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Diran hatte einige Versuche unternommen, die Dimension, in der er sich befand, zu verlassen, aber der Antrieb seines Schiffes hatte ihm immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Mishar.“, wendete sich der erfahrene Flieger an den Computer. „Nenne mir den Grund für das Versagen des interdimensionalen Antriebs!“ „Es kann kein Feld aufgebaut werden.“, sagte der Schiffsrechner. „Begründung!“, forderte Diran. „Der Grund hierfür kann am Antrieb selbst, aber auch in der Beschaffenheit der interdimensionalen Schicht zu suchen sein.“, sagte der Rechner. „Technische Gründe ausschließen durch Selbstdiagnose!“, befahl Diran sehr geduldig. Er wusste ja, dass es nichts brachte, wenn er sich jetzt aufregte. Die Situation würde es nicht ändern und er wäre dann erst recht nicht mehr in der Lage, vernünftig zu verarbeiten, was sein Rechner ihm sagen wollte. Dann könnten ihm vielleicht wertvolle Informationen durch die Lappen gehen, die er aber benötigen würde, um das Problem vielleicht sogar selbst lösen zu können.

Einige Minuten waren vergangen, ohne dass der Rechner ihm etwas gesagt hatte. Diran hatte auf dem Bildschirm nur die technische Skizze beobachtet, durch die langsam eine Art Cursor wanderte. Das war als Anzeige für eine Selbstdiagnose völlig normal.

Schließlich aber sagte der Rechner: „Der interdimensionale Antrieb arbeitet innerhalb normaler Parameter.“ „Na gut.“, seufzte Diran und überlegte halblaut: „Dann muss es an der interdimensionalen Schicht liegen. Mishar, was können theoretische Gründe für eine Störung im Aufbau des Feldes für den Flug mit interdimensionalem Antrieb sein, wenn der Antrieb selbst normal arbeitet?“ „Theoretisch ist eine Verschiebung der elektrischen Ladung in der interdimensionalen Schicht eine mögliche Ursache für die hier vorliegende Störung.“, antwortete der Rechner nach Konsultierung der eigenen Datenbank. „Benutze die interdimensionalen Sensoren, um zu eruieren, ob diese Art von Ladungsverschiebung vorliegt!“, befahl Diran. Dabei war er selbst sehr erstaunt über sich. Er, der sich eigentlich gerade mal für technisch begabt genug hielt, um sein eigenes Schiff mehr schlecht als recht zu warten, beschäftigte sich jetzt gerade mit interdimensionaler Physik! Wäre Techniker McKnight bei ihm gewesen, dann hätte er damit bestimmt kein Problem gehabt, aber sie war ja nicht da und somit musste er mit der Situation allein zurechtkommen. Er hatte nur die Angaben seines Schiffscomputers und mehr nicht. Es war an ihm allein, diesem die richtigen Fragen zu stellen und seine Antworten richtig zu interpretieren.

Wieder war etwas Zeit vergangen, die vom Rechner genutzt worden war, um Dirans Befehle auszuführen. „Laut Sensoren liegt eine Ladungsverschiebung um 5 % in den negativen Bereich vor.“, sagte der Rechner. „OK.“, sagte Diran und überlegte. „Jede Veränderung dieser Art dürfte die Schicht träge machen. Was ist also, wenn ich versuche, den Antrieb nur ganz langsam umzuschalten von normal auf interdimensional und wenn ich diese Zahl zugrunde lege? Mishar, Die Leistung des normalen Antriebs in 5-%-Schritten immer weiter zurückschrauben! Gleichzeitig die Leistung des interdimensionalen Antriebs um den gleichen Faktor erhöhen! Ab jetzt!“ „Befehl wird ausgeführt.“, sagte der Rechner und Diran bemerkte, wie sein Schiff langsam die gleichen Bewegungen zu vollführen begann, die er schon von ihr kannte, allerdings ging das um ein Vielfaches langsamer. Diran bemerkte allerdings auch zur eigenen Zufriedenheit, dass es sich anders und vor allem besser anfühlte, als die Versuche davor, bei denen er Angst haben musste, das Schiff würde ihm unter dem Hintern auseinander brechen. „Ja, das ist es.“, flüsterte Diran. „Sehr gut so! Komm!“

Er sah konzentriert auf die Instrumente. In dieser Situation sollte ihm nicht das Geringste entgehen, auf das er eventuell achten musste, um rechtzeitig eingreifen zu können, oder es sogar zu müssen. Deshalb befahl er dem Rechner auch gleich: „Mishar, Umstellen auf manuelle Steuerung!“

Im gleichen Augenblick empfing das Sprechgerät Mirdans fingierten Notruf: „Ich bin Mirdan Sohn der Inach und des Suran vom südlichen Salzsee im Dunklen Imperium. Der Mishar meines Schiffes sagt, der interdimensionale Antrieb ist kurz vor dem Durchbrennen, oder vielleicht ist es auch nur ein Relais! Ich bin noch Novize! Ich verstehe das nicht. Ich weiß nur, dass ich Hilfe brauche! Hört mich jemand?! Helft mir! Helft mir!“

Da bei einem Notruf alle Sprechgeräte in Reichweite angesprochen werden, nahm es nicht Wunder, dass auch das von Dirans Schiff auf den Ruf reagiert hatte. Sofort hatte der Mishar ihn über diesen Umstand informiert.

Gleich waren Dirans Instinkte auf Alarm gepolt. „Verbinde mich mit dem Notrufer!“, befahl er in Richtung des Rechners und dachte bei sich: Der arme Junge! Warum ist kein Fluglehrer bei ihm? Also, bei mir hätte es das nicht gegeben und schon gar nicht bei diesen äußeren Umständen!

Eine Anzeige im Display des Sprechgerätes zeigte Diran, dass die Verbindung zustande gekommen war. Jetzt hatte er die Möglichkeit zu einer Antwort, die er auch gleich nutzte: „Ich bin Diran Ed Sianach. Ich habe dich gehört, Mirdan. Zunächst möchte ich einmal, dass du dich beruhigst, sonst kannst du meinen Anweisungen wohl sehr schlecht Folge leisten.“ „Ich werde es versuchen, Ausbilder Diran.“, sagte der Novize und gab den Erleichterten. Dass er Diran so ansprach, war notwendig, weil ein Novize ja jeden erwachsenen Vendar als Ausbilder oder Ausbilderin ansprechen musste, wie ihr ja schon wisst. „Kannst du mich sehen?“, fragte Mirdan mit gespielter Angst, die er so gut darstellte, dass der gutmütige Diran nicht merkte, wie gespielt sie war.

Diran warf einen kurzen Blick auf den Bildschirm. Dort konnte er tatsächlich das Bild von Mirdans Schiff ausmachen, das inzwischen in Reichweite seiner Sensoren gekommen war. „Ich kann dich sehen.“, beruhigte Diran den Novizen. „Ich werde mein Schiff jetzt so drehen, dass es parallel zu deinem fliegt. Dann fliege ich so an deines heran, als würde ich bei dir docken wollen. Du bereitest alle Prozeduren dafür vor. Wenn unsere Schiffe an den Schleusen zusammenhängen, sind sie so nah beieinander, dass beide auf einem Antriebsfeld reiten können. Da dein Antrieb nicht mehr funktioniert, wirst du ihn sofort nach dem Docken abschalten! Dann suchen wir uns eine Dimension, die noch nicht so betroffen ist und dort unterhalten wir uns.“ „Also gut.“, sagte Mirdan.

Der ausgebildete Flieger brachte sein Schiff parallel zu dem des Novizen und rollte es dann seitwärts. Das hieß, dass er die elektronische Trimmung deaktivierte, um einzeln auf die Spulen zugreifen zu können. Dann legte er den Joystick für die Richtungsänderung nach links, was bedeutete, dass die linke Spule allein ein Feld aufbaute, was das Schiff nicht etwa drehte wie sonst, sondern es seitwärts vom Feld nach rechts schieben ließ, was nur möglich war, weil ja von links keine Gegensteuerung wie sonst bei aktiver elektronischer Trimmung erfolgte.

„Halt dich bereit!“, befahl Diran. „Ich bin gleich bei dir. So, aufgepasst, jetzt!“

Es gab ein Klicken und dann ein schmatzendes Geräusch, das vom erfolgreichen Docken kündete. Dann befahl Diran seinem Rechner: „Mishar, Zielanflug aussetzen! Neue Zieldimension: das Universum der Tindaraner!“ Er hoffte wahrscheinlich, dass es dort etwas ruhiger zuging, was ja auch der Fall war. Die Dimension war nämlich von allen Problemen noch am wenigsten betroffen.

Mirdan freute sich diebisch über den Umstand, dass der erste Teil seines Plans so gut geklappt hatte. Wenn es ihm gelang, Diran weiter den hilflosen Novizen vorzuspielen, wäre es ihm wohl auch ohne Toleas Bann möglich gewesen, ihm sämtliche Geheimnisse zu entlocken, so dachte er jedenfalls. Aber das, was er wissen wollte, würde er ja ohnehin bald erfahren.

Er beschloss also, sich bei Diran zu melden: „Hab Dank, Ausbilder Diran. Ohne dich hätte ich das hier sicher nicht überlebt!“ „Das kommt ganz darauf an, was du getan hättest.“, erklärte Diran. „Wenn du versucht hättest, auf Biegen und Brechen gegenzusteuern, dann hättest du dein Schiff zerstört und somit dein junges Leben vorzeitig beendet. Die Scherkräfte hätten ihre Hülle zerrissen und dann hättest du auch keine Überlebensgrundlage mehr gehabt. Im Weltraum gibt es bekanntlich ja keinen Sauerstoff und in der interdimensionalen Schicht auch nicht. Das Problem wäre nämlich gewesen, dass du noch nicht außer Phase warst, weil dein Schiff kein richtiges Feld aufbauen konnte, um euch in den interdimensionalen Modus zu versetzen. Hattest du das schon in der Flugschule?“ „Nein, das hatte ich noch nicht.“, gab Mirdan Unwissen vor. Er dachte sich wohl, dass er, würde er noch hilfloser erscheinen, Dirans Mitleid noch stärker auf sich ziehen könnte und dann würde der fremde Vendar bald auf gar nichts mehr achten. Der Novize war schon heilfroh, dass Diran keinen Verdacht geschöpft hatte, als er gesagt hatte, woher er gekommen war. Der südliche Salzsee war in Sytanias Gebiet. Das war eine Tatsache, die jedem Vendar, zumindest dann, wenn er auch im Dunklen Imperium beheimatet war, bekannt sein musste. Diran hatte vor der Rebellion der Vendar unter Joran ja auch Sytania gedient, war also auch dort zu Hause gewesen. Er hätte dies also durchaus wissen können und vielleicht sogar müssen. Aber irgendwie schien ihm die Tatsache völlig abgegangen zu sein. Das hatte nichts mit Toleas Bann zu tun, denn Mirdan hatte ihn ja noch nicht nach Informationen über die Pläne der anderen gefragt. Vielleicht wäre es besser gewesen, Diran hätte, wenn er geschaltet hätte, diesem ach so hilflosen Novizen seine Hilfe verweigert, denn er musste eigentlich in diesem Fall von einer Falle ausgehen, falls er nachgedacht hätte. Aber in diesem Fall hatte wohl sein Herz über seinen Verstand gesiegt und er hatte nichts mehr gewollt, als diesem armen Jungen zur Hilfe zu eilen.

Mirdan hatte das Gespräch wieder aufgenommen: „Ich würde gern mit dir über diverse fliegerische Feinheiten reden, Ausbilder Diran.“, sagte er. „Du scheinst da ja sehr kompetent zu sein. Vielleicht kannst du mir auch bei meinem technischen Problem helfen. Ich habe noch nie ein Schiff repariert.“ „Sicher können wir darüber reden und ich kann dir mit Sicherheit auch noch was zeigen, was das Fliegen und das Reparieren von Schiffen angeht. Warte, ich komme erst mal zu dir rüber und dann sehen wir uns die Sache mal gemeinsam an. Ich habe nämlich schon einen Verdacht.“ „OK, Ausbilder Diran.“, sagte der Novize erleichtert und beide beendeten die Sprechverbindung.

Diran deaktivierte den Antrieb seines Schiffes, setzte den Ankerstrahl und schulterte dann seine Tasche mit den Werkzeugen, die er immer bei sich hatte. Man konnte ja nie wissen. Dann ging er aus dem Cockpit in die hintere Kabine, von der die Schleuse, die nun zu Mirdans Schiff führte, abging und durchquerte sie.

Er fand sich bald darauf im völlig verstaubten hinteren Teil von Mirdans Schiff wieder. „Bei allen Göttern!“, rief er aus. „Hier hat wohl lange niemand mehr aufgeräumt.“

Sein Blick streifte eine Konsole, auf der er unter der dicken Staubschicht noch nicht einmal mehr den Bildschirm erkennen konnte. Er pustete ein paar Mal über das, was er am ehesten für den Schirm hielt. Dann wischte er den Staub beiseite. Zum Vorschein kam tatsächlich eine in seinen Augen fast schon altertümlich wirkende Tastatur. Darüber tatsächlich ein kleiner Monitor. „Was um aller Götter Willen ist denn das für eine Kiste?!“, erboste sich Diran. „Welchen Stümper muss der Kleine nur seinen Fluglehrer nennen?! Wie kann man ihn denn mit einem Schiff losschicken, das nur noch von Hoffnung und Spachtelmasse zusammengehalten wird? Und dann auch noch in so einer Umgebung?! Wer tut nur so etwas.“ Er schenkte dem Bildschirm noch einen verächtlichen Blick.

Die Tür zwischen Achterkabine und Cockpit hatte sich geöffnet und im fahlen Licht war Mirdan an Diran herangetreten. „Bist du es, Ausbilder?“, fragte er. „Ja, ich bin es.“, antwortete Diran. „Aber ich wäre schon zu dir gekommen. Du hättest mich nicht aufsuchen müssen.“ „Ich bin nur neugierig geworden.“, gab Mirdan zu. „Ich hatte dich hier fluchen hören. Jedenfalls habe ich deine Stimme vom SITCH erkannt.“ „Oh dann hast du ja ein sehr gutes Gedächtnis für Stimmen.“, sagte Diran und strich ihm lobend über die rechte Schulter. „Obwohl der SITCH eine Stimme unter manchen Umständen auch sehr verzerren kann.“ „Darauf habe ich nicht geachtet.“, sagte Mirdan. „Außerdem konntest es ja nur du sein. Wer sonst hätte denn von unserem Gespräch wissen sollen?“ „Es kann immer sein.“, sagte Diran. „Dass ein Feind deine hilflose Lage ausnutzt. Du solltest immer auf der Hut sein! Hat dir das dein Ausbilder nicht beigebracht? Na, das muss ja ein feiner Lehrer sein.“ Diran schaute verächtlich in den Raum.

Mirdan war in einem Zwiespalt. Ihm gefiel gar nicht, wie der Fremde über Telzan sprach. Über Telzan, auf den er doch so große Stücke hielt! Aber wenn ihre gemeinsame Falle zuschnappen sollte, dann durfte er auf keinen Fall erwähnen, wer sein Ausbilder war. Diran und er hatten noch immer kein Wort über die Pläne von Tolea und ihresgleichen gewechselt, also war Diran auch noch zu aufmerksam. Wenn Mirdan jetzt ein falsches Wort sagen würde, könnte es immer noch sein, dass Diran ihm seine Hilfe verweigerte und ihn unverrichteter Dinge allein ließ. Das durfte er auf keinen Fall riskieren! Die Befehle von Sytania und sein Auftrag von Telzan waren eindeutig. Er musste diese Situation irgendwie lösen und zwar so, dass Diran ihm auf jeden Fall noch immer helfen wollte. Je länger er ihn bei sich halten konnte, desto höher wurde die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann auf das Thema kommen würden. Deshalb sagte der Novize nur: „Mein Ausbilder ist schon sehr alt, Ausbilder Diran. Es ist möglich, dass er mich einfach vergessen hat.“ „Na, solange er nicht älter ist als dieses Schiff!“, scherzte Diran und grinste. „Das ist er sicher nicht.“, sagte der Novize und musste ebenfalls lachen.

„Wenn dein Ausbilder schon so alt ist, dass er dich einfach vergisst.“, schlussfolgerte Diran. „Dann verstehe ich nicht, warum euer Gebieter immer noch erlaubt, dass er Novizen ausbildet. Das ist doch viel zu gefährlich. Wem dient ihr, der so etwas zulassen kann, he?!“ „Wir dienen einem niederen imperianischen Adeligen, dessen oberster Vendar mein Ausbilder schon seit fast 200 Jahren ist.“, log Mirdan. „Er hat erst neulich unserem Gebieter gesagt, dass sein letzter Sifa-Zyklus angebrochen ist und die Wächterin ihn wohl bald ins Tembraâsh abholen wird. Aber das hat ihn nicht gekümmert. Er will wohl einfach nicht wahrhaben, was offensichtlich ist. Ich kann ja verstehen, dass er ihn gern als seinen Vertrauten behalten möchte, aber was nicht geht, das geht nicht. Er hat nicht genug Macht, um sich mit der Wächterin anzulegen. Das glaub du mir ruhig.“ „Ach, was für ein Schlendrian!“, seufzte Diran, dem diese herzzerreißende Story doch sehr nahe ging. „Aber dann ist es kein Wunder, dass du nichts lernst. „Aber jetzt hast du ja mich. Pass auf. Ich schaue mir das Problem erst einmal an.“

Diran zog einen Erfasser aus seiner Werkzeugtasche, die wie seine Uniform auch aus einem schwarzen juteartigen Stoff bestand. Nur war dieser durch ein Metallgerüst verstärkt, in das Fächer eingebaut waren, in denen seine Werkzeuge gut geordnet lagen. Dann wischte er mit seinem rechten Ärmel einen Diagnoseport frei und steckte das Anschlussmodul seines Erfassers hinein. Da das Gerät schon erkannt hatte, mit was es verbunden war, rief es automatisch ein entsprechendes Programm auf. „Na wenigstens sind sie kompatibel.“, stellte Diran erleichtert fest. Dann berührte sein rechter Zeigefinger ein Symbol auf dem Bildschirm des Erfassers, das ihn ein Programm starten ließ.

„Er schaut sich jetzt erst mal deine Systeme an.“, sagte Diran auf Mirdans fragenden Blick. „Verstehe.“, sagte der Novize.

Es dauerte nicht lange und ein Piepton kündete vom Auffinden eines Fehlers. Diran las sich das Display durch. Dann sagte er: „Ein Relais für den interdimensionalen Antrieb ist durchgebrannt.“

Er hielt Mirdan das Gerät hin. „Siehst du diese Graphik?“ fragte er dann. „Sie zeigt eins zu eins die Wand, in der sich das Relais befindet und seine genaue Position. Die Nummer dort ist der Zugangsschacht, den wir öffnen müssen.“

Entschlossen drehte sich Diran in die Richtung, in der er das Symbol für den Wartungsschacht an einer der Wände gesehen hatte. „Bitte warte, Ausbilder.“, bat Mirdan. „Ich bin sehr aufgeregt. Ich kann mir das bestimmt nicht so ohne weiteres merken. Können wir auf dein Schiff gehen und der Mishar deines Schiffes zeichnet auf, was du mir an einem intakten Gerät zeigst? Ich würde es dann allein versuchen zu reparieren. Dann hätte ich auch etwas, auf das ich, sollte so ein Fall noch einmal eintreten, zurückgreifen kann, wenn du mir eine Kopie der Datei überlässt. Außerdem kann ich dann noch was lernen.“ „Also gut.“, sagte Diran mild. „Merke dir das Symbol und komm mit.“ „Danke, Ausbilder.“, grinste Mirdan erleichtert und folgte Diran. Jenem Diran, der noch nicht ahnte, wohin ihn diese fatale Entscheidung bringen würde.

Sie durchquerten die Schleuse und fanden sich bald darauf an Bord von Dirans Schiff wieder. Sofort ging der Vendar mittleren Alters ins Cockpit und instruierte den Computer: „Mishar, alle Aktionen von jetzt an aufzeichnen, die an Bord dieses Schiffes stattfinden! Dann die Datei unter Diran 12 abspeichern und auf den Datenkristall in Laufwerk A ziehen!“ Derweil hatte er das Laufwerk mit einem leeren Kristall bestückt. „Befehl wird ausgeführt.“, antwortete der Rechner. Dann begann die Aufzeichnung.

Diran kehrte zu Mirdan, der inzwischen brav in der Achterkabine gewartet hatte, zurück. „So.“, sagte er. „Nun wollen wir uns mal um dein Problem kümmern. Schau dir mal bitte die Wand genau an, vor der du gerade stehst. Erkennst du irgendwo das Symbol vom Schirm meines Erfassers?“

Der Novize schaute sich die Wand von oben bis unten genau an. Ihm war klar, warum Diran nicht einfach auf das richtige Symbol gedeutet hatte. Er wollte ihm Hilfe zur Selbsthilfe zukommen lassen. Das hieß, dass er ihm nur so weit helfen wollte, wie es eben notwendig war, damit er die Reparatur selbstständig durchführen konnte. Diran war der Ansicht, dass es Mirdan ja wenig helfen würde, wenn er es für ihn täte. Wenn der Novize wieder in solch eine Situation käme, wüsste er ja deshalb noch lange nicht, was zu tun war. Von seinen Ausbildern konnte er das ja wohl nicht erwarten, das stand für Diran fest. Zumindest passte es zu der Story, die ihm Mirdan aufgetischt hatte und die er auch ungesehen geglaubt hatte. Es gab ja niemanden, der ihm das Gegenteil bewies.

Endlich schien Mirdan das Symbol gefunden zu haben und zeigte darauf. „Das hier war es, Ausbilder Diran! Da bin ich ganz sicher!“, sagte er mit freudiger Erregung in der Stimme. Diran lächelte, denn er wusste genau, dass ihm Mirdan tatsächlich das richtige Symbol gezeigt hatte. „Genau das ist es.“, sagte er und strich ihm erneut lobend über die Schulter. „Tippe jetzt bitte zweimal darauf.“ Mirdan nickte und führte Dirans Anweisung aus.

Sofort glitt eine kleine Klappe beiseite, hinter der Mirdan ein schier unübersichtliches Gewirr von Modulen wahrnahm. „Wie soll ich mich denn hier zurechtfinden, Ausbilder?!“, fragte er fast verzweifelt. „Zuerst einmal gar nicht.“, sagte Diran und zog ihn ein Stück von der Wand weg. „Ich werde dir erst nämlich erklären, was du hier eigentlich siehst. Das hier sind alle Leitungen, die etwas mit dem interdimensionalen Antrieb zu tun haben. Das durchgebrannte Relais wirst du daran erkennen, dass sein Sichtfenster dir den Blick auf sein schwarzes Inneres zeigt. Such dir mal eines dieser Module und schau es dir genau an!“ „OK.“, sagte Mirdan, ging wieder näher zur Wand und folgte Dirans Aufforderung. „Natürlich sind sie hier alle silbern.“, sagte Diran. „Aber auf deinem Schiff wird eines dabei sein, das schwarz ist. Dessen Riegel löst du und ziehst es heraus. Hast du schon ein Ersatzteil?“ „Ja.“, sagte Mirdan. „Da dieses Schiff schon alt ist, hat mein Ausbilder mir geraten, dass ich mir vor Antritt des Fluges die wichtigsten Teile replizieren soll. Dazu gehörte auch ein solches Relais.“ „Ach du meine Güte!“, entflog es Diran, der schon wieder einen Grund sah, sich über die angeblichen Zustände in Mirdans Heimat aufzuregen. Aber der an sich sehr besonnene Vendar wusste auch, dass dies nichts bringen würde und den armen ohnehin schon extrem verwirrten Jungen nur noch mehr ängstigen würde. Also beruhigte er sich wieder und sagte nur: „Na ja. Zumindest hat dein Ausbilder versucht, dich auf einige Eventualitäten vorzubereiten. Er hätte dir meiner Meinung nach aber ruhig zeigen sollen, wie du in so einem Fall vorgehen musst.“ „Da pflichte ich dir bei, Ausbilder Diran.“, sagte Mirdan. „Aber jetzt bist du ja da, um das nachzuholen. Ich bin den Göttern extrem dankbar, dass sie zugelassen haben, dass sich unsere Wege kreuzen.“ „So dramatisch musst du das auch nicht sehen.“, sagte Diran beruhigend und bescheiden. „Sagen wir, ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“

Diran war eine Zeile vom Bildschirm des Rechners auf Mirdans Schiff wieder durch den Kopf gegangen. Es war der Titel eines Programms, der darauf hinwies, dass die Software des Schiffes wohl auch lange nicht mehr aufgerüstet worden war. „Eines noch.“, sagte Diran. „Bevor du das Relais auswechselst, musst du den Rechner für den interdimensionalen Antrieb herunterfahren. Sonst nimmt dein altes System die Änderung nicht an. Es ist ohnehin sicherer für dich. Die Riegel sind zwar alle isoliert, so dass eigentlich nichts passieren kann, Aber bei so einer alten Kiste wie deinem Schiff sollte man lieber auf Nummer sicher gehen.“ „Also gut.“, sagte Mirdan. „Aber könntest du mir vielleicht zeigen, wie das geht? Ich habe …“ „Lass mich raten.“, stöhnte Diran. „Du hast auch das noch nicht gelernt. Was hat dir denn dein Ausbilder überhaupt über Schiffe beigebracht, bevor er dich losgeschickt hat? Und warum sitzt der jetzt nicht neben dir? Na ja. Es steht mir nicht zu, über deinen Lehrer zu urteilen. Aber wenn ich ihn in die Finger bekommen sollte, dann …!“ „Im Fliegen war ich ja schon ganz gut.“, sagte Mirdan. „Deshalb wollte er ja auch, dass ich allein starte. Das hier war mein erster Alleinflug. Oh ich habe meinen Lehrer sicher jetzt bitter enttäuscht!“ Er begann zu schluchzen. „Mach dir nichts draus.“, tröstete Diran, den Mirdan mit seiner Mitleidstour schon sehr um den Finger gewickelt hatte. „Das kriegen wir wieder hin. Fangen wir am besten erst einmal mit dem Rechner an. Hör mir jetzt genau zu!“

Er wandte sich dem Rechner seines Schiffes zu: Mishar, den Rechner für den interdimensionalen Antrieb herunterfahren!“ „Befehl wird ausgeführt.“, kam es sachlich und nüchtern vom Rechner zurück. Dann sahen die beiden Vendar auf dem Hauptschirm, wie das Symbol für den interdimensionalen Antrieb sich langsam verdunkelte und schließlich ganz verschwand. „So.“, sagte Diran. „Und jetzt tun wir, als hätten wir das Relais ausgewechselt. Mishar, den Rechner für den interdimensionalen Antrieb neu starten!“ Befehl wird ausgeführt.“, sagte der Rechner von Dirans Schiff. „Die Prozedur wird etwa eine Minute in Anspruch nehmen.“

Diran und Mirdan lehnten sich zurück, um dem Rechner beim Neustart zuzusehen. Auch das Symbol erhellte sich langsam wieder, bis es ganz zu sehen sein würde. „Ich denke, das könnte bei deinem alten Schiff alles etwas länger dauern.“, sagte Diran. „Aber da gibt es sowieso noch etwas, das ich dir mitgeben möchte. Du musst, wenn du einen interdimensionalen Flug absolvieren möchtest, den interdimensionalen Antrieb ganz langsam starten und den normalen Antrieb ebenso langsam zurückschrauben. Am besten in 5-%-Schritten. So habe ich es auch gemacht. Lass das am besten deinen Computer erledigen.“ „Wie kommt denn das?“, fragte Mirdan Unwissen vorgebend, der jetzt endlich eine Chance gekommen sah, Diran auf das eigentliche Thema zu lenken, wegen dem er die ganze Aktion überhaupt gestartet hatte. „Meine Gebieterin Tolea hat das Ende der Welten gesehen.“, sagte Diran, aber er war sich seiner Worte nicht wirklich bewusst. „Es kann sein, dass dies bereits Vorboten sind. Es gibt auch eine Weissagung von den Quellenwesen: Die Hydra der Eifersucht wird erwachen. Entfesseln wird sie des Krieges Drachen. Sodann werden alle Lande beben. Es wird viel Leid und Kummer geben. Doch Recken, die Kommen auf vielen Wegen, werfen sich tapfer dem Bösen entgegen. Wen das Schicksal sich wünschen will in diesem Stand, den wird es erwählen durch Kindeshand.“

Mirdan fühlte sich innerlich wie der Sieger eines schweren Kampfes. Er hatte erreicht, was er erreichen wollte. Da er Diran die gesamte Zeit über in die Augen gesehen hatte, als dieser die Weissagung rezitierte, wusste er, dass er tatsächlich unter dem Bann stand. Wenn du wüsstest, in welche Falle du soeben getappt bist!, dachte Mirdan und hatte große Mühe, sein Grinsen zu verbergen. Was er erfahren hatte, reichte ihm bereits. Damit würde er zu Sytania zurückkehren. Diese Weissagung, die Diran erwähnt hatte, durfte auf keinen Fall ihre Erfüllung finden, sonst waren ihre Pläne zunichte gemacht! Das wusste der Novize, der ja in Wahrheit viel schlauer war, als er sich jetzt gab.

Mirdan versuchte den Eindruck zu erwecken, als habe er es auf einmal sehr eilig. „Ich danke dir für deine Hilfe, Ausbilder Diran.“, sagte er und stand auf. Bitte lass mich jetzt wieder auf mein Schiff gehen und gib mir die Aufzeichnung. Die Reparatur schaffe ich jetzt auch allein, Aber du solltest, bevor du mir die Aufzeichnung gibst, sie dir noch einmal mit mir gemeinsam ansehen, damit wir auch nichts vergessen haben.“ „Also gut.“, sagte Diran und wendete sich an seinen Schiffscomputer: „Mishar, Aufzeichnung beenden, die Datei kopieren und sie noch einmal abspielen!“

Die Befehle wurden vom Computer ausgeführt. Ihre Ausführung allerdings machte Diran sehr blass und nachdenklich, ein Umstand, über den Mirdan aber lächelnd hinwegging. Jetzt offenbarte sich nämlich, was Diran gerade getan hatte. Ohne es zu wissen und zu wollen war er zum Verräter an seiner Herrin geworden, da er dem Feind Informationen gegeben hatte, die sie ihm im Vertrauen gab. Aber das war ja eigentlich ihr Fehler gewesen, weil sich Tolea, als sie Diran unter den Bann stellte, falsch ausgedrückt hatte. Aber das war ihm nicht bewusst, als er leichenblass und versteinert seinen Verrat zur Kenntnis nahm. Mirdan hatte nämlich so gesessen, dass Diran jetzt den Drudenfuß auf seiner Schulter in der Aufzeichnung sehr gut hatte erkennen können. Dafür hatte der Novize nur leicht seinen Kragen lüften müssen.

Mirdan nutzte die Lage seines Feindes jetzt schamlos aus. Er entnahm den Datenkristall, zog sein Sprechgerät und ließ sich von seinem Rechner auf sein Schiff zurückholen. Dann dockte er von Dirans Schiff ab und war in der interdimensionalen Schicht verschwunden.

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