Warum meine @deinbus Fahrt wohl eine Ausnahme bleibt

Ich kenne Fernbusfahrten aus meinen Türkeiurlauben. Dort ist der Fernbus sogar eher die bevorzugte Reisemethode. Zwar gibt es auch Bahnverbindungen, aber Zug bin ich da nie gefahren.

In jeder nur etwas größeren Stadt gibt es Fernbusbahnhöfe, die durchaus mit Bahnhöfen hier in Deutschland vergleichbar sind. Da gibt es Kiosks, Restaurants, Ticketschalter, und viele Bussteige, von denen die Busse abfahren. Auch Lautsprecherdurchsagen, wann welcher Bus von wo abfährt, hört man da viel.

Die Busse selbst sind dort teils wirklich luxuriös eingerichtet. Bequeme Sitze, Entertainment-System, Strom, teils auch WLAN, man fühlt sich wie in der 1. Klasse eines ICEs. So kann man eine 10-Stunden-Fahrt gut aushalten.

Wenn wir nach Türkei fliegen, landen wir oft in Istanbul oder Ankara. Von dort geht es dann 6 bis 10 Stunden mit dem Fernbus nach Malatia, oder Mersin. Wobei, nach Mersin dauert es viel länger… 🙂 Bedenkt man also die durchaus lange Zeit im Bus, muss einfach ein gewisses Maß an Komfort da sein. Natürlich wird oft Pause gemacht. Zum einen wegen der Lenkzeitpausen, zum anderen auch, weil man ja mal was essen muss oder sonst was…

Als nun auch in Deutschland die Fernbusse anfingen, loszulegen, hatte ich zwar gewisse Erwartungen, jedoch waren sie auch nicht allzu hoch. Den Luxus, den ich von türkischen Fernbussen kannte, habe ich selbstverständlich nicht erwartet. Dort fährt man länger, ist also mehr auf Komfort angewiesen, und dort ist auch der Konkurrenzkampf wesentlich stärker. Umso neugieriger war ich aber, zumal mich die Deutsche Bahn immer mehr und mehr verärgerte. Dauernde Verspätungen, ständige Preiserhöhungen ohne dass ich sehen könnte, wofür und die teils immer unfreundlicheren Mitarbeiter. Also dachte ich, probiere ich so einen Fernbus doch mal aus. So buchte ich von Marburg nach Köln-Deutz eine Fahrt mit deinbus.de. Und, mit 11 Euro war ich dabei! 🙂

Das erste, was mir positiv auffiel, man bekommt keinen Fahrschein. Muss also nix ausdrucken, und hat auch sonst keinen Papierkram. Der Busfahrer hat eine „Gästeliste“, und steht man drauf, fährt man mit. 🙂 Zwar ist das gewöhnungsbedürftig, weil ich bis zuletzt gehofft habe, dass genau hier keine Panne auftritt, aber eigentlich finde ich das Prinzip schon irgendwie cool. Man sagt seinen Namen, zeigt evtl. noch den Ausweis, fertig! Das kam mir extrem entgegen, weil ich zu Besuch war und keinen Drucker zur Verfügung hatte. Die Patronen im Drucker von Heike waren glaube ich auch alle. Bin mir aber nicht mehr sicher. Wie auch immer, über so was muss man sich hier keine Gedanken machen.

Die Bushaltestelle in Marburg liegt gegenüber der Aral-Tankstelle am Hauptbahnhof. Quasi unter der Autobahnbrücke. Die Position dieser und des Übergangs, wo ich die Straße überqueren muss hatte ich in meinem iPhone in der BlindSquare-App gespeichert. So kann ich mich per GPS zielgenau dort hinführen lassen, was auch hervorragend geklappt hat.

Man soll ja 15 Minuten vor Fahrtantritt am Bus sein. Also meiner fuhr um 12:00 Uhr, also musste ich um 11:45 spätestens da sein. Da es mit den Zügen nicht anders machbar war, war ich schon um 10:45 Uhr am Bahnhof, was mir ausreichend Zeit für ein zweites Frühstück lies. Und da dort momentan alles voller Baustellen ist, bin ich halt etwas früher gekommen, um nicht zu spät zu kommen. So um 11:30 Uhr war ich also an der Haltestelle, und der Bus kam tatsächlich eher so um 11:45 Uhr. Reisetasche einladen, Eintrag auf der „Gästeliste“ abhaken lassen, los geht’s.

Hier gibt es auch schon den ersten Kritikpunkt. Ich war noch nie in einem Bus von deinbus.de, so kenne ich mich als Blinder darin also nicht aus. Wo sind Stufen, wo packe ich meine Jacke hin, was sind das für Bedienelemente über meinem Kopf und derlei praktische Probleme. Zwar ließ die Freundlichkeit des Fahrers nix zu wünschen übrig, jedoch hätte ich mir etwas mehr Hilfe gewünscht. Zur Not hätte s, für Jackenablage, Bedienelemente und dergleichen, auch ein Infoband getan, was kurz vor Abfahrt abgespielt wird. Zum Beispiel kann ich die Flyer nicht lesen, weswegen ich nicht wusste, wie ich an die im Bus befindlichen Getränke komme, und was diese kosten. Auch das hätte mit einem Infoband erledigt werden können. Vielleicht passiert das ja noch. Sicherheitsinfos im Flugzeug kommen ja häufig auch aus der Konserve, könnte man hier auch machen.

Und dann kommt auch schon der zweite Kritikpunkt. Ich behaupte mal ganz frech, dass ich mit meinen 1,80 Metern und 78 Kilos nicht fett bin. Ich saß auf der linken Seite hinter dem Fahrer. Ich glaube, 3. oder 4. Reihe, ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls saß ich am Fenster und hatte mein Laptop auf dem Schoß. Und während der ganzen Fahrt hin habe ich überlegt, was, zum Teufel, ich mit meinem linken Arm anstellen soll. Es war dafür einfach kein Platz da. Zum Glück saß rechts von mir keiner, sonst hätte ich das gleiche Problem auch mit meinem rechten Arm gehabt. Nicht auszudenken, wenn da eine etwas voluminösere Person gesessen hätte… 🙁 Man hat zwar ordentlich Beinfreiheit und sogar was zum Abstellen der Füße, aber die Sitzbreite ist viel zu schmal.

Die Fahrt selbst war einfach nur gut. Man sitzt, von der Breite abgesehen, recht bequem, auch der Anschnallgurt stört nicht, es ist leise, und der Bus ist gut klimatisiert. Zu meiner Freude war fast durchgehend Internet vorhanden. Fast, weil ich nicht immer geguckt habe und nicht weiß, ob es hier und da mal abgerissen ist. Jedenfalls konnte ich mit Leichtigkeit meine RSS-Feeds lesen und twittern. Das WLAN ist offen und kostenlos. Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass es auch sehr schnell ist. Mich würde aus technischer Sicht interessieren, wie man hier ans Internet angebunden ist. Jedenfalls hat mir das gut gefallen, da ich die Reisezeit so gut und nützlich verbringen konnte.

Im Titel dieses Posts steht ja, dass die Fahrt wahrscheinlich eine Ausnahme bleiben wird. Und hier kommen auch die Punkte, warum:

Als wir kurz vor Köln-Deutz waren, schüttete es wie aus Eimern. Ich wusste, dass die Bushaltestelle um einiges vom Bahnhof entfernt ist, also fürchtete ich schon das Schlimmste. Als der Bus jedoch angehalten ist, kam zum Glück die Sonne raus. Gut, dachte ich, noch mal Glück gehabt! Dieses Gefühl hielt aber nicht lange. Also stand ich da mit Reisetasche in der Hand, Laptop-Tasche auf der Schulter und keine Ahnung, wo der verdammte Bahnhof jetzt ist. Macht nix, hab ja aufgeladenes iPhone und mehrere GPS-Apps. TomTom sagt mir, 1,2 Kilometer Fußweg. Wie jetzt? Mit der schweren Reisetasche und der Aussicht auf Regen soll ich 1,2 Kilometer laufen? Kein Nahverkehr, keine Unterstellmöglichkeiten, wenn es wieder zu Schütten angefangen hätte, wäre ich in den Hintern gekniffen gewesen! Zu allem Überfluss ist der Weg zum Bahnhof zwar relativ einfach, jedoch liegen mindestens 2 komplizierte Kreuzungen auf dem Weg. Die erste z. B. hat mehrere Übergänge mit Ampeln und Zebrastreifen, wobei keine Ampelanlage eine Blindenampel ist. Ich habe 10 Minuten nur damit verbracht, den Verkehrsfluss zu beobachten, um zu erkennen, wann ich Grün habe. Für Ortsunkundige Blinde ist das durchaus ein Problem, wobei ich mich eigentlich als sehr mobil einschätze und solche Dinge mich normalerweise nicht lange aufhalten. Wenn man aber schwer zu tragen hat und die Regenwolken sich über einem zu ballen beginnen, wird man hektisch und unvorsichtig. Das macht Stress. Wie auch immer, ich habe es ja geschafft. Aber der Bahnhof war deswegen immer noch nicht gefunden. Zwar gab TomTom relativ eindeutige Anweisungen, wie ich laufen sollte, aber irgendwie war die Abzweigung, von der TomTom sprach, nicht da, wo sie hätte sein sollen. Zum Glück habe ich einen netten Rentner gefunden, der mir bis zum Bahnhof geholfen hat. Au weia! Das hätte ich allein mit TomTom nie gefunden. Denn da ging es noch mal richtig kompliziert her!

Die Zugänglichkeit der Webseite von deinbus.de ist im Grunde gar nicht so schlecht. Aber am entscheidenden Punkt hakt es. Wenn man Start, Ziel und Datum eingeben will, öffnen sich Javascript-Popups, die ich weder mit dem Safari auf dem Mac noch mit Firefox bedienen konnte. Irgendwie, fragt mich nicht wie, habe ich es letztlich geschafft, hat aber gut und gerne 20 Minuten gedauert. Die Webseite war nämlich fast immer der Meinung, ich wolle in Maastricht einsteigen. In einer Mail habe ich dies an deinbus.de geschrieben und auch Möglichkeiten aufgezeigt, wie man dem beikommen könnte. Man bedauere es, aber da ja so wenig Blinde die Seite nutzen würden, sähe man jetzt keinen Handlungsbedarf. Öhm, büdde wie meinen?!

Wir sind auf einem technologischen Stand, und das nicht erst seit gestern, wo es möglich ist, jeder Gruppe diskriminierungsfrei Zugang zu Informationen und Diensten zu gewähren. Alles was nötig ist, ist ein wenig guter Wille und ein paar Tastendrücke. Wir haben hier ein klassisches Henne/Ei-Problem: Habt ihr eure Seite so programmiert, weil keine Blinden kommen, oder kommen keine Blinden, weil ihr eure Seite so programmiert habt? Seiten für Blinde zugänglich zu machen heißt nicht, auf klickybunti zu verzichten, das war mal in den 90ern so. Wenn man mal bei Google oder Twitter sucht, oder mal in entsprechenden Mailinglisten anfragt, werden sich eine Menge blinder Menschen finden, die PHP, Javascript und andere Programmiertechniken beherrschen. Viele davon werden sicher gerne helfen, diese Probleme zu lösen. Es sei denn natürlich, deinbus.de hat den Willen nicht und will die Tastendrücke nicht machen.

Um mal die Sprache zu benutzen, die ihr selbst auf eurer Webseite nutzt: Bedenkt man die Einfachheit, mit der das Problem beseitigt werden könnte, seid ihr euch wirklich und absolut sicher, dass nicht ihr die Turnbeutelvergesser seit? Die Zeit, die ihr investiert habt, um mir eine Mail zu schicken die fast wie blanker Hohn klingt, hättet ihr produktiver verbringen können. Aber was soll’s?

Und hier noch mal eine Reihe von knallharten Fakten, weswegen eine Fernbusfahrt für mich kaum noch in Frage kommt: Den Nahverkehr, in Städten als auch den auf der Schiene, nutze ich mit meinem Schwerbehindertenausweis kostenlos. Für den Fernverkehr habe ich eine Bahncard 50. Für die Fahrt von Neustadt bei Marburg bis Wuppertal zahle ich bei der Bahn nur 30 Euro. Und für den Bus? Finanziell nur 11 euro, aber was sonst noch dazu kam? Ich fahre also 25 Minuten mit dem DB-Nahverkehr, warte 1 Stunde am Bahnhof, fahre 2:50 Stunden mit dem Bus, laufe 1,2 Kilometer evtl. durch strömenden Regen zum Bahnhof, fahre noch mal 40 Minuten Nahverkehr bei der DB, und in diesem Fall sogar stehend, weil der Zug voll war. Die Seite ist nicht richtig zugänglich, man bietet telefonische Buchung an. Diese kostet normal aber 3 Euro, die man, laut der Mail, in diesem Falle weglassen könnte. Gut, geht aber nur Wochentags, wodurch ich also auch noch mit meiner Unabhängigkeit bezahle.

Mein Fazit: Zwar ist die Fahrt mit einem Fernbus gar nicht so übel, aber zum jetzigen Zeitpunkt würde ich das nicht empfehlen. Es sei denn, euer Start und euer Ziel erfordern keine umständlichen Weiterfahrten und ihr habt evtl. sehende Begleitung dabei. Wie gesagt, meine Ersparnis mit einem Fernbus sind zwar beträchtlich, aber die Nachteile überwiegen. Die Busunternehmen könnten, wo sie noch klein und flexibel sind, die Gelegenheit nutzen, auch die Schwerbehinderten, aber auch die älteren und andere Gruppen, zum Bus zu überreden. Dies geht aber nur, wenn Buchung und Fahrt für diese Gruppen nicht mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sind. Das hängt aber von den Unternehmen selbst ab. Vielleicht, wenn das Netz mal besser ausgebaut ist, und die Webseiten besser bedienbar werden, wäre das eine Alternative. Um deinbus.de mal die eigene Schlussformel in ihrer Mail zurückzuwerfen: Ich behalte euch im Hinterkopf… 🙂