shimar. Dann befahl er Kamurus: „Langsam voraus!“ Und in Ginallas Richtung: „Du schießt weiter!“ „Wird erledigt, Chef!“, flapste die Celsianerin lächelnd.

Auf diese Weise hatten sie tatsächlich bald den gesamten Tumor gelöst. „Das wär’s.“, sagte Shimar erleichtert. „Kamurus, befördere das unselige Ding in den Weltraum!“ „Wird gemacht, Shimar.“, sagte das Schiff, erfasste den Tumor mit dem Transporter und beamte ihn weit weg.

„Unser Patient scheint die Operation gut überstanden zu haben.“, meldete Ishan, nachdem er die Biozeichen des Wesens noch einmal studiert hatte. „Er wird sich zwar noch etwas schonen müssen, aber er wird überleben. Das habt ihr wirklich gut hinbekommen.“ „Ohne deine Hilfe hätten wir das sicher nicht geschafft.“, sagte Shimar. „Du warst der beste Narkosearzt, den man sich nur wünschen kann.“ „Das Kompliment gebe ich gern zurück.“, sagte Ishan bescheiden. „Du warst auch der beste leitende Chirurg, den sich Brotheas hätte wünschen können und Ginalla war wohl die talentierteste und ideenreichste OP-Schwester.“ „Und was ist mit mir?!“, fragte Kamurus und gab sich sehr große Mühe, seiner Stimme einen leichten Anflug von Eifersucht zu verleihen. „Du.“, sagten alle drei anderen wie aus einem Munde. „Du warst wohl das beste und einfallsreichste Operationsbesteck, was man sich wünschen kann!“ „Vielen Dank.“, sagte das Schiff. „Aber wir sollten uns nicht mehr länger als nötig hier aufhalten.“ „Ist schon OK.“, sagte Shimar und gab ihm den Befehl zum Steigflug, der sie wieder aus Brotheas’ Speiseröhre führte. Dann machten sie sich in Richtung 281 Alpha auf den Weg.

Zirells und meine Wege hatten sich wieder getrennt. Sie hatte ja noch etwas auf der Krankenstation zu tun, sofern sich Radcliffe damit einverstanden erklären würde und ich musste schließlich meinem Commander noch einiges gestehen. Sie wusste ja schon, dass ich durch einen Zufall Erbprätora eines genesianischen Clans geworden war und die Sache mit meiner Rolle in Radcliffes Verwandlung vom Niemand zum Wäscher vom Mars war ihr auch klar. Aber sie wusste ja noch nichts von dem Gedanken an die alternative Zeitlinie, der mir gegenüber Lycira rausgerutscht sein musste. Ansonsten ließ sich ja nicht erklären, warum Sharie Mikel so gut helfen hatte können. Der erste Offizier der Granger hatte nämlich während unserer Konferenz auch seinen Bericht abgegeben.

Ich ließ Commander Kissara also durch IDUSA lokalisieren, die mir sagte, dass sie auf unserem Schiff in ihrem Quartier zu finden sei, das noch immer an der tindaranischen Basis angedockt war. Dort ging ich nun also hin. Obwohl mir mein Herz bis zum Hals schlug, wollte ich ihr die Wahrheit sagen. Alles andere hätte sie sicher nicht von mir erwartet und es hätte sie auch schwer enttäuscht.

Vor ihrer Tür angekommen betätigte ich die Sprechanlage. „Wer ist dort?“, fragte ihre schmeichelnde Stimme. Sie musste wohl nicht auf das Display geschaut haben. „Hier ist Allrounder Betsy, Commander.“, sagte ich. „Ich muss Ihnen etwas gestehen. Darf ich reinkommen?“ „Herrje!“, rief sie aus. „Sie sind ja völlig durch den Wind! Kommen Sie erst mal rein und dann sagen Sie mir, was in Gottes Namen mit Ihnen los ist!“

Die Tür glitt zur Seite und ich betrat ängstlichen Gemütes ihr Quartier. Im selben Augenblick fasste mich aber auch schon eine ihrer weichen Hände, die mich an die Pfoten einer Katze erinnerten. So führte sie mich dann also in ihr Wohnzimmer auf die Couch. Sie selbst setzte sich neben mich. „Nun, Allrounder.“, schmeichelte sie. „Was haben Sie denn nun auf dem Herzen? Es kann doch nun wirklich nichts so schlimm sein, dass man es nicht mit einem einfachen Gespräch aus der Welt schaffen könnte.“ „Ich fürchte, da irren Sie sich dieses Mal, Commander.“, sagte ich. „Für das, was mir passiert ist, gehört mir normalerweise das Offizierspatent entzogen und Dill dürfte mich wieder in mein Jahrhundert zurückschicken und mir jede Erinnerung an meine Zeit hier nehmen, um mich zu bestrafen. Eine Pendlerin zwischen den Jahrhunderten zu sein, hätte ich sicher längst nicht mehr verdient.“ „Dann wollen wir doch mal abwarten, ob der Herrscher und Beschützer der Zeit wirklich so hart über Sie urteilt.“, sagte Kissara und hängte ihren grünäugigen Katzenblick an die Zeitanzeige ihres Sprechgerätes. „Wenn Sie von Dill nicht binnen einer Minute von hier entfernt werden, mache ich mir keine weiteren Sorgen.“ Sie ließ den Computer die Zeit stoppen.

Die Minute war quälend langsam vergangen und dann fragte sie: „Computer, befindet sich Allrounder Betsy Scott immer noch in meinem Quartier?“ „Affirmativ.“, kam es nüchtern zurück. „Merkwürdig.“, sagte sie langsam und bedächtig. „Mir scheint, dass Dill doch nicht so ein strenger Richter zu sein scheint. Aber was ist denn überhaupt passiert?“ „Ich habe mich eines schlimmen Verbrechens gegen die Oberste Temporale Direktive schuldig gemacht, Madam.“, sagte ich und begann fast zu weinen. Dann versuchte ich, mein Rangabzeichen von meiner Uniform zu entfernen. Da ich aber sehr nervös war, gelang es mir nicht, die Schließe zu öffnen. „Ach du meine Güte!“, lachte sie und ich hatte das Gefühl, dass sie mich nicht ganz ernst nahm. „Das muss ja ein ganz schlimmes Verbrechen sein! Sagen Sie bitte nicht, Sie hätten versucht, einem Dinosaurier den Warpantrieb zu erklären.“

Jetzt musste auch ich kurz lachen, denn die Bilder, die sich angesichts der von ihr beschriebenen Situation in meinem Kopf formten, waren wirklich sehr lustig. Schließlich hätte ich wohl eher als im Ganzen geschluckter Frühstückshappen für so ein Tier geendet, bevor ich überhaupt damit hätte anfangen können. Auf dem Weg zum Magen hätte ich wohl noch gerade mit meinem Vortrag beginnen können, bevor …

Ich riss mich aber sofort wieder zusammen und machte ein ernstes Gesicht. „Bei allen Göttern!“, sagte sie schließlich. „Was muss ich tun, um Sie dazu zu bringen, endlich mit der Sprache rauszurücken?!“ „Ich habe einen falschen Gedanken gegenüber Lycira fallen lassen!“, schrie ich schließlich und begann zu zittern.

Ihre Reaktion erstaunte mich, denn statt mich zu tadeln, zog sie mich plötzlich an sich und schnurrte: „Und jetzt erklären Sie mir noch mal alles ganz von Vorn. Aber schön langsam und ganz ruhig. Sie wissen doch, dass ich niemand bin, der vorschnell urteilt.“

Sie wartete, bis ich mich beruhigt hatte. Dann sagte ich: „Sie wissen, wie mein Schiff und ich kommunizieren. Dabei muss mir ein Gedanke an eine alternierende Realität rausgerutscht sein, in der Sharie, das ist Tcheys Schiff, einer Q, die von Sytania verblendet war, also Tolea, die Augen geöffnet hat. Lycira muss Sharie davon erzählt haben. Sonst hätte sie sicher nie den Mut gefasst, Mikel beim Kampf gegen Sytania im Reich der Toten zur Seite zu stehen. Sie hat verhindert, dass Sytania es erobert und meine geistige Energie vernichtet hat.“ „Und Sie finden schlimm, dass Sharie das getan hat?!“, fragte Kissara entrüstet. „Sie finden schlimm, dass Sharie das Reich der Toten vor einer Eroberung durch Sytania bewart hat? Sie haben Recht. Das wäre wirklich ein Verbrechen! Es wäre Hochverrat, wenn Sie das schlimm finden würden!“ „Bei allem Respekt, Commander!“, sagte ich empört. „Können oder wollen Sie mich nicht verstehen?! Natürlich finde ich es gut, dass Sytania das Reich der Toten nicht erobert hat. Ich mag mir gar nicht ausmalen, welche Möglichkeiten sie von dort aus als ohnehin schon Mächtige hätte. Aber wie es dazu gekommen ist, das …“ „Ja, wie es dazu gekommen ist, Betsy.“, sagte Kissara. „Machen wir mal ein bisschen temporale Mechanik. Was wäre Ihrer Ansicht nach denn geschehen, wenn Ihnen der Gedanke nicht rausgerutscht wäre?“ „Dann hätte Sharie vielleicht nie den Mut gefunden und dann … Oh, mein Gott!“, begriff ich. „Sehen Sie?“, fragte sie und schnurrte so heftig, dass die Vibrationen durch meinen ganzen Körper gingen. „Sie mögen es als Fehler betrachtet haben, dass Sie auf Radcliffes Bitte damals eingegangen sind. Aber das bedeutet nicht, dass Sie jetzt am laufenden Band nur noch Fehler machen. Niemand ist perfekt. Wir sind alle keine Maschinen, Allrounder. Und Götter sind wir schon gar nicht und selbst die haben, wenn Sie mich fragen, auch alle ihre kleinen Schwächen. Das zeigen ja die Mythologien diverser Völker zur Genüge auf.“ „Sie meinen also, es sei alles in Ordnung?“, vergewisserte ich mich. „Ganz genau.“, schnurrte sie. „Derjenige, der sich mal die Oberste Temporale Direktive überlegt hat, der hat mit Sicherheit nicht mit so einer Situation gerechnet.“ „Danke, Commander.“, sagte ich erleichtert. „Habe ich die Erlaubnis zu gehen?“ „Sicher.“, sagte sie.

Ich stand auf und bewegte mich in Richtung Tür. Dann drehte ich mich noch einmal um und fragte: „Und Sie sagen das nicht nur, weil Sie mich mögen?“ „Ich hätte bei jedem Ihrer Kameraden in der gleichen Situation genauso geurteilt!“, sagte sie. „Darauf können Sie sich verlassen!“ „OK.“, sagte ich und verließ ihr Quartier.

Sytania hatte durchaus mitbekommen, dass Shimar und seine Freunde Brotheas von dem Tumor, der eine weitere Ernährung für ihn unmöglich gemacht und somit seinen Tod verursacht hätte, befreit hatten. Auch Telzan hatte dies durch den Kontaktkelch gesehen. „Dieser verdammte Tindaraner!“, grollte er. „Halb so schlimm.“, tröstete Sytania. „Damit wollte er mir ja nur die Botschaft senden, dass das tindaranische Militär nicht so einfach hinnehmen wird, dass ich ein unschuldiges Wesen leiden lasse. Aber in unserer gegenwärtigen Situation ist das nichts weiter als ein Nebenbefund. Wer mir mehr Sorgen bereitet, das ist Zirell! Wenn sich Nathaniel mit ihrer Maßnahme einverstanden erklärt, werden sie beweisen können, was wirklich hinter der Theorie über die Wiedergeburt von Sisko steckt und was ich mit der Sache zu tun habe. Außerdem könnte es durchaus passieren, dass es ihr gelingt, ihn zu heilen und dann habe ich keine Möglichkeit mehr, Macht über ihn zu erlangen! Darum sollte ich mich kümmern und das werde ich auch tun. Wenn sie versucht, ihm zu helfen, wird sie ihr blaues Wunder erleben! Übrigens: Was machen eigentlich Augustus’ Eroberungen?“ „Die Vendar, die ihn begleiten, melden mir.“, sagte Telzan. „Dass es damit sehr gut vorangeht. Sie sind zwar von dem Plan abgerückt, Kronos zu erobern, aber es gibt ja auch noch genug andere schöne Fleckchen.“ „Oh, ja.“, sagte Sytania. „Die gibt es und es kann mir ja im Grunde völlig egal sein, wo sich diese befinden. Shashana hat mit einem Recht. Ich denke nicht in einzelnen Gebieten, sondern in ganzen Dimensionen. Da kann es mir wirklich egal sein, wo sich meine Soldaten gerade befinden. Mit der Macht, über die ich verfüge, kann ich sie ja blitzschnell von einem Ort zum anderen bringen.“ Sie lachte hexenartig auf.

Zirell hatte die Krankenstation von 281 Alpha erreicht und war dort auf Nathaniel getroffen, dem sie im Beisein der Mediziner erklärte, was sie mit ihm plante. „Du willst mich in meine Vergangenheit bringen?“, fragte der Professor leicht irritiert, aber in korrekter tindaranischer Anredeweise. „Nein.“, sagte Zirell. „Ich werde dich mit dem Teil deines Bewusstseins in Kontakt bringen, der einmal Commander Sisko war, wenn das gestimmt haben sollte. Vielleicht kann dein jetziges Ich ihm ja verzeihen. Wir gehen davon aus, dass er, als er den Propheten gegenüberstand, seine Sünde bereut hat, die er begangen hatte und von ihnen mit der Wiedergeburt bestraft werden wollte. Vielleicht befand er sich selbst als nicht wert, unter ihnen zu leben. So ein Verbrechen zu planen und es dann noch dazu jemandem anders in die Schuhe zu schieben, kann ja wohl kaum als gut gebilligt werden.“ „Nein.“, sagte Nathaniel. „Aber er hat aus Verzweiflung gehandelt. Zumindest kann ich mir das vorstellen. Dank Sytania kenne ich selbst ja das Gefühl der Verzweiflung gut genug. Ich denke tatsächlich, dass ich ihm verzeihen könnte. Aber wie machen wir das? Ich kann nicht licht träumen oder so etwas. Woher weiß ich, was ich sagen oder tun muss, wenn ich ihm begegne?“ „Ich werde da sein und dich erinnern!“, sagte Zirell zuversichtlich. „Dann bin ich einverstanden.“, sagte Radcliffe. „Nur möchte ich nicht, dass uns alle in der Simulationskammer zusehen. Dass die Mediziner uns beobachten müssen, ist mir klar, damit sie bei Komplikationen eingreifen können. Aber dem Rest gegenüber finde ich es doch recht beschämend, was unter Umständen dabei herauskommen könnte.“ „Also gut.“, sagte Zirell.

Sie winkte Ishan, der sofort mit einem Neurokoppler herbeieilte und ihn Nathaniel aufsetzte. Nidell setzte Zirell einen Zweiten auf. „Das ist nur, damit IDUSA das Ganze protokollieren und uns über eventuelle Schwierigkeiten sofort informieren kann.“, sagte der Arzt zur Erklärung. „Dann ist ja alles gut.“, sagte Nathaniel erleichtert. „Aber was ist mit dir, Zirell? Musst du meditieren, oder so etwas, um für die Reise in meine Seele bereit zu sein?“ „Nein.“, lächelte die ältere Tindaranerin. „Von meiner Seite aus könnten wir sofort beginnen. Fühlst du dich sicherer, wenn ich deine Hände nehme? Die meisten Nicht-Telepathen tun das.“ „Du bist wohl von der Sorte der rücksichtsvollen Telepathen.“, sagte Radcliffe. „Das kommt schon hin.“, sagte Zirell. „Denn ich finde, jemand, der eine Fähigkeit hat, sollte immer Rücksicht auf die nehmen, die diese Fähigkeit nicht haben! Man würde von Allrounder Betsy oder Agent Mikel ja auch nicht verlangen, ein Bild des terranischen Himmels bei schönem Wetter in korrekter Farbgebung aus der freien Hand zu zeichnen.“ „Da hast du sicher Recht.“, sagte Radcliffe. „Das würde man sicher nicht tun.“

Er setzte sich auf. „Dann nimm meine Hände, Zirell.“, sagte er und streckte ihr die Seinen hin. „In Ordnung.“, sagte die Tindaranerin und setzte sich rittlings auf das Fußende des Biobettes, auf dem Radcliffe lag. Dann nahm sie seine Hände und machte ein konzentriertes Gesicht. „Ich werde bis drei zählen, bevor ich beginne.“, sagte sie. „Ist das in Ordnung für dich?“ „Ja.“, sagte der Professor. „Aber wie kann ich es dir erleichtern?“ „Das musst du gar nicht.“, tröstete Zirell. „Ich komme schon zurecht. Aber wenn du es wirklich wissen willst, dann sage ich dir, dass es mir sehr helfen könnte, wenn du versuchst, einfach nur zu entspannen.“ „OK.“, nickte Radcliffe und schloss die Augen, was Zirell ihm gleich tat. Dann rief sie Ishan noch auf Tindaranisch zu: „Ich beginne!“ Der Androide nickte und nahm hinter einer Konsole Platz. Dann nahm er sein Haftmodul aus der Tasche seiner Uniform und schloss sich damit an die Konsole an. Über seine direkte Verbindung zu IDUSA war er jetzt auf jede Eventualität gefasst, vorausgesetzt, der Rechner würde sie selbst als alarmierend wahrnehmen und ihm dies mitteilen. Aber davon ging er aus, denn IDUSA hatte ja im Laufe ihrer Dienstzeit genug Daten über Sytania oder geistige Anomalien gesammelt. Nidell, die sich ebenfalls an der medizinischen Überwachung beteiligte, benutzte ihren Neurokoppler. Die junge Tindaranerin hätte dies zwar auch telepathisch tun können, aber ihr Vorgesetzter fand, dass ihre geistige Anwesenheit eventuell doch nur störend wirken könnte. Ishan wollte einfach kein Risiko eingehen.

Nathaniel und Zirell waren, nachdem sie wie versprochen gezählt hatte, in jenen traumähnlichen Zustand abgeglitten, der bei Reisen in die Seele normalerweise auch üblich war. Ihre Werte gaben weder IDUSA noch Ishan oder Nidell Anlass, Maßnahmen zu ergreifen. Wer warst du vorher, Nathaniel Radcliffe?, hörte Nathaniel Zirells telepathische Stimme in seinem Geist. Führe mich zu dem Wesen, das du vor diesem Leben warst. Zeig mir die Wahrheit! Zeig mir, was geschehen ist, bevor du Nathaniel Radcliffe wurdest!

Es gab einen weißen Blitz und sie fanden sich in einer Art Gewölbe wieder. Hier waren sie von Personen umringt, die Zirell zunächst zu kennen und auch zu erkennen glaubte. Da es ihr und Nathaniel alles sehr real erschien, war es ihnen, als würden sie jetzt auch wieder mündliche Gespräche führen. „Was machen meine Leute und unsere Freunde hier?“, fragte Zirell. „Das sind nicht unsere Freunde.“, sagte Nathaniel. „Dieses Gewölbe ist der Himmlische Tempel und das hier sind die Propheten. Sie zeigen sich immer gern als Personen, die uns bekannt sind.“ „Ich verstehe.“, sagte Zirell.

Nathaniel nahm die zunächst freihändig neben ihm stehende Tindaranerin bei der Hand: „Komm!“ Dann gingen sie weiter auf die Gestalten zu und sahen, dass sie in einem Kreis um jemanden herum standen. Derjenige, um den sie standen, war ein alter Mann von leicht fülliger Statur. Er war ein Farbiger und hatte eine Glatze. Er war ca. 180 cm groß, was aber, seinem Alter geschuldet, immer weiter nach unten korrigiert werden musste. Dass Terraner während des Prozesses des Alterns schrumpften, war Zirell bekannt. Auch das Gesicht des Mannes kannte sie aus den geschichtlichen Dateien und zur Genüge aus den neuesten Exemplaren, die ihnen die Xylianer gegeben hatten. Der Terraner stand etwas erhöht und für alle gut sichtbar. „Es scheint mir, als säßen die Propheten über ihn zu Gericht.“, sagte Zirell. „Ja, das ist richtig.“, sagte Nathaniel. „Ansonsten stünde er sicher nicht so auf dem Präsentierteller.“ „Aber warum hat er keinen Anwalt?“, fragte Zirell. „Das wollte er nicht.“, sagte Nathaniel. „Warum wollte er das nicht?“, fragte Zirell. „Führe mich weiter zurück, Nathaniel! Führe mich weiter in dein Leben, bevor du der wurdest, der du heute bist!“

„Diese Informationen muss ich dir leider vorenthalten, Zirell!“, hörten plötzlich beide eine Stimme, die aus einer Flammenwand zu kommen schien, die sich in diesem Moment zwischen sie und die Szenerie geschoben hatte. Zirell konnte Nathaniel gerade noch von den Flammen fortziehen. „Das war Sytania!“, stellte Radcliffe fest. „Und wir waren auf so einem guten Weg! Ich werde nicht zulassen, dass sie uns jetzt alles kaputt macht, Zirell! Nein, das werde ich nicht zulassen!“

Er versuchte, sich von ihr, die ihn noch immer bei der Hand hielt, loszureißen und wollte in die Flammen springen. Nur mit viel Mühe gelang es ihr, ihn zurückzuhalten. „Nathaniel, nein!“, redete sie ihm ins Gewissen. „Wenn du das tust, dann wirst du sterben! Wir werden einen anderen Weg finden müssen! Wir müssen etwas tun, mit dem Sytania nicht rechnet und vor allem dann, wenn sie nicht damit rechnet!“

Er riss sich erneut los und lief in Richtung der Feuerwand. „Ja, komm nur näher, Nathaniel.“, sagte Sytanias Stimme aus ebendieser. „Besser ist es allemal für mich, wenn du stirbst. Dann habe ich zwar auch keine Macht mehr über dich, aber es ist mir lieber so, weil ich ihnen dann auch einen moralischen Dämpfer verpassen kann! Dir nicht helfen zu können, das dürfte sie ganz schön demoralisieren!“

IDUSA hatte Ishan und Nidell die alarmierenden Werte gezeigt, die sie von Nathaniel und Zirell empfing. Auch hatte der Rechner das dritte Neuralmuster eindeutig als das von Sytania identifiziert. „Ihre Biozeichen sind kritisch!“, sagte Nidell zu Ishan. „Nicht mehr lange und beide werden den Herztod erleiden. Der Stress ist viel zu hoch!“ „Da stimme ich dir zu.“, sagte der Androide ruhig. Dann ordnete er an: „Zieh eine Spritze mit 20 mg Psylosininblocker auf und injiziere es Zirell! Sie muss die Verbindung abbrechen! Aber wir werden sie wohl kaum verbal erreichen.“

Die medizinische Assistentin nickte, nahm sich einen Hypor und die Patrone mit dem Telepathie unterdrückenden Medikament aus dem Giftschrank und führte aus, was ihr Ishan gerade befohlen hatte. „Sehr gut, Nidell.“, stellte Ishan fest. „Ihre Biozeichen normalisieren sich und die Verbindung ist auch getrennt.“

Zirell schlug als Erste die Augen wieder auf. „Was ist passiert, Ishan?“, fragte sie benommen. „Ihr müsst in Nathaniels Bewusstsein Besuch von Sytania erhalten haben.“, sagte der Arzt. „Zumindest hat IDUSA ihr Neuralmuster eindeutig identifiziert.“ „Nicht nur IDUSA.“, sagte die Tindaranerin und setzte sich auf. Ishan hatte IDUSA angewiesen, sie nach der Trennung der Verbindung auf ein zweites Biobett zu beamen.

Gegenüber kam nun auch Nathaniel zu Bewusstsein. „Kümmere dich um ihn!“, beorderte Ishan seine Assistentin. Nidell nickte und ging hinüber. „Es tut mir leid.“, waren die ersten Worte, die der verzweifelte Radcliffe an die über ihn gebeugte Nidell richtete. „Es war nicht deine Schuld.“, sagte Nidell ruhig und tröstend und strich ihm über das Gesicht. „Bleib bitte erst mal liegen und dann werden wir eine andere Möglichkeit finden. Eine, mit der Sytania bestimmt nicht rechnet.“ Sie zog seine Decke zurecht und flüsterte ihm noch zu: „Es wird alles wieder gut.“, bevor sie ihm beim Einschlafen zusah.

Ishan hatte sich um Zirell gekümmert. „Dank unserem schnellen Eingreifen.“, sagte er. „Wirst du bald wieder auf den Beinen sein. Ich gebe dir jetzt noch eine Medizin und dann bitte ich dich, noch ungefähr 20 Minuten hier zu bleiben. Dann dürftest du über die Folgen hinweg sein.“ „In Ordnung.“, sagte Zirell. Dann drehte sie sich um und ließ sich von Ishan bereitwillig die notwendige Spritze geben.

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