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Inzwischen hatten Shashana und ihre Leute sich an Bord der Rapach und auch an Bord der anderen Schiffe, die sie begleiteten, ein Bild von der Situation gemacht. Das konnte man ruhig wörtlich nehmen, denn mit Sensoren und Erfassern war der angeblichen Göttin und ihren Wundern zu Leibe gerückt worden. Shashana und ihre Kriegerinnen hatten sich nämlich nicht für dumm verkaufen lassen wollen. Sowohl die oberste Prätora, als auch ihre Verbündete, kannten Sytania dafür viel zu gut und wussten viel zu genau, dass diese Kriegerinnen hereingelegt worden waren. Aber Shashana wollte keine ihrer Untergebenen in Sytanias Hände fallen lassen und seien sie auch noch so verblendet. Wenn es möglich war, sie auf den falschen Weg zu bringen, dann musste es auch möglich sein, ihnen wieder den richtigen zu zeigen! Davon gingen Shashana und auch Elaria fest aus.

Die Rapach wurde von einer jungen Kriegerin geflogen, die erst seit kurzer Zeit in den Diensten der obersten Prätora stand. Sie hieß Sereta, war ein Findelkind gewesen und eigentlich von dem Zweig ihres Clans, dem auch Meduse angehörte, adoptiert worden. Jetzt hatte sie das Alter erreicht, in dem Genesianerinnen Kriegerinnen werden konnten. Sereta war gerade erst 14 Jahre alt geworden. Da sie aber sehr talentiert war, hatte Shashana sie bereits in ihre Dienste genommen, damit sie sich bewähren konnte. Sie war 1,80 m groß, hatte einen vom Kampf gestählten muskulösen Körper, wie die meisten der Kriegerinnen und trug die typische Kriegsbekleidung der Genesianer. Um ihren Nacken trug sie den üblichen Perlenkragen, dessen Muster ihre Stellung und die Zugehörigkeit zu Shashanas Clan auswies. Sie hatte, wie auch die meisten Genesianerinnen, flammenrotes Haar, das sie wie einen Feuerkranz um ihr Gesicht trug. Auch mit Hilfe dieser Art sich zu frisieren, wollten die Genesianerinnen Ihre Gegner einschüchtern. Es war ein Mittel der psychologischen Kriegsführung, das oft auch sehr wirkungsvoll gewesen war.

Diese Kriegerin hatte nun die Erfasserbilder, die von den Sensoren aufgenommen worden waren, auf den Hauptschirm gestellt, wie es ihr die oberste Prätora geheißen hatte. Hier war sehr gut zu sehen, dass zwischen einem sehr großen Teil der Kriegerinnen um Leandra und Lostris und der mysteriösen Einhorngöttin, aber auch zwischen ihnen und Sytania eine telepathische Verbindung bestand. Dies hatte Shashana hauptsächlich aus dem Text des Interprätationsprogramms entnommen, das von Sereta in weiser Voraussicht aktiviert worden war, aber wer ihr das gesagt hatte, spielte in diesem Fall ja keine Rolle. Viel wichtiger war, dass sie es überhaupt erfahren hatte.

Was Shashana hier zu lesen bekommen hatte, ließ sie erschauern. „So weit ist es also mit uns genesianischen Kriegerinnen gekommen!“, rief sie aus. „Wir geben uns jetzt schon der Ehrlosen anheim! Nein, nein! Das werde ich nicht zulassen! Wir müssen Leandra vom Clan der Rotash davon überzeugen, dass sie auf eine ganz üble Gaunerin hereingefallen ist, die alles nur tut, weil sie davon einen eigenen Vorteil hat. Früher oder später, wenn sie die Rotash und ihre Verbündeten nicht mehr benötigt, wird sie alle über die Klinge springen lassen als armselige Bauernopfer! So möchte bestimmt keine ehrenhafte Kriegerin enden. Ich möchte nur einmal wissen, wie sie Leandra herumgekriegt hat.“ „Ich fürchte, die Frage kann ich Euch beantworten, oberste Prätora.“, sagte Sereta, deren Stimme sehr hell und freundlich war. Dennoch sprach sie sehr laut und fest, wie es allen genesianischen Kriegerinnen anerzogen worden war. „So?!“, sagte Shashana. „Dann rede!“ „Sie gehört zu den Ausgestoßenen.“, begann Sereta. „Sie war mit Eurer neuesten Politik der Aufklärung nie einverstanden. Es kann sein, dass sie deshalb …“ „Aber das ist noch lange kein Grund, sich der Ehrlosen an den Hals zu werfen!“, fuhr ihr Shashana über den Mund. „Aber sie soll mir selbst sagen, was der Grund dafür ist! Ruf sie!“ „Das ist nicht nötig, oberste Prätora.“, sagte Sereta, die von ihrem Platz aus auch die Kommunikationskonsole bedienen konnte. „Sie ruft uns bereits!“ „Dann stell sie auf den Hauptschirm!“, befahl Shashana. Sereta nickte und führte aus, was ihr die oberste Prätora soeben gesagt hatte.

Alle sahen jetzt das Gesicht Leandras und das von Lostris, die in die Kamera ihres Sprechgerätes lächelten. „Es freut mich, Euch zu sehen, oberste Prätora.“, begrüßte Leandra Shashana freundlich. „Erlaubt mir bitte, Euch unsere neue Göttin vorzustellen. Sie ist die Personifizierung der Wächterin von Gore!“ „Wenn du das glaubst, Leandra von den Rotash!“, sagte Shashana. „Dann bist du doch verblendeter als ich dachte. Auch dein Schiff hat Sensoren. Auch dessen Rechner hat Daten über Sytania! Auch du müsstest ihre neueste Teufelei erkennen können! Siehst du denn nicht, dass sie euch nur benutzt? Irgendwann, wenn sie euch nicht mehr braucht, wird sie euch ausspucken wie eine bittere Speise! Soll das stolze Volk der Genesianer wirklich zu einem Volk der Marionetten der Ehrlosen werden?!“ „Ihr verkennt die Situation völlig, oberste Prätora.“, sagte Leandra geduldig und winkte Tara, die auf ihrem Schiff die Waffen bediente, zu sich heran. „Dies ist meine Tochter Tara.“, sagte sie stolz. „Sie wurde mir von der Einhorngöttin geschenkt. Scannt sie ruhig, wenn ihr nicht an das Wunder glauben wollt!“ „Oh ja!“, sagte Shashana. „Das werden wir auch tun!“

Sie winkte Sereta, die daraufhin die Sensoren der Rapach auf eben den Teil der Brücke richtete, auf dem Leandra und ihre Tochter Tara jetzt standen. „Ihre DNS mag genesianisch sein, oberste Prätora.“, meldete sie dann. „Sie ist sogar die Gleiche wie die ihrer Schwester Lostris. Es gibt allerdings ein kleines aber feines Detail. Tara hat keine Biochemie, wie es alle Schöpfungen von Mächtigen haben. Ihre Organe funktionieren also nicht eigenständig. Ihr wisst, dass es nur deren Wille ist, der solche Schöpfungen am Leben hält. Wenn man die Verbindung stört, dann …“ „Ja dann.“, lächelte Shashana. „Und genau das werden wir jetzt beweisen! Du hast sehr gut aufgepasst, als ich dir von Sytania und ihren Schwachstellen berichtet habe, Sereta! Sehr gut! Meduse, heb die Schilde und konfiguriere Meilenstein auf diese unselige Mischfrequenz, aus der die Verbindung zwischen den Marionetten und ihrer Puppenspielerin nebst deren Partnerin besteht! Dann erfasse Leandras Schiff als Ziel und feuere!“ „Ja, oberste Prätora!“, sagte die Leibwächterin, die, als Beauftragte für Shashanas Sicherheit, auch die Waffen an Bord der Rapach bedienen durfte.

Während sie den Befehl gegeben hatte, hatte Shashana den Sendeknopf nicht losgelassen. Sie hatte es für nötig gehalten, dass Leandra über ihr Vorhaben Bescheid wusste, denn noch war sie von ihrem Ziel nicht abgerückt, ihr zu beweisen, was für ein falsches Spiel Sytania und Valora mit ihr spielten. So war es Leandra und Lostris möglich geworden, alles zu hören. Da die Beiden wussten, dass sie auf dem Hauptschirm zu sehen waren, wie es üblich war, wandte sich Leandra jetzt direkt an Meduse: „Bedenke, was du tust, Meduse! Ich hörte, du hast nur eine adoptierte Nachfahrin. Das Wunder, das mir zuteil wurde, kann auch dir zuteil werden, wenn du nur dafür betest! Deine Nachfahrin müsste, weil sie nur adoptiert ist, sich mit all den anderen Kriegerinnen, die sich um das Amt von Shashanas Leibwächterin bewerben, in Wettkämpfen messen und das wäre ein Glücksspiel. Sie könnte immerhin verlieren und dann hätte dein Zweig womöglich dieses Amt nicht mehr. Wenn du das nicht willst, dann bete für eine leibliche Tochter! Bete, Meduse! Bete! Bedenke auch die Möglichkeit, dass du niemals die Zeit der Schande durchmachen musst. Kein Mann wird je diese Macht über dich haben, auch wenn es das Einzige ist, was sie können. Aber das ist ja gerade das Schändliche! Also, bete, Meduse! Denk nach und bete!“

Meduse war von ihrem Sitz aufgestanden. Die Worte Leandras hatten sie bis ins Mark getroffen. Keine leibliche Nachfahrin zu haben, die Shashana, ihre über alle Maßen verehrte oberste Prätora einmal an ihrer Stelle schützen konnte und dies somit eventuell aus der Hand geben zu müssen, hatte ihr einen Stich in die Magengrube versetzt. Sie beugte leicht, aber dennoch zögerlich ihre Knie. „Nein, Meduse!“, befahl Shashana. „Bleib standhaft! Erinnere dich daran, dass wir genesianische Kriegerinnen und keine dreckigen Ferengi sind, die für eine kleine Erleichterung ihre Seelen verkaufen! Wir sind doch ein Volk von tapferen Kriegerinnen, die auch die Zeit der Schande mit Würde und in Mut und Tapferkeit ertragen! Außerdem, frage ich dich, sind es nicht wir, die bestimmen, wann die Männer bei uns liegen? Sind es deshalb nicht wir, die wir uns in diese Zeit begeben und zwar freiwillig? Dazu gehören nämlich immer zwei! Zumindest meiner Meinung nach und du weißt, dass diese jetzt die vorherrschende Meinung ist!“

Meduse zögerte. „Bete!“, dröhnte es erneut aus dem Lautsprecher. „Bete!“

„Das genügt!“, stellte Shashana fest. Dann befahl sie dem Computer, die Waffenkontrolle auf ihre Station zu transferieren und gab den Feuerbefehl selbst. Augenblicklich fiel Tara tot um, da ihre Verbindung zu Sytania und Valora getrennt war. „Da hast du es, Meduse!“, sagte sie. „Da hast du das Wunder! Und dazu wolltest du „ja“ sagen?“ „Natürlich nicht, oberste Prätora.“, sagte Meduse, die jetzt wieder zu sich gekommen war. „Wie konnte ich nur …?“

Für weitere Reue war aber keine Zeit, denn die anderen Kriegerinnen um Leandra und Lostris hatten Taras Tod zweifelsfrei als Grund angesehen, die gegnerischen Schiffe anzugreifen. Schon war die größte Schlacht im Gange.

„Meduse!“, befahl Shashana. „Konfiguriere Meilenstein und feuere auf alle Schiffe, auf denen sich Geschöpfe dieser unseligen Verbindung befinden!“ „Wie Ihr wünscht!“, sagte Meduse, die jetzt unbedingt beweisen wollte, dass sie wieder Herrin ihrer Sinne war.

Unter dem Feuer der Rapach fielen die Schiffe, die von den Marionetten gesteuert wurden, wie die toten Fliegen vom Himmel. Aus war es mit der Unverwundbarkeit und der Unsterblichkeit. Das war eine Tatsache, die Leandra und Lostris gleichermaßen schreckte und irritierte. Auch von den Schiffen, auf denen sich zwar Marionetten befanden, die aber nicht direkt von ihnen gesteuert wurden, häuften sich die Meldungen über Tote. Leandra war sogar so erschrocken, dass sie Shashana einen Waffenstillstand anbot. „Ich nehme dein Angebot an!“, sagte die oberste Prätora. „Zieh heim und lecke deine Wunden!“ Ohne etwas zu erwidern drehten Leandra und Lostris mit dem verbliebenen Rest ihrer Kriegerinnen ab.

Sereta wandte sich an Shashana. „Warum habt Ihr sie ziehen lassen, oberste Prätora?“, fragte sie. „Weil ich immer noch an Leandras Vernunft glaube.“, antwortete Shashana. „Eine gute Anführerin gibt niemanden auf, nur weil sie der Verblendung anheimgefallen ist. Das musst du dir merken, Sereta! Aber nun setze Kurs zurück ins Dock. Ich werde mich mit allen meinen Kriegerinnen darüber beraten, was wir aus der Situation machen sollen!“ „Ja, oberste Prätora!“, sagte Sereta fest und führte aus, was ihr Shashana soeben befohlen hatte.

Sytania und Telzan waren im Thronsaal der Prinzessin von Shashanas Aktion überrascht worden. Da die Königstochter eine telepathische Verbindung zu jeder der Schöpfungen hatte, hatte sie sehr wohl gemerkt, was da gerade passiert war. Krampfend war sie zusammengebrochen und Telzan blieb nichts übrig, als sie in ihr Bett in ihren Gemächern zu bringen. Dort trug er einem Dienstmädchen auf, öfter nach ihr zu sehen und ihn sofort zu verständigen, sollte sich der Zustand ihrer gemeinsamen Herrin verschlechtern. Das imperianische Bauernmädchen hatte nur genickt.

Jetzt war Telzan auf dem Weg zurück in seine Garnison, wo er von Cirnach erwartet werden würde, die diese Situation auch gemeinsam mit Mirdan mit Hilfe der interdimensionalen Sensorenplattform beobachtet haben würde. Sie würden mit Sicherheit auch beide gesehen haben, was gerade passiert war und würden es sicher genauso wenig gutheißen wie er selbst. Auch um Valora sorgte sich der Vendar. Um sie fast noch mehr als um seine Herrin, denn er wusste, dass Valora vielleicht noch umso weniger mit einer solchen Tat der Genesianer gerechnet haben könnte. Die Einhörner genossen ja im Allgemeinen das Privileg der Unantastbarkeit. Dass es jetzt jemand gewagt hatte, sich gegen eines von ihnen zu wenden, könnte sie nicht nur überrascht, sondern sie im wahrsten Sinne des Wortes vielleicht sogar umgeworfen haben. Das war etwas, dem er unbedingt nachgehen musste, wenn er die Zeit dazu fand. Aber es fehlten ihm auch noch wichtige Informationen, die er hoffte, jetzt von seiner Frau und seinem Schüler zu erhalten.

Auf dem Monitor in der Garnison der Vendar hatten Cirnach und Mirdan sich alles angesehen. Wie gebannt hatten sie mit offenem Mund auf den Schirm gestarrt. „Hättest du das gedacht, Ausbilderin?“, fragte Mirdan leise in Richtung der Stellvertreterin seines Lehrers. „Wenn ich ganz ehrlich sein soll.“, erwiderte die ebenfalls leicht verwirrt wirkende Vendar. „Dann hätte ich Shashana El Chenesa das nicht zugetraut. Ich hätte nicht gedacht, dass sie den Mut hätte, Meilenstein gegen ein Einhorn einzusetzen.“ „Genau genommen.“, sagte Mirdan. „Hat sie es ja auch nicht gegen Valora eingesetzt, zumindest nicht nur, sondern auch gegen Sytania. Eigentlich ja sogar nur gegen die Verbindung der Beiden und gegen das, was aus dieser resultiert hat. Ich bin überzeugt, würde sie Valora selbst gegenüberstehen, würde sie sich das nicht trauen!“ „Dein Wort in den Ohren der Götter, Novize!“, sagte Cirnach streng, die seinen Einwand eher als naiv einordnete. Ihrer Meinung nach hätte er jetzt daraus lernen müssen, dass man der obersten Prätora der Genesianer mit größter Vorsicht hatte begegnen müssen und sich nicht auf dem althergebrachten Glauben ausruhen dürfen, dass man den Einhörnern schon nichts tun würde oder könnte. Dass es damit ganz anders aussah, hatten sie jetzt ja gesehen.

„Cirnach?“, eine männliche Stimme hatte sie angesprochen, noch bevor sie Mirdan für sein Verhalten tadeln konnte. Cirnach drehte sich um und erkannte ihren eigenen Ehemann. „Ich grüße dich, mein Telzan.“, sagte sie und schlug ernst die Augen nieder. „Auch ich grüße dich, meine Cirnach.“, sagte Telzan zärtlich und legte seine Arme um sie, um sie danach zu küssen. Sie aber schob ihn nur von sich: „Lass mich! Ich bin jetzt nicht in der Stimmung für Zärtlichkeiten!“ „Was ist los?“, fragte Telzan und sah sie irritiert an. „Sieh selbst.“, erwiderte seine Frau leise und mit etwas Trauer und viel Enttäuschung in ihrer Stimme.

Telzan wandte sich dem Monitor zu. Hier sah er jetzt die Situation in der Umlaufbahn der Heimatwelt der Genesianer. Genau war dort zu sehen, dass die Kriegerinnen um Leandra und Lostris in sehr stark dezimierter Zahl und mit halb zerstörten Schiffen auf dem Rückzug waren, während Shashana und ihre Truppe sich daran machten, Leichen und Überlebende einzusammeln, um sie teils als Kriegsbeute und teils als Gefangene mitzunehmen.

Er wandte sich erschrocken Mirdan zu, der vor dem Computermikrofon saß. „Wie konnte das geschehen, Mirdan?!“, fragte er. „Sag dem Mishar, er soll uns zeigen, was in den zehn Minuten davor geschehen ist!“ „Ja, Ausbilder.“, sagte Mirdan und nickte. Dann gab er dem Computer die entsprechenden Befehle.

Jetzt war es Telzan, der wie gebannt auf den Monitor starrte. Auch er konnte sich nicht wirklich erklären, was da geschehen war. „Kelbesh!“, fluchte er. „Wir haben Shashana El Chenesa gewaltig unterschätzt! Diese verdammten Genesianerinnen sind doch tapferer und klüger als wir alle denken!“ „Da hast du wohl Recht, mein Ehemann.“, sagte Cirnach. „Ich muss dir gestehen, dass ich auch zuerst die Vermutung hatte, Shashana El Chenesa würde sich das nicht trauen. Aber wie du siehst, waren wir ja alle auf dem Holzweg! Wir werden unsere Pläne gewaltig ändern müssen, was sie angeht. Wir werden sie weiterhin auf der Rechnung haben müssen.“ „Ja, das müssen wir.“, bestätigte Telzan gegenüber seiner Frau. „Und ich fürchte, das werden wir auch unserer Herrin beichten müssen, wenn sie wieder genesen ist.“

Mirdan fuhr zusammen. Die letzte Aussage seines Ausbilders hatte ihn doch sehr erschrocken. „Sytania auch?!“, fragte er alarmierten Ausdrucks im Gesicht. „Ja, Mirdan.“, antwortete Telzan. „Oder hast du wirklich geglaubt, sie bliebe verschont?! Du wusstest doch, dass Valora und sie jetzt telepathisch miteinander verbunden sind. Was der einen geschieht, geschieht auch der anderen.“ „Bitte verzeih mir, Ausbilder.“, bat Mirdan und senkte beschwichtigend den Kopf. „Das hatte ich wohl nicht bedacht. Aber in einer solchen Situation kann man schon einmal nervös werden. Wie geht es der Prinzessin?“ „Nicht sehr gut.“, sagte Telzan. „Eine der niederen Zofen ist bei ihr und beobachtet ihren Zustand. Sie wird mich sofort holen, wenn sich etwas ändert. Sie weiß wo ich bin und die Wachen haben Befehl, sie auf jeden Fall durchzulassen. Das war das Einzige, was ich tun konnte. Ohne genaue Informationen kann ich ihr auch nicht helfen und die konnte ich nur hier bekommen. Aber eines ist sicher. Shashana El Chenesa muss weiter beobachtet werden. Sie scheint mit allen Wassern aus jeder nur erdenklichen Quelle gewaschen zu sein. Wenn wir nicht aufpassen, macht sie uns jeden Plan kaputt.“ „Das bedeutet aber auch.“, stellte Mirdan fest. „Dass wir meinen Plan, die Genesianer zu spalten, wohl vergessen können. Shashanas Aktion dürfte nicht ohne Folgen bleiben und die anderen Kriegerinnen müssten schon allesamt blind vor Glauben sein, wenn …“ „Das werden wir ja gleich sehen.“, sagte Telzan. „Lass mich einmal dorthin.“

Er schob Mirdan beiseite und setzte sich selbst an den Platz vor dem Rechner. Dann stellte er die Sensorenplattform mit dessen Hilfe so ein, dass sie ihm ein genaues Bild von der genesianischen Heimatwelt zeigte. Bei der kurzen Kamerafahrt zählten alle drei die Statuen der Einhorngöttin, die sich auf dem Planeten befanden. Allerdings sahen sie bald, dass es nur eine war und die wurde auch noch gerade von einigen Kriegerinnen eingerissen. Diese spuckten sogar verächtlich auf deren Überreste und, wenn Cirnach dem Bild ihrer Lippen glaubte, dann spotteten sie sogar über sie. Das war eine Tatsache, die Cirnach ihrem Mann sofort mitteilte. „Was macht dich da so sicher, Telshanach?“, fragte Telzan. „Ich kann mir vorstellen, dass du die Lippenbewegungen interpretieren kannst, wenn jemand Englisch spricht. Das ist ja die Amtssprache eines unserer größten Feinde. Aber ich wusste gar nicht, dass du auch des Genesianischen mächtig bist.“ „Das bin ich eigentlich auch nicht, mein Ehemann.“, sagte Cirnach. „Aber die Gesichter dieser Frauen dort sprechen Bände. Schau dir doch mal an, wie sie die Reste der Statuen anblicken.“

Sie rückte ein Stück, um ihrem Ehemann einen besseren Blick auf den Monitor zu verschaffen. Hier sah Telzan jetzt genau, was sie gemeint hatte. „Du sprichst die Wahrheit, Telshanach.“, sagte er. „Aber trotzdem würde ich nicht aufgeben. Diesen Plan können wir vergessen, da hast du Recht. Selbst wenn uns Leandra und Lostris mit ihren Kriegerinnen bleiben, so glaube ich nicht, dass sich noch viele ihnen anschließen werden, nach dem, was heute dort passiert ist. Die Sache mit dem Rosannium wird Fragen aufwerfen. Diese können sie sicher nicht beantworten. Das wird dazu führen, dass immer mehr, die sich Valora, Sytania und uns bereits angeschlossen hatten, wieder zum alten Glauben zurückkehren werden. Die Spaltung von Chenesa, die wir uns so sehr erhofft hatten, wird es also nie geben! Mit nur einem Clan an unserer Seite können wir das nicht erreichen. Wir müssen umdenken.“

Mirdan hatte sich verschämt in eine Ecke des Raums zurückgezogen. Er hatte sehr wohl realisiert, dass es ja sein Plan gewesen war, der jetzt gewaltig in die Hose gegangen war. Er war es schließlich gewesen, der Shashana unterschätzt hatte! Seine Schuld war es, dass Sytania und Valora jetzt eine solche Niederlage eingesteckt hatten! Er musste dringend einen Weg finden, das wieder gut zu machen! So dachte er zumindest.

Das Verhalten des Novizen war auch Cirnach und Telzan aufgefallen. „Was stehst du da so herum?!“, fragte Cirnach und ging zu ihm. „Und was schaust du so traurig? Warum wendest du uns den Rücken zu als Symbol der Scham?“ „Weil ich mich sehr schäme, Ausbilderin.“, sagte der Novize traurig. Er wagte immer noch nicht, sich zu ihr umzudrehen und ihr ins Gesicht zu sehen.

Cirnach fasste ihn am Kragen und drehte ihn zu sich herum. Das war etwas, das für Mirdan sehr überraschend kam. Dann befahl sie: „Sieh mich an, Novize! Du bist noch kein erwachsener Krieger! Du befindest dich noch in der Ausbildung. Eine Fehleinschätzung ist für Novizen deines Standes ganz normal. Wie hättest du das wissen sollen, wenn es sogar für uns undenkbar war?“

Langsam hob der Novize den Kopf. Zögerlich öffnete er die Augen, welche er aus Scham immer noch verschlossen gehalten hatte, um vor Cirnach nicht den Eindruck zu erwecken, sie ansehen zu wollen. „Na komm!“, versuchte die Vendar ihn zu ermuntern. „Öffne schon deine Augen! Ich habe dir doch erlaubt, mich anzusehen.“ „Das hast du in der Tat, Ausbilderin.“, sagte Mirdan und öffnete seine Augen langsam. „Du hast es mir sogar befohlen.“ „Genau.“, bestätigte Cirnach. „Und was tut ein braver Novize mit den Befehlen seines Ausbilders oder dessen Stellvertreterin?“ „Er befolgt sie!“, sagte Mirdan jetzt sehr fest. „So gefällt mir das!“, lobte Cirnach und klopfte ihm auf die Schulter. Dann ließ sie ihn los.

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